Sommerfrische und Eifersucht

Gustav Mahler und seine Frau Alma bieten immer wieder Stoff für literarische Werke – die Dramatik ihrer Beziehung ist geradezu eine Einladung für Autorinnen und Autoren, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Auch der Südtiroler Autor Lenz Koppelstätter – bisher vor allem als Krimiautor bekannt – hat mit „Almas Sommer“ jetzt einen Roman über die Toblacher Zeit der beiden veröffentlicht.

Ein schmaler Band mit gerade mal 200 Seiten, der vor allem die Psyche und Gedankenwelt der beiden ungleichen Eheleute näher ausleuchtet, die im Sommer 1910 Quartier in Toblach genommen haben, aber doch beide am Leben und der Liebe leiden. Die glücklichen Zeiten ihrer Ehe haben sie da bereits hinter sich.

„Gustav Mahler auf dem höchsten Gipfel rund um Toblach. Das würde ihm Eindrücke verschaffen, seinen Kopf leeren. Er würde die Dolomiten tanzen sehen.“

(S.84/85)

Mahler braucht die Natur, die Bergwelt und die Abgeschiedenheit, um komponieren zu können. Er ist die treibende Kraft, die es in die Dolomiten zieht. Seine Gesundheit ist bereits angeschlagen, er leidet unter starken Schmerzen und zieht sich immer mehr zurück, vor allem auch in sein Komponierhäuschen. Dort versucht er unter Qualen, seine unsterbliche Musik zu erschaffen, an seiner nächsten Sinfonie zu arbeiten.

Alma, die deutlich jüngere Gattin, sehnt sich jedoch nach Wien, nach Leben und etwas Abwechslung in ihrem Ehealltag. Dieses Tal in Südtirol ist ihr zu eng, zu hinterwäldlerisch, zu langweilig. Sie braucht Kunst, Kultur, Gesellschaft, Amusement und gerne auch etwas Anbetung durch interessante Männer.

„Wer sollte sie hier denn anhimmeln? In diesem Tal am Ende der Welt. Niemand, genauso wie in Maiernigg. Die Hölle.“

(S.70)

So wie Walter Gropius, mit dem sie eine heimliche Affäre angefangen hat.
Sie kokettiert mit den Dorfburschen im Gasthaus und gibt ihrem Ehemann immer wieder Anlass zur Eifersucht.

Mahler hingegen ringt mit seinem Schaffen, verzweifelt an seinen gesundheitlichen Gebrechen und spürt, wie ihm seine große Liebe immer mehr entgleitet. Zudem scheint dem einfachen Volk die Walzermusik seines ungeliebten Konkurrenten Strauß zu seinem Groll näher zu stehen, als seine doch so viel innovativeren Orchesterwerke.

„Er hatte in den vergangenen Tagen viel über das Prinzip des Gasthausbesuchs nachgedacht. Er war wohl einer jener Menschen, dachte er, die immer wieder einmal Gesellschaft brauchten, um in dieser allein zu sein.“

(S.146)

Koppelstätter erzählt im Wechsel aus Alma’s und Gustav’s Perspektive und lässt seine Leserinnen und Leser so in die unterschiedlichen Gefühlswelten und Gedanken des Paares eintauchen.
Es wird klar, dass sich die Eheleute immer mehr von einander entfernt haben, auf die Schicksalsschläge wie den Tod ihrer Tochter, unterschiedlich reagiert haben. Gerade diese zunehmende Distanz und der Kontrast zwischen Einstellungen und Erwartungen ans Leben, werden in „Almas Sommer“ besonders deutlich.

Da ich schon einiges über Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie das Buch ohne Vorkenntnisse ankommt. Denn es ersetzt natürlich in keinster Weise eine umfassende Biografie oder historische Einordnung – vielmehr ist es ein Schlaglicht, eine Momentaufnahme einer kurzen Zeit der Sommerfrische, die sich stellenweise fast zur Eiszeit verwandelt.
Es ist das Ende einer Ehe, die hier thematisiert wird und ein Roman über die Eifersucht.

Auch wenn manches etwas klischeebehaftet und scherenschnittartig ausfällt – so wirkt Alma’s Arroganz und ihre abfälligen Bemerkungen für meinen Geschmack manchmal etwas zu eindimensional – lässt sich das Buch dennoch sehr flüssig und zügig lesen und entwickelt einen Sog, der einen mit sich zieht.

Man spaziert mit Mahler durch die schöne Bergwelt, wacht mit ihm in seinem Komponierhäuschen und wünscht ihm den Kuss der Muse und den Schaffensrausch, den er braucht, um seine unvergleichliche Musik entstehen zu lassen.
Man leidet mit bis zu großem Showdown, bei dem er sich dem jungen Liebhaber seiner Frau tatsächlich persönlich stellen muss.

Mir hat der Roman auf jeden Fall Lust darauf gemacht, mich irgendwann selbst in Toblach auf die Spuren von Gustav Mahler zu begeben. Ein kleines – trotz aller Tragik – leichtes Buch, das gut ins Reisegepäck für einen Südtirol-Urlaub passt und nicht nur weiter zum Mythos „Gustav und Alma“ beiträgt, sondern auch der grandiosen Kulisse der Dolomiten ein zusätzliches Denkmal setzt.

„Wann würde er endlich wieder in Toblach sein? Er versuchte, die Tage zu zählen… Er sog an der Pfeife, er küsste Alma. Er würde sie nie für sich alleine haben, sie nie besitzen können. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, das spürte er.“

(S.178/179)

Buchinformation:
Lenz Koppelstätter, Almas Sommer
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00021-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lenz Koppelstätter’s „Almas Sommer“:

Für den Gaumen:
Gustav Mahler war 1910 bereits ein kranker Mann und achtete daher auch sehr auf seine Ernährung:

„Agnes bereitete ihm ein Frühstücksbrot zu. Viel Kunsthonig. Tee. Kaffee. Etwas Gebäck, etwas Geflügel vom Vortag. Obst. Keine Butter. Bloß nicht! Er liebte das selbstgemachte Grahambrot, es schmeckte so intensiv, es gab ihm die Energie, die er für den Tag brauchte.“

(S.59)

Zum Weiterhören:
Natürlich kommt im Roman der Musik und dem kompositorischen Schaffen Gustav Mahler’s eine wichtige Rolle zu: So erfährt man bei der Lektüre einiges über die Werke, die in Toblach (oder zu großen Teilen dort) entstanden sind: „Das Lied von der Erde“, die neunte Sinfonie und die unvollendete zehnte Sinfonie. Eine schöne Gelegenheit bzw. ein guter Anlass, mal wieder ein bisschen Mahler zu hören.

Für den nächsten Südtirol- und Museumsbesuch:
Der Südtiroler Ort Toblach besitzt ein Kulturzentrum, das sogar den Namen des berühmten Komponisten trägt. Auf der Homepage findet man interessante zeitgeschichtliche Hintergründe, Bilder (z.B. des Komponierhäuschens) und Informationen über die Aufenthalte Gustav Mahlers im Ort. Im Juli (09.07. – 22.07. 2022) werden dort die Gustav Mahler Musikwochen stattfinden. Ein Festival mit Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen, das seit 1981 alljährlich stattfindet.
Auch wenn ich es dieses Jahr sicher nicht dorthin schaffen werde, wäre das durchaus mal etwas für die gedankliche Merkliste in Verbindung mit einem schönen Südtirolurlaub.

Zum Weiterlesen (I):
So manchem Leser oder mancher Leserin mag der Name Lenz Koppelstätter vielleicht bekannt vorkommen, denn seine Südtirol-Krimis um Commissario Grauner und Ispettore Saltapepe sind seit Jahren sehr erfolgreich. Aktuell sind bereits sieben Bände der Reihe erschienen und der achte wird im Dezember 2022 folgen. Auftakt der Reihe ist „Der Tote am Gletscher“ und man wird bei der Lektüre schnell merken, dass auch Commissario Grauner ein Fan von Gustav Mahler ist.

Lenz Koppelstätter, Der Tote am Gletscher
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462047288

Zum Weiterlesen (II):

Eines meiner ersten Bücher, das ich im August 2020 auf der Kulturbowle vorgestellt habe, war auch ein kleines, feines Buch über Gustav Mahler und behandelt ebenfalls die späte Lebensphase des Komponisten: „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler, das mich damals sehr berührt und vor allem aufgrund der Sprache begeistert hat.

Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

Maibowle 2022 – Wirbelwinde und Lektürehäppchen

Der Mai war turbulent und teilweise stürmisch, brachte uns aber auch bereits erste schöne Sommertage. Mein Kultur- und Lesemonat war vielseitig und abwechslungsreich und auch wenn manchmal die Zeit und Konzentration für ausgiebige Lektüren fehlte, war doch einiges geboten, über das es sich zu berichten lohnt.

Ein musikalisches Glanzlicht war diesen Monat auf jeden Fall das Konzert des Vokalensembles Singer Pur in der Landshuter Heilig Kreuz-Kirche im Rahmen der 20. Landshuter Hofmusiktage. Gesangliche Perfektion mit viel Gefühl und ein hochinteressantes Programm, das vor allem auch das Werk von Komponistinnen in den Fokus rückte und mich zudem auf die hörenswerte CD „Among Whirlwinds“ aufmerksam machte.

Und endlich hat es auch mit der verschobenen Landshuter Premiere des Musicals „Me and my girl“ im Landestheater Niederbayern geklappt – eine wunderbare Inszenierung wie aus dem Bilderbuch, grandiose Kostüme, tolle Ausstattung, bestens gelaunte Sängerinnen und Sänger, tolle Tanzeinlagen, ohrwurmverdächtige Melodien – ein rundum beschwingtes Theatervergnügen! Großartig!

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir auch die BR-Dokumentation aus der Reihe „Lebenslinien“ über den Theatermacher, Intendanten des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele Christian Stückl, die aktuell noch in der BR-Mediathek abrufbar ist – für eventuelle Oberammergaubesucher oder Theaterfans im allgemeinen unbedingt sehenswert!

Und auch zwei Filme, die ich diesen Monat gesehen habe, sind empfehlens- und erwähnenswert:

Auf ARTE lief der Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio, der in eindringlichen Bildern und mit hervorragenden Darstellern die Geschichte des ersten Kronzeugen im Maxi-Prozess erzählt. Auch die dazugehörige Dokumentation im Anschluss war sehr interessant und aufschlussreich.

Ebenso auf ARTE konnte mich Volker Schlöndorff’s Film „Diplomatie“ aus dem Jahr 2014 überzeugen – ein filmisches Kammerspiel, das sich um die letzten Tage der deutschen Besatzung in Paris im August 1944 dreht und erzählt, wie der schwedische Konsul versucht, den deutschen Stadtkommandanten zu überzeugen, die Stadt trotz Befehl nicht zu zerstören.

Diesen Monat habe ich mich mangels Zeit und Konzentration mit wenigen Ausnahmen eher an schlankere Bücher gehalten, aber manchmal liegt ja auch in der Kürze die Würze und es waren wirklich sehr schöne, kleine, feine Entdeckungen dabei:

Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ ließ mich zu Monatsbeginn einen für mich sehr prägenden Autor näher kennenlernen und besser verstehen. Die hochinteressante, sehr gut lesbare Biografie, die vor allem die Kindheit, Jugend und Preußler’s Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft näher beleuchtet, hat mir viele neue Aspekte und Sichtweisen auf die so geliebten Kinder- und Jugendbücher wie „Die kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ oder „Krabat“ und den Menschen hinter diesen Geschichten eröffnet.

Das Thema Kunst und das „wie und warum sie entsteht“ begegnete mir auch in völlig anderer Form in Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“. Eine junge Frau ermogelt sich einen dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus und blickt auf einmal – angeregt durch die Begegnungen mit ihren Mitstipendiaten – mit einem neuen, inspirierten Blick kritisch auf ihr bisheriges Leben. Eine spannende Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist Kunst?

Künstlerisch ging es auch weiter und zwar mit dem Komponisten Gustav Mahler und seiner berühmten Frau Alma: Lenz Koppelstätter hat mit seinem Roman „Almas Sommer“ ein kurzes Lebenskapitel der beiden ausgewählt und den Sommerurlaub der beiden im Südtiroler Toblach im Jahre 1910 lebendig werden lassen. Alma, die sich nicht zwischen ihrem Ehemann und der Affäre mit Walter Gropius entscheiden möchte und Gustav Mahler ein hochsensibler, kränkelnder Künstler, der zwischen Eifersucht und dem quälenden Schaffensprozess seiner Kompositionen zerrissen wird.

Von der Südtiroler Bergwelt ging es an den schönen Lago Maggiore nach Ancona mit Victoria Wolff’s Roman „Die Welt ist blau“. Ein schnörkelloser und doch raffinierter Roman aus der Zeit der neuen Sachlichkeit bzw. dem Jahr 1934.
Und weil’s so schön war, verweilte ich auch gerne noch ein wenig länger dort:
Edgar Rai’s Roman „Ascona“, der letztes Jahr erschienen ist, beschreibt die Zeit, die Erich Maria Remarque im Schweizer Exil ab 1933 in seiner Casa Monte Tabor verbrachte – ein Buch, das mich gepackt und völlig in seinen Bann gezogen hat (ich werde bald näher berichten).

Ein kleines, feines Buch ist auch Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“, in dem er in einem langen Brief an seine vierjährige Urenkelin als über Neunzigjähriger auf sein Leben zurückblickt und erzählt. Ein intimes, wunderbares Vermächtnis eines großen Künstlers und Schriftstellers, das zugleich ein Zeitzeugnis italienischer Geschichte ist.

Und ich verweilte noch ein wenig länger literarisch in Sizilien: Durch den Film „Il Traditore“ bereits im Thema, widmete ich mich einem italienischen Krimi-Klassiker aus dem Jahr 1961 mit Leonardo Sciascia’s „Der Tag der Eule“, der als einer der ersten Kriminalromane gilt, die sich mit dem Thema Mafia auseinandersetzten und später auch verfilmt wurde. Ein kompakter, knackiger Krimi auf knapp 140 Seiten, der vieles zwischen den Zeilen nur andeutungsweise erahnen lässt.

Als Kontrastprogramm zur italienischen Krimikost gab es dann zum Monatsende noch ein richtiges, literarisches Schmankerl: Der Roman „Die Sekretärinnen“ der schwedischen Autorin und Feministin Elin Wägner aus dem Jahr 1908. Vier junge Frauen in Stockholm Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich gegen die damaligen Konventionen auflehnen, eine Wohngemeinschaft bilden, sich ihren Lebensunterhalt in der Großstadt selbst verdienen möchten und sich schon bald auch politisch für Frauenrechte engagieren. Hierzu folgt sicher in Kürze mehr.

Was bringt der Juni?

Hoffentlich viel Zeit im Freien, schöne, lange Sommertage mit Licht und Luft zum Durchatmen. Dazu Kulturgenuss und Sommerlektüre, die hoffentlich für etwas Leichtigkeit in unseren schwierigen Zeiten sorgen.

Ich wünsche allen einen hellen, freundlichen und friedlichen Juni, schöne Pfingst- und Mittsommertage sowie Zeit für die schönen Dinge des Lebens!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Mai:
Bei schönem Wetter konnte die bayerische Biergarten-Saison eröffnet werden und passend zum Monat war auch das Bierangebot: ein Maibock, d.h. ein untergäriges Starkbier mit malzigem Aroma, für das man schon eine gute Unterlage braucht.

Musikalisches im Mai:
Diesen Monat habe ich das Album „Odyssee“ von Quadro Nuevo für mich entdeckt: Musik, die mich – ähnlich wie bereits das Album „Mare“ in Sommerstimmung versetzt und gemäß dem Untertitel „a journey into the light“ für helle und lichte Momente sorgt.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)

Frauen Stimmen geben

Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen aus 900 Jahren“ war das diesjährige Motto der 20. Landshuter Hofmusiktage, einem europäischen Festival für Alte Musik, das nach pandemiebedingter zweijähriger Verspätung endlich stattfinden konnte. Ein wunderbares und wichtiges Motto, das mir einen unvergesslichen und in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Konzertabend bescherte, auf den ich mich mehr als zwei Jahre lang und vollkommen zu Recht sehr gefreut hatte.

Das Vokalsolistenensemble Singer Pur besteht aus einer Frauen- und fünf Männerstimmen, d.h. ein Sopran, drei Tenöre, ein Bariton und ein Bass. 1992 ursprünglich von fünf ehemaligen Regensburger Domspatzen und einer Sängerin gegründet hat sich das Ensemble – dessen Besetzung im Laufe der Zeit immer wieder einmal gewechselt hat – zu einem der führenden und mehrfach preisgekrönten deutschen Vokalensembles entwickelt.

Das enorm vielseitige Programm, das in der als Konzertsaal bestens geeigneten Heilig Kreuzkirche Landshut durch das Ensemble zur Aufführung kam, spannte einen großen, zeitlichen Bogen von Musik aus dem 15. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischer Musik – und legte vor allem Wert auf einen hohen Anteil an Musik „von Frauen“, d.h. der leider im Klassikbetrieb so häufig unterrepräsentierten Komponistinnen. Das Konzert, das so schön mit „Herztöne – Liebe im Klang der Zeit“ betitelt war, bereitete gleich zu Beginn des ersten Teils einen wunderbaren Einstieg, denn schon der Auftakt mit Dominique Phinot’s Renaissance-Werk „Surge, propere amica mea“ breitete einen dichten Klangteppich der sechs Stimmen aus, auf dem man sich sofort gerne von den wunderbaren Harmonien davon tragen ließ.

Die Gedanken kamen zur Ruhe, der Blick streifte durch die renovierte, ehemalige Klosterkirche des Landshuter Franziskanerinnenklosters mit Asamfresken und Wessobrunner Stukkaturen, der mittlerweile als „säkularer“ Kirchenraum, Konzertsaal und Aula des Hans-Carossa-Gymnasiums genutzt wird.

Der getragenere erste Teil des Konzerts „Das Hohelied der Liebe“ setzte Schwerpunkte auf alte Musik mit Werken von Phinot, de Latre, Dufay und Senfl, die durch zeitgenössische Stücke von Joanne Metcalf und Jessica Horsley kontrastiert wurden.

Die Harmonie der Stimmen, der Zusammenklang, die perfekte Intonation und sehr hohe Textverständlichkeit begeisterten das Publikum. Und jeder Musikbegeisterte oder auch jemand, der vielleicht sogar selbst in einem Chor singt, weiß und kann einschätzen, welche Klasse und welch hohes Niveau dieses Repertoire den SängerInnen abverlangt.

Allerhöchsten Respekt nötigte mir auch die Tatsache ab, dass Sarah M. Newman als kurzfristige Einspringerin (für die erkrankte Claudia Reinhard) mit lediglich einer Woche Vorlauf das hoch anspruchsvolle Programm mit einer faszinierenden Souveränität meisterte und sich perfekt in den Klang des eingespielten Ensembles einfügte. Diese Leistung hatte wahrlich einen Extra-Applaus verdient.

Ein wunderbarer, unvergesslicher Konzertabend nach einem sonnigen Maitag, der zum Ende des etwas luftig-leichteren zweiten Teils – die Herren auf der Bühne hatten die Krawatten jetzt auch abgelegt – sehr passend mit zwei genial arrangierten Sting-Titeln „Every Little Thing She Does Is Magic“ und „Fields of Gold“ einen stimmungsvollen Ausklang fand und das Publikum glücklich, beschwingt und freudig in den lauen Sommerabend entließ.

Doch so mancher Gast stoppte davor noch kurz am gut sortierten CD-Stand und nahm wie ich ein paar der musikalischen „Wirbelwinde“ mit nach Hause, denn die neueste CD „Among Whirlwinds“ – ein Projekt, das während der Pandemie entstanden ist – enthält ausschließlich Musik von Komponistinnen. Eines meiner Lieblingslieder darauf ist das Stück „Remember“ der 1979 geborenen slowenischen Komponistin Katarina Pustinek Rakar.

Einer Aufforderung, der ich gerne folge, denn dieses zauberhafte Konzert, das getragen wurde von der großen Freude und dem Herzblut, das Singer Pur in ihre „Herztöne“ legten und es sichtlich genossen, endlich wieder live vor Publikum auftreten zu können, werde ich sicherlich nicht vergessen. Die „Wirbelwinde“ werden ihr übriges tun, wenn sie von Zeit zu Zeit bei mir zu Hause aus den Lautsprechern klingen dürfen.

Gesehen am 12. Mai 2022 in der Heilig Kreuzkirche Landshut

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich dieses Konzert:

Zum Weiterhören:
Die aktuelle CD von Singer Pur „Among Whirlwinds – Kompositionen von Frauen für Stimmen“ (erschienen 2021 bei OEHMS Classics – hier geht es zur Homepage) widmet sich ausschließlich der Musik weiblicher Komponistinnen. Viele Stücke, die ich in Landshut live genießen durfte, sind auf der CD vertreten, u.a. Werke von Joanne Metcalf, Hildegard von Bingen, Fanny Hensel, Clara Schumann, alte Musik (u.a. von Cesarine Ricci de Tingoli), aber auch Werke zeitgenössischer Komponistinnen wie Stanislava Stoytcheva oder Katarina Pustinek Rakar, um nur ein paar zu nennen.

Aber auch nordische Klänge aus Island von Anna S. Þorvaldsdóttir oder aus Schweden von Elfrida Andrée sind vertreten. Eine wunderbare klangliche, musikalische Zeitreise durch die Welt der Musik von Frauen – eine längst überfällige Idee und erstklassig umgesetzt.

Zum Weiterklicken oder für einen Konzertbesuch:
Vielleicht kommen Singer Pur demnächst aber ja auch in Eure Nähe – auf der Website der Gruppe findet ihr die nächsten Termine, musikalische Eindrücke und Hörproben, Porträts der Mitglieder und jede Menge weitere Informationen zur Historie und den zahlreichen Aufnahmen, die seit der Gründung 1992 bereits entstanden sind.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Schon seit längerem auf meiner Liste steht der preisgekrönte Dokumentarfilm „Komponistinnen“ von Kyra Steckeweh und Tim van Beveren. Dieser beleuchtet neben den Lebensläufen der vier Komponistinnen Mel Bonis (1858-1937), Lili Boulanger (1893-1918), Fanny Hensel (1804-1847) und Emilie Mayer (1812-1883) vor allem auch die Frage, warum auch heute immer noch so wenig Stücke von Komponistinnen in der Klassikszene aufgeführt werden. Hier geht es zur Website des Films: „Komponistinnen“.

Für einen Konzertbesuch oder Städtetrip:
Die Landshuter Hofmusiktage wurden 1982 gegründet und sind eines der ältesten Festivals für Alte Musik in Bayern. In der Regel finden sie alle zwei Jahre statt und sind für Freunde und Freundinnen alter Musik ein beliebter Anlass, die niederbayerische Stadt und das eine oder andere Konzert zu besuchen.

Zum Weiterlesen:
Bereits vor einiger Zeit habe ich Peter Härtlings Buch über das Leben von Fanny Hensel-Mendelssohn mit großem Interesse gelesen, die als Komponistin immer im Schatten ihres berühmten Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy stand.
Auf der Singer Pur-CD „Among Whirlwinds“ ist auch ein Werk von ihr vertreten: „Nacht liegt auf den fremden Wegen“.

Peter Härtling, Liebste Fenchel!:
Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi
dtv
ISBN: 978-3423141956

„In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen.“

(Hildegard von Bingen)

Aprilbowle 2022 – Eustasiusschnee und Feuerzauber

Der April begrüßte uns tatsächlich noch einmal mit Schnee – am 2. April – dem Namenstag des heiligen Eustasius, der lange Zeit als Gründer des bayerischen Kloster Weltenburg angesehen wurde, was mittlerweile jedoch als widerlegt gilt – hatten wir tatsächlich noch einmal eine weiße Winterlandschaft.
Im Laufe des Monats konnten wir dann jedoch den Frühling begrüßen: Osterglocken, Tulpen und Vergissmeinnicht lachen fröhlich aus den Gärten und in den Parks… und heben die Laune in nach wie vor düsteren Zeiten.

Einen fantastischen Feuerzauber durfte ich endlich – mit zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung – im Landestheater Niederbayern erleben, denn die Ring-Produktion konnte mit „Die Walküre“ fortgesetzt werden. Eine extrem kurzweilige und sehr unterhaltsame Inszenierung, Musik zum Schwelgen und ein spielfreudiges, gut aufgelegtes Ensemble machten den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Und auch vom Landshuter Schauspielensemble gab es die Premiere einer großartigen Produktion zu feiern mit einem Schauspiel von Thomas Jonigk nach Stefan Zweig’s Roman „Ungeduld des Herzens“, das als Studiostück in der intimen Atmosphäre des Landshuter Salzstadls besonders intensiv zur Geltung kam.

Neu für mich entdeckt habe ich diesen Monat den ZEIT Wochenend-Podcast „Und was machst du am Wochenende?“ und ich habe zwei Folgen gehört, die mir gut gefallen haben: und zwar die mit Axel Hacke, dessen Buch „Ein Haus für viele Sommer“ ich diesen Monat gelesen habe und das ich geliebt habe (mehr dazu später im Text und hier auf der Bowle) und die mit Ulrich Wickert, den ich sowohl als Journalist, aber auch als Krimiautor schätze (da er gerade einen weiteren Krimi fertiggestellt hat, darf ich mich hier wohl auch bald auf Neues aus seiner Feder freuen).

Der Lesemonat April war so vielfältig wie das Wetter draußen vor dem Fenster:
Von Lyrik, über Krimis und Reiseliteratur bis hin zu außergewöhnlichen und feinen Romanen war alles dabei und auch die Schauplätze haben mich erneut weit herumkommen lassen: ein Wallfahrtsort am Niederrhein, die Gaspésie-Halbinsel in Kanada, Helsinki, Hamburg, Sardinien, Montagnola im Tessin, die Insel Elba, französische Klöster, München und New York – all das in einem Monat, das kann nur Literatur. Wer gerne einmal sehen möchte, wohin mich meine bisherigen Kulturbowle-Lektüren schon geführt haben, kann jederzeit mal hier nach sehen: „Die Welt erlesen“.

Wundervolle und geradezu meditative Momente bescherte mir gleich zum Monatsbeginn der feine Lyrikband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ von Christine Langer: Ästhetische und sinnliche Gedichte, die erden und zur Ruhe kommen lassen – für mich die ideale Poesie für die Zeit zwischen Tag und Nacht.

Bernadette Schoog’s Roman „Marie kommt heim“ beschreibt die Rückkehr einer Frau in einen niederrheinischen Wallfahrtsort, dem sie vor vielen Jahren aufgrund der Enge den Rücken gekehrt hatte, um dort die Mutter beim Sterben zu begleiten, zu der sie nicht immer das beste Verhältnis hatte: eine Reise in die Vergangenheit und zu den familiären Wurzeln, die so manche, unerwartete Überraschung und Erkenntnis bereithält. Intelligent, fein beobachtet und sehr schön zu lesen.

Ging es in Schoog’s Buch um Mütter und Töchter, so könnte man durchaus eine Parallele zu Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“ sehen, das unter anderem auch eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Aber als Kriminalroman, der auf der kanadischen Gaspésie-Halbinsel spielt und als zweiter Fall von Sergeant Morales erneut vor allem von der intensiven, maritimen Atmosphäre lebt, hatte diese Lektüre doch letztlich einen völlig anderen Charakter.

Absolut außergewöhnlich und in jeder Hinsicht sehr besonders war der Roman „Der Schildkrötenpanzer“ des finnischen Autors Mooses Mentula. Eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit, in der die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen und so mancher totgeglaubte Erfolgsautor wieder zu neuem Leben erwacht. Ein schräg-skurriles literarisches Roadmovie aus Finnland!

Auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schickte mich dann auch Hartmut Höhne’s Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“, welcher die Sülzenunruhen in Hamburg 1919 als historischen Rahmen gewählt hat. Ein lehrreicher, für mich informativer und auch unterhaltsamer historischer Krimi, der ein spannendes Kapitel der Hamburger Stadtgeschichte wieder zum Leben erweckt.

Weiterhin in Krimilaune – doch in wärmeren, südlicheren Gefilden – durfte ich dann mit den nächsten beiden Büchern schwelgen:
Der mit großer Spannung erwartete zweite Fall von Gesuino Némus’ Sardinien-Krimireihe „Süße Versuchung“ schenkte mir sonnige und kurzweilige Lesestunden im kleinen Örtchen Telévras, das ich schon aus „Die Theologie des Wildschweins“ kannte. Durch den Zeitsprung in die Gegenwart – der erste Teil spielte im Sommer 1969 – und die neuen Figuren hat dieser Band einen anderen Charakter als der erste Teil und ist doch auf seine Art ebenfalls wieder etwas Besonderes – ein extravagantes, charmantes, sardisches Krimivergnügen!

Eine neue Ermittlerin und den Auftakt zu einer neuen Regio-Krimireihe im schönen Tessin durfte ich mit Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“ kennenlernen. Sympathische, intellektuelle Figuren, eine urige, sonnige und authentische Urlaubsatmosphäre in dem Tessiner Ort, der lange Hermann Hesse’s Wahlheimat war, literarische und kulinarische Anspielungen – für mich ein ideales Sommerbuch für einen Abend auf Balkon oder Terrasse – auch wenn ich ihn temperatur- und witterungsbedingt noch auf der Couch gelesen habe.

Die Italiensehnsucht und das Fernweh hat mich dann endgültig gepackt, als ich das wunderbare neue Buch von Axel Hacke „Ein Haus für viele Sommer“ gelesen habe, in dem er sein Ferienhaus auf der Insel Elba, aber vor allem auch seine Begegnungen mit den Menschen dort, beschreibt. Ein zauberhaftes, lichtdurchflutetes, fröhliches Buch, das glücklich macht und mit Sicherheit einer meiner Lesehöhepunkte in diesem Jahr sein wird. (Eine ausführliche Rezension wird folgen.)

Wer nach etwas Ruhe in unruhigen Zeiten sucht, kann sich – wie ich es diesen Monat getan habe – in die Obhut der Reiseliteratur von Patrick Leigh Fermor begeben: in seinem schmalen Band „Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern“, beschrieb er 1957 seine Erfahrungen, die er bei mehreren Aufenthalten als Gast in (vorwiegend) französischen Klöstern (u.a. einem Trappistenkloster) gemacht hat. Sprachlich sehr schön und besinnlich, so dass man auch als LeserIn die Welt um sich für die Zeit der Lektüre eine Weile vergessen kann.

Die letzten zwei Bücher des Monats standen ganz im Zeichen zweier besonderer Frauenfiguren:
Katharina Adler’s Roman „Iglhaut“, der im Mittelpunkt eine stachlige, eigenwillige Frau hat, die in einem Münchner Hinterhof eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt und dort neben ihren eigenen Problemen auch die Sorgen, Nöte und unterschiedlichsten Lebensumstände der anderen Mieter des Hauses hautnah mitbekommt. Ein buntes Kaleidoskop an Erzählsträngen und Figuren, ein facettenreiches Spiegelbild unserer Gesellschaft mit einem ganz eigenen, besonderen Charme.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich und besonders ist auch Tante Mame, der Star in Patrick Dennis’ Roman „Darling – Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955, der jetzt durch eine Neuauflage ein Revival für deutschsprachige Leser erfahren könnte. Ein lustiger, humorvoller Roman über eine gewitzte Lebenskünstlerin und Lebedame aus New York, die ihren Neffen und Ziehsohn mehr als einmal in die Bredouille bringt. Ich werde Euch diese spannende Dame bald näher vorstellen.

Was bringt der Mai?
Dieser Monat steht bei mir im Zeichen von kulturellen Nachholterminen und ich hoffe sehr, dass jetzt alles klappt:
Ein Stück im „Kleinen Theater“ bzw. den Landshuter Kammerspielen – „Die Geierwally“ als Ein-Personen-Stück mit Barbara Kratz unter der Regie von Diana Anders.
Nach zweimaliger Verschiebung finden nun hoffentlich endlich auch die ursprünglich für 2020 geplanten 20. Landshuter Hofmusiktage – ein europäisches Festival alter Musik – statt, das dieses Mal unter dem Motto „Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen“ steht.
Am Landestheater Niederbayern hoffe ich im zweiten Anlauf auf die heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“, die wegen Erkrankungen im Ensemble vom März auf Mai verlegt werden musste.

Und auch einen Film habe ich mir wieder notiert: Am Sonntag, den 22. Mai 2022 zeigt ARTE um 20.15 Uhr „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ – ein Thriller nach wahren Begebenheiten und mit einer Dokumentation im Anschluss.

Das heißt der Mai hat kulturell einiges zu bieten und vielleicht kann auch die „Draußen-Lese-Saison“ endlich eröffnet werden. Denn lektüretechnisch freue ich mich jetzt verstärkt auf sommerliche Literatur und habe schon viel Schönes zum Schmökern bereitgelegt.

Ich wünsche allen einen kulturell und literarisch abwechslungsreichen, wunderbaren, gesunden, freundlichen und friedlichen Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight April:
Es ist Bärlauch-Zeit! Eine schöne Zubereitungsmöglichkeit sind Bärlauch-Käsespätzle – die bringen Farbe auf den Teller und schmecken wunderbar. Einfach bei der Zubereitung des Spätzleteigs den Bärlauch hinzufügen und pürieren.

Musikalisches im April:
Es gibt ein wunderbares Musikstück des Herbert Pixner Projekts, das mich auch zur Überschrift meiner Aprilbowle (bzw. dem Eustasiusschnee) inspiriert hat und zwar „Antoni Schnee“ – stimmungsvoll zauberhafte Musik aus den Alpen und nur eines der vielen großartigen Stücke dieser Formation.

Leise zieht durch mein Gemüt

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied.
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

(Heinrich Heine)

Gerhahers Gedanken

Im letzten Sommer durfte ich einen Liederabend mit Christian Gerhaher im Landshuter Rathausprunksaal erleben und hatte auf meiner Kulturbowle darüber berichtet. Jetzt hat der weltberühmte Bariton ein sehr persönliches Buch veröffentlicht: „Lyrisches Tagebuch – Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“.

Darin gewährt er einen intimen Einblick in seine künstlerische Gedankenwelt und seine ganz persönliche Perspektive auf wichtige Werke und Stationen seiner Karriere als Sänger. So beschreibt er die Assoziationen, die er zu bestimmten Liedern aus seinem umfangreichen Repertoire hat ebenso wie detaillierte Überlegungen zur musikalischen und künstlerischen Interpretation der Werke.

„Und dann kann man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wie Artikulation, Dynamik, Intonation, Farbigkeit und Vibrato vielleicht sogar auf weit mehr als sechzig verschiedene Arten der Darstellung kommen, denn im Grunde ist ja jeder darzustellende Ton, jedes abzubildende Wort für einen Sänger und Schauspieler ein einmaliges, ein unvergleichliches klangliches Ereignis.“

(S.19)

Oft nähert er sich vom Text der vertonten Gedichte, die ebenfalls im Buch meist in voller Länge enthalten sind, interpretiert diese sprachlich und setzt sie in den musikalischen Kontext – erzählt von Lieblingsstellen, besonderen gesanglichen Herausforderungen und was ihm die Stücke – oft auch aus privaten Gründen – bedeuten.

„Auf die Frage, was Lieder wohl sein könnten, würde ich spontan antworten: Sie sind eine vokale Form der Kammermusik, und sie repräsentieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik, in der gesungenen Musik.“

(S.134)

Er verknüpft Autobiografisches, beschreibt Schlüsselszenen und -werke seiner Sängerkarriere und lässt die Leserschaft tief in seine persönliche Denkweise als Künstler und Sänger eintauchen. Sein tiefes Verständnis und seine umfassende Erfahrung gerade mit dem Liedrepertoire durchdringen das Werk und machen es zu etwas Besonderem – denn selten teilt ein Sänger so unmittelbar mit seinem Publikum, was im Vorfeld eines Konzerts, beim Zusammenstellen des Programms, den Proben und dem Üben im stillen Kämmerchen passiert.

Gerhaher beschreibt viele Werke, die für ihn von besonderer Bedeutung sind sehr ausführlich: vor allem zahlreiche Lieder und Liederzyklen von Schumann (wie z.B. die „Myrthen“), die ihm besonders am Herzen liegen, aber auch Schubert-Lieder, Modernes von Wolfgang Rihm und sogar einen Ausflug in die Opernwelt mit Mozart’s Don Giovanni, den er näher beleuchtet.

Gerade aber die autobiografischen Bezüge, mit denen er die Werke in seinen persönlichen Kontext setzt, machen für mich jedoch den besonderen Reiz des Buchs aus und hätten für meinen Geschmack gerne noch umfangreicher ausfallen dürfen. Ich finde es charmant, wenn der gebürtige Straubinger über sein Kinoerlebnis mit dem Film „Avatar“, seine Beziehung zu Gummibärchen oder die gemeinsame, langjährige Zusammenarbeit mit seinem Pianisten und Freund Gerold Huber erzählt. Auch die Beschreibungen herausragender Konzerte und Schlüsselerlebnisse in seiner Sängerkarriere sind faszinierend und hochinteressant zu lesen.

„Mein Schwur damals: Wenn überhaupt singen, dann nur gut; der Wille allein könne nicht zählen.“

(S.268)

Die Intimität und Intensität eines Liederabends und die besondere Herausforderungen für den Künstler, der sich ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Kulissen hinter nichts verstecken kann, habe ich bei meinen Besuchen stets auch als Zuschauer als besondere Leistung empfunden.

„Und ich dachte wie immer, wenn ich in Liederabenden Zuhörer bin: Mein Gott, ist das schwierig – wie kann man sich zutrauen, so einen ganzen Abend mit sich selbst zu sein, wie kann man da ruhig stehen, wie kann es sein, dass einem nicht die Knie so wackeln, dass man keinen geraden Ton herausbringt…“

(S.90)

Die Lektüre hat mir jedoch die Augen geöffnet, wie viel Vorbereitung in einem Liederabend steckt: in den Überlegungen zur Zusammenstellung des Programms, in der musikalischen Ausgestaltung – über welche Feinheiten, Interpretationsmöglichkeiten und Nuancen sich Christian Gerhaher und Gerold Huber Gedanken machen, bevor sie sich zu zweit auf die Bühne begeben.
So werde ich zukünftige Liederabende sicherlich noch einmal mit anderen Augen und unter anderen Gesichtspunkten sehen und noch mehr zu schätzen wissen.

Christian Gerhaher hat sich mit seinem Lyrischen Tagebuch sicherlich nicht an eine breite Masse von Leserinnen und Lesern gewendet, vielmehr richtet sich sein tiefgründiges, anspruchsvolles, intelligentes Werk an Fachleute oder ein musikinteressiertes Publikum mit gewisser Vorbildung und dem Interesse für musikalische und künstlerische Hintergründe.

Das Sachbuch enthält zahlreiche Notenbeispiele und fundierte Anmerkungen. Das verwendete Fachvokabular und manche Formulierungen erfordern konzentriertes Lesen. Als passionierte Musikliebhaberin – jedoch Laiin ohne Musikstudium – hat mich die Lektüre gefordert – an manchen Stellen zugegebenermaßen auch überfordert – doch auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe, möchte ich die Lektüre nicht missen. Denn die Ausführungen haben meinen Horizont erweitert, mir klar gemacht, wie Kunst entsteht und haben mir Einblick in eine neue Gedankenwelt gewährt.

Kaum ein Sänger hat sich in den letzten Jahrzehnten mit solcher Hingabe und über einen solch langen Zeitraum hinweg so intensiv dem Liedgesang gewidmet wie Christian Gerhaher – mit dem lyrischen Tagebuch teilt er nun seine ganz persönliche Sicht und seine umfassende Erfahrung mit der geneigten Leserschaft. Ein Geschenk, das dazu einlädt ins Konzert zu gehen, sich Lieder anzuhören, bestimmte Stellen und Passagen nachzuhören und im Buch mitzulesen und nachzuschlagen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christian Gerhaher, Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-78423-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Gerhaher’s „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“:

Für den Gaumen:
Gummibärchen scheinen für Christian Gerhaher eine Versuchung darzustellen. Denn auch in einem Fragebogen des C.H.Beck Verlags beantwortet er die Frage: Was nehmen sie sich immer wieder vor? mit „Keine Gummibärchen mehr“.

Zum Weiterhören:
Auf meine persönliche „Das möchte ich mir mal genauer anhören“-Liste sind vor allem die „Myrthen“ von Robert Schumann gewandert – der Liederzyklus, den der Komponist seiner Braut Clara Wieck widmete und zur Hochzeit schenkte.

Zum Weiterschauen:
Christian Gerhaher beschreibt seinen Kinobesuch der 3D-Version von „Avatar“ als ganz besonderes Ereignis und Erlebnis – die eindrucksvollen Bilder haben offenbar viele Assoziationen ausgelöst.

Zum Besichtigen bzw. für einen Ausflug:
Christian Gerhaher stammt aus Straubing. Er beschreibt im Buch, dass die Gemälde in der Totentanz-Kapelle (Seelenhaus-Kapelle) auf dem Straubinger Friedhof St. Peter eine besondere Bedeutung für ihn haben. Auf der Website der Pfarrei gibt es Fotos, die einen ersten Eindruck vermitteln. Unter anderem auch genau von jenem Gemälde, das Gerhaher beschreibt:

„In meiner Heimatstadt Straubing gibt es auf dem Friedhof St. Peter eine gotische „Totentanz-Kapelle“ – raumgreifend barock ausgemalt, nur mit Totentanz-Themen, eine kunsthistorische Einmaligkeit. (…) Am eindrücklichsten war dabei für mich, wie dem Bauern, der mit der Sense das reife Korn mäht, der Knochenmann, gleichfalls mit der Sense, von hinten das Bein abzuschneiden im Begriff ist.“

(S.113)

Zum Weiterlesen:
Eines der Bücher, die Gerhaher in seinem Lyrischen Tagebuch erwähnt, ist ein Werk Adalbert Stifters: „Die Mappe meines Urgroßvaters“. Ich persönlich kannte und kenne das Werk, das 1841 erschienen ist, bisher nicht.

Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters
Reclam
ISBN: 978-3150079638

La Divina – ganz menschlich

Als ich von Eva Baronsky’s Roman „Die Stimme meiner Mutter“ erfahren habe, war für mich sofort klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen möchte. Aus mehreren Gründen: Aus Liebe zur Oper weckt ein Roman über eine berühmte – wenn nicht die berühmteste – Opernsängerin aller Zeiten – Maria Callas natürlich sofort mein Interesse. Zum zweiten war ich vor vielen Jahren sehr begeistert von Eva Baronsky’s „Herr Mozart wacht auf,“ das mich köstlich unterhalten hat.

Bereits der Titel gibt einen entscheidenden Hinweis auf die raffinierte und ungewöhnliche Erzählperspektive, welche Eva Baronsky für dieses Buch über ein sehr privates Kapitel aus dem Leben der großen Maria Callas ausgewählt hat.
Erzählt wird von Omero, dem ungeborenen Kind von Maria Callas und Aristoteles Onassis. Dieser blickt aus der fiktiven Perspektive des Sohnes auf die außergewöhnliche Liebesgeschichte seiner Eltern und offenbart so sehr private, intime Momente dieser Beziehung, welche selbst den allgegenwärtigen und sensationslüsternen Paparazzi verborgen geblieben waren.
Ein Blickwinkel, in welchen man sich schnell einliest und der diesem Roman einen ganz besonderen Dreh verleiht.

Im Jahr 1959 ist Maria Callas in vielerlei Hinsicht mit ihren Kräften am Ende. Ihre Gesundheit und ihre unvergleichliche Stimme lässt sie teilweise in entscheidenden Momenten im Stich. Die Opernszene, das Publikum und die Medien reagieren ungnädig und offenbaren wenig Verständnis für die schwächelnde Diva. Die Ehe mit dem viele Jahre älteren Giovanni Battista Meneghini, der zugleich ihr Manager ist, kriselt ebenfalls.

Im Sommer 1959 nimmt das Ehepaar die Einladung des milliardenschweren Reeders Aristoteles Onassis zu einer Mittelmeerkreuzfahrt auf seiner Luxusyacht Christina an. Zu den illustren geladenen Gästen an Bord zählen auch Winston Churchill und seine Gattin Clementine. Diese schicksalsträchtigen drei Wochen auf See zwischen Nizza und Istanbul werden das Leben der Callas für immer verändern und in die Geschichte eingehen. Sie bilden das Kernstück in Eva Baronsky’s Roman.

Sie gewährt ihrer Leserschaft intime Einblicke in die aufflammende Affäre der beiden Weltstars der damaligen Zeit. Sie lässt uns Zeuge werden, wie Maria Callas den Avancen ihres griechischen Landsmannes nachgibt und sich rettungslos in ihn verliebt – all das vor den Augen der jeweiligen Ehepartner und den weiteren Passagieren an Bord.

Baronsky zeigt Callas vordergründig nicht als die große Operndiva, sondern als Frau mit ihren Sorgen und Sehnsüchten. Es ist die private, weibliche Seite des Weltstars, die sich geschmeichelt fühlt von der Aufmerksamkeit dieses durchsetzungsstarken und attraktiven Mannes, mit dem sie die griechischen Wurzeln verbinden, der für sie erfrischend wenig Interesse und Verständnis für die Oper mitbringt und sich auch für die Seiten hinter der Fassade des Opernstars zu interessieren scheint.

„Sie hätte ihm etwas über Hingabe erzählen können, über die Herausforderung, schwierigste Partien mit größter Leichtigkeit zu singen und gleichzeitig eine Rolle zu verkörpern; über Verantwortung einem Werk und einem Komponisten gegenüber, über physische Kraft, die das Singen und die Kontrolle über die Stimme erforderten, und manchmal auch das Tragen der Kostüme. Aber sie lächelte nur milde und schwieg, denn all das betraf die Callas. Meine Mutter hatte an diesem Abend nur den Wunsch, eine Frau zu sein.“

(S.81/82)

Die Umstände für die Liebesbeziehung der beiden könnten kaum schwieriger sein. Beide sind mit anderen Partnern verheiratet, stehen im Licht der Öffentlichkeit und unter der ständigen Beobachtung durch die Paparazzi. Zudem scheinen sich auch die Erwartungen, was die Zukunft betrifft, zu unterscheiden.

„Die Kabine meiner Mutter war besonders geräumig und nach der Insel Ithaka benannt. Mein Vater rühmte sich gern damit, welche Berühmtheiten schon darin geschlafen hatten. Eine Aufzählung, die meine Mutter nicht stolz, sondern eher ein bisschen traurig machte, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Ihre Seele wäre leichter davongekommen, wenn er ihr eine nur für sie bestimmte Kabine in seinem Leben eingerichtet hätte, (…)“

(S.100)

Natürlich wissen wir heute, wie sich diese Geschichte weiterentwickelt hat und dass den beiden leider kein gemeinsames Happy end beschieden war, aber Baronsky hat mit ihrem Roman eine faszinierende und bewegende Erzählung aus dieser bekannten Liebesgeschichte gemacht. Zarte und kraftvolle Momente wechseln sich ab und „Die Stimme meiner Mutter“ ist ein berührender Roman mit großen Gefühlen und Emotionen. Der Mensch bzw. die Frau Maria Callas steht im Mittelpunkt und man leidet und bangt mit ihr und wünscht ihr nichts mehr, als dass all ihre Hoffnungen und Sehnsüchte sich erfüllen mögen.

Und so ist Baronsky’s Buch nicht als Biografie zu lesen – auch wenn natürlich zahlreiche Aspekte der Lebensgeschichte anklingen – sondern vielmehr als gefühlvolle und intensive Liebesgeschichte, die eine weltbekannte Persönlichkeit in völlig neuem Licht erstrahlen lässt. Einfach wunderschön.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem beim Leseschatz und bei BR Klassik.

Mit Eva Baronsky’s „Die Stimme meiner Mutter“ habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 14) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Theater/Oper eine Rolle spielt lesen. Auch wenn mehr das Privatleben im Mittelpunkt steht – ist ein Buch über Maria Callas immer auch eines über die Oper.

Buchinformation:
Eva Baronsky, Die Stimme meiner Mutter
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0005-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Baronsky’s „Die Stimme meiner Mutter“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch verbindet Maria Callas und Aristoteles Onassis aufgrund ihrer Wurzeln auch die Liebe zu griechischem Essen – so zum Beispiel zu Saganaki.

„Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, denn tatsächlich war der in der Pfanne gebratene Schafskäse einer der Gründe, warum sie als junge Frau so unfassbar dick gewesen war.“

(S.40)

Zum Weiterhören (I) oder für einen Opernbesuch:
Bis heute sind zahlreiche Aufnahmen bestimmter Opernarien von Maria Callas unsterblich geworden. Die mit 91 Aufführungen am häufigsten von ihr verkörperte Rolle war mit Abstand die „Norma“ von Vincenzo Bellini. Die Arie „Casta Diva“ wird für immer mit „La Divina Callas“ untrennbar verbunden bleiben.

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Im Buch wird erwähnt, dass Aristoteles Onassis Maria Callas zum ersten Mal als „Medea“ auf der Bühne erlebte und sie ihn so faszinierte, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben eine Oper bis zum Ende ansah. Die Oper von Luigi Cherubini wurde durch Maria Callas erst wirklich populär.

Zum Weiterlesen:
Mit an Bord der Yacht sind auf der schicksalsträchtigen Reise im Jahr 1959, welche das Kernstück des Romans bildet, auch Winston Churchill und seine Gattin „Clemmie“ – Clementine Churchill. Über diese faszinierende Frau, habe ich letztes Jahr einen Roman auf der Kulturbowle vorgestellt: Marie Benedict’s „Lady Churchill“ – ebenfalls eine lohnende Lektüre.

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Weihnachtsbowle 2021

Das letzte Türchen des Adventskalenders ist geöffnet und auch dieses Jahr möchte ich all jenen, die ihren Weg auf meine Kulturbowle gefunden haben und mich auf meinem Blog begleiten von ganzem Herzen frohe Weihnachten und schöne Feiertage wünschen. Nehmt Euch die Zeit für die Menschen und die Dinge, die Euch wichtig sind und am Herzen liegen, passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Ich möchte Euch aber nicht in die Weihnachtszeit entlassen ohne ein paar Kulturtipps, die ich zusammengestellt habe. Vielleicht ist ja das eine oder andere für Euch dabei und versüßt Euch ebenfalls die Zeit zwischen den Jahren, die wir erneut am besten ohnehin zu Hause verbringen sollten.

Das Landestheater Niederbayern – das Stadttheater meiner Heimatstadt – hat dieses Jahr ein ganz besonderes, digitales Weihnachtsgeschenk in der theatereigenen Mediathek bereitgestellt. Ab heute steht das diesjährige Kinderstück „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler als digitale Vorstellung – kostenlos (gerne gegen eine freiwillige Spende) in der Mediathek zum Abruf bereit (online verfügbar bis 9. Januar 2022). Das freut mich sehr, haben mich doch die Bücher und Figuren von Otfried Preußler wie der Räuber Hotzenplotz, das kleine Gespenst oder eben die kleine Hexe schon in meiner Kindheit begleitet – sicherlich ein Vergnügen für Groß und Klein bzw. die ganze Familie.

Das Theater Nikola Landshut hat im letzten Jahr einen Weihnachtsgeschichten-Klassiker zum Hören aufgezeichnet, der auf YouTube abrufbar ist. Wer sich 12 Minuten Zeit nehmen und in Weihnachtsstimmung versetzen lassen möchte, kann sich hier die besinnliche, festliche Geschichte „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry anhören.

Der Bayerische Rundfunk veröffentlicht jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit großartige Hörbiografien von Komponisten. Dieses Jahr steht Dmitri Schostakowitsch im Mittelpunkt – als Sprecher sind Udo Wachtveitl und Ulrich Matthes zu erleben. Da ich schon Julian Barnes’ Buch „Lärm der Zeit“ über Schostakowitsch großartig fand, möchte ich mir unbedingt die Zeit nehmen, mir die Folgen, die auf der Website von BR Klassik zur Verfügung stehen, anzuhören.

Ein wunderbarer Pflichttermin ist alljährlich das traditionelle Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker auf ARTE (am 31.12.21 ab 18.35 Uhr), das auch dieses Jahr von Kirill Petrenko geleitet wird. Solistin ist heuer die Violinistin Janine Jansen. Ich freue mich sehr auf ein ansprechendes Programm unter dem Motto „Wiener Melodien und Kaffeehaus-Klänge“ mit Max Bruch’s erstem Violinkonzert und weiteren Werken von Richard Strauss, Fritz Kreisler, Erich Wolfgang Korngold und Maurice Ravel.

Musikalisch ins neue Jahr starten werde ich am 1. Januar 2022 mit dem Neujahrskonzert aus dem Teatro La Fenice in Venedig, das ebenfalls auf ARTE übertragen wird (ca. 18.15 Uhr). Als Solisten treten dieses Jahr die von mir sehr geschätzte Pretty Yende und Tenor Brian Jagde auf. Für Opernfans kann so das neue Jahr schon gut und schwungvoll beginnen.

Wer hingegen ein Freund der großen, traditionellen Weihnachts-Mehrteiler im Fernsehen ist, könnte Anfang Januar auf seine Kosten kommen: in ZDF und ORF2 wird am 3./4. und 5. Januar 2022 jeweils um 20.15 Uhr vermutlich große Show geboten: „Der Palast“ (u.a. mit Svenja Jung, Anja Kling und Heino Ferch) stellt den Berliner Friedrichstadt-Palast und eine deutsch-deutsche Geschichte ins Zentrum des Geschehens.

Wie Ihr seht, ist die kulturelle Szene keineswegs im Winterschlaf, sondern hat weiterhin viel Schönes für uns zu bieten. Viel Spaß und vielleicht war ja die eine oder andere Anregung für Euch dabei.
Genießt die Feiertage bei gutem Essen, schöner Musik und mit guten Büchern!
Bleibt gesund, offen, neugierig, interessiert und zuversichtlich!

Sunshine in Stuttgart

Es geschieht vermutlich eher selten, dass man eine Biografie über jemanden liest, den man nicht kennt, von dem man bisher nichts wusste. Doch wie viel Freude eine solche Lektüre machen kann und wie sehr einem der Mensch im Mittelpunkt des Buchs ans Herz wachsen kann, durfte ich bei Susanne Wiedmann’s „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“ erfahren. Ein herzerwärmendes, lichtdurchflutetes und hoffnungsfrohes, gewinnendes Buch, das in leuchtenden Farben das Leben eines besonderen Menschen erzählt.

1944 geboren und aufgewachsen ist George Bailey als Kind einer PoC-Familie in Denver in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Großvater George Morrison war ein berühmter Musiker und Komponist (sein Flügel steht heute als Erbstück in Bailey’s Wohnung) – die Liebe zur Musik wurde ihm gleichsam in die Wiege gelegt.

Schon früh zieht es den kleinen George ans Klavier, doch auch für Mode kann er sich begeistern. Nach der High School beginnt er in New York am Fashion Institute of Technology zu studieren, verlässt dieses jedoch ohne Abschluss und geht zur Army. Durch Glück und die Beziehungen seines Großvaters entkommt er dem Einsatz im Vietnamkrieg. Stattdessen tourte George Bailey mit dem 7th Army Soldiers Choir als Pianist durch Europa – er kam als Soldat nach Deutschland und blieb.

Nach der Zeit bei der Army und kurzen Zwischenstopps in London und Paris, schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und arbeitete in einer Heidelberger Jeans-Boutique. Ein Zettel mit einer Telefonnummer sollte 1972 sein Leben verändern: es war die Telefonnummer für ein Klaviervorspiel beim Stuttgarter Ballett. Manchmal sind es die kleinen Momente, die über ein ganzes Leben entscheiden.

John Cranko – der damalige Ballettdirektor entdeckte und engagierte ihn. Er erkannte das Potenzial in ihm und gab ihm den Spitznamen Sunshine, der all das zu beinhalten scheint, was Freunde und Weggefährten an George Bailey schätzen: seine Wärme, seine Ausstrahlung, seinen Optimismus, seine Energie und seine positive Lebenseinstellung.

Zunächst arbeitete er als Korrepetitor des jungen Stuttgarter Ballettensembles – der Noverre-Kompanie – und musste in der ersten Zeit hart arbeiten. Üben, üben, üben und viel lernen, hatte er doch keine klassische Klavierausbildung vorzuweisen wie die meisten seiner Kollegen.

„Ich habe so getan, als ob ich Ahnung hätte, aber ich hatte keine Ahnung. Das Leben ist eine Show. Wir sind alle Spieler auf einer großen Bühne. Da habe ich Korrepetitor gespielt. Zum Glück ist es gut gegangen, und irgendwann bin ich wirklich einer geworden.“

(S.86)

Doch schnell wurde er zum Liebling des Balletts, stieg auf zum Korrepetitor der Haupttruppe. Viele renommierte Künstlerpersönlichkeiten wie John Cranko, John Neumeier und Marcia Haydée arbeiteten am liebsten mit ihm. War er im Probensaal anwesend, herrschte gute Laune, eine herzliche Atmosphäre und die Künstlerinnen und Künstler liebten seine Musik, sein Gespür für das richtige Stück zur richtigen Zeit. Denn schnell entwickelte er das Verständnis für die Bedürfnisse einer Ballettkompanie und wie er die Tänzerinnen und Tänzer musikalisch tragen und am besten unterstützen konnte. So erklang auch immer mal wieder Bobby McFerrin’s „Don’t worry, be happy“ im Training und versüßte den anstrengenden und fordernden Probenalltag des Balletts.

Doch auch sein eigenes Bühnentalent wurde entdeckt und schon bald durfte er auch selbst kleine Nebenrollen in Inszenierungen übernehmen, später sogar selbst choreografieren. Ein reiches, buntes und erfülltes Künstlerleben, das Bailey stets mit seiner positiven Haltung und viel Freude an Kunst und Musik geliebt und genossen hat. Noch heute steht er gerne auf der Bühne – wenn es die Pandemie zulässt. Seine Weihnachtskonzerte waren legendär.

Die Biografie beleuchtet seine Familiengeschichte, seinen Werdegang, seine Lebensumstände und gibt trotz aller Sonne auch den Schattenseiten einen gewissen Raum: Szenen, in welchen er aufgrund seiner Hautfarbe oder sexuellen Orientierung Diskriminierung und Rassismus erleben musste.

Ein großer Fokus liegt aber auch auf dem künstlerischen Schaffen, erfolgreichen Inszenierungen, in welchen er entweder in der Vorbereitung oder teils sogar selbst als Darsteller auf der Bühne mitwirkte. Man bekommt Einblicke in den Probenalltag, blickt hinter die Kulissen des Ballettbetriebs und liest interessiert, wie über so manche Ballettlegende aus dem Nähkästchen geplaudert wird.

So wie George Bailey einen großen Anspruch auf ein gepflegtes Äußeres und gute Kleidung legt, so viel Liebe legt der Kröner Verlag auch stets in die Aufmachung seiner Bücher: die gebundene Halbleinenausgabe mit Lesebändchen ist edel gestaltet und ein Blickfang im Bücherregal.

Susanne Wiedmann, die als Kulturjournalistin für den Südwestfunk arbeitete und nun Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen ist, lässt in ihrer Biografie neben George Bailey selbst, der zudem auf seine persönlichen Tagebücher zurückgreifen konnte, auch viele WeggefährtInnen und KünstlerfreundInnen zu Wort kommen, die deutlich machen, wie beliebt er bei seinen Kolleginnen und Kollegen war. Die Tänzerinnen und Tänzer waren seine Kinder und seine Familie. Die glückliche Beziehung zu seinem Partner und heutigen Ehemann musste Bailey lange Zeit geheim halten und im Verborgenen leben, da sie unter anderem negative Konsequenzen für die berufliche Karriere seines Gatten fürchteten. Selbst vor seiner geliebten Mutter hat er seine Liebe bis zu ihrem 80. Geburtstag geheim gehalten.

Der Blick hinter die Kulissen des Ballettbetriebs, das Berufsbild des Korrepetitors mit seinen vielfältigen Aufgaben – das ist faszinierend zu lesen und ich habe viel Neues erfahren. Ich bin keine Ballettexpertin, viele der Namen sagten mir ehrlich gesagt vor der Lektüre nichts und dennoch hat mich diese Biografie wirklich berührt und sehr für sich eingenommen.
Ballettfans werden an dieser Biografie natürlich ebenso ihre Freude haben, wie Menschen, die sich für inspirierende und bewegende Lebensgeschichten begeistern.

Ein lebensbejahendes Buch voller Sonne und Herzenswärme – das liebenswerte Lebensportrait einer wunderbaren Künstlerpersönlichkeit und eines außergewöhnlichen Menschen. So hat man am Ende der Lektüre Sonne im Herzen – auch wenn es draußen grau und verregnet ist – und das Gefühl, einen besonderen Menschen kennengelernt zu haben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susanne Wiedmann, Cranko, Haydée – und ich, George Bailey
Kröner
ISBN: 978-3-520-75801-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susanne Wiedmann’s „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“:

Für den Gaumen:
George Bailey sorgte sich auch stets um das leibliche Wohl der ChoreographInnen, Tänzer und Tänzerinnen und verwöhnte sie mit Nervennahrung und Stärkung in Form von Süßigkeiten oder Petits fours.

Zum Weiterhören (I) oder Weiterschauen:
George Bailey erhielt als Botschafter von Neapel eine aktive Rolle in der Stuttgarter Inszenierung von Tschaikowski’s Ballett „Schwanensee“ – ein Part auf der Bühne, den er 25 Jahre lang verkörperte und mit seiner besonderen Aura ausfüllte.

Zum Weiterhören (II):
Bei seinen legendären Stuttgarter „George’s Christmas Parties“ – leider konnte ich keine Aufnahme von George Bailey im Netz finden – spielte er gemeinsam mit Musikerfreunden auch Negro Spirituals und Gospels, zum Beispiel „This Little Light of Mine“, „Wade in the water“ oder den Evergreen „Ol’Man River“ aus dem Musical Show Boat.

12.12. – Weihnachtskonzert | Adventüden — Irgendwas ist immer

Vergiss die Partitur nicht!«, die Stimme seiner Frau klang aus der Küche hinaus in den Flur. Er war nicht unglücklich, das kulinarische Schlachtfeld für eine Weile verlassen zu können – überall roch es nach Marzipan und Keksen, im Ofen meinte er Bratäpfel gesehen zu haben. Für ihn wären die obligatorischen Würstel mit Kartoffelsalat am Heiligabend, […]

12.12. – Weihnachtskonzert | Adventüden — Irgendwas ist immer

Heute ist es Zeit für einen Ausflug auf etwas anderes Terrain – Kreativbowle quasi:

Ich freue mich sehr, dass ich dieses Jahr zum ersten Mal mit einem Beitrag bei einem besonderen Adventskalender auf Christiane’s Blog „Irgendwas ist immer“ dabei sein darf – den Adventüden. Zum vollständigen Text gelangt man beim Klick auf den obigen Link (oder hier). Meine Adventüde habe ich hoffnungsvoll Ende August 2021 verfasst. Leider hat sich mein literarischer Weihnachtswunsch dieses Jahr noch nicht erfüllt. Daher wünsche ich allen Chören, Orchestern und Musikerinnen und Musikern viel Durchhaltevermögen und Zuversicht für die kommende Zeit!

Euch allen einen schönen, dritten Adventssonntag! Bleibt gesund!

Novemberbowle 2021 – Laubrascheln und Schmökerstunden

Der November machte sich dieses Jahr keine Mühe, um mit untypischem Wetter zu überzeugen. Vielmehr erfüllte er meist das Klischee, hatte viel Nebel und Grau im Angebot und am Ende sogar ein kleines bisschen Schnee. Dennoch gab es Gelegenheiten zu Spaziergängen durch raschelndes Herbstlaub und vor allem auch lange Leseabende zu Hause. Die Corona-Lage bereitet leider erneut sehr große Sorgen und auch für die Kultur steht wieder ein harter Winter ins Haus.

Doch im November hatte ich noch die Möglichkeit, zwei Ausstellungen in Landshut zu sehen:

In der Neuen Galerie Landshut durfte ich in der Ausstellung „Ungesehen – Venske & Spaenle“ (22.10. – 14.11.21) sogenannte Smörfs aus Laaser Marmor des Künstlerehepaares Julia Venske und Gregor Spänle kennenlernen. Weiße Marmorwerke, die an kleine Wesen erinnern und mich in gute Laune versetzten.

Nachdenklicher stimmte mich die aktuelle Ausstellung im Landshuter Koenigmuseum „9/11 und die Koenig Kugel“ (11.09.21 – 11.02.22), welche Fritz Koenig’s bekanntestes Werk – die große Kugelkaryatide vor dem World Trade Center, welche den Anschlag beschädigt überlebte – in den Mittelpunkt stellt, aber auch Kunstwerke anderer Künstler zum Thema 9/11 – anlässlich des 20. Jahrestages – in Kontext mit dem Werk des Bildhauers setzt.

Der November war für mich ein richtiger Schmökermonat. Mit einigen Büchern knapp an die 500 und mehr Seiten, großartigen historischen Romanen und winterlicher Lektüre habe ich zahlreiche Stunden und viele lange, dunkle Abende gemütlich eingekuschelt in einer Decke auf der Couch verbracht. Von dort reiste ich quasi klimaneutral ins Berlin der Zwanziger Jahre, nach Kalmar in Schweden, an den New Yorker Broadway, ins Rom der Renaissance, an den Küstenpfad entlang der Südwestküste Englands, ins Elsass, ins neblige Essex, zu Polarlichtern und ins norwegische Gudbrandsdalen nach 1900. Man könnte sagen, ich bin ganz schön herumgekommen diesen Monat.

Einblicke ins Leben der jüdischen Malerin Lotte Laserstein und ihres Lieblingsmodells Traute Rose bot mir Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“. Literarisch mehr über die Lebensgeschichte und das Werk eines Künstlers zu erfahren, ist immer reizvoll und bei der Verbindung von Kunst und Literatur kann ich sowieso nur selten widerstehen.

Leider nicht ganz meine – wohl zu hohen – Erwartungen erfüllen konnte Ethan Hawke’s Theaterroman „Hell strahlt die Dunkelheit“. Die Geschichte über einen Filmschauspieler, der in einer Ehe- und Lebenskrise steckt und eine Nebenrolle am New Yorker Broadway im Shakespeare Stück „Heinrich IV.“ annimmt, hatte für meinen Geschmack zu viel Fokus auf „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ und zu wenig auf den wirklich interessanten Schilderungen des Theaterbetriebs. Mit den Figuren in Hawke’s Roman wurde ich persönlich leider nicht so richtig warm. Eine ausführliche und positiv überraschte Rezension zum Buch findet man hingegen bei Sören Heim.

Ein richtig toller Schmöker war für mich Michael Römling’s historischer Roman „Mercuria“, der mich abtauchen ließ ins Rom der Renaissancezeit und mir wirklich fesselnde Lesestunden bescherte. Ein grandioser Schauplatz, ein spannender Plot und sympathische Figuren – das war ein opulentes Lesevergnügen ganz nach meinem Geschmack und wie geschaffen für die dunkle Jahreszeit.

Eine außergewöhnliche und inspirierende Lektüre war Raynor Winn’s „Der Salzpfad“. Dieser Reisebericht, in welchem sie die Wanderung auf dem Küstenpfad entlang der Südwestküste Englands gemeinsam mit ihrem schwerkranken Mann beschreibt, nachdem sie alles verloren und obdachlos geworden waren, ist ein ganz besonderes Leseerlebnis, das erdet und demütig macht und trotzdem einen ungezähmten Optimismus versprüht.

Müsste ich einen heimlichen Favoriten dieses Monats küren, wäre es – trotz starker Konkurrenz – vermutlich Pascale Hugues‘ „Mädchenschule“. Die Journalistin, die nach einigen Jahrzehnten ihre Klassenkameradinnen von 1968 wiedertrifft, die sich damals in ihrem Poesiealbum verewigten, und so die Geschichte einer ganzen Frauengeneration erzählt – ein warmherziges, grandioses und für mich unvergessliches Buch!

Noch einmal in die Abteilung historische Romane griff ich mit Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ – einer meiner Regalschlummerer, der schon länger bei mir wartete und für den jetzt endlich die richtige Zeit gekommen war. Preisgekrönt und mit einem zweifellos zeitlosen Thema: Wissenschaft und Glaube versus Aberglaube. Aktueller geht wohl kaum und doch spielt der Roman in Großbritannien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Perfekt in die Jahreszeit passte die Lektüre von Katherine May’s „Überwintern. Wenn das Leben innehält“, in welchem sie beschreibt, dass Menschen häufiger in ihrem Leben Phasen des Winters durchleben, der bei ihr im übertragenen Sinn für große Krisen, Umbrüche oder Schicksalsschläge im Leben steht. So schildert sie, wie man diesen Lebensphasen begegnen und was man sich hierfür auch aus der Natur und der Tierwelt abschauen kann. Anhand ihres Lebens zeigt sie beispielhaft auch Verhaltensweisen und Wege auf, um gesund bzw. gestärkt durch und aus dem Winter zu kommen. Positiv und wärmend gerade in diesen Zeiten!

Und wenn wir schon bei der Kälte sind: Lars Mytting’s zweiter Band der Schwesterglocken-Trilogie „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ ist erschienen, den ich nach „Die Glocke im See“ unbedingt sofort lesen wollte. Der Leser erfährt, wie es im norwegischen Gudbrandsdalen mit Pfarrer Schweigaard, der Glocke im See und der nächsten Hekne-Generation weitergeht. Ein ideales Winterbuch!

Viele Bücher, die mich wirklich begeistert haben und ein wirklich starker Lektüre-November, bevor es jetzt im Dezember auf die letzte Leseetappe im Jahr 2021 geht.

Seit langen gab es auch wieder einmal ein Hörerlebnis auf der Kulturbowle und nostalgische Gefühle kamen im November nicht nur bei der Neuauflage von „Wetten, dass“ mit Thomas Gottschalk, sondern eben auch beim Hören der brandneuen Hörspielproduktion des Theater Nikola Landshut von Edgar Wallace „Der Hexer“ auf – spannendes Theater für die Ohren auf CD und somit für die Couch zu Hause.

Zwei Bildungslücken im Filmbereich konnte ich auf ARTE mit den Klassikern „Tod in Venedig“ von Luchino Visconti und Alfred Hitchcock’s „Der unsichtbare Dritte“ schließen. Als ebenso sehenswert habe ich jedoch den deutschen Fernsehfilm „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ (2021) empfunden, der für den 3sat-Publikumspreis nominiert war und die Anfänge der friedlichen Revolution in Leipzig Ende der Achtziger Jahre aus der Sicht eines jungen Paares beschreibt, das sich zunächst in einer Umweltgruppe engagiert und sich unter dem Schutz der Kirche gegen die Umweltverschmutzung und die Zerstörung der Natur einsetzt. Bis zum 20.02.2022 ist der Film noch in der 3sat-Mediathek verfügbar.

Ein wunderschöner Höhepunkt diesen Monat war auch mein Losglück und der damit verbundene Gewinn auf Manuela Mordhorst’s schönem Blog, der mir ein goldenes Glänzen in Form einer wunderschönen Kunstkarte nach Hause zauberte. Hier seht Ihr das Prachtstück, das ich persönlich viel zu schade zum Versenden finde und das daher demnächst gerahmt einen Platz in meinem Zuhause finden wird. Nochmals vielen lieben Dank, Manuela! Und daher mache ich jetzt ausnahmsweise sehr gerne auch einmal unbezahlte *Werbung* für Manuela Mordhorst’s Kunstblog, dem es sich aufgrund ihrer eindrucksvollen – meist von der Natur inspirierten – Gemälde in prachtvollen Farben zu folgen lohnt, und für ihren Shop, in welchem man neben diesen glanzvollen Karten auch kleinere Gemälde erwerben kann.

Karte: Manuela Mordhorst; Foto: Kulturbowle

Und so bot der November trotz aller schlechten und traurigen Nachrichten sowie all der grauen Tage doch auch Schönes und so manchen Lichtblick, auch wenn es kulturell wieder eine schwierige Zeit werden wird.

Was bringt der Dezember?
Viel Zeit zu Hause, Kontakte reduzieren, lange Winterspaziergänge, gutes Essen und gute Bücher. Plätzchen essen, Adventsstimmung mit Kerzenlicht und schöner Musik schaffen und hoffen, dass die Corona-Maßnahmen greifen und sich die Lage in den Krankenhäusern hoffentlich wieder verbessert.

Zu meinem Heimattheater werde ich über den Adventskalender auf der Homepage des Landestheater Niederbayern Verbindung halten, der hinter den 24 Türchen Einblicke ins Theatergeschehen und hinter die Kulissen gewährt.
Zudem gibt es als Weihnachtsüberraschung einen Krimipodcast des Theaters – „Flashback“ – in drei Folgen, die jeweils an den Weihnachtsfeiertagen (25. / 26. und 27. Dezember 2021) freigeschaltet werden. Spannend!

Im ARTE-Programm habe ich eine interessante Dokumention über Albrecht Dürer entdeckt, die ich mir vorgemerkt habe: „Dürer“ wird am Samstag, den 4. Dezember um 20.15 Uhr auf ARTE ausgestrahlt.

Das Bücherregal ist – wie unschwer zu erahnen ist – gut gefüllt und hält auch wieder viel Schönes für lange Leseabende bereit.

Ich wünsche Euch einen ruhigen, besinnlichen und vor allem gesunden Dezember sowie eine schöne Adventszeit. Für Weihnachtswünsche ist es noch zu früh. Macht das Beste aus der Situation, passt auf Euch auf und bleibt zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight November:
Bevor die klassische Lebkuchen und Plätzchen-Zeit begonnen hat, gab es dennoch seelentröstendes Gebäck – einen Hauch Skandinavien und etwas Hygge für zu Hause: selbstgebackene Zimtschnecken. Für eine schwedisch inspirierte Fika (Pause) mit Kaffee oder Tee sind Zimtschnecken der ideale Begleiter.

Musikalisches im November:
Der Advent hat dieses Jahr bereits im November begonnen und somit gab es auch schon das erste Adventskonzert im Fernsehen, welches ich traditionell gerne ansehe und zwar das aus der Dresdner Frauenkirche. Leider pandemiebedingt wieder ohne Publikum in der Kirche, dafür mit sehr schöner Musik von Sopranistin Katharina Konradi, Tenor Jonathan Tetelman, Pianist Lang Lang, Organist Samuel Kummer, dem Dresdner Kreuzchor, sowie dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Petr Popelka. Besonders faszinierend und für mich neu war der Psalm 24 „La terre appartient à l’Eternel“ der Komponistin Lili Boulanger und sehr berührend auch das von Katharina Konradi gesungene „Pie Jesu“ aus Gabriel Fauré’s „Requiem“ zum Gedenken an die durch Corona Verstorbenen.
In der ZDF Mediathek ist das Konzert noch bis zum 28.05.2022 kostenlos abrufbar.

„Kann man überhaupt jemals genug Erinnerungen haben?“

(aus Raynor Winn „Der Salzpfad“ – S.309)