Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5

Villazóns literarische Radtour durch Salzburg

Sommerzeit, Urlaubszeit, Festspielzeit – all das wird dieses Jahr durch die Corona-Pandemie gewaltig auf den Kopf gestellt. Doch die Salzburger Festspiele finden statt und man kommt derzeit auch zu Hause auf dem Sofa in den Genuss einiger Fernsehübertragungen (u.a. den „Jedermann“ vom Domplatz, die „Così fan tutte“ aus dem großen Festspielhaus und „Elektra“ aus der Felsenreitschule). Was könnte dazu besser passen als ein Roman von einem, der Salzburg und die Festspiele hinter den Kulissen kennt wie seine Westentasche und dazu noch jede Menge Lebensfreude und Urlaubslaune versprüht: Rolando Villazón. Sein dritter Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ ist eine Liebeserklärung an Salzburg, die Festspiele und vor allem an Mozart, den unsterblichen Sohn der Stadt an der Salzach.

Salzburg im Sommer, die Luft flirrt und der junge Mexikaner Vian kommt mit einem großen Traum in der Stadt an: der junge Opernsänger möchte einmal bei den Salzburger Festspielen auftreten und singen. Dafür ist er bereit, alles zu geben und er begegnet in Mozarts Geburtsstadt großen Stars, exaltierten Kollegen und Künstlern, schrulligen Vögeln, wahren Freunden, der großen Liebe und letztlich sich selbst. Hinter und vor den Kulissen von „Don Giovanni“ – Mozarts großartiger Höllenfahrt-Oper – stolpert der quirlige, südamerikanische Tollpatsch und „Winzling“ – wie er sich im Buch selbst bezeichnet – durch Höhen und Tiefen des Künstlerdaseins und erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

So wie die Titelfigur der Oper sich dem „steinernen Gast“ – dem Komtur – nicht entziehen kann, so kämpft Vian darum, sich von seinem übermächtigen Vater zu lösen – Parallelen zu Mozart sind natürlich vom Autor nicht rein zufällig gewählt, sondern klar erwünscht. Denn der autoritäre Vater hat andere Pläne für seinen Sohn und möchte, dass dieser seine stotternde Sängerkarriere lieber heute als morgen beendet und sich stattdessen zu Hause in Mexiko einem einträglichen Brotberuf widmet. Und so scheint der sensible Nachzügler Vian in seinem Leben ständig zwischen den Welten zu stehen – zwischen Europa und Südamerika, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Geschwistern und Eltern, zwischen Pflicht und Lust und selbst seine Stimmlage lässt sich nicht eindeutig auf Tenor oder Bariton festlegen. Und doch schlägt sich der tapfere, aber auch ängstliche Spinnenphobiker mit Humor durchs Leben und versucht in Salzburgs Gassen, die zahlreiche Abenteuer für ihn bereit halten, sein Glück und seine Bestimmung im Leben zu finden.

Wie viel Villazón steckt in der Figur des Vian? Vermutliche einiges: die Liebe zur Musik, der Oper und zu Mozart, das quirlige, südliche Temperament und der Humor, der hilft, auch in schwierigen Situationen, die Hoffnung nicht aufzugeben und den Problemen laut ins Gesicht zu lachen.

Vor allem aber steckt sehr viel Villazón im gesamten Roman, der ein pralles, lebensfrohes und buntes Bild von Salzburg in all seiner künstlerischen Vielfalt zeichnet. Salzburg ist mehr als Mozart und doch dreht sich so vieles dort um ihn.

Das Buch enthält eine der längsten Liebeserklärungen, die ich je in der Literatur gelesen habe und ist zudem eine Liebeserklärung Villazóns an die Stadt, in der er seit 2019 als Intendant für die Mozartwoche verantwortlich zeichnet und einst an der Seite von Anna Netrebko in der umjubelten und legendären „La Traviata“ von 2005 zum Weltstar wurde.

Mit viel Augenzwinkern und einem gehörigen Schuss Selbstironie beleuchtet der Opernsänger liebevoll auch die Künstlerszene, die Festspielatmosphäre und lässt zwischen den Zeilen durchklingen, dass es bei viel Rampenlicht auch Schatten gibt. Mit großer Lust am Erzählen und Fabulieren scheint die Geschichte regelrecht aus ihm herauszusprudeln – und man fühlt sich beim Lesen an seine lebensfrohen, überbordenden und temperamentvollen Interviews erinnert. Mit zahlreichen Querverweisen und Bezügen zu Literatur, Film und bildender Kunst, aber auch Themenkomplexen wie die Eltern-Kind-Beziehung, Zivilcourage und Toleranz fächert er ein pralles, buntes Kaleidoskop auf, das in seiner Üppigkeit und Fülle vielleicht so gar manchem Leser an der einen oder anderen Stelle etwas zu viel werden könnte.

Stark ist der Roman für mich vor allem in den luftig-leichten Momenten, in welchen der spitzbübische Humor des Autors aufblitzt und er sich selbst und das Opernbusiness nicht zu ernst nimmt, aber auch dann, wenn er die Macht der Musik und der Liebe gefühlvoll beschreibt.

Für mich als Bücher- und Opernliebhaberin war dieser Roman ein wunderbares Sommerbuch und eine erfrischende, fröhliche Urlaubslektüre, die mir viel Lesefreude bereitet hat: kurzum das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Buchinformation:
Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen:

Passend zur Salzburger und österreichischen Kaffeehauskultur ein „Verlängerter“ oder ein „großer Brauner“

Für die Ohren oder den nächsten Theaterbesuch:

  • Mozarts Oper „Don Giovanni“ – wer sie kennt, hat definitiv noch mehr von der Lektüre, weil sich zahlreiche Parallelen und Anspielungen im Roman entdecken lassen.
  • Peter Shaffers Schauspiel „Amadeus“ – im Stadttheater Landshut war in der vergangenen Spielzeit eine fulminante und geniale Inszenierung dieses Stückes zu erleben. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, das Stück live zu sehen – ich kann es nur empfehlen. Der oscarprämierte Film von Forman, der auf diesem Stück basiert, ist zweifelsohne gut – aber Live-Theater ist besser.
  • Und zum Hören die wunderbaren Interpretationen von Mozarts Arien (auch fünf aus Don Giovanni) auf Christian Gerhahers Album „Mozart Arias“ (erschienen bei Sony Classical, 2015)

Für weiteren literarischen Genuss:

Zu Salzburg passen und stehen in meinem Regal:

  • Herbert Rosendorfer „Salzburg für Anfänger“;
    dtv Literatur, ISBN 978-3-423-13342-5
    (Ein fröhlicher und kurzweiliger literarischer Reiseführer durch die zauberhafte Stadt an der Salzach.)

… und eines meiner absoluten Herzensbücher:

  • Erich Kästner „Der kleine Grenzverkehr“;
    Atrium Verlag AG, ISBN 978-3038820154
    (Ich werde zu gegebener Zeit in diesem Blog sicherlich auf Erich Kästner zurückkommen, denn er ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, wenn nicht DER Lieblingsautor in meinem Leseleben.)
© Rowohlt Verlag

Auf zu neuen Ufern

Hallo Welt!
Hallo liebe Kulturbegeisterte, Bücherliebhaber und Genussmenschen!

Ich freue mich, dass Ihr da seid und den Weg auf meinen Blog gefunden habt. Mit diesem ersten Beitrag sende ich ein erstes, herzliches „Hallo“ hinaus in die Welt.

Hier schreibt Eine, die sich schon als Kind auf den Weg machte, die ersten großen Lieben ihres Lebens zu entdecken: Bücher, Musik, Theater – Kultur in ihrer Vielfalt und die schönen Dinge des Lebens. Die Vorlieben für gutes Essen und Trinken, Reisen und die Oper gesellten sich dann ein wenig später dazu. (Mehr zu mir könnt Ihr jederzeit gerne unter „Über mich“ lesen).

Das Jahr 2020 ist ein Jahr der Veränderung und des Umbruchs. Der Virus hat uns, unserem Leben und unseren Gewohnheiten eine neue Prägung gegeben. Gerade als jemand, der für sein Leben gerne ins Theater, die Oper oder in Konzerte geht, musste ich dieses Jahr viele schmerzliche Absagen und traurige Verluste hinnehmen und auf Ereignisse verzichten, auf die ich mich sehr gefreut hatte.
Trost suchte und fand ich unter anderem in Büchern und – auch wenn dies ein Live-Erlebnis im Theater nicht ersetzen kann – in einigen Fernsehübertragungen oder Livestreams aus Opernhäusern und Konzertsälen.

Auch meine Urlaubspläne habe ich dieses Jahr den Umständen angepasst und verbringe meine freie Zeit in meiner Heimat und bleibe zu Hause statt zu verreisen. Und da war dann auf einmal dieser Gedanke, eine andere Reise zu beginnen: Meine Liebe zu Kultur und Büchern zu teilen und da ich gerne schreibe (früher auch bereits auf einer Buchplattform Rezensionen verfasst habe), war da die Idee, dem Ganzen Raum und eine Form zu geben und diesen Blog zu starten – mein Sommerprojekt 2020. Sehr frei nach dem Motto, „wenn Dir das Leben Zitronen schenkt, mach’ Limonade draus“ – warum also nicht eine Bowle – meine Kulturbowle – daraus machen?

Auf zu neuen Ufern – ich freue mich auf diese neue Erfahrung, diesen neuen Weg, diese neue Reise. Kultur und Literatur bereichern mich und lassen mich wachsen, machen mich zu dem Menschen, der ich bin und lassen mich zugleich offen und wach in die Welt schauen. Wenn der eine oder andere durch diese Seite verlockt wird und Lust bekommt, zu einem Buch zu greifen, ins Theater oder die Oper zu gehen, Musik zu hören oder ein gutes Essen zu genießen und sich dann darüber zu freuen, habe ich mehr erreicht, als ich mir wünschen kann.

Kultur verbindet und macht das Leben lebenswert – dies möchte ich weitertragen und Menschen dafür begeistern.
Wenn Ihr mich daher auf meiner Reise begleiten wollt, seht Euch gerne in meinem Blog um. Seid offen, zuversichtlich, positiv und genießt es!