Dezemberbowle 2020 – Opernstreams und Schlemmereien

Der Dezember und dieses schwierige und merkwürdige Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen. Wie so vieles war auch die Adventszeit und das Weihnachtsfest anders als die Jahre zuvor – entschleunigter, stiller, sorgenvoller und nachdenklicher. Ich habe in diesem Monat intensiv Opern geschaut – leider nur im Fernsehen und in Livestreams, was die Liveerlebnisse in den Theatern und Opernhäusern natürlich nicht ersetzen kann, die ich sehr vermisse, aber auf jeden Fall besser ist als gar keine Kultur erleben zu können.

Im Gegenzug blieb ein bisschen weniger Zeit fürs Lesen und ich habe mich im Dezember gegen Ende auch einem richtig dicken Schmöker gewidmet, den mir das Christkind gebracht hat. Aber der Reihe nach:
Winterzeit ist Schmökerzeit und daher hatte ich wieder einmal Lust auf einen opulenten, historischen Roman – Michael Römling’s „Pandolfo“ kam da gerade recht und ich bin abgetaucht ins lebhafte, bunte und laute Mailand des 15. Jahrhunderts. Ein stimmungsvoller und geschichtlich gut recherchierter Roman, der gut unterhält und zudem einige interessante Aspekte der italienischen Renaissance aufgezeigt.

Danach stand bereits vor den eigentlichen, kulinarischen Weihnachtsgenüssen literarisch eine Schlemmerreise an: Vincent Klink’s kurzweiliger, schön illustrierter und sehr wertig aufgemachter Band „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ entführte mich in die schöne Stadt an der Donau und ließ mir mehr als einmal das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ein ganz persönlicher, subjektiver und daher auch vielseitiger Reise- und Gastroführer des Spitzenkochs mit vielen schönen Anregungen für die nächste Reise und Rezepten für zu Hause.

Und weil’s gerade so schön war, bin ich auch gleich noch ein bisschen länger in Wien geblieben – allerdings im Jahr 1873 – mit Gerhard Loibelsberger’s Roman „Alles Geld der Welt“, der sich mit dem „Gründerkrach“ auseinandersetzt – einem schweren Börsenkrach und einer damit verbundenen Wirtschaftskrise, die sich im Jahr der Wiener Weltausstellung ereigneten. Die Gier hatte Besitz von den Menschen ergriffen und Träume und Spekulationsblasen platzten.

Auf Sandra Newman’s „Himmel“ war ich ganz besonders gespannt – schließlich sollte William Shakespeare eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Da konnte ich quasi schon gar nicht mehr daran vorbei. Im New York der Zukunft sind Ben und Kate ein Paar, doch die Beziehung leidet erheblich unter der Tatsache, dass Kate immer wieder in ihren Träumen in die Vergangenheit und das England während der Pest zu Shakespeare’s Zeiten zurückgeworfen wird und das Gefühl nicht los wird, dass es ihre Aufgabe ist, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. So weit, so spannend – allerdings sprang der Funke auf mich leider nicht wirklich über. Es war zu düster, zu schwermütig, vielleicht meine Erwartung zu hoch und vermutlich passte es auch gerade nicht in die aktuelle Situation und meine Gemütslage. Offenbar für mich nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit, aber sicherlich gute Literatur: Bei Bookster HRO und Fräulein Julia findet ihr sehr lesenswerte, interessante und begeisterte Besprechungen.

Um so glücklicher war ich mit meiner Wahl von Ursula März’ „Tante Martl“ – meinem letzten Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schloss. Dieses schmale Büchlein mit seinen ca. 190 Seiten entpuppte sich wahrlich noch zu einem meiner Leseglanzlichter des Jahres 2020. Was für eine Hauptfigur, welch großartige Sprache, welch geniale Mischung aus Humor und Gefühl – da stimmt einfach alles. Ein kleiner Roman, der ganz, ganz groß ist! Herzerwärmend!

Und weil man in der momentanen Lage dringend jede Stimmungsaufhellung und gute Laune gebrauchen kann, die man bekommen kann, wollte ich das Jahr auch mit einem humorvollen Klassiker ausklingen lassen. P.G. Wodehouse und seine komödiantischen Romane um den Butler Jeeves oder Lord Emsworth sind da eine Bank und stets ein Garant für Aufheiterung und zeitlos lustige und spritzige Unterhaltung. Auch „Auf geht’s, Jeeves!“ ließ da nichts zu wünschen übrig und bescherte mir vergnügliche Lesestunden.

Last but not least: Das Christkind schleppte dann dieses Jahr wirklich schwer und legte mir einen echten Brocken unter den Christbaum: der neue Robert Galbraith (alias J.K. Rowling) „Böses Blut“ – der fünfte Band der Cormoran Strike-Reihe – umfasst doch tatsächlich fast 1200 Seiten. Ein neuer Rekord (ich hatte „nur“ mit ca. 800 oder 900 Seiten gerechnet und war dann doch überrascht) und nur gut, dass der Weihnachtsurlaub und die Corona-Situation gerade viel Zeit zum lesen lassen. So kann ich mich da mit aller Ruhe und Muße reinversenken und habe realistische Chancen, die Lektüre noch in diesem Jahr zu beenden.

Der Dezember bescherte mir als Opernliebhaberin aber auch viele Geschenke aus der Opernwelt. Angefangen vom Livestream der „Falstaff“-Premiere aus der Bayerischen Staatsoper mit einem sehr überzeugenden Wolfgang Koch in seinem Rollendebüt, über eine Ausstrahlung auf 3Sat der fulminanten Inszenierung der Oper Zürich von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ mit einer herausragenden Joyce DiDonato aus dem Jahre 2015, bis zu der völlig zu recht umjubelten Premiere des „Simon Boccanegra“ ebenfalls aus Zürich auf ARTE mit einem genialen Christian Gerhaher (bei Arcimboldi’s World gibt es eine ausführliche Besprechung). Ganz große Oper!
An den Weihnachtsfeiertagen gab es zudem noch Humperdinck’s Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus der Bayerischen Staatsoper als Video-On-Demand – musikalisch ein Genuss – die Inszenierung konnte mich jedoch nicht in gewünschtem Maße berühren.

Doch auch mein heimisches Theater – das Landestheater Niederbayern – besitzt jetzt eine Mediathek und ist ins Streaming eingestiegen und so konnte ich zu Hause auf der Couch eine wunderbare „Madama Butterfly“ in einzigartiger musikalischer Ausgestaltung mit 2 Klavieren und einem Synthesizer (war corona-tauglich ohne Orchester eigentlich fürs Theater geplant) erleben. Zudem gab es eine szenische Lesung für Kinder mit Janosch’s „Oh wie schön ist Panama“, die von Christiane Silberhumer absolut liebevoll inszeniert und den Darstellern grandios interpretiert wurde. Auch für junggebliebene Erwachsene ein großer Spaß! (Online noch verfügbar bis 27.01.21)

Aber wir sind noch nicht am Ende, denn auch dem Münchner Gärtnerplatztheater stattete ich noch einen Besuch per Livestream ab und verfolgte die Premiere des Operettenklassikers „Der Vetter aus Dingsda“ – knallbonbon-bunt und amüsant im 60er-Jahre-Stil inszeniert. Und auch am Silvesterabend werde ich virtuell im Gärtnerplatz mit der Revue-Operette „Drei Männer im Schnee“ (kostenloser Livestream um 18.00 Uhr) das Jahr schwungvoll und gut gelaunt ausklingen lassen.

Also statt Silvesterfeuerwerk ein wahres Kultur-Feuerwerk, das ich in diesem Dezember in meinem Wohnzimmer erleben durfte. Dazu noch Adventskonzerte im Fernsehen, Weihnachtsmusik und ruhige Spaziergänge durch die festlich beleuchtete Stadt bescherten einen ruhigen, besinnlichen und stimmungsvollen Dezember.

Mit der Hoffnung auf ein besseres 2021 für alle Kulturliebhaber und Kulturschaffenden, wünsche ich allen, die meine Kulturbowle lesen und verfolgen einen guten Rutsch, einen stimmungsvollen Jahresausklang und ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2021!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Dezember:
Was wäre der Advent ohne Plätzchen? Genau – kein Advent.

© Kulturbowle

Musikalisches im Dezember:
Eine musikalische Entdeckung in diesem Advent war für mich Mykola Leontovych’s „Carol of the bells“, die ich in einer sehr schönen Instrumentalversion für Orchester gehört habe. Dieses Weihnachtslied des ukrainischen Komponisten aus dem Jahr 1914, das häufig auch von Chören gesungen wird, lässt sofort weihnachtliche Bilder vor dem geistigen Auge entstehen.

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke)

Novemberbowle 2020 – Nebeltage und Couchabende

Zeit zum Lesen gab es in diesem November genug, denn aufgrund des partiellen Lockdowns gab es an den Abenden keine anderen kulturellen Möglichkeiten – Theater, Kinos, kulturelle Einrichtungen und auch die Gastronomie blieben geschlossen. Das Wetter präsentierte sich häufig von der trüberen Seite und oft hielt sich der Nebel den ganzen Tag über. Dennoch war Zeit für einige herbstliche Spaziergänge und gemütliche Abende auf der Couch mit guter Lektüre, so dass wieder einiges zusammengekommen ist diesen Monat:

Den Auftakt bildete der wunderbare Roman „La Fenice“ von Lea Singer, der mich ins Venedig der Renaissance entführte und mit dem mich die Autorin wieder einmal absolut überzeugen konnte. Sie erzählt die Geschichte der Muse und des Modells Tizians, welche er in seinem berühmten Gemälde „Die Venus von Urbino“ verewigte. Ein bewegender Roman über Venedig, Kunst und ein aufrüttelndes Frauenschicksal.

Während des US-Wahlkampfkrimis zu Beginn des Novembers las ich den ersten Band aus Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe „Amerika“ und irgendwie passte dieser Roman perfekt zu diesen verrückten Tagen. Gebannt schaute man abends auf die Karte mit den rot und blau gefärbten Bundesstaaten und parallel verfolgte ich den Amerika-Aufenthalt und die Anekdoten, welche der jugendliche Meyerhoff in seinem Austauschjahr an der amerikanischen High School im sehr ländlichen Staat Wyoming erlebt hat und auf sehr unterhaltsame Weise schildert. Meine Lust und Neugier auf die Folgeromane ist definitiv geweckt.

Ein absolutes Muss im November war für mich der neu erschienene achte Gereon-Rath-Fall von Volker Kutscher „Olympia“. Gleich am Erscheinungstag stattete ich abends meiner örtlichen Buchhandlung einen kurzen Besuch ab und dann wurde der Band zeitnah und genüsslich verschlungen. Für mich einer der stärksten Bände der ohnehin herausragenden Reihe, der mich vor allem durch die Schilderungen der olympischen Spiele 1936 in Berlin, die Atmosphäre, die längst liebgewonnenen Figuren (Gereon, Charly, Fritze) und die spannende Handlung mit großem Paukenschlag absolut gepackt hat.

David Foenkinos „Die Frau im Musée d’Orsay“ konnte mich danach hingegen leider nicht so wirklich überzeugen und ich hatte mir in Summe mehr von diesem französischen Roman erwartet. Ein Kunstprofessor wirft seinen Job hin und arbeitet plötzlich als einfache Museumsaufsicht im legendären Musée d’Orsay – das klang zunächst spannend, aber der erhoffte künstlerische Aspekt ist mir persönlich etwas zu kurz gekommen und auch die Liebesgeschichte hat für mich nicht gezündet.

Deutlich spannender fand ich dagegen „Agatha Christie. Eine Biografie“ von Barbara Sichtermann. Inspiriert durch eine „Mord im Orientexpress“-Verfilmung (mit Albert Finney als Poirot und weiteren Hollywoodstars wie Ingrid Bergman, Lauren Bacall und natürlich dem leider vor kurzem verstorbenen Sean Connery aus dem Jahre 1974), die ich im Fernsehen sah, wollte ich auf einmal mehr über die bekannte Krimiautorin wissen. Eine interessante und aufschlussreiche Lektüre, in welcher ich auf unterhaltsame und gut lesbare Weise viel Neues über die „Queen of Crime“ erfahren habe. Flankiert habe ich das Ganze noch mit dem Hörbuch „Ruhe unsanft“ – dem letzte Fall Miss Marple’s – gelesen von der unverwechselbaren Katharina Thalbach, welche den vielen Figuren auf großartige Art und Weise jeweils ihren ganz eigenen, markanten Tonfall verleiht – absolut hörenswert!

Mit Agatha Christie teile ich die große Leidenschaft fürs Theater und da diesbezüglich im November ja leider keine Möglichkeit bestand, diese auszuleben, konnte ich mit Christian Knull’s „Wir probten die Liebe“ zumindest literarisch die Bretter, die die Welt bedeuten, erkunden. Er beschreibt aus Sicht eines 12-köpfigen Theaterensembles die heiße Probenphase bis zur Premiere von Arthur Schnitzler’s „Reigen“. Dass das erotisch aufgeladene und ehemals skandalträchtige Stück auch bald zu Spannungen zwischen den höchst unterschiedlichen Laienschauspielern führt, versteht sich fast von selbst. Ein Buch, auf das ich ohne Bloggen und den Blog „Der Bücheratlas“ wohl nicht aufmerksam geworden wäre. Danke dafür!

Mit Deborah Levy’s „Der Mann, der alles sah“ durfte ich einen sehr vielschichtigen, raffinierten und literarisch anspruchsvollen Roman entdecken, welcher den Londoner Studenten Saul ins Ostberlin der späten Achtziger Jahre, den zerfallenden Sozialismus der DDR und dort in eine komplizierte Dreieckskonstellation der Gefühle führt. Verwirrend schön und ein besonderes literarisches Erlebnis.

Besonders nachhaltig beeindruckt und beschäftigt hat mich jedoch ein anderer Roman über das Lebens eines Künstlers in der ehemaligen DDR: Reinhard Kuhnert’s „Abgang ist allerwärts“. Ein großartiges, poetisches und sprachlich unglaublich schönes Buch, das inspiriert durch die autobiografische Geschichte des Autors erzählt, wie Zensur und Einflussnahme des Regimes einen Künstler letztlich dazu bringen, einen Ausreiseantrag zu stellen und sein Land zu verlassen. Mit großer Klugheit, Herzenswärme und Lebensweisheit hat der Autor rückblickend sehr gefühlvoll und mit viel Fingerspitzengefühl seine eigene Geschichte geschrieben.

Der Advent ist mittlerweile da, Weihnachten steht vor der Tür und so habe ich tatsächlich auch schon ein wenig Weihnachtsstimmung in meine November-Lektüre einfließen lassen und mit Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ einen klassischen Weihnachtskrimi (und den dritten Band der Reihe um den Pariser Commissaire Lacroix) gelesen. Mit gerade mal 200 Seiten war das ein kurzes, aber auch sehr kurzweiliges Lesevergnügen zum Entspannen und Seele baumeln lassen. Viel Pariser Lokalkolorit, viel Kulinarisches und romantische Stimmung, wenn es in der französischen Hauptstadt zum ersten Mal seit 1962 wieder ein weißes Weihnachtsfest gibt und der Commissaire in den schneebedeckten Straßen von Paris ermittelt.

Und mit meinem heimlichen Liebling des Monats (wenn auch in keinster Weise vergleichbar mit einem großen Kaliber wie „Olympia“, das quasi außer Konkurrenz zu sehen ist) bin ich dann auch noch ein wenig in Frankreich und bei der Kulinarik geblieben mit Jacky Durand’s „Die Rezepte meines Vaters“. Ein Junge wächst quasi zwischen den Kochtöpfen und Herdplatten in der Restaurantküche seines Vaters auf und hat bald schon den sehnlichen Wunsch, selbst Koch zu werden. Doch wenn es nach seinem Vater geht, soll er etwas Anständiges lernen, studieren und nicht Tag und Nacht in der heißen Küche am Herd stehen müssen. Dieser kleine und feine Roman ist ein unglaublich sinnliches und gefühlvolles Buch über Väter und Söhne, über die Leidenschaft fürs Kochen und die Gastronomie und hat mein Herz im Sturm erobert.

Den Abschluss meines Lesemonats bildete dann – last but not least – noch ein fast als Pflichtlektüre zu betrachtendes „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze, das als Lesung den Abschluss der 20. Landshuter Literaturtage (19.11.20 – 04.12.20) bilden sollte und die jetzt ersatzweise digital stattfinden wird. Auf der Website der Veranstalter, kann das Video ab dem 04.12.20 bis zum 31.12.20 abgerufen werden – zudem gibt es noch einige weitere Audio- und Video-Lesungen der Literaturtage zu entdecken, welche dieses Jahr unter dem Motto „In Zukunft. 16 Tage, 16 Visionen“ standen.

Ein herbstlicher, ruhiger und leiser November – ohne Theater, Oper oder andere Live-Veranstaltungen – geht zu Ende. Die erhoffte Besserung im Infektionsgeschehen ist leider (noch) nicht eingetreten und so bleiben auch im Dezember die kulturellen Einrichtungen geschlossen. So wird es wohl dieses Jahr auch ein besonders stiller und besinnlicher Advent werden, mit viel Zeit zu Hause zum Lesen, Musik hören und Konzerten im Fernsehen. Zünden wir also unsere Adventskerzen an, bleiben wir zu Hause und versuchen wir die Advents- und Weihnachtsstimmung trotz allem ganz bewusst zu genießen. Einen schönen Advent und bleibt gesund!

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Gaumen-Highlight November:
Passend zu den Couchabenden gab es ab und zu geröstete Maroni – das passt wunderbar in diese Jahreszeit und so kann man sich auch ein wenig Südtiroler Törggelen oder Christkindlmarkt-Feeling ins eigene Wohnzimmer zaubern.

Musikalisches im November:
Bevor es jetzt im Dezember auch musikalisch besinnlicher und weihnachtlicher wird, habe ich im November noch einmal einen schwungvollen Abstecher ins wilde Berlin der 20er und 30er Jahre gemacht und mir passend zu Volker Kutschers „Olympia“-Lektüre auf ARTE TV ein Konzert des Moka Efti Orchestra angesehen. Großartige Musiker – nicht nur im Studio für die Soundtrack-Produktion zu „Babylon Berlin“ – sondern auch live ein absolutes Erlebnis.

„Fasst frischen Mut, so lang ist keine Nacht,
dass endlich nicht der helle Morgen lacht.“

(aus Shakespeare, Macbeth IV,3)

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück.“

(aus „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk)

Oktoberbowle 2020 – Herbstspaziergänge und Lesewetter

Der Oktober war dieses Jahr leider kein klassisch goldener, sondern präsentierte sich ziemlich häufig grau, verregnet und wolkenverhangen. Das ideale Lesewetter also, aber dennoch auch noch die Zeit für ein paar schöne Herbstspaziergänge durch bunt gefärbte Wälder, durch raschelndes Laub, um ein paar Kastanien zu sammeln und nochmal frische Luft zu tanken, um sich dann wieder auf eine Tasse Tee und das gute Buch im Warmen zu freuen.

Und gute Bücher gab es einige in meinem Lesemonat Oktober:
Anfang des Monats habe ich mit „Malvita“ von Irene Diwiak einfach den vergangenen Sommer noch etwas verlängert und mich mit ihr in die sonnige Toskana begeben. Doch durfte man sich von den farbenfroh leuchtenden Mohnblumen auf dem Umschlag nicht täuschen lassen, denn statt unbeschwerter Urlaubsstimmung bot der Roman der jungen Österreicherin menschliche Abgründe, eine zerrüttete Familie am Eingang zu „malavita“ – der Unterwelt – und nahm immer mehr die Züge eines Psychothrillers an: Überraschend und ungewöhnlich.

Am 3. Oktober durften wir ein großes Jubiläum feiern: 30 Jahre Deutsche Einheit und dieser besondere Tag war für mich ein willkommener Anlass, mich literarisch und ausnahmsweise auch mit einigen guten Filmen im Fernsehen dem Thema zu widmen. Regina Scheer’s „Machandel“ war dafür ein perfekter Einstieg: ein großartiger Familienroman über die Wendezeit und die wechselvolle Geschichte zwischen zweitem Weltkrieg und der friedlichen Revolution im November 1989, aber auch der ersten Zeit nach der Wiedervereinigung. Wunderschön geschrieben, großartige Figuren und eine Autorin, die mich nachhaltig beeindruckt hat, so dass ich am Monatsende auch gleich noch ihren zweiten Roman „Gott wohnt im Wedding“ gelesen habe. Auch in diesem Buch erweist Scheer sich als erstklassige Geschichtenerzählerin und Autorin, die mit viel Herzenswärme, Intelligenz und großem Einfühlungsvermögen ein weiteres schwieriges Kapitel deutscher Geschichte literarisch verarbeitet: die Judenverfolgung und die Vertreibung und Verfolgung der Sinti und Roma. Beide Bücher haben mich tief berührt und werden mir lange in Erinnerung bleiben.

Doch zurück zur Deutschen Einheit: Ich bin kein großer Fernseher, aber das Jubiläum hatte zur Folge, dass ich tatsächlich ausnahmsweise ein paar sehr gute Filme zum Thema gesehen habe: „Adam und Evelyn“ (mit einem tollen Florian Teichtmeister) über junge Menschen, die 1989 über Ungarn in den Westen fliehen oder aber auch den spannenden Fernsehfilm „Wendezeit“, der das Leben einer Doppelagentin, die in Reihen der CIA in Westberlin für die Stasi spioniert, beim Fall der Mauer völlig außer Kontrolle geraten lässt. Sehr bewegend fand ich aber auch „Das schweigende Klassenzimmer“, das basierend auf einer wahren Begebenheit zeigt, wie eine einzige Schweigeminute einer DDR-Abiturklasse während des Ungarnaufstands 1956 das Leben der Schüler für immer verändert.

Und auch ein wunderbares Hörbuch brachte mir die Zeit und das Leben in der DDR noch näher: „Soundtrack meiner Kindheit“ von Jan-Josef Liefers. Der bekannte und beliebte Schauspieler – vielen vor allem bekannt als Professor Boerne aus dem Tatort – erzählt darin über seine Kindheit und Jugend in der DDR. Ausgehend von Songtiteln, die ihn geprägt haben, beschreibt er sein Aufwachsen, die Schulzeit, erste Kontakte und Erfahrungen mit dem SED-Regime ebenso wie Pubertät und die erste Liebe. Aber er erzählt auch über die starken Frauen in seinem Leben: seine Großmütter und seine Mutter. Gefallen haben mir vor allem auch die Kapitel über die Schauspielschule und seine Zeit am Theater und es ist spannend zu hören, wie er die friedliche Revolution und den Mauerfall in Berlin hautnah erlebt hat. In diesem Fall fand ich es charmanter, mir seine Geschichte von ihm selbst erzählen zu lassen und habe daher ausnahmsweise zum Hörbuch gegriffen, was sich definitiv gelohnt hat.

Doch der Oktober hat mir – neben dem großen Themenschwerpunkt „Deutsche Einheit“ – auch noch weitere literarische Schmuckstücke beschert:
So durfte ich zum Beispiel ein Werk des irischen Autors Máirtín Ó Cadhain entdecken, welches der Kroener Verlag anlässlich des 50. Todestages herausgegeben hat: „Die Asche des Tages“. In Irland zählt er zu den ganz großen Autoren des Landes, wohingegen er bei uns in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist. Da jetzt zum ersten Mal auch eine Übersetzung seines letzten Romans aus dem Irischen durch die renommierte Übersetzerin Gabriele Haefs vorliegt, können jetzt auch deutsche Leser das zeitlose, literarische Schaffen des Iren kennenlernen.

Auf eine Zeitreise ins Berlin des ersten Weltkriegs und der Zwanziger Jahre hat mich Tim Krohn’s „Die heilige Henni der Hinterhöfe“ mitgenommen, die mich sehr amüsiert hat und die mit einer zynisch-ironischen Berliner Schnauze ein sehr kurzweiliges und leichtfüßiges Lesevergnügen war.

Ein Spontankauf und Überraschungsfund war Ewald Arenz’ „Alte Sorten“, das sich tief in mein Herz gegraben hat und wohl mein heimlicher Liebling des Monats geworden ist. Da stimmte alles: Sprache, Sinnlichkeit, Tiefgründigkeit und Figuren, die man nicht mehr vergisst. Ein unvergleichliches und sehr berührendes Buch, dem ich viele Leser wünsche und das ich wärmstens ans Herz legen kann. Eine entschleunigende Lektüre für den Herbst, die einmal mehr verdeutlicht, was wirklich wichtig ist im Leben.

Stefan Sprang’s „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“ bot mir berührende Einblicke in das leider viel zu kurze Leben eines Sängers, der zu den ganz Großen zählte, obwohl er es an Körpergröße nur auf 1,54 Meter brachte. Zunächst als umjubelter Rundfunk- und Plattenstar gefeiert, verliert er als Jude im Dritten Reich nach und nach die Auftrittsmöglichkeiten, die Heimat, die Familie und letztlich sein Leben. Ein Buch, das traurig stimmt, aber auch ein Denkmal setzt für einen einzigartigen Künstler, an den es sich zu erinnern lohnt.

Zudem nutzte ich den Oktober, um eine literarische Bildungslücke zu schließen: Mit „Weit weg von Verona“ habe ich es endlich geschafft, ein erstes Werk von Jane Gardam zu lesen. In den letzten Jahren wurde sie für den deutschen Markt entdeckt und erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit. Ich habe mir als Einstieg ihren Debütroman ausgesucht, der bereits aus dem Jahr 1971 stammt und eine freche, witzige Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mädchens an der englischen Küste während des zweiten Weltkriegs beschreibt. Very British – gut zu lesen, auch wenn bei mir persönlich der ganz große Wow-Effekt ein wenig ausgeblieben ist.

Und zu guter Letzt habe ich auch noch Ilja Leonard Pfeijffer’s neuen Roman „Grand Hotel Europa“ gelesen, der sich kritisch mit der aktuellen Situation in Europa und dem Massentourismus auseinandersetzt. Ein bissig-zynisches und intelligentes Buch, das in den Niederlanden – dem Heimatland des Autors – lange Zeit die Bestsellerliste anführte.

Seit diesem Monat gibt es bei der Kulturbowle eine weitere Neuerung: „Die Welt erlesen“. Das bedeutet, es gibt jetzt auch eine Übersicht der Buchrezensionen nach Schauplätzen bzw. Ländern, Regionen und Orten. Denn ich liebe es, mich durch das Lesen von Büchern an bestimmte Orte versetzen zu lassen oder mich vor und während einer Urlaubsreise auch literarisch auf das jeweilige Land, die Region oder die Stadt einzustimmen. Die Zusammenstellung soll helfen, die Suche nach dem richtigen Buch zu erleichtern.

Kulturell konnte im Oktober erfreulicherweise noch Theater gespielt werden – bevor jetzt im November leider wieder die Pforten geschlossen werden müssen. So durfte ich im Landestheater Niederbayern noch eine schwungvolle Corona-„Fledermaus“ erleben, die das Thema Maskenball in Corona-Zeiten sehr wörtlich genommen hat und eine bejubelte Premiere der Woody Allen-Komödie „Geliebte Aphrodite“. Jetzt bleibt mit dem weinenden Auge des Kultur- und Theaterliebhabers und dem Verständnis für die schwierige Gesamtsituation nur zu hoffen, dass die Maßnahmen im November Wirkung zeigen und hoffentlich eine Besserung des Infektionsgeschehens eintritt, so dass dann baldmöglichst auch wieder Kunst und Kultur stattfinden kann. Hoffen wir das Beste.

Der November wird die Zeit sein, Kontakte so weit wie möglich zu reduzieren, es sich zu Hause gemütlich zu machen, Musik zu hören und Bücher zu lesen. Machen wir also etwas daraus und bleiben zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Oktober:
Oktober ist Kürbiszeit – ob als Suppe, Ofengemüse oder auch mal als Kürbisgulasch – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und wenn sich das herbstliche Gemüse in leuchtendem Orange an den Feldrändern türmt und in der Küche geschnippelt wird, macht alleine schon die Farbe gute Laune.

Musikalisches im Oktober:
Ein Lied, das mich im Oktober sehr berührt hat, war „Zweifel und Zuversicht“ von Bodo Wartke. Eine schöne Ballade des Musikkabarettisten mit Klavierbegleitung, die ich sehr gerne weiterempfehle. Gerade jetzt in dieser Zeit voller Sorgen und Unsicherheit bringt es dieses Lied sehr schön auf den Punkt, dass es wichtig ist, bei allem Zweifel doch zuversichtlich zu bleiben. Schöne, eingängige Melodien und ein liebevoll-verspielter und intelligent-verschmitzter Text, der einem vielleicht den kleinen Schubs geben kann, statt ständig zu grübeln einfach mal ein wenig positiven Optimismus walten zu lassen.

„Was du auch tust, hab keine Angst zu versagen.
Wohin du auch gehst, ich werde dich tragen.
Wir kriegen das hin, es kann dir gelingen,
Erst recht dann, wenn ich bei dir bin.
(…)
Ich bin die, die wenn der Vesuv ausbricht,
Dich noch ans rettende Ufer kriegt.
Ich weiß, du kennst auch mich:
Ich bin die Zuversicht.“

(aus Bodo Wartke’s „Zweifel und Zuversicht“; Album: Wandelmut)

Septemberbowle 2020 – Altweibersommer und Theatermagie

Der September verwöhnte uns noch mit herrlichstem Wetter und einem wunderbaren Altweibersommer. Ein warmer, sonniger Spätsommer, den man noch in vollen Zügen genießen und viel Zeit im Freien verbringen konnte, bevor man jetzt mit gemischten Gefühlen bei steigenden Infektionszahlen in den bevorstehenden Pandemieherbst und – winter übergeht.

Meine Lektüre im September konnte mich nahezu durchgängig überzeugen, oft begeistern und hatte stellenweise sogar etwas Magisches. Zudem war ich überglücklich, dass auch die Theatersaison 2020/2021 trotz aller Schwierigkeiten und unter besonderen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen beginnen konnte. Endlich wieder Livetheater! Und so spiegelte sich meine Freude am und aufs Theater auch in meiner Buchauswahl wieder.

Den Auftakt machte jedoch ein „Regalschlummerer“, d.h. ein Roman, der schon eine Weile in meinem Regal auf den richtigen Moment gewartet hatte, gelesen zu werden: „Unter der Drachenwand“ aus dem Jahr 2018 von Arno Geiger, dem Gewinner des ersten Deutschen Buchpreises 2005 (für „Es geht uns gut“). Eine eindrückliche und stimmungsvolle Geschichte, die das Jahr 1944 und die Endphase des zweiten Weltkriegs aus der Sicht junger Erwachsener beleuchtet, die im österreichischen Mondsee gemeinsam das Ende des Krieges ersehnen und sich einfach nur etwas Normalität und kleines bisschen Glück im Leben wünschen. Ein ruhiges, sehr atmosphärisches Buch, das mich sehr berührt hat.

Ein ziemlicher Kontrast war danach der Thriller „Dunkel“ von Ragnar Jónasson, der den Auftakt zur vielgerühmten Hulda-Trilogie bildet, die mittlerweile mit den folgenden Teilen „Insel“ und „Nebel“ vervollständigt wurde. Eine düstere Kriminalgeschichte aus Island mit einer charismatischen Hauptfigur namens Hulda, die als Kriminalpolizistin kurz vor der Zwangspensionierung noch in einem gefährlichen Cold Case ermittelt. Durch den Kniff, die Handlung chronologisch rückwärts vom Ende her zu erzählen, definitiv spannend und sehr flüssig zu lesen, aber insgeheim hatte ich mir bei den zahlreichen Vorschusslorbeeren noch etwas mehr versprochen.

Hochgradig spannend und packend fand ich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes – einem Autor, den ich aufgrund seiner bisher erschienenen, großartigen Biographien (u.a. „Witwe im Wahn“ oder „Herrin des Hügels“) ohnehin verehre. Dieses Mal entführte er mich ins Berlin der 30er Jahre und schilderte einen mysteriösen Kriminalfall – basierend auf einer wahren Begebenheit – der mich sofort in seinen Bann zog: detailreich, atmosphärisch und hervorragend recherchiert ein fesselndes Stück deutscher Zeitgeschichte.

Mein Liebling des Monats – obwohl das bei dieser starken Konkurrenz wirklich sehr schwer festzulegen ist – war aber wohl „Herzfaden“ von Thomas Hettche. Zu Recht steht dieser Roman auf der Shortlist des diesjährigen deutschen Buchpreises, der am 12. Oktober verliehen wird. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und der Gründerfamilie des Marionettentheaters war für mich magisch und versetzte mich gedanklich zurück in meine Kindheit. Ein Buch, in das ich abgetaucht bin und das mich fasziniert, unterhalten und bezaubert hat. Ganz große Literatur über Väter und Töchter, die Nachkriegszeit, die Kraft der Kunst und der Fantasie und über Theater und Theatermacher!

Felix Mitterers „Keiner von euch“ war danach eine Lektüre, die sich mit schwierigen Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und einem Lebensschicksal beschäftigt hat, das verstörend und aufwühlend zu lesen war. Der österreichische Autor beschreibt in seinem ersten Roman die Geschichte Mmade Makés, der im 18. Jahrhundert in seiner afrikanischen Heimat entführt und bereits als Junge nach Europa verschleppt wurde. Als „Angelo Soliman“ verkehrt er später am Wiener Hof als Leibeigener eines Fürsten in höchsten Adelskreisen und der Freimaurerloge Mozarts. Doch am Ende seines Lebens geschieht das Unfassbare und er wird als präparierter Leichnam im Wiener Naturalienkabinett als „wilder Ureinwohner“ vor der Öffentlichkeit entwürdigend zur Schau gestellt. Eine wahre Geschichte, die schockiert und unter die Haut geht.

Das Ende meiner Septemberlektüre spannt wiederum einen Bogen zum Theater: „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie des größten Dramatikers aller Zeiten – William Shakespeare. Die irisch-britische Schriftstellerin Maggie O’Farrell erzählt – basierend auf den wenigen Fakten, die bekannt sind – eine ruhige, eindringliche und zu Herzen gehende Geschichte über Shakespeares Frau Agnes und die Kinder Susanna, sowie die Zwillinge Judith und Hamnet. Ein historischer Roman, der ruhig und mit tiefgründiger Sprache eine neue Welt eröffnet, den Theaterverrückten Shakespeare als oft abwesenden Familienvater von einer anderen Seite zeigt und für den die Autorin mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet wurde.

Ein absoluter Höhepunkt für mich war in diesem Monat aber die erste Premiere der neuen Spielzeit im Landestheater Niederbayern mit dem „Urfaust“. Ich habe mich so sehr gefreut, endlich wieder ins Theater gehen und Schauspieler live auf der Bühne erleben zu können. Eine gelungene, moderne Inszenierung eines zeitlosen Klassikers, den ich zur Vorbereitung und Steigerung der Vorfreude auch nochmal gelesen hatte. Ein Abend, der Hoffnung und Kraft gegeben hat, um den weiteren Herausforderungen des anstehenden Herbsts und Winters im Zeichen der Pandemie mit Zuversicht begegnen zu können und ein eindrücklicher Beweis, das die Macht und der Zauber des Theaters ungebrochen ist.

Ein sonniger, erfüllender und vielseitiger Lese- und Kulturmonat September ist zu Ende und ich freue mich jetzt auf einen goldenen Oktober, der hoffentlich – wenn auch vermutlich mit herbstlicherem Wetter – wieder viel Anlass zu Freude, Lese- und Kulturgenuss geben wird. Es warten eine Operettenpremiere und mit Sicherheit wieder vielversprechende Bücher auf mich. Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight September:
Zwetschgendatschi – kaum etwas schmeckt für mich so sehr nach diesen letzten, schönen warmen Sommertagen wie ein Stück von dieser süßen Köstlichkeit. Sonnengereifte, saftige Zwetschgen frisch vom Baum schreien gerade danach, zu diesem Kuchen verwandelt zu werden.

Musikalisches im September:
Ein Höhepunkt war für mich die TV-Übertragung der „Last night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London auf NDR: das legendäre Konzert, das dieses Jahr zwar corona-bedingt vor einem leeren Zuschauerraum stattfand, aber dennoch eine ganz besonderen Zauber entfalten konnte. Vor allem die herausragende und äußerst sympathische Sopranistin Golda Schultz sowie die gelungene Programmzusammenstellung haben mich begeistert. Ausschnitte aus Mozarts „Le nozze di figaro“, das berührende Lied „Morgen“ von Richard Strauss oder aber das berühmte „You’ll never walk alone“ aus dem Musical „Carousel“ gesungen von Golda Schultz bescherten mir mehr als einen Gänsehautmoment.

„When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark
At the end of a storm
There’s a golden sky
And the sweet silver song of a lark“

(aus dem Musical „Carousel“, Text: Oscar Hammerstein II)

Augustbowle 2020 – Reisen durch Bücher

Ein außergewöhnlicher August geht zu Ende – ein weiterer merkwürdiger Monat in einem Jahr, das aus der Reihe fällt und uns alle vor neue Fragen, Sorgen, Herausforderungen und Entscheidungen gestellt hat. Viele Blogger pflegen das Ritual des monatlichen Rückblicks und des „Revue passieren-Lassens“. Meine Kulturbowle ist noch jung – noch nicht mal einen Monat alt, aber ich versuche mich einfach mal an einem „halben“ Monatsrückblick, da ich am 14. August meinen Blog im Netz gestartet habe. Ob sich dieses monatliche Format bei mir regelmäßig etablieren wird, wird wie so vieles die Zeit zeigen.

Eine der Entscheidungen, welche die Corona-Pandemie uns abverlangt hat, war die Frage nach dem Sommerurlaub: Verreisen – ja oder nein? Ich habe mich für ein Nein zum Reisen und im Gegenzug für ein Ja zu diesem Blog entschieden. Die Idee, die Umsetzung und der Start fallen in meine Urlaubszeit – die Kulturbowle ist mein Sommer- bzw. Urlaubsprojekt 2020.

Und somit habe ich mein ganz persönliches, neues Abenteuer begonnen und ich habe mich vor allem auch in meiner Lektüre auf Reisen begeben. Schon seit meiner Kindheit liebe ich es, mich durch das Lesen von Büchern in andere Länder, Städte, andere Zeiten und andere Milieus entführen zu lassen. Reisen im Kopf, in der Fantasie – das ist die Macht der Bücher, die dies vermag und die mich immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn ich abtauche in ein neues Buch, eine andere Welt.

„Wenn ein Kind lesen gelernt hat und gerne liest, entdeckt und erobert es eine zweite Welt, das Reich der Buchstaben. Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil.“

(Erich Kästner, aus „Als ich ein kleiner Junge war“)

Wohin führte mich meine Buchauswahl im August bzw. seit Mitte des Monats? Zunächst ins wunderbare Salzburg, die Stadt der Nockerl und der Kugeln und die Stadt Mozarts und der Musik. So habe ich mich inspiriert durch die tolle „Così fan tutte“ der diesjährigen Festspiele, mit Vergnügen in die Lektüre von Rolando Villazóns „Amadeus auf dem Fahrrad“ gestürzt und wurde nicht enttäuscht. Dass der Opernsänger auch einen kurzweiligen und amüsanten Roman schreiben kann, der mit viel Augenzwinkern und südlichem Temperament verfasst ist, hat er für mich klar unter Beweis gestellt. Eine schöne, leichte Sommerlektüre, die vor allem das Warten auf die nächste Theatersaison und Besuche von Live-Veranstaltungen ein wenig verkürzen konnte.

Danach fand ich mich dann mit Robert Seethalers neuem Roman „Der letzte Satz“, der kurz danach auch den Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gefunden hat, auf einem Ozeandampfer wieder und begleitete den todkranken Komponisten Gustav Mahler auf seiner letzten Reise über den Atlantik nach Hause. Wellenrauschen und Seeluft inklusive. Obwohl der Roman in Bloggerkreisen durchaus kontrovers beurteilt wird, ist er für mich ein wunderbares Stück Literatur und hat meinen Nerv definitiv getroffen. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit und sowohl sprachlich als auch thematisch (Musik, Kunst und Kultur) genau meine Wellenlänge.

Ohne mich danach lange in ein Flugzeug setzen zu müssen, reiste ich danach sofort zurück nach New York und verschlang in relativ kurzer Zeit die 496 Seiten von Elizabeth Gilberts „City of Girls“. Vierziger Jahre im Big Apple, eine bunt gewürfelte Theatertruppe und eine junge Frau, die sich zunächst im schillernden Nachtleben der Stadt austobt, um dann schmerzlich festzustellen, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein leichtfüßiger Schmöker, der sich süffig liest und mich aufgrund der Schilderung des Theaterlebens (vor und hinter der Bühne) und der warmherzig gezeichneten Figuren sehr gut unterhalten hat.

August ist Poznanski-Jugendbuch-Zeit und im neu erschienenen „Cryptos“ nimmt die österreichische Autorin ihre Leser mit auf einen wilden Ritt durch Raum und Zeit und in eine Vielzahl unterschiedlichster Welten. Wenn man mal zu lesen anfängt, kann man das Buch schwer wieder weglegen, daher ist die Urlaubszeit hierfür ideal. Für mich interessant war vor allem, wie Ursula Poznanski das Thema Klimakatastrophe anpackt, für junge Leser greifbar macht und wie sie hier die sich bereits abzeichnenden Entwicklungen und Probleme gedanklich weiterspinnt.

Bella Italia und in diesem Falle Venedig war das nächste Ziel meiner August-Lesereise. Der Roman „Margherita“ zeichnet die Lebensgeschichte der Großmutter des Ehemanns der Autorin Jana Revedin nach und macht sie somit literarisch unsterblich. Ihre Geschichte liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen und so trifft Margherita, die als einfache Zeitungsverkäuferin einen einflussreichen Adeligen heiratet, in Paris und später in Venedig auf alle künstlerischen Größen ihrer Zeit: Pablo Picasso, Coco Chanel, Giacometti, Poulenc. Die schillernde Persönlichkeit Peggy Guggenheim wird zu einer ihrer engsten Freundinnen. Ein atmosphärisches Buch, das einen wirklich in die engen Gassen und Kanäle der Serenissima versetzt.

Da Deutschland als Reiseziel dieses Jahr ja besonders beliebt ist, stand dann auch noch die Insel Sylt auf meinem Leseplan. Susanne Matthiessen hat mit „Ozelot und Friesennerz“ ihrer Heimat und ihren Sylter Mitbürgern ein ganz persönliches Buch gewidmet, das sich witzig, bissig und kritisch mit der Entwicklung und Geschichte der Insel auseinandersetzt. Im Zusammenspiel mit ihrer Familiengeschichte und der Schilderung ihrer eigenen Kindheit als gebürtiger Sylterin im florierenden Pelzgeschäft ihrer Eltern, fächert sie ein buntes Bild der wilden Siebziger Jahre auf der Insel und in der Bundesrepublik auf und erzählt mit gewisser Wehmut von Einheimischen und Gästen und der Insel im Wandel der Zeit.

Die letzte Station meiner Reise führte mich noch in den hohen Norden ins wunderschöne Norwegen – genau genommen ins Gudbrandsdal. Lars Myttings „Die Glocke im See“ hat mich als stimmungsvoller und stiller Roman mit seiner Ruhe und Kraft tief beeindruckt und war ein absolut würdiger Abschluss meiner Reise durch Bücher – meiner Lesereise „im Kopf“. Die ausführliche Rezension folgt hier im Blog in Kürze.

Aufgrund der Urlaubs- und daher verfügbaren Lesezeit ist für einen halben Monat doch einiges zusammengekommen und mit Lesen, Bloggen und Reisen in der Fantasie, hatte ich auch keine Zeit, eine wirkliche Reise zu vermissen.
Wenn für den Einen oder Anderen ein attraktives Reiseziel bzw. eine lohnende und lockende Lektüre dabei ist, freut es mich, denn mir hat dieser Lesemonat August und der Auftakt zur „Kulturbowle“ großen Spaß gemacht.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:
Natürlich die „Kulturbowle“ bzw. Erdbeerbowle, die speziell für das Fotoshooting der Bilder für die Website mit viel Liebe zubereitet wurde und dann in kleiner, gemütlicher Runde genossen wurde.

Musikalisches im August:
Viel Wagner und der „Ring des Nibelungen“ dank der öffentlichen Streaming-Angebote von 3sat und ARD Alpha und als Trost für die entfallenen Bayreuther Festspiele. Und natürlich die schöne „Così fan tutte“ und auch die „Elektra“ von den Salzburger Festspielen im Fernsehen zu Hause auf meiner Couch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Passend zum oben verwendeten Zitat, kann ich das folgende, wunderbare Buch von Erich Kästner empfehlen – er berührt mich immer wieder und spricht mir aus der Seele:

Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war
Atrium
ISBN: 978-3038820031

Auf zu neuen Ufern

Hallo Welt!
Hallo liebe Kulturbegeisterte, Bücherliebhaber und Genussmenschen!

Ich freue mich, dass Ihr da seid und den Weg auf meinen Blog gefunden habt. Mit diesem ersten Beitrag sende ich ein erstes, herzliches „Hallo“ hinaus in die Welt.

Hier schreibt Eine, die sich schon als Kind auf den Weg machte, die ersten großen Lieben ihres Lebens zu entdecken: Bücher, Musik, Theater – Kultur in ihrer Vielfalt und die schönen Dinge des Lebens. Die Vorlieben für gutes Essen und Trinken, Reisen und die Oper gesellten sich dann ein wenig später dazu. (Mehr zu mir könnt Ihr jederzeit gerne unter „Über mich“ lesen).

Das Jahr 2020 ist ein Jahr der Veränderung und des Umbruchs. Der Virus hat uns, unserem Leben und unseren Gewohnheiten eine neue Prägung gegeben. Gerade als jemand, der für sein Leben gerne ins Theater, die Oper oder in Konzerte geht, musste ich dieses Jahr viele schmerzliche Absagen und traurige Verluste hinnehmen und auf Ereignisse verzichten, auf die ich mich sehr gefreut hatte.
Trost suchte und fand ich unter anderem in Büchern und – auch wenn dies ein Live-Erlebnis im Theater nicht ersetzen kann – in einigen Fernsehübertragungen oder Livestreams aus Opernhäusern und Konzertsälen.

Auch meine Urlaubspläne habe ich dieses Jahr den Umständen angepasst und verbringe meine freie Zeit in meiner Heimat und bleibe zu Hause statt zu verreisen. Und da war dann auf einmal dieser Gedanke, eine andere Reise zu beginnen: Meine Liebe zu Kultur und Büchern zu teilen und da ich gerne schreibe (früher auch bereits auf einer Buchplattform Rezensionen verfasst habe), war da die Idee, dem Ganzen Raum und eine Form zu geben und diesen Blog zu starten – mein Sommerprojekt 2020. Sehr frei nach dem Motto, „wenn Dir das Leben Zitronen schenkt, mach’ Limonade draus“ – warum also nicht eine Bowle – meine Kulturbowle – daraus machen?

Auf zu neuen Ufern – ich freue mich auf diese neue Erfahrung, diesen neuen Weg, diese neue Reise. Kultur und Literatur bereichern mich und lassen mich wachsen, machen mich zu dem Menschen, der ich bin und lassen mich zugleich offen und wach in die Welt schauen. Wenn der eine oder andere durch diese Seite verlockt wird und Lust bekommt, zu einem Buch zu greifen, ins Theater oder die Oper zu gehen, Musik zu hören oder ein gutes Essen zu genießen und sich dann darüber zu freuen, habe ich mehr erreicht, als ich mir wünschen kann.

Kultur verbindet und macht das Leben lebenswert – dies möchte ich weitertragen und Menschen dafür begeistern.
Wenn Ihr mich daher auf meiner Reise begleiten wollt, seht Euch gerne in meinem Blog um. Seid offen, zuversichtlich, positiv und genießt es!