Theaterträume

Im Herbst nach der Sommerpause wächst die Lust und die Vorfreude auf die neue Theaterspielzeit. Um die Zeit etwas zu verkürzen und sich auf den nächsten Theaterbesuch einzustimmen, ist Lili Grüns Roman „Zum Theater!“, der 1935 als Originalausgabe unter dem Namen „Loni in der Kleinstadt“ erschienen ist, die perfekte Lektüre.

Loni lebt in Wien und träumt von einer großen Theaterkarriere. Während sie in einem Hutgeschäft ihren Lebensunterhalt verdient, abends als Statistin arbeitet und Schauspielunterricht bei einem ihr wohlgesonnenen Professor nimmt, träumt sie von großen Rollen und einem Engagement an einem renommierten Theater.

Doch die Saison hat schon fast begonnen und mit dem Vorsprechen bzw. einer Anstellung hat es nicht geklappt. Sprichwörtlich in letzter Minute und wie es der Zufall will, begegnet sie bei einem Termin bei einem Agenten einem jungen, aufstrebenden Theaterdirektor. Zwischen den beiden stimmt die Chemie und es funkt sofort. Peter Spörr verguckt sich in Loni und verschafft ihr ein Engagement an seinem Theater und nimmt sie mit nach Mährisch-Niedau.

Aber wo um Himmels willen ist Mährisch-Niedau?
Von solchen Fragen lässt sich Loni nicht verunsichern, denn schließlich bekommt sie ihr erstes Engagement. Sie darf richtige Rollen spielen und entkommt ihrem ungeliebten Job als Modistin. Keine unpassenden Hüte mehr an reiche Damen verkaufen, keine Statistenrollen mehr – Loni zieht es hinaus in die Welt … oder eben nach Mährisch-Niedau.

Logiert wird im Hotel und die junge Liebe tröstet über so manches Übel hinweg. Loni lebt ihren Traum. Sie erlebt und überlebt anstrengende Proben, Lampenfieber, Eifersüchteleien und Affären zwischen den Ensemblemitgliedern.
Schnell wird klar, dass in der Theaterwelt hinter dem Vorhang nicht alles Gold ist, was glänzt und Loni wird teils schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Bretter, die die Welt bedeuten, können auch ganz schön hart sein. Und statt der ersehnten großen Rollen in den großen Dramen von Schiller oder Hauptmann, spielt sie bald zunehmend das junge, hübsche Mädel in „blöden Lustspielen“ (S.100) oder was sie selbst als „brauchbaren Kitsch“ (S.100) bezeichnet.

„Aber Sie haben mir nichts davon gesagt, daß es ‚brauchbaren Kitsch‘ geben muß, ‚daß die Leute abends lachen wollen‘ und daß der Herr Gemeindesekretär das Programm machen wird. Sie haben mir nichts davon gesagt, daß ich schöne Beine habe und daß ich im zweiten Akt, wenn ich ohnmächtig werde, von meinem Partner unbedingt so hinausgetragen werden muß, daß man meine Beine sieht…“

(S.103)

Auch mit ersten harschen Kritiken muss sie lernen umzugehen, sich mit schwierigen Kolleginnen und Kollegen arrangieren und sich viel in Textbücher vergraben, um in kurzer Zeit diverse Rollen einzustudieren.
Nicht selten klagt sie ihr Leid in Briefen an ihren geliebten Schauspiellehrer und Mentor in der Heimat und doch beißt sie sich durch, hat Erfolg und bekommt Applaus und Zuneigung des Publikums.
Doch auch die Saison in Mährisch-Niedau geht einmal zu Ende und was wird dann kommen?

„Das Leben ist: immer neue Rollen lernen müssen, die man zuerst nicht lieb hat, und die man doch liebgewinnen muß. Abend für Abend auf der Bühne stehen und immer mit zitternden Nerven kämpfen. Das Leben ist: manchmal ab 25. hungrig sein …“

(S.135)

Mir hat der frische, freche und lebendige Stil der Autorin sehr gefallen. Mit ihrer Art zu Erzählen hat sie mich sofort für sich eingenommen – das liest sich herrlich leichtfüßig und amüsant.
Man spürt, dass Lili Grün, die selbst als Schauspielerin und Kabarettistin gearbeitet hat, wusste, wovon sie schrieb. Die unstillbare Sehnsucht nach der Theaterkarriere, der Traum von großen, dramatischen Rollen und der Aufprall in der Realität, die sich doch oft ganz anders gestaltet: Das hat sie in „Zum Theater!“ wunderbar herausgearbeitet.

Für Theaterfans ist es ein wahres Vergnügen, einmal hinter die Kulissen des Theaterbetriebs eines kleinen Hauses mit begrenzten Möglichkeiten zu blicken.
Verknüpft mit einer Liebesgeschichte und in Kombination mit teils schrulligen, aber überwiegend sehr sympathischen Figuren, macht die Lektüre einfach Spaß und hebt die Laune wie ein schöner, unterhaltsamer Theaterabend.

In einem ausführlichen Nachwort der Herausgeberin Anke Heimberg erfährt man zudem dankenswerterweise auch mehr über die Lebensgeschichte der Autorin und ihre Werke. Die Jüdin Lili Grün, die 1904 in Wien geboren wurde und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet wurde, war selbst nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Schauspielerin. Sie gilt als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit und wurde häufig auch in einem Atemzug mit Irmgard Keun genannt. Ihr bekanntestes Werk ist wohl ihr Debütroman „Herz über Bord“ aus dem Jahr 1933, der mittlerweile ebenfalls bei AvivA als Neuausgabe mit dem Titel „Alles ist Jazz“ erschienen ist.

Buchinformation:
Lili Grün, Zum Theater!
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-932338-47-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lili Grüns „Zum Theater!“:

Für den Gaumen:
Durch die Lektüre habe ich ein wunderbares Wort kennengelernt: nachtmahlen. Herrlich, wenn man beim Lesen auch noch neue Worte entdecken darf.

„Was willst du nachtmahlen? (…) „Eierspeise mit Butterbrot“, sagte sie vergnügt.“

(S.76)

Zu einem Theaterbesuch:
Das Buch macht definitiv Lust auf einen Theaterbesuch und weckt die Fantasie, sich dabei vorzustellen, was hinter den Kulissen wohl alles so vor sich gehen mag. Vielleicht kann es ja auch den einen oder anderen Theatermuffel neugierig machen. Für leidenschaftliche Theaterverrückte wie mich ist es auf jeden Fall ein wunderbares Buch, um die Wartezeit zur ersten Aufführung der neuen Spielzeit zu überbrücken: Im Landestheater Niederbayern steht für mich bald die Boulevardkomödie „Boeing, Boeing“ von Marc Camoletti auf dem Plan – ich freue mich schon darauf.

Zum Weiterlesen (I):
Eine Rolle, die Loni intensiv studiert und nur allzu gerne auf einer großen Bühne vor Publikum spielen würde, ist das Hannele aus Gerhart Hauptmanns Drama „Hanneles Himmelfahrt“, das 1893 im königlichen Schauspielhaus Berlin uraufgeführt wurde. Heute ist das Stück nicht mehr häufig auf den Spielplänen zu finden und auch ich kenne das Stück über ein 14-jähriges Mädchen, das im Sterben liegt und Fieberträume hat, bisher nicht – gemäß der Inhaltsangabe ein schwerer, tragischer Stoff.

Gerhart Hauptmann, Hanneles Himmelfahrt
Henricus
ISBN: 978-3847843696

Zum Weiterlesen (II):
Für mich ist Lili Grüns erster Roman „Herz über Bord“ bzw. „Alles ist Jazz“ jetzt auf alle Fälle auf meine Wunschliste gewandert. Darin sucht die Wiener Schauspielerin Elli ihr Glück in Berlin und feiert schließlich Erfolge im Kabarett.

Lili Grün, Alles ist Jazz
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-949302-12-1

7 Kommentare zu „Theaterträume

      1. Vielen Dank, Barbara.
        Da fällt mir ein, in diesen Tagen hatte der gebürtige Landshuter Ludwig Feuerbach den 150. Todestag. Seine letzten Jahre hatte er am Rechenberg bei Nürnberg verbracht und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Friedhof Sankt Johannis begraben.
        Die Nürnberger Nachrichten hatten einen Artikel zum Gedenken. Gab es eine Erinnerung an Feuerbach bei Euch in Landshut?
        Verbindliche Grüße nach Landshut aus Nürnberg
        von Bernd

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      2. Ehrlich gesagt ist mir zu diesem Gedenktag dieses Mal nichts Besonderes aufgefallen. Bei Stadtführungen findet er in der Regel Erwähnung, aber von einem besonderen Gedenken diese Woche habe ich nichts mitbekommen. Was aber auch nicht unbedingt heißen muss, dass es nicht irgendetwas diesbezüglich gegeben hat, das mir gegebenenfalls entgangen ist. Herbstliche Wochenendgrüße!

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