Kunstvolle Schattenspiele

Mit „Caravaggios Schatten“ hat Bernhard Jaumann nun seinen zweiten Band der Krimi-Reihe um die Kunstdetektei von Schleewitz vorgelegt und das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auf spannende Art lernt der Leser, was Artnapping bedeutet und begibt sich mit dem Detektiv Rupert von Schleewitz auch auf eine Reise in seine persönliche Vergangenheit.

Nach vielen Jahren ohne jeglichen Kontakt meldet sich bei Rupert von Schleewitz – dem Inhaber einer Detektei für Kunstkriminalität – ein ehemaliger Mitschüler und Zimmergenosse aus Internatszeiten und lädt ihn nach Potsdam ein, um mit ihm gemeinsam die Gemäldegalerie des Schloss Sanssouci zu besuchen. Im Museum wird schnell klar, dass sein Freund es auf ein ganz besonders Gemälde abgesehen hat: „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio.

„Dann drehte er sich um, holte mit der Rechten aus und trieb das Messer in die Leinwand. Genau in das weit aufgerissene Auge des Ungläubigen Thomas.“

(S.13)

Als dieser dann urplötzlich ein Messer zieht, es brutal in die Leinwand stößt und dem Kunstwerk mehrere Stiche und Schnitte zufügt, steht Rupert hilf- und machtlos daneben und gerät zunächst sogar selbst als Mittäter in Verdacht. Doch was trieb seinen Freund zu dieser Wahnsinnstat und warum wollte er ihn offenbar unbedingt dabei haben?

Als dann das Gemälde beim Transport zum Restaurieren auch noch von Unbekannten gestohlen wird, sieht sich von Schleewitz endgültig gezwungen, im Fall zu ermitteln und sich mit seiner Vergangenheit im Internat noch einmal auseinanderzusetzen. Schließlich bittet er auch seine Kollegen aus der Detektei – Max und Klara – um Hilfe.

„Den Finger in die Wunde legen hieß, eine schmerzhafte Wahrheit auszusprechen, jemanden auf unangenehme Weise mit einem Übel zu konfrontieren oder ihn an etwas zu erinnern, was er glücklich vergessen zu haben glaubte.“

(S.32)

Und so ermittelt Klara – die sich auch immer größere Sorgen um ihren parkinsonkranken Vater macht, welcher die polnische Pflegekraft mit seinen merkwürdigen Verhaltensweisen zunehmend nervt – vor allem in künstlerischen Aspekten und versucht den Artnappern auf die Spur zu kommen. Aufgrund ihres Studiums der Kunstgeschichte und der langjährigen Erfahrung im Kunstbereich, ist sie prädestiniert, eine etwaige Echtheit des Gemäldes bei einer Übergabe durch die „Geiselnehmer“ zu prüfen.
Max hingegen – in der Detektei hauptsächlich für Archivrecherchen zuständig – entwickelt gänzlich neue, unkonventionelle Recherchemethoden, als ihm plötzlich Kommissar Zufall in Form des bekannten „Bullen von Tölz“ zu Hilfe eilt.

Jaumann schafft es mit Augenzwinkern und Finesse auch dieses Mal wieder, witzige Szenen mit tiefgründigen Themen in Einklang zu bringen und so einen kurzweiligen, amüsanten und doch niveauvollen Krimi abzuliefern, der intelligent unterhält.

Gemeinsam mit seinen Lesern taucht der Autor ab in die Besonderheiten des Caravaggio-Gemäldes, in Interpretationsmöglichkeiten, geschichtliche Hintergründe und künstlerische Feinheiten, die einen sofort dazu bewegen, sich das Gemälde selbst einmal genauer anzusehen. Die Szene, in welcher der Bekannte Rupert’s auf das Gemälde einsticht, ist derart intensiv und eindringlich beschrieben, dass es einem regelrecht die Haare aufstellt.

Virtuos spielt der erfahrene Krimi-Autor auch mit der Sprache und schafft mit zahlreichen Bildern und Metaphern aus dem Bereich des „Hell und Dunkel“ oder „Nacht und Tag“ ein ebenso kunstvolles Licht- und Schattenspiel wie Caravaggio in seinen Gemälden. Ein sprachlich kluger und raffiniert verfasster Krimi, der mich wirklich begeistert hat.

„Der dramatische Moment wurde immer in grelles Licht gesetzt und effektvoll inszeniert, aber seinen Figuren ließ Caravaggio ihr Geheimnis. Und das Geheimnis brauchte nun mal die Dunkelheit. Die Schatten, in denen Gewissheiten zerflossen.“

(S.54/55)

Gekonnt verknüpft der Autor das Kunstmilieu – die Welt der Museen, der Restauratoren und Kuratoren – mit dem Leben in einem Internat und legt auch hier gleich dem ungläubigen Thomas den Finger in die Wunde.
War im ersten Band Raubkunst das Thema, so erfährt man dieses Mal viel über Museen, Politik und das Verbrechen des „Artnapping“, d.h. die Erpressung von Lösegeld für „entführte“ bzw. gestohlene Gemälde.

Bleibt zu hoffen, dass Jaumann die Kunstdetektei von Schleewitz auch noch in weiteren Fällen ermitteln lassen wird, denn die Verbrechen aus der Kunstwelt sind spannend und die ermittelnden Charaktere sympathisch, so dass man sich auf ein Wiedersehen mit Rupert, Klara und Max definitiv freuen würde.

Ohnehin hat man bei Jaumann’s Krimis am Ende auch immer das Gefühl, etwas Neues erfahren und gelernt zu haben. Eine Qualität, die zweifelsohne nicht jedem Krimi zugeschrieben werden kann und somit für sich spricht. Niveauvolle und kurzweilige Krimiunterhaltung, die ich vor allem kunstsinnigen und kulturell interessierten Freunden weitgehend unblutiger Kriminalromane unbedingt ans Herz legen kann. Ein exquisiter Krimigenuss!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Caravaggios Schatten
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-197-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caravaggios Schatten“:

Für den Gaumen:
Agnieszka, die polnische Haushälterin von Klara’s Vater kocht für ihren Schützling herzhaften Bigos-Eintopf – ein Gericht aus ihrer Heimat. Laut Wikipedia ist Bigos ein „Krauteintopf aus gedünstetem Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten sowie weiteren variierenden Zutaten“.

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio, das im Mittelpunkt dieses Krimi’s steht, hängt in der Bildergalerie von Schloss Sanssouci in Potsdam. Der Caravaggio zählt dort sicherlich zu den bekanntesten Werken, darüber hinaus können aber auch weitere Gemälde von van Dyck oder Rubens bestaunt werden. Solange die Museen pandemiebedingt noch geschlossen sind, kann man sich auch auf der Website des Museums das eindrucksvolle Kunstwerk näher ansehen und sich ein eigenes Bild davon machen.

Zum Weiterlesen bzw. zum vorher lesen:
„Caravaggios Schatten“ kann als in sich abgeschlossener Fall sicherlich auch unabhängig ohne Probleme gelesen werden. Im Januar habe ich jedoch bereits den ersten Band der Reihe „Der Turm der blauen Pferde“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht’s zu meiner Rezension) und es lohnt sich auf jeden Fall, diesen ersten Teil, in welchem man die Kunstdetektei von Schleewitz kennenlernt und in dem es sich um ein verschollenes Gemälde von Franz Marc dreht, vorab zu lesen. Ebenfalls spannend und unterhaltsam.

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Märzbowle 2021 – Wetterkapriolen und Krisenkreativität

Ein langer März ist zu Ende gegangen, der sich uns wettertechnisch über weite Strecken eher als April präsentierte und mit Wetterkapriolen jeglicher Couleur aufwartete: Graupel, Regen, Sonne, Wolken, Schnee, Schneeregen, Sturm – es war alles dabei. Doch zumindest die letzte Märzwoche ließ dann doch noch Frühlingsfreuden aufkommen und stimmte versöhnlich.

Zudem habe ich ein neues Wort kennengelernt: „krisenkreativ“ – das bisher selbst dem Duden noch nicht bekannt ist. Eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten der Pandemie sehr gefragt ist. Ein Fernsehbeitrag monierte, dass diese in Deutschland zu schwach ausgeprägt sei – dem setze ich gerne meine „Kulturbowle“ als widerlegendes Beispiel entgegen. Ohne die Pandemie hätte ich den Blog wohl nicht gestartet, somit ist er mein Weg, der Krise mit Kreativität zu begegnen – also quasi „Krisenkreativität pur“.

Kulturell waren und sind wir immer noch auf Digitales angewiesen, doch mit der zauberhaften Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper und dem Gute-Laune-Musical „Non(n)sens“ des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte ich zumindest zu Hause erneut zwei großartige Theater-Livestreams genießen. Ebenfalls herausragend fand ich das Montagsstück der Bayerischen Staatsoper „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini, das in einer charmanten Inszenierung von Marcus H. Rosenmüller als Livestream zu sehen und musikalisch wie szenisch (in schwarz-weiß Stummfilm-Optik) sehr unterhaltsam war.

Zudem konnte ich im März zwei sehr gute Filme (im Fernsehen) sehen, bei welchen ich es nicht ins Kino geschafft hatte und die mir ausnehmend gut gefallen haben: den amerikanischen Film „Hidden Figures“ (2016) über die ersten afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der NASA während der 60er Jahre und eine polnisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „Marie Curie und das blaue Licht“ ebenfalls aus dem Jahr 2016, welche die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt gestellt hat. Sehenswert!

Literarisch war es für mich ein reichhaltiger und abwechslungsreicher März, der mich eintauchen ließ in andere Zeiten, Welten und in vielen Fällen echte Lektüreperlen für mich bereithielt.
Gleich der Auftakt mit Mirjam Presslers Jugendbuch „Dunkles Gold“, das sich auf gut verständliche und eindringliche Weise dem Thema Antisemitismus widmet und gleichzeitig die Geschichte des Erfurter Schatzes erzählt, war eine solche Perle, hat mich tief berührt und fasziniert. Da die Autorin ihre letzten Lebensjahre in meiner Heimatstadt Landshut verbracht hat und ein beeindruckendes Lebenswerk als Übersetzerin und Autorin hinterlassen hat, war es mir eine besondere Ehre und eine Herzensangelegenheit, dieses Buch auf der Bowle vorzustellen.

Im Anschluss konnte ich mit Laura Freudenthaler’s Debütroman „Die Königin schweigt“ ein kleines, feines Buch kennenlernen, das mich vor allem aufgrund der Sprache und der Intensität sehr beeindruckt hat. In kurzen Kapiteln zeichnet die junge Autorin in ausdrucksstarken Miniaturen und Momentaufnahmen Bilder, die sich einbrennen und das einfache Leben einer Frau erzählen, die in den 30er Jahren auf einem abgelegenen österreichischen Bauernhof aufgewachsen ist.

Dem Fernweh, das mittlerweile viele plagt, konnte ich mit der Lektüre von Marius Tölzer’s Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ ein wenig nachgeben und die stimmungsvolle, klassisch-inspirierte Poesie des jungen Autors war für mich ein großer Genuss. In Kombination mit dem Online-Angebot des Würzburger Kulturspeichers und dem Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ mit den mediterranen Gemälden, die südliches Licht und italienisches Flair eingefangen haben, war dies für mich eine ideale Symbiose aus Literatur und bildender Kunst.

Auf eine Seereise im Mittelmeer im Jahr 1907 entführte mich Günter Neuwirth mit seinem Kriminalroman „Dampfer ab Triest“. Viel K.u.k.-Atmosphäre und ein unterhaltsamer Krimiplot mit liebevoll gezeichneten Figuren und interessantem historischen Hintergrund, der sich sehr flüssig gelesen hat.

Die Büchergilde hat 2020 Stefan Zweigs pazifistisches Werk „Der Zwang“ mit Illustrationen von Franz Masereel aus dem Jahr 1920 zum 100-jährigen Jubiläum in einer wunderschönen Leinenausgabe herausgebracht, die jedem bibliophilen Menschen das Herz aufgehen lässt. Ein zeitloses Werk mit einer wichtigen Aussage, das auch nach 100 Jahren noch hochaktuell ist und sich sehr gut liest – ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg.

Im kulinarischen Krimi „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ von Erich Schütz macht der Autor auf unterhaltsame Art auf die Problematik der modernen Fischzucht und die teils fragwürdigen Methoden aufmerksam. Verpackt als Kriminalroman prangert er Missstände an und erreicht, dass der Leser sich Gedanken darüber macht, woher das Bodenseefelchen oder allgemein der Fisch auf dem Teller denn eigentlich kommt.

Die Stadt Venedig feierte am 25. März 2021 ihren 1600. Geburtstag – ein schöner Grund, sich auch literarisch in die Serenissima zu begeben: Christian Schnalke’s historischer Roman „Die Fälscherin von Venedig“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung seines Romans „Römisches Fieber“, welche die Geschichte von Franz Wercker weiter erzählt, der nachdem er aus Rom geflohen ist, nun in Venedig einem großen Kunstraub auf die Spur kommen soll. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Spannend, farbenfroh und opulent erzählt, ist dies ein wunderbarer Lesegenuss, für Venedigfans und für alle, die einen guten, historischen Roman zu schätzen wissen.

Ein Lese-Highlight war diesen Monat auch der neue Roman von Daniela Engist „Lichte Horizonte“, der mich vollkommen in den Bann gezogen hat und in dem ich so viele schöne Textstellen gefunden hatte, dass ich wahrlich die Qual der Wahl hatte, was ich in meiner Rezension zitiere. Ein kluger, intensiver und lebensweiser Roman über die Liebe und über eine Frau, die ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen revue passieren lässt. Eine Figur, die in ihrer Reife und Herzenswärme an die Marschallin des Rosenkavaliers erinnern könnte, und ein herausragender Roman, der mich sowohl sprachlich als auch inhaltlich absolut begeistert hat.

Am Ende des Monats gab es dann nochmal einen Krimi mit Lutz Wilhelm Kellerhoff „Teufelsberg“. Der zweite Band um den Ermittler Wolf Heller (nach dem ersten Teil „Die Tote im Wannsee“), der dieses Mal im West-Berlin des Jahres 1969 während der Mondlandung und in der aufgeheizten Zeit von Studentenrevolten und kaltem Krieg, einen Mord an einer Jüdin – der Frau eines Richters – aufklären muss. Spannend – vor allem auch wegen der gelungenen Schilderung der damaligen Zeit – und somit ein kurzweiliger Kriminalroman, der sich sehr flüssig lesen lässt.

Auch im April gibt es wieder einiges, auf das ich mich freue:
So habe ich mir vorgenommen, in der Mediathek des Landestheater Niederbayern das spannende Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar anzusehen, das dort kostenfrei (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung steht. Ein hochbrisantes Schauspiel über religiösen Fanatismus und Wirtschaftsterrorismus.

Zudem möchte ich mir gerne das Online-Angebot des Museum Wiesbaden zur aktuellen Ausstellung „August Macke – Paradies! Paradies?“ (30.10.20 – 09.05.21) näher anschauen und mir unter anderem Zeit für die 40-minütige Onlineführung durch den Kurator nehmen.

Genießen wir also gute Bücher, Kunst, Kultur, wo immer möglich und bleiben wir krisenkreativ und zuversichtlich!

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich frohe Ostern und schöne Feiertage!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight März:
Im vergangenen Monat habe ich seit längerer Zeit wieder einmal einen Zwiebelkuchen gemacht – dazu ein Glas fränkischer Weißwein. Manchmal können die guten Dinge so einfach sein.

Musikalisches im März:
Besonders berührt hat mich im März ein Video des Kinderchors und des Jungen Chors der Deutschen Oper Berlin, das auf der Homepage der Deutschen Oper abrufbar ist: „I Believe in Springtime“ von John Rutter. Ein Chorstück, das bereits im vergangenen Herbst im Berliner Olympiastadion mit viel Abstand zwischen den Sängern aufgezeichnet wurde und das durch Musik und Text die Hoffnung zum Ausdruck bringt, die wohl viele teilen.

„Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto von „Der Rosenkavalier“)

Tschudi und die Nationalgalerie

Einer meiner Lesehöhepunkte in den ersten beiden Monaten des Jahres 2021 war bisher „Tschudi“ – der Roman der Autorin Mariam Kühsel-Hussaini über Hugo von Tschudi, den Museumsdirektor der Berliner Nationalgalerie in den Jahren 1896 bis 1908, der es als Erster und gegen den Widerstand des Kaisers Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten für das Museum zu erwerben und auszustellen.
Ein großartiges Buch über eine spannende und hochinteressante Persönlichkeit, über Berlin, über die Kaiserzeit, über Kunst und Kultur – und all das in einer wunderschönen Sprache, die mich fasziniert und begeistert hat.

„Es war, als sei ein Augenblick des Universums nach Berlin gefallen, hierher, in die Nationalgalerie, in diesen Saal, zwischen diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt standen.“

(S.118)

Der Roman lässt die Kaiserzeit und das pulsierende Berlin um die Jahrhundertwende vor den Augen des Lesers wieder auferstehen. In den Mittelpunkt ihres Romans stellt die Autorin das Spannungsfeld zwischen dem aufgeschlossenen, visionären, mutigen Museumsdirektor und Kunstmenschen Hugo von Tschudi und dem konservativen, militärischen Traditionalisten Kaiser Wilhelm II.
Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide durch ihre Krankheiten auch auf ähnliche Weise mit ihrem Schicksal hadern. Tschudi war an der Wolfskrankheit erkrankt und trug im fortgeschrittenen Stadium sogar eine Gesichtsmaske, um die Folgen der Krankheit zu kaschieren und der Kaiser litt bereits seit seiner Geburt unter einer Lähmung und Verkürzung des linken Arms.

Als Tschudi auf einer Frankreichreise, die er gemeinsam mit dem Künstler Max Liebermann unternahm, zahlreiche Bilder französischer Impressionisten erwirbt und diese vollkommen neuen, modernen und unkonventionellen Werke in der altehrwürdigen Nationalgalerie ausstellt, prallen die beiden und ihre Vorstellung von Ästhetik unweigerlich aufeinander. Die Ausstellung mit Werken von Manet, Monet und Degas wird zum große Erfolg und Skandal zugleich – sie spaltet die Geister und polarisiert.

Tschudi verkehrt mit den wichtigen und namhaften Persönlichkeiten seiner Zeit: so gibt er Cosima Wagner eine Privatführung durch die Ausstellung, diniert mit Max Liebermann und dessen Frau Martha, trifft sich mit Virchow, Henry van de Velde, Gerhart Hauptmann und Harry Graf Kessler.

Kühsel-Hussaini schreibt atmosphärisch und schwebend, so dass die Stimmung und der Zeitgeist im Berlin der Jahrhundertwende und die zahlreichen künstlerischen Einflüsse und Strömungen sehr gut zur Geltung kommen.
Der Roman lebt nicht so sehr von der Handlung, sondern viel mehr von Stimmungen, Farben, Klängen, Genüssen und dem Flair Berlins, der in jeder Zeile durchscheint. Er wird getragen durch interessante Menschen und Charaktere, die diese Zeit des Um- und Aufbruchs erleben.

Es ist berührend zu lesen, wie die Autorin uns in Tschudi’s Gedankenwelt eintauchen lässt: dieser intelligente, feinfühlige und sensible Mensch, der so sehr an seiner Krankheit und der damit einhergehenden Entstellung seines Gesichts leidet, große Angst vor Leiden und Tod hat und doch einen solch großen, ungezügelten Hunger nach Leben, Lebensfreude und den schönen Dingen des Lebens in sich spürt.

Man spürt bei der Lektüre die Faszination für die Kunst und die damals noch auf unerhörte Weise „andersartigen“ Gemälde der französischen Künstler – die Beschreibungen der Autorin über die Wahrnehmung und das Betrachten von Bildern sind wunderbar zu lesen.

„Man darf ein Gemälde nicht betrachten. Man muss in das Bild hinein. Man muss zwischen den Farben sein, wenn sie auf der Leinwand gemischt werden. Man muss im glatten Pompejanischblau ertrinken, wenn das anrollende Neapelgelb einen wieder heraushebt und ins dick gefleckte Chinesischweiß schmiegt.“

(S.305)

Sprachlich ist der Roman für mich ein wahres Fest und ein großer Genuss gewesen. Kühsel-Hussaini schreibt wunderschön mit neuartigen Bildern und Wortschöpfungen in einer sinnlichen, kristallklaren und intensiven Sprache, die man so nicht oft zu lesen bekommt.

Das Buch bezaubert und sprudelt über von Farben, Kunst, Kultur, Lebensgefühl und Zeitgeist – es reißt viele Themen und Aspekte an, die einen dazu animieren, weiter zu recherchieren und noch tiefer nachzulesen – ein wahrer Quell der Inspiration, vielseitig und somit genau nach meinem Geschmack. Für alle Kultur- und Kunstbegeisterten und Liebhaber schöner Sprache kann ich diesen Roman daher uneingeschränkt empfehlen und wärmstens ans Herz legen.

„Im Schein des Kristalls, in den hübschen winzigen begierigen Bläschen des weißgoldenen Champagners, sprudelt ganz Berlin.“

(S.245)

Weitere Besprechungen des Romans findet man unter anderem bei Aufklappen, Buch-Haltung und Fräulein Julia.

© Büchergilde Gutenberg

Buchinformation:
Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7200-6

oder

Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00137-7

© Rowohlt Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tschudi“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Hause Liebermann für den Gast Hugo von Tschudi Spargel und Riesling – schon jetzt freue ich mich auch darauf, wenn bei uns die Spargelzeit im Frühjahr wieder beginnen wird. Zudem musste ich das Dessert „Berliner Luft“ recherchieren, das mir bisher nicht als Nachspeise, sondern nur als Lied von Paul Lincke bekannt war. Laut Wikipedia: „Berliner Luft ist eine schaumige Dessertcreme aus Eigelb, Eischnee, Zucker und Gelatine, die mit Himbeersaft angerichtet wird.“

Zum Weiterschauen:
Noch heute gehören die Werke der französischen Impressionisten zu den Hauptattraktionen der Alten Nationalgalerie in Berlin. Es lohnt sich, auf der Homepage des Museums ein wenig virtuell zu stöbern, solange ein realer Museumsbesuch leider noch nicht möglich ist. Zum Beispiel Édouard Manet’s „Im Wintergarten“ war eines der Werke, die Hugo von Tschudi auf seiner gemeinsamen Reise mit Max Liebermann in Frankreich für das Museum erworben hatte.

Zum Weiterhören:
Im Roman spielt das berühmte Stück „Gymnopédie No. 1“ von Erik Satie eine Rolle und dieses melancholische, verträumte Klavierstück aus dem Jahr 1888 passt für mich wunderbar zu diesem Buch und dem Zeitgefühl.

Zum Weiterlesen:
Rodin ist einer der Künstler, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielen und hier kann ich das Buch „Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft“ von Rachel Corbett sehr empfehlen, das die Künstlerfreundschaft der beiden biographisch und sehr gut lesbar aufbereitet.

Rachel Corbett, Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft
Übersetzer: Helmut Ettinger
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3554-5

Barnes‘ Gemälde der Zeit

Ein Museumsbesuch kann inspirieren, eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen und im Falle von Julian Barnes sogar der Auslöser für ein ganzes Buch werden. Als er im Jahre 2015 in der Londoner National Portrait Gallery das Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des amerikanischen Künstlers John Singer Sargent sieht, wird er neugierig auf die Geschichte des Porträtierten. „Der Mann im roten Rock“ erzählt die Lebensgeschichte des Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi (1846-1918), der im Paris der Jahrhundertwende aufgrund seiner innovativen Behandlungsmethoden als Arzt, aber auch als Fein- und Freigeist zum „Who is who“ oder besser zur „Haute volée“ zählte. Sein Leben und die Menschen in seinem Umfeld bieten den Rahmen, der es Barnes ermöglicht, ein opulentes, detailverliebtes und großes, literarisches Zeit- und Sittengemälde der Pariser „Belle Époque“ oder auch des „Fin de siècle“ zu schaffen.

„Die Belle Époque: der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde, dem man nichts vormachen konnte und das die eleganten, launigen Toulouse-Lautrec-Poster von leprösen Wänden und stinkenden vespasiennes riss.“

(S.34/35)

Auf Du und Du mit den Größten seiner Zeit verkehrte Dr. Pozzi in den Salons der besten Pariser Gesellschaft, kannte Reiche, Schöne und auch die Künstler der damaligen Zeit persönlich: Sarah Bernhardt – schillernde Schauspielerin und Weltstar – ebenso wie John Singer Sargent, Colette, André Gide, die Brüder de Goncourt – um stellvertretend nur wenige Beispiele für die führenden Maler, Schriftsteller und Komponisten im Paris der Jahrhundertwende zu nennen. Gemeinsam mit den Aristokraten Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou-Fezensac bereiste er im Jahre 1885 auch London für eine illustre und „intellektuelle Einkaufstour“ – und so lässt Barnes auch immer wieder süffisante Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen einfließen.

Es ist die Zeit der Dandies und Duelle, der Weltausstellungen, des großen technischen und medizinischen Fortschritts. Barnes zeichnet ein detailliertes Bild einer Welt im Umbruch und einer Zeit, in welcher sich für die gehobenen, reichen Kreise große Freiheiten und Möglichkeiten eröffneten.

„Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war.“

(S.152)

Barnes zeichnet aber auch das Bild eines weit gereisten, weltmännischen, charismatischen Mannes, sowie eines erfolgreichen und einfühlsamen Arztes. Er zeigt Pozzi als Vater einer Tochter, deren Beziehung zu ihm Licht und Schatten aufweist und als Ehemann in einer weitestgehend lieb- und glücklosen Ehe, aus welcher er sich in Affären mit anderen Frauen und in eine länger währende, leidenschaftliche Beziehung zu einer ebenfalls verheirateten Frau flüchtet, mit welcher er regelmäßig Europa bereist. Theater- und Opernbesuche in Bayreuth, München, Venedig stehen auf ihrem Programm – gemeinsam verstehen sie es, die Kunst und das Leben zu genießen.

„Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt.“

(S.229)

Ich habe einiges aus der Lektüre mitgenommen, wenn auch die Vielzahl der erwähnten Personen, Namen und Anekdoten stellenweise einiges an Konzentration erfordern. Doch dank der gelungenen Illustration durch die Sammelbildchen der „Célébrités Contemporaines“, welche den Schokoladentafeln des Chocolatiers Félix Potin beigegeben waren – offenbar hatte man es damals geschafft, wenn man auf diesen „Schokoladenbildern“ verewigt wurde – bekommt man ein stimmiges Bild und einen guten Eindruck der damaligen Persönlichkeiten.

Für Kunstsinnige, Liebhaber von Malerei, Kunstgeschichte, Literatur und historischen Hintergründen ist dieses Buch genau das Richtige. Wer aber einen Roman im Stile von Barnes’ „Der Lärm der Zeit“ erwartet, der irrt und wird gegebenenfalls auch wenig Gefallen an „Der Mann im roten Rock“ finden. Denn Barnes hat dieses Mal ein Sachbuch verfasst, wenn auch ein sehr lebendiges und kunstvolles, das sich für Kultur- und Geschichtsinteressierte sehr kurzweilig lesen lässt. Die hochwertige Aufmachung und die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen der Gemälde, Kunstwerke und Portraits der Akteure machen es zu einem Buch, das man gerne zur Hand nimmt: man liest, schaut, genießt und freut sich im Stillen vielleicht auch schon auf einen zukünftigen Museumsbesuch, sobald dies wieder möglich sein wird.

Weitere Besprechungen des Werks finden sich bei Bücheratlas oder Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann im roten Rock“:

Zum Weiterschauen:
Für alle die das Buch nicht vor sich liegen haben und selbst darin blättern können, ist hier der Link zu dem Gemälde, das der Auslöser für Julian Barnes’ neuestes Werk war und das dem Buch seinen Namen gibt: John Singer Sargent’s „Dr. Pozzi at home“, das aktuell im Hammer Museum in Los Angeles zu Hause ist.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Eine weltberühmte Oper dieser Zeit – uraufgeführt in Paris 1902 – ist Claude Debussy’s „Pelléas et Mélisande“. Vom 19.02.21 bis zum 19.08.21 wird auf Operavision die Möglichkeit bestehen, sich kostenlos einen Stream der Oper aus dem Grand Théâtre de Genève anzusehen. Die musikalische Leitung hat Jonathan Nott und die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zeichnet für das Bühnenkonzept verantwortlich. Angekündigt wird die Inszenierung als „kosmischer Traum“, d.h. man darf gespannt sein.

Zum Weiterlesen:
Wer auf unterhaltsame und spannende Weise etwas mehr über die Dreyfus-Affäre erfahren möchte, welche politisch prägend war für die Zeit der Belle Époque, der ist bei Robert Harris und seinem Roman „Intrige“ an der richtigen Adresse. Er versteht es wie kaum ein Zweiter, geschichtliche Stoffe in packende Spannungsliteratur zu verwandeln.

Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne
ISBN: 978-3-453-43800-2

Kunstvolles Verwirrspiel

Ein Kriminalfall im Kunstmilieu und eine Detektei, die auf diese Art von Verbrechen spezialisiert ist – seit dem Fall Gurlitt oder dem Raub im Dresdner Grünen Gewölbe war dieses Genre literarisch überfällig. Mit der Kunstdetektei von Schleewitz und dem ersten Fall „Der Turm der blauen Pferde“ hat Bernhard Jaumann diese Nische des Kunst-Krimis für sich entdeckt und einen unterhaltsamen und spannenden Auftakt mit einem Ermittlerteam geschaffen, welches das Zeug dazu hat zu beliebten Serienhelden zu werden.

Im Zentrum des Romans steht Franz Marc’s weltberühmtes Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ aus dem Jahr 1913, das seit 1945 als verschollen gilt, nachdem es 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und Hermann Göring es vereinnahmte.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf, zu einem tiefblauen Leben, das sich selbst genügte und alle anderen Farben an den Rand drängte.“

(S.12/13)

Berchtesgaden Mai 1945 – zwei Bauernjungen entdecken in einem einsamen Eisenbahntunnel jede Menge Kisten, die sie zunächst für ein Munitionsdepot halten. Als die Neugier sie dazu treibt, eine davon zu öffnen, stoßen sie auf etliche Gemälde und eines davon fasziniert den jungen Ludwig so sehr, dass er es unbedingt besitzen will, obwohl es nicht dem nationalsozialistischen Ideal entspricht. Eine lange, dramatische Geschichte voll dunkler und blutiger Geheimnisse beginnt.

Im Jahr 2017: Rupert von Schleewitz betreibt in München gemeinsam mit seinen Kollegen Klara und Max eine kleine Kunstdetektei. Als plötzlich das verschollene Gemälde Franz Marc’s „Der Turm der blauen Pferde“ bei einem Großindustriellen auftaucht, das dieser unter seltsamen Umständen erwerben konnte, grenzt dies an eine Sensation. Um jegliche Zweifel an der Echtheit des Kunstwerks auszuräumen, beauftragt er die Detektei, die Herkunftsgeschichte des Bildes zu klären.

Doch wie lässt sich die zeitliche Lücke zwischen dem Verschwinden während des zweiten Weltkriegs und dem Jahr 2017 schließen? Eine schwierige Spurensuche beginnt, welche die Detektive quer durch Bayern, nach Berlin, sowie vom einfachen Bergdorf nahe Berchtesgaden, über die Münchner Schickeria auch in die zeitgenössische Kunstszene führt.

Jaumann erschafft spannende Charaktere: Da ist Rupert von Schleewitz, Inhaber der Detektei und Frauenheld, der sich während der Ermittlungen von einer potenziellen Zeugin der Gemäldeübergabe den Kopf verdrehen lässt bis er sie aus den Augen verliert. Unterstützt wird er von Klara Ivanovic, der Kunstexpertin des Teams, aufgewachsen als Tochter eines exaltierten Künstlers, der ihre eigenen künstlerischen Ambitionen stets im Keim erstickte, so dass sie Kunstgeschichte studierte und um den sie sich mittlerweile aufgrund seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung verstärkt kümmern muss. Und da ist Max – stark geforderter Vollblutfamilienvater einer blockflötenden und einer pubertierenden Tochter – der für Detailrecherche jeglicher Art sowie Archivbesuche zuständig ist und der obwohl er ihn manchmal woanders hat, doch auch seinen eigenen Kopf durchsetzt. Ein kunterbunt zusammengewürfeltes Team, das gegensätzlicher nicht sein könnte und sich dennoch auch aufgrund der Vielseitigkeit gut ergänzt. Figuren mit Ecken, Kanten und kleinen Geheimnissen, die mit Sicherheit noch nicht auserzählt sind und so definitiv Stoff für weitere Episoden bieten.

Mir gefällt Jaumanns Tonfall, der sich flüssig und spritzig liest und mich auch mit den stellenweise satirischen Seitenhieben auf die Münchner Schickeria und die teils exzentrische Kunstszene köstlich amüsiert hat. Der Plot ist raffiniert und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, so dass man als Leser mitfiebern und -rätseln kann. Ein Leckerbissen für Hobbyschatzsucher und Krimifans der unblutigen Sorte, die idealerweise ein Faible für Geschichte, Kunst und Malerei haben und sich literarisch gerne mal wieder in die bayerische Hauptstadt und die nahegelegene Bergwelt begeben möchten.

Dieser Kunstkrimi mit seiner gelungenen Mischung aus Spannung, Lokalkolorit und geschichtlich-künstlerischem Hintergrund hat bei mir auf jeden Fall die Lust auf mehr geweckt und so freue ich mich bereits jetzt darauf, dass im Mai 2021 die Fortsetzung „Caravaggios Schatten“ erscheinen wird.

Eine weitere Besprechung des Kriminalromans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Turm der blauen Pferde“:

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Bei der Lektüre ist auf jeden Fall das Münchner Lenbachhaus auf meine Wunschliste der Museen gewandert, die ich nach Normalisierung der Corona-Lage gerne besuchen würde. Die große Sammlung mit Werken der Künstler des Blauen Reiters beherbergt unter anderem auch Franz Marc’s „Blaues Pferd I“, welches dem verschollenen „Der Turm der blauen Pferde“ in der farblichen Gestaltung und in der Motivwahl sehr nahesteht.

Zum Weiterschauen:
2014 brachte George Clooney den Film „Monuments Men“ in die Kinos, in welchem er sowohl Regie führte, das Drehbuch schrieb als auch die Hauptrolle selbst übernahm. Basierend auf einer wahren Begebenheit handelt er von einer handverlesenen Gruppe von Kunstschutzsoldaten, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs versuchten, Raubkunst sicherzustellen und Kunstschätze für die Nachwelt zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Kennengelernt habe ich Bernhard Jaumann bereits vor vielen Jahren durch seinen außergewöhnlichen und mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Krimi „Saltimbocca“. Ein Band aus seiner fünfbändigen Reihe, welche fünf Sinne und Metropolen in den Mittelpunkt stellt. Sein verblüffendes Verwirrspiel in der ewigen Stadt gespickt mit kulinarischen Leckereien der römischen Küche, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen lässt, ließ mir damals das Wasser im Munde zusammenlaufen und das Krimiherz höher schlagen.

Bernhard Jaumann, Saltimbocca
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3041-0

Beethoven bewegt

Auch das groß geplante Beethoven-Jahr 2020 ist viel kleiner, stiller und unspektakulärer ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Mit der Lektüre von Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ bietet sich jedoch die Gelegenheit, sich auch im Jahr 2021 nochmal mit dem großen Komponisten zu beschäftigen. Eine Leseerfahrung, die sich vor allem für Klassikfans und Musikinteressierte bzw. -verrückte lohnt – als Ersteinstieg ist diese persönliche Sicht Thielemann’s auf Leben und Werk des großen Ludwig van Beethoven wohl eher nicht geeignet.

Christian Thielemann kennt das Werk Beethovens wie kaum ein Zweiter und hat sich sein Musikerleben lang intensiv vor allem mit den Orchesterwerken auseinandergesetzt. In seinem Buch, das in Gesprächen und in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, welcher er im Nachwort explizit für ihre aufschlussreichen Fragen und ihre „sprachliche Rasanz“ dankt, beschreibt er seinen persönlichen Weg zu Beethoven. Er erzählt von frühen Erlebnissen des Scheiterns und großen Glücksmomenten, von Lieblingswerken wie der Missa solemnis oder der Egmont-Ouvertüre, die ihn schon früh faszinierten, bis zur einzigen Oper Beethovens, dem „Fidelio“, mit dem Thielemann bis heute nicht warm werden kann und ihm deshalb weitestgehend aus dem Weg geht.

Er berichtet, welche Interpretationen seiner Vorgänger er schätzt – vor allem Wilhelm Furtwängler scheint für Thielemann bei Beethoven oft den richtigen Ansatz gefunden zu haben, von ihm schwärmt er häufig – und welche weniger. Man erfährt, dass er im Plattenladen eine Live-Aufnahme in der Regel einer Studioaufnahme vorzieht und warum.

Kernstück des Buches ist ein virtueller Zyklus der neun Beethoven-Symphonien, welche er an vier Abenden dirigiert, wie er es auch im richtigen Leben mit Weltklasse-Orchestern wie zum Beispiel den Wiener Philharmonikern bereits getan hat. Er lässt den Leser teilhaben an seiner ganz persönlichen, musikalischen und interpretatorischen Sicht auf diese neun so unterschiedlichen musikalischen Meisterwerke. Für ihn haben die Symphonien Farben – so ist die sechste Symphonie die Pastorale für ihn zum Beispiel „maiengrün“ – und jede hat ihren eigenen Reiz, einen völlig eigenständigen Charakter. Ausführlich beschreibt er musikalische Schlüsselstellen und Besonderheiten, Feinheiten in der klanglichen Ausgestaltung und ordnet diese Werke auch zeitlich ein, berichtet über Entstehungsgeschichte und spannt einen Bogen zu Beethovens Leben.

Neben den leisen Anklängen an Beethovens Biografie, erzählt er aber auch über seine persönliche Entwicklung als Dirigent und wie sich seine Art, sich Beethoven zu nähern, über die Jahre verändert hat.

„Die Missa ist heiß und superkalt zugleich. Aus der Strandsauna springt man raus in die eisige Nordsee.“

(S.249)

Stilistisch liest sich das Buch sehr flüssig und lebendig – trotz des zahlreichen musikalischen Fachvokabulars – finden sich häufig Bilder und Vergleiche, die aus dem Leben gegriffen und erfrischend zu lesen sind. Das ist kein trockenes, bierernstes Sachbuch, sondern vielmehr eine sehr persönliche, unterhaltsame Auseinandersetzung mit diesem „Titanen“, welche auch versucht, Hemmschwellen abzubauen und allzu respektvolle Distanz (zumindest für den Leser und Hörer) zu verringern.

Als Dirigent und Künstler hat Thielemann höchsten Respekt vor dem Lebenswerk des Komponisten und man spürt, dass er stets aufs Neue mit der idealen Interpretation der Beethoven’schen Werke ringt.

Für mich war es spannend zu lesen, mit welchen Fragen sich ein Dirigent bereits im Vorfeld auseinandersetzt: Dirigieren mit oder ohne Partitur? Wenn ja, mit welcher Partitur (alte oder neue Ausgaben)? Wieviel Beachtung schenkt man den teilweise aberwitzigen Metronomangaben des Komponisten? In welchem Saal klingt Beethoven gut und wo nicht? Welche Sitzordnung des Orchesters ist die Beste?
Unter anderem solche Fragen gewährten mir einen interessanten Blick hinter die Kulissen und in den Arbeitsalltag eines Dirigenten, den ich in dieser Form vorher noch nicht gelesen hatte.

Für mich hat die Lektüre große Lust geweckt, mich wieder und noch intensiver mit der Musik Ludwig van Beethoven’s zu befassen. Gerade die Missa solemnis, das Herzensstück Thielemann’s, die ich bisher noch nicht besonders gut kenne, werde ich mir bestimmt in der nächsten Zeit in Ruhe anhören.

Wer den Musikunterricht nicht mochte, lieber keine Noten lesen will und mit Beethoven noch nie etwas anfangen konnte, der wird keine Freude an diesem Buch haben, aber für Musikbegeisterte und Beethoven-Fans ist Thielemann’s Reise sicher zu empfehlen. Ein sehr persönliches, kurzweiliges und facettenreiches Buch über Leben und Werk des großen Komponisten und der individuellen Interpretation durch einen der bekanntesten Dirigenten unserer Zeit.

„Warum begleitet Beethoven uns das ganze Leben, als Musiker wie als Zuhörer? Wegen seiner Wahnsinnskontraste, zwischen denen alles Platz findet. Zarteste Unschuld und wildes Wühlen, frenetischer Jubel und tiefste Trauer.“

(S.251)

Buchinformation:
Christian Thielemann, Meine Reise zu Beethoven
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-75765-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Meine Reise zu Beethoven“:

Zum Weiterschauen:
Noch bis zum 24.01.2021 ist der Film „Louis van Beethoven“ mit Tobias Moretti in der Hauptrolle in der ARD Mediathek verfügbar. Wer sich bisher noch nicht mit dem Leben Ludwig van Beethoven’s befasst hat, bekommt hier zumindest einen ersten Eindruck. Ein gut gemachter Film, der unter anderem auch die Aspekte der schwierigen Kindheit und die Auswirkungen der zunehmenden Taubheit auf Beethovens Leben beleuchtet.

Zum Weiterhören:
Thielemann nennt im Buch neben der Egmont-Ouvertüre vor allem die Missa solemnis als eines seiner Lieblingswerke – hier werde ich mich sicherlich noch weiter einhören. Zudem beschreibt er seine persönliche Sichtweise auf jede der neun Symphonien. Man hat noch mehr von der Lektüre, wenn man parallel immer wieder ein wenig hineingehört, denn auch die vermeintlich unbekannteren und seltener gespielten Symphonien haben ihren Reiz.

Zum Weiterlesen:
Bereits 2012 erschien Christian Thielemann’s „Mein Leben mit Wagner“, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Journalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, viele Einblicke in den Bayreuther Festspielbetrieb gibt und die große Leidenschaft des Dirigenten für Richard Wagner spürbar werden lässt. Vor allem für eingefleischte Wagnerianer eine lohnende Lektüre.

Christian Thielemann, Mein Leben mit Wagner
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-63446-8

Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Tizians Venus

Lea Singer ist eine Autorin, die mich bereits seit längerem begleitet und deren Bücher über Künstler – Musiker, Dichter oder Maler – mich immer begeistern und faszinieren. Auch der neueste Roman „La Fenice“ ist wieder ein literarisches Glanzlicht, das ich mit großem Interesse gelesen und als sehr bereichernd empfunden habe.

Angela del Moro – auch genannt „La Zaffetta“ oder die Tochter des Spitzels – weiß schon früh, dass sie sich nicht in das übliche Schicksal einer venezianischen Frau als Gattin, Mutter und Untergebene des Mannes fügen will. Sie will sich lösen vom Elternhaus und ihr Ziel ist es, frei und unabhängig zu sein. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, unverheiratet bleiben und als Weg dorthin wählt sie es, eine Kurtisane zu werden. Bereits mit 16 Jahren lässt sie sich von „Mentor“ Aretino ausbilden, denn auch die käufliche Liebe im Venedig des 16. Jahrhunderts ist ein hart umkämpftes Geschäft und nur gebildete, gepflegte und schöne, junge Damen verdienen gutes Geld mit der gehobenen, reichen und oft adeligen Kundschaft. Sie zählt schnell zu den Gefragtesten in ihrem Metier, allerdings begeht sie dann einen verhängnisvollen Fehler: sie lehnt einen sehr einflussreichen und mächtigen Mann ab, stößt ihn vor den Kopf und zieht seine unerbittliche Rache auf sich.

Er lässt sie auf einer abgelegenen Insel vor den Toren Venedigs brutal vergewaltigen – ein sogenannter „Trentuno“, d.h. eine Massenvergewaltigung durch 31 Männer, die sie nur knapp und schwer verletzt überlebt. Diese rohe, überbordende Gewalt und der darauf folgende Rufmord, der ihr jegliche Basis entzieht, bringen sie an den Abgrund ihrer Existenz.

„Der Phönix steigt aus seiner eigenen Asche empor. Und in unserer Sprache, sagte Aretino, ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich.“

(S.183)

Doch wie ein Phönix erarbeitet sie sich Schritt für Schritt ihre eigene Wiederauferstehung und erkämpft sich ihr Leben und ihre Würde zurück.
Mit 23 Jahren wird sie zum Modell des berühmten und erfolgreichen Malers Tizian und wird seine „Venus von Urbino“ – dem bekannten Gemälde, das heute zu den Höhepunkten in den Florenzer Uffizien zählt. Und das Leben voller Höhen und Tiefen hält noch eine wahrhaftige Liebe als Überraschung für sie bereit.

„Dem Sänger, der bei einem Begräbnis singt, dürfen nicht die Tränen kommen, ein Narr, der für seine Späße bezahlt wird, darf nie über sich selber lachen. Eine verliebte Käufliche wurde unverkäuflich.“

(S.226)

Ich schätze die sinnliche und atmosphärische Art zu Schreiben, die Lea Singer auch in „La Fenice“ wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, außerordentlich. Die Düfte, die Geschmäcker, die Geräusche Venedigs sind so lebendig geschildert, dass man sich selbst fröstelnd in der nebligen Lagunenstadt wiederzufinden scheint. Ein pralles Bild der Serenissima in der Zeit der Renaissance, das die Lektüre erleben lässt – auch in aller Brutalität und Dunkelheit, denn gerade für Frauen oder Außenseiter der Gesellschaft war diese Zeit auch geprägt von Unterdrückung, Willkür und unmenschlicher Gewalt. Singer beschreibt das düster, sehr realistisch und drastisch – da muss man schon mehr als einmal schlucken und kann erleichtert sein, als Frau im Heute leben zu dürfen.

Der Kampa Verlag hat für „La Fenice“ eine puristisch-edle und sehr elegante, schlichte Aufmachung in Leinenbindung gewählt, die sehr schön anzusehen ist und das Herz eines bibliophilen Lesers höher schlagen lässt. Auch durch diese sehr gelungene Optik und Haptik ist es eine Freude, das Buch zur Hand zu nehmen.

Singer’s Romane sind stets unterhaltsam und spannend zu lesen, aber vermitteln zugleich auch immer geschichtliche Hintergründe und fundiertes Wissen über Epochen und Lebensläufe von berühmten Künstlern. Für mich ist das eine perfekte Kombination und macht ihre Bücher so attraktiv – lesend unterhalten werden und auch gleichzeitig noch etwas Neues lernen. Leserherz, was willst Du mehr?

Ein informatives, intelligentes, inspirierendes und großartig recherchiertes Buch, das man mit großer Neugier und Wissbegier nur allzu schnell verschlingt und das zugleich emotional bewegt und berührt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Kunst, Geschichte und die italienische Renaissance interessieren.

Buchinformation:
Lea Singer, La Fenice
Kampa
ISBN: 978 3 311 10027 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „La Fenice“:

Für den Gaumen:
Im Buch neu begegnet sind mir die Castraure, die ich bisher noch nicht selbst probieren konnte, was ich aber gedenke nachzuholen, sobald sich die Gelegenheit einmal bieten sollte. Castraure sind die jungen, ersten, lilafarbenen Knospen der Artischocken, die zurückgeschnitten werden, um den Ertrag der Pflanzen zu optimieren und wohl zart bitter schmecken. Die venezianische Gemüseinsel Sant’ Erasmo ist bekannt dafür.

Zum Weiterschauen:
Auch wenn die Uffizien derzeit pandemiebedingt geschlossen haben, lohnt sich ein Besuch der Website, um sich Tizians „Venus von Urbino“ anzusehen. Ich hatte vor einiger Zeit das große Vergnügen, das Gemälde in Florenz „live“ zu sehen und von einem hervorragenden Kunsthistoriker erklärt zu bekommen. Ein unvergessliches Erlebnis und für mich auch ein weiterer Grund, Lea Singer’s Buch sofort lesen zu wollen, als ich davon erfahren habe.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das ich allen, die gerne über Venedig, aber vor allem auch gerne etwas über Künstler, Musiker und Komponisten lesen – so wie ich – empfehlen kann, ist Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Im barocken Venedig arbeitete der „prete rosso“ an einem Waisenhaus und förderte musikalisch begabte Mädchen. Ein spannendes Kapital aus Vivaldi’s Leben und zugleich sehr gut erzählt.

Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05229-9

Europäische Nostalgie

Ilja Leonard Pfeijffer stand mit seinem Roman „Grand Hotel Europa“ monatelang an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste. Ein umfangreiches, gewaltiges und vielschichtiges Buch, das sich mit Witz, Zynismus und Ironie literarisch geschickt mit dem aktuellen Zustand und den Perspektiven unseres Kontinents Europa befasst.

Zu Beginn des Romans bezieht der Autor ein Zimmer im „Grand Hotel Europa“ – ein bereits in die Jahre gekommenes, baufälliges Luxushotel mit einem etwas verblichenen Charme – und lernt dort den jungen Pagen Abdul kennen, der ihn gemeinsam mit dem rührigen Majordomus Montebello in Empfang nimmt. Bei einer gemeinsamen Zigarette kommen Pfeijffer und Abdul ins Gespräch und nach und nach erzählt der junge Flüchtling seine abenteuerliche Geschichte, die ihn an diesen Ort geführt hat.

Der niederländische Autor möchte sich im Hotel in Ruhe der Arbeit an seinem neuesten Romanprojekt widmen. Frisch getrennt von seiner großen Liebe Clio will er jetzt über seinen Liebeskummer hinwegkommen und in Abgeschiedenheit seinen Roman über den Tourismus in Europa und die Geschichte seiner zerbrochenen Beziehung schreiben. So entspinnt sich ein vielschichtiges Geflecht an Schauplätzen, Zeitebenen und Erzählsträngen. Rahmenhandlung bilden die Geschehnisse im Grand Hotel Europa, Abdul erzählt über seine Flucht und Pfeijffer schreibt über die Recherche zu seinem Romanprojekt über den Tourismus und die damit verbundenen Reisen sowie über seine und Clio’s Liebesgeschichte.

Nicht umsonst ist Clio die griechische Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, denn einer der großen Grundgedanken in diesem Roman ist, dass Europa sich viel zu sehr auf die Vergangenheit konzentriert und in Nostalgie schwelgt, statt sich auf die Zukunft zu fokussieren. Personifiziert wird dieser Kontrast durch Abdul, den Flüchtling, der seine Vergangenheit am liebsten komplett verdrängen und vergessen und nur noch in eine positive Zukunft nach vorne schauen möchte und dem Autor auf der anderen Seite, der selbst seine persönliche und die europäische Entwicklung des Tourismus rückwärts blickend in einem Roman gleichsam als „Geschichtsschreibung“ verarbeiten will.

„Ich bin froh, dass noch so viel Vergangenheit zu erzählen bleibt, denn ich habe keine Ahnung, welche Zukunft ich für mich erfinden soll, wenn ich meine Aufgabe erfüllt haben werde.“

(S.77)

Europa ist für Pfeijffer zu einem Freilichtmuseum und historischem Themenpark verkommen, dessen einzige Zukunft darin besteht, als Tourismusziel zu dienen. Er beschreibt zynisch und bissig in zahlreichen Episoden und Szenen die dramatischen Folgen und negativen Auswüchse dieser Entwicklung. Der Massentourismus mit all seinen Schattenseiten und Problemen, die er unweigerlich mit sich bringt, ist ein weiteres großes Schlüsselthema in diesem Roman.

Es ist aber auch ein Buch über Kunst und strotzt vor Querbezügen zu Malerei und bildender Kunst – so ist es ein beliebtes Spiel zwischen Clio und Ilja geworden, gemeinsam an unterschiedlichsten Orten in Europa nach einem verschwundenen Bild Caravaggios zu suchen. Er spannt aber beispielsweise auch den Bogen zur Gegenwartskunst von Damien Hirst, der sich unter anderem ebenfalls mit dem Thema der Vergänglichkeit auseinandersetzt.

Pfeijffer hat ein intelligentes und kluges Buch geschrieben, das überzeichnet und satirisch dem europäischen Leser den Spiegel vorhält. Er führt den Irrsinn und die Probleme des Kontinents vor Augen und beleuchtet die Lage Europas und die Zukunftsaussichten kritisch. Gleichzeitig beweist er mit seiner Romanerzählung genau die Stärken des alten Europas – er verwebt umfangreiches Wissen über Kunst und Geschichte in seine Erzählung.

Ein mächtiger Roman, der sehr vielseitig ist und sich trotz der Fülle an Themen sehr flüssig, unterhaltsam und mit Spannung lesen lässt. Auch wenn es Stellen im Buch gibt, die irritieren und vielleicht so manchem Leser auch etwas zu weit gehen, bietet es doch zahlreiche Denkanstöße, die einen im Anschluss länger beschäftigen und viel Stoff zum Nachdenken bieten.

Welche Chance hat dieses Europa, das gleichsam dem Grand Hotel im Buch aufgrund der Vergangenheitsfixierung wohl etwas in die Jahre gekommen ist? Wie kann eine glückliche und lebenswerte Zukunft aussehen?

„Ich will nicht wie das Hotel, in dem ich zu Gast bin, oder wie der Kontinent, nach dem es benannt wurde, zu dem Schluss kommen müssen, dass meine beste Zeit hinter mir liegt und mir in Zukunft nicht viel mehr bleiben wird, als mein Heil in der Vergangenheit zu suchen.“

(S. 52)

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei Letteratura, Buchpost und Buch-Haltung.

Buchinformation:
Ilja Leonard Pfeijffer, Grand Hotel Europa
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Piper
ISBN: 978-3-492-07011-9

© Piper Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Grand Hotel Europa“:

Für den Gaumen:
Vielleicht eine Tasse Kaffee, um im übertragenen Sinne wach und offen zu bleiben für Veränderung, um vor lauter Vergangenheit die Zukunft nicht außer Acht zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Die Gemälde Caravaggios spielen im Buch eine zentrale Rolle. Es lohnt sich daher im Zusammenhang mit der Lektüre auch wieder ein paar Gemälde dieses Künstlers der Barockzeit anzusehen, der vor allem für sein „Chiaroscuro“, d.h. die Hell-Dunkel-Malerei bekannt ist.

Zum Weiterlesen:
Für alle die sich auf leichtfüßige, humorvolle und unterhaltsame Art und Weise mit dem Thema „Vergangenheit trifft Gegenwart“ und dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen beschäftigen möchten, kann ich Herbert Rosendorfers Klassiker aus dem Jahr 1983 „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ empfehlen.

Herbert Rosendorfer, Briefe in die chinesische Vergangenheit
dtv
ISBN: 978-3-423-10541-5