Hiddensee-Lektüre

Dass Hiddensee deutlich mehr ist als die kleine Schwester Rügens im Westen der größten deutschen Insel, bemerkt man schnell, wenn man sich etwas mit der Geschichte und den Besonderheiten dieses schmalen Landstreifens in der Ostsee befasst. Hiddensee gilt als Insel der Künstler und auch Sylvia Frank’s Roman „Das Haus der Winde“ und Unda Hörner’s Sachbuch „Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub“ vermitteln auf unterschiedliche Art und Weise die magische Anziehungskraft, welche dieses Fleckchen Erde auf Kulturschaffende hatte und hat.

Sylvia Frank ist das Pseudonym des auf Rügen lebenden Schriftstellerehepaares Sylvia Vandermeer und Frank Meierewert, die erkannt haben, dass die Grande Dame des Stummfilms Asta Nielsen und ihr idyllisches, kleines Ferienhaus – mit dem schönen Namen „Karusel“ – auf Hiddensee zweifelsohne einen guten Romanstoff abgeben.
So verweben die beiden wahre Begebenheiten mit einer fiktiven Liebesgeschichte und erzählen über Inselbewohner und Inselgäste sowie über die Sommer, welche die dänische Schauspielerin auf der Insel verbrachte.

„Kunst ist meine Rettung vor der Einsamkeit. Sie gibt mir das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein, in der weiten Welt da draußen auf Gleichgesinnte zu treffen.“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.189)

Asta Nielsen verliebte sich in den Zwanziger Jahren in die Insel und kaufte sich 1929 ihr eigenes Häuschen, das der Architekt Max Taut ursprünglich als Sommerhaus für eine Berliner Familie entworfen hatte. In den folgenden Jahren verbrachte sie dort gerne – auch mit ihrer Schwester Johanne – die Sommermonate.

Der Roman erzählt in kurzen Zügen auch die Lebensgeschichte des großen Stummfilmstars: ihre Kindheit in Kopenhagen, ihre ersten Schritte am Theater und der plötzlich einsetzende große Erfolg in der Welt des Films.
Auf Hiddensee darf die große Berühmtheit jedoch ganz privat sein und genießt mit Freunden und Bekannten die Leichtigkeit der Sommertage, feiert Feste und erholt sich in der Natur und an der frischen Meeresluft.
Im Roman „Das Haus der Winde“ lernt sie auch die Einheimischen kennen, fährt mit hinaus zum Fischen, besucht ein Boccia-Turnier und verliebt sich schließlich.

„Namen sind Schall und Rauch, würde Pastor Gustavs sagen. In der Kargheit und Abgeschiedenheit der Insel entwickelte sich über die Jahrhunderte eine Lebensauffassung, nach der der einzelne Mensch in jedem Geschlecht, seiner Familie und seiner Arbeitsgemeinschaft aufgeht. Nur als gut funktionierende Einheit gelang es, auf diesem Flecken Erde inmitten der See zu überleben.“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.179)

Doch immer mehr überschatten ihre Sorgen um Freunde und Bekannte, die unter den Repressalien der Nationalsozialisten leiden und um ihr Leben fürchten müssen, ihre unbeschwerten Urlaubstage. Vor allem die Angst um ihren schwer erkrankten Freund Joachim Ringelnatz macht ihr sehr zu schaffen.

Der Roman liest sich sehr schnell und flüssig und vermittelt sofort eine gewisse Ferienatmosphäre. Auch wenn die Liebesgeschichte für mich stellenweise etwas aufgesetzt wirkt, mochte ich das Buch vor allem wegen der zeitgeschichtlichen Hintergründe, den vielen Anklängen der Inselgeschichte und aufgrund des besonderen Flairs.
Ich habe durch die Lektüre viel Neues über Hiddensee und die Künstler erfahren und sie hat meine Neugier auf das Karusel und die Persönlichkeit Asta Nielsen absolut geweckt.

Unda Hörner hat bereits 2003 mit ihrem feinen Buch „Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub“ dem besonderen Zauber der Insel, ihrer Geschichte und den prominenten Gästen aus Kunst und Kultur nachgespürt. Entstanden ist dabei ein kurzweiliges und informatives Bändchen, das Lust auf die Insel macht und auf unterhaltsame Art und Weise die wichtigsten Orte, Sehenswürdigkeiten und vor allem auch Persönlichkeiten, die gerne auf Hiddensee verweilten, näher bringt.

„Die Namen derer, die während Theaterferien, Sommer- und Schaffenspausen aus Berlin auf die Insel strömten, sie sind Legion. Salopp gesagt: zu manchen Jahreszeiten liefen mehr Geistesgrößen auf Hiddensees neunzehn Quadratkilometern herum als Kühe auf den Inselwiesen standen. In den Gästelisten der Inselhotels tauchen die berühmten Besucher auf: Ernst Blass, Carl Zuckmayer mit Familie, Hans Fallada, Erich Mühsam, Ernst Toller, Lion Feuchtwanger, Mascha Kaléko, Joachim Ringelnatz, Albert Einstein.“

(aus Unda Hörner, Auf nach Hiddensee!, S.9)

Selbstverständlich wird auch hier Asta Nielsen und ihr Sommerhäuschen ausgiebig gewürdigt, aber auch ihre gern gesehenen Gäste wie Joachim Ringelnatz und seine Gattin bekommen ihren Raum.

Und natürlich der große Name der Insel: Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Auch sein Sommerhaus auf Hiddensee ist – wie Asta Nielsen’s Karusel – heute Museum und zieht zahlreiche Literaturbegeisterte aus aller Welt an, die dort unter anderem das schöne Anwesen, die Terrasse mit den Original-Gartenmöbeln und dem besonderen Efeu von George Washington’s Landsitz in USA, den imposanten Weinkeller und die Medaille des Literaturnobelpreises bewundern können.

Doch auch die Malerinnen der Insel wie Elisabeth Büchsel und Henni Lehmann bekommen ein eigenes Kapitel, ebenso wie die Puppenmama Käthe Kruse, der Architekt Max Taut oder die Tänzerin Gret Palucca.

Ausgestattet mit amüsanten Anekdoten, zahlreichen schwarz-weiß Fotografien und treffenden Originalzitaten lässt das Buch spürbar werden, wie bunt, vielseitig und kulturell anziehend die Insel ist und war. Man würde sich wünschen, auf den sommerlichen Festen mit Blick aufs Meer dabei gewesen zu sein und hätte gerne die lustigen und anregenden Gespräche gehört, mitgesungen und mitgefeiert.

Auch heute versprüht die Insel dieses Sommergefühl und Künstler-Flair und man kann verstehen, was die Literaten, MalerInnen, SchauspielerInnen und TänzerInnen dort gefunden haben – eine grandiose Naturkulisse, Ruhe und Abgeschiedenheit. Hiddensee ist ein Ort, um Energie zu tanken, sich zu erholen, der Natur nah und kreativ zu sein.

Mich haben diese beide Bücher, die vom Charakter her sehr unterschiedlich sind, wunderbar eingestimmt auf Hiddensee, Vorfreude geweckt und meinen Blick geschärft. So betrachtet man die Naturschönheit der Insel, den Leuchtturm auf dem Dornbusch, die blaue Scheune, das Gerhart-Hauptmann-Haus und Asta Nielsen’s Karusel mit etwas Vorwissen nach der Lektüre auf einmal mit anderen, wachen Augen.

Buchinformationen:
Sylvia Frank, Das Haus der Winde
Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00957-0

Unda Hörner, Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub
ebersbach & simon
ISBN: 9783934703605

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Hiddensee-Bücher:

Für den Gaumen:
In „Das Haus der Winde“ gibt es zum Aufwärmen Grog, aber es wird vor allem die Vorliebe Asta Nielsen’s zu Kringel und Mokka thematisiert.

Und für den richtigen Hunger gibt es – wie könnte es auch anders sein an der Ostsee – natürlich Fisch:

Dorsch mit Stampfkartoffeln und Frühlingszwiebeln? Wäre das der Dame angenehm?“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.236)

Zum Weiterschauen:
Die gebürtige Kopenhagenerin Asta Nielsen (1881 – 1972) war der Stummfilmstar vor allem in den 10er und 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Heute sind diese Filme kaum mehr bekannt – ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Film mit Asta Nielsen gesehen zu haben.

Zum Weiterhören:
In „Das Haus der Winde“ träumt Asta Nielsen später vom singenden Hans Albers und einem seiner berühmtesten Lieder „La Paloma“:

„Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne. Unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne…“, klang das Lied in ihr nach.“

(Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.55; Liedtext La Paloma von Hans Albers)

Für einen Museumsbesuch:
Wer die schöne Insel Hiddensee besucht, hat die Möglichkeit sich das Sommerhäuschen „Karusel“ (dänische Schreibweise) von Asta Nielsen anzusehen.
Das Haus, das vom Architekten Max Taut entworfen wurde, ist heute als Museum zugänglich – es kann sogar in einem Trauzimmer geheiratet werden. Klein, aber fein und man spürt die sommerliche Leichtigkeit in den Räumen und der Landschaft, welche die dänische Schauspielerin so liebte.

Zum Weiterlesen:
Die 1945/46 erschienene Autobiografie Asta Nielsen’s „Die schweigende Muse“ ist derzeit nur noch antiquarisch erhältlich. Für mich ein schönes Souvenir und Andenken an die Insel und das „Karusel“, das ich im Museumsladen erwerben konnte:

Asta Nielsen, Die schweigende Muse
Aus dem Dänischen von H. Georg Kemlein
Carl-Hanser-Verlag
ISBN: 3-446-12420-9

„Auf Hiddensee, einer Insel westlich von Rügen, schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. (…) Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, die hier noch leuchtender waren als an anderen Orten des Nordens, die ich kenne, liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee.“

(aus Asta Nielsen, Die schweigende Muse, S.365/366)

Ist das Kunst?

Wohl jeder von uns ist schon durch Museen oder Ausstellungen geschlendert und hat sich in Kunstwerke vertieft. Doch nicht immer findet man den richtigen Zugang sofort. Nicht alles empfindet man selbst als künstlerisch wertvoll. Oft spalten Kunstwerke die Geister und so manches Mal stellt sich vielleicht auch die Frage: Ist das Kunst? Oder was ist Kunst überhaupt?

In Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“ erschummelt sich die junge Grafikerin Jef ein dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus. Ein leicht aufgemöbelter Lebenslauf ermöglicht ihr den Aufenthalt im Strand Haus, das in einem luxuriösen Urlaubsort in grandioser Bergkulisse liegt. Dort soll sie gemeinsam mit weiteren Stipendiaten aus anderen Kunstrichtungen Zeit und Muße haben, um Kunst zu schaffen, die am Ende bei einer großen Abschlussveranstaltung präsentiert werden soll. Doch Jef, die sich bisher mit schlichten Werbegrafiken und unterbezahlten Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hat, plagen das schlechte Gewissen und die Selbstzweifel, gar nicht in der Lage zu sein, Kunst von wirklichem Wert zu erschaffen.

„Künstlerin zu sein, wenn es niemand sehen kann, ist doch so unsinnig, wie ein Glas Wein in den See zu schütten.“

(S.186)

Als Lehrerkind, das stets unter der Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und der Besserwisserei der Eltern gelitten hat und aus deren normierter Lebensplanung ausbrechen wollte, sehnt sie sich nach Liebe und Wertschätzung. Lediglich bei der mittlerweile verstorbenen Großmutter musste sie nicht funktionieren, sondern konnte unbeschwerte Momente in liebevoller Atmosphäre verbringen. Ein kreatives Leben als Künstlerin erscheint ihr – als Gegenentwurf zum Leben der Eltern – erstrebenswert.

„Dazu haben wir die Kunst, verstehst du? Zum Überleben, wenn wir nichts mehr haben. Wenn deine Umgebung ganz eng wird, dann wird dein Geist ganz weit.“

(S.147)

Jef befindet sich an einem Scheitelpunkt ihres Lebens, den man heute vermutlich als Quarter-Life-Crisis bezeichnen würde. Sie hadert mit sich und ihrem Leben, fühlt sich hilflos. Ihre bisherigen Beziehungen sind gescheitert, eine ihr besonders wichtige Freundschaft ist zerbrochen und beruflich hat sie nichts erreicht, auf das sie stolz wäre. Kann dieses Stipendium, das ihr eigentlich gar nicht zustehen würde, ihrem Leben eine neue Wendung geben oder wird ihre Gaunerei letztlich doch auffliegen? Wie lange kann sie den anderen glaubhaft vorgaukeln, in diese Kunstwelt zu gehören? Und wie in aller Welt soll sie jetzt kreativ sein und wahre Kunst erschaffen? Und was ist das überhaupt?

„Wir machen Kunst. Wir sehen mehr, als zu sehen ist. Wir sehen das Wesentliche. Wir legen unsere Seele mit dazu.“

(S.86)

Schon bald stellt sich im Haus so etwas wie Schullandheimatmosphäre ein. Die Stipendiaten kommen sich bei gemeinsamen Küchenabenden und Flaschendrehen näher. Da sind unter anderem Sunny, die Tänzerin, die beim Essen schmatzt und Oleksii, der nicht einmal weiß, wie man die Spülmaschine bedient. Doch wer ist diese mysteriöse, verwirrte, alte Frau, die hinter einer Schranktür zu hausen scheint, nachts Kuchen und Kekse bäckt, durch die Gänge geistert und von sich selbst offenbar nur in der dritten Person spricht?
Sie scheint wie Jef nicht dazu zu gehören und zwischen den Welten stecken geblieben zu sein. Jef spürt eine Verbindung und versucht dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Fasziniert hat mich Franziska Hauser’s fließende Sprache – selten habe ich mir so viele Textstellen notiert, die zitierenswert wären und aus welchen ich letztlich nur ein paar auswählen konnte. Diese unkonventionelle, ausdrucksstarke Stilistik und die Freude der Autorin am Formulieren, machte für mich ganz klar den Zauber des Romans aus.

„Schwalben zerschlitzten die Luft mit fernen Schreien weit oben. Dieses abendliche Hochsommergeräusch über der ausrollenden Stadt gab Jef das Gefühl, dass es noch ein anderes Recht gab, auf der Welt zu sein, und das unabhängig war von ihrer Arbeitsleistung und ihrer Kaufkraft. Ein Einverständnis mit dem Leben (…)“

(S.234)

Auch dieser Roman hatte für mich etwas von einem Kunstwerk, das sich für mich schwer greifen und auch nicht sofort begreifen ließ. Ein herbes, sperriges und ungewöhnliches Buch über Außenseiter und gebrochene Herzen, das Rätsel aufgibt und wie Kunst auch eine Vielzahl an Aspekten und Deutungsmöglichkeiten für die Leserschaft eröffnet und bereithält. Literatur, die viel Raum für Interpretation und Projektion gibt. Ein Buch, das schwebt, kratzt, verstört und aus einer Welt erzählt, die so weit entfernt und ganz anders ist als meine persönliche Lebensrealität. Auch das kann Kunst sein.

Denn so wie Jef den Blick von außen braucht, brauchen wir vielleicht auch Literatur und Kunst, um unseren Horizont zu weiten und neue Perspektiven in unserem Leben zu erhalten.

„Warum braucht sie jemanden, der ihr zeigt, wie sie das Leben betrachten soll? Warum reicht ihr eigener Blick nicht?“

(S.155)

Einen weiteren Blick bzw. eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Bookster HRO.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Franziska Hauser, Keine von ihnen
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0112-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Franziska Hauser’s „Keine von ihnen“:

Für den Gaumen (I):
Kindheitserinnerungen verbindet Jef mit den Sommerferien bei der Großmutter und sie

„(…) aßen Brötchen, Kräuterquark, Bouletten und Erdbeeren.“

(S.20)

Oleksii – ihr Mitbewohner – scheint sich nahezu ausschließlich von „Schokocreme, Müsli und Bananen“ (S.126) zu ernähren.

Für den Gaumen (II):
So farbenfroh und bunt zusammengewürfelt wie die Künstlertruppe im Strand Haus ist offenbar auch der „Rainbow Cocktail“ (S.239), der bei einem gemeinsamen Barbesuch getrunken wird.

Zum Weiterlesen:
Während der Lektüre von Franziska Hauser’s Roman kam mir wieder in den Sinn, dass ich Julian Barnes’ Werk „Kunst sehen“ schon lange auf meinem Wunschzettel stehen habe. Gerade bei Kunst und Malerei, finde ich es stets auch spannend, über die Literatur noch einmal einen anderen Zugang zu erhalten und mehr Hintergrund zu erfahren.

Julian Barnes, Kunst sehen
Übersetzt von Gertraude Krueger
Kiwi Taschenbuch
ISBN: 978-3462002805

Frostiges Feuer

Tulla Larsen ist die Frau mit dem feuerroten Haar, die auf einigen Gemälden des norwegischen Expressionisten Edvard Munch zu sehen ist. Sie war sein „Sonnenscheingesicht“, über einen kurzen Zeitraum von 1898 bis 1902 seine Muse, sein Modell und seine Verlobte. Die Beziehung endet tragisch mit einem Pistolenschuss in Munch’s Sommerhaus, bei welchem er an der Hand verletzt wird.

Die norwegische Autorin Lene Therese Teigen hat mit „Schatten der Erinnerung“ nun einen niveauvollen Roman über die Frau und Künstlerin Tulla Larsen geschrieben und erzählt die tragische Liebes- und Lebensgeschichte erstmals aus ihrer Perspektive.

„Manch einer hat einen so starken Willen, dass der Wille anderer pulverisiert wird. Die anderen verlieren nicht nur das kleine bisschen Talent, das sie besitzen, sie verlieren auch den Glauben. Einige erhalten die Erlaubnis, Hauptpersonen zu sein. Andere ziehen sich stillschweigend zurück.“

(S.26/27)

Die dominante Persönlichkeit und die Hauptperson in der Beziehung zwischen den beiden war stets der von Selbstzweifeln geplagte Edvard Munch, der als kränkelnder und völlig auf seine Kunst fixierter Mensch seine ganz eigene Vorstellung hat, wie die Beziehung auszusehen hat und Tulla durch sein Verhalten quält und zunehmend in die Isolation und Verzweiflung treibt.

Es ist eine zutiefst unglückliche, leidvolle Beziehung, die sich zwischen den beiden entspinnt und die Tulla schließlich sogar zu einem Selbstmordversuch treibt – ein verzweifelter Hilferuf, der weitgehend ungehört ebenso verhallt, wie alle ihre Versuche, dem Mann Edvard Munch nahe zu sein.

„Weder Tränen noch Schreie. Mein Schrei verschwand, er hatte ihn gestohlen. Hinein in die Bilder damit: Du bist so und so, genau so bist du. Er hat meine Persönlichkeit gestohlen, sie zu etwas umgeformt, das er brauchte, um seine Vorstellungen davon zu bestätigen, wie die Welt zusammenhängt.“

(S.37)

Nach dem plötzlichen Ende der Beziehung – dem legendären Pistolenschuss in Munch’s Sommerdomizil 1902 – und der Lösung der Verlobung, wird Tulla später ihr Glück in zwei anderen Ehen suchen. Teigen erzählt im Roman auch über diese späteren Phasen ihres Lebens und wie die Zeit mit Munch – heute würde man wohl von einer toxischen Beziehung sprechen – sie im Grunde lebenslang gezeichnet und geprägt hat – bis zu ihrem Tod 1942 im Alter von 72 Jahren.

Der Text schwebt, mäandert, er wirkt stellenweise wie ein Fiebertraum, wahnhaft, ein stetes Gedankenkarussell, das sich im Kreis dreht. Der Roman ist daher eine anspruchsvolle, fordernde und hin und wieder auch sperrige Lektüre.
Es schmerzt zu lesen, wie Tulla unter der Beziehung leidet, immer mehr dem Alkohol zuspricht und doch auch immer wieder die Schuld bei sich sucht. Als Leser begleitet man sie bei ihrem Ringen um ihre Rolle als Frau, der Suche nach ihrem Platz im Leben und dem Wunsch nach Bestätigung als Künstlerin. Es fällt ihr schwer, sich von der Vergangenheit und der Person Edvard Munch zu lösen.

Keine leichte Kost, die Lene Therese Teigen, die in Norwegen bekannt ist für ihre fundiert recherchierten Theaterstücke, die oft auch das Thema Gleichberechtigung behandeln, hier der Leserschaft serviert.
Dieser Roman führt ein Exempel eines Paares vor Augen, das gerade nicht gleichberechtigt und nicht auf Augenhöhe agierte; ein Beziehung, die letztlich beiden Leid und Schmerz zufügte. Der Leser wird Zeuge der Qualen und des Scheiterns.

„Damals verstand sie nicht, dass derjenige, der sich hätte verändern müssen, damit eine Beziehung daraus hätte werden können, er war.“

(S.160/161)

Edvard Munch (1863 – 1944) ist weit mehr als nur der Schöpfer seines berühmtesten Werkes „Der Schrei“. In Oslo wurde am 22.10.2021 das große neue Munch-Museum eröffnet, welches den Nachlass Munch’s und insgesamt eine Sammlung von 42.000 Objekten verwaltet.

Tulla Larsen war bisher lediglich eine meist verkannte Randfigur in den Biografien über Edvard Munch und ein Modell, das er auf seinen Gemälden verewigte.
In der bisherigen historischen Aufarbeitung und den Munch-Biografien wurde Tulla Larsen oft negativ dargestellt und auf den Selbstmordversuch und die Episode „des Schusses“ reduziert. Lene Therese Teigen möchte sie daher mit „Schatten in Erinnerung“ jetzt differenzierter betrachten, sie gleichsam aus dem übergroßen, verdunkelnden Schatten Munch’s holen und sie als Frau und eigenständige Persönlichkeit ins rechte Licht rücken.

Hier ist gerade auch das Nachwort sehr interessant, das noch einmal verdeutlicht, dass Tulla Larsen selbst über künstlerische Begabungen verfügte und z.B. Radierungen anfertigte und eben keineswegs die Frau war, die Munch’s Leben zerstören wollte.

Wer in der aktuellen Situation nach Wohlfühllektüre sucht, für den ist „Schatten der Erinnerung“ sicher nicht das Richtige. Wer sich jedoch stark genug fühlt, auch einem schmerzhaften, leidvollen Text standzuhalten, der findet in diesem fordernden Werk zweifelsohne eine intensive Charakterstudie einer Frau in einer dysfunktionalen Beziehung im Schatten einer großen Künstlerpersönlichkeit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach & simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Lene Therese Teigen, Schatten der Erinnerung
Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach
ebersbach & simon
ISBN: 978-3-86915-254-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lene Therese Teigen’s „Schatten der Erinnerung:

Für den Gaumen:
Tulla Larsen’s Vater führte in Kristiania – dem heutige Oslo – einen erfolgreichen Wein- und Spirituosenhandel. Sherry Oloroso und Port stehen auch bei Tochter Tulla hoch im Kurs, nur leider belässt sie es im Roman in der Regel nicht bei einem Gläschen zum Genuss.

Zum Weiterhören:
Tulla spielt gerne Klavier, die Musik scheint ihr gut zu tun:

„Allein am Flügel kann ich mich jetzt noch völlig vergessen und einfach nur sein.“

(S.34)

Besonders gerne spielt sie das Adagio aus Mozart’s Klavierkonzert Nr.23 in A-Dur (KV 488). Ein wunderbares Stück – zum Beispiel in der Aufnahme von Hélène Grimaud.

Zum Weiterschauen:
Auf der Seite des vor kurzem neu eröffneten Munch-Museums in Oslo findet man einige der Gemälde, die Edvard Munch von Tulla Larsen gemalt hat – unter anderem ein schönes Ölgemälde aus den Jahren 1898-1899.
Ein Selbstportrait aus dem Jahr 1905, das Edvard Munch gemeinsam mit Tulla Larsen zeigt, fällt nicht mehr so freundlich aus – und wurde später nach dem Ende der Beziehung sogar vom Künstler in zwei Teile geteilt.

Zum Weiterlesen:
Tulla Larsen war befreundet mit dem norwegischen Dramatiker Gunnar Heiberg (1857-1929) – der bei uns jedoch weitestgehend unbekannt ist und dessen Werke aktuell nicht auf deutsch verlegt werden, sondern nur in Bibliotheken zu finden sind.

„Als sie am 16. Januar 1905 im Nationaltheater die Premiere von „Die Tragödie der Liebe“ besuchte, musste sie allerdings feststellen, dass Gunnar Heiberg sowohl ihr als auch Odas Leben als Material für sein Schauspiel verwendet hatte.“

(S.83)

Liebeswirren in dunkler Zeit

Mein Lesejahr hat im Januar sehr stark begonnen: Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ hat mich absolut begeistert und ist bereits die erste große Leseempfehlung in diesem noch so jungen 2022! Was für ein Auftakt!
Seine „Chronik eines Gefühls 1929-1939“ – so der Untertitel des Sachbuchs – ist ein schillerndes, überbordendes und farbenfrohes Kaleidoskop an Anekdoten, Szenen und Liebesgeschichten dieses Jahrzehnts. Pulsierendes Leben, die tatsächlich oft gar nicht so goldenen Zwanziger, komplizierte Dreiecksgeschichten, große Gefühle, heimliche Affären, Ehekrisen – Liebe und Gefühle allerorten. Und das alles vor der Kulisse des zunehmenden Antisemitismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus. Verschlungene Lebenswege, Flucht und Vertreibung, für viele der Weg ins Exil – Florian Illies hat ein wirklich reiches Buch verfasst.

„Niemand hofft 1929 noch auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.“

(S.11)

Man darf die ersten Begegnungen von Simone de Beauvoir mit Sartre erleben, der Familie Mann quer durch Europa folgen, Erich Kästner als den Mann kennenlernen, der letztlich keine Frau seiner Mutter vorzieht, Mäuschen spielen in den Ateliers von Picasso und Dalí – man lacht, weint, leidet und liebt mit den Literaten und Autorinnen, Malern und Künstlerinnen, Schauspielern und Schauspielerinnen – all den kulturellen Berühmtheiten und künstlerischen Stars und Sternchen der damaligen Zeit. Man schüttelt zunehmend den Kopf darüber, wie Helene Weigel die zahlreichen Eskapaden des Gatten Bertolt Brecht erträgt und toleriert, schaut in Südfrankreich in lauen Sommernächten gemeinsam mit den Exilanten hinauf zum Sternenhimmel.

Man lässt sich durch sinnliche Beschreibungen in die Atmosphäre der damaligen Zeit versetzen und besucht so legendäre Institutionen wie das Romanische Café in Berlin oder reist mit Tucholsky zum Schloss Gripsholm in Schweden.

„Das romanische Café in Berlin vibriert jeden Nachmittag und jeden Abend, hier ist der Weltgeist zu Hause in jenen leuchtenden Jahren vor der Verdunkelung, hier wird jeden Abend die Welt zerstört, gerettet und neu zusammengesetzt, hier kann man Kurt Tucholsky sehen und Joseph Roth, Erich Kästner und Max Beckmann, Gottfried Benn und Alfred Döblin, Ruth Langhoff und Claire Waldoff, Vicki Baum und Marlene Dietrich, Lotte Laserstein und Marianne Breslauer, Gustaf Gründgens und Brigitte Helm.“

(S.175)

Illies reiht Schicksalsmomente, Anekdoten und Momentaufnahmen aus den Lebensläufen großer Künstlerinnen und Künstler und der Berühmtheiten der damaligen Zeit wie kleine Schätze aneinander – gleich einer glänzenden Perlenkette.
Unmöglich sich da für eine Lieblingsszene oder einen bestimmten Handlungsstrang zu entscheiden, der einen am meisten berührt. Es ist ein Schwelgen in Opulenz und Vielfalt und es wird klar, dass dieses Jahrzehnt an niemandem spurlos vorübergegangen ist.

Florian Illies, der Kunstgeschichte studiert hat, Feuilleton-Chef der ZEIT war und jetzt deren Mitherausgeber ist, lässt einen die Literatur und auch die Kunstwerke dieser Epoche besser verstehen. So manches Werk sieht man durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund nach der Lektüre intensiver und mit anderen Augen.

„Otto Dix malt nun keinen Krieg mehr. Keine Todsünden. Keine Menschen. Er malt verwunschene Täler und sanfte Berge, im Herbst, im Winter und im Frühling. Otto Dix emigriert in die Landschaft.“

(S.276/277)

Die vielen kleinen Szenen, die Illies den Leser entdecken lässt, erinnerten mich an die 360°-Panoramen von Yadegar Asisi. So viele berührende, kleine Szenen, die sich am Ende zu einem großen Ganzen – einem Stimmungsbild dieses entscheidenden und schicksalsträchtigen Jahrzehnts von 1929 bis 1939 – zusammensetzen. Vermutlich wird jedem Leser eine andere Anekdote oder ein anderes Bild besonders im Kopf bleiben – aber man darf versichert sein, dass der Autor jeden erreicht.

Er beschreibt Momente, die sich einbrennen, unter die Haut gehen und gerade aufgrund ihrer Menschlichkeit und Authentizität das Zeitgefühl besonders gut vermitteln und somit nachhaltiger im Gedächtnis bleiben als jede Jahreszahl in den herkömmlichen Geschichtsbüchern.

Illies ist ein Wortzauberer und Poet – sein Sachbuch ist sprachlich ein Genuss und strotzt vor klugen, raffinierten Formulierungen, die man sich gerne mehrfach und immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte. Das ist ein ästhetischer Genuss und einfach wunderschön zu lesen.

„Liebe in Zeiten des Hasses“ ist Inspiration pur, weckt die Lust, weiterzulesen, ins Museum zu gehen, Bilder anzusehen, Theatervorstellungen zu besuchen und natürlich zu lesen, zu lesen und zu lesen. Am Ende hat sich meine Lesewunschliste enorm verlängert und würde wohl für dieses und die nächsten Jahre reichen. Wenn ein Sachbuch das schafft, finde ich das einfach nur grandios und großartig.

„Doch man kann kein Licht entdecken, solange man die Dunkelheit analysiert.“

(S.270)

Mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ eröffne ich den Reigen meiner „22 für 2022“ – Punkt Nummer 4) auf der Liste: Ich möchte ein Sachbuch lesen – ist hiermit erfüllt. Und was für ein Sachbuch – aktuell Platz 1 der SPIEGEL Sachbuch Hardcover Bestsellerliste – und in diesem Fall auch absolut verdient.

Buchinformation:
Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“:

Für den Gaumen (I):
Die jüdische Ärztin Charlotte Wolff – eine Freundin Walter Benjamin’s – flieht 1933 nach Frankreich. Während der quälenden Zugfahrt fürchtet sie ständig, verhaftet zu werden. In Paris angekommen, kann sie ihr Glück kaum fassen und feiert es mit einem Frühstück:

„Noch leicht benommen geht sie in ein kleines Café auf dem Boulevard Saint-Michel und bestellt voll Glück ihr erstes französisches Frühstück: ‚Café au lait et une tartine‘.“

(S.239)

Für den Gaumen (II):
Wenn in einem Buch etwas von Bowle vorkommt, werde ich natürlich hellhörig bzw. schaue ich da als Gastgeberin der Kulturbowle ganz genau hin.
Als die ganze Exilgemeinde sich in Sanary versammelt, wird mit Bowle gefeiert – in manchen Fällen auch ein wenig zu exzessiv:

„Als sich Nelly Kröger zum fünften Mal von der Bowle nimmt und zu torkeln beginnt, schlägt Heinrich Mann vor, doch langsam nach Hause zu gehen.“

(S.249)

Zum Weiterhören:
Der Liederdichter Bruno Balz schrieb mit am Soundtrack dieser Zeit und den berühmtesten Stars schneiderte er die großen Hits auf den Leib: für Heinz Rühmann „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ und für Zarah Leander „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Zum Weiterlesen (I):
Florian Illies bezeichnet „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff, den ich letzten Sommer hier auf der Kulturbowle rezensiert habe, als einen „der bezauberndsten Romane, der je über Südfrankreich geschrieben wurde.“ Eine Meinung, die ich uneingeschränkt mit ihm teile:

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Zum Weiterlesen (II):
Letztes Jahr habe ich ein ähnlich faszinierendes Buch von Uwe Wittstock hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Es behandelt einen kürzeren Zeitraum, ist aber eine nicht minder intensive Leseerfahrung. Wer Freude und Interesse an zeit- und literaturgeschichtlichen Sachbüchern und einem stimmig zusammengestellten Zeitenpanorama, sowie dem Schicksal der Literaten im schicksalsträchtigen Winter 1933 hat, dem sei „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ ebenfalls sehr ans Herz gelegt.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Potsdamer Erinnerungen

Ludwig Sternaux (1885 – 1938) war Theaterkritiker, Schriftsteller und Journalist und er war ein glühender Verehrer der Stadt Potsdam. 1924 verfasste er mit „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“ eine wehmütige und melancholische Liebeserklärung an die Stadt in Brandenburg, die ihn zeitlebens faszinierte.

„Wie bunt doch überhaupt das Straßenbild Potsdams ist! Die pompösen Palazzi aus Rom und Florenz, die roten Ziegelhäuschen Hollands, das mittelalterlich ungefügte Nauener Tor neben den hochgeschwungenen Triumphbögen des Brandenburger und des Berliner Tores, in der Kolonie Alexandrowka die russischen Blockhäuser, die Villen der Babelsbergzeit im Tudorstil – alles ungeregelt durcheinander und doch harmonisch in sich ausgeglichen!“

(S.120)

Sternaux erzählt die Geschichte der Stadt: die Anfänge, den Aufschwung, die Blütezeit der Stadt der Monarchie und des Hofes, aber auch der Garnisons- und Soldatenstadt. Er beschreibt in vierzehn Kapiteln die wichtigsten Schlösser und Sehenswürdigkeiten und berichtet im Detail über die jeweiligen Hintergründe, Bau- und Entstehungsgeschichten – spannt sogar auch den Bogen zu den jeweiligen Erbauern, ihren Persönlichkeiten und architektonischen Vorlieben.

So wandert man mit ihm durch das Stadtschloss, den Park und das Schloss Sanssouci, das Neue Palais, ebenso wie zum Marmorpalais, Charlottenhof, auf die Pfaueninsel und nach Glienicke. Orangerie, Pfingstbergschloss und Babelsberg dürfen auch nicht fehlen. Man streift mit ihm durch den Marly-Garten und hinauf zum Belvedere.
Man erfährt zudem nicht nur, woher der Name Potsdam kommt, sondern auch viele Anekdoten und Mythen, die sich um die Stadt und die preußische Monarchenfamilie ranken.

„(…) immer siegt das Gestern. Ein paar Schritte nur seitab, und Vergangenheit lächelt.“

(S.119)

Wer Potsdam kennt, wird viele Orte bereits besucht haben und sich gerne daran erinnern und doch wirft dieser Blick des leidenschaftlichen Verehrers aus dem Jahr 1924 auch ein völlig neues Licht auf so manchen Ort. Man erfährt die Geschichten hinter den Gebäuden, lernt mehr über die Schöpfer der architektonischen Meisterwerke und reist zurück in der Zeit. Mit viel Pathos zeichnet Sternaux das Bild einer unvergleichlichen, einzigartigen Stadt, die bis heute mit einer Fülle an Glanzstücken der Architektur und Gartenbaukunst aufwartet.

„Alles flüstert: es war einmal… heute mehr denn je, obgleich dieser Raum Jahrzehnte hindurch schon unbenutzt geblieben, es sogar preußische Prinzen gibt, die ihn überhaupt nicht kennen; denn nun ist ja selbst die weiße Königskrone, die in die grellroten Schutzhüllen der Polstermöbel eingewirkt, Phantom geworden, alle Pracht ringsum tragischer Traum, der wesenlos verdämmert.“

(S.204)

Das „neue Potsdam“ mit Straßenbahnen, Hektik und umfunktionierten Gebäuden war dem Autor ein Dorn im Auge. Für Sternaux endete die Glanzzeit der Stadt mit dem Niedergang der preußischen Monarchie. Eine Entzauberung der Stadt, die er nicht verwinden konnte – die Trauer über die Abdankung des Kaisers 1918 lässt er immer wieder anklingen. Und so bedient er sich sehr häufig der sprachlichen Bilder von Tod, Trauer, Särgen und Gräbern – sein Buch der Erinnerung kann auch als Requiem oder Totenklage für die Monarchie und dieses „sein Potsdam“ der vergangenen Glanzzeit gelesen werden. Er schwelgt in Melancholie.

„Und wieder ist es ein Abend geworden. Kühl haucht es vom Wasser, die Insel schläft ein. Im Schatten versinkt das Schloß mit allem, was es erzählt: so hell, so strahlend der Tage Glanz gewesen, die es gesehen, nun kommt die große dunkle Nacht.“

(S.162)

Sein Sprachstil ist poetisch, überbordend und alles andere als nüchterne Reiseliteratur. Bildhaft und malerisch beschreibt er die Schlösser und Parkanlagen, das Flair, den Glanz und den Prunk. Man bekommt sofort Lust, sich mit dem Buch in der Hand selbst auf einen Spaziergang durch Potsdam zu machen, die Orte zu suchen und seinen Beschreibungen und der von ihm geschilderten Magie nachzuspüren.

Am Ende des Buchs lässt er in einem märchenhaften Schluss die Figuren, Statuen und Putten an Potsdams Bauwerken lebendig werden und überlegt, was diese wohl zur Stadt und ihren Veränderungen sagen würden. Ein schönes Bild, das die Phantasie anregt und beflügelt – was würden sie wohl heute sagen in einer Zeit, in welcher die Stadt an vielen Stellen wieder in neuem Glanz erstrahlt?

Potsdam ist eine wunderbare Stadt und mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und unzähligen Sehenswürdigkeiten mehr als eine Reise wert. Es gibt viel zu entdecken und Sternaux bietet ein Füllhorn an spannenden Orten an, die entdeckt werden wollen. Für Potsdam-Liebhaber, geschichtlich Interessierte und alle, welche die Stadt gerne einmal aus der Perspektive des Jahres 1924 sehen möchten, ist dieser 2021 wieder neu aufgelegte Band (illustriert durch Schwarz-Weiß-Fotografien von Max Baur und mit einem Nachwort von Klaus Bellin) eine gute und interessante Wahl – geradezu ein Klassiker unter den Potsdam-Büchern. Selbstverständlich muss vieles vor dem Hintergrund der damaligen Zeit gelesen und eingeordnet werden, doch wenn man sich darauf einlässt, wird die Lektüre zu einer inspirierenden Zeit – und Gedankenreise.

„Potsdam ist eben Potsdam!“

(S.114)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Die Mark Brandenburg, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ludwig Sternaux, Potsdam – Ein Buch der Erinnerung
Die Mark Brandenburg
ISBN: 978-3-948052-01-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ludwig Sternaux‘ „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“:

Für den Gaumen:
Mit Vorliebe beschreibt Sternaux die schönen Plätze, Altanen, Terrassen und Pavillons, wo der Adel gerne Tee getrunken hat. Von großen Festbanketten werden im Buch keine kulinarischen Details berichtet, aber der Tee zieht sich wie ein roter Faden durch. Daher jetzt im Winter eine schöne, wärmende und gepflegte Tasse Tee… warum nicht?

Zum Weiterhören:
Friedrich der Große war selbst begeisterter Musiker. Er spielte Flöte und komponierte auch selbst Flötenkonzerte. So ist auf YouTube eine schöne Aufnahme mit Flötist Emmanuel Pahud und der Kammerakademie Potsdam von seinem Flötenkonzert Nr. 3 zu finden.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Jahren habe ich die sehr gut lesbare und interessante Biografie „Wilhelmine von Bayreuth“ von Uwe A. Oster gelesen. Die Lieblingsschwester Friedrich des Großen, welche die Ehe als Markgräfin nach Bayreuth verschlug, wo sie als Mäzenin und Opernintendantin ihre kunstsinnigen Spuren hinterließ, ist eine hochinteressante Persönlichkeit. Das von ihr initiierte Markgräfliche Opernhaus zählt heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

Uwe A. Oster, Wilhelmine von Bayreuth
Piper
ISBN: 978-3-492-24881-5

Novellant trifft Kurtisane

Rom – die ewige Stadt – ein literarischer Schauplatz, der mich immer wieder magisch anzieht und gerade jetzt im Herbst, wenn die Abende länger und dunkler werden, ist für mich oft die richtige Zeit für einen richtig schönen Schmöker. „Mercuria“ von Michael Römling ist ein herrlicher historischer Roman, der einen abtauchen und die Welt um einen herum vergessen lässt.

16. Jahrhundert – Renaissance in Rom – die Stadt pulsiert und bietet stets Stoff für aufregende Geschichten und Neuigkeiten. Michelangelo, dessen malender Vater ihn nach seinem größten Vorbild benannte, laviert sich als kleiner Gazettenschreiber mit meist halbwahren und erfundenen Geschichten durchs Leben.

Als er bei einer seiner abenteuerlichen Recherchen zufällig Mercuria kennenlernt, die als ehemalige Kurtisane in den höchsten Kreisen verkehrte und so zu Reichtum gekommen ist, findet er in einem ihrer Mietshäuser Unterschlupf. In ihren Häusern hat sie bereits ein illustres Völkchen an Schützlingen um sich versammelt – ihre Ersatzfamilie, die sie wie eine Löwenmutter verteidigt und vor Unheil schützt – zumal sie vor vielen Jahren ihre einzige Tochter unter tragischen Umständen verloren hat.

„Das war also die Gesellschaft, in der ich mich nun befand: eine ehemalige Kurtisane, die anstößige Schwänke vortrug, ein Bildhauer, der ketzerische Werke entwarf, ein in offenem Konkubinat lebendes Paar, das Schindluder mit religiösen Praktiken trieb und reuelosen Sündern für Geld bei der Sakramentserschleichung behilflich war, und schließlich ein ehemaliger Jude, der heidnische Autoren studierte und wissenschaftliche Studien über Geschlechtskrankheiten betrieb.“

(S.115)

Der gewaltsame Tod der Tochter hat Mercuria nie losgelassen und so sinnt sie auch nach langen Jahren immer noch auf Rache. Michelangelo, der nicht nur ein umfangreiches Archiv an geheimsten Dokumenten, Nachrichten und Papieren von seinem Onkel geerbt hat, das sich als wahre Goldgrube erweist, sondern der sich auch gerne unkonventioneller und nicht zwingend legaler Methoden der Informationsbeschaffung bedient, kommt ihr daher gerade recht. Vielleicht kann er auf seine Art und mit Hilfe der Geheimdokumente des Onkels endlich Licht ins Dunkel bringen.

Jener Onkel, der ihn stets gerne in seinen Fußstapfen als Novellant, d.h. als Nachrichtenhändler, der mit wertvollen Informationen aus Kreisen der Kurie und der römischen Gesellschaft handelte, gesehen hätte, sich der Wahrheit verpflichtet hatte und der über die erfundenen Geschichten und Gazetten seines Neffen ohnehin nur die Nase gerümpft hätte.

„Vielleicht fängst du mal damit an, es mit der Wahrheit etwas genauer zu nehmen. Das ist nämlich eine Krankheit unserer Zeit. Die Welt dreht sich immer schneller. Jeder versucht, lauter zu sein als die anderen. Immer raus mit den Nachrichten, ob sie stimmen oder nicht. Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, was sie glauben sollen.“

(S.213)

Gemeinsam mit seinem Mitbewohner, dem kräftigen Bildhauer und gewitzten Unikum Gennaro macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Dass die beiden dabei so manches Hindernis zu überwinden und so manche gefährliche Mission zu meistern haben, schweißt sie ebenso zusammen wie die ausgelassenen Feiern mit Mercuria’s Mitbewohnern im gemeinsamen Innenhof.

Verwicklungen, Enthüllungen, unerwartete Wendungen – der Roman hat alles, was ein spannender historischer Schmöker braucht. Dazu der grandiose Schauplatz: Rom, der Vatikan mit dem gerade im Bau befindlichen Petersdom, die Inquisition, die Intrigen und Machtspiele der Kardinäle und Papstkandidaten – daneben der Hortaccio, das Viertel der Kurtisanen.

So erfährt man bei der Lektüre auch einiges über die römische Geschichte, die Zeit der Renaissance oder zum Beispiel auch über den Sacco die Roma im Jahre 1527, als Landsknechte und Söldner den Kirchenstaat und die Stadt plünderten.

Und man lernt, was es mit dem Pasquino auf sich hat: dem Torso einer antiken Statue, der in der Nähe der Piazza Navona steht und an welcher nachts heimlich Spottgedichte und satirische Verse befestigt wurden, die sich gegen die Obrigkeit – die Kirche und die Politik – richteten. Auch im Roman bedient sich jemand dieses Ventils, um seiner Empörung Luft zu machen.

Vom langen Personenverzeichnis, das dem Buch vorangestellt ist, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Beim Lesen findet man sehr schnell in die Geschichte und gerade die plastischen Charaktere und sympathischen Hauptfiguren wachsen einem sofort ans Herz. Man zittert, fiebert und feiert mit Michelangelo, Mercuria und Gennaro und die spannende Handlung lässt einen das Buch nur noch ungern zur Seite legen.

„Manchmal ist es erst ein kleiner Makel, der schöne Dinge richtig schön macht. Eine schwarze Äderung im weißen Marmor. Man kann sie nicht herausschleifen, ohne die Vollkommenheit der Skulptur zunichtezumachen. Stattdessen sollte man sie polieren.“

(S.334)

So durfte ich dank „Mercuria“ einige sehr spannende – man könnte schon fast von einem Historienkrimi sprechen – und sehr kurzweilige Stunden im Rom der Renaissance verbringen, die ich sehr genossen habe. Und mit der Erkenntnis, dass sich manches wohl kaum ändert und die Novellisten der damaligen Zeit vielleicht die Whistleblower oder Nachrichtenagenturen von heute sind und die unseriösen Gazettenschreiber schon damals „Fake News“ verbreitet haben, lässt sich auch der Bogen in die heutige Zeit schlagen.

Michael Römling hat Geschichte studiert, promoviert und acht Jahre in Rom gelebt. Für alle Rom-Fans, Freunde eines opulenten Historienschmökers und Liebhaber einer gut erzählten Geschichte, bei der man auch noch etwas lernen kann, ist „Mercuria“ sicherlich eine gute Wahl. In diesem Sinne: Arrivederci, Roma! Und bis zum nächsten Mal!

Buchinformation:
Michael Römling, Mercuria
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00128-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michael Römling’s „Mercuria“:

Für den Gaumen:
Mercuria hat einen auserlesenen Weingeschmack und kann es sich leisten. So lockert ein Gläschen Grenache – eine rote Rebsorte – die Zunge und sie erzählt bei einem gutem Wein über ihre bewegte Vergangenheit.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Tizian’s Danae hat einen kurzen Gastauftritt in „Mercuria“ – aktuell ist in Wien vom 05.10.21 bis zum 16.01.22 im Kunsthistorischen Museum die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ zu sehen. Auch der Webauftritt dieser Ausstellung ist bereits sehr sehenswert und so kann man sich auch ein gutes Bild verschaffen, wenn man gerade nicht die Möglichkeit hat nach Wien zu reisen.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich bereits Michael Römling’s historischen Roman „Pandolfo“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schauplatz war hier das Mailand der Renaissance bzw. des 15. Jahrhunderts.

Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-27619-4

Malerin und Modell

Bücher und Gemälde, Literatur und Kunst – genau diese inspirierenden Verbindungen zwischen verschiedenen, künstlerischen Disziplinen sind es, die ich mir für die Kulturbowle wünsche. So ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“ über die Malerin Lotte Laserstein und ihr Lieblingsmodell Traute Rose sofort ins Auge sprang.

Basierend auf der wahren Biografie der beiden lässt die Berliner Autorin in ihrem Roman die Frauen kapitelweise abwechselnd zu Wort kommen. Zwei Ich-Erzählerinnen, die jeweils ihre Sicht der Dinge, ihre Geschichte und die außergewöhnliche und besondere Beziehung zur jeweils anderen erzählen.

Zwei Lebensläufe, die sich in den Zwanziger Jahren in einer Berliner Suppenküche kreuzen und auch später über Landesgrenzen und große Entfernungen hinweg nie mehr trennen lassen werden.

„Ich glaube, wir sind wie ein Zopf, geflochten aus drei Strähnen – Lotte, die Kunst und ich. Ineinander verschlungen, untrennbar verwirrt, mit den Jahren immer struppiger, immer unlösbarer.“

(S.52)

Lotte Laserstein ist eine der ersten Frauen, die in Berlin für den Besuch der Kunstakademie zugelassen werden. Als Schülerin von Erich Wolfsfeld kann sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, Malerin zu werden.
Der Roman begleitet sie auf diesem Weg und erzählt von ihrem Kampf um Anerkennung, ihren Selbstzweifeln, ihrem Ringen um den eigenen Stil und ihrer langsamen Art zu malen. Ihre Gemälde brauchen Zeit.

Doch das Buch erzählt in gleichem Maße auch die Geschichte von Traute Rose – der Frau, die auf vielen Gemälden Lotte Lasersteins zu sehen ist – ihr Lieblingsmodell, ihre Inspiration, ihre Muse. Wie ist es Modell zu sein, über Stunden still zu halten, für einen Akt zu posieren, sich selbst permanent auf der Leinwand zu sehen?

Anne Stern beleuchtet dieses besondere Verhältnis der beiden Frauen und gibt ihnen eine Stimme. Sie beschreibt das Kennenlernen der beiden, ihre gemeinsame Zeit in Berlin und die Momente, in welchen große Kunst entsteht.
Traute begleitet Lotte auf ihrem steinigen Weg zu den ersten erfolgreichen Ausstellungen, kennt ihr Hadern zwischen Kunst und Broterwerb. Als es für Lotte als Jüdin in Berlin immer gefährlicher wird und sie auch ihre Schüler nicht mehr unterrichten kann, um Geld zu verdienen, flieht sie vor den Nationalsozialisten 1937 ins schwedische Kalmar.

„Die Wirklichkeit und die Kunst sind keine Gegner, sondern Verbündete, und schon damals trug ich meine einzige Wirklichkeit im Malkasten mit mir herum. Das war auch dann noch so, als mir alles genommen wurde.“

(S.116)

Der Roman liest sich sehr flüssig und man freut sich und leidet mit den beiden Frauen in jeder Szene mit. Manche Stellen hätten für meinen Geschmack jedoch sprachlich etwas weniger blumig ausfallen können und auch die fast durchgängig sehr wehmütig-melancholische Stimmung hätte für mich ab und zu etwas weniger larmoyant sein dürfen.
Stark hingegen fand ich die Schilderung Berlins, des Zeitgeists, die Welt der Künstler und die atmosphärischen Beschreibungen der Zwanziger Jahre – dieser Funke ist definitiv übergesprungen.

„Dieses rastlose Berlin finde ich heute nur in alten Romanen wieder. Und in der Erinnerung an jene Tage, an denen ich mit Traute nach unserer Arbeit im Atelier durch Berlin lief. Vorbei an Litfaßsäulen mit Werbeplakaten für Theater und Varietés, vorbei am Drehorgelspieler, an Ständen mit Körben der ersten Pilzernte, an Zeitungskiosken, von denen uns die Schlagzeilen ansprangen wie übermütige Hunde.“

(S.205)

Lotte Laserstein blieb bis zu ihrem Tod 1993 in Schweden und lebte dort von Portraits und Landschaftsmalerei – sie veränderte ihren Stil. Ihre bekanntesten Werke, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet und als Höhepunkte ihres Schaffens gelten werden, entstanden in der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin.

Anne Stern hat einen Roman über Schmerz und Verlust voller Wehmut und Melancholie geschrieben, aber sie hat auch eine große Frauenfreundschaft, die besondere Beziehung zwischen Malerin und Modell und die Entstehung von Kunst in den Mittelpunkt ihres Werks gesetzt.

Vor meiner Lektüre wusste ich nichts über Lotte Laserstein – jetzt habe ich das Gefühl, eine Künstlerin und ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame Weise kennengelernt zu haben. Ich durfte literarisch der Entstehung ihrer wichtigsten Werke beiwohnen, im Atelier Mäuschen spielen, ihre Freundin und Muse kennenlernen, in ihre Gedankenwelt eintauchen. Es ist immer wieder faszinierend, was Bücher bewirken können.

Eine spannende Künstlerpersönlichkeit mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, über die es sich zu lesen lohnt und die mir sicher im Gedächtnis bleiben wird. Wenn ich irgendwann in einem Museum einem ihrer Gemälde gegenüberstehen werde, wird ihre Lebensgeschichte bestimmt sofort wieder präsent sein.

Buchinformation:
Anne Stern, Meine Freundin Lotte
Kindler
ISBN: 978-3463000268

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anne Stern’s „Meine Freundin Lotte“:

Für den Gaumen:
Neben Erbsensuppe mit Pinkel wartet Anne Stern’s Roman für mich als Kulturbowlen-Gastgeberin kulinarisch doch tatsächlich mit einem sehr passenden Getränk auf:

„Wir zwängten uns an einen der schmalen Tische, bestellten Kaffee und in einem Anfall von Übermut je ein Glas Pfirsichbowle, die auf der Karte angeboten wurde.“

(S.206)

Zum Weiterschauen (I):
Das Gemälde „Abend über Potsdam“ gilt als das bekannteste Gemälde Lotte Lasersteins – es befindet sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie Berlin und auf der Homepage des Museumsportals Berlin kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Auf diesem Bild ist Traute Rose übrigens auch zu sehen – sie ist die Dame, die links am Geländer steht.

Zum Weiterschauen (II):
Im Roman besucht Lotte Laserstein das Kino und sieht dort den mittlerweile legendären Filmklassiker von und mit Charlie Chaplin „Der Vagabund“, der im Jahr 1916 erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Die Kaffeehäuser Berlins sind immer wieder Schauplatz im Roman. Auch das weltberühmte Romanische Café am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche, welches als einer der Künstlertreffpunkte galt, darf da nicht fehlen.
Brigitte Landes hat mit ihrem Buch „Im Romanischen Café“ dieser Institution der Berliner Bohème und ihren illustren Gästen ein literarisches Denkmal gesetzt. So enthält der schön gestalte Band der Insel-Bücherei unter anderem Texte von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und vielen anderen mehr.

Brigitte Landes, Im Romanischen Café. Ein Gästebuch.
Insel Bücherei
ISBN: 978-3-458-19472-9

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914

Inspirierendes Siena

Die meisten Menschen haben Sehnsuchtsorte. Orte, die aus ganz bestimmten, individuellen Gründen eine besondere Bedeutung oder Faszination für die- oder denjenigen besitzen. Für den in England lebenden libyschen Autor Hisham Matar ist dies Siena. Er hat sich den Wunsch eines längeren Aufenthalts in dieser Stadt erfüllt und lässt mit „Ein Monat in Siena“ seine Leserinnen und Leser an dieser intensiven Erfahrung teilhaben.

Die meisten Touristen und Toskanaurlauber haben für Siena einen Tag oder gar nur wenige Stunden Zeit, um sich einen Eindruck von dieser geschichtsträchtigen Stadt machen zu können und über den fächerförmig angelegten Campo zu schlendern.

„Die Piazza zu überqueren heißt, an einer jahrhundertealten Choreographie teilzunehmen, die alle einsamen Wesen daran erinnern soll, dass es weder gut noch möglich ist, ganz allein zu existieren.“

(S.22)

Hisham Matar, der sich nach Abschluss eines fordernden Buchprojekts dazu entschlossen hat, eine Auszeit zu nehmen und sich einen langgehegten Traum zu erfüllen, verbringt einen ganzen Monat in Siena, um sich der Stadt mit Haut und Haar widmen zu können.

Bereits seit seiner Jugend üben die Kunstwerke der Sienesischen Schule, d.h. italienischer Künstler des 13. bis 15. Jahrhunderts wie zum Beispiel Duccio die Buoninsegna oder Ambrogio Lorenzetti, eine ganz besondere Faszination auf ihn aus.
Er kann sich stunden- und tagelang in Museen in ein und das selbe Werk vertiefen, sich darin verlieren und jedes Detail in sich aufnehmen. Schlendern viele Museumsbesucher häufig nur uninspiriert an den Gemälden vorbei, so verinnerlicht er diese und macht sie sich ganz zu eigen.

Er teilt mit dem Leser seine Sicht und Begeisterung für die Kunstwerke und erläutert Hintergründe, setzt Akzente und vermittelt, was ihn persönlich besonders bewegt. Man spürt beim Lesen, welch hohen Stellenwert die Malerei und die Auseinandersetzung mit diesen Werken für ihn hat.

„Liegt das wahre Vergnügen nicht darin, das Ziel ins Visier zu nehmen, statt es zu erreichen?“

(S.39)

Die Zeit in Siena wird für ihn auch zu einer Reise zu sich selbst und einer intensiven Erfahrung, die neben dem Kunstgenuss auch von der Begegnung mit Menschen, dem Knüpfen von Freundschaften und anregenden Gesprächen lebt.
Er schreibt, was es bedeutet, allein zu reisen, sich treiben zu lassen und sich vollständig auf einen Ort einzulassen, sich Zeit zu nehmen für das Reiseziel und sich selbst.

Natürlich erfährt man auch einiges über die Geschichte der Stadt, die Künstler, den legendären Palio und die Contraden, die eine so große, auch soziale Bedeutung im Stadtleben spielen, aber dieses Buch ist so viel mehr als ein Reise- oder Kunstführer. Es ist das Erzählen über eine einzigartige Reise, einen außergewöhnlichen Monat und eine Lebenserfahrung, die Matar anreichert mit philosophischen Gedanken. Ein sehr persönliches Werk, das tief in die Gedankenwelt des Autors und seine Lebensgeschichte blicken lässt – verfasst in einer Sprache, die in ihrer Klarheit und Schönheit dazu einlädt, immer wieder innezuhalten und Sätze erneut zu lesen und so auch ein zweites oder drittes Mal zu genießen.

„Wie ungeheuerlich es ist, am Leben zu sein, dachte ich. Es erfüllte mich mit Begeisterung und einem düsteren Stolz auf meine Art, darauf, wie tapfer und heldenhaft wir mit der unleugbaren Tatsache umgehen, dass unser Leben nicht zu erhalten ist und alles, ganz gleich, welche Rüstung wir wählen, vergeht.“

(S.75)

Matar hat ein Buch über Kunst und die Kunst, Bilder zu betrachten und zu beschreiben, geschrieben. Aber auch darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und zu leben: über Trauer, Einsamkeit und Freundschaft. Ein zutiefst menschliches, philosophisches und intelligentes Buch, das mich vollkommen begeistert und inspiriert hat. Das Buch ist auch optisch und haptisch ein Genuss, denn es ist hochwertig gestaltet mit farbigen Abbildungen der Gemälde, auf welche sich Matar bezieht. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so von Kunst durchdrungen ist und Lust auf Kulturgenuss und Museumsbesuche weckt.

Wenn die letzte Seite gelesen ist, verspürt man den Wunsch, gleich wieder von vorne zu beginnen. Ein wunderbares Werk voller Weisheit und kluger Gedanken, das bereichert, inspiriert und zum Nachdenken einlädt.
Eine literarische Entdeckung und eine Einladung, die große Lust auf mehr und natürlich auch auf eine Reise nach Siena macht.

Buchinformation:
Hisham Matar, Ein Monat in Siena
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87618-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hisham Matar’s „Ein Monat in Siena“:

Für den Gaumen:
Eine Spezialität, die im Buch Erwähnung finden, sind fritelle – „in Zucker getauchte gebackene Reismehlbällchen mit Orangenschale“ (S.79) – das klingt nach Italien, Sommer, Urlaub und lässt einem sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterschauen:
Eines der Schlüsselbilder, auf welche Hisham Matar im Buch explizit eingeht, ist Ambrogio Lorenzetti’s „Allegorie der guten Regierung“ – zu sehen ist das Werk im Palazzo Pubblico von Siena – ein Muss für jeden Siena-Besucher.

Zum Weiterlesen:
Hisham Matar wurde für „Die Rückkehr – Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ mit dem Pulitzerpreis und dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Nach dieser inspirierenden und eindrucksvollen Lektüre von „Ein Monat in Siena“ ist jetzt auch sein preisgekröntes Memoir auf meine Wunschliste gewandert, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Hisham Matar, Die Rückkehr
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87422-7