Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Italiensehnsucht in Wort und Bild

Manchmal fügt es sich und es tritt der Glücksfall ein, dass sich Lektüre und Kunstgenuss auf wunderbare, ideale Weise ergänzen. Man hört ein Musikstück und verbindet dies mit einem bestimmten kulinarischen Genuss oder man sieht ein Bild und hat sofort ein Gedicht im Kopf – genau diese Momente der Inspiration sind es, welche für mich die Kulturbowle ausmachen sollen. Eine solche Symbiose durfte ich vor kurzem mit den Gemälden der Ausstellung „Italiensehnsucht!“ und dem kleinen, aber sehr feinen Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ des jungen Dichters Marius Tölzer erleben, der in seinen wunderbar durchkomponierten und an Goethe oder Hölderlin erinnernden Gedichten sofort leuchtende Bilder vor meinem Auge entstehen ließ. Da zeichnet er südliche, italienisch anmutende Stimmungen von plätschernden Brunnen, blühenden Gärten und Parks, belebten Märkten und abendlichen Festen im Freien.

Seine Gedichte verbinden urbane Impressionen (z.B. Glockenläuten, Katzen auf den Dächern) mit Eindrücken aus der Natur (Mandelblüten, Efeublätter etc.) und alle atmen für mich das gewisse Etwas der italienischen Lebensfreude, der südlichen Wärme und kombinieren eine gewisse Leichtigkeit mit dem tiefgründigen Ernst großer Emotionen.

So klingen seine „Viterbeser Lieder“ (die Stadt Viterbo liegt in Mittelitalien 77km nördlich von Rom) für mich nach einem stimmungsvollen Sommerabend in Italien und mit seiner bildhaften, klangvollen Sprache zaubert er mich weg aus dem verschneiten Deutschland in den sonnigen Süden. Italiensehnsucht pur!

Er greift sogar selbst auf die italienische Sprache zurück und so enthält der Band auch ein bzw. zwei italienische Gedichte – in dieser herrlichen Sprache, die in ihrer tänzerischen Melodiösität ohnehin kaum zu übertreffen ist.

Tölzer schreibt klassisch-romantisch inspirierte Gedichte mit viel Gefühl und großen Emotionen – es geht um Liebe und Trauer, Abschied und Trost. Er wechselt und spielt gekonnt und frei mit Form und Rhythmus – da gibt es ein Sonett, Lieder oder aber auch kurze Vierzeiler. Man spürt, dass er sich intensiv mit der Poesie von Hölderlin, Goethe und Novalis auch im Rahmen seines Studiums und seiner Promotion auseinandergesetzt hat und doch findet er inspiriert von den großen Meistern in seinen Gedichten seinen eigenen Ton, den man mit großem Genuss liest. Für mich hatten diese klugen, klangvollen Gedichte etwas ungemein Friedliches, Beruhigendes und Tröstliches – Worte voller Schönheit, die Balsam für die Seele sein können und die beim Lesen und Wiederlesen immer wieder etwas Neues in einem zum Klingen bringen. Das vermag so intensiv wohl nur Lyrik und Poesie!

Die gemalten Bilder zu diesen eindrucksvollen Gedichten konnte ich dann in der digitalen Version und im Katalog zur Ausstellung „Italiensehnsucht!“ (Kulturspeicher Würzburg) genießen und bewundern. Mediterranes Flair eingefangen durch deutsche Künstler, die sich den Traum erfüllten, eine Zeit in Italien zu leben und zu arbeiten. So entstanden Werke mit jenem typisch südlichen, warmen Licht und teils unbeschwerter Urlaubsatmosphäre – eingefangen und entstanden in den Jahren 1905 bis 1933, u.a. von Künstlern, die Stipendien in der Villa Romana in Florenz oder der Villa Massimo in Rom erhalten hatten oder sich auch privat in Italien eingerichtet hatten: August Macke, Max Pechstein, Dora Hitz, Max Beckmann, Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Anita Rée, um nur einige zu nennen. Der liebevoll gestaltete und grafisch sehr ansprechende Katalog enthält neben den Bildern und Kunstwerken der Ausstellung auch interessante Artikel zu den beiden Künstlerakademien und den Künstlern, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf Goethes Spuren in Italien wandelten und dort ihre Inspirationen in Kunst umsetzten. Italien war und ist Sehnsuchtsort für deutsche Künstler und Reisende.

In Zeiten wie diesen, in welchen es nicht möglich ist, nach Italien zu reisen, waren die Gedichte Tölzer’s und die Kunstwerke der Ausstellung eine schöne Möglichkeit, sich zumindest literarisch und künstlerisch dorthin zu träumen und ein wenig in der Sehnsucht zu schwelgen, die schon Goethe mit uns teilte.

„Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.“


(Marius Tölzer, aus „Ein rätselschönes Schweigen“)

Am morgigen Sonntag, den 21. März ist der „Welttag der Poesie“, welchen die Unesco im Jahre 2000 ins Leben gerufen hat. Daher nehmt Euch Zeit für Poesie, Lyrik und Gedichte, träumt ein wenig und genießt die Schönheit der Sprache!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Gedichtbands zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marius Tölzer, Ein rätselschönes Schweigen
Hrsg.: edition tas:ir, Andres Miklaw
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-5-8

Italiensehnsucht. Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler 1905–1933
Katalog zur Ausstellung im Museum im Kulturspeicher, Würzburg, Museum August Macke Haus, Bonn und Max Pechstein Museum, Zwickau 2020/2021
herausgegeben von Martina Padberg, Klara Denker-Nagels, Henrike Holsing, Petra Lewey
Wienand Verlag
ISBN: 978-3-86832-590-4

© Wienand Verlag

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich „Ein rätselschönes Schweigen“ und „Italiensehnsucht!“:

Für den Gaumen:
Eines der Bilder der Ausstellung, welches der Kulturspeicher in Würzburg als Titelbild des Internetauftritts gewählt hatte, ist Theo van Brockhusen’s „Blick von der Villa Romana auf die Silhouette der Stadt Florenz“ (1913): da gibt es Rotwein, frisches Obst und Gemüse und vor allem frische Wassermelone – da bekommt man nicht nur Italiensehnsucht, sondern auch Sommersehnsucht…

Zum Weiterklicken:
Wer mehr über den Dichter und Philosophen Marius Tölzer (*1991) erfahren möchte, kann gerne auf seiner Homepage weiterstöbern und dort zusätzliche Information zu Vita und Werk erhalten.

Zum Weiterschauen oder für den Museumsbesuch:
Die „Italiensehnsucht!“-Ausstellung in Würzburg ging leider ohne Besucher zu Ende, hatte aber ein schönes digitales Angebot zusammengestellt, das ich sehr genossen habe. Die Ausstellung zieht jetzt weiter und macht vom 27. März bis zum 30. Mai 2021 im Max Pechstein-Museum in Zwickau Station, danach geht es weiter nach Bonn im Museum August Macke Haus (18.06.2021–19.09.2021). D.h. vielleicht bekommt jetzt doch noch der eine oder andere eine Chance, diese schöne Ausstellung zu besuchen und sich ein wenig nach Italien zu träumen.

Zum Weiterhören:
Perfekt zur Italiensehnsucht und zur Rom-Romantik passen für mich die sinfonischen Dichtungen von Ottorino Respighi „Fontane die Roma“, „Pini di Roma“ und „Feste romane“, die im Bereich der klassischen Musik für mich die italienische Stimmung und Klangwelt hervorragend einfangen.

Zum Weiterlesen:
Wer beim Schmökern im Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ Lust darauf bekommen hat, mehr über die Villa Massimo in Rom zu erfahren, in welcher Stipendiaten aus den Bereichen Literatur, Musik (Komposition), bildende Kunst, Architektur die Möglichkeit bekommen, sich von der ewigen Stadt inspirieren zu lassen, der kann in Hanns-Josef Ortheil’s Buch einen intensiven Eindruck von seiner Zeit in der Villa bekommen:

Hanns-Josef Ortheil, Rom, Villa Massimo
btb
ISBN: 978-3-442-71427-8

K.u.k.-Krimivergnügen auf dem Dampfer

1907 – Triest ist die florierende, pulsierende Hafenstadt der Donaumonarchie und Günter Neuwirth nimmt uns mit seinem historischen Kriminalroman „Dampfer ab Triest“ mit auf eine stimmungsvolle und spannende Reise bzw. auf eine der ersten Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer. An Bord der „Thalia“, einem Vergnügungsdampfer der österreichischen Lloyd, muss Inspector Bruno Zabini, der eigentlich als Personenschützer eines Grafen inkognito reist, schon bald in einem Kriminalfall ermitteln.

„Das ganze Schiff glich doch einem eisernen Tollhaus, auf dem allerlei zwischenmenschliche Verwicklungen passieren konnten, ja sogar sollten. Dafür bezahlten die Passagiere mit dem Erwerb einer Fahrkarte schließlich.“

(S.231)

Zu Beginn ist Inspector Zabini alles andere als begeistert, als er den Auftrag bekommt, zum Schutz des Grafen Urbanau, der vor kurzem nur zufällig einem Mordanschlag entgangen ist, in geheimer Mission eine dreiwöchige Seereise auf der „Thalia“ zu unternehmen. Denn er, der schnell von Seekrankheit geplagt wird, hätte die Zeit viel lieber an Land mit seiner Geliebten im heimischen Triest verbracht.
An Bord trifft er auf eine illustre, bunt gewürfelte Reisegesellschaft, die im Gegensatz zu ihm voller Enthusiasmus der großen Kreuzfahrt entgegenfiebert. Denn das luxuriöse Schiff hat zahlreiche Annehmlichkeiten zu bieten und auch die Route durch die Ägäis verspricht interessante Ziele und Ausflüge zu bekannten Sehenswürdigkeiten.
Doch schon beim ersten Landgang kehrt ein Mitglied des Schiffspersonals nicht mehr an Bord zurück. Zabini muss in einem Mordfall ermitteln und die Lage spitzt sich immer mehr zu – das Leben des Grafen ist in höchster Gefahr…

Günter Neuwirth – aufgewachsen in Wien und später in Graz lebend – hat mit „Dampfer ab Triest“ einen geglückten Auftakt zu einer neuen Krimireihe hingelegt. Das liest sich sehr flüssig und spannend, bietet einen interessanten zeitlichen Hintergrund und viel österreichischen, aber auch mediterranen Triester Lokalkolorit.
Für das richtige kaiserlich-königliche, donaumonarchische Flair sorgt vor allem die stimmige Sprache Neuwirth’s, die immer wieder gewürzt ist mit typisch österreichischen Begriffen: da wird sich fadisiert und akklamiert, da findet man Diwan und Stanitzel. So wird die k.u.k.-Atmosphäre zwischen Sonnendeck und Rauchsalon auch sprachlich lebendig und spürbar.

Thematisch hat der Autor einiges in seinen historischen Krimi gepackt: so erfährt man vieles über die Geschichte Triests während der K.u.k.-Ära, über die „Thalia“ und die ersten Kreuzfahrten der damaligen Zeit, aber auch über die Rolle und das sich wandelnde Selbstverständnis der Frau im frühen 20. Jahrhundert. Denn die unterschiedlichen Damen auf dem Schiff verkörpern auch verschiedene Lebensmodelle: So trifft man an Bord sowohl die alleinreisende, unverheiratete, abenteuerlustige Reiseschriftstellerin, als auch die unglücklich verheiratete Ehefrau, die ihr Glück in Affären und den Armen ihres Liebhabers sucht oder aber auch die junge adlige Komtess, die aus starrer Tradition und familiär-dynastischem Zwang ausbrechen und statt der standesgemäßen Pflichtehe lieber eine Liebesheirat eingehen möchte.

„Einerseits hebt sich der Morgentau einer neuen Zeit, in der der Mensch nicht allein Spielball des göttlichen Willens und der unerklärlichen Naturkräfte ist, in der der Mensch selbst für sein Schicksal Verantwortung trägt, andererseits wirken unermesslich starke Kräfte der Bewahrung althergebrachter Verhältnisse, die dem Individuum einen starren Platz in der Welt zuweisen.“

(S.211)

Der Autor nimmt sich Zeit für seine Figuren und seine Geschichte, so dass er mit einem umfangreichen Personal im Roman auch die unterschiedlichen Stände und Klassen des Jahres 1907 in allen Farben und Facetten schildern kann. So sind die Charaktere liebevoll gezeichnet: vom romantisch-stürmischen, ärmlichen Theaterschauspieler, über den ehemals auf die schiefe Bahn geratenen Karten- und Falschspieler, der sich nun als Steward auf dem Schiff seine Brötchen verdient bis zur liebeshungrigen Wertpapierhändlersgattin, die stets auf der Suche nach erotischen Eskapaden zu sein scheint.

Vor allem aber auch mit Inspector Bruno Zabini hat Neuwirth eine interessante und sympathische Figur geschaffen, von der man zukünftig gerne mehr lesen möchte. Ein vielsprachiger Kosmopolit mit einer Wiener Mutter und einem Vater aus Triest, der gleichsam Wiener Schmäh und italienisches Temperament auf sich vereint – ein feuriger Liebhaber und Frauenversteher, der nichts anbrennen lässt, sich nicht binden will und daher als überzeugter Junggeselle bevorzugt verheiratete Damen beglückt. Ein spannender Charakter, der dem technischen Fortschritt und den modernen kriminalistischen Methoden im Jahre 1907 (wie z.B. der Daktyloskopie) gegenüber aufgeschlossen ist und auch sonst einen weltoffenen und neugierigen Zeitgenossen mit modernen Ansichten verkörpert.

Besonders schätze ich es, wenn bei historischen Romanen am Ende des Buches auch noch auf die tatsächlichen, geschichtlichen Hintergründe und Fakten eingegangen wird. Daher habe ich mich gefreut, dass es in diesem Fall ein ausführliches Kapital am Ende des Romans gibt, welches unter anderem näher auf die Geschichte Triests, die österreichische Seefahrtsgeschichte, die österreichische Lloyd ebenso wie auf die Thalia und ihren Kapitän eingeht.

Ein gelungener, historischer Krimi, der für Freunde dieses Genres auf 470 Seiten viel zu bieten hat. Ein opulenter und stimmungsvoller Roman, der die Kreuzfahrtatmosphäre und K.u.k.-Zeit lebendig werden lässt. Neuwirth nimmt den Leser mit auf eine unterhaltsame Seereise auf einem der ersten österreichischen Vergnügungsdampfer der damaligen Zeit. Spannung, Seeluft und frische Brise inklusive!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dampfer ab Triest“:

Für den Gaumen:
Trotz der üppigen Menüs und Diners, die auf dem Schiff serviert werden, ist mir dieses Mal vor allem ein besonderer Wein bei der Lektüre kulinarisch ins Auge gestochen: ein fruchtiger, tief dunkelroter Rotwein vom Karst aus der Region Friaul-Julisch Venetien: der sogenannte „Terrano del Carso“, den ich bislang (leider) noch nicht verkosten durfte.

Zum Weiterhören:
Auch auf der Thalia gab es – wie auf der Titanic – eine Bordkapelle und der jüdische Komponist Bernhard Kaempfner, der später aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurde, komponierte sogar einen eigenen „Thalia-Marsch“ für das Schiff, welcher dort regelmäßig zur Aufführung kam.

Zum Weiterlesen:
Im Falle von Günter Neuwirth’s „Dampfer nach Triest“ ist Triest zwar der Ausgangsort der Handlung, aber im Laufe des Romans führt die Seereise Bruno Zabini und die Passagiere der „Thalia“ auch noch an andere Orte (Ragusa, Otranto, Smyrna, Istanbul etc.). Wer gerne Krimis liest und noch mehr Triester Lokalkolorit der Gegenwart genießen möchte, der ist bei Veit Heinichen’s Reihe um Commissario Laurenti sehr gut aufgehoben. Der erste Band „Gib jedem seinen eigenen Tod“ erschien bereits 2001 und mittlerweile umfasst die Reihe 10 Bände, die ich persönlich alle sehr gerne gelesen habe.

Veit Heinichen, Gib jedem seinen eigenen Tod
dtv
ISBN: 978-3-423-20516-0

Italienisches Inselgefängnis

Die nächste Station meiner Europabowle oder „Literarischen Europareise“ ist Italien: Bella Italia. Aber Francesca Melandri präsentiert uns in ihrem zweiten Roman „Über Meereshöhe“ nicht das sonnige Urlaubsland und „la dolce Vita“, sondern sie bringt dem Leser einen völlig anderen geschichtlichen Aspekt ihres Heimatlandes näher.

Der Roman spielt Ende der Siebziger bzw. zu Beginn der 80er Jahre, welche auch in Italien als „bleierne Jahre“ in die Geschichte eingehen, die geprägt sind von Terroranschlägen und der Entführung und Ermordung Aldo Moro’s im Jahr 1978.
Der italienische Staat betreibt ein Hochsicherheitsgefängnis auf einer Insel.
Namentlich erwähnt wird die Insel im Roman nicht – es könnte sich jedoch um die auch noch heute als Gefängnis genutzte Insel Gorgona vor der toskanischen Küste handeln.

„Denn will man jemand wirklich absondern vom Rest der Welt, gibt es keine Mauer, die höher wäre als die See.“

(S.33)

Im Roman sitzen dort Schwerverbrecher, Mörder und Terroristen ihre langjährigen Haftstrafen ab. Besuche sind aufwändig, erfordern viel Zeit und gut geplante Logistik und so treffen Paolo und Luisa zum ersten Mal auf dem Schiff aufeinander, das sie zur Insel bringt. Beide besuchen dort ihre inhaftierten Angehörigen: Paolo seinen Sohn, Luisa ihren Ehemann.

Als sich ein gewaltiger Sturm zusammenbraut, der ihre Rückfahrt ans Festland verhindert, bleiben die beiden über Nacht unfreiwillig auf der Insel zurück. In dieser Ausnahmesituation kommen sich die beiden näher und erzählen sich ihre Geschichten, entdecken Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

„Ihm schien es nicht unmöglich, dass alle lebenden Geschöpfe vor dem Sturm geflohen und nur sie drei zurückgeblieben waren: er, die Frau und der Vollzugsbeamte, der sie begleitete.“

(S.128)

Luisa, die zupackende, patente und lebenstüchtige Bäuerin, die gemeinsam mit ihren fünf Kindern nach der Verurteilung ihres Mannes den Hof nun alleine bewirtschaften muss und mit beiden Beinen im Leben steht. Sie führt ein einfaches Leben voll harter Arbeit, die sie ablenkt, fordert und die Schmerzen und Demütigungen zeitweise vergessen lässt, die sie durch ihren Mann erleiden musste. Fürsorglich bereitet sie gefüllte Ravioli zu, die sie mit ins Gefängnis bringt und genießt die erste Überfahrt auf dem Meer, das sie zuvor noch nie gesehen hatte, zumal ihr Mann erst vor kurzem auf die Insel verlegt wurde.

Und da ist Paolo, der leidet, mit seinem Schicksal hadert und es nicht wahrhaben will geschweige denn verstehen kann, wie ausgerechnet sein Sohn zum Terroristen werden konnte, der Menschenleben auf dem Gewissen hat. Seine Frau ist beraubt vom Lebenswillen früh an Krebs gestorben und hat ihn in all seinem Kummer allein gelassen. Der früh pensionierte Lehrer, der Frau und Sohn verloren hat, wird durch die ungewohnte Situation und die Begegnung mit Luisa aus seiner dunklen Routine gerissen.

Nach einem aus der Not geborenen Abendessen bei einem der Vollzugsbeamten und dessen Frau, die von ihrem außergewöhnlichen Leben auf der Gefängnisinsel erzählen, bereiten sich die beiden auf eine improvisierte Nacht an diesem stürmischen Ort vor. Ein Abend und eine Nacht, die das Leben der beiden und ihre jeweilige Sicht darauf für immer verändern wird.

Ein Buch wie ein Kammerspiel: wenige handelnde Personen, eine abgeschlossene Situation mit düsterem, bedrohlichem Wetter und einem außergewöhnlichen Schauplatz. Es handelt sich um ein wahrlich intensives Leseerlebnis, das den Figuren und ihren Lebensschicksalen großen Raum lässt, obwohl der Roman gerade mal 252 Seiten besitzt. Ein zutiefst menschliches und philosophisches Buch, das große Fragen stellt: Wie geht man damit um, einen nahen Verwandten (z.B. Sohn oder Ehemann) zu haben, der schwere Schuld auf sich geladen hat und im Gefängnis sitzt? Kann man verstehen? Vergeben? Wie lebt man weiter? Kann man selbst wieder Frieden und Ruhe finden?

Für mich ein Roman, den ich mir auch sehr gut in einer Adaption für die Bühne vorstellen könnte. Ein packender Stoff, der zum Nachdenken anregt.

Francesca Melandri hat für mich einmal mehr bewiesen, dass sie die ganz große Gabe besitzt, zeitgeschichtliche Stoffe aus der italienischen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte in erstklassige Romane umsetzen zu können. Nach „Eva schläft“ und auch dem neuesten Werk „Alle außer mir“, hat mich auch „Über Meereshöhe“ vollständig überzeugt, gepackt und fasziniert. Ihr untrügliches Auge für menschliche Schicksale und die hervorragende Personenzeichnung in einer wunderbaren, stimmigen Sprache (hier sei auch die gelungene Übersetzung von Bruno Genzler explizit erwähnt) machen den Roman zu einem wahren Lesegenuss und Gewinn.

Melandri hat mit diesem Roman meine Neugier geweckt, mich noch mehr in die italienische Geschichte einzulesen und zugleich ein Buch geschrieben, das Herzenswärme und tiefe Menschlichkeit ausstrahlt. Leserherz, was willst Du mehr?

Buchinformation: (in meinem Fall eine ältere Ausgabe)
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Heyne
ISBN: 978-3-453-41109-8

oder neu bei Wagenbach:
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2812-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Über Meereshöhe“:

Für den Gaumen:
Auf der Insel duftet es nach den Feigen an den Bäumen. Eine reife Feige – womöglich sogar frisch vom Baum gepflückt – das hat etwas Paradiesisches und schmeckt für mich immer sofort nach Urlaub.

Zum Weiterhören:
Wenn wir im Rahmen der „Europabowle“ schon in Italien angelangt sind, was würde da besser passen als Paolo Conte’s „Via con me“? Ich würde mich freuen, wenn ihr mit mir kommt und mich auf meiner „literarischen Europareise“ weiter begleitet.

Zum Weiterklicken und Weiterlesen:
Auf ihrem Blog Tuttopaletti lässt uns Anke in stimmungsvollen und unterhaltsamen Beiträgen daran teilhaben, was es bedeutet, als gebürtige Deutsche in Italien zu leben. Ihre Seite begleitet mich stets mit Amüsantem, Nachdenklichem und Lesenswertem, lässt mich gedanklich ins schöne Italien reisen und zaubert mir so oft südliches Flair und Urlaubsstimmung in mein Wohnzimmer.

Zum Weiterlesen:
Italien hat bisher bereits sechs Literaturnobelpreisträger vorzuweisen (Giosuè Carducci, Grazia Deledda, Luigi Pirandello, Salvatore Quasimodo, Eugenio Montale und Dario Fo).
Doch ich möchte heute statt einem Werk der Nobelpreisträger trotzdem noch einmal Francesca Melandri empfehlen, denn bereits ihr erster Roman „Eva schläft“ hat mich unglaublich beeindruckt und sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Ein großartiges Buch über Südtirol und die politisch aufgeheizten Zeiten dieser teils hin- und hergerissenen Region, das einem hilft, den geschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen. Wunderbare Literatur in einer sehr schönen Sprache.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Vom Fliegen und anderen Träumen

Winterzeit ist Schmökerzeit und den historischen Roman „Pandolfo“ von Michael Römling mit seinen 540 Seiten kann man getrost als einen Schmöker bezeichnen. Ein praller, opulenter Roman, der den Leser abtauchen lässt in die Renaissance, den Übergang vom späten Mittelalter in die Neuzeit – genau genommen in das Jahr 1493, d.h. genau im Jahr nachdem Kolumbus Amerika entdeckte und die Welt und die Weltkarte sich für immer grundlegend veränderte.

Schauplatz ist das reiche, laute und lebhafte Handelszentrum Mailand, das damals vom Adelsgeschlecht der Sforzas regiert wurde. Bernardino Bellapianta ist durch Handel reich geworden und hat einen unvergleichlichen Aufstieg vom Findelkind und Adoptivsohn zum Selfmade-Millionär hingelegt. Er und sein Zwillingsbruder, der ebenfalls als Kind gemeinsam mit ihm vor einer Klosterpforte abgelegt wurde, zählen mittlerweile zu den reichsten Männern der Stadt. Selbstverständlich ruft dies auch Neider auf den Plan.

Bei einem Ausritt findet der Seidenhändler auf einem belebten Markt in einem Müllhaufen plötzlich einen schwerverletzten, jungen Mann, der offensichtlich eine schwerwiegende Kopfverletzung erlitten hat. Er bringt ihn zu sich nach Hause, nimmt sich ihm an und lässt ihn von seinen Bediensteten gesund pflegen. Der Schlag auf den Kopf und die tiefe Wunde haben zu einem vollständigen Gedächtnisverlust geführt. Er weiß weder seinen Namen, noch woher er kommt oder was geschehen ist. Schritt für Schritt tastet er sich zurück ins Leben und bemerkt zufällig, dass er ein großes Talent zum Zeichnen besitzt. Schon bald bringen ihm seine Zeichnungen nicht nur Teile seiner Erinnerungen und Vergangenheit zurück, sondern seine Fähigkeiten eröffnen ihm auch die Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt im Hause Bellapianta zu verdienen bzw. eine Gegenleistung für die Gastfreundschaft im Form von Entwürfen zu Stoffdesigns für die Seidenproduktion zu erbringen.

„Ich war wochenlang bewusstlos. Und als sich aufgewacht bin, war alles weg. Mein ganzes Leben. Ich wusste nicht einmal meinen Namen. Und die Erinnerungen kommen einfach nicht zurück.“

(S.268)

Bellapianta, der sich in dem jungen Mann ohne Vergangenheit wiedererkennt, schließt ihn immer mehr ins Herz. Unzertrennlich ist er jedoch vor allem auch mit seinem Zwillingsbruder Giancarlo, dessen Talente nicht so sehr im Handeln und Feilschen liegen wie bei Bernardino, sondern welcher vielmehr ein technisches Genie ist und Maschinen und Fluggeräte konstruiert und baut. Nahezu ein zweiter Leonardo da Vinci – der im Roman übrigens auch einen kurzen Auftritt hat. Giancarlo’s großer Traum ist das Fliegen und in die Realisierung dieses Traums steckt er viel Zeit und Energie – das Geldverdienen überlässt er primär seinem Bruder. Der Zeichner Pandolfo – wie der gefundene Verletzte mittlerweile genannt wird – ist auch ihm eine große Hilfe.

In Rückblenden erfahren wir nach und nach, wie die Bellapiantas zu ihrem Reichtum kamen, welche Beziehungen sie zur Türkei und dem türkischen Sultan unterhalten und der Leser taucht auch mehr und mehr in Pandolfos Geschichte und Vergangenheit ein. Im einfachen Färberviertel, in welchem es von kleinen Ganoven und Gaunern wimmelt, wird er nämlich plötzlich wiedererkannt und auch seine ehemalige große Liebe läuft ihm wieder über den Weg. Kann man sich ein zweites Mal in die selbe Frau verlieben? Und wer trachtete ihm nach dem Leben bzw. hat den Mordanschlag auf ihn verübt? Schon bald ist auch Bernardino Bellapiantas Status und Leben in Gefahr. Kann Pandolfo ihm helfen?

Ein buntes, vielschichtiges Kaleidoskop an Geschichte und Geschichten, Personen und Schauplätzen wird hier von Michael Römling aufgefächert. Die Lektüre erfordert Konzentration, die sich jedoch lohnt. Man erfährt einiges an historischem Hintergrund und man kann wirklich in die Atmosphäre der damaligen Zeit eintauchen: die Gerüche, die Klänge, die Stoffe, die Farben, die Feste und Mahlzeiten – das ist vom studierten Historiker Römling, der selbst lange Zeit in Italien gelebt hat, sehr gut recherchiert und beschrieben.

„Ich roch Gebratenes und Verbranntes, die Düfte der Frauen und den Gestank der Gossen. Ich hörte Kirchenglocken und das Klappen von Fensterläden. Und ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass es nach Hause ging.“

(S.56)

Wer also ein wenig Geduld, Konzentration und Interesse für Mailand, die Renaissance und Geschichte im Allgemeinen mitbringt, der wird an „Pandolfo“ seine Freude haben. Ein fundierter, erzählfreudiger und unterhaltsamer historischer Roman, der einen ins Italien des 15. Jahrhunderts entführt. Ein Leseabenteuer und ein schöner Schmöker für lange Winterabende, der mich überzeugt hat. Römling’s zweiter historischer Roman „Mercuria“, der 1570 in Rom spielt und am 15.12.2020 bei Rowohlt erschienen ist, steht daher ebenfalls schon auf meiner Wunschliste.

© Rowohlt Verlag

Buchinformation:
Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Hundert Augen
ISBN: 978-3-498-09356-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Pandolfo“:

Für den Gaumen:
Die Gelage und Festmahlzeiten der damaligen Zeit sind für den heutigen Gaumen eher gewöhnungsbedürftig:

„serviert wurden Pfauen mit aufgespannten Rädern, vergoldetes Wildbret, mit Papageienfedern drapiertes Geflügel und dutzenderlei andere Überflüssigkeiten“

(S.272)

Daher würde ich dann doch eher zu einem schönen Glas italienischem Rotwein raten, z.B. aus der lombardischen Nebbiolotraube.

Zum Weiterschauen:
Meine Heimatstadt Landshut ist bekannt für die „Landshuter Fürstenhochzeit“ – ein historisches Fest, das in der Regel alle vier Jahre gefeiert und aufgeführt wird (nur Corona hat auch diesem Zeitplan einen Strich durch die Rechnung gemacht und die für 2021 geplante Aufführung wurde bereits auf 2023 verschoben). Diese spielt das Jahr 1475 und die Hochzeit des Landshuter Herzogssohn Georg und der polnischen Königstochter Jadwiga nach und legt großen Wert auf eine möglichst detailgetreue Aufführungspraxis. Wer also selbst ein wenig Flair und Atmosphäre des späten Mittelalters erleben möchte, hat in Landshut in zweieinhalb Jahren wieder die Möglichkeit dazu.

Zum Weiterlesen:
Der ultimative Klassiker des historischen Romans – gerade wenn man an den Schauplatz Italien denkt – ist mit Sicherheit Umberto Eco’s Meisterwerk „Der Name der Rose“, das mir absolut unvergessliche Lesestunden beschert hat und mich bis heute fasziniert. Dieser spielt zwar zeitlich etwas früher als „Pandolfo“ im Jahr 1327, aber dennoch fühlte ich mich stilistisch daran erinnert.
Vor einigen Jahren durfte ich zudem im Landshuter Prantlgarten vor historischer Kulisse eine fulminante Freiluftaufführung dieses legendären Werks genießen. Nicht nur großes Kino (in der Verfilmung mit Sean Connery), sondern vor allem ganz große Literatur.

Umberto Eco, Der Name der Rose
Übersetzt von Burkhart Kroeber
Hanser
ISBN: 978-3-446-25380-3

Tizians Venus

Lea Singer ist eine Autorin, die mich bereits seit längerem begleitet und deren Bücher über Künstler – Musiker, Dichter oder Maler – mich immer begeistern und faszinieren. Auch der neueste Roman „La Fenice“ ist wieder ein literarisches Glanzlicht, das ich mit großem Interesse gelesen und als sehr bereichernd empfunden habe.

Angela del Moro – auch genannt „La Zaffetta“ oder die Tochter des Spitzels – weiß schon früh, dass sie sich nicht in das übliche Schicksal einer venezianischen Frau als Gattin, Mutter und Untergebene des Mannes fügen will. Sie will sich lösen vom Elternhaus und ihr Ziel ist es, frei und unabhängig zu sein. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, unverheiratet bleiben und als Weg dorthin wählt sie es, eine Kurtisane zu werden. Bereits mit 16 Jahren lässt sie sich von „Mentor“ Aretino ausbilden, denn auch die käufliche Liebe im Venedig des 16. Jahrhunderts ist ein hart umkämpftes Geschäft und nur gebildete, gepflegte und schöne, junge Damen verdienen gutes Geld mit der gehobenen, reichen und oft adeligen Kundschaft. Sie zählt schnell zu den Gefragtesten in ihrem Metier, allerdings begeht sie dann einen verhängnisvollen Fehler: sie lehnt einen sehr einflussreichen und mächtigen Mann ab, stößt ihn vor den Kopf und zieht seine unerbittliche Rache auf sich.

Er lässt sie auf einer abgelegenen Insel vor den Toren Venedigs brutal vergewaltigen – ein sogenannter „Trentuno“, d.h. eine Massenvergewaltigung durch 31 Männer, die sie nur knapp und schwer verletzt überlebt. Diese rohe, überbordende Gewalt und der darauf folgende Rufmord, der ihr jegliche Basis entzieht, bringen sie an den Abgrund ihrer Existenz.

„Der Phönix steigt aus seiner eigenen Asche empor. Und in unserer Sprache, sagte Aretino, ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich.“

(S.183)

Doch wie ein Phönix erarbeitet sie sich Schritt für Schritt ihre eigene Wiederauferstehung und erkämpft sich ihr Leben und ihre Würde zurück.
Mit 23 Jahren wird sie zum Modell des berühmten und erfolgreichen Malers Tizian und wird seine „Venus von Urbino“ – dem bekannten Gemälde, das heute zu den Höhepunkten in den Florenzer Uffizien zählt. Und das Leben voller Höhen und Tiefen hält noch eine wahrhaftige Liebe als Überraschung für sie bereit.

„Dem Sänger, der bei einem Begräbnis singt, dürfen nicht die Tränen kommen, ein Narr, der für seine Späße bezahlt wird, darf nie über sich selber lachen. Eine verliebte Käufliche wurde unverkäuflich.“

(S.226)

Ich schätze die sinnliche und atmosphärische Art zu Schreiben, die Lea Singer auch in „La Fenice“ wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, außerordentlich. Die Düfte, die Geschmäcker, die Geräusche Venedigs sind so lebendig geschildert, dass man sich selbst fröstelnd in der nebligen Lagunenstadt wiederzufinden scheint. Ein pralles Bild der Serenissima in der Zeit der Renaissance, das die Lektüre erleben lässt – auch in aller Brutalität und Dunkelheit, denn gerade für Frauen oder Außenseiter der Gesellschaft war diese Zeit auch geprägt von Unterdrückung, Willkür und unmenschlicher Gewalt. Singer beschreibt das düster, sehr realistisch und drastisch – da muss man schon mehr als einmal schlucken und kann erleichtert sein, als Frau im Heute leben zu dürfen.

Der Kampa Verlag hat für „La Fenice“ eine puristisch-edle und sehr elegante, schlichte Aufmachung in Leinenbindung gewählt, die sehr schön anzusehen ist und das Herz eines bibliophilen Lesers höher schlagen lässt. Auch durch diese sehr gelungene Optik und Haptik ist es eine Freude, das Buch zur Hand zu nehmen.

Singer’s Romane sind stets unterhaltsam und spannend zu lesen, aber vermitteln zugleich auch immer geschichtliche Hintergründe und fundiertes Wissen über Epochen und Lebensläufe von berühmten Künstlern. Für mich ist das eine perfekte Kombination und macht ihre Bücher so attraktiv – lesend unterhalten werden und auch gleichzeitig noch etwas Neues lernen. Leserherz, was willst Du mehr?

Ein informatives, intelligentes, inspirierendes und großartig recherchiertes Buch, das man mit großer Neugier und Wissbegier nur allzu schnell verschlingt und das zugleich emotional bewegt und berührt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Kunst, Geschichte und die italienische Renaissance interessieren.

Buchinformation:
Lea Singer, La Fenice
Kampa
ISBN: 978 3 311 10027 0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „La Fenice“:

Für den Gaumen:
Im Buch neu begegnet sind mir die Castraure, die ich bisher noch nicht selbst probieren konnte, was ich aber gedenke nachzuholen, sobald sich die Gelegenheit einmal bieten sollte. Castraure sind die jungen, ersten, lilafarbenen Knospen der Artischocken, die zurückgeschnitten werden, um den Ertrag der Pflanzen zu optimieren und wohl zart bitter schmecken. Die venezianische Gemüseinsel Sant’ Erasmo ist bekannt dafür.

Zum Weiterschauen:
Auch wenn die Uffizien derzeit pandemiebedingt geschlossen haben, lohnt sich ein Besuch der Website, um sich Tizians „Venus von Urbino“ anzusehen. Ich hatte vor einiger Zeit das große Vergnügen, das Gemälde in Florenz „live“ zu sehen und von einem hervorragenden Kunsthistoriker erklärt zu bekommen. Ein unvergessliches Erlebnis und für mich auch ein weiterer Grund, Lea Singer’s Buch sofort lesen zu wollen, als ich davon erfahren habe.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das ich allen, die gerne über Venedig, aber vor allem auch gerne etwas über Künstler, Musiker und Komponisten lesen – so wie ich – empfehlen kann, ist Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Im barocken Venedig arbeitete der „prete rosso“ an einem Waisenhaus und förderte musikalisch begabte Mädchen. Ein spannendes Kapital aus Vivaldi’s Leben und zugleich sehr gut erzählt.

Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05229-9

Nomen est omen – Malvita

Irene Diwiak, die junge österreichische Autorin (Jahrgang 1991), legt mit „Malvita“ ihren zweiten Roman vor und nimmt den Leser nicht nur mit auf eine Reise in die Toskana, sondern auch in die düstere Welt menschlicher Abgründe.

Das farbenfrohe, stimmungsvolle Umschlagbild mit den leuchtend roten Mohnblumen – dem „papavero“, der so typisch ist für die Toskana – mag so manchen Leser auf eine falsche Fährte locken, denn hinter dem Buchdeckel verbirgt sich kein „Wohlfühl-Italien-Urlaubs-Roman“, sondern ein dunkles und abgründiges Familiendrama, das fortschreitend immer mehr die Züge eines Thrillers annimmt.

Aber der Reihe nach: Worum geht es in „Malvita“?
Christina, Anfang Zwanzig, aus einfachen Verhältnissen stammend, die ihren Platz ihm Leben noch nicht gefunden hat und gerade unter Liebeskummer leidet, reist mit dem Zug in die Toskana. Die Schwester ihrer Mutter – Tante Ada – lebt dort mit ihrer Familie, welche Christina jedoch bisher noch nicht kennenlernen konnte, und hat sie kurzfristig als Fotografin für die Hochzeit ihrer Tochter Marietta engagiert. Denn die ursprünglich verpflichtete Fotografin ist verhindert. Eine Reise in die Toskana mit zusätzlichem Honorar fürs Fotografieren und eine Weile dem Liebesleid zu entfliehen, kommt der jungen Frau zunächst nicht ungelegen.

In „Malvita“ angekommen – der Ort heißt übersetzt tatsächlich „schlechtes Leben“ bzw. das italienische Wort „malavita“ bedeutet Unterwelt – staunt Christina anfangs nicht schlecht über den großen Reichtum der Familie und das hochherrschaftliche Anwesen, das einem Schloss gleicht und in dem sie sich ohne fremde Hilfe verlaufen würde. Sie fühlt sich wie ein Eindringling und Außenseiter in dieser Welt der Reichen und Schönen (die Frauen der Familie sehen aus wie Models) und schon ihre Unterbringung im Dienstbotentrakt macht ihr deutlich, dass sie mehr als Bedienstete denn als Familienmitglied angesehen und behandelt wird.

Sie erkundet Haus und Umgebung – stets kritisch beäugt und überwacht von Personal und Verwandtschaft – und lernt unter anderem auch Jordie kennen, den verzärtelten und überbehüteten Sohn der Familie. Als die beiden bei einer gemeinsamen Cabrio-Spritztour plötzlich im Bach eine Leiche finden und diese sich als die verschwundene, ursprünglich vorgesehene Fotografin Blanca entpuppt, überschlagen sich die Ereignisse. Für Christina ist es vorbei mit dem ungetrübten Urlaubsgenuss in der sonnigen Toskana. Der Aufenthalt verwandelt sich mehr und mehr in einen Alptraum und sie stößt auf menschliche Abgründe, eine verkorkste Familie und dunkle Geheimnisse, die sie sich vorher niemals hätte ausmalen können.

„Malvita“ hat mich ebenso überrascht und ein wenig überrumpelt, wie die Hauptfigur im Roman, denn auch ich hatte vor der Lektüre keine genaue Vorstellung, was mich erwartet. Eine Reise ins Ungewisse, aber vor allem auch in die wunderbare Landschaft der Toskana. Sprachlich und atmosphärisch hat mich auch dieser zweite Roman von Irene Diwiak definitiv überzeugt. Das ist flüssig-süffig zu lesen und man taucht schnell in die Geschichte ein.

Lediglich im letzten Drittel wurde mir die Handlung dann stellenweise etwas zu schräg und abgedreht und ich habe festgestellt, dass ich den drastischen und überzeichneten Plot zunehmend eher als bitterböse Satire gelesen und wahrgenommen habe. Fast als ob Diwiak das Genre der psychologischen Thriller, die sich ja einer breiten Leserschaft erfreuen, durch grotesk übertriebene Überspitzung ein wenig auf die Schippe nehmen möchte.

Stark fand ich hingegen die Bezüge zur Unterwelt und auch zur Kunst Artemisia Gentileschi’s, die sich die Hauptfigur des Romans in den Uffizien in Florenz ansieht und von welchen eine dunkle Faszination ausgeht.

„Das ist einfach so“, sagte sie, „Frauen werden vergessen, wenn sie sterben. Manchmal auch davor.“

(S.134)

„Malvita“ ist ein Roman über eine Familie am Abgrund und vor allem über starke und rachsüchtige Frauen. Verglichen mit ihrem Debütroman „Liebwies“ hat sich Diwiak zeitlich und räumlich auf völlig anderes Terrain begeben und – wie ich finde – gut daran getan. Denn so steht „Malvita“ für sich selbst und hat – bis auf den verbindenden ironischen Tonfall und die Stilistik – einen völlig eigenen Charakter bekommen.

Ich habe versucht, mit der Lektüre den Sommer noch ein klein wenig zu verlängern und gedanklich in die Toskana zu reisen, was definitiv gelungen ist. Und so bleibe ich abschließend – trotz der gegen Ende etwas unglaubwürdigen und überzogenen Handlung – insgesamt versöhnt und zufrieden zurück.

Buchinformation:
Irene Diwiak, Malvita
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05977-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Malvita“:

Für den Gaumen:
Zu diesem Buch passt natürlich ein Glas schöner, runder Rotwein aus der Toskana, z.B. ein wunderbarer „Morellino di Scansano“.

Zum Weiterhören:
Toskana – das ist Gianna Nannini, die in Siena geboren ist und das musikalische Aushängeschild der italienischen Urlaubsregion darstellt. Die markante, verrauchte Stimme und vor allem ihr Song „Meravigliosa creatura“ passen für mich mit dem etwas schwebenden und mystischen Sound wunderbar zu diesem Buch.

Zum Weiterschauen:
Artemisia Gentileschi, eine herausragende Persönlichkeit und eine der wenigen Frauen, die in der Barockzeit (17. Jahrhundert) als Malerin gearbeitet haben und heute noch bekannt sind, spielt im Buch eine Rolle. Die düsteren, teils blutrünstigen Bilder der Künstlerin fügen sich sehr stimmig in die dunkle Atmosphäre von Diwiaks Roman ein und mögen der Autorin auch als Inspiration gedient haben. Denn auch die wahre Biographie der Malerin liest sich wie ein Krimi.
Eins der berühmtesten Bilder Gentileschi’s „Judith und Holofernes“ hängt in den Uffizien in Florenz. Aktuell widmet die National Gallery of Art in London Artemisia Gentileschi bis Mitte Januar 2021 eine eigene Ausstellung: „Artemisia“. Da Reisen gerade schwierig ist, lohnt sich zumindest ein Blick auf die Website des Museums: https://www.nationalgallery.org.uk.

Zum Weiterlesen:
Hätte ich nicht bereits Diwiaks Debütroman „Liebwies“ gelesen, wäre ich vermutlich nicht auf „Malvita“ aufmerksam geworden. Auch der Erstling der jungen österreichischen Autorin war bereits bitterböse und zynisch und erzählt von einer Sängerin, die im Wien der Zwanziger Jahre Erfolge feiert ohne singen zu können.

Irene Diwiak, Liebwies
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24441-0

Margherita – Venedigs First Lady

Jana Revedin hat in ihrem Roman „Margherita“ der Großmutter ihres Mannes ein literarisches Denkmal gesetzt und den Lesern ein atmosphärisches, interessantes und anregendes Buch geschenkt. Wer Italien, Venedig, Kunst und Kultur liebt und sich für Zeitgeschichte interessiert, wird große Freude an der Lektüre haben.

Wir begegnen der jungen Margherita – einer einfachen Zeitungsverkäuferin, die jedoch eine gute Schulbildung genießen konnte – am Neujahrstag des Jahres 1920, also ziemlich genau vor 100 Jahren. Es beginnen die Zwanziger Jahre, so wie jetzt auch für uns wieder Zwanziger Jahre anbrechen. Damals ist gerade ein Weltkrieg und die schreckliche Welle der spanischen Grippe zu Ende gegangen. Margherita lebt in Treviso – einer Stadt im Veneto – mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern in einer einfachen Unterkunft, die einem Kloster angegliedert ist. Der Vater hat die Familie schon vor langer Zeit im Stich gelassen und die vier Damen haben sich mit dem von ihm hinterlassenen Zeitungsladen und den Schneiderarbeiten der Mutter eine eigene Existenz aufgebaut. Margherita, die Mittlere der Schwestern, liebt es, morgens die Zeitungen zu studieren und sich dann gepflegt und gewitzt mit ihren Kunden darüber auszutauschen. Einer dieser Kunden ist der adelige Conte Revedin – der Erbe einer trevisianischen Dynastie, dem das Schicksal Eltern und Geschwister genommen hat. Er genießt die Konversation mit Margherita, mit der er sich fundiert über Tagespolitik, Kunst und Kultur unterhalten kann und die ihm als frischer Wind aus dem Volk in der verkrusteten, konservativen Welt des italienischen Hochadels einfach „gut tut“, wie er es selbst ausdrückt.

Und plötzlich nimmt ein wahres Märchen seinen Lauf, denn der Conte hält um Margheritas Hand an und sie wird hineinkatapultiert in ein Leben voller Kunst, Kultur und Annehmlichkeiten, das sie sich kaum hätte erträumen können. In Paris wird sie während ihrer Verlobungszeit in die hohe Gesellschaft eingeführt und schon bald verkehrt sie mit all den großen Künstlern ihrer Zeit – Giacometti, Poulenc, Coco Chanel, Cole Porter und Pablo Picasso. Sie findet in Eugenia Errázuriz, Jean-Michel Frank und der eigenwilligen und unangepassten Peggy Guggenheim wahre Freunde. Ein aufregendes Leben als „First Lady“ in Venedig beginnt und sie erobert sich an der Seite ihres Mannes einen Platz in der Gesellschaft am venezianischen Lido. Sie erlebt den touristischen Aufschwung Venedigs und trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die Lagunenstadt zu einem kulturellen Mittelpunkt Europas entwickelt – als Kurort, Stadt der Biennale und der Künste und als Ort des weltberühmten Filmfestivals. Doch auch dieses Märchen verläuft nicht ohne Schicksalsschläge…

Die Lektüre der 300 Seiten verging für mich wie im Flug und auch wenn der Roman nicht besonders reich an Handlung ist, so habe ich es sehr genossen in diese Zeit, das Flair und den Zauber der „Serenissima“ Venedig einzutauchen. Man wünscht sich regelrecht, bei einem der rauschenden Feste der venezianischen Bohème dabei gewesen zu sein, welche die Autorin so sinnlich beschreibt. All die Anspielungen auf die Künstler, die verschiedenen Kunstrichtungen – von bildender Kunst über Musik und Oper bis zur Architektur – sind genau nach meinem Geschmack und auch die kulinarischen Aspekte kommen nicht zu kurz. Ich fand es spannend, mehr über die schillernde und unabhängige Persönlichkeit von Peggy Guggenheim zu erfahren – auch wenn sie nicht im Zentrum des Buches steht – und ich bin mit einem Füllhorn an Ideen und Inspiration aus der Lektüre herausgegangen, was man noch alles nachlesen, nachhören und weiterrecherchieren könnte. Also ein Buch wie für mich geschrieben, da man viel über Zeitgeschichte und auch die Stadtgeschichte Venedigs erfährt. Lesegenuss, etwas Neues erfahren und Inspiration, was will man mehr?

Explizit erwähnen möchte ich auch noch die wunderschöne Aufmachung des Buches. Der Aufbau Verlag hat hier eine herrliche Ausgabe mit Lesebändchen und einem sehr edel gestalteten Umschlag geschaffen, die man gerne zur Hand nimmt und die zu einem Schmuckstück im Bücherregal wird, welches jedem bibliophilen Leser Freude bereitet.

Der Roman gibt Einblicke in das „Who is who“ des italienischen Hochadels und die Welt der Großindustriellen und wird vor allem kunstsinnigen und zeitgeschichtlich interessierten Lesern gefallen, die sich für geschichtliche Hintergründe und verschiedene Kunstrichtungen interessieren. Wer jedoch nur auf der Suche nach einem einfachen, klassischen Liebesroman unter italienischer Sonne ist, der sollte lieber die Finger davon lassen. Für mich war diese Reise ins schöne Venedig jedoch eine wunderbare, erfrischende Urlaubslektüre, die mich abtauchen ließ ins Gewirr der Gassen und Kanäle und mich zumindest gedanklich einen Tag ans Meer, auf den Markusplatz und an den Strand am Lido entführt hat. Achtung: Fernweh inbegriffen.

Buchinformation:
Jana Revedin, Margherita
Aufbau
ISBN 978-3-351-03830-4

***

Welche weiteren sinnlichen Genüsse passen zu „Margherita“:

Für den Gaumen:
Ein Espresso und ein „Veneziano“ (die italienische Variante des „Spritz“) – und falls man danach hungrig sein sollte, ein Teller mit herrlicher italienischer Pasta… denn Pasta macht glücklich.

Für Augen und Ohren – oder für den nächsten Opernbesuch:
Der Roman beginnt mit der Arie „Vissi d’arte“ aus Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ – eine der größten, italienischen Opern aller Zeiten. Ein Meisterwerk, das man immer wieder sehen und hören kann, das häufig auf den Spielplänen steht und hoffentlich auch nach der Corona-Pause wieder in den Opernhäusern zu erleben sein wird.

Für weiteren literarischen Genuss:
Wer jetzt Lust auf „mehr Italien“, „mehr Meer“ und „mehr Liebesgeschichte“ bekommen hat, dem lege ich folgenden wunderschönen und stimmungsvollen Roman ans Herzen – ein wahres Fest für die Sinne und wunderbar zu lesen:

Hanns-Josef Ortheil, Die große Liebe
btb
ISBN: 978-3-442-73964-6