Wegbereiter im Dunkel

Thomas Mullen’s „Darktown“ stand schon eine ganze Weile auf meiner Liste der Bücher, die ich lesen möchte, und im Januar war dann die richtige Zeit gekommen. Eine Reihe, die schon seit langem in Bloggerkreisen und auf dem Buchmarkt große Aufmerksamkeit genießt und schon häufig besprochen wurde. Jetzt kann ich dies für den ersten Band auch selbst beurteilen: zu Recht.

Denn die Grundidee des Autors, Rassismus in Kriminalromanen zu thematisieren, somit einer breiteren Öffentlichkeitsschicht zugänglich zu machen und hierfür den geschichtlichen Hintergrund bzw. die wahre Geschichte der ersten farbigen Polizisten im Police Department Atlanta’s zu verarbeiten, ist brilliant und auch hervorragend umgesetzt.

„Dieselben Stadträte, die endlich Dienstmarken an Negroes ausgegeben hatten, konnten sich immer noch keine Welt vorstellen, in der farbige Polizisten neben weißen saßen oder mit ihnen gemeinsam aßen, duschten, sich in denselben Umkleidekabinen umzogen oder dieselben Klos benutzten.“

(S.68)

Atlanta 1948 – „Darktown“ ist der Teil der Stadt, in welchem hauptsächlich farbige Bewohner leben. Und genau dort kommen auch die ersten farbigen Polizisten zum Einsatz – in einer Einheit des Police Departments, die neu gegründet wurde – ein Pilotprojekt. Lucius Boggs und Tommy Smith gehören zu dieser Gruppe von Wegbereitern und sind Teil dieser „besonderen“ Einheit. Noch traumatisiert durch die Erlebnisse im zweiten Weltkrieg bahnen sich die beiden ihren Weg durch das Viertel und die menschlichen Abgründe, auf welche sie stoßen.

Offener Rassismus durch weiße Kollegen und Mitmenschen gehört zu ihrem Alltag. Schikanen jeglicher Art, verbale und körperliche Gewalt und die Behinderung ihrer Arbeit sind an der Tagesordnung. Tagtäglich kämpfen sie um Akzeptanz, Respekt und Anerkennung und erfahren selbst von farbigen Mitbürgern häufig nur Skepsis und Ablehnung ihrer Arbeit.

„Das war alles, was Officer Lucius Boggs für seine farbigen Mitbürger tun konnte, sie in die nächste Hölle schicken.“

(S.144)

Nicht mit den selben Befugnissen und Rechten ihrer Kollegen ausgestattet, müssen sie teils hilflos mit ansehen, wie sich der offene Rassismus auch in Polizeigewalt der weißen Kollegen gegenüber ihren farbigen Mitmenschen Bahn bricht.

Als eine junge farbige Frau tot aufgefunden wird, die sie kurz vorher noch in der Begleitung eines weißen Mannes gesehen hatten, wird schnell klar, dass auf breiter Front wenig Interesse an der Aufklärung des Falls und der Wahrheit besteht. Schnell werden Aussagen angezweifelt, Berichte umgeschrieben und Hilfe verweigert, um sie in ihrer Arbeit zu behindern. Doch dieses Verbrechen lässt sie nicht los und so wird auf eigene Faust und unter großer Gefahr ermittelt.

Und plötzlich erfahren sie überraschend Unterstützung von einer Seite, von welcher sie diese nicht erwartet hätten, denn auch ein weißer Kollege ist zunehmend angewidert vom offenen Rassismus und den Gewalttaten seines Ermittlungspartners.

Die großen Stärken des Romans sind für mich die detaillierte Schilderung der geschichtlichen Hintergründe und die unmittelbaren, schmerzlichen und direkten Beschreibungen der Situationen, in welchen Boggs und Smith Diskriminierung, Ausgrenzung und Hass aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren und erleiden müssen. Mullen macht unmissverständlich klar, dass von Chancengleichheit und Gleichberechtigung keine Rede sein kann. Dem Leser die Einschränkungen und die Ungleichbehandlung klar zu machen und ihn mit jeder Seite mehr und mehr verstehen zu lassen, wie sich dies konkret in alltäglichen Situationen stets aufs Neue bemerkbar macht, das ist für mich die große Leistung des Autors. Es sind keine subtilen, kleinen Nicklichkeiten, welche Boggs und Smith widerfahren, das sind himmelschreiende Ungerechtigkeiten und unmenschliche physische und psychische Gewalt.

Leser verstehen nach der Lektüre etwas mehr über Rassismus, die Geschichte der farbigen Bürger der USA, den Ku-Klux-Klan, gesellschaftliche Verwerfungen und aufgeheizte, politische Debatten. Ein wichtiges und opulentes Buch und ein gelungener Auftakt einer Krimireihe, die Thomas Mullen mit „Weisses Feuer“ und „Lange Nacht“ zu einer Trilogie ausgebaut hat.

Meine Empfehlung ist, sich für das Buch Zeit zu nehmen, es in Ruhe und wenn möglich in längeren Stücken zu lesen. Denn die knapp 480 Seiten brauchen etwas Konzentration und Muße, damit man etwas davon hat. In Häppchen von 20 oder 30 Seiten kann sich der notwendige Lesefluss und Spannungsbogen nicht so recht aufbauen.

Zudem sollte man sich wappnen für unangenehme Wahrheiten, große Ungerechtigkeiten und menschliche Abgründe: „Darktown“ ist ein Buch, das beim Lesen schmerzt und jeden, der sich auf diesen nahezu klassischen Polizeiroman mit historischem Hintergrund einlässt, zwingt, sich mit dem brisanten und leider immer noch brandaktuellen Thema Rassismus auseinander zu setzen.

Weitere Besprechungen finden sich unter anderem auch bei Kaffeehaussitzer, Buchbube, Buch-Haltung und dem Blog der Schurken.

Buchinformation:
Thomas Mullen, Darktown
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8353-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Darktown“:

Zum Weiterhören:
Während der Lektüre hatte sich bei mir ein regelrechter innerer Ohrwurm festgesetzt: „Son of a preacher man“ – im Original aus dem Jahr 1968 von Dusty Springfield – also viel später als das Jahr 1948, in welchem der Roman „Darktown“ spielt. Aber nachdem eine der Hauptfiguren der Sohn eines Predigers ist und dies auch immer wieder thematisiert wird, hatte ich auf einmal diesen Song im Kopf.

„Ich bin der Sohn eines Pastors. Ich selbst bin keiner.“
„Na Gott sei Dank. Ich mag Männer mit ein bisschen Dreck an den Sohlen. Der Abrieb des Lebens ist so viel interessanter als der Glanz der Ewigkeit, sag ich mir immer.“

(S.340)

Zum Weiterlesen:
Thomas Mullen hat mit „Weisses Feuer“ und „Lange Nacht“ seine Darktown-Trilogie vervollständigt. Wer also nach „Darktown“ wissen möchte, wie es mit den Kollegen des Police Departments weitergeht, der kann die Lektüre nahtlos fortsetzen.

Thomas Mullen, Weisses Feuer
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8395-0

Thomas Mullen, Lange Nacht
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8143-7

Kunstvolles Verwirrspiel

Ein Kriminalfall im Kunstmilieu und eine Detektei, die auf diese Art von Verbrechen spezialisiert ist – seit dem Fall Gurlitt oder dem Raub im Dresdner Grünen Gewölbe war dieses Genre literarisch überfällig. Mit der Kunstdetektei von Schleewitz und dem ersten Fall „Der Turm der blauen Pferde“ hat Bernhard Jaumann diese Nische des Kunst-Krimis für sich entdeckt und einen unterhaltsamen und spannenden Auftakt mit einem Ermittlerteam geschaffen, welches das Zeug dazu hat zu beliebten Serienhelden zu werden.

Im Zentrum des Romans steht Franz Marc’s weltberühmtes Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ aus dem Jahr 1913, das seit 1945 als verschollen gilt, nachdem es 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und Hermann Göring es vereinnahmte.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf, zu einem tiefblauen Leben, das sich selbst genügte und alle anderen Farben an den Rand drängte.“

(S.12/13)

Berchtesgaden Mai 1945 – zwei Bauernjungen entdecken in einem einsamen Eisenbahntunnel jede Menge Kisten, die sie zunächst für ein Munitionsdepot halten. Als die Neugier sie dazu treibt, eine davon zu öffnen, stoßen sie auf etliche Gemälde und eines davon fasziniert den jungen Ludwig so sehr, dass er es unbedingt besitzen will, obwohl es nicht dem nationalsozialistischen Ideal entspricht. Eine lange, dramatische Geschichte voll dunkler und blutiger Geheimnisse beginnt.

Im Jahr 2017: Rupert von Schleewitz betreibt in München gemeinsam mit seinen Kollegen Klara und Max eine kleine Kunstdetektei. Als plötzlich das verschollene Gemälde Franz Marc’s „Der Turm der blauen Pferde“ bei einem Großindustriellen auftaucht, das dieser unter seltsamen Umständen erwerben konnte, grenzt dies an eine Sensation. Um jegliche Zweifel an der Echtheit des Kunstwerks auszuräumen, beauftragt er die Detektei, die Herkunftsgeschichte des Bildes zu klären.

Doch wie lässt sich die zeitliche Lücke zwischen dem Verschwinden während des zweiten Weltkriegs und dem Jahr 2017 schließen? Eine schwierige Spurensuche beginnt, welche die Detektive quer durch Bayern, nach Berlin, sowie vom einfachen Bergdorf nahe Berchtesgaden, über die Münchner Schickeria auch in die zeitgenössische Kunstszene führt.

Jaumann erschafft spannende Charaktere: Da ist Rupert von Schleewitz, Inhaber der Detektei und Frauenheld, der sich während der Ermittlungen von einer potenziellen Zeugin der Gemäldeübergabe den Kopf verdrehen lässt bis er sie aus den Augen verliert. Unterstützt wird er von Klara Ivanovic, der Kunstexpertin des Teams, aufgewachsen als Tochter eines exaltierten Künstlers, der ihre eigenen künstlerischen Ambitionen stets im Keim erstickte, so dass sie Kunstgeschichte studierte und um den sie sich mittlerweile aufgrund seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung verstärkt kümmern muss. Und da ist Max – stark geforderter Vollblutfamilienvater einer blockflötenden und einer pubertierenden Tochter – der für Detailrecherche jeglicher Art sowie Archivbesuche zuständig ist und der obwohl er ihn manchmal woanders hat, doch auch seinen eigenen Kopf durchsetzt. Ein kunterbunt zusammengewürfeltes Team, das gegensätzlicher nicht sein könnte und sich dennoch auch aufgrund der Vielseitigkeit gut ergänzt. Figuren mit Ecken, Kanten und kleinen Geheimnissen, die mit Sicherheit noch nicht auserzählt sind und so definitiv Stoff für weitere Episoden bieten.

Mir gefällt Jaumanns Tonfall, der sich flüssig und spritzig liest und mich auch mit den stellenweise satirischen Seitenhieben auf die Münchner Schickeria und die teils exzentrische Kunstszene köstlich amüsiert hat. Der Plot ist raffiniert und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, so dass man als Leser mitfiebern und -rätseln kann. Ein Leckerbissen für Hobbyschatzsucher und Krimifans der unblutigen Sorte, die idealerweise ein Faible für Geschichte, Kunst und Malerei haben und sich literarisch gerne mal wieder in die bayerische Hauptstadt und die nahegelegene Bergwelt begeben möchten.

Dieser Kunstkrimi mit seiner gelungenen Mischung aus Spannung, Lokalkolorit und geschichtlich-künstlerischem Hintergrund hat bei mir auf jeden Fall die Lust auf mehr geweckt und so freue ich mich bereits jetzt darauf, dass im Mai 2021 die Fortsetzung „Caravaggios Schatten“ erscheinen wird.

Eine weitere Besprechung des Kriminalromans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Turm der blauen Pferde“:

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Bei der Lektüre ist auf jeden Fall das Münchner Lenbachhaus auf meine Wunschliste der Museen gewandert, die ich nach Normalisierung der Corona-Lage gerne besuchen würde. Die große Sammlung mit Werken der Künstler des Blauen Reiters beherbergt unter anderem auch Franz Marc’s „Blaues Pferd I“, welches dem verschollenen „Der Turm der blauen Pferde“ in der farblichen Gestaltung und in der Motivwahl sehr nahesteht.

Zum Weiterschauen:
2014 brachte George Clooney den Film „Monuments Men“ in die Kinos, in welchem er sowohl Regie führte, das Drehbuch schrieb als auch die Hauptrolle selbst übernahm. Basierend auf einer wahren Begebenheit handelt er von einer handverlesenen Gruppe von Kunstschutzsoldaten, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs versuchten, Raubkunst sicherzustellen und Kunstschätze für die Nachwelt zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Kennengelernt habe ich Bernhard Jaumann bereits vor vielen Jahren durch seinen außergewöhnlichen und mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Krimi „Saltimbocca“. Ein Band aus seiner fünfbändigen Reihe, welche fünf Sinne und Metropolen in den Mittelpunkt stellt. Sein verblüffendes Verwirrspiel in der ewigen Stadt gespickt mit kulinarischen Leckereien der römischen Küche, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen lässt, ließ mir damals das Wasser im Munde zusammenlaufen und das Krimiherz höher schlagen.

Bernhard Jaumann, Saltimbocca
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3041-0

Schnee in Paris

Die ersten weißen Weihnachten in Paris seit dem Jahr 1962 und die Leser von Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ dürfen dabei sein, wenn der Commissaire in den schneebedeckten Straßen der Weltstadt seinen dritten Fall löst. In der Regel bin ich nicht unbedingt ein Freund von Weihnachtskrimis, zumal diese häufig allzu klischeebehaftet und kitschig daherkommen. Aber irgendwie ist dieses Jahr vieles anders – und wenn sich schon die Adventszeit ausschließlich zu Hause abspielt, wollte ich zumindest literarisch ein wenig „weiße Weihnachtsatmosphäre“ aus anderen Gefilden genießen. Ein bisschen Romantik, Kulinarik und etwas Wärmendes für die Seele und so bin ich an diesem schmalen, schön gestalteten Band von Alex Lépic nicht vorbeigekommen, da ich im Sommer bereits die ersten beiden Fälle von Commissaire Lacroix mit einigem Vergnügen gelesen habe.

Zu Beginn langweilt sich der Commissaire schrecklich, denn in seinem Arrondissement scheint bereits der vorweihnachtliche Friede eingekehrt zu sein und es ist quasi nichts los. Kein Fall in Sicht, nichts zu ermitteln. Doch bei der gemütlichen Zeitungslektüre in seinem Lieblingslokal stößt er plötzlich auf eine Meldung, die ihn aus seiner Genussseligkeit (bei Ente und Rotwein) und seiner Lethargie reißt: Auf der beliebten Place de Tertre in Montmartre wurde doch tatsächlich die Weihnachtsbeleuchtung gestohlen. Wer macht so etwas? Und wie konnte dies unbeobachtet und unbemerkt geschehen?

Obwohl Montmartre nicht in seine Zuständigkeit fällt, lässt dieses hinterhältige Verbrechen Lacroix keine Ruhe und er eilt seiner Kollegin im Nachbarrevier zu Hilfe, mischt sich in die Ermittlungen ein. Als dann auch noch kurz darauf die große Weihnachtstanne bei Sacré-Cœur gefällt wird, scheint klar zu sein, dass es sich hier um eine Verbrechensserie eines Weihnachtshassers handeln muss. Was plant dieser als Nächstes und wird Lacroix den Täter noch vor dem Weihnachtsfest fassen?

„Lacroix hatte es bisher vielleicht zehnmal in seinem Leben erlebt: Schnee in Paris. Die Stadt versank dann im Chaos – aber sie war auch wunderschön.“

(S.35)

Ich gebe zu, dass ich das Buch nicht wirklich wegen des Kriminalfalls gelesen habe, sondern viel mehr wegen des ganzen „Drumherum“, des Flairs, der Atmosphäre, den Schilderungen von Restaurants und Bistros, den beschriebenen Mahlzeiten und Getränken und dem liebenswerten Kommissar und seiner wunderbaren Frau. Weiße Weihnachten in Paris: schneebedeckte Straßen, leckere Rotweine, feines Essen, touristische Attraktionen, die Künstler von Montmartre – kurzum der Lokalkolorit und das französische „Savoir vivre“ machen für mich den Reiz dieser Krimis von Alex Lépic aus und darin ist er großartig. Er stillt das Fernweh und ein wenig auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die man gerade jetzt in der Weihnachtszeit ja auch mal haben kann.

Die Figuren sind rundum liebenswert und wachsen einem sofort ans Herz: Lacroix – der Handyverweigerer und Flaneur, der seine Gattin, die Bürgermeisterin eines Pariser Arrondissements ist, auf Händen trägt und mit ihr gemeinsam das Leben zu genießen weiß. Die Wirtin seines Stammlokals mit Hündchen Idefix sind ebenso Sympathieträger wie der Bruder des Commissaires, der als Priester stets ein offenes Ohr für seinen Bruder bei der Polizei hat und teilweise auch beratend zur Seite steht.

Und so liest sich das Ganze sehr genussvoll und flüssig und man fliegt gerade so durch die Seiten, was mich zu einem kleinen Wermutstropfen bringt:
Ein wenig kurz ist dieser Weihnachtsfall für meinen Geschmack geraten, denn mit seinen lediglich 200 Seiten ist das gerade mal eine knackig-kurze Unterhaltung für einen Nachmittag oder einen Abend. Nichtsdestotrotz etwas fürs Herz (ein bisschen Kitsch durfte sein), mir wurde weihnachtlich und behaglich zumute und ich habe die Lektüre wirklich genossen. Mit Sicherheit kein Krimi für Freunde der blutrünstigen und härteren Gangart oder Fans atemberaubender Spannung, aber für alle, die gerne mal einem sympathischen, leicht schrulligen Kommissar in einer Weltstadt mit Flair beim Ermitteln zusehen und Gefallen an Lokalkolorit und viel kulinarischen Inspirationen haben, sind hier gut aufgehoben. Nicht umsonst wird Lacroix in den Romanen von seinen Polizeikollegen und der Presse immer wieder als der neue Maigret bezeichnet. Große Fußstapfen, aber die Richtung stimmt.

Wer ein bisschen Weihnachtsatmosphäre, Pariser Schneegestöber und Lichterglanz zelebrieren, einfach mal ein paar Stündchen abschalten und die Welt und die Sorgen draußen lassen möchte, der wird hier auf seine Kosten kommen. Joyeux Noël!

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kück Leselust.

Buchinformation:

Alex Lépic, Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
Kampa
ISBN: 978 3 311 12517 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“:

Für den Gaumen (I):
Weihnachtszeit ist bei vielen Entenzeit und auch Commissaire Lacroix kann sich dafür begeistern:

„Die Ente war kross und die Soße aus Rotwein und Zwiebeln dunkel und glänzend. So hatte er es am liebsten. Dazu (…) weiße Bohnen aus Tarbes“

(S.11)

Für den Gaumen (II):
Lacroix ist einem guten Tropfen niemals abgeneigt und so kann man auch das eine oder andere über französische Weine lernen. Zu schade nur, dass man nicht gleich mitprobieren und verkosten kann. Sich nach einem winterlichen Spaziergang durch Paris in einem urigen Bistro wieder aufzuwärmen und sich zum Beispiel ein Gläschen Chinon von der Loire zu gönnen wie der Commissaire, da hätte wohl kaum jemand etwas dagegen.

Zum Weiterhören:
Wie für mich – gehört auch für Lacroix, dessen Bruder Priester ist – ans Ende des Weihnachtsgottesdiensts das traditionelle und wunderschöne „Stille Nacht, heilige Nacht“ – natürlich in seinem Fall mit französischen Text: „Douce nuit, Sainte nuit“.

Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsausgabe „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ ist bereits Commissaire Lacroix’ dritter Fall. Wer also gerne chronologisch liest und die Charaktere bereits mit ihrer Vorgeschichte kennenlernen möchte, sollte mit Band 1 (Lacroix und die Toten vom Pont Neuf) und 2 (Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain) beginnen, die ebenfalls lesenswert sind:

Alex Lépic, Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
Kampa
ISBN: 978 3 311 12500 6

Alex Lépic, Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain
Kampa
ISBN: 978 3 311 12509 9

Morden mit der Schreibmaschine

Eine Verfilmung des Klassikers „Mord im Orientexpress“, die ich Anfang November im Fernsehen sah, rückte Agatha Christie wieder in mein Bewusstsein und auf einmal wollte ich mehr über die weltberühmte „Queen of Crime“ erfahren. Die im Frühjahr diesen Jahres im Osburg Verlag erschienene Biografie „Agatha Christie – eine Biografie“ von Barbara Sichtermann stellte sich hier als eine hervorragende Wahl heraus.

Wer war diese Agatha Christie, welcher der Rummel um ihre Person und die öffentliche Aufmerksamkeit stets unangenehm und unheimlich blieb? Wie wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin aller Zeiten, die doch auch viel zu lange als trivial abgetan und unterschätzt wurde? Antworten auf diese Fragen konnte mir Barbara Sichtermann in ihrer sprachlich gelungenen und wunderbar lesbaren Biografie definitiv geben.

Das Buch begleitet Christie auf ihrem Weg zur erfolgreichen Berufsschriftstellerin, aber beleuchtet auch die private Seite der Autorin und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. So heiratet sie früh Archie Christie, doch die Ehe zerbricht. Mit ihrem mysteriösen Verschwinden in der Endphase der Ehe, das eine tagelange Suche durch Polizei und Medien nach sich zog, ging sie in die Annalen ein und sorgte für einen Medienrummel sondergleichen. Glücklich wurde sie jedoch an der Seite ihres zweiten Ehemannes Max Mallowan, der viele gemeinsame Reisen mit ihr unternahm und auch ihr Interesse für Archäologie und den nahen Osten weckte.

Sichtermann lässt den Leser der Geburtsstunde von Hercule Poirot und Miss Marple beiwohnen und gibt interessante Einblicke in die Arbeitsweise und das künstlerische Schaffen Christies. Sie verdeutlicht auch, wie hart Christie immer für den Erfolg ihrer Theaterstücke gearbeitet hat, die ihr so wichtig und stets Herzensangelegenheit waren. Bis heute ist „Die Mausefalle“ das Stück, das weltweit am längsten ununterbrochen im Londoner Westend zu sehen ist bzw. war (bis zum Corona-Lockdown im März 2020).

„Sich selbst gestand Agatha ein, dass sie, seit sie als Sechzehnjährige die Tosca studiert hatte, ihren Traum von der Bühne nie ganz beerdigen konnte. Wenn es denn wegen ihrer schwachen Mittellage zur Sängerin nicht gereicht hatte, dann sollte ihre Stimme wenigstens durch den Mund ihres listigen Detektivs oder eines infamen Killers auf den Brettern erschallen.“

(S.217)

Spannend fand ich vor allem auch die Charakterisierung der Krimiautorin, die zeigt, wie ambivalent sie in vielen Dingen doch war.
Ich durfte Christie, die eigentlich lieber Opernsängerin geworden wäre, als zupackende, reise- und abenteuerlustige Frau kennenlernen, die sich – wenn sie es für erforderlich hielt – über die Konventionen der damaligen Zeit hinwegsetzte und doch auch immer in der Tradition der britischen Klassengesellschaft verwurzelt blieb. So investierte sie bevorzugt in hochherrschaftliche Immobilien und führte gerne ein Leben in schönen Häusern mit entsprechendem Hauspersonal – da lebte die „gute, alte Zeit“ noch ein wenig fort. Und doch entschied sie sich auch gegen jede Konvention für eine Scheidung und in ihrer zweiten Ehe für einen 14 Jahre jüngeren Mann, was damals nahezu einem gesellschaftlichen Tabubruch gleichkam.

Sichtermann hat viel mit Originalzitaten aus Christie’s Autobiografie und ihren Briefen gearbeitet, welche dann stets kursiv hervorgehoben und kenntlich gemacht sind. Das gibt dem Buch einen stimmigen und authentischen Klang, weil man das Gefühl hat, Agatha Christie selbst zuzuhören.
Als sehr angenehm habe ich auch die flüssige Sprache der Autorin empfunden, welche in der Biografie nicht so sehr den Fokus auf die wissenschaftliche Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten gelegt hat, sondern vielmehr darauf, eine literarisch ansprechende Lebensgeschichte zu erzählen, die sich mit Genuss lesen lässt.

Und doch habe ich nach der Lektüre auch das Gefühl, viel erfahren und gelernt zu haben und jetzt ein wenig mehr über diese Grand Dame des Kriminalromans zu wissen. Eine interessante Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unkonventionalität, die stets ihren eigenen Weg ging und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde.

Am Ende fand ich es noch spannend, dass ich – bei aller Unterschiedlichkeit und trotz des großen zeitlichen Abstands – einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Christie und mir selbst entdecken konnte: Christie war von Kindheit an selbst eine passionierte Leserin. Sie liebte – wie ich – Shakespeare und benannte sogar eines ihrer Bücher, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste, nach einem Shakespeare-Sonett „Absent in the spring“ (deutsch: „Ein Frühling ohne dich“). Zudem war sie zeit ihres Lebens eine große Liebhaberin des Theaters, das sie dem damals neu entstehenden und aufstrebenden Medium Film stets vorzog – auch das haben wir gemeinsam.

Wer sich also ebenfalls auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Agatha Christie begeben möchte oder einfach nur mehr über den Menschen hinter den Büchern und die Schöpferin von so unsterblichen Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple erfahren möchte, dem kann ich Barbara Sichtermann’s Biografie wärmstens empfehlen.

Buchinformation:
Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Agatha Christie – Eine Biografie“:

Für den Gaumen:
Agatha Christie liebte Tee, d.h. in dieser Beziehung entsprach sie dem typischen Klischee der Britin, so wie wir uns dies gerne vorstellen. Sie zog den Tee stets dem Alkohol vor. D.h. die Lektüre verlangt geradezu nach einer gepflegten Tasse schwarzem Tee.

Zum Weiterschauen:
Hier möchte ich sehr frei nach Goethe zitieren: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern“, denn ab und an kann ich mich wirklich immer wieder erneut für die Schwarz-Weiß-Verfilmungen der Miss Marple-Romane mit Margaret Rutherford aus den 60er Jahren begeistern – auch wenn Agatha Christie selbst diese nicht so sehr schätzte. Und dann schaue ich – gerne in der Winterzeit – in eine der x-ten Wiederholungen rein. Klar kann man das nicht immer sehen, aber ab und zu habe ich da wirklich Freude daran. Ein bisschen Nostalgie darf sein und wenn das Miss Marple Thema von Ron Goodwin mit dem typischen Spinett-Sound ertönt, bekomme ich gleich gute Laune.

Zum Weiterhören:
Agatha Christies letzter Fall für Miss Marple „Ruhe unsanft“ war ihr Vermächtnis, das posthum im Jahre 1976 veröffentlicht wurde und den sie bereits im Jahre 1940 in einem Tresor deponiert hatte. Der Hörverlag hat 2013 eine gekürzte Lesung dieses Werks herausgebracht, die mir gut gefällt – zumal diese von der grandiosen und unvergleichlichen Katharina Thalbach gelesen wird.

Agatha Christie, Ruhe unsanft
übersetzt von: Eva Schönfeld
Gekürzte Lesung gelesen von Katharina Thalbach
der Hörverlag
Hörbuch (CD) gekürzt, 3 CDs, Laufzeit: 3h 44 min
ISBN: 978-3-8445-1013-3

Zum Weiterlesen:
Meine letzte Agatha Christie-Lektüre liegt schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch stehen einige Bände bei mir im Regal. So zum Beispiel der Band „Die Tote in der Bibliothek“, der mich als Büchermensch natürlich sofort angesprochen hatte: ein schmaler Band und ebenfalls ein Fall mit der unübertroffenen Miss Marple.

Agatha Christie, Die Tote in der Bibliothek
übersetzt von Barbara Heller
Atlantik
ISBN: 978-3-455-65005-1

Olympische Ermittlungen

Volker Kutscher’s neuesten Fall für Gereon Rath „Olympia“ habe ich dieses Mal tatsächlich sofort am Erscheinungstag in meiner örtlichen Buchhandlung erstanden. Nein, ich habe nicht vor der Buchhandlung campiert (so schlimm ist es dann doch nicht), sondern ganz entspannt den Buchkauf am Feierabend mit einem Spaziergang verbunden. Aber dieser neue Band stand definitiv ganz oben auf meiner Wunschliste und wollte dann auch schnellstmöglich gelesen werden. Und es hat sich – wie immer – auch beim achten Fall gelohnt und dann ist man stets ein wenig traurig, wenn die Lektüre vorbei ist und man wieder sehnsüchtig auf einen potenziellen nächsten Band warten muss.

„Man konnte ihnen einfach nicht entgehen, überall sah man sie, die fünf Ringe, blau, schwarz, rot, gelb, grün, nicht nur an Flaggenmasten und Fassaden, auch in Schaufenstern, an Autos und Kinderwagen, an jedem verdammten Fahrrad flatterten sie.“

(S. 46)

August 1936, Berlin ist im Ausnahmezustand – die Olympiade und die damit verbundene Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten hat die Stadt fest im Griff – die ganze Stadt ein einziges Flaggenmeer. Im Hause Rath hängt der Haussegen schief, da Gereon ohne Rücksprache mit Charly eingewilligt hat, amerikanische Olympiatouristen zu beherbergen. Charly, der das Nazi-Regime aus tiefstem Herzen verhasst ist, will mit den olympischen Spielen und dem damit verbundenen Brimborium bzw. der Selbstinszenierung der Partei nichts zu tun haben und hätte diesem Vorhaben ihres Ehemanns niemals zugestimmt.
So zieht sie kurzerhand für einige Tage zurück zu ihrer Freundin Greta, lässt Gereon mit den Touristen allein und die beiden gehen eine Weile getrennte Wege.

Und auch Fritze – der ehemalige Pflegesohn der Raths – der mittlerweile einer politisch zuverlässigeren Pflegefamilie zugewiesen wurde – geht seine eigenen Wege. Eine aufregende Zeit für den Jungen, der – dank seiner Mitgliedschaft in der Hitlerjugend – spannende Aufgaben im Jugendehrendienst der Olympiade übernehmen darf. Im olympischen Dorf und an den Wettkampfstätten übernehmen die Jungen einfache Tätigkeiten und Botendienste und haben so die Chance, die olympischen Spiele und ihre großen Idole hautnah zu erleben. So erlebt Fritze auch den Zwiespalt, dass er als Hitlerjunge doch eigentlich gar nicht so begeistert sein dürfte vom großen Ausnahmesprinter Jesse Owens oder dem US-Hochspringer Dave Albritton, der ihn kurzerhand zum persönlichen Maskottchen und Glücksbringer erklärt. Doch er erlebt die Stars als sehr unkompliziert und umgänglich und muss fortan seine Sympathie zu den dunkelhäutigen Sportlern andauernd vor seinen linientreuen Kameraden verteidigen – sein glorifiziertes Bild des Nationalsozialismus gerät zunehmend ins Wanken.

Bei einem seiner Botengänge wird Fritze in der Kantine des olympischen Dorfs Zeuge, als ein amerikanischer Funktionär während des Essens plötzlich tot zusammenbricht. Die Organisatoren und die Politik versuchen alles, den Vorgang herunterzuspielen und unter den Teppich zu kehren. Ein Mord bei Olympia? Das passt nicht ins Konzept und so erhält Gereon den Auftrag verdeckt im Olympischen Dorf zu ermitteln und den Fall möglichst diskret zu lösen. Denn für die Nationalsozialisten ist die Lösung sofort naheliegend: es kann sich nur um einen Anschlag der Kommunisten handeln, um die festlichen Spiele zu sabotieren und zu entweihen.
Binnen kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse, Gereon trifft alte Bekannte aus Polizei- und Verbrecherkreisen wieder und sowohl er selbst als auch Fritze geraten in höchste Gefahr.

Wie immer entwickelt auch dieser Kriminalfall sofort nach einem mystischen und geheimnisvollen Prolog, der einen unaufhörlich rätseln lässt, was dieser wohl bedeuten mag, einen unheimlichen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Kutscher versteht es jedes Mal aufs Neue, den Leser mit einer intelligenten und hochspannenden Handlung sowie ungemein sympathischen Hauptfiguren – Gereon, Charly und Fritze sind einem ja längst ans Herz gewachsen – in den Bann zu ziehen.

Seine große Stärke ist es auch, die Atmosphäre und die zeitlichen Umstände so packend und stimmig zu beschreiben, dass man regelrecht in die damalige Zeit und die Geschichte abtaucht. Das ist fesselnd, packend, man liest und liest und vergisst alles um sich herum. Für mich bedeutet das, eine solche Lektüre idealerweise auf ein Wochenende zu legen, um möglichst viel Zeit am Stück zu haben und es richtig genießen zu können.
Denn für mich war „Olympia“ definitiv ein großer Genuss und aufgrund der besonderen zeitlichen Rahmenhandlung ein ausnehmend starker Band in einer ohnehin durchgängig außergewöhnlichen Krimireihe. Für mich eines der absoluten Lesehighlights in diesem Herbst.

Volker Kutscher ist jetzt mit seiner Serie in einer sehr dunklen Zeit der deutschen Geschichte angekommen, dem auch das sehr düstere, schwarze Cover des Buches Rechnung trägt und es bleibt mit Spannung zu erwarten, ob und wie er die Reihe fortsetzt – zumal „Olympia“ mit einem wahrhaftig großen Knall zu Ende geht.

Eine weitere begeisterte, ausführliche Besprechung zu „Olympia“ gibt es beim Kaffeehaussitzer.

Gegebenenfalls noch ein Hinweis: „Olympia“ ist der achte Fall von Volker Kutscher’s Gereon-Rath-Reihe und es empfiehlt sich definitiv, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Wer also die Bände davor noch nicht kennt darf sich glücklich schätzen, denn dann hat sie oder er noch viel Lesegenuss vor sich und sollte diese wirklich von Anfang an in der chronologischen Reihenfolge lesen, da immer wieder Rückbezüge zu früheren Fällen auftauchen.

Buchinformation:
Volker Kutscher, Olympia
Piper
ISBN: 978-3-492-07059-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Olympia“:

Für den Gaumen:
Gereon und Charly trinken zur Beruhigung der strapazierten Nerven häufig mal einen Cognac. Und nervenaufreibend und hochgradig spannend ist auch die Lektüre von „Olympia“ auf jeden Fall.

Zum Weiterlesen (1):
Ich teile die literarischen Vorlieben für „verbotene Bücher“ mit Greta, Charly und Fritze. So liest Greta in diesem Roman zum Beispiel Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ und trauert um den Autor, der kurz zuvor im Winter 1935 im schwedischen Exil verstorben war und auch Fritze will auf seine geliebten Erich Kästner-Bücher nicht verzichten, die ihm sein Pflegevater wegnimmt und verbietet. Mit ihm gemeinsam ist mir die große Liebe zu Erich Kästner und seinem „fliegenden Klassenzimmer“.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2094-8

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-607-2

Zum Weiterlesen (2):
Wer mehr über die Olympiade 1936 und den zeitlichen Hintergrund erfahren möchte, dem sei Oliver Hilmes’ „Berlin 1936“ sehr ans Herz gelegt. Ein herausragendes Buch, das diese Zeit hervorragend beschreibt und begreifbar macht und zudem sehr angenehm und flüssig zu lesen ist.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin
ISBN: 978-3-328-10196-3

Spurlos verschwunden am Sacrower See

Oliver Hilmes stößt mit „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ auf neues Terrain vor und doch bleibt er sich als Historiker und seiner akribischen Art zu recherchieren treu. Der Untertitel lautet „eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre“ und der Autor, der bislang vor allem durch erstklassige und sehr gut lesbare Biographien wie „Herrin des Hügels“, „Witwe im Wahn“ und „Ludwig II.“ auf sich aufmerksam machte, verpackt hier eine mysteriöse, wahre Begebenheit, auf welche er im Rahmen seiner Recherchen zu „Berlin 1936“ gestoßen war, in eine spannende Erzählung.

Im Juni 1932 verschwindet der Berliner Arzt Dr. Erich Mühe eines nachts spurlos. Sein heiß geliebtes Auto wird einsam am Ufer des Sacrower Sees (in der Nähe von Potsdam) gefunden und zunächst deutet alles darauf hin, dass er bei einem nächtlichen Badeunfall ums Leben gekommen ist. Eine Leiche wird jedoch nie gefunden. Die Polizei – in Gestalt von Kommissar Keller und seinem Assistenten Schneider – beginnt zu ermitteln und es häufen sich die Anzeichen, dass der Mediziner wohl nicht einfach nur beim Schwimmen ertrunken ist. In zahlreichen Befragungen – und Oliver Hilmes stützte sich hier auf die Protokolle der realen Ermittlungsakte – der Ehefrau, deren Gesangslehrers, des Hauspersonals und zahlreicher Personen aus dem Umfeld des Arztes ergeben sich bestürzende Erkenntnisse und der Fall nimmt mehr als nur eine überraschende Wendung.

„Das fängt ja gut an, denkt Keller. Der Gatte ist verschwunden und die Ehefrau spricht von Scherereien.“

(S.45)

Denn die Ehefrau scheint nicht all zu sehr zu trauern und kann es kaum erwarten, in den Besitz der hoch abgeschlossenen Lebensversicherung zu gelangen, um dann – wenn man den Gerüchten in der Nachbarschaft glauben schenken kann – ein neues Leben mit ihrem Gesangslehrer zu beginnen, der wohl auch ihr Liebhaber zu sein scheint. Doch der wohlsituierte Arzt, der finanziell auf ungewöhnlich großem Fuß lebte, hatte offenbar auch unstandesgemäßen Umgang mit kriminellen Kreisen. Die Ermittlungen, die sich über viele Jahre erstrecken, werden immer mysteriöser, so manche Spur läuft ins Leere und es eröffnen sich menschliche Abgründe, welche weder der Ermittler noch der Leser erwartet hätte.

Der Stil ist reduziert, fast nüchtern und knapp und ähnelt durch die Erzählform in der Gegenwart, fast einem polizeilichen Ermittlungsprotokoll. Und doch blitzt die eine oder andere süffisante Stelle auf und vor allem schmückt Oliver Hilmes seine Erzählung mit vielen, atmosphärischen Details, welche den Leser authentisch in das Berlin der 30er Jahre eintauchen lassen. Es ist ihm wichtig, dass man sich in diese Zeit und das Flair hineinversetzen kann. Da wird beschrieben, was es im Aschinger – einem Berliner Kultlokal – zu essen gab oder wieviel ein U-Bahnticket kostet. Zudem streift man mit den Personen durch die Straßen und die Ladenzeilen mit Tabakläden, Wäschereien oder Trikotagengeschäften. Das ist sehr stimmig und unwiderstehlich gut erzählt – man spürt die Lust des Autors an der Recherche und der Zeitgeschichte in jedem Absatz.

Das Buch ist kein klassischer Kriminalroman, es ist vielmehr eine zeitgeschichtliche Erzählung, die sich an Protokollen von Zeugenbefragungen orientiert. Wer Hilmes’ „Berlin 1936“ mochte, das die Olympiade in Berlin zum Thema hatte, und ein Faible für Geschichte und vor allem auch Berlin und Umgebung oder die Zeit der Dreißiger Jahre hat, der wird es lieben. Wer einen typischen Krimi à la Gereon Rath von Volker Kutscher erwartet, der wird vielleicht verwundert oder eventuell sogar enttäuscht sein – denn „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist mehr Geschichtsbuch als Krimi.

Meinen Nerv hat der Historiker definitiv wieder einmal getroffen. Ich mag seine Art zu schreiben, die sich herrlich flüssig liest und die einen wirklich die Berliner Luft der Dreißiger atmen lässt. Der wahre Kriminalfall bietet einen spannenden Plot und die Kapitel, die jeweils einem Zeugen oder Betroffenen gewidmet sind, offenbaren auch viel über den Charakter und die jeweilige Persönlichkeit der Figuren. Man kann hier auch vieles zwischen den Zeilen lesen und sich stellenweise selbst wie ein ermittelnder Polizist fühlen.

Eine rätselhafte Begebenheit, die den Leser immer wieder aufs neue überrascht, ein versierter, gut sortierter und detailversessener Autor und eine Ära der deutschen Geschichte, die gerade – spätestens seit dem sensationellen Erfolg von Kutschers Romanen und der Serie „Babylon Berlin“ ohnehin groß in Mode ist – da hat das Buch alles, was es braucht, um zum Bestseller zu werden.

Leider ist das Vergnügen ein kurzes und nach schnell verschlungenen 235 Seiten auch schon wieder vorbei, aber für Geschichtsinteressierte, Freunde Berlins und Fans der Dreißiger Jahre gibt es von mir hier eine klare Leseempfehlung für diesen Bücherherbst.

Buchinformation:
Oliver Hilmes, Das Verschwinden des Dr. Mühe
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60138-8

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte mich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“:

Für den Gaumen:
Die deftige Hausmannskost, die in den 30er Jahren im Aschinger in Berlin serviert wurde, ist vermutlich nicht jedermanns Sache, aber eine Berliner Bratwurst oder Fisch mit Remouladensauce passen natürlich in jedem Fall zur damaligen Zeit und zur Lektüre dieser Kriminalgeschichte.

Für die Ohren:
Für die Musik dieser Epoche drängt sich natürlich Max Raabe und sein Palastorchester als Empfehlung gerade zu auf und ich bekomme beim Hören immer gute Laune. Seine Texte sind oft witzig, geistreich, herrlich zynisch-ironisch, intelligent und strotzen vor Lebensfreude. Ein klarer Beweis, dass die Stilrichtung der 20er und 30er auch in der heutigen Zeit noch bestens funktioniert und gute Musik zeitlos sein kann.

Zum Weiterlesen:
Wie man meiner Rezension schon angemerkt hat, bin ich seit längerem ein Fan von Oliver Hilmes und seinen Büchern. Neben den Biographien „Herrin des Hügels“ und „Witwe im Wahn“ hat mich vor allem auch sein Werk über die Olympiade 1936 in Berlin begeistert. Da wird deutsche Zeitgeschichte lebendig und so farbenfroh und detailprächtig erzählt, dass man sie mit großem Vergnügen und Spannung liest.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10196-3