Glaube, Liebe, Diskussionen

Herbst und Winter sind für mich eine Zeit, die mich häufiger zu historischen Romanen greifen lässt. Und so habe ich es auch endlich geschafft, mir wieder einmal einen Regalschlummerer vorzunehmen: Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ stand schon eine ganze Weile bei mir zu Hause. Und wieder einmal stellte ich mir danach die Frage, warum ich eigentlich so lange mit der Lektüre gewartet habe. Denn der Roman, für welchen die Autorin 2017 den Britischen Buchpreis gewonnen hat, ist wirklich großartig und passt thematisch perfekt in diese Zeit.

Schließlich behandelt er große, zeitlose Fragen über die Spannungsfelder zwischen Kirche und Aberglauben, Glaube und Wissenschaft, Unabhängigkeit und Liebe. Fragen, die im Großbritannien des Jahres 1893 die Hauptfiguren des Romans Cora Seaborne und den Pfarrer William Ransome ebenso beschäftigen, wie uns heute – vielleicht gerade wieder mehr denn je.

„Wir beide sprechen davon, die Welt zu erhellen, aber wir beziehen uns auf unterschiedliche Lichtquellen, Sie und ich.“

(S.152)

Cora Seaborne ist noch jung, als sie früh Witwe wird. Als ihr Mann stirbt, mit dem sie eine nüchterne und wenig liebevolle Ehe geführt hatte, verlässt sie 1893 London gemeinsam mit ihrem Sohn und reist nach Colchester in die Grafschaft Essex. Trotz der Trauer empfindet sie ein starkes Gefühl der Unabhängigkeit und der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, welchen sie sich während ihrer Ehe gebeugt hatte.

„In den vergangenen Wochen habe ich mehr als ein Mal gedacht, dass die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war.“

(S.155)

Für sie beginnt ein neues Leben und die aufgeschlossene und naturwissenschaftlich interessierte Anhängerin Darwin’s nutzt die Zeit für Studien, lange Spaziergänge und dafür, für ihren Sohn Francis, der autistische Züge zeigt, eine geschützte Atmosphäre zu schaffen. Sie wird umworben vom jungen Arzt Luke, der ihren Mann behandelt hatte, und die junge Witwe gerne an seiner Seite hätte.

Doch schon bald lernt sie über gemeinsame Bekannte den Pfarrer des einsamen, kleinen Küstenorts Aldwinter kennen: William Ransome, der dort mit seiner kränklichen Frau und den gemeinsamen Kindern lebt, und gerade besonders gefordert ist, seiner Gemeinde beizustehen und Halt zu geben.
Denn im Ort geschehen beunruhigende und merkwürdige Dinge: Mysteriöse Todesfälle, Menschen verschwinden und das Gerücht hält sich hartnäckig, dass ein Meeresungeheuer – die Schlange von Essex – an allem schuld sein könnte.

„Seine Religiosität beschränkte sich nicht auf Gebote und Glaubenssätze, denn er war kein Beamter und Gott kein Geschäftsführer eines himmlischen Ministeriums. Will glaubte mit dem ganzen Herzen, vor allem draußen in der Natur. Das Himmelsgewölbe war sein Kirchenschiff und die Eichen die Pfeiler des Querhauses (…)“

(S.139/140)

Und während der Pfarrer gegen den Aberglauben seiner Schäfchen ankämpft, ist Cora’s Neugierde geweckt. Wähnt sie doch in der Sichtung des seltsamen Meereswesens die Chance, eine längst ausgestorben geglaubte Saurierart wieder entdecken zu können. Sofort beginnt sie zu forschen und rege Diskussionen mit William zu führen. Gegensätze ziehen sich an…

Für mich war „Die Schlange von Essex“ ein perfekter Schmöker für lange Herbstabende: die düstere Atmosphäre, die Spannung, die sympathischen Figuren – da stimmte einfach die Chemie.
Sarah Perry hat eine große Begabung für eine unwiderstehliche Figurenzeichnung. Cora und William, aber auch die Nebenfiguren, erobern den Leser im Sturm. Schon bald ist man ihnen rettungslos verfallen und kann sich dem Sog des Romans nicht mehr entziehen. Kunstvoll beschreibt die Autorin im Roman die vielen Facetten der Liebe – Elternliebe, Freundesliebe, Nächstenliebe, geistige und erotische Anziehung, platonische Liebe, unerfüllte Liebe.

Das Knistern zwischen Cora und William ist so intensiv, dass der Funke unweigerlich auf den Leser überspringt. Perry beschreibt auf sehr gekonnte und starke Art und Weise die magische Anziehung zwischen den beiden, die vor allem auch durch den intellektuellen Gedankenaustausch und die Diskussionen auf Augenhöhe genährt wird.

„Sie reiben sich aneinander, jeder ist Wetzstein und Messer zugleich, und wenn das Gespräch auf den Glauben und die Vernunft kommt, haben sie ihre Argumente parat, erschrecken einander durch kurze Ausbrüche von Übellaunigkeit (…)“

(S.217)

Es ist unmöglich, den zahlreichen Aspekten und möglichen Lesarten des Romans in einer halbwegs kompakten Rezension gerecht zu werden. Jeder Leser und jede Leserin wird das Buch sicher anders lesen und den jeweils eigenen Blickwinkel finden.

Ein üppiger, reicher und bereichernder Roman voller Wärme, der mich begeistert und fasziniert hat. Diese knapp 500 Seiten sind ein wahres literarisches Schatzkästchen voller Klugheit, Denkanstöße und großer Gefühle. Ein Buch, das zum intensiven Nachdenken anregt und mich – gerade in diesen Pandemiezeiten – unweigerlich immer wieder die Parallelen zur aktuellen Situation ziehen ließ. Ein Roman, der anschreibt gegen rückständige Geisteshaltungen und ein flammender Appell für Aufklärung, Transparenz und wissenschaftlich fundierte Rationalität ist – aber auch ein Werk über Liebe, Zuneigung und die vom Glauben getragene Nächstenliebe.

Eine interessante und außergewöhnliche Leseerfahrung, denn vermutlich hätte ich diesen Roman 2017 mit völlig anderen Schwerpunkten und einem komplett anderen Blickwinkel gelesen. Der Virus hat offensichtlich auch mein Leben als Leserin verändert. Selten habe ich in einer Romanlektüre während der vergangenen zwei Jahre – und noch dazu in einem historischen Roman – so viele aktuelle Zeitbezüge gefunden wie in „Die Schlange von Essex“. Doch so wurde dieses Leseerlebnis für mich zur intensiven Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Konflikt zwischen verschwörungstheoretischen Erklärungsversuchen und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fundierter Aufklärung.

„Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, als man die Kinder mit Schauergeschichten von Geistern und Dämonen zu erziehen versuchte! Das Licht der Aufklärung hat jene finsteren Zeiten beendet!“

(S.379)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Bingereader, Gassenhauer und Buchstabenträumerei.

Buchinformation:
Sarah Perry, Die Schlange von Essex
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0030-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“:

Für den Gaumen:
Die englische Tea Time ist auch in diesem Roman unverzichtbar, dazu gibt es eine ordentliche Auswahl an süßem Gebäck:

„Sie servierte Makronen, Shortbread mit Schokosplittern und rautenförmige, mit Himbeermarmelade bestrichene und in Kokosraspeln gerollte Törtchen.“

(S.62)

Wenn man da nicht Lust auf einen 5 o’clock-Tea bekommt…

Für einen Ausflug bei einem Londonurlaub:
Das erste Kapitel nach dem Prolog beginnt so:

„Ein Uhr mittags an einem trüben Tag, und auf dem Dach der Sternwarte von Greenwich fiel die Zeitkugel herunter. Eis bedeckte den Nullmeridian.“

(S.19)

Vor einigen Jahren besuchte ich Greenwich und fand den Ausflug dorthin sehr interessant. Eine schöne Erinnerung, die durch die Lektüre wieder aufgefrischt wurde.

Zum Weiterlesen:
Cora Seaborne, die Hauptfigur in „Die Schlange von Essex“ interessiert sich für Darwin’s Theorien und die Naturwissenschaften. Ein schöner Roman, der sich mit den Zeitgenossen Marx und Darwin beschäftigt, ist Ilona Jerger’s 2017 erschienenes Buch „Und Marx stand still in Darwins Garten“.

Ilona Jerger, Und Marx stand still in Darwins Garten
Ullstein
ISBN: 9783548290614

Novellant trifft Kurtisane

Rom – die ewige Stadt – ein literarischer Schauplatz, der mich immer wieder magisch anzieht und gerade jetzt im Herbst, wenn die Abende länger und dunkler werden, ist für mich oft die richtige Zeit für einen richtig schönen Schmöker. „Mercuria“ von Michael Römling ist ein herrlicher historischer Roman, der einen abtauchen und die Welt um einen herum vergessen lässt.

16. Jahrhundert – Renaissance in Rom – die Stadt pulsiert und bietet stets Stoff für aufregende Geschichten und Neuigkeiten. Michelangelo, dessen malender Vater ihn nach seinem größten Vorbild benannte, laviert sich als kleiner Gazettenschreiber mit meist halbwahren und erfundenen Geschichten durchs Leben.

Als er bei einer seiner abenteuerlichen Recherchen zufällig Mercuria kennenlernt, die als ehemalige Kurtisane in den höchsten Kreisen verkehrte und so zu Reichtum gekommen ist, findet er in einem ihrer Mietshäuser Unterschlupf. In ihren Häusern hat sie bereits ein illustres Völkchen an Schützlingen um sich versammelt – ihre Ersatzfamilie, die sie wie eine Löwenmutter verteidigt und vor Unheil schützt – zumal sie vor vielen Jahren ihre einzige Tochter unter tragischen Umständen verloren hat.

„Das war also die Gesellschaft, in der ich mich nun befand: eine ehemalige Kurtisane, die anstößige Schwänke vortrug, ein Bildhauer, der ketzerische Werke entwarf, ein in offenem Konkubinat lebendes Paar, das Schindluder mit religiösen Praktiken trieb und reuelosen Sündern für Geld bei der Sakramentserschleichung behilflich war, und schließlich ein ehemaliger Jude, der heidnische Autoren studierte und wissenschaftliche Studien über Geschlechtskrankheiten betrieb.“

(S.115)

Der gewaltsame Tod der Tochter hat Mercuria nie losgelassen und so sinnt sie auch nach langen Jahren immer noch auf Rache. Michelangelo, der nicht nur ein umfangreiches Archiv an geheimsten Dokumenten, Nachrichten und Papieren von seinem Onkel geerbt hat, das sich als wahre Goldgrube erweist, sondern der sich auch gerne unkonventioneller und nicht zwingend legaler Methoden der Informationsbeschaffung bedient, kommt ihr daher gerade recht. Vielleicht kann er auf seine Art und mit Hilfe der Geheimdokumente des Onkels endlich Licht ins Dunkel bringen.

Jener Onkel, der ihn stets gerne in seinen Fußstapfen als Novellant, d.h. als Nachrichtenhändler, der mit wertvollen Informationen aus Kreisen der Kurie und der römischen Gesellschaft handelte, gesehen hätte, sich der Wahrheit verpflichtet hatte und der über die erfundenen Geschichten und Gazetten seines Neffen ohnehin nur die Nase gerümpft hätte.

„Vielleicht fängst du mal damit an, es mit der Wahrheit etwas genauer zu nehmen. Das ist nämlich eine Krankheit unserer Zeit. Die Welt dreht sich immer schneller. Jeder versucht, lauter zu sein als die anderen. Immer raus mit den Nachrichten, ob sie stimmen oder nicht. Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, was sie glauben sollen.“

(S.213)

Gemeinsam mit seinem Mitbewohner, dem kräftigen Bildhauer und gewitzten Unikum Gennaro macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Dass die beiden dabei so manches Hindernis zu überwinden und so manche gefährliche Mission zu meistern haben, schweißt sie ebenso zusammen wie die ausgelassenen Feiern mit Mercuria’s Mitbewohnern im gemeinsamen Innenhof.

Verwicklungen, Enthüllungen, unerwartete Wendungen – der Roman hat alles, was ein spannender historischer Schmöker braucht. Dazu der grandiose Schauplatz: Rom, der Vatikan mit dem gerade im Bau befindlichen Petersdom, die Inquisition, die Intrigen und Machtspiele der Kardinäle und Papstkandidaten – daneben der Hortaccio, das Viertel der Kurtisanen.

So erfährt man bei der Lektüre auch einiges über die römische Geschichte, die Zeit der Renaissance oder zum Beispiel auch über den Sacco die Roma im Jahre 1527, als Landsknechte und Söldner den Kirchenstaat und die Stadt plünderten.

Und man lernt, was es mit dem Pasquino auf sich hat: dem Torso einer antiken Statue, der in der Nähe der Piazza Navona steht und an welcher nachts heimlich Spottgedichte und satirische Verse befestigt wurden, die sich gegen die Obrigkeit – die Kirche und die Politik – richteten. Auch im Roman bedient sich jemand dieses Ventils, um seiner Empörung Luft zu machen.

Vom langen Personenverzeichnis, das dem Buch vorangestellt ist, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Beim Lesen findet man sehr schnell in die Geschichte und gerade die plastischen Charaktere und sympathischen Hauptfiguren wachsen einem sofort ans Herz. Man zittert, fiebert und feiert mit Michelangelo, Mercuria und Gennaro und die spannende Handlung lässt einen das Buch nur noch ungern zur Seite legen.

„Manchmal ist es erst ein kleiner Makel, der schöne Dinge richtig schön macht. Eine schwarze Äderung im weißen Marmor. Man kann sie nicht herausschleifen, ohne die Vollkommenheit der Skulptur zunichtezumachen. Stattdessen sollte man sie polieren.“

(S.334)

So durfte ich dank „Mercuria“ einige sehr spannende – man könnte schon fast von einem Historienkrimi sprechen – und sehr kurzweilige Stunden im Rom der Renaissance verbringen, die ich sehr genossen habe. Und mit der Erkenntnis, dass sich manches wohl kaum ändert und die Novellisten der damaligen Zeit vielleicht die Whistleblower oder Nachrichtenagenturen von heute sind und die unseriösen Gazettenschreiber schon damals „Fake News“ verbreitet haben, lässt sich auch der Bogen in die heutige Zeit schlagen.

Michael Römling hat Geschichte studiert, promoviert und acht Jahre in Rom gelebt. Für alle Rom-Fans, Freunde eines opulenten Historienschmökers und Liebhaber einer gut erzählten Geschichte, bei der man auch noch etwas lernen kann, ist „Mercuria“ sicherlich eine gute Wahl. In diesem Sinne: Arrivederci, Roma! Und bis zum nächsten Mal!

Buchinformation:
Michael Römling, Mercuria
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00128-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michael Römling’s „Mercuria“:

Für den Gaumen:
Mercuria hat einen auserlesenen Weingeschmack und kann es sich leisten. So lockert ein Gläschen Grenache – eine rote Rebsorte – die Zunge und sie erzählt bei einem gutem Wein über ihre bewegte Vergangenheit.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Tizian’s Danae hat einen kurzen Gastauftritt in „Mercuria“ – aktuell ist in Wien vom 05.10.21 bis zum 16.01.22 im Kunsthistorischen Museum die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ zu sehen. Auch der Webauftritt dieser Ausstellung ist bereits sehr sehenswert und so kann man sich auch ein gutes Bild verschaffen, wenn man gerade nicht die Möglichkeit hat nach Wien zu reisen.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich bereits Michael Römling’s historischen Roman „Pandolfo“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schauplatz war hier das Mailand der Renaissance bzw. des 15. Jahrhunderts.

Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-27619-4

Malerin und Modell

Bücher und Gemälde, Literatur und Kunst – genau diese inspirierenden Verbindungen zwischen verschiedenen, künstlerischen Disziplinen sind es, die ich mir für die Kulturbowle wünsche. So ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“ über die Malerin Lotte Laserstein und ihr Lieblingsmodell Traute Rose sofort ins Auge sprang.

Basierend auf der wahren Biografie der beiden lässt die Berliner Autorin in ihrem Roman die Frauen kapitelweise abwechselnd zu Wort kommen. Zwei Ich-Erzählerinnen, die jeweils ihre Sicht der Dinge, ihre Geschichte und die außergewöhnliche und besondere Beziehung zur jeweils anderen erzählen.

Zwei Lebensläufe, die sich in den Zwanziger Jahren in einer Berliner Suppenküche kreuzen und auch später über Landesgrenzen und große Entfernungen hinweg nie mehr trennen lassen werden.

„Ich glaube, wir sind wie ein Zopf, geflochten aus drei Strähnen – Lotte, die Kunst und ich. Ineinander verschlungen, untrennbar verwirrt, mit den Jahren immer struppiger, immer unlösbarer.“

(S.52)

Lotte Laserstein ist eine der ersten Frauen, die in Berlin für den Besuch der Kunstakademie zugelassen werden. Als Schülerin von Erich Wolfsfeld kann sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, Malerin zu werden.
Der Roman begleitet sie auf diesem Weg und erzählt von ihrem Kampf um Anerkennung, ihren Selbstzweifeln, ihrem Ringen um den eigenen Stil und ihrer langsamen Art zu malen. Ihre Gemälde brauchen Zeit.

Doch das Buch erzählt in gleichem Maße auch die Geschichte von Traute Rose – der Frau, die auf vielen Gemälden Lotte Lasersteins zu sehen ist – ihr Lieblingsmodell, ihre Inspiration, ihre Muse. Wie ist es Modell zu sein, über Stunden still zu halten, für einen Akt zu posieren, sich selbst permanent auf der Leinwand zu sehen?

Anne Stern beleuchtet dieses besondere Verhältnis der beiden Frauen und gibt ihnen eine Stimme. Sie beschreibt das Kennenlernen der beiden, ihre gemeinsame Zeit in Berlin und die Momente, in welchen große Kunst entsteht.
Traute begleitet Lotte auf ihrem steinigen Weg zu den ersten erfolgreichen Ausstellungen, kennt ihr Hadern zwischen Kunst und Broterwerb. Als es für Lotte als Jüdin in Berlin immer gefährlicher wird und sie auch ihre Schüler nicht mehr unterrichten kann, um Geld zu verdienen, flieht sie vor den Nationalsozialisten 1937 ins schwedische Kalmar.

„Die Wirklichkeit und die Kunst sind keine Gegner, sondern Verbündete, und schon damals trug ich meine einzige Wirklichkeit im Malkasten mit mir herum. Das war auch dann noch so, als mir alles genommen wurde.“

(S.116)

Der Roman liest sich sehr flüssig und man freut sich und leidet mit den beiden Frauen in jeder Szene mit. Manche Stellen hätten für meinen Geschmack jedoch sprachlich etwas weniger blumig ausfallen können und auch die fast durchgängig sehr wehmütig-melancholische Stimmung hätte für mich ab und zu etwas weniger larmoyant sein dürfen.
Stark hingegen fand ich die Schilderung Berlins, des Zeitgeists, die Welt der Künstler und die atmosphärischen Beschreibungen der Zwanziger Jahre – dieser Funke ist definitiv übergesprungen.

„Dieses rastlose Berlin finde ich heute nur in alten Romanen wieder. Und in der Erinnerung an jene Tage, an denen ich mit Traute nach unserer Arbeit im Atelier durch Berlin lief. Vorbei an Litfaßsäulen mit Werbeplakaten für Theater und Varietés, vorbei am Drehorgelspieler, an Ständen mit Körben der ersten Pilzernte, an Zeitungskiosken, von denen uns die Schlagzeilen ansprangen wie übermütige Hunde.“

(S.205)

Lotte Laserstein blieb bis zu ihrem Tod 1993 in Schweden und lebte dort von Portraits und Landschaftsmalerei – sie veränderte ihren Stil. Ihre bekanntesten Werke, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet und als Höhepunkte ihres Schaffens gelten werden, entstanden in der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin.

Anne Stern hat einen Roman über Schmerz und Verlust voller Wehmut und Melancholie geschrieben, aber sie hat auch eine große Frauenfreundschaft, die besondere Beziehung zwischen Malerin und Modell und die Entstehung von Kunst in den Mittelpunkt ihres Werks gesetzt.

Vor meiner Lektüre wusste ich nichts über Lotte Laserstein – jetzt habe ich das Gefühl, eine Künstlerin und ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame Weise kennengelernt zu haben. Ich durfte literarisch der Entstehung ihrer wichtigsten Werke beiwohnen, im Atelier Mäuschen spielen, ihre Freundin und Muse kennenlernen, in ihre Gedankenwelt eintauchen. Es ist immer wieder faszinierend, was Bücher bewirken können.

Eine spannende Künstlerpersönlichkeit mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, über die es sich zu lesen lohnt und die mir sicher im Gedächtnis bleiben wird. Wenn ich irgendwann in einem Museum einem ihrer Gemälde gegenüberstehen werde, wird ihre Lebensgeschichte bestimmt sofort wieder präsent sein.

Buchinformation:
Anne Stern, Meine Freundin Lotte
Kindler
ISBN: 978-3463000268

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anne Stern’s „Meine Freundin Lotte“:

Für den Gaumen:
Neben Erbsensuppe mit Pinkel wartet Anne Stern’s Roman für mich als Kulturbowlen-Gastgeberin kulinarisch doch tatsächlich mit einem sehr passenden Getränk auf:

„Wir zwängten uns an einen der schmalen Tische, bestellten Kaffee und in einem Anfall von Übermut je ein Glas Pfirsichbowle, die auf der Karte angeboten wurde.“

(S.206)

Zum Weiterschauen (I):
Das Gemälde „Abend über Potsdam“ gilt als das bekannteste Gemälde Lotte Lasersteins – es befindet sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie Berlin und auf der Homepage des Museumsportals Berlin kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Auf diesem Bild ist Traute Rose übrigens auch zu sehen – sie ist die Dame, die links am Geländer steht.

Zum Weiterschauen (II):
Im Roman besucht Lotte Laserstein das Kino und sieht dort den mittlerweile legendären Filmklassiker von und mit Charlie Chaplin „Der Vagabund“, der im Jahr 1916 erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Die Kaffeehäuser Berlins sind immer wieder Schauplatz im Roman. Auch das weltberühmte Romanische Café am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche, welches als einer der Künstlertreffpunkte galt, darf da nicht fehlen.
Brigitte Landes hat mit ihrem Buch „Im Romanischen Café“ dieser Institution der Berliner Bohème und ihren illustren Gästen ein literarisches Denkmal gesetzt. So enthält der schön gestalte Band der Insel-Bücherei unter anderem Texte von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und vielen anderen mehr.

Brigitte Landes, Im Romanischen Café. Ein Gästebuch.
Insel Bücherei
ISBN: 978-3-458-19472-9

Rügen-Lektüre

Wer sich der Insel Rügen literarisch zuwenden möchte, der kommt an Hans Fallada’s Klassiker „Wir hatten mal ein Kind“ kaum vorbei. Der Roman aus dem Jahr 1934 über den eigenwilligen Bauernsohn Johannes Gäntschow – welcher in Hans Fallada’s Zeit in Carwitz (Mecklenburg-Vorpommern) entstand – erzählt die wechselvolle Geschichte einer Bauernfamilie auf Rügen, der Beziehung zwischen Johannes und seiner adeligen Jugendfreundin sowie ersten großen Liebe Christiane.

Die Familie Gäntschow, welche seit Generationen Landwirtschaft auf der Insel Rügen betreibt, hat seit langem den Ruf, eigenwillig und schwierig zu sein. Auch der jüngste Spross Johannes – dessen zahlreiche Geschwister entweder früh sterben oder später im Leben scheitern und ihn so in die Rolle des Hoferben drängen – ist ein Dickkopf und Eigenbrötler.

Johannes lernt bereits als Junge bei den Schulstunden, die er beim Geistlichen des Ortes erhält, die junge Adelige Christiane kennen. Lange Zeit sind sie unzertrennlich, wachsen gemeinsam auf und überbrücken die unübersehbaren Klassen- und Standesunterschiede, die immer wieder deutlich spürbar werden. Sie werden Freunde und beide werden die Jugendliebe nicht vergessen.
Doch ein schicksalshaftes Erlebnis treibt die beiden auseinander, führt zur Trennung und sie verlieren sich für einige Jahre aus den Augen. Schulzeit, Lehr- und Wanderjahre: Hannes wird erwachsen und heiratet Elise – eine Lehrerin, die ihren Beruf für ihn aufgibt. Doch die Ehe wird nicht glücklich.

„Es ist eine seltsame Sache mit den Gerüchten, den Klatschereien, die über uns umlaufen. Sie mögen uns empören, wir können über sie lachen – sie beeinflussen uns doch. Gerüchte sind Rauch und Dunst, ein Qualm, es riecht nach etwas.“

(S.470)

Und plötzlich taucht auch Christiane wieder in seinem Leben auf, doch auch sie ist mittlerweile verheiratet und schon bald entspinnt sich ein kompliziertes und verhängnisvolles Dreiecksverhältnis.

Ich brauchte eine gewisse Zeit, um mich in den 600 Seiten starken Roman, hineinzufinden. Fallada beschreibt eindrucksvoll das schwierige und raue Leben der Bauernfamilie, das geprägt ist von harter Arbeit, den Jahreszeiten, der Witterung, Verlust und häufigen Schicksalsschlägen.

„Man kann im August sich ohne Schwierigkeiten einbilden, daß der Dezember noch unendlich weit ab wäre. Auch im September braucht man nicht an das Weihnachtsfest zu denken. Man hat ja auch nichts vorzubereiten, man hat nur abzuwarten. Im Oktober mit seinem Fall der letzten Blätter, mit seinen Stürmen und den früher und trüber werdenden Abenden, muß man sich mit dem Gedanken an den Winter schon eher vertraut machen. Der November bringt den ersten Schnee, der zwar gleich wieder zergeht, aber nun gut, jetzt ist es bald Weihnachten.“

(S.561/562)

Stilistisch und sprachlich liest sich dieser Roman Fallada’s sehr flüssig und er besticht durch seine feinen Charakterzeichnungen und Milieustudien. Man fröstelt, wenn er den Winter und die eisige Atmosphäre der Dorfbewohner und Arbeiter beschreibt. Doch dieser Johannes Gäntschow war für mich kein sympathischer Charakter. Ich wurde mit dieser Hauptfigur, die sich und seinem Glück ständig selbst im Weg steht, nicht warm. Sein Eigensinn, seine Einstellung und Haltung gegenüber Frauen – es gab einige Aspekte, die mich während der Lektüre auf Distanz hielten.

„Ich fürchte, du überschätzt die Liebe der Menschen für dich, Hannes, sagt Christiane kühl.“

(S.491)

Das Rügen in „Wir hatten mal ein Kind“ ist nicht die Sonneninsel und das Urlaubsparadies von heute. Das ist eine völlig andere Zeit und eine andere Gesellschaft, die hier geschildert wird. Das sind nicht die berühmten, romantischen Kreidefelsen im magischen Licht des Caspar David Friedrich, sondern es sind die zu bestellenden Felder und einfachen Fischerdörfer. Es ist das Leben in und mit der Natur, das Milieu der Bauern- und Gutshöfe, geprägt von Traditionen und hierarchischen Strukturen, das der Autor mit spitzer Feder herausarbeitet. Und das war Fallada’s große Stärke.

„Aber es ist so eine komische Art von Glück, aus lauter Splittern. Vielleicht gibt es keine andern Glücksmöglichkeiten als diese. Immer nur auf der mittleren Linie, mit Einschränkungen und Kompromissen.“

(S.493)

Wenn man sich für Rügen, Land und Leute, Zeitgeschichte und das literarische Werk Hans Fallada’s interessiert, ist die Lektüre definitiv lohnenswert, erforderte jedoch bei mir auch stellenweise etwas Geduld und Durchhaltevermögen, was angesichts der Seitenzahl aber auch nichts Ungewöhnliches ist.

Hans Fallada (1893 – 1947), der vor allem durch seinen großen Erfolg „Kleiner Mann – was nun?“ aus dem Jahre 1932 bekannt wurde, widmete sich in seinen Werken häufig gesellschaftskritischen Themen, während der Zeit des Nationalsozialismus passte er sich jedoch an und wich auf leichtere Unterhaltungsliteratur aus. Er verstarb bereits im Alter von nur 53 Jahren im Februar 1947 in Berlin an den Folgen seiner Morphiumabhängigkeit.

Buchinformation:
Hans Fallada, Wir hatten mal ein Kind
atb
ISBN: 978-3746627885

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hans Fallada’s „Wir hatten mal ein Kind“:

Für den Gaumen:
In der Winterzeit werden im Roman Toddies getrunken – vielleicht ist ein Hot Toddy, d.h. laut Wikipedia ein „dem Grog ähnliches Getränk aus hochprozentigem Alkohol, Zucker und Wasser“ ja auch etwas zum Aufwärmen nach dem nächsten Herbstspaziergang. Mehr über das Getränk und ein Rezept findet man bei der Süddeutschen Zeitung oder auf Sonja’s Blog „Die Foodalchemistin“.

Zum Weiterlesen (I):
Meine erste Begegnung mit Hans Fallada war vor einigen Jahren der Roman „Jeder stirbt für sich allein“, der mich nachhaltig beeindruckt hat und mich persönlich mehr berührt und angesprochen hat als „Wir hatten mal ein Kind“. Seinen letzten Roman aus dem Jahr 1947, der den Widerstand gegen den Nationalsozialismus eines Berliner Ehepaars thematisiert, das Flugblätter in Treppenhäusern auslegt, kann ich sehr empfehlen.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3351033491

Zum Weiterlesen (II):
Eine leichtfüßigere, humorvollere Rügen-Lektüre ist sicherlich Elizabeth von Arnim’s Reisebericht aus dem Jahre 1904 „Elizabeth auf Rügen“, der sich auch in der heutigen Zeit noch sehr amüsant und unterhaltsam lesen lässt.

Elizabeth von Arnim, Elizabeth auf Rügen
Aus dem Englischen von Anna Marie von Welck
List Taschenbuch
ISBN: 978-3548602479

„(…) zum Schwarzen See, und wenn er dort angelangt ist, setze er sich still nieder, nehme den Gedichtband heraus, den er gewiß in seiner Tasche hat, und preise Gott, der jenen lieblichen kleinen Teich droben auf dem Hügel geschaffen hat – der drum herum einen Gürtel von Wald gezogen und die schilfigen Buchten mit Wasserlilien angefüllt und der ihm Augen geschenkt hat, diese Schönheit zu sehen.“

(aus Elizabeth von Arnim „Elizabeth auf Rügen“, S.140)

Erinnerungswurlitzer

Es gibt Bücher, die gehen unter die Haut und berühren tief im Inneren: Sibylle Schleicher hat mit „Die Puppenspielerin“ ein solches geschrieben – ein Herzensbuch, ein tieftrauriger und doch hoffnungsvoller Roman über Familienbande und das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Ein ernstes, schwieriges Thema, das die in Österreich geborene Autorin, die heute in Ulm lebt, ihren Lesern auf sehr behutsame und gefühlvolle Art näher bringt. Ein mutiges Unterfangen, zumal es für die meisten in der Regel bequemer ist, sich nicht freiwillig mit dem Themengebiet des Sterbens und des Todes auseinanderzusetzen.

Sarah und Sophie sind Zwillinge und Zeit ihres Lebens verbindet die Schwestern ein ganz besonderes und inniges Band.

„Mit einem Zwilling an der Seite kann einem nichts passieren, sagt Sarah. Zu zweit war alles halb so schlimm und doppelt so schön.“

(S.16)

Mittlerweile sind beide Anfang Vierzig, haben eigene Familien gegründet und dennoch verbindet sie weiterhin die Leidenschaft des Puppenspiels: Sophie schreibt die Stücke, Sarah baut die passenden Puppen dazu – ein Gemeinschaftsprojekt der Zwillingsschwestern. Sie scheinen unzertrennlich, doch plötzlich schlägt das Schicksal zu und Sarah erkrankt schwer.

Die Familie begleitet sie durch die schwierige Zeit der Unsicherheit, der Untersuchungen, der Suche nach einer Diagnose und der richtigen Therapie – ein Leidensweg beginnt. Sophie versucht, für die Schwester und deren Familie da zu sein, den Neffen und Schwager zu versorgen und Halt zu geben. Die Familie rückt zusammen.

Sibylle Schleicher hat eine sehr intime, ehrliche und eindringliche Geschichte verfasst, die erzählt, was eine lebensbedrohliche Erkrankung eines engen Familienmitglieds auslöst, welche Mechanismen und Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, mit der Situation umzugehen und welche Wucht der Veränderung ein solcher Schicksalsschlag besitzt.

Natürlich sind da Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut, aber die Autorin zeigt auch, dass eine Familie sich in einer solchen Ausnahmesituation bedingungslos gegenseitig stärken, unterstützen und tragen kann.

Doch erst einmal steht die Welt in der betroffenen Familie still – das Weltgeschehen, die Nachrichten all das hat plötzlich keine Bedeutung mehr. Der Alltag tritt außer Kraft und doch sind es teils auch die alltäglichen Verrichtungen, Handgriffe und Routinen, an die man sich klammert und die ein Gerüst geben sollen.

„Aber manche Momente sind stark genug, dass sie ohne jede Erinnerungsstütze überdauern und für alle Zeit abrufbar sind.“

(S.50)

Besonders berührend finde ich die Szenen, in welchen Schleicher beschreibt, welche Kraft eine gemeinsame Kindheit und schöne Erinnerungen haben können. Wie wichtig und natürlich es ist, sich in Krisensituationen wieder an glückliche Zeiten zu erinnern: Familienfeste, unbeschwerte Sommertage, gelebte Traditionen und Bräuche – all das kann Trost spenden.

„Die alten Geschichten aufwärmen, denke ich. Eigentlich wärmen nicht wir sie auf, sondern sie uns. Sie haben noch so eine Kraft. Lebendige Erinnerungen, egal, wie nah sie an der Wahrheit liegen. Die Kindheit ein Brunnen, der nicht versiegt.“

(S.57)

Die Schönheit der Natur sehen, ein gutes Essen genießen, Musik, kleine Glücksmomente, ein gemeinsames Lachen, beherztes Ansingen gegen Schmerzen und Angst, ein Rückbesinnen auf Traditionen und Glauben – die Autorin hat meisterhaft zusammengestellt, wie Menschen sich einer schwierigen Situation stellen. Das Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen ist so authentisch geschildert, dass man bei der Lektüre Seite für Seite und Zeile für Zeile mitleidet – ein zutiefst empathisches Buch.

„Dann greifen Bilder aus der Vergangenheit nach mir, wie der Greifarm vom Wurlitzer nach einer Platte fasst und sie auflegt.“

(S.209)

Die Autorin findet wunderbare und einfühlsame Worte in einer Sprache, welche dem ernsten Thema stets gerecht wird. Schön auch, dass an der einen oder anderen Stelle die österreichischen Wurzeln der Autorin sprachlich anklingen – das machte die Lektüre für mich noch authentischer. Und auch das gelungene Umschlagbild spielt sowohl auf die steirische Bergwelt als auch durch die gespiegelte, gedoppelte Darstellung auf die Zwillinge als Besonderheit an.

„In der Erinnerung war alles schön, und wenn wir unsere Geschichten weitererzählen, müssen sie immer irgendwann lustig werden. Man erinnert sich das so hin, wie man es am liebsten gehabt hätte, aber es war oft ganz anders.“

(S.210)

„Die Puppenspielerin“ ist sicherlich ein Buch, das für manche außerhalb der Komfortzone liegen mag, aber es ist auch ein Roman, der bewusst wieder einmal vor Augen führt, wie kostbar und schön das Leben ist. Ein mutiges, gefühlvolles und zärtliches Buch über die Macht der Familie und der Erinnerung – aber auch über Abschied, Trauer und Weiterleben. Eine emotionale und lohnende Lektüre, die den Blick aufs Wesentliche schärft.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“:

Für den Gaumen:
Es gibt Gerichte, welche in schweren Zeiten gut tun, Trost spenden und sprichwörtlich Leib und Seele zusammenhalten: Im Roman sind dies zum Beispiel Lasagne oder ein Süßkartoffelauflauf.

Zum Weiterhören:
Die Zwillingsschwestern tauschen musikalische Empfehlungen aus und geben sich gegenseitig Höraufgaben, was sich die andere Schwester jeweils anhören sollte – eine schöne Idee, wie ich finde.

„Die Reformations-Sinfonie von Mendelssohn. Eine Empfehlung von Sarah. Sie hört im Gegenzug die Walzer von Schostakowitsch.“

(S.28)

Zum Weiterschauen:
Ein Gemälde, das im Buch Erwähnung findet und auch einen wesentlichen Aspekt des Romans widerspiegelt ist „Der Tod im Krankenzimmer“ des norwegischen Malers Edvard Munch, das sich im Besitz des Munch Museums in Oslo befindet.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich Thomas Hettche’s Roman „Herzfaden“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt – im Zentrum steht die Augsburger Puppenkiste, die wohl zu den bekanntesten Puppentheatern im deutschsprachigen Raum zählt. Ebenso ein eindrucksvolles Buch über die Kraft des Theaters, die Kreativität und eine Familie, die in schweren Zeiten zusammenhält.

Thomas Hettche, Herzfaden
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05256-5

Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Es ist nie zu spät…

Ein Buch mit einem leuchtend gelben und sonnigen Cover und einem Titel, an dem ich – aus gegebenem Anlass – nicht vorbeikomme: „Barbara stirbt nicht“ – der neue Roman von Alina Bronsky. Erneut ein ungemein gefühlvolles, emotionales Buch der Autorin, die mich schon mit „Baba Dunjas letzte Liebe“ für sich eingenommen hat.
Keine leichte Kost, es geht ums Älterwerden und um Krankheit und doch hat dieses Buch so viele witzige und lustige Momente, dass es einen permanent auf eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle schickt, die von Seite eins bis Seite 256 nicht endet – Zielort und Ausgang ungewiss.

Walter und Barbara sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet. Er brachte das Geld nach Hause und sie war zuständig für die Kinder und den Haushalt: Klassische Rollenverteilung, alte Schule. Die Küche hatte er bislang kaum betreten: Kochen war Frauensache. Doch plötzlich steht Barbara morgens nicht auf, sondern bleibt krank im Bett liegen: kein Kaffeeduft am Morgen, kein Mittagessen auf dem Tisch. Walter macht sich Sorgen und plötzlich muss er das Ruder übernehmen. Schritt für Schritt stellt er sich den neuen Herausforderungen. Und plötzlich bekommt er sogar Hilfe, die er gar nicht erwartet hatte.

„Er sah damals gut aus, blond, stark. Einige waren in ihn verliebt gewesen. Aber keine war so sanft wie Barbara, die nicht Nein sagen konnte, auch wenn es ihr schadete. Er hatte bis heute nicht verstanden, ob sie besonders verliebt oder besonders schwach gewesen war. Gab es da überhaupt einen Unterschied?“

(S.215)

Bronsky hat eine große Gabe, die filigranen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen in ungeheuer treffenden, kleinen, feinen Szenen ganz ausdrucksstark herauszuarbeiten. So tragisch die anfängliche Überforderung Walter’s mit der Situation ist und so vehement er sich gegen die Wahrheit und das Annehmen der neuen Situation sträubt, so komisch ist es, ihn bei der Kochrezeptrecherche auf Facebook zu erleben. Die Schilderung der fünfzigjährigen Ehe und der festgefahrenen Routinen, die sich im Laufe der Jahrzehnte eingeschliffen haben, sind sehr fein beobachtet und beschrieben. Auch der Aspekt, dass es schwierig ist, die Schwäche im Alter zu akzeptieren und die Hilfe der Kinder anzunehmen, ist zutiefst menschlich und von Bronsky sehr treffend dargestellt.

Es ist rührend, Walter und Barbara als Paar zu erleben, das in die Ehe hineingeschlittert ist, sich jedoch auch gegen Kritik von außen behauptet hat und es sich am Ende eingerichtet hat in dieser Beziehung. Sie führen eine Ehe, die trotz oder gerade weil ein paar Probleme konsequent totgeschwiegen werden, funktioniert und auf ihre Art immer noch liebevoll ist.

„Sie sahen sich in die Augen wie sonst selten, wie vielleicht noch nie. Was gab es zu reden, wenn man schon alles gesagt hatte.“

(S.166)

Zugleich ist es auch ein Roman über das „Über sich hinauswachsen“ – darüber, dass es selten zu früh und nie zu spät ist. Aber auch ein Roman über die Ehe und die lebenslange Liebe gegen alle Widerstände – über veraltete Rollenmodelle, Klischees und über das Älterwerden.

Selten habe ich so viel Lustiges im Traurigen gelesen. Bronsky hat auf engsten Raum zwei Menschenleben, eine Ehe und die ganz großen Gefühle in allen Facetten gepackt. Eine lebenslange Beziehung und ein Familienleben mit viel Licht aber auch Schatten, in welches Bronsky geschickt noch weitere große Themen – vor allem auch im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern – versteckt, die ich nicht alle verraten möchte, die jedoch ein so authentisches und glaubwürdiges Porträt einer Familie ergeben, dass man ihr wirklich jede Zeile und jedes Wort abnimmt. Genau so war und ist das Leben!

Ein Abgesang auf eine Generation, deren eingefahrene, starre Rollenverteilung immer mehr der Vergangenheit angehört und zugleich ein sonniges, lustiges Buch, das dem Leser klar macht, dass jeder Neuanfang auch Chancen birgt.
Selten lagen Lachen und Weinen so nahe beieinander wie bei der Lektüre dieses Romans – ein berührendes, grandioses Buch voller Liebe, Herzenswärme und großer Gefühle!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00072-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“:

Für den Gaumen (I):
Herr Schmidt lernt Kochen und entdeckt für sich ungeahnte Fähigkeiten und Möglichkeiten – ein kulinarischer Höhepunkt ist seine selbstgemachte Birnenmarmelade aus Früchten vom eigenen Baum. Eine Leistung, die ihn mit Stolz erfüllt:

„Die Marmelade hatte die perfekte Konsistenz, sie rutschte im richtigen Tempo an den Glaswänden herunter, war nicht zu flüssig, nicht zu fest. Wenn man sie gegen das Licht hielt, schimmerten die Fruchtstücke golden durch.“

(S.234)

Für de Gaumen (II):
Sich bei diesem Buch nur mit einem kulinarischen Tip zu begnügen, würde dem Ganzen nicht gerecht werden: Daher der zweite Streich: Barbara, die russische Wurzeln hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Borschtsch. Nach anfänglichem Widerstand kapituliert Herr Schmidt irgendwann und wagt sich an dieses Abenteuer.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich ständig an den eingängigen und markanten Titel von Joachim Fuchsberger’s Buch denken: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ – das trifft den Inhalt von „Barbara stirbt nicht“ ziemlich gut.
Ich habe Fuchsberger’s Buch über das Älterwerden (noch) nicht gelesen, doch werde ich das zu gegebener Zeit sicher nachholen. Durfte ich ihn als großartigen Schauspieler und feinen Menschen doch sogar selbst noch live auf der Bühne erleben – ein Theater-Erlebnis, das ich nicht vergessen werde.

Joachim Fuchsberger, Altwerden ist nichts für Feiglinge
Goldmann
ISBN: 978-3-442-17419-5

Unbefleckte Empfängnis

Ein Roman, in welchem eine britische Journalistin in den Fünfziger Jahren in einem Fall von unbefleckter Empfängnis recherchiert? Das nenne ich mal eine ausgefallene Idee und ich fragte mich: Worauf läuft das hinaus?
Clare Chambers hat mit „Kleine Freuden“ einen Überraschungserfolg in ihrer Heimat Großbritannien erzielt, der für den Women’s Prize for Fiction 2021 nominiert wurde. Aus meiner Sicht zu Recht, denn sie erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte über liebenswerte Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen.

„Routinen können sehr hilfreich sein“, sagte Gretchen. „Vor allem, wenn man einen Haushalt führen muss. Aber sie müssen“ – sie breitete die Hände aus – „elastisch sein.“

(S.104)

Jean Swinney ist Lokalreporterin im Großbritannien der Fünfziger, d.h. in aller Regel berichtet sie über unspektakuläre Veranstaltungen, schreibt eine Kolumne über Haushaltstips und auch sonst ist ihr Leben alles andere als aufregend. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die mit Mann und Kindern in Afrika lebt und per Luftpost regelmäßig Bericht erstattet, lebt Jean immer noch zu Hause bei ihrer Mutter, die sie stets vollkommen mit Beschlag belegt und sich voll und ganz auf sie verlässt. So vergehen die Tage ohne große Höhen und Tiefen bis sie plötzlich mit einer unglaublichen Nachricht konfrontiert wird: da behauptet tatsächlich eine Frau als Reaktion auf eine Studie zur Parthenogese (der Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern), ihre zehnjährige Tochter Margaret wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Sie nimmt Kontakt zu der Dame auf und beginnt zu recherchieren. Die Journalistin wittert die Chance auf eine sensationelle Schlagzeile. Sie lernt die Mutter Gretchen und das Mädchen Margaret kennen und schon bald merkt sie, dass sie das Ganze nicht als Spinnerei abtun kann und freundet sich immer mehr mit den beiden an.

„Aber Romantik sollte nicht das Vorrecht junger Menschen sein, nicht wahr?“

(S.216)

Die Begegnung mit den Tilburys bringt das eingefahrene Leben Jeans aus der Spur, bewegt sie dazu, sich Auszeiten vom Alltag zu nehmen und lässt sie verstärkt auch über sich und ihr Leben reflektieren.
Doch je mehr Nähe sie zulässt, desto mehr gefährdet die wachsende Freundschaft und die gemeinsame Zeit mit den neuen Bekannten auch ihre Unbefangenheit als Reporterin. Kann und will sie weiterhin über den Fall berichten und in Kauf nehmen, die Familie der medialen Öffentlichkeit und der Sensationslust der Menschen auszusetzen?

„Sie hatte entdeckt, dass man unmöglich denken, grübeln oder sich quälen konnte, während man laut vorlas. Der Haushalt, das Hören von Musik, Lesen oder irgendeine der anderen üblichen Ablenkungen konnten das Getöse in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen.“

(S.398)

Für mich gab es große Parallelen zwischen Jean und dem Roman selbst. So vermeintlich unscheinbar beide anfangs daherkommen: Jean mit ihren praktischen und unauffälligen Wollröcken und dem von Routinen und Wiederholungen geprägten kleinbürgerlichen Leben zu Hause bei ihrer Mutter ist zunächst ebenso unspektakulär wie die Geschichte an sich. Bis auf die Sensationsnachricht des Verdachtsfalls auf unbefleckte Empfängnis kommt das zu Beginn alles sehr unaufgeregt daher: britisches Understatement, Häkeldeckchen, Urlaub in einem verschlafenen Seebad, Einkaufslisten, Nachbarschaftsgeplauder, all das in einem eher konservativen, britischen Milieu der Fünfziger – hier hätte sich auch die liebenswert verschrobene Miss Marple aus Agatha Christie’s Romanen wohlgefühlt.

Doch dann liest man weiter und bemerkt Seite für Seite, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Dass auch in dieser Hauptfigur Jean Swinney so viel mehr schlummert: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und die Suche nach einem erfüllten Leben. Und auch der Roman entfaltet sich plötzlich mehr und mehr und behandelt schließlich wirklich große Themen: Freundschaft, Liebe, Familie – der Spagat zwischen Verantwortung, Pflichtbewusstsein und individuellen, persönlichen Bedürfnissen. Was bedeutet Glück und was braucht es, um ein Leben als erfüllt betrachten zu können?

Vor dieser Rezension machte ich mir dieses Mal bewusst besonders viele Gedanken, wie viel ich von der Handlung preisgeben kann, damit der Zauber, der bei mir einsetzte, auch für potenzielle, zukünftige Leser noch vollumfänglich erhalten bleibt. So viel sei aber verraten: Das Buch entfacht einen Sog, der mich über die gut 420 Seiten getragen hat, bezaubert und auch das eine oder andere Mal überrascht hat.

Ein wunderbarer, einfühlsamer und bereichernder Roman über die Gedankenwelt und inneren Stürme einer Frau im Zwiespalt zwischen Konvention und dem steten Bedachtsein, welche Außenwirkung die eigenen Handlungen in der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld haben, und der Selbstentfaltung verbunden mit großen Gefühlen auf der anderen Seite.

Ein Buch über unbefleckte Empfängnis in den Fünfziger Jahren erschienen im Jahre 2020 bzw. 2021 – wie löst sich das auf und kann das funktionieren? Ja, definitiv, diesen Beweis hat Clare Chambers mit „Kleine Freuden“ erbracht. Hier kann ich mich den Lesern in Großbritannien und der Jury des Women’s Prize for Fiction nur anschließen und wünsche mir, dass der Roman auch in der feinen, deutschen Übersetzung von Karen Gerwig begeisterte Leser finden wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Clare Chambers, Kleine Freuden
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Eisele
ISBN: 978-3-96161-116-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Clare Chamber’s „Kleine Freuden“:

Für den Gaumen:
Herrlich britisch fand ich das Sandwich mit Cheddar und Grünem Tomaten-Chutney, das mit Blick auf den Strand verspeist wird. Darüber hinaus werden im Roman Äpfel und „Cobnuts“, d.h. Haselnüsse geerntet.

Zum Weiterspielen:
Jean verbringt mit ihrer Mutter einen teilweise verregneten Urlaub in Lymington – dort frönen sie zum Zeitvertreib einem Spiel, das auch ich amüsanterweise mit Urlaubserinnerungen verbinde:

„Sie standen so spät auf, wie es statthaft war, und zogen nach einem warmen Frühstück in den Hotelsalon um, wo sie Rummy spielten (…)“

(S.249)

Zum Weiterlesen:
Der Charakter der alleinstehenden Frau oder „ledigen Tante“ in den Fünfziger oder Sechziger Jahren wurde auf großartige, amüsante und liebenswerte Weise auch von Ursula März in einem meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres „Tante Martl“ thematisiert.

Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

Schatten und Schattierungen

Bereits 1929 hat Wallace Thurman seinen Roman „The Blacker the Berry“ veröffentlicht, der als eines der Hauptwerke und als Schlüsselroman der Harlem Renaissance gilt. Dass dieser Roman nun auch in einer deutschen Erstausgabe erscheint, belegt, wie wichtig die aktuelle Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung auch heute noch ist.

Die Szenen, die Thurman – gespeist durch seine persönlichen autobiografischen Erfahrungen im Harlem der späten Zwanziger Jahre – beschreibt, sind leider in großen Teilen immer noch hochaktuell, legen den Finger in unverheilte Wunden und schmerzen bei der Lektüre.

Dem Buch ist die afroamerikanische Volksweisheit vorangestellt, die ihm auch den Titel gegeben hat:

„The blacker the berry, the sweeter the juice…“

Und schon hier klingt durch die Steigerungsform an, dass es selbst innerhalb des Schwarzen Unterschiede zu geben scheint. Und es sind diese Unterschiede, Schattierungen und Nuancen, welche Thurman ins Zentrum seines Romans stellt.

Eine sprachliche Herausforderung – auch für die Übersetzerin – welche sich dazu entschieden hat, einer Skala zu folgen, „die Fran Ross in ihrem 2015 wiederentdeckten Buch Oreo (1974; dt. 2019 von Pieke Biermann) zusammengestellt hat“ (S.215), wie sie in einer Anmerkung am Ende des Buches erläutert. Demnach liegen zwischen white/weiß und black/schwarz noch acht weitere Schattierungen, die im US-amerikanischen Sprachgebrauch für die Selbstbezeichnung der Hautfarben vorkommen und welche auch Thurman verwendete.
Bereits der erste Satz des Romans macht klar, worum es gehen wird und wo auf dieser Skala sich Emma Lou – die Hauptfigur – einordnet:

„Schwerer als jemals zuvor spürte Emma Lou die Bürde ihrer tiefschwarz glänzenden Haut, spürte wieder den Fluch dieser Farbvariante, die sie so deutlich von den Menschen ihrer Umgebung unterschied. Nicht dass es ihr grundsätzlich etwas ausmachte, eine Schwarze zu sein, was natürlicherweise eine dunkle Hautfarbe mit sich brachte, aber es machte ihr etwas aus, viel zu schwarz zu sein.“

(S.7)

Emma Lou wächst in Boise in Idaho auf und erfährt bereits früh, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe in vielen Aspekten ausgegrenzt und benachteiligt wird. Sei es in der Schule oder im kalifornischen College in Los Angeles, das sie im Anschluss besucht – in der Hoffnung auf mehr Toleranz, Offenheit und Chancengleichheit – und doch wieder auf Ablehnung stößt.

Ihr junges Leben ist geprägt von großer Einsamkeit und meist vergeblichen Bemühungen, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu schließen oder gleichberechtigte Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.
Auch der Umzug nach New York und in das Harlem der Zwanziger Jahre – wo sie trotz Studium zunächst lediglich als persönliche Assistentin einer erfolgreichen Sängerin arbeiten kann – scheint nicht allzu viel zu ändern.

Immer wieder gerät sie an Menschen, welche ihr nicht auf Augenhöhe begegnen, sie nicht respektvoll behandeln und sie ausnutzen. Mehr als einmal wird ihre Gutmütigkeit und ihr Wunsch nach menschlicher Nähe missbraucht, um sie auszubeuten. Dass sie die Diskriminierung auch innerhalb der People of Colour erfährt, wird in Thurman’s Schilderungen ein ums andere Mal deutlich.

Der Autor lässt uns tief in Emma Lou’s Seelenleben und Gedankenwelt eintauchen und beschreibt eindrucksvoll, wie sie auch versucht, aus Niederlagen zu lernen und an ihrer Zukunft zu arbeiten. Dass sie dabei jedoch auch selbst nicht frei von Vorurteilen Anderen gegenüber ist, macht den Charakter um so glaubwürdiger und vielschichtiger.

„Sie war des Herumirrens in Sackgassen so überdrüssig, die sich alle kreuzten und vor stets derselben leeren Wand endeten.“

(S.202)

Besonders interessant fand ich, wie Thurman das Harlem der Zwanziger Jahre, die Atmosphäre, die Nachtclubs und das alltägliche Leben eingefangen hat. So wird der Roman auch zu einem authentischen Zeitdokument aus erster Hand.

Rassismus, Alkoholismus, Drogen, Arbeitslosigkeit, aussichtslose Kämpfe und zerplatzte Träume – schonungslos bringt Thurman die Schattenseiten, Ungerechtigkeiten und Probleme der damaligen Zeit zu Papier. Als Leser schluckt man mehr als einmal, wenn einem durch die Lektüre so wieder bewusst und vor Augen geführt wird, dass sich bei vielen Missständen bis heute immer noch viel zu wenig geändert hat.

Ein wichtiges Buch, ein schmerzhaftes Buch und ein Werk, das authentisch und schonungslos zahlreiche Facetten des Rassismus und der Diskriminierung behandelt und so den Ausgegrenzten ein Gesicht und eine Stimme gibt, die man nach der Lektüre nicht mehr vergisst.

Wallace Thurman gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Harlem Renaissance. Er war Mitbegründer des literarischen Journals Fire!!, das zu den wichtigsten Veröffentlichungen dieser künstlerischen Bewegung gehörte.
Er verfasste drei Romane und starb bereits im Alter von 32 Jahren an Tuberkulose.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim ebersbach & simon Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Wallace Thurman, The Blacker the Berry
Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer
ebersbach & simon
ISBN: 978-3-86915-246-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Roman wenig attraktive Anregungen, vielmehr leidet Emma Lou unter der Einseitigkeit des Speiseplans ihrer Zimmerwirtin und den damit verbundenen Gerüchen, die sie in ihrem Zimmer erdulden muss:

„Und es roch fast immer nach gebratenem Fisch oder gekochtem Kohl.“

(S.83)

Zum Weiterhören:
Der Verlag hat den Roman dankenswerterweise mit einem Nachwort von Karl Bruckmaier, biografischen Hintergründen und Anmerkungen der Übersetzerin Heddi Feilhauer ergänzt, die helfen, das Werk besser zu verstehen und einordnen zu können.
So schreibt Bruckmaier über die Zeit und verortet sie auch musikalisch:

„Wir sind zeitlich mittendrin zwischen den beiden Weltkriegen, zwischen Boom und Wirtschaftskrise. Zwischen Duke Ellington und Cab Calloway auf der einen und einem Paul Whiteman auf der anderen Seite.“

(S.208)

Zum Weiterlesen:
Anfang des Jahres habe ich Thomas Mullen’s Kriminalroman „Darktown“ hier auf dem Blog vorgestellt. Dieser erzählt von einer PoC-Polizeieinheit im Atlanta des Jahres 1948 – eine andere Art und Weise, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen.

Thomas Mullen, Darktown
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8353-0

Spanische Geständnisse

Es ist wieder einmal soweit: die Europabowle oder Literarische Europareise geht weiter und führt mich dieses Mal nach Spanien – genau genommen nach Barcelona und Umgebung. Jaume Cabré hat mit „Eine bessere Zeit“ einen Familienroman verfasst, der über mehrere Generationen hinweg die Geschichte einer Fabrikantenfamilie erzählt.

„Statt mir ein Flugticket zu kaufen und mir in Indien irgendein ausgefallenes Fieber zu holen oder mich wie ein Wilder zwischen die Schenkel williger Bekanntschaften zu stürzen, beschränkte ich mich darauf, ein Konzertabonnement für den Palau de la Música zu erstehen und das pralle Leben anderen zu überlassen, mal sehen, ob sie sich weniger dumm anstellten.“

(S.33)

Júlia bittet Miquel, den Spross einer ehemals betuchten Textilfabrikantenfamilie zu einem gemeinsamen Abendessen. Es knistert zwischen den beiden, aber in erster Linie möchte sie mehr über den Tod eines gemeinsamen Freundes erfahren.

Miquel beginnt sich zu erinnern und eine lange, traurige Geschichte zu erzählen – die Geschichte einer Freundschaft, die zu Schulzeiten begann, die Jahre überdauerte und beide bis in den Untergrund und in eine terroristische Gruppierung führte. Eine Geschichte über Schuld und Schuldgefühle und zugleich die Geschichte seiner Familie und seiner Vorfahren – Aufstieg und Niedergang einer Dynastie.

„Unsere Familie ist eine prächtige Fassade mit damastgeschmückten großen Balkonen, die bei den Leuten Bewunderung weckt. Viele Generationen lang haben sämtliche Gensanas vor allem eines versucht: einen Skandal zu vermeiden. In den letzten zweihundert Jahren haben wir viel Wäsche beschmutzt, aber wir haben sie immer in unserem Waschraum gewaschen.“

(S.233)

Im Roman kommen vor allem die männlichen Familienmitglieder der Gensanas zu Wort und alle scheinen sich Vieles von der Seele zu reden. So erzählt der Onkel dem Neffen sein Schicksal und seine Version der Familiengeschichte und Miquel beichtet beim Abendessen Júlia über sich und sein Leben.

„Und nun denke ich, dass du für dich allein genommen eine ganze Universität warst und ich ihr einziger Student, der dein Wissen nicht zu nutzen wusste, weil ich in meinen Krieg gezogen bin und Torheit und Vernunft nicht in Einklang zu bringen vermochte.“

(S.373)

Der Roman ist aufgebaut wie ein Musikstück in vier Sätzen: Andante, Allegretto, Allegro, Adagio. Die Musik ist für Miquel Zufluchtsort und Medizin. Durch sie trifft er die große Liebe – sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben und den Roman. Miquel liebt die Kunst und sträubt sich dagegen, er flieht davor, Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen und entzieht sich dem Erbe. Er bricht mit der Tradition. So geht letztlich auch das Elternhaus verloren, in das schließlich ein Restaurant einzieht – genau jenes Restaurant, das Júlia mit ihm besuchen möchte und so sitzt er letztlich in seinem ehemaligen Wohnzimmer und erzählt.

„Ich bin ein Sonderfall, mein Sohn, weil ich als zweite Generation den zweiten Teil des Axioms hätte befolgen müssen, das besagt, dass die erste Generation das Vermögen erschafft, die zweite es vermehrt und die dritte es in Whisky vertrinkt.“

(S.397)

Der Roman hat mich durchaus gefordert – man braucht eine gewisse Ausdauer, Beharrlichkeit und einen langen Atem. An einigen Stellen hatte ich Schwierigkeiten mit der für mich oft allzu männlichen Perspektive – die weibliche Seite kam für meinen Geschmack in diesem Roman etwas zu kurz.

Und doch gibt es auch poetische, schwelgerische und kluge Passagen, die sehr schön sind und die Lektüre lohnenswert machen, wunderschöne Textstellen, die man sich notieren und merken möchte. Mir persönlich hatten es vor allem die Anklänge an Kunst, Literatur und die Musik angetan, die mich in Summe wieder versöhnlich stimmten. Sprachlich kann Cabré überzeugen, auch wenn nicht alle Figuren Sympathieträger sind. „Die Stimmen des Flusses“, der bekanntere Roman des Autors, den ich vor vielen Jahren gelesen habe, hat mir persönlich etwas besser gefallen.

Und doch ist auch „Eine bessere Zeit“ ein mächtiger, praller Roman mit weit über 500 Seiten, der große Fragen thematisiert: ist man verpflichtet, ein Familienerbe weiterzuführen? Wie kann man mit einer großen Schuld, die man auf sich geladen hat, weiterleben? Was ist ein gelungenes Leben und was bedeutet Glück für den Einzelnen?

Weitere Besprechungen gibt es beim Leseschatz und Literaturreich.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland und die Schweiz geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Jaume Cabré, Eine bessere Zeit
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
Insel Taschenbuch 4716
ISBN: 978-3-458-36416-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jaume Cabré’s „Eine bessere Zeit“:

Für den Gaumen:
Obwohl das Abendessen zwischen Miquel und Júlia den Rahmen für diesen Roman abgibt, spielt das Essen selbst eine wirklich untergeordnete Rolle. Zu Beginn schwankt sie zwischen „dem Filet und dem Entrecôte“ (S.13) – das lässt bei mir noch kein großes kulinarisches Kopfkino entstehen… aber ein gutes Gläschen spanischer vino tinto passt durchaus zur Lektüre.

Zum Weiterhören:
Kunst – vor allem die Musik und der Palau de la Música Catalana sind im Roman immer wieder präsent. So werden teils mit Notenbeispielen versehen, ganze Konzerte ausführlich beschrieben: Das Rimsky-Trio (Geige, Cello und Klavier) spielt Schubert, Schostakowitsch und Brahms – ein Schlüsselerlebnis für Miquel.

Zum Weiterlesen:
Wie ist es um die spanischen Literaturnobelpreisträger bestellt? Es sind bisher fünf an der Zahl: José Echegaray, Jacinto Benavente, Juan Ramón Jiménez, Vicente Alexander und Camilo José Cela – ich muss gestehen, dass ich da bisher lektüretechnisch nichts vorzuweisen habe.
In meinem Regal stehen von spanischen Autoren jedoch zum Beispiel „Einsteins Versprechen“ von Àlex Rovira und Francesc Miralles und natürlich „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón.

Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes
Übersetzt von: Peter Schwaar
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19615-9