Glitzerndes Berlin

Nicht erst seit Babylon Berlin üben die 20er und 30er Jahre und das pulsierende, schillernde Leben in Berlin eine große Faszination auf Autorinnen und Autoren aber auch auf Leserinnen und Leser aus. Auch mich ziehen Berlin-Romane, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, immer wieder magisch an. Ewald Arenz hat seinen Roman „Das Diamantenmädchen“ bereits 2011 veröffentlicht – lange bevor Volker Kutscher’s Gereon Rath-Romane (2011 gab es lediglich die ersten drei Bände der Reihe) durch die Fernsehserie „Babylon Berlin“ erst so richtig berühmt wurden.

Auch Ewald Arenz hat gerade in den letzten beiden Jahren durch seine (zu Recht) sehr beliebten und erfolgreichen Romane „Alte Sorten“ (hier geht es zu meiner Rezension) und „Der große Sommer“ deutschlandweit sehr an Bekanntheit gewonnen. Doch auch in „Das Diamantenmädchen“ blitzt bereits sein besonderer Stil und die Erzählfreude auf, die mich so begeistert. Ein Schmuckstück, das es sich daher ebenfalls zu entdecken lohnt.

„Berlin war zu einer Stadt geworden, in der die Uhren nicht mehr gemächlich gingen und gewichtig die Stunden schlugen, sondern nervös tickten und unruhig läuteten. Der Verkehr rauschte Tag und Nacht, die Straßenlaternen brannten bis zum Morgen, irgendein Café hatte immer auf. Es war wunderbar, aufregend, spannend – und trotzdem war da etwas von der Gelassenheit der Kaiserzeit verloren gegangen.“

(S.7)

Lilli Kornfeld ist eine aufstrebende und ehrgeizige Journalistin im Berlin der Zwanziger Jahre. Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine tiefe Freundschaft mit Paul van der Laan. Als sie dann für eine ihrer Recherchen im Kriminellenmilieu das Wissen eines Diamantenschleifers benötigt, nimmt sie erneut Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt Paul aus einer Familie von Diamantenhändlern. Schnell flammen alte Gefühle wieder auf, aber auch alte Wunden brechen erneut auf.
Eine flirrende Dreiecksgeschichte entspinnt sich, denn auch der im Mordfall ermittelnde Kommissar Schambacher, findet Gefallen an der reizenden und intelligenten jungen Frau.

Zwischen romanischem Cafè, Bahnhof Zoo und der Bar zum Papagei stellt nicht nur die Polizei ihre Ermittlungen an, sondern auch Lilli versucht, für ihre „Berliner Illustrirte“ eine spektakuläre Geschichte an Land zu ziehen, wenn ihr nur nicht das Gefühlschaos dazwischenfunken würde…

Inhaltlich möchte ich gar nicht zu viel verraten, um die Spannung und die Magie der ersten Lektüre nicht zu zerstören. Man sollte dieses Buch einfach selbst lesen und genießen. Arenz ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Hat man einmal begonnen – kann und will man sich dem Bann der Geschichte nicht mehr entziehen.

Es ist eine strahlende, funkelnde und glitzernde Geschichte über Freundschaft und Liebe, die Traumata des ersten Weltkriegs und über Berlin in den Zwanzigern.
Zudem lernt man viel über Edelsteine, das Schleifen von Diamanten, sowie die Historie einiger besonders bekannter und wertvoller Diamanten, wie z.B. dem Blue Hope.

Aber „Das Diamantenmädchen“ ist auch eine zarte, romantische Liebesgeschichte mit einer melancholischen Note und einiger Wehmut – schließlich haben Krieg und Trennungen unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Und auch eine Prise Krimi hat Arenz noch mit hinein gepackt: so trifft man nicht nur Kommissar Schambacher, der in einem mysteriösen Diamantenmord ermittelt und dessen Wege sich mit Lilli’s kreuzen, sondern auch „Buddha“ Ernst Gennat bekommt seinen Auftritt – den LeserInnen von Volker Kutscher’s Rath-Romanen zweifelsohne ein Begriff.

Man spürt bei der Lektüre die Sorgfalt und die Liebe zu seinen Figuren, die der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Das ist fein beobachtet, mit liebevollen Gesten und Szenen behutsam ausgestaltet und untermauert und liest sich gerade deshalb herzerfrischend und berührend zugleich.

Persönlich finde ich die Aufmachung der gebundenen Ausgabe des Ars Vivendi Verlags ästhetisch sehr gelungen – edel in schwarz-gold mit schwarzem Vorsatzpapier und Lesebändchen – auch optisch ein Augenschmaus. Schön gestaltete Büchern können mich einfach immer wieder begeistern.

Für mich war „Das Diamantenmädchen“ daher ein gefühlvolles, schwelgerisches, literarisches Juwel, das ich sehr gerne gelesen habe. Je mehr ich von Ewald Arenz lese, um so mehr verfalle ich seiner Art zu schreiben, seinen liebenswerten Figuren und seinem feinen Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen.
Bisher allesamt feine, niveauvolle Bücher, die das Herz am rechten Fleck haben und viel Freude machen – ein Glanzstück im Bücherregal!

Buchinformation:
Ewald Arenz, Das Diamantenmädchen
Ars Vivendi
ISBN: 978-3-7472-0043-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ewald Arenz’ „Das Diamantenmädchen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bodenständig zu: bei Sauerbraten und Apfelpfannkuchen als Nachspeise.

Zum Weiterhören:
Bisher nicht live im Theater gesehen habe ich das Musical „Show Boat“, das jedoch als Broadway-Klassiker gilt. Im Buch wird dazu getanzt und Lilli erkennt die Musik sofort:

„Geschirr klapperte leise unter einem schmelzenden Jazzsong. Show Boat, dachte Lilli, und Schambacher, der den Song nicht kannte, dachte, dass er jetzt gerne mit Lilli Kornfeld getanzt hätte. Das Lied klang nach ihr.“

(S.218/219)

Zum Weiterlesen:
Ich habe auf jeden Fall erneut Lust bekommen, mich weiter literarisch mit Berlin zu beschäftigen. So wartet zum Beispiel auch der Klassiker von Christopher Isherwood „Leb wohl Berlin“ schon seit einiger Zeit auf meine Lektüre, der dem Musical „Cabaret“ als Vorlage diente. Dann könnte ich nach den Zwanziger Jahren gleich mit den Dreißigern weitermachen:

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Bonner Intrigen

Dieses Jahr am 27. April jährt sich das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 zum 50. Mal. Der langjährige politische Korrespondent Hartmut Palmer, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den SPIEGEL und das Magazin Cicero arbeitete, hat mit „Verrat am Rhein“ einen spannenden Roman über die damaligen Geschehnisse geschrieben. Ein interessantes und fesselndes Spiel mit Fakten, Fiktion und einer möglichen Version dieses Kapitels der deutschen Geschichte.

„Es geht nicht um Verjährung“, antwortete Zink, „es geht darum, wie es damals war, was wirklich passiert ist. Um die historische Wahrheit geht’s, wenn du verstehst, was ich meine.“ Aber er spürte, dass Krull natürlich genau den wunden Punkt getroffen hatte: Wen sollte das heute überhaupt noch interessieren, was vor mehr als vierzig Jahren hinter den Bonner Kulissen gelaufen ist?“

(S.83)

Das Bonner Politgeschehen und die Zeit der Siebziger Jahre ist in meiner Wahrnehmung literarisch weniger häufig im Fokus als andere Perioden der deutschen Geschichte. Um so neugieriger war ich auf diesen Roman – der packender ist als so mancher Krimi, auch wenn er nicht als solcher bezeichnet wird.

Kurt Zink – ein langgedienter politischer Journalist und gut vernetzter Kenner der deutschen Politikszene – soll viele Jahre nach der Wende für einen mittlerweile erfolgreichen Unternehmer eine Biografie schreiben, die das Geburtsgeschenk seiner Frau an ihn werden soll. Sie behauptet tatsächlich, ihr Mann hätte als ehemaliger Stasi-Offizier im Dienst des DDR-Spionagechefs Markus Wolf eine entscheidende Rolle am Scheitern des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt 1972 gespielt.

Der Journalist beginnt zu recherchieren und gerät immer mehr in den Strudel der damaligen Ereignisse. Er taucht ein in eine Geschichte voll politischer Intrigen, mit gekauften Stimmen, Spionen und Geheimdiensten und sensationellen Enthüllungen. Seine Recherchen führen ihn weit zurück in die Vergangenheit und er kommt zugleich einer tragischen Familiengeschichte auf die Spur.

Palmer beschreibt die Siebziger Jahre atmosphärisch als eine vorwiegend von Männern geprägte Welt zwischen verrauchten Kneipen in Bonn und der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Er versteht es, interessante Charaktere zu erschaffen, welche in nahezu bester James Bond-Manier ihre Strippen ziehen und die Handlung immer mehr an Fahrt aufnehmen lassen.

Mich hat Palmer’s Roman sofort in seinen Bann gezogen und immer wieder dazu gebracht, nachzulesen, zu recherchieren und mich mit den damaligen geschichtlichen Ereignissen zu beschäftigen. Einmal begonnen entfacht „Verrat am Rhein“ einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Das wahre Leben schreibt oft die aufregendsten Geschichten und man liest – auch dank Palmer’s flüssigem Stil – mit zunehmender, atemloser Spannung. Man will wissen: was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Das Buch ist ein faszinierendes, literarisches Spiel zwischen Fakten und Fiktion.

Man spürt bei der Lektüre, dass Palmer als Journalist sein Handwerkszeug versteht und er gewährt anhand der Romanfigur Kurt Zink auch einen Einblick in die Arbeitsweise eines politischen Journalisten, in die Recherche, das Aufspüren und den Umgang mit Quellen und Nachrichten.

Der Autor selbst war von 1968 bis 2015 als politischer Korrespondent in Bonn und Berlin hautnah am politischen Geschehen und den Politikerinnen und Politikern dran – all seine Erfahrungen stecken jetzt auch in diesem Roman und er erzählt auf fiktive Art und Weise eine für ihn mögliche, denkbare Version dieser Episode der deutschen Geschichte.

Im Nachwort, das die Handlung des Romans noch einmal auf reale und fiktive Elemente, Beweisbares und Unbeweisbares durchleuchtet, zieht Palmer folgendes Fazit:

„So entstand zwar kein Enthüllungsroman. Wohl aber der Roman einer Enthüllung.“

(S.404)

Wer sich für Politik, deutsche Geschichte und die Zeit der Siebziger bzw. für Willy Brandt’s Kanzlerschaft interessiert, bekommt hier einen unterhaltsamen, fesselnden Roman über politische Machtspiele, Geheimdienste und Spionage geboten, der zweifelsohne lesenswert und lehrreich zugleich ist.

Auf der Website des Deutschen Bundestags gibt es eine offizielle Version und ebenso lesenswerte Zusammenfassung des Misstrauensvotums von 1972.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Palmer, Verrat am Rhein
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0205-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hartmut Palmer’s „Verrat am Rhein“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist für reichlich Kontrast gesorgt:
In der Schumannklause – einer Bonner Szenenkneipe, vom Autor auch als „fröhliche Kaschemme“ bezeichnet – geht es bodenständig zu und das Angebot ist übersichtlich:

„Es gab drei Flipper, zwei verschiedene Sorten Suppe, Schmalzbrote und jede Menge Bier, Wein und Sense, ein Gemisch aus Apfelsaft und Korn, das nicht nach Gläsern bestellt, bemessen und konsumiert wurde, sondern zentimeterweise nach der Länge der auf der Theke aufgereihten Gläser.“

(S.132)

Im Ost-Berliner Café Moskau hingegen – einem „exklusiven Treffpunkt für Diplomaten und hochrangige Genossen“ (S.147) geht es um einiges exquisiter zu:

„Der Kellner brachte zuerst ein Tablett mit kleinen kalten Vorspeisen: eingelegter Hering und Sprotten, gefüllte Teigtaschen, Eiersalat mit viel Mayonnaise, verschiedene Sülzen, auch Wurst und belegte Brötchen oder dunkles Brot. Dazu gleich am Anfang Kaviar, abwechselnd Wodka und Wasser aus großen Gläsern. Als Hauptgericht hatte sie sich, (…) für Bœuf Stroganoff entschieden, auf den Punkt gegart, mit grünen Bohnen und Piroggen. Dazu (…) einen samtweichen georgischen Rotwein (…)“

(S.148/149)

Zum Weiterhören:
Der sagenumwobene Stoff um Castor und Pollux – die berühmten Zwillingsbrüder, von welchen lediglich einer unsterblich ist – spielt im Roman eine nicht unwesentliche Rolle. Vertont wurde diese Sage bereits durch Jean-Philippe Rameau in seiner Oper „Castor et Pollux“ aus dem Jahr 1737.

Zum Weiterlesen:

„Sie hatte bisher nur den Text auf der Hülle gelesen und nicht so richtig verstanden, warum Isolde ihrer alten Freundin Annemarie ausgerechnet dieses Hörbuch geschenkt hatte, das von Dresden handelte, von der Zerstörung der Stadt und von den seelischen Verwüstungen, die diese Katastrophe bei den überlebenden Opfern und Tätern ausgelöst hatte.“

(S.56)

Harry Mulisch ist mir bisher vor allem – vor langer Zeit – als Schullektüre begegnet. Damals war es sein Roman „Das Attentat“, der uns im Unterricht beschäftigte. Aber die obige Beschreibung von „Das steinerne Brautbett“ reichte für mich, den Titel sofort auf meine gedankliche Merkliste zu setzen.

Harry Mulisch, Das steinerne Brautbett
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22192-1

Von Helden und Hochstaplern

Ein leuchtendes, fröhliches Umschlagbild – die rot-gelbe Berliner S-Bahn vor strahlend blauem Himmel – und der vielversprechende Titel „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ – schon war es um mich geschehen und meine Neugier geweckt. Wer ist dieser Held? Welche Geschichte verbirgt sich hinter Maxim Leo’s neuestem Roman?

Schnell wird klar, so strahlend wie das Umschlagbild ist der Held Michael Hartung – ein einfacher Berliner Videothekenbesitzer – im wahren Leben nicht und doch wird er zufällig zum leuchtenden Stern am Heldenhimmel der deutschen Geschichte und blendet unfreiwillig Medien, Politik und die deutschen Mitbürger. Aber der Reihe nach…

„Er war im Grunde kein Lügner, eher so eine Art Geschichtenerzähler. Warum lasen die Menschen Bücher? Warum gingen sie ins Kino und ins Theater? Doch nicht, weil sie die Wahrheit wollten. Sie wollten träumen, sich in den Geschichten der anderen wiedererkennen.“

(S.76)

Kurz vor dem 30-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung im Jahr 2019 steht eines Tages ein umtriebiger Journalist in Michael Hartungs kleiner Berliner Videothek. Er hat eine alte Stasi-Akte ausgegraben, die belegt, dass Hartung – damals Stellwerksmeister am Bahnhof Friedrichstraße, eines Nachts durch seine Weichenstellung eine Massenflucht von über 127 Menschen in einem Zug aus der DDR nach Westberlin ermöglicht hat. Die Ereignisse dieser Nacht waren unübersichtlich und Hartung, der zwar zunächst alles abstreitet, ist aufgrund der Hartnäckigkeit des Journalisten nach ein paar Bier und da er chronisch pleite ist für ein ordentliches Honorar bereit, die Geschichte und seinen Anteil daran etwas großzügiger auszulegen. Schnell wird ihm einiges in den Mund gelegt, die Geschichte verselbstständigt sich und schon bald gerät die Situation vollkommen aus dem Ruder.

Interviews, Fernsehauftritte und Werbeverträge: Michael Hartung und seine Heldentat werden zum Sinnbild der deutsch-deutschen Geschichte hochstilisiert. Der Bundespräsident lädt ihn sogar zu einem Abendessen ins Schloss Bellevue ein. Ganz Deutschland reißt sich um ihn, rollt ihm den roten Teppich aus und feiert ihn für seinen selbstlosen Heldenmut.
Als dann jedoch plötzlich eine Frau in sein Leben tritt, die damals in diesem umgeleiteten Zug saß und er sich in sie verliebt, wird es für ihn zunehmend unangenehmer, die Lüge aufrechtzuerhalten.

Leo bespielt mit seinen Figuren ein breites Spektrum: Da ist der einfache Bürger, der plötzlich im Rampenlicht der medialen Aufmerksamkeit steht und als großer Held gefeiert wird. Und natürlich der überehrgeizige Journalist, der mit dieser Geschichte seine große Chance gekommen sieht und es dann mit der Wahrheit nicht mehr so genau nimmt oder aber die Politikerin, die versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Da ist aber auch der Bürgerrechtler, der seit Jahren versucht, Aufklärungsarbeit an Schulen und in Gedenkstätten zu leisten und im Rahmen dieser Bemühungen auch frustrierende Momente erlebt:

„Also, wir haben in der Klasse schon ein bisschen das Thema deutsche Teilung behandelt, aber erwarten Sie bitte nicht zu viel.“

(S.100)

Maxim Leo ist 1970 in Ost-Berlin geboren, lebt auch heute in Berlin und man merkt dem Roman an vielen Stellen unmittelbar an, dass er weiß, wovon er schreibt und dass ihm die Thematik sehr am Herzen liegt.
An manchen Stellen hätte er jedoch für meinen Geschmack auch ein bisschen weniger dick auftragen dürfen – ab und zu kratzt die Überzeichnung etwas und verursacht Unbehagen. Zwar ist die satirische Vereinfachung und das auf die Spitze treiben natürlich als gezieltes Stilmittel ganz gewollt eingesetzt und doch zuckte ich bei der Lektüre immer wieder ein wenig zusammen angesichts der pauschalen Vorurteile und Klischees, die natürlich lediglich wachrütteln und Bewusstsein schaffen sollen.

„Es ist wie in einem Liebesfilm“, sagte Hartung, „es geht vor allem um das Gefühl. Das Gefühl, akzeptiert zu werden. Das Gefühl, dazuzugehören. Vielleicht sollte man damit beginnen, nicht mehr von den Ostdeutschen und den Westdeutschen zu sprechen. Ich meine, was hat ein Hamburger mit einem Oberbayern zu tun? Und ein Mecklenburger mit einem Sachsen? Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beschuldigen und zu belehren.“

(S.118)

In den nicht ganz 300 Seiten steckt aber hinter der vermeintlichen Flapsigkeit des Hochstaplerromans und der romantischen Liebesgeschichte letztlich doch so viel mehr: Maxim Leo’s Roman kann und sollte zum Beispiel auch als Mediensatire gelesen werden. So hat der Fall Relotius zweifelsohne seine Spuren hinterlassen und blitzt immer wieder auf. Es geht um Stasi-Vergangenheit, Gedenktage und geschichtliche Aufarbeitung, um das Verdrängen und Verklären und um kleine Unwahrheiten, die sich schnell zu großen Lügen auswachsen können. Und natürlich bringt Maxim Leo die Leserschaft vor allem auch dazu, sich mit der deutsch-deutschen Geschichte und der Stimmung in unserem Land zu beschäftigen.
All das steckt drin in diesem Buch, das es – wie es sich für einen guten Hochstaplerroman gehört – faustdick hinter den Ohren hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Maxim Leo, Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00084-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Maxim Leo’s „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch spiegelt sich der große Kontrast wider zwischen Michael Hartung’s Vergangenheit und seinem Lebensalltag – so erinnert er sich zurück an „Fassbrause mit Waldmeistergeschmack“ (S.58), während sein neues Heldenleben ihn auch ins Schloss Bellevue inklusive der zugehörigen Haute Cuisine katapultiert: Dort bekommt er unter anderem „Reh-Medaillons aus der Schorfheide an Spitzkohl und Steinpilzragout“ (S.118).

Zum Weiterschauen:
Dass Filme im Leben eines Videothekenbesitzers natürlich eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ist klar. Auch wenn er seiner Kundschaft ein breites Spektrum anbietet, sind seine persönlichen Vorlieben doch sehr bodenständig geblieben. Bei einem gemeinsamen Videoabend könnten Hr. Hartung und ich uns wohl am ehesten auf den Schwarz-Weiß-Klassiker „Die Feuerzangenbowle“ einigen.

Zum Weiterhören:
Manfred Krug ist aktuell aufgrund des Erscheinens von „Manfred Krug. Ich sammle mein Leben zusammen: Tagebücher 1996 – 1997“ in aller Munde. Im Roman kommt der Krug-Song „Wenn’s draußen grün wird, fällt mir nur noch Liebe ein“ vor – reinhören lohnt sich und macht gute Laune.

Fallada’s letzter Roman

Ein Roman über einen Roman: Oliver Teutsch hat mit „Die Akte Klabautermann“ genau einen solchen vorgelegt. Doch sein Werk ist weit mehr als das: Es ist ein Roman über Hans Fallada’s letztes Lebensjahr und seinen späteren Weltbestseller „Jeder stirbt für sich allein“, aber eben auch über die Nachkriegszeit, über Suchterkrankung und Drogenabhängigkeit, über eine Ehe am Abgrund, über Berlin und über ein zerstörtes Land zur Stunde Null, das nicht nur die Trümmer auf den Straßen beseitigen muss, sondern auch wieder ein Kulturleben aufbauen möchte.

Berlin in den Jahren 1945/1946 – der zweite Weltkrieg ist vorbei. Die Stadt liegt in Trümmern, die Menschen haben Tote zu beklagen und oft alles verloren. Der Alltag ist geprägt von Armut und Hunger.
Auch das Ehepaar Ditzen – Rudolf Ditzen, besser bekannt als Hans Fallada, und seine zweite Frau Ulla – lebt in Berlin ärmlich zur Untermiete. Die letzten großen, einträglichen Erfolge liegen bereits einige Zeit zurück. Das Geld ist knapp und wird größtenteils durch die stetige Beschaffung des Morphiums verschlungen, nach welchem beide süchtig sind.

„Becher musterte den großen Romancier mit einer gewissen Verwunderung. Dieses eingefallene Männchen mit dem etwas abgetragenen Anzug hatte so großartige Bücher geschrieben.“

(S.136)

Doch Johannes R. Becher bemüht sich um Fallada und möchte ihn wieder zum Schreiben bewegen. Er organisiert einen gut dotierten Journalistenjob bei der Täglichen Rundschau für ihn und versucht, ihn dafür zu begeistern, den ersten großen antifaschistischen Roman der Nachkriegsära zu schreiben.

Selbst den potenziellen Romanstoff liefert Becher Fallada in Form der „Akte Klabautermann“ bereits frei Haus. Eine wahre Begebenheit über ein einfaches Berliner Ehepaar aus dem Arbeitermilieu, das sich in den Widerstand begibt, in Form von anonymen Postkarten gegen das Hitlerregime Stellung nimmt und letztlich gefasst und hingerichtet wird.
Doch Fallada wird nicht so recht warm mit diesem Stoff. Er fremdelt damit und kann sich zunächst nicht zum Schreiben motivieren.

„Stattdessen schielte er wieder einmal nur nach dem Geld und mußte sich jetzt mit diesem trübseligen Arbeiterehepaar befassen. Zwei ältliche Leute, ohne Anhang, ohne Kinder, ohne Freunde. Sie schrieben zwei Jahre lang nur Postkarten, wurden dann erwischt und hingerichtet. Was soll das für ein Roman sein?“

(S.296)

Der Alltag in der zerbombten Stadt, die schwierige Ehe mit der schwer suchtkranken Ulla, die Trennung von seinen Kindern aus erster Ehe, Zukunftsängste und Geldsorgen, die auch ihn selbst immer tiefer in die Abhängigkeit von Morphium stürzen. All das sind keine förderlichen und fruchtbaren Umstände für die Kreativität eines Schriftstellers. Die Schreibblockade hält an.

„Ditzen war gerne unter Leuten, aber nicht, weil er gesellig war. Ditzen erzählte in Gesellschaft nicht viel, er beobachtete lieber.“

(S.168)

Doch Becher hat sich bereits weit für ihn aus dem Fenster gelehnt, glaubt an ihn und hält an ihm fest – auch gegen zunehmenden Widerstand in Kreisen des Kulturbundes, welcher sich gerade neu formiert.
Es folgen Zusammenbrüche und Klinikaufenthalte – die Lage im Hause Ditzen eskaliert mehr und mehr und der Gesundheitszustand des Autors verschlechtert sich dramatisch. Kurz vor seinem Tod schreibt Fallada dennoch in gerade einmal 24 Tagen wie im Rausch seinen letzten Roman, der zum Weltbestseller werden wird.

„Im Schreibrausch vergisst Fallada die frostigen Temperaturen, seine starren Hände und seine angeschlagene Gesundheit. Die Geschichte wächst, seine Gesundheit schwindet. Er merkt es nicht in seiner rauschenden Euphorie. Er hat immer geschrieben, um zu vergessen.“

(S.304/305)

Eine Geschichte, die viele Literaturbegeisterte und interessierte Leserinnen und Leser sicherlich in den Grundzügen kennen und doch ist es spannend und bewegend sie von Oliver Teutsch in Romanform erzählt zu bekommen.
Denn man taucht selbst ab in die Atmosphäre des Nachkriegsberlin, in welchem der Schwarzmarkt blüht, Lebensmittel knapp sind, so dass jedes freie Fleckchen Erde zum Gemüseanbau genutzt wird und doch auch das kulturelle Leben wieder zu sprießen beginnt. Theater, die wieder öffnen, der Kulturbund, der sich dafür einsetzt, emigrierte Schriftsteller wieder zurück nach Deutschland zu holen – all das findet sich in Teutsch’s Roman und macht ihn lesenswert.

Wie kann ein kultureller Wiederaufbau eines Landes nach der Stunde Null aussehen und gelingen? Auf welche Künstler kann und will man setzen?
Die Auseinandersetzung mit den Kriegsfolgen, Entnazifizierung und die Haltung, welche man im Krieg eingenommen hatte: war man aktiv im Widerstand gewesen? Stummer Mitläufer oder doch aktives Parteimitglied gewesen?
Auch diese Überlegungen klingen im Roman an, so dass „Die Akte Klabautermann“ einen deutlich größeren Bogen spannt, als lediglich Einblicke in Fallada’s Leben und Schaffen zu gewähren, die man aber selbstverständlich auch bekommt.

Einfühlsam und eindringlich zeichnet Teutsch das Portrait eines Schriftstellers in der letzten Lebensphase, der durch die Zeit und die Lebensumstände schwer gezeichnet und letztlich durch die Drogenabhängigkeit todkrank geworden ist. So dass er 1947 im Alter von lediglich 53 Jahren starb.

Und so wird Teutsch’s flüssig lesbarer, kurzweiliger Roman gleichzeitig zu einem Stück deutscher Literatur- und Kulturgeschichte. Mich haben diese letzten Lebensmonate von Hans Fallada und die Hintergründe zur Entstehung von „Jeder stirbt für sich allein“ sehr berührt und auf jeden Fall die Lust geweckt, dieses einzigartige Werk irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen – dann sicher mit einem anderen und geschärften Blick.

Fallada-Fans, Literaturbegeisterte und Geschichtsinteressierte werden anregende und aufschlussreiche Lesestunden mit Oliver Teutsch’s „Die Akte Klabautermann“ verbringen und den Menschen Rudolf Ditzen alias Hans Fallada noch einmal aus einer anderen Perspektive kennenlernen.

„Erich Kästner hat mal über mich gesagt, ich sei ein ewiger Gymnasiast. Ich habe nicht verstanden, was er da meinte, aber wahrscheinlich hatte er recht, irgendetwas in mir ist nie richtig fertig geworden, so daß ich kein richtiger Mann bin, sondern nur ein alt gewordener Mensch.“

(S.270)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Axel Dielmann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Oliver Teutsch, Die Akte Klabautermann
Axel Dielmann Verlag
ISBN: 978-3-86638-343-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Oliver Teutsch’s „Die Akte Klabautermann“:

Für den Gaumen:
Die Nachkriegszeit war auch die Zeit der Armut und des Hungers. Als Untermieter bei der resoluten Berlinerin Frau Pesoke werden die Ditzen’s mit „Fusselsuppe“ bekocht – eine in heißes Wasser geriebene Kartoffel.
Dagegen sind die Bockwürste mit Kartoffelsalat, die es als Weihnachtsessen bei der Feier im Hause Becher gibt, ein wahres Festessen.

Zum Weiterlesen (I) oder Weiterschauen (I):
Gleich zu Beginn des Romans bei eben jener „Fusselsuppe“ sitzen die Ditzen’s mit einer blonden Schauspielerin bei Frau Pesoke am Esstisch. Ohne dass der Name genannt wird, kann man sich ihre Identität erschließen: Es handelt sich um die junge Hildegard Knef, die Ensemblemitglied des Schlosspark Theaters ist und gerade ihren Text für eine Rolle in „Hokuspokus“ von Curt Goetz lernt.
Das beliebte Bühnenstück wurde mehrfach verfilmt, u.a. 1953 mit Curt Goetz selbst und seiner Ehefrau Valérie von Martens in den Hauptrollen, 1966 dann mit Heinz Rühmann und Liselotte Pulver.

Zum Weiterschauen (II):
Im Jahr 1976 spielt genau jene Hildegard Knef nach einer überstandenen Krebserkrankung die Hauptrolle der Anna Quangel in der Verfilmung von „Jeder stirbt für sich allein“.
Nach dem großen Erfolg der 2011 neu erschienenen ungekürzten Originalfassung des Romans, die zum Weltbestseller wurde, übernahm 2016 Emma Thompson die Rolle der Anna Quangel in einer weiteren Verfilmung.

Zum Weiterlesen (II):
Ich habe „Jeder stirbt für sich allein“ 2011 gelesen und war fasziniert. Die gebundene Ausgabe hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal und es zählt zu den Büchern, die ich sicherlich irgendwann noch einmal lesen werde. „Die Akte Klabautermann“ weckt definitiv die Lust, sich noch mal aus einer anderen Perspektive erneut mit Fallada’s letztem Werk zu beschäftigen.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-2811-0

Malerin und Modell

Bücher und Gemälde, Literatur und Kunst – genau diese inspirierenden Verbindungen zwischen verschiedenen, künstlerischen Disziplinen sind es, die ich mir für die Kulturbowle wünsche. So ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“ über die Malerin Lotte Laserstein und ihr Lieblingsmodell Traute Rose sofort ins Auge sprang.

Basierend auf der wahren Biografie der beiden lässt die Berliner Autorin in ihrem Roman die Frauen kapitelweise abwechselnd zu Wort kommen. Zwei Ich-Erzählerinnen, die jeweils ihre Sicht der Dinge, ihre Geschichte und die außergewöhnliche und besondere Beziehung zur jeweils anderen erzählen.

Zwei Lebensläufe, die sich in den Zwanziger Jahren in einer Berliner Suppenküche kreuzen und auch später über Landesgrenzen und große Entfernungen hinweg nie mehr trennen lassen werden.

„Ich glaube, wir sind wie ein Zopf, geflochten aus drei Strähnen – Lotte, die Kunst und ich. Ineinander verschlungen, untrennbar verwirrt, mit den Jahren immer struppiger, immer unlösbarer.“

(S.52)

Lotte Laserstein ist eine der ersten Frauen, die in Berlin für den Besuch der Kunstakademie zugelassen werden. Als Schülerin von Erich Wolfsfeld kann sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, Malerin zu werden.
Der Roman begleitet sie auf diesem Weg und erzählt von ihrem Kampf um Anerkennung, ihren Selbstzweifeln, ihrem Ringen um den eigenen Stil und ihrer langsamen Art zu malen. Ihre Gemälde brauchen Zeit.

Doch das Buch erzählt in gleichem Maße auch die Geschichte von Traute Rose – der Frau, die auf vielen Gemälden Lotte Lasersteins zu sehen ist – ihr Lieblingsmodell, ihre Inspiration, ihre Muse. Wie ist es Modell zu sein, über Stunden still zu halten, für einen Akt zu posieren, sich selbst permanent auf der Leinwand zu sehen?

Anne Stern beleuchtet dieses besondere Verhältnis der beiden Frauen und gibt ihnen eine Stimme. Sie beschreibt das Kennenlernen der beiden, ihre gemeinsame Zeit in Berlin und die Momente, in welchen große Kunst entsteht.
Traute begleitet Lotte auf ihrem steinigen Weg zu den ersten erfolgreichen Ausstellungen, kennt ihr Hadern zwischen Kunst und Broterwerb. Als es für Lotte als Jüdin in Berlin immer gefährlicher wird und sie auch ihre Schüler nicht mehr unterrichten kann, um Geld zu verdienen, flieht sie vor den Nationalsozialisten 1937 ins schwedische Kalmar.

„Die Wirklichkeit und die Kunst sind keine Gegner, sondern Verbündete, und schon damals trug ich meine einzige Wirklichkeit im Malkasten mit mir herum. Das war auch dann noch so, als mir alles genommen wurde.“

(S.116)

Der Roman liest sich sehr flüssig und man freut sich und leidet mit den beiden Frauen in jeder Szene mit. Manche Stellen hätten für meinen Geschmack jedoch sprachlich etwas weniger blumig ausfallen können und auch die fast durchgängig sehr wehmütig-melancholische Stimmung hätte für mich ab und zu etwas weniger larmoyant sein dürfen.
Stark hingegen fand ich die Schilderung Berlins, des Zeitgeists, die Welt der Künstler und die atmosphärischen Beschreibungen der Zwanziger Jahre – dieser Funke ist definitiv übergesprungen.

„Dieses rastlose Berlin finde ich heute nur in alten Romanen wieder. Und in der Erinnerung an jene Tage, an denen ich mit Traute nach unserer Arbeit im Atelier durch Berlin lief. Vorbei an Litfaßsäulen mit Werbeplakaten für Theater und Varietés, vorbei am Drehorgelspieler, an Ständen mit Körben der ersten Pilzernte, an Zeitungskiosken, von denen uns die Schlagzeilen ansprangen wie übermütige Hunde.“

(S.205)

Lotte Laserstein blieb bis zu ihrem Tod 1993 in Schweden und lebte dort von Portraits und Landschaftsmalerei – sie veränderte ihren Stil. Ihre bekanntesten Werke, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet und als Höhepunkte ihres Schaffens gelten werden, entstanden in der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin.

Anne Stern hat einen Roman über Schmerz und Verlust voller Wehmut und Melancholie geschrieben, aber sie hat auch eine große Frauenfreundschaft, die besondere Beziehung zwischen Malerin und Modell und die Entstehung von Kunst in den Mittelpunkt ihres Werks gesetzt.

Vor meiner Lektüre wusste ich nichts über Lotte Laserstein – jetzt habe ich das Gefühl, eine Künstlerin und ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame Weise kennengelernt zu haben. Ich durfte literarisch der Entstehung ihrer wichtigsten Werke beiwohnen, im Atelier Mäuschen spielen, ihre Freundin und Muse kennenlernen, in ihre Gedankenwelt eintauchen. Es ist immer wieder faszinierend, was Bücher bewirken können.

Eine spannende Künstlerpersönlichkeit mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, über die es sich zu lesen lohnt und die mir sicher im Gedächtnis bleiben wird. Wenn ich irgendwann in einem Museum einem ihrer Gemälde gegenüberstehen werde, wird ihre Lebensgeschichte bestimmt sofort wieder präsent sein.

Buchinformation:
Anne Stern, Meine Freundin Lotte
Kindler
ISBN: 978-3463000268

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anne Stern’s „Meine Freundin Lotte“:

Für den Gaumen:
Neben Erbsensuppe mit Pinkel wartet Anne Stern’s Roman für mich als Kulturbowlen-Gastgeberin kulinarisch doch tatsächlich mit einem sehr passenden Getränk auf:

„Wir zwängten uns an einen der schmalen Tische, bestellten Kaffee und in einem Anfall von Übermut je ein Glas Pfirsichbowle, die auf der Karte angeboten wurde.“

(S.206)

Zum Weiterschauen (I):
Das Gemälde „Abend über Potsdam“ gilt als das bekannteste Gemälde Lotte Lasersteins – es befindet sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie Berlin und auf der Homepage des Museumsportals Berlin kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Auf diesem Bild ist Traute Rose übrigens auch zu sehen – sie ist die Dame, die links am Geländer steht.

Zum Weiterschauen (II):
Im Roman besucht Lotte Laserstein das Kino und sieht dort den mittlerweile legendären Filmklassiker von und mit Charlie Chaplin „Der Vagabund“, der im Jahr 1916 erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Die Kaffeehäuser Berlins sind immer wieder Schauplatz im Roman. Auch das weltberühmte Romanische Café am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche, welches als einer der Künstlertreffpunkte galt, darf da nicht fehlen.
Brigitte Landes hat mit ihrem Buch „Im Romanischen Café“ dieser Institution der Berliner Bohème und ihren illustren Gästen ein literarisches Denkmal gesetzt. So enthält der schön gestalte Band der Insel-Bücherei unter anderem Texte von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und vielen anderen mehr.

Brigitte Landes, Im Romanischen Café. Ein Gästebuch.
Insel Bücherei
ISBN: 978-3-458-19472-9

Familientradition verpflichtet

„Adlon oblige“ – das Familienmotto der legendären Hoteliersfamilie Adlon hat die Familiengeschichte über Generationen hinweg begleitet und geprägt. Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers Lorenz Adlon hat jetzt ein Buch über die Geschichte seiner Familie verfasst. Der Name verpflichtet, sagt alles und so lautet der Titel schlicht: „Adlon“.

Ein Erbstück, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind Manschettenknöpfe mit der Aufschrift „Adlon oblige“, welche einst ein Geschenk des Kaisers waren und mittlerweile im Besitz von Felix Adlon sind.

Und so stellt sich der Autor seinem Erbe und steigt hinab in „die Tiefen des Familienbrunnens“, wie er es nennt. Dass er dort selbst auf Überraschendes, Erhellendes und neue Erkenntnisse über geliebte und umstrittene Familienmitglieder und Vorfahren stößt, zeigt, dass sich nicht nur für seine Leser, sondern auch für ihn selbst die intensive Beschäftigung mit seiner Vergangenheit gelohnt hat.

Für den Leser ist es eine bunte, schillernde und spannende Geschichte, die eng mit den historischen und politischen Entwicklungen Deutschlands verknüpft ist. Denn das Buch erzählt vom Aufstieg und Fall des wohl bekanntesten Hotels Deutschlands und seiner Gründerfamilie – von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart.

So erfährt man bei der Lektüre, dass Ururgroßvater Lorenz Adlon, der aus einfachen Verhältnissen stammte, zunächst eine Ausbildung zum Tischler machte, die ihn vor allem den stets hohen Anspruch nach hervorragender Qualität und Ausführung lehrte. Dieser sollte ihn sein Leben lang prägen und er versuchte diesen auch bei seinen ersten gastronomischen Erfahrungen in Mainz bereits konsequent umzusetzen. Über Ausflüge in die Gastronomie bei Großveranstaltungen wie z.B. Turn- und Sportfesten, Weltausstellungen und einer Station in Holland, verschlug es ihn letztlich nach Berlin, wo er das bekannte Restaurant Hiller leitete bis er schließlich das berühmte Hotel Adlon am Brandenburger Tor plante und gründete.

Felix Adlon erzählt aus den Biografien seiner Vorfahren, wirft aber auch immer einen Blick über den Tellerrand, in die jeweilige Zeit und die damals herrschenden Umstände, so erfährt man zum Beispiel auch, was es mit den Freimaurern auf sich hatte und welch großes Interesse auch der Kaiser am Adlon hatte.

Lorenz’ Sohn Louis führte das Hotel weiter – auch in den schwierigen Zeiten des zweiten Weltkriegs – bis zu seinem tragischen Tod.
Das Hotel Adlon brannte Ende des Zweiten Weltkriegs nieder und wurde völlig zerstört. Erst nach der Wiedervereinigung wurde es wieder aufgebaut und ist dennoch bis heute eine Legende: die Gästeliste umfasste stets alles, was Rang und Namen hatte – von gekrönten Häuptern, Staatsmännern und -frauen bis zu den größten Künstlerinnen und Künstlern ihrer Zeit.

Felix Adlon erzählt vom Glanz und Prunk des Hotels, vom Weinkeller oder Anekdoten aus dem berühmten Luftschutzbunker unter dem Hotel ebenso wie über die turbulenten und wechselvollen Lebensläufe seiner Ahnen im weit verästelten Familienstammbaum.

Ein paar Konstanten ziehen sich durch die Adlon’sche Familiengeschichte: Die Frauen spielten stets eine große und starke Rolle – sei es Lorenz’ geliebte Susi oder Louis’ zweite Frau Hedda. Auch seiner Großmutter Susanne Fanny Adlon setzt Enkel Felix mit seinem Buch ein liebevolles Denkmal und beschreibt sie als kunstbegeisterte, selbstbewusste Frau, welche die Kraft und Stärke besaß, ihren geliebten Parsifal „Percy“ Adlon – den Sohn des Opernsängers Paul Rudolf Laubenthal – als uneheliches Kind gegen alle Widerstände allein groß zu ziehen.

Die Liebe zur Musik, zur Oper, zu Kunst und Kultur ist eine weitere dieser Konstanten. Vater Percy Adlon ist ein bekannter Filmregisseur – „Out of Rosenheim“ sein wohl bekanntester Film – und auch Sohn Felix ist ihm in die Filmbranche nachgefolgt und mit einer Opernsängerin verheiratet.

Obwohl die Familie nicht mehr im Besitz des heutigen Hotels Adlon ist, prägt die Institution und ihre Geschichte weiterhin ihr Leben. „Adlon oblige“ eben – ein Erbe, das nicht loslässt.
Die Höhen und Tiefen, tragische Schicksalsschläge und große Erfolge – diese Familiengeschichte ist filmreif, hochspannend und ein faszinierendes Kaleidoskop deutscher Geschichte.

Faszinierend fand ich, wie authentisch, natürlich und unprätentiös Felix Adlon dieses Familienpanorama verfasst hat. Man spürt bei der Lektüre, dass er vor der Lebensleistung seiner Vorfahren selbst höchsten Respekt hat und dass ihn der hohe Anspruch bis heute prägt und begleitet. Er hat ein liebevolles, aufrichtiges Buch geschrieben, in welchem er auch selbst eigene Fehleinschätzungen der Vergangenheit revidiert und sein Bild der Geschichte in einigen Aspekten rückwirkend korrigiert. So manche Recherche öffnete ihm die Augen.

Das Buch liest sich sehr schnell und es macht wirklich Freude, dem Autor dabei zu folgen, wie er aus dem Familiennähkästchen plaudert. Da geht es um Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen und einer großen Leidenschaft für die Dinge die sie tun – sei es die Hotellerie und Gastronomie oder aber Kunst und Kultur.

Ein hochinteressantes und kurzweiliges Buch über eine Familie im Spiegel der Zeit, das packender ist als so mancher Roman – die besten Geschichten schreibt ohnehin das wahre Leben – und daher nicht nur für Hotel-Fans oder Geschichtsinteressierte eine sehr lohnende Lektüre sein kann.

Buchinformation:
Felix Adlon, Adlon
Heyne
ISBN: 978-3-453-21809-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Felix Adlon’s „Adlon“:

Für den Gaumen:
Während im Adlon Haute Cuisine im Stile von August Escoffier serviert wurde kam Percy Adlon – der Vater des Autors – in seiner Kindheit durch seine geliebte Tante Ada oft in den Genuss bodenständiger Küche:

„Von ihren böhmischen Marillenknödeln mit Zucker, Zimt und geriebenem Lebkuchen aß jeder mindestes ein Dutzend, bis alle vor Wonne und Völle stöhnten.“

(S.202)

Zum Weiterschauen (I):
Felix Adlon ist Filmregisseur und somit in die Fußstapfen seines Vaters getreten – gemeinsam drehten die beiden 2010 den Spielfilm „Mahler auf der Couch“ – den ich mir notiert habe und bei Gelegenheit einmal ansehen möchte. Ein filmisches Aufeinandertreffen von Sigmund Freud und Gustav Mahler – das hört sich spannend an.

Zum Weiterschauen (II):
Wer Felix Adlon als Darsteller in einem Film erleben und zugleich mehr über die Familiengeschichte und das Hotel Adlon erfahren möchte, der kann sich Percy Adlon’s Film „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ aus dem Jahr 1996 ansehen. Eva Mattes spielt darin niemand geringeren als den charismatischen Stummfilmstar Pola Negri.

Zum Weiterlesen:
Schon lange auf meiner Leseliste und jetzt wieder weiter nach oben gerückt ist Vicki Baum’s Klassiker aus dem Jahre 1929: „Menschen im Hotel“. Vorbild soll hier zwar nicht das Adlon, sondern das Hotel Excelsior gewesen sein, aber ein Berliner Luxushotel im Mittelpunkt eines Romans gibt stets einen interessanten literarischen Rahmen ab:

Vicki Baum, Menschen im Hotel
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-03798-2

Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

In die Welt hinaus

„Würzburg liest ein Buch“ – diese Aktion steht aktuell ganz im Zeichen von Max Mohr’s (1891 – 1937) Roman „Frau ohne Reue“. Zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen sollen den in Würzburg geborenen Autor, den sein Weg später nach Berlin, an den Tegernsee und die letzten Jahre seines Lebens ins Exil nach Shanghai geführt hat, wo er in seinem ursprünglichen Beruf als Arzt praktizierte, wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen. Für mich war dies auch als Nicht-Würzburgerin ein schöner Anreiz, einen Autor zu entdecken, den ich bisher nicht kannte.

Viele Jahre waren seine Werke – in den Zwanziger Jahren verfasste er vor allem sehr erfolgreiche Theaterstücke und später Romane – in Vergessenheit geraten. „Frau ohne Reue“, das 1933 erschien, thematisiert – wie häufig in seinem Schaffen – das Unbehaustsein, die innere Unruhe, das Umherirren auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich aufgehoben, geschützt, zu Hause und geborgen fühlen kann. Ein Gefühl, das auch Max Mohr’s eigenes Leben stark prägte und bestimmte. Obwohl er seinen jüdischen Glauben kaum lebte, konnte er nicht in Deutschland bleiben und seinen Beruf als Schriftsteller weiter ausüben – er starb 1937 im Exil in Shanghai – seine Bücher wurden im selben Jahr in Deutschland verboten.

Alles beginnt in Berlin, der pulsierenden Stadt mit verqualmten Kneipen, verruchten Bars und einem regen Nachtleben, aber auch mit Lebenskünstlern, die sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser halten. Fenn hat eine tolle Anstellung in Aussicht, doch als er bei seinem potenziellen neuen Arbeitgeber vorstellig wird, verliebt er sich Hals über Kopf in dessen Ehefrau und brennt mit ihr und ihrem Kind durch. Treibende Kraft dahinter ist Lina, die aus ihrem bisherigen Leben und ihrer Ehe ausbrechen möchte und ein alternatives, freieres Lebenskonzept sucht.

„Einer Frau muß man sagen: Laß die Männer für dich handeln, wie sie wollen, und bereue nichts, laß die Männer es bereuen.“

(S.47)

Mit Fenn und ihrer Tochter Jane sucht sie Zuflucht auf einem abgelegenen Hof in den Tiroler Bergen. Sie verstecken sich vor den Detektiven und Spähern, welche der Vater des Kindes beauftragt hat, um die Kleine zu finden und zurück zu holen.
Sie führen ein einfaches, hartes Leben in Abgeschiedenheit ohne Komfort und Luxus.

„Zum erstenmal in ihrem Leben war sie von Grund auf froh, eine Frau zu sein, stolz vor allen Männern. Tun lassen. Die Männer tun lassen, was sie tun wollten, sie reden lassen, was sie reden wollten, es ihnen glücken oder mißglücken lassen, wie’s kam.“

(S.48)

Doch auch dort suchen Lina weitere Schicksalsschläge heim und es gelingt ihr nicht, so richtig heimisch und auf Dauer glücklich zu werden. Erneut krempelt sie ihr Leben um und bleibt die Suchende, Rastlose, die trotz alledem nichts bereut.

„Schrecklich, was die Menschen im letzten Jahrhundert vergessen hatten vor lauter Geschäftigkeit, alles vergessen vor lauter technischer, wirtschaftlicher, politischer Geschäftigkeit!“

(S.77)

In vielen Aspekten ist „Frau ohne Reue“ ein zeitloses Werk – auch heute suchen viele Menschen nach dem richtigen Partner, der richtigen Art zu leben, der richtigen Balance zwischen Leben und Beruf oder treffen Entscheidungen für ein Leben auf dem Land oder in der Stadt. Lina trifft mutige, radikale Entscheidungen und scheut sich auch nicht, diese erneut zu revidieren. Glücklich wird sie leider dennoch nicht.

Das Buch wühlt auf und macht es dem Leser nicht immer einfach. Es ist kritisch und unbequem. Viele Gedankengänge Mohr’s muten nahezu prophetisch an und sind heute – gerade im Licht der aktuellen Ereignisse – aktueller denn je.

„Noch gab es damals die Weltstadt. Die Menschen brauchten den Betrieb. Viele brauchten ihn nötiger als Brot und wären gestorben, wenn durch eine technische Katastrophe oder eine himmlische Fügung ihr Betrieb von der Erde weggewischt worden wäre.“

(S.131)

„Frau ohne Reue“ handelt vom Suchen und vom Verlieren, überzeugt durch intensive, kammerspielartige Szenen und stimmige Dialoge – hier spiegelt sich der Dramatiker Max Mohr auch in seinem Roman.

Ein Autor, der die Aufmerksamkeit und die Wiederentdeckung verdient, auch wenn oder gerade weil er den Lesern 1933 bereits die Düsternis und Ausweglosigkeit der damaligen Zeit vermittelte. Es ist wünschenswert, dass sein Name von Würzburg aus wieder ins Gedächtnis gerufen und in die Welt hinausgetragen wird.

Auf der Website „Würzburg liest“ erhält man einen Überblick der Veranstaltungen, die vorwiegend in der Zeit vom 15. bis zum 25. Juli 2021 stattfinden, aber teilweise auch noch in den August hineinreichen. Zudem erfährt man mehr über Max Mohr und sein Werk.

Weitere Besprechungen von „Frau ohne Reue“ findet man beim Hotlistblog und Birgit Böllinger.

Buchinformation:
Max Mohr, Frau ohne Reue
Weidle
ISBN: 978-3-938803-95-0

© Weidle Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Max Mohr’s „Frau ohne Reue“:

Für den Gaumen:
Im Refugium in den Bergen:

„Es gab Bier, Schnittlauch, Ziegenkäse. Das Brot, das sie seit dem Herbst selber buken, geriet immer besser.“

(S.87)

Brot selbst backen – etwas, das fasziniert, sobald man es einmal selbst versucht hat und vor allem auch schmeckt.
Zu der Vielfalt von Brotrezepten, die man auf den schönen Blogs wie „Meggie’s Kochstudio“, „Fische im Teigmantel“ oder auch bei „Ein Nudelsieb bloggt“ (um nur ein paar zu nennen) findet, habe ich es noch nicht geschafft, aber zu einem selbstgebackenen Sauerteigbrot schon.

Zum Weiterhören:
Max Mohr bedient sich unter anderem Vergleichen aus Wagner’s Opern, so sieht sich Else – die Freundin Fenns „wie Brangäne, die den unheilbaren Liebestrank verwaltete“ (S.34). Wer Tristan und Isolde kennt, kann hier bereits erahnen, ob den Liebenden ein glückliches Ende beschieden sein wird.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich die eindringliche Novelle „Der Zwang“ von Stefan Zweig aus dem Jahr 1920 gelesen. Diese kann man ebenfalls als pazifistischen Aufschrei eines zunehmend Heimatlosen und späteren Exilanten lesen und auch Zweig lässt eine starke Frau in der Erzählung auftreten.

Stefan Zweig, Der Zwang
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271535

Tschudi und die Nationalgalerie

Einer meiner Lesehöhepunkte in den ersten beiden Monaten des Jahres 2021 war bisher „Tschudi“ – der Roman der Autorin Mariam Kühsel-Hussaini über Hugo von Tschudi, den Museumsdirektor der Berliner Nationalgalerie in den Jahren 1896 bis 1908, der es als Erster und gegen den Widerstand des Kaisers Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten für das Museum zu erwerben und auszustellen.
Ein großartiges Buch über eine spannende und hochinteressante Persönlichkeit, über Berlin, über die Kaiserzeit, über Kunst und Kultur – und all das in einer wunderschönen Sprache, die mich fasziniert und begeistert hat.

„Es war, als sei ein Augenblick des Universums nach Berlin gefallen, hierher, in die Nationalgalerie, in diesen Saal, zwischen diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt standen.“

(S.118)

Der Roman lässt die Kaiserzeit und das pulsierende Berlin um die Jahrhundertwende vor den Augen des Lesers wieder auferstehen. In den Mittelpunkt ihres Romans stellt die Autorin das Spannungsfeld zwischen dem aufgeschlossenen, visionären, mutigen Museumsdirektor und Kunstmenschen Hugo von Tschudi und dem konservativen, militärischen Traditionalisten Kaiser Wilhelm II.
Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide durch ihre Krankheiten auch auf ähnliche Weise mit ihrem Schicksal hadern. Tschudi war an der Wolfskrankheit erkrankt und trug im fortgeschrittenen Stadium sogar eine Gesichtsmaske, um die Folgen der Krankheit zu kaschieren und der Kaiser litt bereits seit seiner Geburt unter einer Lähmung und Verkürzung des linken Arms.

Als Tschudi auf einer Frankreichreise, die er gemeinsam mit dem Künstler Max Liebermann unternahm, zahlreiche Bilder französischer Impressionisten erwirbt und diese vollkommen neuen, modernen und unkonventionellen Werke in der altehrwürdigen Nationalgalerie ausstellt, prallen die beiden und ihre Vorstellung von Ästhetik unweigerlich aufeinander. Die Ausstellung mit Werken von Manet, Monet und Degas wird zum große Erfolg und Skandal zugleich – sie spaltet die Geister und polarisiert.

Tschudi verkehrt mit den wichtigen und namhaften Persönlichkeiten seiner Zeit: so gibt er Cosima Wagner eine Privatführung durch die Ausstellung, diniert mit Max Liebermann und dessen Frau Martha, trifft sich mit Virchow, Henry van de Velde, Gerhart Hauptmann und Harry Graf Kessler.

Kühsel-Hussaini schreibt atmosphärisch und schwebend, so dass die Stimmung und der Zeitgeist im Berlin der Jahrhundertwende und die zahlreichen künstlerischen Einflüsse und Strömungen sehr gut zur Geltung kommen.
Der Roman lebt nicht so sehr von der Handlung, sondern viel mehr von Stimmungen, Farben, Klängen, Genüssen und dem Flair Berlins, der in jeder Zeile durchscheint. Er wird getragen durch interessante Menschen und Charaktere, die diese Zeit des Um- und Aufbruchs erleben.

Es ist berührend zu lesen, wie die Autorin uns in Tschudi’s Gedankenwelt eintauchen lässt: dieser intelligente, feinfühlige und sensible Mensch, der so sehr an seiner Krankheit und der damit einhergehenden Entstellung seines Gesichts leidet, große Angst vor Leiden und Tod hat und doch einen solch großen, ungezügelten Hunger nach Leben, Lebensfreude und den schönen Dingen des Lebens in sich spürt.

Man spürt bei der Lektüre die Faszination für die Kunst und die damals noch auf unerhörte Weise „andersartigen“ Gemälde der französischen Künstler – die Beschreibungen der Autorin über die Wahrnehmung und das Betrachten von Bildern sind wunderbar zu lesen.

„Man darf ein Gemälde nicht betrachten. Man muss in das Bild hinein. Man muss zwischen den Farben sein, wenn sie auf der Leinwand gemischt werden. Man muss im glatten Pompejanischblau ertrinken, wenn das anrollende Neapelgelb einen wieder heraushebt und ins dick gefleckte Chinesischweiß schmiegt.“

(S.305)

Sprachlich ist der Roman für mich ein wahres Fest und ein großer Genuss gewesen. Kühsel-Hussaini schreibt wunderschön mit neuartigen Bildern und Wortschöpfungen in einer sinnlichen, kristallklaren und intensiven Sprache, die man so nicht oft zu lesen bekommt.

Das Buch bezaubert und sprudelt über von Farben, Kunst, Kultur, Lebensgefühl und Zeitgeist – es reißt viele Themen und Aspekte an, die einen dazu animieren, weiter zu recherchieren und noch tiefer nachzulesen – ein wahrer Quell der Inspiration, vielseitig und somit genau nach meinem Geschmack. Für alle Kultur- und Kunstbegeisterten und Liebhaber schöner Sprache kann ich diesen Roman daher uneingeschränkt empfehlen und wärmstens ans Herz legen.

„Im Schein des Kristalls, in den hübschen winzigen begierigen Bläschen des weißgoldenen Champagners, sprudelt ganz Berlin.“

(S.245)

Weitere Besprechungen des Romans findet man unter anderem bei Aufklappen, Buch-Haltung und Fräulein Julia.

© Büchergilde Gutenberg

Buchinformation:
Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7200-6

oder

Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00137-7

© Rowohlt Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tschudi“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Hause Liebermann für den Gast Hugo von Tschudi Spargel und Riesling – schon jetzt freue ich mich auch darauf, wenn bei uns die Spargelzeit im Frühjahr wieder beginnen wird. Zudem musste ich das Dessert „Berliner Luft“ recherchieren, das mir bisher nicht als Nachspeise, sondern nur als Lied von Paul Lincke bekannt war. Laut Wikipedia: „Berliner Luft ist eine schaumige Dessertcreme aus Eigelb, Eischnee, Zucker und Gelatine, die mit Himbeersaft angerichtet wird.“

Zum Weiterschauen:
Noch heute gehören die Werke der französischen Impressionisten zu den Hauptattraktionen der Alten Nationalgalerie in Berlin. Es lohnt sich, auf der Homepage des Museums ein wenig virtuell zu stöbern, solange ein realer Museumsbesuch leider noch nicht möglich ist. Zum Beispiel Édouard Manet’s „Im Wintergarten“ war eines der Werke, die Hugo von Tschudi auf seiner gemeinsamen Reise mit Max Liebermann in Frankreich für das Museum erworben hatte.

Zum Weiterhören:
Im Roman spielt das berühmte Stück „Gymnopédie No. 1“ von Erik Satie eine Rolle und dieses melancholische, verträumte Klavierstück aus dem Jahr 1888 passt für mich wunderbar zu diesem Buch und dem Zeitgefühl.

Zum Weiterlesen:
Rodin ist einer der Künstler, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielen und hier kann ich das Buch „Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft“ von Rachel Corbett sehr empfehlen, das die Künstlerfreundschaft der beiden biographisch und sehr gut lesbar aufbereitet.

Rachel Corbett, Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft
Übersetzer: Helmut Ettinger
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3554-5