Tantenalarm

New York in den späten Zwanziger Jahren – ein zehnjähriger Junge, der Waise wird und in die Obhut einer reichlich exaltierten Tante mit schillernder Persönlichkeit, aber auch einem sehr großen Herzen, gelangt. Die Bühne ist bereitet für die literarische Ausnahmeerscheinung Tante Mame, die ihresgleichen sucht: Patrick Dennis’ Roman „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955 ist eine humorvolle Komödie, die es sich wieder und neu zu entdecken lohnt.

„Er hatte keine Ahnung, was das Wort Persönlichkeit überhaupt bedeutet. Woher auch? Er war ja meiner Tante Mame nie begegnet.“

(S.8)

Der kleine Patrick lernt seine Tante, die nach dem Tod der Eltern seine Vormundschaft übernehmen soll, gleich in ihrer bevorzugten, natürlichen Umgebung kennen – auf einem rauschenden Fest in ihrer New Yorker Wohnung. In der nächsten Zeit hat der Zehnjährige einiges zu lernen und aufzuholen: in einem Vokabelheft notiert er sich all die sonderbaren, neuen Worte, die seine Tante verwendet und die seinen Wortschatz ab sofort erweitern sollen: Daiquiri, nymphomanisch, Ödipuskomplex, Strandhaubitze oder narzisstisch. Es gibt viel zu lernen für den Jungen, wenn er seine neue Bezugsperson besser verstehen möchte und auch die FKK-Schule, die seine Tante für seine persönliche Entwicklung am geeignetsten hält, wird zu einer einschneidenden Erfahrung.

Selbst der Börsencrash des Jahres 1929, bei dem Auntie Mame einen Großteil ihres Vermögens verliert, kann ihr nicht die Laune verderben. Dann verkauft sie eben Rollschuhe in einem Kaufhaus und angelt sich nebenbei zufällig einen reichen Verehrer. Mame versteht es, Parties zu feiern, sich mit interessanten Menschen zu umgeben, ist einem guten Drink nicht abgeneigt und sprüht vor Lebensfreude. Ihren Neffen liebt sie und hält auch während seiner Zeit im Internat, das die Treuhandgesellschaft als Verwalter seines Vermögens letztlich für ihn auswählt, und während seines Studiums mit ihm Kontakt. Wann immer möglich versucht sie, ihn in die bessere Gesellschaft einzuführen. Selbst die Brautschau für Patrick will sie natürlich nicht dem Zufall überlassen.

In zahlreichen Episoden und skurrilen, witzigen Situationen bahnt sich das Naturereignis Tante Mame unaufhaltsam ihren Weg durch die New Yorker High Society, die Künstlerszene oder das Milieu jagdfreudiger Südstaatler.

„Es war ein schrecklich lustiger Abend, und ich glaube, ich hatte zu tief ins Glas geschaut, jedenfalls habe ich Lindsay erzählt, was ich alles so gemacht habe, seitdem ich aus Buffalo weg bin, und er zeigte sich recht amüsiert, und plötzlich sagt er: ‚Warum schreiben Sie nicht ein Buch darüber, Mame?‘“

(S.143)

Das Buchprojekt endet ohne Ergebnis in einer Katastrophe, aber Tante Mame beschert es dennoch eine interessante Affäre mit einem jüngeren Mann und sie hat einige Zeit ihren Spaß. Auch das zarte Pflänzchen einer angestrebten Theaterkarriere wird im Keim erstickt, zumal sie bei ihrem ersten Bühnenauftritt mit unfreiwilliger Komik allen anderen Darstellern die Schau stiehlt und dem Stück dank unpassender Requisiten eine völlig unerwartete Wendung gibt, die nicht im Skript steht.

Doch Tante Mame wäre nicht Tante Mame würde sie sich unterkriegen lassen.
Zielstrebig stürzt sie sich in jedes Abenteuer, das sich bietet, und in nahezu alle Fettnäpfchen, die zu finden sind, scheitert krachend und mit Stil, um sich sofort wieder aufzurappeln, das Krönchen zu richten, die Nase zu pudern und … weiter geht’s! Auf zu neuen Ufern!

Mame lässt sich stets sofort für neue Ideen begeistern, ist sprunghaft und flexibel, doch so schnell sie für einen neuen Plan entbrennt, geht dieser meist auch wieder in Flammen auf.
Doch an einigen Stellen hört selbst für Tante Mame der Spaß auf, und zwar dann, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Hier beweist sie Haltung und bezieht klar Stellung – das sind starke Szenen im Roman, die man zwischen all dem Witz und Humor zunächst in der Deutlichkeit nicht erwartet hätte.

Der Neffe nimmt es mit Humor, liebt seine Tante trotz aller Eskapaden und Peinlichkeiten, bügelt den einen oder anderen Schnitzer für sie aus und erträgt all die öffentlichen Niederlagen, Szenen und unfreiwillig komischen Situationen meist mit stoischer Ruhe.

„Ich war mal wieder im Wunderland mit dir, wie üblich. Und jetzt fahre ich mit dem nächsten Schiff zurück nach New York.“

(S.388)

Ähnlich spektakulär und turbulent wie Auntie Mame’s Lebensgeschichte, liest sich auch die Vita des Autors selbst: Edward Everett Tanner III. (1921 – 1976), der unter dem Pseudonym Patrick Dennis bekannt wurde, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den meist gelesenen Autoren Amerikas, geriet dann jedoch in Vergessenheit und arbeitete gegen Ende seines Lebens als Butler (u.a. für den McDonald’s-CEO Ray Croc) – ohne dass seine Arbeitgeber wussten, wen sie da eigentlich beschäftigten.

Wer kennt Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)? Er war Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist und verfasste auch Reiseliteratur, doch jeder kennt wohl sein berühmtestes Zitat: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Gerade in diesen düsteren Zeiten können wir vermutlich alle etwas Humor, gute Laune und etwas zu Lachen gebrauchen. Daher kommt die Wiederentdeckung von Patrick Dennis’ „Darling!“, die im amerikanischen Original „Auntie Mame. An Irreverant Escapade“ heißt, vielleicht gerade zur rechten Zeit. Eine witzige literarische „Eskapade“ mit Esprit, die mich auf jeden Fall zum Lächeln, Grinsen, Schmunzeln und Lachen gebracht hat.

Dass der Autor reichlich dick aufträgt und für heutige Verhältnisse vielleicht nicht alles vollkommen politisch korrekt ist, sollte man im Hinblick auf das Erscheinungsjahr 1955 mit einer gewissen Großzügigkeit den zeitlichen Umständen zuschreiben.

Wer dem Leben also wieder einmal so richtig ins Gesicht lachen möchte, dem kann ich nur empfehlen, Tante Mame’s Bekanntschaft zu machen.
Ein Buch voller Lebenslust und Leichtigkeit, das beschwingt und beschwipst – und das ohne am nächsten Morgen einen Kater zu verursachen! Cheers!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Patrick Dennis, Darling! Meine verrückte Tante aus New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30023-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Patrick Dennis’ „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“:

Für den Gaumen:
Tante Mame ist durchaus trinkfreudig, zum Beispiel genehmigt sie sich gerne einen „Pink Whiskers“, also einen Cocktail aus Apricot Brandy, Wermut, Orangensaft, Grenadine und Creme de Menthe.
Doch auch die süße Note des Lebens darf natürlich nicht fehlen, zum Beispiel in Form eines Lady-Baltimore-Kuchens – ein mehrschichtiger, weißer Kuchen mit Nuss- und Fruchtfüllung sowie Zuckerguss.

Zum Weiterhören:
Auch musikalisch ist Auntie Mame für ihre Zeit extravagant unterwegs, so hört sie gerne Platten von Paul Hindemith (Symphonische Metamorphosen), aber auch von Bartók, Glasunow oder Meyerbeer.

Zum Weiterschauen und Weiterhören:
Der Neffe hingegen verehrt Fred Astaire, zum Beispiel den Song „They can’t take that away from me“, der bereits 1937 von George und Ira Gershwin geschrieben wurde.

„Unser Gott hieß Fred Astaire. Er war so, wie wir sein wollten: geschliffen, weltmännisch, lässig, mondän, intelligent, erwachsen, geistreich und klug. Wieder und wieder sahen wir uns seine Filme an, spielten seine Platten, bis sie abgenudelt und verkratzt waren, kleideten uns wie er, wenn wir uns trauten.“

(S.226)

Zum Weiterlesen:
Tante Mame liest durchaus gerne, zum Beispiel André Gide’s Roman „Die Falschmünzer“ oder Romane von Edith Wharton. 1921 erhielt die Autorin den Pulitzer Preis für „The Age of Innocence“ – ein Werk, das ich jetzt wohl auch mal auf meine lange „Das sollte ich irgendwann lesen“-Liste wandern lasse.

Edith Wharton, Zeit der Unschuld
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2350-5

Sülzeunruhen in Hamburg

1919 war ein von Unruhen, Hunger und Armut geprägtes Jahr für Hamburg und seine Bewohner – Hartmut Höhne entführt den Leser mit seinem Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“ in die Hansestadt und lässt die damalige Zeit nach dem ersten Weltkrieg auf spannende Weise wieder lebendig werden.

„Wovon leben? Es mangelte an allem, an Nahrung, an Heizmaterial, an Kleidung und an Schuhen. Auf dem Schwarzmarkt bekam man das meiste. Nur, was hätten die armen Schlucker tauschen sollen?“

(S.22)

Jakob Mortensen ist Kommissar bei der Hamburger Polizei und als er zu einem Leichenfund ins Gängeviertel gerufen wird und sich das Opfer als ermordeter, ehemaliger Polizeispitzel entpuppt wird schnell klar, dass die Ermittlungen schwierig und unangenehm werden. Der Ermordete war ein kaisertreuer, unbequemer und unbeliebter Zeitgenosse, potenzielle Zeugen schweigen sich gründlich aus und da die Gefahr besteht, dass nach wie vor alte Seilschaften in Polizeikreise bestehen könnten, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Ritt auf der Rasierklinge, die Mortensen selbst in höchste Gefahr bringt.

„Man kann sich sein Paradies nicht aussuchen“, kommentierte Jakob trocken.

(S.161)

Zudem herrscht in der Stadt ohnehin Aufruhr und Chaos, die Menschen hungern, versorgen sich auf dem Schwarzmarkt – Razzien sind an der Tagesordnung und so mancher kann sich nur noch mit illegalen Mitteln über Wasser halten.

„Die alte Gesellschaft sitzt tief in uns, und die neue Zeit ist noch nicht bei uns allen angekommen, dafür ist die Not zu groß. Jeder muss selbst sehen, wie er sich und seine Familie irgendwie durchbringt, da kann man mal auf dumme Gedanken kommen.“

(S.172/173)

Auch politisch ist die Lage aufgeheizt und als öffentlich wird, dass die Not der Menschen ausgenutzt und im großen Stil „Gammelfleisch“ zu Sülze verarbeitet und an die Bevölkerung verkauft wurde, bricht der Zorn sich Bahn und es kommt zum Aufstand. Die Sicherheit der Bürger ist nicht mehr gewährleistet, militärische Machtverhältnisse sind im Umbruch und die Situation ist unübersichtlich.

Der historische Hintergrund und das wahre Ereignis der Sülzeunruhen 1919 in Hamburg war mir vor der Lektüre noch kein Begriff. Um so interessanter, wenn die Krimilektüre nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch noch lehrreich ist.

Der Lebensmittelskandal und die dadurch ausgelösten Unruhen forderten damals 80 Todesopfer. Höhne verpackt den realen Hintergrund geschickt und der Leser wird Zeuge, wie sich die Lage in der Stadt immer mehr zuspitzt und schließlich eskaliert.

Mir gefallen die Milieuschilderungen Höhne’s und der Hamburger Lokalkolorit der damaligen Zeit. Man erfährt viel über die Stadt und ihre Geschichte, lernt mit Jakob Mortensen einen neuen, sympathischen und gewieften Kommissar mitsamt seiner Familie kennen und folgt ihm gerne durch die Wirren und den Tumult. Der Polizist muss während der Ermittlungen ordentlich einstecken und auch ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit kommt wieder an die Oberfläche.

Der größte Teil des Hamburger Gängeviertels wurde über die Jahrzehnte inzwischen abgerissen, nur noch vereinzelte Häuser sind wohl erhalten geblieben – mal sehen, ob ich irgendwann bei einem zukünftigen Hamburgbesuch noch etwas des besonderen Charmes dieser Fachwerkhäuser entdecken kann.

Die Atmosphäre, die Enge, die Armut und die Not der Menschen, die dort unter prekären Zuständen nach dem Krieg hausen, hat Höhne stimmungsmäßig sehr gut eingefangen. Er thematisiert die Schicksale und Traumata der Kriegsheimkehrer und auch die chaotischen Verhältnisse während der Sülzeunruhen, die auch neue Ordnungsmächte auf den Plan rufen – kurz zuvor war in Bayern die bayerische Räterepublik blutig niedergeschlagen worden.

Ein flüssig-schnittiger Krimi für Hamburgliebhaber und Fans von historischen Stoffen, der sich herrlich flott und unterhaltsam einfach so weglesen lässt. Es ist kurzweilig, mit Kommissar Mortensen, der dänische Wurzeln hat, ein begeisterter Schwimmer ist und trotz allem Trubel auch noch Zeit hat, sich zu verlieben, durch das aufgewühlte Hamburg zu stromern. Mit ihm hat Höhne eine sympathische Figur erschaffen, die man gerne begleitet. Es bleibt abzuwarten, ob wir noch mehr von Jakob Mortensen zu lesen bekommen – das Potenzial für weitere Fälle in spannenden Zeiten und in der schönen Hansestadt wäre ohne Zweifel vorhanden.
Für eine Fortsetzung könnten die letzten beiden Sätze sprechen:

„Da kam einiges auf die Bewohner dieser Stadt zu. Noch war kein Frieden in Sicht.“

(S.313)

Fazit: Paradiesisch geht es nicht zu im Hamburger Paradieshof und wer gerne Sülze isst, sollte sich vor der Lektüre vorsichtshalber auf einiges gefasst machen, bekommt aber trotz allem auf jeden Fall einen lesenswerten und geschichtlich interessanten Krimi serviert.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Höhne,Mord im Gängeviertel
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0175-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mord im Gängeviertel“:

Für den Gaumen (I):
1919 herrschte großer Hunger, so wurde nicht nur Sülze „gepanscht“, sondern auch sonst war der Speiseplan der Hamburger sehr karg und einseitig:

„Die ganze Stadt roch nach Kohlsuppe. Erst wenn es nicht mehr nach Kohl roch, war der Krieg vorbei, kam Jakob in den Sinn.“

(S.32)

Die Sorgen wurden – falls möglich – gerne mit einem dänischen Aquavit hinuntergespült.

Für den Gaumen (II):
Ein seltenes Festmahl bei einem Restaurantbesuch aus besonderem Anlass, sieht dann für Jakob Mortensen wie folgt aus:

Falscher Hase mit Kartoffeln und Buttergemüse.“

(S.232)

In Bayern spricht man von einem Hackbraten, in Österreich ist der falsche Hase als faschierter Braten bekannt. Bei Günter von „Ein Nudelsieb bloggt“ findet sich ein schönes Rezept für einen faschierten Braten – allerdings zeitgemäß und moderner angehaucht mit Kichererbsen-Tomatensauce.

Zum Weiterlesen:
Als Jakob Mortensen auf einem Markt die Gesamtausgabe von Theodor Storm’s Werken entdeckt, plündert er seine Geldbörse, erwirbt diese für elf Mark und gibt seinen Schatz nicht mehr aus den Händen. Das Gesamtwerk Theodor Storm’s (1817 – 1888) werde ich mir wohl nicht vornehmen, aber in seine Gedichte wollte ich schon länger wieder mal reinlesen.

Es ist ein Flüstern

Es ist ein Flüstern in der Nacht,
Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl’s, es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.

Sind’s Liebesworte, vertrauet dem Wind,
Die unterwegs verwehet sind?
Oder ist’s Unheil aus künftigen Tagen,
Das emsig drängt sich anzusagen?

(Theodor Storm)

Theodor Storm, Gedichte
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-32431-7

Lieblingsschildkröten und Aquariumskino

Der finnische Autor Mooses Mentula hat mit „Der Schildkrötenpanzer“ ein eigenwilliges und ungewöhnliches Buch vorgelegt, das nun von Stefan Moster aus dem Finnischen ins Deutsche übertragen wurde. Ein fantasievoller, wilder Ritt durch Raum und Zeit unter der Reiseleitung von Charles Bukowski und Jack Kerouac.

„Immerhin war es ihm beim Schreiben gelungen, eine Welt zu sehen, die weiträumiger war als zweiundvierzig Quadratmeter!“

(S.30)

Tino, der in einem kleinen Apartment in Helsinki haust, wird bald Vierzig und hat noch nichts geschafft in seinem Leben. Kein Studium beendet, keine Berufsausbildung abgeschlossen, keinen Job lange ausgehalten, keine Beziehung – vielmehr kämpft er seit Jahren mit einer schweren psychischen Erkrankung und Angstzuständen, die seinen kompletten Alltag dominieren. Um sich zu beruhigen, sieht er den Online-Livestream eines Aquariums und beobachtet die Fische. Selbst ein vermeintlich normaler Friseurbesuch wird zum nahezu unüberwindbaren Hindernis und auch die notwendigen Lebensmitteleinkäufe erträgt er nur, wenn er sich vorher mit Medikamenten und Dosenbier ausreichend betäubt.

„Tinos gesamtes Erwachsenenleben war ein einziges Schwimmen zwischen Haien. Jedes Mal, wenn er auch nur ein bißchen die Hoffnung nährte, daß sich die Lage besserte, warf ihn die Panik mit einem Tritt zurück und lieferte ihn wieder den Raubtieren aus.“

(S.35)

Auch die Eltern, die viele hundert Kilometer entfernt leben, haben die Hoffnung, dass er sein Leben doch noch in den Griff bekommen wird, nahezu aufgegeben.

„Tino hingegen hatte Angst vor der Angst selbst, deren Grund man weder akzeptieren noch ersticken konnte, weil es ihn nicht gab.“

(S.58)

Eines Tages landet Tino auf der Flucht vor einem kleinen Mädchen, das ihm zu nahekommt, in einem Antiquitätenladen. Ein alter Schildkrötenpanzer zieht ihn in seinen Bann und als Zugabe zu seinem Kauf erhält er vom Inhaber des Ladens eine Tasche mit Büchern, die sein Leben verändern werden. Er taucht ab in die Welt von Jack London, Jack Kerouac und Charles Bukowski, der plötzlich leibhaftig vor ihm steht und ihm dabei helfen will, sein Leben zu verändern und selbst ein neues Lebenskapitel zu schreiben. Kann das Schreiben seine Rettung sein?

„Er bekam keine Luft und konnte nicht einmal schreien. Er begriff, daß das Leben ein einziges Luftschnappen im Eimer eines Anglers war.“

(S.211)

Und so beginnt eine völlig neue, wilde Geschichte, denn plötzlich begegnet er dem kleinen Mädchen Tuuli und ihrer Mutter Mirjam, die ihm ans Herz wachsen und auf seine Hilfe angewiesen sind und ehe er sich versieht, befindet er sich in einem Wohnmobil auf einer wilden Reise durch Finnland. Den schützenden Panzer hat er abgelegt.

Sind das nur Wahnvorstellungen, die Tino’s Psychosen entspringen, oder seine Fantasie und seine ersten schriftstellerischen Gehversuche, befeuert durch die inspirierenden Werke in seiner Büchertasche? Welchen Anteil haben die starken Medikamente, die er nimmt, und welchen Bukowski, Kerouac und Co? Traum, Realität, Fakten und Fiktionen verschwimmen mehr und mehr und schon bald wird es nicht nur für Tino schwierig, den Überblick zu behalten.

Auch ich musste mich für diesen Roman aus meiner gewohnten literarischen Komfortzone ein wenig herauswagen, ganz vorsichtig den Kopf aus meinem selbstgewählten Schildkrötenpanzer strecken und ich gebe zu, dass ich stellenweise – vor allem bei allzu männlichen und sprachlich etwas vulgären Passagen – manchmal etwas gefremdelt habe.

Hinter dem harten Panzer steckt jedoch ein ernster, weicher Kern: das schwierige Thema der Angststörungen und auch die schöne Idee, dass Literatur und Fantasie helfen und einem Leben eine neue Richtung geben können. Daher lohnt sich die Lektüre – schon allein aufgrund der absolut verblüffenden Wendungen und des wirklich genialen, geradezu göttlichen Finales.

„Meine Absicht bestand darin, im Kopf des Lesers eine Geschichte zu lancieren, die erst zu leben beginnt, nachdem die letzte Seite gelesen ist.“

(S.232)

Und genau ein solches Buch ist Mooses Mentula mit „Der Schildkrötenpanzer“ gelungen – ein rätselhaftes, merkwürdiges Buch, das nach der Lektüre in einem arbeitet und das man nicht so schnell beiseite schieben kann. Viele Fragen, viele verschlungene Wendungen, viele verschiedene Ebenen – ein Buch wie ein Roadmovie und ein wilder Ritt zwischen Wirklichkeit und Illusion. Ein Roman, der verwirrt und die Leserschaft stellenweise etwas plan- und ratlos zurücklässt und doch den Geist anregt, noch einmal darüber nachzudenken. Ein verspieltes, fantasievolles literarisches Experiment für abenteuerlustige Leser, die keine Angst vor ungewöhnlichen, schrägen und skurrilen Büchern haben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mooses Mentula, Der Schildkrötenpanzer
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Weidle Verlag
ISBN: 978-3-949441-03-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mooses Mentula’s „Der Schildkrötenpanzer“ – im übrigen mit einer herrlichen Umschlagsillustration von Greta von Richthofen:

Für den Gaumen:
Die kulinarischen Gelüste sind wahrlich very british, denn sie sind inspiriert von einem britischen Missionar in der Südsee (Jack London lässt grüßen):

„Wie sehr sehnte er sich nach Darjeeling-Tee, nach Toast mit Marmelade und einem Pint Stout.“

(S.24)

Zum Weiterhören:
Ähnlich schräg und unerwartet wie die Handlung ist auch der Soundtrack des Romans: Oder hättet Ihr in einem finnischen Roman mit Ricky Martin’s „Livin la vida loca“ gerechnet? Ich nicht. Da passt für mich Van Halen’s „Right now“ gefühlt doch noch etwas besser.

Für einen Theaterbesuch:
Jean Genet – sein Roman „Querelle“ aus dem Jahr 1947 ist in der Tasche, die Tino aus dem Antiquariat mitnimmt – kenne ich bisher lediglich vom Theaterstück „Die Zofen“, welches vor kurzem im Landestheater Niederbayern auf dem Spielplan stand – ein düsteres, perfides Drama.

Zum Weiterlesen:
In Tinos Büchertasche, die sein Leben verändert, befinden sich vier Werke: Charles Bukowski „Schlechte Verlierer“, Jean Genet „Querelle“, Jack Kerouac „Unterwegs“ und Jack London „Südsee-Geschichten“. Sicherlich hilft die Kenntnis dieser Bücher auch für ein besseres Verständnis von „Der Schildkrötenpanzer“ und man wird die literarischen Anspielungen erkennen und mehr zu schätzen wissen. Ich muss gestehen, dass ich bisher keines der Bücher gelesen habe. Am meisten würde mich wohl Jack Kerouac’s Klassiker „Unterwegs“ reizen – vielleicht sollte ich diese Bildungslücke mal schließen.
Bei den Werken, die ebenfalls noch im Roman erwähnt werden, sieht meine Lesebilanz besser aus (immerhin zwei von drei): Jane Austen „Stolz und Vorurteil“, George Orwell „1984“ und Edgar Allan Poe „Der Rabe“ (nur letzteren kenne ich nicht).

Jack Kerouac, Unterwegs
Übersetzt von Thomas Lindquist
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499222252

Maritime Männerwirtschaft

Sehnsucht nach dem Meer? Roxanne Bouchard’s neuer Kriminalroman und zweiter Fall für Sergeant Morales „Die Korallenbraut“ entführt erneut auf die kanadische Gaspésie-Halbinsel und versprüht eine gehörige, unwiderstehliche Brise maritimes Flair. Ein tiefgründiger Krimischmöker, bei dem vieles unter der Oberfläche brodelt.

„Es gibt Familien, die hassen sich schon so lange gegenseitig, dass man denken könnte, dass sie das zusammenschweißt. Da ist dein Vater auf einen schönen Korb voller Krebse gestoßen.“

(S.158)

Die Fischerei ist ein hartes, bitter umkämpftes Geschäft. Fangquoten, die zunehmende Überfischung des Meeres, die Klimaveränderungen – der Wettbewerb ist gnadenlos und viele kanadische Fischer – oft in x-ter Generation, kämpfen verzweifelt um ihre Existenz und um ihr familiäres Erbe.
Frauen, die sich in dieser ursprünglichen, harten und sehr rauen Männerwelt behaupten wollen, werden grundsätzlich erst einmal misstrauisch beäugt. Das gilt für Angel Roberts, die als einzige Frau in der Region das knochenharte Gewerbe des Hummerfangs betreibt, und deren Kutter nun führungslos, verlassen treibend auf dem Meer gefunden wird – von ihr selbst fehlt zunächst jede Spur.
Das gilt aber auch für die Fischereiaufseherin Simone, die zunächst nur widerwillig die Ermittlungen von Sergeant Morales und die Suche nach dem Opfer unterstützt.

Doch der Reihe nach:
Angel Roberts und ihr Mann sind mittlerweile seit zehn Jahren verheiratet und pflegen eine ungewöhnliche Tradition: An ihrem Hochzeitstag schlüpfen beide wieder in Brautkleid und Hochzeitsanzug und feiern ihr Ehejubiläum bei einem guten Essen im Restaurant. Doch in diesem Jahr fühlt Angel sich nicht wohl und lässt sich vorzeitig nach Hause bringen. Ihr Mann jedoch ist in Feierlaune und zieht alleine noch einmal um die Häuser. Am nächsten Morgen ist ihr Kutter, Angel und ihr Brautkleid verschwunden. Ein Verbrechen? Ein Unfall? Selbstmord?

Joaquín Morales begibt sich auf die Suche nach der Hummerfischerin und beginnt zu ermitteln. Doch auch sein Privatleben ist gerade alles andere als unkompliziert: seine Ehefrau macht keine Anstalten, ihm in die Gaspésie zu folgen, dafür taucht sein Sohn Sébastien bei ihm auf mit einem großen Rucksack voller Sorgen und Beziehungsproblemen im Gepäck. Und zu allem Übel liegt auch noch der gute Freund des Sergeants – der lebenskluge, weise Fischereiveteran Cyrille – im Sterben.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig – die Einwohner reagieren immer noch schweigsam und zurückhaltend auf den frisch zugezogenen Polizisten mit mexikanischen Wurzeln. Und auch die wenigen Frauen in dieser männerdominierten Welt der Fischerei sorgen für Komplikationen – ob es nun die mysteriöse Yogalehrerin Kimo ist, die den verheirateten Sébastien becirct oder aber die toughe, starrköpfige Fischereiaufseherin Simone, die Morales bei der Aufklärung des Falles dazwischenfunkt.
Nach und nach zieht sich das Netz familiärer und feindschaftlicher Beziehungen im kleinen Fischerort immer mehr zu – und es wird klar, dass dieses Geflecht aus Hass und Missgunst deutlich enger gewoben ist als zunächst angenommen.

„Die Gaspésie forderte ihn nicht nur durch ihre Langsamkeit heraus, sondern auch durch die schmerzhafte Erfahrung von Nähe. Hier musste man die Leute genau kennen, ihnen nahe sein, um einen Fall zu lösen.“

(S.53)

Das gilt nicht nur für den Ermittler Joaquín Morales, sondern auch die Autorin Roxanne Bouchard ist ihren Figuren ganz nahe. Die wunderbaren Charaktere – oft ein wenig schrullig, eigensinnig, aber meist auch sehr sympathisch – tragen diesen Krimi. Sie sind das Herzstück des Romans oder um im sprachlichen Bild zu bleiben: die Perle in der Muschel.

Eine weitere große Stärke Bouchard’s ist es, die Naturgewalten, die Kraft des Meeres und das Raue der Natur so unmittelbar und intensiv zu schildern, dass man den Salzgeruch regelrecht in der Nase hat, die Gischtkronen auf den Wellen tanzen sieht und gedanklich stets aufs Wasser und die Weite des Ozeans blickt.
Sprachlich ist das wunderbar zu lesen, daher möchte ich hier auch explizit hervorheben, dass der Übersetzer Frank Weigand wirklich eine sehr schöne, stimmige Sprachmelodie für die poetische Sprache der Autorin gefunden hat.

„Cyrille Bernard hat einmal zu mir gesagt, dass die Vergangenheit aus getrockneten, hart gewordenen Erinnerungen besteht, die jemand auf den Küchentresen gelegt hat. Dass diese Augenblicke, verdünnt im salzigen Wasser des Kummers, manchmal wieder an die Oberfläche des Gedächtnisses steigen und dabei alles um sich herum zerreißen.“

(S.410)

Die Autorin hat erneut nicht nur einen Krimi geschrieben, sondern literarisch neben der Aufklärung des Falles noch zahlreiche, weitere große, menschliche Themen in das Buch gepackt. Sie schreibt über Familien, das Scheitern von Beziehungen, darüber, wie Eltern ihre Kinder prägen, über das Abschiednehmen von geliebten Menschen und über die Suche nach der eigenen Identität. Viele elementare Fragen, die das Meer zwischen den Ermittlungen auch immer wieder an Land spült. Daher ist „Die Korallenbraut“ weit mehr als „nur ein weiterer Kriminalroman mit regionaler Atmosphäre“ – es ist Literatur über das Leben.

„Die Korallenbraut“ ist ein ruhiger, langsamer Kriminalroman mit schönen, poetischen Momenten. Er entwickelt sich behutsam und ist nicht geprägt von atemloser Spannung, sondern vielmehr von interessanten Figuren und der maritimen Atmosphäre, die nahezu jede Zeile atmet.
Wenn man sich Zeit nimmt und darauf einlässt, spürt man die Meeresbrise, hört das Kreischen der Seevögel und die anbrandenden Wellen – einfach einmal die Nase in den Wind halten und tief einatmen! Mehr Meer geht literarisch wohl kaum.

„Draußen vor dem Fenster erstreckte sich der nächtliche Horizont, das Meer verstreute die leuchtenden Scherben des Mondes, die trügerisch auf seiner Oberfläche funkelten.“

(S.460)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Atrium Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Roxanne Bouchard, Die Korallenbraut
Aus dem Québec-Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-118-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch spürt man natürlich auch die Nähe zum Meer: So gibt es zum Beispiel ein „Clubsandwich mit Hummer“ und dazu Weißwein.

„Sie strichen Butter und Mayonnaise auf das Brot, legten Tomatenscheiben darauf, fügten Speck und Hummerfleisch hinzu. Sie klappten die Sandwiches zu und schnitten sie in der Mitte durch.“

(S.120)

Für den Gaumen (II):
Aber auch die mexikanischen Wurzeln von Sergeant Morales hinterlassen kulinarische Spuren, denn es wird ausführlich geschildert, wie seine Großmutter ihre Tortillas zubereitet hat. Bei dieser warmherzigen, liebevollen Schilderung läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Für etwas Bewegung:
An einer der für mich schönsten Szenen des Romans tanzen Morales und sein Sohn Sébastien gemeinsam und überhaupt wird viel getanzt in diesem Buch: vor allem Salsa. Wie wär’s damit, mal wieder das Tanzbein zu schwingen?

Zum Weiterhören:
Und hier ist der Soundtrack dazu.: In „Die Korallenbraut“ ist mehrfach von der Sängerin Celia Cruz (1925 – 2003) die Rede, die als „Queen of Salsa“ gilt. In Kuba geboren und später in die USA ausgewandert, machte die Frau mit einer tiefen Alt-Stimme den Salsa vor allem in den 60er und 70er Jahren populär. (Quelle: Wikipedia)
Einfach mal reinhören, das hebt sofort die Laune. Zum Beispiel: „La Vida Es Un Carnival“.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Im letzten Jahr habe ich den ersten Band der Reihe und Sergeant Morales hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schon „Der dunkle Sog des Meeres“ hatte mich vor allem aufgrund seiner maritimen Atmosphäre und der sympathischen Figuren fasziniert. Man kann „Die Korallenbraut“ auch ohne Vorkenntnisse lesen, aber der erste Band, der mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen ist, lohnt sich ebenfalls:

Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-129-8

Vom Heimkommen und anderen Wundern

Bernadette Schoog hat mit „Marie kommt heim“ ein wunderbares Romandebüt über Mütter und Töchter verfasst, das unter die Haut geht und berührt. Zugleich gelingt ihr das Kunststück, zutiefst menschliche Charaktere und elementare Lebenssituationen zu beschreiben, die viele Leserinnen und Leser bereits selbst erlebt haben und die so jeder und jedem ganz individuell zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebensgeschichte bieten.

Die Autorin, die bisher als Dramaturgin, Fernsehmoderatorin und Autorin von Biografien gearbeitet hat, lässt ihren reichen Erfahrungsschatz und Teile ihrer persönlichen Familiengeschichte bzw. der ihrer Mutter in ihren ersten Roman einfließen. Man spürt bei der Lektüre, dass sie Menschen liebt, in ihrem Beruf genau hinsieht, sich auf die Menschen einlässt und dies drückt sich auch in der Liebe zu den Figuren in „Marie kommt heim“ aus. Der Roman ist reich an Lebenserfahrung und sehr fein komponiert.

Doch bevor ich weiter ins Schwärmen gerate: Worum geht’s im Roman?
Marie ist eine Frau in ihren Vierzigern und hat vor vielen Jahren die beklemmende Enge ihrer Heimatstadt verlassen und ihr Glück fernab des kleinen Wallfahrtsortes gesucht, in dem sie aufgewachsen ist. Auch zu ihrer Mutter hatte sie wenig Kontakt.

„Hier fühlte sie sich gefangen, drangsaliert, kontrolliert und in ihrer Persönlichkeit beschnitten. Fast körperlich spürte sie die Enge dieser kleinen Stadt, in der man vertrocknete, am Aufblühen gehindert wurde.“

(S.69)

Doch als sie plötzlich einen Anruf aus dem Pflegeheim erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, fährt sie zurück in ihren Heimatort, um sich zu verabschieden. Für Marie wird dies zur intensiven und emotionalen Reise in die Vergangenheit, zurück in die Familiengeschichte und zu ihren Wurzeln. Letztlich lernt sie nicht nur viel über sich selbst, sondern lernt auch ihre Mutter, zu der sie stets ein schwieriges Verhältnis hatte, noch einmal von einer völlig neuen Seite kennen.

„Sie verspürte das tiefe Bedürfnis, Frieden zu schließen, mit der Mutter, mit sich selbst, mit diesem Lebensabschnitt. Deshalb war sie doch eigentlich hergekommen.“

(S.83)

Marie war stets ein Papa-Kind, der frühe Tod des geliebten Vaters war traumatisierend. Die strenggläubige, konservative Mutter, die nur bei Besuchen des Bruders bzw. Marie’s Onkel aufzutauen scheint, der als katholischer Priester in Brasilien als Missionar arbeitet, zieht Marie alleine groß.

Die „Muhme Angst“, die Marie als geradezu physische Gestalt erlebt, die immer wieder von ihr Besitz ergreift und die versucht, sich ihres Lebens zu bemächtigen, das Kellnern im kleinen Café des Wallfahrtsorts, um sich das Taschengeld aufzubessern, Jugendsünden und Kindheitserinnerungen, die Auseinandersetzungen mit der Mutter – all dies kommt wieder hoch, als Marie nach Hause fährt, um Abschied zu nehmen. Ein Schlüsselmoment, der das Schloss zur Vergangenheit und der Familiengeschichte öffnet und sie dazu bringt, ihr bisheriges Leben Revue passieren zu lassen.

Gleichsam im letztmöglichen Moment möchte Marie zum ersten Mal wirklich mehr über ihre Mutter erfahren, sie verstehen und das letzte Stück des Weges gemeinsam mit ihr gehen. Eine Kiste mit alten Dokumenten und Briefen der Mutter öffnet ihr die Augen und wirft völlig neues Licht auf ihre Familiengeschichte.

Bernadette Schoog hat ein scharfes Auge und ein feines Händchen für stimmige Details. Ihre Sprache ist überaus sinnlich und sehr ausdrucksstark, so dass die Lektüre zum intensiven Leseerlebnis für alle Sinne wird: man riecht den Weihrauch, man hört die Glocken läuten, lauscht dem Gemurmel der Rosenkranz betenden Pilger, sieht die kitschigen Devotionalien in den vollgestopften Läden und die brennenden Kerzen in der Kapelle – man ist mittendrin in diesem Mikrokosmos Wallfahrtsort. Gleiches gilt für die bedrückende Atmosphäre im Pflegeheim oder auch dem konservativen Haushalt, der Marie’s Kindheit prägte. Die Schilderungen sind so lebensecht, dass man selbst meint, mit Marie beim Besuch der Tante im „ächzende(n) Doppelbett aus dunklem Holz, auf dem sich wie eine riesige Portion Sahne die schweren, weißen Bettdecken wölbten“ (S.56) zu liegen.

Der Roman ist ehrlich, intelligent und selbstkritisch – die Autorin beschönigt nichts, denn auch im richtigen Leben gibt es schwere Situationen zu bestehen. Es ist nicht alles rosarot. Das Leben ist nicht nur Zuckerschlecken und die Muhme Angst versucht immer wieder die Macht zu erlangen und Besitz zu ergreifen.

„Vielleicht hatte sie sich ihre Vergangenheit auch nur ein bisschen schöner gemalt, als sie es in der Realität gewesen war, oder andersherum: Die vermeintlich pädagogisch wertvollen Elemente wurden weitergegeben, der Rest blieb im Nebel.“

(S.122)

Schoog schildert auch schmerzhafte Szenen auf bewegende Art und Weise, jedoch ohne jede Effekthascherei. Vermutlich gehen gerade auch deshalb die Schicksalsschläge in Marie’s Leben beim Lesen besonders unter die Haut: der Tod des Vaters, eine versuchte Vergewaltigung, gescheiterte Beziehungen, die im Sterben liegende Mutter.

Und doch bietet der Roman auch viel Licht und Hoffnung und hat etwas Versöhnliches. Es gibt Heilung für die Wunden und Narben, die das Leben hinterlässt, und nach Abstand und Distanz kann auch eine besondere Nähe entstehen. Die Erkenntnisse der Gegenwart lassen einen auch die Vergangenheit besser verstehen.

„Hätte man an der Fassade gekratzt, den groben Putz mit einem Spatel beiseite gefegt, hätte sich eine mit weichen Pinselstrichen gezeichnete sinnliche, lebensfrohe Frau herausgeschält. Elsje. Aber Elsje durfte es nicht mehr geben, aus ihr war Elisabeth geworden.“

(S.129)

„Marie kommt heim“ ist ein einfühlsames, kluges, zutiefst menschliches und sehr berührendes Buch über das Abschiednehmen, über Mütter und Töchter und auch über die Lücke, die oft zwischen der Wahrnehmung durch die eigenen Kinder und dem tatsächlichen Charakter bzw. der Persönlichkeit der Menschen klafft, die doch mehr sind als „nur“ die Eltern ihrer Kinder.

Ein gefühlvolles, unvergessliches Buch über zwei Frauenleben, über das Heimkommen, das Ankommen und die großen und kleinen Wunder des Lebens auf der Suche nach der eigenen Identität und den familiären Wurzeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernadette Schoog, Marie kommt heim
Kröner
ISBN: 978-3-520-76301-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Bernadette Schoog’s „Marie kommt heim“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch nimmt uns Bernadette Schoog mit auf eine Zeitreise: da wird berichtet von ausgelassenen Gesellschaften bei „Schnittchen“, „Käseigel“ und „Liebfrauenmilch“ (S.14/15), wenn die Mutter Gäste bewirtete. Marie hingegen gönnt sich bei ihrer Heimkehr statt Party-Häppchen eher traditionelle Hausmannskost:

„(…) und entschied sich für einen Klassiker dieser Region, einen Uitsmijter, wie man ihn hier nannte, einen sogenannten Strammen Max, und dazu ein Pils. Ein sehr niederrheinisches Essen.“

(S.203)

Für einen Besuch oder eine Wallfahrt:
Bernadette Schoog, die derzeit in Speyer lebt, ist in Kevelaer geboren, einem berühmten Marienwallfahrtsort am Niederrhein, d.h. die Parallelen zum Wallfahrtsort Josefsburg – dem Schauplatz des Romans – kommen sicherlich nicht von ungefähr und basieren auf autobiografischen Erfahrungen der Autorin.
Mich erinnerten die Schilderungen des Wallfahrtsstädtchens sehr an das oberbayerische Altötting – das klassische Wallfahrtsziel Landshuter Pilger.

Zum Weiterklicken:
Bernadette Schoog hat dem SWR ein kurzes Interview gegeben, in dem sie ein wenig zur Entstehung und der Idee des Romans erzählt. Erst Corona gab ihr den Freiraum und die Zeit, diese bereits langgehegte Idee in die Tat umzusetzen.

Zum Weiterhören:
Musikalisch ist auch eine ordentliche Bandbreite in Marie’s Leben geboten: Von Umberto Tozzi’s „italienischen Schnulzen“, die in Dauerschleife das Pilgercafé beschallen, in welchem sich die junge Marie ihr Taschengeld aufbessert, über Jaques Brel’s „Ne me quitte pas“, das seine verführerische Wirkung entfaltet bis zum Supertramp-Hit „School“.

Zum Weiterlesen:
Auch in Sibylle Schleicher’s einfühlsamen Roman „Die Puppenspielerin“, den ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, geht es um das Abschiednehmen von einer nahen Angehörigen. Allerdings geht hier die geliebte Zwillingsschwester vor der Zeit. Ein ebenso berührendes Buch:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

Wenn die Chemie stimmt

Ich gebe zu: Chemie war nicht mein Lieblingsfach in der Schule und das meiste habe ich bereits vergessen, aber in Bonnie Garmus’ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ durfte ich mit Elizabeth Zott eine Romanheldin kennenlernen, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Und keine Angst! Man kommt auch ohne chemisches Wissen sehr gut durch diese Lektüre.

1961 – Die Welt ist noch nicht wirklich reif für Frauen in der Wissenschaft und doch wünscht sich Elizabeth Zott nichts sehnlicher, als eine Karriere als Chemikerin in der Forschung zu machen. Kaum einer traut ihr das zu und die meisten Kollegen nehmen sie nicht ernst, bis sie auf Calvin Evans trifft. Er ist der unangefochtene und exzentrische Star des Instituts und Nobelpreiskandidat, der gesellschaftlich eher ein Außenseiter ist und seine eigenen Wege geht. Doch als er buchstäblich auf Elizabeth stößt, knistert es sofort – zwei verwandte Seelen haben sich gefunden.

Ein schwerer Schicksalsschlag stellt Elizabeth jedoch vor die größte Herausforderung ihres Lebens und zwingt sie, ihren Traum von der Wissenschaftskarriere aufzugeben. Als alleinerziehende Mutter nimmt sie, um den Lebensunterhalt für ihre Tochter Madeline und sich zu verdienen, das überraschende Angebot an, Fernsehmoderatorin der konservativen Kochshow „Essen um sechs“ zu werden.
Doch Elizabeth wäre nicht Elizabeth, würde sie der Sendung nicht ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken. Der Sender würde sie am liebsten feuern, doch das Publikum liebt sie. Was als Lückenfüller im Programm gedacht war, entwickelt sich zum brandheißen Geheimtip und Elizabeth inspiriert die Zuschauerinnen dazu, ihr Leben zu verändern.

„Kochen ist eine seriöse Wissenschaft. Im Grunde ist es Chemie.“

(S.60)

Bonnie Garmus hatte mich schon nach dem Vorwort verzaubert und mir war schnell klar, dass diese Elizabeth Zott eine Heldin sein wird, der ich wie gebannt folgen würde. Eine starke, rebellische, kluge, intelligente Frau, die für ihre Rechte und ihr selbstbestimmtes Leben kämpft und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Und doch war das jetzt ihr Leben, eine alleinstehende Mutter, die leitende Wissenschaftlerin bei dem wohl unwissenschaftlichsten Experiment aller Zeiten: das Großziehen eines anderen Menschen. Jeden Tag empfand sie die Mutterschaft wie einen Test, für den sie nicht gelernt hatte. Die Fragen waren beängstigend, und es gab nicht annähernd genug Lösungsvorschläge.“

(S.197)

Und auch wenn sie Selbstzweifel plagen und das Leben ihr schwere Prüfungen auferlegt, verliert sie nicht den Mut und kämpft. Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung ihrer Tochter Madeline erhält sie von Nachbarsfrau Harriet, die sich als wahrer Engel entpuppt und aufblüht, als ihr Leben wieder einen Sinn bekommt. Denn so kann sie der beklemmenden Enge ihrer unglücklichen Ehe zumindest stundenweise entfliehen. Und auch Tochter Madeline ist etwas Besonderes, denn sie hat die Intelligenz und Begabung ihrer Mutter geerbt. Sie fordert und will gefordert werden.

„Denn während musikalische Wunderkinder stets bejubelt werden, ist das bei frühen Lesern nicht der Fall. Weil frühe Leser nämlich bloß in etwas gut sind, in dem andere irgendwann auch gut sein werden. Deshalb ist es nichts Besonderes, darin die Erste zu sein – es ist bloß nervig.“

(S.8)

Und es sind genau diese wunderbaren, sympathischen Figuren, die für mich die ganz große Stärke des Romans ausmachen. Man muss diese Charaktere einfach lieben und lacht, weint, leidet und freut sich mit ihnen.
Wenn rationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Gefühle dazwischen kommen, dann wird es kompliziert und man beobachtet als Leser, wie sie scheitern, Wesentliches verschweigen oder verheimlichen und aus gut gemeinten Gründen dem Abgrund entgegen steuern.

Die Lektüre ist zugleich auf kluge Weise witzig-amüsant, aber auch zutiefst berührend. Freud und Leid liegen nahe beieinander – wie im richtigen Leben eben.
Viele Szenen machen wütend und im nächsten Moment auch dankbar, dass die Frauengeneration der Fünfziger und Sechziger Jahre so manche – wenn auch nicht alle – Kämpfe für die Nachfolgegeneration ausgefochten hat.

„Man sollte meinen, dass die Dummen früher wegsterben“, fuhr Elizabeth fort. „Doch Darwin hat nicht berücksichtigt, dass die Dummen nur selten vergessen zu essen.“

(S.352)

Bonnie Garmus, die viele Jahre als Kreativdirektorin gearbeitet hat, hat ein inspirierendes und starkes Debüt über Emanzipation, intelligente Frauen sowie den Kampf um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung verfasst.

Schon nach wenigen Seiten ist man dem Sog der Geschichte und der grandiosen Hauptfigur verfallen und möchte das Buch gar nicht mehr weglegen.
Es gibt also viele gute Gründe, diesen großartigen Roman zu lesen und falls Ihr noch einen braucht: Ihr müsst unbedingt Halbsieben kennenlernen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Piper
ISBN: 978-3-492-07109-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Eine Frage der Chemie“:

Für den Gaumen:
Elizabeth’s Art zu kochen ist unkonventionell, aber sie versteht es, auf ihre ganz eigene Art und Weise gesunde und schmackhafte Kost zuzubereiten – und natürlich gibt es in einem Buch, das die Moderatorin einer Kochshow zur Heldin hat, auch kulinarische Anregungen, zum Beispiel: „Hähnchen Parmigiana. Kartoffelgratin. Irgendein Salat.“ (S.57)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Ein Theaterbesuch der Operette „Der Mikado“ von Gilbert und Sullivan wird zum Schlüsselerlebnis für Elizabeth Zott. Zwar kann sie der Inszenierung an diesem Abend nicht viel abgewinnen und doch wird dieser ihr Leben entscheidend verändern.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mir das Hirn zermartert, ob ich schon einmal einen Roman gelesen habe, der mit Chemie zu tun hatte. Aber mir ist ehrlich gesagt keiner eingefallen. Aber wer literarisch gerne in den Sechziger Jahren bleiben möchte und nach „Eine Frage der Chemie“, der 1961 angesiedelt ist, mit dem Jahr 1962 weitermachen möchte, dem kann ich Steffen Kopetzky’s Roman „Monschau“ wirklich sehr empfehlen. Er zählte zu meinen Lesehighlights im vergangenen Jahr 2021 und erzählt eine feine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Pockenausbruchs in der Eifel.

Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

Eine Prise Leichtigkeit

Kafka’s berühmtes Zitat „ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ passt nicht zu Julia Mattera’s Roman „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ – vielmehr könnte man es als einen Kochlöffel für die wärmende tröstliche Seelennahrung, die der Mensch von Zeit zu Zeit braucht, bezeichnen. Und mal ehrlich, was hat der Durchschnittsmensch häufiger in der Hand – einen Kochlöffel oder eine Axt?

„Nein, ich bin aus eigenem Antrieb gekommen. Ich fühle mich wohl hier. Und ich mag Menschen, die nicht sprechen, wenn sie nichts zu sagen haben.“

(S.44)

Schauplatz des Romans ist ein gemütlicher, kleiner feiner Gasthof im Elsass, der von Robert Walch und seiner Schwester Elsa in Familienhand geführt wird. Elsa kümmert sich um den Hotelbetrieb und die Gäste – und ist nebenbei alleinerziehende Mutter von äußerst lebhaften Zwillingen. Robert’s Reich hingegen ist die Küche und der Gemüsegarten – seine Gäste lieben seine herausragenden regionalen Gerichte. Am liebsten hat er jedoch seine Ruhe, kümmert sich um seine Pflänzchen und Schätze im Garten – im Sinne eines Möhrenflüsterers schwört er darauf, dass alles besser wächst und gedeiht, wenn er mit seinen Zöglingen spricht.

„Du hast mich gebeten, dir mein Geheimnis zu verraten. Und genau darin liegt es. Die Bewohner meines Gemüsegartens sind genauso empfindsam wie du und ich, wenn nicht noch um einiges mehr. Deshalb nehme ich mir die Zeit, mit ihnen zu reden, sie zu unterhalten und ihnen zu erklären, was für ein Glück sie haben, in meiner Küche zu landen…“

(S.66)

Zu anderen Menschen hingegen hat er meist keinen so guten Draht. Er ist eigenwillig, schrullig und zieht sich meist lieber in sich selbst zurück. Gerade einmal die zupackende Kinderfrau Fatima, die sich liebevoll um die Zwillinge seiner Schwester kümmert, und ihr Sohn Hassan finden nach und nach in kleinen Schritten einen Zugang zu Robert’s Welt.

„Ihre Kindheit war sicher alles andere als unbeschwert. Glückliche Kinder werden zu offenen Erwachsenen, aber Sie scheinen zu einer kindlichen Unschuld zurückkehren zu wollen, weil Ihnen dieses unbeschwerte Lebensgefühl so früh genommen wurde.“

(S.101)

Als dann plötzlich auch noch die quirlige, temperamentvolle Engländerin Maggie im Elsass auftaucht, wird Robert’s Alltag und Gefühlsleben gehörig durcheinander gewirbelt.

Julia Mattera hat ein lebensbejahendes, positives Buch über Toleranz, Freundschaft und Liebe geschrieben, das zugleich eine bezaubernde Hymne auf bewussten und bodenständigen, kulinarischen Genuss sowie die ehrliche, traditionelle und handwerklich gute Küche mit hochwertigen Produkten ist.
Es ist herzerwärmend zu lesen, wie sich der Einsiedler und Eigenbrötler Robert mehr und mehr für sein Umfeld öffnet und plötzlich auch Nähe zulassen kann und möchte.

Ist das Buch immer realistisch? Nein, will und soll es aber auch nicht sein. Denn manchmal tut es auch einfach gut, sich in eine andere, sonnige und wohltuende Umgebung entführen zu lassen und dem Alltag ein paar Buchseiten lang zu entfliehen.
Und das gelingt Mattera wunderbar dank sympathischer und warmherziger Figuren, einer gefühlvollen und zärtlichen Geschichte mit Leichtigkeit, Wärme und ganz viel Licht. Ab und zu fühlte ich mich an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert – allerdings befinden wir uns nicht in Montmartre, sondern im schönen Elsass.

Das Buch romantisiert stark, vielleicht ist es für manche Leser auch ab und zu ein wenig zu zuckersüß – für mich persönlich hätte es an der einen oder anderen Stelle auch ein Hauch mehr Zartbitter statt Zuckerguss sein dürfen. Doch dies tut dem Lesegenuss keinen Abbruch, denn stilistisch ist es absolut stimmig und darf daher aufgrund des magischen, märchenhaften Charakters der Erzählung auch durchaus mal etwas dicker auftragen.

„Mir kommt es so vor, als wäre ich in einem Märchen gelandet“

(S.168)

Es ist ein wunderbar verträumtes Märchen für junggebliebene Erwachsene, die sich für ein paar Stunden nach etwas heiler Welt sehnen und einfach mal Probleme Probleme und Sorgen Sorgen sein lassen wollen. Vielleicht braucht man gerade auch in diesen Zeiten ab und an ein Stückchen positiven Eskapismus und Balsam für die Seele – quasi ein „Seelenzuckerl“, das mit seinen etwas über 200 Seiten auch schnell verschnabuliert ist.

Aber Achtung! Appetit und Hunger sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert, also sollte der Kühlschrank und die Speisekammer für spontane Kochgelüste ausgestattet sein. Zumindest etwas Gemüse, Brot, Käse und Wein sollte man definitiv im Hause haben. Ich wünsche eine genussvolle Lektüre und bon appétit!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 15) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt lesen. Julia Mattera hat eine wahre Liebeserklärung ans Kochen und den bewussten, kulinarischen Genuss geschrieben, daher passt dieser Roman perfekt für diesen Punkt auf meiner Liste.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Julia Mattera, Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach
Übersetzung aus dem Französischen von Monika Buchgeister
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0098-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“:

Für den Gaumen:
Im Anhang des Romans gibt es als Zugabe ein paar elsässische Rezepte zum Nachkochen: zum Beispiel Baeckeoffe oder Flammenkueche.
Besonders gerne würde ich allerdings die tourtes (elsässische Pastete) von Robert probieren:

„Und die Touristen kommen in Scharen hierher, um seine tourtes mit Münsterkäse zu genießen. Es ist nicht nur die elsässische Spezialität, die sie in der auberge von Familie Walch entdecken, sondern ein Familienerbe, ein Konzentrat aus Erinnerungen und Liebe, das nur darauf wartet, gekosten zu werden.“

(S.51)

Zum Weiterhören:
Musikalisch hat der Roman einiges an Ohrwürmern zu bieten:
Wohlbekanntes wie John Lennon’s „Imagine“ oder Jane Birkin’s „Je t’aime moi non plus“, aber für mich auch eine Neuentdeckung: Étienne Daho mit seinem Chanson „Week-end à Rome“ – typischer 80er Jahre Sound, den ich bisher nicht kannte.

Für die nächste Unternehmung oder den nächsten Einkaufsbummel:
Einfach mal wieder über einen Wochenmarkt schlendern, die Stände mit frischem Obst und Gemüse bewundern, genussvoll regionale Produkte frisch vom Erzeuger kaufen und etwas Schönes daraus kochen. Julia Mattera’s Roman macht definitiv große Lust auf saisonales, regionales und frisches Gemüse.

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über das Elsass und vor allem auch über die Lebenswege einer Frauengeneration von dort erfahren möchte, dem kann ich Pascale Hugues’ Buch „Mädchenschule“ sehr empfehlen, das ich letztes Jahr bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe und das zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres 2021 zählte.

Pascal Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3498002718

Kaffeeduft in Triest

Man nehme eine ordentliche Prise Kaffeeduft, einen gehäuften Löffel voll k.u.k.-Flair, zwei starke Frauen und einen charismatischen Mann dazwischen, Großmarktstimmung und die Hafenluft der großen weiten Welt, ein paar zwielichtige Gauner und eskalierende Bandenkonflikte und fertig ist die unwiderstehliche Mischung von Günter Neuwirth’s neuestem historischen Kriminalroman „Caffè in Triest“. Der zweite Teil seiner Reihe um Inspector Bruno Zabini entführt die Leserschaft erneut ins Triest des Jahres 1907 – in die Stadt der Winde und dieses Mal auch in die Stadt der glanzvollen Kaffeehäuser und der geschäftigen Markthallen am Hafen, wo der Kaffeehandel floriert.

„Das Leben ist ein Mummenschanz.“

(S.31)

Inspector Bruno Zabini führt ein unkonventionelles Liebesleben – der weltmännische Gentleman genießt gleichzeitig die unverbindlichen Affären mit zwei verheirateten Frauen. Beide sind schön, stark und intelligent – das Geheime und Verbotene der Beziehungen hat für ihn einen besonderen Reiz und dennoch birgt dieses Konstrukt auch eine nicht unerhebliche Komplexität, große Gefahr und das ständige Risiko, aufzufliegen.

„Mit Verlaub gesagt, geschätzter Bruno, aber ich hege seit geraumer Zeit die Befürchtung, dass die Konstruktion deines Liebeslebens in ihren Tragwerken fragil ist. Die derzeitige Erschütterung ist so gesehen nicht verwunderlich.“

(S.161)

Als er dann auch noch in einem Mordfall ermitteln muss und sich abzeichnet, dass ein Bandenkrieg im Triestiner Handelsmilieu auszubrechen droht, hat Zabini plötzlich alle Hände voll zu tun, sein Berufs- und sein Privatleben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Er ermittelt zwischen den pulsierenden Lagerhäusern voll wertvoller Güter, dem Hafen als großem Drehkreuz der damaligen Handelsmetropole an der Adria, den stil- und prunkvollen Kaffeehäusern in bester k.u.k.-Tradition und merkt schnell, dass hier unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen und wenn dann auch noch die Liebe zu einer schönen Frau ins Spiel kommt, wird es brandgefährlich…

„So manche Wiener waren der festen Überzeugung, dass die mitteleuropäische Kaffeehauskultur in der österreichischen Hauptstadt ihren Höhepunkt erreicht hatte, während es so manchen Triestinern völlig klar war, dass die Kaffeehäuser Triests den höchsten kulturellen Rang innehatten.“

(S.211)

Neuwirth nimmt sich Zeit für die Entwicklung seines Plots und den Spannungsbogen seiner Kriminalhandlung und vor allem investiert er in die plastische Charakterzeichnung seiner Figuren – Menschen aus Fleisch und Blut mit Herz und Charme, so dass man ihnen gerne durch die gut 430 Seiten folgt. Die delikate Dreiecksbeziehung zwischen Bruno, Luise und Fedora ist ungewöhnlich und gibt zusätzlich zum obligatorischen Kriminalfall, der sich entspinnt, auch im privaten Bereich eine gewisse Würze.

Mir gefällt, dass Neuwirth hier gerade die Frauen als starke, intelligente Persönlichkeiten darstellt und ihnen somit eine besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenkt, so dass sie keinesfalls nur schmückendes Beiwerk oder Randfiguren sind, sondern auf Augenhöhe mit Zabini agieren.

Zudem schätze ich die Recherche zur Historie und die informativen Schilderungen der zeitlichen Hintergründe des Autors. Man erfährt einiges über die politische Situation und die unterschiedlichen Strömungen der damaligen Zeit, über die Stimmung in der Stadt und in der Region und in diesem Band auch viel über die Seefahrt und die blühenden Handelsgeschäfte – nicht nur mit Kaffee.

So hat man die Seeluft und den Kaffeeduft beim Lesen stets in der Nase und sieht die Schiffe, das geschäftige Treiben der Händler und Marktleute und die Säcke voll wertvollem Kaffee sofort vor dem geistigen Auge.

„Der Konjunktiv ist das Schmieröl der Literatur, im wahren Leben bedeutet er immer verpasste Gelegenheiten.“

(S.194/195)

Nicht verpassen sollte man die Gelegenheit, sich mit einer schönen, duftenden Tasse Kaffee und diesem Buch an ein ruhiges Plätzchen zurückzuziehen, eine atmosphärische literarische Auszeit zu genießen und abzutauchen ins quirlige, lebendige und sinnliche Triest der Donaumonarchie des Jahres 1907.
Ich bin schon nach wenigen Seiten – wie auch beim ersten Band – wieder diesem Zauber der k.u.k-Zeit erlegen und habe mich auf intelligente und charmante Art und Weise sehr gut unterhalten gefühlt.

Für Freunde und Liebhaber gut gemachter historischer Kriminalromane mit sympathischen Hauptfiguren, österreichischem Charme und ohne Hang zu unnötiger Blutrünstigkeit, kann ich „Caffè in Triest“ unbedingt empfehlen.
Und wer statt den allgegenwärtigen, oft immer düsterer und wirrer werdenden, psychologisch obskuren Fernsehkrimis mal Lust auf etwas freundlichere, liebenswürdigere und amüsante Krimiabwechslung hat, dem kann ich nur ans Herz legen: greift stattdessen öfter mal zum Buch – vielleicht ja auch genau zu diesem.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Caffè in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0111-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caffè in Triest“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat Triest viel zu bieten, in diesem Band wird zum Beispiel „auf dem Rost gegarte und mit Salbei gewürzte Goldbrasse“ (S.36) serviert. Aber auch für die süße Fraktion ist gesorgt, denn es gibt „Gubana, Strucchi und Gugelhupf“ (S. 86).

Gubana ist übrigens eine typische Süßspeise aus dem Friaul: „Hefeteig wird mit einer Füllung aus Nüssen, Rosinen, Pinienkernen, Zucker und geriebener Zitronenschale zu einer ungefähr 20 cm breiten Schnecke gedreht und gebacken.“ (Quelle: Wikipedia). Gleiches gilt für die Strucchi: „kleine, süße Teigtaschen, die mit einer Nuss-Pflaumen Mischung gefüllt werden“ (Quelle: Wikipedia).

Zum Weiterhören:
Beim hohen Staatsbesuch im Roman darf musikalisch der Radetzkymarsch nicht fehlen, dieses Stück von Johann Strauss (Vater) aus dem Jahr 1848, das auch alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unverzichtbar ist.

Zum Weiterlesen (I):
Ich habe mir vorgenommen, mich nochmal näher mit der Stadt Triest zu befassen. Ich mochte schon die Commissario Laurenti-Reihe von Veit Heinichen sehr und habe gesehen, dass der Autor auch gemeinsam mit der Köchin Ami Scabar einen Reiseführer mit kulinarischen Aspekten geschrieben hat. Das könnte genau nach meinem Geschmack sein.

Veit Heinichen & Ami Scabar, Triest – Stadt der Winde
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35898-5

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich auf jeden Fall vor diesem Band, der sich allerdings auch sehr gut und ohne Verständnisprobleme unabhängig lesen lässt, den ersten Band von Günter Neuwirth’s Reihe um Bruno Zabini zu lesen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich auf der Kulturbowle den Auftakt der Reihe „Dampfer ab Triest“ vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension). Zu Beginn ermittelt Zabini auf einem Kreuzfahrtdampfer der österreichischen Lloyd: ein spannender, vielschichtiger Roman mit viel k.u.k-Atmosphäre und eine wunderbare Gelegenheit, die sympathische Hauptfigur kennenzulernen.

Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

Elf Tage im Dezember

Die mysteriöse Episode des elftägigen Verschwindens von Agatha Christie im Dezember 1926, in welchem die Polizei, die Medien und quasi ganz England nach der Krimiautorin suchte, trägt bis heute wesentlich zum Mythos der Queen of Crime bei. Ein Rätsel, das bis heute ungelöst ist und Marie Benedict dazu inspiriert hat, ihre fiktive Version bzw. ihren möglichen Erklärungsversuch in ihrem neuen Roman „Mrs Agatha Christie“ zu schaffen.

„Das Kratzen der Feder auf dem Papier erfüllt den Raum und löst Erinnerungen in Archie aus. Dieses Geräusch ist für ihn untrennbar mit seiner Frau verbunden, es ist das Geräusch ihrer Gedanken.“

(S.38)

Marie Benedict, die sich in ihren Romanen meist mit starken Frauenfiguren der Geschichte beschäftigt – wie in „Frau Einstein“ mit Mileva Marić oder mit Clementine Churchill in „Lady Churchill“, das ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe – hat sich dieses Mal keine Frau im Schatten eines bekannten Mannes ausgesucht, sondern sie widmet sich den berühmten elf Tagen im Dezember 1926, als die immer erfolgreicher werdende Schriftstellerin Agatha Christie plötzlich auf rätselhafte Art und Weise verschwindet.

„Nun, Colonel, jetzt bleibt uns leider nichts anderes mehr übrig. Wir müssen bei unseren weiteren Ermittlungen davon ausgehen, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben.“

(S.78)

Benedict lässt jeweils kapitelweise die Erzählperspektiven und Zeiträume wechseln. Die elf Tage im Dezember 1926 werden aus der Sicht des Ehemanns Archibald Christie erzählt, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Affäre mit einer anderen Frau hat und sich von Agatha trennen möchte und in Rückblenden erzählt Agatha Christie aus der Ich-Perspektive die wichtigsten Stationen und Schlüsselszenen ihrer Lebensgeschichte.

So erlebt man, wie sie 1912 ihren ersten Mann Archibald Christie kennenlernt, man begleitet sie durch die schweren Zeiten des ersten Weltkriegs, während dem sie als Krankenschwester in einem Lazarett arbeitete und schließlich durch ihre Tätigkeit in der Krankenhausapotheke Kenntnisse über Medikamente und die Wirkung von verschiedenen Giften erlangte.

„Nie wäre ich so kühn gewesen, meine kleine Ausbildung mit einem Studium der Pharmazie gleichzusetzen, aber ich wusste auf jeden Fall genug, um gefährlich zu sein.“

(S.95)

Und man wird Zeuge der sagenumwobenen Wette mit ihrer Schwester Madge, die es ihr nicht zutraute, eine richtige Detektivgeschichte schreiben zu können. Eine Wette, welche Agatha Christie gewann und die letzten Endes einen der zweifelsohne berühmtesten literarischen Detektive aller Zeiten – Hercule Poirot – das Licht der Welt erblicken ließ.

Die Rückblenden auf die wichtigsten Schlaglichter ihres Lebens schaffen Verständnis für die zeitlichen Umstände und die Frau Agatha Christie, ihre Stärken, ihre Schwächen und was ihr wichtig war im Leben.
Im Zentrum des Romans stehen jedoch ohne Zweifel die elf Tage im Dezember 1926, die bis heute Rätsel aufgeben und schon damals zu einem großen Skandal und riesigen Medienrummel geführt hatten.

„Doch als er die Tür öffnet und von unzähligen Blitzlichtern geblendet wird, begreift Archie, wie mächtig die Öffentlichkeit ist und dass nichts mehr so sein wird wie früher.“

(S.117)

Benedict hat erkannt, dass diese Episode selbst größtes Potenzial für einen spannenden Krimiplot bietet und bringt ihre Idee einer möglichen Erklärung zu Papier. Ein gekonntes Spiel mit Fakten und Fiktion, in dem man miträtseln kann, welche Rolle Agatha Christie selbst oder ihr Ehemann in dieser Affäre spielten bzw. vielleicht gespielt haben.

Ich habe dieses Buch bereits mit Vorkenntnissen der Biografie von Agatha Christie gelesen und sehr vieles war mir bereits bekannt. Daher ist es für mich schwer zu beurteilen, wie das Buch auf jemanden wirkt, der sich noch nicht näher mit der Lebensgeschichte Christie’s befasst hat.
Der Roman liest sich flüssig und schnell. Eine umfassende Biografie wird die Lektüre dieses Buchs sicherlich nicht ersetzen, soll und möchte sie aber auch nicht. Vielmehr ist es ein spannend geschriebener Roman, der selbst einem Krimi gleicht und auf süffige, unterhaltsame Art und Weise die Leserschaft zu fesseln versteht.

Man spürt den großen Respekt und die Bewunderung der Autorin für die Schriftstellerin und Persönlichkeit Agatha Christie, der sie mit diesem Werk ihre Reverenz erweist.
Benedict schenkt ein paar spannende, unterhaltsame Lesestunden und weckt auf alle Fälle erneut den Geschmack und die Lust, Agatha Christie’s Krimis zu lesen und sich wieder einmal mehr mit dem Leben und vor allem dem Werk der Grande Dame der Kriminalliteratur zu beschäftigen. Bei 66 Kriminalromanen, zahlreichen Kurzgeschichten und Theaterstücken hat man ja genug Auswahl, um Neues zu entdecken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marie Benedict, Mrs Agatha Christie
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00295-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Marie Benedict’s „Mrs Agatha Christie“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch bewegen wir uns in der britischen Upper Class: da gibt es – zumindest in Benedict’s Roman – vorwiegend Tee oder Champagner.

Zum Weiterhören:
Eine der ersten Szenen in Marie Benedict’s Roman ist das Kennenlernen von Agatha und ihrem ersten Mann Archibald Christie 1912 auf einem Ball: die Musikauswahl, zu welcher getanzt wird, hat eine große Variationsbreite von einem traditionellem Walzer aus der ersten Sinfonie von Edward Elgar bis hin zum schwungvollen „Alexander’s Ragtime Band“ von Irving Berlin.

Zum Weiterlesen (I):
Es werden zwei Werke erwähnt, welche Agatha Christie begeisterten und inspirierten: Anna Katharine Green „Der Fall Leavenworth“ (das ich nicht kenne) und Gaston Leroux’ „Das Geheimnis des gelben Zimmers“ (hier war vor kurzem eine Verfilmung auf ARTE zu sehen).

Zum Weiterlesen (II):
Andrew Wilson hat sich ebenfalls fiktional dem elftägigen Verschwinden von Agatha Christie gewidmet – in seinem Roman „Agathas Alibi“ erzählt er seine Version der Geschichte:

Andrew Wilson, Agathas Alibi
Übersetzt von Michael Mundhenk
Pendo
ISBN: 978-3866124226

Zum Weiterlesen (III):
Vor einiger Zeit habe ich hier auf der Kulturbowle die hochinteressante Biografie Agatha Christie’s von Barbara Sichtermann vorgestellt (hier geht es zu meinem Beitrag). Wer also mehr über die große Queen of Crime erfahren möchte und sich näher mit ihrer Lebensgeschichte – auch über jene mysteriösen elf Tage im Dezember 1926 hinaus – befassen möchte, der hat mit diesem Werk eine gute Möglichkeit dazu:

Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

Ein Sizilianer in München

Mario Giordano ist den Meisten bisher wohl durch seine „Tante Poldi“-Krimis bekannt – mit „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“ wagt er sich jetzt auf neues Terrain und verarbeitet seine eigenen familiären Wurzeln in einer großen, opulenten Familiensaga. Er erzählt die abenteuerliche Geschichte Barnaba Carbonaro’s, der im Sizilien der Jahrhundertwende aufwächst, den Anbau und das Geschäft mit Zitrusfrüchten dort von der Pike auf lernt und später sein Glück fernab der Heimat in der Großmarkthalle Münchens sucht, um seinen Nachkommen ein besseres Leben zu ermöglichen.

„Auf und ab treibt uns das Leben, immer wieder müssen wir hoch an die Oberfläche des Ozeans der Möglichkeiten, um zu atmen und Entscheidungen zu treffen, doch am liebsten würden wir unten im schlammigen Grund unserer Existenz die Zeit verträumen.“

(S.33)

Die Geschichte beginnt im sizilianischen Taormina Ende des 19. Jahrhunderts. In Rückblenden wird die verschlungene Familiengeschichte Barnaba Carbonaro’s erzählt – eine archaische und hierarchische Gesellschaft, in der es schwer ist, sich über die Klassenschranken hinweg nach oben zu kämpfen.

Doch Barnaba ist ein kluger Kopf, schnell im Rechnen und getrieben von einem enormen Ehrgeiz. Er lernt schnell, ist rebellisch und steckt selbst schlimmste Schicksalsschläge immer wieder weg. Als sich ihm plötzlich die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft mit sizilianischen Zitrusfrüchten in München zu starten, zögert er nicht lange und packt sein Schicksal beim Schopf.

„In der Au dagegen sieht er nur vereinzelte Markstände, und die brechen ihm fast das Herz, so kümmerlich sind sie. Viel mehr als Kartoffeln, Karotten, Rotkohl und harte Birnen wird da nicht angeboten.“

(S.337)

Er ist ein Schlitzohr mit einem Geschäftssinn, der zwar seinesgleichen sucht aber auch Neider anzieht, und ein Patriarch, der vor allem stets das Beste für seine Familie und seine 24 Kinder erreichen möchte und doch meint es das Leben – sowohl in Sizilien als auch in Deutschland – nicht immer gut mit ihm. Oft heißt es: wie gewonnen so zerronnen.

„Zwischen Hoffnung und Erwartung haben die Götter einst eine feine Linie gezogen, kaum zu erkennen, um feixend zuzusehen, wie ihre Spielzeuge sie arglos übertreten und unglücklich werden. Auf diesem schmalen Grat namens Zuversicht balancieren die Pancrazias oder Barnabas der Familie Carbonaro. Schwindelfrei, manchmal verwirrt, manchmal verbissen, aber tapfer Schritt für Schritt.“

(S.326)

Mario Giordano hat viel reingepackt in dieses Buch und eine richtige Schatzkiste und Fundgrube an zeitgeschichtlichen Anekdoten, Münchner Lokalkolorit und sizilianischem Lebensgefühl geschaffen, die den Roman aufgrund der überbordenden Fabulierfreude zu einem üppigen, opulentem Leseerlebnis für alle Sinne werden lässt. Man taucht nicht nur ab ins Sizilien der Jahrhundertwende und das München der 60er Jahre, sondern kann auch viel Neues lernen und entdecken.
So konnte ich zum Beispiel bei der Lektüre lernen, was ein Theatrophon ist oder erfahren, dass im Jahr 1960 tatsächlich ein Flugzeug in der Münchner Innenstadt abgestürzt ist.

Cu nasci tunnu nun pò moriri quatratu“, wer rund geboren ist, stirbt nicht quadratisch.“

(S.129)

Barnaba ist Pechvogel und Stehaufmännchen zugleich und obwohl er für unser heutiges Empfinden natürlich zu sehr Patriarch und Macho ist und in vielen Punkten ein Zuviel an Männlichkeit und Vulgarität aufweist, wünscht man ihm, dass er sich seinen Traum von der eigenen, großen „famiglia“ erfüllen kann.

Cchiù scuri di mezzanotti nun pò fari, denkt Barnaba, dunkler als Mitternacht kann es nicht werden.“

(S.326)

Sizilianische Sprichworte, Blicke hinter die Kulissen des Anbaus von Zitrusfrüchten, die Hausgeister bzw. Patruneddi und eine äußerst sinnliche, lebhafte und leidenschaftliche Sprache lassen einen wahren Funkenregen des italienischen Feuers auf die Leserschaft sprühen – eine geballte Charme-Offensive an „Italianità“, der man sich kaum entziehen kann.

„Trotzdem mag sie München. Natürlich möchte sie irgendwann zurück, in der Casa degli Italiani sprechen alle ständig vom Zurückgehen, irgendwann. Aber sie weiß, dass sie auch dort längst fremd ist.“

(S.185)

Der Roman schwankt zwischen unbändiger Lebensfreude und melancholischer Wehmut – zwischen sizilianischer Zitrusplantage und bayerischer Großmarkthalle. Ein Leben zwischen zwei Welten – das Schicksal der Gastarbeiter, für die es schwer ist und die sich weder in der alten noch in der neuen Heimat richtig zu Hause zu fühlen. Es ist ein weiter, verschlungener Weg für Barnaba und während dieser großen Familiensaga bangt man mit ihm und begleitet ihn mit Spannung auf seiner Suche nach dem Glück. Bittersüß und erfrischend wie der Saft aus besten sizilianischen Mandarinen und zugleich leuchtend wie die mediterrane Sonne!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Goldmann Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mario Giordano, Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen
Goldmann
ISBN: 978-3-442-31560-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch geht es natürlich – abgesehen von den vielen verschiedenen Sorten von Zitrusfrüchten, die eine so wichtige Rolle im Buch spielen – typisch sizilianisch zu: und zwar mit einer traditionellen Süßspeise – Cannoli.

„Der Fotograf reicht ihm ein mit Ricotta gefülltes Cremeröllchen und sieht zu, wie Barnaba mit aufgerissenen Augen den ersten cannolo seines Lebens verschlingt. (…) Der cannolo überrennt seine Sinne. Die Kruste des Röllchens zersplittert beim ersten Biss, und sein Mund füllt sich mit einer Wolke aus schneeweißem Quark. Aromen verpuffen wie Feuerwerksböller an San Pancrazio. Da knistert Karamell, pocht Vanille an seinem Gaumen, kandierte Kirschen und geröstete Pistazien.“

(S.14)

Auf Ariane’s Blog Tradolceedamaro findet sich ein Rezept, wenn man sich selbst einmal daran wagen möchte, Cannoli zu machen.

Zum Weiterhören:
Barnaba mag den „karamelldunklen“ (S.133) Belcanto seines Landsmannes Enrico Caruso. Besonders emotional aufgeladen ist für ihn die Arie „Vesti la giubba“ des Clowns aus Ruggero Leoncavallo’s Oper „Pagliacci“,

„der sich auch mit gebrochenen Herzen das Gesicht pudert, weil das Publikum schließlich bezahlt hat, um zu lachen.“

(S.434)

Zum Weiterlesen:
Für alle, die nicht genug von Sizilien bekommen können, gibt es mit Santo Piazzese’s Krimi „Blaue Blumen zu Allerseelen“ eine weitere Möglichkeit, die Insel literarisch zu bereisen – diesen habe ich vergangenen Herbst hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304