Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914

Spannung, Spiele und Salzburg

Am 17. Juli haben die Salzburger Festspiele klassisch und traditionell mit einem „Jedermann“ begonnen. Bis zum 31. August ist die Stadt an der Salzach jetzt wieder Bühne für Oper, Theater, Musik und Kultur. Festspielzeit in Salzburg ist auch in Manfred Baumann’s neuestem Krimi „Salzburgsünde“, dem mittlerweile bereits neunten Band aus der Reihe um Kommissar Merana – in diesem Fall handelt es sich jedoch um die Osterfestspiele.
Salzburg ist immer eine Reise wert und so war dieser Krimi für mich eine willkommene Gelegenheit, das zumindest literarisch von zu Hause aus – ohne touristisches Gewusel und Gedränge in der Getreidegasse – ganz entspannt zu tun.

Auch der neunte Merana hat wieder alles, was zu einem klassischen Regionalkrimi dazugehört:
Eine Leiche – in diesem Fall eine ziemlich alte, denn auf dem Kapuzinerberg wird ein Skelett bzw. ein Totenschädel gefunden, der zu einer Frau gehört, die bereits vor 65 Jahren verschwunden ist. Ob da wohl noch ein Täter ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann?
Einen sympathischen Kommissar mit dunklen Flecken in der Vergangenheit – Martin Merana, der bereits auf tragische Art und früh zur Waise wurde und bei seiner Großmutter aufgewachsen ist, die er daher über alles liebt.
Politische und persönliche Verstrickungen, denn schon bald stellt sich heraus, dass Merana die Tochter des Opfers kannte und daher ein ganz besonderes Interesse daran hat, den Fall zu lösen.
Den traditionellen Besuch im Stammlokal „Da Sandro“, wo man sich stets mit bester italienischer Kost, Pasta und Wein um das leibliche Wohl des Kommissars kümmert.
Und natürlich viel Salzburger Lokalkolorit: So erfährt man dieses Mal etwas über die Osterbräuche, wie das Ratschen und taucht ab in das Geschehen rund um die Osterfestspiele. Gemeinsam mit Merana besucht man eine Aufführung des Parsifal von Richard Wagner.

„Er schrieb oft im Kopf sein völlig eigenes Libretto. Oder, besser ausgedrückt, viele Fußnoten, Anmerkungen, Ermittlerfragen zum Libretto. Er konnte einfach nicht anders. Er war und blieb Kriminalpolizist.“

(S.51)

Zudem wandert man mit ihm zum Fundort der Leiche auf den Kapuzinerberg und genießt die Aussicht…

„Wie immer, wenn er heraufkam, wollte er den verschwenderisch pompösen Ausblick genießen. Er trat an die Mauer, atmete tief durch. Der Anblick war schier unbeschreiblich. Er schaute hinüber zum Mönchsberg. Dort dominierte das Prunkstück der gesamten Szenerie: die Festung. Ihr zu Füßen ruhte die Stadt mit Häusern, Kirchen, spektakulären Dachlandschaften. Dazwischen wand sich der Fluss, das Silberband der Salzach. Ein wahres Schmuckstück bot sich seinen Augen, ein Juwel zwischen den Stadtbergen.“

(S.79)

Der Fall der vor langer Zeit verschwundenen Lehrerin, die bei ihren Schülern sehr beliebt war, bekommt bald schon zusätzliche aktuelle und politische Brisanz.
Dass der Kommissar plötzlich auch in höchsten Industriellenkreisen und in einem potenziellen Umweltskandal ermittelt, missfällt zudem seinem Vorgesetzten und so muss er auf dem glatten Parkett der Salzburger High Society sein diplomatisches Geschick beweisen. So wandelt sich der vermeintliche „cold case“ schnell zu einer heißen Angelegenheit, die Merana schließlich selbst in Gefahr bringt…

Ich mag diesen Merana, flaniere gerne mit ihm durch Gassen, genieße Kunst und Kultur und verstehe seine Vorliebe für den Lieblingsitaliener um die Ecke – dass ich bei jedem Fall wieder ein klein wenig mehr über Salzburg erfahre, das zeichnet diese Krimis für mich aus.
Liebhaber blutrünstiger Spannungsliteratur oder Fans vertrackter Psychothriller, die das Blut in den Adern gefrieren lassen, sollten wohl besser die Finger von Manfred Baumann’s Büchern lassen. Wer aber Salzburg liebt, gerne im Café Tomaselli sitzt und seinen Verlängerten, eine Melange oder einen Einspänner trinkt, hin und wieder mit Genuss eine Mozartkugel isst, gerne Konzerte oder Opern besucht und dann noch ein Faible für klassische Regionalkrimis hat, der wird seine Freude haben und Kommissar Merana ins Herz schließen.

Den ersten Fall von Kommissar Merana „Jedermanntod“ kaufte ich vor einigen Jahren im Buchladen am Salzburger Hauptbahnhof vor der Heimfahrt nach einem herrlichen, entspannten Tag in der Stadt als Andenken und gleichsam als willkommene Verlängerung des schönen Aufenthalts. Seitdem bin ich auch mit weiteren Bänden der Reihe durch die Krimilektüre immer wieder gerne ins schöne Salzburg zurückgekehrt – zumal gerade der Lokalkolorit und die kulturellen Ausflüge in die Musik-, Theater- und Opernwelt für mich den Charme dieser Bücher ausmachen.
Gerade neu erschienen war „Salzburgsünde“ daher für mich eine willkommene, entspannte und unterhaltsame Sommerlektüre.

Die Lust auf die Salzburger Festspiele ist auch geweckt, daher noch ein paar Tips bzw. Termine:
Am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr ist auf ARTE (oder ORF2) Mozart’s „Don Giovanni“ aus dem Großen Festspielhaus zu erleben (Regie: Romeo Castellucci; Musikalische Leitung: Theodor Currentzis).

Samstag, den 21. August 2021 um 22.15 Uhr strahlt 3sat die diesjährige Neuinszenierung von Luigi Nono „Intolleranza 1960“ unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher aus.

Alle, die ORF empfangen können, haben am Freitag, den 27. August 2021 um 20.15 Uhr auf ORF2 die Möglichkeit Anna Netrebko als Puccini’s „Tosca“ zu sehen – Ehemann Yusif Eyvazov gibt den Cavaradossi und Ludovic Tézier singt den Baron Scarpia.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Manfred Baumann, Salzburgsünde
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0075-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Manfred Baumann’s „Salzburgsünde“:

Für den Gaumen:
Im Rahmen seiner Ermittlungen verschlägt es Merana auch an den nahegelegenen Fuschlsee, wo er die Möglichkeit nutzt, um exquisit zu speisen: auf der Tageskarte steht ein Filet vom Seesaibling mit Paprikapolenta.

Zum Weiterhören:
Baumann stellt gerne Opern oder Theaterstücke ins Zentrum seiner Krimis – während der Festspiele scheint ja ganz Salzburg eine Bühne zu sein. So hieß unter anderem der Auftakt der Reihe „Jedermanntod“, ein späterer Band „Zauberflötenrache“. In „Salzburgsünde“ ist das beherrschende Stück Richard Wagner’s Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das Kommissar Merana während der Osterfestspiele besuchen darf (zum Hineinhören bietet sich der „Karfreitagszauber“ an).

Zum Weiterlesen:
Meine allererste Rezension auf der Kulturbowle war dem Salzburg-Roman von Opernstar Rolando Villazón „Amadeus auf dem Fahrrad“ gewidmet – eine wahre Liebeserklärung an Salzburg, die Musik, Mozart, die Oper und die Kunst – ein Buch ganz nach meinem Geschmack und ein würdiger Auftakt für meinen Blog (vor mittlerweile nicht ganz einem Jahr).

Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

Ein Stück vom Himmel

Freiluftaufführungen haben ein ganz besonderes Flair. Wenn das Wetter mitspielt, sind sie unglaublich stimmungsvoll. Doch manchmal wirft man auch immer wieder skeptische Blicke zum Himmel und sendet so manches stille Gebet zum heiligen Petrus, dass alles gut über die Bühne geht und das Wetter hält.
Bei der Premiere des musikalischen Heurigenabends „Zur fesch’n Wirtin“ in Landshut hatte Petrus ein Einsehen und bis auf ein paar (absolut verschmerzbare) Regentropfen zwischendurch war alles wunderbar.

Das Musiktheaterensemble des Landestheater Niederbayern aus Passau zauberte eine schwungvolle, amüsante und kurzweilige Aufführung auf die Freiluftbühne im Prantlgarten, die einem urigen Heurigenlokal nachempfunden war. Mit großer Spielfreude und bestens aufgelegt zündeten sieben Gesangssolisten des Ensembles begleitet durch die „Generalschrammelmusi“ unter der Leitung des GMD Basil H. E. Coleman am Flügel ein wahres Feuerwerk der bekanntesten und beliebtesten Wiener Lieder und Operettenmelodien garniert mit nahezu komödiantisch-kabarettartigen Einlagen.

Die Wirtin Josepha alias Mezzosopranistin Reinhild Buchmayer heißt unterstützt von ihrem Oberkellner Leopold und dem Hilfskellner Schani eine illustre Runde von Gästen in ihrem Wiener Heurigenlokal „Zur fesch’n Wirtin“ willkommen.

Da ist der Stammgast Pepi: Bariton Peter Tilch, der neben seinen schönen, solistisch dargebotenen melancholischen Wiener Liedern (wie zum Beispiel „Wann der Herrgott net will“ oder dem Hobellied) auch den ganzen Abend an der Klarinette, dem Saxophon und der Gitarre als Instrumentalist im Einsatz und voll gefordert war.

Seine Begleitung Stanzi – alias Claudia Bauer – die er aufgrund des hinreißenden Charmes der Wirtin manchmal jedoch sträflich vernachlässigte, wirbelte im Pünktchen-Petticoat-Kleid mit mädchenhafter Leichtigkeit über die Bühne und konnte in witzigen Nummern wie „Wie man eine Torte macht“ oder „Heut’ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wean“ auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen.

Ewelina Osowska als Mitzerl, die sich im Laufe des Abends von der verhuschten Putzfrau zum heißen Feger mausert, war nicht nur an der Violine im Einsatz, sondern interpretierte auch große Sopranpartien, wie zum Beispiel die Arie der Adele aus der Fledermaus „Spiel ich die Unschuld vom Lande“.

Daniel Preis alias Ferdl – der jugendliche Liebhaber des Abends – konnte als temperamentvoller und leidenschaftlicher Verehrer der Damenwelt voll und ganz überzeugen und auch sein Auftritt als „gschupfter Ferdl“ mit Brillantinentolle und „grün und gölb gestreifte Socken“ wird mir unvergessen bleiben.

Für lustige, komödiantische Momente sorgten aber auch die koreanischen Kollegen Bass Heeyun Choi bzw. Heinzi und Bariton Kyun Chun Kim – auch Kurti genannt. Letzterer sprach mit seiner Arie aus der Operette Giuditta von Franz Lehár den Menschen mit seinem vollen Klang – hier steht er dem legendären Richard Tauber in nichts nach – aus der Seele:

„Freunde, das Leben ist lebenswert“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

An einem solchen Abend mit schöner Musik unter freiem Himmel und solchen Sängern möchte man am Ende mit voller Überzeugung mit einstimmen:

„Das Leben ist schön, so schön!“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

Ganz groß aber auch die Bass-Nummer „I was born under a wandering star“, in welcher Heeyun Choi sein unfassbares Stimmvolumen unter Beweis stellen konnte.

Neben allem Klamauk bescherten mir die beiden aber auch den Gänsehautmoment des Abends mit einem wunderschönen, getragenen Lied aus ihrer koreanischen Heimat: „Arirang“.

Doch auch die Wirtin Josepha – absolut authentisch und liebreizend verkörpert durch die gebürtige Salzburgerin Reinhild Buchmayer – durfte mit etlichen Stücken und unter anderem dem auf den Leib geschriebenen „Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein“ die Männer auf der Bühne und das Publikum verzaubern.

Heurigencharme, Weinseligkeit, Wirtshausgeschichten und viel schöne Musik, ein spritziger Abend voller Leichtigkeit, einem Schuss Wiener Melancholie und einem bestens gelaunten Ensemble, das den Funken von der Bühne auf die Besucher überspringen ließ. Ein wohltuender Schritt zurück in ein hoffentlich wieder mögliches Theaterleben.

Und so wird neben dem musikalischen Vergnügen auch der folgende Spruch des Abends im Gedächtnis bleiben:

„Wenn dir das Leben eine Zitrone schenkt, dann leg ein Wiener Schnitzel drunter.“

Regisseurin Margit Gilch hat einen zauberhaften und runden Abend zusammengestellt, der allen Sängerinnen und Sängern ermöglichte, sich in tollen Liedern von ihrer Schokoladenseite zu zeigen und zu glänzen. Die Stücke waren perfekt gewählt und durch die lustige Rahmenhandlung, gelungene Gags und eine ordentliche Portion Wiener Schmäh durfte das Publikum einen heiteren und beschwingten Abend verbringen. Klatschen, mitwippen, mitsingen und ein wenig Schunkeln – ein gutgelauntes Publikum belohnte das Ensemble am Ende mit begeistertem Applaus.

Die Spielzeit 2020/2021 des Landestheater Niederbayern – die zum allergrößten Teil ja leider nur digital stattfinden konnte – geht mit diesem schönen, glücklich machenden Musikabend versöhnlich und mit einem Lichtblick zu Ende. Live-Theater hat nichts von seiner Faszination und Schönheit eingebüßt, hoffen wir also, dass wir nach der Sommerpause im Herbst auch wieder in den Genuss von spielenden und singenden Menschen auf unseren Bühnen kommen können.

Gesehen am 9. Juli 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Zur fesch’n Wirtin“ ist in dieser Spielzeit noch heute und morgen Abend in Landshut zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Zur fesch’n Wirtin“:

Für den Gaumen:
Die Vorankündigung versprach einen weinseligen Abend. Ein Versprechen, das gehalten wurde. Zum Heurigen passt klassisch ein Grüner Veltliner oder ein Gemischter Satz aus Österreich. Und für die gute Unterlage entweder eine zünftige Jaus’n oder doch ein Wiener Schnitzel?

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Bei so vielen Liedern und Operettenarien fällt eine Auswahl oder ein besonderer Tip wirklich schwer. Mit den Operetten „Im weißen Rössl“ oder „Der Fledermaus“ geht man aber in aller Regel fröhlich pfeifend, summend und gut gelaunt aus dem Theater.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich das genussvolle Buch des Kochs Vincent Klink „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ hier auf meinem Blog vorgestellt. Wer also neben dem Wiener Heurigen noch gerne weitere kulinarische und kulturelle Tips zur österreichischen Hauptstadt haben möchte, der kann hier fündig werden:

Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663

Junibowle 2021 – Mittsommer und Lichtblicke

Der Juni wartete mit heißen Sommertagen, heftigen Gewittern und Unwettern auf, aber er bot auch Mittsommerstimmung, lange, helle Tage und erste Lichtblicke im kulturellen Bereich. So konnte ich seit langem endlich (!) wieder einmal Live-Theater im Freien genießen (meinen begeisterten Bericht zum Alpen-Rustical Der Watzmann ruft! im Landshuter Prantlgarten findet ihr hier zum Nachlesen.)

Ein Fixstern in meinem jährlichen Kulturkalender ist in der Regel auch das Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker, das ich zwar noch nie live vor Ort erlebt habe, aber schon viele Jahre begeistert vor dem Fernsehschirm verfolge. Auch dieses Jahr merkte man dem Publikum die große Freude über dieses besondere Live-Erlebnis an und es war schön, in die glücklichen Gesichter der Zuschauer und Musiker blicken zu können. Die Mischung aus Filmmusik, Martin Grubinger’s Percussion-Künsten, Gershwin, Bernstein und der „Berliner Luft“, die nie fehlen darf, war stimmungsvoll und sehenswert (in der ARD mediathek ist das Konzert noch bis zum 26.08.21 kostenlos verfügbar).

Und auch eine gestreamte Oper meines Heimattheaters konnte mich im Juni begeistern: Mit Antonio Vivaldi’s „Herkules am Thermodon“ brachte das Landestheater Niederbayern die deutsche Erstaufführung dieser Oper, die erst in den letzten Jahren rekonstruiert wurde, auf die Bühne. Eine unterhaltsame, kurzweilige Barockoper und eine wirkliche Rarität, die mir einen schönen Opernabend auf meiner Couch bescherte. Bis zum 13. Juli 2021 besteht noch die Möglichkeit, sich dieses ganz besondere Opernerlebnis in der Mediathek des Landestheaters Niederbayern (kostenfrei – gerne gegen eine freiwillige Spende) anzusehen. Auch die kurze Werkeinführung im Gespräch mit dem GMD Basil H. E. Coleman in der Mediathek ist sehr interessant.

Aber auch meine Juni-Lektüre war sehr vielseitig und wenn ich so auf die gelesenen Titel blicke waren diesen Monat wirklich viele großartige Bücher dabei, die mir lange in Erinnerung bleiben werden:

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne einen Maigret-Krimi – im Juni hatte mich meine literarische Reise an die Côte d’Azur zu Georges Simenon’s „Maigret in der Liberty Bar“ greifen lassen. Ein Buch, in dem nicht nur der Ermittler in Urlaubsstimmung gerät, sondern auch der Leser.

Venedig und Sizilien sind die Schauplätze in Wolfgang Schorlau’s und Claudio Caiolo’s „Der Tintenfischer“ – der zweite Fall für Commissario Morello behandelt brisante Themen und lässt dennoch auch dem italienischen Lokalkolorit viel Raum.

Ein richtig opulenter Schmöker für den Liegestuhl war Madeline Miller’s „Ich bin Circe“, der bei mir verschüttetes Wissen über die Welt und Figuren der griechischen Sagen und Mythologie wieder aufgefrischt hat. Faszinierend, wie modern man die Geschichte der Zauberin Circe auch heute noch erzählen kann.

Meine Europabowle oder Literarische Europareise führte mich ebenfalls nach Griechenland auf ein Landgut nahe Athen: Margarita Liberaki’s Roman „Drei Sommer“ aus dem Jahr 1946, der in Griechenland bereits als Klassiker gilt und jetzt als deutsche Übersetzung vorliegt, erzählt die Geschichte dreier Schwestern, die mit völlig unterschiedlichen Erwartungen und Einstellungen an das Leben und die Liebe jeweils ihren Platz im Leben suchen. Eine feine, intelligente Sommerlektüre.

Völlig hin und weg war ich von Judith Fanto’s Debütroman „Viktor“, der auf kluge und sehr humorvolle Art die Geschichte der jüdischen Generation erzählt, welche den Holocaust nicht mehr selbst erlebt hat und häufig gegen das Schweigen in der eigenen Familie ankämpft. Ein grandioses Buch, das mit Witz, Charme, tollen Figuren und einer wichtigen Aussage ganz klar zu den Lesehöhepunkten in diesem Jahr zählen wird. Ein Werk, das Kultur, Musik und Literatur zelebriert und so ganz nach meinem Geschmack ist.

Als sehr lohnens- und empfehlenswert stellte sich auch die Lektüre eines norwegischen Klassikers heraus: Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ – der erste Teil ihrer nobelpreisgekrönten Trilogie über eine starke und eigenwillige Frau im Mittelalter erwies sich in der zeitgemäßen Neuübersetzung von Gabriele Haefs als intensive Lektüre mit einer feinen Figurenzeichnung und ausdrucksstarken Landschaftsbeschreibungen der norwegischen Natur.

Besondere Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen, aber vor allem auch das Meer in all seinen Facetten prägten auch den Roman „Der dunkle Sog des Meeres“ der kanadischen Autorin Roxanne Bouchard, der auf der Gaspésie-Halbinsel in der französischsprachigen Provinz Québec spielt. Eine erfahrene Seglerin kommt ums Leben und ihr Tod gibt dem Ermittler und gebürtigen Mexikaner Joaquín Morales einige Rätsel auf, die es zu lösen gilt.

Absolut fasziniert hat mich der schmale, aber ungemein erfüllende Band „Ein Monat in Siena“ des pulitzerpreisgekrönten, libyschen Autors Hisham Matar. Wie er über seine Liebe zur Kunst, über Gemälde, die Stadt Siena, seine Mitmenschen und das Leben schreibt, verzaubert und lässt sich in Kürze schwer in Worte fassen (aber ich werde bald ausführlicher berichten) – am besten liest man es einfach selbst und genießt es.

Es gibt Krimi-Reihen, die ich aus liebgewordener Tradition lese und bei welchen ich keinen Band verpasse. Dazu gehört die Bruno-Reihe von Martin Walker und so war auch der gerade als Taschenbuch erschienene Fall „Connaisseur“ eine sommerliche Krimi-Pflicht-Lektüre, die mich wieder einmal ins Périgord führte. Ein Wiedersehen mit bekannten, liebgewonnenen Figuren, aber für mich zählte dieser nicht unbedingt zu den stärksten Bänden der Reihe.

Ein besonderes Schmankerl und sehr unterhaltsames Sommerbuch beschloss meinen reichen Lese-Juni: Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“. Die Frauenrechtlerin und Großmutter Katja Mann’s hat ein luftig-leichtes und doch auch tiefgründiges Werk geschaffen, das die Sommerfrische in einem Ostseebad auf Usedom um die Jahrhundertwende auf herrlich amüsante Art verewigt hat. Ursprünglich 1909 erschienen, gibt es nun eine schön gestaltete Neuausgabe der Büchergilde aus der Reihe „Büchergilde unterwegs“ (auch hierzu in Bälde mehr).

Viele Bücher mit sommerlichem und Urlaubs-Charakter und vielleicht ist ja auch die eine oder andere Anregung fürs Urlaubsgepäck oder den heimischen Liegestuhl dabei.

Was wird der Juli bringen?
Unbedingt nochmal Live-Theater (am allerliebsten bei gutem Wetter wieder im Freien) mit einem weinseligen Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ des Passauer Musiktheaterensembles – bei Sommerwetter und einem kühlen Glas Wein sicher ein Genuss.

Im Fernsehen besteht die Möglichkeit auch ohne Eintrittskarten die beiden Konzerte der Reihe „Klassik am Odeonsplatz“ zu sehen:
Am 10. Juli spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gemeinsam mit der Cellistin Sol Gabetta ein schönes Programm mit Debussy, Schumann und Strawinsky, auf das ich mich schon freue: zu sehen live im BR Fernsehen und auf 3Sat (ab 21.15 Uhr).
Am 17. Juli um 20.15 Uhr zeigt 3Sat (und ZDF am 09.07. ab 22.30 Uhr) eine Aufzeichnung des Konzerts vom 09. Juli mit den Münchner Philharmonikern und der Pianistin Yuja Wang, die unter anderem das zweite Klavierkonzert von Rachmaninov interpretieren wird.

Lektüretechnisch bin ich – wie unschwer zu erkennen ist – ohnehin bereits in bester Sommerlaune und auch die Indiebookchallenge im Juli lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag, das nach Sommer schmeckt (#Sommerbuch) – ich habe meine Wahl schon getroffen, das Buch liegt (neben einigen anderen) bereit, um gelesen zu werden und ich werde berichten.

Ich wünsche allen einen schönen, sommerlichen Juli zum Durchatmen, Sonne und Energie tanken mit viel Lebensfreude, schönen kulturellen Erlebnissen und guten Büchern!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Juni:
Die Walderdbeeren-Ernte aus dem eigenen Blumenkasten hat begonnen. Es ist immer wieder unglaublich, welch intensives Aroma in den kleinen Früchtchen steckt und ein Genuss, sich diese auf der Zunge zergehen zu lassen.

Musikalisches im Juni:
Schwungvoll, gut gelaunt und großartig auf die Berliner Waldbühne passte die Ouvertüre zu Leonard Bernstein’s Operette „Candide“ – basierend auf Voltaire’s satirischem Roman „Candide oder der Optimismus“. Wer sie nicht kennt, unbedingt mal reinhören – vielleicht kommt sie einem dann doch bekannt vor.

Maibowle 2021 – Regentropfen und Grünexplosion

Der Mai war regenreich und ließ die Natur in einer saftigen Üppigkeit grünen und gedeihen, die herrlich anzuschauen ist. Das Sommergefühl wollte sich jedoch noch nicht einstellen. Vielmehr blieb an Regentagen auch weiterhin viel Zeit zum Lesen und so ist wieder ein ordentlicher Stapel zusammengekommen.

Zudem habe ich auch wieder ein paar schöne kulturelle Streamingangebote wahrgenommen, aber Gott sei Dank zeigen sich jetzt auch erste Hoffnungsschimmer am Horizont, dass zukünftig auch wieder Live-Erlebnisse in Theatern und Konzertsälen möglich sein werden.

So waren zum Beispiel in der Münchner Staatsoper bei der konzertanten Aufführung des ersten Akts von Richard Wagner’s „Walküre“ mit Starbesetzung (Lise Davidsen, Jonas Kaufmann und Georg Zeppenfeld) auch wieder Zuschauer im Nationaltheater. Welch tolles Gefühl, wenn am Ende wieder der gebührende Applaus erklingt – das gibt auch zu Hause auf der Couch gleich wieder ein anderes Gefühl.

Humorvolle Leichtigkeit versprühte die Operette „Gräfin Mariza“, die in einem Livestream der Oper Leipzig im Mai online zu erleben war. Amüsant und ironisch nahm die Inszenierung auch die aktuelle Situation aufs Korn, als das sich in der corona-konformen Inszenierung findende Pärchen plötzlich feststellte:

„Jetzt müssten wir uns eigentlich umarmen und küssen. Jedenfalls haben wir das früher so gemacht. Das war eine schöne Zeit.“

(aus „Gräfin Mariza“ in der Inszenierung der Oper Leipzig; Livestream 08.05.21)

Und auch die Semperoper Dresden feierte mit Richard Strauss’ „Capriccio“ die Oper in einer schönen Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog mit einem großartigen Georg Zeppenfeld als Theaterdirektor La Roche und Camilla Nylund als Gräfin Madeleine. Auch die weiteren Rollen sind unter anderem mit Christa Mayer und Daniel Behle erstklassig besetzt. Dieser Musikgenuss und zugleich „Oper über die Oper“ ist noch bis zum 14.07.21 in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) kostenfrei abrufbar.

Kultur und Kunst spielte aber auch in meiner Mai-Lektüre eine große Rolle:
So gewährte mir gleich der Kunst-Krimi von Bernhard Jaumann „Caravaggios Schatten“ zu Monatsbeginn einen tieferen Einblick in das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio und unterhielt mich mit einem spannenden Fall des Artnapping, in welchem die Kunstdetektei Schleewitz in Potsdam und München ermittelt.

Als facettenreich und zeitgeschichtlich sehr interessant entpuppte sich Christoph Peters’ „Dorfroman“, der vor dem Hintergrund der Anti-Atomkraft-Proteste gegen den schnellen Brüter am Niederrhein viele Themen anpackt: Entwurzelung der jungen Generation, der Wandel der Bedeutung der Kirche, zunehmende Individualisierung und ein abnehmendes Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft.

Susanna Clarke’s „Piranesi“ ließ mich dagegen etwas zwiegespalten zurück: Zu Beginn fand ich den experimentellen, phantasievollen Roman durchaus interessant und ich las ihn in einer gewissen ständigen Habachtstellung und mit großer Aufmerksamkeit, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen. Ein ständiges Rätseln um tiefere Bedeutung und philosophische Interpretation, das ich am Ende für mich jedoch nicht zufriedenstellend auflösen konnte. Ausführliche Besprechungen zum Roman gibt es unter anderem bei Bingereader, letusreadsomebooks und notizhefte.

Erfreulich war, dass ich meine literarische Europareise bzw. Europabowle mit Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“ fortsetzen konnte und zwar nach Rumänien in die Hauptstadt Bukarest. Eindringlich beschreibt die Autorin, welche Auswirkung das politische System und die Diktatur auf die privaten Schicksale und Lebensläufe der Menschen über lange Zeit hatte. Eine intensive, kluge und fordernde Lektüre, in der man viel über die Geschichte Rumäniens erfahren kann.

Literarische Theatermomente bescherte mir Cora Sandel’s Roman „Café Krane“ aus dem Jahr 1945, der den Leser in ein nordnorwegisches Städtchen in den Zwanziger Jahren entführt. Eine kammerspielartige Szenerie, die ausschließlich in einem Kaffeehaus spielt und in konzentrierter Form ein Gesellschaftsbild dieser Zeit entwirft. Eine wirkliche Entdeckung!

Zu meinen Lieblingen in diesem Monat zählte jedoch auch ganz klar der Sardinien-Krimi von Gesuino Némus „Die Theologie des Wildschweins“. Es ist herzerfrischend wie im Sommer 1969 der Dorfpfarrer, der zugezogene Piemonteser Polizist und Außenseiter gemeinsam mit dem Dorfpolizisten und dem Tierarzt einen Kriminalfall in einem sardischen Bergdorf lösen. Viel Lokalkolorit und sommerliche Urlaubsstimmung, die mich beim Lesen in nachhaltig gute Laune versetzt hat.

Eine völlig andere Lektüre, aber ein großer Lesehöhepunkt war für mich Hildegard E. Keller’s „Was wir scheinen“ – der Roman, in dem sie Hannah Arendt während eines Urlaubs am Ende ihres Lebens im Tessiner Tegna auf die bedeutsamen Stationen und die wichtigen Menschen in ihrem Leben zurückblicken lässt. Ein intensiver, intelligenter und empfindsamer Roman, der mich tief berührt hat.

Ein außergewöhnliches und sehr inspirierendes Buch war für mich Doris Dörrie’s „Leben Schreiben Atmen“ – das eine Einladung und eine Aufmunterung darstellt, sich doch selbst im Schreiben und auch im autobiographischen Schreiben zu versuchen. Zugleich geht sie mit gutem Beispiel voran und erzählt in kurzen Kapiteln sehr persönliche Momente, Kindheitserinnerungen und Schlüsselereignisse aus ihrem Leben. Stilistisch hervorragend eingefangene Skizzen über geliebte Menschen, Szenen der Trauer und des Verlusts, aber auch des Glücks – die gesamte Gefühlspalette gebannt in einem schmalen, aber um so intensiveren Buch, das wirklich Lust macht, sich auch selbst einmal – wenn auch nur für sich persönlich – ans Schreiben zu wagen.

Bei all dem Regen im Mai drängte sich unweigerlich ein Titel auf, der in meinem Regal schlummerte: Sigrid Damm’s „Sommerregen der Liebe“, in welchem sie neben 231 abgedruckten Originalbriefen von Goethe an Charlotte von Stein auch die komplizierte Liebesbeziehung der beiden näher beleuchtet und geschichtlich einordnet. Berührende Liebesbriefe zu lesen und zugleich viel über Goethes Zeit in Weimar zu erfahren, das war ein Sommerregen, den ich nicht nur ertragen, sondern sogar genießen konnte.

Doch nach dem Regen ging es an die Côte d’Azur: Und zwar gleich mit zwei spannenden Titeln: Zum einem mit dem gerade frisch erschienenen Sachbuch von Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal“, welches die Geschichte des mondänen Küstenabschnitts erzählt und anhand des legendären Hotels in Juan-les-Pins von den illustren Gästen, der Künstlerszene, aber auch davon erzählt, wie sich der Charakter der Orte, der Tourismus und die wirtschaftlichen Folgen über die Jahrzehnte verändert haben.
Zum anderen mit einem Reiseführer der anderen Art aus dem Jahr 1931 von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“. Eine süffige, ironisch-spritzige Lektüre, die man auch heute noch uneingeschränkt genießen kann, selbst wenn beschriebene Hotels und Restaurants teils nicht mehr existieren und noch Preise in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind.

Was wird der Juni bringen? Hoffentlich Live-Theater und Musik im Freien, etwas wärmere Temperaturen und sommerliche Lektüre – bei mir liegt schon einiges an Lesestoff bereit.

Die Indiebookchallenge im Juni lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben A im Titel (#TitelOhneA) – ich habe mir schon etwas ausgewählt und werde berichten.

Der Juni ist da und ich wünsche uns allen, dass der Sommer jetzt bald kommt und wir dann auch gut in und über den Sommer kommen!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Mai:

Wie bereits vorab angekündigt steht der Mai bei mir im Zeichen von Erdbeeren und Spargel. Und gerne auch öfter und immer wieder: Erdbeeren und Spargel. So gut, so einfach und jetzt ist die Zeit dafür.

Musikalisches im Mai:
Als Zugabe nach dem ersten Akt der Walküre im Münchner Nationaltheater sang der Bass Georg Zeppenfeld die Arie des Morosus „Wie schön ist doch die Musik“ aus Richard Strauss’ Oper „Die schweigsame Frau“ – ein wunderschönes Stück mit einer wichtigen Botschaft am Ende:

„Wie schön ist doch das Leben,
Aber wie schön erst,
Wenn man kein Narr ist
Und es zu leben weiß!“

(Stefan Zweig aus dem Libretto der Oper „Die schweigsame Frau“)

Impressionen aus dem Mai:

Aprilbowle 2021 – Blütenzauber und Neuentdeckungen

Im April hat sich nach anfänglich klassisch-wechselhaftem Aprilwetter dann doch der Frühling endlich Bahn gebrochen. Es blüht und grünt in voller Pracht und beim Spazierengehen kann man einen wahren Blütenzauber genießen. Für mich präsentierte sich der Monat vielseitig mit guten Büchern und einigen musikalischen Livestreams, die ein paar schöne Neu- oder Wiederentdeckungen für mich bereithielten.

„Schicksalsfäden sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

(aus „Der Ring an einem Abend“ von Loriot)

Wie schon in den vergangenen Monaten waren und sind wir kulturell immer noch auf Digitales angewiesen, so konnte ich mich unter anderem über einen schönen Wagner-Abend der Leipziger Oper freuen, die mit einem tollen Ensemble Loriot’s „Der Ring an einem Abend“ auf die Bühne und die Bildschirme zauberte.
Loriot’s humorvolle Texte begleiteten mich dann auch noch weiter im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, den das Münchner Gärtnerplatztheater als Livestream zur Verfügung stellte.

Wer einen spannenden Theaterabend zu Hause verbringen möchte, dem kann ich „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in der Mediathek des Landestheater Niederbayern empfehlen – ein packendes, düsteres Kammerspiel, das Terrorismus und Wirtschaftskriminalität thematisiert und hervorragend inszeniert und schauspielerisch umgesetzt ist. Fesselnd und packend – ein eindrucksvolles Stück, das einen auch danach noch lange beschäftigt.

Filmisch hat mich im April vor allem „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta fasziniert, der auf ARD Alpha gezeigt wurde, da sich der Eichmann-Prozess zum 60. Mal jährte. Zudem ist der neu erschienene Roman „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt aktuell in aller Munde, den ich auch bald lesen möchte.

Literarisch präsentierte sich der April für mich ebenso schillernd und farbenprächtig wie die Natur vor der Haustür:
Den Auftakt machte der schmale Band „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, der mir in einer schönen illustrierten Ausgabe der Büchergilde ein kurzes, aber beglückendes Lesevergnügen bereitet hat. Der Roman über die Queen, die inspiriert durch einen Besuch im Bücherbus ihre Lust am Lesen entdeckt und nach und nach ihre royalen Pflichten vernachlässigt, um ihrem neuen Laster frönen zu können, ist für alle Bücherliebhaber und Literatursüchtige eine amüsante Lektüre.

Fernweh und die Sehnsucht nach der Nordsee, versuchte ich mit Günter Wendt’s Regio-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ zu stillen, der auf der fiktiven Hallig Grienoog seinen Kommissar Kollerup in einem Mordfall ermitteln lässt. Mit dem Erholungseffekt einer tatsächlichen Reise an die Küste konnte er es aber natürlich nicht aufnehmen.

Geschichtlich interessant und spannend erzählt ist der neue Roman von Marie Benedict „Lady Churchill“, der die starke Frau an Winston Churchill’s Seite Clementine Churchill aus dem Schatten ihres Mannes ins Licht holt. Ein lesenswertes Buch über eine emanzipierte, gebildete und beachtenswerte Frau.

Eine großartige Neuentdeckung für mich war die Wiederentdeckung der Autorin Rumer Godden durch den Kampa Verlag mit der neuen Ausgabe von „Unser Sommer im Mirabellengarten“ (Originaltitel: „The Greengage Summer“, 1958). Ein unvergleichlich schönes, atmosphärisches Sommerbuch, das mich durch die eindrucksvolle Sprache, faszinierende Charaktere und den gelungenen Spannungsbogen durchwegs begeistert hat. Eine große Leseempfehlung!

Britta Röder’s „Das Gewicht aller Dinge“ ist ein kleiner, feiner Roman, der auf intensive Art und Weise verdeutlicht, worauf es im Leben ankommt und dass es gut tut, Gutes zu tun. Die mysteriöse Geschichte der jungen Frau, die barfuß in einem leichten Kleid auf einer Parkbank erwacht und nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, gibt dem Leser einige Rätsel auf.

Inspiriert durch einen schönen Livestream bzw. ein Couch-Konzert der Band Quadro Nuevo zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla, das auf YouTube noch zur Verfügung steht und das dem argentinischen Tango Nuevo huldigt, habe ich mich an einen Regalschlummerer erinnert und endlich „Das Bandoneon“ von Hans Meyer zu Düttingdorf gelesen. Ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte einer Deutschen erzählt, die 1927 aufgrund ihrer Heirat mit einem Argentinier auswandert und sich in Argentinien unsterblich in einen Tangomusiker verliebt.

Timon Karl Kaleyta erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ und erinnerte mich damit an eine moderne Fassung des „Hans im Glück“, dem zunächst ohne großes Zutun vieles zufliegt, um es dann letztlich doch wieder zu verlieren. Flüssig zu lesen, aber der letzte Funke ist bei mir leider nicht ganz übergesprungen.

Kein Monat ohne Krimi und daher ließ ich mich von Luca Ventura in seinem zweiten Band um den Polizisten Enrico Rizzi „Bittersüße Zitronen“ nach Capri entführen. Urlaubsflair und italienisches Lebensgefühl gemischt mit einem klassischen Krimi-Plot und kulinarischen Anklängen – ein Buch das mir Spaß gemacht und Entspannung geboten hat.

Meine hohen Erwartungen konnte Steffen Kopetzky’s „Monschau“ in jeder Form erfüllen. Ein großartiger Roman, der die Geschehnisse 1962 in dem kleinen Ort in der Eifel thematisiert, als dort die Pocken ausbrachen, welche ein rückkehrender Dienstreisender aus Indien mitgebracht hatte. Deutsche Zeitgeschichte gepaart mit einer feinen Liebesgeschichte, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe und die mit großer Wahrscheinlichkeit zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres zählen wird.

Ein wenig mehr oder etwas Anderes hatte ich mir hingegen von Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ erwartet. Vier Manager (drei Männer und eine Frau) stellen sich in einem Hotel einem Auswahlverfahren, wer die zukünftige Firmenleitung einer Agentur übernehmen soll. Eine Ausnahmesituation, in welcher jeder versucht, seine persönlichen Schwächen und Abgründe vor den anderen zu verbergen und die zunehmend eskaliert. Ein psychologisches Kammerspiel in Romanform, ein schwieriger Stoff und schwere, literarische Kost zum Monatsende. Eine ausführliche Besprechung findet man bei „Feiner reiner Buchstoff“.

Auf was freue ich mich im Mai ganz besonders:
Mit Spannung erwarte ich das Rollendebüt von Christian Gerhaher in Aribert Reimann’s „Lear“ an der Bayerischen Staatsoper, das am 23.05.21 (19.00 Uhr) bzw. verschoben auf 30.05.21 (18.00 Uhr) im Livestream und anschließend 30 Tage kostenlos als Video on demand zu erleben sein wird.

Literarisch warten einige Bücher von interessanten Autorinnen und Autoren auf mich und ich möchte meine literarische Europareise fortsetzen, die im April eine Ruhepause eingelegt hat – lasst Euch überraschen!

Und kulinarisch freue ich mich vor allem auf Spargel und Erdbeeren, damit der Frühling endlich auch auf dem Teller Einzug hält.

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich heute einen schönen ersten, aber auch gesamten Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight April:

Kulinarisch bot der April für mich eine wunderbare Neuentdeckung: Mönchsbart (oder auch „barba di frate“), der in Italien auf meernahen, salzhaltigen Wiesen wächst und sich hervorragend mit Pasta kombinieren lässt. Ein saisonales Produkt, das mich begeistert hat und das auch nächstes Jahr sicher wieder auf meinen Tisch kommen wird. Inspiriert dazu wurde ich durch dieses sehr empfehlenswerte Rezept auf Arcimboldi’s World für Spaghetti mit Barba di Frate.

Musikalisches im April:
Sehr empfehlen kann ich das Konzertvideo (mit Interviews) „Mozart in Havanna“ der Hornistin Sarah Willis (Berliner Philharmoniker) gemeinsam mit dem Havana Lyceum Orchestra, das noch bis zum 25.06.21 auf ARTE Concert zu sehen ist und das beweist, wie gut Mozart und Mambo harmonieren – ein wahrer Quell guter Laune.

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

Die Uhr schlägt für große Oper

Nach 50 Jahren der vom Publikum verehrten und geliebten Otto Schenk-Inszenierung des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss in der Bayerischen Staatsoper in München, war es jetzt Zeit für eine Neuinszenierung und mit Barrie Kosky’s Regiearbeit gelingt eine neue Opernsternstunde, die ebenfalls großen Anklang finden wird. Die schlagenden Uhren, die in der Inszenierung in jedem Akt präsent sind, läuten eine neue Zeitrechnung der Traditionsoper im Münchner Nationaltheater ein.

Wie Kosky in der ebenfalls sehenswerten Online-Matinée zur Einführung des Werks erläuterte, sieht er die drei Akte der Oper im Grunde nahezu als eigene Stücke an, die er aus der Perspektive und in der Welt bzw. Umgebung der jeweiligen Hauptfigur erzählt. So ist der erste Akt die Zeit der Marschallin, die von Marlis Petersen in ihrem Rollendebüt exzellent, charismatisch und mit großer Bühnenpräsenz hervorragend gespielt und gesungen wird. Die Standuhr, welche dem Schäferstündchen mit ihrem jungen Geliebten Octavian (Samantha Hankey) den Rahmen bietet, ist zentrales Element auf der stilvoll und ästhetisch ansprechend gestalteten Bühne. Man spürt und sieht das gesetzte, adelige Establishment einer reifen Dame auch im Interieur und doch lässt Kosky auch die Verliebtheit und jugendliche Verspieltheit der Marschallin durch Petersen verkörpern – im transparenten Negligé springt und tanzt sie verliebt mit ihrem jugendlichen Liebhaber über die Bühne. Der Wechsel zwischen verliebter Leichtigkeit und der Melancholie der Geliebten, die weiß, dass sie den jugendlichen Liebhaber irgendwann verlieren wird und welche im Zeit-Monolog zum Ausdruck kommt, ist musikalisch und bildhaft wunderbar umgesetzt. Da entstehen zauberhafte Bilder – wie die Marschallin, die im eleganten Abendkleid auf dem Uhrenpendel schaukelt – die sich für immer einprägen werden.

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto zu „Der Rosenkavalier“)

Der zweite Akt ist Sophie gewidmet, die durch penetrantes Weckerklingeln geweckt wird. Ein wichtiger Tag: sie soll schließlich ihren Bräutigam kennenlernen, mit welchem sie ihr Vater (Johannes Martin Kränzle spielt einen herrlich-komischen und gut aufgelegten Faninal) in einer arrangierten Ehe verheiraten möchte.
Katharina Konradi meistert die anspruchsvolle Gesangspartie mit großer Leichtigkeit auch in den hohen Passagen und gibt eine ungestüme, quirlige und selbstbewusste Sophie, die schnell gegen den Willen des Vaters aufbegehrt, da sie sich sofort unsterblich in den „Rosenkavalier“ Octavian verliebt, der ihr als Zeichen der Brautwerbung stellvertretend für den zukünftigen Gemahl Baron Ochs von Lerchenau eine silberne Rose übergibt. Als sich dann der polternde, laute und etwas derbe Baron Ochs – mit seinem herrlich komödiantischen Spiel agiert Christof Fischesser hier sehr überzeugend – auch noch als Lüstling und Mitgiftjäger entpuppt, muss ein Plan gefunden werden, wie Octavian und Sophie die bevorstehende Heirat verhindern können. Szenisch war der zweite Akt in München für mich eine Mischung aus der Märchenwelt Ludwig II. und Disney’s Cinderella (die silberne Kutsche sorgt für eine gehörige Portion Kitsch) im Wechsel mit einem dionysischen Satyrspiel der griechischen Antike.

Der dritte Akt ist gleichsam das „Stück im Stück“ unter der Regie Octavian’s, welcher mit Samantha Hankey ebenfalls großartig besetzt ist, und spielt in einer Theater- bzw. Bühnensituation. Die Kuckucks-Uhr stimmt bereits auf den komödiantischen Teil ein und symbolisiert die Farce, welche sich im Kostüm- und Verwechslungspiel Octavian’s entspinnt. Der große Esstisch und das Bühnenbild erinnerten mich stark an eine Dinner for One-Persiflage – nur der Tigerkopf fehlte.

Christof Fischesser konnte mit seiner Bassstimme in der Rolle des Ochs brillieren und war stimmlich wie schauspielerisch eine erstklassige Besetzung dieser schweren und anspruchsvollen Partie. Eine Inszenierung, die in den Hauptrollen (Marlis Petersen als Marschallin hat mich absolut begeistert), aber auch bis in die kleineren Rollen durchwegs sehr hochwertig besetzt war (z.B. sei unbedingt noch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Valzacchi erwähnt).

Corona-bedingt hatte sich der designierte Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski für eine deutlich reduzierte Orchesterbesetzung entschieden, was dem musikalischen Genuss jedoch keinen Abbruch tat und teilweise intime, leise Momente der Oper sogar für meinen Geschmack besonders gut zur Geltung brachte.

Fazit: Um in Hofmannsthal’s Jargon der Oper zu bleiben, ich bin „von so viel Finesse charmiert“ und es gibt wohl wenig, was mich so „enflammiert“ wie ein musikalisch-gesanglich erstklassiger, schauspielerisch-darstellerisch großartiger und sehr liebe- und respektvoll inszenierter „Rosenkavalier“. Ein wunderschöner Opernnachmittag mit leuchtendem Glanz, perlendem Witz, dem richtigen Quentchen Melancholie und dem unverwechselbaren Klang und Schmelz, den dieses Stück braucht. Wunderbar und ein großes Kompliment an alle Beteiligten!

Gesehen am 21. März 2021 auf ARTE live aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Rosenkavalier“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 19. April 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar oder im gleichen Zeitraum auch in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) zu sehen.

Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf Arcimboldi’s World.

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Wozu inspirierte mich der neue Münchner „Rosenkavalier“:

Für den Gaumen:
Der letzte Akt, wenn Baron Ochs mit seinem Mariandl als „Verliebter beim Souper“ sitzt, erinnerte mich in Kosky’s Inszenierung sehr stark an den Kult-Sketch „Dinner for one“. Ich weiß, Silvester ist vorbei, aber wie wär’s mit einer „Mulligatawney Soup“ oder doch lieber nur Port and Fruit? Die Rezepte zum Nachkochen des „Dinner for one“-Menüs findet man auf der Homepage des NDR.

Zum Weiterhören:
Gerade in der aktuellen Zeit kann man ab und zu ein wenig Trost gebrauchen. Richard Strauss hat mit „Morgen“ ein wunderschönes Lied komponiert, das durch Text und Musik Mut machen und Trost spenden kann.

Zum Weiterschauen:
Auf Operavision ist aktuell noch bis zum 28.03.21 Korngold’s „Die tote Stadt“ zu sehen – ein Stream der Komischen Oper Berlin, den ich sehr empfehlen kann. 1920 uraufgeführt, ist diese Oper nur 9 Jahre jünger als der Rosenkavalier von Strauss (Uraufführung 1911 in Dresden) und offenbart doch eine ganz andere Facette der Opernliteratur.

Der Freischütz – ein Volltreffer

Damit die Kulturbowle coronabedingt im Februar nicht zur reinen Bücherbowle wird, möchte ich heute wieder einmal einen erstklassigen Opernabend empfehlen. Und das Schöne ist, dieser ist noch bis zum 15. März 2021 als kostenloses Video-On-Demand für jedermann zu erleben: Carl Maria von Weber’s „Der Freischütz“ in einer Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper unter der Regie von Dmitri Tcherniakov und der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda. Ein in jeder Beziehung sehens- und hörenswertes Opernerlebnis, das mich absolut begeistert hat.

Nach der Online-Matinée, welche die Bayerischer Staatsoper für die Premiere und Neuinszenierung der Oper „Der Freischütz“ zur Einführung veranstaltet und im Netz gestreamt hatte, war ich einigermaßen ratlos, was mich denn wohl erwarten würde. Nur wenig wurde verraten und vor allem der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hielt sich sehr bedeckt, was seine Inszenierung anbelangt. Heutig, modern und nicht volkstümlich-romantisch sollte sie sein – innere Dämonen statt des Samiels in persona – aber das konnte ja auch noch vieles heißen. Somit war ich sehr gespannt auf den Opernabend, der wieder einmal zu Hause auf meiner Couch stattfand. Kurz nochmal vorneweg: es war ein wahrer Opern-Leckerbissen, den ich da frei Haus geliefert bekam – wunderschöne Musik, erstklassige Sänger*innen und eine für mich sehr stimmige und wunderbar anzuschauende Inszenierung.

Für alle, die noch nie in das Vergnügen eines „Freischütz“ des Komponisten Carl Maria von Weber gekommen sein sollten, nur ein paar Worte zur Handlung:
Max liebt Agathe, aber um sie heiraten zu können, muss er einen Probeschuss absolvieren. Um sein Ziel nicht zu verfehlen, lässt er sich in der Wolfsschlucht auf einen Pakt mit dem Teufel (Samiel) ein, welcher ihn mit unfehlbaren Freikugeln ausstattet.

Uraufgeführt im Jahre 1821 in Berlin ist „Der Freischütz“ ein deutscher Opernklassiker – ein traditionsreiches Stück zwischen Märchen und Gespenstergeschichte. Kann es einem russischen Regisseur gelingen, diese Geschichte in ein stimmiges Hier und Jetzt zu holen – weg von Wolfsschlucht, Jägerchor und Naturromantik? Absolut – Tcherniakov ist dies für meinen Geschmack fulminant gelungen.

Schauplatz ist bei Tcherniakov nicht der Wald und die Schlucht, sondern eine für Hochzeitsfeierlichkeiten dekorierte Hotelsuite in einem Luxushotel der heutigen Zeit. Kuno ist ein knallharter und erfolgreicher Geschäftsmann und Max wird als ein wenig zaudernd-zögerlicher Softie in grüner (vermutlich als einziger Anklang an den Jäger in ihm) Strickjacke unter reichen und schönen Geschäftsleuten und Hochzeitsgästen charakterisiert. Ein unaufdringliches und variables, ästhetisches Bühnenbild – sehr heutig und funktional, so dass sich selbst die Wolfsschluchtszene als psychologischer Kulminationspunkt sehr gut darstellen lässt und den vollen Fokus und Hauptaugenmerk auf die Darsteller lenkt. Sehr gelungen.

Absolut bemerkenswert ist vor allem aber auch die Weltklasse-Besetzung, welche in München auf die Bühne geholt wurde: Mein absoluter Liebling und großer Star des Abends Golda Schultz als Agathe, die mit unnachahmlicher Leichtigkeit die höchsten Höhen so gefühlvoll meistert, dass es mir mehrfach Gänsehaut bescherte – ihre wunderschöne Arie „Leise, leise fromme Weise“ ist so Genuss pur. Aber auch im Duett mit Ännchen Anna Prohaska – die im eisblauen Business-Anzug und mit Annie Lennox-Perücke eine kühle, geschäftsmäßige Eleganz ausstrahlt – ein herrlich harmonischer Klang der beiden Frauenstimmen, der berührt. Zwei großartige, sympathische Sängerinnen ihrer Zeit, die sich nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch und mimisch wunderbar ergänzen. Bei den männlichen Rollen ragte für mich vor allem Bassbariton Kyle Ketelsen heraus, der einen fantastisch düsteren, rachlustigen und gesanglich großartigen Kaspar verkörperte.

Das schwung- und temperamentvolle Dirigat von Antonello Manacorda ließ die eingängigen Melodien auf wunderbare Weise voll zur Geltung kommen und bot den Sängern die Möglichkeit zu brillieren.
Wunderschöne Orchesterklänge, große Gefühle, zauberhafte Arien – dieser neue Münchner „Freischütz“ hat alles, was eine richtig große Oper auszeichnet und ein solches Werk auf diesem künstlerischen Niveau erleben zu dürfen, ist ein Privileg.
Musikalisch und ästhetisch war dieser Abend für mich ein Gesamtkunstwerk und etwas ganz Besonderes. Eine wahre Opernsternstunde, die Trost spenden und die Zeit bis zum nächsten realen Opernbesuch zumindest verkürzen kann.

Gesehen am 13. Februar 2021 als Livestream aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Freischütz“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 15. März 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar.

Für den Gaumen:
Dem Münchner Lokalkolorit Rechnung tragend sind Bierflaschen einer einheimischen Brauerei mit dem traditionellen Bügelverschluss ein nicht unwesentliches Requisit in der Inszenierung. Im Libretto von Johann Friedrich Kind erfährt man allerdings, dass es in manchen Situationen wohl doch etwas Stärkeres braucht:

„Bier hast du? Das taugt nicht zum Sorgenbrecher“

(Libretto „Der Freischütz“ – Johann Friedrich Kind)

Zum Weiterschauen (I):
Auch das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, erneut einen weiteren Livestream im Internet an:
Am 20. Februar 2021 – 19.00 Uhr: Straus & Strauss & Co. – Höhepunkte aus Opern und Operetten von Oscar Straus, Richard Strauss und vielen mehr

Zum Weiterschauen (II):
Auf Operavision ist aktuell vom 12.02.21 bis zum 12.03.21 Massenet’s „Manon Lescaut“ mit Elsa Dreisig in der Titelrolle zu erleben – ein Stream aus der Staatsoper Hamburg, der auch noch ganz oben auf meiner Liste steht. Von Elsa Dreisig war ich bereits im Rahmen der „Così fan tutte“ der Salzburger Festspiele im letzten Jahr richtig fasziniert – die Rezension hierzu war einer meiner ersten Beiträge auf der „Kulturbowle“ im August 2020.

Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1

Sehnsuchtsoperette

Als großem Theaterfreund fehlen mir die Live-Erlebnisse in Theatern und Opernhäusern mittlerweile sehr und daher bin ich dankbar und freue mich, dass mittlerweile viele Häuser ein sehr umfangreiches und sehenswertes Streamingangebot auf die Beine gestellt haben.

Auch das Staatstheater am Gärtnerplatz, das bereits 1865 als „volksnahes Musiktheaterhaus“ in München eröffnet wurde, bietet seinem Publikum derzeit ein buntes und vielseitiges Programm und so konnte ich am 23. Januar in den Genuss einer Operette kommen, die ich bisher meiner Erinnerung nach noch nie live gesehen hatte: Paul Abraham’s Revueoperette „Viktoria und ihr Husar“.

Dieses Werk, das 1930 uraufgeführt wurde und in die „silberne Ära“ der Operette fällt, d.h. in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, hat alles, was es für einen schwungvollen, amüsanten und kurzweiligen Theaterabend braucht und die liebevolle und aufwändige Inszenierung des Gärtnerplatztheaters aus dem Jahr 2016, die jetzt als Wiederaufnahme zu sehen war, hat mir einen sehr vergnüglichen Abend zu Hause auf meiner Couch bereitet.

„Um Ihretwillen, erzählen Sie gut!“

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

In einem sibirischen Gefangenenlager nach Ende des ersten Weltkriegs entsteht zu Beginn des Stücks eine Situation, die in der Münchner Inszenierung an Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht erinnert: der inhaftierte Husarenrittmeister Koltay muss, um sein Leben und das seines Burschen Jancsi zu retten und frei zu kommen, die Geschichte seiner großen Liebe zu Viktoria erzählen.

Durch raffinierte Lichteffekte und mittels eines variablen und intelligenten Bühnenbilds, das gleich einem „Bild im Bild“ die unterschiedlichen Schauplätze der Erzählung im Gefangenenlager einbettet, beginnt nun die wilde Reise Koltay’s und Jancsi’s, um Viktoria zurückzuerobern. Viktoria, die in der Meinung ihre große Liebe Koltay sei im Krieg gefallen den amerikanischen Botschafter Cunlight geheiratet hat, ist mit diesem aktuell in Japan stationiert. So wird Japan die erste Station der Reise. Die Farbe Rot zaubert Wärme und asiatisches Flair ins Grau des Gefangenenlagers und so unterhaltsame Nummern wie „Meine Mama war aus Yokohama“ interpretiert von einer herrlich komödiantischen Julia Sturzlbaum als O Lia San reißen mit und heben mit Charlestonklängen und schwungvollen Tanzeinlagen sofort die Laune. Die Choreografie und tänzerische Leistung der Darsteller hat mich durchgängig begeistert – hohes Tempo, Tanz und Gesang – da zeigt sich erneut, dass Operette als vermeintlich „leichte Muse“ künstlerisch äußerst anspruchsvoll ist und den Sängerinnen und Sängern alles abverlangt.

Paul Abraham und seine Librettisten haben alle Sehnsuchtsorte und Klangwelten der damaligen Zeit in die Handlung eingebaut – der Wiener Walzer in „Pardon Madame“, russische Melodien, da der Weg Cunlight und seine Viktoria von Japan schließlich nach Russland führt und am Ende die ungarischen Csardasklänge, die so typisch für viele klassische Operetten sind.

Und doch merkt man dem Stück auch an, dass 1930 bereits auch schon modernere Elemente aus dem Jazz, Foxtrott und Charleston eingeflossen sind. Das ist frisch, quirlig und in Verbindung mit urkomischen Tanzeinlagen, die stellenweise fast schon Züge von Slapstick aufweisen – zum Beispiel im Duett des Buffopaars Jancsi und Riquette liefert Josef Ellers eine wahre Handtuchakrobatik ab – ganz große Unterhaltung.

„Es gibt auch Verlobungen, die gut ausgehen, aber die meisten enden doch mit einer Heirat.“ (Jancsi)

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

Witzige Dialoge und drei stimmig besetzte Paare mit Koltay/Viktoria, Jancsi/Riquette und Ferry/O Lia San machten das Ganze zu einem rundum gelungenen Operettenabend.
Meine persönlichen Lieblinge der Besetzung waren vor allem der Grandseigneur des Gärtnerplatz’ Erwin Windegger als liebender Gentleman und verlassener Ehemann John Cunlight und die als weinselig-beschwipste Rauschkugel inszenierte O Lia San Julia Sturzlbaum, die urkomisch, frech und frisch über die Bühne wirbelt und auch bei hohem Tempo gesanglich absolut überzeugt.

Das Gärtnerplatz ist ohnehin meist ein Garant für gelungene und opulente Bühnenbilder und auch die Kostümabteilung hat für diese Inszenierung erneut wunderbare Arbeit geleistet. So entstehen eindrückliche Bilder, Musik und Optik werden harmonisch in Einklang gebracht.
Die Inszenierung vermittelt den Zauber der Exotik und die Sehnsucht der Gefangenen, sich in der Fantasie an andere Orte zu träumen – ein Stück, das gerade in der momentanen Lage unheimlich aktuell erscheint.
So wie der Husar im Gefangenenlager um sein Leben und für seine Freilassung erzählt, so spielen auch die Darsteller vor einem leeren Haus, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten.
So war für mich der Abend auch ein Loblied an die Kraft des Theaters, das Menschen für einige Zeit die Sorgen vergessen lässt, aus dem Alltag heraus in andere Welten entführen und die Fantasie beflügeln kann. Bravo!

Ein sehr schöner Abend, das Streaming eine Möglichkeit dem Theater verbunden zu bleiben und dennoch sehne ich auch um so mehr den Tag herbei, an dem ich wieder live Künstler auf der Bühne erleben darf.

Gesehen am 23. Januar 2021 als Livestream aus dem Staatstheater am Gärtnerplatz

Zum Weiterschauen (I):
Das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, weitere Livestreams im Internet an:

– Am 31. Januar 2021 – 19.00 Uhr: Sinfonische Lyrik
Don Juan oder „Der steinerne Gast“ (Musik von Christoph Willibald Gluck)

– Am 06. Februar 2021 – 18.00 Uhr:
„La Cenerentola“ – Komische Oper von Gioachino Rossini

Zum Weiterschauen (II):
Wer meine Kulturbowle schon eine Weile verfolgt, kann sich vielleicht noch erinnern, dass ich begeisterte Kritiken zu zwei Aufführungen des Landestheater Niederbayern verfasst habe, die ich im September und Oktober noch live im Theater erleben durfte. Jetzt stehen beide Inszenierungen auch in der Mediathek des Landestheater Niederbayern kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung: