Margherita – Venedigs First Lady

Jana Revedin hat in ihrem Roman „Margherita“ der Großmutter ihres Mannes ein literarisches Denkmal gesetzt und den Lesern ein atmosphärisches, interessantes und anregendes Buch geschenkt. Wer Italien, Venedig, Kunst und Kultur liebt und sich für Zeitgeschichte interessiert, wird große Freude an der Lektüre haben.

Wir begegnen der jungen Margherita – einer einfachen Zeitungsverkäuferin, die jedoch eine gute Schulbildung genießen konnte – am Neujahrstag des Jahres 1920, also ziemlich genau vor 100 Jahren. Es beginnen die Zwanziger Jahre, so wie jetzt auch für uns wieder Zwanziger Jahre anbrechen. Damals ist gerade ein Weltkrieg und die schreckliche Welle der spanischen Grippe zu Ende gegangen. Margherita lebt in Treviso – einer Stadt im Veneto – mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern in einer einfachen Unterkunft, die einem Kloster angegliedert ist. Der Vater hat die Familie schon vor langer Zeit im Stich gelassen und die vier Damen haben sich mit dem von ihm hinterlassenen Zeitungsladen und den Schneiderarbeiten der Mutter eine eigene Existenz aufgebaut. Margherita, die Mittlere der Schwestern, liebt es, morgens die Zeitungen zu studieren und sich dann gepflegt und gewitzt mit ihren Kunden darüber auszutauschen. Einer dieser Kunden ist der adelige Conte Revedin – der Erbe einer trevisianischen Dynastie, dem das Schicksal Eltern und Geschwister genommen hat. Er genießt die Konversation mit Margherita, mit der er sich fundiert über Tagespolitik, Kunst und Kultur unterhalten kann und die ihm als frischer Wind aus dem Volk in der verkrusteten, konservativen Welt des italienischen Hochadels einfach „gut tut“, wie er es selbst ausdrückt.

Und plötzlich nimmt ein wahres Märchen seinen Lauf, denn der Conte hält um Margheritas Hand an und sie wird hineinkatapultiert in ein Leben voller Kunst, Kultur und Annehmlichkeiten, das sie sich kaum hätte erträumen können. In Paris wird sie während ihrer Verlobungszeit in die hohe Gesellschaft eingeführt und schon bald verkehrt sie mit all den großen Künstlern ihrer Zeit – Giacometti, Poulenc, Coco Chanel, Cole Porter und Pablo Picasso. Sie findet in Eugenia Errázuriz, Jean-Michel Frank und der eigenwilligen und unangepassten Peggy Guggenheim wahre Freunde. Ein aufregendes Leben als „First Lady“ in Venedig beginnt und sie erobert sich an der Seite ihres Mannes einen Platz in der Gesellschaft am venezianischen Lido. Sie erlebt den touristischen Aufschwung Venedigs und trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die Lagunenstadt zu einem kulturellen Mittelpunkt Europas entwickelt – als Kurort, Stadt der Biennale und der Künste und als Ort des weltberühmten Filmfestivals. Doch auch dieses Märchen verläuft nicht ohne Schicksalsschläge…

Die Lektüre der 300 Seiten verging für mich wie im Flug und auch wenn der Roman nicht besonders reich an Handlung ist, so habe ich es sehr genossen in diese Zeit, das Flair und den Zauber der „Serenissima“ Venedig einzutauchen. Man wünscht sich regelrecht, bei einem der rauschenden Feste der venezianischen Bohème dabei gewesen zu sein, welche die Autorin so sinnlich beschreibt. All die Anspielungen auf die Künstler, die verschiedenen Kunstrichtungen – von bildender Kunst über Musik und Oper bis zur Architektur – sind genau nach meinem Geschmack und auch die kulinarischen Aspekte kommen nicht zu kurz. Ich fand es spannend, mehr über die schillernde und unabhängige Persönlichkeit von Peggy Guggenheim zu erfahren – auch wenn sie nicht im Zentrum des Buches steht – und ich bin mit einem Füllhorn an Ideen und Inspiration aus der Lektüre herausgegangen, was man noch alles nachlesen, nachhören und weiterrecherchieren könnte. Also ein Buch wie für mich geschrieben, da man viel über Zeitgeschichte und auch die Stadtgeschichte Venedigs erfährt. Lesegenuss, etwas Neues erfahren und Inspiration, was will man mehr?

Explizit erwähnen möchte ich auch noch die wunderschöne Aufmachung des Buches. Der Aufbau Verlag hat hier eine herrliche Ausgabe mit Lesebändchen und einem sehr edel gestalteten Umschlag geschaffen, die man gerne zur Hand nimmt und die zu einem Schmuckstück im Bücherregal wird, welches jedem bibliophilen Leser Freude bereitet.

Der Roman gibt Einblicke in das „Who is who“ des italienischen Hochadels und die Welt der Großindustriellen und wird vor allem kunstsinnigen und zeitgeschichtlich interessierten Lesern gefallen, die sich für geschichtliche Hintergründe und verschiedene Kunstrichtungen interessieren. Wer jedoch nur auf der Suche nach einem einfachen, klassischen Liebesroman unter italienischer Sonne ist, der sollte lieber die Finger davon lassen. Für mich war diese Reise ins schöne Venedig jedoch eine wunderbare, erfrischende Urlaubslektüre, die mich abtauchen ließ ins Gewirr der Gassen und Kanäle und mich zumindest gedanklich einen Tag ans Meer, auf den Markusplatz und an den Strand am Lido entführt hat. Achtung: Fernweh inbegriffen.

Buchinformation:
Jana Revedin, Margherita
Aufbau
ISBN 978-3-351-03830-4

***

Welche weiteren sinnlichen Genüsse passen zu „Margherita“:

Für den Gaumen:
Ein Espresso und ein „Veneziano“ (die italienische Variante des „Spritz“) – und falls man danach hungrig sein sollte, ein Teller mit herrlicher italienischer Pasta… denn Pasta macht glücklich.

Für Augen und Ohren – oder für den nächsten Opernbesuch:
Der Roman beginnt mit der Arie „Vissi d’arte“ aus Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ – eine der größten, italienischen Opern aller Zeiten. Ein Meisterwerk, das man immer wieder sehen und hören kann, das häufig auf den Spielplänen steht und hoffentlich auch nach der Corona-Pause wieder in den Opernhäusern zu erleben sein wird.

Für weiteren literarischen Genuss:
Wer jetzt Lust auf „mehr Italien“, „mehr Meer“ und „mehr Liebesgeschichte“ bekommen hat, dem lege ich folgenden wunderschönen und stimmungsvollen Roman ans Herzen – ein wahres Fest für die Sinne und wunderbar zu lesen:

Hanns-Josef Ortheil, Die große Liebe
btb
ISBN: 978-3-442-73964-6

Villazóns literarische Radtour durch Salzburg

Sommerzeit, Urlaubszeit, Festspielzeit – all das wird dieses Jahr durch die Corona-Pandemie gewaltig auf den Kopf gestellt. Doch die Salzburger Festspiele finden statt und man kommt derzeit auch zu Hause auf dem Sofa in den Genuss einiger Fernsehübertragungen (u.a. den „Jedermann“ vom Domplatz, die „Così fan tutte“ aus dem großen Festspielhaus und „Elektra“ aus der Felsenreitschule). Was könnte dazu besser passen als ein Roman von einem, der Salzburg und die Festspiele hinter den Kulissen kennt wie seine Westentasche und dazu noch jede Menge Lebensfreude und Urlaubslaune versprüht: Rolando Villazón. Sein dritter Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ ist eine Liebeserklärung an Salzburg, die Festspiele und vor allem an Mozart, den unsterblichen Sohn der Stadt an der Salzach.

Salzburg im Sommer, die Luft flirrt und der junge Mexikaner Vian kommt mit einem großen Traum in der Stadt an: der junge Opernsänger möchte einmal bei den Salzburger Festspielen auftreten und singen. Dafür ist er bereit, alles zu geben und er begegnet in Mozarts Geburtsstadt großen Stars, exaltierten Kollegen und Künstlern, schrulligen Vögeln, wahren Freunden, der großen Liebe und letztlich sich selbst. Hinter und vor den Kulissen von „Don Giovanni“ – Mozarts großartiger Höllenfahrt-Oper – stolpert der quirlige, südamerikanische Tollpatsch und „Winzling“ – wie er sich im Buch selbst bezeichnet – durch Höhen und Tiefen des Künstlerdaseins und erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

So wie die Titelfigur der Oper sich dem „steinernen Gast“ – dem Komtur – nicht entziehen kann, so kämpft Vian darum, sich von seinem übermächtigen Vater zu lösen – Parallelen zu Mozart sind natürlich vom Autor nicht rein zufällig gewählt, sondern klar erwünscht. Denn der autoritäre Vater hat andere Pläne für seinen Sohn und möchte, dass dieser seine stotternde Sängerkarriere lieber heute als morgen beendet und sich stattdessen zu Hause in Mexiko einem einträglichen Brotberuf widmet. Und so scheint der sensible Nachzügler Vian in seinem Leben ständig zwischen den Welten zu stehen – zwischen Europa und Südamerika, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Geschwistern und Eltern, zwischen Pflicht und Lust und selbst seine Stimmlage lässt sich nicht eindeutig auf Tenor oder Bariton festlegen. Und doch schlägt sich der tapfere, aber auch ängstliche Spinnenphobiker mit Humor durchs Leben und versucht in Salzburgs Gassen, die zahlreiche Abenteuer für ihn bereit halten, sein Glück und seine Bestimmung im Leben zu finden.

Wie viel Villazón steckt in der Figur des Vian? Vermutliche einiges: die Liebe zur Musik, der Oper und zu Mozart, das quirlige, südliche Temperament und der Humor, der hilft, auch in schwierigen Situationen, die Hoffnung nicht aufzugeben und den Problemen laut ins Gesicht zu lachen.

Vor allem aber steckt sehr viel Villazón im gesamten Roman, der ein pralles, lebensfrohes und buntes Bild von Salzburg in all seiner künstlerischen Vielfalt zeichnet. Salzburg ist mehr als Mozart und doch dreht sich so vieles dort um ihn.

Das Buch enthält eine der längsten Liebeserklärungen, die ich je in der Literatur gelesen habe und ist zudem eine Liebeserklärung Villazóns an die Stadt, in der er seit 2019 als Intendant für die Mozartwoche verantwortlich zeichnet und einst an der Seite von Anna Netrebko in der umjubelten und legendären „La Traviata“ von 2005 zum Weltstar wurde.

Mit viel Augenzwinkern und einem gehörigen Schuss Selbstironie beleuchtet der Opernsänger liebevoll auch die Künstlerszene, die Festspielatmosphäre und lässt zwischen den Zeilen durchklingen, dass es bei viel Rampenlicht auch Schatten gibt. Mit großer Lust am Erzählen und Fabulieren scheint die Geschichte regelrecht aus ihm herauszusprudeln – und man fühlt sich beim Lesen an seine lebensfrohen, überbordenden und temperamentvollen Interviews erinnert. Mit zahlreichen Querverweisen und Bezügen zu Literatur, Film und bildender Kunst, aber auch Themenkomplexen wie die Eltern-Kind-Beziehung, Zivilcourage und Toleranz fächert er ein pralles, buntes Kaleidoskop auf, das in seiner Üppigkeit und Fülle vielleicht so gar manchem Leser an der einen oder anderen Stelle etwas zu viel werden könnte.

Stark ist der Roman für mich vor allem in den luftig-leichten Momenten, in welchen der spitzbübische Humor des Autors aufblitzt und er sich selbst und das Opernbusiness nicht zu ernst nimmt, aber auch dann, wenn er die Macht der Musik und der Liebe gefühlvoll beschreibt.

Für mich als Bücher- und Opernliebhaberin war dieser Roman ein wunderbares Sommerbuch und eine erfrischende, fröhliche Urlaubslektüre, die mir viel Lesefreude bereitet hat: kurzum das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Buchinformation:
Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

***

Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen:

Passend zur Salzburger und österreichischen Kaffeehauskultur ein „Verlängerter“ oder ein „großer Brauner“

Für die Ohren oder den nächsten Theaterbesuch:

  • Mozarts Oper „Don Giovanni“ – wer sie kennt, hat definitiv noch mehr von der Lektüre, weil sich zahlreiche Parallelen und Anspielungen im Roman entdecken lassen.
  • Peter Shaffers Schauspiel „Amadeus“ – im Stadttheater Landshut war in der vergangenen Spielzeit eine fulminante und geniale Inszenierung dieses Stückes zu erleben. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, das Stück live zu sehen – ich kann es nur empfehlen. Der oscarprämierte Film von Forman, der auf diesem Stück basiert, ist zweifelsohne gut – aber Live-Theater ist besser.
  • Und zum Hören die wunderbaren Interpretationen von Mozarts Arien (auch fünf aus Don Giovanni) auf Christian Gerhahers Album „Mozart Arias“ (erschienen bei Sony Classical, 2015)

Für weiteren literarischen Genuss:

Zu Salzburg passen und stehen in meinem Regal:

  • Herbert Rosendorfer „Salzburg für Anfänger“;
    dtv Literatur, ISBN 978-3-423-13342-5
    (Ein fröhlicher und kurzweiliger literarischer Reiseführer durch die zauberhafte Stadt an der Salzach.)

… und eines meiner absoluten Herzensbücher:

  • Erich Kästner „Der kleine Grenzverkehr“;
    Atrium Verlag AG, ISBN 978-3038820154
    (Ich werde zu gegebener Zeit in diesem Blog sicherlich auf Erich Kästner zurückkommen, denn er ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, wenn nicht DER Lieblingsautor in meinem Leseleben.)
© Rowohlt Verlag