Auf die herbstliche Alb

Auf eine wunderbare Zeit- und Herbstreise durch die schwäbische Alb nimmt Uta-Maria Heim ihre Leserschaft in ihrem neuesten Roman „Albleuchten – Eine Herbstreise 1790“ mit. Was geschehen kann, wenn ein Tübinger Student mit seinen Kommilitonen Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel von Tübingen über Reutlingen, Urach und Blaubeuren nach Ulm wandert und auf diesem Weg auch noch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Karoline von Günderrode trifft, kann man in diesem stimmungsvollen Buch erfahren. Man bekommt einen großartigen Eindruck von dieser Zeit des Auf- und Umbruchs und kann erahnen, wie sehr sich die Welt damals – ein Jahr nach der französischen Revolution – veränderte.

„Wir wurden in eine stürmische Epoche hineingeboren, in der eine Revolution die andere jagt. Ihr werdet schon sehen. Die großartigste und beachtlichste ist bislang die Bildungsrevolution, durch die auch unser schönes Württemberg wacker hindurchgeht.“

(S.329)

In den Herbstferien 1790 macht sich der Theologiestudent Friedrich August Köhler – im Roman kurz Fritzle – gemeinsam mit Friedrich – alias Fritz – Hölderlin und dem „Alten“ Hegel auf eine Wanderung von Tübingen nach Ulm. Er möchte die Schwäbische Alb erkunden, um anschließend seine Eindrücke und Beobachtungen in einem topographisch-historischen Werk über die Region Württemberg zu verarbeiten. Während er mit offenen Augen ganz genau Land und Leute beobachtet, verstricken sich seine Reisebegleiter immer wieder in philosophische Diskussionen.

„Selbst wenn die Freundschaft endlich erscheint, werden hier unter engsten Vertrauten lärmend Perspektiven ausgehandelt, Zukunftsträume ausgemacht, Felder abgesteckt, Rollen verteilt und Grenzen ausgelotet – ein Gerümpel und Getrappel, das mich ausschließt.“

(S.366)

Köhler fühlt sich bei vielen Gesprächen außen vor, verfolgt aber zielstrebig seine eigene Agenda, so viele Beobachtungen und Informationen wie möglich für sein ehrgeiziges, literarisches Projekt zu sammeln.

Als dann auch noch der frühreife Schelling zu ihnen stößt, der sofort seinen Spitznamen Gscheitle wegbekommt, und sich die Wandergruppe noch durch die junge Karoline von Günderrode erweitert, die wohl von zu Hause ausgerissen ist und mit ihnen nach Ulm möchte, wird es eine turbulente, lebhafte Reise, die allen lange im Gedächtnis bleiben wird.

„Ich muss Religons-, Gebiets- und Landesgrenzen überwinden. Dort sind Bestechung, Bedrohung und Betrug gang und gäbe. Überall treiben sich Lumpen und Spitzbuben herum, Pack und Geziefer jeder Couleur. Zudem sind mässig obskure Gestalten, Poltergeister, Scheintote, Hexen und Gauner unterwegs, nachts spukt es in den Wäldern, in den Gasthöfen gespenstert Gesindel.“

(S.14)

Uta-Maria Heim hat sichtlich Gefallen daran, den Dialekt und die zeitlichen und regionalen Besonderheiten in ihre Sprache einfließen zu lassen. So wählt sie teils antiquierte Formulierungen oder schwäbische Einsprengsel, um den richtigen Klang und Ausdruck für die Unterhaltungen zwischen den Figuren zu treffen. So wird Verschlupferles gespielt, schwäbisch geflucht, aber stellenweise auch aus Originalwerken von Hölderlin und Hegel zitiert.

Besonders gefallen hat mir die Sinnlichkeit des Romans und die atmosphärischen Beschreibungen der Landschaft, der Zeit und der Figuren: Begleitet vom Duft des Pferdemists und Apfelmosts wandert man gedanklich mit Köhler, Hölderlin und Co. über die Streuobstwiesen, sieht beim Pilze sammeln zu, hört das Vogelgezwitscher und schmeckt das frisch gebackene Brot aus den Backhäusern und das abgekochte Zisternenwasser, das in der teils wasserarmen Region besonders wertvoll war. Heim beschreibt die Kleidung, die Lebensführung und den harten Alltag in der Landwirtschaft detailliert und präzise.

Zudem folgt man im gemütlichen Wanderschritt den philosophischen Überlegungen und Gedankengängen der Protagonisten, schnuppert die Luft des deutschen Idealismus und setzt sich auf leichtfüßg-spielerische Art ein wenig mit Hegel, Schelling und Kant auseinander.

Man kann nur erahnen, wie viel Zeit und Mühe die Autorin in die Recherche investiert hat, denn es steckt eine unglaubliche Fülle an kleinen Episoden, regionalen Bräuchen und Besonderheiten und zeitgeschichtlichen Informationen im Werk. Doch gerade deshalb gewinnt das Buch an Authentizität und zeichnet ein schillerndes, opulentes Gemälde der Gesellschaft, der Zeit, der Lebensweise und der Stimmung des Jahres 1790.

Ein leuchtendes, facettenreiches Herbstbuch, das wie gemacht ist für länger werdende Abende, wenn draußen das Licht die bunten Blätter glänzen lässt und man sich gerne gemütlich mit einer Decke und einer Tasse Tee in den Lesesessel kuschelt.

Aber „Albleuchten“ ist – inspiriert durch die Hauptfigur Friedrich August Köhler (1768 – 1844) – auch ein Buch, das gut als Reise- oder Wanderführer ins Gepäck für den nächsten Ausflug in die Schwäbische Alb passt, weil man viel Interessantes über die Region, die Geschichte, die Landschaft und das Leben auf der Alb des 18. Jahrhunderts erfahren kann. Heim hat es ihrem Romanhelden Köhler im Grunde gleich getan und hat mehr als 200 Jahre später ein ebenso vielschichtiges und erhellendes Werk über Land, Leute und Sehenswürdigkeiten verfasst.

„Albleuchten“ war für mich eine ideale Herbstlektüre: Stimmungsvoll, atmosphärisch und herrlich entschleunigend. Ein wohltuendes, kluges Buch für Bildungshungrige und Neugierige, die ähnlich wissensdurstig sind wie die Wandergefährten im Roman und sich am üppigen Füllhorn von Anekdoten, regionalen Informationen und Geschichten, die Heim in den Roman hat einfließen lassen, erfreuen können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uta-Maria Heim, Albleuchten – Eine Herbstreise 1790
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0225-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uta-Maria Heims „Albleuchten“:

Für den Gaumen (I):
Sehr zu meiner Freude beschreibt Uta-Maria Heim auch immer wieder ausführlich die Kost und die Verpflegung während der Wanderung – manchmal karg, aber manchmal auch etwas opulenter, wenn sie zum Beispiel die Gastfreundschaft von Familie und Bekannten erfahren dürfen, bei welchen sie Quartier bekommen:

„Wir essen in der guten Stube. Zur Feier des Tages hat die Mutter den Tisch reich gedeckt. In der Mitte steht eine Schale mit Äpfeln, Birnen und kleinen, sauren Trauben. Zur Vorspeise gibt es Flädlesuppe. Die Flädle sind goldbraun und so dünn, dass man hindurchsehen kann. (…) Danach wird Schwarzer Brei serviert. Obwohl meine Eltern nicht von der Alb (…) stammen, gehört dieses simple Traditionsgericht aus grießig gemahlenem Mehl zu ihren Leibspeisen. (…) Weizen, Dinkel und Hafer rührt man in kochendes Salzwasser ein, gibt Milch dazu, verkocht alles zu einem braunen Mus und übergießt es mit geschmälzten Zwiebeln.“

(S.27)

Für den Gaumen (II):
Auch über die Geschichte der Maultaschen – gerne kombiniert mit einem Glas oder Krug Trollinger – kann man in „Albleuchten“ mehr erfahren.
Auf dem Blog Schätze aus meiner Küche findet man ein Rezept für Schwäbische Maultaschen.

Zum Weiterhören oder Weitersingen:
Eine Kindheitserinnerung wurde geweckt durch das Zitieren des Liedes „In Mueders Stübele“ – ein Lied, das auch ich als Kind gesungen habe (In Mutters Stübele, da geht der hm, hm, hm) – allerdings nicht im Schwarzwälder Dialekt.

Zum Weiterlesen:
Friedrich Hölderlin möchte sich auf der Wanderung Inspiration für seinen Roman suchen und zwar für „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“, der 1797 erschien:

Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland
Reclam
ISBN: 978-3-15-000559-0

Zum Weiterlesen (II) und als kleine poetische Zugabe:
gibt es noch ein Gedicht der weiteren Wandergefährtin Karoline von Günderrode (1780 – 1806):

An Creuzer

Seh‘ ich das Spätroth, o Freund, tiefer erröthen im Westen,
Ernsthaft lächlend, voll Wehmuth lächlend und traurig verglimmen,
O dann muß ich es fragen, warum es so trüb wird und dunkel,
Aber es schweiget und weint perlenden Thau auf mich nieder.

(Karoline von Günderrode)

Königlicher Krimiklassiker

Es war Zufall, dass mir dieser Krimi mit royalem Touch genau in der Zeit in die Hände fiel, während Großbritannien und die Welt um die verstorbene Queen Elizabeth II. trauerten. Josephine Teys Kriminalroman „Alibi für einen König“ (Originaltitel: The Daughter of Time) aus dem Jahr 1951, der von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association einst zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt wurde, beschäftigt sich auf höchst unterhaltsame Weise mit einem anderen Monarchen auf dem englischen Thron: Richard III.

Eine Kriminalermittlung aus dem Krankenbett? Und dann noch in einem Fall, der bereits mehr als 500 Jahre zurückliegt? Kälter kann ein Cold Case ja kaum sein und doch verstand Josephine Tey es, aus dieser ungewöhnlichen Konstellation ein amüsantes Krimivergnügen zu zaubern.

„Aber es vereinfachte die Dinge, wenn man nur ein einfacher Polizist mit einem unbeweglichen Bein und einer Rückgratprellung war, der Nachforschungen über tote und längst zu Staub gewordene Könige anstellte, um nicht vor Langeweile verrückt zu werden.“

(S.42)

Alan Grant, der normalerweise für Scotland Yard in Kriminalfällen ermittelt, liegt aufgrund einer Verletzung, die er sich im Dienst zugezogen hat, im Krankenhaus. Nach tagelangem An-die-Decke-starren, fällt ihm diese zunehmend auf den Kopf. Er braucht dringend eine Beschäftigung – eine geistige versteht sich, denn er ist ans Bett gefesselt. Grant hat eine Gabe, den Menschen an ihren Gesichtern mehr anzusehen als andere dies können. Er hat ein Gespür dafür, ob die Gesichter Verbrechern oder Unschuldigen gehören.

Als ihm eine liebe Freundin und Theaterschauspielerin eine Sammlung kleiner Kopien von historischen Portraits zur Inspiration vorbeibringt, zieht ihn das Porträt Richard’s III. sofort in seinen Bann. War dieser Mann der kaltblütige Mörder, für den ihn alle halten? Seine Neugier ist sofort geweckt. Warum also nicht vom Bett aus ein historisches Rätsel lösen?

„Er wusste auch, dass Richard in der Schlacht von Bosworth gefallen war, während er verzweifelt nach einem Pferd schrie, und dass er der Letzte seiner Linie gewesen war. Der letzte Plantagenet. Jeder Schüler blätterte erleichtert die letzte Seite des Kapitels Richard III. um. Denn nun waren die Rosenkriege endlich vorbei, und man kam zu den Tudors, die zwar langweilig, aber leicht zu verstehen waren.“

(S.36/37)

Viele der Konkurrenten Richards III. um den Thron starben unter mysteriösen Umständen. Zwei junge Prinzen im Tower verschwanden zunächst spurlos und erst viele Jahre später tauchten Kinderskelette auf, die vielleicht von den beiden hätten stammen können. So werden Legenden geboren und zahlreiche Geschichtsschreiber entwickelten ihre eigenen Theorien.

„Gott steh mir bei, dachte Grant, mit mir ist es weit gekommen. Wenn ich mich weiter mit dieser Geschichte befasse, werde ich wirklich noch auf einer Seifenkiste im Hyde Park enden.“

(S.166)

Grant lässt sich Bücher bringen, befragt sein näheres Umfeld – Krankenschwestern, Kollegen, die ihn besuchen kommen, seine Haushälterin – was sehen sie im Gesicht von Richard III.? Einen Mörder oder das Opfer einer Intrige? Was wissen sie über diese Figur und woher stammt dieses Wissen – aus Geschichtsbüchern, mündlicher Überlieferung oder aus der Shakespeare-Lektüre?

„Wie sind Sie mit den Geschichtsbüchern zurechtgekommen?“, hatte ihn Williams gefragt. „Ganz erstklassig. Ich bin ihnen allen auf die Schliche gekommen. Sie stimmen alle nicht.“

(S.237)

Grant wühlt sich durch das Gewirr der Rosenkriege, durch unzuverlässige Quellen und spannt schließlich einen jungen Amerikaner ein, der gerade im British Museum an einem Forschungsprojekt arbeitet und ihn schnell mit Feuereifer unterstützt, um das mysteriöse Rätsel um den Tod der jungen Prinzen im Tower zu lösen.

Die Lektüre ähnelt stellenweise einem Crashkurs in englischer Geschichte, da wimmelt es von Grafen, Herzögen und Lords und man kann vielleicht nicht allen dynastischen Verästelungen folgen. Vielleicht wäre das Lesevergnügen sogar noch größer, wenn man selbst ein etwas profunderes Wissen über die englische Geschichte vorzuweisen hätte, jedoch habe ich auch so – mit gesundem Halbwissen – die Lektüre sehr genossen.

Fragt man sich am Anfang noch, ob diese ungewöhnliche Idee des Ermittlers im Krankenbett mit historischem Fall wirklich funktionieren kann, so liest man dieses literarische Krimiexperiment schon allein aufgrund der humorvoll-spritzigen Dialoge und der sympathischen Ermittlerfiguren mit zunehmendem Spaß und leisem Schmunzeln.

Den Gedanken, auf welche Weise Geschichtsschreibung erfolgt, entsteht und wie sich diese auch auf gewisse Weise verselbständigen kann, fand ich sehr interessant. Denn gerade während wilder Zeiten und unter verwirrenden Umständen, ist die Quellenlage nicht immer eindeutig.

Josephine Tey hat hier einen feinen, süffisanten und sehr amüsanten Krimi geschrieben, der nicht vom atemlosen Tempo, sondern durch die lebhaften und schlagfertigen Charaktere und die raffinierte Konstellation des Kriminalfalls bzw. die ungewöhnliche Ermittlungssituation lebt. Für Leser, die überwiegend zeitgenössische, aktuelle Krimis lesen, vielleicht etwas ungewohnt, aber vielleicht auch gerade deshalb mit einem ganz besonderen Charme: Very british – ironisch, witzig und ein wahrlich königliches Krimivergnügen!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 11) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit London als Schauplatz lesen. Auch wenn sich die Handlung im Grunde überwiegend bis ausschließlich im Krankenzimmer abspielt, so gibt es doch sehr viele Bezüge zum Tower of London, Greenwich und anderen Orten in und um London, so dass ich guten Gewissens diesen Punkt auf meiner Liste abhaken kann.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus/Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Alibi für einen König
Aus dem Englischen von Maria Wolff
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30035-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Teys „Alibi für einen König“:

Für den Gaumen (I):
Mrs Tinker – die rührige Haushälterin von Alan Grant – bäckt gute Kuchen und Kekse, so zum Beispiel gibt es Bachelor Buttons zum Tee. Junggesellenknöpfe? Die kenne ich bisher nicht, aber bei Jacquie und ihrem Blog Bunny Mummy gibt es ein Rezept.

Für den Gaumen (II):
Selbst bei der Krankenhauskost, habe ich etwas Neues entdeckt: Cheese Pudding und gedünsteter Rhabarber. Cheese Pudding? Klingt interessant und auch hier habe ich im Internet ein schönes Rezept gefunden bei Kate und ihrem Blog Nibble and Dine. Klingt für Käsefans sicherlich verlockend – ein Brotpudding mit Cheddarkäse.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Das Porträt Richard III., das alles ins Rollen bringt, hängt in der National Portrait Gallery in London und stammt von einem unbekannten Künstler. Das Gemälde ist nahezu die heimliche Hauptfigur des Romans und ich war gespannt, was ich in dem Gesicht entdecken würde: hier auf der Seite des Museums kann man sich selbst ein Bild machen.

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
Bei Richard III. fällt einem natürlich sofort William Shakespeare ein. Sein Drama stammt wohl aus dem Jahr 1593 und darin hat er Richard III. eindeutig die Rolle des Bösewichts zugewiesen. Live gesehen habe ich das Stück bisher noch nicht.

Zum Weiterlesen:
Anfang des Jahres bin ich auf Josephine Tey (1896 – 1952) aufmerksam geworden und zwar durch den Krimi „Nur der Mond war Zeuge“, den ich auch hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Eine ebenso raffinierte Krimi-Perle – wenn auch mit vollkommen anderer Figurenkonstellation – die mir sehr gut gefallen hat:

Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

Und weil’s so schön passt, gibt es noch ein paar Foto-Impressionen dazu:

„Mr Grant, ich bin Ihnen so dankbar für all den … den …“
„Den Spaß?“
„Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, dann … dann führe ich Sie durch den Tower!“
„Lassen Sie uns lieber eine Bootsfahrt nach Greenwich machen. Wir Inselbewohner haben nämlich eine Leidenschaft für die Seefahrt.“

(S.201)

Zwölf Monate im Jahr 1939

Frauen in der Fremde – das Jahr 1939 treibt viele Künstlerinnen ins Exil – Unda Hörner schildert in ihrem neuen Buch „1939 – Exil der Frauen“ stellvertretend die Geschichten einiger dieser Frauen: von Hannah Arendt, über Erika Mann bis hin zu Marlene Dietrich oder der Fotografin Lotte Jacobi.

Was bedeutet es, fremd zu sein, alle Brücken hinter sich abzubrechen und fernab der Heimat einen Neuanfang zu wagen.
Helene Weigel, Else Lasker-Schüler oder auch Luise Mendelsohn machten genau diese Erfahrungen und die Autorin begleitet sie dabei. In Anekdoten und kurzen Szenen wirft sie Schlaglichter auf entscheidende aber auch alltägliche Momente des Jahres 1939.

Zudem erfährt man wie Simone de Beauvoir im Café de Flore ihr Kriegstagebuch führt, Milena Jesenská sich in Prag dem Widerstand anschließt, Frida Kahlo einer wichtigen Ausstellung in Paris entgegenfiebert oder woher die Idee zu Bertolt Brecht’s „Mutter Courage“ stammt.

Ein bunter Bilderbogen, der wimmelbildartig anhand expressiver Augenblicke einen Querschnitt durch die intellektuelle weibliche Künstlerszene und Gedankenwelt des Jahres 1939 auffächert und die Stimmung, die Ängste, Sorgen und Nöte sehr gut transportiert. Ein Lesegenuss für alle, die sich für Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte interessieren und gerade auch aufgrund der Tatsache, dass explizit die doch häufig im Schatten stehenden Frauen im Fokus sind, sehr empfehlenswert.

Die Konstruktion in zwölf Monatskapiteln die Geschichte des Jahres 1939 zu erzählen und die Frauen immer wieder über mehrere Stationen hinweg durch dieses schicksalshafte Jahr zu begleiten, ist in meinen Augen sehr gelungen umgesetzt und lässt das Buch – trotz vieler, schnell wechselnder unterschiedlicher Szenen und Momentaufnahmen – insgesamt sehr rund wirken bzw. schafft einen ruhigen, geordneten Rahmen.

Wie bereits bei den ersten Bänden der Reihe wurde als Umschlagbild eines der ausdrucksstarken Gemälde der Künstlerin Tamara de Lempicka gewählt, das wunderbar zu Zeit und Inhalt passt und so auch die optische Aufmachung sehr wertig und ansprechend gestaltet.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt, kann erahnen, dass ich mich immer wieder gerne literarisch mit der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre beschäftige. So ist es kein Wunder, dass mich auch Unda Hörner’s Buch über die starken Künstlerinnen im Jahr 1939 und ihre Lebens- und Fluchtschicksale fasziniert, informiert und doch auch aufgrund des flüssigen Erzählstils zugleich unterhalten hat.

Einiges weiß man, wenn man sich schon öfter mit dieser Epoche befasst hat und hat man vielleicht auch schon einmal gehört oder gelesen. Und dennoch ist die Lektüre in jeder Hinsicht lohnend und aufschlussreich. Zudem begegne ich nicht nur mir bekannten Büchern und literarischen Querbezügen, sondern sauge gerne auch immer neue, weiterführende Lesetips auf wie ein Schwamm und füge sie meiner geistigen Lesewunschliste hinzu. Und da hat das Werk auch wieder Vieles zu bieten.

Allen, die sich vielleicht ein erstes Mal dem Thema widmen oder noch nicht so vertraut sind mit der weiblichen Kunst- und Kulturszene der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, kann das Buch eine schöne erste Orientierung und weitere Impulse geben.

Wer also gerne mehr über Anna Freud in London, Helene Weigel in den Stockholmer Schären, Else Lasker-Schüler in Israel oder Annemarie Schwarzenbuch in Afghanistan erfahren möchte, der liegt mit Unda Hörner’s neuem Sachbuch goldrichtig. Doch die dunklen Wolken, die Bedrohung, Verfolgung und die Existenzängste sind steter Begleiter. Der Titel des Buches ist nicht umsonst gewählt, denn die meisten Frauen, die im Zentrum des Werkes stehen, eint eines: sie befinden sich auf der Flucht oder bereits im Exil.

„Wer jetzt unterwegs ist, reist mit kleinem Gepäck und ohne Rückfahrkarte. Wer jetzt in ferne Länder kommt, hat keine Auge für Sehenswürdigkeiten, sondern hofft auf gnädige Einwanderungsbehörden. Und wer sich selbst in Sicherheit weiß, lebt in Sorge um die Zurückgelassenen und mit dem Schmerz über bereits erlittene Verluste – manch einer auch in Angst vor dem langen Arm der Gestapo, der über Grenzen reicht.“

(S.69)

Ein Buch voller Abschiede und Neuanfänge, voll Trauer und Angst, aber auch voller Hoffnung, eine Zeit der Schicksalsschläge und Umbrüche – kaum ein Stein blieb auf dem anderen und doch stellten sich viele intellektuelle, begabte und kluge Frauen ihrem Schicksal und den Herausforderungen und boten die Stirn. Vielleicht vermag „1939 – Exil der Frauen“ auch manchen LeserInnen Inspiration zu bieten, die gerade in der heutigen Zeit wieder sehr gefragt sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass Unda Hörner ihre gut recherchierten und facettenreichen Bücher zu Kultur- und Zeitgeschichte fortsetzt und um weitere Bände ergänzt – denn dies wäre in jedem Sinne bereichernd.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach&simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Unda Hörner, 1939 – Exil der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-268-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Unda Hörner’s „1939 – Exil der Frauen“:

Für den Gaumen:
Helene Weigel ist auch im Stockholmer Exil für das leibliche Wohl der Familie und Brecht’schen Entourage zuständig:

„Die Rezepte ihrer Heimatstadt Wien beherrscht sie wie im Schlaf, Wurstsalat, Strudel und Nockerln und natürlich das klassische Wiener Schnitzel.“

(S.97/98)

Zum Weiterhören:
Für die Musikerin Luise Mendelsohn ist Musik auch im Jerusalemer Exil ein wichtiger Anker – so wie bereits früher in Berlin:

„Musik erfüllte unser Haus“, erzählt Luise Mendelsohn, die studierte Musikerin, jedem Besucher der Jerusalemer Mühle. Auch Einstein frequentierte ihren Berliner Salon, per Segelboot kam er über den See, die Violine an Bord. (…) Er bevorzugte Haydn, was mich verblüffte.“ Luise Mendelsohn liebt Bach. Sie holt ihr Cello hervor und beginnt zu spielen, das berühmte Air.“

(S.22)

Zum Weiterlesen (I) oder vorher lesen:
Bislang hatte ich es noch nicht geschafft, die ersten beiden Bände der Reihe zu lesen, aber das möchte ich jetzt unbedingt bald nachholen, denn Unda Hörner hat bereits mit „1919 – Das Jahr der Frauen“ und „1929 – Frauen im Jahr Babylon“ zwei weitere Jahre und die Geschichten starker Frauen näher beleuchtet:

Unda Hörner, 1919 – Das Jahr der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-169-4

Unda Hörner, 1929 – Frauen im Jahr Babylon
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-213-4

Zum Weiterlesen (II):
Wer Bücher liebt, die sich bestimmten Jahren oder Jahrzehnten widmen, kaleidoskopartig ein Stimmungsbild der jeweiligen Epoche zeichnen und den Zeitgeist durch Anekdoten und eingängige Szenen wieder lebendig werden lassen, dem kann ich auch Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ sehr ans Herz legen, das ich Anfang diesen Jahres auf der Kulturbowle vorgestellt habe:

Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397073-9

Gefährliches Gemälde

NS-Raubkunst, ein verschwundenes Gemälde, ein Toter in einem Hotelzimmer – der erste Fall für den Kunstexperten Lennard Lomberg „Das neunte Gemälde“ von Andreas Storm hat alles, was ein packender Kunstkrimi braucht.

Paris 1943, Bonn 1966 und diverse Orte in der Kunstwelt Europas im Jahr 2016 – der Kriminalroman nimmt den Leser mit auf eine atemlose Reise in die Vergangenheit und die internationale Kunstszene.

Lennard Lomberg ist Experte auf seinem Gebiet: Er hat über NS-Beutekunst promoviert, zwanzig Jahre lang in einem renommierten Londoner Auktionshaus gearbeitet und sich einen Namen gemacht, bevor er als Professor in die alte Bonner Heimat zurückgekehrt ist. Als er daher kontaktiert wird, um bei der Rückgabe eines kubistischen Gemäldes zu unterstützen, das sich wohl zu Unrecht im Besitz einer französischen Stiftung befinden soll, wundert ihn das zunächst nicht. Doch der rätselhafte Auftraggeber wird schon bald tot in einem Hotelzimmer aufgefunden.

Und schnell wird der Fall persönlicher als Lomberg lieb ist, denn sein eigener Vater, der während des zweiten Weltkriegs bei der Wehrmacht diente und später für das BKA und als Generalbundesanwalt der Bundesrepublik in höchster Position gearbeitet hat, scheint in die undurchsichtigen Machenschaften im Zusammenhang mit jenem Bild verstrickt gewesen zu sein.

Daher beginnt er, der bald selbst in den Fokus der Ermittlungen gerät und Besuch von der ambitionierten Kriminalrätin Sina Röhm erhält, auch aus eigenem Interesse in dem brisanten und sich immer mehr zuspitzenden Fall Nachforschungen anzustellen.

„(…) es gibt da draußen irgendwo einen Typen, der einem kunsthistorischen Geheimnis auf die Spur gekommen ist. Ein Geheimnis, das seit langer Zeit bestens gehütet wird. Und das heute für große Aufmerksamkeit sorgen würde, wenn es denn gelüftet würde. Und es gibt dann auch noch ein paar Leute, für die es besser wäre, wenn das Geheimnis auch ein solches bliebe.“

(S.106)

Besonders interessant fand ich die Hintergründe zur Galerie nationale du Jeu de Paume in Paris, die den deutschen Besatzern als Umschlagsort für Raubkunst und die beschlagnahmten Werke aus jüdischem Besitz diente.
Die Idee, die unübersichtlichen Vorgänge während der dunklen Zeit dort zum Ausgangspunkt eines Kriminalfalls werden zu lassen und ein verschwundenes Gemälde ins Zentrum des Romans zu stellen, finde ich großartig.

Der temporeiche und wilde Ritt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Handlungsorten erinnert in der Umsetzung aufgrund der beschriebenen Schauplätze und der Figurenzeichnung durchaus an den einen oder anderen James Bond-Film. Zum einen aufgrund der geschilderten Kunstszene und der Welt der Reichen, Schönen und Mächtigen mit viel Hochglanz, teuren Autos und Modemarken – für meinen Geschmack wäre es jedoch nicht unbedingt nötig gewesen, so häufig die Namen von Luxusmarken einzustreuen. Und auch wegen der etwas scherenschnittartigen Frauenfiguren, die meiner Meinung nach wie so manches Bond-Girl ebenso etwas mehr Profil vertragen hätten.

Storm, der langjähriger Geschäftsführer und Partner einer Kommunikationsagentur ist, hat unglaublich viel hineingepackt in seinen Erstling und man spürt, dass er selbst – wie er auch im Nachwort schreibt – „pure Freude“ beim Schreiben dieses Romans hatte. Da ist der geschichtliche Hintergrund während der Besatzungszeit in Paris und der Aspekt des nationalsozialistischen Erbes in der Bundesrepublik während der Sechziger Jahre mit Bonn als Hauptstadt bis hin zum Brexit, der ebenso thematisiert wird. Da ist aber auch das Interesse für Kunst, Gemälde und die Malerei von Picasso, Braque und Derain – gleich der vorangestellte Prolog ist einer Szene aus dem wahren Leben dieser Künstler gewidmet, schafft einen Rahmen für den folgenden Krimi und wird zu einer Schlüsselszene.

All das in Verbindung mit einer weltgewandten – stellenweise leicht versnobten – Hauptfigur, die sich souverän ihren Weg durch die undurchsichtigen Ermittlungen bahnt – auch wenn dabei das eine oder andere unangenehme, dunkle Familiengeheimnis ans Tageslicht kommt.

Diese Fülle an Themen, Handlungssträngen, Figuren und Szenenwechseln erfordert ein wenig Konzentration beim Lesen, aber sorgt durch das Tempo und die Vielseitigkeit auch für die nötige Spannung, die fesselt und über die 400 Seiten hinweg dranbleiben lässt.

Spannend, intelligent konstruiert und rasant erzählt, so dass kunstaffine Krimifans mit etwas Interesse für die deutsche Geschichte sicher ihre Freude daran haben werden.
Andreas Storm hat mit „Das neunte Gemälde“ zweifelsohne einen spektakulären und effektreichen Auftakt zu einer neuen Krimiserie geschaffen, der Potenzial für weitere Fälle bietet. Der nächste Band mit Lennard Lomberg „Die Triade von Madrid“ soll im Sommer 2023 erscheinen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Storm, Das neunte Gemälde
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00388-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das neunte Gemälde“:

Für den Gaumen:
Der Roman springt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Schauplätzen. Auch kulinarisch wird ein weiter Bogen gespannt zwischen Lomberg’s Vater, der 1966 im Bonner Kanzlerbungalow mit bodenständigem Bienenstich bewirtet wird und seinem Sohn Lennard, der aufgrund der langen Zeit, die er in England verbracht hat eine besondere Vorliebe für schwarzen Tee einer britischen Marke (die ich jetzt nicht explizit nenne) entwickelt hat, z.B. Ceylon Orange Pekoe.

Für einen Museumsbesuch im Frankreichurlaub:
Im Musée d’Art Moderne de Céret werden mehr als 50 Werke von Picasso, aber auch von Chagall, Miró und zahlreichen weiteren modernen Künstlern gezeigt.
Im Roman ist das Museum im Süden Frankreichs einer der Handlungsschauplätze.

Zum Weiterlesen:
Das Genre Kunstkrimi erfreut sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Auch ich habe hier auf der Kulturbowle bereits die Werke von Bernhard Jaumann vorgestellt, der ebenfalls eine Reihe mit Krimis in der Kunstszene gestartet hat. Auftakt dieser Reihe ist „Der Turm der blauen Pferde“:

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

Narretei und Alchemie

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – selten hat ein Faustzitat so gut zu einem Roman gepasst, wie zu Richard Rötzer’s neuem historischen Roman „Narrenträume“. Denn auch im Bayern des 16. Jahrhunderts versuchten viele dubiose Geschäftemacher sich als Goldmacher und Alchemisten – ein gefährliches Spiel, denn so mancher landete dadurch in der Folterkammer und im Gefängnis.

Eine kurze Anmerkung vorweg sei erlaubt: Für mich war sowohl die Lektüre als auch das Schreiben dieser Rezension dieses Mal etwas Besonderes. Denn der Roman spielt über weite Strecken in meiner Heimatstadt Landshut und so kann ich heute auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, über meine Heimatstadt erzählen und zeigen, wo sich der Narr Michel Witz vielleicht so herumgetrieben hat.

Und ich gestehe, auch ich habe durch den Roman einiges Neues aus der Landshuter Stadtgeschichte erfahren und meine Kenntnisse aufgefrischt: Denn während das 15. Jahrhundert und die Blütezeit der Stadt unter den reichen Herzögen Heinrich XIV., Ludwig IX. und Georg durch die regelmäßigen Aufführungen der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 vielen Landshutern gut bekannt und sehr präsent sind, so sieht es vermutlich mit dem Wissen um das 16. Jahrhundert und die späteren Wittelsbacher auf der Burg Trausnitz schon nicht mehr so rosig aus.

Doch erst einmal: Worum geht es in „Narrenträume“?
Michel Witz – seines Zeichens Hofnarr des Herzog Wilhelm V. von Bayern – sinniert – als er im Kerker sitzt – über sein Leben und fasst es mit folgenden Worten bereits sehr treffend zusammen:

„Mein Leben zog in Gedanken an mir vorbei in teils prachtvollen, teils düsteren Bildern. Ich hatte als Narr am Hof des bayerischen Herzogs viele Freiheiten gehabt, nahm Teil an rauschenden Festen, hatte zu jeder Zeit Münzen in der Tasche und fand ein gewisses Ansehen und Beachtung. Aber ich war auch beteiligt an Ränkespielen und Intrigen und jagte in eitler Selbstgefälligkeit vielen Dingen vergeblich nach. Auf der verblendeten Suche nach trügerischem Narrengold war ich augenblicklich dem Henker näher als erhofftem Ruhm und Erfolg.“

(S.10)

In Rückblenden erzählt er aus seinem aufregenden und außergewöhnlichen Leben, über seine Karriere als Hofnarr und versucht nun mit allen Mitteln und seinem Wissen um so manches dunkle Geheimnis, gemeinsam mit einem ihm wohlgesinnten Verwandten, der gute Beziehungen zur Obrigkeit hat, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen und sein Leben zu retten.

„Würde mich mein freches Mundwerk auch aus meinem jetzigen Unglück retten, grübelte ich verdüstert vor mich hin. Ich genoss nicht mehr den Schutz der Narrenkappe, unter dem ich selbst dem Herzog Frechheiten und ungeliebte Wahrheiten an den Kopf werfen konnte, ohne um meinen eigenen Kopf fürchten zu müssen.“

(S.39)

Links: Burg Trausnitz; Rechts: Am Landschaftshaus in der Landshuter Altstadt ist Herzog Wilhelm V. dargestellt und in der untersten Reihe als dritter von rechts zu finden – Fotos: Kulturbowle

Herzog Wilhelm V. (1548 – 1626), der den Beinamen der Fromme trägt, ist den Landshutern vermutlich nicht mehr so ein Begriff, aber er führte mit seiner Frau Renata von Lothringen als Prinzenpaar über viele Jahre eine aufwändige Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, bevor er nach dem Tod seines Vaters später zum Regieren nach München übersiedelte. Die Landshuter Burg verdankt ihm neben dem Tierpark vor allem eine Erweiterung mit den Malereien von Friedrich Sustris und Alessandro Padano auf der bekannten Narrentreppe, die Figuren der Commedia dell’Arte zeigt. München verdankt ihm die Michaelskirche und – als Erinnerung an seine Hochzeit und das Ritterturnier – das berühmte Glockenspiel am Münchner Rathaus.

Fasziniert hat mich vor allem die Figur des Narren und die Freiheiten und verschiedenen Facetten dieser Rolle, die Rötzer in meinen Augen schön herausgearbeitet hat. Bei Michel Witz – und seinem Vater Mertl Witz, dessen Porträt gemalt durch den berühmten Maler Hans Mielich heute noch im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen ist und das im Buch abgebildet ist – handelt es sich um den Typus des intelligenten Narren, der nicht aufgrund körperlicher Gebrechen oder Auffälligkeiten diese Rolle ausübt, sondern es verstand, durch kulturelle Darbietungen, sowie durch Geist und Witz zu unterhalten. Und so streift Rötzer in seinem Buch auch die Geschichte des „Berufsbildes Hofnarr“ und die unterschiedlichen Typen, was ich sehr interessant finde.

Denn auch bei der Landshuter Fürstenhochzeit 1475, die in der Regel alle vier Jahre in Landshut im Rahmen eines großen, historischen Festes nachgespielt wird, gibt es die Rolle des Hofnarren, der im Festspiel, während des Umzugs und auch auf der Festwiese beim Turnier seine Herrschaft, den Herzog begleitet. Eine Figur, der auch heute noch viel Sympathie entgegenschlägt – genau wie den Gauklern und Komödianten:

„Den größten Nutzen aber verschafften mir Begegnungen mit Leuten auf der Straße, vor allem mit Gauklern und Komödianten. Ich sah, wie sie die Mengen in Bann schlugen mit großem Getöse oder einfachsten kleinen Verzauberungen. Sie nutzten den Augenblick, verblüfften durch Unerwartetes, grimassierten und verrenkten sich, äfften pantomimisch nach, sangen und rezitierten, spielten dabei die Laute oder jonglierten mit Bällen und Keulen. All dies musste ich schließlich lernen, wollte ich ein guter Narr werden (…)“

(S.119)

In den Tonfall des Buchs, der sich so mancher für heutige Ohren ungewohnter, leicht gedrechselt-antiquierter Formulierung bedient, muss man sich erst ein wenig einlesen, aber es passt gut zum Genre des historischen Romans und sorgt stellenweise auch immer wieder für ein gewisses Schmunzeln.

Es steckt unglaublich viel drin in diesem Wälzer und auch wenn man vielleicht für einen 600-Seiten-Roman etwas Geduld und manchmal einen langen Atem braucht, hat mich diese Opulenz begeistert und die Lesezeit verging wie im Flug. Gerade die Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, die Beschreibung der unterschiedlichen Figuren und die Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten der Zeit, wie dem Augsburger Hans Jakob Fugger, Philippine Welser auf Schloss Ambras in Innsbruck oder den Medici in Florenz eröffneten nochmal ein reiches, großes Gemälde des Beziehungsgeflechts der damaligen Zeit. Da fällt dann so manches bisher gesammelte, geschichtliche Puzzleteil auf einmal an den richtigen Platz.

Mit „Narrenträume“ hat Richard Rötzer zwar leider – wie sein Held Michel – letztlich auch nicht die Methode der Goldmacherei gefunden, aber doch eine gut gefüllte Wunderkammer und reiche Schatztruhe an historischen Anekdoten, üppiger, überbordender Handlung und interessanten Figuren geschaffen. Ein richtiger Schmöker, der nicht nur LandshuterInnen Freude macht, sondern auch Fans von historischen Romanen gut gefallen wird, weil er Lust darauf macht, weiter zu recherchieren, geschichtliche Details nachzulesen und die Suchmaschinen glühen zu lassen.

„Ich verstand eigentlich von nichts wirklich viel, pflegte aber einen Hang zu geistiger Landstreicherei und war daher leicht zu begeisternder Dilettant in allen Dingen.“

(S.589)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 3) auf der Liste: Ich möchte einen historischen Roman lesen. Abtauchen in eine andere Zeit – in diesem Fall das 16. Jahrhundert in meiner Heimatstadt – eine gewisse Opulenz, viel historischer Hintergrund, eine Prise Krimi und eine stattliche Seitenzahl von 600 – „Narrenträume“ ist absolut perfekt dafür, diesen Punkt auf meiner Liste abzuhaken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Richard Rötzer, Narrenträume
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0291-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Richard Rötzer’s „Narrenträume“:

Für den Gaumen:
Bei folgendem Hochzeitsmahl lasse ich einfach mal die Speisenfolge für sich sprechen:

„Die Tafel war überhäuft mit gefüllten Kapaunen, Fasanen, Hasel- und Rebhühnern, mit geschmorten Lamm- und Ferkelbraten auf Granatapfelgelee, glasierten Wildschweinköpfen in Burgunder- und Pfeffersauce, gespickten Hirschkeulen und Hasenpasteten, dazu geräucherte Renke, Aalsülze und Hecht aus bayerischen Seen, unzählige Schüsseln mit erlesenen Salaten, Früchte aus Italien, Schmalzkrapfen nach Tiroler Art, Konfekt aus Mailand und Paris…“

(S.139)

Für eine Städtereise oder einen Ausflug:
Bei diesem Beitrag bietet es sich natürlich an, dass ich auch ein paar Bilder und Impressionen aus meiner Heimatstadt teile: So gibt es in Landshut nicht nur die Legende des Narrensteigs, die im Buch ebenso Erwähnung findet wie die Narrentreppe im italienischen Anbau der Burg Trausnitz, sondern auch den Narrenbrunnen in der Altstadt, der jedoch erst 1974 vom Landshuter Künstler Karl Reidel errichtet wurde.

Zum Weiterhören:
Und auch der berühmte Komponist und Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 – 1594) darf natürlich nicht fehlen: seine Madrigale, Motetten und Messen gehören heute noch zu den wichtigsten musikalischen Werken der Renaissance.

Zum Weiterlesen (I):
Im Moment begegne ich – wie auch auf einer Toskanareise vor einigen Jahren – beim Lesen immer wieder Giorgio Vasari (so auch wieder in „Narrenträume“) und werde daran erinnert, dass schon einige Zeit ein Buch von ihm noch ungelesen in meinem Regal schlummert:

Giorgio Vasari, Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten
Aus dem Italienischen von Trude Fein
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2510-3

Zum Weiterlesen (II):
Vor vielen Jahren habe ich bereits Richard Rötzer’s historischen Roman „Der Wachsmann“ gelesen und habe ihn – auch nach langer Zeit – noch als packend und spannend in Erinnerung. Die Handlung, die im München des 14. Jahrhunderts und im Milieu der Isarflößer spielt, war auch hier durch Krimielemente geprägt:

Richard Rötzer, Der Wachsmann
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548287775

An die Urenkelin

Andrea Camilleri schreibt von sich selbst, ein besserer Großvater als Vater gewesen zu sein. Dass er als Urgroßvater mit „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“ seiner Urenkelin und seiner Leserschaft ein wunderbares autobiografisches Vermächtnis hinterlassen hat, betrachte ich als literarisches Geschenk.

„Mit fünf hatte ich unter Anleitung meiner Mutter und meiner Großmutter Elvira lesen gelernt, mit sechs bediente ich mich schon in der Bibliothek meines Vaters, die sehr gut bestückt war. Also las ich anfangs keine Kinder- oder Jugendbücher, sondern Literatur für Erwachsene, richtige Romane.“

(S.13)

Andrea Camilleri blickt als über Neunzigjähriger zurück auf sein Leben und erzählt in Briefform seiner Urenkelin nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte seines Heimatlandes. Er versucht, ihr als Vermächtnis seine Sicht und seine Ratschläge für ein erfülltes und glückliches Leben mit auf den Weg zu geben. Da Matilda zum Zeitpunkt der Entstehung gerade einmal vier Jahre alt ist, soll das Werk zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch mit ihrem Uropa ersetzen.
So wird der sehr persönliche „Brief an Matilda“ zu einem autobiografischen Werk, aber auch zu neunzig Jahren „Italien in einer Nussschale“ – eine lebendige Lehrstunde in italienischer Geschichte.

Als Junge und Jugendlicher erlebte Camilleri das faschistische Italien und wandelte sich später – aufgrund einiger Schlüsselerlebnisse – vom Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Balilla zum überzeugten Kommunisten.
Er beschreibt die Stimmung der damaligen Zeit und er beschreibt auch seinen weiteren schulischen und beruflichen Werdegang, den Umzug von Sizilien nach Rom – seine ersten Schritte am Theater, seine Karriere beim Fernsehen (RAI), als Dozent und seine schriftstellerische Entwicklung. Ein arbeitsreiches und kulturell reiches Schaffen, auf das er zurückblicken kann und das er hier auffächert.

Und er erzählt auch über die Liebe, seine Frau und die Familie, der er – wie er im Nachhinein selbstkritisch anmerkt – in manchen Phasen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

„Ich erzähle dir diese Geschichten, Matilda, um dir zu zeigen, dass ich nie ein besonders sanftmütiger Charakter gewesen bin. Mich irgendeiner Disziplin zu unterwerfen, still zu bleiben, wenn ich etwas zu sagen hatte, mich nicht gegen einen meiner Meinung nach unsinnigen Befehl aufzulehnen, war mir unmöglich, es passte einfach nicht zu meinem Wesen.“

(S.43/44)

Vielleicht mag bei manchen Themen etwas Altersmilde gewaltet haben – falls ja, verzeiht man dies gerne – aber man hat doch das Gefühl, dass Camilleri auch an einigen Stellen offen und ehrlich seine Schwächen und Fehler anspricht.

Und auch die italienische Geschichte und Politik beleuchtet er scharfsinnig und kritisch. Es ist hochgradig interessant zu lesen, wie er die Geschehnisse und Entwicklungen im Land einordnet und bewertet. So bekommt man auf engem Raum eine sehr persönliche Sicht auf die italienische Zeitgeschichte der letzten 90 Jahre.

Spannend fand ich aber auch, wie spät der Autor mit Commissario Montalbano erst so richtig erfolgreich wurde (1994 als der erste Roman der Reihe „Die Form des Wassers“ erschien, war er immerhin schon fast Siebzig) und dass er dieser Figur doch eher zwiespältig gegenüber stand.

„Doch irgendwann begann dieser Montalbano, mit mir zusammenzuleben, und je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich als sein Gefangener. Kurz, zwischen mir und meiner Figur entstand eine Hassliebe, die bis heute andauert.“

(S.85)

Nichtsdestotrotz: Montalbano wurde Kult und Phänomen und ist auch bei prominenten Lesern wie z.B. Axel Hacke beliebt, der Camilleri’s Werke ebenfalls zu seinen Lieblingskrimis zählt.

Als Camilleri diesen Brief an Matilda im Jahr 2017 schrieb, war die Flüchtlingskrise gerade in Italien immer noch ein zentrales Thema mit großer Bedeutung, so dass er die Gelegenheit auch nutzte, sich diesbezüglich zu äußern. Camilleri war ein politischer Mensch und bezog Stellung – die wechselvolle Geschichte Italiens hat sein Leben geprägt.

Die Ausdrucksweise und die Melodie des Buches ist auf eine junge Leserschaft bzw. die Urenkelin angelegt und er beherrscht die große Kunst, schwierige Themen und Sachverhalte in eine verständliche, klare und emotionale Sprache zu packen – sehr schön ins Deutsche übersetzt von Annette Kopetzki.

„Tatsächlich griffen wir zum Italienischen, wenn wir eine Situation förmlicher gestalten, jedes Gefühl aus ihr heraushalten wollten. Wann immer es aber um Gefühlsbekundungen ging, um den Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, oder wenn wir unseren Worten mehr Nachdruck verleihen wollten, dann sprachen wir im Dialekt.“

(S.79)

Andrea Camilleri schrieb in seinen Werken teilweise eine Mischung aus Hochitalienisch und sizilianischem Dialekt und was zunächst für Ablehnung seines ersten Romans durch die Verlage sorgte, wurde später sehr wohlwollend besprochen. Persönlich kann ich es gut nachvollziehen, dass man gewisse Dinge im Dialekt einfach treffender ausdrücken kann und einem so eine andere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung steht, die über das übliche Maß der Hochsprache hinausgeht.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren.
„Brief an Matilda“ erschien 2018 in Italien – der Autor hatte das Werk aufgrund seiner Erblindung diktiert – und er verstarb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

„Wie man sein Leben führen soll, lernt man nur, indem man es lebt.“

(S.122)

In diesem kleinen Büchlein mit gerade mal 126 Seiten steckt unglaublich viel drin: über 90 Jahre Italienisches Leben, viel Weisheit, viel Liebe, viel Leidenschaft für Theater und Literatur, viel kritischer und politischer Geist. Ein langes und erfülltes Leben und ein paar gute Ratschläge für die Urenkelin, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst treu zu bleiben. Man würde sich wünschen, der eigene Urgroßvater oder Großvater hätte einen solchen Brief hinterlassen.

Mich hat dieser Blick hinter die Kulissen und hinein in die persönliche Lebensgeschichte des Schriftstellers sehr bewegt. Schön, dass Matilda dieses Vermächtnis mit den Leserinnen und Lesern ihres Urgroßvaters teilt, denn es ist zweifelsohne bereichernd – ein kluges, warmherziges, besonderes, berührendes und lange nachklingendes Buch!

Buchinformation:
Andrea Camilleri, Brief an Matilda – Ein italienisches Leben
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00002-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda“:

Für den Gaumen:
Auch in Andrea Camilleri’s Leben gab es schwierige und ärmliche Zeiten, in welchen das Geld manchmal nicht einmal für ordentliche Mahlzeiten reichte:

„Ich ernährte mich von Cappuccino und Brioche; schon von Natur aus schmal, war ich inzwischen abgemagert.“

(S.45)

Da hilft dann nur noch, in kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen:

„Trotzdem kam es vor, dass ich von den Reiskroketten träumte, die Nonna Elvira so meisterhaft kochte, oder von der Ofenpasta meiner Mutter.“

(S.47)

Zum Weiterlesen oder für einen Theaterbesuch:
Andrea Camilleri war ein Theatermensch und Theatermacher. Er studierte und lehrte Regie, arbeitete über viele Jahre fürs Theater und fürs Fernsehen.
Seine Doktorarbeit verfasste er über das ideale Regiekonzept für das Drama „So ist es (wenn es euch so scheint)“ des Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello, der als einer der bedeutendsten Dramatiker Italiens gilt. In Deutschland findet man ihn kaum auf den Theaterspielplänen, so dass ich bisher noch keines seiner Stücke sehen konnte.

Zum Weiterlesen:
Schon seit einiger Zeit wartet ein weiterer Camilleri bei mir auf seine Lektüre – ein schmaler Roman mit dem Titel „Die sizilianische Oper“. Interessanterweise schreibt Camilleri in „Brief an Matilda“, dass ihm persönlich die „Nicht-Montalbano-Bücher“ teilweise mehr bedeuteten:

„Trotzdem glaube ich auch weiterhin, dass meine besten Bücher die sogenannten „historischen und bürgerlichen Romane“ sind, wie zum Beispiel König Cosimo, Die sizilianische Oper und Der unschickliche Antrag (…)“

(S.86)

Ich denke, das sollte ich als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, dass die Zeit für „Die sizilianische Oper“ jetzt demnächst wirklich gekommen ist:

Andrea Camilleri, Die sizilianische Oper
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Piper Original
ISBN: 3-492-27002-6

Südtirol gestern und heute

Südtirol zählt sicherlich zu den beliebtesten Urlaubsgebieten der Deutschen. Und es lohnt sich auch, sich literarisch mit diesem Landstrich zu beschäftigen: In ihrem Roman „Bergland“ hat Jarka Kubsova die Geschichte einer Bauernfamilie über drei Generationen hinweg erzählt. So gelingt ihr zugleich eine eindrucksvolle Erzählung der wechselhaften Geschichte dieser besonderen Region und man erfährt, wie sich das Leben der Menschen auf einem abgelegenen Bergbauernhof über die Jahrzehnte verändert hat.

„Man tat einem Bauernkind keinen Gefallen, wenn man es zum Seicherl erzog. Eine Mimose war keine Pflanze, die hier gut gedieh. Es war Hartholz, das sich hier hielt, anspruchslos und angepasst, die winterharten Sorten.“

(S.39/40)

Rosa ist gerade einmal 12 Jahre alt, als sie bereits die Rolle der Mutter für ihre Geschwister übernehmen muss. Mit ihrem Vater und ihren Geschwistern lebt sie auf einem hoch gelegenen Bergbauernhof in Südtirol und als die Brüder in den Krieg ziehen und nicht mehr zurückkehren, steht sie 1944 nach dem Tod des Vaters vollkommen alleine mit dem Hof da. Es sind schwere Zeiten in Südtirol – es gibt Deserteure und Kriegsversehrte, Konflikte zwischen Dableibern und Optanten – der Krieg hat Opfer gefordert und tiefe Spuren hinterlassen. Doch sie gibt nicht auf, beißt sich durch, leistet Unmenschliches und arbeitet von früh bis spät – schwere, körperliche Arbeit – um den Hof zu erhalten. Selbst ihren Sohn Sepp zieht sie alleine auf, der den Hof übernimmt und letztlich – auch gegen ihren Willen – seine eigenen Vorstellungen der Landwirtschaft auf dem Hof umsetzt.

Sepp ist das Bindeglied zur heutigen Generation – zu Rosa’s Enkel Hannes, der mittlerweile mit seiner Ehefrau Franziska den Hof betreibt und zu einem Tourismusbetrieb mit angeschlossener Landwirtschaft umgebaut hat. Die Zeiten haben sich geändert und nicht alles ist Gold was glänzt.

Kubsova räumt auf mit dem „Heile Welt“-Klischee, der Idylle von sonnenbeschienenen Almwiesen und dem dauerblauen Himmel der Urlaubsprospekte – sie zeigt, dass der Tourismus ein knallhartes und umkämpftes Geschäft ist, das nicht nur Sonnenseiten hat. Die Erwartungen der Kunden und Tourismusverbände sind hoch, es gilt eine Vielzahl von Kriterien zu erfüllen und die Konkurrenz ist groß.

„Ein altes, etwas kitschiges Bild war das, so wie es noch immer in Kinderbüchern auftauchte, mit niedlichen, frei laufenden Tieren. Ein bisschen Bullerbü, ein bisschen Landlust, ein bisschen Joghurtwerbung, ein bisschen Omas kleiner Bauernhof; übernachten im Heu, die Eier noch warm im Stall einsammeln und Rohmilch trinken. Danach sehnten sich die Menschen.“

(S.27)

Und auch das Romantisieren oder das Verklären der Vergangenheit sind nicht die Sache der Autorin. Rosas einsames und einfaches Leben auf dem Bergbauernhof und ihr täglicher Kampf gegen die kargen Böden, die widrigen Wetterverhältnisse und die Sorgen um die Versorgung und das Leben ihres Kindes – das wird schonungslos und direkt erzählt ohne zu beschönigen.

Der Roman wechselt ab zwischen den verschiedenen Perspektiven und Generationen – zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Autorin findet auch jeweils einen eigenen Klang, der gut zu der jeweiligen Zeit passt: So sind die Passagen, die Rosa’s Geschichte erzählen eher ruhig, unaufgeregt, leise und atmen eine gewisse Melancholie, während die Szenen um Franziska und ihre Probleme im Hier und Jetzt satirisch, bissig, ironisch und zynisch formuliert sind und streckenweise schon an eine journalistische Erzählweise erinnern. Fast als ob Jarka Kubsova, die vor ihrem Romandebüt „Bergland“ als Journalistin bei der Financial Times Deutschland, dem Stern und der ZEIT gearbeitet hat, eine Reportage über Franziska als moderne Landfrau und Tourismusmanagerin geschrieben hätte. Die verschiedenen Welten werden so auch durch den sprachlichen und erzählerischen Kontrast deutlich abgegrenzt und herausgearbeitet.

„Selbstgenügsamkeit war es, die die Alten immun gemacht hatte gegen das Höher, Schneller, Weiter, dem sich der Rest der Welt hingab. Aber schon in der nächsten Generation hatte es nicht mehr gewirkt. Die jagte fiebrig dem Fortschritt hinterher. Höchstleistungen, Ziele und Karrieren.“

(S.182)

Jede Zeit und jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen, andere Gegebenheiten und andere Probleme. Doch es wird auch klar, dass Wurzeln erden und helfen können, sich diesen schwierigen Situationen zu stellen und Antworten auf die jeweils drängenden Fragen finden zu können.

Kubsova hat für ihren Debütroman sieben Monate auf einem Südtiroler Bergbauernhof gelebt und recherchiert – eine Zeit, die sich zweifelsohne sehr gelohnt hat und die ihrem Roman ein fundiertes Verständnis für Land und Leute bzw. die Menschen und die Region und somit eine besondere Authentizität verleiht. So kann sie viele geschichtliche Aspekte, Traditionen, Bräuche und Lebenseinstellungen einfließen lassen.

Als ich das Buch gelesen habe, tanzten vor meinem Fenster die Schneeflocken und eine gewisse Südtirolsehnsucht war unvermeidlich. „Bergland“ ist nicht nur eine gute Wahl für den nächsten Südtirolurlaub, sondern ein kleines, wirklich feines, ernstes und ernst gemeintes Buch, das in einer sehr schönen Aufmachung nicht nur das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen lässt, sondern das vor allem entschleunigt, erdet und zur Selbstreflexion anregt.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Günter Keil, Buchsichten und Friedelchens Bücherstube.

Buchinformation:
Jarka Kubsova, Bergland
Wunderraum
ISBN: 978-3-442-31618-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jarka Kubsova’s „Bergland“:

Für den Gaumen:

„Katharina hatte ein paar frische Strauben dabei. Rosa kochte Tee, zögerte kurz, und griff dann nach der Flasche mit dem Zirbenschnaps.“

(S.37)

Auf Jeanny’s Blog Zuckerzimtundliebe findet sich ein schönes Straubenrezept.

Zum Weiterkochen:
Die Südtiroler Küche ist herrlich vielseitig und ich kenne kaum jemanden, der sich ihrem Zauber entziehen kann. Ein umfassendes Standardwerk und der Klassiker unter den Südtirol-Kochbüchern ist „So kocht Südtirol“, das einen großartigen Überblick gibt. Wer die alpenländische Küche mag, ist hier sehr gut bedient – quasi das Rundum Sorglos-Paket unter den Südtirol-Kochbüchern:

Heinrich Gasteiger, Gerhard Wieser, Helmut Bachmann,
So kocht Südtirol: Eine kulinarische Reise von den Alpen in den Süden
Athesia Tappeiner Verlag
ISBN: 978-8868390990

Zum Weiterschauen:

„Er bepflanzte das Dach mit Hauswurz, der Blitze abhalten sollte.“

(S.15)

Die Tradition Hauswurz auf Dächer zu pflanzen, um das Haus gegen Blitzschlag zu schützen, gibt es nicht nur in Südtirol. Haltet mal die Augen offen, es lassen sich immer wieder Beispiele entdecken.

Wie hier zum Beispiel:

© Kulturbowle

Zum Weiterlesen:
Eines der besten Bücher, die ich über Südtirol je gelesen habe, war aus meiner Sicht Francesca Melandri’s „Eva schläft“ aus dem Jahr 2010 – ein wirklich großartiger Roman, den ich wärmstens empfehlen kann.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Liebeswirren in dunkler Zeit

Mein Lesejahr hat im Januar sehr stark begonnen: Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ hat mich absolut begeistert und ist bereits die erste große Leseempfehlung in diesem noch so jungen 2022! Was für ein Auftakt!
Seine „Chronik eines Gefühls 1929-1939“ – so der Untertitel des Sachbuchs – ist ein schillerndes, überbordendes und farbenfrohes Kaleidoskop an Anekdoten, Szenen und Liebesgeschichten dieses Jahrzehnts. Pulsierendes Leben, die tatsächlich oft gar nicht so goldenen Zwanziger, komplizierte Dreiecksgeschichten, große Gefühle, heimliche Affären, Ehekrisen – Liebe und Gefühle allerorten. Und das alles vor der Kulisse des zunehmenden Antisemitismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus. Verschlungene Lebenswege, Flucht und Vertreibung, für viele der Weg ins Exil – Florian Illies hat ein wirklich reiches Buch verfasst.

„Niemand hofft 1929 noch auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.“

(S.11)

Man darf die ersten Begegnungen von Simone de Beauvoir mit Sartre erleben, der Familie Mann quer durch Europa folgen, Erich Kästner als den Mann kennenlernen, der letztlich keine Frau seiner Mutter vorzieht, Mäuschen spielen in den Ateliers von Picasso und Dalí – man lacht, weint, leidet und liebt mit den Literaten und Autorinnen, Malern und Künstlerinnen, Schauspielern und Schauspielerinnen – all den kulturellen Berühmtheiten und künstlerischen Stars und Sternchen der damaligen Zeit. Man schüttelt zunehmend den Kopf darüber, wie Helene Weigel die zahlreichen Eskapaden des Gatten Bertolt Brecht erträgt und toleriert, schaut in Südfrankreich in lauen Sommernächten gemeinsam mit den Exilanten hinauf zum Sternenhimmel.

Man lässt sich durch sinnliche Beschreibungen in die Atmosphäre der damaligen Zeit versetzen und besucht so legendäre Institutionen wie das Romanische Café in Berlin oder reist mit Tucholsky zum Schloss Gripsholm in Schweden.

„Das romanische Café in Berlin vibriert jeden Nachmittag und jeden Abend, hier ist der Weltgeist zu Hause in jenen leuchtenden Jahren vor der Verdunkelung, hier wird jeden Abend die Welt zerstört, gerettet und neu zusammengesetzt, hier kann man Kurt Tucholsky sehen und Joseph Roth, Erich Kästner und Max Beckmann, Gottfried Benn und Alfred Döblin, Ruth Langhoff und Claire Waldoff, Vicki Baum und Marlene Dietrich, Lotte Laserstein und Marianne Breslauer, Gustaf Gründgens und Brigitte Helm.“

(S.175)

Illies reiht Schicksalsmomente, Anekdoten und Momentaufnahmen aus den Lebensläufen großer Künstlerinnen und Künstler und der Berühmtheiten der damaligen Zeit wie kleine Schätze aneinander – gleich einer glänzenden Perlenkette.
Unmöglich sich da für eine Lieblingsszene oder einen bestimmten Handlungsstrang zu entscheiden, der einen am meisten berührt. Es ist ein Schwelgen in Opulenz und Vielfalt und es wird klar, dass dieses Jahrzehnt an niemandem spurlos vorübergegangen ist.

Florian Illies, der Kunstgeschichte studiert hat, Feuilleton-Chef der ZEIT war und jetzt deren Mitherausgeber ist, lässt einen die Literatur und auch die Kunstwerke dieser Epoche besser verstehen. So manches Werk sieht man durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund nach der Lektüre intensiver und mit anderen Augen.

„Otto Dix malt nun keinen Krieg mehr. Keine Todsünden. Keine Menschen. Er malt verwunschene Täler und sanfte Berge, im Herbst, im Winter und im Frühling. Otto Dix emigriert in die Landschaft.“

(S.276/277)

Die vielen kleinen Szenen, die Illies den Leser entdecken lässt, erinnerten mich an die 360°-Panoramen von Yadegar Asisi. So viele berührende, kleine Szenen, die sich am Ende zu einem großen Ganzen – einem Stimmungsbild dieses entscheidenden und schicksalsträchtigen Jahrzehnts von 1929 bis 1939 – zusammensetzen. Vermutlich wird jedem Leser eine andere Anekdote oder ein anderes Bild besonders im Kopf bleiben – aber man darf versichert sein, dass der Autor jeden erreicht.

Er beschreibt Momente, die sich einbrennen, unter die Haut gehen und gerade aufgrund ihrer Menschlichkeit und Authentizität das Zeitgefühl besonders gut vermitteln und somit nachhaltiger im Gedächtnis bleiben als jede Jahreszahl in den herkömmlichen Geschichtsbüchern.

Illies ist ein Wortzauberer und Poet – sein Sachbuch ist sprachlich ein Genuss und strotzt vor klugen, raffinierten Formulierungen, die man sich gerne mehrfach und immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte. Das ist ein ästhetischer Genuss und einfach wunderschön zu lesen.

„Liebe in Zeiten des Hasses“ ist Inspiration pur, weckt die Lust, weiterzulesen, ins Museum zu gehen, Bilder anzusehen, Theatervorstellungen zu besuchen und natürlich zu lesen, zu lesen und zu lesen. Am Ende hat sich meine Lesewunschliste enorm verlängert und würde wohl für dieses und die nächsten Jahre reichen. Wenn ein Sachbuch das schafft, finde ich das einfach nur grandios und großartig.

„Doch man kann kein Licht entdecken, solange man die Dunkelheit analysiert.“

(S.270)

Mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ eröffne ich den Reigen meiner „22 für 2022“ – Punkt Nummer 4) auf der Liste: Ich möchte ein Sachbuch lesen – ist hiermit erfüllt. Und was für ein Sachbuch – aktuell Platz 1 der SPIEGEL Sachbuch Hardcover Bestsellerliste – und in diesem Fall auch absolut verdient.

Buchinformation:
Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397073-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“:

Für den Gaumen (I):
Die jüdische Ärztin Charlotte Wolff – eine Freundin Walter Benjamin’s – flieht 1933 nach Frankreich. Während der quälenden Zugfahrt fürchtet sie ständig, verhaftet zu werden. In Paris angekommen, kann sie ihr Glück kaum fassen und feiert es mit einem Frühstück:

„Noch leicht benommen geht sie in ein kleines Café auf dem Boulevard Saint-Michel und bestellt voll Glück ihr erstes französisches Frühstück: ‚Café au lait et une tartine‘.“

(S.239)

Für den Gaumen (II):
Wenn in einem Buch etwas von Bowle vorkommt, werde ich natürlich hellhörig bzw. schaue ich da als Gastgeberin der Kulturbowle ganz genau hin.
Als die ganze Exilgemeinde sich in Sanary versammelt, wird mit Bowle gefeiert – in manchen Fällen auch ein wenig zu exzessiv:

„Als sich Nelly Kröger zum fünften Mal von der Bowle nimmt und zu torkeln beginnt, schlägt Heinrich Mann vor, doch langsam nach Hause zu gehen.“

(S.249)

Zum Weiterhören:
Der Liederdichter Bruno Balz schrieb mit am Soundtrack dieser Zeit und den berühmtesten Stars schneiderte er die großen Hits auf den Leib: für Heinz Rühmann „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ und für Zarah Leander „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Zum Weiterlesen (I):
Florian Illies bezeichnet „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff, den ich letzten Sommer hier auf der Kulturbowle rezensiert habe, als einen „der bezauberndsten Romane, der je über Südfrankreich geschrieben wurde.“ Eine Meinung, die ich uneingeschränkt mit ihm teile:

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Zum Weiterlesen (II):
Letztes Jahr habe ich ein ähnlich faszinierendes Buch von Uwe Wittstock hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Es behandelt einen kürzeren Zeitraum, ist aber eine nicht minder intensive Leseerfahrung. Wer Freude und Interesse an zeit- und literaturgeschichtlichen Sachbüchern und einem stimmig zusammengestellten Zeitenpanorama, sowie dem Schicksal der Literaten im schicksalsträchtigen Winter 1933 hat, dem sei „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ ebenfalls sehr ans Herz gelegt.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Düsteres aus dem Grenzgebiet

Die Feuilletons sind seit Herbst voll und auch in der Bloggersphäre hat Eva Menasse’s neuer Roman „Dunkelblum“ bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. Der Schauplatz an der österreichisch-ungarischen Grenze im Burgenland, der Zeitpunkt 1989 während der eiserne Vorhang durchlässig wurde und die Handlung, in welcher verdrängte Verbrechen wieder ans Tageslicht dringen, haben dazu geführt, dass auch ich nicht mehr an diesem Roman vorbei konnte und wollte. Die Lektüre möchte ich keinesfalls missen – ein rundum faszinierender und intelligenter Roman, der die mediale Aufmerksamkeit und die der Leserschaft vollkommen verdient hat.

„Während man darin schwimmt, sind Zeit und Ereignisse flüssig, aber daran denkt man selten, wenn man Jahre oder Jahrzehnte später Worte wie Kriegsende sagt. Dann hält man das für eine klare Begrenzung im Strom, befestigt und gut erkennbar, etwas Stabiles, wie, nur zum Beispiel, ein Wellenbrecher.“

(S.90)

Ich persönlich finde es gar nicht so leicht, einen Beitrag über ein Buch zu schreiben, über das die meisten schon viel gelesen und gehört haben, aber versuchen möchte ich es trotzdem und meine Eindrücke der Lektüre schildern.

Worum geht es in „Dunkelblum“?
Dunkelblum ist ein kleiner Ort im österreichischen Burgenland – die Grenze zu Ungarn ist nah. Es ist Sommer 1989 und die Nachrichten beginnen sich zu überschlagen. DDR-Bürger veranstalten ein paneuropäisches Picknick, versuchen über Ungarn in den Westen auszureisen, flüchten sich in die Prager Botschaft – Wendezeit. Und auch in Dunkelblum kommt etwas in Bewegung. Es geschehen ungewohnte Dinge und einige Einwohner und Einwohnerinnen versuchen, lange Verdrängtes aufzuspüren und ans Licht zu bringen.

„Etwas tut sich: ich weiß nicht genau, was. Eher nur so ein Gefühl. Aber die Leut reden, und sie stehen auf den Gassen umeinand.“

(S.111)

Junge Leute befreien den vernachlässigten, verwilderten jüdischen Friedhof von wucherndem Gestrüpp und Unkraut und sie fördern Unerwartetes zutage. Ein seltsamer, mysteriöser Besucher taucht im Dorf auf und ein junges Mädchen, sowie weitere engagierte Bürger wollen für ein Stadtmuseum die Geschichte des Ortes erforschen und rekonstruieren.

„Sie musste nirgends hingehen, um etwas zu erfahren, denn alles, was in Dunkelblum geschah, fand seinen Weg zu ihr. Sie bewahrte es still auf, behielt das meiste im Gedächtnis, auch das sehr lang Zurückliegende.“

(S.163)

Was hatte es mit dem Brand des Schlosses auf sich? Was wird man bei den Grabungen auf der Rotensteinwiese entdecken? Warum wurde so mancher lange zurückliegende Mord bis heute vertuscht und nicht aufgeklärt? Was geschah in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs? Was ist aus der ehemaligen jüdischen Bevölkerung im Ort geworden?

Rätsel über Rätsel, Fragen über Fragen und schnell wird klar, dass es viele Dunkelblumer gibt, die gar kein Interesse an Aufklärung oder einer Aufarbeitung der Vergangenheit haben. Viele Jahre wurde ausgeblendet, verdrängt und verschwiegen.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.“

(S.196)

Menasse erzählt eine fesselnde, spannende Geschichte über die Menschen und die Ereignisse in diesem Ort, die eine ganz besondere Dynamik entwickeln und sich mehr und mehr überschlagen. Zu lange wurde der Deckel auf dem Topf der Kriegsvergangenheit gehalten, der jetzt viele Jahrzehnte später brodelnd und explosiv überkocht.

Die Autorin ist eine Meisterin der feinen Zwischentöne, versteht die Kunst des Weglassens und der Zweideutigkeit, was perfekt zu der Thematik passt. Vieles geschieht zwischen den Zeilen und das macht für mich den Reiz des Romans aus.
Diese düstere, verdruckste und geheimniskrämerische Atmosphäre in der kleinen Ortschaft – die dunkle Seite Dunkelblums – das ist wirklich großartig herausgearbeitet. Oft sind es kleine Nuancen und sprachliche Feinheiten, die den entscheidenden Unterschied machen.
Die Figurenzeichnung und die Charaktere sind hervorragend gelungen, fein gezeichnet und man sieht die verschiedenen Typen der Ortsbewohner wirklich regelrecht plastisch vor Augen.

Sprachlich liest sich das Buch herrlich süffig und flüssig. Ich mag die österreichische Einfärbung, die Ausdrücke im Dialekt und die Klangfarbe, welche Menasse einfließen lässt. Ich mag es, wenn ein junges Mädchen „goschert“ ist oder sich die Damen in der „Greißlerei“ treffen – das macht den Flair und die Authentizität des Romans aus. Und sollte man mit den österreichischen Ausdrücken nicht so vertraut sein, gibt es im Anhang eine Übersicht der wichtigsten Austriazismen zum Nachschlagen.

„So funktioniert ja das Gedächtnis: Alles scheint weg, hallende Leere, ein tiefer, dunkler Raum, aber beim Tasten findet man spinnwebfeine Fäden, an denen tatsächlich etwas hängt, sobald man zieht.“

(S.198)

Dunkelblum ist ein grandioser, brillanter und kluger Roman über Wahrheit, Erinnerungen, über das Vergessen sowie über die Mechanismen von Verdrängen und Verschweigen. Ein absolut zeitloser Roman, der für mich das Zeug dazu hat, ein zukünftiger Klassiker zu werden. Ein literarisches Spiel mit Licht und Schatten, das ich wirklich empfehlen kann.

„Und das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.“

(S.253)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Archimboldi’s World, Buch-Haltung und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04790-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Menasse’s „Dunkelblum“:

Für den Gaumen (I):
Es ist schon ein wunderbarer Zufall, dass Günter auf seinem herrlichen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ nahezu zeitgleich zu meiner Dunkelblum-Lektüre das perfekte Gericht zum Buch vorgestellt hat: Somlauer Nockerl. Das Rezept und die Fotos sind so verführerisch, dass einem schon vom Anschauen das Wasser im Mund zusammenläuft. Eine ungarisch-burgenländische Spezialität, die auch im Roman entsprechend gewürdigt wird:

„Er aß im Hotel Tüffer zu Mittag (die Einschusslöcher in der Ecke waren bereits vergipst und überstrichen), küsste der errötenden Resi Reschen die Hand und nahm die Jause im relativ neu eröffneten Café Posauner ein. Er lobte den Nussstrudel und die Somlauer Nockerl, eine Spezialität der Gitta, obwohl sie aus der Steiermark war.“

(S.267/268)

Für den Gaumen (II):
Kulinarisch ist „Dunkelblum“ aber wirklich sehr ergiebig: Da gibt es „Zwetschkenfleck“ (S.103), „die Strauben und den Heidensterz“ (S.122) und auch noch „Grammelpogatschen“ (S.290) – zu letzteren dann einen Blaufränkisch oder einen Welschriesling. Wie soll man da beim Lesen keinen Appetit bekommen?

Zum Weiterlesen:
Bisher habe ich von Eva Menasse ihren großen Familienroman „Vienna“ gelesen und war erstaunt zu sehen, dass dieser tatsächlich schon 2005 erschienen ist. So lange ist das schon her? Im Vergleich fand ich jedoch „Dunkelblum“ persönlich überzeugender und ausgereifter – weniger anekdotisch und mehr roter Faden. Doch für alle, die sich selbst eine Meinung von Eva Menasse’s Debütroman bilden möchten:

Eva Menasse, Vienna
btb
ISBN: 978-3-442-73253-1

Zeit des Umbruchs

Auf den zweiten Teil der Schwesterglocken-Trilogie von Lars Mytting hatte ich schon sehnsüchtig gewartet. Somit war klar, dass „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ zeitnah nach dem Erscheinen auf meiner Leseliste stehen würde, da mich bereits der erste Band „Die Glocke im See“ begeistert hatte.

„Einer Sage zu trotzen, das war eine Sache. Der Wirklichkeit zu trotzen, schon eine ganz andere.“

(S.206)

Jehans Hekne – der Sohn von Astrid Hekne, welche im ersten Teil der Trilogie im Mittelpunkt steht und die kurz nach der Geburt von Zwillingen verstorben ist – ist allein bei Verwandten aufgewachsen. Es heißt, er habe alleine überlebt und seinen Zwillingsbruder hat er nie kennengelernt. Sein Leben ist geprägt von harter Arbeit, da er für sein Auskommen und seinen Unterhalt in der Landwirtschaft eines verwandten Hofbesitzers Dienst leisten muss. Seine Leidenschaft gilt der Jagd und als er in einer gefährlichen Situation sein eigenes Leben riskiert, um einem verunglückten, ihm unbekannten, britischen Jäger in unwegsamen Gelände zu helfen, belohnt ihn dieser fürstlich für diese Lebensrettung.

Jehans hofft, sich mit Hilfe des teuren Präzisionsgewehrs, das er sich für die Belohnung kaufen kann, den Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Die Jagderfolge und das damit verbundene Einkommen sollen die Grundlage für seine finanzielle Unabhängigkeit bilden.

Mit dem gleichaltrigen Briten verbindet ihn bald eine innige Freundschaft und es zahlt sich aus, dass er von Pfarrer Schweigaard, der sich stets besonders um den Waisensohn der von ihm geliebten Astrid angenommen hat, Unterricht in Englisch und den Naturwissenschaften erhalten hat.

Als er dann im Hochgebirge durch Zufall auch noch eine zupackende und schöne junge Frau kennenlernt, scheint sein Leben eine weitere Perspektive zu bekommen. Erfindergeist und Ideenreichtum machen die beiden bald zu führenden Persönlichkeiten des Dorfes und der Fortschritt in Form eines Wasserkraftwerks, der Elektrizität und moderner Maschinen hält Einzug in Gudbrandsdalen. Doch in der selben Zeit fordern auch Krieg und Krankheit zahlreiche Opfer. Und auch die Glocke im See lässt Pfarrer Schweigaard und Jehans keine Ruhe.

Der Roman ist sehr vielschichtig und verbindet zahlreiche Erzähl- und Handlungsstränge – die Kenntnis des ersten Bandes erleichtert die Lektüre mit Sicherheit enorm. So führt er nicht nur die Geschichte von Pfarrer Schweigaard fort, der unter seiner Einsamkeit leidet und die verstorbene Astrid immer noch vermisst, sondern auch die Geschichte der nach Dresden versetzten Stabkirche, die Legende um den mystischen Hekne-Teppich oder auch die neue Geschichte des jungen Briten Victor, der zum Jagen nach Norwegen kommt. Eine reiche, bereichernde Lektüre, die auf über 500 Seiten – bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. die ausführliche Beschreibung des Gewehrs oder einiger Jagdszenen, die mir persönlich etwas zu ausufernd waren – ohne Längen auskommt und den Leser in seinen Bann zieht. All dies in einer stilistisch schönen Sprache, die der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel wunderbar ins Deutsche übertragen hat.

Mytting arbeitet häufig mit sich wiederholenden Symbolen und Motiven. So wie sich in manchen Familien Zwillingsgeburten überdurchschnittlich häufen, so zieht sich das Zwillingsmotiv auch durch die beiden Schwesterglocken-Romane. Und auch die oft schmerzhafte Trennung der Zwillingspaare (ob Schwestern, Glocken oder Brüder) bildet eine Konstante.

Lars Mytting erweist sich erneut als großartiger Erzähler. Er nimmt sich Zeit für die Figuren und die Geschichte, entwickelt ruhig und unaufgeregt seinen Plot, spinnt seinen Erzählfaden und webt seinen faszinierenden Geschichtenteppich – wie einst die Hekne-Schwestern ihr legendäres Meisterwerk.

Beeindruckt hat mich auch wieder die Gabe des Autors den zeitgeschichtlichen Hintergrund so authentisch einzufangen und harmonisch mit der Geschichte zu verbinden. Die Jahre zwischen 1903 und 1919, in welchen dieser Teil spielt, war eine Zeit des Umbruchs, der technischen Neuerungen, des Aufbruchs, aber auch eine Zeit großen Leids. Zwar brachten die Stromerzeugung durch Wasserkraft, das elektrische Licht und die strombetriebenen Hilfsmittel ungeahnte Möglichkeiten und Wohlstand, aber der erste Weltkrieg und die spanische Grippe brachten im gleichen Zeitraum auch Leid und Tod. All dies wird durch Mytting im Roman geschickt verarbeitet und verflochten und somit für den Leser spür- und erlebbar.

„(…) die Nacht war von jetzt an eine andere, denn die Gewissheit, jederzeit Licht haben zu können, hatte die Dunkelheit zu einer besseren Dunkelheit gemacht.“

(S.369)

Ein tiefgründiger Roman über Glaube, Liebe, Fortschritt, Einzelkämpfer und Einsamkeit, der wichtige Botschaften enthält und aufzeigt, dass materieller Wohlstand allein nicht glücklich macht.
Ein herrliches Buch für lange Winterabende bei Tee und Kerzenschein, das Sehnsucht weckt nach der Schönheit der norwegischen Natur und entführt in eine faszinierende Welt voller Traditionen, Mythen und nordischer Lebensart.

Buchinformation:
Lars Mytting, Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel
ISBN: 978-3-458-17939-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lars Mytting’s „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch stach für mich neben den traditionellen, norwegischen Moltebeeren, vor allem der exotische „Kerala-Eintopf“ – benannt nach einem indischen Bundesstaat – heraus, welchen der Dienstbote Kumara für Victor zubereitet.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Lars Mytting scheint eine besondere Beziehung zu Richard Wagner zu haben. Der erste Roman, den ich von ihm gelesen habe, war „Die Birken wissen’s noch“ – hier findet ein Enkel in einem alten Anzug seines verstorbenen Großvaters eine viele Jahre alte Karte der Bayreuther Festspiele – und entdeckt eine für ihn völlig neue, bis dahin unbekannte Seite dieses Mannes, bei dem er aufgewachsen ist. Im Roman begibt sich der Enkel auf Spurensuche und ergründet seine Familiengeschichte. Diese Wagner-Szene hat mich damals fasziniert und sich tief eingebrannt.
Und auch in diesem Roman spannt Mytting den Bogen von der Stabkirche zu Wagner:

„Richard Wagners Name war in Dresden nicht immer populär gewesen, doch sein gewaltiger Ring des Nibelungen nährte sich aus diesen Mythen, und mancher wollte im Schnitzwerk des Portals die heroischen Figuren aus diesen Opern wiedererkennen.“

(S.290)

Lars Mytting, Die Birken wissen’s noch
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36283-8

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Bei „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ handelt es sich um den zweiten Teil einer Trilogie. Daher würde ich auf jeden Fall empfehlen, den ersten Teil „Die Glocke im See“ vorab zu lesen. Man hat dann auf jeden Fall mehr von der Geschichte und versteht gewisse Zusammenhänge besser. Ganz abgesehen davon, dass der erste Band großartig ist: Meine Rezension war einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle und ist hier zu finden.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36475-7