Dame Denchs große Liebe

Was wäre diese Welt ohne Shakespeare?
Eine Frage, die wohl jeder Mensch anders beantworten wird. Für die große britische Schauspielerin Dame Judi Dench war und ist William Shakespeare nicht nur „Shakespeare. The Man who Pays the Rent“, der half die Miete zu bezahlen, sondern auch eine lebenslange Faszination, die sie nie losgelassen hat. Nur wenige standen wohl in so vielen großen Shakespeare-Rollen auf den wichtigsten Bühnen und vor der Kamera wie sie und sind so tief eingetaucht in diesen Kosmos Shakespeare.

Mit ihrem Schauspielkollegen und Theaterdirektor Brendan O’Hea hat sie sich in zahlreichen Interviews über all die Shakespeare-Rollen ihres Lebens ausgetauscht. Daraus entstanden ist ein wirklich außergewöhnliches Buch, das viel über Shakespeare, aber vor allem auch über Judi Dench und ihre Liebe zum Leben und zum Theater erzählt. Für mich eine grandiose Entdeckung, das sich schon nach wenigen Seiten zum absoluten Herzensbuch und literarischen Volltreffer entwickelt hat und über das ich daher unbedingt hier berichten möchte.

Vorab sei erwähnt, dass ich selbst schon seit Schulzeiten ein großer Shakespeare-Fan und daher sicher nicht unvoreingenommen an die Lektüre herangegangen bin. Von den 20 im Buch (von insgesamt 38) erwähnten Dramen habe ich mit Sicherheit schon etwa die Hälfte live in Theatern sehen dürfen, was natürlich hilft bei der Lektüre, aber keine zwingende Voraussetzung ist.

„We also spent our childhood surrounded by books and been taken to the theatre a lot. (…) Fantastic childhood. I feel very blessed because I was encouraged and given the opportunities to play. In order to be creative I think it’s important to hold on to that inner child and remain open to wonder.“

(S.51)

Judi Dench, die 1934 in Heworth/York geboren ist, gehört zu den ganz großen Shakespeare-Darstellerinnen unserer Zeit. Sie war Ensemblemitglied der Royal Shakespeare Company, spielte gemeinsam mit namhaften Kolleginnen und Kollegen auf allen wichtigen Shakespeare-Bühnen Großbritanniens von Stratford-upon-Aven bis zum Vic in London.

Im Buch spricht sie mit viel Humor und überbordender Leidenschaft über all ihre Rollen von Ophelia bis Cleopatra, von Hermia bis zu Titania, von Julia bis Lady Macbeth, um nur einige wenige zu nennen. In ihrem Leben hat sie nahezu alle großen Frauenrollen in Shakespeares Stücken verkörpert.
Doch nicht alle Stücke und Rollen sind ihr gleich stark ans Herz gewachsen. So sagt sie zum Beispiel über „Macbeth“ und ihren Part als Lady Macbeth:

„Love it. Beautifully constructed, terrific story, great part, good memories – I remember so much of it. Short, no interval, pub (Dirty Duck): heaven.“

(S.20)

Wohingegen sie „As you like it“ gar nicht so sehr mag:

„If I’m honest, I don’t much like the play. It all seems so silly, all that running about in the woods. I wouldn’t rush to see it. And yet audiences love it.“

(S.148)

Das Buch ist durchzogen von den regelmäßigen Kommentaren inmitten und am Ende ihrer Aussagen: „(Laughs.)“ Ja, es wird viel gelacht bei diesem Austausch über Rollen und Inszenierungen und man spürt die Freude an all den herausragenden Theatererlebnissen.
Viele Textpassagen kann sie selbst nach Jahrzehnten noch auswendig zitieren und sie beschreibt auch ihre große Faszination für Shakespeares Sprache.

Sie erzählt von langjährigen Weggefährten und KollegInnen, von ihrem Ehemann, ebenfalls Schauspieler, mit dem sie gemeinsam in Shakespeare-Produktionen auf der Bühne stand und der leider bereits 2001 einem Krebsleiden erlegen ist. Seinen Grabstein ziert ein Shakespeare-Zitat.

Und so webt sich in die Gespräche über Rollen und Theater bzw. zwischen allen Tragödien und Komödien auch Judi Denchs Lebensgeschichte hinein, ihre Kindheit und Karriere… so dass man auch viel über den Menschen Judi Dench erfährt.

Herzerfrischend sind auch ihre Schilderungen, was hinter den Kulissen passiert oder zahlreiche Anekdoten aus dem Theaterleben. Sie selbst kann herzhaft über all die Pleiten, Pech und Pannen lachen und so manches mal wünscht man sich, live dabei gewesen zu sein.

„I also love it when things go wrong on stage. If a scene change doesn’t happen, or somebody’s late for a cue or forgets a prop, it forces you to be alive to the moment and work around it. There’s magic to be mined in mistakes.“ (S.198)

Judi Dench hat das Buch höchstpersönlich mit Illustrationen ausgestattet, obwohl sie bereits seit einigen Jahren an einer ernsten Augenkrankheit leidet und immer schlechter sehen kann.

Da dieser Blogbeitrag – in dieser Kürze – nicht annähernd dem reichen, erfüllten und wunderbaren Leben und den Ausführungen Judi Denchs gerecht werden kann, kann ich nur allen Interessierten wärmstens ans Herz legen, diese selbst zu lesen. Theater- und Shakespeare-Fans werden dieses Buch lieben und Fans von Judi Dench, die sie bislang nur aus Filmen bzw. vielleicht als M in James Bond kennen, werden sie von einer anderen und großartigen Seite kennenlernen.

Schön, dass dieser reiche Schatz an Theatererfahrungen und Lebenserinnerungen für die Nachwelt festgehalten wurde, denn die Spielfreude sprüht und der Funke der Leidenschaft für Shakespeares Werk springt aus jeder Zeile auf die Leserschaft über.

Ich habe mir vorgenommen, das Buch, das ich im englischen Original gelesen habe, das es aber mittlerweile auch in deutscher Übersetzung gibt, ab sofort auch als kleines Nachschlagewerk zu verwenden und mir vor jedem nächsten Theaterbesuch eines Shakespeare-Stücks nochmal Judi Denchs Blick und Analyse des jeweiligen Werks durchzulesen und zu gönnen.

Sie und das Buch machen auf jeden Fall große Lust, Shakespeares Werke zu lesen, zu sehen und immer wieder neu zu entdecken oder wie sie es so schön im Zitat zu Beginn des Beitrags sagte: „remain open to wonder“ – für Wunder offen zu bleiben.

„All I ever wanted to do was play Shakespeare, nothing else. It was a kind of Zenith for me. And Shakespeare at the Vic? Where I used to go and sit up in the gods. Knowing all the performances I’d seen, knowing all the actors throughout history who had been on that stage… that was beyond my wildest dreams.“

(S.109)

Buchinformation:
Judi Dench (with Brendan O’Hea),
Shakespeare. The Man who Pays the Rent
Penguin Books
ISBN: 978-1-405-95642-0

oder in der deutschen Fassung:
Judi Dench/Brendan O’Hea, Shakespeare. Der Mann, der die Miete zahlt
Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-176-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Judi Denchs „Shakespeare. The Man who Pays the Rent“:

Für den Gaumen:
Auch während man hinter der Bühne auf den nächsten Auftritt wartet, kann man kulinarischen Gelüsten frönen. So geschehen wohl während einer Aufführung von „Antony and Cleopatra“, als es plötzlich – nachdem die Pause zwischen Kolleginnen immer durch das Aufzählen von Lieblingsspeisen überbrückt wurde – dann wirklich „lobster and champagne“ (S.239) gab.

Für einen Theaterbesuch:
Grundsätzlich lässt sich die Faszination Shakespeare am besten live im Theater erleben und verstehen. Daher kann ich alle nur ermutigen: geht ins Theater und schaut Shakespeare, wenn sich die Möglichkeit bietet!
Ich freue mich schon sehr, dass es bei den diesjährigen Burgenfestspielen des Landestheater Niederbayern wieder Shakespeare zu sehen geben wird: „Hamlet“ vor der historischen Stadtmauer im Landshuter Prantlgarten wird bestimmt ein Erlebnis!

Zum Weiterklicken:
Judi Dench spielte an den wichtigsten und renommiertesten Shakespeare-Bühnen Großbritanniens – dazu zählt The old Vic in London – hier geht es zur Homepage des legendären Theaters. Leider habe ich es selbst bisher noch nicht in eine Vorstellung dort geschafft… aber ein Traum wäre es schon.

Zum Weiterschauen:
Shakespeare in love“ zählt tatsächlich zu den Filmen, die ich (voller Begeisterung) im Kino gesehen habe. 1999 erhielt Judi Dench für ihre Rolle im Film den Oscar für die beste Nebendarstellerin.

Zum Weiterlesen (I) oder für einen Kinobesuch:
Aus aktuellem Anlass bzw. angesichts des Kinostarts am 22. Januar 2026 ist „Hamnet“ gerade in aller Munde. Vor einigen Jahren habe ich Maggie O’Farrells großartigen Roman Judith und Hamnet“ hier auf dem Blog vorgestellt, der dieser Verfilmung zu Grunde liegt. Da ich den Roman wirklich geliebt habe, fürchte ich, dass ich mit der Verfilmung (bisher habe ich nur Ausschnitte gesehen) vermutlich nicht warm werde.

Maggie O’Farrell, Judith und Hamnet
übersetzt von: Anne-Kristin Mittag
Piper
ISBN: 978-3-492-07036-2

Zum Weiterlesen (II):
Während der Pandemie hatte sich Judi Dench vorgenommen, jeden Tag eines von Shakespeares Sonetten auswendig zu lernen – zwar hat sie das nicht ganz geschafft, aber es lohnt sich auf jeden Fall diese zu lesen:

Shakespeare, Die Sonette (Zweisprachige Ausgabe)
Deutsch von Christa Schuenke
dtv
ISBN: 978-3423124911

4 Kommentare zu „Dame Denchs große Liebe

    1. Mich haben die Ausschnitte, die ich bisher gesehen habe, auch nicht überzeugt. Da behalte ich lieber das Buch im Kopf, das ich wirklich sehr mochte. Dir auch ein feines, restliches Wochenende und herzliche Grüße!

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  1. Dame Judi ist eine wunderbare Schauspielerin und ich liebe es, ihr zuzuhören, wenn sie über ihre Karriere und ihr Leben erzählt, daher vielen Dank für diesen Buchtipp!

    Das Old Vic ist übrigens ein tolles Theater mit einer ganz besoneren Stimmung. Falls Du mal in London bist, unbedingt besuchen, das lohnt sich immer, egal, was gerade gespielt wird.

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    1. Sehr, sehr gerne!
      Bei diesem Buch war es mir auch wirklich ein besonderes Anliegen, das hier auf dem Blog zu teilen. Und ja das Old Vic kommt auf jeden Fall mal auf die (Löffel-)Liste 😉
      Viele Grüße und ein schönes Wochenende!

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