Theaterglück mit griechischem Chor

Aktuell ist die Kulturbowle – aufgrund der Schließung von Theatern und kulturellen Einrichtungen – fast ausschließlich eine „Bücherbowle“. Aber ich dachte mir, dass ich jetzt nach einigen Wochen des „Lockdown light“ die Durststrecke der theaterlosen Zeit mit einem Rückblick auf einen sehr schönen Theaterabend vielleicht ein wenig verkürzen kann. Denn Ende Oktober – zwei Tage bevor die Theater wieder geschlossen werden mussten – durfte ich noch eine sehr schöne und amüsante Premiere von Woody Allen’s Komödie „Geliebte Aphrodite“ (in der Bearbeitung für die Bühne von Jürgen Fischer) im Landestheater Niederbayern erleben.

Lenny and Amanda – New Yorker Intellektuelle – sind verheiratet und bisher kinderlos glücklich, doch plötzlich wünscht sich Amanda ein Kind. Jedoch hat die aufstrebende Galeristin keine Zeit für eine zeit- und kräfteraubende Schwangerschaft, daher beschließt sie, ein Kind zu adoptieren. Sie setzt das Vorhaben kurzerhand in die Tat um ohne groß Lenny’s Zustimmung abzuwarten, der sich anfangs nicht mit dem Gedanken anfreunden kann.

Doch der kleine Max entpuppt sich als Sonnenschein und wahres Wunderkind. Die außergewöhnliche geistige Begabung des Jungen weckt in Lenny den Wunsch, mehr über die leiblichen Eltern seines Adoptivsohns in Erfahrung zu bringen. Er beginnt zu recherchieren – die Suche nach dem Vater endet schnell, weil dieser bereits verstorben ist – aber bei der Mutter gelingt es ihm, diese aufzuspüren.

Um so mehr schockiert es ihn, als er feststellt, dass diese als Pornodarstellerin und Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdient und ihr Bildungsniveau gemäß seinen Ansprüchen deutlich zu wünschen übrig lässt. Lenny setzt sich in den Kopf, Linda Ash – die leibliche Mutter seines Sohnes – wieder auf den Pfad der Tugend zu führen und ihr einen geeigneten Mann zu suchen, der sie glücklich macht, so dass er sich als Kuppler versucht – zahlreiche Verwicklungen natürlich inbegriffen.

Ergänzt wird die Handlung durch Figuren der griechischen Mythologie – wie unter anderem Kassandra (herrlich komödiantisch dargestellt durch Friederike Baldin), dem blinden Seher Teiresias (Joachim Vollrath) oder Ödipus (Stefan Sieh), um nur einige zu nennen. Doch vor allem wird die Bühnenhandlung stets begleitet, moderiert und kommentiert durch den Chorleiter und einen griechischen Chor angelehnt an die Tradition der griechischen Tragödie.

„Geliebte Aphrodite“ ist eine subtile Komödie, die durchaus auch mit leiseren, gefühlvollen Szenen aufwartet – kein Schenkelklopfer, der einem die Lachtränen in die Augen treibt, sondern vielmehr ein liebevolles, amüsantes und kurzweiliges Schauspiel, das durchaus ernste Themen in witzige und tiefgründige Situationen verpackt. Und zugleich doch auch ein Stück, das mit einiger Ironie und scharfzüngigem Witz viel Charme versprüht und dem Publikum gute Laune bereitet.

Diese Filmvorlage Woody Allen’s scheint gerade durch den Kunstgriff des griechischen Chors und der Kommentierung des Geschehens durch Chorleiter und Chor ohnehin wie gemacht für die Bühne und auch das Bühnenbild dieser Inszenierung mit den Säulen, hinter welchen die Chormitglieder Stellung beziehen und mit Masken spielen, verstärken die Parallelen zum griechischen Schauspiel. Das ist geschickt gelöst und bietet zugleich den nötigen Corona-Abstand zwischen den Schauspielern, ohne dass dies gekünstelt oder aufgesetzt wirkt. Sowohl Regisseurin Veronika Wolff als auch Ausstatterin Beate Kornatowska haben hier das richtige Händchen für diesen Komödienstoff bewiesen und eine rundum stimmige Inszenierung auf die Bühne gezaubert.

Jochen Decker spielt einen sehr liebenswürdig neurotischen, zerknautschten und wuseligen Lenny Weinrib – eine tolle Rolle, in der er viele Register seiner Schauspielkunst ziehen kann. So gibt er einen sehr sympathischen, verklemmt-verwirrten Intellektuellen, dem man gerne zusieht und dem die Herzen der Zuschauer zufliegen – eine perfekte Besetzung.

Großartig fand ich persönlich Olaf Schürmann als herrlich verschmitzten, humorvollen und allwissenden Chorführer, der im Hintergrund stets die Geschicke und das Schicksal Lenny’s lenkt und versucht, ihn unbeschadet durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu steuern. Das ist mit viel Augenzwinkern und wunderbarer Leichtigkeit gespielt, die einem als Zuschauer gute Laune pur bereitet, was man in diesen Zeiten ja auch wirklich mal gebrauchen kann. Seine Tanzszene am Ende des Stücks zaubert allen ein Lächeln ins Gesicht.

Ella Schulz schlüpft in die Rolle der rotzig-trotzigen Prostituierten und Pornodarstellerin Linda Ash, die davon träumt, eine große Schauspielerin zu werden. Sie verkörpert anfangs mit ihrer lauten, ordinären Art den klaren Kontrast zur feinsinnig-intellektuellen Kunsthändlerin Amanda – hervorragend gespielt von Katharina Elisabeth Kram.

Das Stück erfordert durch zahlreiche Nebenrollen und den Chor, der stets kommentiert und begleitet, ein großes Aufgebot und so kommt fast das ganze Landshuter Ensemble zum Einsatz.
Es hat große Freude gemacht, die wunderbare und gelungene Gesamtleistung der Schauspieler/innen und die Spielfreude erleben zu können und so verlässt man das Theater beglückt. Durch die amüsante und witzige Komödie ist man gut gelaunt, aber doch auch traurig in dem Wissen, dass jetzt wieder pausiert werden muss und dies für längere Zeit wieder der letzte schöne Theaterabend gewesen sein wird. Das Premierenpublikum war begeistert, der Applaus lang und anhaltend und jeder wünscht sich, bald wieder in den Genuss von Live-Theater kommen zu dürfen.

Gesehen am 30. Oktober 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

Wenn es die Coronasituation zulässt, ist „Geliebte Aphrodite“ hoffentlich in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Geliebte Aphrodite“:

Für den Gaumen:
In der Landshuter Inszenierung führen Lenny und Amanda zu Beginn ein Gespräch über Kinder mit einem befreundeten Ehepaar in einer italienischen Trattoria und sprechen dort ordentlich dem Rotwein zu. Daher war es naheliegend, den Theaterabend auch zu Hause bei einem schönen Glas Merlot ausklingen zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Vorlage für das Stück ist selbstverständlich Woody Allen’s Film „Geliebte Aphrodite“ aus dem Jahre 1995, in welchem er neben Drehbuch und Regie auch die Hauptrolle des Lenny selbst übernahm. Mira Sorvino erhielt für die Darstellung der Linda den Oscar als beste Nebendarstellerin. Ich gestehe, dass ich den Film bisher nicht gesehen habe – was aber wohl dem Theatergenuss sogar zuträglich war, da man dann nicht ständig Vergleiche anstellt. Sollte sich jetzt aber mal die Gelegenheit bieten, werde ich mir den Film gerne mal ansehen.

Zum Weiterlesen oder Weiterschauen:
Der griechische Chor und der Seher Teiresias erinnern natürlich sofort an die griechische Tragödie und Sophokles‘ „Antigone“, die ich in der Spielzeit 17/18 am Landshuter Theater sehen konnte. Wer Lust hat, sich mal wieder einem Klassiker zu widmen und festzustellen, wie zeitlos auch Stoffe aus dem Jahre 442 vor Christus heute noch sein können, der ist hier gut aufgehoben:

Sophokles, Antigone
Reclam
ISBN: 978-3-15-019075-3

Urfaust – endlich wieder live!

Endlich wieder Theater! Nach einer langen Corona-Pause und zwei schönen und kurzen Freiluft-Intermezzi im Sommer, meldet sich das Landestheater Niederbayern mit der ersten Schauspielpremiere der neuen Spielzeit wieder zurück und präsentiert sich mit Goethes „Urfaust“ dem Publikum. Nach der langen corona-bedingten Durststrecke ohne die geliebten Theaterbesuche war meine Vorfreude auf die erste Premiere riesig und die Spannung entsprechend groß, wie der Theaterbetrieb und eine Inszenierung unter Einhaltung der nötigen Hygienevorschriften aussehen kann. Gleich vorneweg: es funktioniert und fühlt sich – trotz der reduzierten Platzbesetzung im Saal – auch nach Theater an.

Goethes Urfaust weist bereits viele Züge des späteren Faust I auf, der deutlich häufiger gespielt wird. Man erkennt vieles wieder und doch ist dieser frühe Faust, der erst 1918 uraufgeführt wurde, noch stark geprägt vom Sturm und Drang. Ein dynamisches Stück, das ohne Pause gespielt, einen großen Sog entwickelt. Die Handlung über den verzweifelten Wissenschaftler, der vom Teufel unterstützt, ein junges Mädchen verführt und in den Wahnsinn treibt, ist hinlänglich bekannt und muss sicher nicht näher ausgeführt werden.

Die Inszenierung, die Regisseur Peter Oberdorf und sein Team hier auf die Bühne gezaubert haben, spielt mit der Distanz zwischen den Figuren – natürlich erfordert Corona gleichsam aus der Not eine Tugend zu machen – aber das Konzept ist absolut stimmig und steht für sich selbst. Das wirkt nicht erzwungen oder aufgesetzt, sondern natürlich und logisch, denn die Figuren im Stück agieren nicht auf Augenhöhe und kommen sich daher auch nicht wirklich nah. Zu gravierend sind die Unterschiede in Stand, Alter und Bildung bei Gretchen und Faust, zu tief sind die Abgründe zwischen Mephisto und dem gläubigen Gretchen und zu groß ist auch die Kluft zwischen Faust – dem Intellektuellen – und den betrunkenen Gästen in Auerbachs Keller.

Das Bühnenbild ist mit einem Kubus, der sich vom Studierzimmer, zu Gretchens Stube bis hin zum Kerker wandeln kann und zahlreichen gläsernen Trennwänden sehr variabel und vielseitig. Unterstützt durch Videoprojektionen und Musik ergeben sich so eindrückliche Bilder, die lange nachwirken.
Oberdorf schafft eine moderne, sehr heutige Inszenierung, die auch in Schülervorstellungen bei einem jungen Publikum Anklang finden wird und dem zeitlosen Charakter des Stücks gerecht wird. Lediglich die Idee, Auerbachs Keller in ein äußerst zwielichtiges Bordell zu verlagern, fiel für meinen Geschmack ein wenig zu sehr aus dem Rahmen.

Besonders stark war die Inszenierung für mich vor allem in den leisen Szenen, die Darstellung der aufkeimenden Verliebtheit Gretchens und die Funken, die zwischen ihr und Faust entfacht werden – elektrisierend gespielt auch über die Distanz hinweg. Und auch die Szene im Garten – im Wechselspiel der Paare Faust/Gretchen und Mephisto/Marthe war magisches Theater, so wie es sein soll.

Für mich steht und fällt mein Urteil über eine gelungene Faust-Inszenierung meist mit der Besetzung des Mephisto. Wenn diese wichtige Figur das richtige Feuer und Format besitzt und von einem guten Darsteller verkörpert wird – hat das Stück für mich schon fast gewonnen. Und Kammerschauspielerin Ursula Erb als Mephisto ist eine Idealbesetzung: sie auf der Bühne zu erleben ein Genuss – teuflisch gut.
Die Idee, den Mephisto weiblich zu besetzen, war schon 1999 eine sehr gute, als ich das große Glück hatte, Adele Neuhauser in Regensburg in dieser Rolle zu erleben und auch Ursula Erb verkörpert diese faszinierende Figur mit großer Bühnenpräsenz und dem nötigen schlitzohrigen, zynischen Witz.

Julian Ricker gibt zu Beginn den zerzausten, verzweifelnden, nach Erleuchtung suchenden Wissenschaftler mit Nerdbrille – abgeschottet in seinem Studierzimmer-Kubus. Später erleben wir ihn als Intellektuellen, der sich in Gretchen eine unerfahrene und unpassende Partnerin zum Stillen seiner Lust auswählt und diese ins Verderben stürzt. Ein überzeugender, junger Faust, der gut zum „Sturm und Drang“-Charakter des Urfaustfragments passt, das Goethe zeitlich parallel zum „Leiden des jungen Werthers“ verfasste.

Friederike Baldin verkörpert anfangs ein junges, unerfahrenes, fast burschikoses und sehr heutiges Gretchen (mit Smartphone, Kopfhörern und Chucks), das in den Szenen mit Faust immer weiblicher und weicher wird – so dass mir gerade ihre Interpretation der Szenen im Garten und die „Gretchen“-Frage als besonders gelungen und intensiv in Erinnerung bleiben.

Ella Schulz als liebeshungrige Witwe Marthe Schwertlein fügt dem Ganzen eine witzige, komödiantische Komponente hinzu und so offenbart das Ensemble auch in den Nebenrollen mit Stefan Sieh (unter anderem als übermotivierter Famulus Wagner), Reinhard Peer, Julian Niedermeier und Isabella Könsgen große Spielfreude und Energie und man spürt als Zuschauer, wie groß die Freude auf Seiten der Darsteller ist, wieder auf der Bühne und vor Publikum spielen zu dürfen.

Die Premierenbesucher waren begeistert und belohnten die Leistung des Ensembles und des Regieteams gleichermaßen mit lange anhaltendem Applaus. Das Theater hat in der Corona-Pause nichts von seiner Kraft und Magie verloren und so ist man und bin ich sehr dankbar, diese auch endlich wieder live erleben zu können.

Der „Urfaust“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

Gesehen am 18. September 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

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Was passt zum „Urfaust“:

Für den Gaumen:
Da den Zechern in Auerbachs Keller der auf teuflische Weise herbeigeschaffte „Reinwein, (…), Muskaten, (…) Tockayer“ (das ist Goethes Orthografie – nicht meine) nicht sonderlich bekommt, habe ich den schönen Theaterabend zu Hause mit einem fränkischen Riesling aus- und nachklingen lassen.

Weiterer Theatergenuss:
Als Theaterfreund ist man gegebenenfalls bereits mal in einer Vorstellung von „Gretchen 89FF.“ – dem Theaterkabarett von Lutz Hübner – gelandet. Falls nicht und falls das Stück einmal in der Nähe gespielt wird, sollte man die Gelegenheit unbedingt nutzen. Denn wenn man „seinen Faust“ ein wenig kennt, ist das wirklich sehr unterhaltsam und eine amüsante Art, sich dem großen Klassiker mal von der lustigen Seite zu nähern.

Zum Weiterlesen:
Zum Steigern der Vorfreude und Auffrischen meiner Faust bzw. Urfaust-Kenntnisse habe ich das Stück vor meinem Theaterbesuch nochmal gelesen (meine Reclamausgabe im Schrank hatte noch einen Preisauszeichnung in DM). Gerade bei solchen Klassikern mache ich das gerne und bin dann immer wieder fasziniert, wie lebendig der Text wird, wenn man ihn live im Theater erleben kann.

Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Frühere Fassung (»Urfaust«)
Hrsg.: Brandes, Peter
Reclam Verlag
ISBN: 978-3-15-019594-9

Ein Buch, das mich aber auch bereits vor vielen Jahren nachhaltig beeindruckt hat und mir stets aufs Neue in den Sinn kommt, wenn ich wieder mit dem Fauststoff in Berührung komme, ist der Roman „Mephisto“ von Klaus Mann.

Klaus Mann, Mephisto
rororo
ISBN:  978-3-499-27686-6