Augustbowle 2022 – Dauersonne und Spätsommermuße

Sommersonne satt, leider viel zu wenig Regen für die dürstende Natur und laue Abende zum draußen sitzen – all das war der August. Zudem noch einmal Muße für ausgedehnte Lektüren und Musikgenuss.

Der August war für mich ein Opernmonat:
So gab es auf 3Sat die diesjährige Neuinszenierung von Giacomo Puccini’s „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne (noch bis zum 13.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar), die auf einem großen weißen Blatt Papier eindrucksvolle Bilder entstehen ließ.

Hochinteressant und sehr gelungen fand ich auch die Barrie Kosky-Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper „Káta Kabanová“ aus der Salzburger Felsenreitschule (noch bis zum 20.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar) – eine für mich neue Oper, die ich vorher noch nie gesehen oder gehört hatte. Sowohl die Inszenierung aber vor allem auch die Sopranistin Corinne Winters in der Titelrolle haben mich wirklich fasziniert.

Zudem habe ich im August meinen zweiten Bloggeburtstag gefeiert – mit einer herrlichen Melonenbowle. Über Eure Glückwünsche, Kommentare und Likes habe ich mich sehr gefreut. Dankeschön!

Lektüretechnisch war der August wieder sehr ergiebig und vielseitig:
Mit Ilinca Florian’s gefühlvollem Roman „Bleib, solang du willst“ durfte ich eine für mich neue Autorin kennenlernen, die eine sehr berührende Geschichte über zwei Schwestern und auch darüber geschrieben hat, was es bedeutet alleinerziehend zu sein.

Noch einmal an die Ostsee und zu einem interessanten Kapitel der Geschichte entführte mich Karin Kalisa’s Roman „Fischers Frau“. Bisher hatte ich noch nichts über die Pommerschen Fischerteppiche gehört, welche die Fischer ursprünglich während eines Fischereiverbots in den späten Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor der Arbeitslosigkeit bewahren sollten und später als Kunsthandwerk fortgeführt wurden. Ein toller Stoff, raffiniert umgesetzt, zudem spannend, aufschlussreich und sehr kurzweilig zu lesen!

Eine große Familiensaga über mehrere Generationen hinweg aus dem österreichischen Mühlviertel erzählt Judith W. Taschler in ihrem Roman „Über Carl reden wir morgen“. Ein richtiger Schmöker, der sich gut liest und ein großes Geschichts- und Familienpanorama auffächert, das vielleicht noch nicht einmal auserzählt ist – für Fans von opulenten Familienromanen eine gute Wahl!

August ist Festspiel- und Krimizeit in Salzburg: Manfred Baumann hat mittlerweile seinen zehnten Band mit Kommissar Merana vorgelegt: „Salzburgrache“ – ein etwas düsterer Jubiläumsfall, der dieses Mal vor allem auf der Festung Hohensalzburg und auf weiteren Burgen in der Umgebung spielt.

Einen weiteren – wenn auch völlig andersartigen – Krimi bekam ich mit Andreas Storm’s Debüt „Das neunte Gemälde“ vor die Lesebrille. Ein temporeicher, vielschichtiger Kunstkrimi nahezu in James Bond-Manier, der den Leser mitnimmt auf einen wilden Ritt zwischen dem besetzten Paris während des zweiten Weltkriegs, dem Bonn der Sechziger Jahre und dem Jahr 2016 auf der Suche nach der wahren Geschichte eines NS-Raubkunst-Gemäldes.

Poetisch, mystisch und rätselhaft – und somit ein unvergessliches und außergewöhnliches Leseerlebnis war für mich Mariette Navarro’s Roman „Über die See. Die Kapitänin eines großen Frachtschiffs gestattet auf offener See ihrer Besatzung von Bord zu gehen, um eine Runde zu schwimmen – ein unerhörter Vorgang, der zur emotionalen Ausnahmesituation wird. Ein Buch fernab des üblichen Mainstreams und daher in meinen Augen besonders interessant.

Und es ging sehr stark weiter mit – wie ich mich schon jetzt beurteilen traue – einem meiner absoluten Leseglanzlichter in diesem Jahr 2022: Annabel Wahba’s Debütroman „Chamäleon“, in welchem die Autorin basierend auf Autobiografischem die Geschichte ihrer ägyptisch-deutschen Familie erzählt. Ein Buch, das mich zutiefst berührt hat, das von der ersten Seite weg bewegt und fasziniert und das man gar nicht mehr weglegen möchte. Die Schwester erzählt am Sterbebett ihres krebskranken Bruders gegen den Tod an – gleich einer modernen Version von Tausendundeine Nacht – und setzt somit ihren Vorfahren, d.h. vor allem den Großeltern und Eltern ein bleibendes Denkmal, schafft eine literarische Erinnerung der Familiengeschichte, die bleiben wird und thematisiert zugleich, was Herkunft, Migration und ein Leben fernab des Geburtslandes bedeutet. Ganz große Leseempfehlung!

Der August war für mich auf jeden Fall ein Monat mit sehr starken Autorinnen, die ich entdecken durfte: So auch die dänische Schriftstellerin Helle Helle mit ihrem Doppelroman „SIE und BOB“, über den ich bald noch näher berichten werde (und zwar hier). Sprachlich hochinteressant und stilistisch außergewöhnlich, erlebt man vermeintlich Alltägliches aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, das zwischen den Zeilen doch große Gefühle transportiert. Raffiniert!

Nach „Liebe in Zeiten des Hasses“ oder „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ hat mich auch Unda Hörner’s neues Sachbuch „1939 – Exil der Frauen“ sehr fasziniert und in den Bann gezogen. Ein fesselndes, vielschichtiges Kaleidoskop – das in zwölf Kapiteln, die jeweils den Monaten des Jahres 1939 gewidmet sind – vor allem die Lebensschicksale weiblicher Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellt. So erfährt man als Leser, wie das dunkle Jahr 1939 die Lebenswege von Frida Kahlo, Else Lasker-Schüler, Simone de Beauvoir oder Helene Weigel – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – nachhaltig veränderte. Auch hierzu folgt in Kürze eine ausführliche Besprechung.

Ende August habe ich mich wieder einmal ein wenig in Bayreuth- und Wagner-Lektüre vertieft. So habe ich nach einigen Jahren die beiden Bücher von Herbert Rosendorfer „Bayreuth für Anfänger“ und „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ erneut gelesen – eine unterhaltsame Art sich dem Festspielbetrieb und den Werken zu nähern (wohlgemerkt von einem Verfasser, der sich selbst nicht als Wagnerianer bezeichnete).
Thea Dorn’s Krimi „Ringkampf“, der schon länger bei mir im Regal stand und der die Ränke und Intrigen hinter den Kulissen während einer Ring-Inszenierung in der Frankfurter Oper in den Mittelpunkt stellt, war schnell gelesen, wird aber bei mir wohl eher nicht lange nachklingen.

Was bringt der September?

Der reguläre Kulturbetrieb läuft nach den Festspielzeiten und sommerlichen Theaterpausen schön langsam wieder an. Ich freue mich vor allem auf eine besondere Lesung, die pandemiebedingt vom Frühjahr in den Herbst verlegt wurde und jetzt wieder in meinem Kalender steht – ich hoffe, ich kann dieses Mal berichten. Daumen halten!

Zudem habe ich auch wieder zwei musikalische Kulturtips fürs Fernsehen:
Am 10. September um 20.15 Uhr gibt es auf 3Sat die diesjährige „Nabucco“-Inszenierung aus dem Steinbruch St. Margarethen zu sehen.

Und am 17. September um 20.15 Uhr freue ich mich auf einen absoluten Pflichttermin in meinem Kulturjahr – ebenfalls auf 3Sat – mit der traditionellen „Last night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall. Dieses Jahr gibt es für mich auch ein Wiedersehen mit der wunderbaren norwegischen Sopranistin Lise Davidsen, die ich schon live erleben durfte und natürlich mit den üblichen Klassikern (inklusive Publikumschoreografie) zum Ende des Konzerts, die nicht fehlen dürfen.

Dazu freue ich mich auf einen prächtigen Altweibersommer oder Frühherbst – mal sehen, was es werden wird – mit schönen Spaziergängen und tollen Büchern, um stimmungsvoll in einen gemütlichen Leseherbst zu starten.

Und so wünsche ich allen einen gelungenen Start in einen bunten, wunderbaren Kultur- und Bücherherbst! Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:

Eine Scheibe gutes Brot mit einem schmackhaften Aufstrich, das ist etwas Wunderbares. Diesen Monat gab es selbst zubereiteten Liptauer Aufstrich (das Rezept findet man hier) auf Sauerteigbrot – würzig, einfach und gut – herrlich zur Brotzeit.

Musikalisches im August:
Meine musikalische Entdeckung diesen Monat war sicherlich „Ethiopia’s Shadow in America“ von der amerikanischen Komponistin Florence Price (1887 – 1953) aus dem Jahr 1932. Schön, dass auf den Klassiksendern im Radio jetzt auch ab und an die Werke weiblicher Komponistinnen ihren Platz bekommen.

„Weisst du, wie das wird?“

(Richard Wagner, Libretto „Götterdämmerung“)

Julibowle 2022 – Heißzeit und Vorhangzauber

Im Juli ging es mit vielen Hitzetagen und Temperaturen weit jenseits der 30 Grad-Marke oft heiß her. So waren während dieses turbulenten und nicht ganz einfachen Monats auch Schatten und Abkühlung gefragt und man wusste durchaus auch etwas Ruhe und Muße für gute Lektüre oder interessante Kulturgenüsse zu schätzen. Und auch wenn der Monat gefühlt sehr schnell an mir vorbeigezogen ist, ist doch einiges Merkens- und Bemerkenswertes zusammengekommen:

Sehr gut gefallen hat mir persönlich zum Beispiel der Livestream der Münchner Staatsoper (Staatsoper TV) von Leoš Janáček’s „Das schlaue Füchslein“ unter der Regie von Barrie Kosky (im Rahmen von Oper für alle). Die Inszenierung, die mit unzähligen, unterschiedlichen Vorhängen und geradezu magischen Lichteffekten wirklich unglaublich schöne Bilder auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters zauberte, war wirklich etwas Besonderes – Vorhangzauber und Operngenuss!

Und auch im Fernsehen habe ich diesen Monat – trotz vermeintlichem Sommerloch – drei wirklich sehenswerte Filme bzw. Sendeformate, entdecken können:

So konnte ich endlich eine weitere filmische Bildungslücke schließen und mir den Schwarz-Weiß-Klassiker von Billy Wilder „Zeugin der Anklage“ mit Marlene Dietrich und Charles Laughton in den Hauptrollen aus dem Jahr 1957 nach einem Roman von Agatha Christie anschauen. Das kann man auch heutzutage wirklich noch sehr gut sehen.

Künstlerisch interessant und gelungen zusammengestellt fand ich auch den Dokumentar- bzw. Essayfilm „Brennender Sommer“ von Heinz Bütler, der auf 3Sat gezeigt wurde: Es ging um Hermann Hesse’s Zeit im Tessiner Ort Montagnola und vor allem auch um sein dort entstandenes Werk „Klingsors letzter Sommer“. Stimmungsvolle Bilder, Peter Simonischek liest aus Hesse’s Werk, Literaturexperten diskutieren darüber und Sänger Daniel Behle singt Ausschnitte aus Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ (nach Gedichten von Hesse) – ein sinnenfreudiges, künstlerisches Gesamtkunstwerk. Da ich zudem vor kurzem erst den Krimi „Mord in Montagnola“ gelesen hatte, war dies ein schöner Anlass, sich nochmal mit dem Ort und dem Literaturnobelpreisträger zu befassen.

Ein völlig anderes, aber ebenso packendes Fernseherlebnis war die neue 45-minütige Dokumentation von Claus Kleber „Utopia – Irre Visionen im Silicon Valley“ (in der ZDF Mediathek verfügbar bis 19.07.27), in welcher er einen Eindruck vermittelt und auch kritisch beleuchtet, an welchen bahnbrechenden Technologien aktuell bereits geforscht wird, die unser Leben nachhaltig und wohl unausweichlich verändern werden.

Ein vollkommener Kontrast zur strahlend-glänzenden, durchgestylten High-Tech-Welt des Silicon-Valley – jedoch mit mindestens ebenso eindrucksvollen Bildern bzw. Fotografien – durfte ich in der aktuell noch bis zum 7. August 2022 laufenden Ausstellung „Spuren der Zeit“ in der Neuen Galerie Landshut erleben. Die expressiven Fotografien von Martin Waldbauer zeigen die Spuren, welche die Zeit zum Beispiel in menschlichen Gesichtern oder an den Händen von Holzarbeitern hinterlässt – Bilder mit einer großen Kraft, die einem direkt in die Seele zu blicken scheinen, wenn man vor ihnen steht. Auf der Homepage des Künstlers könnt Ihr Euch gerne selbst einen Eindruck verschaffen.

Und auch an Lesestoff hatte der Juli einiges zu bieten und führte mich gleich zweimal nach Norwegen, in die Weltstädte Paris und New York, an die legendäre Otto-Falckenberg-Schule in München, in meine Heimatstadt Landshut und zweimal nach Bella Italia – aber der Reihe nach:

Mit Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ ging die nobelpreisgekrönte Trilogie und für mich eine Reise durch das mittelalterliche Norwegen zu Ende, die mich literarisch aufgrund der großartigen und zeitgemäßen Übersetzung von Gabriele Haefs wirklich sehr für sich eingenommen hat. In drei Bänden durfte ich Kristin Lavranstochter durch schöne, aber auch schwierige Zeiten begleiten und in den immer noch aktuellen historischen Romanen mitverfolgen, was es bedeutete, als Frau im norwegischen Gudbrandsdalen des 14. Jahrhunderts gelebt zu haben.

In ein völlig anderes Norwegen entführte mich dann Toril Brekke mit ihrem Roman „Ein rostiger Klang von Freiheit“ – und zwar in die Hauptstadt Oslo des Jahres 1968 – politisch aufgeheizte Zeiten, Studentendemonstrationen und -proteste und mittendrin die kurz vor dem Abitur stehende Agathe und ihr kleiner Bruder Morten, die sich in turbulenten Zeiten ohne ihre Mutter, die mit einem Liebhaber nach Kopenhagen durchgebrannt ist, ihren eigenen Weg ins Leben suchen müssen. Ein sehr atmosphärischer, intensiver Roman, der den Zeitgeist der 68er sehr gekonnt einfängt.

Um starke Frauen mit einer ganz besonderen Verbindung geht es in Catherine Cusset’s Roman „Die Definition von Glück“. Ein Buch, das viele heiße Eisen und ernste Themen anpackt und anhand der Lebensgeschichten von Clarisse aus Paris und Ève aus New York erzählt, was es bedeutet, eine Frau zu sein – mit allen Höhen und Tiefen.

Im Juli konnte ich außerdem persönlich endlich eine entsetzliche Lücke schließen und zwar kann ich jetzt vollumfänglich meinen geschätzten BloggerkollegInnen beipflichten, die den dritten Teil von Joachim Meyerhoff’s Romanreihe „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ einfach nur umwerfend gut fanden. Ein Buch zum Niederknien – witzig und traurig zugleich – und ein höchst unterhaltsamer Ausflug in die Nymphenburger Villenwelt bzw. das Haus der Meyerhoff’schen Großeltern, aber vor allem auch ein Blick hinter die Kulissen einer renommierten Schauspielschule – wie der Otto-Falckenberg-Schule in München. Herrlich – ganz großes Theater zwischen zwei Buchdeckeln!

Schon bald werde ich Euch mit einer Buchvorstellung auch ein Kapitel meiner Heimatstadt Landshut vorstellen dürfen, und zwar hat Richard Rötzer mit „Narrenträume“ einen historischen Roman über die Zeit des bayerischen Herzog Wilhelm V. verfasst. Und sein Hofnarr hat so einiges zu erzählen – also lasst Euch überraschen, denn mehr dazu gibt es schon in Kürze hier auf der Kulturbowle.

Und auch meiner Italiensehnsucht habe ich diesen Monat wieder einmal ausführlich – wenn auch nur literarisch – gefrönt und zwar mit zwei wunderbaren, neuen Büchern von zwei Autoren, die ich bereits in der Vergangenheit kennen- und schätzen gelernt habe:

Tim Parks machte sich mit seiner Lebensgefährtin auf einen anspruchsvollen Fußmarsch durch Italien auf den Spuren Giuseppe Garibaldi’s: das dabei entstandene Buch „Der Weg des Helden: Auf Garibaldis Spuren von Rom nach Ravenna“ – ich möchte unbedingt demnächst noch ausführlicher berichten – ist spannend und sehr interessant zu lesen.

Und der ehemalige, langjährige SZ-Korrespondent in Rom Stefan Ulrich, dessen bisher erschienene Bücher (wie z.B. „Quattro Stagioni: Ein Jahr in Rom“) ich sehr mochte, hat mit „Und wieder Azzurro: Die geheimnisvolle Leichtigkeit Italiens“ eine gefühlvolle Liebeserklärung an das Land seiner Träume verfasst, in welcher er versucht zu ergründen, was für ihn (und vielleicht für so viele Deutsche, Schweizer und Österreicher) diesen ganz besonderen Zauber Italiens ausmacht. Ein wunderbares Buch für alle, die Italien lieben. Auch hierzu gibt es hoffentlich in Kürze einen ausführlicheren Beitrag.

Was bringt der August?

Es gibt tatsächlich bereits den zweiten Bloggeburtstag zu feiern, den ich selbstverständlich gerne stilecht mit einer Bowle begehen möchte – ich werde berichten und vielleicht stoßt Ihr ja virtuell mit mir an.

Und dann ist August natürlich Festspielzeit – da gibt es viel zu sehen – auch im Fernsehen – von Bayreuth über Bregenz nach Salzburg gibt es für alle Fans Oper satt:

Am 6. August um 20.15 Uhr geht es mit 3Sat zum großen Finale des Ring des Nibelungen zur „Götterdämmerung“ auf den Grünen Hügel in Bayreuth – man darf gespannt sein auf die Neuinszenierung von Valentin Schwarz, der den Ring im Stil einer Netflix-Serie in Szene setzen möchte.

Am 13. August zeigt 3Sat um 20.15 Uhr die diesjährige Neuinszenierung von Giacomo Puccini’s „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne – die spektakuläre Bühne besteht dieses Mal aus einem großen weißen Blatt Papier.

Und auch die Festspielstadt Salzburg darf nicht fehlen: am 20. August um 20.15 Uhr zeigt ebenfalls 3Sat die Barrie Kosky-Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper „Káta Kabanová“ aus der Felsenreitschule.

Ich wünsche allen einen schönen und entspannten August! Genießt den Sommer und den Urlaub – falls einer ansteht – und bleibt gesund!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Juli:

Eine sehr schöne vegetarische Alternative zu einem der klassischen bayerischen Biergartengerichte schlechthin, d.h. zum Wurstsalat, sind für mich Essigknödel. Ein erfrischendes, perfektes Sommeressen: einfach Semmelknödel in Scheiben schneiden, Zwiebeln drauf und mit Salz, Pfeffer und einem Essig-Öl-Dressing schön sauer anmachen. Wird aber leider in Biergärten meist nicht angeboten, so dass es die in der Regel nur zu Hause gibt.

Musikalisches im Juli:
Hängen geblieben ist bei mir diesen Monat ein Song, den Marlis Petersen bei der Sommernachtsgala in Grafenegg (noch bis 15.08.22 in der 3Sat Mediathek zu sehen) gesungen hat: „Where is it written“ aus dem Film „Yentl“ (Komponist: Michael Legrand) – da lohnt es sich auch das Original von Barbra Streisand aus dem Jahr 1983 nochmal nachzuhören.

„Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.“

(Ausschnitt aus dem Gedicht „Morgenwonne“ von Joachim Ringelnatz 1883 – 1934)

Herzbowle – 84, Charing Cross Road

Heute möchte ich den zweiten Beitrag meiner Herzbowle mit Euch teilen. Es geht also wieder um ein ganz besonderes Herzensbuch in meiner Lesebiografie:
Und auch in diesem Fall war das erneute Lesen ein wahrer Genuss – Seelenbalsam der besten Sorte.

Entdeckt und zum ersten Mal gelesen habe ich Helene Hanff’s „84, Charing Cross Road“ – ihren Briefwechsel mit dem Londoner Antiquar Frank Doel und seinen BuchhändlerkollegInnen aus den Jahren 1949 bis 1969 – im Februar 2004.
Da war gerade eine Taschenbuchausgabe neu erschienen und lachte mich in der Bahnhofsbuchhandlung an, bevor ich mich nach einem schönen Abend mit Bekannten allein auf die nächtliche Zugfahrt nach Hause machte. Bis ich in Landshut spät nachts aus dem Zug stieg, hatte ich das Buch in einem Rutsch gelesen und es hatte mein Herz im Sturm erobert.

Helene Hanff – geboren 1917 in Philadelphia – war Theater- und Drehbuchautorin und lebte während der Nachkriegszeit in New York in einfachen Verhältnissen. Bücher waren ihre große Leidenschaft, doch die schlichten, amerikanischen Ausgaben auf minderwertigem Papier sagten ihr meist nicht zu und schön aufgemachte, handwerklich gut gestaltete Bücher waren schwer zu bekommen. Als sie daher 1949 in einer Zeitungsannonce auf ein Londoner Antiquariat in der Charing Cross Road aufmerksam wurde, begann einer der schönsten Briefverkehre, die ihren Weg in die Literatur gefunden haben.

Was mit einer einfachen Anfrage und Buchbestellungen einer Kundin an ein Antiquariat beginnt, entwickelt sich über 20 Jahre zu einem charmanten und liebevollen Austausch zwischen Freunden – zwischen der leidenschaftlichen und selbstbewussten Helene, die Sätze so präzise, scharf und geschliffen wie Samuraischwerter zu formulieren versteht und dem schüchternen, zurückhaltenden und ruhigen Buchhändler Frank Doel, der von London aus stets versucht, ihre teils ausgefallenen Wünsche im Bezug auf Buchraritäten zu erfüllen.

„Alles, was er mochte, mag ich auch, außer es handelt sich um Romane. Ich kann mich nicht für Dinge interessieren, die Leuten, die nie gelebt haben, nicht zugestoßen sind.“

(S.73)

So reisen über 20 Jahre hinweg viele Briefe und Pakete über den Atlantik hin und zurück und Menschen, die sich nie gesehen haben, lernen sich immer besser kennen. Man teilt neben der Begeisterung für schöne und gute Bücher auch Alltagssorgen, gute und schlechte Nachrichten. Schnell entsteht der Wunsch, sich einmal im Laden in London persönlich kennenzulernen, doch irgendwas kommt immer dazwischen…

„Wenn das bis Juni anhält, gehe ich vielleicht nach England und werde selbst in meinem Buchladen herumstöbern. Wenn ich mich traue… ich schreibe denen aus der sicheren Entfernung von 5000 Kilometer die unverschämtesten Briefe. Wahrscheinlich werde ich eines Tages dort hineinmarschieren und wieder hinausgehen, ohne ihnen gesagt zu haben, wer ich bin.“

(S.70)

Zwischen all den Buchbestellungen blitzt in der Korrespondenz auch immer das zeitliche Geschehen und die damaligen Lebensumstände im Alltag auf: die Mangelwirtschaft nach dem Krieg, die ärmlichen Umstände und die Schwierigkeiten, gute oder besondere Lebensmittel aufzutreiben. Es geht zum Beispiel aber auch um die Krönung Elizabeth II. – das 70-jährige Thronjubiläum, das gerade vor kurzem groß gefeiert wurde, haben wir vermutlich alle noch im Kopf.

„Habe ich Ihnen erzählt, dass er mir letztes Frühjahr sagte, ich müsse alle meine Zähne überkronen oder ziehen lassen? Ich entschied mich für die Kronen, da ich mich an Zähne gewöhnt habe. Aber die Kosten sind einfach astronomisch. Deshalb wird Elisabeth den Thron ohne mich besteigen müssen. Zähne sind das Einzige, was ich in den nächsten Jahren gekrönt sehen werde. Ich gedenke NICHT, mit dem Bücherkaufen aufzuhören (…)“

(S.88)

Das Buch lebt von der unfassbar pointierten, spitzzüngigen und unglaublich amüsanten Art Hanff’s zu schreiben. Man verfällt schon nach wenigen Zeilen rettungslos dem Witz und der frechen Schreibe dieser Frau mit dem goldenen Herzen, der auch Frank Doel zweifelsohne jede Schnoddrigkeit und jedes sarkastisch-zynische „über die Stränge schlagen“ stets verziehen hat.

Es gibt nur wenige Texte, die auf ähnliche Weise die Spezies BücherliebhaberIn so liebevoll beleuchten und zum Thema machen, wie dieser Briefwechsel, der geradezu strotzt vor Huldigungen und Zuneigung zum Medium Buch. Helene Hanff ist Büchernärrin reinster Ausprägung und findet stets die richtigen und treffenden Worte und Formulierungen, ihrer Bücherliebe Ausdruck zu verleihen.

„Nicht weil es eine Erstausgabe ist – ich habe niemals zuvor ein so schönes Buch gesehen. Irgendwie fühle ich mich schuldig, es zu besitzen. Das schimmernde Leder, die Goldprägung, die schöne Schrifttype, all das gehört in die kieferngetäfelte Bibliothek eines englischen Landhauses. Gelesen werden muss es bei Kaminfeuer in einem Ledersessel – nicht auf einer Secondhand-Couch eines Einzimmerlochs in einem heruntergekommenen Sandsteinhaus.“

(S.32/33)

Da geht es nicht nur um den Zauber von Erstausgaben und edle, schön gestaltete Bücher, sondern auch darum, welches Messer am besten dazu geeignet ist, die Buchseiten aufzuschneiden oder ob es legitim ist, Bücher wegzuwerfen. Fragen und Themen, die bibliophile LeserInnen auch heute in vielem sehr gut nachvollziehen können. Beim Lesen scheint man eine Seelenverwandte gefunden zu haben.

Dieses zauberhafte Büchlein ist der eindrucksvolle Beweis, wie Bücher Brücken schlagen und Menschen über Ozeane hinweg verbinden können. Die geteilte Liebe zu Büchern kann als Gemeinsamkeit Grenzen (und Jahrzehnte) überwinden: eine wunderschöne Erkenntnis. Getragen wird das Buch jedoch nicht nur durch die Liebe zu Büchern, sondern auch durch gelebte Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit. Die menschliche Größe und Großzügigkeit der Autorin und ihrer BriefpartnerInnen ist berührend und beglückend sowie ein lebendiger, schriftlicher Beweis für das Gute im Menschen.

Schön, dass dieser Briefwechsel 1970 von Helene Hanff (1917-1997) veröffentlicht wurde und als Kultbuch zunächst in England und Amerika zum größten Erfolg ihrer Karriere wurde. Und schön, dass mir dieses bezaubernde Werk 2004 eher zufällig in die Hände gefallen ist.

Seit dieser Nacht im Zug hat das Buch nicht nur für immer einen Platz in meinem Herzen, sondern auch einen Ehrenplatz in meinem Buchregal. Eines der Bücher, das bleibt und bleiben wird – und schon damals habe ich mir in jugendlichem Überschwang dazu notiert: „wunderwunderschön“.

Meine Begeisterung für das Buch teilen unter anderem in schönen Besprechungen auch Birgit Böllinger und Bücherkaffee.

Wer meine Herzbowle noch nicht kennt oder neu auf meine Kulturbowle gestoßen ist: hier geht’s zur ersten Folge mit Astrid Lindgren’s sommerlichem Schärenroman „Ferien auf Saltkrokan“.

Buchinformation:
Helene Hanff, 84, Charing Cross Road
Aus dem Amerikanischen von Rainer Moritz
btb
ISBN: 3-442-73129-1

Meine Ausgabe ist – wie beschrieben – schon etwas älter, aber aktuell ist das Buch in einer Ausgabe des Atlantik Verlags erhältlich:

Helene Hanff, 84, Charing Cross Road
Aus dem Amerikanischen von Rainer Moritz
Atlantik Verlag
ISBN: 978-3455650747

Herzbowle

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helene Hanff’s „84, Charing Cross Road“:

Für den Gaumen:
Helene Hanff lässt sich per Brief von einer Mitarbeiterin des Londoner Antiquariat’s das Rezept für Yorkshire Pudding erklären:

„Ich weiß nicht recht, wie ich es jemandem beschreiben soll, der das nie gesehen hat, aber ein guter Yorkshire-Pudding schwillt mächtig an und wird braun und knusprig, und wenn man hineinschneidet, sieht man, dass er innen hohl ist.“

(S.38/39)

Ein Rezept zum Nachbacken hierzu gibt es auch auf Sandra’s Blog adecentcupoftea.

Zum Weiterschauen:
Es gibt eine Verfilmung von „84, Charing Cross Road“ aus dem Jahr 1987 mit Ann Bancroft und Anthony Hopkins in den Hauptrollen. Der Film ist mir bisher noch nie in den Fernsehprogrammen aufgefallen, sonst hätte ich ihn vielleicht schon mal angesehen. Wobei er bei mir – wie meist bei Literaturverfilmungen – vermutlich einen schweren Stand hätte, da ich mir nur schwer vorstellen kann, wie der Zauber dieses Briefwechsels sich filmisch umsetzen lässt.

Zum Weiterlesen:
Die weiteren Bücher von Helene Hanff kenne ich noch nicht, aber aus gegebenem Anlass sind jetzt auch mal „Die Herzogin der Bloomsbury Street“ und „Briefe aus New York“ auf meinen Wunschzettel gewandert. Vielleicht warten mit diesen beiden ja noch weitere Herzensbücher auf mich.

Helene Hanff, Die Herzogin der Bloomsbury Street
Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
Atlantik
ISBN: 978-3455600223

Helene Hanff, Briefe aus New York
Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
Atlantik
ISBN: 978-3455005653

Junibowle 2022 – Sommerfrische und Herzensangelegenheiten

Etwas später als üblich gibt es aber natürlich doch auch diesen Monat wieder meinen gewohnten Monatsrückblick – die Junibowle 2022.

Die erste Jahreshälfte ist vorbei. Der Juni präsentierte sich sehr sommerlich und sonnig und da ich viel Zeit zum Lesen hatte, ist vor allem bei den Lektüren einiges zusammengekommen, so dass ich dieses Mal versuchen möchte, mich bei den einzelnen Büchern kurz zu fassen – ausführlichere Rezensionen sind verlinkt oder folgen in einigen Fällen noch.

Doch vorab möchte ich auch nicht versäumen, noch einen oscarprämierten Film zu erwähnen, den ich diesen Monat auf ARTE gesehen habe: „Reise nach Indien“ (Regie: David Lean) – obwohl ich in der Regel kein besonderer Fan von Literaturverfilmungen bin, fand ich diese filmische Version aus dem Jahr 1984 von Edward Morgan Forsters Roman „Auf der Suche nach Indien“ (1924) sehr sehenswert.

Und auch den Fernsehfestspielsommer habe ich für mich mit dem „Sommernachtskonzert Schönbrunn 2022“ eröffnet (in der 3Sat-Mediathek noch bis 30.07.2022 verfügbar). Die Wiener Philharmoniker und der Cellist Gautier Capuçon zauberten ein vielseitiges Programm vor der stets grandiosen Kulisse von Schloss Schönbrunn auf die Bühne.

Doch jetzt zu meinen Juni-Lektüren, die in den meisten Fällen unter das Motto „Sommerfrische und Meeresbrise“ eingeordnet werden können:

Das ganze letzte Jahr hatte ich irgendwie auf die richtige Sommer- und Ferienstimmung gewartet, um in Ruhe das Buch zu lesen, von dem alle schwärmten: Ewald Arenz „Der große Sommer“. Letztes Jahr war mir dann nicht danach, aber jetzt war es endlich soweit und was soll ich sagen: auch dieser Arenz ist wirklich, wirklich gut! Ein feines, tiefgründiges Sommerbuch!

Alle Jahre wieder warte ich auf den nächsten Band der Bruno-Reihe von Martin Walker, der als Taschenbuch erscheint. Ein literarischer Pflichttermin, auf den ich mich alljährlich freue. „Französisches Roulette“ ist ein Périgord-Krimi wie man ihn kennt und liebt: kulinarisch anregend, stimmungsvoll und spannend. Das Wiedersehen im nächsten Jahr ist bereits fest eingeplant.

Besonders viel Freude hat mir der Beginn einer neuen Reihe auf meinem Blog gemacht – die Herzbowle. Hier möchte ich in unregelmäßigen Abständen Bücher wiederlesen und vorstellen, die mir besonders am Herzen liegen und die meine Lesebiografie geprägt haben. Als würdigen Auftakt zum Mittsommerfest habe ich Astrid Lindgren’s „Ferien auf Saltkrokan“ gewählt und über die vielen schönen Rückmeldungen und Kommentare habe ich mich sehr gefreut.

Das Thema Insel und Meer führte mich dann auch mit Sylvia Frank’s „Das Haus der Winde“ auf die Insel Hiddensee. Im Roman verschmelzen wahre und fiktive Momente der Lebensgeschichte der Schauspielerin Asta Nielsen, die sich mit ihrem geliebten Sommerhaus Karusel in den Dreißiger Jahren ein gemütliches Feriendomizil und einen Rückzugsort auf der Ostseeinsel geschaffen hatte.

Schon eine ganze Weile auf meinem Lesestapel lag der zweite Teil der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe von Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Auch dieser Band konnte mich aufgrund der lebendigen, berührenden Art zu erzählen und dem geschickten Verflechten von Tragik und Komik wieder überzeugen. Jetzt bin ich schon gespannt auf den dritten Teil, der von vielen ja als der Beste der Reihe angesehen wird.

Eine kleine, feine Entdeckung war Elizabeth Taylor’s Roman „Mrs Palfrey im Claremont“ aus dem Jahr 1971, der mich in die melancholische Welt eines Londoner Hotels führte, das wie seine Bewohner schon glanzvollere Tage erlebt hat. Die liebenswerte, zarte Geschichte, die sich zwischen Mrs Palfrey und dem Möchtegern-Schriftsteller Ludo entspinnt, ist bewegend und fein gezeichnet. Hier möchte ich bald noch ausführlicher berichten.

Dann wurde es kulinarisch und appetitanregend mit dem ungewöhnlichen und überraschenden, dünnen Bändchen von Massimo Montanari: „Spaghetti al pomodoro“. Wem bei diesen launigen und kulturhistorischen Erläuterungen zum allseits beliebten Leibgericht nicht das Wasser im Mund zusammenläuft… der Pasta-Appetit ist definitiv vorprogrammiert!

Ein weiteres Herzensbuch, das ich im Juni wieder einmal zur Hand genommen habe, ist Helen Hanff’s „84, Charing Cross Road“. Und auch bei wiederholter Lektüre hat dieser zauberhafte Briefwechsel zwischen einer lesebegeisterten Amerikanerin und einem Londoner Antiquar nichts von seiner Magie verloren. Die nächste Herzbowle folgt also bestimmt und bald.

Mehr über Hiddensee und die Künstlerinnen und Künstler, die auf der schönen Insel weilten, durfte ich mit Unda Hörner’s Buch „Auf nach Hiddensee!“ erfahren. Asta Nielsen, Joachim Ringelnatz und natürlich Gerhart Hauptmann – der bebilderte, schön gestaltete Band, lässt die Bohème und die ausgelassene Ferienstimmung vergangener Tage wieder lebendig werden.

Maritim ging es weiter nach Litauen und den beliebten Ferienort der Familie Mann mit Frido Mann’s „Mein Nidden“. Der Enkel Thomas Mann’s erzählt die Geschichte des Ferienhauses seiner Familie auf der Kurischen Nehrung, das heute Kulturzentrum ist.

Und endlich habe ich es auch geschafft, Christa Wolf zu lesen: „Sommerstück“ ist ein wunderbares, feines Buch für lange, helle Sommertage, das beschreibt wie mehrere Familien ihr Glück in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern suchen. Tiefgründig, nachdenklich und zudem sprachlich ein Genuss!

Dass auch Clara Schumann und Johannes Brahms ihr Herz an die Insel Rügen verloren hatten, konnte ich durch Reinhard Piechocki’s Buch „Beziehungszauber – Clara und Johannes auf Rügen“ erfahren. Kompakt erzählt er zudem die komplexe Lebens- und Liebesgeschichte der beiden, die bis heute Rätsel aufgibt und vielleicht deshalb für viele einen besonderen Zauber hat.

Zwei wunderbare Maigret-Romane, die in Ferienstimmung versetzen, habe ich last but not least auch noch gelesen: Georges Simenon „Maigret macht Ferien“ und „Maigret in Kur“. Wer noch auf der Suche nach Urlaubs- bzw. Strandlektüre ist – das wäre eine gute Möglichkeit, denn mit Maigret macht man nie etwas falsch.

Da die Bücher diesen Monat teils schneller von mir verliehen wurden, als ich mein Beitragsbild machen konnte – fehlen dieses Mal ausnahmsweise zwei… kann auch mal passieren.

Doch weil Bilder ja bekanntlich manchmal mehr sagen als Worte, gibt es dafür dieses Mal natürlich auch wieder fotografische Juni-Impressionen am Ende des Beitrags.

Was bringt der Juli?

Auf jeden Fall weitere Konzert- und Festspielhöhepunkte im Fernsehen – dankenswerter Weise wird hier kulturell einiges geboten:

Am 09.07.2022 um 20.15 Uhr zeigte 3Sat das „Eröffnungskonzert des Rheingau Musikfestivals 2022“ aus der Basilika des Klosters Eberbach u.a. mit Felix Mendelssohn Bartholdy’s Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52 „Lobgesang“ (noch bis zum 08.08.2022 in der 3Sat Mediathek verfügbar). Wirklich sehr schöne Musik!

Am 16.07.2022 hat man dann die Qual der Wahl zwischen „Klassik am Odeonsplatz“ auf 3Sat um 20.15 – die Münchner Philharmoniker spielen Filmmusik unter der Leitung von Sir Simon Rattle oder dem Livestream der Münchner Staatsoper (Staatsoper TV) von Leoš Janáček’s „Das schlaue Füchslein“ unter der Regie von Barrie Kosky um 20.00 Uhr (im Rahmen von Oper für alle).

Ich wünsche allen einen schönen und friedlichen Juli! Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Juni:
Bevor die Rhabarberzeit traditionell mit dem Johannistag am 24. Juni endet, gab es diesen Monat noch einen feinen Rhabarberkuchen. Der gehört für mich einfach zu einem gelungenen Sommerbeginn.

Musikalisches im Juni:
Schwungvolle, lebhafte und fröhliche Musik beim stimmungsvollen Sommernachtskonzert in Schönbrunn, z.B. mit Bedřich Smetana’s Ouvertüre zu „Die verkaufte Braut“ und Gioacchino Rossini’s Ouvertüre zu „La gazza ladra“.

Wir gehen am Meer im tiefen Sand

Wir gehen am Meer im tiefen Sand,
Die Schritte schwer und Hand in Hand.
Das Meer geht ungeheuer mit,
Wir werden kleiner mit jedem Schritt.

Wir werden endlich winzig klein
Und treten in eine Muschel ein.
Hier wollen wir tief wie Perlen ruhn,
Und werden stets schöner, wie die Perlen tun.

(Max Dauthendey, 1867-1918)

Maibowle 2022 – Wirbelwinde und Lektürehäppchen

Der Mai war turbulent und teilweise stürmisch, brachte uns aber auch bereits erste schöne Sommertage. Mein Kultur- und Lesemonat war vielseitig und abwechslungsreich und auch wenn manchmal die Zeit und Konzentration für ausgiebige Lektüren fehlte, war doch einiges geboten, über das es sich zu berichten lohnt.

Ein musikalisches Glanzlicht war diesen Monat auf jeden Fall das Konzert des Vokalensembles Singer Pur in der Landshuter Heilig Kreuz-Kirche im Rahmen der 20. Landshuter Hofmusiktage. Gesangliche Perfektion mit viel Gefühl und ein hochinteressantes Programm, das vor allem auch das Werk von Komponistinnen in den Fokus rückte und mich zudem auf die hörenswerte CD „Among Whirlwinds“ aufmerksam machte.

Und endlich hat es auch mit der verschobenen Landshuter Premiere des Musicals „Me and my girl“ im Landestheater Niederbayern geklappt – eine wunderbare Inszenierung wie aus dem Bilderbuch, grandiose Kostüme, tolle Ausstattung, bestens gelaunte Sängerinnen und Sänger, tolle Tanzeinlagen, ohrwurmverdächtige Melodien – ein rundum beschwingtes Theatervergnügen! Großartig!

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir auch die BR-Dokumentation aus der Reihe „Lebenslinien“ über den Theatermacher, Intendanten des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele Christian Stückl, die aktuell noch in der BR-Mediathek abrufbar ist – für eventuelle Oberammergaubesucher oder Theaterfans im allgemeinen unbedingt sehenswert!

Und auch zwei Filme, die ich diesen Monat gesehen habe, sind empfehlens- und erwähnenswert:

Auf ARTE lief der Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio, der in eindringlichen Bildern und mit hervorragenden Darstellern die Geschichte des ersten Kronzeugen im Maxi-Prozess erzählt. Auch die dazugehörige Dokumentation im Anschluss war sehr interessant und aufschlussreich.

Ebenso auf ARTE konnte mich Volker Schlöndorff’s Film „Diplomatie“ aus dem Jahr 2014 überzeugen – ein filmisches Kammerspiel, das sich um die letzten Tage der deutschen Besatzung in Paris im August 1944 dreht und erzählt, wie der schwedische Konsul versucht, den deutschen Stadtkommandanten zu überzeugen, die Stadt trotz Befehl nicht zu zerstören.

Diesen Monat habe ich mich mangels Zeit und Konzentration mit wenigen Ausnahmen eher an schlankere Bücher gehalten, aber manchmal liegt ja auch in der Kürze die Würze und es waren wirklich sehr schöne, kleine, feine Entdeckungen dabei:

Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ ließ mich zu Monatsbeginn einen für mich sehr prägenden Autor näher kennenlernen und besser verstehen. Die hochinteressante, sehr gut lesbare Biografie, die vor allem die Kindheit, Jugend und Preußler’s Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft näher beleuchtet, hat mir viele neue Aspekte und Sichtweisen auf die so geliebten Kinder- und Jugendbücher wie „Die kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ oder „Krabat“ und den Menschen hinter diesen Geschichten eröffnet.

Das Thema Kunst und das „wie und warum sie entsteht“ begegnete mir auch in völlig anderer Form in Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“. Eine junge Frau ermogelt sich einen dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus und blickt auf einmal – angeregt durch die Begegnungen mit ihren Mitstipendiaten – mit einem neuen, inspirierten Blick kritisch auf ihr bisheriges Leben. Eine spannende Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist Kunst?

Künstlerisch ging es auch weiter und zwar mit dem Komponisten Gustav Mahler und seiner berühmten Frau Alma: Lenz Koppelstätter hat mit seinem Roman „Almas Sommer“ ein kurzes Lebenskapitel der beiden ausgewählt und den Sommerurlaub der beiden im Südtiroler Toblach im Jahre 1910 lebendig werden lassen. Alma, die sich nicht zwischen ihrem Ehemann und der Affäre mit Walter Gropius entscheiden möchte und Gustav Mahler ein hochsensibler, kränkelnder Künstler, der zwischen Eifersucht und dem quälenden Schaffensprozess seiner Kompositionen zerrissen wird.

Von der Südtiroler Bergwelt ging es an den schönen Lago Maggiore nach Ancona mit Victoria Wolff’s Roman „Die Welt ist blau“. Ein schnörkelloser und doch raffinierter Roman aus der Zeit der neuen Sachlichkeit bzw. dem Jahr 1934.
Und weil’s so schön war, verweilte ich auch gerne noch ein wenig länger dort:
Edgar Rai’s Roman „Ascona“, der letztes Jahr erschienen ist, beschreibt die Zeit, die Erich Maria Remarque im Schweizer Exil ab 1933 in seiner Casa Monte Tabor verbrachte – ein Buch, das mich gepackt und völlig in seinen Bann gezogen hat (ich werde bald näher berichten).

Ein kleines, feines Buch ist auch Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“, in dem er in einem langen Brief an seine vierjährige Urenkelin als über Neunzigjähriger auf sein Leben zurückblickt und erzählt. Ein intimes, wunderbares Vermächtnis eines großen Künstlers und Schriftstellers, das zugleich ein Zeitzeugnis italienischer Geschichte ist.

Und ich verweilte noch ein wenig länger literarisch in Sizilien: Durch den Film „Il Traditore“ bereits im Thema, widmete ich mich einem italienischen Krimi-Klassiker aus dem Jahr 1961 mit Leonardo Sciascia’s „Der Tag der Eule“, der als einer der ersten Kriminalromane gilt, die sich mit dem Thema Mafia auseinandersetzten und später auch verfilmt wurde. Ein kompakter, knackiger Krimi auf knapp 140 Seiten, der vieles zwischen den Zeilen nur andeutungsweise erahnen lässt.

Als Kontrastprogramm zur italienischen Krimikost gab es dann zum Monatsende noch ein richtiges, literarisches Schmankerl: Der Roman „Die Sekretärinnen“ der schwedischen Autorin und Feministin Elin Wägner aus dem Jahr 1908. Vier junge Frauen in Stockholm Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich gegen die damaligen Konventionen auflehnen, eine Wohngemeinschaft bilden, sich ihren Lebensunterhalt in der Großstadt selbst verdienen möchten und sich schon bald auch politisch für Frauenrechte engagieren. Hierzu folgt sicher in Kürze mehr.

Was bringt der Juni?

Hoffentlich viel Zeit im Freien, schöne, lange Sommertage mit Licht und Luft zum Durchatmen. Dazu Kulturgenuss und Sommerlektüre, die hoffentlich für etwas Leichtigkeit in unseren schwierigen Zeiten sorgen.

Ich wünsche allen einen hellen, freundlichen und friedlichen Juni, schöne Pfingst- und Mittsommertage sowie Zeit für die schönen Dinge des Lebens!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Mai:
Bei schönem Wetter konnte die bayerische Biergarten-Saison eröffnet werden und passend zum Monat war auch das Bierangebot: ein Maibock, d.h. ein untergäriges Starkbier mit malzigem Aroma, für das man schon eine gute Unterlage braucht.

Musikalisches im Mai:
Diesen Monat habe ich das Album „Odyssee“ von Quadro Nuevo für mich entdeckt: Musik, die mich – ähnlich wie bereits das Album „Mare“ in Sommerstimmung versetzt und gemäß dem Untertitel „a journey into the light“ für helle und lichte Momente sorgt.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)

Aprilbowle 2022 – Eustasiusschnee und Feuerzauber

Der April begrüßte uns tatsächlich noch einmal mit Schnee – am 2. April – dem Namenstag des heiligen Eustasius, der lange Zeit als Gründer des bayerischen Kloster Weltenburg angesehen wurde, was mittlerweile jedoch als widerlegt gilt – hatten wir tatsächlich noch einmal eine weiße Winterlandschaft.
Im Laufe des Monats konnten wir dann jedoch den Frühling begrüßen: Osterglocken, Tulpen und Vergissmeinnicht lachen fröhlich aus den Gärten und in den Parks… und heben die Laune in nach wie vor düsteren Zeiten.

Einen fantastischen Feuerzauber durfte ich endlich – mit zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung – im Landestheater Niederbayern erleben, denn die Ring-Produktion konnte mit „Die Walküre“ fortgesetzt werden. Eine extrem kurzweilige und sehr unterhaltsame Inszenierung, Musik zum Schwelgen und ein spielfreudiges, gut aufgelegtes Ensemble machten den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Und auch vom Landshuter Schauspielensemble gab es die Premiere einer großartigen Produktion zu feiern mit einem Schauspiel von Thomas Jonigk nach Stefan Zweig’s Roman „Ungeduld des Herzens“, das als Studiostück in der intimen Atmosphäre des Landshuter Salzstadls besonders intensiv zur Geltung kam.

Neu für mich entdeckt habe ich diesen Monat den ZEIT Wochenend-Podcast „Und was machst du am Wochenende?“ und ich habe zwei Folgen gehört, die mir gut gefallen haben: und zwar die mit Axel Hacke, dessen Buch „Ein Haus für viele Sommer“ ich diesen Monat gelesen habe und das ich geliebt habe (mehr dazu später im Text und hier auf der Bowle) und die mit Ulrich Wickert, den ich sowohl als Journalist, aber auch als Krimiautor schätze (da er gerade einen weiteren Krimi fertiggestellt hat, darf ich mich hier wohl auch bald auf Neues aus seiner Feder freuen).

Der Lesemonat April war so vielfältig wie das Wetter draußen vor dem Fenster:
Von Lyrik, über Krimis und Reiseliteratur bis hin zu außergewöhnlichen und feinen Romanen war alles dabei und auch die Schauplätze haben mich erneut weit herumkommen lassen: ein Wallfahrtsort am Niederrhein, die Gaspésie-Halbinsel in Kanada, Helsinki, Hamburg, Sardinien, Montagnola im Tessin, die Insel Elba, französische Klöster, München und New York – all das in einem Monat, das kann nur Literatur. Wer gerne einmal sehen möchte, wohin mich meine bisherigen Kulturbowle-Lektüren schon geführt haben, kann jederzeit mal hier nach sehen: „Die Welt erlesen“.

Wundervolle und geradezu meditative Momente bescherte mir gleich zum Monatsbeginn der feine Lyrikband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ von Christine Langer: Ästhetische und sinnliche Gedichte, die erden und zur Ruhe kommen lassen – für mich die ideale Poesie für die Zeit zwischen Tag und Nacht.

Bernadette Schoog’s Roman „Marie kommt heim“ beschreibt die Rückkehr einer Frau in einen niederrheinischen Wallfahrtsort, dem sie vor vielen Jahren aufgrund der Enge den Rücken gekehrt hatte, um dort die Mutter beim Sterben zu begleiten, zu der sie nicht immer das beste Verhältnis hatte: eine Reise in die Vergangenheit und zu den familiären Wurzeln, die so manche, unerwartete Überraschung und Erkenntnis bereithält. Intelligent, fein beobachtet und sehr schön zu lesen.

Ging es in Schoog’s Buch um Mütter und Töchter, so könnte man durchaus eine Parallele zu Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“ sehen, das unter anderem auch eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Aber als Kriminalroman, der auf der kanadischen Gaspésie-Halbinsel spielt und als zweiter Fall von Sergeant Morales erneut vor allem von der intensiven, maritimen Atmosphäre lebt, hatte diese Lektüre doch letztlich einen völlig anderen Charakter.

Absolut außergewöhnlich und in jeder Hinsicht sehr besonders war der Roman „Der Schildkrötenpanzer“ des finnischen Autors Mooses Mentula. Eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit, in der die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen und so mancher totgeglaubte Erfolgsautor wieder zu neuem Leben erwacht. Ein schräg-skurriles literarisches Roadmovie aus Finnland!

Auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schickte mich dann auch Hartmut Höhne’s Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“, welcher die Sülzenunruhen in Hamburg 1919 als historischen Rahmen gewählt hat. Ein lehrreicher, für mich informativer und auch unterhaltsamer historischer Krimi, der ein spannendes Kapitel der Hamburger Stadtgeschichte wieder zum Leben erweckt.

Weiterhin in Krimilaune – doch in wärmeren, südlicheren Gefilden – durfte ich dann mit den nächsten beiden Büchern schwelgen:
Der mit großer Spannung erwartete zweite Fall von Gesuino Némus’ Sardinien-Krimireihe „Süße Versuchung“ schenkte mir sonnige und kurzweilige Lesestunden im kleinen Örtchen Telévras, das ich schon aus „Die Theologie des Wildschweins“ kannte. Durch den Zeitsprung in die Gegenwart – der erste Teil spielte im Sommer 1969 – und die neuen Figuren hat dieser Band einen anderen Charakter als der erste Teil und ist doch auf seine Art ebenfalls wieder etwas Besonderes – ein extravagantes, charmantes, sardisches Krimivergnügen!

Eine neue Ermittlerin und den Auftakt zu einer neuen Regio-Krimireihe im schönen Tessin durfte ich mit Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“ kennenlernen. Sympathische, intellektuelle Figuren, eine urige, sonnige und authentische Urlaubsatmosphäre in dem Tessiner Ort, der lange Hermann Hesse’s Wahlheimat war, literarische und kulinarische Anspielungen – für mich ein ideales Sommerbuch für einen Abend auf Balkon oder Terrasse – auch wenn ich ihn temperatur- und witterungsbedingt noch auf der Couch gelesen habe.

Die Italiensehnsucht und das Fernweh hat mich dann endgültig gepackt, als ich das wunderbare neue Buch von Axel Hacke „Ein Haus für viele Sommer“ gelesen habe, in dem er sein Ferienhaus auf der Insel Elba, aber vor allem auch seine Begegnungen mit den Menschen dort, beschreibt. Ein zauberhaftes, lichtdurchflutetes, fröhliches Buch, das glücklich macht und mit Sicherheit einer meiner Lesehöhepunkte in diesem Jahr sein wird. (Eine ausführliche Rezension wird folgen.)

Wer nach etwas Ruhe in unruhigen Zeiten sucht, kann sich – wie ich es diesen Monat getan habe – in die Obhut der Reiseliteratur von Patrick Leigh Fermor begeben: in seinem schmalen Band „Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern“, beschrieb er 1957 seine Erfahrungen, die er bei mehreren Aufenthalten als Gast in (vorwiegend) französischen Klöstern (u.a. einem Trappistenkloster) gemacht hat. Sprachlich sehr schön und besinnlich, so dass man auch als LeserIn die Welt um sich für die Zeit der Lektüre eine Weile vergessen kann.

Die letzten zwei Bücher des Monats standen ganz im Zeichen zweier besonderer Frauenfiguren:
Katharina Adler’s Roman „Iglhaut“, der im Mittelpunkt eine stachlige, eigenwillige Frau hat, die in einem Münchner Hinterhof eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt und dort neben ihren eigenen Problemen auch die Sorgen, Nöte und unterschiedlichsten Lebensumstände der anderen Mieter des Hauses hautnah mitbekommt. Ein buntes Kaleidoskop an Erzählsträngen und Figuren, ein facettenreiches Spiegelbild unserer Gesellschaft mit einem ganz eigenen, besonderen Charme.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich und besonders ist auch Tante Mame, der Star in Patrick Dennis’ Roman „Darling – Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955, der jetzt durch eine Neuauflage ein Revival für deutschsprachige Leser erfahren könnte. Ein lustiger, humorvoller Roman über eine gewitzte Lebenskünstlerin und Lebedame aus New York, die ihren Neffen und Ziehsohn mehr als einmal in die Bredouille bringt. Ich werde Euch diese spannende Dame bald näher vorstellen.

Was bringt der Mai?
Dieser Monat steht bei mir im Zeichen von kulturellen Nachholterminen und ich hoffe sehr, dass jetzt alles klappt:
Ein Stück im „Kleinen Theater“ bzw. den Landshuter Kammerspielen – „Die Geierwally“ als Ein-Personen-Stück mit Barbara Kratz unter der Regie von Diana Anders.
Nach zweimaliger Verschiebung finden nun hoffentlich endlich auch die ursprünglich für 2020 geplanten 20. Landshuter Hofmusiktage – ein europäisches Festival alter Musik – statt, das dieses Mal unter dem Motto „Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen“ steht.
Am Landestheater Niederbayern hoffe ich im zweiten Anlauf auf die heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“, die wegen Erkrankungen im Ensemble vom März auf Mai verlegt werden musste.

Und auch einen Film habe ich mir wieder notiert: Am Sonntag, den 22. Mai 2022 zeigt ARTE um 20.15 Uhr „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ – ein Thriller nach wahren Begebenheiten und mit einer Dokumentation im Anschluss.

Das heißt der Mai hat kulturell einiges zu bieten und vielleicht kann auch die „Draußen-Lese-Saison“ endlich eröffnet werden. Denn lektüretechnisch freue ich mich jetzt verstärkt auf sommerliche Literatur und habe schon viel Schönes zum Schmökern bereitgelegt.

Ich wünsche allen einen kulturell und literarisch abwechslungsreichen, wunderbaren, gesunden, freundlichen und friedlichen Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight April:
Es ist Bärlauch-Zeit! Eine schöne Zubereitungsmöglichkeit sind Bärlauch-Käsespätzle – die bringen Farbe auf den Teller und schmecken wunderbar. Einfach bei der Zubereitung des Spätzleteigs den Bärlauch hinzufügen und pürieren.

Musikalisches im April:
Es gibt ein wunderbares Musikstück des Herbert Pixner Projekts, das mich auch zur Überschrift meiner Aprilbowle (bzw. dem Eustasiusschnee) inspiriert hat und zwar „Antoni Schnee“ – stimmungsvoll zauberhafte Musik aus den Alpen und nur eines der vielen großartigen Stücke dieser Formation.

Leise zieht durch mein Gemüt

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied.
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

(Heinrich Heine)

Märzbowle 2022 – Eskapismus und Saharastaub

Der März hatte wettertechnisch nicht nur Saharastaub, sondern vor allem auch viele sonnige Tage zu bieten, was vom Weltgeschehen leider nicht behauptet werden konnte. Eskapismus (laut Wikipedia: auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, bezeichnet die Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit) in Form von kulturellen Erlebnissen oder Lektüren bleibt daher weiterhin eine Möglichkeit, um sich zumindest zeitweise abzulenken oder mit Positivem zu beschäftigen.

Auch wenn nicht alle geplanten Theaterbesuche diesen Monat wie gewünscht stattfinden konnten (leider musste die von mir heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“ in Landshut aufgrund einer Erkrankung im Ensemble abgesagt werden), habe ich es doch Ende des Monats immerhin zu einem sehr schönen Opernbesuch im Landestheater Niederbayern geschafft: Gaetano Donizetti’s Belcanto-Oper „Roberto Devereux“ – tolle Stimmen, eine wunderbare, stimmige Inszenierung und grandiose Musik. Ganz große Oper, die mich wirklich begeistert hat.

Auch das schöne und umfangreiche Streamingangebot des Literaturhauses München habe ich diesen Monat endlich einmal genutzt: Unter dem Titel „Hannah Arendt & Rahel Varnhagen“ gab es einen hochinteressanten Abend über die beiden Frauen – Hannah Arendt bezeichnete Rahel Varnhagen als ihre beste Freundin, die leider seit 100 Jahren tot sei. Eine Veranstaltung im Begleitprogramm der aktuell laufenden Hannah Arendt-Ausstellung „Das Wagnis der Öffentlichkeit“, die noch bis 24.04.22 im Literaturhaus München zu sehen ist. Liliane Weissberg (Professorin für Literatur an der University of Pennsylvania und Rahel Varnhagen-Experin) referierte und Sibylle Canonica – renommierte Schauspielerin am Münchner Residenztheater – las Stellen aus dem Werk Rahel Varnhagen’s und aus Hannah Arendt’s Biografie „Rahel Varnhagen – Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“.

Sehenswert war diesen Monat der Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“ mit Edgar Selge (sein Roman „Hast du uns endlich gefunden“ steht auch noch auf meiner Wunschliste) als Erich Honecker. Großartige Schauspieler und ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel der deutschen Geschichte – für mich ein gelungener, interessanter Fernsehabend. Der Film ist noch bis zum 11.03.23 in der ZDF Mediathek verfügbar.

Der März war jedoch für mich vor allem ein richtiger Lese- und Schmökermonat. Denn statt Fernsehen und „Doomscrolling“ (wohl das neue Wort – oder Unwort? – des Monats) habe ich mich meist lieber in die Welt der Bücher zurückgezogen und bin literarisch auch ganz schön herumgekommen: Oslo, Paris, Griechenland, Triest, Sizilien, Sibirien, London, Elsass, Sylt … das ist normalerweise in einem Monat nicht zu schaffen.
Da einiges zusammengekommen ist, versuche ich, mich kurz zu fassen – die ausführlichen Rezensionen sind soweit vorhanden verlinkt (dieses Mal wird es mir wahrscheinlich nicht gelingen, alle noch in ausführlicher Form nachzuliefern, aber ein paar sind noch fest geplant):

Lene Therese Teigen’s Roman „Schatten der Erinnerung“ über Tulla Larsen, die Geliebte und Verlobte von Edvard Munch, war bewegende Literatur über eine Frau im Schatten eines großen Künstlers in einer toxischen Beziehung – anspruchsvoll, schmerzlich und traurig. Sehr lesens- und lohnenswert, aber keine leichte Kost.

Einer meiner Lieblinge diesen Monat war das wunderbare Buch „Das Herz von Paris“ der Autorin Veronika Peters. Einzutauchen ins intellektuelle, literarische Paris der Zwanziger Jahre und in Odéonia Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes sowie die legendäre Buchhandlung „Shakespeare and Company“ kennenzulernen war Balsam für die Seele.

Absolut kurzweilig und sehr amüsant war Stephen Fry’s „Mythos“ – seine Nacherzählung der griechischen Göttersagen ist so herrlich menschlich und urkomisch mit unwiderstehlichem britischen Witz erzählt, dass ich sie regelrecht verschlungen habe. Ein echter Glücksfall!

Very british ging es auch mit Marie Benedict’s neuem Roman „Mrs Agatha Christie“ weiter, in welchem sie nicht nur die Lebensgeschichte der Queen of Crime, sondern vor allem die mysteriösen elf Tage im November 1926 in den Mittelpunkt stellt, an welchen die Autorin verschwunden war und polizeilich gesucht wurde – ein ungeklärtes Mysterium bis heute.

Dann führte mich meine Reise weiter nach Bella Italia: Zunächst ins Triest des Jahres 1907 mit Günter Neuwirth’s „Caffè in Triest“ – dem zweiten Fall mit Inspector Bruno Zabini – K.u.K-Flair, Kaffeeduft, starke Frauen und ein Mord – eine stimmungsvolle Lektüre.

Eine opulente Familiensaga zwischen Sizilien und München bescherte mir Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“. Die Geschichte über einen Sizilianer, der in München sein Glück sucht und eine Familiendynastie begründet, schwankt zwischen Lebenslust und Melancholie, sizilianischer Zitronenplantage und Münchner Großmarkthalle – ein überbordendes, sinnliches Leseerlebnis.

Kulinarisch und märchenhaft ging es weiter ins schöne Elsass mit Julia Mattera’s „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“. Eine verspielte, zauberhafte Geschichte über einen introvertierten Koch, der lieber mit seinen Pflanzen als mit seinen Gästen spricht und sich plötzlich doch öffnet und dem Leben zuwendet. Ein modernes Märchen und eine Ode an regionale, bodenständige Küche.

Eine kurze, intensive Lektüre bot mir Katerina Poladjan’s Roman „Zukunftsmusik“, der auch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 nominiert war. Vier Generationen von Frauen in einer russischen Kommunalka und die Sehnsucht nach Veränderungen in einem Moment, als Verkrustetes aufzubrechen scheint. Monika Rinck bezeichnet das Werk als „Romanessenz“ – das trifft den Charakter des Werks wirklich gut aus meiner Sicht.

Ein wenig gehadert habe ich mit Nell Leyshon’s Roman „Ich, Ellyn“, denn mit dem Schreibstil hatte ich bei der Lektüre meine Probleme. Der Roman, der die Geschichte eines Mädchens aus einfachen Verhältnissen im England des 16. Jahrhunderts erzählt, das sich als Junge verkleidet, um an einer Singschule aufgenommen zu werden, beschreibt die Entwicklung des Mädchens und ihren unkonventionellen Weg zu Bildung. Dies bildet Leyshon auch im Schreibstil ab – so wird über weite Strecken in einer Sprache ohne jegliche grammatikalische Regeln, ohne Großbuchstaben und ohne Satzzeichen erzählt, bis sich gegen Ende des Romans die zunehmende Bildung des Mädchens auch in korrekten, vollständigen Sätzen mit Interpunktion widerspiegelt. Eine gute Geschichte, mit der ich jedoch sprachlich und stilistisch etwas gerungen habe.

Ziemlich zu Beginn meiner Kulturbowle habe ich „Ozelot und Friesennerz“ vorgestellt – die Geschichte einer Sylter Kindheit. Jetzt hat Susanne Matthiessen mit „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ die Fortsetzung in Form des Romans einer Sylter Jugend vorgelegt, die mir erneut Einblicke in die Sichtweise einer gebürtigen Insulanerin gewährt hat. Man erfährt viel über das Sylt der 80er, aber bekommt auch einen Eindruck der gespenstisch-schönen Atmosphäre, die während der Corona-Lockdowns auf Sylt herrschte, als die Insel für eine Zeit lang wieder ausschließlich den Einheimischen gehörte.

Zeit für Paris und Krimis boten meine beiden nächsten Lektüren:
Alex Lépic fünfter Fall „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, in welchem er seinen Commissaire Lacroix, der scherzhaft auch Maigret genannt wird, im Milieu der Bouquinistes ermitteln lässt und der mich dann gleich in die Stimmung für ein Original versetzt hat, so dass ich dann zu Georges Simenon „Maigret amüsiert sich“ gegriffen habe. In beiden Fällen Krimis, wie sie für mich sein sollen und mich bestens unterhalten haben – doppelter Krimi-Genuss!

Eine völlig andere Zutat in meiner Kulturbowle – doch gerade die Mischung macht ja den besonderen Reiz für mich aus – war sicherlich das neu erschienene Sachbuch des berühmten Baritons Christian Gerhaher „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“. Seine Gedanken zu seinem Liedrepertoire, zu Aufführungspraxis, gesanglichen Herausforderungen und all das in Verbindung mit persönlichen Assoziationen und biografischen Schlüsselszenen seiner Karriere eröffneten mir eine völlig neue Perspektive auf die Entstehung von Kunst und insbesondere die Kunst des Liedgesangs.

Und last but not least durfte ich noch eine tolle Romanheldin kennenlernen: die Chemikerin und Fernsehköchin Elizabeth Zott in Bonnie Garmus’ Roman „Eine Frage der Chemie“. Eine starke Frau Anfang der Sechziger Jahre, die um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung kämpft und kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich werde sie Euch bald näher vorstellen und Ihr werdet erfahren, was Chemie mit Kochen zu tun hat. Für mich ein fulminanter Abschluss eines wirklich starken Lesemonats.

Was bringt der April?
Am Landestheater Niederbayern steht Mitte des Monats die Premiere von Richard Wagner’s „Die Walküre“ auf dem Programm, die im März 2020 leider aufgrund des ersten Corona-Lockdowns ausgefallen ist. Jetzt also ein weiterer Anlauf zur Fortsetzung des Rings in Niederbayern – haltet bitte die Daumen, dass es jetzt endlich klappt!

Auf ARTE gibt es am 12. April (und anschließend in der Mediathek bis zum 17.06.22) eine 4-teilige Dokumentation über die „Geschichte des Antisemitismus“, welche die Zeit von 38 n. Chr. bis heute beleuchtet. Mich hatte letztes Jahr die Lektüre von Mirjam Pressler’s „Dunkles Gold“ sehr berührt, das sich diesem wichtigen Thema auf literarische Art nähert. Jetzt fundiert in dokumentarischer Form das Wissen wieder aufzufrischen, habe ich mir fest vorgenommen.

Vielleicht auch mal wieder eine Ausstellung besuchen… mal sehen, was sich ergibt. Und wie immer weiterlesen: für den April habe ich mir wieder ein paar sehr schöne Bücher vorgenommen und zurechtgelegt. Von Lyrik bis Krimi wird alles dabei sein – für Abwechslung ist also gesorgt und ich werde berichten.

Ich wünsche allen viel Kraft, Mut und Stärke und einen guten Start in den April! Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight März:

Diesen Monat habe ich ein neues Rezept aus dem ZEIT-Magazin ausprobiert. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo persönlich hatte eines seiner privaten Notfallrezepte verraten, wenn nicht mehr viel im Kühlschrank ist: „Besoffene Nudeln“ bzw. „Pasta und Primitivo“ Nudeln in Rotwein-Parmesan-Sauce. Schmeckt wirklich vorzüglich und hilft gegen Sorgen und schlechte Laune – oder wie Herr di Lorenzo es formuliert gegen „melancholische Anflüge“. Kann ich also wirklich empfehlen.

Musikalisches im März:
Mein musikalisches Glanzlicht diesen Monat war sicherlich die Oper „Roberto Devereux“ – wunderschöne Musik – unter anderem die großartige Bariton-Arie des Nottingham „Forse in quel cor sensibile“ oder die traumhafte Arie der Elisabetta „Ah! Ritorna qual ti spero“, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Der Einsiedler
Joseph von Eichendorff

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd’,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Februarbowle 2022 – Frühlingsboten und Alltagsfluchten

Zu Beginn des Monats hoffte man auf länger werdende Tage und die ersten Frühlingsboten. Doch der Februar war nicht nur stürmisch, sondern je heller die Tage wurden und je mehr Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem Boden spitzten, um so dunkler und bedrückender wurde es leider.
Trost, Zuflucht und Ablenkung suchte ich bei Theaterbesuchen und in Büchern – kleine Alltagsfluchten und etwas Eskapismus waren ebenso Teil des Februars.

Die große Bandbreite, die Theater und Schauspiel bieten kann, durfte ich mit zwei großartigen Stücken am Landestheater Niederbayern erfahren.
Vom sehr ernsten, schwermütigen, eindrucksvollen und unter die Haut gehenden Fassbinder-Stück „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ mit einem grandiosen Joachim Vollrath in der Hauptrolle der Elvira zur luftig-leichten Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“, die mir zwei Stunden Lachen und gute Laune bescherte. Theaterabende wie sie unterschiedlicher kaum sein können und genau das macht aus meiner Sicht die Faszination aus.

Einen guten Film habe ich auch gesehen im Februar:
Akte Grüninger“ (2014), der noch bis zum 04.03.22 in der 3Sat-Mediathek zur Verfügung steht. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film, wie Im Jahr 1938 der Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland zur Flucht in die Schweiz verhalf, indem er ihre Einreisevisa vordatierte.

Doch Bücher spielten definitiv wieder die größere Rolle und für den kürzesten Monat des Jahres war mein Lesepensum dieses Jahr mit zwölf Büchern ziemlich erstaunlich.
Gleich zu Beginn des Monats konnte ich eine wirkliche Krimiperle und eine für mich neue Autorin entdecken, die mich sehr begeistert hat: Josephine Tey und ihren Kriminalroman „Nur der Mond war Zeuge“. Faszinierend wie ein Krimi aus dem Jahr 1948, der schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat, nichts an Spannung eingebüßt hat.

In seinem autobiografischen Werk „Am Ende der Via Condotti“ beschreibt der Ungar Sándor Lénárd, wie er als jüdischer Flüchtling 1938 aus Wien nach Rom kam und sich dort ein völlig neues Leben aufbaute, die Sprache lernte, die Stadt und die Menschen kennenlernte. Zugleich beobachtet er mit scharfem Blick, wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet. Ein Buch, das mich bewegt und berührt hat – und mich zugleich ein paar Stunden in die ewige Stadt entführen konnte.

Von Rom nach Berlin: Maxim Leo’s neuer Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ erzählt, wie schnell aus einer kleinen Unwahrheit ein großes Lügengebäude entstehen kann. Ein Hochstaplerroman, der mit viel Augenzwinkern und einer gehörigen Prise satirischem Witz eine deutsch-deutsche Geschichte 30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt.

Hochspannend und packend war Hartmut Palmer’s Roman „Verrat am Rhein“, der vom gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 handelt. Interessante Hintergründe aus der Feder eines langjährigen, erfahrenen politischen Journalisten über gekaufte Stimmen, Geheimdienste und Spionage verwoben mit einer fiktiven Familiengeschichte – fesselnde Literatur über ein bislang literarisch wenig behandeltes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Etwas mehr erhofft hatte ich mir persönlich von Tim Finch’s Roman „Friedensgespräche“. Ein erfahrener Diplomat, der auf die Vermittlung bei Friedensverhandlungen spezialisiert ist, sinniert bei einem Einsatz in einem abgeschiedenen Hotel in verschneiten Bergen über Musik, Literatur, das Leben und die Liebe. Er trauert um seine vor kurzem verstorbene Frau und so bekommt der Titel eine besondere Doppeldeutigkeit, denn er sucht nicht nur nach einem Weg zum Frieden zwischen den verfeindeten Delegationen, sondern auch nach seinem persönlichen, inneren Frieden. Neben schönen, poetischen Szenen finden sich auch einige Abschnitte, die auf mich eher befremdlich wirkten – so war für mich das Werk über die Trauerarbeit und das Hadern der Hauptfigur, nicht gemeinsam mit seiner Frau alt werden zu dürfen, letztlich leider nicht ganz rund.
Eine ausführliche Rezension gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Ein absolut beeindruckendes und außergewöhnliches Debüt durfte ich mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ lesen. Wahrlich keine leichte Kost über zwei junge Männer in Süditalien, die in armseligen Verhältnissen und ohne jede Zukunftsperspektive leben. Eine herzzerreißende Geschichte über zwei Brüder, die es nie gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen und die sich in einem Strudel von Armut, Gewalt und Kriminalität verlieren.

Sybille Bedford war eine Reisende und sie war eine wahre Europäerin: in ihrem autobiografischen Werk „Treibsand“ erzählt sie über ihr Leben zwischen Sanary-sur-Mer, Rom, Paris, London und Neapel und ihre Liebe zu Kunst, Kultur, gutem Essen und Literatur. Sie war Zeitgenossin und unter anderem befreundet mit Aldous und Maria Huxley, Klaus und Erika Mann – sie führte ein schillerndes Leben als Journalistin und Schriftstellerin, das viel Erzählstoff bietet.

Eine schöne Überraschung war Gianna Milani’s Krimi „Commissario Tasso auf dünnem Eis“, den ich bei Mona’s Krimiliteraturquiz auf ihrem Blog „Tintenhain“ gewonnen habe. Glück bei der Verlosung und viel Freude bei der Lektüre dieses charmanten Südtirol-Krimis, der in den Sechzigern spielt und ebenfalls eine herrliche Alltagsflucht in die verschneite italienische Bergwelt bietet – was will man mehr?

Mit Amanda Cross’ „Die letzte Analyse“ konnte ich einen weiteren Krimiklassiker entdecken, der gerade eine Renaissance erlebt. Die Literaturprofessorin Kate Fansler schlittert eher zufällig in ihren ersten Fall, als eine ihrer Studentinnen auf der Couch des Psychoanalytikers ermordet wird, den sie ihr persönlich empfohlen hat. Ein Kriminalfall im New Yorker Intellektuellenmilieu aus dem Jahr 1964. Unterhaltsam!
Es gibt bereits sehr schöne Besprechungen bei Anna auf buchpost, bei Leseschatz, Letteratura oder literaturleuchtet, die einen ausführlichen Einblick geben.

Eine weitere Zeitreise – allerdings ins Wien der Fünfziger Jahre – schenkte mir Elisabeth de Waal’s Buch „Donnerstags bei Kanakis“. Atmosphärisch dicht wird erzählt, wie ein jüdischer Wissenschaftler aus der Emigration in den USA in seine alte Heimat Wien zurückkehrt. Doch schnell wird klar, dass er sein altes Leben nicht zurückbekommt – zu viel hat sich zwischenzeitlich verändert. Und auch die junge Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln Marie-Theres wird im Nachkriegsösterreich nicht glücklich. Ein authentisches Zeit- und Sittengemälde!

Dass er auch schon vor zehn Jahren ein grandioser Geschichtenerzähler war, konnte ich bei der Lektüre von Ewald Arenz’ Roman „Das Diamantenmädchen“ aus dem Jahr 2011 feststellen. Ein funkelndes Schmuckstück aus dem glitzernden Berlin der Zwanziger Jahre mit sympathischen Figuren, das ich regelrecht verschlungen habe – hier möchte ich bald noch ausführlicher berichten.

Und last, but not least ein Werk aus Frankreich: Louise De Vilmorin „Belles amours“. Der Roman aus dem Jahr 1954 über eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit ausdrucksstarken, feinen Charakterzeichnungen in einer Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky – ein ästhetischer, intelligenter Lesegenuss – auch hierzu gibt es sehr bald einen ausführlichen Beitrag.

Was bringt der März?
Im Landestheater Niederbayern freue ich mich ganz besonders auf die Premiere des Musicals „Me and my girl“ (Musik von Noel Gay). Schon das erste Reinhören in ein paar Songs und auch die Werkeinführung war sehr vielversprechend und so hoffe ich auf einen unterhaltsamen, fröhlichen Theaterabend, der mit wunderbarer Musik aus den 30er Jahren hoffentlich die Sorgen für ein paar Stunden vergessen und die Seele tanzen lässt.

Die Bayerische Staatsoper bietet voraussichtlich am Sonntag, den 06.03.22 um 18.00 Uhr auf Staatsoper TV einen Videolivestream aus dem Münchner Nationaltheater von Benjamin Britten’s „Peter Grimes“ in einer Neuinszenierung von Stefan Herheim an. Die Titelrolle singt Stuart Skelton und Rachel Willis-Sørensen ist als Ellen Orford zu sehen.

Für Opernfans könnte aber auch die Ausstrahlung der „Aida“ aus der Dresdner Semperoper auf ARTE am 13.03.22 um 16.25 Uhr ein besonderer Höhepunkt im März werden. Die Inszenierung ist von niemand geringerem als Katharina Thalbach und der von mir sehr geschätzte Georg Zeppenfeld gibt sein Rollendebüt als Ramfis. In den Hauptrollen sind Francesco Meli und Krassimira Stoyanova zu erleben.

Neugierig bin ich auch auf den Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“, der am 18.03.2022 um 20.15 Uhr auf ARTE und am 21.03.22 um 20.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt wird. Edgar Selge spielt Erich Honecker und es geht um die zehn Wochen im Jahr 1990, in welcher Honecker und seine Frau beim evangelischen Pastor Uwe Holmer Zuflucht fanden.

Mein Bücherstapel – oder wohl besser meine Bücherstapel – bieten noch reichlich Stoff für etwas Eskapismus und weitere Alltagsfluchten bzw. literarische Reisen im März, von welchen ich auch weiterhin berichten möchte.

Hoffen wir also das Beste und ich wünsche allen einen guten, gesunden Start in den Frühling und den März! Passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:

Die kulinarische Neuentdeckung des Monats habe ich Nanni und ihrem Blog „Helden der Vorzeit“ zu verdanken: Es gab zum ersten Mal Tartiflette – allerdings eine vegetarische Variante ohne Speck: Kartoffeln, Zwiebeln, Weißwein und Reblochon, ein wenig würzen und ab in den Ofen… und relativ schnell hat man eine wunderbare, wohlige und würzige Mahlzeit.

Musikalisches im Februar:
Ein emotionaler, musikalischer Moment war in diesem Jahr erneut (wie auch schon in 2021) der Song „Halt mer zam“ der A-cappella-Band Viva Voce bei der Fastnacht in Franken im Bayerischen Fernsehen. Ein Stück, das auch nach einem Jahr nichts an Aktualität und musikalischer Qualität verloren hat.

„Ich mag die Bibliothek sehr und bin stolz darauf, dass ich unter Millionen Büchern stets den gesuchten Band finde. Ein wenig ist das so wie das Spiel auf einer Riesenorgel oder als ob jemand in einer Millionenstadt nach der für ihn bestimmten Frau sucht – Bücher haben ein Schicksal, so wie ihre Leser auch: Alles hängt davon ab, ob und wann sie sich begegnen.“

(aus Sándor Lénárd’s „Am Ende der Via Condotti“, S.290)

Januarbowle 2022 – Grautöne und Winterlicht

Nach einem geradezu frühlingshaften Neujahrstag, der uns einen bayerisch weiß-blauen Himmel wie aus dem Bilderbuch bescherte, war der Rest des Januars eher geprägt von viel Grau und zahlreichen Tagen mit zähem Hochnebel, der sich nur äußerst selten von der Sonne durchbrechen ließ.

Kulturell und literarisch war der Januar hingegen deutlich freundlicher und so kann ich den Start ins neue Jahr diesbezüglich als gelungen bezeichnen:

Zu Beginn des Jahres habe ich es noch geschafft, die Ausstellung „Winter im Licht“ (27.11.21 – 09.01.2022) mit Werken des Landshuter Malers Bernhard Kühlewein in der Heiliggeistkirche zu besuchen. Zumal sich der Winter im richtigen Leben diesen Januar nicht von seiner prächtigen Seite zeigen wollte und uns keinen dauerhaften Schneegenuss bescherte, waren diese schönen Gemälde mit stimmungsvollen Winterlandschaften eine willkommene, lichte Abwechslung.

Letztes Jahr noch digital in der Mediathek und dieses Jahr endlich live im Landshuter Theaterzelt konnte ich das großartige Schauspiel von Ayad Akhtar „Die unsichtbare Hand“ (Regie: Oliver Heinz Karbus) erleben. Das brisante Drama um den von Terroristen entführten Investmentbanker, der sich sein Lösegeld durch Aktiengeschäfte selbst verdienen muss, ist hochspannend. Eine grandiose schauspielerische Leistung des Ensembles und insbesondere auch von Stefan Sieh in der Rolle des Nick Bright, die unter die Haut geht.

Dank der Ausstrahlung des ORF2 konnte ich diesen Monat von meiner Couch aus große Oper aus dem Theater an der Wien verfolgen: Puccini’s „Tosca“ mit der hervorragenden und ausdrucksstarken Sopranistin Kristīne Opolais in der Hauptrolle. Regisseur Martin Kušej inszeniert das Stück als ziemlich brutales und grausames Drama im Schnee und erntete hierfür viele Buhrufe des Publikums.

Gehört habe ich auf BR Klassik die diesjährige Hörbiografie „Doppeltes Spiel“, die dem russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch gewidmet ist, welche bis zum 15.01.22 in der Mediathek zur Verfügung stand und jetzt als CD erhältlich ist. Gelesen von Udo Wachtveitl und Ulrich Matthes erhält man einen umfassenden Einblick in das turbulente Leben des Künstlers, der über die von Julian Barnes im Roman „Der Lärm der Zeit“ beschriebene Zeitspanne deutlich hinausgeht und mit zahlreichen Hörbeispielen unterlegt ist.

Ebenfalls empfehlen kann ich die Hörspielkrimis mit Bjarne Mädel „Sörensen hat Angst“ und „Sörensen fängt Feuer“ in der ARD Audiothek.
Nach Anna’s begeisterter Besprechung der Sörensen-Krimis von Sven Stricker auf ihrem Blog buchpost habe ich mich ausnahmsweise mal für die Hörspielvarianten entschieden. Die dritte Folge „Sörensen am Ende der Welt“ werde ich mir sicherlich auch bald noch zu Gemüte führen.

Und was gibt es Filmisches zu erwähnen?
Der stärkste und wichtigste Film, den ich diesen Monat gesehen habe, war zweifelsohne „Die Wannseekonferenz“ (noch bis zum 24.01.2023 verfügbar in der ZDF Mediathek) mit einem großartigen Schauspielerensemble (u.a. mit Philipp Hochmair als Reinhard Heydrich und Maximilian Brückner als Dr. Eberhard Schöngarth) unter der Regie von Matti Geschonneck. Ebenso empfehlenswert ist unbedingt die dazugehörige 44-minütige Dokumentation, die ebenfalls in der ZDF Mediathek neben weiterem Informationsmaterial zur Verfügung steht.

Schmunzeln hingegen konnte ich bei der französischen Komödie aus dem Jahr 2017 „Das Leben ist ein Fest“ („C’est la vie“). Ich bin wahrlich kein Fan von Hochzeitskomödien und mache da normalerweise einen Bogen herum, aber dieses Werk der Macher von „Ziemlich beste Freunde“ war wirklich amüsant.

Der Auftakt in mein Lesejahr 2022 war sehr gelungen, ergiebig – die langen Wintertage und -nächte sind einfach eine gute Zeit zum Lesen – und auch sehr vielseitig. Sachbuch, Krimi, Lyrik, literarische Europareise, große Gefühle… da war alles und sehr viel Schönes dabei.

Gleich zu Beginn des Jahres konnte ich mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ ein großartiges, überbordendes und wunderbares Buch über die Zeit von 1929-1939 lesen. Kleine Szenen und Anekdoten, die in der Summe ein schillerndes Kaleidoskop dieser Zeit ergeben, das sich zu einem stimmigen Ganzen zusammensetzt. Ein Sachbuch über Literatur, Kunst, Kunst- und Zeitgeschichte, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Kriminell gut ins neue Jahr gestartet bin ich mit Richard Osman’s Bestseller „Der Donnerstagsmordclub“, der in einer luxuriösen englischen Seniorenresidenz vier rüstige, pensionierte Bewohner auf Mörderjagd schickt. Herzerwärmend, amüsant und kurzweilig – ein Tipp für Krimifans, die Humor und das feine Florett dem blutigen, brutalen Krimisäbel vorziehen.

Endlich habe ich es auch geschafft, meine Literarische Europareise bzw. Europabowle fortzusetzen und konnte mit Nataša Kramberger’s Roman „Verfluchte Misteln“ Slowenien bereisen. Die Schriftstellerin, die aus Berlin in ihre slowenische Heimat zurückkehrt, um dort den Bauernhof der Familie zu übernehmen und auf biodynamische Bewirtschaftung umzustellen und dabei mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen hat, wird mir sicherlich im Gedächtnis bleiben.

Tiefe Einblicke in das Privatleben der großen Opernsängerin Maria Callas und ihre Liebesbeziehung zu Aristoteles Onassis gewährte mir Eva Baronsky’s wunderbarer Roman „Die Stimme meiner Mutter“, der mich sehr berührt und begeistert hat. Große Oper, große Gefühle und eine eindrucksvolle Frau!

Jarka Kubsova nahm mich in „Bergland“ mit nach Südtirol und erzählt eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, die auch symbolisch für die Veränderungen und die wechselvolle Geschichte der Region gelesen werden kann. Ein Roman, der klar macht, dass jede Zeit und jede Generation ihre eigenen Herausforderungen zu bestehen hat.

Letztes Jahr hatte ich mir bereits vorgenommen, „mehr Poesie zu wagen“ und nachdem ich das feinfühlige, faszinierende Buch „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller gelesen hatte, wollte ich unbedingt mehr über die Gedichte erfahren, welche Hannah Arendt verfasst hatte. Jetzt hatte ich endlich die Muße, mich dem Lyrikband „Ich selbst, auch ich tanze“ zu widmen und durfte Hannah Arendt nun auch von ihrer poetischen Seite entdecken. Ein Genuss für stille Momente und um die Gedanken fließen zu lassen!

Von Zeit zu Zeit greife ich gerne zu einem Krimiklassiker: Diesen Monat war dies mal wieder ein Werk von Georges Simenon und zwar „Maigret und die Keller des Majestic“. So bin ich mit dem Pfeife rauchenden Kult-Kommissar dieses Mal abgetaucht in die Katakomben eines Luxushotels und durfte erleben, wie er in all der Betriebsamkeit des Hotelbetriebs auf seine unnachahmliche Art und Weise ermittelt und letztlich (natürlich) den Fall lösen kann.

Die Entstehungsgeschichte von Hans Fallada’s großem, letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ durfte ich dank Oliver Teutsch’s neu erschienenem Roman „Die Akte Klabautermann“ näher kennenlernen. Beeindruckt hat mich vor allem die intensive, atmosphärische Schilderung des Nachkriegsberlins der Jahre 1945/46 und wie sich das kulturelle Leben nach dem Krieg wieder Schritt für Schritt die Bühnen, die Leinwand, die Bibliotheken und die Herzen der Menschen zurückerobert.

Vom Berlin der Vierziger ging es ins Rom der Siebziger Jahre: Gianfranco Calligarich’s Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ aus dem Jahr 1973 wird gerade wiederentdeckt und ist nun auch in einer deutschen Übersetzung von Karin Krieger erschienen. Die ewige Stadt ist für mich immer eine Reise wert! Einen ausführlichen Bericht über meinen literarischen Ausflug in die italienische Hauptstadt habe ich fest geplant und werde in Kürze sicher Näheres dazu berichten.

Was bringt der Februar?
Im Landestheater Niederbayern steht die Premiere der Komödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“ auf dem Programm, auf die ich schon sehr gespannt bin.

Am 17.02.22 um 20.15 Uhr sendet ARTE die Dokumentation „Die große Flut von Hamburg 1962“, da sich die Flutkatastrophe zum 60. Mal jährt. Ein Termin, den ich mir vorgemerkt habe. Letztes Jahr habe ich Robert Brack’s Sturmflutthriller „Dammbruch“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Zudem ist das Bücherregal gut gefüllt und bietet viel Schönes zu entdecken, so dass der Februar sicherlich auch literarisch kurzweilig und abwechslungsreich werden wird.

Dann wünsche ich allen einen inspirierenden und schönen, kürzesten Monat des Jahres! Genießt den Februar mit guten Büchern, Kunst und Kultur und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:

Nachgebacken habe ich im Januar dieses schöne Rezept, das Nina auf ihrem Blog Wippsteerts mit uns geteilt hat: Biscotti al limone. Ein sommerlich-sonniger Gruß aus der Backstube mit herrlichem Zitronenaroma – perfekt als kleine Zugabe zum Nachmittagsespresso. Sie sind wirklich fein geworden, so dass da sicherlich bald wieder Nachschub gebacken werden muss.

Musikalisches im Januar:
Musikalisch bin ich nicht mit den Wiener Philharmonikern, sondern mit der Sopranistin Pretty Yende ins neue Jahr gestartet. Sie war dieses Jahr – neben Tenor Brian Jagde – als Solistin zu Gast beim „Concerto di Capodanno – La Fenice“ in Venedig, das traditionell an Neujahr von ARTE ausgestrahlt wird. Mit Opernklassikern ins neue Jahr – immer ein schöner musikalischer Auftakt.

Ach, aus dieses Tales Gründen,
Die der kalte Nebel drückt,
Könnt ich doch den Ausgang finden,
Ach wie fühlt ich mich beglückt!
Dort erblick ich schöne Hügel,
Ewig jung und ewig grün!
Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel,
Nach den Hügeln zög ich hin.


(Ausschnitt aus Friedrich Schiller „Sehnsucht“)