Barnes‘ Gemälde der Zeit

Ein Museumsbesuch kann inspirieren, eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen und im Falle von Julian Barnes sogar der Auslöser für ein ganzes Buch werden. Als er im Jahre 2015 in der Londoner National Portrait Gallery das Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des amerikanischen Künstlers John Singer Sargent sieht, wird er neugierig auf die Geschichte des Porträtierten. „Der Mann im roten Rock“ erzählt die Lebensgeschichte des Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi (1846-1918), der im Paris der Jahrhundertwende aufgrund seiner innovativen Behandlungsmethoden als Arzt, aber auch als Fein- und Freigeist zum „Who is who“ oder besser zur „Haute volée“ zählte. Sein Leben und die Menschen in seinem Umfeld bieten den Rahmen, der es Barnes ermöglicht, ein opulentes, detailverliebtes und großes, literarisches Zeit- und Sittengemälde der Pariser „Belle Époque“ oder auch des „Fin de siècle“ zu schaffen.

„Die Belle Époque: der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde, dem man nichts vormachen konnte und das die eleganten, launigen Toulouse-Lautrec-Poster von leprösen Wänden und stinkenden vespasiennes riss.“

(S.34/35)

Auf Du und Du mit den Größten seiner Zeit verkehrte Dr. Pozzi in den Salons der besten Pariser Gesellschaft, kannte Reiche, Schöne und auch die Künstler der damaligen Zeit persönlich: Sarah Bernhardt – schillernde Schauspielerin und Weltstar – ebenso wie John Singer Sargent, Colette, André Gide, die Brüder de Goncourt – um stellvertretend nur wenige Beispiele für die führenden Maler, Schriftsteller und Komponisten im Paris der Jahrhundertwende zu nennen. Gemeinsam mit den Aristokraten Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou-Fezensac bereiste er im Jahre 1885 auch London für eine illustre und „intellektuelle Einkaufstour“ – und so lässt Barnes auch immer wieder süffisante Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen einfließen.

Es ist die Zeit der Dandies und Duelle, der Weltausstellungen, des großen technischen und medizinischen Fortschritts. Barnes zeichnet ein detailliertes Bild einer Welt im Umbruch und einer Zeit, in welcher sich für die gehobenen, reichen Kreise große Freiheiten und Möglichkeiten eröffneten.

„Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war.“

(S.152)

Barnes zeichnet aber auch das Bild eines weit gereisten, weltmännischen, charismatischen Mannes, sowie eines erfolgreichen und einfühlsamen Arztes. Er zeigt Pozzi als Vater einer Tochter, deren Beziehung zu ihm Licht und Schatten aufweist und als Ehemann in einer weitestgehend lieb- und glücklosen Ehe, aus welcher er sich in Affären mit anderen Frauen und in eine länger währende, leidenschaftliche Beziehung zu einer ebenfalls verheirateten Frau flüchtet, mit welcher er regelmäßig Europa bereist. Theater- und Opernbesuche in Bayreuth, München, Venedig stehen auf ihrem Programm – gemeinsam verstehen sie es, die Kunst und das Leben zu genießen.

„Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt.“

(S.229)

Ich habe einiges aus der Lektüre mitgenommen, wenn auch die Vielzahl der erwähnten Personen, Namen und Anekdoten stellenweise einiges an Konzentration erfordern. Doch dank der gelungenen Illustration durch die Sammelbildchen der „Célébrités Contemporaines“, welche den Schokoladentafeln des Chocolatiers Félix Potin beigegeben waren – offenbar hatte man es damals geschafft, wenn man auf diesen „Schokoladenbildern“ verewigt wurde – bekommt man ein stimmiges Bild und einen guten Eindruck der damaligen Persönlichkeiten.

Für Kunstsinnige, Liebhaber von Malerei, Kunstgeschichte, Literatur und historischen Hintergründen ist dieses Buch genau das Richtige. Wer aber einen Roman im Stile von Barnes’ „Der Lärm der Zeit“ erwartet, der irrt und wird gegebenenfalls auch wenig Gefallen an „Der Mann im roten Rock“ finden. Denn Barnes hat dieses Mal ein Sachbuch verfasst, wenn auch ein sehr lebendiges und kunstvolles, das sich für Kultur- und Geschichtsinteressierte sehr kurzweilig lesen lässt. Die hochwertige Aufmachung und die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen der Gemälde, Kunstwerke und Portraits der Akteure machen es zu einem Buch, das man gerne zur Hand nimmt: man liest, schaut, genießt und freut sich im Stillen vielleicht auch schon auf einen zukünftigen Museumsbesuch, sobald dies wieder möglich sein wird.

Weitere Besprechungen des Werks finden sich bei Bücheratlas oder Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann im roten Rock“:

Zum Weiterschauen:
Für alle die das Buch nicht vor sich liegen haben und selbst darin blättern können, ist hier der Link zu dem Gemälde, das der Auslöser für Julian Barnes’ neuestes Werk war und das dem Buch seinen Namen gibt: John Singer Sargent’s „Dr. Pozzi at home“, das aktuell im Hammer Museum in Los Angeles zu Hause ist.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Eine weltberühmte Oper dieser Zeit – uraufgeführt in Paris 1902 – ist Claude Debussy’s „Pelléas et Mélisande“. Vom 19.02.21 bis zum 19.08.21 wird auf Operavision die Möglichkeit bestehen, sich kostenlos einen Stream der Oper aus dem Grand Théâtre de Genève anzusehen. Die musikalische Leitung hat Jonathan Nott und die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zeichnet für das Bühnenkonzept verantwortlich. Angekündigt wird die Inszenierung als „kosmischer Traum“, d.h. man darf gespannt sein.

Zum Weiterlesen:
Wer auf unterhaltsame und spannende Weise etwas mehr über die Dreyfus-Affäre erfahren möchte, welche politisch prägend war für die Zeit der Belle Époque, der ist bei Robert Harris und seinem Roman „Intrige“ an der richtigen Adresse. Er versteht es wie kaum ein Zweiter, geschichtliche Stoffe in packende Spannungsliteratur zu verwandeln.

Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne
ISBN: 978-3-453-43800-2

Schnee in Paris

Die ersten weißen Weihnachten in Paris seit dem Jahr 1962 und die Leser von Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ dürfen dabei sein, wenn der Commissaire in den schneebedeckten Straßen der Weltstadt seinen dritten Fall löst. In der Regel bin ich nicht unbedingt ein Freund von Weihnachtskrimis, zumal diese häufig allzu klischeebehaftet und kitschig daherkommen. Aber irgendwie ist dieses Jahr vieles anders – und wenn sich schon die Adventszeit ausschließlich zu Hause abspielt, wollte ich zumindest literarisch ein wenig „weiße Weihnachtsatmosphäre“ aus anderen Gefilden genießen. Ein bisschen Romantik, Kulinarik und etwas Wärmendes für die Seele und so bin ich an diesem schmalen, schön gestalteten Band von Alex Lépic nicht vorbeigekommen, da ich im Sommer bereits die ersten beiden Fälle von Commissaire Lacroix mit einigem Vergnügen gelesen habe.

Zu Beginn langweilt sich der Commissaire schrecklich, denn in seinem Arrondissement scheint bereits der vorweihnachtliche Friede eingekehrt zu sein und es ist quasi nichts los. Kein Fall in Sicht, nichts zu ermitteln. Doch bei der gemütlichen Zeitungslektüre in seinem Lieblingslokal stößt er plötzlich auf eine Meldung, die ihn aus seiner Genussseligkeit (bei Ente und Rotwein) und seiner Lethargie reißt: Auf der beliebten Place de Tertre in Montmartre wurde doch tatsächlich die Weihnachtsbeleuchtung gestohlen. Wer macht so etwas? Und wie konnte dies unbeobachtet und unbemerkt geschehen?

Obwohl Montmartre nicht in seine Zuständigkeit fällt, lässt dieses hinterhältige Verbrechen Lacroix keine Ruhe und er eilt seiner Kollegin im Nachbarrevier zu Hilfe, mischt sich in die Ermittlungen ein. Als dann auch noch kurz darauf die große Weihnachtstanne bei Sacré-Cœur gefällt wird, scheint klar zu sein, dass es sich hier um eine Verbrechensserie eines Weihnachtshassers handeln muss. Was plant dieser als Nächstes und wird Lacroix den Täter noch vor dem Weihnachtsfest fassen?

„Lacroix hatte es bisher vielleicht zehnmal in seinem Leben erlebt: Schnee in Paris. Die Stadt versank dann im Chaos – aber sie war auch wunderschön.“

(S.35)

Ich gebe zu, dass ich das Buch nicht wirklich wegen des Kriminalfalls gelesen habe, sondern viel mehr wegen des ganzen „Drumherum“, des Flairs, der Atmosphäre, den Schilderungen von Restaurants und Bistros, den beschriebenen Mahlzeiten und Getränken und dem liebenswerten Kommissar und seiner wunderbaren Frau. Weiße Weihnachten in Paris: schneebedeckte Straßen, leckere Rotweine, feines Essen, touristische Attraktionen, die Künstler von Montmartre – kurzum der Lokalkolorit und das französische „Savoir vivre“ machen für mich den Reiz dieser Krimis von Alex Lépic aus und darin ist er großartig. Er stillt das Fernweh und ein wenig auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die man gerade jetzt in der Weihnachtszeit ja auch mal haben kann.

Die Figuren sind rundum liebenswert und wachsen einem sofort ans Herz: Lacroix – der Handyverweigerer und Flaneur, der seine Gattin, die Bürgermeisterin eines Pariser Arrondissements ist, auf Händen trägt und mit ihr gemeinsam das Leben zu genießen weiß. Die Wirtin seines Stammlokals mit Hündchen Idefix sind ebenso Sympathieträger wie der Bruder des Commissaires, der als Priester stets ein offenes Ohr für seinen Bruder bei der Polizei hat und teilweise auch beratend zur Seite steht.

Und so liest sich das Ganze sehr genussvoll und flüssig und man fliegt gerade so durch die Seiten, was mich zu einem kleinen Wermutstropfen bringt:
Ein wenig kurz ist dieser Weihnachtsfall für meinen Geschmack geraten, denn mit seinen lediglich 200 Seiten ist das gerade mal eine knackig-kurze Unterhaltung für einen Nachmittag oder einen Abend. Nichtsdestotrotz etwas fürs Herz (ein bisschen Kitsch durfte sein), mir wurde weihnachtlich und behaglich zumute und ich habe die Lektüre wirklich genossen. Mit Sicherheit kein Krimi für Freunde der blutrünstigen und härteren Gangart oder Fans atemberaubender Spannung, aber für alle, die gerne mal einem sympathischen, leicht schrulligen Kommissar in einer Weltstadt mit Flair beim Ermitteln zusehen und Gefallen an Lokalkolorit und viel kulinarischen Inspirationen haben, sind hier gut aufgehoben. Nicht umsonst wird Lacroix in den Romanen von seinen Polizeikollegen und der Presse immer wieder als der neue Maigret bezeichnet. Große Fußstapfen, aber die Richtung stimmt.

Wer ein bisschen Weihnachtsatmosphäre, Pariser Schneegestöber und Lichterglanz zelebrieren, einfach mal ein paar Stündchen abschalten und die Welt und die Sorgen draußen lassen möchte, der wird hier auf seine Kosten kommen. Joyeux Noël!

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kück Leselust.

Buchinformation:

Alex Lépic, Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
Kampa
ISBN: 978 3 311 12517 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“:

Für den Gaumen (I):
Weihnachtszeit ist bei vielen Entenzeit und auch Commissaire Lacroix kann sich dafür begeistern:

„Die Ente war kross und die Soße aus Rotwein und Zwiebeln dunkel und glänzend. So hatte er es am liebsten. Dazu (…) weiße Bohnen aus Tarbes“

(S.11)

Für den Gaumen (II):
Lacroix ist einem guten Tropfen niemals abgeneigt und so kann man auch das eine oder andere über französische Weine lernen. Zu schade nur, dass man nicht gleich mitprobieren und verkosten kann. Sich nach einem winterlichen Spaziergang durch Paris in einem urigen Bistro wieder aufzuwärmen und sich zum Beispiel ein Gläschen Chinon von der Loire zu gönnen wie der Commissaire, da hätte wohl kaum jemand etwas dagegen.

Zum Weiterhören:
Wie für mich – gehört auch für Lacroix, dessen Bruder Priester ist – ans Ende des Weihnachtsgottesdiensts das traditionelle und wunderschöne „Stille Nacht, heilige Nacht“ – natürlich in seinem Fall mit französischen Text: „Douce nuit, Sainte nuit“.

Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsausgabe „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ ist bereits Commissaire Lacroix’ dritter Fall. Wer also gerne chronologisch liest und die Charaktere bereits mit ihrer Vorgeschichte kennenlernen möchte, sollte mit Band 1 (Lacroix und die Toten vom Pont Neuf) und 2 (Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain) beginnen, die ebenfalls lesenswert sind:

Alex Lépic, Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
Kampa
ISBN: 978 3 311 12500 6

Alex Lépic, Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain
Kampa
ISBN: 978 3 311 12509 9

Kulinarisches Vermächtnis

Jacky Durand ist französischer Journalist und Gastrokritiker (u.a. in der „Libération“) und hat mit „Die Rezepte meines Vaters“ jetzt seinen ersten Roman vorgelegt, mit dem er – um im Bild zu bleiben – meinen Geschmack in jeder Hinsicht perfekt getroffen hat. Dieses kleine, aber feine Buch ist liebevoll, warmherzig und eine wunderbare Liebeserklärung an Väter und Söhne, Köche, Küchen, Gastronomie und gutes Essen. Magnifique!

„Du hast mir kein einziges Rezept erklärt. Zumindest nicht so, wie man es in der Schule lernt. Es gab keine Notizen, keine Mengenangaben, keine Anweisungen, ich musste mir alles mit Augen und Ohren aneignen.“

(S.15)

Zu Beginn des Romans liegt Koch Henri im Sterben und sein Sohn Julien steht ihm am Sterbebett bei. In den letzten Tagen und Stunden versucht er, während er die Hand des Vaters hält, noch dessen kulinarische Tipps, Tricks und Küchengeheimnisse in Erfahrung zu bringen – gleichsam das kulinarische Vermächtnis zu sichern, solange dies noch möglich ist. Doch dies scheinen nicht die einzigen Familiengeheimnisse zu sein, welche noch ans Licht gelangen.

Henri führt gemeinsam mit seinem Freund Lucien (kurz: Lulu) ein florierendes Bistro im Osten Frankreichs. Die beiden haben sich während des Algerienkriegs kenngelernt, sind seither unzertrennlich und ein eingespieltes Team. Für Julien, den kleinen Sohn Henri’s gibt es nichts Schöneres oder Faszinierenderes als seine Zeit in der regen Betriebsamkeit, Hitze und Hektik der Restaurantküche zwischen den beiden Männern, den Zutaten und den Kochtöpfen zu verbringen. Schon früh packt ihn die Faszination für gutes Essen, die Liebe zu guten, frischen Lebensmitteln, ehrlichen Ausgangsprodukten und die Leidenschaft für das Handwerk des Kochens.

Die Mutter ist Lehrerin und schon bald zeigt sich, dass die Gräben und Unterschiede zwischen der feingeistigen Akademikerin und dem rund um die Uhr arbeitenden Koch Henri immer tiefer werden. Die Ehe zerbricht und der kleine Julien bleibt beim Vater, als sich die Eltern trennen. Der Kontakt zur Mutter bricht ab.

„Für mich bist du der Feuermeister, ein Zauberer, der die Brioche zum Aufblähen bringt. Ein Tresorknacker, der die Austern öffnet. Ein Magier, der die Sahne schlägt und für mich Bitterschokolade zum Schmelzen bringt.“

(S.30)

So wächst der Junge im Bistro des Vaters auf und verbringt seine Freizeit am liebsten als Helfer in der Küche. Schon bald äußert er den Wunsch, selbst Koch werden zu wollen und in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Dieser reagiert entsetzt, denn er wünscht sich für seinen Sohn eine andere, eine bessere Zukunft: er soll lernen, studieren und einen weniger anstrengenden, sauberen Beruf mit geregelten Arbeitszeiten und ohne körperliche Anstrengungen ergreifen, statt Tag und Nacht in der Küche am heißen Herd stehen zu müssen. Die unterschiedlichen Ansichten über Julien’s Zukunft führen immer häufiger zu Spannungen zwischen Vater und Sohn. Bezeichnend ist eine Szene, als Julien aus einem Ferienlager zurückkommt, in welches ihn der Vater geschickt hatte, obwohl der Junge viel lieber bei ihm im Restaurant geblieben wäre. Stolz berichtet der Sohn, dass er der Held seiner Kameraden war, weil er als Einziger kochen konnte und sie fürstlich bewirtet hatte – für den Jungen ein großes Erfolgserlebnis, für den Vater ein Ärgernis.

„Ich erzähle nicht weiter von meiner Bolognese und meinem Hühnchen. Ich hatte mir vorgestellt, dass du stolz auf mich bist. Mitnichten. Für dich habe ich meine Ferien damit verbracht, hinter deinem Rücken zu kochen. Das ist schlimmer, als hätte ich mich danebenbenommen.“

(S.89)

Julien geht seinen Weg und erfüllt zumindest in Teilen den Wunsch seines Vaters. Er beendet die Schule, geht in einer anderen Stadt studieren – und doch jobbt er nebenbei als Koch in der Gastronomie (ohne dass der Vater davon weiß), bildet sich weiter, lernt stets dazu. Diese Leidenschaft verlässt ihn nie und wird ihn sein Leben lang weiter begleiten.

Die Liebe zum Kochen und die Magie einer guten Mahlzeit sprüht aus jeder Zeile des Romans und die Faszination ist für den Leser zu jeder Zeit erfahrbar und spürbar. Man merkt dem Autor an, dass dies auch sein Leben ist und vermutlich einiges an persönlicher Erfahrung und Leidenschaft in diesen Erstling eingeflossen ist.

Abgerundet wird das Buch mit einigen Rezepten aus Henri’s Bistro-Küche, wie z.B. Frühlingsomelette, Kartoffelgratin der Franche-Comté , Fleischeintopf (Pot-au-feu), Zwetschgentarte und einige mehr. Wem da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft…

Das Buch liest sich wie im Flug und ich war tatsächlich ein wenig traurig und wehmütig, als es nach den knapp 200 Seiten bereits zu Ende war. Fast wie bei einem guten Essen, das nach einer langen Zubereitungszeit und viel Zeit in der Küche letzten Endes in wenigen Minuten verspeist ist. Ein kurzer Genuss.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es jedoch auch Menschen für sich einnehmen könnte, die vielleicht seltener zu Büchern greifen, aber selbst gerne kochen oder gut essen. Vielleicht also eine Geschenkidee für das nahende Weihnachtsfest, um kulinarisch-interessierte Wenigleser und Küchenfreaks auch mal zum Lesen zu verführen.

Mein Herz hat Jacky Durand im Sturm erobert. Er hat mich begeistert und ich bin völlig hin und weg von diesem wunderbaren Roman, den ich im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht verschlungen habe. Für mich als Genussmensch war dies genau das richtige Rezept mit einer ausgewogenen Mischung aus Gefühl, Humor und Kulinarik in einer schönen, poetischen Sprache, die es für mich zum großen Lesevergnügen haben werden lassen. Ein wunderbares Buch und mein heimlicher Liebling des Lesemonats November – herzerwärmend wie das Feuer in Henri’s Ofen!

© Kindler Verlag

Buchinformation:
Jacky Durand, Die Rezepte meines Vaters
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler
ISBN: 978-3-463-00008-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Rezepte meines Vaters“:

Für den Gaumen:
Bei der Lektüre diese Romans ist der Appetit ein stetiger Begleiter und es bleibt selbstverständlich nicht aus, dass man Lust darauf bekommt, sich selbst etwas Gutes zuzubereiten. Da ist es um so schöner, dass am Ende des Buches auch noch einige Rezepte aufgeführt sind. Auf meinem Plan steht jetzt vor allem das Kartoffelgratin der Franche-Comté ganz weit oben. Das könnte jetzt im Winter genau das richtige Soulfood sein.

Zum Weiterklicken:
Durch das Bloggen werde ich auch immer wieder auf schöne Foodblogs aufmerksam und koche oder backe das eine oder andere Rezept auch tatsächlich nach. Die gebotene Vielfalt im Netz ist unglaublich und faszinierend. So fällt die Auswahl hier schwer, aber ich nehme jetzt exemplarisch zwei deren Rezepte ich bereits selbst ausprobiert habe: So kann ich z.B. das Chicken Tikka Masala von Arcimboldi’s World, aber auch den Apfel-Streusel-Kuchen von Ein Nudelsieb bloggt sehr empfehlen. Viel Spaß beim Stöbern, Nachkochen und bon appétit!

Zum Weiterlesen:
Vor vielen Jahren habe ich Anna Gavalda’s Bestseller „Zusammen ist man weniger allein“ gelesen. Ebenfalls ein französischer Roman und auch hier geht es um einen Koch und große Gefühle. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die wunderbare Übersetzerin Ina Kronenberger, die beiden Romanen genau den richtigen Tonfall geschenkt hat in einer Sprache, die ebenfalls einen Genuss darstellt.

Anna Gavalda, Zusammen ist man weniger allein
Übersetzt von: Ina Kronenberger
Fischer
ISBN: 978-3-596-17303-7