Fallstricke des Lebens

„Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen“ – dieses berühmte Zitat von John Lennon ging mir bei der Lektüre von Catherine Cusset’s Roman „Die Definition von Glück“ immer wieder durch den Kopf.
Die Autorin – 1963 in Paris geboren, ehemalige Dozentin für französische Literatur in Yale, die jetzt in New York lebt – hat ein starkes Buch über zwei Frauen geschrieben, die wie sie selbst in den Sechzigern geboren sind:

Clarisse lebt in Paris, ist eine Abenteurerin und Kämpferin, die sich oft nicht den direkten, geraden Weg durchs Leben sucht und sich immer wieder alleine durchschlagen muss. Ob bereits in der Jugend von der alkoholkranken Mutter in den Ferien zur Patentante abgeschoben oder später auf Selbstfindungstrip in Asien als Backpackerin unterwegs beweist sie auch in punkto Männer nicht immer unbedingt das beste Händchen. So führt sie ein turbulentes Leben und muss sich selbst immer wieder neu erfinden: als Reisende, als Ehefrau, als alleinerziehende Mutter und als Frau in wechselnden Beziehungen mit einem großen Lebenshunger.

Ève hingegen führt in New York eine langjährige, stabile Ehe mit Paul, ist Mutter von zwei wohlerzogenen Töchtern und hat sich selbst ein florierendes, erfolgreiches Cateringunternehmen aufgebaut, das wächst und gedeiht. Ihr Alltag verläuft verglichen zu dem von Clarisse in ruhigeren, geregelteren Bahnen und doch gibt es auch in ihrem Leben Momente, in welchen das Leben über sie hereinbricht und ihr Knüppel zwischen die Beine wirft. Doch sie steht ihre Frau und beweist Kraft und Stärke.

„Ist es nicht immer so mit Geheimnissen? Irgendwann kommen sie ans Licht. Und dieses Geheimnis hatte schwarze Augen, einen dunklen Teint und einen Namen.“

(S.281)

Man fiebert und leidet mit Clarisse und Ève und würde sie häufig so gerne vor den Fallen bewahren, in welche sie tappen. Der Roman ist spannend und entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Zunächst wirft die Autorin – wie Spots auf der Bühne – Schlaglichter auf unterschiedliche Szenen und Anekdoten – Momentaufnahmen aus verschiedenen Lebensphasen von Clarisse und Ève: Teenagerzeit, erste Lieben, Jugendsünden, ernsthafte Beziehungen, Mutterschaft, Schicksalsschläge. Wie ein Fotoalbum, durch das man blättert – ein Aneinanderreihen von verschiedenen Schlüsselmomenten im Leben – zunächst ohne erkennbare Verbindung zwischen den beiden Frauen.

Geschickt wird die Spannung aufgebaut, wann und wie sich die Wege der beiden kreuzen werden. Führen sie doch ein Leben weit von einander entfernt – durch die Weite des Ozeans getrennt: Clarisse in Paris, Ève in New York. Doch was wird sie zusammenführen?

Catherine Cusset erzählt zwei Lebensgeschichten, die stellvertretend für so viele Lebenswege moderner Frauen stehen können und unverfälscht, direkt und ungeschminkt auch die Schattenseiten thematisieren. Jede Leserin wird sich im einen oder anderen Aspekt finden und verstanden fühlen. Der Autorin ist meiner Meinung nach ein universelles und großes Werk gelungen, in dem viele große Themen des Frauseins behandelt werden.

Zartbesaitete, die sich beim Lesen nicht gerne mit unangenehmen Wahrheiten beschäftigen wollen, sollten sich vom Titel „Die Definition von Glück“ nicht zu sehr in die Irre führen lassen.
Denn es geht nicht nur um glückliche Themen, sondern unter anderem um sexuellen Missbrauch, häusliche Gewalt, um Krankheit in der Familie, Brustkrebs oder die herausfordernde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und Cusset schildert gekonnt und einfühlsam auch die ganze Achterbahnfahrt der Gefühle in Beziehungen: vom ersten Verliebtsein, über Ehe, Mutterschaft bis hin zu Affären, Entfremdung und Trennung.

„Wenn man liebt, ist man zwanzig, die Menschen um einen herum aber nicht.“

(S.319)

Das pralle Leben eben. Ein dichter, intensiver Roman über die Höhen, aber vor allem auch über die Tiefen des Frauenlebens – über Fallstricke, Schicksalsschläge, Gefühlschaos, Irrungen und Wirrungen und doch auch darüber, wie man sich aus Löchern und Abgründen wieder selbst herausziehen kann.

Und letztlich auch ein Stück Literatur darüber, wie unterschiedlich die persönlichen Vorstellungen von Glück ausfallen können, das doch für jede und jeden etwas Anderes bedeutet. Trotz aller negativer Aspekte eben kein deprimierendes, sondern auch ein hoffnungsvolles Buch über Stärke und Tapferkeit.

Keine Kuschel- und Wohlfühllektüre mit Happy End, sondern vielmehr ein kluges und wichtiges Buch, das auch für ernste Themen sensibilisiert und einen aufmerksam und hellwach werden lässt, indem es das Bewusstsein schärft für schwierige Situationen und Gefährdungen, welchen Frauen ausgesetzt sein können. Ein empathischer Roman darüber, was es bedeutet eine Frau zu sein, bei dem man sich verstanden fühlt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Catherine Cusset, Die Definition von Glück
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk
Eisele Verlag
ISBN: 9783961611409

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Catherine Cusset’s „Die Definition von Glück“:

Für den Gaumen:
Clarisse hat eine Vorliebe für den bretonischen Kouign-amann: ein Butterkuchen bzw. laut Wikipedia ein „runder, dicker Fladen“ aus Blätterteig mit knuspriger, karamellisierter Kruste.
Bei Lapaticesse und la-bretonelle findet man Rezepte für diese süße Spezialität aus der Bretagne.

Zum Weiterhören:
Der Song „I put a spell on you“ wird im Buch leider zu einem traurigen Anlass gesungen. Auf YouTube gibt es eine schöne Coverversion von Annie Lennox aus dem Jahr 2014.
Im Original ist das Stück jedoch von Screamin Jay Hawkins und bereits aus dem Jahr 1956.

Zum Weiterlesen:
Clarisse liest zu Beginn des Romans einen wahren Klassiker der französischen bzw. der Weltliteratur:

„Die beiden Kopfkissen in den Rücken gestopft, setzte sie sich aufs Bett und vertiefte sich in Balzacs Verlorene Illusionen. Alles, was David und Ève erlebten, ihre Liebe, die Habgier und der Egoismus von Davids Vater, der dem eigenen Sohn die Druckerei verkaufte, um sich daran zu bereichern, schien ihr realer als ihr eigenes Leben.“

(S.19)

Ein 960 Seiten Schmöker des Realisten Balzac, den ich noch nicht gelesen habe und für den man vermutlich Muße und ausreichend Zeit benötigt:

Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen
Aus dem Französischen von Melanie Walz
Hanser
ISBN: 978-3-446-24614-0

Norwegischer Freiheitssommer

Heute mache ich mit meiner Europabowle bzw. literarischen Europareise Station in Norwegen und zwar in der wunderschönen Hauptstadt Oslo. Die Autorin Toril Brekke entführt uns mit ihrem Roman „Ein rostiger Klang von Freiheit“ ins ereignisreiche und turbulente Jahr 1968. Nur wenige Jahreszahlen wecken sofort ähnlich intensive Assoziationen.

Agathe steht kurz vor dem Abitur und lebt gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Morten bei ihrem Vater. Die Mutter – eine Jazzsängerin – hat die Familie vor einigen Jahren im Stich gelassen und hat sich mit einem Bassisten nach Kopenhagen abgesetzt. Die Kinder leiden darunter, keinerlei Kontakt zur Mutter zu haben – die Unverbindlichkeit der Beziehungen in ihrem Leben sind belastend. Sie suchen nach Nähe und Verlässlichkeit – doch beide auf unterschiedliche Art und Weise.

1968 ist ein politisch aufgeheiztes Jahr und auch Agathe und ihre Freunde gehen auf die Straße und beginnen sich mehr und mehr mit Politik zu beschäftigen. Einige ihrer Schulkameradinnen und -kameraden beschließen sogar, die Schule zu verlassen und auf ein neues Versuchsgymnasium zu wechseln.

Und auch Agathe beschließt schließlich auf eigene Faust heimlich – ohne ihren Vater oder die Großeltern zu informieren – ihrem traditionell-konservativen Gymnasium den Rücken zu kehren und ihr Abitur auf der neuen Schule, die nach Summerhill-Prinzipien gestaltet ist, zu machen. Sie taucht ab in eine völlig andere Welt: Hier streichen Schüler selbst die Räumlichkeiten, sollen freiwillig die Schule besuchen und lernen – weniger Zwänge, mehr Selbstbestimmung und Eigeninitiative.

Doch in Agathe’s Leben ändert sich nicht nur die Schulform, sondern als ein Bekannter ihr für einige Monate seine Wohnung überlässt, zieht sie auch von zu Hause aus. Sie verdient sich an einer Würstchenbude eigenes Geld. Sie verliebt sich. Ihren Bruder und die Familie sieht sie nur noch selten – 1968 wird für sie das Jahr der Freiheit und der Veränderung.

„Was ist so komisch?, fragte Onkel Jacques.
Dass es einen Unterschied gibt zwischen Freiheit und Freiheiten, sagte Leon.
Ich erklärte, Freiheit sei Freiheit. Freiheiten dagegen könnten Beleidigungen sein, sogar Übergriffe. Es gibt Leute, die glauben, sie hätten die Freiheit, andere schlecht zu behandeln, sagte Leon.“

(S.317/318)

Es gibt viele Heimlichkeiten und Abgründe in Agathe’s Familie. Da wurde vieles totgeschwiegen und verdrängt. Dunkle Familiengeheimnisse kommen nach und nach ans Licht, die das Leben der Geschwister entscheidend verändern und dazu führen, dass sie viele Ereignisse der Vergangenheit besser verstehen.

Die ganz große Stärke in meinen Augen ist die regelrecht spür- und greifbare, dichte Atmosphäre des Romans, die Toril Brekke – mit feinem Blick und sensiblem Gespür für Stimmungen und Milieus – erschafft. 1949 als Tochter eines Dichters in Oslo geboren und in Künstlerkreisen aufgewachsen, kann sie für diese Schilderungen wohl sicher auf ihren persönlichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Denn 1968 war sie 19 Jahre alt – in einem ähnlichen Alter wie ihre Heldin Agathe.

Der Roman atmet in jeder Zeile die Luft der 68er: Es geht um Jugendkultur, Musik, Bücher und Lebensstil. Die hitzigen politischen Diskussionen, die aufgeheizte Stimmung in Studentenkreisen, Proteste gegen den Vietnamkrieg, Demonstrationen – das ist der zeitliche Hintergrund und die Bühne, auf der Brekke ihre Geschichte ansiedelt.

Im Mittelpunkt stehen junge Menschen, die aus- und aufbrechen wollen, die Freiheit und Wahrheit suchen, auch wenn dies manchmal mit Schmerzen einhergeht.

„Er hat etwas über Freiheit gesagt, meinte Oma, dass die Freiheit, die sich jemand nimmt, für jemand anderes Schmerz bedeuten kann.“

(S.213/214)

Denn Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Und eine Entscheidung für etwas oder jemanden zu treffen, bedeutet oft auch sich gegen etwas Anderes oder jemanden entscheiden zu müssen.

Auch Agathe selbst, die immer noch darunter leidet, dass ihre Mutter sie so früh verlassen und im Stich gelassen hat, muss nun selbst erfahren, was es bedeutet, Brücken abzubrechen und Beziehungen zu vernachlässigen. Brekke’s Charaktere sind Menschen aus Fleisch und Blut, haben Stärken und Schwächen – das macht sie so lebensnah und authentisch. Deshalb liest sich die Geschichte ausnehmend glaubhaft, flüssig und spannend, denn es geht um wahrhafte Menschen – niemand ist vollkommen.

Ein wirklich packendes und grandioses Buch, das den Zeitgeist perfekt einfängt und eine Familiengeschichte mit viel Licht und Schatten erzählt – ohne jedoch destruktiv oder hoffnungslos zu sein. Vielmehr erlebt man Aufbruch und Blick nach vorn – ob bei Agathe oder ihrem Bruder Morten. Beide suchen und gehen ihren Weg, auch wenn er stellenweise steinig ist.


Eine weitere Besprechung gibt es auf Zeichen & Zeiten.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz, nach Spanien, Slowenien, Frankreich und Schweden geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag STROUX edition, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Toril Brekke, Ein rostiger Klang von Freiheit
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
STROUX edition
ISBN: 978-3-948065-22-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Toril Brekke’s „Ein rostiger Klang von Freiheit“:

Für den Gaumen:
Während Agathe bei gemeinsamen Café-Besuchen mit Freunden eher bodenständig bei Heißwecken (hier gibt es übrigens ein schönes Rezept auf Jeanny’s Blog Zucker, Zimt und Liebe) und Cola bleibt, gibt es bei der etwas mondäneren Einladung durch den Großvater „Räucherlachs, Rührei und einen Chablis“ (S.216).

Zum Weiterhören:
Agathe’s kleiner Bruder wird mit seinen Freunden zum glühenden Beatles-Verehrer und trägt stolz seine selbstgenähte Seargant Pepper-Jacke. Das Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ ist 1967 erschienen und enthält unter anderem die Songs „Lucy in the Sky with Diamonds“, „With a little help from my friends“ oder aber auch „When I’m Sixty-Four“.

Zum Weiterlesen (I):
Agathe liest gerne und viel. Von ihrer Cousine Madeleine, die in Frankreich lebt, hat sie Françoise Sagan’s Roman „Bonjour tristesse“ (1954) geschenkt bekommen – eine Bildungslücke, die ich vielleicht auch mal schließen sollte.

Françoise Sagan, Bonjour tristesse
Aus dem Französischen von Rainer Moritz
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548290836

Zum Weiterlesen (II):
Der stumme Frühling“ von Rachel Carson aus dem Jahr 1962 gilt für viele als wichtiges Werk und Initialzündung der Umweltbewegung. Auch Agathe kommt im Roman mit dem Werk in Berührung. Leider hat das Sachbuch auch nach 60 Jahren noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt, warum sich eine Lektüre wohl auch heute noch lohnen würde:

Rachel Carson, Der stumme Frühling
Aus dem Amerikanischen von Margaret Auer
C.H.Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-73177-8

Tantenalarm

New York in den späten Zwanziger Jahren – ein zehnjähriger Junge, der Waise wird und in die Obhut einer reichlich exaltierten Tante mit schillernder Persönlichkeit, aber auch einem sehr großen Herzen, gelangt. Die Bühne ist bereitet für die literarische Ausnahmeerscheinung Tante Mame, die ihresgleichen sucht: Patrick Dennis’ Roman „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955 ist eine humorvolle Komödie, die es sich wieder und neu zu entdecken lohnt.

„Er hatte keine Ahnung, was das Wort Persönlichkeit überhaupt bedeutet. Woher auch? Er war ja meiner Tante Mame nie begegnet.“

(S.8)

Der kleine Patrick lernt seine Tante, die nach dem Tod der Eltern seine Vormundschaft übernehmen soll, gleich in ihrer bevorzugten, natürlichen Umgebung kennen – auf einem rauschenden Fest in ihrer New Yorker Wohnung. In der nächsten Zeit hat der Zehnjährige einiges zu lernen und aufzuholen: in einem Vokabelheft notiert er sich all die sonderbaren, neuen Worte, die seine Tante verwendet und die seinen Wortschatz ab sofort erweitern sollen: Daiquiri, nymphomanisch, Ödipuskomplex, Strandhaubitze oder narzisstisch. Es gibt viel zu lernen für den Jungen, wenn er seine neue Bezugsperson besser verstehen möchte und auch die FKK-Schule, die seine Tante für seine persönliche Entwicklung am geeignetsten hält, wird zu einer einschneidenden Erfahrung.

Selbst der Börsencrash des Jahres 1929, bei dem Auntie Mame einen Großteil ihres Vermögens verliert, kann ihr nicht die Laune verderben. Dann verkauft sie eben Rollschuhe in einem Kaufhaus und angelt sich nebenbei zufällig einen reichen Verehrer. Mame versteht es, Parties zu feiern, sich mit interessanten Menschen zu umgeben, ist einem guten Drink nicht abgeneigt und sprüht vor Lebensfreude. Ihren Neffen liebt sie und hält auch während seiner Zeit im Internat, das die Treuhandgesellschaft als Verwalter seines Vermögens letztlich für ihn auswählt, und während seines Studiums mit ihm Kontakt. Wann immer möglich versucht sie, ihn in die bessere Gesellschaft einzuführen. Selbst die Brautschau für Patrick will sie natürlich nicht dem Zufall überlassen.

In zahlreichen Episoden und skurrilen, witzigen Situationen bahnt sich das Naturereignis Tante Mame unaufhaltsam ihren Weg durch die New Yorker High Society, die Künstlerszene oder das Milieu jagdfreudiger Südstaatler.

„Es war ein schrecklich lustiger Abend, und ich glaube, ich hatte zu tief ins Glas geschaut, jedenfalls habe ich Lindsay erzählt, was ich alles so gemacht habe, seitdem ich aus Buffalo weg bin, und er zeigte sich recht amüsiert, und plötzlich sagt er: ‚Warum schreiben Sie nicht ein Buch darüber, Mame?‘“

(S.143)

Das Buchprojekt endet ohne Ergebnis in einer Katastrophe, aber Tante Mame beschert es dennoch eine interessante Affäre mit einem jüngeren Mann und sie hat einige Zeit ihren Spaß. Auch das zarte Pflänzchen einer angestrebten Theaterkarriere wird im Keim erstickt, zumal sie bei ihrem ersten Bühnenauftritt mit unfreiwilliger Komik allen anderen Darstellern die Schau stiehlt und dem Stück dank unpassender Requisiten eine völlig unerwartete Wendung gibt, die nicht im Skript steht.

Doch Tante Mame wäre nicht Tante Mame würde sie sich unterkriegen lassen.
Zielstrebig stürzt sie sich in jedes Abenteuer, das sich bietet, und in nahezu alle Fettnäpfchen, die zu finden sind, scheitert krachend und mit Stil, um sich sofort wieder aufzurappeln, das Krönchen zu richten, die Nase zu pudern und … weiter geht’s! Auf zu neuen Ufern!

Mame lässt sich stets sofort für neue Ideen begeistern, ist sprunghaft und flexibel, doch so schnell sie für einen neuen Plan entbrennt, geht dieser meist auch wieder in Flammen auf.
Doch an einigen Stellen hört selbst für Tante Mame der Spaß auf, und zwar dann, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Hier beweist sie Haltung und bezieht klar Stellung – das sind starke Szenen im Roman, die man zwischen all dem Witz und Humor zunächst in der Deutlichkeit nicht erwartet hätte.

Der Neffe nimmt es mit Humor, liebt seine Tante trotz aller Eskapaden und Peinlichkeiten, bügelt den einen oder anderen Schnitzer für sie aus und erträgt all die öffentlichen Niederlagen, Szenen und unfreiwillig komischen Situationen meist mit stoischer Ruhe.

„Ich war mal wieder im Wunderland mit dir, wie üblich. Und jetzt fahre ich mit dem nächsten Schiff zurück nach New York.“

(S.388)

Ähnlich spektakulär und turbulent wie Auntie Mame’s Lebensgeschichte, liest sich auch die Vita des Autors selbst: Edward Everett Tanner III. (1921 – 1976), der unter dem Pseudonym Patrick Dennis bekannt wurde, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den meist gelesenen Autoren Amerikas, geriet dann jedoch in Vergessenheit und arbeitete gegen Ende seines Lebens als Butler (u.a. für den McDonald’s-CEO Ray Croc) – ohne dass seine Arbeitgeber wussten, wen sie da eigentlich beschäftigten.

Wer kennt Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)? Er war Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist und verfasste auch Reiseliteratur, doch jeder kennt wohl sein berühmtestes Zitat: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Gerade in diesen düsteren Zeiten können wir vermutlich alle etwas Humor, gute Laune und etwas zu Lachen gebrauchen. Daher kommt die Wiederentdeckung von Patrick Dennis’ „Darling!“, die im amerikanischen Original „Auntie Mame. An Irreverant Escapade“ heißt, vielleicht gerade zur rechten Zeit. Eine witzige literarische „Eskapade“ mit Esprit, die mich auf jeden Fall zum Lächeln, Grinsen, Schmunzeln und Lachen gebracht hat.

Dass der Autor reichlich dick aufträgt und für heutige Verhältnisse vielleicht nicht alles vollkommen politisch korrekt ist, sollte man im Hinblick auf das Erscheinungsjahr 1955 mit einer gewissen Großzügigkeit den zeitlichen Umständen zuschreiben.

Wer dem Leben also wieder einmal so richtig ins Gesicht lachen möchte, dem kann ich nur empfehlen, Tante Mame’s Bekanntschaft zu machen.
Ein Buch voller Lebenslust und Leichtigkeit, das beschwingt und beschwipst – und das ohne am nächsten Morgen einen Kater zu verursachen! Cheers!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Patrick Dennis, Darling! Meine verrückte Tante aus New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30023-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Patrick Dennis’ „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“:

Für den Gaumen:
Tante Mame ist durchaus trinkfreudig, zum Beispiel genehmigt sie sich gerne einen „Pink Whiskers“, also einen Cocktail aus Apricot Brandy, Wermut, Orangensaft, Grenadine und Creme de Menthe.
Doch auch die süße Note des Lebens darf natürlich nicht fehlen, zum Beispiel in Form eines Lady-Baltimore-Kuchens – ein mehrschichtiger, weißer Kuchen mit Nuss- und Fruchtfüllung sowie Zuckerguss.

Zum Weiterhören:
Auch musikalisch ist Auntie Mame für ihre Zeit extravagant unterwegs, so hört sie gerne Platten von Paul Hindemith (Symphonische Metamorphosen), aber auch von Bartók, Glasunow oder Meyerbeer.

Zum Weiterschauen und Weiterhören:
Der Neffe hingegen verehrt Fred Astaire, zum Beispiel den Song „They can’t take that away from me“, der bereits 1937 von George und Ira Gershwin geschrieben wurde.

„Unser Gott hieß Fred Astaire. Er war so, wie wir sein wollten: geschliffen, weltmännisch, lässig, mondän, intelligent, erwachsen, geistreich und klug. Wieder und wieder sahen wir uns seine Filme an, spielten seine Platten, bis sie abgenudelt und verkratzt waren, kleideten uns wie er, wenn wir uns trauten.“

(S.226)

Zum Weiterlesen:
Tante Mame liest durchaus gerne, zum Beispiel André Gide’s Roman „Die Falschmünzer“ oder Romane von Edith Wharton. 1921 erhielt die Autorin den Pulitzer Preis für „The Age of Innocence“ – ein Werk, das ich jetzt wohl auch mal auf meine lange „Das sollte ich irgendwann lesen“-Liste wandern lasse.

Edith Wharton, Zeit der Unschuld
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2350-5

Vom Heimkommen und anderen Wundern

Bernadette Schoog hat mit „Marie kommt heim“ ein wunderbares Romandebüt über Mütter und Töchter verfasst, das unter die Haut geht und berührt. Zugleich gelingt ihr das Kunststück, zutiefst menschliche Charaktere und elementare Lebenssituationen zu beschreiben, die viele Leserinnen und Leser bereits selbst erlebt haben und die so jeder und jedem ganz individuell zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebensgeschichte bieten.

Die Autorin, die bisher als Dramaturgin, Fernsehmoderatorin und Autorin von Biografien gearbeitet hat, lässt ihren reichen Erfahrungsschatz und Teile ihrer persönlichen Familiengeschichte bzw. der ihrer Mutter in ihren ersten Roman einfließen. Man spürt bei der Lektüre, dass sie Menschen liebt, in ihrem Beruf genau hinsieht, sich auf die Menschen einlässt und dies drückt sich auch in der Liebe zu den Figuren in „Marie kommt heim“ aus. Der Roman ist reich an Lebenserfahrung und sehr fein komponiert.

Doch bevor ich weiter ins Schwärmen gerate: Worum geht’s im Roman?
Marie ist eine Frau in ihren Vierzigern und hat vor vielen Jahren die beklemmende Enge ihrer Heimatstadt verlassen und ihr Glück fernab des kleinen Wallfahrtsortes gesucht, in dem sie aufgewachsen ist. Auch zu ihrer Mutter hatte sie wenig Kontakt.

„Hier fühlte sie sich gefangen, drangsaliert, kontrolliert und in ihrer Persönlichkeit beschnitten. Fast körperlich spürte sie die Enge dieser kleinen Stadt, in der man vertrocknete, am Aufblühen gehindert wurde.“

(S.69)

Doch als sie plötzlich einen Anruf aus dem Pflegeheim erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, fährt sie zurück in ihren Heimatort, um sich zu verabschieden. Für Marie wird dies zur intensiven und emotionalen Reise in die Vergangenheit, zurück in die Familiengeschichte und zu ihren Wurzeln. Letztlich lernt sie nicht nur viel über sich selbst, sondern lernt auch ihre Mutter, zu der sie stets ein schwieriges Verhältnis hatte, noch einmal von einer völlig neuen Seite kennen.

„Sie verspürte das tiefe Bedürfnis, Frieden zu schließen, mit der Mutter, mit sich selbst, mit diesem Lebensabschnitt. Deshalb war sie doch eigentlich hergekommen.“

(S.83)

Marie war stets ein Papa-Kind, der frühe Tod des geliebten Vaters war traumatisierend. Die strenggläubige, konservative Mutter, die nur bei Besuchen des Bruders bzw. Marie’s Onkel aufzutauen scheint, der als katholischer Priester in Brasilien als Missionar arbeitet, zieht Marie alleine groß.

Die „Muhme Angst“, die Marie als geradezu physische Gestalt erlebt, die immer wieder von ihr Besitz ergreift und die versucht, sich ihres Lebens zu bemächtigen, das Kellnern im kleinen Café des Wallfahrtsorts, um sich das Taschengeld aufzubessern, Jugendsünden und Kindheitserinnerungen, die Auseinandersetzungen mit der Mutter – all dies kommt wieder hoch, als Marie nach Hause fährt, um Abschied zu nehmen. Ein Schlüsselmoment, der das Schloss zur Vergangenheit und der Familiengeschichte öffnet und sie dazu bringt, ihr bisheriges Leben Revue passieren zu lassen.

Gleichsam im letztmöglichen Moment möchte Marie zum ersten Mal wirklich mehr über ihre Mutter erfahren, sie verstehen und das letzte Stück des Weges gemeinsam mit ihr gehen. Eine Kiste mit alten Dokumenten und Briefen der Mutter öffnet ihr die Augen und wirft völlig neues Licht auf ihre Familiengeschichte.

Bernadette Schoog hat ein scharfes Auge und ein feines Händchen für stimmige Details. Ihre Sprache ist überaus sinnlich und sehr ausdrucksstark, so dass die Lektüre zum intensiven Leseerlebnis für alle Sinne wird: man riecht den Weihrauch, man hört die Glocken läuten, lauscht dem Gemurmel der Rosenkranz betenden Pilger, sieht die kitschigen Devotionalien in den vollgestopften Läden und die brennenden Kerzen in der Kapelle – man ist mittendrin in diesem Mikrokosmos Wallfahrtsort. Gleiches gilt für die bedrückende Atmosphäre im Pflegeheim oder auch dem konservativen Haushalt, der Marie’s Kindheit prägte. Die Schilderungen sind so lebensecht, dass man selbst meint, mit Marie beim Besuch der Tante im „ächzende(n) Doppelbett aus dunklem Holz, auf dem sich wie eine riesige Portion Sahne die schweren, weißen Bettdecken wölbten“ (S.56) zu liegen.

Der Roman ist ehrlich, intelligent und selbstkritisch – die Autorin beschönigt nichts, denn auch im richtigen Leben gibt es schwere Situationen zu bestehen. Es ist nicht alles rosarot. Das Leben ist nicht nur Zuckerschlecken und die Muhme Angst versucht immer wieder die Macht zu erlangen und Besitz zu ergreifen.

„Vielleicht hatte sie sich ihre Vergangenheit auch nur ein bisschen schöner gemalt, als sie es in der Realität gewesen war, oder andersherum: Die vermeintlich pädagogisch wertvollen Elemente wurden weitergegeben, der Rest blieb im Nebel.“

(S.122)

Schoog schildert auch schmerzhafte Szenen auf bewegende Art und Weise, jedoch ohne jede Effekthascherei. Vermutlich gehen gerade auch deshalb die Schicksalsschläge in Marie’s Leben beim Lesen besonders unter die Haut: der Tod des Vaters, eine versuchte Vergewaltigung, gescheiterte Beziehungen, die im Sterben liegende Mutter.

Und doch bietet der Roman auch viel Licht und Hoffnung und hat etwas Versöhnliches. Es gibt Heilung für die Wunden und Narben, die das Leben hinterlässt, und nach Abstand und Distanz kann auch eine besondere Nähe entstehen. Die Erkenntnisse der Gegenwart lassen einen auch die Vergangenheit besser verstehen.

„Hätte man an der Fassade gekratzt, den groben Putz mit einem Spatel beiseite gefegt, hätte sich eine mit weichen Pinselstrichen gezeichnete sinnliche, lebensfrohe Frau herausgeschält. Elsje. Aber Elsje durfte es nicht mehr geben, aus ihr war Elisabeth geworden.“

(S.129)

„Marie kommt heim“ ist ein einfühlsames, kluges, zutiefst menschliches und sehr berührendes Buch über das Abschiednehmen, über Mütter und Töchter und auch über die Lücke, die oft zwischen der Wahrnehmung durch die eigenen Kinder und dem tatsächlichen Charakter bzw. der Persönlichkeit der Menschen klafft, die doch mehr sind als „nur“ die Eltern ihrer Kinder.

Ein gefühlvolles, unvergessliches Buch über zwei Frauenleben, über das Heimkommen, das Ankommen und die großen und kleinen Wunder des Lebens auf der Suche nach der eigenen Identität und den familiären Wurzeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernadette Schoog, Marie kommt heim
Kröner
ISBN: 978-3-520-76301-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Bernadette Schoog’s „Marie kommt heim“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch nimmt uns Bernadette Schoog mit auf eine Zeitreise: da wird berichtet von ausgelassenen Gesellschaften bei „Schnittchen“, „Käseigel“ und „Liebfrauenmilch“ (S.14/15), wenn die Mutter Gäste bewirtete. Marie hingegen gönnt sich bei ihrer Heimkehr statt Party-Häppchen eher traditionelle Hausmannskost:

„(…) und entschied sich für einen Klassiker dieser Region, einen Uitsmijter, wie man ihn hier nannte, einen sogenannten Strammen Max, und dazu ein Pils. Ein sehr niederrheinisches Essen.“

(S.203)

Für einen Besuch oder eine Wallfahrt:
Bernadette Schoog, die derzeit in Speyer lebt, ist in Kevelaer geboren, einem berühmten Marienwallfahrtsort am Niederrhein, d.h. die Parallelen zum Wallfahrtsort Josefsburg – dem Schauplatz des Romans – kommen sicherlich nicht von ungefähr und basieren auf autobiografischen Erfahrungen der Autorin.
Mich erinnerten die Schilderungen des Wallfahrtsstädtchens sehr an das oberbayerische Altötting – das klassische Wallfahrtsziel Landshuter Pilger.

Zum Weiterklicken:
Bernadette Schoog hat dem SWR ein kurzes Interview gegeben, in dem sie ein wenig zur Entstehung und der Idee des Romans erzählt. Erst Corona gab ihr den Freiraum und die Zeit, diese bereits langgehegte Idee in die Tat umzusetzen.

Zum Weiterhören:
Musikalisch ist auch eine ordentliche Bandbreite in Marie’s Leben geboten: Von Umberto Tozzi’s „italienischen Schnulzen“, die in Dauerschleife das Pilgercafé beschallen, in welchem sich die junge Marie ihr Taschengeld aufbessert, über Jaques Brel’s „Ne me quitte pas“, das seine verführerische Wirkung entfaltet bis zum Supertramp-Hit „School“.

Zum Weiterlesen:
Auch in Sibylle Schleicher’s einfühlsamen Roman „Die Puppenspielerin“, den ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, geht es um das Abschiednehmen von einer nahen Angehörigen. Allerdings geht hier die geliebte Zwillingsschwester vor der Zeit. Ein ebenso berührendes Buch:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

Wenn die Chemie stimmt

Ich gebe zu: Chemie war nicht mein Lieblingsfach in der Schule und das meiste habe ich bereits vergessen, aber in Bonnie Garmus’ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ durfte ich mit Elizabeth Zott eine Romanheldin kennenlernen, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Und keine Angst! Man kommt auch ohne chemisches Wissen sehr gut durch diese Lektüre.

1961 – Die Welt ist noch nicht wirklich reif für Frauen in der Wissenschaft und doch wünscht sich Elizabeth Zott nichts sehnlicher, als eine Karriere als Chemikerin in der Forschung zu machen. Kaum einer traut ihr das zu und die meisten Kollegen nehmen sie nicht ernst, bis sie auf Calvin Evans trifft. Er ist der unangefochtene und exzentrische Star des Instituts und Nobelpreiskandidat, der gesellschaftlich eher ein Außenseiter ist und seine eigenen Wege geht. Doch als er buchstäblich auf Elizabeth stößt, knistert es sofort – zwei verwandte Seelen haben sich gefunden.

Ein schwerer Schicksalsschlag stellt Elizabeth jedoch vor die größte Herausforderung ihres Lebens und zwingt sie, ihren Traum von der Wissenschaftskarriere aufzugeben. Als alleinerziehende Mutter nimmt sie, um den Lebensunterhalt für ihre Tochter Madeline und sich zu verdienen, das überraschende Angebot an, Fernsehmoderatorin der konservativen Kochshow „Essen um sechs“ zu werden.
Doch Elizabeth wäre nicht Elizabeth, würde sie der Sendung nicht ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken. Der Sender würde sie am liebsten feuern, doch das Publikum liebt sie. Was als Lückenfüller im Programm gedacht war, entwickelt sich zum brandheißen Geheimtip und Elizabeth inspiriert die Zuschauerinnen dazu, ihr Leben zu verändern.

„Kochen ist eine seriöse Wissenschaft. Im Grunde ist es Chemie.“

(S.60)

Bonnie Garmus hatte mich schon nach dem Vorwort verzaubert und mir war schnell klar, dass diese Elizabeth Zott eine Heldin sein wird, der ich wie gebannt folgen würde. Eine starke, rebellische, kluge, intelligente Frau, die für ihre Rechte und ihr selbstbestimmtes Leben kämpft und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Und doch war das jetzt ihr Leben, eine alleinstehende Mutter, die leitende Wissenschaftlerin bei dem wohl unwissenschaftlichsten Experiment aller Zeiten: das Großziehen eines anderen Menschen. Jeden Tag empfand sie die Mutterschaft wie einen Test, für den sie nicht gelernt hatte. Die Fragen waren beängstigend, und es gab nicht annähernd genug Lösungsvorschläge.“

(S.197)

Und auch wenn sie Selbstzweifel plagen und das Leben ihr schwere Prüfungen auferlegt, verliert sie nicht den Mut und kämpft. Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung ihrer Tochter Madeline erhält sie von Nachbarsfrau Harriet, die sich als wahrer Engel entpuppt und aufblüht, als ihr Leben wieder einen Sinn bekommt. Denn so kann sie der beklemmenden Enge ihrer unglücklichen Ehe zumindest stundenweise entfliehen. Und auch Tochter Madeline ist etwas Besonderes, denn sie hat die Intelligenz und Begabung ihrer Mutter geerbt. Sie fordert und will gefordert werden.

„Denn während musikalische Wunderkinder stets bejubelt werden, ist das bei frühen Lesern nicht der Fall. Weil frühe Leser nämlich bloß in etwas gut sind, in dem andere irgendwann auch gut sein werden. Deshalb ist es nichts Besonderes, darin die Erste zu sein – es ist bloß nervig.“

(S.8)

Und es sind genau diese wunderbaren, sympathischen Figuren, die für mich die ganz große Stärke des Romans ausmachen. Man muss diese Charaktere einfach lieben und lacht, weint, leidet und freut sich mit ihnen.
Wenn rationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Gefühle dazwischen kommen, dann wird es kompliziert und man beobachtet als Leser, wie sie scheitern, Wesentliches verschweigen oder verheimlichen und aus gut gemeinten Gründen dem Abgrund entgegen steuern.

Die Lektüre ist zugleich auf kluge Weise witzig-amüsant, aber auch zutiefst berührend. Freud und Leid liegen nahe beieinander – wie im richtigen Leben eben.
Viele Szenen machen wütend und im nächsten Moment auch dankbar, dass die Frauengeneration der Fünfziger und Sechziger Jahre so manche – wenn auch nicht alle – Kämpfe für die Nachfolgegeneration ausgefochten hat.

„Man sollte meinen, dass die Dummen früher wegsterben“, fuhr Elizabeth fort. „Doch Darwin hat nicht berücksichtigt, dass die Dummen nur selten vergessen zu essen.“

(S.352)

Bonnie Garmus, die viele Jahre als Kreativdirektorin gearbeitet hat, hat ein inspirierendes und starkes Debüt über Emanzipation, intelligente Frauen sowie den Kampf um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung verfasst.

Schon nach wenigen Seiten ist man dem Sog der Geschichte und der grandiosen Hauptfigur verfallen und möchte das Buch gar nicht mehr weglegen.
Es gibt also viele gute Gründe, diesen großartigen Roman zu lesen und falls Ihr noch einen braucht: Ihr müsst unbedingt Halbsieben kennenlernen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Piper
ISBN: 978-3-492-07109-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Eine Frage der Chemie“:

Für den Gaumen:
Elizabeth’s Art zu kochen ist unkonventionell, aber sie versteht es, auf ihre ganz eigene Art und Weise gesunde und schmackhafte Kost zuzubereiten – und natürlich gibt es in einem Buch, das die Moderatorin einer Kochshow zur Heldin hat, auch kulinarische Anregungen, zum Beispiel: „Hähnchen Parmigiana. Kartoffelgratin. Irgendein Salat.“ (S.57)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Ein Theaterbesuch der Operette „Der Mikado“ von Gilbert und Sullivan wird zum Schlüsselerlebnis für Elizabeth Zott. Zwar kann sie der Inszenierung an diesem Abend nicht viel abgewinnen und doch wird dieser ihr Leben entscheidend verändern.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mir das Hirn zermartert, ob ich schon einmal einen Roman gelesen habe, der mit Chemie zu tun hatte. Aber mir ist ehrlich gesagt keiner eingefallen. Aber wer literarisch gerne in den Sechziger Jahren bleiben möchte und nach „Eine Frage der Chemie“, der 1961 angesiedelt ist, mit dem Jahr 1962 weitermachen möchte, dem kann ich Steffen Kopetzky’s Roman „Monschau“ wirklich sehr empfehlen. Er zählte zu meinen Lesehighlights im vergangenen Jahr 2021 und erzählt eine feine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Pockenausbruchs in der Eifel.

Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

Ein Sizilianer in München

Mario Giordano ist den Meisten bisher wohl durch seine „Tante Poldi“-Krimis bekannt – mit „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“ wagt er sich jetzt auf neues Terrain und verarbeitet seine eigenen familiären Wurzeln in einer großen, opulenten Familiensaga. Er erzählt die abenteuerliche Geschichte Barnaba Carbonaro’s, der im Sizilien der Jahrhundertwende aufwächst, den Anbau und das Geschäft mit Zitrusfrüchten dort von der Pike auf lernt und später sein Glück fernab der Heimat in der Großmarkthalle Münchens sucht, um seinen Nachkommen ein besseres Leben zu ermöglichen.

„Auf und ab treibt uns das Leben, immer wieder müssen wir hoch an die Oberfläche des Ozeans der Möglichkeiten, um zu atmen und Entscheidungen zu treffen, doch am liebsten würden wir unten im schlammigen Grund unserer Existenz die Zeit verträumen.“

(S.33)

Die Geschichte beginnt im sizilianischen Taormina Ende des 19. Jahrhunderts. In Rückblenden wird die verschlungene Familiengeschichte Barnaba Carbonaro’s erzählt – eine archaische und hierarchische Gesellschaft, in der es schwer ist, sich über die Klassenschranken hinweg nach oben zu kämpfen.

Doch Barnaba ist ein kluger Kopf, schnell im Rechnen und getrieben von einem enormen Ehrgeiz. Er lernt schnell, ist rebellisch und steckt selbst schlimmste Schicksalsschläge immer wieder weg. Als sich ihm plötzlich die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft mit sizilianischen Zitrusfrüchten in München zu starten, zögert er nicht lange und packt sein Schicksal beim Schopf.

„In der Au dagegen sieht er nur vereinzelte Markstände, und die brechen ihm fast das Herz, so kümmerlich sind sie. Viel mehr als Kartoffeln, Karotten, Rotkohl und harte Birnen wird da nicht angeboten.“

(S.337)

Er ist ein Schlitzohr mit einem Geschäftssinn, der zwar seinesgleichen sucht aber auch Neider anzieht, und ein Patriarch, der vor allem stets das Beste für seine Familie und seine 24 Kinder erreichen möchte und doch meint es das Leben – sowohl in Sizilien als auch in Deutschland – nicht immer gut mit ihm. Oft heißt es: wie gewonnen so zerronnen.

„Zwischen Hoffnung und Erwartung haben die Götter einst eine feine Linie gezogen, kaum zu erkennen, um feixend zuzusehen, wie ihre Spielzeuge sie arglos übertreten und unglücklich werden. Auf diesem schmalen Grat namens Zuversicht balancieren die Pancrazias oder Barnabas der Familie Carbonaro. Schwindelfrei, manchmal verwirrt, manchmal verbissen, aber tapfer Schritt für Schritt.“

(S.326)

Mario Giordano hat viel reingepackt in dieses Buch und eine richtige Schatzkiste und Fundgrube an zeitgeschichtlichen Anekdoten, Münchner Lokalkolorit und sizilianischem Lebensgefühl geschaffen, die den Roman aufgrund der überbordenden Fabulierfreude zu einem üppigen, opulentem Leseerlebnis für alle Sinne werden lässt. Man taucht nicht nur ab ins Sizilien der Jahrhundertwende und das München der 60er Jahre, sondern kann auch viel Neues lernen und entdecken.
So konnte ich zum Beispiel bei der Lektüre lernen, was ein Theatrophon ist oder erfahren, dass im Jahr 1960 tatsächlich ein Flugzeug in der Münchner Innenstadt abgestürzt ist.

Cu nasci tunnu nun pò moriri quatratu“, wer rund geboren ist, stirbt nicht quadratisch.“

(S.129)

Barnaba ist Pechvogel und Stehaufmännchen zugleich und obwohl er für unser heutiges Empfinden natürlich zu sehr Patriarch und Macho ist und in vielen Punkten ein Zuviel an Männlichkeit und Vulgarität aufweist, wünscht man ihm, dass er sich seinen Traum von der eigenen, großen „famiglia“ erfüllen kann.

Cchiù scuri di mezzanotti nun pò fari, denkt Barnaba, dunkler als Mitternacht kann es nicht werden.“

(S.326)

Sizilianische Sprichworte, Blicke hinter die Kulissen des Anbaus von Zitrusfrüchten, die Hausgeister bzw. Patruneddi und eine äußerst sinnliche, lebhafte und leidenschaftliche Sprache lassen einen wahren Funkenregen des italienischen Feuers auf die Leserschaft sprühen – eine geballte Charme-Offensive an „Italianità“, der man sich kaum entziehen kann.

„Trotzdem mag sie München. Natürlich möchte sie irgendwann zurück, in der Casa degli Italiani sprechen alle ständig vom Zurückgehen, irgendwann. Aber sie weiß, dass sie auch dort längst fremd ist.“

(S.185)

Der Roman schwankt zwischen unbändiger Lebensfreude und melancholischer Wehmut – zwischen sizilianischer Zitrusplantage und bayerischer Großmarkthalle. Ein Leben zwischen zwei Welten – das Schicksal der Gastarbeiter, für die es schwer ist und die sich weder in der alten noch in der neuen Heimat richtig zu Hause zu fühlen. Es ist ein weiter, verschlungener Weg für Barnaba und während dieser großen Familiensaga bangt man mit ihm und begleitet ihn mit Spannung auf seiner Suche nach dem Glück. Bittersüß und erfrischend wie der Saft aus besten sizilianischen Mandarinen und zugleich leuchtend wie die mediterrane Sonne!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Goldmann Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mario Giordano, Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen
Goldmann
ISBN: 978-3-442-31560-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch geht es natürlich – abgesehen von den vielen verschiedenen Sorten von Zitrusfrüchten, die eine so wichtige Rolle im Buch spielen – typisch sizilianisch zu: und zwar mit einer traditionellen Süßspeise – Cannoli.

„Der Fotograf reicht ihm ein mit Ricotta gefülltes Cremeröllchen und sieht zu, wie Barnaba mit aufgerissenen Augen den ersten cannolo seines Lebens verschlingt. (…) Der cannolo überrennt seine Sinne. Die Kruste des Röllchens zersplittert beim ersten Biss, und sein Mund füllt sich mit einer Wolke aus schneeweißem Quark. Aromen verpuffen wie Feuerwerksböller an San Pancrazio. Da knistert Karamell, pocht Vanille an seinem Gaumen, kandierte Kirschen und geröstete Pistazien.“

(S.14)

Auf Ariane’s Blog Tradolceedamaro findet sich ein Rezept, wenn man sich selbst einmal daran wagen möchte, Cannoli zu machen.

Zum Weiterhören:
Barnaba mag den „karamelldunklen“ (S.133) Belcanto seines Landsmannes Enrico Caruso. Besonders emotional aufgeladen ist für ihn die Arie „Vesti la giubba“ des Clowns aus Ruggero Leoncavallo’s Oper „Pagliacci“,

„der sich auch mit gebrochenen Herzen das Gesicht pudert, weil das Publikum schließlich bezahlt hat, um zu lachen.“

(S.434)

Zum Weiterlesen:
Für alle, die nicht genug von Sizilien bekommen können, gibt es mit Santo Piazzese’s Krimi „Blaue Blumen zu Allerseelen“ eine weitere Möglichkeit, die Insel literarisch zu bereisen – diesen habe ich vergangenen Herbst hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

Südtirol gestern und heute

Südtirol zählt sicherlich zu den beliebtesten Urlaubsgebieten der Deutschen. Und es lohnt sich auch, sich literarisch mit diesem Landstrich zu beschäftigen: In ihrem Roman „Bergland“ hat Jarka Kubsova die Geschichte einer Bauernfamilie über drei Generationen hinweg erzählt. So gelingt ihr zugleich eine eindrucksvolle Erzählung der wechselhaften Geschichte dieser besonderen Region und man erfährt, wie sich das Leben der Menschen auf einem abgelegenen Bergbauernhof über die Jahrzehnte verändert hat.

„Man tat einem Bauernkind keinen Gefallen, wenn man es zum Seicherl erzog. Eine Mimose war keine Pflanze, die hier gut gedieh. Es war Hartholz, das sich hier hielt, anspruchslos und angepasst, die winterharten Sorten.“

(S.39/40)

Rosa ist gerade einmal 12 Jahre alt, als sie bereits die Rolle der Mutter für ihre Geschwister übernehmen muss. Mit ihrem Vater und ihren Geschwistern lebt sie auf einem hoch gelegenen Bergbauernhof in Südtirol und als die Brüder in den Krieg ziehen und nicht mehr zurückkehren, steht sie 1944 nach dem Tod des Vaters vollkommen alleine mit dem Hof da. Es sind schwere Zeiten in Südtirol – es gibt Deserteure und Kriegsversehrte, Konflikte zwischen Dableibern und Optanten – der Krieg hat Opfer gefordert und tiefe Spuren hinterlassen. Doch sie gibt nicht auf, beißt sich durch, leistet Unmenschliches und arbeitet von früh bis spät – schwere, körperliche Arbeit – um den Hof zu erhalten. Selbst ihren Sohn Sepp zieht sie alleine auf, der den Hof übernimmt und letztlich – auch gegen ihren Willen – seine eigenen Vorstellungen der Landwirtschaft auf dem Hof umsetzt.

Sepp ist das Bindeglied zur heutigen Generation – zu Rosa’s Enkel Hannes, der mittlerweile mit seiner Ehefrau Franziska den Hof betreibt und zu einem Tourismusbetrieb mit angeschlossener Landwirtschaft umgebaut hat. Die Zeiten haben sich geändert und nicht alles ist Gold was glänzt.

Kubsova räumt auf mit dem „Heile Welt“-Klischee, der Idylle von sonnenbeschienenen Almwiesen und dem dauerblauen Himmel der Urlaubsprospekte – sie zeigt, dass der Tourismus ein knallhartes und umkämpftes Geschäft ist, das nicht nur Sonnenseiten hat. Die Erwartungen der Kunden und Tourismusverbände sind hoch, es gilt eine Vielzahl von Kriterien zu erfüllen und die Konkurrenz ist groß.

„Ein altes, etwas kitschiges Bild war das, so wie es noch immer in Kinderbüchern auftauchte, mit niedlichen, frei laufenden Tieren. Ein bisschen Bullerbü, ein bisschen Landlust, ein bisschen Joghurtwerbung, ein bisschen Omas kleiner Bauernhof; übernachten im Heu, die Eier noch warm im Stall einsammeln und Rohmilch trinken. Danach sehnten sich die Menschen.“

(S.27)

Und auch das Romantisieren oder das Verklären der Vergangenheit sind nicht die Sache der Autorin. Rosas einsames und einfaches Leben auf dem Bergbauernhof und ihr täglicher Kampf gegen die kargen Böden, die widrigen Wetterverhältnisse und die Sorgen um die Versorgung und das Leben ihres Kindes – das wird schonungslos und direkt erzählt ohne zu beschönigen.

Der Roman wechselt ab zwischen den verschiedenen Perspektiven und Generationen – zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Autorin findet auch jeweils einen eigenen Klang, der gut zu der jeweiligen Zeit passt: So sind die Passagen, die Rosa’s Geschichte erzählen eher ruhig, unaufgeregt, leise und atmen eine gewisse Melancholie, während die Szenen um Franziska und ihre Probleme im Hier und Jetzt satirisch, bissig, ironisch und zynisch formuliert sind und streckenweise schon an eine journalistische Erzählweise erinnern. Fast als ob Jarka Kubsova, die vor ihrem Romandebüt „Bergland“ als Journalistin bei der Financial Times Deutschland, dem Stern und der ZEIT gearbeitet hat, eine Reportage über Franziska als moderne Landfrau und Tourismusmanagerin geschrieben hätte. Die verschiedenen Welten werden so auch durch den sprachlichen und erzählerischen Kontrast deutlich abgegrenzt und herausgearbeitet.

„Selbstgenügsamkeit war es, die die Alten immun gemacht hatte gegen das Höher, Schneller, Weiter, dem sich der Rest der Welt hingab. Aber schon in der nächsten Generation hatte es nicht mehr gewirkt. Die jagte fiebrig dem Fortschritt hinterher. Höchstleistungen, Ziele und Karrieren.“

(S.182)

Jede Zeit und jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen, andere Gegebenheiten und andere Probleme. Doch es wird auch klar, dass Wurzeln erden und helfen können, sich diesen schwierigen Situationen zu stellen und Antworten auf die jeweils drängenden Fragen finden zu können.

Kubsova hat für ihren Debütroman sieben Monate auf einem Südtiroler Bergbauernhof gelebt und recherchiert – eine Zeit, die sich zweifelsohne sehr gelohnt hat und die ihrem Roman ein fundiertes Verständnis für Land und Leute bzw. die Menschen und die Region und somit eine besondere Authentizität verleiht. So kann sie viele geschichtliche Aspekte, Traditionen, Bräuche und Lebenseinstellungen einfließen lassen.

Als ich das Buch gelesen habe, tanzten vor meinem Fenster die Schneeflocken und eine gewisse Südtirolsehnsucht war unvermeidlich. „Bergland“ ist nicht nur eine gute Wahl für den nächsten Südtirolurlaub, sondern ein kleines, wirklich feines, ernstes und ernst gemeintes Buch, das in einer sehr schönen Aufmachung nicht nur das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen lässt, sondern das vor allem entschleunigt, erdet und zur Selbstreflexion anregt.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Günter Keil, Buchsichten und Friedelchens Bücherstube.

Buchinformation:
Jarka Kubsova, Bergland
Wunderraum
ISBN: 978-3-442-31618-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jarka Kubsova’s „Bergland“:

Für den Gaumen:

„Katharina hatte ein paar frische Strauben dabei. Rosa kochte Tee, zögerte kurz, und griff dann nach der Flasche mit dem Zirbenschnaps.“

(S.37)

Auf Jeanny’s Blog Zuckerzimtundliebe findet sich ein schönes Straubenrezept.

Zum Weiterkochen:
Die Südtiroler Küche ist herrlich vielseitig und ich kenne kaum jemanden, der sich ihrem Zauber entziehen kann. Ein umfassendes Standardwerk und der Klassiker unter den Südtirol-Kochbüchern ist „So kocht Südtirol“, das einen großartigen Überblick gibt. Wer die alpenländische Küche mag, ist hier sehr gut bedient – quasi das Rundum Sorglos-Paket unter den Südtirol-Kochbüchern:

Heinrich Gasteiger, Gerhard Wieser, Helmut Bachmann,
So kocht Südtirol: Eine kulinarische Reise von den Alpen in den Süden
Athesia Tappeiner Verlag
ISBN: 978-8868390990

Zum Weiterschauen:

„Er bepflanzte das Dach mit Hauswurz, der Blitze abhalten sollte.“

(S.15)

Die Tradition Hauswurz auf Dächer zu pflanzen, um das Haus gegen Blitzschlag zu schützen, gibt es nicht nur in Südtirol. Haltet mal die Augen offen, es lassen sich immer wieder Beispiele entdecken.

Wie hier zum Beispiel:

© Kulturbowle

Zum Weiterlesen:
Eines der besten Bücher, die ich über Südtirol je gelesen habe, war aus meiner Sicht Francesca Melandri’s „Eva schläft“ aus dem Jahr 2010 – ein wirklich großartiger Roman, den ich wärmstens empfehlen kann.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

Zeit des Umbruchs

Auf den zweiten Teil der Schwesterglocken-Trilogie von Lars Mytting hatte ich schon sehnsüchtig gewartet. Somit war klar, dass „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ zeitnah nach dem Erscheinen auf meiner Leseliste stehen würde, da mich bereits der erste Band „Die Glocke im See“ begeistert hatte.

„Einer Sage zu trotzen, das war eine Sache. Der Wirklichkeit zu trotzen, schon eine ganz andere.“

(S.206)

Jehans Hekne – der Sohn von Astrid Hekne, welche im ersten Teil der Trilogie im Mittelpunkt steht und die kurz nach der Geburt von Zwillingen verstorben ist – ist allein bei Verwandten aufgewachsen. Es heißt, er habe alleine überlebt und seinen Zwillingsbruder hat er nie kennengelernt. Sein Leben ist geprägt von harter Arbeit, da er für sein Auskommen und seinen Unterhalt in der Landwirtschaft eines verwandten Hofbesitzers Dienst leisten muss. Seine Leidenschaft gilt der Jagd und als er in einer gefährlichen Situation sein eigenes Leben riskiert, um einem verunglückten, ihm unbekannten, britischen Jäger in unwegsamen Gelände zu helfen, belohnt ihn dieser fürstlich für diese Lebensrettung.

Jehans hofft, sich mit Hilfe des teuren Präzisionsgewehrs, das er sich für die Belohnung kaufen kann, den Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Die Jagderfolge und das damit verbundene Einkommen sollen die Grundlage für seine finanzielle Unabhängigkeit bilden.

Mit dem gleichaltrigen Briten verbindet ihn bald eine innige Freundschaft und es zahlt sich aus, dass er von Pfarrer Schweigaard, der sich stets besonders um den Waisensohn der von ihm geliebten Astrid angenommen hat, Unterricht in Englisch und den Naturwissenschaften erhalten hat.

Als er dann im Hochgebirge durch Zufall auch noch eine zupackende und schöne junge Frau kennenlernt, scheint sein Leben eine weitere Perspektive zu bekommen. Erfindergeist und Ideenreichtum machen die beiden bald zu führenden Persönlichkeiten des Dorfes und der Fortschritt in Form eines Wasserkraftwerks, der Elektrizität und moderner Maschinen hält Einzug in Gudbrandsdalen. Doch in der selben Zeit fordern auch Krieg und Krankheit zahlreiche Opfer. Und auch die Glocke im See lässt Pfarrer Schweigaard und Jehans keine Ruhe.

Der Roman ist sehr vielschichtig und verbindet zahlreiche Erzähl- und Handlungsstränge – die Kenntnis des ersten Bandes erleichtert die Lektüre mit Sicherheit enorm. So führt er nicht nur die Geschichte von Pfarrer Schweigaard fort, der unter seiner Einsamkeit leidet und die verstorbene Astrid immer noch vermisst, sondern auch die Geschichte der nach Dresden versetzten Stabkirche, die Legende um den mystischen Hekne-Teppich oder auch die neue Geschichte des jungen Briten Victor, der zum Jagen nach Norwegen kommt. Eine reiche, bereichernde Lektüre, die auf über 500 Seiten – bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. die ausführliche Beschreibung des Gewehrs oder einiger Jagdszenen, die mir persönlich etwas zu ausufernd waren – ohne Längen auskommt und den Leser in seinen Bann zieht. All dies in einer stilistisch schönen Sprache, die der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel wunderbar ins Deutsche übertragen hat.

Mytting arbeitet häufig mit sich wiederholenden Symbolen und Motiven. So wie sich in manchen Familien Zwillingsgeburten überdurchschnittlich häufen, so zieht sich das Zwillingsmotiv auch durch die beiden Schwesterglocken-Romane. Und auch die oft schmerzhafte Trennung der Zwillingspaare (ob Schwestern, Glocken oder Brüder) bildet eine Konstante.

Lars Mytting erweist sich erneut als großartiger Erzähler. Er nimmt sich Zeit für die Figuren und die Geschichte, entwickelt ruhig und unaufgeregt seinen Plot, spinnt seinen Erzählfaden und webt seinen faszinierenden Geschichtenteppich – wie einst die Hekne-Schwestern ihr legendäres Meisterwerk.

Beeindruckt hat mich auch wieder die Gabe des Autors den zeitgeschichtlichen Hintergrund so authentisch einzufangen und harmonisch mit der Geschichte zu verbinden. Die Jahre zwischen 1903 und 1919, in welchen dieser Teil spielt, war eine Zeit des Umbruchs, der technischen Neuerungen, des Aufbruchs, aber auch eine Zeit großen Leids. Zwar brachten die Stromerzeugung durch Wasserkraft, das elektrische Licht und die strombetriebenen Hilfsmittel ungeahnte Möglichkeiten und Wohlstand, aber der erste Weltkrieg und die spanische Grippe brachten im gleichen Zeitraum auch Leid und Tod. All dies wird durch Mytting im Roman geschickt verarbeitet und verflochten und somit für den Leser spür- und erlebbar.

„(…) die Nacht war von jetzt an eine andere, denn die Gewissheit, jederzeit Licht haben zu können, hatte die Dunkelheit zu einer besseren Dunkelheit gemacht.“

(S.369)

Ein tiefgründiger Roman über Glaube, Liebe, Fortschritt, Einzelkämpfer und Einsamkeit, der wichtige Botschaften enthält und aufzeigt, dass materieller Wohlstand allein nicht glücklich macht.
Ein herrliches Buch für lange Winterabende bei Tee und Kerzenschein, das Sehnsucht weckt nach der Schönheit der norwegischen Natur und entführt in eine faszinierende Welt voller Traditionen, Mythen und nordischer Lebensart.

Buchinformation:
Lars Mytting, Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel
ISBN: 978-3-458-17939-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lars Mytting’s „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch stach für mich neben den traditionellen, norwegischen Moltebeeren, vor allem der exotische „Kerala-Eintopf“ – benannt nach einem indischen Bundesstaat – heraus, welchen der Dienstbote Kumara für Victor zubereitet.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Lars Mytting scheint eine besondere Beziehung zu Richard Wagner zu haben. Der erste Roman, den ich von ihm gelesen habe, war „Die Birken wissen’s noch“ – hier findet ein Enkel in einem alten Anzug seines verstorbenen Großvaters eine viele Jahre alte Karte der Bayreuther Festspiele – und entdeckt eine für ihn völlig neue, bis dahin unbekannte Seite dieses Mannes, bei dem er aufgewachsen ist. Im Roman begibt sich der Enkel auf Spurensuche und ergründet seine Familiengeschichte. Diese Wagner-Szene hat mich damals fasziniert und sich tief eingebrannt.
Und auch in diesem Roman spannt Mytting den Bogen von der Stabkirche zu Wagner:

„Richard Wagners Name war in Dresden nicht immer populär gewesen, doch sein gewaltiger Ring des Nibelungen nährte sich aus diesen Mythen, und mancher wollte im Schnitzwerk des Portals die heroischen Figuren aus diesen Opern wiedererkennen.“

(S.290)

Lars Mytting, Die Birken wissen’s noch
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36283-8

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Bei „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ handelt es sich um den zweiten Teil einer Trilogie. Daher würde ich auf jeden Fall empfehlen, den ersten Teil „Die Glocke im See“ vorab zu lesen. Man hat dann auf jeden Fall mehr von der Geschichte und versteht gewisse Zusammenhänge besser. Ganz abgesehen davon, dass der erste Band großartig ist: Meine Rezension war einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle und ist hier zu finden.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36475-7

Familientradition verpflichtet

„Adlon oblige“ – das Familienmotto der legendären Hoteliersfamilie Adlon hat die Familiengeschichte über Generationen hinweg begleitet und geprägt. Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers Lorenz Adlon hat jetzt ein Buch über die Geschichte seiner Familie verfasst. Der Name verpflichtet, sagt alles und so lautet der Titel schlicht: „Adlon“.

Ein Erbstück, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind Manschettenknöpfe mit der Aufschrift „Adlon oblige“, welche einst ein Geschenk des Kaisers waren und mittlerweile im Besitz von Felix Adlon sind.

Und so stellt sich der Autor seinem Erbe und steigt hinab in „die Tiefen des Familienbrunnens“, wie er es nennt. Dass er dort selbst auf Überraschendes, Erhellendes und neue Erkenntnisse über geliebte und umstrittene Familienmitglieder und Vorfahren stößt, zeigt, dass sich nicht nur für seine Leser, sondern auch für ihn selbst die intensive Beschäftigung mit seiner Vergangenheit gelohnt hat.

Für den Leser ist es eine bunte, schillernde und spannende Geschichte, die eng mit den historischen und politischen Entwicklungen Deutschlands verknüpft ist. Denn das Buch erzählt vom Aufstieg und Fall des wohl bekanntesten Hotels Deutschlands und seiner Gründerfamilie – von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart.

So erfährt man bei der Lektüre, dass Ururgroßvater Lorenz Adlon, der aus einfachen Verhältnissen stammte, zunächst eine Ausbildung zum Tischler machte, die ihn vor allem den stets hohen Anspruch nach hervorragender Qualität und Ausführung lehrte. Dieser sollte ihn sein Leben lang prägen und er versuchte diesen auch bei seinen ersten gastronomischen Erfahrungen in Mainz bereits konsequent umzusetzen. Über Ausflüge in die Gastronomie bei Großveranstaltungen wie z.B. Turn- und Sportfesten, Weltausstellungen und einer Station in Holland, verschlug es ihn letztlich nach Berlin, wo er das bekannte Restaurant Hiller leitete bis er schließlich das berühmte Hotel Adlon am Brandenburger Tor plante und gründete.

Felix Adlon erzählt aus den Biografien seiner Vorfahren, wirft aber auch immer einen Blick über den Tellerrand, in die jeweilige Zeit und die damals herrschenden Umstände, so erfährt man zum Beispiel auch, was es mit den Freimaurern auf sich hatte und welch großes Interesse auch der Kaiser am Adlon hatte.

Lorenz’ Sohn Louis führte das Hotel weiter – auch in den schwierigen Zeiten des zweiten Weltkriegs – bis zu seinem tragischen Tod.
Das Hotel Adlon brannte Ende des Zweiten Weltkriegs nieder und wurde völlig zerstört. Erst nach der Wiedervereinigung wurde es wieder aufgebaut und ist dennoch bis heute eine Legende: die Gästeliste umfasste stets alles, was Rang und Namen hatte – von gekrönten Häuptern, Staatsmännern und -frauen bis zu den größten Künstlerinnen und Künstlern ihrer Zeit.

Felix Adlon erzählt vom Glanz und Prunk des Hotels, vom Weinkeller oder Anekdoten aus dem berühmten Luftschutzbunker unter dem Hotel ebenso wie über die turbulenten und wechselvollen Lebensläufe seiner Ahnen im weit verästelten Familienstammbaum.

Ein paar Konstanten ziehen sich durch die Adlon’sche Familiengeschichte: Die Frauen spielten stets eine große und starke Rolle – sei es Lorenz’ geliebte Susi oder Louis’ zweite Frau Hedda. Auch seiner Großmutter Susanne Fanny Adlon setzt Enkel Felix mit seinem Buch ein liebevolles Denkmal und beschreibt sie als kunstbegeisterte, selbstbewusste Frau, welche die Kraft und Stärke besaß, ihren geliebten Parsifal „Percy“ Adlon – den Sohn des Opernsängers Paul Rudolf Laubenthal – als uneheliches Kind gegen alle Widerstände allein groß zu ziehen.

Die Liebe zur Musik, zur Oper, zu Kunst und Kultur ist eine weitere dieser Konstanten. Vater Percy Adlon ist ein bekannter Filmregisseur – „Out of Rosenheim“ sein wohl bekanntester Film – und auch Sohn Felix ist ihm in die Filmbranche nachgefolgt und mit einer Opernsängerin verheiratet.

Obwohl die Familie nicht mehr im Besitz des heutigen Hotels Adlon ist, prägt die Institution und ihre Geschichte weiterhin ihr Leben. „Adlon oblige“ eben – ein Erbe, das nicht loslässt.
Die Höhen und Tiefen, tragische Schicksalsschläge und große Erfolge – diese Familiengeschichte ist filmreif, hochspannend und ein faszinierendes Kaleidoskop deutscher Geschichte.

Faszinierend fand ich, wie authentisch, natürlich und unprätentiös Felix Adlon dieses Familienpanorama verfasst hat. Man spürt bei der Lektüre, dass er vor der Lebensleistung seiner Vorfahren selbst höchsten Respekt hat und dass ihn der hohe Anspruch bis heute prägt und begleitet. Er hat ein liebevolles, aufrichtiges Buch geschrieben, in welchem er auch selbst eigene Fehleinschätzungen der Vergangenheit revidiert und sein Bild der Geschichte in einigen Aspekten rückwirkend korrigiert. So manche Recherche öffnete ihm die Augen.

Das Buch liest sich sehr schnell und es macht wirklich Freude, dem Autor dabei zu folgen, wie er aus dem Familiennähkästchen plaudert. Da geht es um Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen und einer großen Leidenschaft für die Dinge die sie tun – sei es die Hotellerie und Gastronomie oder aber Kunst und Kultur.

Ein hochinteressantes und kurzweiliges Buch über eine Familie im Spiegel der Zeit, das packender ist als so mancher Roman – die besten Geschichten schreibt ohnehin das wahre Leben – und daher nicht nur für Hotel-Fans oder Geschichtsinteressierte eine sehr lohnende Lektüre sein kann.

Buchinformation:
Felix Adlon, Adlon
Heyne
ISBN: 978-3-453-21809-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Felix Adlon’s „Adlon“:

Für den Gaumen:
Während im Adlon Haute Cuisine im Stile von August Escoffier serviert wurde kam Percy Adlon – der Vater des Autors – in seiner Kindheit durch seine geliebte Tante Ada oft in den Genuss bodenständiger Küche:

„Von ihren böhmischen Marillenknödeln mit Zucker, Zimt und geriebenem Lebkuchen aß jeder mindestes ein Dutzend, bis alle vor Wonne und Völle stöhnten.“

(S.202)

Zum Weiterschauen (I):
Felix Adlon ist Filmregisseur und somit in die Fußstapfen seines Vaters getreten – gemeinsam drehten die beiden 2010 den Spielfilm „Mahler auf der Couch“ – den ich mir notiert habe und bei Gelegenheit einmal ansehen möchte. Ein filmisches Aufeinandertreffen von Sigmund Freud und Gustav Mahler – das hört sich spannend an.

Zum Weiterschauen (II):
Wer Felix Adlon als Darsteller in einem Film erleben und zugleich mehr über die Familiengeschichte und das Hotel Adlon erfahren möchte, der kann sich Percy Adlon’s Film „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ aus dem Jahr 1996 ansehen. Eva Mattes spielt darin niemand geringeren als den charismatischen Stummfilmstar Pola Negri.

Zum Weiterlesen:
Schon lange auf meiner Leseliste und jetzt wieder weiter nach oben gerückt ist Vicki Baum’s Klassiker aus dem Jahre 1929: „Menschen im Hotel“. Vorbild soll hier zwar nicht das Adlon, sondern das Hotel Excelsior gewesen sein, aber ein Berliner Luxushotel im Mittelpunkt eines Romans gibt stets einen interessanten literarischen Rahmen ab:

Vicki Baum, Menschen im Hotel
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-03798-2