Morden mit der Schreibmaschine

Eine Verfilmung des Klassikers „Mord im Orientexpress“, die ich Anfang November im Fernsehen sah, rückte Agatha Christie wieder in mein Bewusstsein und auf einmal wollte ich mehr über die weltberühmte „Queen of Crime“ erfahren. Die im Frühjahr diesen Jahres im Osburg Verlag erschienene Biografie „Agatha Christie – eine Biografie“ von Barbara Sichtermann stellte sich hier als eine hervorragende Wahl heraus.

Wer war diese Agatha Christie, welcher der Rummel um ihre Person und die öffentliche Aufmerksamkeit stets unangenehm und unheimlich blieb? Wie wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin aller Zeiten, die doch auch viel zu lange als trivial abgetan und unterschätzt wurde? Antworten auf diese Fragen konnte mir Barbara Sichtermann in ihrer sprachlich gelungenen und wunderbar lesbaren Biografie definitiv geben.

Das Buch begleitet Christie auf ihrem Weg zur erfolgreichen Berufsschriftstellerin, aber beleuchtet auch die private Seite der Autorin und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. So heiratet sie früh Archie Christie, doch die Ehe zerbricht. Mit ihrem mysteriösen Verschwinden in der Endphase der Ehe, das eine tagelange Suche durch Polizei und Medien nach sich zog, ging sie in die Annalen ein und sorgte für einen Medienrummel sondergleichen. Glücklich wurde sie jedoch an der Seite ihres zweiten Ehemannes Max Mallowan, der viele gemeinsame Reisen mit ihr unternahm und auch ihr Interesse für Archäologie und den nahen Osten weckte.

Sichtermann lässt den Leser der Geburtsstunde von Hercule Poirot und Miss Marple beiwohnen und gibt interessante Einblicke in die Arbeitsweise und das künstlerische Schaffen Christies. Sie verdeutlicht auch, wie hart Christie immer für den Erfolg ihrer Theaterstücke gearbeitet hat, die ihr so wichtig und stets Herzensangelegenheit waren. Bis heute ist „Die Mausefalle“ das Stück, das weltweit am längsten ununterbrochen im Londoner Westend zu sehen ist bzw. war (bis zum Corona-Lockdown im März 2020).

„Sich selbst gestand Agatha ein, dass sie, seit sie als Sechzehnjährige die Tosca studiert hatte, ihren Traum von der Bühne nie ganz beerdigen konnte. Wenn es denn wegen ihrer schwachen Mittellage zur Sängerin nicht gereicht hatte, dann sollte ihre Stimme wenigstens durch den Mund ihres listigen Detektivs oder eines infamen Killers auf den Brettern erschallen.“

(S.217)

Spannend fand ich vor allem auch die Charakterisierung der Krimiautorin, die zeigt, wie ambivalent sie in vielen Dingen doch war.
Ich durfte Christie, die eigentlich lieber Opernsängerin geworden wäre, als zupackende, reise- und abenteuerlustige Frau kennenlernen, die sich – wenn sie es für erforderlich hielt – über die Konventionen der damaligen Zeit hinwegsetzte und doch auch immer in der Tradition der britischen Klassengesellschaft verwurzelt blieb. So investierte sie bevorzugt in hochherrschaftliche Immobilien und führte gerne ein Leben in schönen Häusern mit entsprechendem Hauspersonal – da lebte die „gute, alte Zeit“ noch ein wenig fort. Und doch entschied sie sich auch gegen jede Konvention für eine Scheidung und in ihrer zweiten Ehe für einen 14 Jahre jüngeren Mann, was damals nahezu einem gesellschaftlichen Tabubruch gleichkam.

Sichtermann hat viel mit Originalzitaten aus Christie’s Autobiografie und ihren Briefen gearbeitet, welche dann stets kursiv hervorgehoben und kenntlich gemacht sind. Das gibt dem Buch einen stimmigen und authentischen Klang, weil man das Gefühl hat, Agatha Christie selbst zuzuhören.
Als sehr angenehm habe ich auch die flüssige Sprache der Autorin empfunden, welche in der Biografie nicht so sehr den Fokus auf die wissenschaftliche Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten gelegt hat, sondern vielmehr darauf, eine literarisch ansprechende Lebensgeschichte zu erzählen, die sich mit Genuss lesen lässt.

Und doch habe ich nach der Lektüre auch das Gefühl, viel erfahren und gelernt zu haben und jetzt ein wenig mehr über diese Grand Dame des Kriminalromans zu wissen. Eine interessante Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unkonventionalität, die stets ihren eigenen Weg ging und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde.

Am Ende fand ich es noch spannend, dass ich – bei aller Unterschiedlichkeit und trotz des großen zeitlichen Abstands – einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Christie und mir selbst entdecken konnte: Christie war von Kindheit an selbst eine passionierte Leserin. Sie liebte – wie ich – Shakespeare und benannte sogar eines ihrer Bücher, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste, nach einem Shakespeare-Sonett „Absent in the spring“ (deutsch: „Ein Frühling ohne dich“). Zudem war sie zeit ihres Lebens eine große Liebhaberin des Theaters, das sie dem damals neu entstehenden und aufstrebenden Medium Film stets vorzog – auch das haben wir gemeinsam.

Wer sich also ebenfalls auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Agatha Christie begeben möchte oder einfach nur mehr über den Menschen hinter den Büchern und die Schöpferin von so unsterblichen Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple erfahren möchte, dem kann ich Barbara Sichtermann’s Biografie wärmstens empfehlen.

Buchinformation:
Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Agatha Christie – Eine Biografie“:

Für den Gaumen:
Agatha Christie liebte Tee, d.h. in dieser Beziehung entsprach sie dem typischen Klischee der Britin, so wie wir uns dies gerne vorstellen. Sie zog den Tee stets dem Alkohol vor. D.h. die Lektüre verlangt geradezu nach einer gepflegten Tasse schwarzem Tee.

Zum Weiterschauen:
Hier möchte ich sehr frei nach Goethe zitieren: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern“, denn ab und an kann ich mich wirklich immer wieder erneut für die Schwarz-Weiß-Verfilmungen der Miss Marple-Romane mit Margaret Rutherford aus den 60er Jahren begeistern – auch wenn Agatha Christie selbst diese nicht so sehr schätzte. Und dann schaue ich – gerne in der Winterzeit – in eine der x-ten Wiederholungen rein. Klar kann man das nicht immer sehen, aber ab und zu habe ich da wirklich Freude daran. Ein bisschen Nostalgie darf sein und wenn das Miss Marple Thema von Ron Goodwin mit dem typischen Spinett-Sound ertönt, bekomme ich gleich gute Laune.

Zum Weiterhören:
Agatha Christies letzter Fall für Miss Marple „Ruhe unsanft“ war ihr Vermächtnis, das posthum im Jahre 1976 veröffentlicht wurde und den sie bereits im Jahre 1940 in einem Tresor deponiert hatte. Der Hörverlag hat 2013 eine gekürzte Lesung dieses Werks herausgebracht, die mir gut gefällt – zumal diese von der grandiosen und unvergleichlichen Katharina Thalbach gelesen wird.

Agatha Christie, Ruhe unsanft
übersetzt von: Eva Schönfeld
Gekürzte Lesung gelesen von Katharina Thalbach
der Hörverlag
Hörbuch (CD) gekürzt, 3 CDs, Laufzeit: 3h 44 min
ISBN: 978-3-8445-1013-3

Zum Weiterlesen:
Meine letzte Agatha Christie-Lektüre liegt schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch stehen einige Bände bei mir im Regal. So zum Beispiel der Band „Die Tote in der Bibliothek“, der mich als Büchermensch natürlich sofort angesprochen hatte: ein schmaler Band und ebenfalls ein Fall mit der unübertroffenen Miss Marple.

Agatha Christie, Die Tote in der Bibliothek
übersetzt von Barbara Heller
Atlantik
ISBN: 978-3-455-65005-1

Olympische Ermittlungen

Volker Kutscher’s neuesten Fall für Gereon Rath „Olympia“ habe ich dieses Mal tatsächlich sofort am Erscheinungstag in meiner örtlichen Buchhandlung erstanden. Nein, ich habe nicht vor der Buchhandlung campiert (so schlimm ist es dann doch nicht), sondern ganz entspannt den Buchkauf am Feierabend mit einem Spaziergang verbunden. Aber dieser neue Band stand definitiv ganz oben auf meiner Wunschliste und wollte dann auch schnellstmöglich gelesen werden. Und es hat sich – wie immer – auch beim achten Fall gelohnt und dann ist man stets ein wenig traurig, wenn die Lektüre vorbei ist und man wieder sehnsüchtig auf einen potenziellen nächsten Band warten muss.

„Man konnte ihnen einfach nicht entgehen, überall sah man sie, die fünf Ringe, blau, schwarz, rot, gelb, grün, nicht nur an Flaggenmasten und Fassaden, auch in Schaufenstern, an Autos und Kinderwagen, an jedem verdammten Fahrrad flatterten sie.“

(S. 46)

August 1936, Berlin ist im Ausnahmezustand – die Olympiade und die damit verbundene Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten hat die Stadt fest im Griff – die ganze Stadt ein einziges Flaggenmeer. Im Hause Rath hängt der Haussegen schief, da Gereon ohne Rücksprache mit Charly eingewilligt hat, amerikanische Olympiatouristen zu beherbergen. Charly, der das Nazi-Regime aus tiefstem Herzen verhasst ist, will mit den olympischen Spielen und dem damit verbundenen Brimborium bzw. der Selbstinszenierung der Partei nichts zu tun haben und hätte diesem Vorhaben ihres Ehemanns niemals zugestimmt.
So zieht sie kurzerhand für einige Tage zurück zu ihrer Freundin Greta, lässt Gereon mit den Touristen allein und die beiden gehen eine Weile getrennte Wege.

Und auch Fritze – der ehemalige Pflegesohn der Raths – der mittlerweile einer politisch zuverlässigeren Pflegefamilie zugewiesen wurde – geht seine eigenen Wege. Eine aufregende Zeit für den Jungen, der – dank seiner Mitgliedschaft in der Hitlerjugend – spannende Aufgaben im Jugendehrendienst der Olympiade übernehmen darf. Im olympischen Dorf und an den Wettkampfstätten übernehmen die Jungen einfache Tätigkeiten und Botendienste und haben so die Chance, die olympischen Spiele und ihre großen Idole hautnah zu erleben. So erlebt Fritze auch den Zwiespalt, dass er als Hitlerjunge doch eigentlich gar nicht so begeistert sein dürfte vom großen Ausnahmesprinter Jesse Owens oder dem US-Hochspringer Dave Albritton, der ihn kurzerhand zum persönlichen Maskottchen und Glücksbringer erklärt. Doch er erlebt die Stars als sehr unkompliziert und umgänglich und muss fortan seine Sympathie zu den dunkelhäutigen Sportlern andauernd vor seinen linientreuen Kameraden verteidigen – sein glorifiziertes Bild des Nationalsozialismus gerät zunehmend ins Wanken.

Bei einem seiner Botengänge wird Fritze in der Kantine des olympischen Dorfs Zeuge, als ein amerikanischer Funktionär während des Essens plötzlich tot zusammenbricht. Die Organisatoren und die Politik versuchen alles, den Vorgang herunterzuspielen und unter den Teppich zu kehren. Ein Mord bei Olympia? Das passt nicht ins Konzept und so erhält Gereon den Auftrag verdeckt im Olympischen Dorf zu ermitteln und den Fall möglichst diskret zu lösen. Denn für die Nationalsozialisten ist die Lösung sofort naheliegend: es kann sich nur um einen Anschlag der Kommunisten handeln, um die festlichen Spiele zu sabotieren und zu entweihen.
Binnen kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse, Gereon trifft alte Bekannte aus Polizei- und Verbrecherkreisen wieder und sowohl er selbst als auch Fritze geraten in höchste Gefahr.

Wie immer entwickelt auch dieser Kriminalfall sofort nach einem mystischen und geheimnisvollen Prolog, der einen unaufhörlich rätseln lässt, was dieser wohl bedeuten mag, einen unheimlichen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Kutscher versteht es jedes Mal aufs Neue, den Leser mit einer intelligenten und hochspannenden Handlung sowie ungemein sympathischen Hauptfiguren – Gereon, Charly und Fritze sind einem ja längst ans Herz gewachsen – in den Bann zu ziehen.

Seine große Stärke ist es auch, die Atmosphäre und die zeitlichen Umstände so packend und stimmig zu beschreiben, dass man regelrecht in die damalige Zeit und die Geschichte abtaucht. Das ist fesselnd, packend, man liest und liest und vergisst alles um sich herum. Für mich bedeutet das, eine solche Lektüre idealerweise auf ein Wochenende zu legen, um möglichst viel Zeit am Stück zu haben und es richtig genießen zu können.
Denn für mich war „Olympia“ definitiv ein großer Genuss und aufgrund der besonderen zeitlichen Rahmenhandlung ein ausnehmend starker Band in einer ohnehin durchgängig außergewöhnlichen Krimireihe. Für mich eines der absoluten Lesehighlights in diesem Herbst.

Volker Kutscher ist jetzt mit seiner Serie in einer sehr dunklen Zeit der deutschen Geschichte angekommen, dem auch das sehr düstere, schwarze Cover des Buches Rechnung trägt und es bleibt mit Spannung zu erwarten, ob und wie er die Reihe fortsetzt – zumal „Olympia“ mit einem wahrhaftig großen Knall zu Ende geht.

Eine weitere begeisterte, ausführliche Besprechung zu „Olympia“ gibt es beim Kaffeehaussitzer.

Gegebenenfalls noch ein Hinweis: „Olympia“ ist der achte Fall von Volker Kutscher’s Gereon-Rath-Reihe und es empfiehlt sich definitiv, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Wer also die Bände davor noch nicht kennt darf sich glücklich schätzen, denn dann hat sie oder er noch viel Lesegenuss vor sich und sollte diese wirklich von Anfang an in der chronologischen Reihenfolge lesen, da immer wieder Rückbezüge zu früheren Fällen auftauchen.

Buchinformation:
Volker Kutscher, Olympia
Piper
ISBN: 978-3-492-07059-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Olympia“:

Für den Gaumen:
Gereon und Charly trinken zur Beruhigung der strapazierten Nerven häufig mal einen Cognac. Und nervenaufreibend und hochgradig spannend ist auch die Lektüre von „Olympia“ auf jeden Fall.

Zum Weiterlesen (1):
Ich teile die literarischen Vorlieben für „verbotene Bücher“ mit Greta, Charly und Fritze. So liest Greta in diesem Roman zum Beispiel Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ und trauert um den Autor, der kurz zuvor im Winter 1935 im schwedischen Exil verstorben war und auch Fritze will auf seine geliebten Erich Kästner-Bücher nicht verzichten, die ihm sein Pflegevater wegnimmt und verbietet. Mit ihm gemeinsam ist mir die große Liebe zu Erich Kästner und seinem „fliegenden Klassenzimmer“.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2094-8

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-607-2

Zum Weiterlesen (2):
Wer mehr über die Olympiade 1936 und den zeitlichen Hintergrund erfahren möchte, dem sei Oliver Hilmes’ „Berlin 1936“ sehr ans Herz gelegt. Ein herausragendes Buch, das diese Zeit hervorragend beschreibt und begreifbar macht und zudem sehr angenehm und flüssig zu lesen ist.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin
ISBN: 978-3-328-10196-3

Spurlos verschwunden am Sacrower See

Oliver Hilmes stößt mit „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ auf neues Terrain vor und doch bleibt er sich als Historiker und seiner akribischen Art zu recherchieren treu. Der Untertitel lautet „eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre“ und der Autor, der bislang vor allem durch erstklassige und sehr gut lesbare Biographien wie „Herrin des Hügels“, „Witwe im Wahn“ und „Ludwig II.“ auf sich aufmerksam machte, verpackt hier eine mysteriöse, wahre Begebenheit, auf welche er im Rahmen seiner Recherchen zu „Berlin 1936“ gestoßen war, in eine spannende Erzählung.

Im Juni 1932 verschwindet der Berliner Arzt Dr. Erich Mühe eines nachts spurlos. Sein heiß geliebtes Auto wird einsam am Ufer des Sacrower Sees (in der Nähe von Potsdam) gefunden und zunächst deutet alles darauf hin, dass er bei einem nächtlichen Badeunfall ums Leben gekommen ist. Eine Leiche wird jedoch nie gefunden. Die Polizei – in Gestalt von Kommissar Keller und seinem Assistenten Schneider – beginnt zu ermitteln und es häufen sich die Anzeichen, dass der Mediziner wohl nicht einfach nur beim Schwimmen ertrunken ist. In zahlreichen Befragungen – und Oliver Hilmes stützte sich hier auf die Protokolle der realen Ermittlungsakte – der Ehefrau, deren Gesangslehrers, des Hauspersonals und zahlreicher Personen aus dem Umfeld des Arztes ergeben sich bestürzende Erkenntnisse und der Fall nimmt mehr als nur eine überraschende Wendung.

„Das fängt ja gut an, denkt Keller. Der Gatte ist verschwunden und die Ehefrau spricht von Scherereien.“

(S.45)

Denn die Ehefrau scheint nicht all zu sehr zu trauern und kann es kaum erwarten, in den Besitz der hoch abgeschlossenen Lebensversicherung zu gelangen, um dann – wenn man den Gerüchten in der Nachbarschaft glauben schenken kann – ein neues Leben mit ihrem Gesangslehrer zu beginnen, der wohl auch ihr Liebhaber zu sein scheint. Doch der wohlsituierte Arzt, der finanziell auf ungewöhnlich großem Fuß lebte, hatte offenbar auch unstandesgemäßen Umgang mit kriminellen Kreisen. Die Ermittlungen, die sich über viele Jahre erstrecken, werden immer mysteriöser, so manche Spur läuft ins Leere und es eröffnen sich menschliche Abgründe, welche weder der Ermittler noch der Leser erwartet hätte.

Der Stil ist reduziert, fast nüchtern und knapp und ähnelt durch die Erzählform in der Gegenwart, fast einem polizeilichen Ermittlungsprotokoll. Und doch blitzt die eine oder andere süffisante Stelle auf und vor allem schmückt Oliver Hilmes seine Erzählung mit vielen, atmosphärischen Details, welche den Leser authentisch in das Berlin der 30er Jahre eintauchen lassen. Es ist ihm wichtig, dass man sich in diese Zeit und das Flair hineinversetzen kann. Da wird beschrieben, was es im Aschinger – einem Berliner Kultlokal – zu essen gab oder wieviel ein U-Bahnticket kostet. Zudem streift man mit den Personen durch die Straßen und die Ladenzeilen mit Tabakläden, Wäschereien oder Trikotagengeschäften. Das ist sehr stimmig und unwiderstehlich gut erzählt – man spürt die Lust des Autors an der Recherche und der Zeitgeschichte in jedem Absatz.

Das Buch ist kein klassischer Kriminalroman, es ist vielmehr eine zeitgeschichtliche Erzählung, die sich an Protokollen von Zeugenbefragungen orientiert. Wer Hilmes’ „Berlin 1936“ mochte, das die Olympiade in Berlin zum Thema hatte, und ein Faible für Geschichte und vor allem auch Berlin und Umgebung oder die Zeit der Dreißiger Jahre hat, der wird es lieben. Wer einen typischen Krimi à la Gereon Rath von Volker Kutscher erwartet, der wird vielleicht verwundert oder eventuell sogar enttäuscht sein – denn „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist mehr Geschichtsbuch als Krimi.

Meinen Nerv hat der Historiker definitiv wieder einmal getroffen. Ich mag seine Art zu schreiben, die sich herrlich flüssig liest und die einen wirklich die Berliner Luft der Dreißiger atmen lässt. Der wahre Kriminalfall bietet einen spannenden Plot und die Kapitel, die jeweils einem Zeugen oder Betroffenen gewidmet sind, offenbaren auch viel über den Charakter und die jeweilige Persönlichkeit der Figuren. Man kann hier auch vieles zwischen den Zeilen lesen und sich stellenweise selbst wie ein ermittelnder Polizist fühlen.

Eine rätselhafte Begebenheit, die den Leser immer wieder aufs neue überrascht, ein versierter, gut sortierter und detailversessener Autor und eine Ära der deutschen Geschichte, die gerade – spätestens seit dem sensationellen Erfolg von Kutschers Romanen und der Serie „Babylon Berlin“ ohnehin groß in Mode ist – da hat das Buch alles, was es braucht, um zum Bestseller zu werden.

Leider ist das Vergnügen ein kurzes und nach schnell verschlungenen 235 Seiten auch schon wieder vorbei, aber für Geschichtsinteressierte, Freunde Berlins und Fans der Dreißiger Jahre gibt es von mir hier eine klare Leseempfehlung für diesen Bücherherbst.

Buchinformation:
Oliver Hilmes, Das Verschwinden des Dr. Mühe
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60138-8

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte mich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“:

Für den Gaumen:
Die deftige Hausmannskost, die in den 30er Jahren im Aschinger in Berlin serviert wurde, ist vermutlich nicht jedermanns Sache, aber eine Berliner Bratwurst oder Fisch mit Remouladensauce passen natürlich in jedem Fall zur damaligen Zeit und zur Lektüre dieser Kriminalgeschichte.

Für die Ohren:
Für die Musik dieser Epoche drängt sich natürlich Max Raabe und sein Palastorchester als Empfehlung gerade zu auf und ich bekomme beim Hören immer gute Laune. Seine Texte sind oft witzig, geistreich, herrlich zynisch-ironisch, intelligent und strotzen vor Lebensfreude. Ein klarer Beweis, dass die Stilrichtung der 20er und 30er auch in der heutigen Zeit noch bestens funktioniert und gute Musik zeitlos sein kann.

Zum Weiterlesen:
Wie man meiner Rezension schon angemerkt hat, bin ich seit längerem ein Fan von Oliver Hilmes und seinen Büchern. Neben den Biographien „Herrin des Hügels“ und „Witwe im Wahn“ hat mich vor allem auch sein Werk über die Olympiade 1936 in Berlin begeistert. Da wird deutsche Zeitgeschichte lebendig und so farbenfroh und detailprächtig erzählt, dass man sie mit großem Vergnügen und Spannung liest.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10196-3