Französisches Krimiamusement

Schon vor einiger Zeit – die Rezensionen haben sich ein wenig aufgestaut – habe ich zwei sehr amüsante und unterhaltsame Frankreich-Krimis gelesen. Einen Maigret-Klassiker von Georges Simenon und einen aktuell erschienenen neuen Lacroix-Band, der sich im besten Sinne vom großen Altmeister hat inspirieren lassen: Alex Lépic’ neuester Fall „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“ und Georges Simenon’s „Maigret amüsiert sich“ – im Doppelpack gelesen wirklich ein kurzweiliger und feiner Krimigenuss mit viel französischem Flair. Oh là là!

Die Lacroix-Reihe hat sich bei mir mittlerweile zu einem erfreulichen Lesepflichttermin entwickelt – ich komme an keiner Neuerscheinung mehr vorbei: Auch hier auf der Kulturbowle hatte ich schon „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ und „Lacroix und das Sommerhaus von Giverny“ vorgestellt.
Jetzt geht es also an die Seine in die Nähe von Notre-Dame und in das Milieu der Bouquinistes. Schon mal ein schöner Schauplatz, an dem sich Bücherliebhaber wie ich durchaus wohl und heimisch fühlen.

Lacroix muss in einem Mordfall ermitteln, denn ein Bouquiniste wurde tot aufgefunden und plötzlich merkt der Commissaire, dass für die Buchhändler an der Seine nicht immer die Sonne scheint. Auch dort wird mit harten Bandagen gekämpft und das Geschäft ist weit weniger romantisch als es zunächst erscheinen mag.
Bei seinen Ermittlungen befragt er auch ein Unikum der Szene: Den blinden Buchhändler, der ohne zu Sehen jedem das perfekte Buch empfiehlt.

„Er ist eine lebende Legende. Er erkennt die Kunden und ihre Charaktere an ihrem Gang und sucht ihnen dann aus seinem riesigen Angebot ein Buch aus, das zu ihnen passt. Keiner weiß, wie er das macht – aber sein Gefühl trügt nie. Man sagt, das Buch, das er einem schenke, habe das Zeug dazu, das Leben des Beschenkten zu verändern.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, S.73)

Ärgerlich ist nur, dass sein Stammlokal das Chai de L’Abbaye, in dem er sich sonst gerne auch mit seinem Bruder, der Priester ist, auf ein Schwätzchen und meist befruchtenden Gedankenaustausch trifft, gerade renoviert wird und geschlossen hat. So muss er doch tatsächlich in der Pariser Gastro-Szene auf Entdeckungstour gehen und auf andere Lokalitäten ausweichen.

Bei diesem Krimi bekommt man definitiv ganz viel Paris: Man hört das Akkordeon der Straßenmusikanten im Hintergrund, stöbert in der Auslage der Bouquinistes an der Seine und sieht und riecht die blühenden Bäume – denn es ist Frühling. Ein Buch mit der Leichtigkeit eines Urlaubstags, welches das Leben für einen Moment unbeschwerter macht! Französische Krimischwerelosigkeit, die gut tut.

Ähnlich wohltuend und unterhaltsam ist auch Georges Simenon’s 50. Fall für Commissaire Maigret: „Maigret amüsiert sich“.

„Die Zeitungsmeldung hatte seinem Urlaub einen Sinn gegeben, und er war nicht versucht, in sein Büro zu gehen und die Sache in die Hand zu nehmen. Diesmal war er nur Zuschauer, und die Situation amüsierte ihn.“

(aus Georges Simeon „Maigret amüsiert sich“, S.20/21)

Maigret soll endlich mal ausspannen, seine Reisepläne zerschlagen sich und so verbringt er die freien Tage mit Madame Maigret zu Hause in Paris. Sie genießen die ruhigen Tage, spazieren durch die Stadt wie Touristen, speisen auswärts und besuchen Restaurants, die sie schon lange einmal ausprobieren wollten. Und ganz nebenbei erfährt der Kommissar von einem Mord im Ärztemilieu und beginnt zum Zeitvertreib heimlich und nur anhand der verfügbaren Zeitungsmeldungen und aufgrund von Presseberichten zu ermitteln. Ohne Stress zieht er im Hintergrund seine Strippen und schaut einfach mal, ob seine Kollegen auch ohne ihn klar kommen.

„Maigret besaß auch ein Radio, kam aber nie auf die Idee, es anzustellen.“

(aus Georges Simeon „Maigret amüsiert sich“, S.36)

Mittels Zettelchen und Briefchen nimmt Maigret Einfluss auf die Ermittlungen, mischt sich quasi anonym ein und hat einen Riesenspaß dabei. Schon durch diese ungewöhnliche Situation – Maigret hat Urlaub, sitzt zu Hause und ermittelt quasi durch Zeitunglesen und Ferndiagnose – hat dieser Band für mich einen besonderen Reiz.

Ich bin ohnehin immer wieder aufs Neue freudig überrascht, wie zeitlos und unterhaltsam diese Maigret-Krimis auch heute noch sind. Der Band ist immerhin aus dem Jahr 1957 – lange vor meiner Zeit. Das Jahr, in dem der erste Sputnik ins all geschickt, Rosemarie Nitribitt ermordet und Harald Schmidt geboren wird.

Auch dieser Maigret atmet eine gehörige Prise Urlaubsstimmung: gemütlich Zeitung lesen, Flanieren, gut essen – der Kommissar lässt es sich gut gehen und weiß das Leben zu genießen. Und seine Leser sind ähnlich entspannt und vergnügt wie er selbst. Ein grandioser, gemütlicher Maigret für Genießer und Flaneure!

Bei Simenon-Krimis kann man ja ohnehin nichts falsch machen und auch die Lacroix-Reihe ist mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen.
Zudem finde ich auch die Aufmachung des Kampa-Verlags in beiden Fällen sehr gelungen und die Bücher machen sich optisch wirklich ausnehmend gut im Regal. Schön auch, dass sich das Grün der Kisten der Bouquinistes sogar in der Covergestaltung des neuen Lacroix-Bands widerspiegelt.

So bleibt mir noch ein Fazit zu ziehen: Zwei Krimis ganz nach meinem Geschmack und eine Lektüre mit der erwünschten Leichtigkeit, um sich einfach mal gut unterhalten zu lassen und etwas abzuschalten. Savoir Vivre, Lokalkolorit, gepflegte Kultur und Köpfchen statt blutiger Effekthascherei. Die Kulturbowle hat sich auf alle Fälle mit beiden Büchern prächtig amüsiert. Quel plaisir!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 7) auf der Liste: Ich möchte einen Krimi von Georges Simenon lesen. Auch wenn ein Maigret gefühlt ja irgendwie kein Maigret und sowieso immer viel zu schnell vorbei ist, habe ich den Punkt erst einmal abgehakt. Aber nach dem Maigret ist ja bekanntlich vor dem Maigret – ein bisschen was liegt schon noch auf meinem Stapel.

Buchinformationen:
Alex Lépic, Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame
Kampa
ISBN: 978-3-311-12541-9

Georges Simenon, Maigret amüsiert sich
Aus dem Französischen von Hansjörgen Wille, Barbara Klau und Oliver Ilan Schulz
Kampa
ISBN: 978-3-311-13050-5

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen (I):
Commissaire Lacroix ist ein wirklicher Genießer und er liebt die chou farci in seinem Stammlokal bei Wirtin Yvette. Was das ist? Eine gefüllte Wirsingkohlroulade, z.B. gefüllt mit Hackfleisch und Esskastanien.
Zudem braucht er seinen regelmäßigen café serré, um klar denken zu können.
Was das ist? Eine sehr starke Kaffee-Variante bzw. ein Espresso, der mit der Hälfte des Wassers zubereitet wird – in Italien auch Ristretto genannt.

Für den Gaumen (II):
Und auch im Hause Maigret duftet es nach Essen, und zwar nach Kalbsbraten und Sauerampfer. Oder aber es gibt ein Glas Calvados und gegrillte Andouillette mit Pommes frites. Gehungert wird also auch beim Original sicher nicht.

Zum Weiterhören:
Beim Titel „Maigret amüsiert sich“ musste ich ständig an „Le roi s’amuse“ von Leo Délibes denken – schöne, feierliche Musik. Aber natürlich auch ein Theaterstück von Victor Hugo, das Grundlage für Giuseppe Verdi’s Oper Rigoletto wurde.

Zum Weiterlesen (I):
In einem Krimi, der sich um die Bouquinistes an der Seine dreht, gibt es natürlich unweigerlich auch Bezüge zu Literatur und Büchern. Und da Paris ja bekanntlich auch für Hemingway ein Fest war, bietet sich unter anderem ein Werk des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 1954 an:

Ernest Hemingway, Der Garten Eden
Übersetzung von Werner Schmitz
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499226069

Zum Weiterlesen (II):
Aber auch ein eher unbekanntes Werk wird gar von einem Bouquinistes verschenkt:

Hôtel du Nord ist in Frankreich nicht sehr bekannt, dabei ist es eine Liebeserklärung an den Pariser Norden, ein Werk über den Canal Saint-Martin, über seine raue Vergangenheit und eine Ode an eine längst vergessene Bar, die Geschichte von rauen, einfachen, aber allzu menschlichen Parisern, erzählt von Eugène Dabit. Hier nehmen Sie es, ich schenke es Ihnen.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, S.120)

Eugène Dabit, Hôtel du Nord
Aus dem Französischen von Julia Schoch
Schöffling
ISBN: 978-3-89561-166-7

Glitzerndes Berlin

Nicht erst seit Babylon Berlin üben die 20er und 30er Jahre und das pulsierende, schillernde Leben in Berlin eine große Faszination auf Autorinnen und Autoren aber auch auf Leserinnen und Leser aus. Auch mich ziehen Berlin-Romane, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, immer wieder magisch an. Ewald Arenz hat seinen Roman „Das Diamantenmädchen“ bereits 2011 veröffentlicht – lange bevor Volker Kutscher’s Gereon Rath-Romane (2011 gab es lediglich die ersten drei Bände der Reihe) durch die Fernsehserie „Babylon Berlin“ erst so richtig berühmt wurden.

Auch Ewald Arenz hat gerade in den letzten beiden Jahren durch seine (zu Recht) sehr beliebten und erfolgreichen Romane „Alte Sorten“ (hier geht es zu meiner Rezension) und „Der große Sommer“ deutschlandweit sehr an Bekanntheit gewonnen. Doch auch in „Das Diamantenmädchen“ blitzt bereits sein besonderer Stil und die Erzählfreude auf, die mich so begeistert. Ein Schmuckstück, das es sich daher ebenfalls zu entdecken lohnt.

„Berlin war zu einer Stadt geworden, in der die Uhren nicht mehr gemächlich gingen und gewichtig die Stunden schlugen, sondern nervös tickten und unruhig läuteten. Der Verkehr rauschte Tag und Nacht, die Straßenlaternen brannten bis zum Morgen, irgendein Café hatte immer auf. Es war wunderbar, aufregend, spannend – und trotzdem war da etwas von der Gelassenheit der Kaiserzeit verloren gegangen.“

(S.7)

Lilli Kornfeld ist eine aufstrebende und ehrgeizige Journalistin im Berlin der Zwanziger Jahre. Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine tiefe Freundschaft mit Paul van der Laan. Als sie dann für eine ihrer Recherchen im Kriminellenmilieu das Wissen eines Diamantenschleifers benötigt, nimmt sie erneut Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt Paul aus einer Familie von Diamantenhändlern. Schnell flammen alte Gefühle wieder auf, aber auch alte Wunden brechen erneut auf.
Eine flirrende Dreiecksgeschichte entspinnt sich, denn auch der im Mordfall ermittelnde Kommissar Schambacher, findet Gefallen an der reizenden und intelligenten jungen Frau.

Zwischen romanischem Cafè, Bahnhof Zoo und der Bar zum Papagei stellt nicht nur die Polizei ihre Ermittlungen an, sondern auch Lilli versucht, für ihre „Berliner Illustrirte“ eine spektakuläre Geschichte an Land zu ziehen, wenn ihr nur nicht das Gefühlschaos dazwischenfunken würde…

Inhaltlich möchte ich gar nicht zu viel verraten, um die Spannung und die Magie der ersten Lektüre nicht zu zerstören. Man sollte dieses Buch einfach selbst lesen und genießen. Arenz ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Hat man einmal begonnen – kann und will man sich dem Bann der Geschichte nicht mehr entziehen.

Es ist eine strahlende, funkelnde und glitzernde Geschichte über Freundschaft und Liebe, die Traumata des ersten Weltkriegs und über Berlin in den Zwanzigern.
Zudem lernt man viel über Edelsteine, das Schleifen von Diamanten, sowie die Historie einiger besonders bekannter und wertvoller Diamanten, wie z.B. dem Blue Hope.

Aber „Das Diamantenmädchen“ ist auch eine zarte, romantische Liebesgeschichte mit einer melancholischen Note und einiger Wehmut – schließlich haben Krieg und Trennungen unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Und auch eine Prise Krimi hat Arenz noch mit hinein gepackt: so trifft man nicht nur Kommissar Schambacher, der in einem mysteriösen Diamantenmord ermittelt und dessen Wege sich mit Lilli’s kreuzen, sondern auch „Buddha“ Ernst Gennat bekommt seinen Auftritt – den LeserInnen von Volker Kutscher’s Rath-Romanen zweifelsohne ein Begriff.

Man spürt bei der Lektüre die Sorgfalt und die Liebe zu seinen Figuren, die der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Das ist fein beobachtet, mit liebevollen Gesten und Szenen behutsam ausgestaltet und untermauert und liest sich gerade deshalb herzerfrischend und berührend zugleich.

Persönlich finde ich die Aufmachung der gebundenen Ausgabe des Ars Vivendi Verlags ästhetisch sehr gelungen – edel in schwarz-gold mit schwarzem Vorsatzpapier und Lesebändchen – auch optisch ein Augenschmaus. Schön gestaltete Büchern können mich einfach immer wieder begeistern.

Für mich war „Das Diamantenmädchen“ daher ein gefühlvolles, schwelgerisches, literarisches Juwel, das ich sehr gerne gelesen habe. Je mehr ich von Ewald Arenz lese, um so mehr verfalle ich seiner Art zu schreiben, seinen liebenswerten Figuren und seinem feinen Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen.
Bisher allesamt feine, niveauvolle Bücher, die das Herz am rechten Fleck haben und viel Freude machen – ein Glanzstück im Bücherregal!

Buchinformation:
Ewald Arenz, Das Diamantenmädchen
Ars Vivendi
ISBN: 978-3-7472-0043-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ewald Arenz’ „Das Diamantenmädchen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bodenständig zu: bei Sauerbraten und Apfelpfannkuchen als Nachspeise.

Zum Weiterhören:
Bisher nicht live im Theater gesehen habe ich das Musical „Show Boat“, das jedoch als Broadway-Klassiker gilt. Im Buch wird dazu getanzt und Lilli erkennt die Musik sofort:

„Geschirr klapperte leise unter einem schmelzenden Jazzsong. Show Boat, dachte Lilli, und Schambacher, der den Song nicht kannte, dachte, dass er jetzt gerne mit Lilli Kornfeld getanzt hätte. Das Lied klang nach ihr.“

(S.218/219)

Zum Weiterlesen:
Ich habe auf jeden Fall erneut Lust bekommen, mich weiter literarisch mit Berlin zu beschäftigen. So wartet zum Beispiel auch der Klassiker von Christopher Isherwood „Leb wohl Berlin“ schon seit einiger Zeit auf meine Lektüre, der dem Musical „Cabaret“ als Vorlage diente. Dann könnte ich nach den Zwanziger Jahren gleich mit den Dreißigern weitermachen:

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Herzbowle – Ferien auf Saltkrokan

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und heute gibt es etwas Neues hier auf der Kulturbowle, eine neue Serie, die ich plane und in unregelmäßigen Abständen je nach Lust und Laune fortsetzen möchte: die Herzbowle. Und zwar soll es um die Herzensbücher meiner Lesebiografie gehen: Bücher, die mich geprägt, besonders bewegt und berührt haben und mir besonders am Herzen liegen und mich meist schon länger begleiten. Es gibt wenige Bücher, die man mehrfach oder vielleicht sogar immer wieder im Leben liest und bei welchen auch jede Wiederholung erneut ein Genuss ist. Manche Bücher sind gar wie Medizin und helfen in schwierigen Situationen, wenn man Aufheiterung, Trost oder eine Seelenmassage benötigt.

Diese Reihe ist jetzt ein schöner Anlass, diese Lieblingsbücher wieder einmal zur Hand zu nehmen und erneut zu lesen.
Den würdigen Auftakt für meine Herzbowle soll jetzt – passend zum Mittsommerfest – Astrid Lindgren’s „Ferien auf Saltkrokan“ machen. Ein Kinderbuch, das für mich perfekt den Zauber des Sommers und das Feriengefühl der Kindheit eingefangen hat und das daher auf jeden Fall zu meinen liebsten Kinderbüchern zählt.

Ich bin ein Bullerbü-Mädchen und habe keine Vorstellung mehr, wie viele Male ich mir damals die Bullerbü-Bände aus der Stadtbücherei ausgeliehen hatte. Oft – sehr oft – und immer und immer wieder. Erst im Erwachsenenalter erfüllte ich mir dann den Wunsch, diese Bücher selbst im eigenen Buchregal stehen zu haben.
Gleiches gilt für „Ferien auf Saltkrokan“: Schweden, Schären, Sonne und glitzerndes Meer, ein ochsenblutrotes, kleines windschiefes Häuschen – das Schreinerhaus – und ein Familienvater mit vier Kindern – die älteste Malin ersetzt als 19-Jährige den drei jüngeren Brüdern, die bei der Geburt des Jüngsten verstorbene Mutter – der seiner Familie unbeschwerte Sommerferien in der schwedischen Schärenidylle nahe Stockholm schenken möchte.

Nesthäkchen Pelle ist sieben, seine beiden Brüder Johann und Niklas ein paar Jahre älter im besten Lausbubenalter.
Papa Melcher ist Autor und nicht unbedingt handwerklich begabt, aber die patente, zupackende Malin hat ihre Männer und den Haushalt im Griff. Und so verwandelt sich das etwas in die Jahre gekommene kleine Sommerhäuschen schnell zum heimeligen Ferienparadies.

Schon der Empfang am Fähranleger ist herzlich, denn die kleine Tjorven bildet mit ihrem Bernhardiner Bootsmann ein neugieriges Empfangskomitee.
Schnell freunden sich die Melcherson-Kinder mit den einheimischen Inselkindern Tjorven, Stina, Teddy und Freddy an und verleben unbeschwerte Ferientage in der Natur, auf dem Wasser und umgeben von zahlreichen Tieren.

„Nein, ich bin nicht eingebildet, ich freu mich nur, seht ihr, weil der Herrgott auf den Gedanken kam Saltkrokan so zu machen und nicht anders, und weil er dann auf die Idee kam es wie ein Juwel weit draußen am Rand des Meeres hinzulegen, wo es im Frieden gelassen wurde und ungefähr so bleiben durfte, wie er es sich gedacht hatte, und weil ich hierher kommen durfte.“

(S.15)

Da gibt es Hunde, Kaninchen, Robben, Wespen, Lämmchen, Füchse und Fische. Der kleine, tierliebe Pelle schwebt auf Wolke Sieben.
Und doch macht der Siebenjährige auch existenzielle Erfahrungen mit Leben und Tod – Freud und Leid liegt oft nahe zusammen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und auch seine Angst, die große Schwester an einen potenziellen zukünftigen Bräutigam zu verlieren, erhält immer wieder neue Nahrung. Denn so mancher Verehrer kommt zu Besuch…

„(…) nichts sollte sie daran hindern, gerade hier und gerade jetzt mit dem Glücklichsein anzufangen. Denn jetzt war Sommer. Es müsste immer Juni sein und Abend. Verträumt und still wie dieser. Und ohne einen Laut.“

(S.22/23)

Die Familie, die den Verlust der Mutter überwinden musste, hält zusammen wie Pech und Schwefel und ist geprägt von einem sehr liebevollen Umgang miteinander. Die Kinder genießen Freiheiten und lernen doch auch, dass Freiheit auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.
Doch auch wenn die perfekten Ferientage am liebsten niemals enden sollten, findet auch der längste Sommer irgendwann ein Ende – und was bleibt ist die Vorfreude auf die Rückkehr auf die Insel…

Achtsamkeit, Dankbarkeit für die kleinen Dinge und ein harmonisches Leben von Mensch und Tier im Einklang mit der Natur. All das hat Astrid Lindgren mit der Insel Saltkrokan und Familie Melcherson zwischen zwei Buchdeckel gepackt.
Ein zeitloses (Erscheinungsjahr war übrigens 1964) und zutiefst liebenswertes Buch, das nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt, sondern auch Erwachsene immer noch glücklich machen kann.

„Irgendwo tief in mir
Bin ich ein Kind geblieben
Erst dann wenn ich’s nicht mehr spüren kann
Weiß ich, es ist für mich zu spät …“

(aus Nessajas Song von Peter Maffay/Rolf Zuckowski)

Mich hat die erneute Lektüre auf jeden Fall in beste Urlaubs- und Sommerstimmung versetzt, nichts von ihrem Zauber verloren und in diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes Mittsommerfest, das dieses Jahr am 25. Juni in Schweden gefeiert wird! Trevlig Midsommar!

„Nähme ich Flügel der Morgenröte, machte ich mir eine Wohnung zuäußerst im Meer…“

(S.272)

Buchinformation:
Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan
Aus dem Schwedischen von Thyra Dohrenburg
Oetinger
ISBN: 3-7891-4119-4

Herzbowle

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Astrid Lindgren’s „Ferien auf Saltkrokan“:

Für den Gaumen:
Auf einer Schäreninsel gibt es natürlich Fisch – bevorzugt selbst gefangen und mit Liebe zubereitet – wie zum Beispiel Dorsch mit Senfsauce.
Und danach vielleicht Zimtwecken und ein Glas Brause?

Zum Weiterschauen:
Das Bild auf dem Titel meiner Ausgabe stammt aus der Verfilmung bzw. der Serie, die in den Sechziger Jahren entstanden ist und unter dem Titel „Ferien auf der Kräheninsel“ lief. Ich habe diese nie gesehen, da ich mir stets meine eigenen Bilder im Kopf und den Zauber des Buches bzw. des geschriebenen Worts bewahren wollte.

Zum Weiterlesen:
Sicherlich noch häufiger als „Ferien auf Saltkrokan“ habe ich die wunderbaren Geschichten aus Bullerbü gelesen. Sie hätten und haben sicherlich ebenso einen Platz in meiner Herzbowle bzw. im Kreise meiner Herzensbücher verdient:

Astrid Lindgren, Die Kinder aus Bullerbü
Aus dem Schwedischen von Else von Hollander-Lossow und Karl Kurt Peters
Oetinger
ISBN: 3-7891-2945-3

An die Urenkelin

Andrea Camilleri schreibt von sich selbst, ein besserer Großvater als Vater gewesen zu sein. Dass er als Urgroßvater mit „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“ seiner Urenkelin und seiner Leserschaft ein wunderbares autobiografisches Vermächtnis hinterlassen hat, betrachte ich als literarisches Geschenk.

„Mit fünf hatte ich unter Anleitung meiner Mutter und meiner Großmutter Elvira lesen gelernt, mit sechs bediente ich mich schon in der Bibliothek meines Vaters, die sehr gut bestückt war. Also las ich anfangs keine Kinder- oder Jugendbücher, sondern Literatur für Erwachsene, richtige Romane.“

(S.13)

Andrea Camilleri blickt als über Neunzigjähriger zurück auf sein Leben und erzählt in Briefform seiner Urenkelin nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte seines Heimatlandes. Er versucht, ihr als Vermächtnis seine Sicht und seine Ratschläge für ein erfülltes und glückliches Leben mit auf den Weg zu geben. Da Matilda zum Zeitpunkt der Entstehung gerade einmal vier Jahre alt ist, soll das Werk zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch mit ihrem Uropa ersetzen.
So wird der sehr persönliche „Brief an Matilda“ zu einem autobiografischen Werk, aber auch zu neunzig Jahren „Italien in einer Nussschale“ – eine lebendige Lehrstunde in italienischer Geschichte.

Als Junge und Jugendlicher erlebte Camilleri das faschistische Italien und wandelte sich später – aufgrund einiger Schlüsselerlebnisse – vom Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Balilla zum überzeugten Kommunisten.
Er beschreibt die Stimmung der damaligen Zeit und er beschreibt auch seinen weiteren schulischen und beruflichen Werdegang, den Umzug von Sizilien nach Rom – seine ersten Schritte am Theater, seine Karriere beim Fernsehen (RAI), als Dozent und seine schriftstellerische Entwicklung. Ein arbeitsreiches und kulturell reiches Schaffen, auf das er zurückblicken kann und das er hier auffächert.

Und er erzählt auch über die Liebe, seine Frau und die Familie, der er – wie er im Nachhinein selbstkritisch anmerkt – in manchen Phasen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

„Ich erzähle dir diese Geschichten, Matilda, um dir zu zeigen, dass ich nie ein besonders sanftmütiger Charakter gewesen bin. Mich irgendeiner Disziplin zu unterwerfen, still zu bleiben, wenn ich etwas zu sagen hatte, mich nicht gegen einen meiner Meinung nach unsinnigen Befehl aufzulehnen, war mir unmöglich, es passte einfach nicht zu meinem Wesen.“

(S.43/44)

Vielleicht mag bei manchen Themen etwas Altersmilde gewaltet haben – falls ja, verzeiht man dies gerne – aber man hat doch das Gefühl, dass Camilleri auch an einigen Stellen offen und ehrlich seine Schwächen und Fehler anspricht.

Und auch die italienische Geschichte und Politik beleuchtet er scharfsinnig und kritisch. Es ist hochgradig interessant zu lesen, wie er die Geschehnisse und Entwicklungen im Land einordnet und bewertet. So bekommt man auf engem Raum eine sehr persönliche Sicht auf die italienische Zeitgeschichte der letzten 90 Jahre.

Spannend fand ich aber auch, wie spät der Autor mit Commissario Montalbano erst so richtig erfolgreich wurde (1994 als der erste Roman der Reihe „Die Form des Wassers“ erschien, war er immerhin schon fast Siebzig) und dass er dieser Figur doch eher zwiespältig gegenüber stand.

„Doch irgendwann begann dieser Montalbano, mit mir zusammenzuleben, und je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich als sein Gefangener. Kurz, zwischen mir und meiner Figur entstand eine Hassliebe, die bis heute andauert.“

(S.85)

Nichtsdestotrotz: Montalbano wurde Kult und Phänomen und ist auch bei prominenten Lesern wie z.B. Axel Hacke beliebt, der Camilleri’s Werke ebenfalls zu seinen Lieblingskrimis zählt.

Als Camilleri diesen Brief an Matilda im Jahr 2017 schrieb, war die Flüchtlingskrise gerade in Italien immer noch ein zentrales Thema mit großer Bedeutung, so dass er die Gelegenheit auch nutzte, sich diesbezüglich zu äußern. Camilleri war ein politischer Mensch und bezog Stellung – die wechselvolle Geschichte Italiens hat sein Leben geprägt.

Die Ausdrucksweise und die Melodie des Buches ist auf eine junge Leserschaft bzw. die Urenkelin angelegt und er beherrscht die große Kunst, schwierige Themen und Sachverhalte in eine verständliche, klare und emotionale Sprache zu packen – sehr schön ins Deutsche übersetzt von Annette Kopetzki.

„Tatsächlich griffen wir zum Italienischen, wenn wir eine Situation förmlicher gestalten, jedes Gefühl aus ihr heraushalten wollten. Wann immer es aber um Gefühlsbekundungen ging, um den Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, oder wenn wir unseren Worten mehr Nachdruck verleihen wollten, dann sprachen wir im Dialekt.“

(S.79)

Andrea Camilleri schrieb in seinen Werken teilweise eine Mischung aus Hochitalienisch und sizilianischem Dialekt und was zunächst für Ablehnung seines ersten Romans durch die Verlage sorgte, wurde später sehr wohlwollend besprochen. Persönlich kann ich es gut nachvollziehen, dass man gewisse Dinge im Dialekt einfach treffender ausdrücken kann und einem so eine andere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung steht, die über das übliche Maß der Hochsprache hinausgeht.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren.
„Brief an Matilda“ erschien 2018 in Italien – der Autor hatte das Werk aufgrund seiner Erblindung diktiert – und er verstarb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

„Wie man sein Leben führen soll, lernt man nur, indem man es lebt.“

(S.122)

In diesem kleinen Büchlein mit gerade mal 126 Seiten steckt unglaublich viel drin: über 90 Jahre Italienisches Leben, viel Weisheit, viel Liebe, viel Leidenschaft für Theater und Literatur, viel kritischer und politischer Geist. Ein langes und erfülltes Leben und ein paar gute Ratschläge für die Urenkelin, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst treu zu bleiben. Man würde sich wünschen, der eigene Urgroßvater oder Großvater hätte einen solchen Brief hinterlassen.

Mich hat dieser Blick hinter die Kulissen und hinein in die persönliche Lebensgeschichte des Schriftstellers sehr bewegt. Schön, dass Matilda dieses Vermächtnis mit den Leserinnen und Lesern ihres Urgroßvaters teilt, denn es ist zweifelsohne bereichernd – ein kluges, warmherziges, besonderes, berührendes und lange nachklingendes Buch!

Buchinformation:
Andrea Camilleri, Brief an Matilda – Ein italienisches Leben
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00002-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda“:

Für den Gaumen:
Auch in Andrea Camilleri’s Leben gab es schwierige und ärmliche Zeiten, in welchen das Geld manchmal nicht einmal für ordentliche Mahlzeiten reichte:

„Ich ernährte mich von Cappuccino und Brioche; schon von Natur aus schmal, war ich inzwischen abgemagert.“

(S.45)

Da hilft dann nur noch, in kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen:

„Trotzdem kam es vor, dass ich von den Reiskroketten träumte, die Nonna Elvira so meisterhaft kochte, oder von der Ofenpasta meiner Mutter.“

(S.47)

Zum Weiterlesen oder für einen Theaterbesuch:
Andrea Camilleri war ein Theatermensch und Theatermacher. Er studierte und lehrte Regie, arbeitete über viele Jahre fürs Theater und fürs Fernsehen.
Seine Doktorarbeit verfasste er über das ideale Regiekonzept für das Drama „So ist es (wenn es euch so scheint)“ des Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello, der als einer der bedeutendsten Dramatiker Italiens gilt. In Deutschland findet man ihn kaum auf den Theaterspielplänen, so dass ich bisher noch keines seiner Stücke sehen konnte.

Zum Weiterlesen:
Schon seit einiger Zeit wartet ein weiterer Camilleri bei mir auf seine Lektüre – ein schmaler Roman mit dem Titel „Die sizilianische Oper“. Interessanterweise schreibt Camilleri in „Brief an Matilda“, dass ihm persönlich die „Nicht-Montalbano-Bücher“ teilweise mehr bedeuteten:

„Trotzdem glaube ich auch weiterhin, dass meine besten Bücher die sogenannten „historischen und bürgerlichen Romane“ sind, wie zum Beispiel König Cosimo, Die sizilianische Oper und Der unschickliche Antrag (…)“

(S.86)

Ich denke, das sollte ich als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, dass die Zeit für „Die sizilianische Oper“ jetzt demnächst wirklich gekommen ist:

Andrea Camilleri, Die sizilianische Oper
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Piper Original
ISBN: 3-492-27002-6

Im Duett nach Ascona

Lago Maggiore, Ascona – Sehnsuchtsort für Urlauber und während der Dreißiger Jahre auch Zuflucht für Intellektuelle und Künstler, die Deutschland den Rücken kehrten und ihre Heimat verlassen mussten. Zwei Romane, der gleiche Schauplatz: einer veröffentlicht als Erstabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung im Jahr 1933 – Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ und der 2021 neu erschienene Roman „Ascona“ von Edgar Rai, der jedoch die selbe Zeit behandelt und von Erich Maria Remarque’s Flucht an den See im Jahr 1933 erzählt. Victoria Wolff bekommt in seinem Roman sogar einen Gastauftritt.

„Die Welt ist überall blau. Sommerheiße, klirrend klare Luft, leuchtend grüne Wiesen; es ist, als könne man den Sommer mit den Händen greifen.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.28)

Zwei Reisen, die sich literarisch unbedingt lohnen und auf ihre jeweils eigene und durchaus sehr unterschiedliche Art und Weise den Zeitgeist der Dreißiger und die Besonderheit des Ortes herausarbeiten und zum Leben erwecken.

Victoria Wolff (1903 – 1992) war selbst im April 1933 aus Deutschland mit ihren Kindern nach Ascona emigriert. In „Die Welt ist blau“ erzählt sie über die Urlaubsreise einer jungen Frau, die mit ihrem Liebsten zur Sommerfrische nach Ascona fährt.

Sie beschreibt die fiktive Reise im Sommer 1933 und auch die nicht immer ganz einfache Beziehung aus weiblicher Sicht – offenbart gleichsam einen Blick in die weibliche Seele. Denn die Eifersucht schwebt über der Beziehung wie so manche dunkle Wolke am blauen Himmel über dem See.

„Der Mann müßte seine Fenster weiter öffnen, denkt Ursula und legt das Buch mit Wucht aus der Hand. Er müßte sich schöner freuen können. Es gibt so wenig Menschen, die sich schön freuen können.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.125)

Doch „Der Sommer ist blau“ ist – trotz der dunklen Schatten des Nationalsozialismus, die sich nur andeutungsweise zwischen den Zeilen erahnen lassen – ein lebensfroher und stimmungsvoller Sommer- und Urlaubsroman, der mit einer verblüffenden Wendung aufwartet.
Und so wie die junge Frau im Roman sich von einem Zauberer faszinieren lässt, so erliegt man als LeserIn dem Charme der schnörkellosen, kristallklaren und doch raffinierten Sprache Victoria Wolff’s.

„Der Mann neben ihr in einem roten Hemd und einer weißen Leinenhose sieht mit brennendem ungesundem Blick im ganzen Saal nur diese eine Frau. Sicherlich weiß er kaum, wo er sich eigentlich befindet; sicherlich verzehrt er hastig das Glück dieser Gegenwart, die ebenso knapp sein wird wie die Bluse seiner Freundin.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.141)

Ein sehr feminines, leichtes Buch mit Witz, welches Sommergefühl und Urlaubsatmosphäre atmet und sich der Zeit und dem Ort mit einer gewissen künstlerischen Leichtigkeit nähert.

Die männliche, teilweise schwermütigere, doch nicht weniger reizvolle Sicht auf den Ort am Lago Maggiore als Zuflucht und Exil zeichnet Edgar Rai in „Ascona“ aus der Perspektive des Schriftstellers Erich Maria Remarque, der ebenfalls 1933 Deutschland verlässt. Seine jüdische Geliebte drängt ihn, das Land zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Er versucht, an seinem Roman „Pat“ weiterzuarbeiten, der später als „Drei Kameraden“ veröffentlicht werden wird, findet jedoch zunächst keine rechte Konzentration.

„Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineinbegab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm beim Schreiben wirklich ging. Vielleicht konnte ihm jetzt etwas Großes gelingen. Der See, die Schönheit. Während man in Deutschland den Verstand verlor.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.16/17)

In seinem luxuriösen Domizil am See – der Villa Casa Monte Tabor – zieht er sich zurück, erhält mäßig erwünschten Besuch von seiner Ex-Frau Jutta, quält sich mit seinem Roman. Das vermeintliche Paradies empfindet der von Depressionen geplagte Schriftsteller teils als goldenen Käfig abgeschnitten von seinem Publikum.

Doch Ascona füllt sich mehr und mehr, das Who is Who der Künstlerszene beginnt sich dort im Exil zu versammeln: Marianne von Werefkin, Tilla Durieux, Else Lasker-Schüler, Emil Ludwig und viele weitere mehr. Man trifft sich und trinkt gemeinsam im Caffè Verbano, während in Deutschland Hitler Reichskanzler wird, der Reichstag brennt, Remarque’s Bücher öffentlich verbrannt werden, Tucholsky Selbstmord begeht oder 1936 die Olympiade in Berlin stattfindet.

„In Zeiten wie diesen sollte jeder die Chance erhalten, sich durch Menschlichkeit auszuzeichnen.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.61)

Auch seine besondere Beziehung zu Marlene Dietrich wird thematisiert.
Rai schafft auf gerade knapp 250 Seiten eine wichtige Zeit in Remarque’s Leben einzufangen, indem er gerade die zeitgeschichtlichen Aspekte, die Atmosphäre und die Gefühlswelt des sensiblen Autors sehr stimmig schildert und erfahrbar werden lässt.

Ich habe das Buch regelrecht verschlungen und fast in einem Rutsch gelesen, weil ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Spannend und packend geht das Buch unter die Haut und findet die richtigen Worte für die schwermütige, bedrohliche und bedrückende Lage Remarque’s und seiner Künstlerfreunde im Schweizer Exil.

Es wird deutlich, dass trotz des Lebens in Sicherheit und Wohlstand der besorgte Blick ständig auf die Schicksale der Freunde und Kollegen auf der Flucht und die sich stetig verschlechternde Lage in der Heimat gerichtet hat.

„Neuerdings waren alle Gefühle wie unter einem Brennglas vergrößert. Jeder Glücksmoment von überwältigender Schönheit, jede Trauer von schicksalshafter Endgültigkeit. Ein Leben im ununterbrochenen Bewusstsein der Vergänglichkeit, von allem.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.80)

Gerade der Kontrast der beiden Bücher: die weibliche Sicht und die männliche Perspektive, die sommerliche Leichtigkeit gegen die hadernde Schwermut, das unmittelbare Werk der Zeitzeugin aus dem Jahr 1933 versus dem mit zeitlichem Abstand und der nötigen historischen Distanz einordnenden Autors – das machte für mich den Reiz aus, die Bücher gleich kurz hintereinander im direkten Kontext zu lesen.

Als Gemeinsamkeit lässt sich neben dem Schauplatz sicherlich feststellen, dass ich beide Lektüren als sehr bereichernd empfunden habe und daher uneingeschränkt empfehlen kann. Beide sollten bei einer Reise an den Lago Maggiore nicht im Gepäck fehlen.

Eine weitere, feine Besprechung zu „Die Welt ist blau“ gibt es bei Birgit Böllinger.

Eine weitere, schöne Besprechung zu Egar Rai’s „Ascona“ gibt es bei Sandra von Siebenthal’s Denkzeiten.

Buchinformationen:
Victoria Wolff, Die Welt ist blau
Ein Sommer-Roman aus Ascona
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA
ISBN: 978-3-932338-89-2

Edgar Rai, Ascona
Piper
ISBN: 978-3-492-07068-3

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Ascona-Romane:

Für den Gaumen:
Während die kulinarischen Genüsse in Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ mit Ravioli à la Bolognese – lediglich der „Nebiolo“ ist schon etwas extravaganter – noch vergleichsweise bodenständig ausfallen, so wird in „Ascona“ geschlemmt:

„Greta, die italienische Köchin, mit dem wiegenden Gang, hatte Ossobuco gekocht. Dazu Safranrisotto. (…) während der Cheval Blanc unangetastet auf dem Sims stand.“

(S.64)

Zum Weiterhören:
In „Ascona“ setzt sich Erich Maria Remarque an den Bechsteinflügel seiner Freunde und spielt Schumann:

„Opus 15, die Kinderszenen, von fremden Ländern und Menschen, G-Dur, so einfach wie wahr. Gebrochene Akkorde füllten die Stille, die Hoffnung auf etwas Schönes.“

(S.65)

Zum Weiterlesen (I):
Bei mir im Regal wartet – aktuell noch ungelesen – Edgar Rai’s Roman aus dem Jahr 2019 „Im Licht der Zeit“ über die Geschichte des Films „Der blaue Engel“, auf den ich mich auch schon freue und den ich ebenso bald lesen möchte. Literarisch wieder einmal abtauchen ins Berlin der späten Zwanziger Jahre und die Welt des Tonfilms. Die Recherchen zu diesem Roman stießen den Autor auch auf die Verbindung von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque und somit auf den Stoff für „Ascona“.

Edgar Rai, Im Licht der Zeit
Piper
ISBN: 978-3-492-05886-5

Zum Weiterlesen (II):
Und natürlich weckt „Ascona“ auch das Interesse, sich wieder einmal mit dem Werk von Erich Maria Remarque selbst auseinander zu setzen. Vor allem sein Roman „Drei Kameraden“, den ich bisher noch nicht gelesen habe, spielt in Rai’s Roman eine große Rolle.

Erich Maria Remarque, Drei Kameraden
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462046311

Zum Weiterlesen (III):
Allen, die sich mehr mit dem Thema Literatur der Dreißiger Jahre und Exilliteratur beschäftigen möchten, kann ich Uwe Wittstock’s großartiges Buch „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von ganzem Herzen empfehlen, das ich auch schon hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Wer hingegen mehr über die Künstlerkolonien (wie z.B. Barbizon, Skagen oder Worpswede) und den Monte Verità erfahren möchte, dem kann Andreas Schwab’s Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ eine gute Orientierung geben. Hier geht es zu meiner Rezension.

Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

Schwedisches Schreibmaschinengeklapper

Meine Europabowle oder literarische Europareise hat wieder ein Weile pausiert, aber heute geht es nach Schweden, in die wunderbare Hauptstadt Stockholm. Und zwar mit einem Roman aus dem Jahr 1908, der auch mehr als 110 Jahre nach seinem Erscheinen vor allem sprachlich nichts von seiner Frische eingebüßt hat: Elin Wägner’s „Die Sekretärinnen“ (Originaltitel: Norrtullsligan). Eine wunderbare Wiederentdeckung dieses feinen, feministischen Werks des frühen 20. Jahrhunderts, das jetzt im Ecco Verlag in der deutschen Übersetzung von Wibke Kuhn neu aufgelegt wurde.

„Ich weiß nicht, was für Männer und andere Unglücksfälle mich hier in Stockholm erwarten, aber zumindest kann ich mir auf empirischem Wege ausrechnen, dass dort, wo ich bin, in den nächsten Jahren noch einige zusammenkommen werden…“

(S.13)

Für die damalige Zeit behandelt der Roman eine geradezu unerhörte Sache: vier junge Frauen teilen sich in Stockholm eine gemeinsame Wohnung – heute würde man wohl von einer Wohngemeinschaft sprechen – und wollen sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen ohne sich an einen Mann zu binden. Sie arbeiten im Büro und stoßen in Zeiten, die für Frauen nichts anderes als eine Ehe bzw. Kinder, Kirche, Küche vorsehen, gesellschaftlich auf Unverständnis und offene Ablehnung.

„Heute gerieten wir in einen grässlichen Streit, als der Chef gerade frühstückte. Es ging, wie es immer geht: Ich wurde zum Schweigen gebracht, aber nicht überzeugt.“

(S.33)

Die Jobs in den Büros der Großstadt sind dürftig bezahlt und reichen gerade mal so, die Miete und die Kost zu bezahlen. Große Sprünge sind da nicht zu machen und doch genießen die Freundinnen ihre selbstgewählte Unabhängigkeit und unterstützen sich gegenseitig, teilen Freud und Leid, ersetzen sich gegenseitig die Familie.

Sie kämpfen für Gleichberechtigung, gleiche Bezahlung und gegen die Diskriminierung durch die männlichen Kollegen. Auch sexuelle Übergriffe sind keine Seltenheit. Doch die jungen Frauen lassen sich nicht beirren, organisieren sich und schnell entwickeln sich auch politische Ideen und Aktivitäten.
Sie wollen frei sein und unabhängig ein selbstbestimmtes Leben im Sinne der Gleichberechtigung von Mann und Frau führen. Dafür kämpfen und streiken sie.

„Mit dreißig Jahren macht eine Frau mehr oder weniger leicht, was sie mit zwanzig noch verurteilt hätte.“

(S.57)

Sprachlich und stilistisch ist der Roman so herzerfrischend modern, dass man ihm die mehr als 110 Jahre auf dem Buckel überhaupt nicht anmerkt. Wägner schreibt so entwaffnend direkt und mit einer ordentlichen Prise Selbstironie, dass es eine Freude ist, Eva, Magnhild, Emmy und Elisabeth zu begleiten.

Man könnte es sich gut vorstellen, mit ihnen einen draufzumachen, in der WG-Küche zu feiern, zu tanzen und zu diskutieren. Mit einigen Themen hat auch die Frau von heute immer noch zu kämpfen und doch haben Generationen wie diese dankenswerterweise große Vorarbeit hinsichtlich der Frauenrechte geleistet. Man hätte sich sicherlich viel zu erzählen und würde sich prächtig verstehen.

Trotz all der kämpferischen Haltung klingen im Roman jedoch auch immer wieder Selbstzweifel durch und auch Elisabeth und ihre Freundinnen haben schwache Momente, in welchen sie den Mut vor der eigenen Courage zu verlieren scheinen. Denn hin und wieder verdreht ihnen doch auch mal ein Mann den Kopf und der Gedanke blitzt auf, ob eine Ehe nicht doch eine Option bzw. eine bequeme Lösung sein könnte.

Ein ehrliches und authentisches Buch, das zwischen ungezähmter Lebensfreude und nachdenklicher Melancholie schwankt, so wie die hellen skandinavischen Sommer sich mit langen, dunklen Wintern abwechseln.

Mich hat die Lektüre fasziniert und hätte es der Klappentext nicht verraten, hätte ich das Werk niemals dem Erscheinungsjahr 1908 zugeordnet. Elin Wägner (1882 – 1949), die sich für das Frauenwahlrecht einsetzte und 1919 zu den GründerInnen von Save the Children gehörte, schreibt so zeitlos und unterhaltsam, dass die Lektüre auch heute noch zum Fest wird. Mehrfach musste ich herzlich lachen, um mich schon ein paar Seiten weiter gemeinsam mit der Ich-Erzählerin Elisabeth wieder so richtig über die Ungerechtigkeiten zu ärgern. Ein empathisches Buch, dem man sich nicht entziehen kann und möchte.

Grandiose Unterhaltung und ein kampflustiges Zeitzeugnis feministischer Literatur des frühen 20. Jahrhunderts vor der zauberhaften Kulisse Stockholms und in meinen Augen eine wirklich lesens- und liebenswerte literarische Wiederentdeckung, die ich wärmstens empfehlen kann.

„Nein, Baby“, sagte ich, „man kriegt nie den, den man haben will, aber man kann vielleicht den kriegen, den eine andere haben will, und das ist genauso gut, fast noch besser.“

(S.43)

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz, nach Spanien, Slowenien und Frankreich geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Elin Wägner, Die Sekretärinnen
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0060-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Elin Wägner’s „Die Sekretärinnen“:

Für den Gaumen:
Die jungen Damen müssen sich ihr Verpflegung hart erarbeiten und oft fällt sie daher auch dürftig aus, um so größer die Freude über den gelungenen Einstand der neuen Mitbewohnerin:

„Wir haben keine Butter mehr“, flüsterte sie.
„Ich schon“, verkündete ich, und es war rührend zu sehen, wie sie sich freuten, als ich Butter und Brot und Eier vom Land auspackte. Wir hatten ein verschwenderisches Souper, die Stimmung schlug hohe Wellen.“

(S.21)

Zum Weiterhören:
Musikalisch hat der Roman einiges zu bieten, immer wieder taucht – gerade wenn die Damen in Feierlaune sind – der Bostonwalzer auf, der dann gerne getanzt wird.

Allerdings haben auch Händels Largo bei einem Kirchenkonzert und Wagner’s Lohengrin bei einem seltenen und kostbaren Opernbesuch ihren Auftritt im Buch:

„Ich kaufte mir eine Karte für einen Platz für fünfundsiebzig Öre in der dritten Reihe, wo ich nicht mehr sah als ein paar weiße Blusenleibchen und Nackenkämme und nicht mal die, denn ich hörte mir den Lohengrin mit geschlossenen Augen an. Die Musik wirkte wie Coldcream auf meine Seele, sie wurde außen ganz glatt.“

(S.115)

Zum Weiterlesen:
Schweden, das Heimatland der Literaturnobelpreise hat bisher 8 PreisträgerInnen zu verzeichnen: Selma Lagerlöf, Verner von Heidenstam, Erik Axel Karlfeldt, Pär Lagerkvist, Nelly Sachs, Eyvind Johnson, Harry Martinson und Tomas Tranströmer.
Interessanterweise ist wohl die Erste in dieser Reihe und zugleich die erste Frau, die den Literaturnobelpreis bekam, auch die Bekannteste. Sie erhielt den Preis 1909, ein Jahr nachdem Elin Wägners „Die Sekretärinnen“ erschienen ist.
Mich würden vor allem die Memoiren Selma Lagerlöf’s interessieren, die ich mir hiermit einmal auf meine geistige Merkliste setze:

Selma Lagerlöf, Die Erinnerungen: Mårbacka. Aus meinen Kindertagen.
Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf
Aus dem Schwedischen von Pauline Klaiber-Gottschau
Urachhaus
ISBN: 978-3825179595

Sommerfrische und Eifersucht

Gustav Mahler und seine Frau Alma bieten immer wieder Stoff für literarische Werke – die Dramatik ihrer Beziehung ist geradezu eine Einladung für Autorinnen und Autoren, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Auch der Südtiroler Autor Lenz Koppelstätter – bisher vor allem als Krimiautor bekannt – hat mit „Almas Sommer“ jetzt einen Roman über die Toblacher Zeit der beiden veröffentlicht.

Ein schmaler Band mit gerade mal 200 Seiten, der vor allem die Psyche und Gedankenwelt der beiden ungleichen Eheleute näher ausleuchtet, die im Sommer 1910 Quartier in Toblach genommen haben, aber doch beide am Leben und der Liebe leiden. Die glücklichen Zeiten ihrer Ehe haben sie da bereits hinter sich.

„Gustav Mahler auf dem höchsten Gipfel rund um Toblach. Das würde ihm Eindrücke verschaffen, seinen Kopf leeren. Er würde die Dolomiten tanzen sehen.“

(S.84/85)

Mahler braucht die Natur, die Bergwelt und die Abgeschiedenheit, um komponieren zu können. Er ist die treibende Kraft, die es in die Dolomiten zieht. Seine Gesundheit ist bereits angeschlagen, er leidet unter starken Schmerzen und zieht sich immer mehr zurück, vor allem auch in sein Komponierhäuschen. Dort versucht er unter Qualen, seine unsterbliche Musik zu erschaffen, an seiner nächsten Sinfonie zu arbeiten.

Alma, die deutlich jüngere Gattin, sehnt sich jedoch nach Wien, nach Leben und etwas Abwechslung in ihrem Ehealltag. Dieses Tal in Südtirol ist ihr zu eng, zu hinterwäldlerisch, zu langweilig. Sie braucht Kunst, Kultur, Gesellschaft, Amusement und gerne auch etwas Anbetung durch interessante Männer.

„Wer sollte sie hier denn anhimmeln? In diesem Tal am Ende der Welt. Niemand, genauso wie in Maiernigg. Die Hölle.“

(S.70)

So wie Walter Gropius, mit dem sie eine heimliche Affäre angefangen hat.
Sie kokettiert mit den Dorfburschen im Gasthaus und gibt ihrem Ehemann immer wieder Anlass zur Eifersucht.

Mahler hingegen ringt mit seinem Schaffen, verzweifelt an seinen gesundheitlichen Gebrechen und spürt, wie ihm seine große Liebe immer mehr entgleitet. Zudem scheint dem einfachen Volk die Walzermusik seines ungeliebten Konkurrenten Strauß zu seinem Groll näher zu stehen, als seine doch so viel innovativeren Orchesterwerke.

„Er hatte in den vergangenen Tagen viel über das Prinzip des Gasthausbesuchs nachgedacht. Er war wohl einer jener Menschen, dachte er, die immer wieder einmal Gesellschaft brauchten, um in dieser allein zu sein.“

(S.146)

Koppelstätter erzählt im Wechsel aus Alma’s und Gustav’s Perspektive und lässt seine Leserinnen und Leser so in die unterschiedlichen Gefühlswelten und Gedanken des Paares eintauchen.
Es wird klar, dass sich die Eheleute immer mehr von einander entfernt haben, auf die Schicksalsschläge wie den Tod ihrer Tochter, unterschiedlich reagiert haben. Gerade diese zunehmende Distanz und der Kontrast zwischen Einstellungen und Erwartungen ans Leben, werden in „Almas Sommer“ besonders deutlich.

Da ich schon einiges über Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie das Buch ohne Vorkenntnisse ankommt. Denn es ersetzt natürlich in keinster Weise eine umfassende Biografie oder historische Einordnung – vielmehr ist es ein Schlaglicht, eine Momentaufnahme einer kurzen Zeit der Sommerfrische, die sich stellenweise fast zur Eiszeit verwandelt.
Es ist das Ende einer Ehe, die hier thematisiert wird und ein Roman über die Eifersucht.

Auch wenn manches etwas klischeebehaftet und scherenschnittartig ausfällt – so wirkt Alma’s Arroganz und ihre abfälligen Bemerkungen für meinen Geschmack manchmal etwas zu eindimensional – lässt sich das Buch dennoch sehr flüssig und zügig lesen und entwickelt einen Sog, der einen mit sich zieht.

Man spaziert mit Mahler durch die schöne Bergwelt, wacht mit ihm in seinem Komponierhäuschen und wünscht ihm den Kuss der Muse und den Schaffensrausch, den er braucht, um seine unvergleichliche Musik entstehen zu lassen.
Man leidet mit bis zu großem Showdown, bei dem er sich dem jungen Liebhaber seiner Frau tatsächlich persönlich stellen muss.

Mir hat der Roman auf jeden Fall Lust darauf gemacht, mich irgendwann selbst in Toblach auf die Spuren von Gustav Mahler zu begeben. Ein kleines – trotz aller Tragik – leichtes Buch, das gut ins Reisegepäck für einen Südtirol-Urlaub passt und nicht nur weiter zum Mythos „Gustav und Alma“ beiträgt, sondern auch der grandiosen Kulisse der Dolomiten ein zusätzliches Denkmal setzt.

„Wann würde er endlich wieder in Toblach sein? Er versuchte, die Tage zu zählen… Er sog an der Pfeife, er küsste Alma. Er würde sie nie für sich alleine haben, sie nie besitzen können. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, das spürte er.“

(S.178/179)

Buchinformation:
Lenz Koppelstätter, Almas Sommer
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00021-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lenz Koppelstätter’s „Almas Sommer“:

Für den Gaumen:
Gustav Mahler war 1910 bereits ein kranker Mann und achtete daher auch sehr auf seine Ernährung:

„Agnes bereitete ihm ein Frühstücksbrot zu. Viel Kunsthonig. Tee. Kaffee. Etwas Gebäck, etwas Geflügel vom Vortag. Obst. Keine Butter. Bloß nicht! Er liebte das selbstgemachte Grahambrot, es schmeckte so intensiv, es gab ihm die Energie, die er für den Tag brauchte.“

(S.59)

Zum Weiterhören:
Natürlich kommt im Roman der Musik und dem kompositorischen Schaffen Gustav Mahler’s eine wichtige Rolle zu: So erfährt man bei der Lektüre einiges über die Werke, die in Toblach (oder zu großen Teilen dort) entstanden sind: „Das Lied von der Erde“, die neunte Sinfonie und die unvollendete zehnte Sinfonie. Eine schöne Gelegenheit bzw. ein guter Anlass, mal wieder ein bisschen Mahler zu hören.

Für den nächsten Südtirol- und Museumsbesuch:
Der Südtiroler Ort Toblach besitzt ein Kulturzentrum, das sogar den Namen des berühmten Komponisten trägt. Auf der Homepage findet man interessante zeitgeschichtliche Hintergründe, Bilder (z.B. des Komponierhäuschens) und Informationen über die Aufenthalte Gustav Mahlers im Ort. Im Juli (09.07. – 22.07. 2022) werden dort die Gustav Mahler Musikwochen stattfinden. Ein Festival mit Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen, das seit 1981 alljährlich stattfindet.
Auch wenn ich es dieses Jahr sicher nicht dorthin schaffen werde, wäre das durchaus mal etwas für die gedankliche Merkliste in Verbindung mit einem schönen Südtirolurlaub.

Zum Weiterlesen (I):
So manchem Leser oder mancher Leserin mag der Name Lenz Koppelstätter vielleicht bekannt vorkommen, denn seine Südtirol-Krimis um Commissario Grauner und Ispettore Saltapepe sind seit Jahren sehr erfolgreich. Aktuell sind bereits sieben Bände der Reihe erschienen und der achte wird im Dezember 2022 folgen. Auftakt der Reihe ist „Der Tote am Gletscher“ und man wird bei der Lektüre schnell merken, dass auch Commissario Grauner ein Fan von Gustav Mahler ist.

Lenz Koppelstätter, Der Tote am Gletscher
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462047288

Zum Weiterlesen (II):

Eines meiner ersten Bücher, das ich im August 2020 auf der Kulturbowle vorgestellt habe, war auch ein kleines, feines Buch über Gustav Mahler und behandelt ebenfalls die späte Lebensphase des Komponisten: „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler, das mich damals sehr berührt und vor allem aufgrund der Sprache begeistert hat.

Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

Sunshine, Swing and Smile

Nach einem Theaterabend beglückt, beschwingt, innerlich hüpfend, tänzelnd und summend aus dem Theater schweben, das durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben bei einer bezaubernden Vorstellung von „Me and my girl“ von Noel Gay. Quasi Wolke Sieben für Theaterfreunde, Musicalliebhaber und Fans der Musik bzw. des Swings der Dreißiger Jahre. Fetzige Stepptanz-Nummern, eingängige Melodien, traumhafte Kostüme und opulente Ausstattung… wie man unschwer merkt: ich war und bin immer noch hin und weg.

„Me and my girl“ hat eine äußerst ungewöhnliche Aufführungsgeschichte:
Entstanden in den Dreißiger Jahren und uraufgeführt 1937 im Victoria Palace Theatre in London, wurde es schnell zu einem der erfolgreichsten britischen Musicals der damaligen Zeit. Unglaubliche 1646 Vorstellungen – auch noch während des zweiten Weltkriegs – und teils sogar mit royalem Publikum: King George VI. besuchte mit seiner Frau Elizabeth alias Queen Mum das Stück wohl mehrfach.

Doch nach 1952 geriet das Stück in Vergessenheit und war lange nicht mehr auf den Bühnen präsent. Dies führte sogar dazu, dass das Original-Buch mit den Dialogen unwiederbringlich verschwand – es gilt bis heute als verschollen. Als in den Achtziger Jahren Richard Armitage, der Sohn Noel Gays, das Stück wieder zur Aufführung bringen wollte, musste es komplett rekonstruiert werden, was unter anderem mit Hilfe eines alten BBC-Rundfunkmitschnitts und der Erinnerungen der ersten Darstellerin der Sally gelang. Für die Zwischentexte, Gags und die Rekonstruktion des Buchs zeichnete kein geringerer als Stephen Fry verantwortlich, der vielen Lesern vielleicht unter anderem durch seine humorvollen Werke „Mythos“ oder „Helden“ bekannt ist. Und so erlebte das Musical ab 1985 seine Renaissance und wurde erneut zu einem Riesenerfolg im Londoner Westend und auch auf dem Broadway.

Doch um was geht es in dem Stück?
So mancher wird sich ein wenig an „My Fair Lady“ erinnert fühlen – doch das Musical kam erst 20 Jahre nach „Me and my girl“ auf die Bühne: Ein junger Mann aus dem Londoner Stadtteil Lambeth – einem Arbeiterviertel – wird von einem Anwalt als Erbe des Earl von Hareford ausfindig gemacht. Er spricht derbes Cockney (im britischen sogar den berühmt berüchtigten und für Aussenstehende schwer verständlichen Cockney Rhyme – die Landshuter Inszenierung wählte den guten alten Kalauer als „deutsche Entsprechung“), d.h. er kalauert nahezu non-stop vor sich hin und passt so gar nicht in die britische Adelsklasse. Da ist einiges an Erziehung seitens der Verwandtschaft – unter anderem der gestrengen Tante Maria – von Nöten, um ihn für seine zukünftige Aufgabe als Earl tauglich zu machen.

Als diese ihm aber auch noch sein geliebtes „Girl“ Sally ausreden möchte, geht ihm das Ganze zu weit. Kurz und gut: eine Komödie, die mit britischen Klassenunterschieden spielt und immer wieder zu witzigen und lustigen Begegnungen führt. Denn auch Cousin und Cousine hätten es auf das Erbe abgesehen und verfolgen ihre eigene Agenda.

Das absolute Glanzlicht ist die Musik, neben der die Handlung im Grunde fast nebensächlich wird und die einen einfach mitreißen muss, weil sie mit einer enormen Dichte an großartigen Nummern aufwartet, die allesamt sofort ins Ohr und in die Beine gehen.
Am berühmtesten ist wohl das Finale des ersten Akts geworden, der legendäre „Lambeth Walk“, bei dem Sally und Bill den anfangs steifen, noblen Gästen ihren ganz eigenen Tanzstil beibringen – „ev’rything free and easy“.

Doch auch bei den Stücken „The Sun Has Got His Hat On“, „Leaning On A Lamppost“ und „Me And My Girl“ handelt es sich um Melodien, die sich nachhaltig ins Gedächtnis einprägen und die man noch in den Tagen danach gut gelaunt vor sich hinsummt.
Eine richtige Rarität bzw. Musical-Perle, die Stefan Tilch hier ausgegraben und mit seinem Ensemble in einer aufwändigen und opulenten Inszenierung auf die Bühne gezaubert hat.

Verstärkt durch Cornelia Mooswalder als Sally Smith und Jan Bastel als Bill Snibson in den Hauptrollen, die ein spritziges und herzerfrischendes Traumpaar bilden, das gesanglich, schauspielerisch und tänzerisch perfekt harmoniert, sind sämtliche Partien hervorragend besetzt.
Reinhild Buchmayer, die sich im verführerischen Marilyn Monroe-Look als Lady Jaqueline naiv die Seele aus dem Leib flirtet, um den reichen Erben zu becircen, spielt ihre Rolle ebenso überzeugend wie Peter Tilch den zynisch-grummeligen, aber liebevollen Onkel Sir John Tremayne oder Daniel Preis den hilflos schrulligen Gerald, der an einer seltenen Metaphern-Krankheit leidet, die immer wieder mit Tropfen behandelt werden muss, damit er nicht ständig vor sich hinfaselt. Henrike Henoch gibt eine resolute Herzogin Maria und Miroslav Stričević einen komödiantischen, leichtfüßigen Familienanwalt.

Auch Chor und Statisterie sind bei den großen Ensemble-Nummern stimmlich und tänzerisch gut aufgelegt und haben sichtlich Spaß, der mit Sicherheit zu einem großen Teil auch auf die fröhliche und gewitzte Choreografie der Tanzeinlagen von Sunny Prasch zurückzuführen ist. Da wird geswingt, gesteppt und getanzt, was das Zeug hält, so dass auch das Publikum sich am liebsten gleich mitbewegen möchte.

Die musikalische Leitung ist bei GMD Basil H.E. Coleman in bewährten, souveränen Händen, der sich selbst sogar eine Einlage als Barpianist auf der Bühne gönnt und auch während und nach der Applausordnung noch mit einer musikalischen Zugabe dem begeisterten Publikum ein weiteres Zuckerl und Geschenk bereitet hat.

Eine Produktion, in der ganz viel Liebe steckt: Liebe zum Detail, Liebe zur Musik, Liebe zum Tanz – Liebe zum Publikum, dem man in schweren Zeiten einen schönen und freudigen Theaterabend schenken will.

Intendant Stefan Tilch, der das niederbayerische Publikum immer wieder aufs Neue mit unvergesslichen Musicalproduktionen begeistert und selbst Regie geführt hat, ist hier erneut ein Glücksgriff gelungen.
Interessant auch, dass er selbst das Stück in den Achtzigern Jahren als Schüler auf einer Klassenfahrt nach London – mit Emma Thompson in der Hauptrolle – kennen und lieben gelernt hat. Jetzt teilt er viele Jahre später seine Faszination für dieses Werk, das nur selten gespielt wird, auch mit seinem Publikum. Der Funke ist definitiv übergesprungen.

Grandioses Musicaltheater mit einer Prise Nostalgie, die den TheaterbesucherInnen zweieinhalb Stunden feinste Unterhaltung und wunderbare Musik schenkt, so dass man die Alltagssorgen einfach mal für kurze Zeit vergessen kann. Edelster Eskapismus, der gerade besonders wertvoll ist und einem ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubert, das lange anhält:

„Here’s a little trick,
Whenever things get a little bit thick
Just you take it on the chin,
Put on a little grin and smile, smile!“

(aus dem Song „Take It On the Chin“; Lyrics: L.Arthur Rose und Douglas Furber)

Gesehen am 29. Mai 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Me and my girl“ ist in dieser und als Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos und einen kurzen Videotrailer der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

***

Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Me and my girl“:

Für den Gaumen:
Die Hauptfiguren haben alle ihr Päckchen zu tragen, so leidet Gerald zum Beispiel an einer Metaphern-Diarrhö (steht so im Programmheft – ehrlich!) und sucht sich seine sprachlichen Bilder gerne im kulinarischen Milieu: und da geht es natürlich very british zu: Yorkshire Pudding, Mince pie, Shortbread bis hinzu Bio-Cranberry-Trüffel auf Ham and Eggs

Zum Weiterhören und zum Weiterklicken:
Auf YouTube gibt es unter anderem eine Aufnahme des „Lambeth Walk“ aus der 1986er Produktion mit Robert Lindsay zu sehen. Wer einfach mal reinhören und reinschauen will, kann das hier tun. Aber Achtung: Ohrwurmgefahr!

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Me and my girl“ steht eher selten auf deutschen Spielplänen und ist daher wirklich ein Geheimtip: Aktuell gibt es jedoch auch noch eine weitere Inszenierung an der musikalischen Komödie in Leipzig zu sehen.

Maibowle 2022 – Wirbelwinde und Lektürehäppchen

Der Mai war turbulent und teilweise stürmisch, brachte uns aber auch bereits erste schöne Sommertage. Mein Kultur- und Lesemonat war vielseitig und abwechslungsreich und auch wenn manchmal die Zeit und Konzentration für ausgiebige Lektüren fehlte, war doch einiges geboten, über das es sich zu berichten lohnt.

Ein musikalisches Glanzlicht war diesen Monat auf jeden Fall das Konzert des Vokalensembles Singer Pur in der Landshuter Heilig Kreuz-Kirche im Rahmen der 20. Landshuter Hofmusiktage. Gesangliche Perfektion mit viel Gefühl und ein hochinteressantes Programm, das vor allem auch das Werk von Komponistinnen in den Fokus rückte und mich zudem auf die hörenswerte CD „Among Whirlwinds“ aufmerksam machte.

Und endlich hat es auch mit der verschobenen Landshuter Premiere des Musicals „Me and my girl“ im Landestheater Niederbayern geklappt – eine wunderbare Inszenierung wie aus dem Bilderbuch, grandiose Kostüme, tolle Ausstattung, bestens gelaunte Sängerinnen und Sänger, tolle Tanzeinlagen, ohrwurmverdächtige Melodien – ein rundum beschwingtes Theatervergnügen! Großartig!

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir auch die BR-Dokumentation aus der Reihe „Lebenslinien“ über den Theatermacher, Intendanten des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele Christian Stückl, die aktuell noch in der BR-Mediathek abrufbar ist – für eventuelle Oberammergaubesucher oder Theaterfans im allgemeinen unbedingt sehenswert!

Und auch zwei Filme, die ich diesen Monat gesehen habe, sind empfehlens- und erwähnenswert:

Auf ARTE lief der Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio, der in eindringlichen Bildern und mit hervorragenden Darstellern die Geschichte des ersten Kronzeugen im Maxi-Prozess erzählt. Auch die dazugehörige Dokumentation im Anschluss war sehr interessant und aufschlussreich.

Ebenso auf ARTE konnte mich Volker Schlöndorff’s Film „Diplomatie“ aus dem Jahr 2014 überzeugen – ein filmisches Kammerspiel, das sich um die letzten Tage der deutschen Besatzung in Paris im August 1944 dreht und erzählt, wie der schwedische Konsul versucht, den deutschen Stadtkommandanten zu überzeugen, die Stadt trotz Befehl nicht zu zerstören.

Diesen Monat habe ich mich mangels Zeit und Konzentration mit wenigen Ausnahmen eher an schlankere Bücher gehalten, aber manchmal liegt ja auch in der Kürze die Würze und es waren wirklich sehr schöne, kleine, feine Entdeckungen dabei:

Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ ließ mich zu Monatsbeginn einen für mich sehr prägenden Autor näher kennenlernen und besser verstehen. Die hochinteressante, sehr gut lesbare Biografie, die vor allem die Kindheit, Jugend und Preußler’s Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft näher beleuchtet, hat mir viele neue Aspekte und Sichtweisen auf die so geliebten Kinder- und Jugendbücher wie „Die kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ oder „Krabat“ und den Menschen hinter diesen Geschichten eröffnet.

Das Thema Kunst und das „wie und warum sie entsteht“ begegnete mir auch in völlig anderer Form in Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“. Eine junge Frau ermogelt sich einen dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus und blickt auf einmal – angeregt durch die Begegnungen mit ihren Mitstipendiaten – mit einem neuen, inspirierten Blick kritisch auf ihr bisheriges Leben. Eine spannende Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist Kunst?

Künstlerisch ging es auch weiter und zwar mit dem Komponisten Gustav Mahler und seiner berühmten Frau Alma: Lenz Koppelstätter hat mit seinem Roman „Almas Sommer“ ein kurzes Lebenskapitel der beiden ausgewählt und den Sommerurlaub der beiden im Südtiroler Toblach im Jahre 1910 lebendig werden lassen. Alma, die sich nicht zwischen ihrem Ehemann und der Affäre mit Walter Gropius entscheiden möchte und Gustav Mahler ein hochsensibler, kränkelnder Künstler, der zwischen Eifersucht und dem quälenden Schaffensprozess seiner Kompositionen zerrissen wird.

Von der Südtiroler Bergwelt ging es an den schönen Lago Maggiore nach Ancona mit Victoria Wolff’s Roman „Die Welt ist blau“. Ein schnörkelloser und doch raffinierter Roman aus der Zeit der neuen Sachlichkeit bzw. dem Jahr 1934.
Und weil’s so schön war, verweilte ich auch gerne noch ein wenig länger dort:
Edgar Rai’s Roman „Ascona“, der letztes Jahr erschienen ist, beschreibt die Zeit, die Erich Maria Remarque im Schweizer Exil ab 1933 in seiner Casa Monte Tabor verbrachte – ein Buch, das mich gepackt und völlig in seinen Bann gezogen hat (ich werde bald näher berichten).

Ein kleines, feines Buch ist auch Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“, in dem er in einem langen Brief an seine vierjährige Urenkelin als über Neunzigjähriger auf sein Leben zurückblickt und erzählt. Ein intimes, wunderbares Vermächtnis eines großen Künstlers und Schriftstellers, das zugleich ein Zeitzeugnis italienischer Geschichte ist.

Und ich verweilte noch ein wenig länger literarisch in Sizilien: Durch den Film „Il Traditore“ bereits im Thema, widmete ich mich einem italienischen Krimi-Klassiker aus dem Jahr 1961 mit Leonardo Sciascia’s „Der Tag der Eule“, der als einer der ersten Kriminalromane gilt, die sich mit dem Thema Mafia auseinandersetzten und später auch verfilmt wurde. Ein kompakter, knackiger Krimi auf knapp 140 Seiten, der vieles zwischen den Zeilen nur andeutungsweise erahnen lässt.

Als Kontrastprogramm zur italienischen Krimikost gab es dann zum Monatsende noch ein richtiges, literarisches Schmankerl: Der Roman „Die Sekretärinnen“ der schwedischen Autorin und Feministin Elin Wägner aus dem Jahr 1908. Vier junge Frauen in Stockholm Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich gegen die damaligen Konventionen auflehnen, eine Wohngemeinschaft bilden, sich ihren Lebensunterhalt in der Großstadt selbst verdienen möchten und sich schon bald auch politisch für Frauenrechte engagieren. Hierzu folgt sicher in Kürze mehr.

Was bringt der Juni?

Hoffentlich viel Zeit im Freien, schöne, lange Sommertage mit Licht und Luft zum Durchatmen. Dazu Kulturgenuss und Sommerlektüre, die hoffentlich für etwas Leichtigkeit in unseren schwierigen Zeiten sorgen.

Ich wünsche allen einen hellen, freundlichen und friedlichen Juni, schöne Pfingst- und Mittsommertage sowie Zeit für die schönen Dinge des Lebens!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Mai:
Bei schönem Wetter konnte die bayerische Biergarten-Saison eröffnet werden und passend zum Monat war auch das Bierangebot: ein Maibock, d.h. ein untergäriges Starkbier mit malzigem Aroma, für das man schon eine gute Unterlage braucht.

Musikalisches im Mai:
Diesen Monat habe ich das Album „Odyssee“ von Quadro Nuevo für mich entdeckt: Musik, die mich – ähnlich wie bereits das Album „Mare“ in Sommerstimmung versetzt und gemäß dem Untertitel „a journey into the light“ für helle und lichte Momente sorgt.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)