Sommererinnerungen

Rumer Godden’s „The Greengage Summer“ aus dem Jahr 1958, das jetzt als „Unser Sommer im Mirabellengarten“ in deutscher Übersetzung bei Oktopus (Kampa) erschienen ist, ist das perfekte Buch, um sich auf den Sommer einzustimmen, der hoffentlich doch irgendwann kommen wird. Es ist sonnenverwöhnt, raffiniert, atmosphärisch und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise nach Frankreich. Ein Buch, das mich ins Schwärmen bringt.

„Vielleicht war es dieser erste Anblick, der in mir für immer den Eindruck hinterließ, dass der Garten von Les Œillets so grün, so grün und golden war wie die ganze Landschaft an der Marne, die sich jenseits der Stadt und entlang des Flusses meilenweit über die Champagner-Weinberge erstreckte.“

(S.47)

Eine britische Familie – der Vater ist Botanist und Forscher und nur alle drei Jahre auf Heimatbesuch, so dass die fünf Kinder im Abstand jener drei Jahre zur Welt gekommen, meist alleine bei der Mutter in einfachen Verhältnissen aufwachsen. Als diese entscheidet, den Kindern die Soldatengräber und Gedenkstätten des Weltkriegs in Frankreich zu zeigen, beginnt ihre erste, aufregende Reise und ein Sommer, den sie nicht mehr vergessen werden.

Denn schon auf der strapaziösen Anreise erkrankt die Mutter schwer und die fünf Kinder, voran die 16-jährige Joss, die 13-jährige Ich-Erzählerin Cecil und die jüngeren Schwestern Hester, Vicky sowie der einzige Sohn Willy müssen sich in einer fremden Sprache und einer ungewohnten Umgebung allein durchschlagen. Im Hotel Les Œillets (zu deutsch: Die Nelken) in der Champagne angekommen stoßen sie bei der Eigentümerin Mademoiselle Zizi und der Hausdame Madame Corbet zunächst nicht auf große Gegenliebe. Fünf Kinder ohne Aufsicht in einem Hotel, eine kranke Mutter, um die man sich kümmern muss – da trifft es sich günstig, dass sich der englisch sprechende Hotelgast Eliot für sie einsetzt und sich ihrer annimmt. Für die Kinder beginnt eine unvergessliche Zeit – ein Ausnahmezustand in jeglicher Beziehung, d.h. ohne Aufsicht, in Sorge um die kranke Mutter in einem fremden Land und zum ersten Mal in einem Hotel auf sich allein gestellt. So verändern bzw. entwickeln sie sich und jeder der fünf wächst auf seine Art. Einschneidende Erlebnisse und gerade für die beiden größeren Mädchen Joss und Cecil prägende Momente in ihrem Leben, die sich in diesem Sommer ereignen. Denn schon bald verdreht Joss den Männern den Kopf und als auch Eliot ein Auge auf sie wirft, ist der Konflikt mit der Hotelbesitzerin Mademoiselle Zizi, die dem charismatischen und geheimnisvollen Gast ebenfalls verfallen ist, vorprogrammiert.

Der Roman ist in einer klingenden, melodiösen Sprache verfasst, in der ich richtig schwelgen konnte – hier sei explizit auch die wunderbare Übersetzung von Elisabeth Pohr erwähnt, welche die Sommeratmosphäre, die Natur und die Stimmung im Hotel ausgezeichnet eingefangen und den richtigen Ton getroffen hat.

Godden hat ein feines Auge für Details und ihre Schilderungen des üppigen, sommerlichen Obstgartens mit den Bäumen voll reifer Mirabellen, die Geschäftigkeit im Hotel – das Geschirrgeklapper des Küchenchefs Monsieur Armand und die feinen Speisen bei den abendlichen Diners – all das ergibt ein sinnliches, intensives Leseerlebnis, das den Sommer eindrücklich spürbar macht. Sofort sehnt man sich nach diesen langen, sonnigen, heißen und faulen Urlaubstagen in südlichen Gefilden und dem süßen Nichtstun in einem schönen Hotel. Doch schnell merkt man auch, wie sich die Stimmung nach und nach aufheizt, sich Konflikte aufbauen und die Lage wie vor einem heftigen Sommergewitter zunehmend bedrohlich wird, bevor es sich mit geballter Energie entlädt.

Die Figuren sind so lebendig und authentisch gezeichnet, dass man sie geradezu vor Augen sieht. Charaktere, die einem ans Herz wachsen und mit denen man lacht und leidet. Die fünf Kinder, Eliot, aber auch das Hotelpersonal sind so stimmig beschrieben und auch die Dialoge so lebensecht, dass es es eine wahre Freude ist. Mir persönlich hat auch die humorvolle Seite des Romans gefallen und die Szenen, in welcher die kleine Hester in einer kindlichen Direktheit entwaffnend ehrlich die Wahrheit ausspricht, sind wirklich köstlich.

„ ,Ihr Gesicht besteht hauptsächlich aus Puder’, sagte Hester.“

(S.98)

Das Buch ist wunderschön, hochwertig aufgemacht mit farbigem Vorsatzpapier, einem Lesebändchen und den stilisierten leuchtend gelben Mirabellen auf dem Umschlag, und so ist es auch ein optisches Vergnügen, das einem den Sommer in die Hände zaubert.

Eine schöne Wiederentdeckung der englischen Schriftstellerin Rumer Godden (1907-1998), die zunächst lange in Indien lebte, wo sie eine Ballettschule leitete und sich ab 1949 in Großbritannien niederließ. Beide Lebenswelten flossen in die mehr als 60 Bücher ein, welche sie im Laufe ihres Lebens verfasste und die sehr erfolgreich waren.

Ein fesselnder, geistreicher Roman über das Erwachsenwerden, zwischenmenschliche Beziehungen und einen Sommer, den man nicht mehr vergessen wird. Ein perfektes, lichtdurchflutetes Sommerbuch, das in zeitlos schöner Sprache spannende und genussvolle Lesestunden beschert und das ich wärmstens empfehlen kann.

„Wir hatten das Gefühl, auf unserem Lebensweg ein oder zwei Schritte zurückgegangen zu sein, wir waren wieder Kinder, und das war befreiend.“

(S.208)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Rumer Godden, Unser Sommer im Mirabellengarten
Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr
Oktopus / Kampa
ISBN: 978 3 311 30010 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Unser Sommer im Mirabellengarten“:

Für den Gaumen:
Ein Buch, das in der Champagne spielt, kommt natürlich auch nicht ohne Champagner aus. Interessant fand ich die Anekdote, die beschreibt, dass es wohl Brauch ist, „wenn eine junge Dame zum ersten Mal Champagner kostet“ (S.171), den Korken zu nehmen, ihn zu befeuchten und die Dame hinter den Ohren damit zu betupfen. Danach muss sie dann den Korken für immer aufbewahren. Tja, das habe ich wohl schon übersehen. Schön finde ich aber auch das Zitat „Kommt schnell – ich trinke Sterne“, das dem Mönch Dom Pierre Pérignon im 17. Jahrhundert zugeschrieben wird, als er vom Champagner kostete.

Zum Weiterschauen:
Es gibt eine britische Verfilmung des Romans aus dem Jahre 1961, die ich allerdings nicht kenne: „Es geschah in diesem Sommer“.
Aber wie immer würde ich ohnehin jedem empfehlen, sich den Lesegenuss und die Spannung nicht nehmen zu lassen und definitiv zuerst das Buch zu lesen, bevor man sich die Verfilmung ansieht.

Zum Weiterlesen:
Wer gerne Romane liest, die ein Hotel als Schauplatz haben und vielleicht statt dem sommerlichen Frankreich lieber zu nördlicheren Gefilden tendiert, dem kann ich einen weiteren Roman empfehlen. Auch hier steht eine jugendliche Hauptperson im Zentrum – in diesem Fall der Junge Sedd, der in einem etwas in die Jahre gekommenen Berghotel im norwegischen Fjell allerdings nicht als Gast, sondern als Enkel der Eigentümer aufwächst und einiges über das Hotelfach und das Leben lernt.

Erik Fosnes Hansen, Ein Hummerleben
Übersetzt von: Hinrich Schmidt-Henkel
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05007-3

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2

Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

K.u.k.-Krimivergnügen auf dem Dampfer

1907 – Triest ist die florierende, pulsierende Hafenstadt der Donaumonarchie und Günter Neuwirth nimmt uns mit seinem historischen Kriminalroman „Dampfer ab Triest“ mit auf eine stimmungsvolle und spannende Reise bzw. auf eine der ersten Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer. An Bord der „Thalia“, einem Vergnügungsdampfer der österreichischen Lloyd, muss Inspector Bruno Zabini, der eigentlich als Personenschützer eines Grafen inkognito reist, schon bald in einem Kriminalfall ermitteln.

„Das ganze Schiff glich doch einem eisernen Tollhaus, auf dem allerlei zwischenmenschliche Verwicklungen passieren konnten, ja sogar sollten. Dafür bezahlten die Passagiere mit dem Erwerb einer Fahrkarte schließlich.“

(S.231)

Zu Beginn ist Inspector Zabini alles andere als begeistert, als er den Auftrag bekommt, zum Schutz des Grafen Urbanau, der vor kurzem nur zufällig einem Mordanschlag entgangen ist, in geheimer Mission eine dreiwöchige Seereise auf der „Thalia“ zu unternehmen. Denn er, der schnell von Seekrankheit geplagt wird, hätte die Zeit viel lieber an Land mit seiner Geliebten im heimischen Triest verbracht.
An Bord trifft er auf eine illustre, bunt gewürfelte Reisegesellschaft, die im Gegensatz zu ihm voller Enthusiasmus der großen Kreuzfahrt entgegenfiebert. Denn das luxuriöse Schiff hat zahlreiche Annehmlichkeiten zu bieten und auch die Route durch die Ägäis verspricht interessante Ziele und Ausflüge zu bekannten Sehenswürdigkeiten.
Doch schon beim ersten Landgang kehrt ein Mitglied des Schiffspersonals nicht mehr an Bord zurück. Zabini muss in einem Mordfall ermitteln und die Lage spitzt sich immer mehr zu – das Leben des Grafen ist in höchster Gefahr…

Günter Neuwirth – aufgewachsen in Wien und später in Graz lebend – hat mit „Dampfer ab Triest“ einen geglückten Auftakt zu einer neuen Krimireihe hingelegt. Das liest sich sehr flüssig und spannend, bietet einen interessanten zeitlichen Hintergrund und viel österreichischen, aber auch mediterranen Triester Lokalkolorit.
Für das richtige kaiserlich-königliche, donaumonarchische Flair sorgt vor allem die stimmige Sprache Neuwirth’s, die immer wieder gewürzt ist mit typisch österreichischen Begriffen: da wird sich fadisiert und akklamiert, da findet man Diwan und Stanitzel. So wird die k.u.k.-Atmosphäre zwischen Sonnendeck und Rauchsalon auch sprachlich lebendig und spürbar.

Thematisch hat der Autor einiges in seinen historischen Krimi gepackt: so erfährt man vieles über die Geschichte Triests während der K.u.k.-Ära, über die „Thalia“ und die ersten Kreuzfahrten der damaligen Zeit, aber auch über die Rolle und das sich wandelnde Selbstverständnis der Frau im frühen 20. Jahrhundert. Denn die unterschiedlichen Damen auf dem Schiff verkörpern auch verschiedene Lebensmodelle: So trifft man an Bord sowohl die alleinreisende, unverheiratete, abenteuerlustige Reiseschriftstellerin, als auch die unglücklich verheiratete Ehefrau, die ihr Glück in Affären und den Armen ihres Liebhabers sucht oder aber auch die junge adlige Komtess, die aus starrer Tradition und familiär-dynastischem Zwang ausbrechen und statt der standesgemäßen Pflichtehe lieber eine Liebesheirat eingehen möchte.

„Einerseits hebt sich der Morgentau einer neuen Zeit, in der der Mensch nicht allein Spielball des göttlichen Willens und der unerklärlichen Naturkräfte ist, in der der Mensch selbst für sein Schicksal Verantwortung trägt, andererseits wirken unermesslich starke Kräfte der Bewahrung althergebrachter Verhältnisse, die dem Individuum einen starren Platz in der Welt zuweisen.“

(S.211)

Der Autor nimmt sich Zeit für seine Figuren und seine Geschichte, so dass er mit einem umfangreichen Personal im Roman auch die unterschiedlichen Stände und Klassen des Jahres 1907 in allen Farben und Facetten schildern kann. So sind die Charaktere liebevoll gezeichnet: vom romantisch-stürmischen, ärmlichen Theaterschauspieler, über den ehemals auf die schiefe Bahn geratenen Karten- und Falschspieler, der sich nun als Steward auf dem Schiff seine Brötchen verdient bis zur liebeshungrigen Wertpapierhändlersgattin, die stets auf der Suche nach erotischen Eskapaden zu sein scheint.

Vor allem aber auch mit Inspector Bruno Zabini hat Neuwirth eine interessante und sympathische Figur geschaffen, von der man zukünftig gerne mehr lesen möchte. Ein vielsprachiger Kosmopolit mit einer Wiener Mutter und einem Vater aus Triest, der gleichsam Wiener Schmäh und italienisches Temperament auf sich vereint – ein feuriger Liebhaber und Frauenversteher, der nichts anbrennen lässt, sich nicht binden will und daher als überzeugter Junggeselle bevorzugt verheiratete Damen beglückt. Ein spannender Charakter, der dem technischen Fortschritt und den modernen kriminalistischen Methoden im Jahre 1907 (wie z.B. der Daktyloskopie) gegenüber aufgeschlossen ist und auch sonst einen weltoffenen und neugierigen Zeitgenossen mit modernen Ansichten verkörpert.

Besonders schätze ich es, wenn bei historischen Romanen am Ende des Buches auch noch auf die tatsächlichen, geschichtlichen Hintergründe und Fakten eingegangen wird. Daher habe ich mich gefreut, dass es in diesem Fall ein ausführliches Kapital am Ende des Romans gibt, welches unter anderem näher auf die Geschichte Triests, die österreichische Seefahrtsgeschichte, die österreichische Lloyd ebenso wie auf die Thalia und ihren Kapitän eingeht.

Ein gelungener, historischer Krimi, der für Freunde dieses Genres auf 470 Seiten viel zu bieten hat. Ein opulenter und stimmungsvoller Roman, der die Kreuzfahrtatmosphäre und K.u.k.-Zeit lebendig werden lässt. Neuwirth nimmt den Leser mit auf eine unterhaltsame Seereise auf einem der ersten österreichischen Vergnügungsdampfer der damaligen Zeit. Spannung, Seeluft und frische Brise inklusive!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dampfer ab Triest“:

Für den Gaumen:
Trotz der üppigen Menüs und Diners, die auf dem Schiff serviert werden, ist mir dieses Mal vor allem ein besonderer Wein bei der Lektüre kulinarisch ins Auge gestochen: ein fruchtiger, tief dunkelroter Rotwein vom Karst aus der Region Friaul-Julisch Venetien: der sogenannte „Terrano del Carso“, den ich bislang (leider) noch nicht verkosten durfte.

Zum Weiterhören:
Auch auf der Thalia gab es – wie auf der Titanic – eine Bordkapelle und der jüdische Komponist Bernhard Kaempfner, der später aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurde, komponierte sogar einen eigenen „Thalia-Marsch“ für das Schiff, welcher dort regelmäßig zur Aufführung kam.

Zum Weiterlesen:
Im Falle von Günter Neuwirth’s „Dampfer nach Triest“ ist Triest zwar der Ausgangsort der Handlung, aber im Laufe des Romans führt die Seereise Bruno Zabini und die Passagiere der „Thalia“ auch noch an andere Orte (Ragusa, Otranto, Smyrna, Istanbul etc.). Wer gerne Krimis liest und noch mehr Triester Lokalkolorit der Gegenwart genießen möchte, der ist bei Veit Heinichen’s Reihe um Commissario Laurenti sehr gut aufgehoben. Der erste Band „Gib jedem seinen eigenen Tod“ erschien bereits 2001 und mittlerweile umfasst die Reihe 10 Bände, die ich persönlich alle sehr gerne gelesen habe.

Veit Heinichen, Gib jedem seinen eigenen Tod
dtv
ISBN: 978-3-423-20516-0

Goldschatz und Pestpogrom

Heute möchte ich das letzte Werk einer großartigen Autorin und Persönlichkeit vorstellen: Mirjam Pressler und ihr letztes Jugendbuch „Dunkles Gold“, das kurz nach ihrem Tod 2019 erschienen ist und das noch einmal verdeutlicht, wie meisterhaft sie es verstand, auch schwierige Themen in eine Sprache zu bringen, die junge Menschen anspricht und berührt. Mirjam Pressler lebte und arbeitete zuletzt in meiner Heimatstadt Landshut, so dass es mir ein besonderes Anliegen und eine Ehre ist, sie hier auf der Kulturbowle vorzustellen.

Teenager Laura lebt in Erfurt mit ihrer Mutter, die beruflich mit dem Erfurter Schatz betraut ist, und so bleibt es nicht aus, dass auch die Tochter sehr viel über die Geschichte dieses kulturellen Erbes weiß. Eben jener Schatz, den der jüdische Kaufmann Kalman von Wiehe vermutlich in den Wirren des Pestpogroms 1349 vor den Verfolgern versteckt und vergraben hatte, und der aus zahlreichen Silbermünzen, -barren und Geschirr, ebenso wie Schmuckstücken, Goldschmiedearbeiten und einem kunstvoll gearbeiteten, filigranen jüdischen Hochzeitsring mit der hebräischen Aufschrift „Masel Tow“ (Viel Glück) besteht.

Im Roman erzählt Mirjam Pressler in wechselnden Kapiteln die Geschichte von Rachel und Joschua, den Kindern eben jenes Kalman von Wiehe, die vor der Judenverfolgung während des Pestpogroms fliehen und die Geschichte von Laura, die in der heutigen Zeit selbst erfahren muss, in welche Fettnäpfchen man treten kann, wenn man sich in einen jüdischen Jungen verliebt, der aufgrund der Diskriminierung, der er ausgesetzt ist, am liebsten gar nicht über seine Religion spricht, um nicht aufzufallen.

So beleuchtet Pressler das Thema Judentum und Judenverfolgung, Diskriminierung und Antisemitismus in der Vergangenheit und im Hier und Heute und erklärt einem jugendlichen Lesepublikum in flüssiger, moderner und zugänglicher Sprache anhand einer fesselnden und berührenden Geschichte die geschichtlichen Hintergründe und Entwicklungen. Zudem erfährt der Leser die spannende und spektakuläre Geschichte des Erfurter Schatzes, der heute in der Alten Synagoge in Erfurt zu bestaunen ist.

Rachel und Joschua wachsen behütet in einem reichen, jüdischen Haushalt in Erfurt auf, doch als die Pest immer näher rückt, tauchen auch die Gerüchte und Mythen wieder auf, dass die Juden als „Brunnenvergifter“ doch Schuld an der Verbreitung der Krankheit tragen würden. Der Neid und Hass der Bevölkerung auf die Juden, die im Gegensatz zu den Christen Geld verleihen dürfen, schlägt um in Gewalt und Vertreibung. Plötzlich müssen die Geschwister Rachel und Joschua geliebte Menschen, ihre Heimat und ihr Elternhaus zurücklassen. Zuvor weiht der Vater Rachel noch in sein Geheimnis ein, wo er die Familienschmuckstücke versteckt und nimmt ihr das Versprechen ab, niemals darüber zu sprechen, denn „reiche Juden leben gefährlich“ (S. 328). Eine abenteuerliche, gefährliche und schmerzhafte Flucht in Richtung Osten beginnt.

„Und ich fragte mich, ob Abschiede und Verzichte untrennbar mit jüdischem Leben verbunden sind, Abschiede von Menschen, die man geliebt hat und nur noch im Herzen bei sich haben kann, und Verzichte auf Häuser und Orte, an denen man gerne geblieben wäre, von denen man aber vertrieben wurde.“

(S.278)

Laura, die in der heutigen Zeit lebt, künstlerisch begabt ist und sehr gut und gerne zeichnet, kämpft mit der Pubertät, ist genervt und fasziniert zugleich von den nicht enden wollenden Geschichten, die ihre Mutter ihr über die Geschichte des Schatzes und das Schicksal der Erfurter Juden erzählt. Als sie sich dann in Alexej verliebt, einen russischen Juden in ihrer Schule, entsteht die Idee, dass sie eine Graphic Novel über die Geschichte der Kaufmannsfamilie von Wiehe und den versteckten Schatz zeichnen und schreiben könnte.

„Ich mag dieses abendliche Nachdenken im Bett, mochte es schon immer, dieses Gefühl, dass Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf schweben, ohne irgendwo hängen zu bleiben, diesen weichen, nebelhaften Bereich zwischen Wachen und Schlafen, in dem manchmal Bilder aufblitzen und wieder verschwinden.“

(S.48)

So verschmelzen die Geschichten und Probleme von Rachel und ihrem Bruder Joschua – das Schicksal der Verfolgung und Vertreibung während des Pestpogroms – mit der Geschichte Alexejs, seiner Großmutter und Laura erfährt nach und nach, was es bedeutet, jüdisch zu sein.

Mirjam Pressler hat ein großartiges, tiefgründiges und lehrreiches Jugendbuch geschrieben, das eine bedeutende Geschichte mit einer wichtigen Aussage erzählt. Selten liest man derart berührende und aufwühlende Jugendliteratur, die mitten ins Herz trifft und zeitgleich fundiert auch schwierige, geschichtliche Inhalte vermittelt.
Eine ganz große Leseempfehlung einer wunderbaren Autorin, die ein großes, wichtiges und zeitloses Werk hinterlassen hat, das man jedem ans Herz legen kann und möchte. Ganz große Literatur von einer starken, bewundernswerten Frau und herausragenden Persönlichkeit – ein Herzensbuch!

Buchinformation:
Mirjam Pressler, Dunkles Gold
Gulliver (von Beltz&Gelberg)
ISBN: 978-3-407-75491-2

© Beltz Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dunkles Gold“:

Für den Gaumen:
Im Roman können die gebackenen Apfelküchlein Trost und Kraft nach den Strapazen der Flucht spenden und Leib und Seele zusammenhalten beziehungsweise wieder aufrichten.

Zum Weiterschauen und für einen Museumsbesuch:
Im Keller der Alten Synagoge zu Erfurt wird der sogenannte Erfurter Schatz ausgestellt und kann dort besichtigt werden. Im Jahre 1349 während des Pestpogroms versteckt, wurde er 1998 wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wer mehr über die außergewöhnlichen Stücke (mit dem jüdischen Hochzeitsring als wohl bedeutendsten Schmuckstück) erfahren möchte, findet auch Bilder und weitere Informationen zum Schatz auf der Website „Jüdisches Leben in Erfurt“.

Zum Weiterlesen:
Mirjam Pressler arbeitete auch als Übersetzerin (aus dem Hebräischen, Niederländischen, Englischen und Afrikaans ins Deutsche) und wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem die Buber-Rosenzweig-Medaille, den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übersetzung von Amos Oz „Judas“, die Corine für ihren Roman „Nathan und seine Kinder“ sowie das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihren „herausragenden Einsatz für die Völkerverständigung insbesondere zwischen Israel und Deutschland und die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht“.
Selbst Tochter einer jüdischen Mutter, spielte das Judentum und der Holocaust in ihren Werken oft eine große Rolle. Ihre Übersetzung des „Tagebuch der Anne Frank“ gilt bis heute als eines ihrer Hauptwerke.

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzt von: Mirjam Pressler
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-51149-5

Der Matador im Klostergarten

Linus Reichlin hat mit seinem neuesten Roman Señor Herreras blühende Intuition“ ein komisches und mit schrägem Humor ausgestattetes Buch verfasst, das für stressgeplagte Leser die Möglichkeit bietet, sich literarisch einfach mal ein paar Stunden auszuklinken und auf amüsante Art und Weise unterhalten zu lassen.

Stressgeplagt ist auch der Ich-Erzähler des Romans, der sich als von Bluthochdruck und zu hohem Puls geplagter Schriftsteller eine regenerative Auszeit in einem andalusischen Kloster gönnen möchte. Yoga zur Entspannung, angenehmes Klima, gutes Essen, die Ruhe in einem zum Retreat erweiterten Kloster und zugleich die Möglichkeit, für sein neuestes Romanprojekt zu recherchieren: so perfekt, idyllisch und harmonisch hatte er sich dies vorgestellt.

Doch schon bald wird klar, dass dieser Urlaub im Kloster so einige Haken und Ösen zu bieten hat: das Kloster verströmt eher morbiden Charme, die Recherchen gestalten sich schwierig, zumal es sich um ein Nonnenkloster des strengen Schweigeordens der Trappistinnen (oder genauer Zisterzienserinnen strengerer Observanz) handelt und auch das Hotel-Personal entpuppt sich als reichlich eigenwillig. So offenbart sich der Gästebetreuer, Faktotum und Chefkoch des Klosters Señor Herrera als pensionierter Stierkämpfer und Matador, der trotz großer Leidenschaft fürs Kochen schnell für kulinarische Verzweiflung bei seinem Gast sorgt. Denn seine Gerichte sind überwiegend ungenießbar und landen stets in einem unbeobachteten Moment im tiefen Ziehbrunnen des Klostergartens.

„Eine gute Nachricht. Die schlechte war die Salmorejo, die kurz vor Sonnenuntergang auf dem Marmortischchen im Zitronengarten stand. Die dicke, kalte Suppe glich von den Zutaten her der Gazpacho, aber Herrera besaß ein Talent für die Dearomatisierung traditioneller Gerichte, die Generationen von Menschen bis zu Herreras Erscheinen am Kochhimmel geschmeckt hatten.“

(S.105/106)

Und auch bei den Recherchen für das Romanprojekt sorgt Herrera schon bald für mehr Verwirrung als dem Autoren lieb ist – zumal seine Geschichte über die junge Frau, die im Kloster vor Auftragsmördern im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms versteckt werden soll, schon bald die lebhafte Fantasie des Gästebetreuer-Matadors beflügelt und es diesem zunehmend schwer fällt, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Und als dann auch noch ein weiterer weiblicher Gast im Kloster auftaucht, scheint das Chaos komplett.

„Für Yogaübungen fehlte mir nun die innere Ruhe, immerhin hatte mich gerade ein kräftiger Koch, der bestimmt über eine Menge lange Messer verfügte, verdächtigt, ein Auftragskiller zu sein.“

(S.67)

So entwickelt sich ein turbulenter und unterhaltsamer Plot, der in seiner teils schrägen Komik an die Filme von Pedro Almodóvar erinnert – ein sehr treffender Vergleich – wie ich finde – der auch im Klappentext durch den Verlag bereits gezogen wird. Man darf die Handlung natürlich nicht allzu ernst nehmen, aber das Buch macht Sommerlaune und lenkt für einige Zeit vom Alltag ab. Selbstverständlich werden Klischees bedient und Charaktere überzeichnet, aber all das geschieht auf sehr lustige, witzige Art und Weise.

Der Autor nimmt sich selbst und seine Figuren ironisch aufs Korn (wieviel Linus Reichlin mag wohl in der Hauptfigur des Leo Renz stecken?) und hatte beim Schreiben bestimmt großen Spaß, denn Reichlin verbreitet unbeschwerte Urlaubsstimmung und versprüht mediterranes Flair: Man sieht die Zitronenbäume und die Klostermauern vor sich, riecht den Rosmarin, schmeckt den Rotwein und macht in Gedanken die Yogaübungen mit.

Eine satirische, quirlige und freche Sommerkomödie unter spanischer Sonne mit zirpenden Zikaden, welche mir als leichtfüßige Lektüre für zwischendurch einige gut gelaunte und entspannte Lesestunden beschert hat.
Ein leichtes, helles, fröhliches und liebenswert schräges Buch, das sich selbst nicht allzu ernst nimmt, sich in keine Genre-Schublade stecken lässt und mit einem Augenzwinkern gelesen und verstanden werden sollte.

„In Romanen, dachte ich, muss die Wahrheit stets wahrscheinlich sein, um von den Lesern geglaubt zu werden. Aber es gibt eben auch Wahrheiten, die unwahrscheinlich sind – wohin mit denen?“

(S.211)

Buchinformation:
Linus Reichlin, Señor Herreras blühende Intuition
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-227-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Señor Herreras blühende Intuition“:

Für den Gaumen:
Nachdem die ungenügenden gastronomischen Fähigkeiten des zum Koch ungeschulten Matadors Señor Herrera einen nicht unwesentlichen thematischen Raum im Roman einnehmen, halten sich die kulinarischen Verlockungen in Grenzen. Denn das meiste davon ist ungenießbar und wird im Ziehbrunnen des Klosters entsorgt. Aber zu einem Gläschen vino tinto im klösterlichen Zitronengarten würde man wohl nicht nein sagen.

Zum Weiterschauen (und Weiterhören):
Die mögliche Handlung des Romankonzeptes, für welche der Autor im Kloster recherchieren möchte, erinnert unweigerlich an den großen Kinoerfolg aus dem Jahre 1992 „Sister Act – Eine himmlische Karriere“, denn auch hier soll im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms eine Frau hinter Klostermauern geschützt werden. Lange ist es her, dass ich diesen Film gesehen habe, aber der Soundtrack des Films mit tollen Gospel-Nummern hat sich für immer eingebrannt (u.a. „Hail holy queen“, „I will follow him“).

Zum Weiterhören:
Im Kloster ertönt unerwarteterweise auf einmal der ABBA-Song „Fernando“ – ein Schlüsselmoment – mehr sei nicht verraten. Zumindest bei mir ging beim Lesen dann sofort die innere ABBA-Dauerschleife im Kopf los… der Ohrwurm war vorprogrammiert: „There was something in the air that night, the stars were bright, Fernando…“

Dänisches Frauenleben

Heute führt mich meine literarische Europareise oder Europabowle nach Dänemark – in die wunderschöne Hauptstadt Kopenhagen. Doch der Star in Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie ist nicht die Stadt, sondern vielmehr die Autorin selbst. In den drei Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die zwischen 1967 und 1971 entstanden sind und jetzt in einer großartigen Übersetzung von Ursel Allenstein neu erschienen sind, schreibt Ditlevsen autobiographisch über ihr Leben als Mädchen, Frau, Mutter, Autorin und Suchtkranke.

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in einem ärmlichen Arbeiterviertel auf und schon bald ist es ihr sehnlichster Wunsch, Dichterin zu werden. Doch ihr Vater macht ihr unmissverständlich klar, sich diese Flausen aus dem Kopf zu schlagen: „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“ (S.24)

„Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.25)

Ihre Kindheit ist geprägt von einem Umfeld der Armut, der Arbeitslosigkeit des Vaters, Alkoholismus in der Familie und Krankheit. Selbst erkrankt sie an Diphtherie und muss monatelang im Krankenhaus liegen. Früh kommt sie auch mit dem Tod in Berührung, als sie ihre geliebte Großmutter verliert.

„Oh, Großmama, nie mehr wirst du mich singen hören. Nie mehr wirst du mir echte Butter aufs Brot schmieren, und alles, was du mir nicht über dein Leben erzählt hast, wird jetzt nie mehr verraten werden.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.84)

Freundschaften kommen und gehen, die Eltern streiten viel und so sucht das Mädchen häufig Trost in der Literatur, liest gerne und beginnt selbst zu schreiben. Worte können Trost spenden, ihre Gedichte sind ihre Kraftquelle und geben ihr Selbstbewusstsein – der Traum Schriftstellerin zu werden ist ungebrochen.

„Von Leben und Erinnerungen überschwemmt, blickte ich zur Mauer des Vorderhauses auf, dieser Klagemauer meiner Kindheit, hinter der Menschen speisten und schliefen und sich stritten und schlugen.“


(aus Tove Ditlevsen „Jugend“, S.16)

Im zweiten Band „Jugend“ beschreibt Tove Ditlevsen ihren Aufbruch in ein selbstständiges Leben. Sie beendet die Schule, beginnt zu arbeiten, geht aus, lernt Männer kennen. Bald auch einen deutlich älteren Mann, der sich für ihre Gedichte interessiert und sie fördert. Aus den Zeilen der Autorin sprüht ihre Kraft, ihre Eigensinnigkeit und das Ungestüme, Unangepasste. Immer wieder bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten und nicht immer nimmt sie den direkten, einfachen Weg.
Der rote Faden in ihrem Leben ist und bleibt jedoch die ungezügelte Liebe zur Literatur, der Drang zu schreiben und eines Tages auch zu veröffentlichen.

Der dritte Band „Abhängigkeit“ offenbart die große Verletzlichkeit Tove Ditlevsens, ihre Schwächen und beschreibt eine dunkle, schwere Phase ihres Lebens. Denn während in den 40er Jahren der zweite Weltkrieg seinen Schatten auf die Welt und somit auch auf Dänemark wirft, durchlebt Ditlevsen Mutterschaft, Ehekrisen, Verluste und driftet immer mehr in eine schwere Suchterkrankung ab. Mit geradezu schmerzlicher Ehrlichkeit und Direktheit beschreibt sie viele Jahre später diese schwierige Zeit in ihrem Leben. Dramatisch und traurig – eine schmerzhafte Lektüre, die aufrüttelt.

Drei schmale, feine Bände, die vor allem durch ihre unmittelbare und eindringliche Sprache faszinieren und berühren. Tove Ditlevsen schreibt mit einer immensen Intensität, so dass man beim Lesen geradezu den Eindruck bekommt, sie sitze direkt wie eine gute Freundin neben einem und erzählt ihre Geschichte bei einer Tasse Kaffee.

Vor allem der letzte Band ist aufwühlend und schmerzlich, denn es tut weh durch die schonungslos ehrliche Schilderung der Autorin so hautnah miterleben zu müssen, wie sie ihr Abrutschen in die Sucht und Medikamentenabhängigkeit beschreibt. Man fühlt sich hilflos und traurig auch in dem Wissen, dass sich Ditlevsen später im Alter von nur 58 Jahren das Leben nahm.

Hinterlassen hat sie ihren Leserinnen und Lesern ein autobiographisches Werk in einer außergewöhnlichen Sprache, die zu Herzen geht und berührt – wunderbar übersetzt von Ursel Allenstein. Große Literatur aus Dänemark, die auch nach 50 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat und absolut zeitlos ist.

Buchinformationen:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Abhängigkeit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03870-0

© Aufbau Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie:

Für den Gaumen:
Typisch für Dänemark ist bekanntlich Smørrebrød, d.h. ein reich belegtes Butterbrot. In einem der Bücher gibt es Schnittchen mit „Ramona“, wohl ein Möhrenaufstrich. Eine kurze Internetrecherche dazu blieb aber ergebnislos.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
In der Münchner Glyptothek findet (so bald wie möglich) und bis zum 25.07.2021 die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen und Ludwig I.“ statt, welche die deutsch-dänische Freundschaft der beiden und das Werk des dänischen Bildhauers im Besonderen in den Mittelpunkt stellt. Hoffen wir, dass die Ausstellung noch ausreichend von Besuchern gewürdigt werden kann, sobald die Museen wieder öffnen dürfen.

Zum Weiterlesen:
Dänemark hat bisher drei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan und Johannes Vilhelm Jensen – mit ihrem Werk bin ich bisher noch nicht in Berührung gekommen.
Vielmehr denke ich bei Dänemark neben Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Karen Blixen, Bjarne Reuter und Janne Teller unter anderem an Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) oder in letzter Zeit auch an die gelungenen Kopenhagen-Krimis von Katrine Engberg („Krokodilwächter“ ist der erste Band der Reihe).

Daher für alle, die es spannend mögen:

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Übersetzt von: Monika Wesemann
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23701-0

Katrine Engberg, Krokodilwächter
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24480-9

Tschudi und die Nationalgalerie

Einer meiner Lesehöhepunkte in den ersten beiden Monaten des Jahres 2021 war bisher „Tschudi“ – der Roman der Autorin Mariam Kühsel-Hussaini über Hugo von Tschudi, den Museumsdirektor der Berliner Nationalgalerie in den Jahren 1896 bis 1908, der es als Erster und gegen den Widerstand des Kaisers Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten für das Museum zu erwerben und auszustellen.
Ein großartiges Buch über eine spannende und hochinteressante Persönlichkeit, über Berlin, über die Kaiserzeit, über Kunst und Kultur – und all das in einer wunderschönen Sprache, die mich fasziniert und begeistert hat.

„Es war, als sei ein Augenblick des Universums nach Berlin gefallen, hierher, in die Nationalgalerie, in diesen Saal, zwischen diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt standen.“

(S.118)

Der Roman lässt die Kaiserzeit und das pulsierende Berlin um die Jahrhundertwende vor den Augen des Lesers wieder auferstehen. In den Mittelpunkt ihres Romans stellt die Autorin das Spannungsfeld zwischen dem aufgeschlossenen, visionären, mutigen Museumsdirektor und Kunstmenschen Hugo von Tschudi und dem konservativen, militärischen Traditionalisten Kaiser Wilhelm II.
Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide durch ihre Krankheiten auch auf ähnliche Weise mit ihrem Schicksal hadern. Tschudi war an der Wolfskrankheit erkrankt und trug im fortgeschrittenen Stadium sogar eine Gesichtsmaske, um die Folgen der Krankheit zu kaschieren und der Kaiser litt bereits seit seiner Geburt unter einer Lähmung und Verkürzung des linken Arms.

Als Tschudi auf einer Frankreichreise, die er gemeinsam mit dem Künstler Max Liebermann unternahm, zahlreiche Bilder französischer Impressionisten erwirbt und diese vollkommen neuen, modernen und unkonventionellen Werke in der altehrwürdigen Nationalgalerie ausstellt, prallen die beiden und ihre Vorstellung von Ästhetik unweigerlich aufeinander. Die Ausstellung mit Werken von Manet, Monet und Degas wird zum große Erfolg und Skandal zugleich – sie spaltet die Geister und polarisiert.

Tschudi verkehrt mit den wichtigen und namhaften Persönlichkeiten seiner Zeit: so gibt er Cosima Wagner eine Privatführung durch die Ausstellung, diniert mit Max Liebermann und dessen Frau Martha, trifft sich mit Virchow, Henry van de Velde, Gerhart Hauptmann und Harry Graf Kessler.

Kühsel-Hussaini schreibt atmosphärisch und schwebend, so dass die Stimmung und der Zeitgeist im Berlin der Jahrhundertwende und die zahlreichen künstlerischen Einflüsse und Strömungen sehr gut zur Geltung kommen.
Der Roman lebt nicht so sehr von der Handlung, sondern viel mehr von Stimmungen, Farben, Klängen, Genüssen und dem Flair Berlins, der in jeder Zeile durchscheint. Er wird getragen durch interessante Menschen und Charaktere, die diese Zeit des Um- und Aufbruchs erleben.

Es ist berührend zu lesen, wie die Autorin uns in Tschudi’s Gedankenwelt eintauchen lässt: dieser intelligente, feinfühlige und sensible Mensch, der so sehr an seiner Krankheit und der damit einhergehenden Entstellung seines Gesichts leidet, große Angst vor Leiden und Tod hat und doch einen solch großen, ungezügelten Hunger nach Leben, Lebensfreude und den schönen Dingen des Lebens in sich spürt.

Man spürt bei der Lektüre die Faszination für die Kunst und die damals noch auf unerhörte Weise „andersartigen“ Gemälde der französischen Künstler – die Beschreibungen der Autorin über die Wahrnehmung und das Betrachten von Bildern sind wunderbar zu lesen.

„Man darf ein Gemälde nicht betrachten. Man muss in das Bild hinein. Man muss zwischen den Farben sein, wenn sie auf der Leinwand gemischt werden. Man muss im glatten Pompejanischblau ertrinken, wenn das anrollende Neapelgelb einen wieder heraushebt und ins dick gefleckte Chinesischweiß schmiegt.“

(S.305)

Sprachlich ist der Roman für mich ein wahres Fest und ein großer Genuss gewesen. Kühsel-Hussaini schreibt wunderschön mit neuartigen Bildern und Wortschöpfungen in einer sinnlichen, kristallklaren und intensiven Sprache, die man so nicht oft zu lesen bekommt.

Das Buch bezaubert und sprudelt über von Farben, Kunst, Kultur, Lebensgefühl und Zeitgeist – es reißt viele Themen und Aspekte an, die einen dazu animieren, weiter zu recherchieren und noch tiefer nachzulesen – ein wahrer Quell der Inspiration, vielseitig und somit genau nach meinem Geschmack. Für alle Kultur- und Kunstbegeisterten und Liebhaber schöner Sprache kann ich diesen Roman daher uneingeschränkt empfehlen und wärmstens ans Herz legen.

„Im Schein des Kristalls, in den hübschen winzigen begierigen Bläschen des weißgoldenen Champagners, sprudelt ganz Berlin.“

(S.245)

Weitere Besprechungen des Romans findet man unter anderem bei Aufklappen, Buch-Haltung und Fräulein Julia.

© Büchergilde Gutenberg

Buchinformation:
Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7200-6

oder

Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00137-7

© Rowohlt Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tschudi“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Hause Liebermann für den Gast Hugo von Tschudi Spargel und Riesling – schon jetzt freue ich mich auch darauf, wenn bei uns die Spargelzeit im Frühjahr wieder beginnen wird. Zudem musste ich das Dessert „Berliner Luft“ recherchieren, das mir bisher nicht als Nachspeise, sondern nur als Lied von Paul Lincke bekannt war. Laut Wikipedia: „Berliner Luft ist eine schaumige Dessertcreme aus Eigelb, Eischnee, Zucker und Gelatine, die mit Himbeersaft angerichtet wird.“

Zum Weiterschauen:
Noch heute gehören die Werke der französischen Impressionisten zu den Hauptattraktionen der Alten Nationalgalerie in Berlin. Es lohnt sich, auf der Homepage des Museums ein wenig virtuell zu stöbern, solange ein realer Museumsbesuch leider noch nicht möglich ist. Zum Beispiel Édouard Manet’s „Im Wintergarten“ war eines der Werke, die Hugo von Tschudi auf seiner gemeinsamen Reise mit Max Liebermann in Frankreich für das Museum erworben hatte.

Zum Weiterhören:
Im Roman spielt das berühmte Stück „Gymnopédie No. 1“ von Erik Satie eine Rolle und dieses melancholische, verträumte Klavierstück aus dem Jahr 1888 passt für mich wunderbar zu diesem Buch und dem Zeitgefühl.

Zum Weiterlesen:
Rodin ist einer der Künstler, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielen und hier kann ich das Buch „Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft“ von Rachel Corbett sehr empfehlen, das die Künstlerfreundschaft der beiden biographisch und sehr gut lesbar aufbereitet.

Rachel Corbett, Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft
Übersetzer: Helmut Ettinger
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3554-5

Österreichische Zeitzeugen

Heute geht meine literarische Europareise – auch Europabowle genannt – auf die nächste Etappe und ich bereise das schöne Nachbarland Österreich und die Hauptstadt Wien. Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ erzählt eine melancholische Geschichte über die Judenverfolgung in Wien während des Dritten Reichs und thematisiert Trauer und Verlust.

„Sie saß da an meinem Küchentisch, mit einem grauen Wintermantel bekleidet, einen dicken Schal um den Hals, eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Ein kleines, schmales, vielleicht zehnjähriges Mädchen, dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und wie sie in meine Wohnung gekommen war. Und noch weniger ahnte ich, wie sehr sie mein Leben verändern würde.“

(S.18)

Der Schriftsteller León Kortner hat bei einem Terroranschlag auf den Wiener Hauptbahnhof seine Frau und seine kleine Tochter verloren. Sein Leben ist aus den Fugen geraten, er versinkt in Trauer und er versucht, die Geschichte der jüdischen Familie Klein zu Papier zu bringen, die einst eine Buchhandlung in dem Haus betrieben hatte, in welchem er jetzt wohnt, und dann von den Nationalsozialisten aus Wien vertrieben wurde.

Und plötzlich sitzt da ein kleines Mädchen in seiner Küche und behauptet Judith Klein zu sein und dass ihrem Vater dieser Buchladen gehört. Auf einmal verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart und León versucht, der kleinen Judith durch das Erzählen einer Geschichte die Angst und den Schrecken zu nehmen. Diese neue Aufgabe setzt frischen Lebensmut und eine ungeahnte Energie bei ihm frei, die er schon glaubte für immer verloren zu haben.

Horváth behandelt in seinem verspielten und poetischen Roman ein schmerzhaftes Kapitel der Wiener Geschichte: Holocaust, Judenvertreibung und die Arisierung zahlreicher Häuser durch skrupellose Profiteure. Er erzählt Geschichten und lässt seine Figuren Geschichten erzählen, die gleichsam Zeitzeugen und Überlebende des Holocausts zu Wort kommen lassen. Schreckliche, grausame, traumatische Erfahrungen und großes Leid, das viele gerne verdrängen. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht zu vergessen, sondern diese Geschichten durch Weitererzählen wach zu halten.
Horváth weiß wovon er schreibt, denn er hat mehrere Jahre am New Yorker Leo Baeck Institute über die Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA geforscht.

„Mehr als einmal hatte ich mich gefragt, wie viele Werke – Romane, Theaterstücke, Streichquartette, Opern, Gemälde, Skulpturen – verloren gegangen, nie vollendet oder gar nicht erst erschaffen worden waren, weil man ihre Schöpfer umgebracht oder ihnen auf der Flucht, im Exil oder im Lager die schöpferische Kraft zermürbt und geraubt hatte.“

(S.179)

Man muss sich auf diesen wehmütigen und melancholischen Roman einlassen und darf sich nicht durch die teils ungewöhnliche, literarische Form mit Einschüben von Geschichten und Zeitzeugenberichten, sowie durch die verschwimmenden Realitäten, Zeitsprünge und den Wechsel der Handlungsorte verwirren lassen.

Ein gelungenes, literarisches Experiment und für einen Büchernarren wie mich war schon allein der Schauplatz der Buchhandlung ein attraktiver Grund, zu diesem Roman zu greifen. Dass diese sich dann zudem noch in Wien befindet, ein weiterer – auch wenn sich Teile der Handlung später nach New York verlagern.

Eine eindrucksvolle Reise durch Raum und Zeit, welche Horváth hier seinen Lesern eröffnet und somit für mich auch eine ideale Station meiner literarischen Europareise in Österreich.

Sprachlich schön und flüssig zu lesen ist es ein klangvolles, poetisches und verträumtes Buch, das berührt und wahrhaft große Themen behandelt: Holocaust, Trauer, Verlust, aber auch die Liebe und die Kraft des Geschichtenerzählens. Und letztlich auch ein Roman darüber, wie es gelingen kann, Verlust und Schmerz zu verarbeiten und weiter zu leben.

„Oder: dass ich mehr als ich bin. Ich bin Max. Ich bin aber auch León. Ich bin Judith. Ich bin Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel, Freund und Fremder. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin Vergangenheit. Ich bin Gegenwart. Ich bin tot. Und ich lebe.“

(S.214)
© Penguin Verlag

Buchinformation:
Martin Horváth, Mein Name ist Judith
Penguin
ISBN: 978-3-328-60010-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mein Name ist Judith“:

Für den Gaumen:
Vor kurzem habe ich auf dem wunderbaren Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ (herzliche Grüße nach Graz!) ein herrliches Rezept gefunden, das für mich „typisch Österreich“ und untrennbar mit schönen Urlaubserinnerungen verbunden ist: Millirahmstrudel. Alleine das Wort lässt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterhören:
Im Buch ist an einer Stelle von der Zauberin Alcina die Rede, die auf ihrer Insel die strandenden Männer verzaubert, so dass mir sofort die gleichnamige Oper von Georg Friedrich Händel in den Sinn kam. Die bekannteste Arie dieses Werks ist wohl das wunderbare „Verdi prati“, das seinen Zauber bis heute bewahrt hat.

Zum Weiterlesen:
Österreich hat bislang zwei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Elfriede Jelinek und Peter Handke. Leider konnte ich im Frühjahr 2020 aufgrund des ersten Corona-Lockdowns Elfriede Jelinek’s Stück „Am Königsweg“ nicht mehr im Landestheater Niederbayern sehen, da die meisten Vorstellungen (und auch die von mir geplante) abgesagt werden mussten.

In meinem Bücherregal ist das Nachbarland aber sehr präsent und zahlreich vertreten mit Autoren wie Robert Seethaler, Arno Geiger, Daniel Glattauer, René Freund, Ursula Poznanski, Judith W. Taschler, Irene Diwiak, Gerhard Loibelsberger oder Thomas Raab… um nur einige wenige zu nennen. Österreich ist ein Land, das ich sehr gerne bereise – auch literarisch.

Für alle, die opulente Familienromane mit geschichtlichem Hintergrund lieben und von Wien nicht genug bekommen können, könnte folgender Roman über die Klavierbauerdynastie Alt lesens- und lohnenswert sein:

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune
btb
ISBN: 978-3-442-71510-7