Dezemberbowle 2020 – Opernstreams und Schlemmereien

Der Dezember und dieses schwierige und merkwürdige Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen. Wie so vieles war auch die Adventszeit und das Weihnachtsfest anders als die Jahre zuvor – entschleunigter, stiller, sorgenvoller und nachdenklicher. Ich habe in diesem Monat intensiv Opern geschaut – leider nur im Fernsehen und in Livestreams, was die Liveerlebnisse in den Theatern und Opernhäusern natürlich nicht ersetzen kann, die ich sehr vermisse, aber auf jeden Fall besser ist als gar keine Kultur erleben zu können.

Im Gegenzug blieb ein bisschen weniger Zeit fürs Lesen und ich habe mich im Dezember gegen Ende auch einem richtig dicken Schmöker gewidmet, den mir das Christkind gebracht hat. Aber der Reihe nach:
Winterzeit ist Schmökerzeit und daher hatte ich wieder einmal Lust auf einen opulenten, historischen Roman – Michael Römling’s „Pandolfo“ kam da gerade recht und ich bin abgetaucht ins lebhafte, bunte und laute Mailand des 15. Jahrhunderts. Ein stimmungsvoller und geschichtlich gut recherchierter Roman, der gut unterhält und zudem einige interessante Aspekte der italienischen Renaissance aufgezeigt.

Danach stand bereits vor den eigentlichen, kulinarischen Weihnachtsgenüssen literarisch eine Schlemmerreise an: Vincent Klink’s kurzweiliger, schön illustrierter und sehr wertig aufgemachter Band „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ entführte mich in die schöne Stadt an der Donau und ließ mir mehr als einmal das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ein ganz persönlicher, subjektiver und daher auch vielseitiger Reise- und Gastroführer des Spitzenkochs mit vielen schönen Anregungen für die nächste Reise und Rezepten für zu Hause.

Und weil’s gerade so schön war, bin ich auch gleich noch ein bisschen länger in Wien geblieben – allerdings im Jahr 1873 – mit Gerhard Loibelsberger’s Roman „Alles Geld der Welt“, der sich mit dem „Gründerkrach“ auseinandersetzt – einem schweren Börsenkrach und einer damit verbundenen Wirtschaftskrise, die sich im Jahr der Wiener Weltausstellung ereigneten. Die Gier hatte Besitz von den Menschen ergriffen und Träume und Spekulationsblasen platzten.

Auf Sandra Newman’s „Himmel“ war ich ganz besonders gespannt – schließlich sollte William Shakespeare eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Da konnte ich quasi schon gar nicht mehr daran vorbei. Im New York der Zukunft sind Ben und Kate ein Paar, doch die Beziehung leidet erheblich unter der Tatsache, dass Kate immer wieder in ihren Träumen in die Vergangenheit und das England während der Pest zu Shakespeare’s Zeiten zurückgeworfen wird und das Gefühl nicht los wird, dass es ihre Aufgabe ist, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. So weit, so spannend – allerdings sprang der Funke auf mich leider nicht wirklich über. Es war zu düster, zu schwermütig, vielleicht meine Erwartung zu hoch und vermutlich passte es auch gerade nicht in die aktuelle Situation und meine Gemütslage. Offenbar für mich nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit, aber sicherlich gute Literatur: Bei Bookster HRO und Fräulein Julia findet ihr sehr lesenswerte, interessante und begeisterte Besprechungen.

Um so glücklicher war ich mit meiner Wahl von Ursula März’ „Tante Martl“ – meinem letzten Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schloss. Dieses schmale Büchlein mit seinen ca. 190 Seiten entpuppte sich wahrlich noch zu einem meiner Leseglanzlichter des Jahres 2020. Was für eine Hauptfigur, welch großartige Sprache, welch geniale Mischung aus Humor und Gefühl – da stimmt einfach alles. Ein kleiner Roman, der ganz, ganz groß ist! Herzerwärmend!

Und weil man in der momentanen Lage dringend jede Stimmungsaufhellung und gute Laune gebrauchen kann, die man bekommen kann, wollte ich das Jahr auch mit einem humorvollen Klassiker ausklingen lassen. P.G. Wodehouse und seine komödiantischen Romane um den Butler Jeeves oder Lord Emsworth sind da eine Bank und stets ein Garant für Aufheiterung und zeitlos lustige und spritzige Unterhaltung. Auch „Auf geht’s, Jeeves!“ ließ da nichts zu wünschen übrig und bescherte mir vergnügliche Lesestunden.

Last but not least: Das Christkind schleppte dann dieses Jahr wirklich schwer und legte mir einen echten Brocken unter den Christbaum: der neue Robert Galbraith (alias J.K. Rowling) „Böses Blut“ – der fünfte Band der Cormoran Strike-Reihe – umfasst doch tatsächlich fast 1200 Seiten. Ein neuer Rekord (ich hatte „nur“ mit ca. 800 oder 900 Seiten gerechnet und war dann doch überrascht) und nur gut, dass der Weihnachtsurlaub und die Corona-Situation gerade viel Zeit zum lesen lassen. So kann ich mich da mit aller Ruhe und Muße reinversenken und habe realistische Chancen, die Lektüre noch in diesem Jahr zu beenden.

Der Dezember bescherte mir als Opernliebhaberin aber auch viele Geschenke aus der Opernwelt. Angefangen vom Livestream der „Falstaff“-Premiere aus der Bayerischen Staatsoper mit einem sehr überzeugenden Wolfgang Koch in seinem Rollendebüt, über eine Ausstrahlung auf 3Sat der fulminanten Inszenierung der Oper Zürich von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ mit einer herausragenden Joyce DiDonato aus dem Jahre 2015, bis zu der völlig zu recht umjubelten Premiere des „Simon Boccanegra“ ebenfalls aus Zürich auf ARTE mit einem genialen Christian Gerhaher (bei Arcimboldi’s World gibt es eine ausführliche Besprechung). Ganz große Oper!
An den Weihnachtsfeiertagen gab es zudem noch Humperdinck’s Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus der Bayerischen Staatsoper als Video-On-Demand – musikalisch ein Genuss – die Inszenierung konnte mich jedoch nicht in gewünschtem Maße berühren.

Doch auch mein heimisches Theater – das Landestheater Niederbayern – besitzt jetzt eine Mediathek und ist ins Streaming eingestiegen und so konnte ich zu Hause auf der Couch eine wunderbare „Madama Butterfly“ in einzigartiger musikalischer Ausgestaltung mit 2 Klavieren und einem Synthesizer (war corona-tauglich ohne Orchester eigentlich fürs Theater geplant) erleben. Zudem gab es eine szenische Lesung für Kinder mit Janosch’s „Oh wie schön ist Panama“, die von Christiane Silberhumer absolut liebevoll inszeniert und den Darstellern grandios interpretiert wurde. Auch für junggebliebene Erwachsene ein großer Spaß! (Online noch verfügbar bis 27.01.21)

Aber wir sind noch nicht am Ende, denn auch dem Münchner Gärtnerplatztheater stattete ich noch einen Besuch per Livestream ab und verfolgte die Premiere des Operettenklassikers „Der Vetter aus Dingsda“ – knallbonbon-bunt und amüsant im 60er-Jahre-Stil inszeniert. Und auch am Silvesterabend werde ich virtuell im Gärtnerplatz mit der Revue-Operette „Drei Männer im Schnee“ (kostenloser Livestream um 18.00 Uhr) das Jahr schwungvoll und gut gelaunt ausklingen lassen.

Also statt Silvesterfeuerwerk ein wahres Kultur-Feuerwerk, das ich in diesem Dezember in meinem Wohnzimmer erleben durfte. Dazu noch Adventskonzerte im Fernsehen, Weihnachtsmusik und ruhige Spaziergänge durch die festlich beleuchtete Stadt bescherten einen ruhigen, besinnlichen und stimmungsvollen Dezember.

Mit der Hoffnung auf ein besseres 2021 für alle Kulturliebhaber und Kulturschaffenden, wünsche ich allen, die meine Kulturbowle lesen und verfolgen einen guten Rutsch, einen stimmungsvollen Jahresausklang und ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2021!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Dezember:
Was wäre der Advent ohne Plätzchen? Genau – kein Advent.

© Kulturbowle

Musikalisches im Dezember:
Eine musikalische Entdeckung in diesem Advent war für mich Mykola Leontovych’s „Carol of the bells“, die ich in einer sehr schönen Instrumentalversion für Orchester gehört habe. Dieses Weihnachtslied des ukrainischen Komponisten aus dem Jahr 1914, das häufig auch von Chören gesungen wird, lässt sofort weihnachtliche Bilder vor dem geistigen Auge entstehen.

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke)

Die Tante zum Schluss

Mein Lesejahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu und zum Schluss konnte ich nochmal ein kleines, feines, literarisches Schmankerl genießen. Bei „Tante Martl“ von Ursula März handelt es sich noch um einen letzten Spontankauf im Dezember in meiner örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schließen musste und wie schon bei „Alte Sorten“ hatte ich offenbar auch hier ein glückliches Händchen, denn gemäß dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ zählt dieser schmale Band der ZEIT-Journalistin Ursula März nochmal zu den Büchern, die ich dieses Jahr besonders mochte.

Tante Martl hätte eigentlich ein Martin werden sollen. Als drittes Kind nach zwei Mädchen hätte der Vater dann doch gerne einen Jungen in den Armen gehalten und einen Stammhalter präsentiert und so beginnt Martl’s Leben gleich mit einem Eklat. Denn in Schockstarre lässt es der Vater auf dem Standesamt zu, dass die Geburtsurkunde für einen Jungen ausgestellt wird. Er bringt einfach den Mund nicht auf, um laut einzugestehen, wieder „nur“ ein Mädchen gezeugt zu haben. Erst nach einer Woche und unter lautstarkem Protest und Androhung ernster Konsequenzen durch seine Frau, lässt er den Irrtum amtlich korrigieren.

Martl wird 1925 in der Westpfalz geboren und wird ihr Leben lang im Schatten ihrer zwei älteren Schwestern Bärbl und Rosa stehen. Im Gegensatz zu ihnen wird sie nie heiraten, keine Familie gründen und ihr Leben lang im Elternhaus wohnen bleiben. Sie wird Lehrerin und sie – die ungeliebte Tochter – wird es auch sein, die den Vater am Ende pflegt und selbstlos ihr Leben in den Dienste anderer stellt.

„Martl aber fühlte sich immer weiter an den Rand gedrängt, und unbemerkt, so glaube ich, begann sie schon damals, auf Kosten ihres eigenen Lebens an dem der anderen wie eine Souffleuse teilzunehmen, die sich im Schatten hält und aushilft, wenn die Darsteller im Text hängen bleiben.“

(S.49)

Ursula März ist das Patenkind von „Tante Martl“ und schildert aus der Perspektive der Nichte das Leben dieser resoluten, patenten und doch stets im Hintergrund stehenden Frau. Eine Liebeserklärung an die Patentante, zugleich gerät das Buch aber auch zum Familienportrait und kann ebenfalls als Gesellschaftsportrait der Nachkriegszeit und der Zeit des Wirtschaftswunders gelesen werden.

In vielen Familien gab es damals eine solche „Tante“, die ledig blieb und sich um die Familie kümmerte, einfach mitlief und doch auch manchmal um die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit beneidet wurde. Denn „Tante Martl“ machte den Führerschein, hatte ein eigenes Auto und fuhr alleine in den Urlaub. Als Lehrerin verdiente sie ihr eigenes Geld und war finanziell unabhängig, dennoch löste sie sich nie vom Elternhaus und blieb stets unter dem Dach ihrer Eltern wohnen.

Erst 1950/51 wurde übrigens die Klausel des „Lehrerinnenzölibats“ gesetzlich gelockert und abgeschafft – erst dann durften die „Fräulein Lehrerinnen“ auch heiraten und zugleich ihren Beruf weiter ausüben.

„Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

(S.8)

Was macht aber nun diesen gerade mal 190 Seiten starken Roman zu so etwas Besonderem? Es ist diese absolut unwiderstehliche, mit großem Humor und Schlagfertigkeit gesegnete, starke Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es ist das hervorragende Auge der Autorin, die genau die richtigen Worte trifft, um dieses Charakterportrait für den Leser lebendig werden zu lassen. Da sitzt jedes Wort, jeder Satz und man spürt in jeder Zeile die Liebe und den Respekt für die Tante, die auf der einen Seite so uneigennützig agierte und doch selbstständig ihren eigenen, selbstgewählten Weg ging. Es ist aber auch die gelungene Mischung aus Komik und Tragik, denn die Stellen, die einem die Lachtränen in die Augen treiben, wechseln sich mit traurigen, nachdenklichen Szenen ab.

Ein Roman mitten aus dem Leben und in einer Sprache, die genau den angemessenen Ton trifft: witzig und doch respektvoll. Amüsant auch, dass März ihre Tante stets im pfälzischen Dialekt sprechen lässt – das gibt dem Ganzen noch eine weitere, liebenswürdige Färbung und zusätzliche Authentizität. Ein wunderbares Buch über eine tapfere und unerschrockene Frau, die dem Leben mit viel Humor und einem gesunden Sarkasmus begegnete. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne lachen und weinen und ein amüsantes, warmherziges und einzigartiges Frauen- und Familienportrait lesen.

Eine weitere schöne Besprechung des Romans findet sich auch auf buchpost.

Buchinformation:
Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tante Martl“:

Für den Gaumen:
Vielleicht sollten wir uns jetzt nach den opulenten und üppigen Mahlzeiten der Weihnachtsfeiertage an die Devise von Tante Martl halten:

„Des is, was isch a redlisch Mahlzeit nenn: a Scheib Schwarzbrot und gut Butter drauf. Des is was für anständische Leut. Und die, wo sisch von Naschzeusch ernähre, die sin grad zu faul zum Kaue und halte sisch fir was Besseres.“

(S.24/25)

Zum Weiterhören:
Zum Jahresende gehört die champagner-launige Operette „Die Fledermaus“ zum Standardrepertoire der Theater- und Opernhäuser – ein wahrer Silvesterklassiker – und im Libretto von Carl Haffner findet sich folgendes schöne Zitat, das auch gut auf „Tante Martl“ passt: „Eine solche Tante wie diese Tante – noch keine Nichte Tante nannte!“

Zum Weiterlesen:
Stellenweise fühlte ich mich an einen Roman erinnert, den ich bereits vor vielen Jahren gelesen habe: Irene Dische’s „Großmama packt aus“. Ebenfalls ein satirisch-sarkastischer Familienroman mit verschrobenen Charakteren, der einen ganz eigenen, amüsanten Sound besitzt.

Irene Dische, Großmama packt aus
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser
dtv
ISBN: 978-3-423-13521-4

Weihnachtsbowle 2020

Weihnachten steht vor der Tür und ich möchte all jenen, die ihren Weg auf meine Kulturbowle gefunden haben und mich auf meinem Blog begleiten von ganzem Herzen frohe Weihnachten und schöne Feiertage wünschen. Genießt die Feiertage und die Ruhe und nehmt Euch Zeit für die Menschen und die Dinge, die Euch wichtig sind und am Herzen liegen. Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Da Theater und Kultureinrichtungen ja weiterhin geschlossen haben, beschenken uns viele zu Weihnachten dennoch mit wunderbaren digitalen Angeboten, Livestreams, Online-Lesungen und vielem mehr.
Ich habe für Euch ein paar meiner persönlichen Kulturtips für die Festtage zusammengestellt. Vielleicht ist ja das eine oder andere für Euch dabei und versüßt Euch ebenfalls die Zeit zwischen den Jahren, die wir am besten ohnehin zu Hause verbringen sollten.

Das Landestheater Niederbayern – das Stadttheater meiner Heimatstadt – bietet mittlerweile ebenfalls ein digitales Angebot in der theatereigenen Mediathek. Für Opernfans steht dort aktuell Puccinis „Madama Butterfly“ kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung und das Repertoire wird ständig erweitert und ergänzt. Für mich wird jedoch auf alle Fälle die Kindervorstellung von Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ zu meinem diesjährigen Weihnachtsprogramm gehören – eine szenische Lesung, auf die ich mich (auch als Erwachsene) schon sehr freue (online verfügbar bis 27. Januar 2021).

Ebenfalls fix im Kalender steht für mich an Silvester der Livestream aus dem Münchner Gärtnerplatztheater: die Revueoperette „Drei Männer im Schnee“. Da ich bereits das Vergnügen hatte, diese gelungene, umjubelte und mit mehreren Preisen prämierte Inszenierung vor einiger Zeit live im Theater zu sehen, freue ich mich besonders, dass ich dieses Gute Laune-Stück nach der Romanvorlage eines meiner Lieblingsautoren jetzt am Silvesterabend um 18.00 Uhr nun nochmal in meinem Wohnzimmer genießen kann. Für Musical- und Operettenfreunde ein Genuss und ein großes Vergnügen!

Wer es weihnachtlicher und klassischer mag, der kann sich von der Bayerischen Staatsoper vom 24. bis zum 26. Dezember mit einem kostenlosen Video-On-Demand der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus dem Münchner Nationaltheater beschenken lassen.

Auf Operavision findet sich ebenfalls ein vielfältiges, freies Onlineangebot diverser Aufführungen aus europäischen Opernhäusern. Das aktuelle Repertoire ist breit gefächert und reicht zum Beispiel von einem feinen, intimen Kurt-Weill Liederabend „Lonely House“ aus der Komischen Oper Berlin mit dem Intendanten Barrie Kosky am Klavier und der Sängerin und Schauspielerin Katharine Mehrling (verfügbar bis 22.01.21) bis zu Rameau’s „Les Indes Galantes“ (mit der von mir sehr geschätzten Anna Prohaska) aus der Bayerischen Staatsoper (verfügbar bis 01.01.21). Und aktuell fehlen auf der Plattform auch Opernklassiker wie „La Traviata“, „La Bohème“ oder „Turandot“ nicht.

Auf ARTE gibt es zudem die Möglichkeit, das traditionelle Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker zu sehen (am 31.12.20 ab ca. 18.35 Uhr), das dieses Jahr von Kirill Petrenko geleitet wird und ebenfalls vor leeren Rängen stattfinden muss. Musikalisch stehen neben Beethoven (Leonoren-Ouvertüre Nr. 3) vor allem spanische Klänge auf dem Programm.

Wer statt Weihnachtszauber und Silvesterfestlichkeit lieber eine spannende Lesung verfolgen möchte, für den bietet die Stadtbücherei Landshut auf ihrem Blog einen Audio-Podcast zu Agatha Christie aus der Reihe „Mitten ins Herz – Poesie und Musik im Dialog mit Heinz Oliver Karbus und Martin Kubetz“, der noch bis zum 31.12.20 abrufbar ist.

Wie Ihr seht, hat die kulturelle Szene derzeit viel zu bieten und versucht durch Online-Angebote bei den Menschen in Erinnerung zu bleiben und die Neugier wach zu halten. Viel Spaß und vielleicht war ja die eine oder andere Anregung für Euch dabei. Freut Euch auf die Zeit, wenn die Theater und Konzerthäuser wieder öffnen dürfen und bis dahin: Bleibt offen, neugierig, interessiert und zuversichtlich und genießt die Feiertage!

Für den Gaumen:
Bekocht Euch selbst mit allem, was Euch schmeckt und Freude macht. Jeder hat ja seine ganz eigenen Traditionsgerichte zu Weihnachten. Ob es nun die Würstchen mit Kartoffelsalat sind oder das Fondue. Nehmt Euch Zeit für den Genuss!

Zum Weiterhören:
Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist für mich der Inbegriff festlicher Weihnachtsstimmung: „Jauchzet, frohlocket“ und nehmt Euch Zeit für schöne Musik und genießt diese ganz bewusst!

Zum Weiterlesen:
Und was wäre die Kulturbowle ohne einen Buchtip am Ende.
Eine winterliche Leseempfehlung, die ich bereits vor vielen Jahren genießen durfte und die für mich als schöner Schmöker wunderbar in diese Zeit um Weihnachten passt, ist John Boyne’s „Das Haus zur besonderen Verwendung“. Boyne nimmt den Leser mit auf eine Reise ins winterliche Russland nach St. Petersburg im Jahre 1915 und erzählt die Geschichte vom einfachen Bauernsohn Georgi, der in die Leibwache des Zaren aufgenommen wird, und der Zarentochter Anastasia. Geschichtlicher Hintergrund, große Gefühle und ein Roman, den man nicht mehr vergisst.

John Boyne, Das Haus zur besonderen Verwendung
übersetzt von Fritz Schneider
Piper
ISBN: 978-3-492-27265-0

© Piper Verlag

Daher nehmt Euch Zeit für gute Bücher und macht es Euch bei guter Lektüre und einem schönen Getränk gemütlich! Frohe Weihnachten!

Walzertaumel und Börsenkrach

Gerhard Loibelsberger kennt man bisher vor allem durch seine Krimireihe um den Wiener Kommissar Joseph Maria Nechyba, welche in den Jahren 1903 bis 1918 spielt. Mit „Alles Geld der Welt“, der diesen Sommer erschienen ist, bleibt er Wien als Schauplatz treu, aber er hat sich zeitlich ein wenig weiter in die Vergangenheit zurück begeben und zwar in das Jahr 1873.

Man kennt den „schwarzen Freitag“ der New Yorker Börse aus dem Jahre 1929 oder – insbesondere seit der letzten Babylon Berlin-Staffel wieder frisch im Gedächtnis – auch den Berliner Börsenkrach aus dem Jahre 1927. Aber Wien erlebte bereits am 9. Mai 1873 einen schweren Börsenkrach, der auch als sogenannter „Gründerkrach“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Loibelsberger nimmt seine Leser mit in die Zeit vor der Krise von Januar (Jänner) bis zum Mai, zeichnet ein stimmungsvolles Bild dieser Epoche und erzählt die Geschichte des Aufstiegs und des Falls des Wiener Bankhauses Strauch.

„Wenn er aus diesem immer wiederkehrenden Albtraum hochschreckte und sich danach bis zum Morgengrauen im Bett hin- und herumwälzte, beherrschte ihn ein Gedanke: Dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis all die an der Wiener Börse notierten windschiefen, unterkapitalisierten Aktiengesellschaften als Leichen die Donau hinunterschwimmen würden.“

(S.31)

Wien boomt, pulsiert und fiebert der nahenden Weltausstellung entgegen, die im Mai 1873 eröffnet werden soll. Neben der Rotunde, die das spektakuläre Wahrzeichen der Wiener Weltausstellung werden soll, wird überall geplant, gebaut und investiert. Baron Heinrich von Strauch führt das Bankhaus, das er von seinem Vater übernommen hat, mit wenig Herzblut, möchte sich am liebsten als Privatier aus dem Investitionsgeschäft zurückziehen und die Mühsal und die ungeliebte Bankiersarbeit seinem angestellten Geschäftsführer Ernst Xaver Huber überlassen. Dann würde ihm auch mehr Zeit für das Schöne im Leben bleiben und er könnte sich ganz der Wiener Damenwelt widmen, denn ewig lockt (zumindest den Herrn Baron von Strauch) das Weib.

Wien feiert sich selbst und rauschende Ballnächte, schwelgt im Walzertaumel, in erotischen Abenteuern und überall wird dem Fortschritt gehuldigt. Es herrscht Aufbruchstimmung und Euphorie: Firmengründungen und Kapitalgesellschaften ohne Eigenkapital schießen wie Pilze aus dem Boden und auch der kleine Mann – im Roman zum Beispiel verkörpert durch den Barbier Alois Pöltl – will an den steigenden Aktienkursen teilhaben und profitieren.

Von Kapitel zu Kapitel überhitzt sich der Kapitalmarkt weiter und die Lage spitzt sich mehr und mehr zu. Anhand zahlreicher Romanfiguren lässt der Autor den Leser die Wünsche, Hoffnungen und die Gier der Menschen hautnah mit erleben. Ein bunter Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft der damaligen Zeit, die von Kaiser Franz Joseph I., aber auch immer mehr vom Geld regiert wird. So liest man von kleinen Handwerkern, jüdischen Bankiers, einfachen Dienstmägden, Kaffeehausbesitzern und Tänzerinnen mit all ihren Begierden und Sehnsüchten – ein vielschichtiges und farbenfrohes Bild dieser Epoche entsteht vor den Augen des Lesers.
Dass da am Ende nicht alle zu den Gewinnern zählen werden, lässt sich schnell erahnen.

„Geh pfui, Ernstl! So ein Wort nimmt man doch nicht in den Mund!“
„Was? Fantasie?“
„Nein. Bankrott.“

(S.167)

Loibelsberger ist gebürtiger Wiener und kennt die Stadt und deren Geschichte wie seine Westentasche. Zudem ist er ein großer Kenner und Liebhaber der Wiener Küche, so dass auch die Kulinarik in all seinen Büchern eine große Rolle spielt. Auch „Alles Geld der Welt“ liest sich – wie seine Krimireihe um Kommissar Nechyba – sehr kurzweilig und flüssig. Wenn auch die Nechyba-Krimis vielleicht noch mit ein wenig mehr Spannungselementen gewürzt sind und mich daher noch etwas mehr begeistert haben, war dieser historische Roman vor allem aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds und der Einblicke in die Zeit vor der Wiener Weltausstellung für mich sehr interessant. Ich habe auf unterhaltsame und spielerische Art und Weise einiges gelernt und viel Neues erfahren. Sprachlich flicht der Autor auch die Wiener Mundart in seine Dialoge ein (oft per Fußnoten übersetzt für diejenigen, welche des Wiener Dialekts vielleicht nicht so mächtig sind) und verstärkt so die ohnehin große Portion an Wiener Schmäh und Lokalkolorit im Roman zusätzlich. Angeregt durch Vincent Klinks „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“, das ich vor kurzem gelesen habe, konnte ich durch diese Lektüre noch ein wenig länger literarisch im schönen Wien verweilen. Und so bleibt mir jetzt nur noch Kaiser Franz Joseph I. zu zitieren: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

© Gmeiner Verlag

Buchinformation:
Gerhard Loibelsberger, Alles Geld der Welt
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2686-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alles Geld der Welt“:

Für den Gaumen:
Wie bereits erwähnt spielt die Kulinarik in Loibelsberger’s Büchern stets eine gewichtige Rolle. Oft wird bei einem ausgedehnten Mittagessen im Restaurant oder im Kaffeehaus diskutiert oder ermittelt. Und so erfährt man auch einiges über die Wiener Küche und die Gerichte der damaligen Zeit, so wird zum Beispiel ein Menü aus einer kräftigen Rindssuppe, faschiertem Rostbraten und Palatschinken serviert.

Zum Weiterhören:
Wer dem Wiener Walzer und der Musik der Strauß-Dynastie frönen möchte, hat alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das in alle Welt übertragen wird, die Möglichkeit dazu. Bald ist es wieder so weit und zeitlich und musikalisch passt dies perfekt zu dieser Lektüre. Der Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) lebte von 1825 bis 1899 und feierte mit Orchesterwerken und Operetten große Erfolge, zum Beispiel in genau jenem Jahr 1873 mit „Wiener Blut“.

Zum Weiterlesen:
Gerhard Loibelsberger habe ich durch eine persönliche Empfehlung der Krimireihe um den gemütlichen, übergewichtigen Genussmenschen Joseph Maria Nechyba kennen- und schätzen gelernt, der in 6 Bänden (und zwei Kurzgeschichtenbänden) im Wien der Jahre 1903 bis 1918 ermittelt. Diese sind sehr amüsant, stellenweise ein wenig deftig und schlüpfrig, aber stets authentisch, unterhaltsam und spannend zu lesen. Wer also gerne historische Krimis liest und sein Herz ans wunderschöne Wien verloren hat, der kann mit diesen Bänden viel Freude haben. Ich würde jedoch unbedingt empfehlen, die Fälle in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Den Auftakt bilden „Die Naschmarkt-Morde“, in welchen man Nechyba und seine Aurelia kennenlernt und sofort ins Herz schließt.

Gerhard Loibelsberger, Die Naschmarkt-Morde
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-1006-2

Vom Fliegen und anderen Träumen

Winterzeit ist Schmökerzeit und den historischen Roman „Pandolfo“ von Michael Römling mit seinen 540 Seiten kann man getrost als einen Schmöker bezeichnen. Ein praller, opulenter Roman, der den Leser abtauchen lässt in die Renaissance, den Übergang vom späten Mittelalter in die Neuzeit – genau genommen in das Jahr 1493, d.h. genau im Jahr nachdem Kolumbus Amerika entdeckte und die Welt und die Weltkarte sich für immer grundlegend veränderte.

Schauplatz ist das reiche, laute und lebhafte Handelszentrum Mailand, das damals vom Adelsgeschlecht der Sforzas regiert wurde. Bernardino Bellapianta ist durch Handel reich geworden und hat einen unvergleichlichen Aufstieg vom Findelkind und Adoptivsohn zum Selfmade-Millionär hingelegt. Er und sein Zwillingsbruder, der ebenfalls als Kind gemeinsam mit ihm vor einer Klosterpforte abgelegt wurde, zählen mittlerweile zu den reichsten Männern der Stadt. Selbstverständlich ruft dies auch Neider auf den Plan.

Bei einem Ausritt findet der Seidenhändler auf einem belebten Markt in einem Müllhaufen plötzlich einen schwerverletzten, jungen Mann, der offensichtlich eine schwerwiegende Kopfverletzung erlitten hat. Er bringt ihn zu sich nach Hause, nimmt sich ihm an und lässt ihn von seinen Bediensteten gesund pflegen. Der Schlag auf den Kopf und die tiefe Wunde haben zu einem vollständigen Gedächtnisverlust geführt. Er weiß weder seinen Namen, noch woher er kommt oder was geschehen ist. Schritt für Schritt tastet er sich zurück ins Leben und bemerkt zufällig, dass er ein großes Talent zum Zeichnen besitzt. Schon bald bringen ihm seine Zeichnungen nicht nur Teile seiner Erinnerungen und Vergangenheit zurück, sondern seine Fähigkeiten eröffnen ihm auch die Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt im Hause Bellapianta zu verdienen bzw. eine Gegenleistung für die Gastfreundschaft im Form von Entwürfen zu Stoffdesigns für die Seidenproduktion zu erbringen.

„Ich war wochenlang bewusstlos. Und als sich aufgewacht bin, war alles weg. Mein ganzes Leben. Ich wusste nicht einmal meinen Namen. Und die Erinnerungen kommen einfach nicht zurück.“

(S.268)

Bellapianta, der sich in dem jungen Mann ohne Vergangenheit wiedererkennt, schließt ihn immer mehr ins Herz. Unzertrennlich ist er jedoch vor allem auch mit seinem Zwillingsbruder Giancarlo, dessen Talente nicht so sehr im Handeln und Feilschen liegen wie bei Bernardino, sondern welcher vielmehr ein technisches Genie ist und Maschinen und Fluggeräte konstruiert und baut. Nahezu ein zweiter Leonardo da Vinci – der im Roman übrigens auch einen kurzen Auftritt hat. Giancarlo’s großer Traum ist das Fliegen und in die Realisierung dieses Traums steckt er viel Zeit und Energie – das Geldverdienen überlässt er primär seinem Bruder. Der Zeichner Pandolfo – wie der gefundene Verletzte mittlerweile genannt wird – ist auch ihm eine große Hilfe.

In Rückblenden erfahren wir nach und nach, wie die Bellapiantas zu ihrem Reichtum kamen, welche Beziehungen sie zur Türkei und dem türkischen Sultan unterhalten und der Leser taucht auch mehr und mehr in Pandolfos Geschichte und Vergangenheit ein. Im einfachen Färberviertel, in welchem es von kleinen Ganoven und Gaunern wimmelt, wird er nämlich plötzlich wiedererkannt und auch seine ehemalige große Liebe läuft ihm wieder über den Weg. Kann man sich ein zweites Mal in die selbe Frau verlieben? Und wer trachtete ihm nach dem Leben bzw. hat den Mordanschlag auf ihn verübt? Schon bald ist auch Bernardino Bellapiantas Status und Leben in Gefahr. Kann Pandolfo ihm helfen?

Ein buntes, vielschichtiges Kaleidoskop an Geschichte und Geschichten, Personen und Schauplätzen wird hier von Michael Römling aufgefächert. Die Lektüre erfordert Konzentration, die sich jedoch lohnt. Man erfährt einiges an historischem Hintergrund und man kann wirklich in die Atmosphäre der damaligen Zeit eintauchen: die Gerüche, die Klänge, die Stoffe, die Farben, die Feste und Mahlzeiten – das ist vom studierten Historiker Römling, der selbst lange Zeit in Italien gelebt hat, sehr gut recherchiert und beschrieben.

„Ich roch Gebratenes und Verbranntes, die Düfte der Frauen und den Gestank der Gossen. Ich hörte Kirchenglocken und das Klappen von Fensterläden. Und ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass es nach Hause ging.“

(S.56)

Wer also ein wenig Geduld, Konzentration und Interesse für Mailand, die Renaissance und Geschichte im Allgemeinen mitbringt, der wird an „Pandolfo“ seine Freude haben. Ein fundierter, erzählfreudiger und unterhaltsamer historischer Roman, der einen ins Italien des 15. Jahrhunderts entführt. Ein Leseabenteuer und ein schöner Schmöker für lange Winterabende, der mich überzeugt hat. Römling’s zweiter historischer Roman „Mercuria“, der 1570 in Rom spielt und am 15.12.2020 bei Rowohlt erschienen ist, steht daher ebenfalls schon auf meiner Wunschliste.

© Rowohlt Verlag

Buchinformation:
Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Hundert Augen
ISBN: 978-3-498-09356-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Pandolfo“:

Für den Gaumen:
Die Gelage und Festmahlzeiten der damaligen Zeit sind für den heutigen Gaumen eher gewöhnungsbedürftig:

„serviert wurden Pfauen mit aufgespannten Rädern, vergoldetes Wildbret, mit Papageienfedern drapiertes Geflügel und dutzenderlei andere Überflüssigkeiten“

(S.272)

Daher würde ich dann doch eher zu einem schönen Glas italienischem Rotwein raten, z.B. aus der lombardischen Nebbiolotraube.

Zum Weiterschauen:
Meine Heimatstadt Landshut ist bekannt für die „Landshuter Fürstenhochzeit“ – ein historisches Fest, das in der Regel alle vier Jahre gefeiert und aufgeführt wird (nur Corona hat auch diesem Zeitplan einen Strich durch die Rechnung gemacht und die für 2021 geplante Aufführung wurde bereits auf 2023 verschoben). Diese spielt das Jahr 1475 und die Hochzeit des Landshuter Herzogssohn Georg und der polnischen Königstochter Jadwiga nach und legt großen Wert auf eine möglichst detailgetreue Aufführungspraxis. Wer also selbst ein wenig Flair und Atmosphäre des späten Mittelalters erleben möchte, hat in Landshut in zweieinhalb Jahren wieder die Möglichkeit dazu.

Zum Weiterlesen:
Der ultimative Klassiker des historischen Romans – gerade wenn man an den Schauplatz Italien denkt – ist mit Sicherheit Umberto Eco’s Meisterwerk „Der Name der Rose“, das mir absolut unvergessliche Lesestunden beschert hat und mich bis heute fasziniert. Dieser spielt zwar zeitlich etwas früher als „Pandolfo“ im Jahr 1327, aber dennoch fühlte ich mich stilistisch daran erinnert.
Vor einigen Jahren durfte ich zudem im Landshuter Prantlgarten vor historischer Kulisse eine fulminante Freiluftaufführung dieses legendären Werks genießen. Nicht nur großes Kino (in der Verfilmung mit Sean Connery), sondern vor allem ganz große Literatur.

Umberto Eco, Der Name der Rose
Übersetzt von Burkhart Kroeber
Hanser
ISBN: 978-3-446-25380-3

Schlemmen in Wien

Wien ist immer eine Reise wert und eine Stadt, die für mich zu den schönsten der Welt zählt. Daher hatte ich große Freude daran, zumindest literarisch mit Vincent Klinks „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ gemeinsam mit dem bekannten Starkoch dorthin zu reisen. Ein Streifzug durch Kaffeehäuser, Restaurants, Hotels und die Sehenswürdigkeiten der Stadt aus Sicht des erfahrenen Gastronomen, der dem Leser eine spannende Sicht und teils neue Perspektiven auf die österreichische Hauptstadt eröffnet und seine ganz persönlichen Lieblingsplätze und -lokale verrät.

Wenn man durch dieses hochwertige, schön aufgemachte mit zahlreichen Fotografien und teils eigenen Aquarellen Vincent Klinks illustrierte Buch blättert und liest, fängt man im Kopf sofort an zu reisen. Und wenn man die Stadt an der Donau bereits besucht hat, entdeckt man viele Orte wieder, die man selbst schon gesehen und bewundert hat – es weckt sofort schöne Erinnerungen. Doch es sind auch einige Empfehlungen und Geheimtips dabei, die Anlass geben, der Stadt einen weiteren Besuch abzustatten. Obwohl man dafür eigentlich gar keinen Grund braucht, denn nach Wien fährt man immer wieder gerne, freut sich auf das Wiedersehen mit bereits ins Herz geschlossenen Lieblingsplätzen ebenso wie auf das Entdecken von Neuem.

Vincent Klink ist Koch, Vollblutgastronom und betreibt in Stuttgart das bekannte Restaurant Wielandshöhe. Darüber hinaus ist er Fernsehkoch, ein künstlerischer Tausendsassa, Schriftsteller, Maler und vielseitig kulturell interessiert – all diese Aspekte fließen daher in seine Sicht auf die Stadt Wien ein. So kommt neben der Kulinarik und zahlreichen Empfehlungen von Kaffeehäusern, Restaurants und Hotels auch der kulturelle und geschichtliche Aspekt nicht zu kurz.

„Einem geübten Koch oder – wie in diesem Fall – einer geübten Köchin bei der Arbeit zuzusehen, das ist großes Kino. Wie überhaupt das ganze Café großes Kino ist“

(S.97)

Wie er selbst schreibt, ist „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ vollkommen subjektiv, d.h. seine ganz persönliche und individuelle Perspektive. Kein Reise- oder Gastroführer, der nach Vollständigkeit oder einem Gesamtüberblick der wichtigsten Sehenswürdigkeiten strebt, sondern vielmehr eine Auswahl, die ihm am Herzen liegt und aus emotionalen Gründen etwas bedeutet. Im unterhaltsamen und kurzweilig zu lesenden Plauderton erzählt er dem Leser seine ureigenen Geschichten über Wien, entführt zu ausladenden und opulenten Gelagen in exquisiten Restaurants, aber auch in bodenständigen Gasthäusern mit Tafelspitz, Wiener Schnitzel, Innereien, Gulasch, Marillenknödel, Palatschinken, Sachertorte und erlesenen, österreichischen Weinen wie Grünem Veltliner oder dem Gemischten Satz und … und … und… Dass einem da das Wasser oft im Munde zusammenläuft und man beim Lesen eigentlich ständig Appetit und Gusto auf Essen bekommt, muss ich vermutlich nicht mehr gesondert erwähnen.

Zusätzliche Würze verleihen und wunderbare Ergänzung sind Rezepte von Wiener Spezialitäten, die er persönlich notiert und verfeinert hat. So erfährt der Leser auch noch einige Küchengeheimnisse – zum selbst nachkochen.

„Der Wiener Kellner ist von seiner mentalen Haltung her knallhart, geübt und routiniert und gegen jedwedes Gezicke allergisch oder gleich ganz immun. Er ist der Chef, und wenn das geklärt ist, kommt die Annäherung.“

(S.255)

Klink schreibt wie ihm der Schnabel gewachsen ist und nimmt zu einigen Themen auch kritisch Stellung. Teils süffisant, bissig und ohne Blatt vor dem Mund schreibt der „Piefke“ über Wien und die Wiener – wie Einheimische das finden würden, kann ich nicht beurteilen, aber nachdem er auch mit einer großen Prise augenzwinkernder Selbstironie ausgestattet ist, sich selbst aufs Korn und nicht zu ernst nimmt und zudem ganz klar macht, dass es sich um seine subjektive Sicht handelt, kann er wohl auf Gnade hoffen. Dass er die Stadt liebt und ihr – ebenso wie der Wiener Küche – verfallen ist, spürt man beim Lesen.

Die Vielseitigkeit des Autors und seine breitgefächerten Interessen machen das Buch zu einer prall gefüllten Wundertüte und herrlich abwechslungsreich, so erfährt man neben Insider-Einblicken in die Gastronomie auch einiges über Jazz, Literatur, Malerei, Architektur und Geschichte.

„ (…) wir lieben es, wenn Tischgenossen schlauer sind als wir selbst, denn das Schönste ist doch zwangloses Lernen im Gasthaus. Das Gasthaus als Universität ist sowieso völlig unterschätzt.“

(S.253)

Abgerundet wird das Buch neben einer Zusammenstellung der „wichtigen Wiener“ inklusive kurzer Beschreibung derer Leben und Werk, am Ende auch mit einer Auflistung von „guten Orten“, d.h. Kaffeehäusern, Gasthäusern und Hotels. D.h. vor einer nächsten Wienreise lohnt es sich definitiv, hier nochmal einen Blick hineinzuwerfen und sich das eine oder andere Schmankerl auszusuchen.

Obwohl das Fernweh beim Lesen natürlich nicht ausbleibt, habe ich die amüsante und kurzweilige Lektüre sehr genossen. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack, da es viele Sinne anspricht und – wie ich es auch mit meiner Kulturbowle im Kleinen versuche – Brücken zwischen Kunst, Kultur, Literatur, Kulinarik, Musik und vielem mehr schlägt. Ein Buch für Genießer, Wienliebhaber und alle die es werden wollen!

Das Buch habe ich bei einer Verlosung auf Marius’ Literaturblog Buch-Haltung in Zusammenarbeit mit den 37. Baden-Württembergischen Literaturtagen gewonnen und möchte mich hierfür nochmal sehr herzlich bedanken.

© Ullstein Verlag

Buchinformation:
Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“:

Für den Gaumen (I):
Zweifelsohne bekommt man beim Lesen dieses Buchs einen Mordsappetit und Gelüste auf Frittatensuppe, Wiener Schnitzel und Millirahmstrudel (hier erfährt man übrigens, warum dieser so heißt) oder ein Stück Sachertorte mit einem schönen Verlängerten oder einer Mélange.

Für den Gaumen (II):
Es empfiehlt sich eine Flasche Grünen Veltliner im Kühlschrank einzukühlen, bevor man mit der Lektüre startet. Spätestens nach dem dritten ausgiebig und schwelgerisch beschriebenem Mittagsgelage und der Erwähnung dieser typisch österreichischen Rebsorte, bekommt man einfach Lust auf ein Gläschen.

Zum Weiterhören:
Vincent Klink ist ein großer Jazzfan und da musste ich natürlich auch sofort in eine seiner Empfehlungen reinhören: Nica’s Dream, das zu seinen Lieblingsstücken zählt. Etwas zum mitswingen und mitgrooven.

Zum Weiterlesen:
Vincent Klink gibt in seinem Buch zahlreiche Tips für weiterführende Lektüre und Querverweise zu anderen Büchern. Ein Lieblingswerk scheinen wir gemeinsam zu haben, denn zu meinen absoluten Herzensbüchern zählt Stefan Zweigs „Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“.

Stefan Zweig, Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“
Fischer
ISBN: 978-3-596-90258-3

Schnee in Paris

Die ersten weißen Weihnachten in Paris seit dem Jahr 1962 und die Leser von Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ dürfen dabei sein, wenn der Commissaire in den schneebedeckten Straßen der Weltstadt seinen dritten Fall löst. In der Regel bin ich nicht unbedingt ein Freund von Weihnachtskrimis, zumal diese häufig allzu klischeebehaftet und kitschig daherkommen. Aber irgendwie ist dieses Jahr vieles anders – und wenn sich schon die Adventszeit ausschließlich zu Hause abspielt, wollte ich zumindest literarisch ein wenig „weiße Weihnachtsatmosphäre“ aus anderen Gefilden genießen. Ein bisschen Romantik, Kulinarik und etwas Wärmendes für die Seele und so bin ich an diesem schmalen, schön gestalteten Band von Alex Lépic nicht vorbeigekommen, da ich im Sommer bereits die ersten beiden Fälle von Commissaire Lacroix mit einigem Vergnügen gelesen habe.

Zu Beginn langweilt sich der Commissaire schrecklich, denn in seinem Arrondissement scheint bereits der vorweihnachtliche Friede eingekehrt zu sein und es ist quasi nichts los. Kein Fall in Sicht, nichts zu ermitteln. Doch bei der gemütlichen Zeitungslektüre in seinem Lieblingslokal stößt er plötzlich auf eine Meldung, die ihn aus seiner Genussseligkeit (bei Ente und Rotwein) und seiner Lethargie reißt: Auf der beliebten Place de Tertre in Montmartre wurde doch tatsächlich die Weihnachtsbeleuchtung gestohlen. Wer macht so etwas? Und wie konnte dies unbeobachtet und unbemerkt geschehen?

Obwohl Montmartre nicht in seine Zuständigkeit fällt, lässt dieses hinterhältige Verbrechen Lacroix keine Ruhe und er eilt seiner Kollegin im Nachbarrevier zu Hilfe, mischt sich in die Ermittlungen ein. Als dann auch noch kurz darauf die große Weihnachtstanne bei Sacré-Cœur gefällt wird, scheint klar zu sein, dass es sich hier um eine Verbrechensserie eines Weihnachtshassers handeln muss. Was plant dieser als Nächstes und wird Lacroix den Täter noch vor dem Weihnachtsfest fassen?

„Lacroix hatte es bisher vielleicht zehnmal in seinem Leben erlebt: Schnee in Paris. Die Stadt versank dann im Chaos – aber sie war auch wunderschön.“

(S.35)

Ich gebe zu, dass ich das Buch nicht wirklich wegen des Kriminalfalls gelesen habe, sondern viel mehr wegen des ganzen „Drumherum“, des Flairs, der Atmosphäre, den Schilderungen von Restaurants und Bistros, den beschriebenen Mahlzeiten und Getränken und dem liebenswerten Kommissar und seiner wunderbaren Frau. Weiße Weihnachten in Paris: schneebedeckte Straßen, leckere Rotweine, feines Essen, touristische Attraktionen, die Künstler von Montmartre – kurzum der Lokalkolorit und das französische „Savoir vivre“ machen für mich den Reiz dieser Krimis von Alex Lépic aus und darin ist er großartig. Er stillt das Fernweh und ein wenig auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die man gerade jetzt in der Weihnachtszeit ja auch mal haben kann.

Die Figuren sind rundum liebenswert und wachsen einem sofort ans Herz: Lacroix – der Handyverweigerer und Flaneur, der seine Gattin, die Bürgermeisterin eines Pariser Arrondissements ist, auf Händen trägt und mit ihr gemeinsam das Leben zu genießen weiß. Die Wirtin seines Stammlokals mit Hündchen Idefix sind ebenso Sympathieträger wie der Bruder des Commissaires, der als Priester stets ein offenes Ohr für seinen Bruder bei der Polizei hat und teilweise auch beratend zur Seite steht.

Und so liest sich das Ganze sehr genussvoll und flüssig und man fliegt gerade so durch die Seiten, was mich zu einem kleinen Wermutstropfen bringt:
Ein wenig kurz ist dieser Weihnachtsfall für meinen Geschmack geraten, denn mit seinen lediglich 200 Seiten ist das gerade mal eine knackig-kurze Unterhaltung für einen Nachmittag oder einen Abend. Nichtsdestotrotz etwas fürs Herz (ein bisschen Kitsch durfte sein), mir wurde weihnachtlich und behaglich zumute und ich habe die Lektüre wirklich genossen. Mit Sicherheit kein Krimi für Freunde der blutrünstigen und härteren Gangart oder Fans atemberaubender Spannung, aber für alle, die gerne mal einem sympathischen, leicht schrulligen Kommissar in einer Weltstadt mit Flair beim Ermitteln zusehen und Gefallen an Lokalkolorit und viel kulinarischen Inspirationen haben, sind hier gut aufgehoben. Nicht umsonst wird Lacroix in den Romanen von seinen Polizeikollegen und der Presse immer wieder als der neue Maigret bezeichnet. Große Fußstapfen, aber die Richtung stimmt.

Wer ein bisschen Weihnachtsatmosphäre, Pariser Schneegestöber und Lichterglanz zelebrieren, einfach mal ein paar Stündchen abschalten und die Welt und die Sorgen draußen lassen möchte, der wird hier auf seine Kosten kommen. Joyeux Noël!

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kück Leselust.

Buchinformation:

Alex Lépic, Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
Kampa
ISBN: 978 3 311 12517 4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“:

Für den Gaumen (I):
Weihnachtszeit ist bei vielen Entenzeit und auch Commissaire Lacroix kann sich dafür begeistern:

„Die Ente war kross und die Soße aus Rotwein und Zwiebeln dunkel und glänzend. So hatte er es am liebsten. Dazu (…) weiße Bohnen aus Tarbes“

(S.11)

Für den Gaumen (II):
Lacroix ist einem guten Tropfen niemals abgeneigt und so kann man auch das eine oder andere über französische Weine lernen. Zu schade nur, dass man nicht gleich mitprobieren und verkosten kann. Sich nach einem winterlichen Spaziergang durch Paris in einem urigen Bistro wieder aufzuwärmen und sich zum Beispiel ein Gläschen Chinon von der Loire zu gönnen wie der Commissaire, da hätte wohl kaum jemand etwas dagegen.

Zum Weiterhören:
Wie für mich – gehört auch für Lacroix, dessen Bruder Priester ist – ans Ende des Weihnachtsgottesdiensts das traditionelle und wunderschöne „Stille Nacht, heilige Nacht“ – natürlich in seinem Fall mit französischen Text: „Douce nuit, Sainte nuit“.

Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsausgabe „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ ist bereits Commissaire Lacroix’ dritter Fall. Wer also gerne chronologisch liest und die Charaktere bereits mit ihrer Vorgeschichte kennenlernen möchte, sollte mit Band 1 (Lacroix und die Toten vom Pont Neuf) und 2 (Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain) beginnen, die ebenfalls lesenswert sind:

Alex Lépic, Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
Kampa
ISBN: 978 3 311 12500 6

Alex Lépic, Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain
Kampa
ISBN: 978 3 311 12509 9

Kulinarisches Vermächtnis

Jacky Durand ist französischer Journalist und Gastrokritiker (u.a. in der „Libération“) und hat mit „Die Rezepte meines Vaters“ jetzt seinen ersten Roman vorgelegt, mit dem er – um im Bild zu bleiben – meinen Geschmack in jeder Hinsicht perfekt getroffen hat. Dieses kleine, aber feine Buch ist liebevoll, warmherzig und eine wunderbare Liebeserklärung an Väter und Söhne, Köche, Küchen, Gastronomie und gutes Essen. Magnifique!

„Du hast mir kein einziges Rezept erklärt. Zumindest nicht so, wie man es in der Schule lernt. Es gab keine Notizen, keine Mengenangaben, keine Anweisungen, ich musste mir alles mit Augen und Ohren aneignen.“

(S.15)

Zu Beginn des Romans liegt Koch Henri im Sterben und sein Sohn Julien steht ihm am Sterbebett bei. In den letzten Tagen und Stunden versucht er, während er die Hand des Vaters hält, noch dessen kulinarische Tipps, Tricks und Küchengeheimnisse in Erfahrung zu bringen – gleichsam das kulinarische Vermächtnis zu sichern, solange dies noch möglich ist. Doch dies scheinen nicht die einzigen Familiengeheimnisse zu sein, welche noch ans Licht gelangen.

Henri führt gemeinsam mit seinem Freund Lucien (kurz: Lulu) ein florierendes Bistro im Osten Frankreichs. Die beiden haben sich während des Algerienkriegs kenngelernt, sind seither unzertrennlich und ein eingespieltes Team. Für Julien, den kleinen Sohn Henri’s gibt es nichts Schöneres oder Faszinierenderes als seine Zeit in der regen Betriebsamkeit, Hitze und Hektik der Restaurantküche zwischen den beiden Männern, den Zutaten und den Kochtöpfen zu verbringen. Schon früh packt ihn die Faszination für gutes Essen, die Liebe zu guten, frischen Lebensmitteln, ehrlichen Ausgangsprodukten und die Leidenschaft für das Handwerk des Kochens.

Die Mutter ist Lehrerin und schon bald zeigt sich, dass die Gräben und Unterschiede zwischen der feingeistigen Akademikerin und dem rund um die Uhr arbeitenden Koch Henri immer tiefer werden. Die Ehe zerbricht und der kleine Julien bleibt beim Vater, als sich die Eltern trennen. Der Kontakt zur Mutter bricht ab.

„Für mich bist du der Feuermeister, ein Zauberer, der die Brioche zum Aufblähen bringt. Ein Tresorknacker, der die Austern öffnet. Ein Magier, der die Sahne schlägt und für mich Bitterschokolade zum Schmelzen bringt.“

(S.30)

So wächst der Junge im Bistro des Vaters auf und verbringt seine Freizeit am liebsten als Helfer in der Küche. Schon bald äußert er den Wunsch, selbst Koch werden zu wollen und in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Dieser reagiert entsetzt, denn er wünscht sich für seinen Sohn eine andere, eine bessere Zukunft: er soll lernen, studieren und einen weniger anstrengenden, sauberen Beruf mit geregelten Arbeitszeiten und ohne körperliche Anstrengungen ergreifen, statt Tag und Nacht in der Küche am heißen Herd stehen zu müssen. Die unterschiedlichen Ansichten über Julien’s Zukunft führen immer häufiger zu Spannungen zwischen Vater und Sohn. Bezeichnend ist eine Szene, als Julien aus einem Ferienlager zurückkommt, in welches ihn der Vater geschickt hatte, obwohl der Junge viel lieber bei ihm im Restaurant geblieben wäre. Stolz berichtet der Sohn, dass er der Held seiner Kameraden war, weil er als Einziger kochen konnte und sie fürstlich bewirtet hatte – für den Jungen ein großes Erfolgserlebnis, für den Vater ein Ärgernis.

„Ich erzähle nicht weiter von meiner Bolognese und meinem Hühnchen. Ich hatte mir vorgestellt, dass du stolz auf mich bist. Mitnichten. Für dich habe ich meine Ferien damit verbracht, hinter deinem Rücken zu kochen. Das ist schlimmer, als hätte ich mich danebenbenommen.“

(S.89)

Julien geht seinen Weg und erfüllt zumindest in Teilen den Wunsch seines Vaters. Er beendet die Schule, geht in einer anderen Stadt studieren – und doch jobbt er nebenbei als Koch in der Gastronomie (ohne dass der Vater davon weiß), bildet sich weiter, lernt stets dazu. Diese Leidenschaft verlässt ihn nie und wird ihn sein Leben lang weiter begleiten.

Die Liebe zum Kochen und die Magie einer guten Mahlzeit sprüht aus jeder Zeile des Romans und die Faszination ist für den Leser zu jeder Zeit erfahrbar und spürbar. Man merkt dem Autor an, dass dies auch sein Leben ist und vermutlich einiges an persönlicher Erfahrung und Leidenschaft in diesen Erstling eingeflossen ist.

Abgerundet wird das Buch mit einigen Rezepten aus Henri’s Bistro-Küche, wie z.B. Frühlingsomelette, Kartoffelgratin der Franche-Comté , Fleischeintopf (Pot-au-feu), Zwetschgentarte und einige mehr. Wem da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft…

Das Buch liest sich wie im Flug und ich war tatsächlich ein wenig traurig und wehmütig, als es nach den knapp 200 Seiten bereits zu Ende war. Fast wie bei einem guten Essen, das nach einer langen Zubereitungszeit und viel Zeit in der Küche letzten Endes in wenigen Minuten verspeist ist. Ein kurzer Genuss.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es jedoch auch Menschen für sich einnehmen könnte, die vielleicht seltener zu Büchern greifen, aber selbst gerne kochen oder gut essen. Vielleicht also eine Geschenkidee für das nahende Weihnachtsfest, um kulinarisch-interessierte Wenigleser und Küchenfreaks auch mal zum Lesen zu verführen.

Mein Herz hat Jacky Durand im Sturm erobert. Er hat mich begeistert und ich bin völlig hin und weg von diesem wunderbaren Roman, den ich im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht verschlungen habe. Für mich als Genussmensch war dies genau das richtige Rezept mit einer ausgewogenen Mischung aus Gefühl, Humor und Kulinarik in einer schönen, poetischen Sprache, die es für mich zum großen Lesevergnügen haben werden lassen. Ein wunderbares Buch und mein heimlicher Liebling des Lesemonats November – herzerwärmend wie das Feuer in Henri’s Ofen!

© Kindler Verlag

Buchinformation:
Jacky Durand, Die Rezepte meines Vaters
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler
ISBN: 978-3-463-00008-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Rezepte meines Vaters“:

Für den Gaumen:
Bei der Lektüre diese Romans ist der Appetit ein stetiger Begleiter und es bleibt selbstverständlich nicht aus, dass man Lust darauf bekommt, sich selbst etwas Gutes zuzubereiten. Da ist es um so schöner, dass am Ende des Buches auch noch einige Rezepte aufgeführt sind. Auf meinem Plan steht jetzt vor allem das Kartoffelgratin der Franche-Comté ganz weit oben. Das könnte jetzt im Winter genau das richtige Soulfood sein.

Zum Weiterklicken:
Durch das Bloggen werde ich auch immer wieder auf schöne Foodblogs aufmerksam und koche oder backe das eine oder andere Rezept auch tatsächlich nach. Die gebotene Vielfalt im Netz ist unglaublich und faszinierend. So fällt die Auswahl hier schwer, aber ich nehme jetzt exemplarisch zwei deren Rezepte ich bereits selbst ausprobiert habe: So kann ich z.B. das Chicken Tikka Masala von Arcimboldi’s World, aber auch den Apfel-Streusel-Kuchen von Ein Nudelsieb bloggt sehr empfehlen. Viel Spaß beim Stöbern, Nachkochen und bon appétit!

Zum Weiterlesen:
Vor vielen Jahren habe ich Anna Gavalda’s Bestseller „Zusammen ist man weniger allein“ gelesen. Ebenfalls ein französischer Roman und auch hier geht es um einen Koch und große Gefühle. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die wunderbare Übersetzerin Ina Kronenberger, die beiden Romanen genau den richtigen Tonfall geschenkt hat in einer Sprache, die ebenfalls einen Genuss darstellt.

Anna Gavalda, Zusammen ist man weniger allein
Übersetzt von: Ina Kronenberger
Fischer
ISBN: 978-3-596-17303-7

Novemberbowle 2020 – Nebeltage und Couchabende

Zeit zum Lesen gab es in diesem November genug, denn aufgrund des partiellen Lockdowns gab es an den Abenden keine anderen kulturellen Möglichkeiten – Theater, Kinos, kulturelle Einrichtungen und auch die Gastronomie blieben geschlossen. Das Wetter präsentierte sich häufig von der trüberen Seite und oft hielt sich der Nebel den ganzen Tag über. Dennoch war Zeit für einige herbstliche Spaziergänge und gemütliche Abende auf der Couch mit guter Lektüre, so dass wieder einiges zusammengekommen ist diesen Monat:

Den Auftakt bildete der wunderbare Roman „La Fenice“ von Lea Singer, der mich ins Venedig der Renaissance entführte und mit dem mich die Autorin wieder einmal absolut überzeugen konnte. Sie erzählt die Geschichte der Muse und des Modells Tizians, welche er in seinem berühmten Gemälde „Die Venus von Urbino“ verewigte. Ein bewegender Roman über Venedig, Kunst und ein aufrüttelndes Frauenschicksal.

Während des US-Wahlkampfkrimis zu Beginn des Novembers las ich den ersten Band aus Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe „Amerika“ und irgendwie passte dieser Roman perfekt zu diesen verrückten Tagen. Gebannt schaute man abends auf die Karte mit den rot und blau gefärbten Bundesstaaten und parallel verfolgte ich den Amerika-Aufenthalt und die Anekdoten, welche der jugendliche Meyerhoff in seinem Austauschjahr an der amerikanischen High School im sehr ländlichen Staat Wyoming erlebt hat und auf sehr unterhaltsame Weise schildert. Meine Lust und Neugier auf die Folgeromane ist definitiv geweckt.

Ein absolutes Muss im November war für mich der neu erschienene achte Gereon-Rath-Fall von Volker Kutscher „Olympia“. Gleich am Erscheinungstag stattete ich abends meiner örtlichen Buchhandlung einen kurzen Besuch ab und dann wurde der Band zeitnah und genüsslich verschlungen. Für mich einer der stärksten Bände der ohnehin herausragenden Reihe, der mich vor allem durch die Schilderungen der olympischen Spiele 1936 in Berlin, die Atmosphäre, die längst liebgewonnenen Figuren (Gereon, Charly, Fritze) und die spannende Handlung mit großem Paukenschlag absolut gepackt hat.

David Foenkinos „Die Frau im Musée d’Orsay“ konnte mich danach hingegen leider nicht so wirklich überzeugen und ich hatte mir in Summe mehr von diesem französischen Roman erwartet. Ein Kunstprofessor wirft seinen Job hin und arbeitet plötzlich als einfache Museumsaufsicht im legendären Musée d’Orsay – das klang zunächst spannend, aber der erhoffte künstlerische Aspekt ist mir persönlich etwas zu kurz gekommen und auch die Liebesgeschichte hat für mich nicht gezündet.

Deutlich spannender fand ich dagegen „Agatha Christie. Eine Biografie“ von Barbara Sichtermann. Inspiriert durch eine „Mord im Orientexpress“-Verfilmung (mit Albert Finney als Poirot und weiteren Hollywoodstars wie Ingrid Bergman, Lauren Bacall und natürlich dem leider vor kurzem verstorbenen Sean Connery aus dem Jahre 1974), die ich im Fernsehen sah, wollte ich auf einmal mehr über die bekannte Krimiautorin wissen. Eine interessante und aufschlussreiche Lektüre, in welcher ich auf unterhaltsame und gut lesbare Weise viel Neues über die „Queen of Crime“ erfahren habe. Flankiert habe ich das Ganze noch mit dem Hörbuch „Ruhe unsanft“ – dem letzte Fall Miss Marple’s – gelesen von der unverwechselbaren Katharina Thalbach, welche den vielen Figuren auf großartige Art und Weise jeweils ihren ganz eigenen, markanten Tonfall verleiht – absolut hörenswert!

Mit Agatha Christie teile ich die große Leidenschaft fürs Theater und da diesbezüglich im November ja leider keine Möglichkeit bestand, diese auszuleben, konnte ich mit Christian Knull’s „Wir probten die Liebe“ zumindest literarisch die Bretter, die die Welt bedeuten, erkunden. Er beschreibt aus Sicht eines 12-köpfigen Theaterensembles die heiße Probenphase bis zur Premiere von Arthur Schnitzler’s „Reigen“. Dass das erotisch aufgeladene und ehemals skandalträchtige Stück auch bald zu Spannungen zwischen den höchst unterschiedlichen Laienschauspielern führt, versteht sich fast von selbst. Ein Buch, auf das ich ohne Bloggen und den Blog „Der Bücheratlas“ wohl nicht aufmerksam geworden wäre. Danke dafür!

Mit Deborah Levy’s „Der Mann, der alles sah“ durfte ich einen sehr vielschichtigen, raffinierten und literarisch anspruchsvollen Roman entdecken, welcher den Londoner Studenten Saul ins Ostberlin der späten Achtziger Jahre, den zerfallenden Sozialismus der DDR und dort in eine komplizierte Dreieckskonstellation der Gefühle führt. Verwirrend schön und ein besonderes literarisches Erlebnis.

Besonders nachhaltig beeindruckt und beschäftigt hat mich jedoch ein anderer Roman über das Lebens eines Künstlers in der ehemaligen DDR: Reinhard Kuhnert’s „Abgang ist allerwärts“. Ein großartiges, poetisches und sprachlich unglaublich schönes Buch, das inspiriert durch die autobiografische Geschichte des Autors erzählt, wie Zensur und Einflussnahme des Regimes einen Künstler letztlich dazu bringen, einen Ausreiseantrag zu stellen und sein Land zu verlassen. Mit großer Klugheit, Herzenswärme und Lebensweisheit hat der Autor rückblickend sehr gefühlvoll und mit viel Fingerspitzengefühl seine eigene Geschichte geschrieben.

Der Advent ist mittlerweile da, Weihnachten steht vor der Tür und so habe ich tatsächlich auch schon ein wenig Weihnachtsstimmung in meine November-Lektüre einfließen lassen und mit Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ einen klassischen Weihnachtskrimi (und den dritten Band der Reihe um den Pariser Commissaire Lacroix) gelesen. Mit gerade mal 200 Seiten war das ein kurzes, aber auch sehr kurzweiliges Lesevergnügen zum Entspannen und Seele baumeln lassen. Viel Pariser Lokalkolorit, viel Kulinarisches und romantische Stimmung, wenn es in der französischen Hauptstadt zum ersten Mal seit 1962 wieder ein weißes Weihnachtsfest gibt und der Commissaire in den schneebedeckten Straßen von Paris ermittelt.

Und mit meinem heimlichen Liebling des Monats (wenn auch in keinster Weise vergleichbar mit einem großen Kaliber wie „Olympia“, das quasi außer Konkurrenz zu sehen ist) bin ich dann auch noch ein wenig in Frankreich und bei der Kulinarik geblieben mit Jacky Durand’s „Die Rezepte meines Vaters“. Ein Junge wächst quasi zwischen den Kochtöpfen und Herdplatten in der Restaurantküche seines Vaters auf und hat bald schon den sehnlichen Wunsch, selbst Koch zu werden. Doch wenn es nach seinem Vater geht, soll er etwas Anständiges lernen, studieren und nicht Tag und Nacht in der heißen Küche am Herd stehen müssen. Dieser kleine und feine Roman ist ein unglaublich sinnliches und gefühlvolles Buch über Väter und Söhne, über die Leidenschaft fürs Kochen und die Gastronomie und hat mein Herz im Sturm erobert.

Den Abschluss meines Lesemonats bildete dann – last but not least – noch ein fast als Pflichtlektüre zu betrachtendes „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze, das als Lesung den Abschluss der 20. Landshuter Literaturtage (19.11.20 – 04.12.20) bilden sollte und die jetzt ersatzweise digital stattfinden wird. Auf der Website der Veranstalter, kann das Video ab dem 04.12.20 bis zum 31.12.20 abgerufen werden – zudem gibt es noch einige weitere Audio- und Video-Lesungen der Literaturtage zu entdecken, welche dieses Jahr unter dem Motto „In Zukunft. 16 Tage, 16 Visionen“ standen.

Ein herbstlicher, ruhiger und leiser November – ohne Theater, Oper oder andere Live-Veranstaltungen – geht zu Ende. Die erhoffte Besserung im Infektionsgeschehen ist leider (noch) nicht eingetreten und so bleiben auch im Dezember die kulturellen Einrichtungen geschlossen. So wird es wohl dieses Jahr auch ein besonders stiller und besinnlicher Advent werden, mit viel Zeit zu Hause zum Lesen, Musik hören und Konzerten im Fernsehen. Zünden wir also unsere Adventskerzen an, bleiben wir zu Hause und versuchen wir die Advents- und Weihnachtsstimmung trotz allem ganz bewusst zu genießen. Einen schönen Advent und bleibt gesund!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight November:
Passend zu den Couchabenden gab es ab und zu geröstete Maroni – das passt wunderbar in diese Jahreszeit und so kann man sich auch ein wenig Südtiroler Törggelen oder Christkindlmarkt-Feeling ins eigene Wohnzimmer zaubern.

Musikalisches im November:
Bevor es jetzt im Dezember auch musikalisch besinnlicher und weihnachtlicher wird, habe ich im November noch einmal einen schwungvollen Abstecher ins wilde Berlin der 20er und 30er Jahre gemacht und mir passend zu Volker Kutschers „Olympia“-Lektüre auf ARTE TV ein Konzert des Moka Efti Orchestra angesehen. Großartige Musiker – nicht nur im Studio für die Soundtrack-Produktion zu „Babylon Berlin“ – sondern auch live ein absolutes Erlebnis.

„Fasst frischen Mut, so lang ist keine Nacht,
dass endlich nicht der helle Morgen lacht.“

(aus Shakespeare, Macbeth IV,3)

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück.“

(aus „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk)