Dänische Perspektiven

Zwei Romane, die zusammengehören und doch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, hat die dänische Autorin Helle Helle mit ihren Werken „SIE“ (Originaltitel: de, 2018) und „BOB“ (Originaltitel: BOB, 2021) veröffentlicht, die nun auf deutsch in einer Übersetzung von Flora Fink als Doppelroman „SIE und BOB“ bei Dörlemann erschienen sind.

Im ersten Roman lernt man Mutter und Tochter kennen – im Dänemark der 80er Jahre besucht die Tochter das Gymnasium und kümmert sich zugleich um die kranke Mutter.

„Also fährt sie heute nicht zum Krankenhaus, ihre Mutter meint auch, sie solle nicht jeden Tag den langen Weg auf sich nehmen, sie solle lieber an sich denken und sich zum Beispiel ein großes Plunderteilchen kaufen.“

(S.103/104)

Eine Jugend zwischen Schule, Clique, Musik, Freizeitaktivitäten, erster Liebe und dem Meistern des Alltags ohne die Mutter, die eine Lücke reißt, welche von der Tochter gefüllt werden muss.

Und auch Bob – der Freund und spätere Partner der Tochter – taucht bereits im ersten Band auf – als Teil der Clique. Später wird er im zweiten Roman „BOB“ selbst im Zentrum der Erzählung stehen. Denn während seine Freundin bereits zu wissen scheint, was sie will und an konkreten Zukunftsplänen arbeitet, weiß er nur, was er nicht will, lässt sich ohne klare Richtung treiben, stromert durch Kopenhagen und beginnt schließlich als Aushilfe in einem Seemannshotel am Nyhavn zu jobben.
Der Alltag, Geldsorgen, die Enge der kleinen gemeinsamen Wohnung – all das belastet die noch junge Beziehung zunehmend.

Die Romane und die Sprache erinnern an dänisches Design: sehr reduziert, puristisch, minimalistisch und doch sehr natürlich.
Helle Helle arbeitet sehr ausgeprägt mit Sinneswahrnehmungen aller Art: Beobachtungen, Geräusche, Gerüche – die Lektüre wird so gleichsam zum sinnlichen Erlebnis.

„Die Felder rauschten, die altbekannten Lerchen sangen. Es war jedes Wochenende wieder dasselbe. Er wollte dabei sein, und er wollte nicht dabei sein. Fühlte sich höher als high und ganz weit unten. Doch wer wusste, womit andere sich herumschlugen. Einer in der Clique hatte seine Schwester verloren.“

(S.216)

Die Lektüre erfordert Konzentration und man muss schauen, dass der Text nicht einfach so an einem vorbeirauscht. Denn vieles scheint auf den ersten Blick unspektakulär, geradezu alltäglich und doch ist zwischen den Zeilen so manche wichtige Aussage und so manche Perle versteckt.

„Seine Mutter hat Sauerteigbrot gebacken, es liegt unter einem Tuch in der Küche. Sie decken den Tisch mit Tassen und Butter, kochen auch Tee, heben den Wein für später auf. Sie lachen viel und reden über alles Mögliche, auch die Zukunft, bis auf sie schließen alle im Sommer die Schule ab, aber niemand will sofort studieren. Zuerst wollen sie von zu Hause ausziehen, vielleicht gründen sie eine Wohngemeinschaft. Sie sprechen über die Möglichkeit, als Selbstversorger zu leben, die damit verbundene Freiheit, Bob schüttelt den Kopf.“

(S.136)

Es lohnt sich daher, genau hinzuschauen, genau zu lesen, denn die Kunst besteht darin, in all dem Alltäglichen das Schöne und das Besondere zu sehen und es herauszufiltern. Auch das Herz tragen die Figuren nicht auf der Zunge, Gefühle werden nicht laut herausgeschrien, sondern offenbaren sich meist nur in kleinen Gesten und Bemerkungen.

Doch wenn man sich auf den stillen, leisen und melodiösen Tonfall der Autorin einlässt, wird man durch wunderbare Momente belohnt, die immer wieder aufblitzen und tief in die Seelen der Charaktere blicken lassen. Man muss nur wach sein und die Augen offen halten.

„Eine unangetastete Tasse Kakao auf dem Schreibtisch, lange helle Nächte hindurch. Sich zurückwünschen in den März oder vorigen Sommer. Erbsenschoten, Kopfhaut voll von Sand. Es vergingen vier Monate, bis er wieder er selbst war, es war wie seine Mutter sagte: – Es dauert doppelt so lange, über Krankheit und Liebe wegzukommen, wie die Krankheit selbst dauert.“

(S.206)

Helle Helle hat zwei Romane über kleine und große Gefühle geschrieben – über die Liebe zwischen Mutter und Tochter ebenso wie über die erste große Liebe in einer noch jungen Beziehung. Familie, Krankheit, Freundschaft, Liebe, Alltagssorgen – es geht um das Zwischenmenschliche, kurz gesagt um das Leben und Zusammenleben.

Wer temporeiche und vor Handlung strotzende Romane liebt, in denen es Schlag auf Schlag geht und sich die Ereignisse überschlagen, der wird vermutlich mit „SIE und BOB“ nicht warm werden. Wer aber Freude an ausdrucksstarken Charakterzeichnungen und sprachlichen Feinheiten, nuancierten Klangfarben, sorgfältig gewählten Formulierungen und einer puristisch-poetischen Sprache hat, der kann in „SIE und BOB“ sehr viel Schönes entdecken.

Das Glück in den kleinen Dingen finden, wach und mit Sinn für Schönes durchs Leben gehen, es sich gemütlich machen: Hygge, das ist fester Bestandteil des dänischen Lebensgefühls und auch dieser Doppelroman kann zu diesem Gefühl beitragen: also ein paar Kerzen angezündet, die Kuscheldecke und das Buch geschnappt und dann gemütlich ins dänische Kopenhagen der 80er Jahre abtauchen – ein leises, feines und gefühlvolles Buch für einen hyggeligen Leseherbst.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Helle Helle, SIE und BOB
Aus dem Dänischen von Flora Fink
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-110-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helle Helle’s „SIE und BOB“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bei den Jugendlichen meist ziemlich bodenständig zu:
Zum Abendtee bei der Freundin gibt es Brie mit Honig und Knäckebrot.

Zum Weiterhören (I):
Das bevorstehende Konzert von Pia Raug – einer dänischen Singer-Songwriterin – ist großes Gesprächsthema im Freundeskreis. Ich kannte die Sängerin bisher nicht, auf YouTube kann man allerdings in einige Songs reinhören, z.B. in „Hej Lille Drøm“, das zugleich auch der Name ihres ersten Albums aus dem Jahr 1978 ist.

Zum Weiterhören (II):
Musik ist ein großer Emotionsträger auch in diesem Roman. Ebenfalls aus dem Jahr 1978 ist ein weiterer Song, der im Buch vorkommt: Art Garfunkel’s berühmter Nummer-1-Hit „Bright Eyes“:

„Im Bus nach Hause denkt sie: I see, ganz genau, und genau in dem Augenblick schaltet der Fahrer das Radio an, sie spielen Bright Eyes. Das ist fast zu viel. Die Felder leuchten.“

(S.158/159)

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über eine andere dänische Kindheit und Jugend lesen möchte – und zeitlich noch etwas weiter zurückreisen möchte, der ist mit Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie bzw. den ersten beiden Bänden „Kindheit“ und „Jugend“ gut bedient, die autobiografischen Romane, die ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, sind ebenso sehr feine und lesenswerte Literatur aus Dänemark:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

Schwesternklang

Blut ist dicker als Wasser und kaum ein Verhältnis kann so intensiv und doch auch spannungsvoll sein wie das zwischen zwei Schwestern. Ilinca Florian hat mit „Bleib, solang du willst“ einen melodiösen, intensiven und bewegenden Roman über zwei Schwestern geschrieben, bei dem Freude und Schmerz nahe beieinander liegen. Große Gefühle und zwei starke, kristallklare Frauenportraits auf nicht einmal 200 Seiten – ein Buch, das gerade durch die Konzentration auf das Wesentliche besticht.

„Sie nahm mich in den Arm und hörte eine Weile nicht damit auf. Das tat gut, gab mir Zeit. Ich wollte nicht in Tränen ausbrechen. Charlotte löste die Umarmung, sah mich an und sagte: „Bleib, solang du willst.“

(S.24)

Charlotte – oder Lotte – ist die Ältere, Vernünftige, Pragmatische und Zupackende der Beiden. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat einen gut bezahlten, aber fordernden Job in einer Berliner Unternehmensberatung. Zeit für eine ernsthafte Bindung oder Beziehung nimmt sie sich nicht. Sie füllt ihr Leben mit Big Business, Calls, Meetings und Konferenzen – wohl auch, um nicht so viel nachdenken zu müssen.

Als jedoch ihre jüngere Schwester Martha – Sängerin und der Künstlertyp in der Familie – ihre Hilfe braucht und plötzlich mit ihrem kleinen Sohn Emil vor der Tür steht, ist klar, dass Lotte wieder einmal alles daran setzen wird, zu helfen.
Weimar, ein Leben am Theater und ihren unzuverlässigen, alkoholkranken und fremdgehenden Ehemann hat Martha Knall auf Fall verlassen und sucht nun nach Zuflucht und einem Neustart für sich und ihren Sohn.

„Ich genoss Marthas Anwesenheit in meinem Leben, in meiner Wohnung, ich liebte sie wirklich und wir hatten es oft schön zusammen. Es gab Momente, in denen ich vergaß, dass es über ein Jahrzehnt her war, dass wir unter einem Dach gelebt hatten. Mit ihr konnte ich so albern und leicht sein, und zwar anders, als ich es je mit einer Freundin geschafft hätte.“

(S.35)

Das Zusammenleben mit der Schwester und die Betreuung eines Säuglings krempeln auch Lotte’s Leben gehörig um und schnell wird klar, dass nicht nur Lebenskonzepte und Lebenseinstellungen aufeinanderprallen, sondern auch lange verdrängte Gefühle wieder an die Oberfläche gespült werden. Da fliegen dann auch mal die Fetzen und es werden der Anderen schonungslos auch unangenehme Wahrheiten an den Kopf geworfen.

Und doch kommen sich die Schwestern, die bereits den Tod des Vaters und die Depressionen der Mutter gemeinsam durchstehen mussten, durch die Liebe und Sorge für den kleinen Emil wieder näher. Zwischen Windeln, Weinkrämpfen und einigen Gläsern Wein versuchen die beiden, die Situation gemeinsam zu meistern.

Als Martha einen Job in Lotte’s Firma übernimmt, den ihr die Schwester – ebenso wie einen Kita-Platz – besorgt hat und Lotte immer wieder als Babysitterin einspringt, mischen sich die Welten mehr und mehr. Doch Martha kämpft weiterhin für ihren Traum, von der Musik und ihrem Gesang leben zu können.

Die Autorin Ilinca Florian ist 1983 in Bukarest geboren und lebt seit 2007 – wie ihre Romanfigur Charlotte – in Berlin. Sie hat Theater gespielt und Drehbücher verfasst – man merkt, dass sie ein Gespür für Dialoge sowie starke Bilder und Szenen hat, die sich einprägen.

Die Sprache des Romans hat einen besonderen Klang: sehr heutig, sehr modern, kurze, klare, knackige Sätze. Das macht die Lektüre sehr lebendig und klingt wie direkt aus dem Gedankenstrom der Schwestern gegriffen. Es fühlt sich an, wie das Gespräch mit einer guten Freundin. Man merkt beim Lesen, wie sich die Gedanken der Schwestern oft ohne komplexe Nebensätze gleichsam in knappen, klaren Momenten formen und zum Ausdruck kommen – unmittelbar, direkt. Die Sprache ist schlicht, aber nicht simpel, sondern auf den Punkt und so trifft so mancher Satz direkt ins Herz oder in die Magengrube.

„Martha war mehr als meine Schwester, sie war mein Schatten, mein Echo, ohne sie war mein Ich nur ein halbes Ich.“

(S.16/17)

Ilinca Florian hat in diesem nicht einmal 200 Seiten starken Buch, ein ausdrucksstarkes, präzises Porträt zweier Schwestern und zugleich moderner Frauen geschaffen. Ein Buch über Familienbande, Traumata und Verluste, Bindungsängste, aufgestaute Gefühle und darüber, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein. Eine hochaktuelle, gefühlvolle und sehr bewegende Studie der beiden Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch – durch ein untrennbares Band verbunden – sich so nahestehen, wie keinem zweiten Menschen im Leben.

„Bleib, solang du willst“ ist ein trauriges, hoch emotionales und sehr berührendes Buch. Ein Buch voller Gewitterwolken, Donner- und Schicksalsschläge, denn wie im richtigen Leben geht leider nicht immer alles gut aus und doch versäumt die Autorin es nicht, der Leserschaft zwischendrin auch kleine Sonnenmomente, Lichtblicke und Hoffnungsschimmer im Dunkel mit auf den Weg zu geben. Ein Buch, das – wie das Leben der beiden Schwestern – eine gewisse Kraft und Stärke erfordert und unter die Haut geht, wenn man sich darauf einlässt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Karl Rauch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ilinca Florian, Bleib, solang du willst
Karl Rauch Verlag
ISBN: 978-3-7920-0275-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ilinca Florian’s „Bleib, solang du willst“:

Für den Gaumen:
Bei einer Party, die Lotte für einige Kollegen organisiert und die letztlich ziemlich eskaliert, spiegelt sich kulinarisch eher ihre Welt:

„Es gab reichlich Rotwein, ich hatte Garnelen besorgt, außerdem Carpaccio mit Pinienkernen und Parmesan zubereitet. Martha hatte das beste Fladenbrot im Kiez gekauft.“

(S.100)

Zum Weiterhören (I):
„Bleib, solang du willst“ ist ein sehr musikalisches, von Musik durchwirktes Buch, mit einem besonderen Sound. Kein Wunder, ist es doch Martha’s größter Traum, ihren Lebensunterhalt mit ihrem Gesang bestreiten zu können. Als Jazzsängerin singt sie bei einem Auftritt bekannte und beliebte Standards wie „Fly me to the moon“ oder „Girl from Ipanema“.

Zum Weiterhören (II):
Martha hat Gesang studiert und schätzt auch die Musik von Martha Argerich:

„Ich musste an die Schallplatte mit ihren Klavierkonzerten denken – Mozart, Beethoven, Chopin -, die ich leider in Weimar gelassen hatte. Die liebte ich.“

(S.47)

Zum Weiterlesen:
Ein ähnlich emotionales und berührendes Buch über Schwestern – in diesem Fall sogar über Zwillinge – und dieses ganz besondere Band zwischen ihnen habe ich letztes Jahr im Herbst gelesen und vorgestellt: Sibylle Schleicher hat in „Die Puppenspielerin“ ebenfalls die richtigen, wunderbaren Worte gefunden, einen schweren Stoff in gefühlvolle Literatur zu verwandeln:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

Fallstricke des Lebens

„Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen“ – dieses berühmte Zitat von John Lennon ging mir bei der Lektüre von Catherine Cusset’s Roman „Die Definition von Glück“ immer wieder durch den Kopf.
Die Autorin – 1963 in Paris geboren, ehemalige Dozentin für französische Literatur in Yale, die jetzt in New York lebt – hat ein starkes Buch über zwei Frauen geschrieben, die wie sie selbst in den Sechzigern geboren sind:

Clarisse lebt in Paris, ist eine Abenteurerin und Kämpferin, die sich oft nicht den direkten, geraden Weg durchs Leben sucht und sich immer wieder alleine durchschlagen muss. Ob bereits in der Jugend von der alkoholkranken Mutter in den Ferien zur Patentante abgeschoben oder später auf Selbstfindungstrip in Asien als Backpackerin unterwegs beweist sie auch in punkto Männer nicht immer unbedingt das beste Händchen. So führt sie ein turbulentes Leben und muss sich selbst immer wieder neu erfinden: als Reisende, als Ehefrau, als alleinerziehende Mutter und als Frau in wechselnden Beziehungen mit einem großen Lebenshunger.

Ève hingegen führt in New York eine langjährige, stabile Ehe mit Paul, ist Mutter von zwei wohlerzogenen Töchtern und hat sich selbst ein florierendes, erfolgreiches Cateringunternehmen aufgebaut, das wächst und gedeiht. Ihr Alltag verläuft verglichen zu dem von Clarisse in ruhigeren, geregelteren Bahnen und doch gibt es auch in ihrem Leben Momente, in welchen das Leben über sie hereinbricht und ihr Knüppel zwischen die Beine wirft. Doch sie steht ihre Frau und beweist Kraft und Stärke.

„Ist es nicht immer so mit Geheimnissen? Irgendwann kommen sie ans Licht. Und dieses Geheimnis hatte schwarze Augen, einen dunklen Teint und einen Namen.“

(S.281)

Man fiebert und leidet mit Clarisse und Ève und würde sie häufig so gerne vor den Fallen bewahren, in welche sie tappen. Der Roman ist spannend und entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Zunächst wirft die Autorin – wie Spots auf der Bühne – Schlaglichter auf unterschiedliche Szenen und Anekdoten – Momentaufnahmen aus verschiedenen Lebensphasen von Clarisse und Ève: Teenagerzeit, erste Lieben, Jugendsünden, ernsthafte Beziehungen, Mutterschaft, Schicksalsschläge. Wie ein Fotoalbum, durch das man blättert – ein Aneinanderreihen von verschiedenen Schlüsselmomenten im Leben – zunächst ohne erkennbare Verbindung zwischen den beiden Frauen.

Geschickt wird die Spannung aufgebaut, wann und wie sich die Wege der beiden kreuzen werden. Führen sie doch ein Leben weit von einander entfernt – durch die Weite des Ozeans getrennt: Clarisse in Paris, Ève in New York. Doch was wird sie zusammenführen?

Catherine Cusset erzählt zwei Lebensgeschichten, die stellvertretend für so viele Lebenswege moderner Frauen stehen können und unverfälscht, direkt und ungeschminkt auch die Schattenseiten thematisieren. Jede Leserin wird sich im einen oder anderen Aspekt finden und verstanden fühlen. Der Autorin ist meiner Meinung nach ein universelles und großes Werk gelungen, in dem viele große Themen des Frauseins behandelt werden.

Zartbesaitete, die sich beim Lesen nicht gerne mit unangenehmen Wahrheiten beschäftigen wollen, sollten sich vom Titel „Die Definition von Glück“ nicht zu sehr in die Irre führen lassen.
Denn es geht nicht nur um glückliche Themen, sondern unter anderem um sexuellen Missbrauch, häusliche Gewalt, um Krankheit in der Familie, Brustkrebs oder die herausfordernde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und Cusset schildert gekonnt und einfühlsam auch die ganze Achterbahnfahrt der Gefühle in Beziehungen: vom ersten Verliebtsein, über Ehe, Mutterschaft bis hin zu Affären, Entfremdung und Trennung.

„Wenn man liebt, ist man zwanzig, die Menschen um einen herum aber nicht.“

(S.319)

Das pralle Leben eben. Ein dichter, intensiver Roman über die Höhen, aber vor allem auch über die Tiefen des Frauenlebens – über Fallstricke, Schicksalsschläge, Gefühlschaos, Irrungen und Wirrungen und doch auch darüber, wie man sich aus Löchern und Abgründen wieder selbst herausziehen kann.

Und letztlich auch ein Stück Literatur darüber, wie unterschiedlich die persönlichen Vorstellungen von Glück ausfallen können, das doch für jede und jeden etwas Anderes bedeutet. Trotz aller negativer Aspekte eben kein deprimierendes, sondern auch ein hoffnungsvolles Buch über Stärke und Tapferkeit.

Keine Kuschel- und Wohlfühllektüre mit Happy End, sondern vielmehr ein kluges und wichtiges Buch, das auch für ernste Themen sensibilisiert und einen aufmerksam und hellwach werden lässt, indem es das Bewusstsein schärft für schwierige Situationen und Gefährdungen, welchen Frauen ausgesetzt sein können. Ein empathischer Roman darüber, was es bedeutet eine Frau zu sein, bei dem man sich verstanden fühlt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Catherine Cusset, Die Definition von Glück
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk
Eisele Verlag
ISBN: 9783961611409

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Catherine Cusset’s „Die Definition von Glück“:

Für den Gaumen:
Clarisse hat eine Vorliebe für den bretonischen Kouign-amann: ein Butterkuchen bzw. laut Wikipedia ein „runder, dicker Fladen“ aus Blätterteig mit knuspriger, karamellisierter Kruste.
Bei Lapaticesse und la-bretonelle findet man Rezepte für diese süße Spezialität aus der Bretagne.

Zum Weiterhören:
Der Song „I put a spell on you“ wird im Buch leider zu einem traurigen Anlass gesungen. Auf YouTube gibt es eine schöne Coverversion von Annie Lennox aus dem Jahr 2014.
Im Original ist das Stück jedoch von Screamin Jay Hawkins und bereits aus dem Jahr 1956.

Zum Weiterlesen:
Clarisse liest zu Beginn des Romans einen wahren Klassiker der französischen bzw. der Weltliteratur:

„Die beiden Kopfkissen in den Rücken gestopft, setzte sie sich aufs Bett und vertiefte sich in Balzacs Verlorene Illusionen. Alles, was David und Ève erlebten, ihre Liebe, die Habgier und der Egoismus von Davids Vater, der dem eigenen Sohn die Druckerei verkaufte, um sich daran zu bereichern, schien ihr realer als ihr eigenes Leben.“

(S.19)

Ein 960 Seiten Schmöker des Realisten Balzac, den ich noch nicht gelesen habe und für den man vermutlich Muße und ausreichend Zeit benötigt:

Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen
Aus dem Französischen von Melanie Walz
Hanser
ISBN: 978-3-446-24614-0

Gefühlsstürme und Naturgewalten

Eine lange, interessante Reise durch das Norwegen des 14. Jahrhunderts geht mit dem dritten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie von Sigrid Undset „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ für mich nun zu Ende. Noch einmal habe ich mich durch die flüssige, stimmige und zeitgemäße Übersetzung von Gabriele Haefs in den Bann ziehen und in eine längst vergangene Zeit entführen lassen.

„Erlend hatte das alles nie von ihr verlangt. Er hatte sie nicht geheiratet, um sie in Not und Mühsal zu führen, er hatte sie geheiratet, damit sie in seinen Armen schlafen könnte.“

(S.38)

Der dritte Band meint es nicht gut mit Kristin. Nachdem sich ihr Gatte Erlend von ihr zurückgezogen hat und nun alleine auf einem einsamen Bergbauernhof getrennt von ihr und den zahlreichen Söhnen haust, muss sie alleine auf dem Hof zurechtkommen. Es kriselt gewaltig in der Ehe, die einst aus einer stürmischen Liebesbeziehung entstanden war und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte. Die Trennung und die damit verbundene Schmach in der Öffentlichkeit machen ihr schwer zu schaffen.

„Er, der ewig Ruhelose, schien nun immer ruhig zu sein. Wie ein Bach, der irgendwann auf einen steilen Felshang stößt und sich beugen lässt, in Moor und Grasschwaden schließlich versickert.“

(S.23)

Es gibt das geflügelte Wort: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen. Dies trifft in „Das Kreuz“ auch auf Kristin und ihre Söhne zu. So muss sie zusehen, wie sich Geschichte wiederholt und akzeptieren, dass sie es ihren Kindern nicht ersparen kann, teilweise die selben Fehler zu machen wie sie selbst.
Und auch ihr einstiger Verlobter, lebenslanger Beschützer und Freund Simon Andressohn, der dieses Mal einen großen Part im Roman bekommt, macht ihr Sorgen.

„Und jetzt begriff die Tochter, dass der Sinn ihrer Mutter vollgeschrieben gewesen war mit Erinnerungen an die Tochter, Erinnerungen an Gedanken über das Kind aus der Zeit, als es ungeboren war, und aus den Jahren, von denen Kinder nicht mehr viel wissen, Erinnerungen an Furcht und Hoffnung und Träume, von denen Kinder niemals wissen, dass sie für sie geträumt worden sind, ehe ihre eigene Zeit kommt, um insgeheim zu fürchten und zu hoffen und zu träumen.“

(S.464/465)

Das zentrale Motiv, das für mich bei der Lektüre besonders deutlich zu Tage trat, ist das des Loslassens. Kristin muss zusehen, wie ihre Söhne flügge werden, ihre eigenen Wege gehen, eigene Fehler machen und sie muss lernen, dass sie ihre Kinder nicht vor allem beschützen kann. Die Löwenmutter muss ihre Jungen selbstständig in die Welt ziehen lassen – ein schmerzhafter Prozess, der ihr besonders schwer fällt. Und zweifelsohne ein vollkommen zeitloser Gedanke, den auch heutige Eltern sicherlich gut nachvollziehen können.

„In ihrer Jugend hatte sie sich der Welt hingegeben, und je mehr sie in den Netzen der Welt gezappelt hatte, um so fester hatte sie sich an diese Welt gebunden und dort gefangen gefühlt.“

(S.208)

Auch und gerade im letzten Band muss Kristin sich von vielen geliebten Menschen verabschieden, loslassen und trauern. Am Ende sucht sie Zuflucht im Glauben und im Kloster. Wie schon durch den Titel „Das Kreuz“ (Korset) erahnbar spielen religiöse Motive und Gedanken eine große Rolle in diesem Finale der Trilogie. Das Hadern mit Aberglaube und Glaube, dem Aufeinanderprallen von eher heidnisch geprägten Ritualen und dem katholischen Glauben mit dem spirituellen Zentrum im eindrucksvollen Nidarosdom: Sigrid Undset, die 1924 nach der Veröffentlichung ihrer Trilogie selbst zum katholischen Glauben übertrat, setzte sich in ihrem Leben und ihrem Werk intensiv mit dem Thema Religiosität und Glaube auseinander. Dies wird bei der Lektüre von „Das Kreuz“ nochmals sehr deutlich und bewusst. Auch Kristin durchlebt schwere Zeiten und erfährt viel Leid. Sie verliert liebe Menschen, Weggefährten und sogar Kinder – so trägt sie gerade im letzten Band ihr ganz persönliches Kreuz, dem sie sich durch Zuwendung zum Glauben zu stellen versucht.

Während der Lektüre hat mich ein Gedanke immer wieder mit voller Wucht getroffen und begleitet: Welches Glück wir doch in vielen Aspekten haben, im Hier und Jetzt und in der heutigen Zeit leben zu dürfen. In einer Zeit, in der moderne Errungenschaften das Leben erleichtern, Medikamente Krankheiten heilen und kurieren können, die früher starke Schmerzen, großes Leid und sogar den Tod bedeutet haben. In einer Zeit, in welcher der medizinische Fortschritt die hohe Sterblichkeit bei Kindern und gebärenden Frauen deutlich reduziert hat. In einer Zeit, in der Frauen andere Möglichkeiten haben und andere Lebensentwürfe leben können. Das Mittelalter und das 14. Jahrhundert waren eine archaische Zeit, in der Naturgewalten und Seuchen wie die Pest sowie Hungersnöte Lebensläufe geprägt haben – Sigrid Undset’s Trilogie führt das sehr klar vor Augen.

Und doch gibt es in den Romanen auch zeitlose, immerwährend aktuelle Werte und Motive wie Freundschaft, Liebe, Trennungen, Familienbande und Elternschaft, Krankheit, Tod und Trauer. Die Gefühlswelt, die Undset beschreibt, ist heute keine andere als damals und Blut ist immer noch dicker als Wasser. Die Menschheit ist immer noch und wieder stark zunehmend Naturgewalten und -katastrophen ausgesetzt. Gerade deshalb ist die Lektüre der Geschichte von Kristin Lavranstochter auch heute noch empfehlens- und lohnenswert.

Und so blicke ich nach drei Bänden jetzt dankbar zurück auf eine hoch interessante, literarische Reise durch das mittelalterliche Norwegen, die mir sprachlich und literarisch durch die feine, moderne Übersetzung von Gabriele Haefs großen Genuss und zudem einige wertvolle Denkanstöße beschert hat.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 21) auf der Liste: Ich möchte ein dickes Buch (lt. Definition von Nordbreze > 500 Seiten) lesen. Auch wenn Sigrid Undset als Literaturnobelpreisträgerin sich auch für Punkt 16) auf meiner Liste geeignet hätte (hier habe ich aber noch ein paar andere Pfeile im Köcher bzw. ein paar Bücher auf meinem Stapel), habe ich mich aufgrund der über 560 Seiten doch für diese Kategorie entschieden. Denn das Buch ist schon ein richtiger Schmöker und hat mich eine Weile beschäftigt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Das Kreuz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62301-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“:

Für den Gaumen:
Bei den beschriebenen Festen und Gelagen scheint der Fokus meist mehr auf den Getränken gelegen zu haben, denn da fließt häufig „Bier und Met (…) in Strömen“ (S.460).

Zudem wird beschrieben, dass es auch bei der Versorgung mit Nahrung gute und schlechte Zeiten gab:

„Auch zu Kristins Zeit war es vorgekommen, dass die Leute Hering essen mussten, der sauer geworden war, Fleisch so gelb und zäh war wie Kienspäne, und auch verdorbenes Fleisch. Aber damals hatten alle gewusst, dass die Hausfrau das bei einer anderen Mahlzeit mit besonderen Leckerbissen wettmachen würde, mit Milchgrütze oder frischem Käse und mit gutem Bier, wie es das sonst im Alltag nicht gab.“

(S.473)

Zum Weiterlesen (I) bzw. vorher lesen:
Da es zwar möglich, aber nicht wirklich ideal ist, bei einer Trilogie mit dem letzten Band zu beginnen, empfehle ich interessierten Lesern definitiv mit dem ersten Teil zu starten: „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ – hier erfährt man, wie die stürmische Liebesgeschichte zwischen Kristin und Erlend ihren Anfang nimmt (und hier geht es zu meiner Rezension).

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Im zweiten Band „Kristin Lavranstocher – Die Frau“ erlebt Kristin die ersten Ehejahre, Geburten und Mutterschaft und übernimmt Verantwortung für ihr Leben und ihre Nachkommen (auch diesen Band habe ich auf der Kulturbowle vorgestellt):

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Glitzerndes Berlin

Nicht erst seit Babylon Berlin üben die 20er und 30er Jahre und das pulsierende, schillernde Leben in Berlin eine große Faszination auf Autorinnen und Autoren aber auch auf Leserinnen und Leser aus. Auch mich ziehen Berlin-Romane, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, immer wieder magisch an. Ewald Arenz hat seinen Roman „Das Diamantenmädchen“ bereits 2011 veröffentlicht – lange bevor Volker Kutscher’s Gereon Rath-Romane (2011 gab es lediglich die ersten drei Bände der Reihe) durch die Fernsehserie „Babylon Berlin“ erst so richtig berühmt wurden.

Auch Ewald Arenz hat gerade in den letzten beiden Jahren durch seine (zu Recht) sehr beliebten und erfolgreichen Romane „Alte Sorten“ (hier geht es zu meiner Rezension) und „Der große Sommer“ deutschlandweit sehr an Bekanntheit gewonnen. Doch auch in „Das Diamantenmädchen“ blitzt bereits sein besonderer Stil und die Erzählfreude auf, die mich so begeistert. Ein Schmuckstück, das es sich daher ebenfalls zu entdecken lohnt.

„Berlin war zu einer Stadt geworden, in der die Uhren nicht mehr gemächlich gingen und gewichtig die Stunden schlugen, sondern nervös tickten und unruhig läuteten. Der Verkehr rauschte Tag und Nacht, die Straßenlaternen brannten bis zum Morgen, irgendein Café hatte immer auf. Es war wunderbar, aufregend, spannend – und trotzdem war da etwas von der Gelassenheit der Kaiserzeit verloren gegangen.“

(S.7)

Lilli Kornfeld ist eine aufstrebende und ehrgeizige Journalistin im Berlin der Zwanziger Jahre. Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine tiefe Freundschaft mit Paul van der Laan. Als sie dann für eine ihrer Recherchen im Kriminellenmilieu das Wissen eines Diamantenschleifers benötigt, nimmt sie erneut Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt Paul aus einer Familie von Diamantenhändlern. Schnell flammen alte Gefühle wieder auf, aber auch alte Wunden brechen erneut auf.
Eine flirrende Dreiecksgeschichte entspinnt sich, denn auch der im Mordfall ermittelnde Kommissar Schambacher, findet Gefallen an der reizenden und intelligenten jungen Frau.

Zwischen romanischem Cafè, Bahnhof Zoo und der Bar zum Papagei stellt nicht nur die Polizei ihre Ermittlungen an, sondern auch Lilli versucht, für ihre „Berliner Illustrirte“ eine spektakuläre Geschichte an Land zu ziehen, wenn ihr nur nicht das Gefühlschaos dazwischenfunken würde…

Inhaltlich möchte ich gar nicht zu viel verraten, um die Spannung und die Magie der ersten Lektüre nicht zu zerstören. Man sollte dieses Buch einfach selbst lesen und genießen. Arenz ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Hat man einmal begonnen – kann und will man sich dem Bann der Geschichte nicht mehr entziehen.

Es ist eine strahlende, funkelnde und glitzernde Geschichte über Freundschaft und Liebe, die Traumata des ersten Weltkriegs und über Berlin in den Zwanzigern.
Zudem lernt man viel über Edelsteine, das Schleifen von Diamanten, sowie die Historie einiger besonders bekannter und wertvoller Diamanten, wie z.B. dem Blue Hope.

Aber „Das Diamantenmädchen“ ist auch eine zarte, romantische Liebesgeschichte mit einer melancholischen Note und einiger Wehmut – schließlich haben Krieg und Trennungen unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Und auch eine Prise Krimi hat Arenz noch mit hinein gepackt: so trifft man nicht nur Kommissar Schambacher, der in einem mysteriösen Diamantenmord ermittelt und dessen Wege sich mit Lilli’s kreuzen, sondern auch „Buddha“ Ernst Gennat bekommt seinen Auftritt – den LeserInnen von Volker Kutscher’s Rath-Romanen zweifelsohne ein Begriff.

Man spürt bei der Lektüre die Sorgfalt und die Liebe zu seinen Figuren, die der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Das ist fein beobachtet, mit liebevollen Gesten und Szenen behutsam ausgestaltet und untermauert und liest sich gerade deshalb herzerfrischend und berührend zugleich.

Persönlich finde ich die Aufmachung der gebundenen Ausgabe des Ars Vivendi Verlags ästhetisch sehr gelungen – edel in schwarz-gold mit schwarzem Vorsatzpapier und Lesebändchen – auch optisch ein Augenschmaus. Schön gestaltete Büchern können mich einfach immer wieder begeistern.

Für mich war „Das Diamantenmädchen“ daher ein gefühlvolles, schwelgerisches, literarisches Juwel, das ich sehr gerne gelesen habe. Je mehr ich von Ewald Arenz lese, um so mehr verfalle ich seiner Art zu schreiben, seinen liebenswerten Figuren und seinem feinen Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen.
Bisher allesamt feine, niveauvolle Bücher, die das Herz am rechten Fleck haben und viel Freude machen – ein Glanzstück im Bücherregal!

Buchinformation:
Ewald Arenz, Das Diamantenmädchen
Ars Vivendi
ISBN: 978-3-7472-0043-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ewald Arenz’ „Das Diamantenmädchen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bodenständig zu: bei Sauerbraten und Apfelpfannkuchen als Nachspeise.

Zum Weiterhören:
Bisher nicht live im Theater gesehen habe ich das Musical „Show Boat“, das jedoch als Broadway-Klassiker gilt. Im Buch wird dazu getanzt und Lilli erkennt die Musik sofort:

„Geschirr klapperte leise unter einem schmelzenden Jazzsong. Show Boat, dachte Lilli, und Schambacher, der den Song nicht kannte, dachte, dass er jetzt gerne mit Lilli Kornfeld getanzt hätte. Das Lied klang nach ihr.“

(S.218/219)

Zum Weiterlesen:
Ich habe auf jeden Fall erneut Lust bekommen, mich weiter literarisch mit Berlin zu beschäftigen. So wartet zum Beispiel auch der Klassiker von Christopher Isherwood „Leb wohl Berlin“ schon seit einiger Zeit auf meine Lektüre, der dem Musical „Cabaret“ als Vorlage diente. Dann könnte ich nach den Zwanziger Jahren gleich mit den Dreißigern weitermachen:

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Sommerfrische und Eifersucht

Gustav Mahler und seine Frau Alma bieten immer wieder Stoff für literarische Werke – die Dramatik ihrer Beziehung ist geradezu eine Einladung für Autorinnen und Autoren, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Auch der Südtiroler Autor Lenz Koppelstätter – bisher vor allem als Krimiautor bekannt – hat mit „Almas Sommer“ jetzt einen Roman über die Toblacher Zeit der beiden veröffentlicht.

Ein schmaler Band mit gerade mal 200 Seiten, der vor allem die Psyche und Gedankenwelt der beiden ungleichen Eheleute näher ausleuchtet, die im Sommer 1910 Quartier in Toblach genommen haben, aber doch beide am Leben und der Liebe leiden. Die glücklichen Zeiten ihrer Ehe haben sie da bereits hinter sich.

„Gustav Mahler auf dem höchsten Gipfel rund um Toblach. Das würde ihm Eindrücke verschaffen, seinen Kopf leeren. Er würde die Dolomiten tanzen sehen.“

(S.84/85)

Mahler braucht die Natur, die Bergwelt und die Abgeschiedenheit, um komponieren zu können. Er ist die treibende Kraft, die es in die Dolomiten zieht. Seine Gesundheit ist bereits angeschlagen, er leidet unter starken Schmerzen und zieht sich immer mehr zurück, vor allem auch in sein Komponierhäuschen. Dort versucht er unter Qualen, seine unsterbliche Musik zu erschaffen, an seiner nächsten Sinfonie zu arbeiten.

Alma, die deutlich jüngere Gattin, sehnt sich jedoch nach Wien, nach Leben und etwas Abwechslung in ihrem Ehealltag. Dieses Tal in Südtirol ist ihr zu eng, zu hinterwäldlerisch, zu langweilig. Sie braucht Kunst, Kultur, Gesellschaft, Amusement und gerne auch etwas Anbetung durch interessante Männer.

„Wer sollte sie hier denn anhimmeln? In diesem Tal am Ende der Welt. Niemand, genauso wie in Maiernigg. Die Hölle.“

(S.70)

So wie Walter Gropius, mit dem sie eine heimliche Affäre angefangen hat.
Sie kokettiert mit den Dorfburschen im Gasthaus und gibt ihrem Ehemann immer wieder Anlass zur Eifersucht.

Mahler hingegen ringt mit seinem Schaffen, verzweifelt an seinen gesundheitlichen Gebrechen und spürt, wie ihm seine große Liebe immer mehr entgleitet. Zudem scheint dem einfachen Volk die Walzermusik seines ungeliebten Konkurrenten Strauß zu seinem Groll näher zu stehen, als seine doch so viel innovativeren Orchesterwerke.

„Er hatte in den vergangenen Tagen viel über das Prinzip des Gasthausbesuchs nachgedacht. Er war wohl einer jener Menschen, dachte er, die immer wieder einmal Gesellschaft brauchten, um in dieser allein zu sein.“

(S.146)

Koppelstätter erzählt im Wechsel aus Alma’s und Gustav’s Perspektive und lässt seine Leserinnen und Leser so in die unterschiedlichen Gefühlswelten und Gedanken des Paares eintauchen.
Es wird klar, dass sich die Eheleute immer mehr von einander entfernt haben, auf die Schicksalsschläge wie den Tod ihrer Tochter, unterschiedlich reagiert haben. Gerade diese zunehmende Distanz und der Kontrast zwischen Einstellungen und Erwartungen ans Leben, werden in „Almas Sommer“ besonders deutlich.

Da ich schon einiges über Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie das Buch ohne Vorkenntnisse ankommt. Denn es ersetzt natürlich in keinster Weise eine umfassende Biografie oder historische Einordnung – vielmehr ist es ein Schlaglicht, eine Momentaufnahme einer kurzen Zeit der Sommerfrische, die sich stellenweise fast zur Eiszeit verwandelt.
Es ist das Ende einer Ehe, die hier thematisiert wird und ein Roman über die Eifersucht.

Auch wenn manches etwas klischeebehaftet und scherenschnittartig ausfällt – so wirkt Alma’s Arroganz und ihre abfälligen Bemerkungen für meinen Geschmack manchmal etwas zu eindimensional – lässt sich das Buch dennoch sehr flüssig und zügig lesen und entwickelt einen Sog, der einen mit sich zieht.

Man spaziert mit Mahler durch die schöne Bergwelt, wacht mit ihm in seinem Komponierhäuschen und wünscht ihm den Kuss der Muse und den Schaffensrausch, den er braucht, um seine unvergleichliche Musik entstehen zu lassen.
Man leidet mit bis zu großem Showdown, bei dem er sich dem jungen Liebhaber seiner Frau tatsächlich persönlich stellen muss.

Mir hat der Roman auf jeden Fall Lust darauf gemacht, mich irgendwann selbst in Toblach auf die Spuren von Gustav Mahler zu begeben. Ein kleines – trotz aller Tragik – leichtes Buch, das gut ins Reisegepäck für einen Südtirol-Urlaub passt und nicht nur weiter zum Mythos „Gustav und Alma“ beiträgt, sondern auch der grandiosen Kulisse der Dolomiten ein zusätzliches Denkmal setzt.

„Wann würde er endlich wieder in Toblach sein? Er versuchte, die Tage zu zählen… Er sog an der Pfeife, er küsste Alma. Er würde sie nie für sich alleine haben, sie nie besitzen können. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, das spürte er.“

(S.178/179)

Buchinformation:
Lenz Koppelstätter, Almas Sommer
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00021-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lenz Koppelstätter’s „Almas Sommer“:

Für den Gaumen:
Gustav Mahler war 1910 bereits ein kranker Mann und achtete daher auch sehr auf seine Ernährung:

„Agnes bereitete ihm ein Frühstücksbrot zu. Viel Kunsthonig. Tee. Kaffee. Etwas Gebäck, etwas Geflügel vom Vortag. Obst. Keine Butter. Bloß nicht! Er liebte das selbstgemachte Grahambrot, es schmeckte so intensiv, es gab ihm die Energie, die er für den Tag brauchte.“

(S.59)

Zum Weiterhören:
Natürlich kommt im Roman der Musik und dem kompositorischen Schaffen Gustav Mahler’s eine wichtige Rolle zu: So erfährt man bei der Lektüre einiges über die Werke, die in Toblach (oder zu großen Teilen dort) entstanden sind: „Das Lied von der Erde“, die neunte Sinfonie und die unvollendete zehnte Sinfonie. Eine schöne Gelegenheit bzw. ein guter Anlass, mal wieder ein bisschen Mahler zu hören.

Für den nächsten Südtirol- und Museumsbesuch:
Der Südtiroler Ort Toblach besitzt ein Kulturzentrum, das sogar den Namen des berühmten Komponisten trägt. Auf der Homepage findet man interessante zeitgeschichtliche Hintergründe, Bilder (z.B. des Komponierhäuschens) und Informationen über die Aufenthalte Gustav Mahlers im Ort. Im Juli (09.07. – 22.07. 2022) werden dort die Gustav Mahler Musikwochen stattfinden. Ein Festival mit Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen, das seit 1981 alljährlich stattfindet.
Auch wenn ich es dieses Jahr sicher nicht dorthin schaffen werde, wäre das durchaus mal etwas für die gedankliche Merkliste in Verbindung mit einem schönen Südtirolurlaub.

Zum Weiterlesen (I):
So manchem Leser oder mancher Leserin mag der Name Lenz Koppelstätter vielleicht bekannt vorkommen, denn seine Südtirol-Krimis um Commissario Grauner und Ispettore Saltapepe sind seit Jahren sehr erfolgreich. Aktuell sind bereits sieben Bände der Reihe erschienen und der achte wird im Dezember 2022 folgen. Auftakt der Reihe ist „Der Tote am Gletscher“ und man wird bei der Lektüre schnell merken, dass auch Commissario Grauner ein Fan von Gustav Mahler ist.

Lenz Koppelstätter, Der Tote am Gletscher
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462047288

Zum Weiterlesen (II):

Eines meiner ersten Bücher, das ich im August 2020 auf der Kulturbowle vorgestellt habe, war auch ein kleines, feines Buch über Gustav Mahler und behandelt ebenfalls die späte Lebensphase des Komponisten: „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler, das mich damals sehr berührt und vor allem aufgrund der Sprache begeistert hat.

Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

Stachlige Alltagsblüten

Auf Katharina Adler’s zweiten Roman „Iglhaut“ war ich sehr gespannt, denn schon die Vorschauen hatten mich neugierig auf diese besondere Frau mit dem ungewöhnlichen Namen im Zentrum des Romans gemacht. Während der Lektüre hat mich die Schreinerin in der Münchner Hinterhofwerkstatt – gemeinsam mit den Menschen um sie herum – endgültig für sich eingenommen. Eine großartige, literarische Figur mit Ecken, Kanten und verborgenen Seiten, die Schritt für Schritt – wie beim Hobeln und Schleifen eines Stücks Holz – zum Vorschein kommen und nach dem Polieren zu glänzen beginnen.

„Leicht waren die Ferientage nicht für sie gewesen, alleinstehend unter Familien, Mittvierzigerin unter Pensionisten, Schattenfreundin unter Sonnenbränden, eine, die ein Buch las zwischen lauter Telefonen.“

(S.10)

Das ist Iglhaut – eine Frau in den Vierzigern, alleinstehend mit einem Hund, der Kanzlerin heißt und die im Hinterhof eines Münchner Mietshauses eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt. Dort hat sie auch an den Lebensschicksalen ihrer Nachbarschaft – mal mehr, mal weniger freiwillig, aber immer unmittelbar – Anteil. Das Leben hat nicht nur ihren Nachbarn, sondern auch ihr selbst bereits ein paar Narben zugefügt. Als Scheidungskind bewegt sie sich ständig im psychologischen Minenfeld zwischen den getrennten Eltern und auch selbst konnte sie ihre bisherigen Liebesbeziehungen nicht aufrecht erhalten.

„Sie hatte sich noch nicht gesetzt, noch kein Getränk, noch kein Stück von der Käseplatte auf dem Esstisch genommen, da war sie nicht mehr Tochter, sondern Botschafterin in einem autokratischen Land, zur Rechtfertigung einbestellt. Ihre diplomatische Seite war gefordert. Umsichtig gewählte Worte, vielsagendes Schweigen und abwägendes Nicken zur rechten Zeit.“

(S.69)

Und so lernen wir nicht nur Iglhaut, sondern auch ihre Eltern – den überfürsorglichen Vater und eine esoterische Mutter – und ihre Nachbarschaft kennen.

Zwischen Münchner Mietshaus, ägyptischem Luxushotel und der Notfallambulanz entwickelt Katharina Adler Menschen, Lebensschicksale und Episoden, wie mitten aus dem Leben gegriffen. Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Lebens in all seiner Buntheit, mit all seinen Facetten, Formen und Farben: Alltagsblüten.

Da ist die Klosterschwester Amalburga, die als Kundin eine Statue zur überzeugten Atheistin Iglhaut zur Restaurierung bringt und die so gerne einen Caffè Doppio im Café Alighieri um die Ecke trinkt oder der Pfleger Ronnie, der auf die medizinische Wirkung von Marihuana schwört. Oder die Mutter des Griechen um die Ecke, die so gerne auf ein Metallica-Konzert gehen würde und im Mietshaus das häufig lautstark streitende Ehepaar, die Schriftstellerin mit Schreibblockade, die mit ihrem zweiten Roman kämpft.

Da gibt es All Inclusive-Urlaub, Hochzeiten von Ex-Freunden, Rassismus, Flüchtlingsschicksale, Hausgeburten, Zahnarztbesuche, häusliche Gewalt und Geburtstagsfeiern – das Leben mit Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz, Liebe und Leid.

Adler ist eine aufmerksame Beobachterin und trifft mit schlafwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos den richtigen Tonfall. Viele Sätze treffen punktgenau ins Schwarze und sprechen einem geradezu aus der Seele. Sie hält der Gesellschaft und den Menschen den Spiegel vor und oft denkt man: Ja, genau so ist es. Genau so.

Sowohl von der Sprache der Autorin, die in München geboren wurde und jetzt nach Stationen in Leipzig und Berlin auch wieder dort lebt, als auch von den liebevoll gezeichneten Figuren war ich wirklich begeistert. Sarkastisch-zynisch schreibt sich Katharina Adler, deren Debütroman „Ida“ ich bisher noch nicht gelesen habe, was ich vermutlich aber bald ändern sollte, Seite um Seite mehr in mein Leserherz und überzeugt mich durch Stil, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

„War sie, die Iglhaut, authentisch, weil sie nur zweimal in ihrem Leben umgezogen war?“

(S.91)

Iglhaut ist mir von Seite zu Seite mehr ans Herz gewachsen und für mich hätte das Buch gerne noch etwas länger als die 280 Seiten sein dürfen – so manche Figur oder Geschichte hätte sich noch gelohnt, näher beleuchtet und ausführlicher erzählt zu werden.

Ein tiefgründiger und zugleich witziger Roman mit ganz eigenem Charme und einem Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt: so stachlig, unkonventionell und direkt wie seine Hauptfigur – ein Buch so bunt wie das Leben!

„Ach, dachte die Iglhaut, nur ein paar Nächte in Frieden, mehr Wohlwollen und weniger Zahnschmerz und Zorn. Das wäre ein Leben. Und wenn sich dann noch vormalige Erlöser selber zur Wurmkur chauffierten. Mehr Paradies brauchte sie eigentlich nicht.“

(S.113)

Buchinformation:
Katharina Adler, Iglhaut
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00256-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katharina Adler’s „Iglhaut“:

Für den Gaumen (I):
Schon der Klappentext verrät, dass Iglhaut eine Schwäche für Whiskey-Cocktails hat und zwar genaugenommen vor allem für den sogenannten „Old Fashioned“. Die Zutaten hierfür sind Whiskey, Zuckersirup, Bitter, Orangenzeste und natürlich Eis – ob Wasser reingehört oder nicht, da scheiden sich wohl die Geister.

Für den Gaumen (II):
Iglhaut’s Vater lebt seine Fürsorge gerne durch Bekochen und umfangreiche Verpflegungspakete aus:

„Der Vater konnte sich jetzt doch an seiner Tochter freuen. Das erste Stück Lasagne hatte sie fast verzehrt, nahm sich schon das zweite. Ob die Kinder fünf, fünfzehn oder fünfundvierzig waren, ein gesunder Appetit beruhigte die Elternseele. Solange der Nachwuchs aß, war noch nicht alles verloren.“

(S.40/41)

Zum Weiterlesen (I):
Schon bei den Worten „Münchner Schreinerwerkstatt im Hinterhof“ musste ich sofort an Meister Eder und seinen Pumuckl denken und es schossen mir Bilder von Gustl Bayrhammer hinter dem großen Glasfenster in seiner Hinterhofwerkstatt durch den Kopf. Ob die Fernsehserie des bayerischen Rundfunks aus den 80er Jahren, die Schallplatten oder die Bücher selbst: Pumuckl ist Teil meiner Kindheit.
Um so größer war dann die Freude, als ich doch tatsächlich bei der Lektüre von „Iglhaut“ auch noch eine kleine (ob bewusst oder unbewusst, kann ich nicht beurteilen) Hommage an die liebgewonnenen Figuren aus meiner Kindheit entdeckt habe:

„Einsam sitz ich in der Schaukel. Die Welt ist traurig und voll Gaukel. Ganz und gar, mögen andere dick und satt sein, ich will nichts vom Späneschwein.“
Während sie die Sätze aufsagte, sah sie so aufrichtig verwundert aus, da ging der Iglhaut das Herz schon wieder ein bisschen auf. „Kästner?“, tippte sie.
Jasmina schnippte die Späne weg. Sie lese prinzipiell nur Autor*innen, die sich als weiblich bezeichneten. Kaut sei das gewesen.“

(S.141)

Ellis Kaut, Meister Eder und sein Pumuckl
Franckh Kosmos Verlag
ISBN: 978-3440148204

Zum Weiterlesen (II):
Ein weiterer wunderbarer Roman, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, ging mir während der Lektüre auch immer wieder durch den Kopf. Wer Gefallen an „Iglhaut“ findet, könnte sicherlich auch an „Die Eleganz des Igels“ der französischen Autorin Muriel Barbery seine Freude haben, denn auch die Pariser Concierge Renée ist eine außergewöhnliche Figur, die man nicht so schnell vergisst.

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels
Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
dtv
ISBN: 978-3-423-13814-7

Wenn die Chemie stimmt

Ich gebe zu: Chemie war nicht mein Lieblingsfach in der Schule und das meiste habe ich bereits vergessen, aber in Bonnie Garmus’ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ durfte ich mit Elizabeth Zott eine Romanheldin kennenlernen, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Und keine Angst! Man kommt auch ohne chemisches Wissen sehr gut durch diese Lektüre.

1961 – Die Welt ist noch nicht wirklich reif für Frauen in der Wissenschaft und doch wünscht sich Elizabeth Zott nichts sehnlicher, als eine Karriere als Chemikerin in der Forschung zu machen. Kaum einer traut ihr das zu und die meisten Kollegen nehmen sie nicht ernst, bis sie auf Calvin Evans trifft. Er ist der unangefochtene und exzentrische Star des Instituts und Nobelpreiskandidat, der gesellschaftlich eher ein Außenseiter ist und seine eigenen Wege geht. Doch als er buchstäblich auf Elizabeth stößt, knistert es sofort – zwei verwandte Seelen haben sich gefunden.

Ein schwerer Schicksalsschlag stellt Elizabeth jedoch vor die größte Herausforderung ihres Lebens und zwingt sie, ihren Traum von der Wissenschaftskarriere aufzugeben. Als alleinerziehende Mutter nimmt sie, um den Lebensunterhalt für ihre Tochter Madeline und sich zu verdienen, das überraschende Angebot an, Fernsehmoderatorin der konservativen Kochshow „Essen um sechs“ zu werden.
Doch Elizabeth wäre nicht Elizabeth, würde sie der Sendung nicht ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken. Der Sender würde sie am liebsten feuern, doch das Publikum liebt sie. Was als Lückenfüller im Programm gedacht war, entwickelt sich zum brandheißen Geheimtip und Elizabeth inspiriert die Zuschauerinnen dazu, ihr Leben zu verändern.

„Kochen ist eine seriöse Wissenschaft. Im Grunde ist es Chemie.“

(S.60)

Bonnie Garmus hatte mich schon nach dem Vorwort verzaubert und mir war schnell klar, dass diese Elizabeth Zott eine Heldin sein wird, der ich wie gebannt folgen würde. Eine starke, rebellische, kluge, intelligente Frau, die für ihre Rechte und ihr selbstbestimmtes Leben kämpft und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Und doch war das jetzt ihr Leben, eine alleinstehende Mutter, die leitende Wissenschaftlerin bei dem wohl unwissenschaftlichsten Experiment aller Zeiten: das Großziehen eines anderen Menschen. Jeden Tag empfand sie die Mutterschaft wie einen Test, für den sie nicht gelernt hatte. Die Fragen waren beängstigend, und es gab nicht annähernd genug Lösungsvorschläge.“

(S.197)

Und auch wenn sie Selbstzweifel plagen und das Leben ihr schwere Prüfungen auferlegt, verliert sie nicht den Mut und kämpft. Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung ihrer Tochter Madeline erhält sie von Nachbarsfrau Harriet, die sich als wahrer Engel entpuppt und aufblüht, als ihr Leben wieder einen Sinn bekommt. Denn so kann sie der beklemmenden Enge ihrer unglücklichen Ehe zumindest stundenweise entfliehen. Und auch Tochter Madeline ist etwas Besonderes, denn sie hat die Intelligenz und Begabung ihrer Mutter geerbt. Sie fordert und will gefordert werden.

„Denn während musikalische Wunderkinder stets bejubelt werden, ist das bei frühen Lesern nicht der Fall. Weil frühe Leser nämlich bloß in etwas gut sind, in dem andere irgendwann auch gut sein werden. Deshalb ist es nichts Besonderes, darin die Erste zu sein – es ist bloß nervig.“

(S.8)

Und es sind genau diese wunderbaren, sympathischen Figuren, die für mich die ganz große Stärke des Romans ausmachen. Man muss diese Charaktere einfach lieben und lacht, weint, leidet und freut sich mit ihnen.
Wenn rationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Gefühle dazwischen kommen, dann wird es kompliziert und man beobachtet als Leser, wie sie scheitern, Wesentliches verschweigen oder verheimlichen und aus gut gemeinten Gründen dem Abgrund entgegen steuern.

Die Lektüre ist zugleich auf kluge Weise witzig-amüsant, aber auch zutiefst berührend. Freud und Leid liegen nahe beieinander – wie im richtigen Leben eben.
Viele Szenen machen wütend und im nächsten Moment auch dankbar, dass die Frauengeneration der Fünfziger und Sechziger Jahre so manche – wenn auch nicht alle – Kämpfe für die Nachfolgegeneration ausgefochten hat.

„Man sollte meinen, dass die Dummen früher wegsterben“, fuhr Elizabeth fort. „Doch Darwin hat nicht berücksichtigt, dass die Dummen nur selten vergessen zu essen.“

(S.352)

Bonnie Garmus, die viele Jahre als Kreativdirektorin gearbeitet hat, hat ein inspirierendes und starkes Debüt über Emanzipation, intelligente Frauen sowie den Kampf um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung verfasst.

Schon nach wenigen Seiten ist man dem Sog der Geschichte und der grandiosen Hauptfigur verfallen und möchte das Buch gar nicht mehr weglegen.
Es gibt also viele gute Gründe, diesen großartigen Roman zu lesen und falls Ihr noch einen braucht: Ihr müsst unbedingt Halbsieben kennenlernen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Piper
ISBN: 978-3-492-07109-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Eine Frage der Chemie“:

Für den Gaumen:
Elizabeth’s Art zu kochen ist unkonventionell, aber sie versteht es, auf ihre ganz eigene Art und Weise gesunde und schmackhafte Kost zuzubereiten – und natürlich gibt es in einem Buch, das die Moderatorin einer Kochshow zur Heldin hat, auch kulinarische Anregungen, zum Beispiel: „Hähnchen Parmigiana. Kartoffelgratin. Irgendein Salat.“ (S.57)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Ein Theaterbesuch der Operette „Der Mikado“ von Gilbert und Sullivan wird zum Schlüsselerlebnis für Elizabeth Zott. Zwar kann sie der Inszenierung an diesem Abend nicht viel abgewinnen und doch wird dieser ihr Leben entscheidend verändern.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mir das Hirn zermartert, ob ich schon einmal einen Roman gelesen habe, der mit Chemie zu tun hatte. Aber mir ist ehrlich gesagt keiner eingefallen. Aber wer literarisch gerne in den Sechziger Jahren bleiben möchte und nach „Eine Frage der Chemie“, der 1961 angesiedelt ist, mit dem Jahr 1962 weitermachen möchte, dem kann ich Steffen Kopetzky’s Roman „Monschau“ wirklich sehr empfehlen. Er zählte zu meinen Lesehighlights im vergangenen Jahr 2021 und erzählt eine feine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Pockenausbruchs in der Eifel.

Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

Eine Prise Leichtigkeit

Kafka’s berühmtes Zitat „ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ passt nicht zu Julia Mattera’s Roman „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ – vielmehr könnte man es als einen Kochlöffel für die wärmende tröstliche Seelennahrung, die der Mensch von Zeit zu Zeit braucht, bezeichnen. Und mal ehrlich, was hat der Durchschnittsmensch häufiger in der Hand – einen Kochlöffel oder eine Axt?

„Nein, ich bin aus eigenem Antrieb gekommen. Ich fühle mich wohl hier. Und ich mag Menschen, die nicht sprechen, wenn sie nichts zu sagen haben.“

(S.44)

Schauplatz des Romans ist ein gemütlicher, kleiner feiner Gasthof im Elsass, der von Robert Walch und seiner Schwester Elsa in Familienhand geführt wird. Elsa kümmert sich um den Hotelbetrieb und die Gäste – und ist nebenbei alleinerziehende Mutter von äußerst lebhaften Zwillingen. Robert’s Reich hingegen ist die Küche und der Gemüsegarten – seine Gäste lieben seine herausragenden regionalen Gerichte. Am liebsten hat er jedoch seine Ruhe, kümmert sich um seine Pflänzchen und Schätze im Garten – im Sinne eines Möhrenflüsterers schwört er darauf, dass alles besser wächst und gedeiht, wenn er mit seinen Zöglingen spricht.

„Du hast mich gebeten, dir mein Geheimnis zu verraten. Und genau darin liegt es. Die Bewohner meines Gemüsegartens sind genauso empfindsam wie du und ich, wenn nicht noch um einiges mehr. Deshalb nehme ich mir die Zeit, mit ihnen zu reden, sie zu unterhalten und ihnen zu erklären, was für ein Glück sie haben, in meiner Küche zu landen…“

(S.66)

Zu anderen Menschen hingegen hat er meist keinen so guten Draht. Er ist eigenwillig, schrullig und zieht sich meist lieber in sich selbst zurück. Gerade einmal die zupackende Kinderfrau Fatima, die sich liebevoll um die Zwillinge seiner Schwester kümmert, und ihr Sohn Hassan finden nach und nach in kleinen Schritten einen Zugang zu Robert’s Welt.

„Ihre Kindheit war sicher alles andere als unbeschwert. Glückliche Kinder werden zu offenen Erwachsenen, aber Sie scheinen zu einer kindlichen Unschuld zurückkehren zu wollen, weil Ihnen dieses unbeschwerte Lebensgefühl so früh genommen wurde.“

(S.101)

Als dann plötzlich auch noch die quirlige, temperamentvolle Engländerin Maggie im Elsass auftaucht, wird Robert’s Alltag und Gefühlsleben gehörig durcheinander gewirbelt.

Julia Mattera hat ein lebensbejahendes, positives Buch über Toleranz, Freundschaft und Liebe geschrieben, das zugleich eine bezaubernde Hymne auf bewussten und bodenständigen, kulinarischen Genuss sowie die ehrliche, traditionelle und handwerklich gute Küche mit hochwertigen Produkten ist.
Es ist herzerwärmend zu lesen, wie sich der Einsiedler und Eigenbrötler Robert mehr und mehr für sein Umfeld öffnet und plötzlich auch Nähe zulassen kann und möchte.

Ist das Buch immer realistisch? Nein, will und soll es aber auch nicht sein. Denn manchmal tut es auch einfach gut, sich in eine andere, sonnige und wohltuende Umgebung entführen zu lassen und dem Alltag ein paar Buchseiten lang zu entfliehen.
Und das gelingt Mattera wunderbar dank sympathischer und warmherziger Figuren, einer gefühlvollen und zärtlichen Geschichte mit Leichtigkeit, Wärme und ganz viel Licht. Ab und zu fühlte ich mich an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert – allerdings befinden wir uns nicht in Montmartre, sondern im schönen Elsass.

Das Buch romantisiert stark, vielleicht ist es für manche Leser auch ab und zu ein wenig zu zuckersüß – für mich persönlich hätte es an der einen oder anderen Stelle auch ein Hauch mehr Zartbitter statt Zuckerguss sein dürfen. Doch dies tut dem Lesegenuss keinen Abbruch, denn stilistisch ist es absolut stimmig und darf daher aufgrund des magischen, märchenhaften Charakters der Erzählung auch durchaus mal etwas dicker auftragen.

„Mir kommt es so vor, als wäre ich in einem Märchen gelandet“

(S.168)

Es ist ein wunderbar verträumtes Märchen für junggebliebene Erwachsene, die sich für ein paar Stunden nach etwas heiler Welt sehnen und einfach mal Probleme Probleme und Sorgen Sorgen sein lassen wollen. Vielleicht braucht man gerade auch in diesen Zeiten ab und an ein Stückchen positiven Eskapismus und Balsam für die Seele – quasi ein „Seelenzuckerl“, das mit seinen etwas über 200 Seiten auch schnell verschnabuliert ist.

Aber Achtung! Appetit und Hunger sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert, also sollte der Kühlschrank und die Speisekammer für spontane Kochgelüste ausgestattet sein. Zumindest etwas Gemüse, Brot, Käse und Wein sollte man definitiv im Hause haben. Ich wünsche eine genussvolle Lektüre und bon appétit!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 15) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt lesen. Julia Mattera hat eine wahre Liebeserklärung ans Kochen und den bewussten, kulinarischen Genuss geschrieben, daher passt dieser Roman perfekt für diesen Punkt auf meiner Liste.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Julia Mattera, Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach
Übersetzung aus dem Französischen von Monika Buchgeister
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0098-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“:

Für den Gaumen:
Im Anhang des Romans gibt es als Zugabe ein paar elsässische Rezepte zum Nachkochen: zum Beispiel Baeckeoffe oder Flammenkueche.
Besonders gerne würde ich allerdings die tourtes (elsässische Pastete) von Robert probieren:

„Und die Touristen kommen in Scharen hierher, um seine tourtes mit Münsterkäse zu genießen. Es ist nicht nur die elsässische Spezialität, die sie in der auberge von Familie Walch entdecken, sondern ein Familienerbe, ein Konzentrat aus Erinnerungen und Liebe, das nur darauf wartet, gekosten zu werden.“

(S.51)

Zum Weiterhören:
Musikalisch hat der Roman einiges an Ohrwürmern zu bieten:
Wohlbekanntes wie John Lennon’s „Imagine“ oder Jane Birkin’s „Je t’aime moi non plus“, aber für mich auch eine Neuentdeckung: Étienne Daho mit seinem Chanson „Week-end à Rome“ – typischer 80er Jahre Sound, den ich bisher nicht kannte.

Für die nächste Unternehmung oder den nächsten Einkaufsbummel:
Einfach mal wieder über einen Wochenmarkt schlendern, die Stände mit frischem Obst und Gemüse bewundern, genussvoll regionale Produkte frisch vom Erzeuger kaufen und etwas Schönes daraus kochen. Julia Mattera’s Roman macht definitiv große Lust auf saisonales, regionales und frisches Gemüse.

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über das Elsass und vor allem auch über die Lebenswege einer Frauengeneration von dort erfahren möchte, dem kann ich Pascale Hugues’ Buch „Mädchenschule“ sehr empfehlen, das ich letztes Jahr bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe und das zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres 2021 zählte.

Pascal Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3498002718

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1