Gerhahers Gedanken

Im letzten Sommer durfte ich einen Liederabend mit Christian Gerhaher im Landshuter Rathausprunksaal erleben und hatte auf meiner Kulturbowle darüber berichtet. Jetzt hat der weltberühmte Bariton ein sehr persönliches Buch veröffentlicht: „Lyrisches Tagebuch – Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“.

Darin gewährt er einen intimen Einblick in seine künstlerische Gedankenwelt und seine ganz persönliche Perspektive auf wichtige Werke und Stationen seiner Karriere als Sänger. So beschreibt er die Assoziationen, die er zu bestimmten Liedern aus seinem umfangreichen Repertoire hat ebenso wie detaillierte Überlegungen zur musikalischen und künstlerischen Interpretation der Werke.

„Und dann kann man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wie Artikulation, Dynamik, Intonation, Farbigkeit und Vibrato vielleicht sogar auf weit mehr als sechzig verschiedene Arten der Darstellung kommen, denn im Grunde ist ja jeder darzustellende Ton, jedes abzubildende Wort für einen Sänger und Schauspieler ein einmaliges, ein unvergleichliches klangliches Ereignis.“

(S.19)

Oft nähert er sich vom Text der vertonten Gedichte, die ebenfalls im Buch meist in voller Länge enthalten sind, interpretiert diese sprachlich und setzt sie in den musikalischen Kontext – erzählt von Lieblingsstellen, besonderen gesanglichen Herausforderungen und was ihm die Stücke – oft auch aus privaten Gründen – bedeuten.

„Auf die Frage, was Lieder wohl sein könnten, würde ich spontan antworten: Sie sind eine vokale Form der Kammermusik, und sie repräsentieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik, in der gesungenen Musik.“

(S.134)

Er verknüpft Autobiografisches, beschreibt Schlüsselszenen und -werke seiner Sängerkarriere und lässt die Leserschaft tief in seine persönliche Denkweise als Künstler und Sänger eintauchen. Sein tiefes Verständnis und seine umfassende Erfahrung gerade mit dem Liedrepertoire durchdringen das Werk und machen es zu etwas Besonderem – denn selten teilt ein Sänger so unmittelbar mit seinem Publikum, was im Vorfeld eines Konzerts, beim Zusammenstellen des Programms, den Proben und dem Üben im stillen Kämmerchen passiert.

Gerhaher beschreibt viele Werke, die für ihn von besonderer Bedeutung sind sehr ausführlich: vor allem zahlreiche Lieder und Liederzyklen von Schumann (wie z.B. die „Myrthen“), die ihm besonders am Herzen liegen, aber auch Schubert-Lieder, Modernes von Wolfgang Rihm und sogar einen Ausflug in die Opernwelt mit Mozart’s Don Giovanni, den er näher beleuchtet.

Gerade aber die autobiografischen Bezüge, mit denen er die Werke in seinen persönlichen Kontext setzt, machen für mich jedoch den besonderen Reiz des Buchs aus und hätten für meinen Geschmack gerne noch umfangreicher ausfallen dürfen. Ich finde es charmant, wenn der gebürtige Straubinger über sein Kinoerlebnis mit dem Film „Avatar“, seine Beziehung zu Gummibärchen oder die gemeinsame, langjährige Zusammenarbeit mit seinem Pianisten und Freund Gerold Huber erzählt. Auch die Beschreibungen herausragender Konzerte und Schlüsselerlebnisse in seiner Sängerkarriere sind faszinierend und hochinteressant zu lesen.

„Mein Schwur damals: Wenn überhaupt singen, dann nur gut; der Wille allein könne nicht zählen.“

(S.268)

Die Intimität und Intensität eines Liederabends und die besondere Herausforderungen für den Künstler, der sich ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Kulissen hinter nichts verstecken kann, habe ich bei meinen Besuchen stets auch als Zuschauer als besondere Leistung empfunden.

„Und ich dachte wie immer, wenn ich in Liederabenden Zuhörer bin: Mein Gott, ist das schwierig – wie kann man sich zutrauen, so einen ganzen Abend mit sich selbst zu sein, wie kann man da ruhig stehen, wie kann es sein, dass einem nicht die Knie so wackeln, dass man keinen geraden Ton herausbringt…“

(S.90)

Die Lektüre hat mir jedoch die Augen geöffnet, wie viel Vorbereitung in einem Liederabend steckt: in den Überlegungen zur Zusammenstellung des Programms, in der musikalischen Ausgestaltung – über welche Feinheiten, Interpretationsmöglichkeiten und Nuancen sich Christian Gerhaher und Gerold Huber Gedanken machen, bevor sie sich zu zweit auf die Bühne begeben.
So werde ich zukünftige Liederabende sicherlich noch einmal mit anderen Augen und unter anderen Gesichtspunkten sehen und noch mehr zu schätzen wissen.

Christian Gerhaher hat sich mit seinem Lyrischen Tagebuch sicherlich nicht an eine breite Masse von Leserinnen und Lesern gewendet, vielmehr richtet sich sein tiefgründiges, anspruchsvolles, intelligentes Werk an Fachleute oder ein musikinteressiertes Publikum mit gewisser Vorbildung und dem Interesse für musikalische und künstlerische Hintergründe.

Das Sachbuch enthält zahlreiche Notenbeispiele und fundierte Anmerkungen. Das verwendete Fachvokabular und manche Formulierungen erfordern konzentriertes Lesen. Als passionierte Musikliebhaberin – jedoch Laiin ohne Musikstudium – hat mich die Lektüre gefordert – an manchen Stellen zugegebenermaßen auch überfordert – doch auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe, möchte ich die Lektüre nicht missen. Denn die Ausführungen haben meinen Horizont erweitert, mir klar gemacht, wie Kunst entsteht und haben mir Einblick in eine neue Gedankenwelt gewährt.

Kaum ein Sänger hat sich in den letzten Jahrzehnten mit solcher Hingabe und über einen solch langen Zeitraum hinweg so intensiv dem Liedgesang gewidmet wie Christian Gerhaher – mit dem lyrischen Tagebuch teilt er nun seine ganz persönliche Sicht und seine umfassende Erfahrung mit der geneigten Leserschaft. Ein Geschenk, das dazu einlädt ins Konzert zu gehen, sich Lieder anzuhören, bestimmte Stellen und Passagen nachzuhören und im Buch mitzulesen und nachzuschlagen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christian Gerhaher, Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-78423-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Gerhaher’s „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“:

Für den Gaumen:
Gummibärchen scheinen für Christian Gerhaher eine Versuchung darzustellen. Denn auch in einem Fragebogen des C.H.Beck Verlags beantwortet er die Frage: Was nehmen sie sich immer wieder vor? mit „Keine Gummibärchen mehr“.

Zum Weiterhören:
Auf meine persönliche „Das möchte ich mir mal genauer anhören“-Liste sind vor allem die „Myrthen“ von Robert Schumann gewandert – der Liederzyklus, den der Komponist seiner Braut Clara Wieck widmete und zur Hochzeit schenkte.

Zum Weiterschauen:
Christian Gerhaher beschreibt seinen Kinobesuch der 3D-Version von „Avatar“ als ganz besonderes Ereignis und Erlebnis – die eindrucksvollen Bilder haben offenbar viele Assoziationen ausgelöst.

Zum Besichtigen bzw. für einen Ausflug:
Christian Gerhaher stammt aus Straubing. Er beschreibt im Buch, dass die Gemälde in der Totentanz-Kapelle (Seelenhaus-Kapelle) auf dem Straubinger Friedhof St. Peter eine besondere Bedeutung für ihn haben. Auf der Website der Pfarrei gibt es Fotos, die einen ersten Eindruck vermitteln. Unter anderem auch genau von jenem Gemälde, das Gerhaher beschreibt:

„In meiner Heimatstadt Straubing gibt es auf dem Friedhof St. Peter eine gotische „Totentanz-Kapelle“ – raumgreifend barock ausgemalt, nur mit Totentanz-Themen, eine kunsthistorische Einmaligkeit. (…) Am eindrücklichsten war dabei für mich, wie dem Bauern, der mit der Sense das reife Korn mäht, der Knochenmann, gleichfalls mit der Sense, von hinten das Bein abzuschneiden im Begriff ist.“

(S.113)

Zum Weiterlesen:
Eines der Bücher, die Gerhaher in seinem Lyrischen Tagebuch erwähnt, ist ein Werk Adalbert Stifters: „Die Mappe meines Urgroßvaters“. Ich persönlich kannte und kenne das Werk, das 1841 erschienen ist, bisher nicht.

Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters
Reclam
ISBN: 978-3150079638

Eine Prise Leichtigkeit

Kafka’s berühmtes Zitat „ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ passt nicht zu Julia Mattera’s Roman „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ – vielmehr könnte man es als einen Kochlöffel für die wärmende tröstliche Seelennahrung, die der Mensch von Zeit zu Zeit braucht, bezeichnen. Und mal ehrlich, was hat der Durchschnittsmensch häufiger in der Hand – einen Kochlöffel oder eine Axt?

„Nein, ich bin aus eigenem Antrieb gekommen. Ich fühle mich wohl hier. Und ich mag Menschen, die nicht sprechen, wenn sie nichts zu sagen haben.“

(S.44)

Schauplatz des Romans ist ein gemütlicher, kleiner feiner Gasthof im Elsass, der von Robert Walch und seiner Schwester Elsa in Familienhand geführt wird. Elsa kümmert sich um den Hotelbetrieb und die Gäste – und ist nebenbei alleinerziehende Mutter von äußerst lebhaften Zwillingen. Robert’s Reich hingegen ist die Küche und der Gemüsegarten – seine Gäste lieben seine herausragenden regionalen Gerichte. Am liebsten hat er jedoch seine Ruhe, kümmert sich um seine Pflänzchen und Schätze im Garten – im Sinne eines Möhrenflüsterers schwört er darauf, dass alles besser wächst und gedeiht, wenn er mit seinen Zöglingen spricht.

„Du hast mich gebeten, dir mein Geheimnis zu verraten. Und genau darin liegt es. Die Bewohner meines Gemüsegartens sind genauso empfindsam wie du und ich, wenn nicht noch um einiges mehr. Deshalb nehme ich mir die Zeit, mit ihnen zu reden, sie zu unterhalten und ihnen zu erklären, was für ein Glück sie haben, in meiner Küche zu landen…“

(S.66)

Zu anderen Menschen hingegen hat er meist keinen so guten Draht. Er ist eigenwillig, schrullig und zieht sich meist lieber in sich selbst zurück. Gerade einmal die zupackende Kinderfrau Fatima, die sich liebevoll um die Zwillinge seiner Schwester kümmert, und ihr Sohn Hassan finden nach und nach in kleinen Schritten einen Zugang zu Robert’s Welt.

„Ihre Kindheit war sicher alles andere als unbeschwert. Glückliche Kinder werden zu offenen Erwachsenen, aber Sie scheinen zu einer kindlichen Unschuld zurückkehren zu wollen, weil Ihnen dieses unbeschwerte Lebensgefühl so früh genommen wurde.“

(S.101)

Als dann plötzlich auch noch die quirlige, temperamentvolle Engländerin Maggie im Elsass auftaucht, wird Robert’s Alltag und Gefühlsleben gehörig durcheinander gewirbelt.

Julia Mattera hat ein lebensbejahendes, positives Buch über Toleranz, Freundschaft und Liebe geschrieben, das zugleich eine bezaubernde Hymne auf bewussten und bodenständigen, kulinarischen Genuss sowie die ehrliche, traditionelle und handwerklich gute Küche mit hochwertigen Produkten ist.
Es ist herzerwärmend zu lesen, wie sich der Einsiedler und Eigenbrötler Robert mehr und mehr für sein Umfeld öffnet und plötzlich auch Nähe zulassen kann und möchte.

Ist das Buch immer realistisch? Nein, will und soll es aber auch nicht sein. Denn manchmal tut es auch einfach gut, sich in eine andere, sonnige und wohltuende Umgebung entführen zu lassen und dem Alltag ein paar Buchseiten lang zu entfliehen.
Und das gelingt Mattera wunderbar dank sympathischer und warmherziger Figuren, einer gefühlvollen und zärtlichen Geschichte mit Leichtigkeit, Wärme und ganz viel Licht. Ab und zu fühlte ich mich an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert – allerdings befinden wir uns nicht in Montmartre, sondern im schönen Elsass.

Das Buch romantisiert stark, vielleicht ist es für manche Leser auch ab und zu ein wenig zu zuckersüß – für mich persönlich hätte es an der einen oder anderen Stelle auch ein Hauch mehr Zartbitter statt Zuckerguss sein dürfen. Doch dies tut dem Lesegenuss keinen Abbruch, denn stilistisch ist es absolut stimmig und darf daher aufgrund des magischen, märchenhaften Charakters der Erzählung auch durchaus mal etwas dicker auftragen.

„Mir kommt es so vor, als wäre ich in einem Märchen gelandet“

(S.168)

Es ist ein wunderbar verträumtes Märchen für junggebliebene Erwachsene, die sich für ein paar Stunden nach etwas heiler Welt sehnen und einfach mal Probleme Probleme und Sorgen Sorgen sein lassen wollen. Vielleicht braucht man gerade auch in diesen Zeiten ab und an ein Stückchen positiven Eskapismus und Balsam für die Seele – quasi ein „Seelenzuckerl“, das mit seinen etwas über 200 Seiten auch schnell verschnabuliert ist.

Aber Achtung! Appetit und Hunger sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert, also sollte der Kühlschrank und die Speisekammer für spontane Kochgelüste ausgestattet sein. Zumindest etwas Gemüse, Brot, Käse und Wein sollte man definitiv im Hause haben. Ich wünsche eine genussvolle Lektüre und bon appétit!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 15) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt lesen. Julia Mattera hat eine wahre Liebeserklärung ans Kochen und den bewussten, kulinarischen Genuss geschrieben, daher passt dieser Roman perfekt für diesen Punkt auf meiner Liste.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Julia Mattera, Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach
Übersetzung aus dem Französischen von Monika Buchgeister
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0098-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“:

Für den Gaumen:
Im Anhang des Romans gibt es als Zugabe ein paar elsässische Rezepte zum Nachkochen: zum Beispiel Baeckeoffe oder Flammenkueche.
Besonders gerne würde ich allerdings die tourtes (elsässische Pastete) von Robert probieren:

„Und die Touristen kommen in Scharen hierher, um seine tourtes mit Münsterkäse zu genießen. Es ist nicht nur die elsässische Spezialität, die sie in der auberge von Familie Walch entdecken, sondern ein Familienerbe, ein Konzentrat aus Erinnerungen und Liebe, das nur darauf wartet, gekosten zu werden.“

(S.51)

Zum Weiterhören:
Musikalisch hat der Roman einiges an Ohrwürmern zu bieten:
Wohlbekanntes wie John Lennon’s „Imagine“ oder Jane Birkin’s „Je t’aime moi non plus“, aber für mich auch eine Neuentdeckung: Étienne Daho mit seinem Chanson „Week-end à Rome“ – typischer 80er Jahre Sound, den ich bisher nicht kannte.

Für die nächste Unternehmung oder den nächsten Einkaufsbummel:
Einfach mal wieder über einen Wochenmarkt schlendern, die Stände mit frischem Obst und Gemüse bewundern, genussvoll regionale Produkte frisch vom Erzeuger kaufen und etwas Schönes daraus kochen. Julia Mattera’s Roman macht definitiv große Lust auf saisonales, regionales und frisches Gemüse.

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über das Elsass und vor allem auch über die Lebenswege einer Frauengeneration von dort erfahren möchte, dem kann ich Pascale Hugues’ Buch „Mädchenschule“ sehr empfehlen, das ich letztes Jahr bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe und das zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres 2021 zählte.

Pascal Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3498002718

Kaffeeduft in Triest

Man nehme eine ordentliche Prise Kaffeeduft, einen gehäuften Löffel voll k.u.k.-Flair, zwei starke Frauen und einen charismatischen Mann dazwischen, Großmarktstimmung und die Hafenluft der großen weiten Welt, ein paar zwielichtige Gauner und eskalierende Bandenkonflikte und fertig ist die unwiderstehliche Mischung von Günter Neuwirth’s neuestem historischen Kriminalroman „Caffè in Triest“. Der zweite Teil seiner Reihe um Inspector Bruno Zabini entführt die Leserschaft erneut ins Triest des Jahres 1907 – in die Stadt der Winde und dieses Mal auch in die Stadt der glanzvollen Kaffeehäuser und der geschäftigen Markthallen am Hafen, wo der Kaffeehandel floriert.

„Das Leben ist ein Mummenschanz.“

(S.31)

Inspector Bruno Zabini führt ein unkonventionelles Liebesleben – der weltmännische Gentleman genießt gleichzeitig die unverbindlichen Affären mit zwei verheirateten Frauen. Beide sind schön, stark und intelligent – das Geheime und Verbotene der Beziehungen hat für ihn einen besonderen Reiz und dennoch birgt dieses Konstrukt auch eine nicht unerhebliche Komplexität, große Gefahr und das ständige Risiko, aufzufliegen.

„Mit Verlaub gesagt, geschätzter Bruno, aber ich hege seit geraumer Zeit die Befürchtung, dass die Konstruktion deines Liebeslebens in ihren Tragwerken fragil ist. Die derzeitige Erschütterung ist so gesehen nicht verwunderlich.“

(S.161)

Als er dann auch noch in einem Mordfall ermitteln muss und sich abzeichnet, dass ein Bandenkrieg im Triestiner Handelsmilieu auszubrechen droht, hat Zabini plötzlich alle Hände voll zu tun, sein Berufs- und sein Privatleben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Er ermittelt zwischen den pulsierenden Lagerhäusern voll wertvoller Güter, dem Hafen als großem Drehkreuz der damaligen Handelsmetropole an der Adria, den stil- und prunkvollen Kaffeehäusern in bester k.u.k.-Tradition und merkt schnell, dass hier unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen und wenn dann auch noch die Liebe zu einer schönen Frau ins Spiel kommt, wird es brandgefährlich…

„So manche Wiener waren der festen Überzeugung, dass die mitteleuropäische Kaffeehauskultur in der österreichischen Hauptstadt ihren Höhepunkt erreicht hatte, während es so manchen Triestinern völlig klar war, dass die Kaffeehäuser Triests den höchsten kulturellen Rang innehatten.“

(S.211)

Neuwirth nimmt sich Zeit für die Entwicklung seines Plots und den Spannungsbogen seiner Kriminalhandlung und vor allem investiert er in die plastische Charakterzeichnung seiner Figuren – Menschen aus Fleisch und Blut mit Herz und Charme, so dass man ihnen gerne durch die gut 430 Seiten folgt. Die delikate Dreiecksbeziehung zwischen Bruno, Luise und Fedora ist ungewöhnlich und gibt zusätzlich zum obligatorischen Kriminalfall, der sich entspinnt, auch im privaten Bereich eine gewisse Würze.

Mir gefällt, dass Neuwirth hier gerade die Frauen als starke, intelligente Persönlichkeiten darstellt und ihnen somit eine besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenkt, so dass sie keinesfalls nur schmückendes Beiwerk oder Randfiguren sind, sondern auf Augenhöhe mit Zabini agieren.

Zudem schätze ich die Recherche zur Historie und die informativen Schilderungen der zeitlichen Hintergründe des Autors. Man erfährt einiges über die politische Situation und die unterschiedlichen Strömungen der damaligen Zeit, über die Stimmung in der Stadt und in der Region und in diesem Band auch viel über die Seefahrt und die blühenden Handelsgeschäfte – nicht nur mit Kaffee.

So hat man die Seeluft und den Kaffeeduft beim Lesen stets in der Nase und sieht die Schiffe, das geschäftige Treiben der Händler und Marktleute und die Säcke voll wertvollem Kaffee sofort vor dem geistigen Auge.

„Der Konjunktiv ist das Schmieröl der Literatur, im wahren Leben bedeutet er immer verpasste Gelegenheiten.“

(S.194/195)

Nicht verpassen sollte man die Gelegenheit, sich mit einer schönen, duftenden Tasse Kaffee und diesem Buch an ein ruhiges Plätzchen zurückzuziehen, eine atmosphärische literarische Auszeit zu genießen und abzutauchen ins quirlige, lebendige und sinnliche Triest der Donaumonarchie des Jahres 1907.
Ich bin schon nach wenigen Seiten – wie auch beim ersten Band – wieder diesem Zauber der k.u.k-Zeit erlegen und habe mich auf intelligente und charmante Art und Weise sehr gut unterhalten gefühlt.

Für Freunde und Liebhaber gut gemachter historischer Kriminalromane mit sympathischen Hauptfiguren, österreichischem Charme und ohne Hang zu unnötiger Blutrünstigkeit, kann ich „Caffè in Triest“ unbedingt empfehlen.
Und wer statt den allgegenwärtigen, oft immer düsterer und wirrer werdenden, psychologisch obskuren Fernsehkrimis mal Lust auf etwas freundlichere, liebenswürdigere und amüsante Krimiabwechslung hat, dem kann ich nur ans Herz legen: greift stattdessen öfter mal zum Buch – vielleicht ja auch genau zu diesem.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Caffè in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0111-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caffè in Triest“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat Triest viel zu bieten, in diesem Band wird zum Beispiel „auf dem Rost gegarte und mit Salbei gewürzte Goldbrasse“ (S.36) serviert. Aber auch für die süße Fraktion ist gesorgt, denn es gibt „Gubana, Strucchi und Gugelhupf“ (S. 86).

Gubana ist übrigens eine typische Süßspeise aus dem Friaul: „Hefeteig wird mit einer Füllung aus Nüssen, Rosinen, Pinienkernen, Zucker und geriebener Zitronenschale zu einer ungefähr 20 cm breiten Schnecke gedreht und gebacken.“ (Quelle: Wikipedia). Gleiches gilt für die Strucchi: „kleine, süße Teigtaschen, die mit einer Nuss-Pflaumen Mischung gefüllt werden“ (Quelle: Wikipedia).

Zum Weiterhören:
Beim hohen Staatsbesuch im Roman darf musikalisch der Radetzkymarsch nicht fehlen, dieses Stück von Johann Strauss (Vater) aus dem Jahr 1848, das auch alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unverzichtbar ist.

Zum Weiterlesen (I):
Ich habe mir vorgenommen, mich nochmal näher mit der Stadt Triest zu befassen. Ich mochte schon die Commissario Laurenti-Reihe von Veit Heinichen sehr und habe gesehen, dass der Autor auch gemeinsam mit der Köchin Ami Scabar einen Reiseführer mit kulinarischen Aspekten geschrieben hat. Das könnte genau nach meinem Geschmack sein.

Veit Heinichen & Ami Scabar, Triest – Stadt der Winde
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35898-5

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich auf jeden Fall vor diesem Band, der sich allerdings auch sehr gut und ohne Verständnisprobleme unabhängig lesen lässt, den ersten Band von Günter Neuwirth’s Reihe um Bruno Zabini zu lesen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich auf der Kulturbowle den Auftakt der Reihe „Dampfer ab Triest“ vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension). Zu Beginn ermittelt Zabini auf einem Kreuzfahrtdampfer der österreichischen Lloyd: ein spannender, vielschichtiger Roman mit viel k.u.k-Atmosphäre und eine wunderbare Gelegenheit, die sympathische Hauptfigur kennenzulernen.

Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

Elf Tage im Dezember

Die mysteriöse Episode des elftägigen Verschwindens von Agatha Christie im Dezember 1926, in welchem die Polizei, die Medien und quasi ganz England nach der Krimiautorin suchte, trägt bis heute wesentlich zum Mythos der Queen of Crime bei. Ein Rätsel, das bis heute ungelöst ist und Marie Benedict dazu inspiriert hat, ihre fiktive Version bzw. ihren möglichen Erklärungsversuch in ihrem neuen Roman „Mrs Agatha Christie“ zu schaffen.

„Das Kratzen der Feder auf dem Papier erfüllt den Raum und löst Erinnerungen in Archie aus. Dieses Geräusch ist für ihn untrennbar mit seiner Frau verbunden, es ist das Geräusch ihrer Gedanken.“

(S.38)

Marie Benedict, die sich in ihren Romanen meist mit starken Frauenfiguren der Geschichte beschäftigt – wie in „Frau Einstein“ mit Mileva Marić oder mit Clementine Churchill in „Lady Churchill“, das ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe – hat sich dieses Mal keine Frau im Schatten eines bekannten Mannes ausgesucht, sondern sie widmet sich den berühmten elf Tagen im Dezember 1926, als die immer erfolgreicher werdende Schriftstellerin Agatha Christie plötzlich auf rätselhafte Art und Weise verschwindet.

„Nun, Colonel, jetzt bleibt uns leider nichts anderes mehr übrig. Wir müssen bei unseren weiteren Ermittlungen davon ausgehen, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben.“

(S.78)

Benedict lässt jeweils kapitelweise die Erzählperspektiven und Zeiträume wechseln. Die elf Tage im Dezember 1926 werden aus der Sicht des Ehemanns Archibald Christie erzählt, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Affäre mit einer anderen Frau hat und sich von Agatha trennen möchte und in Rückblenden erzählt Agatha Christie aus der Ich-Perspektive die wichtigsten Stationen und Schlüsselszenen ihrer Lebensgeschichte.

So erlebt man, wie sie 1912 ihren ersten Mann Archibald Christie kennenlernt, man begleitet sie durch die schweren Zeiten des ersten Weltkriegs, während dem sie als Krankenschwester in einem Lazarett arbeitete und schließlich durch ihre Tätigkeit in der Krankenhausapotheke Kenntnisse über Medikamente und die Wirkung von verschiedenen Giften erlangte.

„Nie wäre ich so kühn gewesen, meine kleine Ausbildung mit einem Studium der Pharmazie gleichzusetzen, aber ich wusste auf jeden Fall genug, um gefährlich zu sein.“

(S.95)

Und man wird Zeuge der sagenumwobenen Wette mit ihrer Schwester Madge, die es ihr nicht zutraute, eine richtige Detektivgeschichte schreiben zu können. Eine Wette, welche Agatha Christie gewann und die letzten Endes einen der zweifelsohne berühmtesten literarischen Detektive aller Zeiten – Hercule Poirot – das Licht der Welt erblicken ließ.

Die Rückblenden auf die wichtigsten Schlaglichter ihres Lebens schaffen Verständnis für die zeitlichen Umstände und die Frau Agatha Christie, ihre Stärken, ihre Schwächen und was ihr wichtig war im Leben.
Im Zentrum des Romans stehen jedoch ohne Zweifel die elf Tage im Dezember 1926, die bis heute Rätsel aufgeben und schon damals zu einem großen Skandal und riesigen Medienrummel geführt hatten.

„Doch als er die Tür öffnet und von unzähligen Blitzlichtern geblendet wird, begreift Archie, wie mächtig die Öffentlichkeit ist und dass nichts mehr so sein wird wie früher.“

(S.117)

Benedict hat erkannt, dass diese Episode selbst größtes Potenzial für einen spannenden Krimiplot bietet und bringt ihre Idee einer möglichen Erklärung zu Papier. Ein gekonntes Spiel mit Fakten und Fiktion, in dem man miträtseln kann, welche Rolle Agatha Christie selbst oder ihr Ehemann in dieser Affäre spielten bzw. vielleicht gespielt haben.

Ich habe dieses Buch bereits mit Vorkenntnissen der Biografie von Agatha Christie gelesen und sehr vieles war mir bereits bekannt. Daher ist es für mich schwer zu beurteilen, wie das Buch auf jemanden wirkt, der sich noch nicht näher mit der Lebensgeschichte Christie’s befasst hat.
Der Roman liest sich flüssig und schnell. Eine umfassende Biografie wird die Lektüre dieses Buchs sicherlich nicht ersetzen, soll und möchte sie aber auch nicht. Vielmehr ist es ein spannend geschriebener Roman, der selbst einem Krimi gleicht und auf süffige, unterhaltsame Art und Weise die Leserschaft zu fesseln versteht.

Man spürt den großen Respekt und die Bewunderung der Autorin für die Schriftstellerin und Persönlichkeit Agatha Christie, der sie mit diesem Werk ihre Reverenz erweist.
Benedict schenkt ein paar spannende, unterhaltsame Lesestunden und weckt auf alle Fälle erneut den Geschmack und die Lust, Agatha Christie’s Krimis zu lesen und sich wieder einmal mehr mit dem Leben und vor allem dem Werk der Grande Dame der Kriminalliteratur zu beschäftigen. Bei 66 Kriminalromanen, zahlreichen Kurzgeschichten und Theaterstücken hat man ja genug Auswahl, um Neues zu entdecken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marie Benedict, Mrs Agatha Christie
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00295-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Marie Benedict’s „Mrs Agatha Christie“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch bewegen wir uns in der britischen Upper Class: da gibt es – zumindest in Benedict’s Roman – vorwiegend Tee oder Champagner.

Zum Weiterhören:
Eine der ersten Szenen in Marie Benedict’s Roman ist das Kennenlernen von Agatha und ihrem ersten Mann Archibald Christie 1912 auf einem Ball: die Musikauswahl, zu welcher getanzt wird, hat eine große Variationsbreite von einem traditionellem Walzer aus der ersten Sinfonie von Edward Elgar bis hin zum schwungvollen „Alexander’s Ragtime Band“ von Irving Berlin.

Zum Weiterlesen (I):
Es werden zwei Werke erwähnt, welche Agatha Christie begeisterten und inspirierten: Anna Katharine Green „Der Fall Leavenworth“ (das ich nicht kenne) und Gaston Leroux’ „Das Geheimnis des gelben Zimmers“ (hier war vor kurzem eine Verfilmung auf ARTE zu sehen).

Zum Weiterlesen (II):
Andrew Wilson hat sich ebenfalls fiktional dem elftägigen Verschwinden von Agatha Christie gewidmet – in seinem Roman „Agathas Alibi“ erzählt er seine Version der Geschichte:

Andrew Wilson, Agathas Alibi
Übersetzt von Michael Mundhenk
Pendo
ISBN: 978-3866124226

Zum Weiterlesen (III):
Vor einiger Zeit habe ich hier auf der Kulturbowle die hochinteressante Biografie Agatha Christie’s von Barbara Sichtermann vorgestellt (hier geht es zu meinem Beitrag). Wer also mehr über die große Queen of Crime erfahren möchte und sich näher mit ihrer Lebensgeschichte – auch über jene mysteriösen elf Tage im Dezember 1926 hinaus – befassen möchte, der hat mit diesem Werk eine gute Möglichkeit dazu:

Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

Ein Sizilianer in München

Mario Giordano ist den Meisten bisher wohl durch seine „Tante Poldi“-Krimis bekannt – mit „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“ wagt er sich jetzt auf neues Terrain und verarbeitet seine eigenen familiären Wurzeln in einer großen, opulenten Familiensaga. Er erzählt die abenteuerliche Geschichte Barnaba Carbonaro’s, der im Sizilien der Jahrhundertwende aufwächst, den Anbau und das Geschäft mit Zitrusfrüchten dort von der Pike auf lernt und später sein Glück fernab der Heimat in der Großmarkthalle Münchens sucht, um seinen Nachkommen ein besseres Leben zu ermöglichen.

„Auf und ab treibt uns das Leben, immer wieder müssen wir hoch an die Oberfläche des Ozeans der Möglichkeiten, um zu atmen und Entscheidungen zu treffen, doch am liebsten würden wir unten im schlammigen Grund unserer Existenz die Zeit verträumen.“

(S.33)

Die Geschichte beginnt im sizilianischen Taormina Ende des 19. Jahrhunderts. In Rückblenden wird die verschlungene Familiengeschichte Barnaba Carbonaro’s erzählt – eine archaische und hierarchische Gesellschaft, in der es schwer ist, sich über die Klassenschranken hinweg nach oben zu kämpfen.

Doch Barnaba ist ein kluger Kopf, schnell im Rechnen und getrieben von einem enormen Ehrgeiz. Er lernt schnell, ist rebellisch und steckt selbst schlimmste Schicksalsschläge immer wieder weg. Als sich ihm plötzlich die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft mit sizilianischen Zitrusfrüchten in München zu starten, zögert er nicht lange und packt sein Schicksal beim Schopf.

„In der Au dagegen sieht er nur vereinzelte Markstände, und die brechen ihm fast das Herz, so kümmerlich sind sie. Viel mehr als Kartoffeln, Karotten, Rotkohl und harte Birnen wird da nicht angeboten.“

(S.337)

Er ist ein Schlitzohr mit einem Geschäftssinn, der zwar seinesgleichen sucht aber auch Neider anzieht, und ein Patriarch, der vor allem stets das Beste für seine Familie und seine 24 Kinder erreichen möchte und doch meint es das Leben – sowohl in Sizilien als auch in Deutschland – nicht immer gut mit ihm. Oft heißt es: wie gewonnen so zerronnen.

„Zwischen Hoffnung und Erwartung haben die Götter einst eine feine Linie gezogen, kaum zu erkennen, um feixend zuzusehen, wie ihre Spielzeuge sie arglos übertreten und unglücklich werden. Auf diesem schmalen Grat namens Zuversicht balancieren die Pancrazias oder Barnabas der Familie Carbonaro. Schwindelfrei, manchmal verwirrt, manchmal verbissen, aber tapfer Schritt für Schritt.“

(S.326)

Mario Giordano hat viel reingepackt in dieses Buch und eine richtige Schatzkiste und Fundgrube an zeitgeschichtlichen Anekdoten, Münchner Lokalkolorit und sizilianischem Lebensgefühl geschaffen, die den Roman aufgrund der überbordenden Fabulierfreude zu einem üppigen, opulentem Leseerlebnis für alle Sinne werden lässt. Man taucht nicht nur ab ins Sizilien der Jahrhundertwende und das München der 60er Jahre, sondern kann auch viel Neues lernen und entdecken.
So konnte ich zum Beispiel bei der Lektüre lernen, was ein Theatrophon ist oder erfahren, dass im Jahr 1960 tatsächlich ein Flugzeug in der Münchner Innenstadt abgestürzt ist.

Cu nasci tunnu nun pò moriri quatratu“, wer rund geboren ist, stirbt nicht quadratisch.“

(S.129)

Barnaba ist Pechvogel und Stehaufmännchen zugleich und obwohl er für unser heutiges Empfinden natürlich zu sehr Patriarch und Macho ist und in vielen Punkten ein Zuviel an Männlichkeit und Vulgarität aufweist, wünscht man ihm, dass er sich seinen Traum von der eigenen, großen „famiglia“ erfüllen kann.

Cchiù scuri di mezzanotti nun pò fari, denkt Barnaba, dunkler als Mitternacht kann es nicht werden.“

(S.326)

Sizilianische Sprichworte, Blicke hinter die Kulissen des Anbaus von Zitrusfrüchten, die Hausgeister bzw. Patruneddi und eine äußerst sinnliche, lebhafte und leidenschaftliche Sprache lassen einen wahren Funkenregen des italienischen Feuers auf die Leserschaft sprühen – eine geballte Charme-Offensive an „Italianità“, der man sich kaum entziehen kann.

„Trotzdem mag sie München. Natürlich möchte sie irgendwann zurück, in der Casa degli Italiani sprechen alle ständig vom Zurückgehen, irgendwann. Aber sie weiß, dass sie auch dort längst fremd ist.“

(S.185)

Der Roman schwankt zwischen unbändiger Lebensfreude und melancholischer Wehmut – zwischen sizilianischer Zitrusplantage und bayerischer Großmarkthalle. Ein Leben zwischen zwei Welten – das Schicksal der Gastarbeiter, für die es schwer ist und die sich weder in der alten noch in der neuen Heimat richtig zu Hause zu fühlen. Es ist ein weiter, verschlungener Weg für Barnaba und während dieser großen Familiensaga bangt man mit ihm und begleitet ihn mit Spannung auf seiner Suche nach dem Glück. Bittersüß und erfrischend wie der Saft aus besten sizilianischen Mandarinen und zugleich leuchtend wie die mediterrane Sonne!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Goldmann Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mario Giordano, Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen
Goldmann
ISBN: 978-3-442-31560-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch geht es natürlich – abgesehen von den vielen verschiedenen Sorten von Zitrusfrüchten, die eine so wichtige Rolle im Buch spielen – typisch sizilianisch zu: und zwar mit einer traditionellen Süßspeise – Cannoli.

„Der Fotograf reicht ihm ein mit Ricotta gefülltes Cremeröllchen und sieht zu, wie Barnaba mit aufgerissenen Augen den ersten cannolo seines Lebens verschlingt. (…) Der cannolo überrennt seine Sinne. Die Kruste des Röllchens zersplittert beim ersten Biss, und sein Mund füllt sich mit einer Wolke aus schneeweißem Quark. Aromen verpuffen wie Feuerwerksböller an San Pancrazio. Da knistert Karamell, pocht Vanille an seinem Gaumen, kandierte Kirschen und geröstete Pistazien.“

(S.14)

Auf Ariane’s Blog Tradolceedamaro findet sich ein Rezept, wenn man sich selbst einmal daran wagen möchte, Cannoli zu machen.

Zum Weiterhören:
Barnaba mag den „karamelldunklen“ (S.133) Belcanto seines Landsmannes Enrico Caruso. Besonders emotional aufgeladen ist für ihn die Arie „Vesti la giubba“ des Clowns aus Ruggero Leoncavallo’s Oper „Pagliacci“,

„der sich auch mit gebrochenen Herzen das Gesicht pudert, weil das Publikum schließlich bezahlt hat, um zu lachen.“

(S.434)

Zum Weiterlesen:
Für alle, die nicht genug von Sizilien bekommen können, gibt es mit Santo Piazzese’s Krimi „Blaue Blumen zu Allerseelen“ eine weitere Möglichkeit, die Insel literarisch zu bereisen – diesen habe ich vergangenen Herbst hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Frostiges Feuer

Tulla Larsen ist die Frau mit dem feuerroten Haar, die auf einigen Gemälden des norwegischen Expressionisten Edvard Munch zu sehen ist. Sie war sein „Sonnenscheingesicht“, über einen kurzen Zeitraum von 1898 bis 1902 seine Muse, sein Modell und seine Verlobte. Die Beziehung endet tragisch mit einem Pistolenschuss in Munch’s Sommerhaus, bei welchem er an der Hand verletzt wird.

Die norwegische Autorin Lene Therese Teigen hat mit „Schatten der Erinnerung“ nun einen niveauvollen Roman über die Frau und Künstlerin Tulla Larsen geschrieben und erzählt die tragische Liebes- und Lebensgeschichte erstmals aus ihrer Perspektive.

„Manch einer hat einen so starken Willen, dass der Wille anderer pulverisiert wird. Die anderen verlieren nicht nur das kleine bisschen Talent, das sie besitzen, sie verlieren auch den Glauben. Einige erhalten die Erlaubnis, Hauptpersonen zu sein. Andere ziehen sich stillschweigend zurück.“

(S.26/27)

Die dominante Persönlichkeit und die Hauptperson in der Beziehung zwischen den beiden war stets der von Selbstzweifeln geplagte Edvard Munch, der als kränkelnder und völlig auf seine Kunst fixierter Mensch seine ganz eigene Vorstellung hat, wie die Beziehung auszusehen hat und Tulla durch sein Verhalten quält und zunehmend in die Isolation und Verzweiflung treibt.

Es ist eine zutiefst unglückliche, leidvolle Beziehung, die sich zwischen den beiden entspinnt und die Tulla schließlich sogar zu einem Selbstmordversuch treibt – ein verzweifelter Hilferuf, der weitgehend ungehört ebenso verhallt, wie alle ihre Versuche, dem Mann Edvard Munch nahe zu sein.

„Weder Tränen noch Schreie. Mein Schrei verschwand, er hatte ihn gestohlen. Hinein in die Bilder damit: Du bist so und so, genau so bist du. Er hat meine Persönlichkeit gestohlen, sie zu etwas umgeformt, das er brauchte, um seine Vorstellungen davon zu bestätigen, wie die Welt zusammenhängt.“

(S.37)

Nach dem plötzlichen Ende der Beziehung – dem legendären Pistolenschuss in Munch’s Sommerdomizil 1902 – und der Lösung der Verlobung, wird Tulla später ihr Glück in zwei anderen Ehen suchen. Teigen erzählt im Roman auch über diese späteren Phasen ihres Lebens und wie die Zeit mit Munch – heute würde man wohl von einer toxischen Beziehung sprechen – sie im Grunde lebenslang gezeichnet und geprägt hat – bis zu ihrem Tod 1942 im Alter von 72 Jahren.

Der Text schwebt, mäandert, er wirkt stellenweise wie ein Fiebertraum, wahnhaft, ein stetes Gedankenkarussell, das sich im Kreis dreht. Der Roman ist daher eine anspruchsvolle, fordernde und hin und wieder auch sperrige Lektüre.
Es schmerzt zu lesen, wie Tulla unter der Beziehung leidet, immer mehr dem Alkohol zuspricht und doch auch immer wieder die Schuld bei sich sucht. Als Leser begleitet man sie bei ihrem Ringen um ihre Rolle als Frau, der Suche nach ihrem Platz im Leben und dem Wunsch nach Bestätigung als Künstlerin. Es fällt ihr schwer, sich von der Vergangenheit und der Person Edvard Munch zu lösen.

Keine leichte Kost, die Lene Therese Teigen, die in Norwegen bekannt ist für ihre fundiert recherchierten Theaterstücke, die oft auch das Thema Gleichberechtigung behandeln, hier der Leserschaft serviert.
Dieser Roman führt ein Exempel eines Paares vor Augen, das gerade nicht gleichberechtigt und nicht auf Augenhöhe agierte; ein Beziehung, die letztlich beiden Leid und Schmerz zufügte. Der Leser wird Zeuge der Qualen und des Scheiterns.

„Damals verstand sie nicht, dass derjenige, der sich hätte verändern müssen, damit eine Beziehung daraus hätte werden können, er war.“

(S.160/161)

Edvard Munch (1863 – 1944) ist weit mehr als nur der Schöpfer seines berühmtesten Werkes „Der Schrei“. In Oslo wurde am 22.10.2021 das große neue Munch-Museum eröffnet, welches den Nachlass Munch’s und insgesamt eine Sammlung von 42.000 Objekten verwaltet.

Tulla Larsen war bisher lediglich eine meist verkannte Randfigur in den Biografien über Edvard Munch und ein Modell, das er auf seinen Gemälden verewigte.
In der bisherigen historischen Aufarbeitung und den Munch-Biografien wurde Tulla Larsen oft negativ dargestellt und auf den Selbstmordversuch und die Episode „des Schusses“ reduziert. Lene Therese Teigen möchte sie daher mit „Schatten in Erinnerung“ jetzt differenzierter betrachten, sie gleichsam aus dem übergroßen, verdunkelnden Schatten Munch’s holen und sie als Frau und eigenständige Persönlichkeit ins rechte Licht rücken.

Hier ist gerade auch das Nachwort sehr interessant, das noch einmal verdeutlicht, dass Tulla Larsen selbst über künstlerische Begabungen verfügte und z.B. Radierungen anfertigte und eben keineswegs die Frau war, die Munch’s Leben zerstören wollte.

Wer in der aktuellen Situation nach Wohlfühllektüre sucht, für den ist „Schatten der Erinnerung“ sicher nicht das Richtige. Wer sich jedoch stark genug fühlt, auch einem schmerzhaften, leidvollen Text standzuhalten, der findet in diesem fordernden Werk zweifelsohne eine intensive Charakterstudie einer Frau in einer dysfunktionalen Beziehung im Schatten einer großen Künstlerpersönlichkeit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach & simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Lene Therese Teigen, Schatten der Erinnerung
Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach
ebersbach & simon
ISBN: 978-3-86915-254-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lene Therese Teigen’s „Schatten der Erinnerung:

Für den Gaumen:
Tulla Larsen’s Vater führte in Kristiania – dem heutige Oslo – einen erfolgreichen Wein- und Spirituosenhandel. Sherry Oloroso und Port stehen auch bei Tochter Tulla hoch im Kurs, nur leider belässt sie es im Roman in der Regel nicht bei einem Gläschen zum Genuss.

Zum Weiterhören:
Tulla spielt gerne Klavier, die Musik scheint ihr gut zu tun:

„Allein am Flügel kann ich mich jetzt noch völlig vergessen und einfach nur sein.“

(S.34)

Besonders gerne spielt sie das Adagio aus Mozart’s Klavierkonzert Nr.23 in A-Dur (KV 488). Ein wunderbares Stück – zum Beispiel in der Aufnahme von Hélène Grimaud.

Zum Weiterschauen:
Auf der Seite des vor kurzem neu eröffneten Munch-Museums in Oslo findet man einige der Gemälde, die Edvard Munch von Tulla Larsen gemalt hat – unter anderem ein schönes Ölgemälde aus den Jahren 1898-1899.
Ein Selbstportrait aus dem Jahr 1905, das Edvard Munch gemeinsam mit Tulla Larsen zeigt, fällt nicht mehr so freundlich aus – und wurde später nach dem Ende der Beziehung sogar vom Künstler in zwei Teile geteilt.

Zum Weiterlesen:
Tulla Larsen war befreundet mit dem norwegischen Dramatiker Gunnar Heiberg (1857-1929) – der bei uns jedoch weitestgehend unbekannt ist und dessen Werke aktuell nicht auf deutsch verlegt werden, sondern nur in Bibliotheken zu finden sind.

„Als sie am 16. Januar 1905 im Nationaltheater die Premiere von „Die Tragödie der Liebe“ besuchte, musste sie allerdings feststellen, dass Gunnar Heiberg sowohl ihr als auch Odas Leben als Material für sein Schauspiel verwendet hatte.“

(S.83)

Französisches Dreiecksverhältnis

Meine literarische Europareise bzw. Europabowle führt mich heute in unser Nachbarland Frankreich und zwar mit einem stilistisch herausragenden Roman der Autorin Louise de Vilmorin aus dem Jahr 1954, der soeben in einer wunderbaren Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky erschienen ist: „Belles amours“. Ein Roman über eine komplizierte, unheilvolle Ménage a trois, die tief ins Seelenleben der Beteiligten blicken lässt.

M. Zaraguirre laviert sich bis kurz vor der Vollendung seines fünfundfünfzigsten Lebensjahres erfolgreich und mit einer gewissen Leichtigkeit durch zahlreiche Liebesgeschichten und -affären ohne es jemals zu ernst werden zu lassen.

„Ich gebe Ihnen alles, was Sie wollen, nur keine Versprechen“, pflegte er zu sagen, und wenn sie, der Ungewissheit müde und auf einen Beweis ihrer Macht erpicht, schließlich nach Juwelen verlangten statt nach Küssen, bestärkte er sie darin und ließ ihnen als Belohnung für so viel Weisheit einen Diamantring zukommen. Diesen verschenkte er als Souvenir, begleitet von ein paar schlichten Worten: „Der Solitär ist mein Wahrzeichen, ein tristes Wahrzeichen, das Sie sich nicht zu eigen machen sollten. Nehmen Sie ihn, vergessen Sie ihn, er ist als Abschiedskuss gedacht.“

(S.11/12)

Doch als er sich plötzlich in die Braut von Louis Duville – dem Sohn seines besten Freundes und um viele Jahre jünger als er – verliebt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Schon zu Beginn des Romans ist klar, dass dieses Dreiecksverhältnis ein kompliziertes werden wird, und Louise de Vilmorin erzählt in Rückblenden, wie sich das Beziehungsgeflecht immer mehr verstrickt.

„Zunächst waren beide verblüfft, dann wurden sie ernst und verloren schließlich mehr und mehr die Bodenhaftung, von dieser angenehmen Verwirrung ergriffen, die stets auf gegenseitiger Anziehung beruht und zuweilen Liebe verheißt.“

(S.20)

Dabei hätte alles so schön sein können. Die Eltern Duville sind wohlhabend, der Vater führt mit dem Sohn ein florierendes Geschäft, man residiert auf einem schönen Landsitz namens Valronce und doch ist Paris nah, um hin und wieder Großstadtluft zu schnuppern. Als dann der Sohn sich – nach einer ausgiebigen Orientierungsphase – doch endlich ernsthaft in eine hübsche, junge Frau und Nichte eines Bekannten verliebt, scheint das Glück perfekt.

Keiner konnte ja ahnen, dass der zur Hochzeit eingeladene beste Freund des Vaters M. Zaraguirre sich nicht nur rettungslos in die Braut verliebt, sondern es ihm auch noch gelingt, dieser wirkungsvoll den Kopf zu verdrehen.

„Wenn ein Mann und eine Frau sich nie wirklich geliebt haben und nicht wirklich befreundet sind, haben sie einander nicht viel zu sagen.“

(S.164)

„Belles amours“ besticht für mich vor allem durch eine absolut außergewöhnliche stilistische Ästhetik. Da sitzt jede noch so spitze Formulierung perfekt – hier hat auch die Übersetzerin wirklich Großes geleistet – und die Sprache lässt sich einfach mit unbeschreiblichem Vergnügen lesen. Intelligent, scharfsichtig und mit einem unbestechlichen Auge für Feinheiten zeichnet Louise de Vilmorin exakte Charakterstudien, die tief ins Innere der Figuren blicken lassen.

Man taucht ab in diesen Roman, der vielleicht ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt und dennoch auf absolut zeitlose Art und Weise die großen Gefühle beschreibt: Liebe, Hass, Leidenschaft… de Vilmorin hat eine Gabe, das Zwischenmenschliche in allen Schattierungen mit wenigen, fein gesetzten Worten lebendig werden zu lassen. So viele Zitate und kluge Sätze aus „Belles amours“ wären es wert, hier erwähnt und ausgewählt zu werden, so dass es mir dieses Mal gar nicht so leicht gefallen ist, mich für einige wenige zu entscheiden.

Sehr ästhetisch – und somit dem Schreibstil der Autorin ebenbürtig – ist auch die wunderschöne Gestaltung in Leinenbindung in einem leuchtend frischen türkis, die der Dörlemann Verlag für das Werk gewählt hat. So wird die Lektüre auch optisch und haptisch zum Genuss.

Louise de Vilmorin (1902 – 1962), die eine umfassende Ausbildung genoss, Literatur studierte und mehrere Fremdsprachen beherrschte, stammte aus französischem Adel – insofern kennt sie die Welt und den Menschenschlag, die sie in „Belles amours“ beschreibt genau. Sie veröffentlichte Gedichte und mehrere Romane, wie z.B. „Liebesgeschichte“, „Julietta“ oder „Madame de“, der 1953 von Max Ophüls verfilmt wurde.

„Wer unglücklich ist, gestaltet die Vergangenheit, mit deren Folgen er leben muss, in Gedanken immer wieder um.“

(S.213)

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz, nach Spanien und Slowenien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Louise de Vilmorin, Belles amours
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-102-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Louise de Vilmorin’s „Belles amours„:

Für den Gaumen (I):
Wisst Ihr, was Liebesbrunnen sind?
Ich wusste es nicht, aber was passt wohl besser zu einem Roman der „Belles amours“ heißt, als diese kleinen Köstlichkeiten aus der Konditorei. Gemäß Recherche handelt es sich um kleine Gebäckstücke auf Brandteig-Basis, die mit Chiboust-Creme garniert sind und anschließend im Ofen karamellisiert werden.
Bei Lapaticesse gibt es ein Rezept.

Für den Gaumen (II):
Doch es gibt noch weiteres im Roman zu erschmecken: zum Beispiel „Brioche und heiße Schokolade“ (S.49) – das scheint mir ebenfalls eine sehr seelentröstende Kombination zu sein, die gerade auch im Moment vielleicht gut tun könnte.

Zum Weiterlesen (I):
Louise de Vilmorin war mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt, den sie während ihres Literaturstudiums kennenlernte, doch sie löste die Verlobung. Nichtsdestotrotz wäre dies – gerade jetzt in schweren Zeiten – vielleicht ein willkommener Anstoß, das bekannteste Werk des französischen Autors wieder einmal zu lesen – eines der wenigen Bücher, die man wirklich immer wieder lesen kann: „Der kleine Prinz“.

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
Aus dem Französischen von Grete und Josef Leitgeb
Karl Rauch Verlag
ISBN: 978-3-7920-0024-3

Zum Weiterlesen (II):
Frankreich ist der Spitzenreiter, was die Anzahl der Literaturnobelpreisträger betrifft: Stolze 15 hat unser Nachbarland Stand heute bereits vorzuweisen: Sully Prudhomme, Frédéric Mistral, Romain Rolland, Anatole France, Henri Bergson, Roger Martin du Gard, André Gide, François Mauriac, Albert Camus, Saint-John Perse, Jean-Paul Sartre, Claude Simon, Gao Xingjian, Jean-Marie Gustave Le Clézio und Patrick Modiano.
Persönliche Leseerfahrungen habe ich bisher nur mit einigen wenigen gemacht. Unter anderem vor vielen, vielen Jahren mit Albert Camus’ „Der Fremde“.

Albert Camus, Der Fremde
Aus dem Französischen von Uli Aumüller
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 9783499221897

Februarbowle 2022 – Frühlingsboten und Alltagsfluchten

Zu Beginn des Monats hoffte man auf länger werdende Tage und die ersten Frühlingsboten. Doch der Februar war nicht nur stürmisch, sondern je heller die Tage wurden und je mehr Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem Boden spitzten, um so dunkler und bedrückender wurde es leider.
Trost, Zuflucht und Ablenkung suchte ich bei Theaterbesuchen und in Büchern – kleine Alltagsfluchten und etwas Eskapismus waren ebenso Teil des Februars.

Die große Bandbreite, die Theater und Schauspiel bieten kann, durfte ich mit zwei großartigen Stücken am Landestheater Niederbayern erfahren.
Vom sehr ernsten, schwermütigen, eindrucksvollen und unter die Haut gehenden Fassbinder-Stück „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ mit einem grandiosen Joachim Vollrath in der Hauptrolle der Elvira zur luftig-leichten Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“, die mir zwei Stunden Lachen und gute Laune bescherte. Theaterabende wie sie unterschiedlicher kaum sein können und genau das macht aus meiner Sicht die Faszination aus.

Einen guten Film habe ich auch gesehen im Februar:
Akte Grüninger“ (2014), der noch bis zum 04.03.22 in der 3Sat-Mediathek zur Verfügung steht. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film, wie Im Jahr 1938 der Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland zur Flucht in die Schweiz verhalf, indem er ihre Einreisevisa vordatierte.

Doch Bücher spielten definitiv wieder die größere Rolle und für den kürzesten Monat des Jahres war mein Lesepensum dieses Jahr mit zwölf Büchern ziemlich erstaunlich.
Gleich zu Beginn des Monats konnte ich eine wirkliche Krimiperle und eine für mich neue Autorin entdecken, die mich sehr begeistert hat: Josephine Tey und ihren Kriminalroman „Nur der Mond war Zeuge“. Faszinierend wie ein Krimi aus dem Jahr 1948, der schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat, nichts an Spannung eingebüßt hat.

In seinem autobiografischen Werk „Am Ende der Via Condotti“ beschreibt der Ungar Sándor Lénárd, wie er als jüdischer Flüchtling 1938 aus Wien nach Rom kam und sich dort ein völlig neues Leben aufbaute, die Sprache lernte, die Stadt und die Menschen kennenlernte. Zugleich beobachtet er mit scharfem Blick, wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet. Ein Buch, das mich bewegt und berührt hat – und mich zugleich ein paar Stunden in die ewige Stadt entführen konnte.

Von Rom nach Berlin: Maxim Leo’s neuer Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ erzählt, wie schnell aus einer kleinen Unwahrheit ein großes Lügengebäude entstehen kann. Ein Hochstaplerroman, der mit viel Augenzwinkern und einer gehörigen Prise satirischem Witz eine deutsch-deutsche Geschichte 30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt.

Hochspannend und packend war Hartmut Palmer’s Roman „Verrat am Rhein“, der vom gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 handelt. Interessante Hintergründe aus der Feder eines langjährigen, erfahrenen politischen Journalisten über gekaufte Stimmen, Geheimdienste und Spionage verwoben mit einer fiktiven Familiengeschichte – fesselnde Literatur über ein bislang literarisch wenig behandeltes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Etwas mehr erhofft hatte ich mir persönlich von Tim Finch’s Roman „Friedensgespräche“. Ein erfahrener Diplomat, der auf die Vermittlung bei Friedensverhandlungen spezialisiert ist, sinniert bei einem Einsatz in einem abgeschiedenen Hotel in verschneiten Bergen über Musik, Literatur, das Leben und die Liebe. Er trauert um seine vor kurzem verstorbene Frau und so bekommt der Titel eine besondere Doppeldeutigkeit, denn er sucht nicht nur nach einem Weg zum Frieden zwischen den verfeindeten Delegationen, sondern auch nach seinem persönlichen, inneren Frieden. Neben schönen, poetischen Szenen finden sich auch einige Abschnitte, die auf mich eher befremdlich wirkten – so war für mich das Werk über die Trauerarbeit und das Hadern der Hauptfigur, nicht gemeinsam mit seiner Frau alt werden zu dürfen, letztlich leider nicht ganz rund.
Eine ausführliche Rezension gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Ein absolut beeindruckendes und außergewöhnliches Debüt durfte ich mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ lesen. Wahrlich keine leichte Kost über zwei junge Männer in Süditalien, die in armseligen Verhältnissen und ohne jede Zukunftsperspektive leben. Eine herzzerreißende Geschichte über zwei Brüder, die es nie gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen und die sich in einem Strudel von Armut, Gewalt und Kriminalität verlieren.

Sybille Bedford war eine Reisende und sie war eine wahre Europäerin: in ihrem autobiografischen Werk „Treibsand“ erzählt sie über ihr Leben zwischen Sanary-sur-Mer, Rom, Paris, London und Neapel und ihre Liebe zu Kunst, Kultur, gutem Essen und Literatur. Sie war Zeitgenossin und unter anderem befreundet mit Aldous und Maria Huxley, Klaus und Erika Mann – sie führte ein schillerndes Leben als Journalistin und Schriftstellerin, das viel Erzählstoff bietet.

Eine schöne Überraschung war Gianna Milani’s Krimi „Commissario Tasso auf dünnem Eis“, den ich bei Mona’s Krimiliteraturquiz auf ihrem Blog „Tintenhain“ gewonnen habe. Glück bei der Verlosung und viel Freude bei der Lektüre dieses charmanten Südtirol-Krimis, der in den Sechzigern spielt und ebenfalls eine herrliche Alltagsflucht in die verschneite italienische Bergwelt bietet – was will man mehr?

Mit Amanda Cross’ „Die letzte Analyse“ konnte ich einen weiteren Krimiklassiker entdecken, der gerade eine Renaissance erlebt. Die Literaturprofessorin Kate Fansler schlittert eher zufällig in ihren ersten Fall, als eine ihrer Studentinnen auf der Couch des Psychoanalytikers ermordet wird, den sie ihr persönlich empfohlen hat. Ein Kriminalfall im New Yorker Intellektuellenmilieu aus dem Jahr 1964. Unterhaltsam!
Es gibt bereits sehr schöne Besprechungen bei Anna auf buchpost, bei Leseschatz, Letteratura oder literaturleuchtet, die einen ausführlichen Einblick geben.

Eine weitere Zeitreise – allerdings ins Wien der Fünfziger Jahre – schenkte mir Elisabeth de Waal’s Buch „Donnerstags bei Kanakis“. Atmosphärisch dicht wird erzählt, wie ein jüdischer Wissenschaftler aus der Emigration in den USA in seine alte Heimat Wien zurückkehrt. Doch schnell wird klar, dass er sein altes Leben nicht zurückbekommt – zu viel hat sich zwischenzeitlich verändert. Und auch die junge Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln Marie-Theres wird im Nachkriegsösterreich nicht glücklich. Ein authentisches Zeit- und Sittengemälde!

Dass er auch schon vor zehn Jahren ein grandioser Geschichtenerzähler war, konnte ich bei der Lektüre von Ewald Arenz’ Roman „Das Diamantenmädchen“ aus dem Jahr 2011 feststellen. Ein funkelndes Schmuckstück aus dem glitzernden Berlin der Zwanziger Jahre mit sympathischen Figuren, das ich regelrecht verschlungen habe – hier möchte ich bald noch ausführlicher berichten.

Und last, but not least ein Werk aus Frankreich: Louise De Vilmorin „Belles amours“. Der Roman aus dem Jahr 1954 über eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit ausdrucksstarken, feinen Charakterzeichnungen in einer Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky – ein ästhetischer, intelligenter Lesegenuss – auch hierzu gibt es sehr bald einen ausführlichen Beitrag.

Was bringt der März?
Im Landestheater Niederbayern freue ich mich ganz besonders auf die Premiere des Musicals „Me and my girl“ (Musik von Noel Gay). Schon das erste Reinhören in ein paar Songs und auch die Werkeinführung war sehr vielversprechend und so hoffe ich auf einen unterhaltsamen, fröhlichen Theaterabend, der mit wunderbarer Musik aus den 30er Jahren hoffentlich die Sorgen für ein paar Stunden vergessen und die Seele tanzen lässt.

Die Bayerische Staatsoper bietet voraussichtlich am Sonntag, den 06.03.22 um 18.00 Uhr auf Staatsoper TV einen Videolivestream aus dem Münchner Nationaltheater von Benjamin Britten’s „Peter Grimes“ in einer Neuinszenierung von Stefan Herheim an. Die Titelrolle singt Stuart Skelton und Rachel Willis-Sørensen ist als Ellen Orford zu sehen.

Für Opernfans könnte aber auch die Ausstrahlung der „Aida“ aus der Dresdner Semperoper auf ARTE am 13.03.22 um 16.25 Uhr ein besonderer Höhepunkt im März werden. Die Inszenierung ist von niemand geringerem als Katharina Thalbach und der von mir sehr geschätzte Georg Zeppenfeld gibt sein Rollendebüt als Ramfis. In den Hauptrollen sind Francesco Meli und Krassimira Stoyanova zu erleben.

Neugierig bin ich auch auf den Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“, der am 18.03.2022 um 20.15 Uhr auf ARTE und am 21.03.22 um 20.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt wird. Edgar Selge spielt Erich Honecker und es geht um die zehn Wochen im Jahr 1990, in welcher Honecker und seine Frau beim evangelischen Pastor Uwe Holmer Zuflucht fanden.

Mein Bücherstapel – oder wohl besser meine Bücherstapel – bieten noch reichlich Stoff für etwas Eskapismus und weitere Alltagsfluchten bzw. literarische Reisen im März, von welchen ich auch weiterhin berichten möchte.

Hoffen wir also das Beste und ich wünsche allen einen guten, gesunden Start in den Frühling und den März! Passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:

Die kulinarische Neuentdeckung des Monats habe ich Nanni und ihrem Blog „Helden der Vorzeit“ zu verdanken: Es gab zum ersten Mal Tartiflette – allerdings eine vegetarische Variante ohne Speck: Kartoffeln, Zwiebeln, Weißwein und Reblochon, ein wenig würzen und ab in den Ofen… und relativ schnell hat man eine wunderbare, wohlige und würzige Mahlzeit.

Musikalisches im Februar:
Ein emotionaler, musikalischer Moment war in diesem Jahr erneut (wie auch schon in 2021) der Song „Halt mer zam“ der A-cappella-Band Viva Voce bei der Fastnacht in Franken im Bayerischen Fernsehen. Ein Stück, das auch nach einem Jahr nichts an Aktualität und musikalischer Qualität verloren hat.

„Ich mag die Bibliothek sehr und bin stolz darauf, dass ich unter Millionen Büchern stets den gesuchten Band finde. Ein wenig ist das so wie das Spiel auf einer Riesenorgel oder als ob jemand in einer Millionenstadt nach der für ihn bestimmten Frau sucht – Bücher haben ein Schicksal, so wie ihre Leser auch: Alles hängt davon ab, ob und wann sie sich begegnen.“

(aus Sándor Lénárd’s „Am Ende der Via Condotti“, S.290)