Narretei und Alchemie

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – selten hat ein Faustzitat so gut zu einem Roman gepasst, wie zu Richard Rötzer’s neuem historischen Roman „Narrenträume“. Denn auch im Bayern des 16. Jahrhunderts versuchten viele dubiose Geschäftemacher sich als Goldmacher und Alchemisten – ein gefährliches Spiel, denn so mancher landete dadurch in der Folterkammer und im Gefängnis.

Eine kurze Anmerkung vorweg sei erlaubt: Für mich war sowohl die Lektüre als auch das Schreiben dieser Rezension dieses Mal etwas Besonderes. Denn der Roman spielt über weite Strecken in meiner Heimatstadt Landshut und so kann ich heute auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, über meine Heimatstadt erzählen und zeigen, wo sich der Narr Michel Witz vielleicht so herumgetrieben hat.

Und ich gestehe, auch ich habe durch den Roman einiges Neues aus der Landshuter Stadtgeschichte erfahren und meine Kenntnisse aufgefrischt: Denn während das 15. Jahrhundert und die Blütezeit der Stadt unter den reichen Herzögen Heinrich XIV., Ludwig IX. und Georg durch die regelmäßigen Aufführungen der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 vielen Landshutern gut bekannt und sehr präsent sind, so sieht es vermutlich mit dem Wissen um das 16. Jahrhundert und die späteren Wittelsbacher auf der Burg Trausnitz schon nicht mehr so rosig aus.

Doch erst einmal: Worum geht es in „Narrenträume“?
Michel Witz – seines Zeichens Hofnarr des Herzog Wilhelm V. von Bayern – sinniert – als er im Kerker sitzt – über sein Leben und fasst es mit folgenden Worten bereits sehr treffend zusammen:

„Mein Leben zog in Gedanken an mir vorbei in teils prachtvollen, teils düsteren Bildern. Ich hatte als Narr am Hof des bayerischen Herzogs viele Freiheiten gehabt, nahm Teil an rauschenden Festen, hatte zu jeder Zeit Münzen in der Tasche und fand ein gewisses Ansehen und Beachtung. Aber ich war auch beteiligt an Ränkespielen und Intrigen und jagte in eitler Selbstgefälligkeit vielen Dingen vergeblich nach. Auf der verblendeten Suche nach trügerischem Narrengold war ich augenblicklich dem Henker näher als erhofftem Ruhm und Erfolg.“

(S.10)

In Rückblenden erzählt er aus seinem aufregenden und außergewöhnlichen Leben, über seine Karriere als Hofnarr und versucht nun mit allen Mitteln und seinem Wissen um so manches dunkle Geheimnis, gemeinsam mit einem ihm wohlgesinnten Verwandten, der gute Beziehungen zur Obrigkeit hat, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen und sein Leben zu retten.

„Würde mich mein freches Mundwerk auch aus meinem jetzigen Unglück retten, grübelte ich verdüstert vor mich hin. Ich genoss nicht mehr den Schutz der Narrenkappe, unter dem ich selbst dem Herzog Frechheiten und ungeliebte Wahrheiten an den Kopf werfen konnte, ohne um meinen eigenen Kopf fürchten zu müssen.“

(S.39)

Links: Burg Trausnitz; Rechts: Am Landschaftshaus in der Landshuter Altstadt ist Herzog Wilhelm V. dargestellt und in der untersten Reihe als dritter von rechts zu finden – Fotos: Kulturbowle

Herzog Wilhelm V. (1548 – 1626), der den Beinamen der Fromme trägt, ist den Landshutern vermutlich nicht mehr so ein Begriff, aber er führte mit seiner Frau Renata von Lothringen als Prinzenpaar über viele Jahre eine aufwändige Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, bevor er nach dem Tod seines Vaters später zum Regieren nach München übersiedelte. Die Landshuter Burg verdankt ihm neben dem Tierpark vor allem eine Erweiterung mit den Malereien von Friedrich Sustris und Alessandro Padano auf der bekannten Narrentreppe, die Figuren der Commedia dell’Arte zeigt. München verdankt ihm die Michaelskirche und – als Erinnerung an seine Hochzeit und das Ritterturnier – das berühmte Glockenspiel am Münchner Rathaus.

Fasziniert hat mich vor allem die Figur des Narren und die Freiheiten und verschiedenen Facetten dieser Rolle, die Rötzer in meinen Augen schön herausgearbeitet hat. Bei Michel Witz – und seinem Vater Mertl Witz, dessen Porträt gemalt durch den berühmten Maler Hans Mielich heute noch im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen ist und das im Buch abgebildet ist – handelt es sich um den Typus des intelligenten Narren, der nicht aufgrund körperlicher Gebrechen oder Auffälligkeiten diese Rolle ausübt, sondern es verstand, durch kulturelle Darbietungen, sowie durch Geist und Witz zu unterhalten. Und so streift Rötzer in seinem Buch auch die Geschichte des „Berufsbildes Hofnarr“ und die unterschiedlichen Typen, was ich sehr interessant finde.

Denn auch bei der Landshuter Fürstenhochzeit 1475, die in der Regel alle vier Jahre in Landshut im Rahmen eines großen, historischen Festes nachgespielt wird, gibt es die Rolle des Hofnarren, der im Festspiel, während des Umzugs und auch auf der Festwiese beim Turnier seine Herrschaft, den Herzog begleitet. Eine Figur, der auch heute noch viel Sympathie entgegenschlägt – genau wie den Gauklern und Komödianten:

„Den größten Nutzen aber verschafften mir Begegnungen mit Leuten auf der Straße, vor allem mit Gauklern und Komödianten. Ich sah, wie sie die Mengen in Bann schlugen mit großem Getöse oder einfachsten kleinen Verzauberungen. Sie nutzten den Augenblick, verblüfften durch Unerwartetes, grimassierten und verrenkten sich, äfften pantomimisch nach, sangen und rezitierten, spielten dabei die Laute oder jonglierten mit Bällen und Keulen. All dies musste ich schließlich lernen, wollte ich ein guter Narr werden (…)“

(S.119)

In den Tonfall des Buchs, der sich so mancher für heutige Ohren ungewohnter, leicht gedrechselt-antiquierter Formulierung bedient, muss man sich erst ein wenig einlesen, aber es passt gut zum Genre des historischen Romans und sorgt stellenweise auch immer wieder für ein gewisses Schmunzeln.

Es steckt unglaublich viel drin in diesem Wälzer und auch wenn man vielleicht für einen 600-Seiten-Roman etwas Geduld und manchmal einen langen Atem braucht, hat mich diese Opulenz begeistert und die Lesezeit verging wie im Flug. Gerade die Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, die Beschreibung der unterschiedlichen Figuren und die Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten der Zeit, wie dem Augsburger Hans Jakob Fugger, Philippine Welser auf Schloss Ambras in Innsbruck oder den Medici in Florenz eröffneten nochmal ein reiches, großes Gemälde des Beziehungsgeflechts der damaligen Zeit. Da fällt dann so manches bisher gesammelte, geschichtliche Puzzleteil auf einmal an den richtigen Platz.

Mit „Narrenträume“ hat Richard Rötzer zwar leider – wie sein Held Michel – letztlich auch nicht die Methode der Goldmacherei gefunden, aber doch eine gut gefüllte Wunderkammer und reiche Schatztruhe an historischen Anekdoten, üppiger, überbordender Handlung und interessanten Figuren geschaffen. Ein richtiger Schmöker, der nicht nur LandshuterInnen Freude macht, sondern auch Fans von historischen Romanen gut gefallen wird, weil er Lust darauf macht, weiter zu recherchieren, geschichtliche Details nachzulesen und die Suchmaschinen glühen zu lassen.

„Ich verstand eigentlich von nichts wirklich viel, pflegte aber einen Hang zu geistiger Landstreicherei und war daher leicht zu begeisternder Dilettant in allen Dingen.“

(S.589)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 3) auf der Liste: Ich möchte einen historischen Roman lesen. Abtauchen in eine andere Zeit – in diesem Fall das 16. Jahrhundert in meiner Heimatstadt – eine gewisse Opulenz, viel historischer Hintergrund, eine Prise Krimi und eine stattliche Seitenzahl von 600 – „Narrenträume“ ist absolut perfekt dafür, diesen Punkt auf meiner Liste abzuhaken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Richard Rötzer, Narrenträume
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0291-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Richard Rötzer’s „Narrenträume“:

Für den Gaumen:
Bei folgendem Hochzeitsmahl lasse ich einfach mal die Speisenfolge für sich sprechen:

„Die Tafel war überhäuft mit gefüllten Kapaunen, Fasanen, Hasel- und Rebhühnern, mit geschmorten Lamm- und Ferkelbraten auf Granatapfelgelee, glasierten Wildschweinköpfen in Burgunder- und Pfeffersauce, gespickten Hirschkeulen und Hasenpasteten, dazu geräucherte Renke, Aalsülze und Hecht aus bayerischen Seen, unzählige Schüsseln mit erlesenen Salaten, Früchte aus Italien, Schmalzkrapfen nach Tiroler Art, Konfekt aus Mailand und Paris…“

(S.139)

Für eine Städtereise oder einen Ausflug:
Bei diesem Beitrag bietet es sich natürlich an, dass ich auch ein paar Bilder und Impressionen aus meiner Heimatstadt teile: So gibt es in Landshut nicht nur die Legende des Narrensteigs, die im Buch ebenso Erwähnung findet wie die Narrentreppe im italienischen Anbau der Burg Trausnitz, sondern auch den Narrenbrunnen in der Altstadt, der jedoch erst 1974 vom Landshuter Künstler Karl Reidel errichtet wurde.

Zum Weiterhören:
Und auch der berühmte Komponist und Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 – 1594) darf natürlich nicht fehlen: seine Madrigale, Motetten und Messen gehören heute noch zu den wichtigsten musikalischen Werken der Renaissance.

Zum Weiterlesen (I):
Im Moment begegne ich – wie auch auf einer Toskanareise vor einigen Jahren – beim Lesen immer wieder Giorgio Vasari (so auch wieder in „Narrenträume“) und werde daran erinnert, dass schon einige Zeit ein Buch von ihm noch ungelesen in meinem Regal schlummert:

Giorgio Vasari, Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten
Aus dem Italienischen von Trude Fein
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2510-3

Zum Weiterlesen (II):
Vor vielen Jahren habe ich bereits Richard Rötzer’s historischen Roman „Der Wachsmann“ gelesen und habe ihn – auch nach langer Zeit – noch als packend und spannend in Erinnerung. Die Handlung, die im München des 14. Jahrhunderts und im Milieu der Isarflößer spielt, war auch hier durch Krimielemente geprägt:

Richard Rötzer, Der Wachsmann
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548287775

Sunshine, Swing and Smile

Nach einem Theaterabend beglückt, beschwingt, innerlich hüpfend, tänzelnd und summend aus dem Theater schweben, das durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben bei einer bezaubernden Vorstellung von „Me and my girl“ von Noel Gay. Quasi Wolke Sieben für Theaterfreunde, Musicalliebhaber und Fans der Musik bzw. des Swings der Dreißiger Jahre. Fetzige Stepptanz-Nummern, eingängige Melodien, traumhafte Kostüme und opulente Ausstattung… wie man unschwer merkt: ich war und bin immer noch hin und weg.

„Me and my girl“ hat eine äußerst ungewöhnliche Aufführungsgeschichte:
Entstanden in den Dreißiger Jahren und uraufgeführt 1937 im Victoria Palace Theatre in London, wurde es schnell zu einem der erfolgreichsten britischen Musicals der damaligen Zeit. Unglaubliche 1646 Vorstellungen – auch noch während des zweiten Weltkriegs – und teils sogar mit royalem Publikum: King George VI. besuchte mit seiner Frau Elizabeth alias Queen Mum das Stück wohl mehrfach.

Doch nach 1952 geriet das Stück in Vergessenheit und war lange nicht mehr auf den Bühnen präsent. Dies führte sogar dazu, dass das Original-Buch mit den Dialogen unwiederbringlich verschwand – es gilt bis heute als verschollen. Als in den Achtziger Jahren Richard Armitage, der Sohn Noel Gays, das Stück wieder zur Aufführung bringen wollte, musste es komplett rekonstruiert werden, was unter anderem mit Hilfe eines alten BBC-Rundfunkmitschnitts und der Erinnerungen der ersten Darstellerin der Sally gelang. Für die Zwischentexte, Gags und die Rekonstruktion des Buchs zeichnete kein geringerer als Stephen Fry verantwortlich, der vielen Lesern vielleicht unter anderem durch seine humorvollen Werke „Mythos“ oder „Helden“ bekannt ist. Und so erlebte das Musical ab 1985 seine Renaissance und wurde erneut zu einem Riesenerfolg im Londoner Westend und auch auf dem Broadway.

Doch um was geht es in dem Stück?
So mancher wird sich ein wenig an „My Fair Lady“ erinnert fühlen – doch das Musical kam erst 20 Jahre nach „Me and my girl“ auf die Bühne: Ein junger Mann aus dem Londoner Stadtteil Lambeth – einem Arbeiterviertel – wird von einem Anwalt als Erbe des Earl von Hareford ausfindig gemacht. Er spricht derbes Cockney (im britischen sogar den berühmt berüchtigten und für Aussenstehende schwer verständlichen Cockney Rhyme – die Landshuter Inszenierung wählte den guten alten Kalauer als „deutsche Entsprechung“), d.h. er kalauert nahezu non-stop vor sich hin und passt so gar nicht in die britische Adelsklasse. Da ist einiges an Erziehung seitens der Verwandtschaft – unter anderem der gestrengen Tante Maria – von Nöten, um ihn für seine zukünftige Aufgabe als Earl tauglich zu machen.

Als diese ihm aber auch noch sein geliebtes „Girl“ Sally ausreden möchte, geht ihm das Ganze zu weit. Kurz und gut: eine Komödie, die mit britischen Klassenunterschieden spielt und immer wieder zu witzigen und lustigen Begegnungen führt. Denn auch Cousin und Cousine hätten es auf das Erbe abgesehen und verfolgen ihre eigene Agenda.

Das absolute Glanzlicht ist die Musik, neben der die Handlung im Grunde fast nebensächlich wird und die einen einfach mitreißen muss, weil sie mit einer enormen Dichte an großartigen Nummern aufwartet, die allesamt sofort ins Ohr und in die Beine gehen.
Am berühmtesten ist wohl das Finale des ersten Akts geworden, der legendäre „Lambeth Walk“, bei dem Sally und Bill den anfangs steifen, noblen Gästen ihren ganz eigenen Tanzstil beibringen – „ev’rything free and easy“.

Doch auch bei den Stücken „The Sun Has Got His Hat On“, „Leaning On A Lamppost“ und „Me And My Girl“ handelt es sich um Melodien, die sich nachhaltig ins Gedächtnis einprägen und die man noch in den Tagen danach gut gelaunt vor sich hinsummt.
Eine richtige Rarität bzw. Musical-Perle, die Stefan Tilch hier ausgegraben und mit seinem Ensemble in einer aufwändigen und opulenten Inszenierung auf die Bühne gezaubert hat.

Verstärkt durch Cornelia Mooswalder als Sally Smith und Jan Bastel als Bill Snibson in den Hauptrollen, die ein spritziges und herzerfrischendes Traumpaar bilden, das gesanglich, schauspielerisch und tänzerisch perfekt harmoniert, sind sämtliche Partien hervorragend besetzt.
Reinhild Buchmayer, die sich im verführerischen Marilyn Monroe-Look als Lady Jaqueline naiv die Seele aus dem Leib flirtet, um den reichen Erben zu becircen, spielt ihre Rolle ebenso überzeugend wie Peter Tilch den zynisch-grummeligen, aber liebevollen Onkel Sir John Tremayne oder Daniel Preis den hilflos schrulligen Gerald, der an einer seltenen Metaphern-Krankheit leidet, die immer wieder mit Tropfen behandelt werden muss, damit er nicht ständig vor sich hinfaselt. Henrike Henoch gibt eine resolute Herzogin Maria und Miroslav Stričević einen komödiantischen, leichtfüßigen Familienanwalt.

Auch Chor und Statisterie sind bei den großen Ensemble-Nummern stimmlich und tänzerisch gut aufgelegt und haben sichtlich Spaß, der mit Sicherheit zu einem großen Teil auch auf die fröhliche und gewitzte Choreografie der Tanzeinlagen von Sunny Prasch zurückzuführen ist. Da wird geswingt, gesteppt und getanzt, was das Zeug hält, so dass auch das Publikum sich am liebsten gleich mitbewegen möchte.

Die musikalische Leitung ist bei GMD Basil H.E. Coleman in bewährten, souveränen Händen, der sich selbst sogar eine Einlage als Barpianist auf der Bühne gönnt und auch während und nach der Applausordnung noch mit einer musikalischen Zugabe dem begeisterten Publikum ein weiteres Zuckerl und Geschenk bereitet hat.

Eine Produktion, in der ganz viel Liebe steckt: Liebe zum Detail, Liebe zur Musik, Liebe zum Tanz – Liebe zum Publikum, dem man in schweren Zeiten einen schönen und freudigen Theaterabend schenken will.

Intendant Stefan Tilch, der das niederbayerische Publikum immer wieder aufs Neue mit unvergesslichen Musicalproduktionen begeistert und selbst Regie geführt hat, ist hier erneut ein Glücksgriff gelungen.
Interessant auch, dass er selbst das Stück in den Achtzigern Jahren als Schüler auf einer Klassenfahrt nach London – mit Emma Thompson in der Hauptrolle – kennen und lieben gelernt hat. Jetzt teilt er viele Jahre später seine Faszination für dieses Werk, das nur selten gespielt wird, auch mit seinem Publikum. Der Funke ist definitiv übergesprungen.

Grandioses Musicaltheater mit einer Prise Nostalgie, die den TheaterbesucherInnen zweieinhalb Stunden feinste Unterhaltung und wunderbare Musik schenkt, so dass man die Alltagssorgen einfach mal für kurze Zeit vergessen kann. Edelster Eskapismus, der gerade besonders wertvoll ist und einem ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubert, das lange anhält:

„Here’s a little trick,
Whenever things get a little bit thick
Just you take it on the chin,
Put on a little grin and smile, smile!“

(aus dem Song „Take It On the Chin“; Lyrics: L.Arthur Rose und Douglas Furber)

Gesehen am 29. Mai 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Me and my girl“ ist in dieser und als Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos und einen kurzen Videotrailer der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Me and my girl“:

Für den Gaumen:
Die Hauptfiguren haben alle ihr Päckchen zu tragen, so leidet Gerald zum Beispiel an einer Metaphern-Diarrhö (steht so im Programmheft – ehrlich!) und sucht sich seine sprachlichen Bilder gerne im kulinarischen Milieu: und da geht es natürlich very british zu: Yorkshire Pudding, Mince pie, Shortbread bis hinzu Bio-Cranberry-Trüffel auf Ham and Eggs

Zum Weiterhören und zum Weiterklicken:
Auf YouTube gibt es unter anderem eine Aufnahme des „Lambeth Walk“ aus der 1986er Produktion mit Robert Lindsay zu sehen. Wer einfach mal reinhören und reinschauen will, kann das hier tun. Aber Achtung: Ohrwurmgefahr!

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Me and my girl“ steht eher selten auf deutschen Spielplänen und ist daher wirklich ein Geheimtip: Aktuell gibt es jedoch auch noch eine weitere Inszenierung an der musikalischen Komödie in Leipzig zu sehen.

Frauen Stimmen geben

Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen aus 900 Jahren“ war das diesjährige Motto der 20. Landshuter Hofmusiktage, einem europäischen Festival für Alte Musik, das nach pandemiebedingter zweijähriger Verspätung endlich stattfinden konnte. Ein wunderbares und wichtiges Motto, das mir einen unvergesslichen und in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Konzertabend bescherte, auf den ich mich mehr als zwei Jahre lang und vollkommen zu Recht sehr gefreut hatte.

Das Vokalsolistenensemble Singer Pur besteht aus einer Frauen- und fünf Männerstimmen, d.h. ein Sopran, drei Tenöre, ein Bariton und ein Bass. 1992 ursprünglich von fünf ehemaligen Regensburger Domspatzen und einer Sängerin gegründet hat sich das Ensemble – dessen Besetzung im Laufe der Zeit immer wieder einmal gewechselt hat – zu einem der führenden und mehrfach preisgekrönten deutschen Vokalensembles entwickelt.

Das enorm vielseitige Programm, das in der als Konzertsaal bestens geeigneten Heilig Kreuzkirche Landshut durch das Ensemble zur Aufführung kam, spannte einen großen, zeitlichen Bogen von Musik aus dem 15. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischer Musik – und legte vor allem Wert auf einen hohen Anteil an Musik „von Frauen“, d.h. der leider im Klassikbetrieb so häufig unterrepräsentierten Komponistinnen. Das Konzert, das so schön mit „Herztöne – Liebe im Klang der Zeit“ betitelt war, bereitete gleich zu Beginn des ersten Teils einen wunderbaren Einstieg, denn schon der Auftakt mit Dominique Phinot’s Renaissance-Werk „Surge, propere amica mea“ breitete einen dichten Klangteppich der sechs Stimmen aus, auf dem man sich sofort gerne von den wunderbaren Harmonien davon tragen ließ.

Die Gedanken kamen zur Ruhe, der Blick streifte durch die renovierte, ehemalige Klosterkirche des Landshuter Franziskanerinnenklosters mit Asamfresken und Wessobrunner Stukkaturen, der mittlerweile als „säkularer“ Kirchenraum, Konzertsaal und Aula des Hans-Carossa-Gymnasiums genutzt wird.

Der getragenere erste Teil des Konzerts „Das Hohelied der Liebe“ setzte Schwerpunkte auf alte Musik mit Werken von Phinot, de Latre, Dufay und Senfl, die durch zeitgenössische Stücke von Joanne Metcalf und Jessica Horsley kontrastiert wurden.

Die Harmonie der Stimmen, der Zusammenklang, die perfekte Intonation und sehr hohe Textverständlichkeit begeisterten das Publikum. Und jeder Musikbegeisterte oder auch jemand, der vielleicht sogar selbst in einem Chor singt, weiß und kann einschätzen, welche Klasse und welch hohes Niveau dieses Repertoire den SängerInnen abverlangt.

Allerhöchsten Respekt nötigte mir auch die Tatsache ab, dass Sarah M. Newman als kurzfristige Einspringerin (für die erkrankte Claudia Reinhard) mit lediglich einer Woche Vorlauf das hoch anspruchsvolle Programm mit einer faszinierenden Souveränität meisterte und sich perfekt in den Klang des eingespielten Ensembles einfügte. Diese Leistung hatte wahrlich einen Extra-Applaus verdient.

Ein wunderbarer, unvergesslicher Konzertabend nach einem sonnigen Maitag, der zum Ende des etwas luftig-leichteren zweiten Teils – die Herren auf der Bühne hatten die Krawatten jetzt auch abgelegt – sehr passend mit zwei genial arrangierten Sting-Titeln „Every Little Thing She Does Is Magic“ und „Fields of Gold“ einen stimmungsvollen Ausklang fand und das Publikum glücklich, beschwingt und freudig in den lauen Sommerabend entließ.

Doch so mancher Gast stoppte davor noch kurz am gut sortierten CD-Stand und nahm wie ich ein paar der musikalischen „Wirbelwinde“ mit nach Hause, denn die neueste CD „Among Whirlwinds“ – ein Projekt, das während der Pandemie entstanden ist – enthält ausschließlich Musik von Komponistinnen. Eines meiner Lieblingslieder darauf ist das Stück „Remember“ der 1979 geborenen slowenischen Komponistin Katarina Pustinek Rakar.

Einer Aufforderung, der ich gerne folge, denn dieses zauberhafte Konzert, das getragen wurde von der großen Freude und dem Herzblut, das Singer Pur in ihre „Herztöne“ legten und es sichtlich genossen, endlich wieder live vor Publikum auftreten zu können, werde ich sicherlich nicht vergessen. Die „Wirbelwinde“ werden ihr übriges tun, wenn sie von Zeit zu Zeit bei mir zu Hause aus den Lautsprechern klingen dürfen.

Gesehen am 12. Mai 2022 in der Heilig Kreuzkirche Landshut

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich dieses Konzert:

Zum Weiterhören:
Die aktuelle CD von Singer Pur „Among Whirlwinds – Kompositionen von Frauen für Stimmen“ (erschienen 2021 bei OEHMS Classics – hier geht es zur Homepage) widmet sich ausschließlich der Musik weiblicher Komponistinnen. Viele Stücke, die ich in Landshut live genießen durfte, sind auf der CD vertreten, u.a. Werke von Joanne Metcalf, Hildegard von Bingen, Fanny Hensel, Clara Schumann, alte Musik (u.a. von Cesarine Ricci de Tingoli), aber auch Werke zeitgenössischer Komponistinnen wie Stanislava Stoytcheva oder Katarina Pustinek Rakar, um nur ein paar zu nennen.

Aber auch nordische Klänge aus Island von Anna S. Þorvaldsdóttir oder aus Schweden von Elfrida Andrée sind vertreten. Eine wunderbare klangliche, musikalische Zeitreise durch die Welt der Musik von Frauen – eine längst überfällige Idee und erstklassig umgesetzt.

Zum Weiterklicken oder für einen Konzertbesuch:
Vielleicht kommen Singer Pur demnächst aber ja auch in Eure Nähe – auf der Website der Gruppe findet ihr die nächsten Termine, musikalische Eindrücke und Hörproben, Porträts der Mitglieder und jede Menge weitere Informationen zur Historie und den zahlreichen Aufnahmen, die seit der Gründung 1992 bereits entstanden sind.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Schon seit längerem auf meiner Liste steht der preisgekrönte Dokumentarfilm „Komponistinnen“ von Kyra Steckeweh und Tim van Beveren. Dieser beleuchtet neben den Lebensläufen der vier Komponistinnen Mel Bonis (1858-1937), Lili Boulanger (1893-1918), Fanny Hensel (1804-1847) und Emilie Mayer (1812-1883) vor allem auch die Frage, warum auch heute immer noch so wenig Stücke von Komponistinnen in der Klassikszene aufgeführt werden. Hier geht es zur Website des Films: „Komponistinnen“.

Für einen Konzertbesuch oder Städtetrip:
Die Landshuter Hofmusiktage wurden 1982 gegründet und sind eines der ältesten Festivals für Alte Musik in Bayern. In der Regel finden sie alle zwei Jahre statt und sind für Freunde und Freundinnen alter Musik ein beliebter Anlass, die niederbayerische Stadt und das eine oder andere Konzert zu besuchen.

Zum Weiterlesen:
Bereits vor einiger Zeit habe ich Peter Härtlings Buch über das Leben von Fanny Hensel-Mendelssohn mit großem Interesse gelesen, die als Komponistin immer im Schatten ihres berühmten Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy stand.
Auf der Singer Pur-CD „Among Whirlwinds“ ist auch ein Werk von ihr vertreten: „Nacht liegt auf den fremden Wegen“.

Peter Härtling, Liebste Fenchel!:
Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi
dtv
ISBN: 978-3423141956

„In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen.“

(Hildegard von Bingen)

Lügen, Lachen – Gute-Laune-Theater

Gerade im Moment können wir alle dringend eine Portion gute Laune gebrauchen und was gibt es Schöneres als bei einem Theaterbesuch einmal für zwei Stunden alle Alltagssorgen zu vergessen und einfach mal wieder herzhaft lachen zu können. Im Landestheater Niederbayern hat man hier aktuell mit der temporeichen Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster Dinner“ von Marc Camoletti in der Bearbeitung von Michael Niavarani gerade eine wunderbare Gelegenheit dazu.

Laut Wikipedia wird unter einem Boulevardstück „heute zumeist eine Art Schwank verstanden, in dem die Mechanik der Dramaturgie mit steten Überraschungen und Verwechslungen wichtiger ist, als eine genaue Zeichnung der Figuren oder ein „literarischer Gehalt“. Bevorzugtes Thema ist der Gegensatz von standesgemäßem Äußeren und unstandesgemäßen (Liebes-)Affären. (…) Das Boulevardstück verspottet Unzulänglichkeiten aus dem täglichen Leben (…) und ist geprägt von Wortwitz und Situationskomik.“

Und genau diese Elemente bekommt man auch in diesem Stück auf erstklassige Weise geboten.

Die Wiege der Bezeichnung „Boulevardstück“ liegt in Frankreich – im Pariser Theaterviertel Boulevard de Temple – und auch der ursprüngliche Autor des Stücks Marc Camoletti (in der Schweiz geboren) ist ein französischer Bühnenautor und in Paris aufgewachsen. Bekannt wurde er vor allem durch sein berühmtestes Stück „Boeing-Boeing“. Der österreichische Kabarettist Michael Niavarani hat Camoletti’s Stück „Madame, es ist angerichtet“ bearbeitet und zu der Fassung „Das (perfekte) Desaster Dinner“ weiterentwickelt, die jetzt auch im Landestheater Niederbayern zu sehen ist.

Worum geht’s?
Die Ehefrau möchte ihre Mutter besuchen, d.h. ist somit aus dem Weg und das winterlich verschneite Wochenend-Chalet bietet das ideale romantische Liebesnest für ein heimliches Rendezvous mit der jungen Geliebten, die auch noch Geburtstag hat. Der beste Freund wird als Alibi eingeladen und auch das professionelle Catering ist bestellt. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Denn nicht nur der Ehemann hat seine kleinen amourösen Geheimnisse und schon bald entspinnt sich ein komplexes Lügengeflecht, welches die geistige Flexibilität und das schauspielerische Talent aller Beteiligten zunehmend fordert.
Spritzig, perlend und pointiert – da geht es Schlag auf Schlag, eine Lüge jagt die nächste und wie es sich für eine gute Boulevardkomödie gehört, wird die Lage immer verworrener und turbulenter.

Den Midlife-Crisis geplagten, fremdgehenden Ehemann spielt Julian Niedermeier mit der erforderlichen Portion Selbstironie und genau dem hektischen Aktionismus, den die Rolle erfordert. Denn schließlich hat er jede Menge zu verbergen und nachdem das Lügenkonstrukt sich immer mehr verselbstständigt, hat er schon ordentlich zu wirbeln, um das immer löchriger werdende Lügengeflecht stets neu zu flicken.

Ella Schulz gibt eine herrlich scharfzüngige und schnippische Ehefrau, die mit großen Emotionen und einem ebenso ausgeprägten Hang zur Hinterlist selbst ihren gehörigen Beitrag zum immer bunter werdenden Bühnenschlamassel leistet.

Julian Ricker spielt den gutmütigen, auf charmante Weise unbeholfenen Freund des Gastgebers, dem das Lügen sichtlich schwer fällt und doch hat auch er so manches Geheimnis zu verschleiern.

Mit bunter Dreadlocks-Perücke, schrägem Outfit und einem phänomenalen Geschäftssinn ausgestattet schlägt die komödiantische Stunde für Friederike Baldin als Köchin, Model, Schauspielerin, Geliebte und … und … und … – es ist eine Freude, ihr als Susi zuzusehen. Denn es ist witzig, wenn die hemdsärmlige, zupackende Köchin ihre ganze Wandlungsfähigkeit und Flexibilität unter Beweis stellen muss.

Die luxusverwöhnte Model-Geliebte, welche sich ihren Geburtstag ganz anders vorgestellt hatte, wird verkörpert durch Larissa Sophia Farr, die überzeugend das Klischee der leicht arrogant-hochnäsigen, überspannten Zicke verkörpert.

Den kürzesten Auftritt hat Lukas Franke als eifersüchtiger, tapsiger und etwas einfältiger Susi-Ehemann Schorschi, bei dem schnell mal der berüchtigte „Watschenbaum“ umzufallen droht.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Dorothee Schumacher und Lutz Kemper machen Spaß und unterstreichen farblich und mit liebevollen, kleinen Special Effects den lustigen Charakter des Stücks ohne jedoch den eigentlichen Stars des Abends – den Schauspielern auf der Bühne – die Schau zu stehlen.
Denn schauspielerisch ist da höchste Konzentration gefordert, aber die sechs Akteure auf der Bühne strahlen eine solche Leichtigkeit und Spielfreude aus, dass sich die gute Stimmung sofort aufs Publikum überträgt.

Es ist schwer, leichte Komödien zu spielen, aber in der temporeichen, frischen Inszenierung von Veronika Wolff gelingt das dem Landshuter Schauspielensemble ganz wunderbar. Das Tempo stimmt, die Pointen sitzen und das Premierenpublikum geht mit, lacht von Herzen und belohnt den fröhlichen, amüsanten Theaterabend mit lange anhaltendem Applaus.

Eine gut gelaunte Alltagsflucht, die einen mit einem breiten Lächeln aus dem Theater gehen lässt und einfach nur gut tut. Denn Lachen ist bekanntlich gesund.

„Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen können; wenn die Mittel es bei Vernünftigen zu erregen nur so leicht bei der Hand wären, und der Witz oder die Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht ebenso selten wären (…)“

(Immanuel Kant aus „Kritik der Urteilskraft“)

In diesem Sinne schließe ich mich gerne Immanuel Kant an:
Bleibt hoffnungsfroh, schlaft gut und unterstützt die Kulturszene: sucht euch eine schöne Komödie, geht ins Theater und lacht wieder einmal von Herzen!

Gesehen am 18. Februar 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Das (perfekte) Desaster Dinner“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Das (perfekte) Desaster Dinner“:

Für den Gaumen:
Das (perfekte) Desaster Dinner soll eigentlich ein Menü aus thailändischen Gerichten sein – dafür wird sogar extra ein Cateringservice bestellt. Doch das Essen wird ganz schnell zur Nebensache, da helfen dann auch ein paar „Schnäpselein“ nicht mehr, um die kulinarischen und amourösen Turbulenzen hinunter zu spülen.

Zum Weiterhören:
Dem Stück habe ich zwei lang anhaltende Ohrwürmer zu verdanken: Die 80er Jahre Hits „Da, Da, Da“ von Trio (1981) und die Solo-Nummer des Trio Frontmann’s Stephan Remmler „Vogel der Nacht“ (1986) klingen bei mir auch noch lange im Kopf, nachdem ich das Theater verlassen habe.

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Die Version mit Michael Niavarani in der Hauptrolle, die 2011 und 2012 bei den Festspielen Berndorf aufgeführt wurde, war schon im ORF zu sehen und ist auch als DVD erhältlich.
Allerdings geht nichts über das Live-Erlebnis im Theater.

Aktuell im Landestheater Niederbayern in Landshut, Passau und Straubing – aktuelle Termine findet man auf der Website des Landestheaters Niederbayern.

Zu sehen gibt es das Stück in anderen Inszenierungen jedoch auch vom 24. März 2022 – 14. Mai 2022 in der Komödie Düsseldorf (Steinstraße) oder in dieser Spielzeit auch im Oststadt Theater in Mannheim.

Theater für die Ohren

Leider scheint auch dieser zweite Pandemiewinter für die Kulturschaffenden und Kulturbegeisterten wieder ein schwieriger zu werden. Auch für Theaterbegeisterte und leidenschaftliche Theatergruppen und -vereine wie das Theater Nikola Landshut sind dies herausfordernde Zeiten. War und ist es doch schwierig, in den vergangenen Monaten und aktuell einen Probenbetrieb und die Aufführungen vor Publikum zu organisieren und aufrecht zu erhalten. Und doch trotzen sie mit neuen Konzepten und Ideen sowie der ungebrochenen Passion fürs Theater, die ich in den letzten Jahrzehnten schon oft in grandiosen Live-Aufführungen erleben durfte, diesen Schwierigkeiten. Mit der brandneuen Hörspielproduktion von Edgar Wallace’s „Der Hexer“ hat das Ensemble jetzt wieder einen neuen, kreativen Weg beschritten und am 15. November 2021 eine Hörspiel-CD veröffentlicht: quasi Theater für die Ohren und ein spannendes Stück für den Kultur- und Krimigenuss zu Hause.

Bei Edgar Wallace „Der Hexer“ startet bei den meisten wohl sofort das Kopfkino und die Schwarz-Weiß-Filmklassiker aus den Sechzigern flimmern vor dem geistigen, inneren Auge vorbei. Seine Werke wurden in Deutschland vor allem durch diese legendären Filmproduktionen bekannt. Dass Edgar Wallace (1875 – 1932) nicht nur Schriftsteller und „Erfinder des modernen Thriller“ (Zitat: Wikipedia), sondern auch Journalist, Drehbuchautor und Dramatiker war und neben 175 Büchern auch 15 Theaterstücke verfasste, ist schon nicht mehr so bekannt.

Über den Inhalt des „Hexers“ möchte ich eigentlich nichts verraten. In aller Kürze: eine spannende Kriminalhandlung, ein raffinierter Verbrecher, der vermeintlich totgeglaubt in England sein Unwesen treibt und Scotland Yard an der Nase herumführt.

Das Stück bietet zahlreiche Rollen, die durch die Vereinsmitglieder grandios und ausdrucksstark eingesprochen wurden – in Kombination mit kurzen Musikeinspielungen zwischen den Kapiteln und Soundeffekten, für welche Florian Rödl verantwortlich zeichnet, macht dieses Hörspiel in einer neuen Fassung von Thomas Ecker, der auch Regie führte, großes Vergnügen und sorgt für einen Abend voller Gänsehautmomente auf der heimischen Couch.

Reinhart Hoffmann führt als abgeklärter Erzähler durch die Handlung, Rudolf Karl gibt einen herrlich poltrigen und düsteren Maurice Messer, Thomas Ecker einen mysteriösen Dr. Lomond, Aaron Jungblut-Klemm überzeugt als jugendlicher Liebhaber und Ermittler Inspector Wembury, der sich – unterstützt von zahlreichen weiteren Kollegen, die ebenfalls bis in die kleineren Rollen ausnahmslos großartig besetzt sind – auf die Suche nach dem Hexer macht. Sein Herz hat er an die zarte, mädchenhafte Mary Lenley – alias Sabine Hoffmann – verloren. Ina Lehmann spricht als Cora Ann Milton – die herrlich schnippisch-verruchte Witwe des Hexers – die zweite Frauenrolle im Stück. Mathias Paintner gibt einen wütend-ungeduldigen Inspector Bliss und Bernd Stindt den souverän-erfahrenen Oberst Wolford.

Die Freude, welche die Mitwirkenden an dieser Produktion hatten, hört man in jeder Minute ebenso wie die Lust an Spiel, Sprache und Intonation, die individuelle Note, welche jedem der Charaktere eine besondere Klangfarbe und einen unverwechselbaren Ausdruck gibt.

Für jemand – wie in meinem Fall – der die Projekte der Theatergruppe schon lange verfolgt und bereits zahlreiche Vorstellungen besucht hat, ist es interessant zu erleben, wie sofort beim Erklingen der Stimmen auch die Gesichter der jeweiligen Schauspieler vor dem inneren Auge auftauchen. Doch das Hörspiel steht für sich, ist hochprofessionell produziert und macht sicherlich auch Hörspielfans Freude, welche das Ensemble bisher nicht kennen.

Mir bescherte diese Aufnahme einen stimmungsvollen, gemütlichen, ein wenig nostalgischen und spannenden Abend zu Hause und ich fühlte mich blendend unterhalten. Ein herrliches, kurzweiliges Krimivergnügen und so kann ich mich dem Werbespruch, welchen der Verlag für die Edgar Wallace-Krimis verwendete, nur anschließen:

„Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“

Vor allem dann nicht, wenn er mit so viel Herzblut und Leidenschaft erfrischend neu interpretiert wird, wie es bei dieser Neueinspielung der Fall ist.
Im aufwendig und ansprechend gestalteten Booklet, das der CD beiliegt, erfährt man einiges zum Autor Edgar Wallace, dem Stück selbst bzw. der Geschichte des „Hexers“ und zum Theater Nikola Landshut.

Das Theater Nikola wurde 1975 gegründet und hat seitdem in unzähligen Stücken das Landshuter Publikum begeistert. In der Regel gibt es jeweils eine Frühjahrs- und eine Herbstproduktion, die nahezu alle Schauspielgenres von großen Klassikern über Komödien, Gruselstücken bis hin zur Commedia dell’arte abdecken. Zudem wirken die Mitglieder des Vereins auch als Komödianten bei der Landshuter Fürstenhochzeit mit. Neben historischen Stadtführungen, die sich großer Beliebtheit erfreuen, nun also das erste Hörspiel „DER HEXER aus Good Old Lower Bavaria“, wie es der Homepage des Vereins zu entnehmen ist.

Vielleicht gibt es ja auch in Eurem Umfeld ähnliche Initiativen oder Vereine, die mit viel Herzblut und persönlichem Einsatz in ihrer Freizeit ähnliche Projekte auf die Beine stellen – ein Engagement, das man unbedingt unterstützen sollte. Schließlich wollen wir diese Vielfalt und kulturellen Erlebnisse auch noch und wieder genießen können, wenn es wieder möglich sein wird.

Daher möchte ich heute an dieser Stelle einmal mehr allen Theatervereinen, Musikgruppen, Orchestern, Chören und allen Kulturschaffenden und -begeisterten erneut das nötige Durchhaltevermögen sowie die notwendige Unterstützung wünschen und freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen in hoffentlich gut besuchten und unvergesslichen Live-Vorstellungen.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Hörspiel auf der Seite des Theater Nikola Landshut e.V..

Information:
Edgar Wallace, Der Hexer
Hörspielfassung und Regie: Thomas Ecker
Theater Nikola Landshut e.V. und Florian Rödl Multimedia
Laufzeit: 79 Minuten

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Edgar Wallace’s „Der Hexer“:

Für den Gaumen:
Eine Tasse Tee oder ein Glas Wein und es sich einfach mal gemütlich machen – das Hörspiel wirklich als Theaterstück für die Ohren bewusst genießen und zelebrieren – eine schöne Alternative zum herkömmlichen Fernsehabend.

Zum Weiterhören (I):
Für alle, die es jetzt in der Weihnachtszeit doch etwas besinnlicher mögen, gibt es eine Weihnachtsgeschichte, welche das Theater Nikola Landshut letztes Jahr aufgenommen hat und die auf YouTube kostenlos für Jedermann zu hören ist: Das Geschenk der Weisen“ – eine Weihnachtsgeschichte von O.Henry, die einen Vorgeschmack geben kann, wie professionell und mit wie viel Herzblut das Ensemble sich jetzt auch dem Hörspielgenre gewidmet hat. 12 Minuten, in welchen man sich bei adventlicher Stimmung einfach mal eine Geschichte erzählen lassen und diese genießen kann – ein Geschenk.

Zum Weiterschauen:
Bekannt ist „Der Hexer“ – wie viele andere Edgar Wallace-Klassiker – natürlich vor allem durch die kultigen Schwarz-Weiß-Verfilmungen aus den Sechziger Jahren mit Joachim Fuchsberger, Heinz Drache, Eddi Arent, Siegfried Lowitz usw.
Laut der Homepage des ZDF wird am 02. Januar 2022 „Der Hexer“ um 02:25 Uhr auf ZDF Neo ausgestrahlt – das Video soll am 02. Januar 2022 ab 10:00 Uhr verfügbar sein – wie wär`s mit etwas Kultkino aus dem Jahr 1964 zu Hause zum Start ins neue Jahr?

Zum Weiterhören (II):
Wer auf den Geschmack von Hörspielen gekommen ist, findet beim Bayerischen Rundfunk (Bayern 2) einen großen Hörspielpool, der viele kostenlose Podcasts anbietet, so zum Beispiel derzeit auch sechs Krimi-Hörspiele mit Kommissar Maigret nach Georges Simenon, welche in den Sechziger Jahren mit großartigen Sprechern wie z.B. Rolf Boysen und Fritz Straßner aufgezeichnet wurden. Sie dauern jeweils ca. eine Stunde und sind auf nostalgische Weise wunderbar unterhaltsam.

Gefühlvoller Schmetterling

Ganz große Oper – in jeder Beziehung – durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben. Die Premiere von Giacomo Puccini’s weltberühmter Oper „Madama Butterfly“ in Landshut war ein ganz besonderer und sehr emotionaler Abend, der mir wohl unvergessen bleiben wird.

Wenn vor einer Vorstellung – und schon gar bei einer Premiere – der Intendant die Bühne betritt, verheißt das meist nichts Gutes: In diesem Fall informierte er das Publikum, dass die Hauptdarstellerin des Abends Yitian Luan die Rolle der Butterfly Cio-Cio-San an diesem Abend aus gesundheitlichen Gründen leider nicht würde singen können. Doch der lange herbeigesehnte Premierenabend konnte dennoch gerettet werden, da mit Elizabeth Caballero, welche derzeit die Rolle an der Oper Stuttgart singt, kurzfristig ein hochkarätiger Ersatz gewonnen werden konnte.

Emotional war aber auch die Tatsache, dass die Niederbayerische Philharmonie zum ersten Mal seit März 2020 wieder vollzählig im Orchestergraben Platz nehmen und so die Zuschauer wieder in den Genuss des vollen Puccini-Orchester-Klangs kommen konnten. Bisher hatte man sich im Musiktheater während der Pandemie mit reduzierten Instrumentierungen und kleineren musikalischen Formationen beholfen.

Die Geschichte von Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ ist wohl weitestgehend bekannt – daher nur in Kürze: Ein amerikanischer Offizier geht während seiner Stationierung in Japan eine „Ehe auf Zeit“ mit der Geisha Cio-Cio-San ein. Sie verliebt sich unsterblich in ihn – obwohl dies für sie bedeutet, aus der Familie und japanischen Gesellschaft verstoßen zu werden – doch für ihn ist im Geheimen immer klar, dass er eines Tages eine amerikanische Frau heiraten wird. Er verlässt sie und sie wartet Jahr um Jahr darauf, dass er zu ihr und ihrem Sohn – von dem er nichts weiß – zurückkehrt. Bei seiner Rückkehr Jahre später bringt Pinkerton nicht den Mut auf, ihr gegenüber zu treten, sondern lässt ihr übermitteln, dass er den gemeinsamen Sohn mit nach Amerika nimmt, um ihm dort mit seiner Ehefrau eine bessere Zukunft zu bieten. So verliert Cio-Cio-San alles: ihren Geliebten, ihre Ehre und ihr Allerliebstes – ihren Sohn – und nimmt sich verzweifelt das Leben.

Großartig war die einfallsreiche und stimmige Inszenierung von Amir Hosseinpour und Jonathan Lunn, welche die bekannte Opernhandlung umrahmten: So tritt gleich zu Beginn – aber auch als roter Faden während des Stücks – der gemeinsame Sohn von Cio-Cio-San und Pinkerton „Dolore“ immer wieder auf die Bühne, der im New York der Fünfziger Jahre die „Butterfly Bar“ betreibt und sich nun anhand von Erinnerungsstücken mit der schmerzhaften Vergangenheit und Geschichte seiner Mutter auseinandersetzt. Ausdrucksstark rezitiert Uli Kirsch als Dolore aus Gedichten Rilke’s (in englischer Fassung) und überzeugt durch expressive Tanzszenen.

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke)

Die beiden Welten, die im Stück aufeinanderprallen: Japan und Amerika hat die Ausstatterin Andrea Hölzl, die für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, hervorragend umgesetzt. So mischt sie die asiatischen Elemente (in Form von farbenprächtigen Kimonos und Kostümen) in kräftigem Rot mit amerikanischen Anklängen, die an Andy Warhol erinnern – die Bar, die Cola-Dosen, das Petticoat-Kleid – Cio-Cio-San ist auch durch die unterschiedlichen Kostüme schon in ihrer Zerrissenheit zwischen japanischer Heimat und dem amerikanischen Geliebten, für den sie alles aufgibt, erkennbar.

Musikalisch war es ein Genuss, wieder vollen Orchesterklang hören zu dürfen und Puccini’s Oper ist dafür geradezu prädestiniert. Dirigent und GMD Basil H.E. Coleman durfte so endlich wieder einmal aus dem Vollen schöpfen.
Jeffrey Nardone gibt einen stimmlich kraftvollen Pinkerton und auch Kyung Chun Kim überzeugt als US-Konsul Sharpless mit seinem warmen Bariton. Reinhild Buchmayer singt eine gefühlvolle Suzuki, die vor allem auch im Blumenduett wunderbar harmoniert.

Der Star und Retterin des Abends war aber die quirlige, lebendige und stimmlich grandiose Elizabeth Caballero, die sich als kurzfristiger Ersatz und Gast hochprofessionell in die Inszenierung einfügte, schauspielerisch überzeugte und gesanglich wirklich glänzen konnte. Die schwere Partie der Cio-Cio-San meisterte sie mit einer souveränen Leichtigkeit und einer großen Variabilität im Ausdruck. Das Premierenpublikum war begeistert und bedankte sich mit tosendem Applaus.

Eine fulminante, umjubelte Premiere, die das Publikum berührte und im wahrsten Sinne des Wortes „ganz große Oper“ bescherte. Wieder einmal wurde klar, was in den vergangenen Monaten gefehlt und warum man dies vermisst hat.

So gehen am Ende noch beste Genesungswünsche an Yitian Luan, die hoffentlich in weiteren Vorstellungen ebenfalls in den Genuss kommen wird, das niederbayerische Publikum als Butterfly zu begeistern.

Gesehen am 22. Oktober 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Madama Butterfly“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Madama Butterfly“:

Zum Weiterhören:
Wer jetzt Lust auf die Oper bekommen hat und ein wenig hineinhören möchte, kann das zum Beispiel wunderbar mit der Arie der Butterfly „Un bel di vedremo“ tun. Zu den bekanntesten Interpretationen gehört sicherlich die von Maria Callas.

Zum Weiterlesen (I):
Eine schöne Möglichkeit, sich lesend und literarisch mit Giacomo Puccini zu beschäftigen, ist Helmut Krausser’s Roman „Die kleinen Gärten des Maestro Puccini“. Dem Autor ist es für meinen Geschmack hervorragend gelungen, biografische Elemente zu einem spannenden und sehr unterhaltsamen Roman zu verweben.

Helmut Krausser, Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
Dumont
ISBN: 978-3832179892

Zum Weiterlesen (II):
Madama Butterfly ist wohl eine, wenn nicht die bekannteste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Mythos der japanischen Geisha. Für mich unvergessen bleibt jedoch auch meine Lektüre des Romans von Arthur Golden „Die Geisha“, der 1997 erschien und den ich wohl kurz nach der Jahrtausendwende als englische Originalversion („Memoirs of a Geisha“) geliehen bekam und verschlungen habe.

Arthur Golden, Die Geisha
Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege
Penguin
ISBN: 978-3-328-10045-4

Nel blu dipinto di blu

Einen blauen, zauberhaften und gut gelaunten Abend durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern bei der neuen Italo-Pop-Revue „Azzurrodue“ von Stefan Tilch mit den „I Dolci Signori“ verbringen. Italienische Musik vom Feinsten sorgte für Urlaubsstimmung und Tanzlaune, so dass die Theaterbesucher für ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen konnten.

Dass die Deutschen eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Urlaubsland Italien haben, war bereits das Erfolgsrezept des ersten Italo-Pop-Musicals „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte und mit dem sich die Band „I Dolci Signori“ seitdem in die Herzen vieler Besucher in ganz Deutschland gespielt hat.

Dieser Kassenschlager und die Geschichte um den italienischen Musiker Rocky, seine große Liebe Frauke aus Gelsenkirchen und all die herrlichen Vorurteile und Klischees in den deutsch-italienischen Beziehungen, schreien also geradezu nach einer Fortsetzung. Und da ist sie: „Azzurrodue“ erzählt, was nach „Azzurro“ geschah: Die Beziehung von Frauke und Rocky ist nicht immer einfach: Frauke hat Heimweh nach Deutschland, ihre grandiosen Geschäftsideen sind in Italien nur mäßig erfolgreich und auch Rocky kann von seiner Musik mehr schlecht als recht leben, so dass die beiden immer noch mit Nonno, Mamma und der ganzen Großfamilie unter einem Dach hausen. Als dann plötzlich ein Kreuzfahrtschiff – die MS Steinkohle (der ganze Abend ist ein einziges großes Augenzwinkern) – im Hafen von Bari ankert und einen Musikwettbewerb mit lukrativem Preisgeld ausschreibt, scheint die Lösung naheliegend zu sein: Rocky, sein bester Freund Gianni und Frauke schmuggeln sich als blinde Passagiere an Bord.

Jetzt ist es an Frauke, den Traumschiff-Kapitän – Johann Anzenberger liefert wirklich eine erstklassige Florian-Silbereisen-Parodie ab – zu becircen, dass die Band am Wettbewerb teilnehmen darf. Doch die Lokalmatadoren – eine Mallorca-Ballermann-Band – scheinen keine Konkurrenz neben sich zu dulden. Und so bleibt Rocky und Gianni erst einmal nichts anderes, als das Deck zu scheuern, Zumba-Stunden als Animateure zu übernehmen und zu schuften.

Viel Wirbel an Bord, Kreuzfahrttouristen wie aus dem Bilderbuch und Beziehungsstress – dass die chaotisch-komische Rahmenhandlung dieses Mal vielleicht nicht unbedingt den größten Tiefgang – um im Seefahrerjargon zu bleiben – aufweist, gerät bei all der fantastischen Musik und den schwungvollen Choreographien von Sunny Prasch ohnehin schnell in den Hintergrund und tut dem furiosen Vergnügen wirklich keinerlei Abbruch.

Und so kommt das Publikum in den Genuss von großartiger italienischer Musik quer durch mehrere Jahrzehnte: von Lucio Dalla und Adriano Celentano über Al Bano und Romina Power, Toto Cotugno, Gianna Nannini, Eros Ramazzotti bis zu Jovanotti und Nek – um nur einige zu nennen. Der Italo-Sound ist vollkommen authentisch, absolut mitreißend und die Stimme von Rocky Verardo als Leadsänger und Hauptdarsteller wunderbar – und teils unglaublich nah an den Originalen. Kein Wunder, dass das Publikum schon bald mitswingt, mitsingt und mittanzt.

Das variable Bühnenbild, das mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist, zaubert ebenso Urlaubsstimmung auf die Bühne, wie die komödiantischen Einlagen und schnellen Kostümwechsel von Johann Anzenberger, der als Mamma, Olli, Traumschiffkapitän, Heino und, und, und … wieder ein regelrechtes Feuerwerk an Parodien, Komik und Witz zünden darf.

Bei allem Klamauk, gelingt aber auch ein nachdenklicher und stiller Moment im Stück, der mit einer getragenen Interpretation des traditionellen „Bella Ciao“ unter die Haut geht und sich bei mir besonders ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Sunny Prasch hat für das Ensemble schwungvolle und fröhliche Choreografien gestaltet, die man gerne mittanzen möchte – zauberhaft auch die von Fred Astaire angehauchte Schirm-Choreografie zu „Volare“.

Die Liste der großartigen Songs aus „Azzurrodue“ wäre zu lang, um alle zu nennen und auch die Auswahl meiner persönlichen Höhepunkte festzulegen ist schwierig, aber ein paar Beispiele seien dennoch genannt: beginnend mit „Piazza grande“ und den Klassikern „L’italiano“ (vielleicht auch bekannt durch die erste Zeile „Lasciatemi cantare…“) und „Bello e impossibile“, mochte ich auch die Interpretation von „Almeno stavolta“ (Nek) und den Ramazzotti-Songs („Le cose della vita“ und „Adesso tu“) sehr gern. Aber auch das neu fürs Stück komponierte Stück von Frontmann Rocky Verardo „Nave della libertà“ ist ein richtiger Ohrwurm.

Der Star des Abends ist also ganz klar die Band und die Musik, die mitreißt und das Publikum von den Sitzen lockt – kein Wunder, dass getanzt und gesungen wird, der Applaus am Schluss nicht enden will und noch mehrere Zugaben gefordert werden.

Fortsetzungen oder zweite Teile nach großen Erfolgen haben es meist nicht leicht, doch „Azzurrodue“ bietet dem Theaterpublikum erneut die wunderbare, unbeschwerte Möglichkeit, sich einen Abend lang nach Italien und in die Welt der Musik entführen zu lassen, dabei zu tanzen, die liebgewonnenen Bekannten aus „Azzurro“ (Rocky, Gianni, Frauke, Mamma, Nonno usw.) wiederzutreffen und die Alltagssorgen einfach einmal zu vergessen. Einfach mal azzurro bzw. blau machen – einen Theaterbesuch lang.

Gesehen am 25. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Azzurrodue“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Azzurrodue“:

Für den Gaumen:
Zwar verschmähen die Familienmitglieder in der Inszenierung die feinen, frisch gekochten Spaghetti der Mamma, aber ein schöner Teller Pasta passt wirklich hervorragend zu diesem italienisch inspirierten Theaterabend.

Zum Weiterhören oder Weiterschauen:
Am Anfang war die Band: Die „I Dolci Signori“ – die seit 2002 live gemeinsam unterwegs sind – sind das Herzstück der Inszenierung und Stefan Tilch hat mit „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte, und „Azzurrodue“ das Repertoire der Italo-Pop-Band jeweils inhaltlich verbunden und in eine Geschichte bzw. Rahmenhandlung eingeflochten. Im Anschluss an die erfolgreichen und umjubelten Aufführungen im Landestheater Niederbayern, tourt die Band mit beiden Revuen auch durch Deutschland (wer möchte, findet die Termine auf der Homepage der Band und kann dort auch in Hörproben ihrer bisher erschienenen CDs reinhören).

Zum Weiterlesen:
Da „Azzurrodue“ ja auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, fällt auch eine kurze Anspielung auf „Novecento“ und „die Legende vom Ozeanpianisten“. Musiker auf einem großen Passagierschiff zu sein – das ist hier die Parallele. Der italienische Klassiker aus dem Jahr 1994 ist von Alessandro Baricco ursprünglich als Monolog und Theaterstück angelegt.

Alessandro Baricco, Novecento
Übersetzt von Karin Krieger
Atlantik Verlag
ISBN: 9783455650846

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Weltstars in der guten Stube

Wenn ein Weltstar wie Bariton Christian Gerhaher in Begleitung seines kongenialen Partners am Klavier Gerold Huber in meine Heimatstadt kommt, dann möchte ich das natürlich gerne miterleben. Und ich hatte Glück, eine der begehrten Eintrittskarten für den Liederabend Anfang August zu ergattern. Der Rathausprunksaal in Landshut wird gerne auch als die „gute Stube“ der Stadt bezeichnet und da die Wetterprognosen äußerst durchwachsen und unplanbar waren, wurde das ursprünglich als Freiluftaufführung im Innenhof des ehemaligen Franziskanerklosters geplante Konzert vorsichtshalber in den nicht weniger ehrwürdigen Rahmen dieses Saals verlegt. Für die Akustik und den Hörgenuss war dies sicherlich eine gute und richtige Entscheidung und so konnte ich das mehrfach preisgekrönte Duo, das sich seit langer Zeit dem Liedgesang widmet, aus nächster Nähe und im festlichen Saal genießen.

Das Programm des Abends war durchaus anspruchsvoll und gerade wenn man bisher nicht so häufig Liederabende besucht und sich mit dem Genre noch nicht so beschäftigt hat, erforderten die Stücke konzentriertes Hören und eine gewisse Offenheit gegenüber neuen, aufs erste Lauschen vielleicht ungewohnten Harmonien und Klängen.

Den Auftakt bildete die „Elegie op.36“ von Othmar Schoeck (1886 – 1957) – einem Schweizer Komponisten, der auch mir bisher weitgehend unbekannt war und der sich vor allem dem Lied verschrieben hatte.
In seiner Elegie vertonte er Gedichte von Joseph von Eichendorff und Nikolaus Lenau. Letzterer gilt als Vertreter des „Weltschmerz“ – seine Gedichte und auch Schoecks Musik behandeln die Trauer über die Vergänglichkeit – melancholisch, schwermütig und traurig. Nur selten blitzt ein Fünkchen Hoffnung auf – und doch gibt es sehr schöne Melodien und musikalische Lautmalereien zu entdecken – so gefielen mir zum Beispiel das neunte Lied „An den Wind“ und Lied Nr.12 „Herbstklage“ besonders gut.

Nach der Pause ging es weiter mit Werken von Robert Schumann:
Sechs Gesänge op.107“, „Vier Husarenlieder op.117“ und „Sechs Gesänge op.89“. Gerhaher bezeichnet sich selbst als Schumannianer, so dass dieser Komponist an diesem Abend natürlich auch nicht fehlen durfte.
Er wählte drei kürzere Zyklen aus der zweiten großen Schaffensperiode Schumann’s im Bezug auf die Liedkomposition – den Jahren 1849-1852 – aus. Und wie meinte der Bariton in seiner kurzen, augenzwinkernden Anmoderation selbst, er „mutet den Landshutern einiges zu“, denn auch der zweite Teil blieb in der musikalischen Grundstimmung vorwiegend düster.

Das Publikum war dennoch vollkommen begeistert und erarbeitete sich mit tobendem und lange anhaltendem Applaus noch einige Zugaben, unter anderem Schumann’s „Nr.2 – An den Mond“ aus „Drei Gesänge op.95“.

Ein paar Worte möchte ich auch noch zu Landshut’s „guter Stube“ verlieren, welche diesen Liederabend beheimatet hat:
Der neugotisch gestaltete Rathausprunksaal in Landshut ist vor allem bekannt für seine Wandgemälde, welche Szenen der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 darstellen. Dieses wichtige Ereignis in der Stadtgeschichte wird (wenn keine Pandemie dazwischen kommt) alle vier Jahre mit großem Aufwand und möglichst originalgetreu nachgespielt. Die nächste Aufführung ist (um zwei Jahre verschoben) nun für das Jahr 2023 geplant.

Auf dem folgenden Gemälde sieht man das Brautpaar:

Foto: Kulturbowle

Im Wagen sitzt die Braut Jadwiga bzw. Hedwig – die Tochter des polnischen Königs Kasimir IV., die den neben der Kutsche auf dem Rappen reitenden in braun gewandeten Bräutigam Herzog Georg den Reichen von Bayern-Landshut 1475 heiratete.

Der Saal mit den umlaufenden Gemälden, den eindrucksvollen Bronzelüstern und den Kachelkaminen spielt im Leben der Landshuter Bürger stets eine Rolle: als Konzertsaal, als Ort feierlicher Preisverleihungen und als Schauplatz der Aufführungen des Fest- und Tanzspiels der Landshuter Hochzeit.
Ein schöner und würdiger Ort also für dieses Konzert, der zwar ausverkauft aber natürlich aufgrund der Hygieneregeln luftig besetzt war.

Die Intimität eines Liederabends ist etwas Besonderes, denn man erlebt den Solisten häufig deutlich intensiver und in viel mehr stimmlichen Klangfarben und Facetten, als dies bei einer Oper der Fall sein kann. Zudem lenkt kein Bühnenbild, kein Kostüm und keine Handlung vom Wesentlichen ab und so kann man sich ganz auf den musikalischen Genuss, die Stimme, den Klang des Klaviers und den Text, die Worte bzw. die vertonten Gedichte konzentrieren.
Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber wenn man sich darauf einlässt und man das Glück hat, einen der derzeit Besten bzw. die besten Interpreten dieses Genres auf der Bühne erleben zu dürfen, dann ist es eine ganz besondere Erfahrung.

Es war faszinierend, die Dynamik, das Stimmvolumen und die unterschiedlichen Klangfarben von Christian Gerhaher’s Bariton so intensiv genießen zu dürfen. Da sitzt jeder Ton, jede Nuance und Gerhaher’s Stimme hat eine Wärme, die mich immer wieder begeistert. Es war eine wahre Freude diese beiden Musiker, die sich blind zu verstehen scheinen und perfekt harmonieren, zu hören und zu sehen – Musik in seiner reinsten Form und ein puristisches, intensives Konzerterlebnis, das ich nicht vergessen werde.

Gesehen am 06. August 2021 im Rathausprunksaal Landshut

Abendlied

Es ist so still geworden,
Verrauscht des Abends Weh’n,
Nun hört man aller Orten
Der Engel Füße geh’n.

Rings in die Tiefe senket
sich Finsternis mit Macht;
Wirf ab, Herz, was dich kränket,
Und was dir bange macht!

Nun steh’n im Himmelskreise
Die Stern‘ in Majestät;
In gleichem, festem Gleise
Der goldne Wagen geht.

Und gleich den Sternen lenket
Er deinen Weg durch Nacht;
Wirf ab, Herz, was dich kränket,
Und was die bange macht!


Gottfried Kinkel; Liedtext aus Robert Schumann „Sechs Gesänge op. 107“ – Nr.6 Abendlied

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich der Liederabend:

Zum Weiterschauen und Weiterhören:
Christian Gerhaher und Gerold Huber haben über die Jahre bereits eine Vielzahl von Liedern gemeinsam aufgenommen und so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. So haben sie zum Beispiel unter anderem eine Gesamtaufnahme aller Schumann Lieder realisiert, die in Kürze erscheinen soll.
Einen interessanten Beitrag hierzu gibt es aktuell auf der Website von BR Klassik zu sehen und zu hören – wer also eine Eindruck in die Arbeit von Christian Gerhaher und Gerold Huber bekommen möchte, hat hier eine gute Gelegenheit.

Zum Weiterlesen:
In Frank Tallis’ Krimis um den Psychoanalytiker Max Liebermann, die im Wien des frühen 20. Jahrhunderts spielen, ist der Liedgesang ein Hobby, das die beiden Hauptfiguren verbindet: Inspektor Reinhardt und Liebermann treffen sich neben den gemeinsamen Ermittlungen auch regelmäßig, um zusammen zu musizieren. Wer historische Krimis und die Stadt Wien mag, dem kann ich die Reihe sehr empfehlen und es macht Sinn, mit dem ersten Band „Die Liebermann-Papiere“ zu beginnen.

Frank Tallis, Die Liebermann-Papiere
Aus dem Englischen von Holger Wolandt, Lotta Rüegger
btb
ISBN: 978-3-442-73463-4

Ein Stück vom Himmel

Freiluftaufführungen haben ein ganz besonderes Flair. Wenn das Wetter mitspielt, sind sie unglaublich stimmungsvoll. Doch manchmal wirft man auch immer wieder skeptische Blicke zum Himmel und sendet so manches stille Gebet zum heiligen Petrus, dass alles gut über die Bühne geht und das Wetter hält.
Bei der Premiere des musikalischen Heurigenabends „Zur fesch’n Wirtin“ in Landshut hatte Petrus ein Einsehen und bis auf ein paar (absolut verschmerzbare) Regentropfen zwischendurch war alles wunderbar.

Das Musiktheaterensemble des Landestheater Niederbayern aus Passau zauberte eine schwungvolle, amüsante und kurzweilige Aufführung auf die Freiluftbühne im Prantlgarten, die einem urigen Heurigenlokal nachempfunden war. Mit großer Spielfreude und bestens aufgelegt zündeten sieben Gesangssolisten des Ensembles begleitet durch die „Generalschrammelmusi“ unter der Leitung des GMD Basil H. E. Coleman am Flügel ein wahres Feuerwerk der bekanntesten und beliebtesten Wiener Lieder und Operettenmelodien garniert mit nahezu komödiantisch-kabarettartigen Einlagen.

Die Wirtin Josepha alias Mezzosopranistin Reinhild Buchmayer heißt unterstützt von ihrem Oberkellner Leopold und dem Hilfskellner Schani eine illustre Runde von Gästen in ihrem Wiener Heurigenlokal „Zur fesch’n Wirtin“ willkommen.

Da ist der Stammgast Pepi: Bariton Peter Tilch, der neben seinen schönen, solistisch dargebotenen melancholischen Wiener Liedern (wie zum Beispiel „Wann der Herrgott net will“ oder dem Hobellied) auch den ganzen Abend an der Klarinette, dem Saxophon und der Gitarre als Instrumentalist im Einsatz und voll gefordert war.

Seine Begleitung Stanzi – alias Claudia Bauer – die er aufgrund des hinreißenden Charmes der Wirtin manchmal jedoch sträflich vernachlässigte, wirbelte im Pünktchen-Petticoat-Kleid mit mädchenhafter Leichtigkeit über die Bühne und konnte in witzigen Nummern wie „Wie man eine Torte macht“ oder „Heut’ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wean“ auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen.

Ewelina Osowska als Mitzerl, die sich im Laufe des Abends von der verhuschten Putzfrau zum heißen Feger mausert, war nicht nur an der Violine im Einsatz, sondern interpretierte auch große Sopranpartien, wie zum Beispiel die Arie der Adele aus der Fledermaus „Spiel ich die Unschuld vom Lande“.

Daniel Preis alias Ferdl – der jugendliche Liebhaber des Abends – konnte als temperamentvoller und leidenschaftlicher Verehrer der Damenwelt voll und ganz überzeugen und auch sein Auftritt als „gschupfter Ferdl“ mit Brillantinentolle und „grün und gölb gestreifte Socken“ wird mir unvergessen bleiben.

Für lustige, komödiantische Momente sorgten aber auch die koreanischen Kollegen Bass Heeyun Choi bzw. Heinzi und Bariton Kyun Chun Kim – auch Kurti genannt. Letzterer sprach mit seiner Arie aus der Operette Giuditta von Franz Lehár den Menschen mit seinem vollen Klang – hier steht er dem legendären Richard Tauber in nichts nach – aus der Seele:

„Freunde, das Leben ist lebenswert“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

An einem solchen Abend mit schöner Musik unter freiem Himmel und solchen Sängern möchte man am Ende mit voller Überzeugung mit einstimmen:

„Das Leben ist schön, so schön!“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

Ganz groß aber auch die Bass-Nummer „I was born under a wandering star“, in welcher Heeyun Choi sein unfassbares Stimmvolumen unter Beweis stellen konnte.

Neben allem Klamauk bescherten mir die beiden aber auch den Gänsehautmoment des Abends mit einem wunderschönen, getragenen Lied aus ihrer koreanischen Heimat: „Arirang“.

Doch auch die Wirtin Josepha – absolut authentisch und liebreizend verkörpert durch die gebürtige Salzburgerin Reinhild Buchmayer – durfte mit etlichen Stücken und unter anderem dem auf den Leib geschriebenen „Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein“ die Männer auf der Bühne und das Publikum verzaubern.

Heurigencharme, Weinseligkeit, Wirtshausgeschichten und viel schöne Musik, ein spritziger Abend voller Leichtigkeit, einem Schuss Wiener Melancholie und einem bestens gelaunten Ensemble, das den Funken von der Bühne auf die Besucher überspringen ließ. Ein wohltuender Schritt zurück in ein hoffentlich wieder mögliches Theaterleben.

Und so wird neben dem musikalischen Vergnügen auch der folgende Spruch des Abends im Gedächtnis bleiben:

„Wenn dir das Leben eine Zitrone schenkt, dann leg ein Wiener Schnitzel drunter.“

Regisseurin Margit Gilch hat einen zauberhaften und runden Abend zusammengestellt, der allen Sängerinnen und Sängern ermöglichte, sich in tollen Liedern von ihrer Schokoladenseite zu zeigen und zu glänzen. Die Stücke waren perfekt gewählt und durch die lustige Rahmenhandlung, gelungene Gags und eine ordentliche Portion Wiener Schmäh durfte das Publikum einen heiteren und beschwingten Abend verbringen. Klatschen, mitwippen, mitsingen und ein wenig Schunkeln – ein gutgelauntes Publikum belohnte das Ensemble am Ende mit begeistertem Applaus.

Die Spielzeit 2020/2021 des Landestheater Niederbayern – die zum allergrößten Teil ja leider nur digital stattfinden konnte – geht mit diesem schönen, glücklich machenden Musikabend versöhnlich und mit einem Lichtblick zu Ende. Live-Theater hat nichts von seiner Faszination und Schönheit eingebüßt, hoffen wir also, dass wir nach der Sommerpause im Herbst auch wieder in den Genuss von spielenden und singenden Menschen auf unseren Bühnen kommen können.

Gesehen am 9. Juli 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Zur fesch’n Wirtin“ ist in dieser Spielzeit noch heute und morgen Abend in Landshut zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Zur fesch’n Wirtin“:

Für den Gaumen:
Die Vorankündigung versprach einen weinseligen Abend. Ein Versprechen, das gehalten wurde. Zum Heurigen passt klassisch ein Grüner Veltliner oder ein Gemischter Satz aus Österreich. Und für die gute Unterlage entweder eine zünftige Jaus’n oder doch ein Wiener Schnitzel?

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Bei so vielen Liedern und Operettenarien fällt eine Auswahl oder ein besonderer Tip wirklich schwer. Mit den Operetten „Im weißen Rössl“ oder „Der Fledermaus“ geht man aber in aller Regel fröhlich pfeifend, summend und gut gelaunt aus dem Theater.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich das genussvolle Buch des Kochs Vincent Klink „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ hier auf meinem Blog vorgestellt. Wer also neben dem Wiener Heurigen noch gerne weitere kulinarische und kulturelle Tips zur österreichischen Hauptstadt haben möchte, der kann hier fündig werden:

Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663