Mehr Poesie wagen

Die beiden wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ des Autorinnenduos Janette Bürkle und Petra C. Erdmann aus dem Mirabilis Verlag boten mir eine sehr schöne Gelegenheit, mich einmal wieder der Lyrik-Lektüre zu widmen und ich wurde reich belohnt.

Wenn ich so auf meine Lektüre der letzten Jahre zurückblicke, fällt auf, dass die Lyrik in der Regel zu kurz kommt und ich nur sehr selten – viel zu selten – zu Gedichten greife. Warum ist das so? Und warum nicht öfter wieder Gedichte lesen? Warum nicht mehr Poesie wagen im Leben?
So mancher hat wohl leider bereits nach der Schulzeit und der letzten, verfassten Gedichtanalyse mit dem Thema Lyrik abgeschlossen. Gedichte haben bei vielen Menschen im Alltag keinen Platz. Liegt das am mangelnden Interesse? An der Schnelligkeit und Hektik des täglichen Lebens und dass man sich die Zeit, Ruhe und Muße, die man für das Lesen von Gedichten braucht, einfach nicht nimmt oder nehmen will? Warum greifen auch die meisten Vielleser nahezu ausschließlich zu Prosa, Romanen, Krimis und Thrillern?

Abschließende Antworten auf diese Fragen habe ich nicht, aber nach der Lektüre der herrlichen, melodiösen Haiku von Frau Bürkle und Frau Erdmann kann ich alle, die sich für eine schöne, intensive und ausdrucksstarke Sprache begeistern können, nur ermutigen, der Lyrik wieder häufiger eine Chance zu geben.

zitronenfalter
sonnendurchflutet und fein
dein dasein ein spiel

(Petra C. Erdmann – aus „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“)

Die kurze Definition eines Haiku, die dankenswerterweise einem der Bände vorangestellt ist, lautet: „Das Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform und die kürzeste Form der Dichtkunst. Knapp und geschlossen, in der Regel mit aus drei Zeilen bestehender Silbenstruktur von 5-7-5, zeichnet es ein minimalistisch poetisches Bild bis ins kleinste Detail.“ (Zitat aus dem Vorwort zu „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“)

Der bereits 2015 erschienene erste Band „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ – stilvoll ergänzt durch harmonische Illustrationen Florian L. Arnolds – fächert einen vollständigen Jahresverlauf von den ersten frostigen Nächten um Neujahr bis zum „Silvesterkater“ zum Jahresausklang auf. Die Autorinnen zaubern durch die literarisch ausdrucksstarken Miniaturen atmosphärische Bilder von Landschaften und Jahreszeiten voller Farben, Klänge und Emotionen. Es ist faszinierend, wie mit einigen wenigen – oft sehr positiv besetzten – Worten sofort Erinnerungen hochkommen. Beispiele? Zitronenfalter, Brandungswelle, Seidenduft, Mittagssonne… – wenn man sich diese Worte auf der Zunge zergehen lässt, bekommt man sofort gute Laune. Die Haiku setzen Gedanken in Gang und lassen den Leser träumen. Mit großer Sinnlichkeit, Leichtigkeit und wunderbaren Wortkreationen wie „sonnenstrahlknistern“, „eisknospenbukett“ oder „vorwitzchen“ erschaffen die Künstlerinnen einen schwebenden und sehr sinnlichen Lesegenuss.

ein stück vom himmel
barfuß auf wolken gehen
bis der schleier fällt

(Janette Bürkle – aus „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“)

Der zweite Band „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“, der erst vor kurzem im Dezember 2020 erschienen ist, schlägt erdigere, dunklere und wärmere Töne an. Wenn man den ersten Band als luftig-leichtes „Dur“ bezeichnen möchte, ergänzt der zweite mit einem wunderbar harmonischem, wärmendem „Moll“ das Duett, das man ohnehin am besten gemeinsam genießen sollte. Natürlich spielen auch hier wieder Naturbeobachtungen eine große Rolle, doch findet sich jetzt auch der eine oder andere Anklang an urbanes Leben (z.B. durch Worte wie Dächer, Gebälk, Holzjalousien oder Schlauchboot) in den kurzen Gedichten.

Den Bänden gemeinsam sind humoreske Anklänge, aber vor allem auch die intensive, expressive und gefühlvolle Sprache der beiden Autorinnen, denen es gelingt, in drei Zeilen ganze Welten, Bilder und Stimmungen von elementarer Schönheit zu erschaffen. Emotionale Gedichte, die inspirieren und anregen, die Gedanken fließen zu lassen, die Phantasie beflügeln und alle Sinne ansprechen.

Vielleicht ist die Kunst der Lyrik-Lektüre im Alltag, sich Zeit zu nehmen, zu genießen, nicht zu viel zu analysieren, sondern einfach den Zauber der Sprache auf sich wirken zu lassen. Für mich war es beglückend, während draußen leise der Schnee fiel, mit einer Tasse Tee neben mir, mich in diese kleinen literarischen Meisterwerke zu versenken, den Wechsel der Jahreszeiten literarisch zu durchlaufen und schon wieder ein wenig vom nächsten Sommer zu träumen.

Und so bleibt neben einem zufriedenen und glücklichen Lesegefühl auch der Wunsch, zukünftig mehr Gedichte zu lesen und wieder häufiger auch der Lyrik Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Mehr Poesie wagen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise die beiden Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt hat und bei Birgit Böllinger, die mich auf die Bücher aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension der Bücher hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf die Titel gibt es nähere Informationen zu den Autorinnen und Büchern auf der Seite des Verlags.

Buchinformationen:
Janette Bürkle, Petra C. Erdmann,
der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9816674-2-4

Janette Bürkle, Petra C. Erdmann,
goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-947857-09-8

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Haiku-Bände:

Für den Gaumen:
Für die passende Stimmung und den vollkommenen Genuss sorgt bei mir ein japanischer grüner Tee. Sorgfältig zubereitet und bewusst genossen, können ein schöner Sencha oder gar ein Gyokuro, der für ca. 3 Wochen im Vollschatten aufgezogen wird und auch in Japan zu besonderen Anlässen getrunken wird, die Lektüre wunderbar abrunden.

Zum Weiterhören:
Musikalisch kam mir immer wieder die Instrumentalmusik des Herbert Pixner Projekts in den Sinn. Warum? Südtiroler Musik zu japanisch inspirierten Haiku? Für mich passt das zusammen. So wie die Haiku der Autorinnen Atmosphäre schaffen und Landschaften vor den Augen der Leser entstehen lassen, so versteht es Herbert Pixner mit seiner Musik, Bilder und Stimmungen beim Hörer hervorzurufen, die er selbst inspiriert durch Erfahrungen in der Natur in wunderbare Melodien verwandelt hat, wie zum Beispiel „Morgenrot“ oder „Antoni Schnee“. Lyrik und Musik helfen dabei, ein wenig zu träumen und die Gedanken fließen zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Beide Autorinnen sind Mitglieder in der Deutschen Haikugesellschaft e.V.. Die Homepage der Gesellschaft bietet neben Erläuterungen und Definitionen auch zahlreiche Informationen rund um das Thema japanischer Dichtkunst im deutschsprachigen Raum. Zudem gibt die Gesellschaft vierteljährlich die Zeitschrift „Sommergras“ heraus. Alle, die mehr über Haiku erfahren wollen, haben hier eine gute Anlaufstelle.
Darüber hinaus bietet auch der Blog Schriftwechsel der Autorin Janette Bürkle Szalys eine Möglichkeit, einen ersten Eindruck ihrer Haikukunst zu bekommen.

Unheilvolle Vincinette

Im Februar 1962 verursachte Orkan Vincinette eine große Flutkatastrophe an der deutschen Nordseeküste. Vor allem die Stadt Hamburg wurde schwer getroffen und hatte viele Opfer zu beklagen. Robert Brack hat mit „Dammbruch“ nun einen Thriller verfasst, der zeitlich genau während dieser Sturmflut angesiedelt ist. Der Autor, der bereits zahlreiche Krimis verfasst hat und für frühere Bücher unter anderem mit dem Deutschen-Krimi-Preis ausgezeichnet wurde, hat mit „Dammbruch“ ein düsteres Werk geschaffen, das dem Leser menschliche Abgründe und die zerstörerische Kraft der Naturgewalten auf erschreckende Weise vor Augen führt.

Lou Rinke – Einbrecher und Kleinganove – wurde gerade aus der Haft entlassen. Ein letzter großer Coup soll ihm das nötige Kapital bescheren, um sich dann fernab von Hamburg an einem wärmeren Ort zur Ruhe setzen zu können. Lou, der in der Gefängnisbibliothek Balzac vermisst hatte und jetzt auf der Suche nach einem „partner in crime“ ist, trifft auf den jungen Piet, der noch nicht ganz 18 und noch grün hinter den Ohren zu sein scheint. Doch die Zeit drängt und ihm bleibt keine andere Möglichkeit, als sich notgedrungen mit ihm zusammen zu tun. Während sie ihre Tat vorbereiten, braut sich bereits das bedrohliche Sturmtief über Hamburg zusammen.

Auch Betty, die als Flüchtling nach Hamburg gekommen ist, wo sie jetzt einen älteren, griesgrämigen und schwierigen alten Mann gegen Kost und Logis pflegt und betreut, sieht ihre große Stunde gekommen.

„Betty eilte zur Tür, riss sie auf und verschwand in einem Malstrom aus peitschenden Windböen und wild durcheinander prasselnden Regentropfen. So dicht und brodelnd, dass sie sich fühlte, als wäre sie unter einen Wasserfall geraten oder in der Meeresbrandung versunken.“

(S.78)

Doch plötzlich wirbeln der Orkan und die steigenden Wassermassen das Leben der drei gehörig durcheinander. Die Flut spült sie zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und der Kampf ums nackte Überleben, gegen die Polizei und gegen die Naturgewalten beginnt.

„Dreckige Wassermassen schleuderten alles durcheinander, was sie finden konnten, Balken, Bohlen, Platten, Straßenschilder, Laternenmasten, zerfetzte Zaunteile, zerrten ganze Mauerstücke mit sich, rissen tiefe Kuhlen in den Erdboden und zermalmten Gartenhäuschen und Wohnbaracken, egal, ob sie aus Holz oder Stein gebaut waren.“

(S.107)

Der Thriller beschreibt wie einige Polizisten, aber eben vor allem die Kleinkriminellen Lou, Piet und Betty aus dem Arbeiterviertel und Rotlichtmilieu die Flutkatastrophe erleben. Er lebt von stimmigen Milieuschilderungen der damaligen Zeit und der Atmosphäre zu Beginn der 60er Jahre, in welcher viele noch die Kriegsfolgen zu verarbeiten hatten. Schauplatz sind die einfachen Kneipen und Bars mit Musikboxen, Prostituierten, Petticoats und ärmlichen Gestalten, die sich im wahrsten Sinne des Wortes versuchen, über Wasser zu halten.

Brack zeigt die menschlichen Abgründe seiner oft eiskalten Charaktere und macht klar, dass Krisen und Katastrophen leider nicht immer nur die besten Seiten der Menschen ans Tageslicht bringen. Im Roman brechen nicht nur die Nordseedämme, sondern auch so manche Dämme der Mitmenschlichkeit gehen in der Sturmflut zugrunde.

Die 240 Seiten lesen sich packend und man spürt die Wucht und die Gewalt des Sturms, der Wassermassen und der großen Naturkatastrophe, die so viel Unheil, Elend und Zerstörung über Hamburg und die Nordseeküste gebracht hat.

Ein Thriller, der zweifelsohne eindrucksvoll geschrieben ist, mich aber aufgrund der überwiegend unsympathischen Figuren und der geschilderten Brutalität weitestgehend auf Distanz gehalten und fröstelnd zurückgelassen hat. Das ist schon sehr düstere, kalte und schwere Kost, die Brack hier den Lesern serviert – jedoch hat er den Schrecken dieser Flutkatastrophe sicherlich realistisch aufs Papier gebracht.

Da kann man nur hoffen, eine solche Katastrophe nicht selbst erleben zu müssen und dankbar sein, das teils verstörende Buch gleichsam im sicheren Hafen, d.h. trocken und warm eingepackt unter der Decke auf der heimischen Couch gelesen zu haben.

Im November und Dezember 2020 stand „Dammbruch“ auch auf der Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur – hier geht es zur Rezension.

© Ellert & Richter Verlag

Buchinformation:
Robert Brack, Dammbruch
Ellert & Richter Verlag
ISBN: 978-3-8319-0775-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dammbruch“:

Zum Weiterschauen:
Auf der Homepage des NDR findet sich eine detaillierte Chronologie der Ereignisse und weiteres Informationsmaterial zur Sturmflut 1962, sowie einiges Fotomaterial, um sich ein Bild von der schrecklichen Katastrophe machen zu können. Wer besser verstehen möchte, warum die Flut solchen Schaden anrichtete und alleine in Hamburg 315 Todesopfer forderte bzw. mehr über das Krisenmanagement des damaligen Polizeisenators und späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt erfahren möchte, hat hier eine gute Anlaufstelle.

Zum Weiterhören:
Musikalisch kommen in Brack’s Roman die für damals typischen Musikboxen, Jukeboxes oder auch „Tonomaten“ vor, die in den Lokalen und Kneipen häufig zu finden waren. Ein Künstler, der zu dieser Zeit in keiner Jukebox fehlen durfte, war Elvis Presley zum Beispiel mit seinem Klassiker „Are you lonesome tonight“.

Zum Weiterlesen:
Ein Roman, der die Geschichte einer anderen großen Katastrophe beschreibt, die zeitlich bereits weiter zurückliegt, ist Robert Harris’ „Pompeji“. Dieser macht auf intelligente und unheimlich fesselnde Weise den Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 n.Chr. für den Leser erfahrbar. Obwohl meine Lektüre dieses Buchs schon etliche Jahre zurückliegt, ist es mir nachhaltig in Erinnerung geblieben.

Robert Harris, Pompeji
Aus dem Englischen von Christel Wiemken
Heyne
ISBN: 978-3-453-47013-2

Beethoven bewegt

Auch das groß geplante Beethoven-Jahr 2020 ist viel kleiner, stiller und unspektakulärer ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Mit der Lektüre von Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ bietet sich jedoch die Gelegenheit, sich auch im Jahr 2021 nochmal mit dem großen Komponisten zu beschäftigen. Eine Leseerfahrung, die sich vor allem für Klassikfans und Musikinteressierte bzw. -verrückte lohnt – als Ersteinstieg ist diese persönliche Sicht Thielemann’s auf Leben und Werk des großen Ludwig van Beethoven wohl eher nicht geeignet.

Christian Thielemann kennt das Werk Beethovens wie kaum ein Zweiter und hat sich sein Musikerleben lang intensiv vor allem mit den Orchesterwerken auseinandergesetzt. In seinem Buch, das in Gesprächen und in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, welcher er im Nachwort explizit für ihre aufschlussreichen Fragen und ihre „sprachliche Rasanz“ dankt, beschreibt er seinen persönlichen Weg zu Beethoven. Er erzählt von frühen Erlebnissen des Scheiterns und großen Glücksmomenten, von Lieblingswerken wie der Missa solemnis oder der Egmont-Ouvertüre, die ihn schon früh faszinierten, bis zur einzigen Oper Beethovens, dem „Fidelio“, mit dem Thielemann bis heute nicht warm werden kann und ihm deshalb weitestgehend aus dem Weg geht.

Er berichtet, welche Interpretationen seiner Vorgänger er schätzt – vor allem Wilhelm Furtwängler scheint für Thielemann bei Beethoven oft den richtigen Ansatz gefunden zu haben, von ihm schwärmt er häufig – und welche weniger. Man erfährt, dass er im Plattenladen eine Live-Aufnahme in der Regel einer Studioaufnahme vorzieht und warum.

Kernstück des Buches ist ein virtueller Zyklus der neun Beethoven-Symphonien, welche er an vier Abenden dirigiert, wie er es auch im richtigen Leben mit Weltklasse-Orchestern wie zum Beispiel den Wiener Philharmonikern bereits getan hat. Er lässt den Leser teilhaben an seiner ganz persönlichen, musikalischen und interpretatorischen Sicht auf diese neun so unterschiedlichen musikalischen Meisterwerke. Für ihn haben die Symphonien Farben – so ist die sechste Symphonie die Pastorale für ihn zum Beispiel „maiengrün“ – und jede hat ihren eigenen Reiz, einen völlig eigenständigen Charakter. Ausführlich beschreibt er musikalische Schlüsselstellen und Besonderheiten, Feinheiten in der klanglichen Ausgestaltung und ordnet diese Werke auch zeitlich ein, berichtet über Entstehungsgeschichte und spannt einen Bogen zu Beethovens Leben.

Neben den leisen Anklängen an Beethovens Biografie, erzählt er aber auch über seine persönliche Entwicklung als Dirigent und wie sich seine Art, sich Beethoven zu nähern, über die Jahre verändert hat.

„Die Missa ist heiß und superkalt zugleich. Aus der Strandsauna springt man raus in die eisige Nordsee.“

(S.249)

Stilistisch liest sich das Buch sehr flüssig und lebendig – trotz des zahlreichen musikalischen Fachvokabulars – finden sich häufig Bilder und Vergleiche, die aus dem Leben gegriffen und erfrischend zu lesen sind. Das ist kein trockenes, bierernstes Sachbuch, sondern vielmehr eine sehr persönliche, unterhaltsame Auseinandersetzung mit diesem „Titanen“, welche auch versucht, Hemmschwellen abzubauen und allzu respektvolle Distanz (zumindest für den Leser und Hörer) zu verringern.

Als Dirigent und Künstler hat Thielemann höchsten Respekt vor dem Lebenswerk des Komponisten und man spürt, dass er stets aufs Neue mit der idealen Interpretation der Beethoven’schen Werke ringt.

Für mich war es spannend zu lesen, mit welchen Fragen sich ein Dirigent bereits im Vorfeld auseinandersetzt: Dirigieren mit oder ohne Partitur? Wenn ja, mit welcher Partitur (alte oder neue Ausgaben)? Wieviel Beachtung schenkt man den teilweise aberwitzigen Metronomangaben des Komponisten? In welchem Saal klingt Beethoven gut und wo nicht? Welche Sitzordnung des Orchesters ist die Beste?
Unter anderem solche Fragen gewährten mir einen interessanten Blick hinter die Kulissen und in den Arbeitsalltag eines Dirigenten, den ich in dieser Form vorher noch nicht gelesen hatte.

Für mich hat die Lektüre große Lust geweckt, mich wieder und noch intensiver mit der Musik Ludwig van Beethoven’s zu befassen. Gerade die Missa solemnis, das Herzensstück Thielemann’s, die ich bisher noch nicht besonders gut kenne, werde ich mir bestimmt in der nächsten Zeit in Ruhe anhören.

Wer den Musikunterricht nicht mochte, lieber keine Noten lesen will und mit Beethoven noch nie etwas anfangen konnte, der wird keine Freude an diesem Buch haben, aber für Musikbegeisterte und Beethoven-Fans ist Thielemann’s Reise sicher zu empfehlen. Ein sehr persönliches, kurzweiliges und facettenreiches Buch über Leben und Werk des großen Komponisten und der individuellen Interpretation durch einen der bekanntesten Dirigenten unserer Zeit.

„Warum begleitet Beethoven uns das ganze Leben, als Musiker wie als Zuhörer? Wegen seiner Wahnsinnskontraste, zwischen denen alles Platz findet. Zarteste Unschuld und wildes Wühlen, frenetischer Jubel und tiefste Trauer.“

(S.251)

Buchinformation:
Christian Thielemann, Meine Reise zu Beethoven
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-75765-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Meine Reise zu Beethoven“:

Zum Weiterschauen:
Noch bis zum 24.01.2021 ist der Film „Louis van Beethoven“ mit Tobias Moretti in der Hauptrolle in der ARD Mediathek verfügbar. Wer sich bisher noch nicht mit dem Leben Ludwig van Beethoven’s befasst hat, bekommt hier zumindest einen ersten Eindruck. Ein gut gemachter Film, der unter anderem auch die Aspekte der schwierigen Kindheit und die Auswirkungen der zunehmenden Taubheit auf Beethovens Leben beleuchtet.

Zum Weiterhören:
Thielemann nennt im Buch neben der Egmont-Ouvertüre vor allem die Missa solemnis als eines seiner Lieblingswerke – hier werde ich mich sicherlich noch weiter einhören. Zudem beschreibt er seine persönliche Sichtweise auf jede der neun Symphonien. Man hat noch mehr von der Lektüre, wenn man parallel immer wieder ein wenig hineingehört, denn auch die vermeintlich unbekannteren und seltener gespielten Symphonien haben ihren Reiz.

Zum Weiterlesen:
Bereits 2012 erschien Christian Thielemann’s „Mein Leben mit Wagner“, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Journalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, viele Einblicke in den Bayreuther Festspielbetrieb gibt und die große Leidenschaft des Dirigenten für Richard Wagner spürbar werden lässt. Vor allem für eingefleischte Wagnerianer eine lohnende Lektüre.

Christian Thielemann, Mein Leben mit Wagner
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-63446-8

Quietschvergnügt

Aktuell können wir alle Aufheiterung, positive Energie und gute Laune vertragen, deshalb möchte ich dieses neue Jahr mit einer ersten Leseempfehlung starten, welche genau das garantiert. P.G. Wodehouse’s „Auf geht’s, Jeeves!“ ist ein quietschvergnügtes, heiteres und witziges Werk, das auch 87 Jahre nach seinem Erscheinen noch zeitlosen Witz versprüht und Heiterkeit verbreitet. Der augenzwinkernde Charme und der Humor des britischen Autors sind Balsam für die Seele.

Für alle, die bisher noch keine Bekanntschaft mit P.G. Wodehouse gemacht haben, vorab ein paar kurze Worte zum Autor:
Sir Pelham Grenville Wodehouse zählt zu den bekanntesten und meistgelesenen Humoristen Englands, war Schriftsteller, Bühnen- und Drehbuchautor und lebte von 1881 bis 1975. Er verfasste unter anderem 40 Theaterstücke und mehr als 90 Romane, unter welchen die beiden Reihen um Bertram Wooster und seinen Butler Jeeves auf der einen und die Blandings Castle-Reihe mit Lord Emsworth auf der anderen Seite zu den bekanntesten gehören. Wodehouse verließ seine Heimat 1934 aus steuerlichen Gründen, zog nach Frankreich und wurde 1940 interniert. Er fiel jedoch in seiner britischen Heimat 1941 durch apolitische Rundfunkbeiträge in Ungnade, die während des Zweiten Weltkriegs zu großer Verärgerung im bombardierten England führten, und er sollte nie mehr dorthin zurückkehren. 1946 reiste er in die USA aus und lebte und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1975.

In „Auf geht’s, Jeeves!“ begegnen wir dem typischen Setting eines P.G. Wodehouse-Romans: ein englischer Landsitz – Brinkley Court – mit Salon, Bibliothek, eleganten Räumlichkeiten, einer vorzüglichen Küche, einem weitläufigen Park und dem entsprechenden Personal mit englischem Adel (mit so wunderbaren Namen wie Gussie Fink-Nottle oder Tuppy Glossop) auf Sommerfrische und den Dienstboten, dem französischen, hochsensiblen Spitzenkoch Anatole und natürlich mittendrin Bertram Wooster und sein hochgeschätzter Butler Jeeves.

„Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass meine Verschnupftheit schon fast grippale Züge trug.“

(S.98)

Doch zwischen Jeeves und Bertie hängt der Haussegen schief, scheint doch der Butler mittlerweile seinem Herrn den Rang an Beliebtheit in englischen Adelskreisen abgelaufen zu haben, weil Jeeves als ultimativer und taktisch-gewiefter Problemlöser gleichsam unentbehrlich geworden ist. So dass Bertram Wooster nun eigentlich primär von Freunden und Verwandtschaft deshalb eingeladen wird, weil er dann seinen Butler Jeeves mitbringt, der auch in verqueren Verkupplungsaktionen und Liebeswirren stets kühlen Kopf bewahrt. Das kann und will Bertie natürlich nicht auf sich sitzen lassen, hält er sich selbst doch für den großen Kuppler und Diplomaten, so dass er entscheidet, dieses Mal höchstselbst ins Geschehen einzugreifen – mit durchschlagendem Erfolg, denn das Chaos nimmt seinen Lauf…

„Aus mannigfachen Gründen hatte ich seit Jahren nicht mehr mit einer Gummiente in der Badewanne gespielt, und ich fand die ungewohnte Erfahrung höchst erquickend. Falls es jemanden interessiert, will ich gern erwähnen, dass die mit dem Schwamm unter die Oberfläche gedrückte und dann losgelassene Ente auf eine Weise aus dem Wasser springt, die noch den Mühseligsten und Beladensten zu zerstreuen vermag.“

(S.99)

Inspiriert durch ein Badeenten-Erweckungserlebnis stürzt Bertie Wooster nicht nur zahlreiche Liebende in völliges Gefühlschaos, sondern bringt auch noch den temperamentvollen und höchstempfindlichen Sternekoch Anatole zum Schäumen.

Der Leser taucht ein in muntere Irrungen und Wirrungen, zahlreiche Missverständnisse, skurrile Situationen und erfährt, warum Butler keine Messejäckchen mögen, was bei nächtlichen Nierenpasteten-Orgien in der Speisekammer geschieht und dass Heiratsanträge auf Orangensaftbasis keine gute Idee sind.

Das ist herrlich komisch, lustig, kurzweilig und unterhaltsam: britischer Humor und grandiose Ironie vom Feinsten.

„Beim Gedanken an ein Verlöbnis mit einer Frau, die ganz unverhohlen über Feen schwafelte, die auf die Welt kämen, weil sich irgendwelche Sterne gerade das süße Näschen geputzt hätten – oder was des Humbugs mehr war-, packte mich das nackte Grauen.“

(S.133/134)

Großartig ist vor allem die Übersetzung von Thomas Schlachter, die man gar nicht genug loben kann, da er genau den richtigen Tonfall findet und dem Leser ein Lesevergnügen mit wundervollen Wortspielen und exquisitem Sprachwitz beschert.

Wer also britischen Humor liebt, ein wenig Heiterkeit, spritzig-prickelnde Unterhaltung und gute Laune sucht, dem sei P.G. Wodehouse wärmstens ans Herz gelegt. Mich hat bisher noch jeder seiner Romane großartig unterhalten und königlich amüsiert: die perfekte Lektüre, um ein paar Stunden abzuschalten und sich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern zu lassen.

Buchinformation:
P.G. Wodehouse, Auf geht’s, Jeeves!
Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36386-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Auf geht’s, Jeeves!“:

Für den Gaumen:
Very british – dazu passt gut und gerne ein gepflegter Gin Tonic und schon fühlt man sich ein bisschen wie auf einer Cocktailparty der englischen Adelsgesellschaft und Butler Jeeves könnte jeden Moment mit dem Tablett um die Ecke biegen.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Musikalisch zur Zeit und dem Zeitgefühl passt die Musik des walisischen Musical-Komponisten Ivor Novello. Seine Musik hat auch den wunderbaren Soundtrack zum großartigen Julian Fellowes-Film „Gosford Park“ geprägt (zum Reinhören und Schwelgen empfehle ich „I can give you the starlight“, „The Land of Might-Have-Been“ oder „What a Duke Should Be“).

Zum Weiterlesen:
Es gibt noch einige weitere Bände von P.G. Wodehouse, die in den letzten Jahren bei Suhrkamp und Insel erschienen sind. In der gekonnten, geschliffenen und brillanten Übersetzung von Thomas Schlachter sind diese alle ein vergnüglicher Genuss und uneingeschränkt zu empfehlen, wenn man etwas Aufheiterung vertragen kann.

P.G. Wodehouse, Jetzt oder nie!
Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-45774-0

Neujahrsbowle 2021 – Nachspüren und Vorfreuen

Viele Jahresrückblicke sind schon geschrieben, das neue Jahr ist bereits einen Tag alt – und doch möchte auch ich nochmal ganz kurz innehalten und diesem Jahr 2020 nachspüren und mit Euch ein paar meiner literarischen Glanzlichter dieses vergangenen, so schwierigen und seltsamen Jahres teilen.

Anbei in der Reihenfolge, in welcher ich sie gelesen habe, meine 10 Lese-Höhepunkte des Jahres 2020 (soweit ich sie auf der Bowle besprochen habe auch entsprechend verlinkt):

  • Katrine Engberg „Glasflügel“: Der dritte Band aus der dänischen Thriller-Reihe hat mir spannende Lesestunden beschert und mich in eine meiner Lieblingsstädte – nach Kopenhagen – entführt. Tolle Figuren, packende Handlung und viel Lokalkolorit!
  • Brigitte Fassbaender „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“: Die Memoiren der großen deutschen Opernsängerin, Theatermacherin und Regisseurin haben mich fasziniert und mir eine neue Sichtweise auf das Leben vor und hinter den Kulissen des Kulturbetriebs eröffnet.
  • Marco Balzano „Ich bleibe hier“: Der italienische Roman, der die Geschichte des Stausees am Reschen erzählt und das Leid spürbar werden lässt, welches diese unerbittliche Entscheidung, die Einwohner zu vertreiben und das Dorf zu fluten, in die Südtiroler Region gebracht hat.
  • Thomas Hettche „Herzfaden“: Der verspielte, poetische Roman über die Augsburger Puppenkiste und die Tochter des Gründers Hatü Oehmichen bescherte mir ein Leseerlebnis, das mich in meine Kindheit zurückversetzte. Zauberhaft!
  • Maggie O’Farrell „Judith und Hamnet“: Die gefühlvolle, wehmütige und traurige Geschichte der Familie Shakespeare. Im Zentrum die starke Frau an William’s Seite und der Schmerz der Mutter über den Verlust ihres Kindes. Herzzerreißend!
  • Ewald Arenz „Alte Sorten“: Ein stilles, intensives und eindringliches Buch, das lange nachhallt und ins rechte Bild rückt, was wirklich wichtig ist im Leben. Lebensweise, klug und ein Roman für alle Sinne! Ein wahrer Lesegenuss!
  • Volker Kutscher „Olympia“: Sehnsüchtig erwartet und die Erwartung mehr als übertroffen hat dieser achte Band der Gereon Rath-Reihe. Spannender Kriminalfall, gut recherchierter geschichtlicher Hintergrund und Figuren, die bereits ans Herz gewachsen sind – eine unwiderstehliche Kombination!
  • Reinhard Kuhnert „Abgang ist allerwärts“: Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ein autobiographisch geprägtes, eindringliches Zeitzeugnis über ein Künstlerleben in der Deutschen Demokratischen Republik.
  • Jacky Durand „Die Rezepte meines Vaters“: Ein Roman über Väter und Söhne und die Leidenschaft fürs Kochen und die Gastronomie. Liebenswürdig und mit viel Gefühl! Kulinarisch und literarisch genau mein Geschmack!
  • Ursula März „Tante Martl“: Eine starke, humorvolle und liebenswürdige Frau im Mittelpunkt und eine Nichte, die sprachlich gekonnt und mit viel Herz und Witz dem Leben ihrer Patentante ein literarisches Denkmal setzt. Kleines Buch ganz groß!

Mein Leben verändert und bereichert im abgelaufenen Jahr hat die Entscheidung, diesen Blog – meine Kulturbowle – zu starten. Am 14. August 2020 – vor gerade mal viereinhalb Monaten – habe ich meinen ersten Beitrag veröffentlicht „Auf zu neuen Ufern“ und seitdem habe ich viel Freude daran gehabt zu lesen, zu schreiben, zu gestalten, kreativ zu sein und vor allem habe ich mich riesig über die positiven Rückmeldungen meiner Leser gefreut. Diese motivieren und spornen mich an, in meinem ersten vollständigen „Blogger-Jahr“ 2021 meine Bowle weiter zu entwickeln, meine Freude an kulturellen und literarischen Erlebnissen mit Euch zu teilen und mich mit Euch auszutauschen.

Gaumen-Highlight 2020 (Essen):
Kulinarisch war dieses Jahr 2020 geprägt von viel Zeit und Gelegenheit, zu Hause selbst zu kochen. Eines der Lieblingsgerichte in diesem Jahr, das ich neu entdeckt und ins Küchenrepertoire aufgenommen habe, sind die römischen „Pasta cacio e pepe“, weil diese so herrlich einfach, alltagstauglich und doch wohlschmeckend sind. Ein schönes Rezept hierzu gibt es zum Beispiel bei „Ein Nudelsieb bloggt“.
Seit kurzem habe ich aber auch noch die Verfeinerung à la Yotam Ottolenghi (aus dem Kochbuch „Flavour“) getestet und für gut befunden, der zusätzlich zum Pfeffer noch Zatar verwendet.

Gaumen-Highlight 2020 (Trinken):
Mein neu entdeckter Lieblingswein im vergangenen Jahr wurde ein trockener 2019er Muskateller aus dem österreichischen Kamptal. Eine Rebsorte, die mir aufgrund der besonderen Aromatik – vor allem im Sommer – irgendwie besonders zugesagt hat.

Musikalisches in 2020:
Das große Beethoven-Jahr ist – wie so vieles in 2020 – viel kleiner, stiller und ruhiger ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Vielleicht wird es aber auch noch in 2021 ausstrahlen – in Kürze werde ich Euch hier im Blog einen musikalischen Buchtip dazu vorstellen.

***

Aber nach all der Rückschau, will ich vor allem auch Vorfreude spüren und wecken, denn ein frisches, neues Jahr hat begonnen, das gelebt und mit Leben gefüllt werden will. Mit schönen Erlebnissen (hoffentlich auch zu gegebener Zeit wieder in Theatern, Opernhäusern und bei Konzerten), mit Spaziergängen in der Natur, mit Begegnungen, feinen kulinarischen Genüssen und mit guten Büchern.

Dies kann und soll keine umfassende Vorausschau auf das Lesejahr werden, sondern ich habe lediglich exemplarisch ein paar wenige Titel ausgewählt, die derzeit (neben vielen anderen) auf meiner Wunschliste für das neue Jahr stehen und denen ich bereits jetzt mit großer Neugier entgegen sehe (beim Klick auf den Titel gelangt man zur Seite des jeweiligen Verlags). Darüber hinaus ist mein Regal noch gut gefüllt mit bereits Erschienenem und vielen Regalschlummerern, die auf den richtigen Zeitpunkt warten, gelesen zu werden und zudem möchte ich mich auch immer noch spontan inspirieren und verführen lassen.

Zum Weiterlesen – worauf ich mich in 2021 literarisch freue oder
„Sieben auf einen Streich“:

  • Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“: „Der Lärm der Zeit“ ist für mich unvergessen und ich freue mich auf den neuen Roman des Briten, der den Leser ins Paris der Belle Époque mitnehmen wird.
  • Tove Ditlevsen „Kindheit“: Als großer Kopenhagen-Fan bin ich sehr gespannt auf den ersten Teil der Trilogie der bereits verstorbenen dänischen Autorin, welche in den 1920er Jahren beginnt und jetzt in deutscher Übersetzung erscheint.
  • Christian Schalke „Die Fälscherin von Venedig“: Bereits sein erster historischer Roman „Römisches Fieber“ konnte mich überzeugen und daher steht auch sein zweiter Roman weit oben auf meiner Wunschliste.
  • Ewald Arenz „Der grosse Sommer“: Mit „Alte Sorten“ hat sich der Franke im vergangenen Jahr in mein Leserherz geschrieben, daher freue ich mich um so mehr, dass es bald einen neuen Roman von ihm geben wird.
  • Steffen Kopetzky „Monschau“: Die Vorschau dieses Romans „im Ausnahmezustand“ liest sich ungemein fesselnd und schillernd – meine Neugier ist geweckt und ich werde mich ins Wirtschaftswunderjahr 1962 und in die Eifel begeben.
  • Sigrid Undset „Kristin Lavranstochter. Der Kranz“: Der Kröner Verlag bringt 2021 eine Neuübersetzung (durch Gabriele Haefs) des nobelpreisgekrönten Werks der Norwegerin heraus – für mich ein willkommener Anlass, mich wieder einmal mit einem Klassiker der Weltliteratur zu beschäftigen.
  • Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“: Da auch ein guter Krimi nicht fehlen darf und ich Hültner bereits seit vielen Jahren und aufgrund der Inspektor Kajetan-Reihe sehr schätze, wandert auch der zweite Band um Kommissar Lazare, der in Südfrankreich ermittelt, auf die Leseliste 2021.

Noch vieles ließe sich ergänzen, die Liste beliebig verlängern, denn die Verlage haben viel Schönes und Spannendes für 2021 in Aussicht gestellt und ich freue mich auf ein vielseitiges, kurzweiliges und schönes Lesejahr mit großartigen Autorinnen und Autoren, faszinierenden Büchern und unvergesslichen Lesemomenten.
Bleiben wir also gesund, positiv und zuversichtlich und freuen uns auf 2021!

„Bedenke, ein Stück des Weges liegt hinter dir, ein anderes Stück hast du noch vor dir. Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken, aber nicht um aufzugeben.“

(Augustinus von Hippo – 354-430 n. Chr.)

Dezemberbowle 2020 – Opernstreams und Schlemmereien

Der Dezember und dieses schwierige und merkwürdige Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen. Wie so vieles war auch die Adventszeit und das Weihnachtsfest anders als die Jahre zuvor – entschleunigter, stiller, sorgenvoller und nachdenklicher. Ich habe in diesem Monat intensiv Opern geschaut – leider nur im Fernsehen und in Livestreams, was die Liveerlebnisse in den Theatern und Opernhäusern natürlich nicht ersetzen kann, die ich sehr vermisse, aber auf jeden Fall besser ist als gar keine Kultur erleben zu können.

Im Gegenzug blieb ein bisschen weniger Zeit fürs Lesen und ich habe mich im Dezember gegen Ende auch einem richtig dicken Schmöker gewidmet, den mir das Christkind gebracht hat. Aber der Reihe nach:
Winterzeit ist Schmökerzeit und daher hatte ich wieder einmal Lust auf einen opulenten, historischen Roman – Michael Römling’s „Pandolfo“ kam da gerade recht und ich bin abgetaucht ins lebhafte, bunte und laute Mailand des 15. Jahrhunderts. Ein stimmungsvoller und geschichtlich gut recherchierter Roman, der gut unterhält und zudem einige interessante Aspekte der italienischen Renaissance aufgezeigt.

Danach stand bereits vor den eigentlichen, kulinarischen Weihnachtsgenüssen literarisch eine Schlemmerreise an: Vincent Klink’s kurzweiliger, schön illustrierter und sehr wertig aufgemachter Band „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ entführte mich in die schöne Stadt an der Donau und ließ mir mehr als einmal das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ein ganz persönlicher, subjektiver und daher auch vielseitiger Reise- und Gastroführer des Spitzenkochs mit vielen schönen Anregungen für die nächste Reise und Rezepten für zu Hause.

Und weil’s gerade so schön war, bin ich auch gleich noch ein bisschen länger in Wien geblieben – allerdings im Jahr 1873 – mit Gerhard Loibelsberger’s Roman „Alles Geld der Welt“, der sich mit dem „Gründerkrach“ auseinandersetzt – einem schweren Börsenkrach und einer damit verbundenen Wirtschaftskrise, die sich im Jahr der Wiener Weltausstellung ereigneten. Die Gier hatte Besitz von den Menschen ergriffen und Träume und Spekulationsblasen platzten.

Auf Sandra Newman’s „Himmel“ war ich ganz besonders gespannt – schließlich sollte William Shakespeare eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Da konnte ich quasi schon gar nicht mehr daran vorbei. Im New York der Zukunft sind Ben und Kate ein Paar, doch die Beziehung leidet erheblich unter der Tatsache, dass Kate immer wieder in ihren Träumen in die Vergangenheit und das England während der Pest zu Shakespeare’s Zeiten zurückgeworfen wird und das Gefühl nicht los wird, dass es ihre Aufgabe ist, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. So weit, so spannend – allerdings sprang der Funke auf mich leider nicht wirklich über. Es war zu düster, zu schwermütig, vielleicht meine Erwartung zu hoch und vermutlich passte es auch gerade nicht in die aktuelle Situation und meine Gemütslage. Offenbar für mich nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit, aber sicherlich gute Literatur: Bei Bookster HRO und Fräulein Julia findet ihr sehr lesenswerte, interessante und begeisterte Besprechungen.

Um so glücklicher war ich mit meiner Wahl von Ursula März’ „Tante Martl“ – meinem letzten Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schloss. Dieses schmale Büchlein mit seinen ca. 190 Seiten entpuppte sich wahrlich noch zu einem meiner Leseglanzlichter des Jahres 2020. Was für eine Hauptfigur, welch großartige Sprache, welch geniale Mischung aus Humor und Gefühl – da stimmt einfach alles. Ein kleiner Roman, der ganz, ganz groß ist! Herzerwärmend!

Und weil man in der momentanen Lage dringend jede Stimmungsaufhellung und gute Laune gebrauchen kann, die man bekommen kann, wollte ich das Jahr auch mit einem humorvollen Klassiker ausklingen lassen. P.G. Wodehouse und seine komödiantischen Romane um den Butler Jeeves oder Lord Emsworth sind da eine Bank und stets ein Garant für Aufheiterung und zeitlos lustige und spritzige Unterhaltung. Auch „Auf geht’s, Jeeves!“ ließ da nichts zu wünschen übrig und bescherte mir vergnügliche Lesestunden.

Last but not least: Das Christkind schleppte dann dieses Jahr wirklich schwer und legte mir einen echten Brocken unter den Christbaum: der neue Robert Galbraith (alias J.K. Rowling) „Böses Blut“ – der fünfte Band der Cormoran Strike-Reihe – umfasst doch tatsächlich fast 1200 Seiten. Ein neuer Rekord (ich hatte „nur“ mit ca. 800 oder 900 Seiten gerechnet und war dann doch überrascht) und nur gut, dass der Weihnachtsurlaub und die Corona-Situation gerade viel Zeit zum lesen lassen. So kann ich mich da mit aller Ruhe und Muße reinversenken und habe realistische Chancen, die Lektüre noch in diesem Jahr zu beenden.

Der Dezember bescherte mir als Opernliebhaberin aber auch viele Geschenke aus der Opernwelt. Angefangen vom Livestream der „Falstaff“-Premiere aus der Bayerischen Staatsoper mit einem sehr überzeugenden Wolfgang Koch in seinem Rollendebüt, über eine Ausstrahlung auf 3Sat der fulminanten Inszenierung der Oper Zürich von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ mit einer herausragenden Joyce DiDonato aus dem Jahre 2015, bis zu der völlig zu recht umjubelten Premiere des „Simon Boccanegra“ ebenfalls aus Zürich auf ARTE mit einem genialen Christian Gerhaher (bei Arcimboldi’s World gibt es eine ausführliche Besprechung). Ganz große Oper!
An den Weihnachtsfeiertagen gab es zudem noch Humperdinck’s Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus der Bayerischen Staatsoper als Video-On-Demand – musikalisch ein Genuss – die Inszenierung konnte mich jedoch nicht in gewünschtem Maße berühren.

Doch auch mein heimisches Theater – das Landestheater Niederbayern – besitzt jetzt eine Mediathek und ist ins Streaming eingestiegen und so konnte ich zu Hause auf der Couch eine wunderbare „Madama Butterfly“ in einzigartiger musikalischer Ausgestaltung mit 2 Klavieren und einem Synthesizer (war corona-tauglich ohne Orchester eigentlich fürs Theater geplant) erleben. Zudem gab es eine szenische Lesung für Kinder mit Janosch’s „Oh wie schön ist Panama“, die von Christiane Silberhumer absolut liebevoll inszeniert und den Darstellern grandios interpretiert wurde. Auch für junggebliebene Erwachsene ein großer Spaß! (Online noch verfügbar bis 27.01.21)

Aber wir sind noch nicht am Ende, denn auch dem Münchner Gärtnerplatztheater stattete ich noch einen Besuch per Livestream ab und verfolgte die Premiere des Operettenklassikers „Der Vetter aus Dingsda“ – knallbonbon-bunt und amüsant im 60er-Jahre-Stil inszeniert. Und auch am Silvesterabend werde ich virtuell im Gärtnerplatz mit der Revue-Operette „Drei Männer im Schnee“ (kostenloser Livestream um 18.00 Uhr) das Jahr schwungvoll und gut gelaunt ausklingen lassen.

Also statt Silvesterfeuerwerk ein wahres Kultur-Feuerwerk, das ich in diesem Dezember in meinem Wohnzimmer erleben durfte. Dazu noch Adventskonzerte im Fernsehen, Weihnachtsmusik und ruhige Spaziergänge durch die festlich beleuchtete Stadt bescherten einen ruhigen, besinnlichen und stimmungsvollen Dezember.

Mit der Hoffnung auf ein besseres 2021 für alle Kulturliebhaber und Kulturschaffenden, wünsche ich allen, die meine Kulturbowle lesen und verfolgen einen guten Rutsch, einen stimmungsvollen Jahresausklang und ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2021!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Dezember:
Was wäre der Advent ohne Plätzchen? Genau – kein Advent.

© Kulturbowle

Musikalisches im Dezember:
Eine musikalische Entdeckung in diesem Advent war für mich Mykola Leontovych’s „Carol of the bells“, die ich in einer sehr schönen Instrumentalversion für Orchester gehört habe. Dieses Weihnachtslied des ukrainischen Komponisten aus dem Jahr 1914, das häufig auch von Chören gesungen wird, lässt sofort weihnachtliche Bilder vor dem geistigen Auge entstehen.

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke)

Die Tante zum Schluss

Mein Lesejahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu und zum Schluss konnte ich nochmal ein kleines, feines, literarisches Schmankerl genießen. Bei „Tante Martl“ von Ursula März handelt es sich noch um einen letzten Spontankauf im Dezember in meiner örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schließen musste und wie schon bei „Alte Sorten“ hatte ich offenbar auch hier ein glückliches Händchen, denn gemäß dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ zählt dieser schmale Band der ZEIT-Journalistin Ursula März nochmal zu den Büchern, die ich dieses Jahr besonders mochte.

Tante Martl hätte eigentlich ein Martin werden sollen. Als drittes Kind nach zwei Mädchen hätte der Vater dann doch gerne einen Jungen in den Armen gehalten und einen Stammhalter präsentiert und so beginnt Martl’s Leben gleich mit einem Eklat. Denn in Schockstarre lässt es der Vater auf dem Standesamt zu, dass die Geburtsurkunde für einen Jungen ausgestellt wird. Er bringt einfach den Mund nicht auf, um laut einzugestehen, wieder „nur“ ein Mädchen gezeugt zu haben. Erst nach einer Woche und unter lautstarkem Protest und Androhung ernster Konsequenzen durch seine Frau, lässt er den Irrtum amtlich korrigieren.

Martl wird 1925 in der Westpfalz geboren und wird ihr Leben lang im Schatten ihrer zwei älteren Schwestern Bärbl und Rosa stehen. Im Gegensatz zu ihnen wird sie nie heiraten, keine Familie gründen und ihr Leben lang im Elternhaus wohnen bleiben. Sie wird Lehrerin und sie – die ungeliebte Tochter – wird es auch sein, die den Vater am Ende pflegt und selbstlos ihr Leben in den Dienste anderer stellt.

„Martl aber fühlte sich immer weiter an den Rand gedrängt, und unbemerkt, so glaube ich, begann sie schon damals, auf Kosten ihres eigenen Lebens an dem der anderen wie eine Souffleuse teilzunehmen, die sich im Schatten hält und aushilft, wenn die Darsteller im Text hängen bleiben.“

(S.49)

Ursula März ist das Patenkind von „Tante Martl“ und schildert aus der Perspektive der Nichte das Leben dieser resoluten, patenten und doch stets im Hintergrund stehenden Frau. Eine Liebeserklärung an die Patentante, zugleich gerät das Buch aber auch zum Familienportrait und kann ebenfalls als Gesellschaftsportrait der Nachkriegszeit und der Zeit des Wirtschaftswunders gelesen werden.

In vielen Familien gab es damals eine solche „Tante“, die ledig blieb und sich um die Familie kümmerte, einfach mitlief und doch auch manchmal um die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit beneidet wurde. Denn „Tante Martl“ machte den Führerschein, hatte ein eigenes Auto und fuhr alleine in den Urlaub. Als Lehrerin verdiente sie ihr eigenes Geld und war finanziell unabhängig, dennoch löste sie sich nie vom Elternhaus und blieb stets unter dem Dach ihrer Eltern wohnen.

Erst 1950/51 wurde übrigens die Klausel des „Lehrerinnenzölibats“ gesetzlich gelockert und abgeschafft – erst dann durften die „Fräulein Lehrerinnen“ auch heiraten und zugleich ihren Beruf weiter ausüben.

„Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

(S.8)

Was macht aber nun diesen gerade mal 190 Seiten starken Roman zu so etwas Besonderem? Es ist diese absolut unwiderstehliche, mit großem Humor und Schlagfertigkeit gesegnete, starke Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es ist das hervorragende Auge der Autorin, die genau die richtigen Worte trifft, um dieses Charakterportrait für den Leser lebendig werden zu lassen. Da sitzt jedes Wort, jeder Satz und man spürt in jeder Zeile die Liebe und den Respekt für die Tante, die auf der einen Seite so uneigennützig agierte und doch selbstständig ihren eigenen, selbstgewählten Weg ging. Es ist aber auch die gelungene Mischung aus Komik und Tragik, denn die Stellen, die einem die Lachtränen in die Augen treiben, wechseln sich mit traurigen, nachdenklichen Szenen ab.

Ein Roman mitten aus dem Leben und in einer Sprache, die genau den angemessenen Ton trifft: witzig und doch respektvoll. Amüsant auch, dass März ihre Tante stets im pfälzischen Dialekt sprechen lässt – das gibt dem Ganzen noch eine weitere, liebenswürdige Färbung und zusätzliche Authentizität. Ein wunderbares Buch über eine tapfere und unerschrockene Frau, die dem Leben mit viel Humor und einem gesunden Sarkasmus begegnete. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne lachen und weinen und ein amüsantes, warmherziges und einzigartiges Frauen- und Familienportrait lesen.

Eine weitere schöne Besprechung des Romans findet sich auch auf buchpost.

Buchinformation:
Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tante Martl“:

Für den Gaumen:
Vielleicht sollten wir uns jetzt nach den opulenten und üppigen Mahlzeiten der Weihnachtsfeiertage an die Devise von Tante Martl halten:

„Des is, was isch a redlisch Mahlzeit nenn: a Scheib Schwarzbrot und gut Butter drauf. Des is was für anständische Leut. Und die, wo sisch von Naschzeusch ernähre, die sin grad zu faul zum Kaue und halte sisch fir was Besseres.“

(S.24/25)

Zum Weiterhören:
Zum Jahresende gehört die champagner-launige Operette „Die Fledermaus“ zum Standardrepertoire der Theater- und Opernhäuser – ein wahrer Silvesterklassiker – und im Libretto von Carl Haffner findet sich folgendes schöne Zitat, das auch gut auf „Tante Martl“ passt: „Eine solche Tante wie diese Tante – noch keine Nichte Tante nannte!“

Zum Weiterlesen:
Stellenweise fühlte ich mich an einen Roman erinnert, den ich bereits vor vielen Jahren gelesen habe: Irene Dische’s „Großmama packt aus“. Ebenfalls ein satirisch-sarkastischer Familienroman mit verschrobenen Charakteren, der einen ganz eigenen, amüsanten Sound besitzt.

Irene Dische, Großmama packt aus
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser
dtv
ISBN: 978-3-423-13521-4

Weihnachtsbowle 2020

Weihnachten steht vor der Tür und ich möchte all jenen, die ihren Weg auf meine Kulturbowle gefunden haben und mich auf meinem Blog begleiten von ganzem Herzen frohe Weihnachten und schöne Feiertage wünschen. Genießt die Feiertage und die Ruhe und nehmt Euch Zeit für die Menschen und die Dinge, die Euch wichtig sind und am Herzen liegen. Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Da Theater und Kultureinrichtungen ja weiterhin geschlossen haben, beschenken uns viele zu Weihnachten dennoch mit wunderbaren digitalen Angeboten, Livestreams, Online-Lesungen und vielem mehr.
Ich habe für Euch ein paar meiner persönlichen Kulturtips für die Festtage zusammengestellt. Vielleicht ist ja das eine oder andere für Euch dabei und versüßt Euch ebenfalls die Zeit zwischen den Jahren, die wir am besten ohnehin zu Hause verbringen sollten.

Das Landestheater Niederbayern – das Stadttheater meiner Heimatstadt – bietet mittlerweile ebenfalls ein digitales Angebot in der theatereigenen Mediathek. Für Opernfans steht dort aktuell Puccinis „Madama Butterfly“ kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung und das Repertoire wird ständig erweitert und ergänzt. Für mich wird jedoch auf alle Fälle die Kindervorstellung von Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ zu meinem diesjährigen Weihnachtsprogramm gehören – eine szenische Lesung, auf die ich mich (auch als Erwachsene) schon sehr freue (online verfügbar bis 27. Januar 2021).

Ebenfalls fix im Kalender steht für mich an Silvester der Livestream aus dem Münchner Gärtnerplatztheater: die Revueoperette „Drei Männer im Schnee“. Da ich bereits das Vergnügen hatte, diese gelungene, umjubelte und mit mehreren Preisen prämierte Inszenierung vor einiger Zeit live im Theater zu sehen, freue ich mich besonders, dass ich dieses Gute Laune-Stück nach der Romanvorlage eines meiner Lieblingsautoren jetzt am Silvesterabend um 18.00 Uhr nun nochmal in meinem Wohnzimmer genießen kann. Für Musical- und Operettenfreunde ein Genuss und ein großes Vergnügen!

Wer es weihnachtlicher und klassischer mag, der kann sich von der Bayerischen Staatsoper vom 24. bis zum 26. Dezember mit einem kostenlosen Video-On-Demand der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus dem Münchner Nationaltheater beschenken lassen.

Auf Operavision findet sich ebenfalls ein vielfältiges, freies Onlineangebot diverser Aufführungen aus europäischen Opernhäusern. Das aktuelle Repertoire ist breit gefächert und reicht zum Beispiel von einem feinen, intimen Kurt-Weill Liederabend „Lonely House“ aus der Komischen Oper Berlin mit dem Intendanten Barrie Kosky am Klavier und der Sängerin und Schauspielerin Katharine Mehrling (verfügbar bis 22.01.21) bis zu Rameau’s „Les Indes Galantes“ (mit der von mir sehr geschätzten Anna Prohaska) aus der Bayerischen Staatsoper (verfügbar bis 01.01.21). Und aktuell fehlen auf der Plattform auch Opernklassiker wie „La Traviata“, „La Bohème“ oder „Turandot“ nicht.

Auf ARTE gibt es zudem die Möglichkeit, das traditionelle Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker zu sehen (am 31.12.20 ab ca. 18.35 Uhr), das dieses Jahr von Kirill Petrenko geleitet wird und ebenfalls vor leeren Rängen stattfinden muss. Musikalisch stehen neben Beethoven (Leonoren-Ouvertüre Nr. 3) vor allem spanische Klänge auf dem Programm.

Wer statt Weihnachtszauber und Silvesterfestlichkeit lieber eine spannende Lesung verfolgen möchte, für den bietet die Stadtbücherei Landshut auf ihrem Blog einen Audio-Podcast zu Agatha Christie aus der Reihe „Mitten ins Herz – Poesie und Musik im Dialog mit Heinz Oliver Karbus und Martin Kubetz“, der noch bis zum 31.12.20 abrufbar ist.

Wie Ihr seht, hat die kulturelle Szene derzeit viel zu bieten und versucht durch Online-Angebote bei den Menschen in Erinnerung zu bleiben und die Neugier wach zu halten. Viel Spaß und vielleicht war ja die eine oder andere Anregung für Euch dabei. Freut Euch auf die Zeit, wenn die Theater und Konzerthäuser wieder öffnen dürfen und bis dahin: Bleibt offen, neugierig, interessiert und zuversichtlich und genießt die Feiertage!

Für den Gaumen:
Bekocht Euch selbst mit allem, was Euch schmeckt und Freude macht. Jeder hat ja seine ganz eigenen Traditionsgerichte zu Weihnachten. Ob es nun die Würstchen mit Kartoffelsalat sind oder das Fondue. Nehmt Euch Zeit für den Genuss!

Zum Weiterhören:
Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist für mich der Inbegriff festlicher Weihnachtsstimmung: „Jauchzet, frohlocket“ und nehmt Euch Zeit für schöne Musik und genießt diese ganz bewusst!

Zum Weiterlesen:
Und was wäre die Kulturbowle ohne einen Buchtip am Ende.
Eine winterliche Leseempfehlung, die ich bereits vor vielen Jahren genießen durfte und die für mich als schöner Schmöker wunderbar in diese Zeit um Weihnachten passt, ist John Boyne’s „Das Haus zur besonderen Verwendung“. Boyne nimmt den Leser mit auf eine Reise ins winterliche Russland nach St. Petersburg im Jahre 1915 und erzählt die Geschichte vom einfachen Bauernsohn Georgi, der in die Leibwache des Zaren aufgenommen wird, und der Zarentochter Anastasia. Geschichtlicher Hintergrund, große Gefühle und ein Roman, den man nicht mehr vergisst.

John Boyne, Das Haus zur besonderen Verwendung
übersetzt von Fritz Schneider
Piper
ISBN: 978-3-492-27265-0

© Piper Verlag

Daher nehmt Euch Zeit für gute Bücher und macht es Euch bei guter Lektüre und einem schönen Getränk gemütlich! Frohe Weihnachten!

Walzertaumel und Börsenkrach

Gerhard Loibelsberger kennt man bisher vor allem durch seine Krimireihe um den Wiener Kommissar Joseph Maria Nechyba, welche in den Jahren 1903 bis 1918 spielt. Mit „Alles Geld der Welt“, der diesen Sommer erschienen ist, bleibt er Wien als Schauplatz treu, aber er hat sich zeitlich ein wenig weiter in die Vergangenheit zurück begeben und zwar in das Jahr 1873.

Man kennt den „schwarzen Freitag“ der New Yorker Börse aus dem Jahre 1929 oder – insbesondere seit der letzten Babylon Berlin-Staffel wieder frisch im Gedächtnis – auch den Berliner Börsenkrach aus dem Jahre 1927. Aber Wien erlebte bereits am 9. Mai 1873 einen schweren Börsenkrach, der auch als sogenannter „Gründerkrach“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Loibelsberger nimmt seine Leser mit in die Zeit vor der Krise von Januar (Jänner) bis zum Mai, zeichnet ein stimmungsvolles Bild dieser Epoche und erzählt die Geschichte des Aufstiegs und des Falls des Wiener Bankhauses Strauch.

„Wenn er aus diesem immer wiederkehrenden Albtraum hochschreckte und sich danach bis zum Morgengrauen im Bett hin- und herumwälzte, beherrschte ihn ein Gedanke: Dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis all die an der Wiener Börse notierten windschiefen, unterkapitalisierten Aktiengesellschaften als Leichen die Donau hinunterschwimmen würden.“

(S.31)

Wien boomt, pulsiert und fiebert der nahenden Weltausstellung entgegen, die im Mai 1873 eröffnet werden soll. Neben der Rotunde, die das spektakuläre Wahrzeichen der Wiener Weltausstellung werden soll, wird überall geplant, gebaut und investiert. Baron Heinrich von Strauch führt das Bankhaus, das er von seinem Vater übernommen hat, mit wenig Herzblut, möchte sich am liebsten als Privatier aus dem Investitionsgeschäft zurückziehen und die Mühsal und die ungeliebte Bankiersarbeit seinem angestellten Geschäftsführer Ernst Xaver Huber überlassen. Dann würde ihm auch mehr Zeit für das Schöne im Leben bleiben und er könnte sich ganz der Wiener Damenwelt widmen, denn ewig lockt (zumindest den Herrn Baron von Strauch) das Weib.

Wien feiert sich selbst und rauschende Ballnächte, schwelgt im Walzertaumel, in erotischen Abenteuern und überall wird dem Fortschritt gehuldigt. Es herrscht Aufbruchstimmung und Euphorie: Firmengründungen und Kapitalgesellschaften ohne Eigenkapital schießen wie Pilze aus dem Boden und auch der kleine Mann – im Roman zum Beispiel verkörpert durch den Barbier Alois Pöltl – will an den steigenden Aktienkursen teilhaben und profitieren.

Von Kapitel zu Kapitel überhitzt sich der Kapitalmarkt weiter und die Lage spitzt sich mehr und mehr zu. Anhand zahlreicher Romanfiguren lässt der Autor den Leser die Wünsche, Hoffnungen und die Gier der Menschen hautnah mit erleben. Ein bunter Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft der damaligen Zeit, die von Kaiser Franz Joseph I., aber auch immer mehr vom Geld regiert wird. So liest man von kleinen Handwerkern, jüdischen Bankiers, einfachen Dienstmägden, Kaffeehausbesitzern und Tänzerinnen mit all ihren Begierden und Sehnsüchten – ein vielschichtiges und farbenfrohes Bild dieser Epoche entsteht vor den Augen des Lesers.
Dass da am Ende nicht alle zu den Gewinnern zählen werden, lässt sich schnell erahnen.

„Geh pfui, Ernstl! So ein Wort nimmt man doch nicht in den Mund!“
„Was? Fantasie?“
„Nein. Bankrott.“

(S.167)

Loibelsberger ist gebürtiger Wiener und kennt die Stadt und deren Geschichte wie seine Westentasche. Zudem ist er ein großer Kenner und Liebhaber der Wiener Küche, so dass auch die Kulinarik in all seinen Büchern eine große Rolle spielt. Auch „Alles Geld der Welt“ liest sich – wie seine Krimireihe um Kommissar Nechyba – sehr kurzweilig und flüssig. Wenn auch die Nechyba-Krimis vielleicht noch mit ein wenig mehr Spannungselementen gewürzt sind und mich daher noch etwas mehr begeistert haben, war dieser historische Roman vor allem aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds und der Einblicke in die Zeit vor der Wiener Weltausstellung für mich sehr interessant. Ich habe auf unterhaltsame und spielerische Art und Weise einiges gelernt und viel Neues erfahren. Sprachlich flicht der Autor auch die Wiener Mundart in seine Dialoge ein (oft per Fußnoten übersetzt für diejenigen, welche des Wiener Dialekts vielleicht nicht so mächtig sind) und verstärkt so die ohnehin große Portion an Wiener Schmäh und Lokalkolorit im Roman zusätzlich. Angeregt durch Vincent Klinks „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“, das ich vor kurzem gelesen habe, konnte ich durch diese Lektüre noch ein wenig länger literarisch im schönen Wien verweilen. Und so bleibt mir jetzt nur noch Kaiser Franz Joseph I. zu zitieren: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

© Gmeiner Verlag

Buchinformation:
Gerhard Loibelsberger, Alles Geld der Welt
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2686-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alles Geld der Welt“:

Für den Gaumen:
Wie bereits erwähnt spielt die Kulinarik in Loibelsberger’s Büchern stets eine gewichtige Rolle. Oft wird bei einem ausgedehnten Mittagessen im Restaurant oder im Kaffeehaus diskutiert oder ermittelt. Und so erfährt man auch einiges über die Wiener Küche und die Gerichte der damaligen Zeit, so wird zum Beispiel ein Menü aus einer kräftigen Rindssuppe, faschiertem Rostbraten und Palatschinken serviert.

Zum Weiterhören:
Wer dem Wiener Walzer und der Musik der Strauß-Dynastie frönen möchte, hat alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das in alle Welt übertragen wird, die Möglichkeit dazu. Bald ist es wieder so weit und zeitlich und musikalisch passt dies perfekt zu dieser Lektüre. Der Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) lebte von 1825 bis 1899 und feierte mit Orchesterwerken und Operetten große Erfolge, zum Beispiel in genau jenem Jahr 1873 mit „Wiener Blut“.

Zum Weiterlesen:
Gerhard Loibelsberger habe ich durch eine persönliche Empfehlung der Krimireihe um den gemütlichen, übergewichtigen Genussmenschen Joseph Maria Nechyba kennen- und schätzen gelernt, der in 6 Bänden (und zwei Kurzgeschichtenbänden) im Wien der Jahre 1903 bis 1918 ermittelt. Diese sind sehr amüsant, stellenweise ein wenig deftig und schlüpfrig, aber stets authentisch, unterhaltsam und spannend zu lesen. Wer also gerne historische Krimis liest und sein Herz ans wunderschöne Wien verloren hat, der kann mit diesen Bänden viel Freude haben. Ich würde jedoch unbedingt empfehlen, die Fälle in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Den Auftakt bilden „Die Naschmarkt-Morde“, in welchen man Nechyba und seine Aurelia kennenlernt und sofort ins Herz schließt.

Gerhard Loibelsberger, Die Naschmarkt-Morde
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-1006-2

Vom Fliegen und anderen Träumen

Winterzeit ist Schmökerzeit und den historischen Roman „Pandolfo“ von Michael Römling mit seinen 540 Seiten kann man getrost als einen Schmöker bezeichnen. Ein praller, opulenter Roman, der den Leser abtauchen lässt in die Renaissance, den Übergang vom späten Mittelalter in die Neuzeit – genau genommen in das Jahr 1493, d.h. genau im Jahr nachdem Kolumbus Amerika entdeckte und die Welt und die Weltkarte sich für immer grundlegend veränderte.

Schauplatz ist das reiche, laute und lebhafte Handelszentrum Mailand, das damals vom Adelsgeschlecht der Sforzas regiert wurde. Bernardino Bellapianta ist durch Handel reich geworden und hat einen unvergleichlichen Aufstieg vom Findelkind und Adoptivsohn zum Selfmade-Millionär hingelegt. Er und sein Zwillingsbruder, der ebenfalls als Kind gemeinsam mit ihm vor einer Klosterpforte abgelegt wurde, zählen mittlerweile zu den reichsten Männern der Stadt. Selbstverständlich ruft dies auch Neider auf den Plan.

Bei einem Ausritt findet der Seidenhändler auf einem belebten Markt in einem Müllhaufen plötzlich einen schwerverletzten, jungen Mann, der offensichtlich eine schwerwiegende Kopfverletzung erlitten hat. Er bringt ihn zu sich nach Hause, nimmt sich ihm an und lässt ihn von seinen Bediensteten gesund pflegen. Der Schlag auf den Kopf und die tiefe Wunde haben zu einem vollständigen Gedächtnisverlust geführt. Er weiß weder seinen Namen, noch woher er kommt oder was geschehen ist. Schritt für Schritt tastet er sich zurück ins Leben und bemerkt zufällig, dass er ein großes Talent zum Zeichnen besitzt. Schon bald bringen ihm seine Zeichnungen nicht nur Teile seiner Erinnerungen und Vergangenheit zurück, sondern seine Fähigkeiten eröffnen ihm auch die Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt im Hause Bellapianta zu verdienen bzw. eine Gegenleistung für die Gastfreundschaft im Form von Entwürfen zu Stoffdesigns für die Seidenproduktion zu erbringen.

„Ich war wochenlang bewusstlos. Und als sich aufgewacht bin, war alles weg. Mein ganzes Leben. Ich wusste nicht einmal meinen Namen. Und die Erinnerungen kommen einfach nicht zurück.“

(S.268)

Bellapianta, der sich in dem jungen Mann ohne Vergangenheit wiedererkennt, schließt ihn immer mehr ins Herz. Unzertrennlich ist er jedoch vor allem auch mit seinem Zwillingsbruder Giancarlo, dessen Talente nicht so sehr im Handeln und Feilschen liegen wie bei Bernardino, sondern welcher vielmehr ein technisches Genie ist und Maschinen und Fluggeräte konstruiert und baut. Nahezu ein zweiter Leonardo da Vinci – der im Roman übrigens auch einen kurzen Auftritt hat. Giancarlo’s großer Traum ist das Fliegen und in die Realisierung dieses Traums steckt er viel Zeit und Energie – das Geldverdienen überlässt er primär seinem Bruder. Der Zeichner Pandolfo – wie der gefundene Verletzte mittlerweile genannt wird – ist auch ihm eine große Hilfe.

In Rückblenden erfahren wir nach und nach, wie die Bellapiantas zu ihrem Reichtum kamen, welche Beziehungen sie zur Türkei und dem türkischen Sultan unterhalten und der Leser taucht auch mehr und mehr in Pandolfos Geschichte und Vergangenheit ein. Im einfachen Färberviertel, in welchem es von kleinen Ganoven und Gaunern wimmelt, wird er nämlich plötzlich wiedererkannt und auch seine ehemalige große Liebe läuft ihm wieder über den Weg. Kann man sich ein zweites Mal in die selbe Frau verlieben? Und wer trachtete ihm nach dem Leben bzw. hat den Mordanschlag auf ihn verübt? Schon bald ist auch Bernardino Bellapiantas Status und Leben in Gefahr. Kann Pandolfo ihm helfen?

Ein buntes, vielschichtiges Kaleidoskop an Geschichte und Geschichten, Personen und Schauplätzen wird hier von Michael Römling aufgefächert. Die Lektüre erfordert Konzentration, die sich jedoch lohnt. Man erfährt einiges an historischem Hintergrund und man kann wirklich in die Atmosphäre der damaligen Zeit eintauchen: die Gerüche, die Klänge, die Stoffe, die Farben, die Feste und Mahlzeiten – das ist vom studierten Historiker Römling, der selbst lange Zeit in Italien gelebt hat, sehr gut recherchiert und beschrieben.

„Ich roch Gebratenes und Verbranntes, die Düfte der Frauen und den Gestank der Gossen. Ich hörte Kirchenglocken und das Klappen von Fensterläden. Und ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass es nach Hause ging.“

(S.56)

Wer also ein wenig Geduld, Konzentration und Interesse für Mailand, die Renaissance und Geschichte im Allgemeinen mitbringt, der wird an „Pandolfo“ seine Freude haben. Ein fundierter, erzählfreudiger und unterhaltsamer historischer Roman, der einen ins Italien des 15. Jahrhunderts entführt. Ein Leseabenteuer und ein schöner Schmöker für lange Winterabende, der mich überzeugt hat. Römling’s zweiter historischer Roman „Mercuria“, der 1570 in Rom spielt und am 15.12.2020 bei Rowohlt erschienen ist, steht daher ebenfalls schon auf meiner Wunschliste.

© Rowohlt Verlag

Buchinformation:
Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Hundert Augen
ISBN: 978-3-498-09356-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Pandolfo“:

Für den Gaumen:
Die Gelage und Festmahlzeiten der damaligen Zeit sind für den heutigen Gaumen eher gewöhnungsbedürftig:

„serviert wurden Pfauen mit aufgespannten Rädern, vergoldetes Wildbret, mit Papageienfedern drapiertes Geflügel und dutzenderlei andere Überflüssigkeiten“

(S.272)

Daher würde ich dann doch eher zu einem schönen Glas italienischem Rotwein raten, z.B. aus der lombardischen Nebbiolotraube.

Zum Weiterschauen:
Meine Heimatstadt Landshut ist bekannt für die „Landshuter Fürstenhochzeit“ – ein historisches Fest, das in der Regel alle vier Jahre gefeiert und aufgeführt wird (nur Corona hat auch diesem Zeitplan einen Strich durch die Rechnung gemacht und die für 2021 geplante Aufführung wurde bereits auf 2023 verschoben). Diese spielt das Jahr 1475 und die Hochzeit des Landshuter Herzogssohn Georg und der polnischen Königstochter Jadwiga nach und legt großen Wert auf eine möglichst detailgetreue Aufführungspraxis. Wer also selbst ein wenig Flair und Atmosphäre des späten Mittelalters erleben möchte, hat in Landshut in zweieinhalb Jahren wieder die Möglichkeit dazu.

Zum Weiterlesen:
Der ultimative Klassiker des historischen Romans – gerade wenn man an den Schauplatz Italien denkt – ist mit Sicherheit Umberto Eco’s Meisterwerk „Der Name der Rose“, das mir absolut unvergessliche Lesestunden beschert hat und mich bis heute fasziniert. Dieser spielt zwar zeitlich etwas früher als „Pandolfo“ im Jahr 1327, aber dennoch fühlte ich mich stilistisch daran erinnert.
Vor einigen Jahren durfte ich zudem im Landshuter Prantlgarten vor historischer Kulisse eine fulminante Freiluftaufführung dieses legendären Werks genießen. Nicht nur großes Kino (in der Verfilmung mit Sean Connery), sondern vor allem ganz große Literatur.

Umberto Eco, Der Name der Rose
Übersetzt von Burkhart Kroeber
Hanser
ISBN: 978-3-446-25380-3