Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Küss die Hand…

Wien in den Siebziger Jahren und der erste Kriminalroman einer österreichischen Autorin mit einer außergewöhnlichen, neuen Ermittlerfigur, da konnte und wollte ich nicht lange daran vorbei: Constanze Scheib, die ausgebildete Schauspielerin ist und bisher Theaterstücke und Erzählungen verfasst hat, ist mit „Der Würger von Hietzing“ ein spritziges und humoreskes Krimidebüt gelungen.
Als Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ hat sich die Autorin auch einem Netzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen angeschlossen.

Eine unausgelastete – um nicht zu sagen gelangweilte – Ehefrau aus besten Wiener Kreisen mit einem Faible für Fernsehkrimis und teuren Whisky beginnt aus Neugier und Abenteuerlust in einem realen Kriminalfall zu ermitteln.
Schließlich wurde die Tante eines ihrer Dienstmädchen erdrosselt aufgefunden und bei genauerem Hinsehen war dies wohl nicht der erste Mord. Da kann es natürlich nicht angehen, einen Serienmörder frei herumlaufen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrem jungen Hausmädchen Marie, welche sie in ihren kriminalistischen Anwandlungen unterstützt, stürzt sie sich voller Elan und dem naiven Herangehen einer „gnä’ Frau“ unbedarft in die Wiener Verbrecherwelt. Klar, dass es da zu Turbulenzen kommen muss und das aus Miss Marple-Filmen erworbene Wissen nicht ausreicht, um gefährliche Situationen zu vermeiden.

„I wü sie ja net schockiern, oba Verbrecher müss’n net unbedingt aus Favoriten kommen. A jeder kann zum Mörder werden. Wurscht, in welche Schul er gangen is oder wie vü Geld er hat!“

(S.138)

Frau Ehrenstein und Marie bilden ein kongeniales Duo und schnüffeln und lavieren sich gemeinsam durch das teils wilde Wien der Siebziger Jahre – ein aufregender Kontrast zu den gediegenen Zoobesuchen mit Sohn Willi oder den Besuchen im Opernhaus.

Wienliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, denn dieser Krimi bietet eine schöne Zeitreise in die Stadt der Sachertorte und der Musik, man begleitet Frau Ehrenstein an einige der beliebten und bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt: nach Schönbrunn, in den Tierpark, in die Oper und natürlich auch ins eine oder andere Kaffeehaus. Geschickt flicht Scheib auch immer wieder zeitgeschichtliche Ereignisse ein, welche die Handlung in den Siebziger Jahren verorten lassen.

„Frau Ehrenstein ärgerte sich. Und sie ärgerte sich noch mehr über die Tatsache, dass sie sich ärgerte. Sie hatte sich immer so verhalten, wie es von ihr erwartet wurde, hatte nie etwas Unvorhersehbares getan oder war von der Etikette abgewichen.“

(S.57)

Die Beschreibung des Haushalts und des Dienstpersonals im Ehrenstein’schen Haus wirkt da schon mehr als aus der Zeit und der Mode gekommen und unterstreicht das gediegene, konservative und verstaubte Milieu, aus dem sich die Frau des Hauses befreien möchte, so dass ihr jedes kleine Abenteuer gerade recht kommt.

Wer mit dem Wiener Dialekt bislang nicht so vertraut ist, wird durch diesen Krimi einen kleinen, kurzweiligen Einsteigerkurs erhalten, kann sich mit Hilfe dieses Buchs ein wenig einlesen und zukünftig mit so herrlichen Begriffen wie „fadisieren“, „Kaffeetscherl“, „Narrenkastl“ oder „Blitzgneißer“ zumindest Grundkenntnisse des Wienerischen vorweisen.

Ich mochte die Figuren, das Flair, den Zauber Wiens und den Humor dieses Krimis sehr, zumal es aus meiner Sicht um vieles schwerer ist, einen guten komödiantisch-witzigen Krimi zu schreiben als einen blutrünstigen Thriller.
Meinen Geschmack hat die Autorin daher getroffen, wer aber atemlose Spannung, vertrackte tiefenpsychologische Täterprofile, realistische, ernste Kriminalfälle vorzieht und mit einer ordentlichen Portion Humor und Lokalkolorit in Krimis nichts anfangen kann, der wird vermutlich nicht glücklich werden.

Mit Perlenkette, Stöckelschuhen, Maßkostüm und Handschuhen bringt Frau Ehrenstein als Ermittlerin Glanz und Glamour in die zwielichtigen Viertel Wiens und in die aktuelle Krimilandschaft. Dass sich durch das soziale Gefälle zwischen ihr und den Verdächtigen interessante und witzige Situationen ergeben, versteht sich von selbst und gibt dem Ganzen den richtigen Pfiff.

Dazu die nötige Portion Wiener Schmäh und Ironie – da ist Constanze Scheib, die 1979 in Wien geboren wurde, ein sehr amüsanter und kurzweiliger Auftakt gelungen, der unbedingt nach einer Fortsetzung verlangt.
Für mich war „Der Würger von Hietzing“ ein herrliches, verschmitztes und lustiges Krimivergnügen, das mich ein paar Stunden wunderbar unterhalten hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing

Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“:

Für den Gaumen:
Die gnä’ Frau Ehrenstein hat eine Vorliebe für Whisky, gerne schottischer Single Malt, so trinkt sie gemeinsam mit ihrem Hausmädchen schon einmal ein Gläschen der einschlägigen Destillerien (ohne jetzt Namen zu nennen).
Doch im Laufe der Zeit entdeckt sie auch ihre Schwäche für süßes Gebäck, was beim diesbezüglichen Angebot in Wien natürlich kaum verwunderlich ist: So darf es im Kaffeehaus auch mal ein Briochekipferl oder ein Punschkrapfen (S.106) sein.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Theaterbesuch:
Frau Ehrenstein ist als Frau von Welt selbstverständlich auch musikinteressiert und so darf der Leser sie in die Oper begleiten, um dort Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ mit zu erleben – und dies in einer Inszenierung von Otto Schenk.
Und wir stoßen auf einen Wiener Taxifahrer, der tatsächlich Joseph Haydn’s „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ hört – das hat Stil.

Zum Weiterlesen:
Wer Wien und Krimis liebt, dem kann ich auch die Kriminalinspektor Emmerich-Reihe der österreichischen Autorin Alex Beer empfehlen. Hier kann man abtauchen in das Wien der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und bekommt intelligente und spannende Krimiunterhaltung geboten. Ich würde empfehlen, unbedingt mit dem ersten Band der Reihe „Der zweite Reiter“ zu beginnen.

Alex Beer, Der zweite Reiter
Blanvalet
ISBN: 978-3-7341-0599-9

Es ist nie zu spät…

Ein Buch mit einem leuchtend gelben und sonnigen Cover und einem Titel, an dem ich – aus gegebenem Anlass – nicht vorbeikomme: „Barbara stirbt nicht“ – der neue Roman von Alina Bronsky. Erneut ein ungemein gefühlvolles, emotionales Buch der Autorin, die mich schon mit „Baba Dunjas letzte Liebe“ für sich eingenommen hat.
Keine leichte Kost, es geht ums Älterwerden und um Krankheit und doch hat dieses Buch so viele witzige und lustige Momente, dass es einen permanent auf eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle schickt, die von Seite eins bis Seite 256 nicht endet – Zielort und Ausgang ungewiss.

Walter und Barbara sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet. Er brachte das Geld nach Hause und sie war zuständig für die Kinder und den Haushalt: Klassische Rollenverteilung, alte Schule. Die Küche hatte er bislang kaum betreten: Kochen war Frauensache. Doch plötzlich steht Barbara morgens nicht auf, sondern bleibt krank im Bett liegen: kein Kaffeeduft am Morgen, kein Mittagessen auf dem Tisch. Walter macht sich Sorgen und plötzlich muss er das Ruder übernehmen. Schritt für Schritt stellt er sich den neuen Herausforderungen. Und plötzlich bekommt er sogar Hilfe, die er gar nicht erwartet hatte.

„Er sah damals gut aus, blond, stark. Einige waren in ihn verliebt gewesen. Aber keine war so sanft wie Barbara, die nicht Nein sagen konnte, auch wenn es ihr schadete. Er hatte bis heute nicht verstanden, ob sie besonders verliebt oder besonders schwach gewesen war. Gab es da überhaupt einen Unterschied?“

(S.215)

Bronsky hat eine große Gabe, die filigranen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen in ungeheuer treffenden, kleinen, feinen Szenen ganz ausdrucksstark herauszuarbeiten. So tragisch die anfängliche Überforderung Walter’s mit der Situation ist und so vehement er sich gegen die Wahrheit und das Annehmen der neuen Situation sträubt, so komisch ist es, ihn bei der Kochrezeptrecherche auf Facebook zu erleben. Die Schilderung der fünfzigjährigen Ehe und der festgefahrenen Routinen, die sich im Laufe der Jahrzehnte eingeschliffen haben, sind sehr fein beobachtet und beschrieben. Auch der Aspekt, dass es schwierig ist, die Schwäche im Alter zu akzeptieren und die Hilfe der Kinder anzunehmen, ist zutiefst menschlich und von Bronsky sehr treffend dargestellt.

Es ist rührend, Walter und Barbara als Paar zu erleben, das in die Ehe hineingeschlittert ist, sich jedoch auch gegen Kritik von außen behauptet hat und es sich am Ende eingerichtet hat in dieser Beziehung. Sie führen eine Ehe, die trotz oder gerade weil ein paar Probleme konsequent totgeschwiegen werden, funktioniert und auf ihre Art immer noch liebevoll ist.

„Sie sahen sich in die Augen wie sonst selten, wie vielleicht noch nie. Was gab es zu reden, wenn man schon alles gesagt hatte.“

(S.166)

Zugleich ist es auch ein Roman über das „Über sich hinauswachsen“ – darüber, dass es selten zu früh und nie zu spät ist. Aber auch ein Roman über die Ehe und die lebenslange Liebe gegen alle Widerstände – über veraltete Rollenmodelle, Klischees und über das Älterwerden.

Selten habe ich so viel Lustiges im Traurigen gelesen. Bronsky hat auf engsten Raum zwei Menschenleben, eine Ehe und die ganz großen Gefühle in allen Facetten gepackt. Eine lebenslange Beziehung und ein Familienleben mit viel Licht aber auch Schatten, in welches Bronsky geschickt noch weitere große Themen – vor allem auch im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern – versteckt, die ich nicht alle verraten möchte, die jedoch ein so authentisches und glaubwürdiges Porträt einer Familie ergeben, dass man ihr wirklich jede Zeile und jedes Wort abnimmt. Genau so war und ist das Leben!

Ein Abgesang auf eine Generation, deren eingefahrene, starre Rollenverteilung immer mehr der Vergangenheit angehört und zugleich ein sonniges, lustiges Buch, das dem Leser klar macht, dass jeder Neuanfang auch Chancen birgt.
Selten lagen Lachen und Weinen so nahe beieinander wie bei der Lektüre dieses Romans – ein berührendes, grandioses Buch voller Liebe, Herzenswärme und großer Gefühle!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00072-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“:

Für den Gaumen (I):
Herr Schmidt lernt Kochen und entdeckt für sich ungeahnte Fähigkeiten und Möglichkeiten – ein kulinarischer Höhepunkt ist seine selbstgemachte Birnenmarmelade aus Früchten vom eigenen Baum. Eine Leistung, die ihn mit Stolz erfüllt:

„Die Marmelade hatte die perfekte Konsistenz, sie rutschte im richtigen Tempo an den Glaswänden herunter, war nicht zu flüssig, nicht zu fest. Wenn man sie gegen das Licht hielt, schimmerten die Fruchtstücke golden durch.“

(S.234)

Für de Gaumen (II):
Sich bei diesem Buch nur mit einem kulinarischen Tip zu begnügen, würde dem Ganzen nicht gerecht werden: Daher der zweite Streich: Barbara, die russische Wurzeln hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Borschtsch. Nach anfänglichem Widerstand kapituliert Herr Schmidt irgendwann und wagt sich an dieses Abenteuer.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich ständig an den eingängigen und markanten Titel von Joachim Fuchsberger’s Buch denken: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ – das trifft den Inhalt von „Barbara stirbt nicht“ ziemlich gut.
Ich habe Fuchsberger’s Buch über das Älterwerden (noch) nicht gelesen, doch werde ich das zu gegebener Zeit sicher nachholen. Durfte ich ihn als großartigen Schauspieler und feinen Menschen doch sogar selbst noch live auf der Bühne erleben – ein Theater-Erlebnis, das ich nicht vergessen werde.

Joachim Fuchsberger, Altwerden ist nichts für Feiglinge
Goldmann
ISBN: 978-3-442-17419-5

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030

Unbefleckte Empfängnis

Ein Roman, in welchem eine britische Journalistin in den Fünfziger Jahren in einem Fall von unbefleckter Empfängnis recherchiert? Das nenne ich mal eine ausgefallene Idee und ich fragte mich: Worauf läuft das hinaus?
Clare Chambers hat mit „Kleine Freuden“ einen Überraschungserfolg in ihrer Heimat Großbritannien erzielt, der für den Women’s Prize for Fiction 2021 nominiert wurde. Aus meiner Sicht zu Recht, denn sie erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte über liebenswerte Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen.

„Routinen können sehr hilfreich sein“, sagte Gretchen. „Vor allem, wenn man einen Haushalt führen muss. Aber sie müssen“ – sie breitete die Hände aus – „elastisch sein.“

(S.104)

Jean Swinney ist Lokalreporterin im Großbritannien der Fünfziger, d.h. in aller Regel berichtet sie über unspektakuläre Veranstaltungen, schreibt eine Kolumne über Haushaltstips und auch sonst ist ihr Leben alles andere als aufregend. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die mit Mann und Kindern in Afrika lebt und per Luftpost regelmäßig Bericht erstattet, lebt Jean immer noch zu Hause bei ihrer Mutter, die sie stets vollkommen mit Beschlag belegt und sich voll und ganz auf sie verlässt. So vergehen die Tage ohne große Höhen und Tiefen bis sie plötzlich mit einer unglaublichen Nachricht konfrontiert wird: da behauptet tatsächlich eine Frau als Reaktion auf eine Studie zur Parthenogese (der Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern), ihre zehnjährige Tochter Margaret wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Sie nimmt Kontakt zu der Dame auf und beginnt zu recherchieren. Die Journalistin wittert die Chance auf eine sensationelle Schlagzeile. Sie lernt die Mutter Gretchen und das Mädchen Margaret kennen und schon bald merkt sie, dass sie das Ganze nicht als Spinnerei abtun kann und freundet sich immer mehr mit den beiden an.

„Aber Romantik sollte nicht das Vorrecht junger Menschen sein, nicht wahr?“

(S.216)

Die Begegnung mit den Tilburys bringt das eingefahrene Leben Jeans aus der Spur, bewegt sie dazu, sich Auszeiten vom Alltag zu nehmen und lässt sie verstärkt auch über sich und ihr Leben reflektieren.
Doch je mehr Nähe sie zulässt, desto mehr gefährdet die wachsende Freundschaft und die gemeinsame Zeit mit den neuen Bekannten auch ihre Unbefangenheit als Reporterin. Kann und will sie weiterhin über den Fall berichten und in Kauf nehmen, die Familie der medialen Öffentlichkeit und der Sensationslust der Menschen auszusetzen?

„Sie hatte entdeckt, dass man unmöglich denken, grübeln oder sich quälen konnte, während man laut vorlas. Der Haushalt, das Hören von Musik, Lesen oder irgendeine der anderen üblichen Ablenkungen konnten das Getöse in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen.“

(S.398)

Für mich gab es große Parallelen zwischen Jean und dem Roman selbst. So vermeintlich unscheinbar beide anfangs daherkommen: Jean mit ihren praktischen und unauffälligen Wollröcken und dem von Routinen und Wiederholungen geprägten kleinbürgerlichen Leben zu Hause bei ihrer Mutter ist zunächst ebenso unspektakulär wie die Geschichte an sich. Bis auf die Sensationsnachricht des Verdachtsfalls auf unbefleckte Empfängnis kommt das zu Beginn alles sehr unaufgeregt daher: britisches Understatement, Häkeldeckchen, Urlaub in einem verschlafenen Seebad, Einkaufslisten, Nachbarschaftsgeplauder, all das in einem eher konservativen, britischen Milieu der Fünfziger – hier hätte sich auch die liebenswert verschrobene Miss Marple aus Agatha Christie’s Romanen wohlgefühlt.

Doch dann liest man weiter und bemerkt Seite für Seite, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Dass auch in dieser Hauptfigur Jean Swinney so viel mehr schlummert: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und die Suche nach einem erfüllten Leben. Und auch der Roman entfaltet sich plötzlich mehr und mehr und behandelt schließlich wirklich große Themen: Freundschaft, Liebe, Familie – der Spagat zwischen Verantwortung, Pflichtbewusstsein und individuellen, persönlichen Bedürfnissen. Was bedeutet Glück und was braucht es, um ein Leben als erfüllt betrachten zu können?

Vor dieser Rezension machte ich mir dieses Mal bewusst besonders viele Gedanken, wie viel ich von der Handlung preisgeben kann, damit der Zauber, der bei mir einsetzte, auch für potenzielle, zukünftige Leser noch vollumfänglich erhalten bleibt. So viel sei aber verraten: Das Buch entfacht einen Sog, der mich über die gut 420 Seiten getragen hat, bezaubert und auch das eine oder andere Mal überrascht hat.

Ein wunderbarer, einfühlsamer und bereichernder Roman über die Gedankenwelt und inneren Stürme einer Frau im Zwiespalt zwischen Konvention und dem steten Bedachtsein, welche Außenwirkung die eigenen Handlungen in der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld haben, und der Selbstentfaltung verbunden mit großen Gefühlen auf der anderen Seite.

Ein Buch über unbefleckte Empfängnis in den Fünfziger Jahren erschienen im Jahre 2020 bzw. 2021 – wie löst sich das auf und kann das funktionieren? Ja, definitiv, diesen Beweis hat Clare Chambers mit „Kleine Freuden“ erbracht. Hier kann ich mich den Lesern in Großbritannien und der Jury des Women’s Prize for Fiction nur anschließen und wünsche mir, dass der Roman auch in der feinen, deutschen Übersetzung von Karen Gerwig begeisterte Leser finden wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Clare Chambers, Kleine Freuden
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Eisele
ISBN: 978-3-96161-116-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Clare Chamber’s „Kleine Freuden“:

Für den Gaumen:
Herrlich britisch fand ich das Sandwich mit Cheddar und Grünem Tomaten-Chutney, das mit Blick auf den Strand verspeist wird. Darüber hinaus werden im Roman Äpfel und „Cobnuts“, d.h. Haselnüsse geerntet.

Zum Weiterspielen:
Jean verbringt mit ihrer Mutter einen teilweise verregneten Urlaub in Lymington – dort frönen sie zum Zeitvertreib einem Spiel, das auch ich amüsanterweise mit Urlaubserinnerungen verbinde:

„Sie standen so spät auf, wie es statthaft war, und zogen nach einem warmen Frühstück in den Hotelsalon um, wo sie Rummy spielten (…)“

(S.249)

Zum Weiterlesen:
Der Charakter der alleinstehenden Frau oder „ledigen Tante“ in den Fünfziger oder Sechziger Jahren wurde auf großartige, amüsante und liebenswerte Weise auch von Ursula März in einem meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres „Tante Martl“ thematisiert.

Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

Augustbowle 2021 – Waschküche und Draußenzeit

Statt dem erhofften stabilen Sommerwetter hatte der August viel Waschküche im Programm: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und doch bot sich ein wenig mehr „Draußenzeit“ an. So konnte auch die Außengastronomie sich zumindest ab und zu wieder über mehr Gäste freuen, auch wenn die Zahl der richtig lauen Sommerabende dieses Jahr wohl zumindest gefühlt eher einstellig geblieben ist.

Ein wunderschöner Abend, der eigentlich auch für „draußen“ geplant war und dann doch „drinnen“ stattgefunden hat, war der Liederabend von Christian Gerhaher und Gerold Huber im Landshuter Rathausprunksaal – ein besonderer Abend, über den ich schon ausführlich berichtet habe.

Die Salzburger Festspiele standen dieses Jahr unter anderem im Zeichen von Mozart’s Oper „Don Giovanni“, die noch bis zum 05. November 2021 auf ARTE Concert zu sehen ist. Achtung, da kommt so einiges von oben auf die Bühne gekracht… die Neuinszenierung von Romeo Castellucci sorgte durchaus für Diskussionen.

Einen Grund zu Feiern gab es diesen Monat ebenfalls: am 14. August durfte meine Kulturbowle ihren ersten Jahrestag feiern – stilecht mit einer Himbeer-Heidelbeer-Geburtstags-Bowle. Und ich freute mich über die zahlreichen, schönen Rückmeldungen in den Kommentaren. Danke!

Im Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg läuft aktuell (vom 23. Juni 2021 bis zum 16. Januar 2022) die bayerische Landesausstellung „Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen“. Eine für meinen Geschmack sehr gut gemachte, kurzweilige, informative und interessante Ausstellung, die sich lohnt. Der Museums- und Ausstellungsbesuch hat mir viel Freude gemacht (vielleicht finde ich demnächst noch die Zeit, ausführlicher zu berichten) und die Stadt Regensburg ist sowieso immer einen Ausflug wert.

Der August entpuppte sich dieses Mal als etwas schwächerer Lesemonat für mich. Gerade einmal fünf Bücher habe ich gelesen. Auch hier merkt man, dass es diesen Monat möglich war, mehr Zeit draußen und mit anderen Aktivitäten zu verbringen.
Die fünf Bücher, welche es in meinen August geschafft haben, waren aber allesamt lesenswert:
Einen herrlich britischen Krimischmöker, der mir das regnerische Wetter auf der Couch mit Tee erträglich machte, war Susan Hill’s „Schattenrisse“. Der erste Fall von Inspektor Serrailler im Kathedralenstädtchen Lafferton überzeugte mich mit stimmigen Figuren, einer durchdacht erzählten Geschichte und konnte mich zugleich mit einer unerwarteten Wendung überraschen.

Für eine Theaterbegeisterte wie mich war Klaus Pohl’s Roman „Sein oder Nichtsein“, der jetzt endlich auch einen Verlag gefunden hat und als Buch erschienen ist, ein ganz besonderes Leseerlebnis. Der Blick hinter die Kulissen der „Hamlet“-Inszenierung von Peter Zadek aus dem Jahr 1999, der zugleich tief in die Seelen der beteiligten Schauspieler blicken lässt, ist ein Fest für alle, die Literatur und Theater lieben. Dass das „literarische Quartett“ den Roman ebenso positiv besprochen hat, wie ich in meiner Rezension (bereits ein paar Tage zuvor), freut mich daher sehr.

Schon bald werde ich auch ausführlich über Clare Chambers „Kleine Freuden“ berichten. Ein charmanter und liebenswürdiger Roman aus Großbritannien, der über eine Journalistin im London der 50er Jahre erzählt, die recherchiert, ob es tatsächlich einen Fall unbefleckter Empfängnis gegeben hat. Was das werden soll? Lasst Euch überraschen.

Die literarische Bewegung der Harlem Renaissance erfährt derzeit ebenfalls wieder eine Renaissance. Mit Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“ habe ich eines der wichtigsten Werke und einen Schlüsselroman dieser Strömung aus dem Jahr 1929 gelesen, der jetzt in einer deutschen Erstausgabe vorliegt. Ein intensives, schmerzhaftes und ungemein wichtiges Buch über Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung.

Last but not least: Uwe Wittstock „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ – ein großartiges Sachbuch über diesen entscheidenden, einschneidenden und dunklen Monat in der deutschen Geschichte, der so viele Literaten und Schriftsteller gezwungen hat, ihre Heimat zu verlassen und sich ins Exil zu begeben. Wenige Tage voller dramatischer Veränderungen, die der Autor konzentriert und dicht für den Leser auffächert und einordnet.

Was bringt der September?
Die neue Spielzeit am Landestheater Niederbayern geht los und ich freue mich schon riesig auf die erste Premiere des Schauspielensembles: „The King’s Speech“. Ein Stück, das sicherlich mit großen Rollen fantastische Möglichkeiten gibt, zu brillieren und da ich schon den Film sehr mochte, bin ich sehr neugierig und voller Vorfreude auf die Liveversion im Theater.

Ein bereits liebgewordene Tradition im September ist auch die Übertragung der „Last Night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London: dieses Jahr auf 3Sat zu sehen am Samstag, den 11. September 2021 um 22.15 Uhr oder ab 20.00 Uhr bereits in voller Länge live im Radio zu hören bei NDR Kultur.

Am Freitag, den 17. September 2021 um 19.00 Uhr überträgt die Bayerische Staatsoper kostenfrei per Livestream „Oper für alle: Konzert für Bayern“ vom Karlsplatz in Ansbach mit Jonas Kaufmann und Ekaterina Semenchuk – ein buntes Programm aus Mittelfranken unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors Vladimir Jurowski.

Viele Bloggerkollegen haben in den letzten Wochen eine Sommerpause eingelegt oder waren im Urlaub und kehren jetzt schön langsam wieder ins Geschehen zurück. Auch meine Monatsbowle ist im August (vermutlich auch aufgrund der geringeren Lektüre) ein wenig kürzer als sonst ausgefallen – vielleicht ist das meine reduzierte Form der Sommerpause.

Aber einige fotografische Sommerimpressionen aus diesem Monat möchte ich natürlich – wie mittlerweile üblich – noch mit Euch teilen.

In Niederbayern herbstelt es in den letzten Tagen schon deutlich, aber auf einen schönen Altweibersommer darf man ja vielleicht noch hoffen. So wünsche ich allen einen guten Start in den September und falls der Sommer nicht noch einmal zurückkehren will, eben gleich einen schönen Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight August:
Ein Höhepunkt im August war sicherlich die Himbeer-Heidelbeerbowle zur Feier meines einjährigen Blogjubiläums. Frische Beeren, Wein, prickelnder Sekt, gute Laune und dazu die zahlreichen Gratulationen und freundlichen Kommentare meiner Leser haben mich sehr gefreut. So geht man motiviert ins zweite Bloggerjahr.

Musikalisches im August:
Auch wenn ich den Film dieses Mal nicht in voller Länge gesehen habe: die „Blues Brothers“ liefen im August ebenfalls wieder mal im Fernsehen. Musik, die mich schon lange begleitet und spätestens seit einer genialen Inszenierung der Musicalversion meines Heimattheaters in der Spielzeit 2018/2019 wieder mit unsterblichen Ohrwürmern wie „Everybody needs somebody to love“, „Gimme some lovin“, „Think“ und so weiter und so weiter… stets gut gelaunt werden lässt.

„All the world’s a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts…“

(William Shakespeare, „As you like it“)