Italienische Sommerglücksgefühle

Vorfreude auf den Sommer und eine große, nie zu stillende Italiensehnsucht – kaum eine Lektüre kann diese beiden Gefühle wohl so intensiv befeuern wie Axel Hacke’s wunderbares neues Buch „Ein Haus für viele Sommer“. Ein lichtdurchflutetes, freundliches und beseelendes Buch, das einen am liebsten sofort die Koffer packen und nach Italien aufbrechen lassen möchte.

Axel Hacke fährt seit über dreißig Jahren mit seiner Familie meist mehrmals im Jahr auf die Insel Elba in ein Ferienhaus, das er liebevoll den „Torre“ nennt und das sich im Familienbesitz befindet. Statt weite Fernreisen zu unternehmen und die entlegensten Winkel der Welt zu entdecken, zieht es ihn jeden Sommer immer wieder dorthin – an den immer gleichen Ort „in das immer gleiche Dorf und das immer gleiche Haus“ (S.33). Warum?

„Nirgendwo anders habe ich so ein deutliches Gefühl für das Verstreichen der Zeit gehabt wie hier im Dorf oder oben auf dem Ripidello, dem Hügel einige Kilometer außerhalb des Dorfes, wo du auf einer uralten Mauer sitzen kannst und zusiehst, wie ein Wind die Olivenblätter leise bewegt und wie die Zeit zusammen mit dem Wind durch die Bäume streicht und dabei langsam verstreicht.“

(S.8/9)

In zahlreichen Kapiteln, Geschichten und Anekdoten erzählt Hacke, was die Magie für ihre ausmacht: die Landschaft, das Meer, das Essen, das Wetter, die Ruhe … aber vor allem und am allermeisten die Menschen.
Sie sind das Herzstück seiner Episoden: und so dürfen wir seine italienischen Freunde, ob Barbesitzer, Handwerker, Automechaniker, Rettungsschwimmer, Maler, Dichter, Lebenskünstler und Philosophen kennenlernen.
Aber wir treffen auch auf Dante’s Ziegen, die einen unersättlichen Appetit haben, auf wasserdurchlässiges Mauerwerk im Torre, das schwer abzudichten ist, erfahren einiges über die Mysterien bzw. die höhere Wissenschaft der italienischen Müllentsorgung und einen alten Cinquecento, der sich als wahre Diva entpuppt.

Zudem hat wohl noch kaum jemand die Magie der Olivenernte und das Pressen des Öls mit solcher Begeisterung und Faszination beschrieben, wie Axel Hacke das in diesem Buch getan hat. Der Stolz auf das erste Öl aus Oliven – von den eigenen Bäumen und von Hand geerntet – sprüht aus jeder Zeile und leuchtet einem entgegen wie das „grüngelbgoldene“ Lebenselixier aus den sorgfältig abgefüllten Flaschen, die als wertvoller Schatz mit nach Deutschland gebracht werden.

Es ist ein Buch über ein Lebensgefühl und über eine lebenslange Liebe, aber zwischen den Zeilen auch über Werte, Haltung und darüber was wirklich wichtig ist im Leben. Themen, die den Autor auch schon in anderen Werken wie „Wozu wir da sind“ oder gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo in „Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist“ beschäftigt haben.

Axel Hacke ist ein grandioser Geschichtenerzähler, der mit unverwechselbarem Charme, warmherzigem Humor und einer ganz großen Liebe zu den Menschen und zum Leben, Momente und Anekdoten zu Papier bringt, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Er verbindet tiefgründige, philosophische Gedanken mit einem selbstironischen, pointierten und intelligenten Witz, der große Freude macht und zum Schmunzeln, Lächeln und Lachen bringt.

Die Lektüre ist gleichsam eine Liebe auf den ersten Blick. Die ersten Sätze, die ersten Absätze, die ersten Seiten – und schon ist man der Erzählkunst Hacke’s und dem italienischen Zauber verfallen. Man möchte sich sofort ins Auto setzen, genau wie er in dieses Dorf auf dieser Insel fahren und die Menschen kennenlernen. Mit ihnen in der Bar sitzen, einen Espresso oder ein Glas Wein trinken, sich die Sonne auf die Nase scheinen lassen und das Leben genießen.

„Heute ist ein Tag, an dem ich nichts tun will. Gar nichts. Ich stelle mir einen Stuhl vor den Torre, direkt neben den Eingang, wo es heute früh noch schattig ist. Und tue nichts.“

(S.145)

Und frei nach Albert Camus denke ich: Wir können uns Axel Hacke als glücklichen Menschen vorstellen. Mögen ihm daher also noch viele Sommer auf Elba in seinem Refugium beschieden sein und er uns weiterhin mit solch wunderbaren Büchern beglücken.

„Wir sitzen da und haben uns ausgelegt und lassen das Leben anbeißen.“

(S.153)

Wer sich nach Italien träumen möchte, eine Prise Glück im Leben gebrauchen kann und sich selbst etwas Gutes tun möchte, der sollte genau dieses Buch zur Hand nehmen, es lesen, genießen und die Zeit verstreichen lassen. Ein Buch das Licht, Helligkeit und Leichtigkeit schenkt, die italophile Seele zum Singen und Tanzen bringt und das man mehrfach und immer wieder lesen kann. Die wunderbare, hochwertige Aufmachung in strahlend azurblauem Leinen tut ein Übriges und bringt die Augen bibliophiler Menschen zum Leuchten.

Für mich sicherlich eines der absoluten Leseglanzlichter in diesem schicksalsschweren Jahr 2022, das mich wirklich restlos begeistert und glücklich gemacht hat.

Auch Elke Heidenreich hat das Buch von ganzem Herzen empfohlen, wie man in diesem knapp 5-minütigen WDR-Podcast nachhören kann.

Buchinformation:
Axel Hacke, Ein Haus für viele Sommer
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-483-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Axel Hacke’s „Ein Haus für viele Sommer“:

Für den Gaumen:
Was wären die Urlaube in Italien ohne kulinarische Köstlichkeiten? So schlägt ein italienischer Freund des Autors als Abendessen zum Beispiel „Spaghetti alla bottarga“ vor – Pasta mit Meeräschenrogen – ein Gericht, das ich persönlich noch nicht probiert habe. Oder doch lieber einen Branzino (Wolfsbarsch) vom Grill?

Zum Weiterhören (I):
Seit ich blogge und mir bewusst die musikalischen Querbezüge und Inspirationen meiner Lektüren notiere, bemerke ich, wie häufig in Italien-Büchern der Sänger Fabrizio De André auftaucht. Erst vor kurzem bei Gesuino Némus’ Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“ war er mir wieder untergekommen und jetzt also auch bei Axel Hacke: Er erwähnt und zitiert ein berühmtes Stück von ihm namens „Le nuvole“ – die Wolken.

Zum Weiterhören (II):
Wer gerne aus dem Munde des Autors selbst mehr über seine Beziehung zum Sommerhaus auf Elba, zu Italien und darüber hinaus erfahren möchte, was für Axel Hacke ein gelungenes Wochenende ausmacht, dem kann ich die Folge des ZEIT-Podcast „Was machst du am Wochenende“ sehr empfehlen, bei der er zu Gast war – eine kurzweilige, gutgelaunte Stunde gepflegte Unterhaltung, die auch Lust auf dieses Buch macht.

Zum Weiterlesen:
Axel Hacke gibt auch Anregungen auf weiterführende italienische Lektüre, so ist er ein bekennender Fan der Montalbano-Krimis des großen Andrea Camilleri, nimmt Bezug auf Giovannino Guareschi und seine berühmten Geschichten um „Don Camillo und Peppone“ und er weckte meine Neugier auf einen weiteren Roman, der sich mit dem Schicksal eines sardischen Jungen beschäftigt: Gavino Ledda’s Roman „Padre Padrone“.

„Und ich, der ich solche Armut nur aus Büchern kenne, erzähle, dass ich gerade Padre Padrone von Gavino Ledda gelesen habe. Auch die Verfilmung durch die Gebrüder Taviani habe ich gesehen. Die Geschichte eines Jungen, der kaum dass er ein paar Tage in der Schule gewesen ist – vom Vater dort abgeholt wird, weil der ihn als Ziegenhirte braucht, und weil der Alte das, was der Junge in dieser Schule lernt, als nutzloses Zeug verachtet.“

(S.263)

Gavino Ledda, Padre Padrone
Aus dem Italienischen von Heinz Riedt
dtv
ISBN: 978-3-423-13121-6

Aprilbowle 2022 – Eustasiusschnee und Feuerzauber

Der April begrüßte uns tatsächlich noch einmal mit Schnee – am 2. April – dem Namenstag des heiligen Eustasius, der lange Zeit als Gründer des bayerischen Kloster Weltenburg angesehen wurde, was mittlerweile jedoch als widerlegt gilt – hatten wir tatsächlich noch einmal eine weiße Winterlandschaft.
Im Laufe des Monats konnten wir dann jedoch den Frühling begrüßen: Osterglocken, Tulpen und Vergissmeinnicht lachen fröhlich aus den Gärten und in den Parks… und heben die Laune in nach wie vor düsteren Zeiten.

Einen fantastischen Feuerzauber durfte ich endlich – mit zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung – im Landestheater Niederbayern erleben, denn die Ring-Produktion konnte mit „Die Walküre“ fortgesetzt werden. Eine extrem kurzweilige und sehr unterhaltsame Inszenierung, Musik zum Schwelgen und ein spielfreudiges, gut aufgelegtes Ensemble machten den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Und auch vom Landshuter Schauspielensemble gab es die Premiere einer großartigen Produktion zu feiern mit einem Schauspiel von Thomas Jonigk nach Stefan Zweig’s Roman „Ungeduld des Herzens“, das als Studiostück in der intimen Atmosphäre des Landshuter Salzstadls besonders intensiv zur Geltung kam.

Neu für mich entdeckt habe ich diesen Monat den ZEIT Wochenend-Podcast „Und was machst du am Wochenende?“ und ich habe zwei Folgen gehört, die mir gut gefallen haben: und zwar die mit Axel Hacke, dessen Buch „Ein Haus für viele Sommer“ ich diesen Monat gelesen habe und das ich geliebt habe (mehr dazu später im Text und hier auf der Bowle) und die mit Ulrich Wickert, den ich sowohl als Journalist, aber auch als Krimiautor schätze (da er gerade einen weiteren Krimi fertiggestellt hat, darf ich mich hier wohl auch bald auf Neues aus seiner Feder freuen).

Der Lesemonat April war so vielfältig wie das Wetter draußen vor dem Fenster:
Von Lyrik, über Krimis und Reiseliteratur bis hin zu außergewöhnlichen und feinen Romanen war alles dabei und auch die Schauplätze haben mich erneut weit herumkommen lassen: ein Wallfahrtsort am Niederrhein, die Gaspésie-Halbinsel in Kanada, Helsinki, Hamburg, Sardinien, Montagnola im Tessin, die Insel Elba, französische Klöster, München und New York – all das in einem Monat, das kann nur Literatur. Wer gerne einmal sehen möchte, wohin mich meine bisherigen Kulturbowle-Lektüren schon geführt haben, kann jederzeit mal hier nach sehen: „Die Welt erlesen“.

Wundervolle und geradezu meditative Momente bescherte mir gleich zum Monatsbeginn der feine Lyrikband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ von Christine Langer: Ästhetische und sinnliche Gedichte, die erden und zur Ruhe kommen lassen – für mich die ideale Poesie für die Zeit zwischen Tag und Nacht.

Bernadette Schoog’s Roman „Marie kommt heim“ beschreibt die Rückkehr einer Frau in einen niederrheinischen Wallfahrtsort, dem sie vor vielen Jahren aufgrund der Enge den Rücken gekehrt hatte, um dort die Mutter beim Sterben zu begleiten, zu der sie nicht immer das beste Verhältnis hatte: eine Reise in die Vergangenheit und zu den familiären Wurzeln, die so manche, unerwartete Überraschung und Erkenntnis bereithält. Intelligent, fein beobachtet und sehr schön zu lesen.

Ging es in Schoog’s Buch um Mütter und Töchter, so könnte man durchaus eine Parallele zu Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“ sehen, das unter anderem auch eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Aber als Kriminalroman, der auf der kanadischen Gaspésie-Halbinsel spielt und als zweiter Fall von Sergeant Morales erneut vor allem von der intensiven, maritimen Atmosphäre lebt, hatte diese Lektüre doch letztlich einen völlig anderen Charakter.

Absolut außergewöhnlich und in jeder Hinsicht sehr besonders war der Roman „Der Schildkrötenpanzer“ des finnischen Autors Mooses Mentula. Eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit, in der die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen und so mancher totgeglaubte Erfolgsautor wieder zu neuem Leben erwacht. Ein schräg-skurriles literarisches Roadmovie aus Finnland!

Auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schickte mich dann auch Hartmut Höhne’s Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“, welcher die Sülzenunruhen in Hamburg 1919 als historischen Rahmen gewählt hat. Ein lehrreicher, für mich informativer und auch unterhaltsamer historischer Krimi, der ein spannendes Kapitel der Hamburger Stadtgeschichte wieder zum Leben erweckt.

Weiterhin in Krimilaune – doch in wärmeren, südlicheren Gefilden – durfte ich dann mit den nächsten beiden Büchern schwelgen:
Der mit großer Spannung erwartete zweite Fall von Gesuino Némus’ Sardinien-Krimireihe „Süße Versuchung“ schenkte mir sonnige und kurzweilige Lesestunden im kleinen Örtchen Telévras, das ich schon aus „Die Theologie des Wildschweins“ kannte. Durch den Zeitsprung in die Gegenwart – der erste Teil spielte im Sommer 1969 – und die neuen Figuren hat dieser Band einen anderen Charakter als der erste Teil und ist doch auf seine Art ebenfalls wieder etwas Besonderes – ein extravagantes, charmantes, sardisches Krimivergnügen!

Eine neue Ermittlerin und den Auftakt zu einer neuen Regio-Krimireihe im schönen Tessin durfte ich mit Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“ kennenlernen. Sympathische, intellektuelle Figuren, eine urige, sonnige und authentische Urlaubsatmosphäre in dem Tessiner Ort, der lange Hermann Hesse’s Wahlheimat war, literarische und kulinarische Anspielungen – für mich ein ideales Sommerbuch für einen Abend auf Balkon oder Terrasse – auch wenn ich ihn temperatur- und witterungsbedingt noch auf der Couch gelesen habe.

Die Italiensehnsucht und das Fernweh hat mich dann endgültig gepackt, als ich das wunderbare neue Buch von Axel Hacke „Ein Haus für viele Sommer“ gelesen habe, in dem er sein Ferienhaus auf der Insel Elba, aber vor allem auch seine Begegnungen mit den Menschen dort, beschreibt. Ein zauberhaftes, lichtdurchflutetes, fröhliches Buch, das glücklich macht und mit Sicherheit einer meiner Lesehöhepunkte in diesem Jahr sein wird. (Eine ausführliche Rezension wird folgen.)

Wer nach etwas Ruhe in unruhigen Zeiten sucht, kann sich – wie ich es diesen Monat getan habe – in die Obhut der Reiseliteratur von Patrick Leigh Fermor begeben: in seinem schmalen Band „Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern“, beschrieb er 1957 seine Erfahrungen, die er bei mehreren Aufenthalten als Gast in (vorwiegend) französischen Klöstern (u.a. einem Trappistenkloster) gemacht hat. Sprachlich sehr schön und besinnlich, so dass man auch als LeserIn die Welt um sich für die Zeit der Lektüre eine Weile vergessen kann.

Die letzten zwei Bücher des Monats standen ganz im Zeichen zweier besonderer Frauenfiguren:
Katharina Adler’s Roman „Iglhaut“, der im Mittelpunkt eine stachlige, eigenwillige Frau hat, die in einem Münchner Hinterhof eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt und dort neben ihren eigenen Problemen auch die Sorgen, Nöte und unterschiedlichsten Lebensumstände der anderen Mieter des Hauses hautnah mitbekommt. Ein buntes Kaleidoskop an Erzählsträngen und Figuren, ein facettenreiches Spiegelbild unserer Gesellschaft mit einem ganz eigenen, besonderen Charme.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich und besonders ist auch Tante Mame, der Star in Patrick Dennis’ Roman „Darling – Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955, der jetzt durch eine Neuauflage ein Revival für deutschsprachige Leser erfahren könnte. Ein lustiger, humorvoller Roman über eine gewitzte Lebenskünstlerin und Lebedame aus New York, die ihren Neffen und Ziehsohn mehr als einmal in die Bredouille bringt. Ich werde Euch diese spannende Dame bald näher vorstellen.

Was bringt der Mai?
Dieser Monat steht bei mir im Zeichen von kulturellen Nachholterminen und ich hoffe sehr, dass jetzt alles klappt:
Ein Stück im „Kleinen Theater“ bzw. den Landshuter Kammerspielen – „Die Geierwally“ als Ein-Personen-Stück mit Barbara Kratz unter der Regie von Diana Anders.
Nach zweimaliger Verschiebung finden nun hoffentlich endlich auch die ursprünglich für 2020 geplanten 20. Landshuter Hofmusiktage – ein europäisches Festival alter Musik – statt, das dieses Mal unter dem Motto „Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen“ steht.
Am Landestheater Niederbayern hoffe ich im zweiten Anlauf auf die heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“, die wegen Erkrankungen im Ensemble vom März auf Mai verlegt werden musste.

Und auch einen Film habe ich mir wieder notiert: Am Sonntag, den 22. Mai 2022 zeigt ARTE um 20.15 Uhr „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ – ein Thriller nach wahren Begebenheiten und mit einer Dokumentation im Anschluss.

Das heißt der Mai hat kulturell einiges zu bieten und vielleicht kann auch die „Draußen-Lese-Saison“ endlich eröffnet werden. Denn lektüretechnisch freue ich mich jetzt verstärkt auf sommerliche Literatur und habe schon viel Schönes zum Schmökern bereitgelegt.

Ich wünsche allen einen kulturell und literarisch abwechslungsreichen, wunderbaren, gesunden, freundlichen und friedlichen Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight April:
Es ist Bärlauch-Zeit! Eine schöne Zubereitungsmöglichkeit sind Bärlauch-Käsespätzle – die bringen Farbe auf den Teller und schmecken wunderbar. Einfach bei der Zubereitung des Spätzleteigs den Bärlauch hinzufügen und pürieren.

Musikalisches im April:
Es gibt ein wunderbares Musikstück des Herbert Pixner Projekts, das mich auch zur Überschrift meiner Aprilbowle (bzw. dem Eustasiusschnee) inspiriert hat und zwar „Antoni Schnee“ – stimmungsvoll zauberhafte Musik aus den Alpen und nur eines der vielen großartigen Stücke dieser Formation.

Leise zieht durch mein Gemüt

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied.
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

(Heinrich Heine)

Zu weit weg vom Meer

Dank Gesuino Némus’ zweitem Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“, der nun auf deutsch erschienen ist, konnte ich wieder in das Dörfchen Telévras zurückkehren, das ich im letzten Jahr in „Die Theologie des Wildschweins“ schon ins Herz geschlossen hatte. Der zweite Fall wartet mit einem Zeitsprung auf, denn wir befinden uns nicht mehr im Sommer 1969, sondern in der Gegenwart.

Und auch die Hauptakteure sind jetzt andere:
In der Bar hat ein Generationenwechsel stattgefunden und so steht jetzt Barista Samuele Baccanti – Tore’s Sohn – hinter dem Tresen und bewirtet seine meist ausschließlich einheimischen Gäste.

Womit wir beim Problem wären: Wie kann es gelingen, dass Telévras mehr Touristen anzieht? Dieses sardische Dörfchen, das einfach „zu weit weg vom Meer“, etwas abgeschieden in den Bergen liegt und doch so dringend auf das Geld der Urlauber angewiesen wäre. Der vielleicht kleinste Heimatverein Italiens soll sich darum kümmern, Ideen zu entwickeln. Doch als dieser plötzlich ohne Vorstand völlig führungslos zu sein scheint, gleichsam ein Machtvakuum im Dorf entsteht und dann auch noch zwei rätselhafte Todesfälle im Ort für Aufsehen sorgen, bekommt Telévras plötzlich mehr mediale Aufmerksamkeit und Publicity als man sich hätte erträumen können.

Die Dorfbewohner und Charaktere sind weiterhin kauzig, kantig und eigenwillig. So stehen dieses Mal unter anderem ein Renn-Jockey im Ruhestand mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, ein Dorfdichter und ein suspendierter Polizist im Zentrum des Geschehens.

„Ach, Lyrik kann lustig sein?“, erkundigte sich Marzio leidenschaftslos.
„Alles kann lustig sein, es kommt nur auf den Standpunkt an.“

(S.115)

Und was um Himmels willen hat das alles mit Elvis, Kurt Cobain oder Prince zu tun? Das wird nicht verraten, lasst Euch überraschen, denn Gesuino Némus, der im richtigen Leben Matteo Loci heißt und auf Sardinien geboren ist – sorgt dieses Mal für einige aberwitzige Wendungen und Wirrungen.

Ich mag die Erzählmelodie von Némus und den Humor, der so trocken ist, wie die sardische Erde nach acht Monaten ohne Regen und so schwarz wie der Espresso aus Samuele’s Kaffeemaschine in der Dorfbar.

„Der Tod ist die Art und Weise, mit der das Leben dir deine Entlassung erklärt. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem diese Worte stammen, aber es muss ein kluger Kopf gewesen sein, (…)“

(S.118)

Der sardische Lokalkolorit kommt natürlich auch nicht zu kurz – so bewegt man sich zwischen Nuraghe – den prähistorischen Turmbauten auf der Insel – Kloster und Dorfbar, speist „Fritto Misto“ und trinkt ein Gläschen rubinroten Cannonau.
Und während der Schirokko bläst, zwielichtige Investoren ihr Unwesen treiben und der Heimatverein sich Gedanken über den Inhalt des nächsten Werbeflyers macht, gibt es für den Dorfdichter viel zu erzählen…

„Er hielt sich gut an dem Geländer fest und ging zu dem kleinen Platz, und kurz vor seinem Haus blieb er verzaubert stehen – die Sonne schien auf das Meer, vor ihm lag das verschneite Tal und am Horizont tiefblaues Wasser. Bei dem Anblick beruhigte er sich. Die Natur half ihm, wie so oft.“

(S.259/260)

Allzu gerne würde man sich selbst vor die Dorfbar in die Sonne setzen, eine schöne Tasse Espresso und ein Cornetto genießen und den schrulligen Bewohnern und ihrem wilden Treiben in Telévras zusehen.

Auch wenn die Lektüre etwas Konzentration erfordert und man sich nicht verwirren lassen darf: Dieser Krimi ist bittersüß, humorvoll, schräg und witzig und auf seine ureigene Art wieder etwas Besonderes. Allen Leserinnen und Leser, die also gerne mal die ausgetretenen Regionalkrimi-Pfade verlassen wollen und sich auf ein etwas spezielleres, sardisches Krimierlebnis einlassen möchten, kann ich nur empfehlen, sich von Némus nach Telévras entführen zu lassen – auch wenn es für Pauschaltouristen vielleicht „zu weit weg vom Meer“ liegt. Für sonnenhungrige, italienaffine Lesetouristen lohnt es sich auf jeden Fall.

Auf Italienisch sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen und daher hoffe ich sehr, dass ich mich auch auf weitere Sardinien-Krimis von Gesuino Némus und Geschichten aus dem Örtchen Telévras in deutscher Übersetzung freuen darf. Denn von Büchern, die sich wie ein kleiner Kurzurlaub anfühlen und entspannte, sonnige Laune verbreiten, kann man bzw. ich nie genug bekommen.

Ein leuchtendes fröhliches Umschlagbild, eine launige Lektüre und eine wahrhaft „Süße Versuchung“, der ich gerne und mit großem Genuss erlegen bin.
Schließlich wusste schon Oscar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Süße Versuchung
Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal
Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-132-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gesuino Némus’ „Süße Versuchung“:

Für den Gaumen:
Auch dieses Mal enthält das Buch nach dem „fil e ferru“ vom letzten Mal wieder eine hochprozentige kulinarische Empfehlung:

„Sie waren zum Du übergegangen, und der Dichter feierte dieses Ereignis, indem er s’axina asutt’e spiritu servierte, in Schnaps eingelegte weiße Weinbeeren.“

(S.117)

Zum Weiterhören (I):
Schon durch den ersten Fall von Gesuino Némus wurde ich auf den italienischen Sänger Fabrizio de André (1940 – 1999) aufmerksam. Dieses Mal wird explizit das posthum erschienene Album (Compilation) aus dem Jahr 2005 erwähnt: „In direzione ostinate e contraria“. Für eine Extraportion Italiengefühl einfach mal reinhören!

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Samuele Baccanti, der Barbesitzer ist großer Opernfan und so sind seine Gäste gezwungen, die Saisoneröffnung der Mailänder Scala mit ihm im Fernsehen zu verfolgen, die in der Bar läuft: Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ und die Arie „Un bel dì vedremo“ wird bald lautstark mitgesungen.
Eine herrliche Szene nach meinem Geschmack – mir würde Samuele da zweifelsohne eine große Freude machen.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Der erste Band der Reihe war letztes Jahr eines meiner Lesehighlights (hier geht’s zu meiner Rezension). Der Fall, der im Sommer 1969 spielt, hat mich begeistert und wer noch mehr Lust auf Sardinien, Sonne und einen etwas ungewöhnlichen Krimi hat, dem kann ich „Die Theologie des Wildschweins“ wärmstens empfehlen:

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

Kaffeeduft in Triest

Man nehme eine ordentliche Prise Kaffeeduft, einen gehäuften Löffel voll k.u.k.-Flair, zwei starke Frauen und einen charismatischen Mann dazwischen, Großmarktstimmung und die Hafenluft der großen weiten Welt, ein paar zwielichtige Gauner und eskalierende Bandenkonflikte und fertig ist die unwiderstehliche Mischung von Günter Neuwirth’s neuestem historischen Kriminalroman „Caffè in Triest“. Der zweite Teil seiner Reihe um Inspector Bruno Zabini entführt die Leserschaft erneut ins Triest des Jahres 1907 – in die Stadt der Winde und dieses Mal auch in die Stadt der glanzvollen Kaffeehäuser und der geschäftigen Markthallen am Hafen, wo der Kaffeehandel floriert.

„Das Leben ist ein Mummenschanz.“

(S.31)

Inspector Bruno Zabini führt ein unkonventionelles Liebesleben – der weltmännische Gentleman genießt gleichzeitig die unverbindlichen Affären mit zwei verheirateten Frauen. Beide sind schön, stark und intelligent – das Geheime und Verbotene der Beziehungen hat für ihn einen besonderen Reiz und dennoch birgt dieses Konstrukt auch eine nicht unerhebliche Komplexität, große Gefahr und das ständige Risiko, aufzufliegen.

„Mit Verlaub gesagt, geschätzter Bruno, aber ich hege seit geraumer Zeit die Befürchtung, dass die Konstruktion deines Liebeslebens in ihren Tragwerken fragil ist. Die derzeitige Erschütterung ist so gesehen nicht verwunderlich.“

(S.161)

Als er dann auch noch in einem Mordfall ermitteln muss und sich abzeichnet, dass ein Bandenkrieg im Triestiner Handelsmilieu auszubrechen droht, hat Zabini plötzlich alle Hände voll zu tun, sein Berufs- und sein Privatleben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Er ermittelt zwischen den pulsierenden Lagerhäusern voll wertvoller Güter, dem Hafen als großem Drehkreuz der damaligen Handelsmetropole an der Adria, den stil- und prunkvollen Kaffeehäusern in bester k.u.k.-Tradition und merkt schnell, dass hier unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen und wenn dann auch noch die Liebe zu einer schönen Frau ins Spiel kommt, wird es brandgefährlich…

„So manche Wiener waren der festen Überzeugung, dass die mitteleuropäische Kaffeehauskultur in der österreichischen Hauptstadt ihren Höhepunkt erreicht hatte, während es so manchen Triestinern völlig klar war, dass die Kaffeehäuser Triests den höchsten kulturellen Rang innehatten.“

(S.211)

Neuwirth nimmt sich Zeit für die Entwicklung seines Plots und den Spannungsbogen seiner Kriminalhandlung und vor allem investiert er in die plastische Charakterzeichnung seiner Figuren – Menschen aus Fleisch und Blut mit Herz und Charme, so dass man ihnen gerne durch die gut 430 Seiten folgt. Die delikate Dreiecksbeziehung zwischen Bruno, Luise und Fedora ist ungewöhnlich und gibt zusätzlich zum obligatorischen Kriminalfall, der sich entspinnt, auch im privaten Bereich eine gewisse Würze.

Mir gefällt, dass Neuwirth hier gerade die Frauen als starke, intelligente Persönlichkeiten darstellt und ihnen somit eine besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenkt, so dass sie keinesfalls nur schmückendes Beiwerk oder Randfiguren sind, sondern auf Augenhöhe mit Zabini agieren.

Zudem schätze ich die Recherche zur Historie und die informativen Schilderungen der zeitlichen Hintergründe des Autors. Man erfährt einiges über die politische Situation und die unterschiedlichen Strömungen der damaligen Zeit, über die Stimmung in der Stadt und in der Region und in diesem Band auch viel über die Seefahrt und die blühenden Handelsgeschäfte – nicht nur mit Kaffee.

So hat man die Seeluft und den Kaffeeduft beim Lesen stets in der Nase und sieht die Schiffe, das geschäftige Treiben der Händler und Marktleute und die Säcke voll wertvollem Kaffee sofort vor dem geistigen Auge.

„Der Konjunktiv ist das Schmieröl der Literatur, im wahren Leben bedeutet er immer verpasste Gelegenheiten.“

(S.194/195)

Nicht verpassen sollte man die Gelegenheit, sich mit einer schönen, duftenden Tasse Kaffee und diesem Buch an ein ruhiges Plätzchen zurückzuziehen, eine atmosphärische literarische Auszeit zu genießen und abzutauchen ins quirlige, lebendige und sinnliche Triest der Donaumonarchie des Jahres 1907.
Ich bin schon nach wenigen Seiten – wie auch beim ersten Band – wieder diesem Zauber der k.u.k-Zeit erlegen und habe mich auf intelligente und charmante Art und Weise sehr gut unterhalten gefühlt.

Für Freunde und Liebhaber gut gemachter historischer Kriminalromane mit sympathischen Hauptfiguren, österreichischem Charme und ohne Hang zu unnötiger Blutrünstigkeit, kann ich „Caffè in Triest“ unbedingt empfehlen.
Und wer statt den allgegenwärtigen, oft immer düsterer und wirrer werdenden, psychologisch obskuren Fernsehkrimis mal Lust auf etwas freundlichere, liebenswürdigere und amüsante Krimiabwechslung hat, dem kann ich nur ans Herz legen: greift stattdessen öfter mal zum Buch – vielleicht ja auch genau zu diesem.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Caffè in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0111-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caffè in Triest“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat Triest viel zu bieten, in diesem Band wird zum Beispiel „auf dem Rost gegarte und mit Salbei gewürzte Goldbrasse“ (S.36) serviert. Aber auch für die süße Fraktion ist gesorgt, denn es gibt „Gubana, Strucchi und Gugelhupf“ (S. 86).

Gubana ist übrigens eine typische Süßspeise aus dem Friaul: „Hefeteig wird mit einer Füllung aus Nüssen, Rosinen, Pinienkernen, Zucker und geriebener Zitronenschale zu einer ungefähr 20 cm breiten Schnecke gedreht und gebacken.“ (Quelle: Wikipedia). Gleiches gilt für die Strucchi: „kleine, süße Teigtaschen, die mit einer Nuss-Pflaumen Mischung gefüllt werden“ (Quelle: Wikipedia).

Zum Weiterhören:
Beim hohen Staatsbesuch im Roman darf musikalisch der Radetzkymarsch nicht fehlen, dieses Stück von Johann Strauss (Vater) aus dem Jahr 1848, das auch alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unverzichtbar ist.

Zum Weiterlesen (I):
Ich habe mir vorgenommen, mich nochmal näher mit der Stadt Triest zu befassen. Ich mochte schon die Commissario Laurenti-Reihe von Veit Heinichen sehr und habe gesehen, dass der Autor auch gemeinsam mit der Köchin Ami Scabar einen Reiseführer mit kulinarischen Aspekten geschrieben hat. Das könnte genau nach meinem Geschmack sein.

Veit Heinichen & Ami Scabar, Triest – Stadt der Winde
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35898-5

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich auf jeden Fall vor diesem Band, der sich allerdings auch sehr gut und ohne Verständnisprobleme unabhängig lesen lässt, den ersten Band von Günter Neuwirth’s Reihe um Bruno Zabini zu lesen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich auf der Kulturbowle den Auftakt der Reihe „Dampfer ab Triest“ vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension). Zu Beginn ermittelt Zabini auf einem Kreuzfahrtdampfer der österreichischen Lloyd: ein spannender, vielschichtiger Roman mit viel k.u.k-Atmosphäre und eine wunderbare Gelegenheit, die sympathische Hauptfigur kennenzulernen.

Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

Ein Sizilianer in München

Mario Giordano ist den Meisten bisher wohl durch seine „Tante Poldi“-Krimis bekannt – mit „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“ wagt er sich jetzt auf neues Terrain und verarbeitet seine eigenen familiären Wurzeln in einer großen, opulenten Familiensaga. Er erzählt die abenteuerliche Geschichte Barnaba Carbonaro’s, der im Sizilien der Jahrhundertwende aufwächst, den Anbau und das Geschäft mit Zitrusfrüchten dort von der Pike auf lernt und später sein Glück fernab der Heimat in der Großmarkthalle Münchens sucht, um seinen Nachkommen ein besseres Leben zu ermöglichen.

„Auf und ab treibt uns das Leben, immer wieder müssen wir hoch an die Oberfläche des Ozeans der Möglichkeiten, um zu atmen und Entscheidungen zu treffen, doch am liebsten würden wir unten im schlammigen Grund unserer Existenz die Zeit verträumen.“

(S.33)

Die Geschichte beginnt im sizilianischen Taormina Ende des 19. Jahrhunderts. In Rückblenden wird die verschlungene Familiengeschichte Barnaba Carbonaro’s erzählt – eine archaische und hierarchische Gesellschaft, in der es schwer ist, sich über die Klassenschranken hinweg nach oben zu kämpfen.

Doch Barnaba ist ein kluger Kopf, schnell im Rechnen und getrieben von einem enormen Ehrgeiz. Er lernt schnell, ist rebellisch und steckt selbst schlimmste Schicksalsschläge immer wieder weg. Als sich ihm plötzlich die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft mit sizilianischen Zitrusfrüchten in München zu starten, zögert er nicht lange und packt sein Schicksal beim Schopf.

„In der Au dagegen sieht er nur vereinzelte Markstände, und die brechen ihm fast das Herz, so kümmerlich sind sie. Viel mehr als Kartoffeln, Karotten, Rotkohl und harte Birnen wird da nicht angeboten.“

(S.337)

Er ist ein Schlitzohr mit einem Geschäftssinn, der zwar seinesgleichen sucht aber auch Neider anzieht, und ein Patriarch, der vor allem stets das Beste für seine Familie und seine 24 Kinder erreichen möchte und doch meint es das Leben – sowohl in Sizilien als auch in Deutschland – nicht immer gut mit ihm. Oft heißt es: wie gewonnen so zerronnen.

„Zwischen Hoffnung und Erwartung haben die Götter einst eine feine Linie gezogen, kaum zu erkennen, um feixend zuzusehen, wie ihre Spielzeuge sie arglos übertreten und unglücklich werden. Auf diesem schmalen Grat namens Zuversicht balancieren die Pancrazias oder Barnabas der Familie Carbonaro. Schwindelfrei, manchmal verwirrt, manchmal verbissen, aber tapfer Schritt für Schritt.“

(S.326)

Mario Giordano hat viel reingepackt in dieses Buch und eine richtige Schatzkiste und Fundgrube an zeitgeschichtlichen Anekdoten, Münchner Lokalkolorit und sizilianischem Lebensgefühl geschaffen, die den Roman aufgrund der überbordenden Fabulierfreude zu einem üppigen, opulentem Leseerlebnis für alle Sinne werden lässt. Man taucht nicht nur ab ins Sizilien der Jahrhundertwende und das München der 60er Jahre, sondern kann auch viel Neues lernen und entdecken.
So konnte ich zum Beispiel bei der Lektüre lernen, was ein Theatrophon ist oder erfahren, dass im Jahr 1960 tatsächlich ein Flugzeug in der Münchner Innenstadt abgestürzt ist.

Cu nasci tunnu nun pò moriri quatratu“, wer rund geboren ist, stirbt nicht quadratisch.“

(S.129)

Barnaba ist Pechvogel und Stehaufmännchen zugleich und obwohl er für unser heutiges Empfinden natürlich zu sehr Patriarch und Macho ist und in vielen Punkten ein Zuviel an Männlichkeit und Vulgarität aufweist, wünscht man ihm, dass er sich seinen Traum von der eigenen, großen „famiglia“ erfüllen kann.

Cchiù scuri di mezzanotti nun pò fari, denkt Barnaba, dunkler als Mitternacht kann es nicht werden.“

(S.326)

Sizilianische Sprichworte, Blicke hinter die Kulissen des Anbaus von Zitrusfrüchten, die Hausgeister bzw. Patruneddi und eine äußerst sinnliche, lebhafte und leidenschaftliche Sprache lassen einen wahren Funkenregen des italienischen Feuers auf die Leserschaft sprühen – eine geballte Charme-Offensive an „Italianità“, der man sich kaum entziehen kann.

„Trotzdem mag sie München. Natürlich möchte sie irgendwann zurück, in der Casa degli Italiani sprechen alle ständig vom Zurückgehen, irgendwann. Aber sie weiß, dass sie auch dort längst fremd ist.“

(S.185)

Der Roman schwankt zwischen unbändiger Lebensfreude und melancholischer Wehmut – zwischen sizilianischer Zitrusplantage und bayerischer Großmarkthalle. Ein Leben zwischen zwei Welten – das Schicksal der Gastarbeiter, für die es schwer ist und die sich weder in der alten noch in der neuen Heimat richtig zu Hause zu fühlen. Es ist ein weiter, verschlungener Weg für Barnaba und während dieser großen Familiensaga bangt man mit ihm und begleitet ihn mit Spannung auf seiner Suche nach dem Glück. Bittersüß und erfrischend wie der Saft aus besten sizilianischen Mandarinen und zugleich leuchtend wie die mediterrane Sonne!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Goldmann Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mario Giordano, Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen
Goldmann
ISBN: 978-3-442-31560-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch geht es natürlich – abgesehen von den vielen verschiedenen Sorten von Zitrusfrüchten, die eine so wichtige Rolle im Buch spielen – typisch sizilianisch zu: und zwar mit einer traditionellen Süßspeise – Cannoli.

„Der Fotograf reicht ihm ein mit Ricotta gefülltes Cremeröllchen und sieht zu, wie Barnaba mit aufgerissenen Augen den ersten cannolo seines Lebens verschlingt. (…) Der cannolo überrennt seine Sinne. Die Kruste des Röllchens zersplittert beim ersten Biss, und sein Mund füllt sich mit einer Wolke aus schneeweißem Quark. Aromen verpuffen wie Feuerwerksböller an San Pancrazio. Da knistert Karamell, pocht Vanille an seinem Gaumen, kandierte Kirschen und geröstete Pistazien.“

(S.14)

Auf Ariane’s Blog Tradolceedamaro findet sich ein Rezept, wenn man sich selbst einmal daran wagen möchte, Cannoli zu machen.

Zum Weiterhören:
Barnaba mag den „karamelldunklen“ (S.133) Belcanto seines Landsmannes Enrico Caruso. Besonders emotional aufgeladen ist für ihn die Arie „Vesti la giubba“ des Clowns aus Ruggero Leoncavallo’s Oper „Pagliacci“,

„der sich auch mit gebrochenen Herzen das Gesicht pudert, weil das Publikum schließlich bezahlt hat, um zu lachen.“

(S.434)

Zum Weiterlesen:
Für alle, die nicht genug von Sizilien bekommen können, gibt es mit Santo Piazzese’s Krimi „Blaue Blumen zu Allerseelen“ eine weitere Möglichkeit, die Insel literarisch zu bereisen – diesen habe ich vergangenen Herbst hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

Römisches Duett

Heute steht ganz klar ein unangefochtener Star im Mittelpunkt meines Beitrags: Rom – die ewige Stadt. Eine Reise nach Rom lohnt sich immer, auch wenn es aktuell in meinem Fall nur eine literarische ist. Doch Gianfranco Calligarich’s Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ aus dem Jahr 1973, der gerade wieder eine Renaissance erlebt und Sándor Lénárd’s autobiografisches Werk „Am Ende der Via Condotti“ aus dem Jahr 1969 sind zwei grandiose Liebeserklärungen an diese so besondere Stadt, die selbst beim reinen Lesen den Zauber Roms auf außergewöhnliche Art und Weise lebendig werden lassen.

„Und doch kann ich, wenn ich an jene Jahre zurückdenke, nur wenige Gesichter, wenige Ereignisse scharfstellen, denn Rom birgt einen besonderen Rausch in sich, der die Erinnerungen verbrennt. Mehr noch als eine Stadt ist Rom ein geheimer Teil von euch, ein verstecktes Raubtier. Mit ihm gibt es keine halben Sachen, entweder die große Liebe, oder ihr müsst da weg (…)“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.16)

Leo Gazzarra – ein junger Mann – kommt aus Mailand nach Rom. Wir schreiben die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er schlägt sich so durch, genießt die Großstadt, streift durch das Nachtleben und schließt Bekanntschaften. Einen Job findet er schließlich beim Corriere dello Sport und er begegnet der schönen Arianna, in die er sich unsterblich verliebt.

Nach dem ersten Kapitel von Gianfranco Calligarich’s „Der letzte Sommer in der Stadt“ war ich verliebt in dieses Buch und auch wenn die folgenden Abschnitte vielleicht nicht mehr ganz die Intensität des ersten halten können, hätte sich die Lektüre allein schon für dieses erste Kapitel gelohnt.
Ich mag diese Atmosphäre, in der Gazzara durch Rom stromert, ins Kino geht, sich treiben lässt, in der Bar etwas trinkt, wie er über Bücher denkt und spricht – wieviel sie ihm bedeuten. Selten habe ich in einem vermeintlich kurzen Roman mit knapp 200 Seiten so viele kluge Gedanken über das Lesen gelesen, die mir aus der Seele sprechen.

Die Übersetzerin Karin Krieger hat genau den richtigen, schwebenden Tonfall für diese melancholische Liebesgeschichte gefunden.
Ein Buch wie ein Rausch mit einer hochinteressanten Veröffentlichungsgeschichte: Im Erscheinungsjahr 1973 wurde das Buch mit dem Premio Inedito ausgezeichnet und verkaufte sich gut, bis es dann plötzlich aus den Buchläden verschwand und ein Geheimtipp auf Flohmärkten und in Antiquariaten wurde. 2010 brachte Aragno mit großem Presseecho eine Neuauflage auf den italienischen Markt, die bald wieder vergriffen war, bis sich 43 Jahre nach der Erstveröffentlichung ein dritter Verlag daran machte, den Roman neu aufzulegen. Jetzt erlebt der Roman eine weitere Renaissance – erschien im Januar 2022 bei Zsolnay in der deutschen Übersetzung von Karin Krieger – und wird derzeit laut Klappentext in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

Eine völlig andere Zeit und ein anderes Schicksal beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Am Ende der Via Condotti“ aus dem Jahr 1969 der in Ungarn geborene, jüdische Autor Sándor Lénárd, der 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Rom floh und dort im Alter von 28 Jahren ein völlig neues Leben begann.

„Rom ist ein Mosaik: Die Lorbeerbäume des Forums hauchen reines Italien. Der Geruch des Tiber ist kapriziös wie ein seltenes Parfüm, auf den Petersplatz strömt der Rauch einer eigenartigen Myrrhe, und in den alten Gassen herrschen der Parmesan und geräucherter Schinken…“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.25)

Lénárd beschreibt, was es bedeutet, in einem fremden Land bei null und ohne die Sprache zu beherrschen völlig neu anzufangen. In Wien hatte er Medizin studiert, jetzt erkämpft er sich in Rom 1938 ein neues Leben. Er leidet Hunger, hat selbst Phasen der Obdachlosigkeit durchzustehen, in denen er aus Verzweiflung unter anderem auch ab und zu in einer der zahlreichen Kirchen Roms in einem Beichtstuhl übernachtet. Er lernt die italienische Sprache und als er zufällig in den wertvollen Besitz eines Blutdruckmessgeräts kommt und dank seiner medizinischen Vorbildung den Menschen wertvolle Ratschläge erteilen kann, bessert sich Schritt für Schritt auch seine wirtschaftliche Situation.

Lénárd erzählt einen Teil seiner bewegten Lebensgeschichte und er macht deutlich, was es bedeutet, heimatlos zu sein und einen Neubeginn wagen zu müssen. Musik, Bücher, Kultur und Bildung sind für ihn ebenso Grundbedürfnisse wie Trinken, Essen und ein Dach über dem Kopf.
Als scharfsichtiger, aufmerksamer Beobachter beschreibt er auch die Zeit des Faschismus und wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet.
Ein intelligentes, interessantes und tiefgründiges Buch voll kluger Gedanken und philosophischer Denkanstöße, die lange nachhallen und zugleich ein dichtes, ausdrucksstarkes Porträt der Stadt Rom in den Jahren 1938 bis 1943.

Sándor Lénárd (1910 – 1972) wanderte 1952 nach Südamerika aus, wo er als Arzt tätig war, aber später unter anderem auch mit seiner lateinischen Version von „Winnie-the-Pooh“ als Übersetzer Erfolge feierte. Eine eindrucksvolle Lebensgeschichte!

Selbst beim Schreiben dieses Beitrags merke ich erneut, wie reich mich diese beiden Rom-Lektüren beschenkt haben, deshalb fällt heute auch der zweite Teil mit weitergehenden Inspirationen und Querbezügen besonders opulent aus. Denn da ist noch so viel, das entdeckt werden will. Genau so, wie man sicherlich auch bei Besuchen in Rom nie fertig werden wird, immer wieder Neues zu entdecken.

Arrivederci Roma, auf ein baldiges Wiedersehen!

Mit den beiden Büchern von Gianfranco Calligarich und Sándor Lénárd habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ sogar gleich doppelt erfüllt – Punkt Nummer 9) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Rom als Schauplatz lesen. Die ewige Stadt zieht mich literarisch immer wieder magisch an – es werden daher sicherlich nicht meine letzten Besuche dort gewesen sein.

Buchinformationen:
Gianfranco Calligarich, Der letzte Sommer in der Stadt
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-07275-6

Sándor Lénárd, Am Ende der Via Condotti
Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner
dtv
ISBN: 978-3-423-28112-6

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich diese beiden Rom-Bücher:

Für den Gaumen:
Dank Gianfranco Calligarich weiß ich nun, dass ein gekühlter Soave Hemingway’s Lieblingswein war, während er in Venedig war.

Sándor Lénárd’s Buch ist reich an kulinarischen Bezügen, erklärt die Besonderheiten der römischen Küche und doch gibt es auch viele Phasen, in welchen ihn die Armut zwingt, zu hungern. Da wird selbst die Pasta asciutta, welche er für ein bis zwei Lire kaufen konnte, zu einem Luxus.

„Es kann nicht schaden, die Wasser-und-Brot-Diät einmal zu unterbrechen. Fasan muss es ja nicht sein – eine anständige Pasta asciutta mit Butter und Parmesan, ein dickes Beefsteak für richtige Männer, ein großer Pfirsich, wie sie jetzt auf den Frascati-Hügeln reifen, und ich versichere, dass das für zwei Wochen als Erinnerung und Ermutigung reicht.“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.95)

Zum Weiterhören:
Der Sound in Calligarich’s Roman aus den Siebzigern ist ein wenig nostalgisch angehaucht:

„In einem alten Morgenmantel aus Seide holte er sein Repertoire hervor, alte Songs, die ich bei meiner Mutter gehört hatte, Stücke von Gershwin und Cole Porter, vor allem aber den amerikanischen Song Roberta. Manchmal sangen wir zusammen.“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.15)

Bei Lénárd wird hingegen der Komponist erwähnt, der wie kein Zweiter für den Klang Roms steht: Ottorino Respighi. Seine sinfonische Dichtung aus dem Jahr 1924 „Pini di Roma“ lässt die Geräusche der Stadt hörbar werden.

„Lebt noch ein Respighi, der über die römischen Pinien, die darin zirpenden Grillen, über römische Brunnen und die um sie tollenden Kinder moderne Akkorde erklingen lassen könnte?“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.320)

Für den nächsten Theaterbesuch:
In Calligarich’s Roman besucht die Hauptfigur eine Aufführung von Anton Tschechow’s „Drei Schwestern“ – leider scheint ihm die Inszenierung nicht besonders gut zu gefallen. Das Drama selbst zählt jedoch sicher zu den wichtigsten Werken Tschechow’s – verfasst hat er dieses Werk, das 1901 in Moskau uraufgeführt wurde, auf der Halbinsel Krim.

Zum Weiterlesen:
Bücher spielen sowohl im Leben von Leo Gazzara – der Hauptfigur in Calligarich’s Roman – als auch bei Sándor Lénárd eine sehr wichtige Rolle.

Als Gazzara seine Koffer packt, sagt er, es gibt:

„zwei für die Bücher von denen ich mich niemals trennte (…). Da war die alte Medusa-Ausgabe von Ulysses, Paveses Moby-Dick-Übersetzung, Conrad und die Taschenbuchausgabe des Gatsby, vergilbt, aber noch nicht auseinandergefallen, dann Martin Eden, Nabokov, der alte Hem und die Gedichte von Eliot und von Thomas, Bovary, Die Welt von Gestern, Chandler und das Alexandria-Quartett von Durrell, Shakespeare und Tschechow. Alles in zwei Koffern.“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.201)

Bei Lénárd haben sich mir zwei literarische Werke besonders eingebrannt:
Zum einen Carlo Collodi’s Klassiker Pinocchio, dessen Geburtsstunde bereits im Jahr 1881 schlug:

„Ach, natürlich, Pinocchio! Habe ich gelesen! Ist das ein italienisches Buch?“
„Ja, natürlich. Das italienischste Buch überhaupt.“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.181)

Und ein mir bisher unbekanntes Werk von Edmondo de Amicis namens „Cuore“ – ein fiktives Tagebuch eines Schülers, das 1886 erschien und in Italien ein großer Erfolg wurde. Es wird in Lénárd’s Buch als „Tor zu Italien“ bezeichnet.

„Lies „Cuore“! Du wirst die italienische Familie kennenlernen. Niemand sonst schreibt seinen Geschwistern, seinem Vater solche Liebesbriefe wie der Italiener, und natürlich auch seiner Mutter!“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.183)

Brüder am Abgrund

Mattia Insolia hat 2020 mit seinem Roman „Die Hungrigen“ (Originaltitel: Gli affamati) ein bemerkenswertes Debüt in Italien hingelegt, das nun endlich auch in einer deutschen Übersetzung von Martin Hallmannsecker vorliegt und jetzt sicherlich auch das deutschsprachige Publikum berühren und bewegen wird.

Kurze Sätze, scharf, geschliffen, ein Paukenschlag gleich zu Beginn und sofort ist man mitten im Geschehen. Puh, was für ein erstes Kapitel. Starker Tobak, tiefer Schmerz und man möchte sofort mit den Figuren weinen.

„Camporotondo war ein undefinierbares Stück Land, das die Leute um jeden Preis zu verlassen versuchten, und wer blieb, schämte sich dafür. Dafür, sein Leben hier fortzusetzen. Es fehlte an allem. Luft, Licht, Raum für die Hoffnung, dass etwas Unerwartetes geschieht; ein Hühnerstall, ein Fegefeuer auf Erden.“

(S.18)

Insolia erzählt in „Die Hungrigen“ die Geschichte zweier Brüder in einem süditalienischen Dorf. Sie hausen zu zweit in einem heruntergekommenen Haus, der 22-jährige Paolo arbeitet als einfacher Hilfsarbeiter unwillig und lustlos auf dem Bau und hat ständig Stress mit seinem Vorgesetzten. Antonio ist drei Jahre jünger, gerade mit der Schule fertig und hat keine Ahnung, wie es für ihn weiter gehen soll. Eltern, die sich kümmern, gibt es nicht.

„Dieser Tag hatte gerade erst begonnen und schon hatte es sich die Welt mit Paolo verscherzt.“

(S.9)

Paolo ist wütend, zornig und immer auf Krawall gebürstet. Er eckt ständig und überall an. Meist reichen Kleinigkeiten, um ihn zum Explodieren zu bringen. Er verkehrt in den falschen Kreisen und verliert sich in einem Strudel von Gewalt und Kriminalität.

„Er fühlte sich, als stünde er auf einer Mine. Als werde er sein ganzes Leben auf derselben Stelle verbringen, gefangen in einer unbequemen Haltung. Und wenn er sich auch nur ein bisschen bewegte, würde alles in die Luft fliegen.“

(S.16)

Antonio – der Jüngere ist der Sensible der beiden. Er sehnt sich nach Liebe und träumt von einem anderen Leben, sucht Trost in der Literatur. Doch als die Aussicht und die Chance auf eine Besserung eintritt, verliert er die Courage.

„Jeder ist nur das, was er zu verlieren hat, und alles, was Antonio auf dieser Welt hatte, war sein Bruder.“

(S.51)

Mehr schlecht als recht schlagen sich die beiden durch ihren Alltag, der geprägt ist von Armut, Elend und Perspektivlosigkeit – zwei Brüder am Abgrund und stets kurz davor endgültig abzustürzen. Alleingelassen, hilflos, aussichtslos.

„Sie hätten gerne miteinander gesprochen. Beide. Aber das Schweigen, zu dem sie sich gegenseitig erzogen hatten, war ihnen so zur Gewohnheit geworden, dass sie nicht gewusst hätten, wo sie überhaupt anfangen sollten.“

(S.97)

Es ist genau diese Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit Gefühle auszudrücken, die Unbeholfenheit der Brüder im Umgang miteinander und mit ihrem Umfeld, die mich zutiefst getroffen und traurig gestimmt hat. So kann der Hunger nach Liebe und Anerkennung nicht gestillt werden und schlägt um in Frust, Wut und rohe Gewalt.

Auf engstem Raum – gerade einmal 200 Seiten – erschafft Mattia Insolia einen Ort und eine Atmosphäre, die einem selbst beim Lesen den Atem nimmt. Pure Emotionen: die Wut, die Perspektivlosigkeit, die Trostlosigkeit, die verzweifelte Suche nach Liebe und Zuneigung – das ist so konzentriert und dicht beschrieben, dass man sich gar nicht distanzieren kann. Man leidet mit den beiden und der Schmerz geht tief unter die Haut.

Sensiblen Menschen würde ich dieses Debüt nicht empfehlen. Der Roman ist wahrlich nichts für Zartbesaitete, denn Insolia schreibt schonungslos und brutal, er erspart seiner Leserschaft nichts. Drastische Gewaltszenen, große Brutalität, sadistische Qualen, das muss man aushalten können und das Buch hinterlässt zweifelsohne Spuren, beschäftigt noch lange nach der Lektüre und tut weh.

Woher kommt diese unbezähmbare Wut? Warum diese verheerende Gewalt?
Und doch findet man in diesem Debütroman auch Erklärungen und Antworten, erhascht einen Blick ins Seelenleben der jungen Leute und versucht, die beiden zu verstehen.

Die Geschichte der Brüder Paolo und Antonio ist herzzerreißend und es ist atemberaubend, in welch ausdrucksstarker Sprache – stark, intensiv und schmerzhaft – der 25-jährige Italiener diesen Debütroman verfasst hat.

Ein starker, aufrüttelnder Roman über Armut, Trostlosigkeit, Perspektivlosigkeit der Jugend und das Abdriften in Gewalt und Kriminalität – wichtige Botschaften, die sich der in Catania geborene Autor gleichsam von der Seele geschrieben hat. Große Literatur und eine neue, junge, italienische Stimme, von der man hoffentlich noch viel hören und lesen wird!

Mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 17) auf der Liste: Ich möchte einen Debütroman lesen. Ein unglaublich eindrucksvolles und eindringliches Debüt eines 25-Jährigen, das man so schnell nicht vergessen wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Karl Rauch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mattia Insolia, Die Hungrigen
Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker
Karl Rauch
ISBN: 978-3-7920-0269-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“:

Für den Gaumen:
Einer der Brüder liebt Käse, der andere nicht. So landen sie dann häufig doch bei der Kompromisslösung: Pizza.
Allerdings läuft mir bei folgender Beschreibung auch das Wasser im Mund zusammen:

„Der Conad in der Via Rea war der größte Supermarkt in Camporotondo und hatte eine Käsetheke, bei deren Anblick Antonio in Verzückung geriet.
Asiago, Fontina, Taleggio, Mozzarella, Provola, Stracchino, Robiola.
Er hätte sich nur davon ernähren können, aber sein Bruder mochte Käse nicht.“

(S.16/17)

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich für italienische Literatur interessiert, der kam natürlich in der letzten Zeit vor allem an Elena Ferrante’s Neapolitanischer Saga nicht vorbei und auch ich zählte zu den Begeisterten, die sich bereits vor dem Erscheinungstag immer schon auf den neuen Band freuten. Während Insolia auf gerade mal 200 Seiten einen kurzen Zeitraum im Leben männlicher Jugendlicher aus Süditalien erzählt, so beschreibt Ferrante in vier Bänden und auf deutlich über 2000 Seiten ausführlich die Lebensgeschichten zweier Freundinnen aus Neapel.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand die Saga noch nicht kennt und sie kennenlernen möchte.
Der erste Band ist folgender:

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-46930-9

Zum Weiterlesen (II):
In „Die Hungrigen“ hat der Roman „Stoner“ von John Williams eine besondere Bedeutung. Ich kann mich noch gut erinnern, als das Werk vor einigen Jahren wiederentdeckt und ins Deutsche übersetzt wurde. Gedanklich wanderte es bereits damals auf meine Merkliste, aber irgendwie habe ich es bis heute noch nicht geschafft, den Roman zu lesen.

John Williams, Stoner
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
dtv
ISBN: 978-3-423-14395-0

Südtirol gestern und heute

Südtirol zählt sicherlich zu den beliebtesten Urlaubsgebieten der Deutschen. Und es lohnt sich auch, sich literarisch mit diesem Landstrich zu beschäftigen: In ihrem Roman „Bergland“ hat Jarka Kubsova die Geschichte einer Bauernfamilie über drei Generationen hinweg erzählt. So gelingt ihr zugleich eine eindrucksvolle Erzählung der wechselhaften Geschichte dieser besonderen Region und man erfährt, wie sich das Leben der Menschen auf einem abgelegenen Bergbauernhof über die Jahrzehnte verändert hat.

„Man tat einem Bauernkind keinen Gefallen, wenn man es zum Seicherl erzog. Eine Mimose war keine Pflanze, die hier gut gedieh. Es war Hartholz, das sich hier hielt, anspruchslos und angepasst, die winterharten Sorten.“

(S.39/40)

Rosa ist gerade einmal 12 Jahre alt, als sie bereits die Rolle der Mutter für ihre Geschwister übernehmen muss. Mit ihrem Vater und ihren Geschwistern lebt sie auf einem hoch gelegenen Bergbauernhof in Südtirol und als die Brüder in den Krieg ziehen und nicht mehr zurückkehren, steht sie 1944 nach dem Tod des Vaters vollkommen alleine mit dem Hof da. Es sind schwere Zeiten in Südtirol – es gibt Deserteure und Kriegsversehrte, Konflikte zwischen Dableibern und Optanten – der Krieg hat Opfer gefordert und tiefe Spuren hinterlassen. Doch sie gibt nicht auf, beißt sich durch, leistet Unmenschliches und arbeitet von früh bis spät – schwere, körperliche Arbeit – um den Hof zu erhalten. Selbst ihren Sohn Sepp zieht sie alleine auf, der den Hof übernimmt und letztlich – auch gegen ihren Willen – seine eigenen Vorstellungen der Landwirtschaft auf dem Hof umsetzt.

Sepp ist das Bindeglied zur heutigen Generation – zu Rosa’s Enkel Hannes, der mittlerweile mit seiner Ehefrau Franziska den Hof betreibt und zu einem Tourismusbetrieb mit angeschlossener Landwirtschaft umgebaut hat. Die Zeiten haben sich geändert und nicht alles ist Gold was glänzt.

Kubsova räumt auf mit dem „Heile Welt“-Klischee, der Idylle von sonnenbeschienenen Almwiesen und dem dauerblauen Himmel der Urlaubsprospekte – sie zeigt, dass der Tourismus ein knallhartes und umkämpftes Geschäft ist, das nicht nur Sonnenseiten hat. Die Erwartungen der Kunden und Tourismusverbände sind hoch, es gilt eine Vielzahl von Kriterien zu erfüllen und die Konkurrenz ist groß.

„Ein altes, etwas kitschiges Bild war das, so wie es noch immer in Kinderbüchern auftauchte, mit niedlichen, frei laufenden Tieren. Ein bisschen Bullerbü, ein bisschen Landlust, ein bisschen Joghurtwerbung, ein bisschen Omas kleiner Bauernhof; übernachten im Heu, die Eier noch warm im Stall einsammeln und Rohmilch trinken. Danach sehnten sich die Menschen.“

(S.27)

Und auch das Romantisieren oder das Verklären der Vergangenheit sind nicht die Sache der Autorin. Rosas einsames und einfaches Leben auf dem Bergbauernhof und ihr täglicher Kampf gegen die kargen Böden, die widrigen Wetterverhältnisse und die Sorgen um die Versorgung und das Leben ihres Kindes – das wird schonungslos und direkt erzählt ohne zu beschönigen.

Der Roman wechselt ab zwischen den verschiedenen Perspektiven und Generationen – zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Autorin findet auch jeweils einen eigenen Klang, der gut zu der jeweiligen Zeit passt: So sind die Passagen, die Rosa’s Geschichte erzählen eher ruhig, unaufgeregt, leise und atmen eine gewisse Melancholie, während die Szenen um Franziska und ihre Probleme im Hier und Jetzt satirisch, bissig, ironisch und zynisch formuliert sind und streckenweise schon an eine journalistische Erzählweise erinnern. Fast als ob Jarka Kubsova, die vor ihrem Romandebüt „Bergland“ als Journalistin bei der Financial Times Deutschland, dem Stern und der ZEIT gearbeitet hat, eine Reportage über Franziska als moderne Landfrau und Tourismusmanagerin geschrieben hätte. Die verschiedenen Welten werden so auch durch den sprachlichen und erzählerischen Kontrast deutlich abgegrenzt und herausgearbeitet.

„Selbstgenügsamkeit war es, die die Alten immun gemacht hatte gegen das Höher, Schneller, Weiter, dem sich der Rest der Welt hingab. Aber schon in der nächsten Generation hatte es nicht mehr gewirkt. Die jagte fiebrig dem Fortschritt hinterher. Höchstleistungen, Ziele und Karrieren.“

(S.182)

Jede Zeit und jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen, andere Gegebenheiten und andere Probleme. Doch es wird auch klar, dass Wurzeln erden und helfen können, sich diesen schwierigen Situationen zu stellen und Antworten auf die jeweils drängenden Fragen finden zu können.

Kubsova hat für ihren Debütroman sieben Monate auf einem Südtiroler Bergbauernhof gelebt und recherchiert – eine Zeit, die sich zweifelsohne sehr gelohnt hat und die ihrem Roman ein fundiertes Verständnis für Land und Leute bzw. die Menschen und die Region und somit eine besondere Authentizität verleiht. So kann sie viele geschichtliche Aspekte, Traditionen, Bräuche und Lebenseinstellungen einfließen lassen.

Als ich das Buch gelesen habe, tanzten vor meinem Fenster die Schneeflocken und eine gewisse Südtirolsehnsucht war unvermeidlich. „Bergland“ ist nicht nur eine gute Wahl für den nächsten Südtirolurlaub, sondern ein kleines, wirklich feines, ernstes und ernst gemeintes Buch, das in einer sehr schönen Aufmachung nicht nur das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen lässt, sondern das vor allem entschleunigt, erdet und zur Selbstreflexion anregt.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Günter Keil, Buchsichten und Friedelchens Bücherstube.

Buchinformation:
Jarka Kubsova, Bergland
Wunderraum
ISBN: 978-3-442-31618-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jarka Kubsova’s „Bergland“:

Für den Gaumen:

„Katharina hatte ein paar frische Strauben dabei. Rosa kochte Tee, zögerte kurz, und griff dann nach der Flasche mit dem Zirbenschnaps.“

(S.37)

Auf Jeanny’s Blog Zuckerzimtundliebe findet sich ein schönes Straubenrezept.

Zum Weiterkochen:
Die Südtiroler Küche ist herrlich vielseitig und ich kenne kaum jemanden, der sich ihrem Zauber entziehen kann. Ein umfassendes Standardwerk und der Klassiker unter den Südtirol-Kochbüchern ist „So kocht Südtirol“, das einen großartigen Überblick gibt. Wer die alpenländische Küche mag, ist hier sehr gut bedient – quasi das Rundum Sorglos-Paket unter den Südtirol-Kochbüchern:

Heinrich Gasteiger, Gerhard Wieser, Helmut Bachmann,
So kocht Südtirol: Eine kulinarische Reise von den Alpen in den Süden
Athesia Tappeiner Verlag
ISBN: 978-8868390990

Zum Weiterschauen:

„Er bepflanzte das Dach mit Hauswurz, der Blitze abhalten sollte.“

(S.15)

Die Tradition Hauswurz auf Dächer zu pflanzen, um das Haus gegen Blitzschlag zu schützen, gibt es nicht nur in Südtirol. Haltet mal die Augen offen, es lassen sich immer wieder Beispiele entdecken.

Wie hier zum Beispiel:

© Kulturbowle

Zum Weiterlesen:
Eines der besten Bücher, die ich über Südtirol je gelesen habe, war aus meiner Sicht Francesca Melandri’s „Eva schläft“ aus dem Jahr 2010 – ein wirklich großartiger Roman, den ich wärmstens empfehlen kann.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

La Divina – ganz menschlich

Als ich von Eva Baronsky’s Roman „Die Stimme meiner Mutter“ erfahren habe, war für mich sofort klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen möchte. Aus mehreren Gründen: Aus Liebe zur Oper weckt ein Roman über eine berühmte – wenn nicht die berühmteste – Opernsängerin aller Zeiten – Maria Callas natürlich sofort mein Interesse. Zum zweiten war ich vor vielen Jahren sehr begeistert von Eva Baronsky’s „Herr Mozart wacht auf,“ das mich köstlich unterhalten hat.

Bereits der Titel gibt einen entscheidenden Hinweis auf die raffinierte und ungewöhnliche Erzählperspektive, welche Eva Baronsky für dieses Buch über ein sehr privates Kapitel aus dem Leben der großen Maria Callas ausgewählt hat.
Erzählt wird von Omero, dem ungeborenen Kind von Maria Callas und Aristoteles Onassis. Dieser blickt aus der fiktiven Perspektive des Sohnes auf die außergewöhnliche Liebesgeschichte seiner Eltern und offenbart so sehr private, intime Momente dieser Beziehung, welche selbst den allgegenwärtigen und sensationslüsternen Paparazzi verborgen geblieben waren.
Ein Blickwinkel, in welchen man sich schnell einliest und der diesem Roman einen ganz besonderen Dreh verleiht.

Im Jahr 1959 ist Maria Callas in vielerlei Hinsicht mit ihren Kräften am Ende. Ihre Gesundheit und ihre unvergleichliche Stimme lässt sie teilweise in entscheidenden Momenten im Stich. Die Opernszene, das Publikum und die Medien reagieren ungnädig und offenbaren wenig Verständnis für die schwächelnde Diva. Die Ehe mit dem viele Jahre älteren Giovanni Battista Meneghini, der zugleich ihr Manager ist, kriselt ebenfalls.

Im Sommer 1959 nimmt das Ehepaar die Einladung des milliardenschweren Reeders Aristoteles Onassis zu einer Mittelmeerkreuzfahrt auf seiner Luxusyacht Christina an. Zu den illustren geladenen Gästen an Bord zählen auch Winston Churchill und seine Gattin Clementine. Diese schicksalsträchtigen drei Wochen auf See zwischen Nizza und Istanbul werden das Leben der Callas für immer verändern und in die Geschichte eingehen. Sie bilden das Kernstück in Eva Baronsky’s Roman.

Sie gewährt ihrer Leserschaft intime Einblicke in die aufflammende Affäre der beiden Weltstars der damaligen Zeit. Sie lässt uns Zeuge werden, wie Maria Callas den Avancen ihres griechischen Landsmannes nachgibt und sich rettungslos in ihn verliebt – all das vor den Augen der jeweiligen Ehepartner und den weiteren Passagieren an Bord.

Baronsky zeigt Callas vordergründig nicht als die große Operndiva, sondern als Frau mit ihren Sorgen und Sehnsüchten. Es ist die private, weibliche Seite des Weltstars, die sich geschmeichelt fühlt von der Aufmerksamkeit dieses durchsetzungsstarken und attraktiven Mannes, mit dem sie die griechischen Wurzeln verbinden, der für sie erfrischend wenig Interesse und Verständnis für die Oper mitbringt und sich auch für die Seiten hinter der Fassade des Opernstars zu interessieren scheint.

„Sie hätte ihm etwas über Hingabe erzählen können, über die Herausforderung, schwierigste Partien mit größter Leichtigkeit zu singen und gleichzeitig eine Rolle zu verkörpern; über Verantwortung einem Werk und einem Komponisten gegenüber, über physische Kraft, die das Singen und die Kontrolle über die Stimme erforderten, und manchmal auch das Tragen der Kostüme. Aber sie lächelte nur milde und schwieg, denn all das betraf die Callas. Meine Mutter hatte an diesem Abend nur den Wunsch, eine Frau zu sein.“

(S.81/82)

Die Umstände für die Liebesbeziehung der beiden könnten kaum schwieriger sein. Beide sind mit anderen Partnern verheiratet, stehen im Licht der Öffentlichkeit und unter der ständigen Beobachtung durch die Paparazzi. Zudem scheinen sich auch die Erwartungen, was die Zukunft betrifft, zu unterscheiden.

„Die Kabine meiner Mutter war besonders geräumig und nach der Insel Ithaka benannt. Mein Vater rühmte sich gern damit, welche Berühmtheiten schon darin geschlafen hatten. Eine Aufzählung, die meine Mutter nicht stolz, sondern eher ein bisschen traurig machte, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Ihre Seele wäre leichter davongekommen, wenn er ihr eine nur für sie bestimmte Kabine in seinem Leben eingerichtet hätte, (…)“

(S.100)

Natürlich wissen wir heute, wie sich diese Geschichte weiterentwickelt hat und dass den beiden leider kein gemeinsames Happy end beschieden war, aber Baronsky hat mit ihrem Roman eine faszinierende und bewegende Erzählung aus dieser bekannten Liebesgeschichte gemacht. Zarte und kraftvolle Momente wechseln sich ab und „Die Stimme meiner Mutter“ ist ein berührender Roman mit großen Gefühlen und Emotionen. Der Mensch bzw. die Frau Maria Callas steht im Mittelpunkt und man leidet und bangt mit ihr und wünscht ihr nichts mehr, als dass all ihre Hoffnungen und Sehnsüchte sich erfüllen mögen.

Und so ist Baronsky’s Buch nicht als Biografie zu lesen – auch wenn natürlich zahlreiche Aspekte der Lebensgeschichte anklingen – sondern vielmehr als gefühlvolle und intensive Liebesgeschichte, die eine weltbekannte Persönlichkeit in völlig neuem Licht erstrahlen lässt. Einfach wunderschön.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem beim Leseschatz und bei BR Klassik.

Mit Eva Baronsky’s „Die Stimme meiner Mutter“ habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 14) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Theater/Oper eine Rolle spielt lesen. Auch wenn mehr das Privatleben im Mittelpunkt steht – ist ein Buch über Maria Callas immer auch eines über die Oper.

Buchinformation:
Eva Baronsky, Die Stimme meiner Mutter
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0005-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Baronsky’s „Die Stimme meiner Mutter“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch verbindet Maria Callas und Aristoteles Onassis aufgrund ihrer Wurzeln auch die Liebe zu griechischem Essen – so zum Beispiel zu Saganaki.

„Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, denn tatsächlich war der in der Pfanne gebratene Schafskäse einer der Gründe, warum sie als junge Frau so unfassbar dick gewesen war.“

(S.40)

Zum Weiterhören (I) oder für einen Opernbesuch:
Bis heute sind zahlreiche Aufnahmen bestimmter Opernarien von Maria Callas unsterblich geworden. Die mit 91 Aufführungen am häufigsten von ihr verkörperte Rolle war mit Abstand die „Norma“ von Vincenzo Bellini. Die Arie „Casta Diva“ wird für immer mit „La Divina Callas“ untrennbar verbunden bleiben.

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Im Buch wird erwähnt, dass Aristoteles Onassis Maria Callas zum ersten Mal als „Medea“ auf der Bühne erlebte und sie ihn so faszinierte, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben eine Oper bis zum Ende ansah. Die Oper von Luigi Cherubini wurde durch Maria Callas erst wirklich populär.

Zum Weiterlesen:
Mit an Bord der Yacht sind auf der schicksalsträchtigen Reise im Jahr 1959, welche das Kernstück des Romans bildet, auch Winston Churchill und seine Gattin „Clemmie“ – Clementine Churchill. Über diese faszinierende Frau, habe ich letztes Jahr einen Roman auf der Kulturbowle vorgestellt: Marie Benedict’s „Lady Churchill“ – ebenfalls eine lohnende Lektüre.

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Bergeinsamkeit

Winter, Schnee, Berge und ein Gasthof in einem abgelegenen Bergdorf – der perfekte Schauplatz für eine gelungene Winterlektüre – und wenn der Autor dann noch Paolo Cognetti heißt, dann ist das für mich eine absolute Herzenslektüre. „Das Glück des Wolfes“ ist der neueste Roman aus der Feder des italienischen Schriftstellers, der mich schon mit „Acht Berge“, für welchen er den Premio Strega erhielt, so begeisterte, dass ich seitdem jede seiner Neuerscheinungen schon sehnsüchtig erwarte.

Wer sich jetzt in den Wintermonaten mal für ein paar Stunden in die italienische Bergwelt – genau genommen das Monte Rosa Massiv an der Grenze zur Schweiz – träumen und von einer leisen, zärtlichen Liebesgeschichte bezaubern lassen möchte, dem sei dieser kleine, feine Roman unbedingt ans Herz gelegt.

„Ja, wonach schmeckte der Januar? Nach Ofenrauch. Nach verdorrten und gefrorenen Wiesen, die auf den Schnee warten. Nach dem nackten Körper einer jungen Frau nach langer Einsamkeit. Er schmeckte nach einem Wunder.“

(S.19)

Fausto flieht aus der Großstadt in die Berge – weg aus seinem bisherigen Leben, weg aus einer gescheiterten Beziehung, weg aus der Stadtwohnung hinauf in die italienische Bergwelt, die schon seit seiner Kindheit eine besondere Bedeutung für ihn hat und tröstlich für ihn ist. Durch Zufall landet er bei Babette, der guten Seele und Gastwirtin von Fontana Fredda, die sofort spürt, dass sie dem Entwurzelten eine Chance geben sollte. Sie bietet ihm eine Position als Koch in ihrem Berggasthof an. Eine Aufgabe, die ihn ablenkt, fordert und letztlich erfüllt, ihm Freude und neuen Lebensmut gibt. Und obwohl der Vierzigjährige die Stille und Abgeschiedenheit in den Bergen genießt, sind es auch die täglichen Begegnungen mit der deutlich jüngeren Kellnerin Silvia, die ihm sehr viel bedeuten. Es entspinnt sich eine zarte, flüchtige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die jeweils noch nach ihrem richtigen Platz im Leben suchen.

In Fontana Fredda knüpft Fausto Kontakte zu den Einheimischen, übernimmt Verantwortung, kümmert sich und wird Teil der Dorfgemeinschaft. Ist das sein Ort für ein gelungenes Leben und sind das die Wurzeln, die er schlagen möchte?

Doch bald zieht die junge Silvia weiter, will höher hinaus, für eine Saison auf einer Schutzhütte nahe des Gletschers arbeiten. Sie ist noch nicht angekommen. Sie sucht die Herausforderung und eine besondere Erfahrung: harte Arbeit, einfache, karge Verhältnisse in einer rauen, kalten Landschaft – Fausto verspricht ihr, sie dort zu besuchen. Doch hat diese Liebe eine Chance und gibt es ein gemeinsames Glück?

Cognetti beleuchtet in seinem Roman die Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen und spielt mit den Nuancen zwischen Freundschaft und Liebe. Seine Charaktere, welche die großen Fragen des Lebens stellen, die sicher viele von uns umtreiben, sind fein gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz.

Für viele ist die Gebirgskulisse Sehnsuchtsort und so neigt so mancher dazu, diese als schneebedeckte Traumwelt und Urlaubsparadies zu verklären. Dass die Bergwelt nicht nur eine romantische Seite hat, sondern auch viele Gefahren für den Menschen birgt, macht Cognetti im Roman jedoch ebenso deutlich. Eiseskälte, Lawinengefahr, schnell wechselnde Witterungsverhältnisse, gefährliche Routen und die Gefahr abzustürzen sind stets präsent und werden leider auch immer wieder unterschätzt.

Cognetti hat erneut ein philosophisches und kluges Buch geschrieben, welches elementare Fragen behandelt und zum Nachdenken anregt, was wirklich wichtig ist im Leben, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wonach sehnen wir uns?

„Etwas verschwindet, und etwas anderes wird an seine Stelle treten“, hatte er zu ihm gesagt. „Das ist der Lauf der Welt. Nur wir haben immer Heimweh nach dem, was vorher war.“

(S.134)

Ich mag die poetische Sprache des gebürtigen Mailänders, die auf so sinnliche Art und Weise die besondere Stimmung in den Bergen einfängt. Ich mag die Naturverbundenheit, das Erdige und Geerdete und die zugleich melodiöse Leichtigkeit von Cognetti’s Erzählstil. Ein sprachlicher Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt, den ich jedoch Satz für Satz genossen habe. Die Übersetzerin Christiane Burkhardt hat hier zweifelsohne wunderbare Arbeit geleistet und die Magie der Worte ins Deutsche übertragen.

Paolo Cognetti erschafft Figuren, die man mag und die man gerne selbst kennenlernen würde. Er erzählt von Menschen, mit denen man gerne selbst am bollernden, gut geheizten Ofen in der Berghütte sitzen, einen Teller Pasta essen, ein Gläschen trinken und sich einen gemütlichen Abend lang unterhalten würde.

„Das Glück des Wolfes“ ist ein Buch, welches das Herz am rechten Fleck hat, das gut tut und die Seele streichelt. Eine wohltuende, meditative Lektüre, die etwas Schwebendes und Flüchtiges hat, denn kaum hat man begonnen, sind diese 200 Seiten auch schon wieder vorbei. Wie ein Traum, den man nur kurz festhalten kann.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Buchbube.

Buchinformation:
Paolo Cognetti, Das Glück des Wolfes
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Penguin
ISBN: 978-3-328-60203-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Paolo Cognetti’s „Das Glück des Wolfes“:

Für den Gaumen (I):
Natürlich spielt das Essen im Roman eine große Rolle – ist einer der Hauptschauplätze ja ein Gasthof in den Bergen: Mich hätte Fausto mit dem schnell gezauberten Mittagessen, das er für die beiden Frauen (Babette und Silvia) zubereitet, ebenso sofort um den Finger gewickelt: „Orecchiette mit frischen Tomaten, Ziegenricotta und Bergthymian“.

Für den Gaumen (II):
Der Geruch von „Grappa und Harz“ (S.16), welcher in der Luft liegt, kommt von den Zirbelkieferzapfen im Grappa – eine Südtiroler Spezialität, die ich bisher noch nicht probiert habe.

Zum Weiterlesen:
Das Lokal, in welchem Fausto als Koch zu arbeiten beginnt, heißt „Babettes Gastmahl“ – nach der Erzählung von Tania Blixen. Da trifft es sich gut, dass ich diese immer schon einmal lesen wollte und sie Ende Februar bei Manesse in einer kommentierten Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg erscheint.

Tania Blixen, Babettes Gastmahl
Übersetzt von Ulrich Sonnenberg
Manesse
ISBN: 9783717560012