Songschreiber im Glück

Timon Karl Kaleyta, der bisher vorwiegend als Musiker, Songschreiber, Kolumnist und Drehbuchautor arbeitete, hat mit „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ jetzt seinen Debütroman vorgelegt. Er erzählt satirisch-bissig von einem jungen Mann, der sich selbst, seinen Platz und seine Aufgabe im Leben sucht – eine moderne Fassung des „Hans im Glück“ über einen, der sich durchs Leben laviert und versucht, den sozialen Aufstieg über Klassenschranken hinweg zu realisieren.

„Daheim mangelte es mir an nichts, nie litt ich Hunger oder anderes Leid, nie erfuhr ich auch nur irgendein erwähnenswertes Unrecht. Nein, jeder Tag kam im Grunde einer Verbesserung und nochmaligen Verbesserung des Vortages gleich, und hätte ich wählen müssen, kein Schicksal der Welt wäre mir lieber gewesen als mein eigenes.“

(S.12)

Der Ich-Erzähler, der zu Beginn des Romans die Oberstufe eines Gymnasiums einer Ruhrgebietsvorstadt besucht, ist behütet aufgewachsen. Das Leben meint es gut mit ihm, seine Eltern – beide Fabrikarbeiter – sind stolz auf ihren begabten Sohn und die Möglichkeiten, welche ihm offen stehen. Für ihn könnte am besten alles immer so weitergehen, doch im Jahr 1998 erleidet er seine erste kleine Niederlage und seine Weltanschauung wird in den Grundfesten erschüttert: Helmut Kohl verliert die Bundestagswahl und Gerhard Schröder zieht ins Kanzleramt ein. Da half leider auch der Ansteckbutton „Ich bin für Kohl!“ auf seinem Federmäppchen nichts.

Bei der Abiturfeier wünscht sich ein Lehrer, dass er irgendwann von ihm in der Zeitung lesen wird. Doch nach und nach merkt er, dass er noch keinerlei Plan für seine Zukunft hat. Eine Ausbildung machen? Nein, das kommt nicht in Frage. Studieren? Schon eher. Aber was? Unbedarft stolpert er an die Universität und muss ernüchternd feststellen, dass sein Notendurchschnitt für ein Medizinstudium und den gesellschaftlich prestigeträchtigen Beruf des Arztes nicht reicht. Also doch Geisteswissenschaften?

„Nun, da ich verstanden hatte, wie es im Leben lief, vor allem aber, weil ich unter keinen Umständen schon jetzt anfangen wollte, richtig zu arbeiten, war klar, dass mein weiterer Weg mich an die Universität führen würde.“

(S.46)

Die Geduld der Eltern wird über die Jahre auf eine harte Probe gestellt, denn ihr Sohn laviert sich weiterhin weitestgehend ziel- und mittellos durchs Leben und sie hätten sich das Leben ihres Sohnes doch anders vorgestellt – bodenständiger, geradliniger, zielstrebiger.
Und auch wenn ihm das Glück zwar zunächst immer wieder gewogen zu sein scheint, erleidet er doch auch immer wieder finanzielle und private Niederlagen.

Durch Zufall landet er neben seiner Universitätslaufbahn auch als Songschreiber und Sänger einer Band im Musikgeschäft – hochfliegende Träume, rauschhafte Konzerte, überzogene Hoffnungen und große Erwartungen stellen sich ein. Angetrieben von der Motivation, finanziell, wirtschaftlich und gesellschaftlich aufzusteigen und sich nicht in einen festgelegten, vorgegebenen Lebenslauf zu fügen, mogelt er sich weiter durchs Leben. Sein Professor rät ihm dazu, sich lieber eine reiche Frau zu suchen und dann läuft ihm doch tatsächlich eine erfolgreiche Zahnärztin über den Weg. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall…

Der Roman und die Stimmung des Ich-Erzählers schwankt stets zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Siege und Niederlagen wechseln sich ab und Impulse zu Veränderungen kommen tendenziell immer zufällig von außen – was unweigerlich an die Geschichte des naiven, unbedarften „Hans im Glück“ aus dem Märchen erinnert.

Die Beschreibung des Zeitgeists der späten Neunziger und frühen 2000er Jahre ist in meinen Augen die Stärke des Romans und die Charakterisierung einer Generation, die aus sicheren, wohlbehüteten und sorgenfreien Verhältnissen heraus nicht so recht weiß, was sie mit dem Leben anfangen soll, ist ebenfalls gut getroffen.

Das Buch liest sich frech, flüssig und schnell. Der letzte Funke wollte bei mir jedoch leider nicht so richtig überspringen, da es mir persönlich nicht immer gelungen ist, die satirisch-zynischen Überzeichnungen und die zunehmend unsympathisch-egozentrischen Züge der Hauptfigur auch immer wieder als solche einzuordnen und mir diese als stilistisch gewollt bewusst zu machen. Die Hauptfigur und seine „Lebenswirklichkeit“ war somit letztlich für mich schwer nachvollziehbar, bot für mich zu wenig Identifikationspotenzial und so blieb ich als Leser auf Distanz.

Ein Buch über einen Lebenskünstler und Schelm, der es faustdick hinter den Ohren hat, der gegen Klassenunterschiede rebelliert und dem das Glück zunächst zuzufliegen scheint, das ihn in ungeahnte Höhen katapultiert, um ihn dann um so tiefer fallen zu lassen. Ein Märchen unserer Zeit?

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Timon Karl Kaleyta, Die Geschichte eines einfachen Mannes
Piper
ISBN: 978-3-492-07046-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Geschichte eines einfachen Mannes“:

Für den Gaumen:
Die Kulinarik spielt im Roman keine herausragende Rolle, aber an einer Stelle gibt es einen gut gekühlten, österreichischen Grauburgunder – das passt ja auch gut zu den hoffentlich bald nahenden sommerlicheren Temperaturen.

Zum Weiterschauen:
Eine kleine Zeitreise gefällig? Der Roman beginnt im Jahr 1998 – schaut man sich die Oscar-Prämierungen dieses Jahres an, war zweifelsohne „Titanic“ mit 11 Oscars der große Abräumer – persönlich konnte ich aber damals mit den Filmen „Ganz oder gar nicht“ (Beste Filmmusik) und „Besser geht’s nicht“ (Beste Hauptdarstellerin Helen Hunt und bester Hauptdarsteller Jack Nicholson) mehr anfangen.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich stellenweise an Florian Illies’ „Generation Golf“ denken – auch wenn es zeitlich nicht exakt die Generation des Romanhelden trifft – das ich persönlich, als ich es vor vielen Jahren gelesen habe, in der Schilderung des Zeitgeists der 80er und 90er Jahre wirklich sehr treffend fand und mit großem Amüsement gelesen habe.

Florian Illies, Generation Golf
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-15065-6

Limoncellolaune

Obwohl die Ursprünge des bekannten Zitronenlikörs nicht ganz gewiss sind, ist Capri sicherlich ein heißer Kandidat, um sich die Erfindung des Limoncello auf die Fahnen schreiben zu können. In Luca Ventura’s neuem Krimi „Bittersüße Zitronen“ spielt das Getränk eine zentrale Rolle und so ermitteln Enrico Rizzi und Antonia Cirillo in ihrem zweiten Fall zwischen Zitronenhainen und Abfüllanlagen auf der wunderschönen Insel Capri am Golf von Neapel.

„Der Saftspritzer auf seinem Handrücken schmeckte bitter und gleichzeitig süß und hatte eine Fülle und ein Aroma, in dem der ganze Sommer des Jahres steckte.“

(S.144)

Als auf Capri in einer Gewitternacht eine junge Frau mit der Ape – dem uritalienischen dreirädrigen Transportfahrzeug – von der regennassen Fahrbahn abkommt und bei dem Unfall zu Tode kommt, wird schnell klar, dass es sich nicht um ein tragisches Unglück handelt, sondern dass die Bremsen des Fahrzeugs manipuliert wurden. Doch Elisa Constantini – Erbin eines Zitronenanbaubetriebs, den sie auf Bioanbau und Crowdfarming umstellen möchte – hatte sich die Ape nur geliehen. Galt der Anschlag also gar nicht ihr, sondern der Eigentümerin, der betagten Grande Dame des capresischen Limoncello-Geschäfts, die sich über die Jahre ein wahres Zitronenimperium aufgebaut hat und auf die qualitativ hochwertigen Zitronenlieferungen der Constantinis angewiesen ist?

Enrico Rizzi – der Einheimische und gebürtige Insulaner – beginnt gemeinsam mit seiner strafversetzten, norditalienischen, zupackenden Kollegin Antonia Cirillo zu ermitteln und schnell befinden sie sich in einem wahren Gewirr an Motiven und Verdächtigen. Denn im Laufe der Zeit kommen immer mehr fragwürdige Geschäfts- und Liebesbeziehungen ans Tageslicht.

Während der Lektüre erfährt man einiges über den Zitronenanbau und das für Capri wichtige und einträgliche Geschäft mit Limoncello, Zitronenkuchen, Marmelade und Co. Neben dem Tourismus ein bedeutender Wirtschaftszweig für die Region am Golf von Neapel, den Luca Ventura in den Mittelpunkt seines zweiten Capri-Krimis stellt und somit seiner Leserschaft unter anderem auch viele Aspekte wie den ökologischen Anbau der Zitrusfrüchte, das Konzept des Crowdfarming, die Situation der Erntehelfer und die Herstellung des Limoncello näherbringt.

Zudem kommt auch der Handlungsstrang um das Privatleben der beiden Ermittler nicht zu kurz und so erfährt man, dass sich Enrico Rizzi Sorgen um den zunehmend gebrechlich werdenden Vater macht, der die Gemüsegärten der Familie kaum noch bewirtschaften kann und immer mehr auf die Hilfe seines Sohnes angewiesen ist. Und auch Antonia leidet weiterhin aufgrund der räumlichen Trennung von ihrem Sohn, der beim Vater lebt und dort ohne sie immer erwachsener und unabhängiger wird. Ventura hat mit Rizzi und Cirillo zwei interessante Ermittlerpersönlichkeiten erschaffen, deren Geschichten noch nicht auserzählt sind und sicherlich noch Stoff für weitere Fälle bieten.

Da mir der erste Band der Reihe „Mitten im August“ bereits im letzten Jahr den ersten Lockdown literarisch versüßt und verkürzt hatte, war klar, dass ich jetzt auch den zweiten Fall mit Spannung und dem entsprechenden „Italien-Urlaubs-Fernweh“ freudig erwartet habe – und ich wurde nicht enttäuscht. Ein paar Stunden Abtauchen in einen stimmungsvollen Italien-Krimi mit Sonne, dem Meer, das in verschiedensten Blauschattierungen leuchtet, mediterraner Küche und einem kurzweiligen, klassischen Krimiplot, das ist für mich Entspannung und Balsam für die Seele und das gelingt in „Bittersüße Zitronen“ wirklich perfekt.

„Wo die Sonnenstrahlen hinreichten, leuchtete das Meer, türkisfarbene Flecken in einem tiefen Petrolblau (…)“

(S.38)

Italien-Fans und Freunde von Donna Leon oder Martin Walker werden auch an Luca Ventura ihre Freude haben, denn Enrico Rizzi ist geradezu die italienische, capresische Antwort auf Bruno – er ist verwurzelt, ein Familienmensch, kocht gerne, hilft seinem Vater im Garten, kennt die Insel und die Menschen wie seine Westentasche und muss die Frau fürs Leben erst noch von sich überzeugen.

Viel Lokalkolorit, italienisches Lebensgefühl und kulinarische Inspiration, dazu ein nicht übermäßig brutaler Kriminalfall und zwei lebensnahe, sympathische Ermittlerfiguren – Leserherz, was willst Du mehr?

Ein Buch wie ein entspannender Tag am Meer: sonnendurchflutet, erfrischend, gut gelaunt, kurzweilig und viel zu schnell vorbei.

Buchinformation:
Luca Ventura, Bittersüße Zitronen
Diogenes
ISBN: 978-3-257-30082-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Bittersüße Zitronen“:

Für den Gaumen:
Natürlich wäre ein Gläschen Limoncello di Capri die perfekte Ergänzung zu dieser Lektüre, um die „bittersüßen Zitronen“ selbst zu schmecken.
Auf meine Merkliste der interessanten und nachkochenswerten Gerichte ist bei der Lektüre aber vor allem auch Cianfotta (teils auch Ciambotta geschrieben) gewandert: ein Sommergemüseeintopf u.a. mit Auberginen und Kartoffeln.

Zum Weiterhören:
Wer aktuell zumindest musikalisch in mediterrane Urlaubsstimmung kommen möchte, dem kann ich das Album „Mare“ von Quadro Nuevo sehr ans Herz legen. Musik, die entspannt, sofort gute Laune zaubert und einen unmittelbar das Wellenrauschen und die Meeresbrise hören und spüren lässt.

Zum Weiterlesen oder besser vorher lesen:
Obwohl man „Bittersüße Zitronen“ auch unabhängig vom ersten Teil lesen kann, kann ich auch den ersten Band der Reihe „Mitten im August“, der letztes Jahr erschienen ist, unbedingt empfehlen – hier lernt man Enrico Rizzi und Antonia Cirillo kennen und schätzen und taucht ab ins tiefblaue Meer um die Insel und die Ozeanologie. Auch hier gilt: Urlaubsstimmung inklusive.

Luca Ventura, Mitten im August
Diogenes
ISBN: 978-3-257-30076-5

Schwebende Schwere

Britta Röder hat mit ihrem dritten Roman „Das Gewicht aller Dinge“ ein Buch geschrieben, das berührt, ein Loblied auf Mitmenschlichkeit und Liebe singt und dem Leser während der Lektüre einige Rätsel aufgibt, die es zu entschlüsseln gilt.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag – ein Paar verbringt einen wunderbaren, geradezu perfekten Urlaubstag in Siena und dem toskanischen Umland und kommt auf der nächtlichen Rückfahrt ins Hotel von der Straße ab. Der Aufprall endet für die Fahrerin des Wagens tödlich, während der Beifahrer nahezu unverletzt überlebt. Rolf wird sich lange nicht von diesem tragischen Schicksalsschlag und dem Verlust seiner Frau erholen.

Szenenwechsel – in Frankfurt erwacht eine junge Frau barfuß nur in ein leichtes Kleid gehüllt morgens auf einer Parkbank. Sie weiß nicht, wie sie heißt, woher sie kommt und wie sie auf diese Bank gekommen ist. Hat sie ihr Gedächtnis verloren?

Schon bald bekommt sie Hilfe angeboten, ein Dach über dem Kopf, etwas anzuziehen, zu essen und auch schnell einen Job in einer Putzkolonne vermittelt.

„Ihr Selbstmitleid verwandelte sich in Mitleid für das fremde Mädchen. Plötzlich war da ein Sinn, nach dem sie greifen konnte.“

(S.17)

Denn irgendwas sehen die Mitmenschen, die ihr begegnen in ihr, sie berührt sie tief im Inneren, sie erinnert sie an Familienmitglieder, Freunde, Bekannte. Sie ist eine gute Zuhörerin und selbst verschlossene Charaktere beginnen, sich ihr gegenüber zu öffnen, sie vertrauen ihr und schütten der mysteriösen Unbekannten ihr Herz aus. Doch es bleiben auch immer gewisse Zweifel. Wer ist diese Frau ohne Vergangenheit und ohne Erinnerungen? Und warum ist sie ein solches Sprachentalent? Sie spricht so viele Sprachen fließend, dass es schon fast unheimlich wird.

Dennoch holt sie so manchen aus seinem Schneckenhaus und erfährt von den teils tragischen Lebensgeschichten der Menschen, die ihr begegnen. Da ist Charlotte, die alte Dame, bei der sie als Zugehfrau arbeitet und die jede Woche sehnsüchtig darauf wartet, ihr weiter von ihrer großen, geheimen Liebe während des Zweiten Weltkriegs zu erzählen. Sie befreundet sich mit Anne, einer jungen Frau, die ihr ebenfalls ihr Vertrauen schenkt und sie trifft auf Rolf, den intelligenten, tieftraurigen Mann, der seine große Liebe bei einem schrecklichen Autounfall verloren hat. Nach und nach weckt sie in ihm neuen Lebensmut.

„Jemandem etwas Gutes tun, tat gut. Obwohl ihm diese Erkenntnis nicht neu war, verblüffte sie ihn dennoch. Denn er hatte sie völlig vergessen.“

(S.46)

Der Auftakt des Buches ist schmerzhaft, tragisch und derart intensiv, dass man sofort tief getroffen ist. Mit einem Kloß im Hals liest man weiter und ist gespannt, was da jetzt kommen wird. Britta Röder hat eine verschlungene, sinnliche und äußerst gefühlvolle Geschichte erzählt, welche wahrlich große Themen wie Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, Vertrauen, aber auch Tod, Trauer und Verlust in den Mittelpunkt stellt. Große Gefühle auf engstem Raum, die oft auch Luft für Interpretation lassen – vieles steht zwischen den Zeilen und erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Um dem Buch den Zauber nicht zu nehmen, möchte ich daher inhaltlich auch nicht zu viel preisgeben. Die knapp 200 Seiten lesen sich schnell und haben etwas Schwebendes, manchmal schwer zu Greifendes und Rätselhaftes.

Bis zum wahrlich verblüffenden Ende – das natürlich nicht verraten wird – begleitet der Leser die junge Frau auf ihrem Weg in die Gesellschaft und auf der Suche nach sich selbst und ihrer Vergangenheit – eine Geschichte voller Fragen, auf die man gemeinsam mit ihr Antworten sucht.

Wer auf knallharte Daten, Fakten und Realismus steht und sich nicht gerne auf eine fantasievolle Erzählung einlässt, wird hier nicht glücklich werden, aber andere halten ein kleines Buch in Händen, das vor allem auch davon erzählt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Grössenwahn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Britta Röder, Das Gewicht aller Dinge
Grössenwahn Verlag
ISBN: 978-3-957712-87-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Gewicht aller Dinge“:

Für den Gaumen:
Gleich zu Beginn des Romans speist ein glückliches Paar in einer italienischen Trattoria in der Nähe von Siena. Es gibt Oliven, Käse und frisches Brot (…) verschiedene Pasta-Gerichte, Fleisch und Gebäck, bis ihre Sinne völlig erschöpft sind.“ (S.3) Na, wenn man da nicht sofort Appetit bekommt auf ein italienisches Schlemmerabendessen.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Opernbesuch:
Im Roman spielt ein Opernbesuch eine entscheidende Rolle, welcher der Geschichte eine neue Wendung gibt – auf dem Spielplan steht die wunderbare Oper „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird Joachim Ringelnatz zitiert (das Gedicht „Kniehang“, das mit der Zeile „Ich wollte, ich wär eine Fledermaus“ beginnt) – vielleicht eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal ein paar seiner Gedichte zu Gemüte zu führen.

Joachim Ringelnatz, Sämtliche Gedichte
Herausgegeben von Walter Pape
Diogenes
ISBN: 3257234678

Sommererinnerungen

Rumer Godden’s „The Greengage Summer“ aus dem Jahr 1958, das jetzt als „Unser Sommer im Mirabellengarten“ in deutscher Übersetzung bei Oktopus (Kampa) erschienen ist, ist das perfekte Buch, um sich auf den Sommer einzustimmen, der hoffentlich doch irgendwann kommen wird. Es ist sonnenverwöhnt, raffiniert, atmosphärisch und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise nach Frankreich. Ein Buch, das mich ins Schwärmen bringt.

„Vielleicht war es dieser erste Anblick, der in mir für immer den Eindruck hinterließ, dass der Garten von Les Œillets so grün, so grün und golden war wie die ganze Landschaft an der Marne, die sich jenseits der Stadt und entlang des Flusses meilenweit über die Champagner-Weinberge erstreckte.“

(S.47)

Eine britische Familie – der Vater ist Botanist und Forscher und nur alle drei Jahre auf Heimatbesuch, so dass die fünf Kinder im Abstand jener drei Jahre zur Welt gekommen, meist alleine bei der Mutter in einfachen Verhältnissen aufwachsen. Als diese entscheidet, den Kindern die Soldatengräber und Gedenkstätten des Weltkriegs in Frankreich zu zeigen, beginnt ihre erste, aufregende Reise und ein Sommer, den sie nicht mehr vergessen werden.

Denn schon auf der strapaziösen Anreise erkrankt die Mutter schwer und die fünf Kinder, voran die 16-jährige Joss, die 13-jährige Ich-Erzählerin Cecil und die jüngeren Schwestern Hester, Vicky sowie der einzige Sohn Willy müssen sich in einer fremden Sprache und einer ungewohnten Umgebung allein durchschlagen. Im Hotel Les Œillets (zu deutsch: Die Nelken) in der Champagne angekommen stoßen sie bei der Eigentümerin Mademoiselle Zizi und der Hausdame Madame Corbet zunächst nicht auf große Gegenliebe. Fünf Kinder ohne Aufsicht in einem Hotel, eine kranke Mutter, um die man sich kümmern muss – da trifft es sich günstig, dass sich der englisch sprechende Hotelgast Eliot für sie einsetzt und sich ihrer annimmt. Für die Kinder beginnt eine unvergessliche Zeit – ein Ausnahmezustand in jeglicher Beziehung, d.h. ohne Aufsicht, in Sorge um die kranke Mutter in einem fremden Land und zum ersten Mal in einem Hotel auf sich allein gestellt. So verändern bzw. entwickeln sie sich und jeder der fünf wächst auf seine Art. Einschneidende Erlebnisse und gerade für die beiden größeren Mädchen Joss und Cecil prägende Momente in ihrem Leben, die sich in diesem Sommer ereignen. Denn schon bald verdreht Joss den Männern den Kopf und als auch Eliot ein Auge auf sie wirft, ist der Konflikt mit der Hotelbesitzerin Mademoiselle Zizi, die dem charismatischen und geheimnisvollen Gast ebenfalls verfallen ist, vorprogrammiert.

Der Roman ist in einer klingenden, melodiösen Sprache verfasst, in der ich richtig schwelgen konnte – hier sei explizit auch die wunderbare Übersetzung von Elisabeth Pohr erwähnt, welche die Sommeratmosphäre, die Natur und die Stimmung im Hotel ausgezeichnet eingefangen und den richtigen Ton getroffen hat.

Godden hat ein feines Auge für Details und ihre Schilderungen des üppigen, sommerlichen Obstgartens mit den Bäumen voll reifer Mirabellen, die Geschäftigkeit im Hotel – das Geschirrgeklapper des Küchenchefs Monsieur Armand und die feinen Speisen bei den abendlichen Diners – all das ergibt ein sinnliches, intensives Leseerlebnis, das den Sommer eindrücklich spürbar macht. Sofort sehnt man sich nach diesen langen, sonnigen, heißen und faulen Urlaubstagen in südlichen Gefilden und dem süßen Nichtstun in einem schönen Hotel. Doch schnell merkt man auch, wie sich die Stimmung nach und nach aufheizt, sich Konflikte aufbauen und die Lage wie vor einem heftigen Sommergewitter zunehmend bedrohlich wird, bevor es sich mit geballter Energie entlädt.

Die Figuren sind so lebendig und authentisch gezeichnet, dass man sie geradezu vor Augen sieht. Charaktere, die einem ans Herz wachsen und mit denen man lacht und leidet. Die fünf Kinder, Eliot, aber auch das Hotelpersonal sind so stimmig beschrieben und auch die Dialoge so lebensecht, dass es es eine wahre Freude ist. Mir persönlich hat auch die humorvolle Seite des Romans gefallen und die Szenen, in welcher die kleine Hester in einer kindlichen Direktheit entwaffnend ehrlich die Wahrheit ausspricht, sind wirklich köstlich.

„ ,Ihr Gesicht besteht hauptsächlich aus Puder’, sagte Hester.“

(S.98)

Das Buch ist wunderschön, hochwertig aufgemacht mit farbigem Vorsatzpapier, einem Lesebändchen und den stilisierten leuchtend gelben Mirabellen auf dem Umschlag, und so ist es auch ein optisches Vergnügen, das einem den Sommer in die Hände zaubert.

Eine schöne Wiederentdeckung der englischen Schriftstellerin Rumer Godden (1907-1998), die zunächst lange in Indien lebte, wo sie eine Ballettschule leitete und sich ab 1949 in Großbritannien niederließ. Beide Lebenswelten flossen in die mehr als 60 Bücher ein, welche sie im Laufe ihres Lebens verfasste und die sehr erfolgreich waren.

Ein fesselnder, geistreicher Roman über das Erwachsenwerden, zwischenmenschliche Beziehungen und einen Sommer, den man nicht mehr vergessen wird. Ein perfektes, lichtdurchflutetes Sommerbuch, das in zeitlos schöner Sprache spannende und genussvolle Lesestunden beschert und das ich wärmstens empfehlen kann.

„Wir hatten das Gefühl, auf unserem Lebensweg ein oder zwei Schritte zurückgegangen zu sein, wir waren wieder Kinder, und das war befreiend.“

(S.208)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Rumer Godden, Unser Sommer im Mirabellengarten
Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr
Oktopus / Kampa
ISBN: 978 3 311 30010 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Unser Sommer im Mirabellengarten“:

Für den Gaumen:
Ein Buch, das in der Champagne spielt, kommt natürlich auch nicht ohne Champagner aus. Interessant fand ich die Anekdote, die beschreibt, dass es wohl Brauch ist, „wenn eine junge Dame zum ersten Mal Champagner kostet“ (S.171), den Korken zu nehmen, ihn zu befeuchten und die Dame hinter den Ohren damit zu betupfen. Danach muss sie dann den Korken für immer aufbewahren. Tja, das habe ich wohl schon übersehen. Schön finde ich aber auch das Zitat „Kommt schnell – ich trinke Sterne“, das dem Mönch Dom Pierre Pérignon im 17. Jahrhundert zugeschrieben wird, als er vom Champagner kostete.

Zum Weiterschauen:
Es gibt eine britische Verfilmung des Romans aus dem Jahre 1961, die ich allerdings nicht kenne: „Es geschah in diesem Sommer“.
Aber wie immer würde ich ohnehin jedem empfehlen, sich den Lesegenuss und die Spannung nicht nehmen zu lassen und definitiv zuerst das Buch zu lesen, bevor man sich die Verfilmung ansieht.

Zum Weiterlesen:
Wer gerne Romane liest, die ein Hotel als Schauplatz haben und vielleicht statt dem sommerlichen Frankreich lieber zu nördlicheren Gefilden tendiert, dem kann ich einen weiteren Roman empfehlen. Auch hier steht eine jugendliche Hauptperson im Zentrum – in diesem Fall der Junge Sedd, der in einem etwas in die Jahre gekommenen Berghotel im norwegischen Fjell allerdings nicht als Gast, sondern als Enkel der Eigentümer aufwächst und einiges über das Hotelfach und das Leben lernt.

Erik Fosnes Hansen, Ein Hummerleben
Übersetzt von: Hinrich Schmidt-Henkel
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05007-3

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2

Reif für die Hallig

So mancher träumt sich momentan an Sehnsuchtsorte und wünscht sich wieder einmal, das Meer, die Wellen und eine herrliche Landschaft genießen zu können. Ein solcher, außergewöhnlich schöner Landstrich, der sicher für viele zu diesen Sehnsuchtsorten zählt, ist die Nordsee und das Wattenmeer, die zudem mit den zehn Halligen, die zum UNESCO-Weltnaturerbe zählen, mit einer weltweit einzigartigen Besonderheit aufwarten. Laut Wikipedia sind Halligen „kleine, nicht oder nur wenig geschützte Marschinseln vor den Küsten, die bei Sturmfluten überschwemmt werden können.“

Literarisch hat Theodor Storm (1817-1888) mit seiner Novelle „Eine Halligfahrt“ dieser Landschaft bereits 1871 ein Denkmal gesetzt. Eine melancholische Liebesgeschichte, die den Ausflug zweier junger Liebender auf eine Hallig zum Thema hat.

Heutzutage wird diese Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft oder einem Ort literarisch oft durch ein anderes Genre bedient: den Regionalkrimi, der es dem Urlauber ermöglicht, sich entweder vor dem Urlaub bereits lesend einzustimmen oder auch nach einem solchen ein Lektüre-Souvenir mit nach Hause zu bringen, um nochmal in Urlaubserinnerungen zu schwelgen.

Vor kurzem ist jetzt auch ein „Krimi von den Halligen“ erschienen:
Günter Wendt hat sich jedoch für seinen Hallig-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ bewusst dafür entschieden, einer neuen „fiktiven“ Hallig namens Grienoog das Leben zu schenken, um zu vermeiden, dass jedes Haus und jeder Schauplatz eindeutig der überschaubaren, realen Welt auf den zehn Nordsee-Halligen zugeordnet werden kann. Schließlich ist das reale Leben dort sicher friedlicher als in seinem Krimi. Die Wortschöpfung Grienoog stammt aus dem Friesischen und bedeutet „Grüne Insel“.

Wie man bereits am Titel „Die letzte Fähre ging um fünf“ erahnen kann, handelt es sich im weitesten Sinne um einen Kriminalroman, der an einem abgeschlossenen Ort (in diesem Fall die Hallig) eine überschaubare Anzahl an in Frage kommenden Verdächtigen aufweist, die sich aufgrund der Wettersituation und der fehlenden Fährverbindung auch nicht mehr vom Tatort entfernen können. Ein klassisches Set-up, das dem erfahrenen Krimileser immer wieder einmal begegnet.

„Er liebte Unwetter. Da merkt man doch erst, dass man lebt, sagte er immer, wenn sich jemand über schlechtes Wetter beschwert.“

(S.29)

Auf Grienoog braut sich ein gehöriger Sturm zusammen und der Wetterbericht sagt sogar einen Hurrikan vorher, der die Ruhe auf der Hallig für die Urlauber empfindlich stören wird. Dabei wollte Kommissar Kollerup aus Husum (auch Kolle genannt) einfach nur ein paar ruhige Urlaubstage im Hotel „Deichvogt“ verbringen und sich entspannen. Daraus wird jedoch nichts, als plötzlich während das Unwetter über die Hallig zieht, der örtliche Wattführer während des Abendessens vor dem Fenster des Lokals und somit gleichsam auf dem Präsentierteller vor den Augen sämtlicher Gäste tot zusammenbricht.

Der Sturm hat die Verbindung zur Außenwelt vorübergehend gekappt und so muss Kolle zunächst auf sich allein gestellt und lediglich mit der Hilfe des schrulligen Hallig-Unikums und Malers Onne ermitteln. Schnell stellt sich heraus, dass der Wattführer keines natürlichen Todes gestorben ist und einige Hotelgäste und Bewohner etwas zu verbergen sowie durchaus ein Motiv für die Tat hatten. Denn der Wattführer hatte sich vor seinem gewaltsamen Tod einige Feinde gemacht.

Wendt hat mit „Die letzte Fähre ging um fünf“ einen typischen Regionalkrimi geschrieben und somit jetzt auch die friesischen Halligen bespielt. Der Lokalkolorit, die landschaftlichen Besonderheiten und die vorherrschenden Themen wie Windkraftanlagen, das Wattführergeschäft und der Tourismus, der nicht immer unbedingt im Einklang mit der Natur und dem Umweltschutz steht, stehen klar im Vordergrund.

Stellenweise verwendet Wendt auch ein gehöriges Portion Selbstironie, indem er gängige Klischees bedient:

„Das da hinten ist unsere Attraktion. Die Kapelle ist über 300 Jahre alt. Davor das nächste Highlight: unsere Schafe.“

(S.47)

Sprachlich hätte ich mir persönlich an der einen oder anderen Stelle etwas weniger Fluchen und Schimpfen und dafür statt umgangssprachlicher Flapsigkeit noch etwas mehr nordische Raffinesse gewünscht.

Im Anhang des Buches erläutert Wendt einige Begriffe und Besonderheiten der nordfriesischen Küste und Hallig-Urlauber oder Leser, die „reif für die Hallig“ sind, haben mit diesem Regionalkrimi nun eine Möglichkeit mehr, sich literarisch der Landschaft anzunähern.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag edition krimi (Bedey Thoms), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Wendt, Die letzte Fähre ging um fünf
edition krimi
ISBN: 978-3-946734-89-5

© edition krimi

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die letzte Fähre ging um fünf“:

Für den Gaumen:
Für mich gehört zum Norden vor allem auch der Tee, d.h. zum Beispiel eine schöne Tasse Friesentee mit einem Schuss Sahne und Kluntje.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Allen, die sich wie ich am Meer nicht satt sehen können und gerade Fernweh haben, möchte ich den wunderbaren MEERblick.blog ans Herz legen. Beim Betrachten dieser zauberhaften Fotos geht mir immer das Herz auf und ich höre in Gedanken das Wellenrauschen, spüre den Wind und die Meeresbrise. Helmut lässt uns mit traumhaften Bildern teilhaben an der Schönheit der Natur, dem Leben und den Jahreszeiten auf den Halligen und Nordseeinseln.

Zum Weiterlesen:

„Durch die Fenster, welche in der Front des Hauses gegen Süden lagen, sah man auf die grüne Fläche der Hallig und fern am Strand die Brandung, welche silbern in der Sonne schimmerte.“

(aus Theodor Storm „Eine Halligfahrt“)

Wer sich lieber klassisch dieser schönen Landschaft im Norden nähern möchte, dem sei Theodor Storm’s Novelle „Eine Halligfahrt“ ans Herz gelegt. Theodor Storm, der den meisten wohl eher durch den „Schimmelreiter“ bekannt ist, hat bereits 1871 den Ausflug zweier junger Liebender auf eine Hallig literarisch verewigt.

Ein Text, der auch auf der Website des Projekt Gutenberg zu finden ist.

Theodor Storm, Eine Halligfahrt
Thorbecke Jan Verlag
ISBN: 3799512942

Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Märzbowle 2021 – Wetterkapriolen und Krisenkreativität

Ein langer März ist zu Ende gegangen, der sich uns wettertechnisch über weite Strecken eher als April präsentierte und mit Wetterkapriolen jeglicher Couleur aufwartete: Graupel, Regen, Sonne, Wolken, Schnee, Schneeregen, Sturm – es war alles dabei. Doch zumindest die letzte Märzwoche ließ dann doch noch Frühlingsfreuden aufkommen und stimmte versöhnlich.

Zudem habe ich ein neues Wort kennengelernt: „krisenkreativ“ – das bisher selbst dem Duden noch nicht bekannt ist. Eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten der Pandemie sehr gefragt ist. Ein Fernsehbeitrag monierte, dass diese in Deutschland zu schwach ausgeprägt sei – dem setze ich gerne meine „Kulturbowle“ als widerlegendes Beispiel entgegen. Ohne die Pandemie hätte ich den Blog wohl nicht gestartet, somit ist er mein Weg, der Krise mit Kreativität zu begegnen – also quasi „Krisenkreativität pur“.

Kulturell waren und sind wir immer noch auf Digitales angewiesen, doch mit der zauberhaften Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper und dem Gute-Laune-Musical „Non(n)sens“ des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte ich zumindest zu Hause erneut zwei großartige Theater-Livestreams genießen. Ebenfalls herausragend fand ich das Montagsstück der Bayerischen Staatsoper „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini, das in einer charmanten Inszenierung von Marcus H. Rosenmüller als Livestream zu sehen und musikalisch wie szenisch (in schwarz-weiß Stummfilm-Optik) sehr unterhaltsam war.

Zudem konnte ich im März zwei sehr gute Filme (im Fernsehen) sehen, bei welchen ich es nicht ins Kino geschafft hatte und die mir ausnehmend gut gefallen haben: den amerikanischen Film „Hidden Figures“ (2016) über die ersten afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der NASA während der 60er Jahre und eine polnisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „Marie Curie und das blaue Licht“ ebenfalls aus dem Jahr 2016, welche die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt gestellt hat. Sehenswert!

Literarisch war es für mich ein reichhaltiger und abwechslungsreicher März, der mich eintauchen ließ in andere Zeiten, Welten und in vielen Fällen echte Lektüreperlen für mich bereithielt.
Gleich der Auftakt mit Mirjam Presslers Jugendbuch „Dunkles Gold“, das sich auf gut verständliche und eindringliche Weise dem Thema Antisemitismus widmet und gleichzeitig die Geschichte des Erfurter Schatzes erzählt, war eine solche Perle, hat mich tief berührt und fasziniert. Da die Autorin ihre letzten Lebensjahre in meiner Heimatstadt Landshut verbracht hat und ein beeindruckendes Lebenswerk als Übersetzerin und Autorin hinterlassen hat, war es mir eine besondere Ehre und eine Herzensangelegenheit, dieses Buch auf der Bowle vorzustellen.

Im Anschluss konnte ich mit Laura Freudenthaler’s Debütroman „Die Königin schweigt“ ein kleines, feines Buch kennenlernen, das mich vor allem aufgrund der Sprache und der Intensität sehr beeindruckt hat. In kurzen Kapiteln zeichnet die junge Autorin in ausdrucksstarken Miniaturen und Momentaufnahmen Bilder, die sich einbrennen und das einfache Leben einer Frau erzählen, die in den 30er Jahren auf einem abgelegenen österreichischen Bauernhof aufgewachsen ist.

Dem Fernweh, das mittlerweile viele plagt, konnte ich mit der Lektüre von Marius Tölzer’s Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ ein wenig nachgeben und die stimmungsvolle, klassisch-inspirierte Poesie des jungen Autors war für mich ein großer Genuss. In Kombination mit dem Online-Angebot des Würzburger Kulturspeichers und dem Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ mit den mediterranen Gemälden, die südliches Licht und italienisches Flair eingefangen haben, war dies für mich eine ideale Symbiose aus Literatur und bildender Kunst.

Auf eine Seereise im Mittelmeer im Jahr 1907 entführte mich Günter Neuwirth mit seinem Kriminalroman „Dampfer ab Triest“. Viel K.u.k.-Atmosphäre und ein unterhaltsamer Krimiplot mit liebevoll gezeichneten Figuren und interessantem historischen Hintergrund, der sich sehr flüssig gelesen hat.

Die Büchergilde hat 2020 Stefan Zweigs pazifistisches Werk „Der Zwang“ mit Illustrationen von Franz Masereel aus dem Jahr 1920 zum 100-jährigen Jubiläum in einer wunderschönen Leinenausgabe herausgebracht, die jedem bibliophilen Menschen das Herz aufgehen lässt. Ein zeitloses Werk mit einer wichtigen Aussage, das auch nach 100 Jahren noch hochaktuell ist und sich sehr gut liest – ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg.

Im kulinarischen Krimi „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ von Erich Schütz macht der Autor auf unterhaltsame Art auf die Problematik der modernen Fischzucht und die teils fragwürdigen Methoden aufmerksam. Verpackt als Kriminalroman prangert er Missstände an und erreicht, dass der Leser sich Gedanken darüber macht, woher das Bodenseefelchen oder allgemein der Fisch auf dem Teller denn eigentlich kommt.

Die Stadt Venedig feierte am 25. März 2021 ihren 1600. Geburtstag – ein schöner Grund, sich auch literarisch in die Serenissima zu begeben: Christian Schnalke’s historischer Roman „Die Fälscherin von Venedig“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung seines Romans „Römisches Fieber“, welche die Geschichte von Franz Wercker weiter erzählt, der nachdem er aus Rom geflohen ist, nun in Venedig einem großen Kunstraub auf die Spur kommen soll. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Spannend, farbenfroh und opulent erzählt, ist dies ein wunderbarer Lesegenuss, für Venedigfans und für alle, die einen guten, historischen Roman zu schätzen wissen.

Ein Lese-Highlight war diesen Monat auch der neue Roman von Daniela Engist „Lichte Horizonte“, der mich vollkommen in den Bann gezogen hat und in dem ich so viele schöne Textstellen gefunden hatte, dass ich wahrlich die Qual der Wahl hatte, was ich in meiner Rezension zitiere. Ein kluger, intensiver und lebensweiser Roman über die Liebe und über eine Frau, die ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen revue passieren lässt. Eine Figur, die in ihrer Reife und Herzenswärme an die Marschallin des Rosenkavaliers erinnern könnte, und ein herausragender Roman, der mich sowohl sprachlich als auch inhaltlich absolut begeistert hat.

Am Ende des Monats gab es dann nochmal einen Krimi mit Lutz Wilhelm Kellerhoff „Teufelsberg“. Der zweite Band um den Ermittler Wolf Heller (nach dem ersten Teil „Die Tote im Wannsee“), der dieses Mal im West-Berlin des Jahres 1969 während der Mondlandung und in der aufgeheizten Zeit von Studentenrevolten und kaltem Krieg, einen Mord an einer Jüdin – der Frau eines Richters – aufklären muss. Spannend – vor allem auch wegen der gelungenen Schilderung der damaligen Zeit – und somit ein kurzweiliger Kriminalroman, der sich sehr flüssig lesen lässt.

Auch im April gibt es wieder einiges, auf das ich mich freue:
So habe ich mir vorgenommen, in der Mediathek des Landestheater Niederbayern das spannende Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar anzusehen, das dort kostenfrei (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung steht. Ein hochbrisantes Schauspiel über religiösen Fanatismus und Wirtschaftsterrorismus.

Zudem möchte ich mir gerne das Online-Angebot des Museum Wiesbaden zur aktuellen Ausstellung „August Macke – Paradies! Paradies?“ (30.10.20 – 09.05.21) näher anschauen und mir unter anderem Zeit für die 40-minütige Onlineführung durch den Kurator nehmen.

Genießen wir also gute Bücher, Kunst, Kultur, wo immer möglich und bleiben wir krisenkreativ und zuversichtlich!

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich frohe Ostern und schöne Feiertage!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight März:
Im vergangenen Monat habe ich seit längerer Zeit wieder einmal einen Zwiebelkuchen gemacht – dazu ein Glas fränkischer Weißwein. Manchmal können die guten Dinge so einfach sein.

Musikalisches im März:
Besonders berührt hat mich im März ein Video des Kinderchors und des Jungen Chors der Deutschen Oper Berlin, das auf der Homepage der Deutschen Oper abrufbar ist: „I Believe in Springtime“ von John Rutter. Ein Chorstück, das bereits im vergangenen Herbst im Berliner Olympiastadion mit viel Abstand zwischen den Sängern aufgezeichnet wurde und das durch Musik und Text die Hoffnung zum Ausdruck bringt, die wohl viele teilen.

„Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto von „Der Rosenkavalier“)