Tatort Tessin

Urlaubsreif? Eine kleine Auszeit gefällig? Ihr wart schon oder wolltet unbedingt immer schon mal eine Reise ins Tessin machen? Dann ist Mascha Vassena’s Regional-Krimi „Mord in Montagnola“ genau das Richtige. Mit Moira Rusconi, die als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, stellt sie uns eine interessante, neue Ermittlerpersönlichkeit vor, die für frischen Wind sorgt.

Moira Rusconi ist alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter und hat sich gerade frisch von ihrem Partner getrennt. Vor vielen Jahren ist sie von einem längeren Auslandsaufenthalt in Peru zurückgekehrt und lebt seitdem in Deutschland, wo sie als Übersetzerin von Fachliteratur und Bedienungsanleitungen arbeitet, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Ihr Vater – ein pensionierter Literaturprofessor – lebt alleine und schon lange geschieden von Moira’s Mutter im Tessin, wo Moira auch aufgewachsen ist. Als dieser nach einem Schlaganfall ihre Hilfe benötigt, fährt sie zu ihm, um ihm zu helfen – es wird für sie eine Reise in die Vergangenheit, in ihre Jugend.

„Elfriede? Süßer Name!“
„Süß? Etwas Respekt vor diesen einzigartigen Kreaturen bitte! Die da sind: Herta, Ingeborg, Luise – und Marlen mit einem E.“
Ambrogio deutete nacheinander mit dem Zeigefinger auf jede der Genannten. Herta war die Graugetigerte, Ingeborg die große Schwarze, Luise der rote Blitz und Marlen die blaugraue Kartäuser.
„So hast du deine Lieblingsautorinnen immer um dich. Sind es wirklich alles Kätzinnen?“

(S.28)

Der Vater lebt in einem urigen, gemütlichen Haus zwischen Bücherstapeln mit fünf Katzen, die er nach seinen Lieblingsschriftstellerinnen benannt hat. Moira beschließt, dass sie auch eine Weile vom Tessin aus arbeiten kann, um dem Vater beizustehen, zumal sich auch die Großmutter in Deutschland eine Weile um ihre Tochter kümmern kann.

Als plötzlich in einer Nevèra, einem historischen Tessiner Eiskeller, der zum Konservieren der Lebensmittel verwendet wurde, bevor es Kühlschränke gab, von deutschen Wanderurlaubern eine Leiche gefunden wird, braucht die örtliche Polizei eine Dometscherin und bittet spontan Moira um Unterstützung.
Und schon ist sie mittendrin in einem Mordfall und da ihre große Jugendliebe Luca auch noch der zuständige Gerichtsmediziner des Kantons ist, wird es nicht nur bei den polizeilichen Ermittlungen, sondern auch in ihrem Gefühlsleben aufregend und turbulent.

Im schönen, malerischen Tessiner Ort Montagnola, der langjährigen Wahlheimat Hermann Hesse’s wird schnell klar, dass sich das Opfer weit mehr als nur einen Feind gemacht zu haben scheint. Moira beginnt in ihrer Rolle als Übersetzerin mit unkonventionellen Methoden zunehmend die Polizistin Chiara zu unterstützen und findet mehr und mehr Gefallen an ihrer neuen Aufgabe.

Mascha Vassena ist ein sinnlicher, harmonischer Regiokrimi in idyllischer Urlaubsatmosphäre und ein gelungener Auftakt für ihre Hauptfigur Moira Rusconi geglückt, der wirklich Lesefreude bereitet, gute Laune macht und geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Schön auch, dass in diesem Krimi mal richtig Frauenpower angesagt ist: die ermittelnde Polizistin, die Staatsanwältin, die IT-Expertin – Mascha Vassena hat viele Schlüsselstellen in diesem Roman mit interessanten und starken Frauen besetzt.
Der Gerichtsmediziner und Hobbywinzer im Nebenberuf, der zugleich Moira’s erste große Liebe war, sorgt für die gewisse amouröse Note, die natürlich auch nicht fehlen darf.

Mascha Vassena hat viel Liebe in ihre Charaktere und die positive, wohlige Atmosphäre in diesem Buch gesteckt – schöne, liebevolle Details, die stimmig sind und ein rundum harmonisches Leseerlebnis schaffen. Die sympathischen Figuren, das südliche Flair und der Charme trösten vollkommen über kleinere Unplausibilitäten hinweg – schließlich soll und ist dies kein True Crime-Band, sondern ein stimmungsvoller Regio-Krimi, der zweifelsohne Lust und Laune auf das Tessin macht.

Eine wohltuende Lektüre, bei der einem das Herz aufgeht. Bei mir hat die Autorin definitiv die richtigen Knöpfe gedrückt und meinen Nerv getroffen: als Buchliebhaberin, die hin und wieder gerne einen Regio-Krimi liest, mag ich vor allem die intellektuellen Figuren: den Literaturprofessor, der umgeben von seinen Büchern und Katzen lebt und die Übersetzerin, die weltoffen ist und sich trotzdem auch wieder ihrer Wurzeln besinnt. Wenn dann noch in einer urigen, rustikalen Osteria gute Gespräche bei einem Glas Wein und exquisitem Essen geführt werden, dann ist das eine literarische Welt, in die ich gerne abtauche. Schönster Eskapismus – kurzweilig und unterhaltsam.

Urlaubsgefühle und Fernweh sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert. Ein perfektes, charmantes Buch für einen lauen Abend auf dem Balkon oder der Terrasse mit einem Gläschen Wein – so kann und darf der Sommer kommen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mascha Vassena, Mord in Montagnola
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0102-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch hat dieser Krimi wirklich viel zu bieten:
Denn Moira hat unter anderem einige Jahre in Peru gelebt und wenn sie die Sehnsucht nach Lima überkommt, kocht sie „Lomo saltado“ – ein peruanisches Pfannengericht mit mariniertem Rindfleisch, Zwiebeln, Tomaten und Chilis.
Und danach vielleicht den peruanischen Cocktail „Pisco sour“?

Für den Gaumen (II):
Doch auch die Tessiner Küche Gabriella’s in der besten Osteria Montagnola’s, lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen:

„Gabriellas brasato – stundenlang gekochtes Rindfleisch mit Gemüse und Rotwein – war so zart, dass es auf der Zunge schmolz. Als Beilage gab es Polenta, den traditionellen Brei aus Maisgries, den ein Automat stundenlang in einem großen Kessel im offenen Kamin rührte.“

(S.36)

Oder doch vielleicht ein „hausgemachtes saltimbocca mit frischem Salbei aus dem Garten (…)“ und „eine Flasche vom besten Primitivo aus dem Keller“ (S.61)?

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Der berühmteste Bewohner Montagnola’s – dem dort in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses ein eigenes Museum gewidmet ist – war wohl Hermann Hesse.
Dort entstanden viele seiner bekanntesten Werke, wie zum Beispiel „Narziss und Goldmund“, „Siddharta“ oder „Das Glasperlenspiel“ – zudem malte Hesse selbst wunderbare Gemälde der Tessiner Landschaft und der idyllischen Orte.

Zum Weiterlesen (I):
Eines der Werke Hermann Hesse’s, das ebenfalls in Montagnola entstanden ist und für mich einen außergewöhnlichen Zauber und eine besondere Bedeutung hat, ist die Novelle „Klingsors letzter Sommer“ (1919) über den Maler, der vor seinem Tod noch in einen Schaffensrausch verfällt.

Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer
Insel-Bücherei 1431
ISBN: 978-3-458-19431-6

Zum Weiterlesen (II):
Auch letztes Jahr weilte ich literarisch für eine Weile im schönen Tessin und zwar mit Hannah Arendt in Tegna, in Hildegard E. Kellers wunderbarem Roman „Was wir scheinen“, der letztes Jahr zu meinen Lesehöhepunkten zählte:

Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Zu weit weg vom Meer

Dank Gesuino Némus’ zweitem Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“, der nun auf deutsch erschienen ist, konnte ich wieder in das Dörfchen Telévras zurückkehren, das ich im letzten Jahr in „Die Theologie des Wildschweins“ schon ins Herz geschlossen hatte. Der zweite Fall wartet mit einem Zeitsprung auf, denn wir befinden uns nicht mehr im Sommer 1969, sondern in der Gegenwart.

Und auch die Hauptakteure sind jetzt andere:
In der Bar hat ein Generationenwechsel stattgefunden und so steht jetzt Barista Samuele Baccanti – Tore’s Sohn – hinter dem Tresen und bewirtet seine meist ausschließlich einheimischen Gäste.

Womit wir beim Problem wären: Wie kann es gelingen, dass Telévras mehr Touristen anzieht? Dieses sardische Dörfchen, das einfach „zu weit weg vom Meer“, etwas abgeschieden in den Bergen liegt und doch so dringend auf das Geld der Urlauber angewiesen wäre. Der vielleicht kleinste Heimatverein Italiens soll sich darum kümmern, Ideen zu entwickeln. Doch als dieser plötzlich ohne Vorstand völlig führungslos zu sein scheint, gleichsam ein Machtvakuum im Dorf entsteht und dann auch noch zwei rätselhafte Todesfälle im Ort für Aufsehen sorgen, bekommt Telévras plötzlich mehr mediale Aufmerksamkeit und Publicity als man sich hätte erträumen können.

Die Dorfbewohner und Charaktere sind weiterhin kauzig, kantig und eigenwillig. So stehen dieses Mal unter anderem ein Renn-Jockey im Ruhestand mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, ein Dorfdichter und ein suspendierter Polizist im Zentrum des Geschehens.

„Ach, Lyrik kann lustig sein?“, erkundigte sich Marzio leidenschaftslos.
„Alles kann lustig sein, es kommt nur auf den Standpunkt an.“

(S.115)

Und was um Himmels willen hat das alles mit Elvis, Kurt Cobain oder Prince zu tun? Das wird nicht verraten, lasst Euch überraschen, denn Gesuino Némus, der im richtigen Leben Matteo Loci heißt und auf Sardinien geboren ist – sorgt dieses Mal für einige aberwitzige Wendungen und Wirrungen.

Ich mag die Erzählmelodie von Némus und den Humor, der so trocken ist, wie die sardische Erde nach acht Monaten ohne Regen und so schwarz wie der Espresso aus Samuele’s Kaffeemaschine in der Dorfbar.

„Der Tod ist die Art und Weise, mit der das Leben dir deine Entlassung erklärt. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem diese Worte stammen, aber es muss ein kluger Kopf gewesen sein, (…)“

(S.118)

Der sardische Lokalkolorit kommt natürlich auch nicht zu kurz – so bewegt man sich zwischen Nuraghe – den prähistorischen Turmbauten auf der Insel – Kloster und Dorfbar, speist „Fritto Misto“ und trinkt ein Gläschen rubinroten Cannonau.
Und während der Schirokko bläst, zwielichtige Investoren ihr Unwesen treiben und der Heimatverein sich Gedanken über den Inhalt des nächsten Werbeflyers macht, gibt es für den Dorfdichter viel zu erzählen…

„Er hielt sich gut an dem Geländer fest und ging zu dem kleinen Platz, und kurz vor seinem Haus blieb er verzaubert stehen – die Sonne schien auf das Meer, vor ihm lag das verschneite Tal und am Horizont tiefblaues Wasser. Bei dem Anblick beruhigte er sich. Die Natur half ihm, wie so oft.“

(S.259/260)

Allzu gerne würde man sich selbst vor die Dorfbar in die Sonne setzen, eine schöne Tasse Espresso und ein Cornetto genießen und den schrulligen Bewohnern und ihrem wilden Treiben in Telévras zusehen.

Auch wenn die Lektüre etwas Konzentration erfordert und man sich nicht verwirren lassen darf: Dieser Krimi ist bittersüß, humorvoll, schräg und witzig und auf seine ureigene Art wieder etwas Besonderes. Allen Leserinnen und Leser, die also gerne mal die ausgetretenen Regionalkrimi-Pfade verlassen wollen und sich auf ein etwas spezielleres, sardisches Krimierlebnis einlassen möchten, kann ich nur empfehlen, sich von Némus nach Telévras entführen zu lassen – auch wenn es für Pauschaltouristen vielleicht „zu weit weg vom Meer“ liegt. Für sonnenhungrige, italienaffine Lesetouristen lohnt es sich auf jeden Fall.

Auf Italienisch sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen und daher hoffe ich sehr, dass ich mich auch auf weitere Sardinien-Krimis von Gesuino Némus und Geschichten aus dem Örtchen Telévras in deutscher Übersetzung freuen darf. Denn von Büchern, die sich wie ein kleiner Kurzurlaub anfühlen und entspannte, sonnige Laune verbreiten, kann man bzw. ich nie genug bekommen.

Ein leuchtendes fröhliches Umschlagbild, eine launige Lektüre und eine wahrhaft „Süße Versuchung“, der ich gerne und mit großem Genuss erlegen bin.
Schließlich wusste schon Oscar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Süße Versuchung
Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal
Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-132-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gesuino Némus’ „Süße Versuchung“:

Für den Gaumen:
Auch dieses Mal enthält das Buch nach dem „fil e ferru“ vom letzten Mal wieder eine hochprozentige kulinarische Empfehlung:

„Sie waren zum Du übergegangen, und der Dichter feierte dieses Ereignis, indem er s’axina asutt’e spiritu servierte, in Schnaps eingelegte weiße Weinbeeren.“

(S.117)

Zum Weiterhören (I):
Schon durch den ersten Fall von Gesuino Némus wurde ich auf den italienischen Sänger Fabrizio de André (1940 – 1999) aufmerksam. Dieses Mal wird explizit das posthum erschienene Album (Compilation) aus dem Jahr 2005 erwähnt: „In direzione ostinate e contraria“. Für eine Extraportion Italiengefühl einfach mal reinhören!

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Samuele Baccanti, der Barbesitzer ist großer Opernfan und so sind seine Gäste gezwungen, die Saisoneröffnung der Mailänder Scala mit ihm im Fernsehen zu verfolgen, die in der Bar läuft: Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ und die Arie „Un bel dì vedremo“ wird bald lautstark mitgesungen.
Eine herrliche Szene nach meinem Geschmack – mir würde Samuele da zweifelsohne eine große Freude machen.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Der erste Band der Reihe war letztes Jahr eines meiner Lesehighlights (hier geht’s zu meiner Rezension). Der Fall, der im Sommer 1969 spielt, hat mich begeistert und wer noch mehr Lust auf Sardinien, Sonne und einen etwas ungewöhnlichen Krimi hat, dem kann ich „Die Theologie des Wildschweins“ wärmstens empfehlen:

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

Sülzeunruhen in Hamburg

1919 war ein von Unruhen, Hunger und Armut geprägtes Jahr für Hamburg und seine Bewohner – Hartmut Höhne entführt den Leser mit seinem Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“ in die Hansestadt und lässt die damalige Zeit nach dem ersten Weltkrieg auf spannende Weise wieder lebendig werden.

„Wovon leben? Es mangelte an allem, an Nahrung, an Heizmaterial, an Kleidung und an Schuhen. Auf dem Schwarzmarkt bekam man das meiste. Nur, was hätten die armen Schlucker tauschen sollen?“

(S.22)

Jakob Mortensen ist Kommissar bei der Hamburger Polizei und als er zu einem Leichenfund ins Gängeviertel gerufen wird und sich das Opfer als ermordeter, ehemaliger Polizeispitzel entpuppt wird schnell klar, dass die Ermittlungen schwierig und unangenehm werden. Der Ermordete war ein kaisertreuer, unbequemer und unbeliebter Zeitgenosse, potenzielle Zeugen schweigen sich gründlich aus und da die Gefahr besteht, dass nach wie vor alte Seilschaften in Polizeikreise bestehen könnten, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Ritt auf der Rasierklinge, die Mortensen selbst in höchste Gefahr bringt.

„Man kann sich sein Paradies nicht aussuchen“, kommentierte Jakob trocken.

(S.161)

Zudem herrscht in der Stadt ohnehin Aufruhr und Chaos, die Menschen hungern, versorgen sich auf dem Schwarzmarkt – Razzien sind an der Tagesordnung und so mancher kann sich nur noch mit illegalen Mitteln über Wasser halten.

„Die alte Gesellschaft sitzt tief in uns, und die neue Zeit ist noch nicht bei uns allen angekommen, dafür ist die Not zu groß. Jeder muss selbst sehen, wie er sich und seine Familie irgendwie durchbringt, da kann man mal auf dumme Gedanken kommen.“

(S.172/173)

Auch politisch ist die Lage aufgeheizt und als öffentlich wird, dass die Not der Menschen ausgenutzt und im großen Stil „Gammelfleisch“ zu Sülze verarbeitet und an die Bevölkerung verkauft wurde, bricht der Zorn sich Bahn und es kommt zum Aufstand. Die Sicherheit der Bürger ist nicht mehr gewährleistet, militärische Machtverhältnisse sind im Umbruch und die Situation ist unübersichtlich.

Der historische Hintergrund und das wahre Ereignis der Sülzeunruhen 1919 in Hamburg war mir vor der Lektüre noch kein Begriff. Um so interessanter, wenn die Krimilektüre nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch noch lehrreich ist.

Der Lebensmittelskandal und die dadurch ausgelösten Unruhen forderten damals 80 Todesopfer. Höhne verpackt den realen Hintergrund geschickt und der Leser wird Zeuge, wie sich die Lage in der Stadt immer mehr zuspitzt und schließlich eskaliert.

Mir gefallen die Milieuschilderungen Höhne’s und der Hamburger Lokalkolorit der damaligen Zeit. Man erfährt viel über die Stadt und ihre Geschichte, lernt mit Jakob Mortensen einen neuen, sympathischen und gewieften Kommissar mitsamt seiner Familie kennen und folgt ihm gerne durch die Wirren und den Tumult. Der Polizist muss während der Ermittlungen ordentlich einstecken und auch ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit kommt wieder an die Oberfläche.

Der größte Teil des Hamburger Gängeviertels wurde über die Jahrzehnte inzwischen abgerissen, nur noch vereinzelte Häuser sind wohl erhalten geblieben – mal sehen, ob ich irgendwann bei einem zukünftigen Hamburgbesuch noch etwas des besonderen Charmes dieser Fachwerkhäuser entdecken kann.

Die Atmosphäre, die Enge, die Armut und die Not der Menschen, die dort unter prekären Zuständen nach dem Krieg hausen, hat Höhne stimmungsmäßig sehr gut eingefangen. Er thematisiert die Schicksale und Traumata der Kriegsheimkehrer und auch die chaotischen Verhältnisse während der Sülzeunruhen, die auch neue Ordnungsmächte auf den Plan rufen – kurz zuvor war in Bayern die bayerische Räterepublik blutig niedergeschlagen worden.

Ein flüssig-schnittiger Krimi für Hamburgliebhaber und Fans von historischen Stoffen, der sich herrlich flott und unterhaltsam einfach so weglesen lässt. Es ist kurzweilig, mit Kommissar Mortensen, der dänische Wurzeln hat, ein begeisterter Schwimmer ist und trotz allem Trubel auch noch Zeit hat, sich zu verlieben, durch das aufgewühlte Hamburg zu stromern. Mit ihm hat Höhne eine sympathische Figur erschaffen, die man gerne begleitet. Es bleibt abzuwarten, ob wir noch mehr von Jakob Mortensen zu lesen bekommen – das Potenzial für weitere Fälle in spannenden Zeiten und in der schönen Hansestadt wäre ohne Zweifel vorhanden.
Für eine Fortsetzung könnten die letzten beiden Sätze sprechen:

„Da kam einiges auf die Bewohner dieser Stadt zu. Noch war kein Frieden in Sicht.“

(S.313)

Fazit: Paradiesisch geht es nicht zu im Hamburger Paradieshof und wer gerne Sülze isst, sollte sich vor der Lektüre vorsichtshalber auf einiges gefasst machen, bekommt aber trotz allem auf jeden Fall einen lesenswerten und geschichtlich interessanten Krimi serviert.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Höhne,Mord im Gängeviertel
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0175-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mord im Gängeviertel“:

Für den Gaumen (I):
1919 herrschte großer Hunger, so wurde nicht nur Sülze „gepanscht“, sondern auch sonst war der Speiseplan der Hamburger sehr karg und einseitig:

„Die ganze Stadt roch nach Kohlsuppe. Erst wenn es nicht mehr nach Kohl roch, war der Krieg vorbei, kam Jakob in den Sinn.“

(S.32)

Die Sorgen wurden – falls möglich – gerne mit einem dänischen Aquavit hinuntergespült.

Für den Gaumen (II):
Ein seltenes Festmahl bei einem Restaurantbesuch aus besonderem Anlass, sieht dann für Jakob Mortensen wie folgt aus:

Falscher Hase mit Kartoffeln und Buttergemüse.“

(S.232)

In Bayern spricht man von einem Hackbraten, in Österreich ist der falsche Hase als faschierter Braten bekannt. Bei Günter von „Ein Nudelsieb bloggt“ findet sich ein schönes Rezept für einen faschierten Braten – allerdings zeitgemäß und moderner angehaucht mit Kichererbsen-Tomatensauce.

Zum Weiterlesen:
Als Jakob Mortensen auf einem Markt die Gesamtausgabe von Theodor Storm’s Werken entdeckt, plündert er seine Geldbörse, erwirbt diese für elf Mark und gibt seinen Schatz nicht mehr aus den Händen. Das Gesamtwerk Theodor Storm’s (1817 – 1888) werde ich mir wohl nicht vornehmen, aber in seine Gedichte wollte ich schon länger wieder mal reinlesen.

Es ist ein Flüstern

Es ist ein Flüstern in der Nacht,
Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl’s, es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.

Sind’s Liebesworte, vertrauet dem Wind,
Die unterwegs verwehet sind?
Oder ist’s Unheil aus künftigen Tagen,
Das emsig drängt sich anzusagen?

(Theodor Storm)

Theodor Storm, Gedichte
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-32431-7

Lieblingsschildkröten und Aquariumskino

Der finnische Autor Mooses Mentula hat mit „Der Schildkrötenpanzer“ ein eigenwilliges und ungewöhnliches Buch vorgelegt, das nun von Stefan Moster aus dem Finnischen ins Deutsche übertragen wurde. Ein fantasievoller, wilder Ritt durch Raum und Zeit unter der Reiseleitung von Charles Bukowski und Jack Kerouac.

„Immerhin war es ihm beim Schreiben gelungen, eine Welt zu sehen, die weiträumiger war als zweiundvierzig Quadratmeter!“

(S.30)

Tino, der in einem kleinen Apartment in Helsinki haust, wird bald Vierzig und hat noch nichts geschafft in seinem Leben. Kein Studium beendet, keine Berufsausbildung abgeschlossen, keinen Job lange ausgehalten, keine Beziehung – vielmehr kämpft er seit Jahren mit einer schweren psychischen Erkrankung und Angstzuständen, die seinen kompletten Alltag dominieren. Um sich zu beruhigen, sieht er den Online-Livestream eines Aquariums und beobachtet die Fische. Selbst ein vermeintlich normaler Friseurbesuch wird zum nahezu unüberwindbaren Hindernis und auch die notwendigen Lebensmitteleinkäufe erträgt er nur, wenn er sich vorher mit Medikamenten und Dosenbier ausreichend betäubt.

„Tinos gesamtes Erwachsenenleben war ein einziges Schwimmen zwischen Haien. Jedes Mal, wenn er auch nur ein bißchen die Hoffnung nährte, daß sich die Lage besserte, warf ihn die Panik mit einem Tritt zurück und lieferte ihn wieder den Raubtieren aus.“

(S.35)

Auch die Eltern, die viele hundert Kilometer entfernt leben, haben die Hoffnung, dass er sein Leben doch noch in den Griff bekommen wird, nahezu aufgegeben.

„Tino hingegen hatte Angst vor der Angst selbst, deren Grund man weder akzeptieren noch ersticken konnte, weil es ihn nicht gab.“

(S.58)

Eines Tages landet Tino auf der Flucht vor einem kleinen Mädchen, das ihm zu nahekommt, in einem Antiquitätenladen. Ein alter Schildkrötenpanzer zieht ihn in seinen Bann und als Zugabe zu seinem Kauf erhält er vom Inhaber des Ladens eine Tasche mit Büchern, die sein Leben verändern werden. Er taucht ab in die Welt von Jack London, Jack Kerouac und Charles Bukowski, der plötzlich leibhaftig vor ihm steht und ihm dabei helfen will, sein Leben zu verändern und selbst ein neues Lebenskapitel zu schreiben. Kann das Schreiben seine Rettung sein?

„Er bekam keine Luft und konnte nicht einmal schreien. Er begriff, daß das Leben ein einziges Luftschnappen im Eimer eines Anglers war.“

(S.211)

Und so beginnt eine völlig neue, wilde Geschichte, denn plötzlich begegnet er dem kleinen Mädchen Tuuli und ihrer Mutter Mirjam, die ihm ans Herz wachsen und auf seine Hilfe angewiesen sind und ehe er sich versieht, befindet er sich in einem Wohnmobil auf einer wilden Reise durch Finnland. Den schützenden Panzer hat er abgelegt.

Sind das nur Wahnvorstellungen, die Tino’s Psychosen entspringen, oder seine Fantasie und seine ersten schriftstellerischen Gehversuche, befeuert durch die inspirierenden Werke in seiner Büchertasche? Welchen Anteil haben die starken Medikamente, die er nimmt, und welchen Bukowski, Kerouac und Co? Traum, Realität, Fakten und Fiktionen verschwimmen mehr und mehr und schon bald wird es nicht nur für Tino schwierig, den Überblick zu behalten.

Auch ich musste mich für diesen Roman aus meiner gewohnten literarischen Komfortzone ein wenig herauswagen, ganz vorsichtig den Kopf aus meinem selbstgewählten Schildkrötenpanzer strecken und ich gebe zu, dass ich stellenweise – vor allem bei allzu männlichen und sprachlich etwas vulgären Passagen – manchmal etwas gefremdelt habe.

Hinter dem harten Panzer steckt jedoch ein ernster, weicher Kern: das schwierige Thema der Angststörungen und auch die schöne Idee, dass Literatur und Fantasie helfen und einem Leben eine neue Richtung geben können. Daher lohnt sich die Lektüre – schon allein aufgrund der absolut verblüffenden Wendungen und des wirklich genialen, geradezu göttlichen Finales.

„Meine Absicht bestand darin, im Kopf des Lesers eine Geschichte zu lancieren, die erst zu leben beginnt, nachdem die letzte Seite gelesen ist.“

(S.232)

Und genau ein solches Buch ist Mooses Mentula mit „Der Schildkrötenpanzer“ gelungen – ein rätselhaftes, merkwürdiges Buch, das nach der Lektüre in einem arbeitet und das man nicht so schnell beiseite schieben kann. Viele Fragen, viele verschlungene Wendungen, viele verschiedene Ebenen – ein Buch wie ein Roadmovie und ein wilder Ritt zwischen Wirklichkeit und Illusion. Ein Roman, der verwirrt und die Leserschaft stellenweise etwas plan- und ratlos zurücklässt und doch den Geist anregt, noch einmal darüber nachzudenken. Ein verspieltes, fantasievolles literarisches Experiment für abenteuerlustige Leser, die keine Angst vor ungewöhnlichen, schrägen und skurrilen Büchern haben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mooses Mentula, Der Schildkrötenpanzer
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Weidle Verlag
ISBN: 978-3-949441-03-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mooses Mentula’s „Der Schildkrötenpanzer“ – im übrigen mit einer herrlichen Umschlagsillustration von Greta von Richthofen:

Für den Gaumen:
Die kulinarischen Gelüste sind wahrlich very british, denn sie sind inspiriert von einem britischen Missionar in der Südsee (Jack London lässt grüßen):

„Wie sehr sehnte er sich nach Darjeeling-Tee, nach Toast mit Marmelade und einem Pint Stout.“

(S.24)

Zum Weiterhören:
Ähnlich schräg und unerwartet wie die Handlung ist auch der Soundtrack des Romans: Oder hättet Ihr in einem finnischen Roman mit Ricky Martin’s „Livin la vida loca“ gerechnet? Ich nicht. Da passt für mich Van Halen’s „Right now“ gefühlt doch noch etwas besser.

Für einen Theaterbesuch:
Jean Genet – sein Roman „Querelle“ aus dem Jahr 1947 ist in der Tasche, die Tino aus dem Antiquariat mitnimmt – kenne ich bisher lediglich vom Theaterstück „Die Zofen“, welches vor kurzem im Landestheater Niederbayern auf dem Spielplan stand – ein düsteres, perfides Drama.

Zum Weiterlesen:
In Tinos Büchertasche, die sein Leben verändert, befinden sich vier Werke: Charles Bukowski „Schlechte Verlierer“, Jean Genet „Querelle“, Jack Kerouac „Unterwegs“ und Jack London „Südsee-Geschichten“. Sicherlich hilft die Kenntnis dieser Bücher auch für ein besseres Verständnis von „Der Schildkrötenpanzer“ und man wird die literarischen Anspielungen erkennen und mehr zu schätzen wissen. Ich muss gestehen, dass ich bisher keines der Bücher gelesen habe. Am meisten würde mich wohl Jack Kerouac’s Klassiker „Unterwegs“ reizen – vielleicht sollte ich diese Bildungslücke mal schließen.
Bei den Werken, die ebenfalls noch im Roman erwähnt werden, sieht meine Lesebilanz besser aus (immerhin zwei von drei): Jane Austen „Stolz und Vorurteil“, George Orwell „1984“ und Edgar Allan Poe „Der Rabe“ (nur letzteren kenne ich nicht).

Jack Kerouac, Unterwegs
Übersetzt von Thomas Lindquist
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499222252

Maritime Männerwirtschaft

Sehnsucht nach dem Meer? Roxanne Bouchard’s neuer Kriminalroman und zweiter Fall für Sergeant Morales „Die Korallenbraut“ entführt erneut auf die kanadische Gaspésie-Halbinsel und versprüht eine gehörige, unwiderstehliche Brise maritimes Flair. Ein tiefgründiger Krimischmöker, bei dem vieles unter der Oberfläche brodelt.

„Es gibt Familien, die hassen sich schon so lange gegenseitig, dass man denken könnte, dass sie das zusammenschweißt. Da ist dein Vater auf einen schönen Korb voller Krebse gestoßen.“

(S.158)

Die Fischerei ist ein hartes, bitter umkämpftes Geschäft. Fangquoten, die zunehmende Überfischung des Meeres, die Klimaveränderungen – der Wettbewerb ist gnadenlos und viele kanadische Fischer – oft in x-ter Generation, kämpfen verzweifelt um ihre Existenz und um ihr familiäres Erbe.
Frauen, die sich in dieser ursprünglichen, harten und sehr rauen Männerwelt behaupten wollen, werden grundsätzlich erst einmal misstrauisch beäugt. Das gilt für Angel Roberts, die als einzige Frau in der Region das knochenharte Gewerbe des Hummerfangs betreibt, und deren Kutter nun führungslos, verlassen treibend auf dem Meer gefunden wird – von ihr selbst fehlt zunächst jede Spur.
Das gilt aber auch für die Fischereiaufseherin Simone, die zunächst nur widerwillig die Ermittlungen von Sergeant Morales und die Suche nach dem Opfer unterstützt.

Doch der Reihe nach:
Angel Roberts und ihr Mann sind mittlerweile seit zehn Jahren verheiratet und pflegen eine ungewöhnliche Tradition: An ihrem Hochzeitstag schlüpfen beide wieder in Brautkleid und Hochzeitsanzug und feiern ihr Ehejubiläum bei einem guten Essen im Restaurant. Doch in diesem Jahr fühlt Angel sich nicht wohl und lässt sich vorzeitig nach Hause bringen. Ihr Mann jedoch ist in Feierlaune und zieht alleine noch einmal um die Häuser. Am nächsten Morgen ist ihr Kutter, Angel und ihr Brautkleid verschwunden. Ein Verbrechen? Ein Unfall? Selbstmord?

Joaquín Morales begibt sich auf die Suche nach der Hummerfischerin und beginnt zu ermitteln. Doch auch sein Privatleben ist gerade alles andere als unkompliziert: seine Ehefrau macht keine Anstalten, ihm in die Gaspésie zu folgen, dafür taucht sein Sohn Sébastien bei ihm auf mit einem großen Rucksack voller Sorgen und Beziehungsproblemen im Gepäck. Und zu allem Übel liegt auch noch der gute Freund des Sergeants – der lebenskluge, weise Fischereiveteran Cyrille – im Sterben.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig – die Einwohner reagieren immer noch schweigsam und zurückhaltend auf den frisch zugezogenen Polizisten mit mexikanischen Wurzeln. Und auch die wenigen Frauen in dieser männerdominierten Welt der Fischerei sorgen für Komplikationen – ob es nun die mysteriöse Yogalehrerin Kimo ist, die den verheirateten Sébastien becirct oder aber die toughe, starrköpfige Fischereiaufseherin Simone, die Morales bei der Aufklärung des Falles dazwischenfunkt.
Nach und nach zieht sich das Netz familiärer und feindschaftlicher Beziehungen im kleinen Fischerort immer mehr zu – und es wird klar, dass dieses Geflecht aus Hass und Missgunst deutlich enger gewoben ist als zunächst angenommen.

„Die Gaspésie forderte ihn nicht nur durch ihre Langsamkeit heraus, sondern auch durch die schmerzhafte Erfahrung von Nähe. Hier musste man die Leute genau kennen, ihnen nahe sein, um einen Fall zu lösen.“

(S.53)

Das gilt nicht nur für den Ermittler Joaquín Morales, sondern auch die Autorin Roxanne Bouchard ist ihren Figuren ganz nahe. Die wunderbaren Charaktere – oft ein wenig schrullig, eigensinnig, aber meist auch sehr sympathisch – tragen diesen Krimi. Sie sind das Herzstück des Romans oder um im sprachlichen Bild zu bleiben: die Perle in der Muschel.

Eine weitere große Stärke Bouchard’s ist es, die Naturgewalten, die Kraft des Meeres und das Raue der Natur so unmittelbar und intensiv zu schildern, dass man den Salzgeruch regelrecht in der Nase hat, die Gischtkronen auf den Wellen tanzen sieht und gedanklich stets aufs Wasser und die Weite des Ozeans blickt.
Sprachlich ist das wunderbar zu lesen, daher möchte ich hier auch explizit hervorheben, dass der Übersetzer Frank Weigand wirklich eine sehr schöne, stimmige Sprachmelodie für die poetische Sprache der Autorin gefunden hat.

„Cyrille Bernard hat einmal zu mir gesagt, dass die Vergangenheit aus getrockneten, hart gewordenen Erinnerungen besteht, die jemand auf den Küchentresen gelegt hat. Dass diese Augenblicke, verdünnt im salzigen Wasser des Kummers, manchmal wieder an die Oberfläche des Gedächtnisses steigen und dabei alles um sich herum zerreißen.“

(S.410)

Die Autorin hat erneut nicht nur einen Krimi geschrieben, sondern literarisch neben der Aufklärung des Falles noch zahlreiche, weitere große, menschliche Themen in das Buch gepackt. Sie schreibt über Familien, das Scheitern von Beziehungen, darüber, wie Eltern ihre Kinder prägen, über das Abschiednehmen von geliebten Menschen und über die Suche nach der eigenen Identität. Viele elementare Fragen, die das Meer zwischen den Ermittlungen auch immer wieder an Land spült. Daher ist „Die Korallenbraut“ weit mehr als „nur ein weiterer Kriminalroman mit regionaler Atmosphäre“ – es ist Literatur über das Leben.

„Die Korallenbraut“ ist ein ruhiger, langsamer Kriminalroman mit schönen, poetischen Momenten. Er entwickelt sich behutsam und ist nicht geprägt von atemloser Spannung, sondern vielmehr von interessanten Figuren und der maritimen Atmosphäre, die nahezu jede Zeile atmet.
Wenn man sich Zeit nimmt und darauf einlässt, spürt man die Meeresbrise, hört das Kreischen der Seevögel und die anbrandenden Wellen – einfach einmal die Nase in den Wind halten und tief einatmen! Mehr Meer geht literarisch wohl kaum.

„Draußen vor dem Fenster erstreckte sich der nächtliche Horizont, das Meer verstreute die leuchtenden Scherben des Mondes, die trügerisch auf seiner Oberfläche funkelten.“

(S.460)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Atrium Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Roxanne Bouchard, Die Korallenbraut
Aus dem Québec-Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-118-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch spürt man natürlich auch die Nähe zum Meer: So gibt es zum Beispiel ein „Clubsandwich mit Hummer“ und dazu Weißwein.

„Sie strichen Butter und Mayonnaise auf das Brot, legten Tomatenscheiben darauf, fügten Speck und Hummerfleisch hinzu. Sie klappten die Sandwiches zu und schnitten sie in der Mitte durch.“

(S.120)

Für den Gaumen (II):
Aber auch die mexikanischen Wurzeln von Sergeant Morales hinterlassen kulinarische Spuren, denn es wird ausführlich geschildert, wie seine Großmutter ihre Tortillas zubereitet hat. Bei dieser warmherzigen, liebevollen Schilderung läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Für etwas Bewegung:
An einer der für mich schönsten Szenen des Romans tanzen Morales und sein Sohn Sébastien gemeinsam und überhaupt wird viel getanzt in diesem Buch: vor allem Salsa. Wie wär’s damit, mal wieder das Tanzbein zu schwingen?

Zum Weiterhören:
Und hier ist der Soundtrack dazu.: In „Die Korallenbraut“ ist mehrfach von der Sängerin Celia Cruz (1925 – 2003) die Rede, die als „Queen of Salsa“ gilt. In Kuba geboren und später in die USA ausgewandert, machte die Frau mit einer tiefen Alt-Stimme den Salsa vor allem in den 60er und 70er Jahren populär. (Quelle: Wikipedia)
Einfach mal reinhören, das hebt sofort die Laune. Zum Beispiel: „La Vida Es Un Carnival“.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Im letzten Jahr habe ich den ersten Band der Reihe und Sergeant Morales hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schon „Der dunkle Sog des Meeres“ hatte mich vor allem aufgrund seiner maritimen Atmosphäre und der sympathischen Figuren fasziniert. Man kann „Die Korallenbraut“ auch ohne Vorkenntnisse lesen, aber der erste Band, der mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen ist, lohnt sich ebenfalls:

Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-129-8

Poesie zwischen Tag und Nacht

Für Lyrik muss man sich Zeit nehmen, Muße haben, sich konzentrieren und auf die sprachliche Schönheit einlassen: Christine Langer’s neuer Gedichtband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ hat mir wunderbare Momente der Kontemplation und inneren Einkehr beschert. Gerade am Ende eines langen Tages ist es schön, sich etwas Stille zu gönnen und anzukommen. Denn Langer’s Lyrik hat etwas Meditatives, Beruhigendes und eine wunderbare Ästhetik, die einen erdet und ganz bei sich sein lässt.

Die Uhrzeit am Handgelenk längst abgelegt“

(aus „Tage wie dieser“ – Nr.1, S.8)

Die feinen Gedichte haben oft die Natur im Zentrum und bilden Stimmungen ab: Lichtstimmungen, Tageszeiten, Übergänge zwischen Tag und Nacht. Die Texte sind ungemein atmosphärisch und zaubern sofort Bilder vors geistige Auge. Man sieht die Bäume, hört die Vögel zwitschern, blickt auf das Wasser oder das leuchtend gelbe Rapsfeld und spürt den Wind auf der Haut. Es sind schöne Momente, die Langer mit fein gesetzten, wohlklingenden Worten für die Ewigkeit festhält.

Bäume und Vögel ziehen sich wie ein roter Faden durch Langer’s Lyrik. Aber auch das Spiel mit Hell und Dunkel, Tag und Nacht oder auch dem Gegensatz zwischen Schwere und Leichtigkeit. Auch das „Fenster“, das den Blick freigibt und die Perspektive auf andere Dinge öffnet, taucht immer wieder auf.

Die Gedichte strahlen Ruhe aus und sind geprägt von genauem Beobachten und einem ausgezeichneten Blick für Details. Für mich sind sie getragen von einer positiven Grundstimmung sowie einer tiefen Dankbarkeit und Achtsamkeit für die Natur und die Welt, die uns umgibt.

Langer spielt souverän mit der Sprache und eindrucksvollen Bildern. So entstehen ausdrucksstarke Wortschöpfungen wie „Tapetengebete“, „wimpernschwer“, „Lichtfeder“ oder „Amselmond“, welche die Fantasie bei der Lektüre anregen und den Geist in Bewegung setzen.

In manchen Gedichten greift sie kurze Zitate bzw. einzelne Zeilen berühmter Dichter auf, wie z.B. Rimbaud, Hebbel, Fontane oder Hölderlin, umrahmt diese mit ihren eigenen poetischen Gedanken und schafft so daraus ihre ganz eigenen Kunstwerke.

Es lohnt sich, sich ganz bewusst an dieser sprachlichen Schönheit zu erfreuen und das lyrische Ich, das in einigen Gedichten zu Wort kommt und sich manchmal auch an ein „Du“ wendet, auf dem Weg durch die Natur, die Jahres- und Tageszeiten und die Momente des Lichts, der Dämmerung und der Dunkelheit zu begleiten.

Das Körperhaus trägt mich ins Offene der Nacht“

(aus „Nächtliche Korrespondenz mit dem Schreibtisch“, S.20)

Vor kurzem habe ich in einem Interview mit Elke Heidenreich gehört, dass sie, die ja umgeben von Büchern in jedem Raum ihres Zuhauses lebt, ihre Lyrikbände im Schlafzimmer aufbewahrt. Ein schöner Gedanke wie ich finde. Schließlich haben Gedichte etwas Intimes, denn jeder Mensch liest und versteht sie anders. Kaum eine literarische Gattung lässt so viel Raum für Interpretation, Identifikation und Gefühle. Gedichte können etwas Tröstliches, Beruhigendes und Entschleunigendes haben – Poesie ist persönlich, Poesie ist Herzenssache.

Das Licht noch mehr lieben, wenn es fehlt.“

(aus V. Traumnuancen – Übungen im poetischen Sprechen Nr. 39, S.94)

Vielen fällt es gerade in diesen Zeiten schwer, das Gedankenkarussell abzustellen und zur Ruhe zu kommen, doch diese wunderbaren Gedichte in ihrer sprachlichen Eleganz und Natürlichkeit machen es einem ganz leicht.

Christine Langer’s Gedichte des Bands „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ sind sehr sinnlich, ästhetisch und lenken die Aufmerksamkeit auf Schönes, auf die Natur, auf Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Poetische Achtsamkeit, die helfen kann zu entspannen, runterzukommen, den Alltag eine Weile auszublenden – gleich einer geistigen Yogaeinheit. Balsam für die Seele.

Weil der Tag noch auf den Schultern liegt,
Sinken wir mit der blauen Stunde
In die Dämmerung. (…)“

(aus V. Traumnuancen – Übungen im poetischen Sprechen Nr. 1, S.67)

Der wunderbare Band wird wohl die nächste Zeit weiterhin auf meinem Nachtkästchen liegen, denn wir können in diesen dunklen Zeiten alle etwas wohltuende Schönheit gebrauchen. Warum also nicht den Tag mit etwas Positivem in Form von Poesie und einem feinen Gedicht beschließen, schließlich handelt es sich hier um traumhaft schöne Lyrik!

Gebet

Der Duft der Linde hält die Fensterläden
Über Nacht geöffnet,
Sterne fallen vom Himmel,
Scheiteln deine Träume.

Dein Atem pendelt sich
In den Takt rauschender Blätter,
Ich halte einen
Schatten fest, bevor er zu Stein wird


(Christine Langer aus „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 2) auf der Liste: Ich möchte einen Lyrikband lesen. Die zauberhaften Gedichte von Christine Langer waren für mich höchster sprachlicher und literarischer Genuss. Gedichte zum immer wieder lesen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Mein Dank geht auch an die Autorin Christine Langer dafür, dass ich das „Gebet“ in voller Länge hier präsentieren darf. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christine Langer, Ein Vogelruf trägt Fensterlicht
Kröner
ISBN: 978-3-520-76501-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christine Langer’s „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“:

Für den Gaumen:
Der einzige kulinarische Anklang, den ich in den Gedichten entdecken konnte ist etwas ganz Elementares, Einfaches, Gutes – aber auch Paradiesisches: Äpfel.

Zum Weiterschauen:
Die schöne Gestaltung des Buches mit einem Werk des Maler’s Paul Klee auf demTitel: „Landschaft mit gelben Vögeln“ (1923) – macht dieses kleine, feine Büchlein auch optisch zu einem wunderbaren Geschenk für liebe Menschen. Das fröhliche, farbenfrohe Bild passt nicht nur perfekt zum Titel „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“, sondern auch zu Langer’s positiver Lyrik, sowie ihren häufig gewählten Motiven aus der Natur: wie Vögel, Bäume, Pflanzen – aber auch durch die klaren Hell-Dunkel-Kontraste zum großen Thema „Licht und Schatten“.

Zum Weiterklicken:
Christine Langer ist 1966 in Ulm geboren und wird 2022 auch die künstlerische Leitung des Ulmer Lyriksommers übernehmen. Auf der Homepage der Autorin gibt es mehr über ihre Biografie, ihre Veröffentlichungen und Auszeichnungen nachzulesen.

Zum Weiterlesen:
Christine Langer hat bereits mehrere Lyrikbände veröffentlicht – unter anderem mit den schönen Titeln „Lichtrisse“, „Findelgesichter“ oder „Körperalphabet“ – besonders angetan hat es mir jedoch der Titel „Jazz in den Wolken“ – da beginnt der Geist schon vorher zu tanzen.

Christine Langer, Jazz in den Wolken
Klöpfer & Meyer
ISBN: 978-3863510978

Vom Heimkommen und anderen Wundern

Bernadette Schoog hat mit „Marie kommt heim“ ein wunderbares Romandebüt über Mütter und Töchter verfasst, das unter die Haut geht und berührt. Zugleich gelingt ihr das Kunststück, zutiefst menschliche Charaktere und elementare Lebenssituationen zu beschreiben, die viele Leserinnen und Leser bereits selbst erlebt haben und die so jeder und jedem ganz individuell zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebensgeschichte bieten.

Die Autorin, die bisher als Dramaturgin, Fernsehmoderatorin und Autorin von Biografien gearbeitet hat, lässt ihren reichen Erfahrungsschatz und Teile ihrer persönlichen Familiengeschichte bzw. der ihrer Mutter in ihren ersten Roman einfließen. Man spürt bei der Lektüre, dass sie Menschen liebt, in ihrem Beruf genau hinsieht, sich auf die Menschen einlässt und dies drückt sich auch in der Liebe zu den Figuren in „Marie kommt heim“ aus. Der Roman ist reich an Lebenserfahrung und sehr fein komponiert.

Doch bevor ich weiter ins Schwärmen gerate: Worum geht’s im Roman?
Marie ist eine Frau in ihren Vierzigern und hat vor vielen Jahren die beklemmende Enge ihrer Heimatstadt verlassen und ihr Glück fernab des kleinen Wallfahrtsortes gesucht, in dem sie aufgewachsen ist. Auch zu ihrer Mutter hatte sie wenig Kontakt.

„Hier fühlte sie sich gefangen, drangsaliert, kontrolliert und in ihrer Persönlichkeit beschnitten. Fast körperlich spürte sie die Enge dieser kleinen Stadt, in der man vertrocknete, am Aufblühen gehindert wurde.“

(S.69)

Doch als sie plötzlich einen Anruf aus dem Pflegeheim erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, fährt sie zurück in ihren Heimatort, um sich zu verabschieden. Für Marie wird dies zur intensiven und emotionalen Reise in die Vergangenheit, zurück in die Familiengeschichte und zu ihren Wurzeln. Letztlich lernt sie nicht nur viel über sich selbst, sondern lernt auch ihre Mutter, zu der sie stets ein schwieriges Verhältnis hatte, noch einmal von einer völlig neuen Seite kennen.

„Sie verspürte das tiefe Bedürfnis, Frieden zu schließen, mit der Mutter, mit sich selbst, mit diesem Lebensabschnitt. Deshalb war sie doch eigentlich hergekommen.“

(S.83)

Marie war stets ein Papa-Kind, der frühe Tod des geliebten Vaters war traumatisierend. Die strenggläubige, konservative Mutter, die nur bei Besuchen des Bruders bzw. Marie’s Onkel aufzutauen scheint, der als katholischer Priester in Brasilien als Missionar arbeitet, zieht Marie alleine groß.

Die „Muhme Angst“, die Marie als geradezu physische Gestalt erlebt, die immer wieder von ihr Besitz ergreift und die versucht, sich ihres Lebens zu bemächtigen, das Kellnern im kleinen Café des Wallfahrtsorts, um sich das Taschengeld aufzubessern, Jugendsünden und Kindheitserinnerungen, die Auseinandersetzungen mit der Mutter – all dies kommt wieder hoch, als Marie nach Hause fährt, um Abschied zu nehmen. Ein Schlüsselmoment, der das Schloss zur Vergangenheit und der Familiengeschichte öffnet und sie dazu bringt, ihr bisheriges Leben Revue passieren zu lassen.

Gleichsam im letztmöglichen Moment möchte Marie zum ersten Mal wirklich mehr über ihre Mutter erfahren, sie verstehen und das letzte Stück des Weges gemeinsam mit ihr gehen. Eine Kiste mit alten Dokumenten und Briefen der Mutter öffnet ihr die Augen und wirft völlig neues Licht auf ihre Familiengeschichte.

Bernadette Schoog hat ein scharfes Auge und ein feines Händchen für stimmige Details. Ihre Sprache ist überaus sinnlich und sehr ausdrucksstark, so dass die Lektüre zum intensiven Leseerlebnis für alle Sinne wird: man riecht den Weihrauch, man hört die Glocken läuten, lauscht dem Gemurmel der Rosenkranz betenden Pilger, sieht die kitschigen Devotionalien in den vollgestopften Läden und die brennenden Kerzen in der Kapelle – man ist mittendrin in diesem Mikrokosmos Wallfahrtsort. Gleiches gilt für die bedrückende Atmosphäre im Pflegeheim oder auch dem konservativen Haushalt, der Marie’s Kindheit prägte. Die Schilderungen sind so lebensecht, dass man selbst meint, mit Marie beim Besuch der Tante im „ächzende(n) Doppelbett aus dunklem Holz, auf dem sich wie eine riesige Portion Sahne die schweren, weißen Bettdecken wölbten“ (S.56) zu liegen.

Der Roman ist ehrlich, intelligent und selbstkritisch – die Autorin beschönigt nichts, denn auch im richtigen Leben gibt es schwere Situationen zu bestehen. Es ist nicht alles rosarot. Das Leben ist nicht nur Zuckerschlecken und die Muhme Angst versucht immer wieder die Macht zu erlangen und Besitz zu ergreifen.

„Vielleicht hatte sie sich ihre Vergangenheit auch nur ein bisschen schöner gemalt, als sie es in der Realität gewesen war, oder andersherum: Die vermeintlich pädagogisch wertvollen Elemente wurden weitergegeben, der Rest blieb im Nebel.“

(S.122)

Schoog schildert auch schmerzhafte Szenen auf bewegende Art und Weise, jedoch ohne jede Effekthascherei. Vermutlich gehen gerade auch deshalb die Schicksalsschläge in Marie’s Leben beim Lesen besonders unter die Haut: der Tod des Vaters, eine versuchte Vergewaltigung, gescheiterte Beziehungen, die im Sterben liegende Mutter.

Und doch bietet der Roman auch viel Licht und Hoffnung und hat etwas Versöhnliches. Es gibt Heilung für die Wunden und Narben, die das Leben hinterlässt, und nach Abstand und Distanz kann auch eine besondere Nähe entstehen. Die Erkenntnisse der Gegenwart lassen einen auch die Vergangenheit besser verstehen.

„Hätte man an der Fassade gekratzt, den groben Putz mit einem Spatel beiseite gefegt, hätte sich eine mit weichen Pinselstrichen gezeichnete sinnliche, lebensfrohe Frau herausgeschält. Elsje. Aber Elsje durfte es nicht mehr geben, aus ihr war Elisabeth geworden.“

(S.129)

„Marie kommt heim“ ist ein einfühlsames, kluges, zutiefst menschliches und sehr berührendes Buch über das Abschiednehmen, über Mütter und Töchter und auch über die Lücke, die oft zwischen der Wahrnehmung durch die eigenen Kinder und dem tatsächlichen Charakter bzw. der Persönlichkeit der Menschen klafft, die doch mehr sind als „nur“ die Eltern ihrer Kinder.

Ein gefühlvolles, unvergessliches Buch über zwei Frauenleben, über das Heimkommen, das Ankommen und die großen und kleinen Wunder des Lebens auf der Suche nach der eigenen Identität und den familiären Wurzeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernadette Schoog, Marie kommt heim
Kröner
ISBN: 978-3-520-76301-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Bernadette Schoog’s „Marie kommt heim“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch nimmt uns Bernadette Schoog mit auf eine Zeitreise: da wird berichtet von ausgelassenen Gesellschaften bei „Schnittchen“, „Käseigel“ und „Liebfrauenmilch“ (S.14/15), wenn die Mutter Gäste bewirtete. Marie hingegen gönnt sich bei ihrer Heimkehr statt Party-Häppchen eher traditionelle Hausmannskost:

„(…) und entschied sich für einen Klassiker dieser Region, einen Uitsmijter, wie man ihn hier nannte, einen sogenannten Strammen Max, und dazu ein Pils. Ein sehr niederrheinisches Essen.“

(S.203)

Für einen Besuch oder eine Wallfahrt:
Bernadette Schoog, die derzeit in Speyer lebt, ist in Kevelaer geboren, einem berühmten Marienwallfahrtsort am Niederrhein, d.h. die Parallelen zum Wallfahrtsort Josefsburg – dem Schauplatz des Romans – kommen sicherlich nicht von ungefähr und basieren auf autobiografischen Erfahrungen der Autorin.
Mich erinnerten die Schilderungen des Wallfahrtsstädtchens sehr an das oberbayerische Altötting – das klassische Wallfahrtsziel Landshuter Pilger.

Zum Weiterklicken:
Bernadette Schoog hat dem SWR ein kurzes Interview gegeben, in dem sie ein wenig zur Entstehung und der Idee des Romans erzählt. Erst Corona gab ihr den Freiraum und die Zeit, diese bereits langgehegte Idee in die Tat umzusetzen.

Zum Weiterhören:
Musikalisch ist auch eine ordentliche Bandbreite in Marie’s Leben geboten: Von Umberto Tozzi’s „italienischen Schnulzen“, die in Dauerschleife das Pilgercafé beschallen, in welchem sich die junge Marie ihr Taschengeld aufbessert, über Jaques Brel’s „Ne me quitte pas“, das seine verführerische Wirkung entfaltet bis zum Supertramp-Hit „School“.

Zum Weiterlesen:
Auch in Sibylle Schleicher’s einfühlsamen Roman „Die Puppenspielerin“, den ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, geht es um das Abschiednehmen von einer nahen Angehörigen. Allerdings geht hier die geliebte Zwillingsschwester vor der Zeit. Ein ebenso berührendes Buch:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

Wenn die Chemie stimmt

Ich gebe zu: Chemie war nicht mein Lieblingsfach in der Schule und das meiste habe ich bereits vergessen, aber in Bonnie Garmus’ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ durfte ich mit Elizabeth Zott eine Romanheldin kennenlernen, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Und keine Angst! Man kommt auch ohne chemisches Wissen sehr gut durch diese Lektüre.

1961 – Die Welt ist noch nicht wirklich reif für Frauen in der Wissenschaft und doch wünscht sich Elizabeth Zott nichts sehnlicher, als eine Karriere als Chemikerin in der Forschung zu machen. Kaum einer traut ihr das zu und die meisten Kollegen nehmen sie nicht ernst, bis sie auf Calvin Evans trifft. Er ist der unangefochtene und exzentrische Star des Instituts und Nobelpreiskandidat, der gesellschaftlich eher ein Außenseiter ist und seine eigenen Wege geht. Doch als er buchstäblich auf Elizabeth stößt, knistert es sofort – zwei verwandte Seelen haben sich gefunden.

Ein schwerer Schicksalsschlag stellt Elizabeth jedoch vor die größte Herausforderung ihres Lebens und zwingt sie, ihren Traum von der Wissenschaftskarriere aufzugeben. Als alleinerziehende Mutter nimmt sie, um den Lebensunterhalt für ihre Tochter Madeline und sich zu verdienen, das überraschende Angebot an, Fernsehmoderatorin der konservativen Kochshow „Essen um sechs“ zu werden.
Doch Elizabeth wäre nicht Elizabeth, würde sie der Sendung nicht ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken. Der Sender würde sie am liebsten feuern, doch das Publikum liebt sie. Was als Lückenfüller im Programm gedacht war, entwickelt sich zum brandheißen Geheimtip und Elizabeth inspiriert die Zuschauerinnen dazu, ihr Leben zu verändern.

„Kochen ist eine seriöse Wissenschaft. Im Grunde ist es Chemie.“

(S.60)

Bonnie Garmus hatte mich schon nach dem Vorwort verzaubert und mir war schnell klar, dass diese Elizabeth Zott eine Heldin sein wird, der ich wie gebannt folgen würde. Eine starke, rebellische, kluge, intelligente Frau, die für ihre Rechte und ihr selbstbestimmtes Leben kämpft und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Und doch war das jetzt ihr Leben, eine alleinstehende Mutter, die leitende Wissenschaftlerin bei dem wohl unwissenschaftlichsten Experiment aller Zeiten: das Großziehen eines anderen Menschen. Jeden Tag empfand sie die Mutterschaft wie einen Test, für den sie nicht gelernt hatte. Die Fragen waren beängstigend, und es gab nicht annähernd genug Lösungsvorschläge.“

(S.197)

Und auch wenn sie Selbstzweifel plagen und das Leben ihr schwere Prüfungen auferlegt, verliert sie nicht den Mut und kämpft. Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung ihrer Tochter Madeline erhält sie von Nachbarsfrau Harriet, die sich als wahrer Engel entpuppt und aufblüht, als ihr Leben wieder einen Sinn bekommt. Denn so kann sie der beklemmenden Enge ihrer unglücklichen Ehe zumindest stundenweise entfliehen. Und auch Tochter Madeline ist etwas Besonderes, denn sie hat die Intelligenz und Begabung ihrer Mutter geerbt. Sie fordert und will gefordert werden.

„Denn während musikalische Wunderkinder stets bejubelt werden, ist das bei frühen Lesern nicht der Fall. Weil frühe Leser nämlich bloß in etwas gut sind, in dem andere irgendwann auch gut sein werden. Deshalb ist es nichts Besonderes, darin die Erste zu sein – es ist bloß nervig.“

(S.8)

Und es sind genau diese wunderbaren, sympathischen Figuren, die für mich die ganz große Stärke des Romans ausmachen. Man muss diese Charaktere einfach lieben und lacht, weint, leidet und freut sich mit ihnen.
Wenn rationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Gefühle dazwischen kommen, dann wird es kompliziert und man beobachtet als Leser, wie sie scheitern, Wesentliches verschweigen oder verheimlichen und aus gut gemeinten Gründen dem Abgrund entgegen steuern.

Die Lektüre ist zugleich auf kluge Weise witzig-amüsant, aber auch zutiefst berührend. Freud und Leid liegen nahe beieinander – wie im richtigen Leben eben.
Viele Szenen machen wütend und im nächsten Moment auch dankbar, dass die Frauengeneration der Fünfziger und Sechziger Jahre so manche – wenn auch nicht alle – Kämpfe für die Nachfolgegeneration ausgefochten hat.

„Man sollte meinen, dass die Dummen früher wegsterben“, fuhr Elizabeth fort. „Doch Darwin hat nicht berücksichtigt, dass die Dummen nur selten vergessen zu essen.“

(S.352)

Bonnie Garmus, die viele Jahre als Kreativdirektorin gearbeitet hat, hat ein inspirierendes und starkes Debüt über Emanzipation, intelligente Frauen sowie den Kampf um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung verfasst.

Schon nach wenigen Seiten ist man dem Sog der Geschichte und der grandiosen Hauptfigur verfallen und möchte das Buch gar nicht mehr weglegen.
Es gibt also viele gute Gründe, diesen großartigen Roman zu lesen und falls Ihr noch einen braucht: Ihr müsst unbedingt Halbsieben kennenlernen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Piper
ISBN: 978-3-492-07109-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Eine Frage der Chemie“:

Für den Gaumen:
Elizabeth’s Art zu kochen ist unkonventionell, aber sie versteht es, auf ihre ganz eigene Art und Weise gesunde und schmackhafte Kost zuzubereiten – und natürlich gibt es in einem Buch, das die Moderatorin einer Kochshow zur Heldin hat, auch kulinarische Anregungen, zum Beispiel: „Hähnchen Parmigiana. Kartoffelgratin. Irgendein Salat.“ (S.57)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Ein Theaterbesuch der Operette „Der Mikado“ von Gilbert und Sullivan wird zum Schlüsselerlebnis für Elizabeth Zott. Zwar kann sie der Inszenierung an diesem Abend nicht viel abgewinnen und doch wird dieser ihr Leben entscheidend verändern.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mir das Hirn zermartert, ob ich schon einmal einen Roman gelesen habe, der mit Chemie zu tun hatte. Aber mir ist ehrlich gesagt keiner eingefallen. Aber wer literarisch gerne in den Sechziger Jahren bleiben möchte und nach „Eine Frage der Chemie“, der 1961 angesiedelt ist, mit dem Jahr 1962 weitermachen möchte, dem kann ich Steffen Kopetzky’s Roman „Monschau“ wirklich sehr empfehlen. Er zählte zu meinen Lesehighlights im vergangenen Jahr 2021 und erzählt eine feine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Pockenausbruchs in der Eifel.

Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

Märzbowle 2022 – Eskapismus und Saharastaub

Der März hatte wettertechnisch nicht nur Saharastaub, sondern vor allem auch viele sonnige Tage zu bieten, was vom Weltgeschehen leider nicht behauptet werden konnte. Eskapismus (laut Wikipedia: auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, bezeichnet die Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit) in Form von kulturellen Erlebnissen oder Lektüren bleibt daher weiterhin eine Möglichkeit, um sich zumindest zeitweise abzulenken oder mit Positivem zu beschäftigen.

Auch wenn nicht alle geplanten Theaterbesuche diesen Monat wie gewünscht stattfinden konnten (leider musste die von mir heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“ in Landshut aufgrund einer Erkrankung im Ensemble abgesagt werden), habe ich es doch Ende des Monats immerhin zu einem sehr schönen Opernbesuch im Landestheater Niederbayern geschafft: Gaetano Donizetti’s Belcanto-Oper „Roberto Devereux“ – tolle Stimmen, eine wunderbare, stimmige Inszenierung und grandiose Musik. Ganz große Oper, die mich wirklich begeistert hat.

Auch das schöne und umfangreiche Streamingangebot des Literaturhauses München habe ich diesen Monat endlich einmal genutzt: Unter dem Titel „Hannah Arendt & Rahel Varnhagen“ gab es einen hochinteressanten Abend über die beiden Frauen – Hannah Arendt bezeichnete Rahel Varnhagen als ihre beste Freundin, die leider seit 100 Jahren tot sei. Eine Veranstaltung im Begleitprogramm der aktuell laufenden Hannah Arendt-Ausstellung „Das Wagnis der Öffentlichkeit“, die noch bis 24.04.22 im Literaturhaus München zu sehen ist. Liliane Weissberg (Professorin für Literatur an der University of Pennsylvania und Rahel Varnhagen-Experin) referierte und Sibylle Canonica – renommierte Schauspielerin am Münchner Residenztheater – las Stellen aus dem Werk Rahel Varnhagen’s und aus Hannah Arendt’s Biografie „Rahel Varnhagen – Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“.

Sehenswert war diesen Monat der Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“ mit Edgar Selge (sein Roman „Hast du uns endlich gefunden“ steht auch noch auf meiner Wunschliste) als Erich Honecker. Großartige Schauspieler und ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel der deutschen Geschichte – für mich ein gelungener, interessanter Fernsehabend. Der Film ist noch bis zum 11.03.23 in der ZDF Mediathek verfügbar.

Der März war jedoch für mich vor allem ein richtiger Lese- und Schmökermonat. Denn statt Fernsehen und „Doomscrolling“ (wohl das neue Wort – oder Unwort? – des Monats) habe ich mich meist lieber in die Welt der Bücher zurückgezogen und bin literarisch auch ganz schön herumgekommen: Oslo, Paris, Griechenland, Triest, Sizilien, Sibirien, London, Elsass, Sylt … das ist normalerweise in einem Monat nicht zu schaffen.
Da einiges zusammengekommen ist, versuche ich, mich kurz zu fassen – die ausführlichen Rezensionen sind soweit vorhanden verlinkt (dieses Mal wird es mir wahrscheinlich nicht gelingen, alle noch in ausführlicher Form nachzuliefern, aber ein paar sind noch fest geplant):

Lene Therese Teigen’s Roman „Schatten der Erinnerung“ über Tulla Larsen, die Geliebte und Verlobte von Edvard Munch, war bewegende Literatur über eine Frau im Schatten eines großen Künstlers in einer toxischen Beziehung – anspruchsvoll, schmerzlich und traurig. Sehr lesens- und lohnenswert, aber keine leichte Kost.

Einer meiner Lieblinge diesen Monat war das wunderbare Buch „Das Herz von Paris“ der Autorin Veronika Peters. Einzutauchen ins intellektuelle, literarische Paris der Zwanziger Jahre und in Odéonia Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes sowie die legendäre Buchhandlung „Shakespeare and Company“ kennenzulernen war Balsam für die Seele.

Absolut kurzweilig und sehr amüsant war Stephen Fry’s „Mythos“ – seine Nacherzählung der griechischen Göttersagen ist so herrlich menschlich und urkomisch mit unwiderstehlichem britischen Witz erzählt, dass ich sie regelrecht verschlungen habe. Ein echter Glücksfall!

Very british ging es auch mit Marie Benedict’s neuem Roman „Mrs Agatha Christie“ weiter, in welchem sie nicht nur die Lebensgeschichte der Queen of Crime, sondern vor allem die mysteriösen elf Tage im November 1926 in den Mittelpunkt stellt, an welchen die Autorin verschwunden war und polizeilich gesucht wurde – ein ungeklärtes Mysterium bis heute.

Dann führte mich meine Reise weiter nach Bella Italia: Zunächst ins Triest des Jahres 1907 mit Günter Neuwirth’s „Caffè in Triest“ – dem zweiten Fall mit Inspector Bruno Zabini – K.u.K-Flair, Kaffeeduft, starke Frauen und ein Mord – eine stimmungsvolle Lektüre.

Eine opulente Familiensaga zwischen Sizilien und München bescherte mir Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“. Die Geschichte über einen Sizilianer, der in München sein Glück sucht und eine Familiendynastie begründet, schwankt zwischen Lebenslust und Melancholie, sizilianischer Zitronenplantage und Münchner Großmarkthalle – ein überbordendes, sinnliches Leseerlebnis.

Kulinarisch und märchenhaft ging es weiter ins schöne Elsass mit Julia Mattera’s „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“. Eine verspielte, zauberhafte Geschichte über einen introvertierten Koch, der lieber mit seinen Pflanzen als mit seinen Gästen spricht und sich plötzlich doch öffnet und dem Leben zuwendet. Ein modernes Märchen und eine Ode an regionale, bodenständige Küche.

Eine kurze, intensive Lektüre bot mir Katerina Poladjan’s Roman „Zukunftsmusik“, der auch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 nominiert war. Vier Generationen von Frauen in einer russischen Kommunalka und die Sehnsucht nach Veränderungen in einem Moment, als Verkrustetes aufzubrechen scheint. Monika Rinck bezeichnet das Werk als „Romanessenz“ – das trifft den Charakter des Werks wirklich gut aus meiner Sicht.

Ein wenig gehadert habe ich mit Nell Leyshon’s Roman „Ich, Ellyn“, denn mit dem Schreibstil hatte ich bei der Lektüre meine Probleme. Der Roman, der die Geschichte eines Mädchens aus einfachen Verhältnissen im England des 16. Jahrhunderts erzählt, das sich als Junge verkleidet, um an einer Singschule aufgenommen zu werden, beschreibt die Entwicklung des Mädchens und ihren unkonventionellen Weg zu Bildung. Dies bildet Leyshon auch im Schreibstil ab – so wird über weite Strecken in einer Sprache ohne jegliche grammatikalische Regeln, ohne Großbuchstaben und ohne Satzzeichen erzählt, bis sich gegen Ende des Romans die zunehmende Bildung des Mädchens auch in korrekten, vollständigen Sätzen mit Interpunktion widerspiegelt. Eine gute Geschichte, mit der ich jedoch sprachlich und stilistisch etwas gerungen habe.

Ziemlich zu Beginn meiner Kulturbowle habe ich „Ozelot und Friesennerz“ vorgestellt – die Geschichte einer Sylter Kindheit. Jetzt hat Susanne Matthiessen mit „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ die Fortsetzung in Form des Romans einer Sylter Jugend vorgelegt, die mir erneut Einblicke in die Sichtweise einer gebürtigen Insulanerin gewährt hat. Man erfährt viel über das Sylt der 80er, aber bekommt auch einen Eindruck der gespenstisch-schönen Atmosphäre, die während der Corona-Lockdowns auf Sylt herrschte, als die Insel für eine Zeit lang wieder ausschließlich den Einheimischen gehörte.

Zeit für Paris und Krimis boten meine beiden nächsten Lektüren:
Alex Lépic fünfter Fall „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, in welchem er seinen Commissaire Lacroix, der scherzhaft auch Maigret genannt wird, im Milieu der Bouquinistes ermitteln lässt und der mich dann gleich in die Stimmung für ein Original versetzt hat, so dass ich dann zu Georges Simenon „Maigret amüsiert sich“ gegriffen habe. In beiden Fällen Krimis, wie sie für mich sein sollen und mich bestens unterhalten haben – doppelter Krimi-Genuss!

Eine völlig andere Zutat in meiner Kulturbowle – doch gerade die Mischung macht ja den besonderen Reiz für mich aus – war sicherlich das neu erschienene Sachbuch des berühmten Baritons Christian Gerhaher „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“. Seine Gedanken zu seinem Liedrepertoire, zu Aufführungspraxis, gesanglichen Herausforderungen und all das in Verbindung mit persönlichen Assoziationen und biografischen Schlüsselszenen seiner Karriere eröffneten mir eine völlig neue Perspektive auf die Entstehung von Kunst und insbesondere die Kunst des Liedgesangs.

Und last but not least durfte ich noch eine tolle Romanheldin kennenlernen: die Chemikerin und Fernsehköchin Elizabeth Zott in Bonnie Garmus’ Roman „Eine Frage der Chemie“. Eine starke Frau Anfang der Sechziger Jahre, die um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung kämpft und kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich werde sie Euch bald näher vorstellen und Ihr werdet erfahren, was Chemie mit Kochen zu tun hat. Für mich ein fulminanter Abschluss eines wirklich starken Lesemonats.

Was bringt der April?
Am Landestheater Niederbayern steht Mitte des Monats die Premiere von Richard Wagner’s „Die Walküre“ auf dem Programm, die im März 2020 leider aufgrund des ersten Corona-Lockdowns ausgefallen ist. Jetzt also ein weiterer Anlauf zur Fortsetzung des Rings in Niederbayern – haltet bitte die Daumen, dass es jetzt endlich klappt!

Auf ARTE gibt es am 12. April (und anschließend in der Mediathek bis zum 17.06.22) eine 4-teilige Dokumentation über die „Geschichte des Antisemitismus“, welche die Zeit von 38 n. Chr. bis heute beleuchtet. Mich hatte letztes Jahr die Lektüre von Mirjam Pressler’s „Dunkles Gold“ sehr berührt, das sich diesem wichtigen Thema auf literarische Art nähert. Jetzt fundiert in dokumentarischer Form das Wissen wieder aufzufrischen, habe ich mir fest vorgenommen.

Vielleicht auch mal wieder eine Ausstellung besuchen… mal sehen, was sich ergibt. Und wie immer weiterlesen: für den April habe ich mir wieder ein paar sehr schöne Bücher vorgenommen und zurechtgelegt. Von Lyrik bis Krimi wird alles dabei sein – für Abwechslung ist also gesorgt und ich werde berichten.

Ich wünsche allen viel Kraft, Mut und Stärke und einen guten Start in den April! Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight März:

Diesen Monat habe ich ein neues Rezept aus dem ZEIT-Magazin ausprobiert. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo persönlich hatte eines seiner privaten Notfallrezepte verraten, wenn nicht mehr viel im Kühlschrank ist: „Besoffene Nudeln“ bzw. „Pasta und Primitivo“ Nudeln in Rotwein-Parmesan-Sauce. Schmeckt wirklich vorzüglich und hilft gegen Sorgen und schlechte Laune – oder wie Herr di Lorenzo es formuliert gegen „melancholische Anflüge“. Kann ich also wirklich empfehlen.

Musikalisches im März:
Mein musikalisches Glanzlicht diesen Monat war sicherlich die Oper „Roberto Devereux“ – wunderschöne Musik – unter anderem die großartige Bariton-Arie des Nottingham „Forse in quel cor sensibile“ oder die traumhafte Arie der Elisabetta „Ah! Ritorna qual ti spero“, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Der Einsiedler
Joseph von Eichendorff

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd’,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.