Sunshine, Swing and Smile

Nach einem Theaterabend beglückt, beschwingt, innerlich hüpfend, tänzelnd und summend aus dem Theater schweben, das durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben bei einer bezaubernden Vorstellung von „Me and my girl“ von Noel Gay. Quasi Wolke Sieben für Theaterfreunde, Musicalliebhaber und Fans der Musik bzw. des Swings der Dreißiger Jahre. Fetzige Stepptanz-Nummern, eingängige Melodien, traumhafte Kostüme und opulente Ausstattung… wie man unschwer merkt: ich war und bin immer noch hin und weg.

„Me and my girl“ hat eine äußerst ungewöhnliche Aufführungsgeschichte:
Entstanden in den Dreißiger Jahren und uraufgeführt 1937 im Victoria Palace Theatre in London, wurde es schnell zu einem der erfolgreichsten britischen Musicals der damaligen Zeit. Unglaubliche 1646 Vorstellungen – auch noch während des zweiten Weltkriegs – und teils sogar mit royalem Publikum: King George VI. besuchte mit seiner Frau Elizabeth alias Queen Mum das Stück wohl mehrfach.

Doch nach 1952 geriet das Stück in Vergessenheit und war lange nicht mehr auf den Bühnen präsent. Dies führte sogar dazu, dass das Original-Buch mit den Dialogen unwiederbringlich verschwand – es gilt bis heute als verschollen. Als in den Achtziger Jahren Richard Armitage, der Sohn Noel Gays, das Stück wieder zur Aufführung bringen wollte, musste es komplett rekonstruiert werden, was unter anderem mit Hilfe eines alten BBC-Rundfunkmitschnitts und der Erinnerungen der ersten Darstellerin der Sally gelang. Für die Zwischentexte, Gags und die Rekonstruktion des Buchs zeichnete kein geringerer als Stephen Fry verantwortlich, der vielen Lesern vielleicht unter anderem durch seine humorvollen Werke „Mythos“ oder „Helden“ bekannt ist. Und so erlebte das Musical ab 1985 seine Renaissance und wurde erneut zu einem Riesenerfolg im Londoner Westend und auch auf dem Broadway.

Doch um was geht es in dem Stück?
So mancher wird sich ein wenig an „My Fair Lady“ erinnert fühlen – doch das Musical kam erst 20 Jahre nach „Me and my girl“ auf die Bühne: Ein junger Mann aus dem Londoner Stadtteil Lambeth – einem Arbeiterviertel – wird von einem Anwalt als Erbe des Earl von Hareford ausfindig gemacht. Er spricht derbes Cockney (im britischen sogar den berühmt berüchtigten und für Aussenstehende schwer verständlichen Cockney Rhyme – die Landshuter Inszenierung wählte den guten alten Kalauer als „deutsche Entsprechung“), d.h. er kalauert nahezu non-stop vor sich hin und passt so gar nicht in die britische Adelsklasse. Da ist einiges an Erziehung seitens der Verwandtschaft – unter anderem der gestrengen Tante Maria – von Nöten, um ihn für seine zukünftige Aufgabe als Earl tauglich zu machen.

Als diese ihm aber auch noch sein geliebtes „Girl“ Sally ausreden möchte, geht ihm das Ganze zu weit. Kurz und gut: eine Komödie, die mit britischen Klassenunterschieden spielt und immer wieder zu witzigen und lustigen Begegnungen führt. Denn auch Cousin und Cousine hätten es auf das Erbe abgesehen und verfolgen ihre eigene Agenda.

Das absolute Glanzlicht ist die Musik, neben der die Handlung im Grunde fast nebensächlich wird und die einen einfach mitreißen muss, weil sie mit einer enormen Dichte an großartigen Nummern aufwartet, die allesamt sofort ins Ohr und in die Beine gehen.
Am berühmtesten ist wohl das Finale des ersten Akts geworden, der legendäre „Lambeth Walk“, bei dem Sally und Bill den anfangs steifen, noblen Gästen ihren ganz eigenen Tanzstil beibringen – „ev’rything free and easy“.

Doch auch bei den Stücken „The Sun Has Got His Hat On“, „Leaning On A Lamppost“ und „Me And My Girl“ handelt es sich um Melodien, die sich nachhaltig ins Gedächtnis einprägen und die man noch in den Tagen danach gut gelaunt vor sich hinsummt.
Eine richtige Rarität bzw. Musical-Perle, die Stefan Tilch hier ausgegraben und mit seinem Ensemble in einer aufwändigen und opulenten Inszenierung auf die Bühne gezaubert hat.

Verstärkt durch Cornelia Mooswalder als Sally Smith und Jan Bastel als Bill Snibson in den Hauptrollen, die ein spritziges und herzerfrischendes Traumpaar bilden, das gesanglich, schauspielerisch und tänzerisch perfekt harmoniert, sind sämtliche Partien hervorragend besetzt.
Reinhild Buchmayer, die sich im verführerischen Marilyn Monroe-Look als Lady Jaqueline naiv die Seele aus dem Leib flirtet, um den reichen Erben zu becircen, spielt ihre Rolle ebenso überzeugend wie Peter Tilch den zynisch-grummeligen, aber liebevollen Onkel Sir John Tremayne oder Daniel Preis den hilflos schrulligen Gerald, der an einer seltenen Metaphern-Krankheit leidet, die immer wieder mit Tropfen behandelt werden muss, damit er nicht ständig vor sich hinfaselt. Henrike Henoch gibt eine resolute Herzogin Maria und Miroslav Stričević einen komödiantischen, leichtfüßigen Familienanwalt.

Auch Chor und Statisterie sind bei den großen Ensemble-Nummern stimmlich und tänzerisch gut aufgelegt und haben sichtlich Spaß, der mit Sicherheit zu einem großen Teil auch auf die fröhliche und gewitzte Choreografie der Tanzeinlagen von Sunny Prasch zurückzuführen ist. Da wird geswingt, gesteppt und getanzt, was das Zeug hält, so dass auch das Publikum sich am liebsten gleich mitbewegen möchte.

Die musikalische Leitung ist bei GMD Basil H.E. Coleman in bewährten, souveränen Händen, der sich selbst sogar eine Einlage als Barpianist auf der Bühne gönnt und auch während und nach der Applausordnung noch mit einer musikalischen Zugabe dem begeisterten Publikum ein weiteres Zuckerl und Geschenk bereitet hat.

Eine Produktion, in der ganz viel Liebe steckt: Liebe zum Detail, Liebe zur Musik, Liebe zum Tanz – Liebe zum Publikum, dem man in schweren Zeiten einen schönen und freudigen Theaterabend schenken will.

Intendant Stefan Tilch, der das niederbayerische Publikum immer wieder aufs Neue mit unvergesslichen Musicalproduktionen begeistert und selbst Regie geführt hat, ist hier erneut ein Glücksgriff gelungen.
Interessant auch, dass er selbst das Stück in den Achtzigern Jahren als Schüler auf einer Klassenfahrt nach London – mit Emma Thompson in der Hauptrolle – kennen und lieben gelernt hat. Jetzt teilt er viele Jahre später seine Faszination für dieses Werk, das nur selten gespielt wird, auch mit seinem Publikum. Der Funke ist definitiv übergesprungen.

Grandioses Musicaltheater mit einer Prise Nostalgie, die den TheaterbesucherInnen zweieinhalb Stunden feinste Unterhaltung und wunderbare Musik schenkt, so dass man die Alltagssorgen einfach mal für kurze Zeit vergessen kann. Edelster Eskapismus, der gerade besonders wertvoll ist und einem ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubert, das lange anhält:

„Here’s a little trick,
Whenever things get a little bit thick
Just you take it on the chin,
Put on a little grin and smile, smile!“

(aus dem Song „Take It On the Chin“; Lyrics: L.Arthur Rose und Douglas Furber)

Gesehen am 29. Mai 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Me and my girl“ ist in dieser und als Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos und einen kurzen Videotrailer der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Me and my girl“:

Für den Gaumen:
Die Hauptfiguren haben alle ihr Päckchen zu tragen, so leidet Gerald zum Beispiel an einer Metaphern-Diarrhö (steht so im Programmheft – ehrlich!) und sucht sich seine sprachlichen Bilder gerne im kulinarischen Milieu: und da geht es natürlich very british zu: Yorkshire Pudding, Mince pie, Shortbread bis hinzu Bio-Cranberry-Trüffel auf Ham and Eggs

Zum Weiterhören und zum Weiterklicken:
Auf YouTube gibt es unter anderem eine Aufnahme des „Lambeth Walk“ aus der 1986er Produktion mit Robert Lindsay zu sehen. Wer einfach mal reinhören und reinschauen will, kann das hier tun. Aber Achtung: Ohrwurmgefahr!

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Me and my girl“ steht eher selten auf deutschen Spielplänen und ist daher wirklich ein Geheimtip: Aktuell gibt es jedoch auch noch eine weitere Inszenierung an der musikalischen Komödie in Leipzig zu sehen.

Aprilbowle 2022 – Eustasiusschnee und Feuerzauber

Der April begrüßte uns tatsächlich noch einmal mit Schnee – am 2. April – dem Namenstag des heiligen Eustasius, der lange Zeit als Gründer des bayerischen Kloster Weltenburg angesehen wurde, was mittlerweile jedoch als widerlegt gilt – hatten wir tatsächlich noch einmal eine weiße Winterlandschaft.
Im Laufe des Monats konnten wir dann jedoch den Frühling begrüßen: Osterglocken, Tulpen und Vergissmeinnicht lachen fröhlich aus den Gärten und in den Parks… und heben die Laune in nach wie vor düsteren Zeiten.

Einen fantastischen Feuerzauber durfte ich endlich – mit zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung – im Landestheater Niederbayern erleben, denn die Ring-Produktion konnte mit „Die Walküre“ fortgesetzt werden. Eine extrem kurzweilige und sehr unterhaltsame Inszenierung, Musik zum Schwelgen und ein spielfreudiges, gut aufgelegtes Ensemble machten den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Und auch vom Landshuter Schauspielensemble gab es die Premiere einer großartigen Produktion zu feiern mit einem Schauspiel von Thomas Jonigk nach Stefan Zweig’s Roman „Ungeduld des Herzens“, das als Studiostück in der intimen Atmosphäre des Landshuter Salzstadls besonders intensiv zur Geltung kam.

Neu für mich entdeckt habe ich diesen Monat den ZEIT Wochenend-Podcast „Und was machst du am Wochenende?“ und ich habe zwei Folgen gehört, die mir gut gefallen haben: und zwar die mit Axel Hacke, dessen Buch „Ein Haus für viele Sommer“ ich diesen Monat gelesen habe und das ich geliebt habe (mehr dazu später im Text und hier auf der Bowle) und die mit Ulrich Wickert, den ich sowohl als Journalist, aber auch als Krimiautor schätze (da er gerade einen weiteren Krimi fertiggestellt hat, darf ich mich hier wohl auch bald auf Neues aus seiner Feder freuen).

Der Lesemonat April war so vielfältig wie das Wetter draußen vor dem Fenster:
Von Lyrik, über Krimis und Reiseliteratur bis hin zu außergewöhnlichen und feinen Romanen war alles dabei und auch die Schauplätze haben mich erneut weit herumkommen lassen: ein Wallfahrtsort am Niederrhein, die Gaspésie-Halbinsel in Kanada, Helsinki, Hamburg, Sardinien, Montagnola im Tessin, die Insel Elba, französische Klöster, München und New York – all das in einem Monat, das kann nur Literatur. Wer gerne einmal sehen möchte, wohin mich meine bisherigen Kulturbowle-Lektüren schon geführt haben, kann jederzeit mal hier nach sehen: „Die Welt erlesen“.

Wundervolle und geradezu meditative Momente bescherte mir gleich zum Monatsbeginn der feine Lyrikband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ von Christine Langer: Ästhetische und sinnliche Gedichte, die erden und zur Ruhe kommen lassen – für mich die ideale Poesie für die Zeit zwischen Tag und Nacht.

Bernadette Schoog’s Roman „Marie kommt heim“ beschreibt die Rückkehr einer Frau in einen niederrheinischen Wallfahrtsort, dem sie vor vielen Jahren aufgrund der Enge den Rücken gekehrt hatte, um dort die Mutter beim Sterben zu begleiten, zu der sie nicht immer das beste Verhältnis hatte: eine Reise in die Vergangenheit und zu den familiären Wurzeln, die so manche, unerwartete Überraschung und Erkenntnis bereithält. Intelligent, fein beobachtet und sehr schön zu lesen.

Ging es in Schoog’s Buch um Mütter und Töchter, so könnte man durchaus eine Parallele zu Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“ sehen, das unter anderem auch eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Aber als Kriminalroman, der auf der kanadischen Gaspésie-Halbinsel spielt und als zweiter Fall von Sergeant Morales erneut vor allem von der intensiven, maritimen Atmosphäre lebt, hatte diese Lektüre doch letztlich einen völlig anderen Charakter.

Absolut außergewöhnlich und in jeder Hinsicht sehr besonders war der Roman „Der Schildkrötenpanzer“ des finnischen Autors Mooses Mentula. Eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit, in der die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen und so mancher totgeglaubte Erfolgsautor wieder zu neuem Leben erwacht. Ein schräg-skurriles literarisches Roadmovie aus Finnland!

Auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schickte mich dann auch Hartmut Höhne’s Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“, welcher die Sülzenunruhen in Hamburg 1919 als historischen Rahmen gewählt hat. Ein lehrreicher, für mich informativer und auch unterhaltsamer historischer Krimi, der ein spannendes Kapitel der Hamburger Stadtgeschichte wieder zum Leben erweckt.

Weiterhin in Krimilaune – doch in wärmeren, südlicheren Gefilden – durfte ich dann mit den nächsten beiden Büchern schwelgen:
Der mit großer Spannung erwartete zweite Fall von Gesuino Némus’ Sardinien-Krimireihe „Süße Versuchung“ schenkte mir sonnige und kurzweilige Lesestunden im kleinen Örtchen Telévras, das ich schon aus „Die Theologie des Wildschweins“ kannte. Durch den Zeitsprung in die Gegenwart – der erste Teil spielte im Sommer 1969 – und die neuen Figuren hat dieser Band einen anderen Charakter als der erste Teil und ist doch auf seine Art ebenfalls wieder etwas Besonderes – ein extravagantes, charmantes, sardisches Krimivergnügen!

Eine neue Ermittlerin und den Auftakt zu einer neuen Regio-Krimireihe im schönen Tessin durfte ich mit Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“ kennenlernen. Sympathische, intellektuelle Figuren, eine urige, sonnige und authentische Urlaubsatmosphäre in dem Tessiner Ort, der lange Hermann Hesse’s Wahlheimat war, literarische und kulinarische Anspielungen – für mich ein ideales Sommerbuch für einen Abend auf Balkon oder Terrasse – auch wenn ich ihn temperatur- und witterungsbedingt noch auf der Couch gelesen habe.

Die Italiensehnsucht und das Fernweh hat mich dann endgültig gepackt, als ich das wunderbare neue Buch von Axel Hacke „Ein Haus für viele Sommer“ gelesen habe, in dem er sein Ferienhaus auf der Insel Elba, aber vor allem auch seine Begegnungen mit den Menschen dort, beschreibt. Ein zauberhaftes, lichtdurchflutetes, fröhliches Buch, das glücklich macht und mit Sicherheit einer meiner Lesehöhepunkte in diesem Jahr sein wird. (Eine ausführliche Rezension wird folgen.)

Wer nach etwas Ruhe in unruhigen Zeiten sucht, kann sich – wie ich es diesen Monat getan habe – in die Obhut der Reiseliteratur von Patrick Leigh Fermor begeben: in seinem schmalen Band „Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern“, beschrieb er 1957 seine Erfahrungen, die er bei mehreren Aufenthalten als Gast in (vorwiegend) französischen Klöstern (u.a. einem Trappistenkloster) gemacht hat. Sprachlich sehr schön und besinnlich, so dass man auch als LeserIn die Welt um sich für die Zeit der Lektüre eine Weile vergessen kann.

Die letzten zwei Bücher des Monats standen ganz im Zeichen zweier besonderer Frauenfiguren:
Katharina Adler’s Roman „Iglhaut“, der im Mittelpunkt eine stachlige, eigenwillige Frau hat, die in einem Münchner Hinterhof eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt und dort neben ihren eigenen Problemen auch die Sorgen, Nöte und unterschiedlichsten Lebensumstände der anderen Mieter des Hauses hautnah mitbekommt. Ein buntes Kaleidoskop an Erzählsträngen und Figuren, ein facettenreiches Spiegelbild unserer Gesellschaft mit einem ganz eigenen, besonderen Charme.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich und besonders ist auch Tante Mame, der Star in Patrick Dennis’ Roman „Darling – Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955, der jetzt durch eine Neuauflage ein Revival für deutschsprachige Leser erfahren könnte. Ein lustiger, humorvoller Roman über eine gewitzte Lebenskünstlerin und Lebedame aus New York, die ihren Neffen und Ziehsohn mehr als einmal in die Bredouille bringt. Ich werde Euch diese spannende Dame bald näher vorstellen.

Was bringt der Mai?
Dieser Monat steht bei mir im Zeichen von kulturellen Nachholterminen und ich hoffe sehr, dass jetzt alles klappt:
Ein Stück im „Kleinen Theater“ bzw. den Landshuter Kammerspielen – „Die Geierwally“ als Ein-Personen-Stück mit Barbara Kratz unter der Regie von Diana Anders.
Nach zweimaliger Verschiebung finden nun hoffentlich endlich auch die ursprünglich für 2020 geplanten 20. Landshuter Hofmusiktage – ein europäisches Festival alter Musik – statt, das dieses Mal unter dem Motto „Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen“ steht.
Am Landestheater Niederbayern hoffe ich im zweiten Anlauf auf die heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“, die wegen Erkrankungen im Ensemble vom März auf Mai verlegt werden musste.

Und auch einen Film habe ich mir wieder notiert: Am Sonntag, den 22. Mai 2022 zeigt ARTE um 20.15 Uhr „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ – ein Thriller nach wahren Begebenheiten und mit einer Dokumentation im Anschluss.

Das heißt der Mai hat kulturell einiges zu bieten und vielleicht kann auch die „Draußen-Lese-Saison“ endlich eröffnet werden. Denn lektüretechnisch freue ich mich jetzt verstärkt auf sommerliche Literatur und habe schon viel Schönes zum Schmökern bereitgelegt.

Ich wünsche allen einen kulturell und literarisch abwechslungsreichen, wunderbaren, gesunden, freundlichen und friedlichen Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight April:
Es ist Bärlauch-Zeit! Eine schöne Zubereitungsmöglichkeit sind Bärlauch-Käsespätzle – die bringen Farbe auf den Teller und schmecken wunderbar. Einfach bei der Zubereitung des Spätzleteigs den Bärlauch hinzufügen und pürieren.

Musikalisches im April:
Es gibt ein wunderbares Musikstück des Herbert Pixner Projekts, das mich auch zur Überschrift meiner Aprilbowle (bzw. dem Eustasiusschnee) inspiriert hat und zwar „Antoni Schnee“ – stimmungsvoll zauberhafte Musik aus den Alpen und nur eines der vielen großartigen Stücke dieser Formation.

Leise zieht durch mein Gemüt

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied.
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

(Heinrich Heine)

Februarbowle 2022 – Frühlingsboten und Alltagsfluchten

Zu Beginn des Monats hoffte man auf länger werdende Tage und die ersten Frühlingsboten. Doch der Februar war nicht nur stürmisch, sondern je heller die Tage wurden und je mehr Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem Boden spitzten, um so dunkler und bedrückender wurde es leider.
Trost, Zuflucht und Ablenkung suchte ich bei Theaterbesuchen und in Büchern – kleine Alltagsfluchten und etwas Eskapismus waren ebenso Teil des Februars.

Die große Bandbreite, die Theater und Schauspiel bieten kann, durfte ich mit zwei großartigen Stücken am Landestheater Niederbayern erfahren.
Vom sehr ernsten, schwermütigen, eindrucksvollen und unter die Haut gehenden Fassbinder-Stück „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ mit einem grandiosen Joachim Vollrath in der Hauptrolle der Elvira zur luftig-leichten Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“, die mir zwei Stunden Lachen und gute Laune bescherte. Theaterabende wie sie unterschiedlicher kaum sein können und genau das macht aus meiner Sicht die Faszination aus.

Einen guten Film habe ich auch gesehen im Februar:
Akte Grüninger“ (2014), der noch bis zum 04.03.22 in der 3Sat-Mediathek zur Verfügung steht. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film, wie Im Jahr 1938 der Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland zur Flucht in die Schweiz verhalf, indem er ihre Einreisevisa vordatierte.

Doch Bücher spielten definitiv wieder die größere Rolle und für den kürzesten Monat des Jahres war mein Lesepensum dieses Jahr mit zwölf Büchern ziemlich erstaunlich.
Gleich zu Beginn des Monats konnte ich eine wirkliche Krimiperle und eine für mich neue Autorin entdecken, die mich sehr begeistert hat: Josephine Tey und ihren Kriminalroman „Nur der Mond war Zeuge“. Faszinierend wie ein Krimi aus dem Jahr 1948, der schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat, nichts an Spannung eingebüßt hat.

In seinem autobiografischen Werk „Am Ende der Via Condotti“ beschreibt der Ungar Sándor Lénárd, wie er als jüdischer Flüchtling 1938 aus Wien nach Rom kam und sich dort ein völlig neues Leben aufbaute, die Sprache lernte, die Stadt und die Menschen kennenlernte. Zugleich beobachtet er mit scharfem Blick, wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet. Ein Buch, das mich bewegt und berührt hat – und mich zugleich ein paar Stunden in die ewige Stadt entführen konnte.

Von Rom nach Berlin: Maxim Leo’s neuer Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ erzählt, wie schnell aus einer kleinen Unwahrheit ein großes Lügengebäude entstehen kann. Ein Hochstaplerroman, der mit viel Augenzwinkern und einer gehörigen Prise satirischem Witz eine deutsch-deutsche Geschichte 30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt.

Hochspannend und packend war Hartmut Palmer’s Roman „Verrat am Rhein“, der vom gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 handelt. Interessante Hintergründe aus der Feder eines langjährigen, erfahrenen politischen Journalisten über gekaufte Stimmen, Geheimdienste und Spionage verwoben mit einer fiktiven Familiengeschichte – fesselnde Literatur über ein bislang literarisch wenig behandeltes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Etwas mehr erhofft hatte ich mir persönlich von Tim Finch’s Roman „Friedensgespräche“. Ein erfahrener Diplomat, der auf die Vermittlung bei Friedensverhandlungen spezialisiert ist, sinniert bei einem Einsatz in einem abgeschiedenen Hotel in verschneiten Bergen über Musik, Literatur, das Leben und die Liebe. Er trauert um seine vor kurzem verstorbene Frau und so bekommt der Titel eine besondere Doppeldeutigkeit, denn er sucht nicht nur nach einem Weg zum Frieden zwischen den verfeindeten Delegationen, sondern auch nach seinem persönlichen, inneren Frieden. Neben schönen, poetischen Szenen finden sich auch einige Abschnitte, die auf mich eher befremdlich wirkten – so war für mich das Werk über die Trauerarbeit und das Hadern der Hauptfigur, nicht gemeinsam mit seiner Frau alt werden zu dürfen, letztlich leider nicht ganz rund.
Eine ausführliche Rezension gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Ein absolut beeindruckendes und außergewöhnliches Debüt durfte ich mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ lesen. Wahrlich keine leichte Kost über zwei junge Männer in Süditalien, die in armseligen Verhältnissen und ohne jede Zukunftsperspektive leben. Eine herzzerreißende Geschichte über zwei Brüder, die es nie gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen und die sich in einem Strudel von Armut, Gewalt und Kriminalität verlieren.

Sybille Bedford war eine Reisende und sie war eine wahre Europäerin: in ihrem autobiografischen Werk „Treibsand“ erzählt sie über ihr Leben zwischen Sanary-sur-Mer, Rom, Paris, London und Neapel und ihre Liebe zu Kunst, Kultur, gutem Essen und Literatur. Sie war Zeitgenossin und unter anderem befreundet mit Aldous und Maria Huxley, Klaus und Erika Mann – sie führte ein schillerndes Leben als Journalistin und Schriftstellerin, das viel Erzählstoff bietet.

Eine schöne Überraschung war Gianna Milani’s Krimi „Commissario Tasso auf dünnem Eis“, den ich bei Mona’s Krimiliteraturquiz auf ihrem Blog „Tintenhain“ gewonnen habe. Glück bei der Verlosung und viel Freude bei der Lektüre dieses charmanten Südtirol-Krimis, der in den Sechzigern spielt und ebenfalls eine herrliche Alltagsflucht in die verschneite italienische Bergwelt bietet – was will man mehr?

Mit Amanda Cross’ „Die letzte Analyse“ konnte ich einen weiteren Krimiklassiker entdecken, der gerade eine Renaissance erlebt. Die Literaturprofessorin Kate Fansler schlittert eher zufällig in ihren ersten Fall, als eine ihrer Studentinnen auf der Couch des Psychoanalytikers ermordet wird, den sie ihr persönlich empfohlen hat. Ein Kriminalfall im New Yorker Intellektuellenmilieu aus dem Jahr 1964. Unterhaltsam!
Es gibt bereits sehr schöne Besprechungen bei Anna auf buchpost, bei Leseschatz, Letteratura oder literaturleuchtet, die einen ausführlichen Einblick geben.

Eine weitere Zeitreise – allerdings ins Wien der Fünfziger Jahre – schenkte mir Elisabeth de Waal’s Buch „Donnerstags bei Kanakis“. Atmosphärisch dicht wird erzählt, wie ein jüdischer Wissenschaftler aus der Emigration in den USA in seine alte Heimat Wien zurückkehrt. Doch schnell wird klar, dass er sein altes Leben nicht zurückbekommt – zu viel hat sich zwischenzeitlich verändert. Und auch die junge Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln Marie-Theres wird im Nachkriegsösterreich nicht glücklich. Ein authentisches Zeit- und Sittengemälde!

Dass er auch schon vor zehn Jahren ein grandioser Geschichtenerzähler war, konnte ich bei der Lektüre von Ewald Arenz’ Roman „Das Diamantenmädchen“ aus dem Jahr 2011 feststellen. Ein funkelndes Schmuckstück aus dem glitzernden Berlin der Zwanziger Jahre mit sympathischen Figuren, das ich regelrecht verschlungen habe – hier möchte ich bald noch ausführlicher berichten.

Und last, but not least ein Werk aus Frankreich: Louise De Vilmorin „Belles amours“. Der Roman aus dem Jahr 1954 über eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit ausdrucksstarken, feinen Charakterzeichnungen in einer Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky – ein ästhetischer, intelligenter Lesegenuss – auch hierzu gibt es sehr bald einen ausführlichen Beitrag.

Was bringt der März?
Im Landestheater Niederbayern freue ich mich ganz besonders auf die Premiere des Musicals „Me and my girl“ (Musik von Noel Gay). Schon das erste Reinhören in ein paar Songs und auch die Werkeinführung war sehr vielversprechend und so hoffe ich auf einen unterhaltsamen, fröhlichen Theaterabend, der mit wunderbarer Musik aus den 30er Jahren hoffentlich die Sorgen für ein paar Stunden vergessen und die Seele tanzen lässt.

Die Bayerische Staatsoper bietet voraussichtlich am Sonntag, den 06.03.22 um 18.00 Uhr auf Staatsoper TV einen Videolivestream aus dem Münchner Nationaltheater von Benjamin Britten’s „Peter Grimes“ in einer Neuinszenierung von Stefan Herheim an. Die Titelrolle singt Stuart Skelton und Rachel Willis-Sørensen ist als Ellen Orford zu sehen.

Für Opernfans könnte aber auch die Ausstrahlung der „Aida“ aus der Dresdner Semperoper auf ARTE am 13.03.22 um 16.25 Uhr ein besonderer Höhepunkt im März werden. Die Inszenierung ist von niemand geringerem als Katharina Thalbach und der von mir sehr geschätzte Georg Zeppenfeld gibt sein Rollendebüt als Ramfis. In den Hauptrollen sind Francesco Meli und Krassimira Stoyanova zu erleben.

Neugierig bin ich auch auf den Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“, der am 18.03.2022 um 20.15 Uhr auf ARTE und am 21.03.22 um 20.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt wird. Edgar Selge spielt Erich Honecker und es geht um die zehn Wochen im Jahr 1990, in welcher Honecker und seine Frau beim evangelischen Pastor Uwe Holmer Zuflucht fanden.

Mein Bücherstapel – oder wohl besser meine Bücherstapel – bieten noch reichlich Stoff für etwas Eskapismus und weitere Alltagsfluchten bzw. literarische Reisen im März, von welchen ich auch weiterhin berichten möchte.

Hoffen wir also das Beste und ich wünsche allen einen guten, gesunden Start in den Frühling und den März! Passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:

Die kulinarische Neuentdeckung des Monats habe ich Nanni und ihrem Blog „Helden der Vorzeit“ zu verdanken: Es gab zum ersten Mal Tartiflette – allerdings eine vegetarische Variante ohne Speck: Kartoffeln, Zwiebeln, Weißwein und Reblochon, ein wenig würzen und ab in den Ofen… und relativ schnell hat man eine wunderbare, wohlige und würzige Mahlzeit.

Musikalisches im Februar:
Ein emotionaler, musikalischer Moment war in diesem Jahr erneut (wie auch schon in 2021) der Song „Halt mer zam“ der A-cappella-Band Viva Voce bei der Fastnacht in Franken im Bayerischen Fernsehen. Ein Stück, das auch nach einem Jahr nichts an Aktualität und musikalischer Qualität verloren hat.

„Ich mag die Bibliothek sehr und bin stolz darauf, dass ich unter Millionen Büchern stets den gesuchten Band finde. Ein wenig ist das so wie das Spiel auf einer Riesenorgel oder als ob jemand in einer Millionenstadt nach der für ihn bestimmten Frau sucht – Bücher haben ein Schicksal, so wie ihre Leser auch: Alles hängt davon ab, ob und wann sie sich begegnen.“

(aus Sándor Lénárd’s „Am Ende der Via Condotti“, S.290)

Lügen, Lachen – Gute-Laune-Theater

Gerade im Moment können wir alle dringend eine Portion gute Laune gebrauchen und was gibt es Schöneres als bei einem Theaterbesuch einmal für zwei Stunden alle Alltagssorgen zu vergessen und einfach mal wieder herzhaft lachen zu können. Im Landestheater Niederbayern hat man hier aktuell mit der temporeichen Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster Dinner“ von Marc Camoletti in der Bearbeitung von Michael Niavarani gerade eine wunderbare Gelegenheit dazu.

Laut Wikipedia wird unter einem Boulevardstück „heute zumeist eine Art Schwank verstanden, in dem die Mechanik der Dramaturgie mit steten Überraschungen und Verwechslungen wichtiger ist, als eine genaue Zeichnung der Figuren oder ein „literarischer Gehalt“. Bevorzugtes Thema ist der Gegensatz von standesgemäßem Äußeren und unstandesgemäßen (Liebes-)Affären. (…) Das Boulevardstück verspottet Unzulänglichkeiten aus dem täglichen Leben (…) und ist geprägt von Wortwitz und Situationskomik.“

Und genau diese Elemente bekommt man auch in diesem Stück auf erstklassige Weise geboten.

Die Wiege der Bezeichnung „Boulevardstück“ liegt in Frankreich – im Pariser Theaterviertel Boulevard de Temple – und auch der ursprüngliche Autor des Stücks Marc Camoletti (in der Schweiz geboren) ist ein französischer Bühnenautor und in Paris aufgewachsen. Bekannt wurde er vor allem durch sein berühmtestes Stück „Boeing-Boeing“. Der österreichische Kabarettist Michael Niavarani hat Camoletti’s Stück „Madame, es ist angerichtet“ bearbeitet und zu der Fassung „Das (perfekte) Desaster Dinner“ weiterentwickelt, die jetzt auch im Landestheater Niederbayern zu sehen ist.

Worum geht’s?
Die Ehefrau möchte ihre Mutter besuchen, d.h. ist somit aus dem Weg und das winterlich verschneite Wochenend-Chalet bietet das ideale romantische Liebesnest für ein heimliches Rendezvous mit der jungen Geliebten, die auch noch Geburtstag hat. Der beste Freund wird als Alibi eingeladen und auch das professionelle Catering ist bestellt. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Denn nicht nur der Ehemann hat seine kleinen amourösen Geheimnisse und schon bald entspinnt sich ein komplexes Lügengeflecht, welches die geistige Flexibilität und das schauspielerische Talent aller Beteiligten zunehmend fordert.
Spritzig, perlend und pointiert – da geht es Schlag auf Schlag, eine Lüge jagt die nächste und wie es sich für eine gute Boulevardkomödie gehört, wird die Lage immer verworrener und turbulenter.

Den Midlife-Crisis geplagten, fremdgehenden Ehemann spielt Julian Niedermeier mit der erforderlichen Portion Selbstironie und genau dem hektischen Aktionismus, den die Rolle erfordert. Denn schließlich hat er jede Menge zu verbergen und nachdem das Lügenkonstrukt sich immer mehr verselbstständigt, hat er schon ordentlich zu wirbeln, um das immer löchriger werdende Lügengeflecht stets neu zu flicken.

Ella Schulz gibt eine herrlich scharfzüngige und schnippische Ehefrau, die mit großen Emotionen und einem ebenso ausgeprägten Hang zur Hinterlist selbst ihren gehörigen Beitrag zum immer bunter werdenden Bühnenschlamassel leistet.

Julian Ricker spielt den gutmütigen, auf charmante Weise unbeholfenen Freund des Gastgebers, dem das Lügen sichtlich schwer fällt und doch hat auch er so manches Geheimnis zu verschleiern.

Mit bunter Dreadlocks-Perücke, schrägem Outfit und einem phänomenalen Geschäftssinn ausgestattet schlägt die komödiantische Stunde für Friederike Baldin als Köchin, Model, Schauspielerin, Geliebte und … und … und … – es ist eine Freude, ihr als Susi zuzusehen. Denn es ist witzig, wenn die hemdsärmlige, zupackende Köchin ihre ganze Wandlungsfähigkeit und Flexibilität unter Beweis stellen muss.

Die luxusverwöhnte Model-Geliebte, welche sich ihren Geburtstag ganz anders vorgestellt hatte, wird verkörpert durch Larissa Sophia Farr, die überzeugend das Klischee der leicht arrogant-hochnäsigen, überspannten Zicke verkörpert.

Den kürzesten Auftritt hat Lukas Franke als eifersüchtiger, tapsiger und etwas einfältiger Susi-Ehemann Schorschi, bei dem schnell mal der berüchtigte „Watschenbaum“ umzufallen droht.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Dorothee Schumacher und Lutz Kemper machen Spaß und unterstreichen farblich und mit liebevollen, kleinen Special Effects den lustigen Charakter des Stücks ohne jedoch den eigentlichen Stars des Abends – den Schauspielern auf der Bühne – die Schau zu stehlen.
Denn schauspielerisch ist da höchste Konzentration gefordert, aber die sechs Akteure auf der Bühne strahlen eine solche Leichtigkeit und Spielfreude aus, dass sich die gute Stimmung sofort aufs Publikum überträgt.

Es ist schwer, leichte Komödien zu spielen, aber in der temporeichen, frischen Inszenierung von Veronika Wolff gelingt das dem Landshuter Schauspielensemble ganz wunderbar. Das Tempo stimmt, die Pointen sitzen und das Premierenpublikum geht mit, lacht von Herzen und belohnt den fröhlichen, amüsanten Theaterabend mit lange anhaltendem Applaus.

Eine gut gelaunte Alltagsflucht, die einen mit einem breiten Lächeln aus dem Theater gehen lässt und einfach nur gut tut. Denn Lachen ist bekanntlich gesund.

„Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen können; wenn die Mittel es bei Vernünftigen zu erregen nur so leicht bei der Hand wären, und der Witz oder die Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht ebenso selten wären (…)“

(Immanuel Kant aus „Kritik der Urteilskraft“)

In diesem Sinne schließe ich mich gerne Immanuel Kant an:
Bleibt hoffnungsfroh, schlaft gut und unterstützt die Kulturszene: sucht euch eine schöne Komödie, geht ins Theater und lacht wieder einmal von Herzen!

Gesehen am 18. Februar 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Das (perfekte) Desaster Dinner“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Das (perfekte) Desaster Dinner“:

Für den Gaumen:
Das (perfekte) Desaster Dinner soll eigentlich ein Menü aus thailändischen Gerichten sein – dafür wird sogar extra ein Cateringservice bestellt. Doch das Essen wird ganz schnell zur Nebensache, da helfen dann auch ein paar „Schnäpselein“ nicht mehr, um die kulinarischen und amourösen Turbulenzen hinunter zu spülen.

Zum Weiterhören:
Dem Stück habe ich zwei lang anhaltende Ohrwürmer zu verdanken: Die 80er Jahre Hits „Da, Da, Da“ von Trio (1981) und die Solo-Nummer des Trio Frontmann’s Stephan Remmler „Vogel der Nacht“ (1986) klingen bei mir auch noch lange im Kopf, nachdem ich das Theater verlassen habe.

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Die Version mit Michael Niavarani in der Hauptrolle, die 2011 und 2012 bei den Festspielen Berndorf aufgeführt wurde, war schon im ORF zu sehen und ist auch als DVD erhältlich.
Allerdings geht nichts über das Live-Erlebnis im Theater.

Aktuell im Landestheater Niederbayern in Landshut, Passau und Straubing – aktuelle Termine findet man auf der Website des Landestheaters Niederbayern.

Zu sehen gibt es das Stück in anderen Inszenierungen jedoch auch vom 24. März 2022 – 14. Mai 2022 in der Komödie Düsseldorf (Steinstraße) oder in dieser Spielzeit auch im Oststadt Theater in Mannheim.

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Theaterglück mit griechischem Chor

Aktuell ist die Kulturbowle – aufgrund der Schließung von Theatern und kulturellen Einrichtungen – fast ausschließlich eine „Bücherbowle“. Aber ich dachte mir, dass ich jetzt nach einigen Wochen des „Lockdown light“ die Durststrecke der theaterlosen Zeit mit einem Rückblick auf einen sehr schönen Theaterabend vielleicht ein wenig verkürzen kann. Denn Ende Oktober – zwei Tage bevor die Theater wieder geschlossen werden mussten – durfte ich noch eine sehr schöne und amüsante Premiere von Woody Allen’s Komödie „Geliebte Aphrodite“ (in der Bearbeitung für die Bühne von Jürgen Fischer) im Landestheater Niederbayern erleben.

Lenny and Amanda – New Yorker Intellektuelle – sind verheiratet und bisher kinderlos glücklich, doch plötzlich wünscht sich Amanda ein Kind. Jedoch hat die aufstrebende Galeristin keine Zeit für eine zeit- und kräfteraubende Schwangerschaft, daher beschließt sie, ein Kind zu adoptieren. Sie setzt das Vorhaben kurzerhand in die Tat um ohne groß Lenny’s Zustimmung abzuwarten, der sich anfangs nicht mit dem Gedanken anfreunden kann.

Doch der kleine Max entpuppt sich als Sonnenschein und wahres Wunderkind. Die außergewöhnliche geistige Begabung des Jungen weckt in Lenny den Wunsch, mehr über die leiblichen Eltern seines Adoptivsohns in Erfahrung zu bringen. Er beginnt zu recherchieren – die Suche nach dem Vater endet schnell, weil dieser bereits verstorben ist – aber bei der Mutter gelingt es ihm, diese aufzuspüren.

Um so mehr schockiert es ihn, als er feststellt, dass diese als Pornodarstellerin und Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdient und ihr Bildungsniveau gemäß seinen Ansprüchen deutlich zu wünschen übrig lässt. Lenny setzt sich in den Kopf, Linda Ash – die leibliche Mutter seines Sohnes – wieder auf den Pfad der Tugend zu führen und ihr einen geeigneten Mann zu suchen, der sie glücklich macht, so dass er sich als Kuppler versucht – zahlreiche Verwicklungen natürlich inbegriffen.

Ergänzt wird die Handlung durch Figuren der griechischen Mythologie – wie unter anderem Kassandra (herrlich komödiantisch dargestellt durch Friederike Baldin), dem blinden Seher Teiresias (Joachim Vollrath) oder Ödipus (Stefan Sieh), um nur einige zu nennen. Doch vor allem wird die Bühnenhandlung stets begleitet, moderiert und kommentiert durch den Chorleiter und einen griechischen Chor angelehnt an die Tradition der griechischen Tragödie.

„Geliebte Aphrodite“ ist eine subtile Komödie, die durchaus auch mit leiseren, gefühlvollen Szenen aufwartet – kein Schenkelklopfer, der einem die Lachtränen in die Augen treibt, sondern vielmehr ein liebevolles, amüsantes und kurzweiliges Schauspiel, das durchaus ernste Themen in witzige und tiefgründige Situationen verpackt. Und zugleich doch auch ein Stück, das mit einiger Ironie und scharfzüngigem Witz viel Charme versprüht und dem Publikum gute Laune bereitet.

Diese Filmvorlage Woody Allen’s scheint gerade durch den Kunstgriff des griechischen Chors und der Kommentierung des Geschehens durch Chorleiter und Chor ohnehin wie gemacht für die Bühne und auch das Bühnenbild dieser Inszenierung mit den Säulen, hinter welchen die Chormitglieder Stellung beziehen und mit Masken spielen, verstärken die Parallelen zum griechischen Schauspiel. Das ist geschickt gelöst und bietet zugleich den nötigen Corona-Abstand zwischen den Schauspielern, ohne dass dies gekünstelt oder aufgesetzt wirkt. Sowohl Regisseurin Veronika Wolff als auch Ausstatterin Beate Kornatowska haben hier das richtige Händchen für diesen Komödienstoff bewiesen und eine rundum stimmige Inszenierung auf die Bühne gezaubert.

Jochen Decker spielt einen sehr liebenswürdig neurotischen, zerknautschten und wuseligen Lenny Weinrib – eine tolle Rolle, in der er viele Register seiner Schauspielkunst ziehen kann. So gibt er einen sehr sympathischen, verklemmt-verwirrten Intellektuellen, dem man gerne zusieht und dem die Herzen der Zuschauer zufliegen – eine perfekte Besetzung.

Großartig fand ich persönlich Olaf Schürmann als herrlich verschmitzten, humorvollen und allwissenden Chorführer, der im Hintergrund stets die Geschicke und das Schicksal Lenny’s lenkt und versucht, ihn unbeschadet durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu steuern. Das ist mit viel Augenzwinkern und wunderbarer Leichtigkeit gespielt, die einem als Zuschauer gute Laune pur bereitet, was man in diesen Zeiten ja auch wirklich mal gebrauchen kann. Seine Tanzszene am Ende des Stücks zaubert allen ein Lächeln ins Gesicht.

Ella Schulz schlüpft in die Rolle der rotzig-trotzigen Prostituierten und Pornodarstellerin Linda Ash, die davon träumt, eine große Schauspielerin zu werden. Sie verkörpert anfangs mit ihrer lauten, ordinären Art den klaren Kontrast zur feinsinnig-intellektuellen Kunsthändlerin Amanda – hervorragend gespielt von Katharina Elisabeth Kram.

Das Stück erfordert durch zahlreiche Nebenrollen und den Chor, der stets kommentiert und begleitet, ein großes Aufgebot und so kommt fast das ganze Landshuter Ensemble zum Einsatz.
Es hat große Freude gemacht, die wunderbare und gelungene Gesamtleistung der Schauspieler/innen und die Spielfreude erleben zu können und so verlässt man das Theater beglückt. Durch die amüsante und witzige Komödie ist man gut gelaunt, aber doch auch traurig in dem Wissen, dass jetzt wieder pausiert werden muss und dies für längere Zeit wieder der letzte schöne Theaterabend gewesen sein wird. Das Premierenpublikum war begeistert, der Applaus lang und anhaltend und jeder wünscht sich, bald wieder in den Genuss von Live-Theater kommen zu dürfen.

Gesehen am 30. Oktober 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

Wenn es die Coronasituation zulässt, ist „Geliebte Aphrodite“ hoffentlich in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Geliebte Aphrodite“:

Für den Gaumen:
In der Landshuter Inszenierung führen Lenny und Amanda zu Beginn ein Gespräch über Kinder mit einem befreundeten Ehepaar in einer italienischen Trattoria und sprechen dort ordentlich dem Rotwein zu. Daher war es naheliegend, den Theaterabend auch zu Hause bei einem schönen Glas Merlot ausklingen zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Vorlage für das Stück ist selbstverständlich Woody Allen’s Film „Geliebte Aphrodite“ aus dem Jahre 1995, in welchem er neben Drehbuch und Regie auch die Hauptrolle des Lenny selbst übernahm. Mira Sorvino erhielt für die Darstellung der Linda den Oscar als beste Nebendarstellerin. Ich gestehe, dass ich den Film bisher nicht gesehen habe – was aber wohl dem Theatergenuss sogar zuträglich war, da man dann nicht ständig Vergleiche anstellt. Sollte sich jetzt aber mal die Gelegenheit bieten, werde ich mir den Film gerne mal ansehen.

Zum Weiterlesen oder Weiterschauen:
Der griechische Chor und der Seher Teiresias erinnern natürlich sofort an die griechische Tragödie und Sophokles‘ „Antigone“, die ich in der Spielzeit 17/18 am Landshuter Theater sehen konnte. Wer Lust hat, sich mal wieder einem Klassiker zu widmen und festzustellen, wie zeitlos auch Stoffe aus dem Jahre 442 vor Christus heute noch sein können, der ist hier gut aufgehoben:

Sophokles, Antigone
Reclam
ISBN: 978-3-15-019075-3

Urfaust – endlich wieder live!

Endlich wieder Theater! Nach einer langen Corona-Pause und zwei schönen und kurzen Freiluft-Intermezzi im Sommer, meldet sich das Landestheater Niederbayern mit der ersten Schauspielpremiere der neuen Spielzeit wieder zurück und präsentiert sich mit Goethes „Urfaust“ dem Publikum. Nach der langen corona-bedingten Durststrecke ohne die geliebten Theaterbesuche war meine Vorfreude auf die erste Premiere riesig und die Spannung entsprechend groß, wie der Theaterbetrieb und eine Inszenierung unter Einhaltung der nötigen Hygienevorschriften aussehen kann. Gleich vorneweg: es funktioniert und fühlt sich – trotz der reduzierten Platzbesetzung im Saal – auch nach Theater an.

Goethes Urfaust weist bereits viele Züge des späteren Faust I auf, der deutlich häufiger gespielt wird. Man erkennt vieles wieder und doch ist dieser frühe Faust, der erst 1918 uraufgeführt wurde, noch stark geprägt vom Sturm und Drang. Ein dynamisches Stück, das ohne Pause gespielt, einen großen Sog entwickelt. Die Handlung über den verzweifelten Wissenschaftler, der vom Teufel unterstützt, ein junges Mädchen verführt und in den Wahnsinn treibt, ist hinlänglich bekannt und muss sicher nicht näher ausgeführt werden.

Die Inszenierung, die Regisseur Peter Oberdorf und sein Team hier auf die Bühne gezaubert haben, spielt mit der Distanz zwischen den Figuren – natürlich erfordert Corona gleichsam aus der Not eine Tugend zu machen – aber das Konzept ist absolut stimmig und steht für sich selbst. Das wirkt nicht erzwungen oder aufgesetzt, sondern natürlich und logisch, denn die Figuren im Stück agieren nicht auf Augenhöhe und kommen sich daher auch nicht wirklich nah. Zu gravierend sind die Unterschiede in Stand, Alter und Bildung bei Gretchen und Faust, zu tief sind die Abgründe zwischen Mephisto und dem gläubigen Gretchen und zu groß ist auch die Kluft zwischen Faust – dem Intellektuellen – und den betrunkenen Gästen in Auerbachs Keller.

Das Bühnenbild ist mit einem Kubus, der sich vom Studierzimmer, zu Gretchens Stube bis hin zum Kerker wandeln kann und zahlreichen gläsernen Trennwänden sehr variabel und vielseitig. Unterstützt durch Videoprojektionen und Musik ergeben sich so eindrückliche Bilder, die lange nachwirken.
Oberdorf schafft eine moderne, sehr heutige Inszenierung, die auch in Schülervorstellungen bei einem jungen Publikum Anklang finden wird und dem zeitlosen Charakter des Stücks gerecht wird. Lediglich die Idee, Auerbachs Keller in ein äußerst zwielichtiges Bordell zu verlagern, fiel für meinen Geschmack ein wenig zu sehr aus dem Rahmen.

Besonders stark war die Inszenierung für mich vor allem in den leisen Szenen, die Darstellung der aufkeimenden Verliebtheit Gretchens und die Funken, die zwischen ihr und Faust entfacht werden – elektrisierend gespielt auch über die Distanz hinweg. Und auch die Szene im Garten – im Wechselspiel der Paare Faust/Gretchen und Mephisto/Marthe war magisches Theater, so wie es sein soll.

Für mich steht und fällt mein Urteil über eine gelungene Faust-Inszenierung meist mit der Besetzung des Mephisto. Wenn diese wichtige Figur das richtige Feuer und Format besitzt und von einem guten Darsteller verkörpert wird – hat das Stück für mich schon fast gewonnen. Und Kammerschauspielerin Ursula Erb als Mephisto ist eine Idealbesetzung: sie auf der Bühne zu erleben ein Genuss – teuflisch gut.
Die Idee, den Mephisto weiblich zu besetzen, war schon 1999 eine sehr gute, als ich das große Glück hatte, Adele Neuhauser in Regensburg in dieser Rolle zu erleben und auch Ursula Erb verkörpert diese faszinierende Figur mit großer Bühnenpräsenz und dem nötigen schlitzohrigen, zynischen Witz.

Julian Ricker gibt zu Beginn den zerzausten, verzweifelnden, nach Erleuchtung suchenden Wissenschaftler mit Nerdbrille – abgeschottet in seinem Studierzimmer-Kubus. Später erleben wir ihn als Intellektuellen, der sich in Gretchen eine unerfahrene und unpassende Partnerin zum Stillen seiner Lust auswählt und diese ins Verderben stürzt. Ein überzeugender, junger Faust, der gut zum „Sturm und Drang“-Charakter des Urfaustfragments passt, das Goethe zeitlich parallel zum „Leiden des jungen Werthers“ verfasste.

Friederike Baldin verkörpert anfangs ein junges, unerfahrenes, fast burschikoses und sehr heutiges Gretchen (mit Smartphone, Kopfhörern und Chucks), das in den Szenen mit Faust immer weiblicher und weicher wird – so dass mir gerade ihre Interpretation der Szenen im Garten und die „Gretchen“-Frage als besonders gelungen und intensiv in Erinnerung bleiben.

Ella Schulz als liebeshungrige Witwe Marthe Schwertlein fügt dem Ganzen eine witzige, komödiantische Komponente hinzu und so offenbart das Ensemble auch in den Nebenrollen mit Stefan Sieh (unter anderem als übermotivierter Famulus Wagner), Reinhard Peer, Julian Niedermeier und Isabella Könsgen große Spielfreude und Energie und man spürt als Zuschauer, wie groß die Freude auf Seiten der Darsteller ist, wieder auf der Bühne und vor Publikum spielen zu dürfen.

Die Premierenbesucher waren begeistert und belohnten die Leistung des Ensembles und des Regieteams gleichermaßen mit lange anhaltendem Applaus. Das Theater hat in der Corona-Pause nichts von seiner Kraft und Magie verloren und so ist man und bin ich sehr dankbar, diese auch endlich wieder live erleben zu können.

Der „Urfaust“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

Gesehen am 18. September 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

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Was passt zum „Urfaust“:

Für den Gaumen:
Da den Zechern in Auerbachs Keller der auf teuflische Weise herbeigeschaffte „Reinwein, (…), Muskaten, (…) Tockayer“ (das ist Goethes Orthografie – nicht meine) nicht sonderlich bekommt, habe ich den schönen Theaterabend zu Hause mit einem fränkischen Riesling aus- und nachklingen lassen.

Weiterer Theatergenuss:
Als Theaterfreund ist man gegebenenfalls bereits mal in einer Vorstellung von „Gretchen 89FF.“ – dem Theaterkabarett von Lutz Hübner – gelandet. Falls nicht und falls das Stück einmal in der Nähe gespielt wird, sollte man die Gelegenheit unbedingt nutzen. Denn wenn man „seinen Faust“ ein wenig kennt, ist das wirklich sehr unterhaltsam und eine amüsante Art, sich dem großen Klassiker mal von der lustigen Seite zu nähern.

Zum Weiterlesen:
Zum Steigern der Vorfreude und Auffrischen meiner Faust bzw. Urfaust-Kenntnisse habe ich das Stück vor meinem Theaterbesuch nochmal gelesen (meine Reclamausgabe im Schrank hatte noch einen Preisauszeichnung in DM). Gerade bei solchen Klassikern mache ich das gerne und bin dann immer wieder fasziniert, wie lebendig der Text wird, wenn man ihn live im Theater erleben kann.

Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Frühere Fassung (»Urfaust«)
Hrsg.: Brandes, Peter
Reclam Verlag
ISBN: 978-3-15-019594-9

Ein Buch, das mich aber auch bereits vor vielen Jahren nachhaltig beeindruckt hat und mir stets aufs Neue in den Sinn kommt, wenn ich wieder mit dem Fauststoff in Berührung komme, ist der Roman „Mephisto“ von Klaus Mann.

Klaus Mann, Mephisto
rororo
ISBN:  978-3-499-27686-6