Südfranzösische Sommersonne

Das Motto der Indiebookchallenge im Juli hat es mir leicht gemacht, denn mir ist gerade ohnehin nach Sommerlektüre und so war es einfach, ein passendes Buch „das nach Sommer schmeckt“ (#Sommerbuch) auszuwählen.
Bei Helen Wolff’s posthum erschienenen Roman „Hintergrund für Liebe“ lautet sogar der Untertitel „Das Buch eines Sommers“ – passender könnte es also kaum sein und auch die Atmosphäre dieses literarischen Schmuckstücks ist lichtdurchflutet und Sonne pur.

Darf man sich über ein Vermächtnis oder einen letzten Wunsch hinwegsetzen?
Eine schwierige Frage. Helen Wolff hinterließ in ihrem privaten Nachlass das Manuskript zu „Hintergrund für Liebe“ – allerdings mit dem Vermerk „At my death, burn or throw away unread!“. Das wäre sehr schade und ein großer Verlust gewesen. Und so sind die Leser, die seit dem Erscheinen des Romans 2020 nun in den Genuss dieses Werks, das auf die Jahre 1931/32 zurückgeht, kommen können, sicherlich dankbar, dass sich die Nachkommen doch zu einer Veröffentlichung entschlossen haben.

„Wir haben einen langen Winter hinter uns, Arbeit und Sorgen, Regen, Nebel, Hagel und Schnee. Es ist fünf Uhr früh. Wir haben das Gefühl durchzubrennen, in das leichte Leben, in die besonnte Welt.“

(S.5)

Schon dieser Satz auf der ersten Seite sprach mir unterbewusst nach dem langen Pandemiewinter aus der Seele. Das konnte die Autorin sicherlich nicht ahnen, als sie diese Zeilen schrieb, jedoch kennt diese Aufbruchstimmung wohl auch jeder, der sich auf den Weg in den Urlaub macht.

Im Roman bricht ein Liebespaar – eine junge Frau mit einem etliche Jahre älteren und erfahrenen Mann – mit dem Auto in Richtung Südfrankreich auf. Eine lange Fahrt und ein ausgedehnter Urlaub im Süden liegt vor ihnen.

„(…) – und dann Abstieg, Hinuntergleiten in die selige Ebene, in den ersten Sonnentag, in ein makelloses Kirchenfensterblau, in fruchtbare Weite, in Olivenwälder – Provence heißt dies -, alt, schwer und reich von Geschichte, im Keller vieler Jahrhunderte abgelagert und geklärt und immer wieder neu an die Sonne geboren.“

(S.13/14)

Die Ankunft gleicht einem Sommermärchen – die junge Frau saugt die Eindrücke der traumhaften Landschaft – die sie als „Hintergrund für Liebe“ bezeichnet – in sich auf, genießt die Sonne, die unbekannten Speisen, den Zauber der Küste und das Funkeln des Meeres. Sie wünscht sich ein einfaches, kleines Häuschen, einen Rückzugsort für ihre junge Liebe, um ihre Zweisamkeit auskosten zu können. Doch zunächst landen sie in einem Luxushotel – im Trubel der gehobenen Gesellschaft – und im Spielcasino, das für sie zu einem Schlüsselerlebnis wird.

Es ist der erste gemeinsame Urlaub in der noch jungen Beziehung – es sind bei Weitem noch nicht alle Fronten geklärt. Schnell wird klar, dass neben dem Zauber, der allem Anfang innewohnt, Meinungsunterschiede und unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen an die Beziehung auftauchen, die nicht so leicht in Einklang zu bringen sind.

Es kommt zum Bruch, sie geht und erfüllt sich ihren Wunsch vom kleinen Häuschen alleine. Sie genießt die Einsamkeit und die Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken.

„Das Leben ist großartig, sobald man damit einverstanden ist.“

(S.65)

Wie es weitergeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Das darf jeder, der möchte, bei der Lektüre selbst entdecken.

Helen Wolff trifft in diesem Roman einen wunderbaren Ton und entfacht ein wahres Feuerwerk an Wortzauber und sprachlicher Finesse. Beim Lesen stößt man auf herrliche Formulierungen und Bilder, die direkt ins Herz gehen. Vieles möchte man immer wieder lesen und sich sofort notieren. Selten ist mir eine Auswahl der Zitate für meine Rezension so schwer gefallen wie bei diesem Buch. Die gerade einmal 116 Seiten des Romans bergen einen solchen Reichtum an sprachlicher Schönheit, klugen Gedanken und sommerlicher Lebensfreude, dass es eine wahre Lust ist.

Ein schmaler, aber wunderschöner und intensiver Band über die Liebe, den Sommer, die Gleichberechtigung in einer Beziehung, heilsames Alleinsein und zur Ruhe kommen. All dies in der traumhaften, mediterranen Kulisse Südfrankreichs gepaart mit viel Flair, Savoir-Vivre und einer unbändigen Lust am Leben.

„Wir beißen in das Leben. Wir saugen uns mit Sonne voll wie die Früchte. Wir taumeln den Sommer entlang, und es wird immer schöner, bewußtloser.“

(S.112)

Wer also etwas Sonne tanken möchte und Lust auf einen sommerlich-hellen Roman und eine schöne, authentische Liebesgeschichte hat, der wird an Helen Wolff’s literarischem Vermächtnis sicherlich Freude haben.

Der Essay von Marion Detjen – der Herausgeberin und Großnichte Helen Wolffs – ergänzt den Roman aufs Beste und erzählt den „Hintergrund des Hintergrunds“, d.h. die Geschichte und die Entstehung des Werks. So erfährt man vieles über die Biographie des Verlegerpaars Helen und Kurt Wolff und auch über die zeitliche Einordnung des Romans sowie die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Ebenso lässt Detjen den Leser an ihren Überlegungen und dem Entscheidungsprozess teilhaben, der letztlich doch zur Veröffentlichung dieses literarischen Kleinods führte.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei Leseschatz, Nacht und Tag und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

© Weidle Verlag

Im August 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag mit einem oder mehreren Essays“ (#essay) – da ich in der Regel kein großer Essay-Leser bin, werde ich noch sehen, ob ich eine Sommerpause einlege oder mir doch noch das passende Buch für den August in die Hände fällt.
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helen Wolff’s „Hintergrund für Liebe“:

Für den Gaumen (I):
Südfrankreich – das Meer in Reichweite – was liegt da näher, als die berühmte Bouillabaisse und dazu gibt es einen vin rosé du pays. Gleich auf den ersten Seiten des Buchs, lernt die Hauptfigur das Traditionsgericht kennen:

„Die Bouillabaisse kommt, mit Safran und Knoblauch gewürzt, Brotstücke schwimmen dick und vollgesogen in ihr wie in einem Teich, dazwischen treiben sich Langusten, Fische mit komplizierten Namen, Muscheln und Zwiebelscheiben herum. Es ist ein buntes, üppiges Gericht, ein Gericht der Lebensfreude.“

(S.15)

Für den Gaumen (II):
Da die Lektüre kulinarisch wirklich ergiebig war, hier noch ein zweites Highlight aus dem Roman – dieses Mal steht das Frühstück im Mittelpunkt:

„Wir frühstücken Obst und Tee und Butterbrot und Gebirgshonig, Miel de l’Esterel, der nach Thymian und Lavendel duftet.“

(S.99)

Bei mir weckt das sofort die Lust auf ein mediterranes Morgenmahl im Freien.

Zum Weiterlesen:
Ein weiteres Werk, das den Sommer bereits im Titel trägt und von der Entstehung in die selbe Zeit fällt, ist Kurt Tucholsky’s „Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ aus dem Jahr 1931. Ein Klassiker, den es sich zu lesen lohnt und der zwar nicht nach Südfrankreich, dafür aber ins mindestens genau so schöne sommerliche Schweden entführt.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-33179-4

Norwegischer Nobel-Klassiker

Klassiker lesen lohnt sich und im Falle von Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ aus dem Jahr 1920 – dem ersten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie – ganz besonders. Die renommierte Übersetzerin Gabriele Haefs hat das Werk aus dem Norwegischen neu ins Deutsche übertragen – ein wunderbarer Anlass, wieder einmal ein großes Werk der Weltliteratur zur Hand zu nehmen.

14. Jahrhundert – Kristin wächst behütet als Lieblingskind ihres Vaters im norwegischen Gudbrandsdalen auf. Ihre Mutter ist schwermütig und kann die Verluste weiterer Kinder kaum verkraften, so dass sich der Vater verstärkt des Mädchens annimmt. Das Leben ist rau, schroff und arbeitsreich und doch verbringt Kristin eine weitgehend unbeschwerte, naturverbundene und freie Kindheit, bis sich die Schicksalsschläge häufen. Ihre kleine Schwester verletzt sich bei einem Unfall schwer und wird nie mehr vollständig genesen. Auch ihre Jugendliebe – der junge Arne aus der Nachbarschaft – stirbt unter tragischen Umständen.

Schon früh wird sie daher Simon, dem dominanten Sohn einer einflussreichen Familie, versprochen. Doch der Tod Arne’s, für den sie sich selbst die Schuld gibt, lässt sie für eine gewisse Zeit ins Kloster nach Oslo fliehen, um wieder Ruhe und Besinnung zu finden.

Eine völlig andere Welt – sie begegnet dem strengen Glauben der Schwestern im Orden, aber auch bei Besorgungsgängen dem quirligeren, bunten und lauten Stadtleben, das so anders ist als das bodenständige, einfache Leben in der kargen Natur ihrer Heimat. Und sie trifft auf Erlend – einen gutaussehenden, jungen Adeligen, dem ein zweifelhafter Ruf anhaftet, hat er sich doch in seiner Jugend einige Fehltritte geleistet, die ihn immer noch verfolgen. Und trotz alledem verliebt sich Kristin sofort in ihn.

„(…) doch sie hatte auch das Gefühl, dass alle Menschen sie anstarrten, als hätten sie durchschaut, dass sie als Lügnerin hier stand, mit dem goldenen Kranz in ihren offenen Haaren.“

(S.210)

Eine Ehe mit Simon kommt für sie nun nicht mehr in Frage und es kommt zur offenen Konfrontation mit dem Vater, der Erlend nicht als Schwiegersohn akzeptieren möchte. Kristin kämpft für ihre Liebe.

Steht der Kranz im Titel des Romans – der auch an den skandinavischen Mittsommer denken lässt – symbolisch für die Jungfräulichkeit, so stammt auch die Redewendung „unter die Haube kommen“ aus dem Mittelalter, da Frauen ab dem Zeitpunkt ihrer Heirat das Haar nicht mehr offen tragen durften, sondern unter einer Kopfbedeckung verbargen.

„Vielleicht hatte er sich in diesem Jahr gar nicht so sehr verändert, aber in all den Jahren hatte sie ihn als den jungen, kräftigen, schönen Mann gesehen, auf den sie als kleines Kind so stolz gewesen war, weil sie ihn zum Vater hatte.“

(S.240)

Mich berührte vor allem die besondere, innige Beziehung zwischen Vater und Tochter. Undset zeichnet ein ganz besonderes, sehr liebevolles Band zwischen den beiden, das durch Kristin’s Brechen mit Regeln und Traditionen im Laufe des Romans einer starken Zerreißprobe unterzogen wird. Und doch springt selbst der starrköpfige Patriarch aus Liebe zu seiner Tochter in so manchem Punkt über seinen Schatten. Die ausdrucksstark charakterisierte Vaterfigur mutet im Vergleich zum erzkonservativen und herrschsüchtigen Verlobten Simon noch sehr verständnisvoll und weichherzig an und doch bricht ihm die unkonventionelle Entscheidung seiner Tochter nahezu das Herz.

Sigrid Undset hatte ein sehr feines Auge für Stimmungen, zwischenmenschliche Gefühle sowie eindrückliche Naturbeschreibungen und auch die Übersetzerin Gabriele Haefs hat hier einen sehr harmonischen sprachlichen Klang gefunden, der sich wunderbar liest.

In meiner Heimatstadt Landshut hat man aufgrund der „Landshuter Hochzeit 1475“ – einem historischen Fest, das alle vier Jahre (außer in Pandemiezeiten) nachgespielt wird – einen engen Bezug zum Mittelalter – wenn diese auch zeitlich etwas später liegt, als der Roman (14. Jahrhundert). Bei mir ließen die präzisen Beschreibungen der Norwegerin jedoch sofort ein mittelalterliches Kopfkino entstehen, das sich in punkto Kleidung, Schuhwerk oder Waffen bei mir natürlich schnell mit meinen persönlichen Erinnerungen des Landshuter Festes vermischte.

Man sollte keine Berührungsangst oder Scheu vor traditionsreicher, großer Literatur haben. Ganz im Gegenteil: es ist eine Bereicherung, wenn man diese Klassiker – die nicht umsonst zu solchen wurden – in einer derart gelungenen und zeitgemäßen Neuübersetzung für sich entdecken und genießen darf. Da ist nichts Antiquiertes oder Angestaubtes, sondern Undset hat mit Kristin Lavranstochter eine unvergessliche Frauenfigur des norwegischen Mittelalters zum Leben erweckt – eine interessante Frau aus Fleisch und Blut mit Stärken, Schwächen, Eigensinn und einem starken Willen.

Das Nobelpreiskomitee begründete die Vergabe des Preises 1928 an Sigrid Undset wie folgt und zeichnete sie „vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“ (Quelle: Wikipedia) aus. Dem kann ich mich nur anschließen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt und bei Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“:

Für den Gaumen:
Das mittelalterliche Festessen ist zumindest in Teilen für heutige Gaumen gewöhnungsbedürftig:

„Es gab Roggenmehlgrütze, gekochte Bohnen, weißes Brot und als Frischgericht Forellen, salzig und frisch, und fetten Weißfisch.“

(S.349)

Zum Weiterlesen (I):
Der zweite Teil von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Die Frau“ erscheint im Herbst im Kröner Verlag ebenfalls neu übersetzt von Gabriele Haefs. So kann die Klassiker-Lektüre schon sehr bald fortgesetzt werden.

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Zum Weiterlesen (II):
Einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle war Lars Mytting’s „Die Glocke im See“ gewidmet, einem Roman, der ebenfalls im norwegischen Gudbrandsdalen spielt. Auch in Bezug auf das Erzählen einer Familiengeschichte, die Nähe zur schroffen Natur und der Kargheit des einfachen Lebens lassen sich durchaus Parallelen erkennen, auch wenn was die Handlung betrifft 500 Jahre dazwischen liegen, denn Mytting’s Roman spielt im 19. Jahrhundert.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3458364757

Griechische Strohhüte

Heute geht es mit meiner Europabowle oder Literarischen Europareise weiter und ich reise nach Griechenland – auf ein Landgut in der Nähe von Athen. Margarita Liberaki schrieb ihren Roman „Drei Sommer“ im Jahr 1946 – jetzt liegt 75 Jahre später zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung von Michaela Prinzinger vor. In Griechenland war und ist dieses zeitlose literarische Werk sehr erfolgreich und gilt bereits als Klassiker.

„Es war ein süßer Schlaf, beim Erwachen kehrte ich zurück wie aus einer anderen Welt. Die Wiese strahlte, die reifen Weinbeeren hingen von der Rebe, meine Hand langte nach ihnen, und mein Mund wollte sie kosten. Von allen möglichen Welten, so sagte ich mir, war die Erde gewiss die schönste.“

(S.11)

Margarita Liberaki hat mit „Drei Sommer“ die Geschichte dreier Schwestern erzählt: Maria, Infanta und Katerina. Sie wachsen in einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe Athens auf und der Roman beschreibt wie jede der drei auf sehr unterschiedliche Weise zur Frau heranwächst und ihren Platz im Leben sucht.

Die Ich-Erzählerin Katerina ist die Jüngste der Schwestern – in kurzem Abstand folgt sie auf Maria und Infanta.
Maria ist die Zupackende, Pragmatische, die sich nach der Liebe, der Ehe und vor allem der Mutterschaft sehnt. Sie heiratet früh und bringt schon bald einen Sohn zur Welt. Die Autorin beschreibt intensiv Schwangerschaft und Muttergefühle, sowie eine junge Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als leidenschaftliche Liebesheirat darstellt.

„Die größte Kraft liegt in den Dingen des Alltags verborgen.“

(S.81)

Infanta, die Mittlere der Schwestern, steht unter starkem Einfluss der Tante Tereza, die ebenfalls im Haushalt lebt, aufgrund einer prägenden Missbrauchserfahrung nie geheiratet und sich an keinen Mann gebunden hat. So schärft sie auch der Nichte ein, dass sie ohne Mann besser dran ist. Infanta schwankt zwischen Häuslichkeit – sie verbringt viel Zeit mit Handarbeiten und Stickbildern – und Freiheit, die sie vor allem auf dem Rücken ihres Pferdes findet.

Katerina ist die Freiheitsliebendste der drei und fühlt sich im Geiste mit der Großmutter verbunden, die sie nie kennengelernt hat. Denn die aus Polen stammende Großmutter wird in der Familie verteufelt und verurteilt, da sie den Großvater bereits früh mit den Kindern allein gelassen hat, als sie mit einem Musiker durchbrannte. Katerina scheint als Einzige Respekt für diese Entscheidung zu haben, verspürt einen Drang in die Ferne, um ebenfalls alles zurückzulassen. Sie möchte unabhängig bleiben, frei sein und entwickelt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

„So gern würde ich beschreiben, wie die Welt aufglänzt, wenn das Licht knapp vor Sonnenuntergang auf das Gras der Wiese fällt, ihr intensives Grün und noch andere schöne Dinge, die bedauerlicherweise nicht länger existieren als der Augenblick, da ich sie erblicke.“

(S.318)

Interessant fand ich, dass bereits in den Vornamen der Schwestern ihre Charaktere anklingen: Maria die Mütterliche, Infanta die Kindliche und Unbefleckte und Katerina, bei der ich stets die Widerspenstige bei Shakespeare im Kopf hatte.

„Irgendwann verschwindet die Befangenheit bestimmt wieder, nur der Verrat wird bleiben. Dann denken wir an die Zeit zurück, als wir im Heu lagen und unsere Sehnsüchte so verflochten waren, dass sie keiner von uns allein gehörten.“

(S.192)

Die Autorin, die später auch in Paris lebte und dort Bekanntschaft mit Camus und Sartre machte, behandelt Essentielles und einschneidende Erlebnisse im Leben einer Frau. Es geht um erste Lieben und unterschiedliche Lebenskonzepte, um Freiheit und Selbstbestimmung. Liberaki zeichnet intensive Charakterstudien und beschreibt, wie jede der Schwestern eine völlig andere Erwartungshaltung an das Leben und die Liebe hat.

Die Natur und der ländliche Alltag in einem griechischen Dorf bieten den Rahmen und die flirrende Hitze des Sommers wird für den Leser spürbar. Liberaki singt ein Loblied auf Naturverbundenheit und die Schönheit im Kleinen. „Drei Sommer“ ist ein geerdetes und stilles Buch, das den Blick auf Wesentliches lenkt.

Ein Roman, der mich vor allem durch die ausdrucksstarke Sprache, die bezaubernden Naturschilderungen und die ruhige, fließende Sprachmelodie für sich eingenommen hat. In der Einfachheit liegt die Kraft und Liberaki schreibt sinnlich und ästhetisch über den griechischen Sommer und existenzielle Fragen, die sich Frauen auch heute noch stellen.

Ein Buch wie ein reicher, blühender, naturbelassener Garten – wenn man sich Zeit nimmt und genau hinschaut, gibt es viel Schönes zu entdecken. Ein leises, zartes und doch ungemein intensives Werk über Lebensfreude und die Kunst ein Leben zu leben, dem es sich lohnt zu lauschen und aufmerksam zuzuhören.

Eine weitere schöne Besprechung gibt es beim Leseschatz.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark und Rumänien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Margarita Liberaki, Drei Sommer
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Arche
ISBN: 978-3-7160-2798-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Margarita Liberaki’s „Drei Sommer“:

Für den Gaumen:
Zur Erfrischung bei sommerlichen Temperaturen wird im Roman immer mal wieder Sauerkirschlimonade gereicht. Vielleicht ist dies die passende Idee für das diesjährige Sommergetränk?

Zum Weitergenießen:
Der Roman dessen griechischer Titel sich in einer wörtlichen Übersetzung auf die Strohhüte bezieht, die sich die Schwestern zu Beginn des Sommers kaufen, strahlt eine sommerliche Wärme und Ruhe aus. Warum also nicht den Strohhut aufgesetzt, hinaus in die Sonne und einfach mal den sommerlichen Geräuschen lauschen, die frische Luft genießen oder natürlich ein gutes Buch im Freien lesen.

Zum Weiterlesen:
Aus Griechenland stammten bisher zwei Literaturnobelpreisträger: Giorgos Seferis im Jahr 1963 und Odysseas Elytis im Jahr 1979 – mit beiden bin ich bisher nicht in Berührung gekommen und auch wenn ich den Blick über mein Bücherregal streifen lasse, ist die griechische Literatur im Grunde nicht vertreten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass das Jahr 2001, in dem Griechenland das Gastland der Frankfurter Buchmesse und daher im Fokus der Verlage war, schon 20 Jahre zurück liegt. Somit verbinde ich persönlich Griechenland stets mehr mit der altgriechischen Literatur von Homer – der Ilias und der Odyssee.

Homer, Ilias / Odyssee
Übersetzer: Johann Heinrich Voss, Hans Rupé
Anaconda
ISBN: 978-3-7306-0809-8

Sommerregen mal anders

Über mangelnden Regen konnten wir uns im Mai wohl nicht beklagen und da bot es sich an, wieder einmal einen „Regalschlummerer“ zu befreien, der sich aufgrund des Titels geradezu aufdrängte: „Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein“ von Sigrid Damm.

In den Jahren 1776 bis 1786 schrieb der junge Goethe über 1700 Briefe und „Zettelgen“ an die Hofdame Charlotte von Stein. Viele davon gehören – auch nach gängiger Meinung – zu den schönsten Liebesbriefen und -bekundungen der Literatur. Sigrid Damm hat für ihr Buch 231 davon ausgewählt, die einen umfassenden und bewegenden Einblick in diese komplizierte Liebesgeschichte geben.

„Als einen Lebens- und Liebesroman, als Tagebuch einer zehnjährigen Beziehung lese ich diese Briefe. Sehe den Schreiber vor mir, stehend an seinem Pult, sitzend am Tisch, in Weimar im Gartenhaus, am Frauenplan, auf Reisen, in Ilmenau, auf dem Gothaer Schloß, in Rom.“

(S.49)

Neben den abgedruckten Originalbriefen erzählt Sigrid Damm in einem ausführlichen Vorspann und dem begleitenden Hauptteil nach den Briefen die Geschichte der beiden. Sie schafft den Rahmen und ordnet ein, erläutert dem Leser die historischen Zusammenhänge und lässt diese Weimarer Zeit nachvollziehbar und lebendig werden. Als Goethe nach Weimar kommt, lernt er bereits kurz darauf die Hofdame und Ehefrau des höfischen Stallmeisters Charlotte von Stein kennen. Sie ist kultiviert, gut aussehend, gebildet und für Goethe unerreichbar. Und dennoch beginnt der leidenschaftliche 26-Jährige sie in unzähligen Briefen und kurzen Botschaften heftig zu umwerben. Er sucht und genießt ihre Gesellschaft, sie wird zu einer wichtigen, wenn nicht zur wichtigsten Bezugsperson. Ihr vertraut er sich an, ihr schüttet er sein Herz aus – ihre Meinung bedeutet ihm viel.

„Die Gegenwart ists allein die würckt, tröstet und erbaut! – Wenn sie auch wohl manchmal plagt – und das plagen ist der Sommerregen der Liebe.“

schreibt Goethe am 22. Juni 1776 (S.72)

Und doch quält ihn auch die Tatsache, dass seine Liebe keine Erfüllung finden kann. Nach zehn Jahren kommt es zum Bruch in der Beziehung, als Goethe heimlich zu seiner Italienreise aufbricht ohne seine Angebetete zuvor darüber zu informieren. Ein Vertrauensbruch, der nicht ohne Folgen bleibt.
Charlotte von Stein forderte ihre Briefe an Goethe zurück und vernichtete sie, so dass wir heute ihre Erwiderungen auf Goethes Korrespondenz leider nicht mehr lesen können.

„Ich habe nur zwey Götter dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir was zu heilen ist und seyd die wechselsweisen Mittel gegen die böse Geister.“

schreibt Goethe am 15. März 1785 (S.161)

Sigrid Damm gelingt es in ihrem hervorragend recherchierten Buch, diese Zeit und die komplizierte Beziehung zwischen Goethe und Frau von Stein verständlich werden zu lassen. Für diese Frau schrieb Goethe wunderschöne Liebesgedichte, wie zum Beispiel „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“, doch auch in folgendem Auszug aus diesen Zeilen wird bereits der Schmerz über die unglückliche Beziehung spürbar:

Nur uns Armen liebevollen beyden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war“

(Auszug aus „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“ – schreibt Goethe am 14. April 1776; S.67)

Die Zeit dieser Briefe fällt in die Regentschaft von Herzogin Anna Amalia, die den Weimarer Musenhof schuf und sich gern mit Dichtern und Philosophen umgab. Auch diese Aspekte – die Theateraufführungen und Gesellschaften in Schloss Tiefurt – klingen in Damm’s Buch an. Ebenso beschreibt sie sehr gut, wie Geheimrat Goethe immer mehr mit seinen administrativen Aufgaben haderte, sich in all seinen Funktionen mehr und mehr aufrieb und ihm zunehmend bewusst wurde, dass er sich wieder mehr der Kunst widmen wollte. Letztlich führte dies zu seinem Ausbrechen aus den dienstlichen Pflichten und gipfelte in seiner heimlichen Abreise nach Italien.

Das Buch ist kein trockenes Sachbuch, vielmehr strotzt es voller Leben und ist die spannende Geschichte einer leidenschaftlichen, wenn auch letztlich unglücklichen Liebesbeziehung voller Gefühl und Schmerz.

Wer nach Weimar reist oder sich näher mit Johann Wolfgang von Goethe beschäftigen möchte, wird unweigerlich auf diese so wichtige Frau und diese zehn Jahre seines Lebens stoßen, die ihn geprägt haben. Sigrid Damm bietet in verständlicher und sehr angenehm zu lesender Sprache die passende Lektüre und beschreibt mit Respekt und ohne jegliche Spekulation oder Effekthascherei ihre durch Quellen, Fakten und Recherche fundierte Sicht auf diese besondere Beziehung.

Nicht umsonst und völlig zu Recht wurde die Autorin, die 1940 in Gotha geboren wurde, für ihr umfangreiches Werk zu Goethe und seinen Zeitgenossen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem den Feuchtwanger-, den Mörike- und den Thüringer Literaturpreis, um nur einige zu nennen.

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen – eine kurzweilige und bereichernde Lektüre, die unterhält und bildet zugleich. Und so war dieser „Sommerregen“ – während draußen der richtige prasselte – für mich ein echter Gewinn.

Buchinformation (in meinem Fall als Hardcover):
Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel
ISBN: 978-3-458-17644-2

oder als Taschenbuchausgabe:

Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel Taschenbuch 4580
ISBN: 978-3-458-36280-7

©Insel Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerregen der Liebe“:

Für den Gaumen:
Goethe ließ Frau von Stein auch immer wieder Leckereien aus seinem Garten zukommen, in dem er unter anderem auch Spargel selbst anbaute. So schrieb er am 19. Mai 1776 an sie:

„Da sind Spargel, erst iezt gestochen, lassen Sie sie nicht unter die Anderen kommen, essen Sie sie allein, da Sie doch einmal das glückliche Vorurtheil dafür haben; wie mir’s eben am besten schmeckt, wenn ich sie mit Ihnen esse.“

(S.70)

Zum Weiterschauen:
Auf der Website der Klassik Stiftung Weimar kann man einen Eindruck erhalten, wie solche „Zettelgen“ und Briefe ausgesehen haben – man sieht die Originalhandschrift Goethe’s und auch Zeichnungen, die er an Charlotte von Stein schickte.

Zum Weiterlesen:
Ich mochte bereits Sigrid Damm’s Buch über Goethe’s Ehefrau Christiane Vulpius sehr gern. Eine besondere Beziehung zwischen den beiden – dem Geheimrat und der einfachen, jungen Frau aus dem Volk – die in Weimar zunächst sehr kritisch beäugt wurde. Sigrid Damm hat die Gabe, hervorragend recherchierte Sachbücher so zu schreiben, dass sie sich trotz aller Detailgenauigkeit sehr flüssig lesen und Goethe und seine Zeit lebendig werden lassen:

Sigrid Damm, Christiane und Goethe – Eine Recherche
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36080-3

Rumänische Affäre

Die sechste Station meiner Europabowle oder Literarischen Europareise führt mich nach Rumänien – in die Hauptstadt Bukarest. Gabriela Adameșteanu – eine der führenden Autorinnen des Landes – hat mit „Das Provisorium der Liebe“ einen Roman verfasst, der eindrucksvoll klar macht, wie sehr sich das politische System und die Diktatur auf das Privatleben und den persönlichen Lebensweg jedes Einzelnen auswirkte. Zugleich gibt die Autorin anhand einer Liebes- und zweier Familiengeschichten einen Einblick in die rumänische Geschichte seit dem zweiten Weltkrieg, der erhellend und lesenswert ist.

„Aber gibt es denn Zufälle im Leben oder setzt einen jemand da oben wie eine Figur zu Spielbeginn auf ein Schachbrett, und das Ende der Partie ist offen?“

(S.97)

Sechziger Jahre in Bukarest – Letitia und Sorin sind Kollegen in einer staatlichen Kultureinrichtung, kleine Rädchen im kommunistischen Getriebe und führen eine heimliche Affäre. Niemand darf von ihrer Liebesbeziehung erfahren, denn Letitia ist verheiratet und so bleiben nur kurze, verstohlene Treffen in der kleinen Wohnung eines Freundes, der ebenfalls nicht wissen darf, was Sorin in seiner Abwesenheit dort treibt.

Letitia führt eine unglückliche und zunehmend lieblose Ehe mit Petru, einem Akademiker, der um einige Jahre älter is als sie und nicht müde wird, seine Verzweiflung und Wut über seine berufliche Stagnation und die ausbleibende Beförderung an ihr auszulassen. Ständig wirft er Letitia vor, dass die dunklen Stellen in ihrer Familienakte der Grund dafür seien, dass er beruflich nicht vorwärts kommt. So flüchtet sie sich in Sorin’s Arme und versucht in den kurzen Momenten mit ihm all das Negative zu vergessen.

„Nach dem Gespräch mit Serghei an diesem Abend verstand Letitia, dass nicht die Zukunft die meisten Überraschungen bringt, sondern die Vergangenheit, die wir ein Leben lang nicht aufhören, immer wieder von Neuem zu lesen.“

(S.262)

Doch auch die Liebe zwischen Letitia und Sorin leidet unter der ständigen Sorge, zu viel Preis zu geben, sich angreifbar und verletzlich zu machen, bleibt so nur „Provisorium“ und kommt über den Status der heimlichen Affäre nicht hinaus.
Heimlichkeiten, mangelndes Vertrauen, Schweigen und Verschweigen – keine Angriffsfläche bieten und jede vermeintliche Schwachstelle im eigenen Lebenslauf oder der Verwandtschaft zu kaschieren – dies sind bestimmende Verhaltensweisen, die Adameșteanu immer wieder herausarbeitet.

„Aber als sie herausfindet, dass Sorin ihr etwas verbirgt, erinnert sie sich an Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und sie versucht sich mit dem Gedanken zu trösten, dass ihr Geliebter, nicht anders als sie, von klein auf dazu erzogen worden ist, seine Biographie zu fälschen.“

(S.361)

Ein Vater oder auch nur Onkel, der in der Vergangenheit aus politischen Gründen in einem Lager gefangen gehalten wurde, reicht aus, um den eigenen Lebensweg maßgeblich zu beeinflussen und die Möglichkeiten einzuschränken – die Familienakte entscheidet über Wohl und Wehe.

In Rückblenden wird auch die Geschichte der Elterngeneration der beiden Hauptfiguren erzählt. So erfährt man unter anderem dass Sorin von Nelly und Virgil Olaru adoptiert wurde und warum. Auch seine Familiengeschichte birgt Untiefen, die sein Leben überschatten – ohne dass ich jetzt zu viel verraten möchte.
Die Autorin fächert so über verschlungene Familienpfade zahlreiche Aspekte der rumänischen Geschichte auf und macht begreifbar, wie sehr die Politik sich auch ins Private auswirkte.

Dieser Roman ist fordernd und keine leichte Kost und doch lohnt es sich, sich darauf einzulassen. Zwar erfordern die zahlreichen Namen rumänischer Politiker und Intellektueller, die in Fußnoten näher erläutert werden, einiges an Konzentration, aber auch ohne Vorkenntnisse der rumänischen Geschichte, erhält man einen guten Einblick in die historischen und politischen Zusammenhänge.

Die Autorin schreibt in einer klaren, teils poetischen und stellenweise auch schonungslos direkten Sprache. Explizit erwähnt sei unbedingt auch die feine Übersetzung aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme, die 2019 für ihre Übersetzung von Adameșteanu’s Roman „Verlorener Morgen“ den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Gabriela Adameșteanu ist 1942 in Rumänien geboren, war Bürgerrechtlerin und Vorsitzende des rumänischen P.E.N. und gilt als eine der wichtigsten Stimmen ihres Landes. Mich holte sie mit ihrem Roman aus meiner literarischen Komfortzone und eröffnete mir dadurch eine andere Perspektive und einen neuen Blick auf Rumänien und die Geschichte dieses Landes. Eine nachdenklich stimmende, lohnenswerte Lektüre und eine weitere Station meiner literarischen Europareise, die ich nicht missen möchte.

Eine weitere, deutlich ausführlichere Besprechung gibt es beim Deutschlandfunk.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich und Dänemark geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Gabriela Adameșteanu, Das Provisorium der Liebe
Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03824-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“:

Für den Gaumen:
Neben begehrten westlichen Spirituosen, die im Roman häufig genannt und gerne getrunken werden (ich werde jetzt hier keine Schleichwerbung durch Markennennung machen), ist mir aufgefallen, dass auch kulinarisch keine vermeintlich „typisch“ rumänischen Gerichte eine Rolle spielen, vielmehr werden zum Beispiel Savarins mitgebracht, d.h. mit Rum oder Sirup getränkte Kuchen, die ihren Ursprung aber (laut Wikipedia) in Frankreich haben.

Zum Weiterhören:
Letitia und Sorin tanzen in ihrem Liebesnest zu Frank Sinatra’s „All of me“, das aus der Nachbarwohnung herüber klingt. Ein wahrer Evergreen, der ursprünglich für eine kleine Revue in Detroit entstand und den Sinatra später (1948) in seiner Version aufnahm. Ein Ohrwurm, der bei mir sofort im Geiste zu klingen begann, als ich die Szene im Roman gelesen habe.

Zum Weiterlesen:
Rumänien hat laut offizieller Statistik noch keinen Literaturnobelpreisträger vorzuweisen, allerdings erhielt 2009 die deutsche Schriftstellerin Herta Müller den Preis, die in Rumänien geboren und im rumänischen Banat aufgewachsen ist. Ihr wohl bekanntestes Werk ist der Roman „Atemschaukel“, den ich bisher jedoch noch nicht gelesen habe.
Mehr Berührung (vor allem auch in der Schulzeit) hatte ich bisher mit einem weiteren Autoren, der ebenfalls in Rumänien geboren wurde: Paul Celan.

Paul Celan, Die Gedichte – Neue kommentierte Gesamtausgabe
suhrkamp taschenbuch 5105
ISBN: 978-3-518-47105-0

Jazz, Liebe und Quarantäne

Ein Höhepunkt dieses Bücherfrühjahrs war für mich persönlich zweifelsohne der neue Roman „Monschau“ von Steffen Kopetzky. Grund dafür war nicht die Aktualität der Thematik um eine hochinfektiöse Krankheit, sondern vielmehr seine virtuose Art und Weise, den Zeitgeist der frühen Sechziger Jahre lebendig werden zu lassen und die wunderbare, zarte Liebesgeschichte, die er feinsinnig erzählt ohne kitschig zu sein.

„Sie waren da. Etwas anderes auch. War schon in den Lüften. Hatte sich blind einem kleinen Hauch anvertraut, (…)“

(S.9/10)

1962 – es ist die Zeit von Adenauer und Kennedy, des Wirtschaftswunders, kurz nach dem Mauerbau und das Jahr, in dem „Die Physiker“ von Dürrenmatt uraufgeführt werden. Hamburg erlebt durch das Sturmtief Vincinette eine katastrophale Sturmflut und in Monschau – einem kleinen Industrieort in der Eifel – brechen die Pocken aus. Ein Mitarbeiter der Rither-Werke hat den Virus von einer Dienstreise aus Indien eingeschleppt. Als die ersten Menschen erkranken, beginnen die Maßnahmen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen und die Bewohner zu schützen. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt Steffen Kopetzky in seinem Roman über diese Zeit des Ausnahmezustands.

Vera – die junge Firmenerbin der Rither-Werke – ist gerade von einem Studienaufenthalt aus Paris in die Eifel zurückgekehrt und wird Zeugin, wie die Krankheit den Alltag und das Leben im Ort und in der Fabrik auf den Kopf stellt. Der Geschäftsführer möchte den florierenden Betrieb – Deutschlands Ökonomie erlebt gerade den enormen Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre – keinesfalls schließen und handelt heraus, dass sich ein Betriebsarzt um die Betreuung der Mitarbeiter und Bewohner des Ortes kümmern soll, um den Laden am Laufen zu halten. So kommt – gemeinsam mit dem renommierten Arzt und Pockenexperten Stüttgen – der junge, ungebundene griechische Medizinstudent Nikolaos nach Monschau und nimmt den Kampf mit dem gefährlichen Virus auf, der in Deutschland eigentlich schon als besiegt galt. Im zu medizinischen Zwecken umfunktionierten Stahlkocher-Schutzanzug besucht er die Verdachtsfälle und Patienten, impft, verhängt die notwendigen Quarantänemaßnahmen und übernimmt die Aufgabe des Betriebsarztes. Einquartiert wird er im Obergeschoss der geräumigen Villa der Fabrikeigentümer und schon bald vernimmt er im Haus die Musik, die ihn so fasziniert: Jazz.

„Nein, Vera und er, solche wie sie, die Generation, die während der Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit Murmeln gespielt, als Kinder in den Luftschutzbunkern geschlafen hatte – und manche von ihnen hatten die Hölle der Lager aller Art kennengelernt -, sie wollten ein neues Europa. Und sie wollten guten amerikanischen Jazz.“

(S.163)

Schon bald kommen sich Vera und Nikolaos in dieser seltsamen Zeit und Ausnahmesituation näher. Sie verbringen die Abende zusammen, essen, diskutieren und hören Musik. In Zeiten der Verunsicherung durch die bedrohliche Krankheit und der Einsamkeit suchen sie die Nähe des Anderen, sie teilen die Leidenschaft für amerikanischen Jazz und verlieben sich. Und doch sind die beiden auch unterschiedlich: Nikolaos, der starke Grieche, mit den breiten Schultern eines Schwimmers, der in Griechenland in einfachen und ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und sein berufliches Glück nun in Deutschland sucht und die körperlich zerbrechliche Vera – durch eine Polio-Erkrankung in der Kindheit humpelt sie ein wenig – als selbstbewusste Studentin und reiche Firmenerbin, die das wirtschaftliche Erbe und die damit verbundenen Verpflichtungen am liebsten gar nicht antreten möchte.

Die Pocken breiten sich aus, fordern Opfer, der Fasching muss ausfallen, Quarantänemaßnahmen müssen eingehalten werden, die Presse stürzt sich auf das Thema und entfacht einen Medienrummel in dem kleinen Ort. Wirtschaftliche, politische und medizinische Interessen kollidieren – vieles kommt einem sehr bekannt vor.

„Wann würden sie endlich dieses endlose Gebirge verlassen können, in dem ein Tal auf das nächste folgte und eine Schwierigkeit der anderen, ohne dass man jemals den erlösenden Berggipfel erreichte? Wann würde der volle Mond über dem Venn stehen? Wann würde es endlich Frühling werden?“

(S.331)

In einigen Szenen und Absätzen spricht Kopetzky natürlich auch den pandemiemüden Menschen des Heute aus der Seele und trifft Gedanken, die aktuell jeder wohl von Zeit zu Zeit mit sich herumträgt, auf den Punkt.
In Summe habe ich „Monschau“ jedoch nicht als „Pandemieroman“, sondern vielmehr als berührenden und wunderschönen Liebesroman mit viel zeitlichem Hintergrund und Wirtschaftswunder-Flair des Jahres 1962 gelesen. Mich fasziniert, wie stimmig und intensiv Kopetzky den damaligen Zeitgeist für den Leser eingefangen hat und spürbar werden lässt. Das ist genial gemacht, gleichzeitig wirklich unterhaltsam und in einer herrlich flüssigen Sprache geschrieben. Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Schon heute bin ich mir sicher, dass es in diesem Lesejahr zu meinen Lieblingsbüchern zählen wird.
Ganz großes, literarisches Kino – der Roman schreit geradezu nach einer Verfilmung für Kino oder Fernsehen. Ich hoffe nur, dass diese dann auch gut gemacht sein wird – eine Lektüre sollte und wird diese jedoch keinesfalls ersetzen können.

Eine weitere Besprechung des Romans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Monschau“:

Für den Gaumen:
Was war 1962 kulinarisch angesagt? Vera bewirtet ihren Liebsten mit „Lachsnudeln mit Cognac“ und „Armen Rittern“. Ich kann mich nicht erinnern, das in dieser Kombination schon einmal gegessen zu haben, aber 1962 war auch vor meiner Zeit.

Zum Weiterhören:
Eine wichtige Rolle in „Monschau“ spielt der Jazz von Miles Davis und die Platten, welche Vera aus Paris mit in die Eifel gebracht hat. Es ist die Liebe zu dieser Musik, welche die beiden Liebenden verbindet und zueinander führt. Sein bekanntestes Album wird wohl „Kind of Blue“ aus dem Jahr 1959 sein.

Zum Weiterschauen:
Im Januar 1962 flimmerte der Straßenfeger „Das Halstuch“ von Francis Durbridge über die deutschen Fernsehschirme. Ein Sechsteiler, der damals das ganze Land in Atem hielt (unter anderem mit Heinz Drache und Horst Tappert), den ich aber bisher nie gesehen habe. Vielleicht lässt sich diese schwarz-weiße Bildungslücke der deutschen Fernsehgeschichte ja irgendwann einmal noch schließen.

Zum Weiterlesen:
Den Literaturnobelpreis in eben jenem Jahr 1962 erhielt John Steinbeck. Das Werk, welches mir bisher von ihm am häufigsten begegnet ist – in der Schule, als Film (mit John Malkovich) und auch im Theater – war „Von Mäusen und Menschen“, das jedoch bereits 1937 erschienen ist. Die Übersetzerin Mirjam Pressler (vor kurzem habe ich ihr letztes Buch „Dunkles Gold“ vorgestellt) hat im Jahr 2002 eine Neuübersetzung des Werks verfasst, welche auch der aktuellen dtv-Ausgabe zugrunde liegt.

John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
dtv
ISBN: 978-3-423-14211-3

Schwebende Schwere

Britta Röder hat mit ihrem dritten Roman „Das Gewicht aller Dinge“ ein Buch geschrieben, das berührt, ein Loblied auf Mitmenschlichkeit und Liebe singt und dem Leser während der Lektüre einige Rätsel aufgibt, die es zu entschlüsseln gilt.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag – ein Paar verbringt einen wunderbaren, geradezu perfekten Urlaubstag in Siena und dem toskanischen Umland und kommt auf der nächtlichen Rückfahrt ins Hotel von der Straße ab. Der Aufprall endet für die Fahrerin des Wagens tödlich, während der Beifahrer nahezu unverletzt überlebt. Rolf wird sich lange nicht von diesem tragischen Schicksalsschlag und dem Verlust seiner Frau erholen.

Szenenwechsel – in Frankfurt erwacht eine junge Frau barfuß nur in ein leichtes Kleid gehüllt morgens auf einer Parkbank. Sie weiß nicht, wie sie heißt, woher sie kommt und wie sie auf diese Bank gekommen ist. Hat sie ihr Gedächtnis verloren?

Schon bald bekommt sie Hilfe angeboten, ein Dach über dem Kopf, etwas anzuziehen, zu essen und auch schnell einen Job in einer Putzkolonne vermittelt.

„Ihr Selbstmitleid verwandelte sich in Mitleid für das fremde Mädchen. Plötzlich war da ein Sinn, nach dem sie greifen konnte.“

(S.17)

Denn irgendwas sehen die Mitmenschen, die ihr begegnen in ihr, sie berührt sie tief im Inneren, sie erinnert sie an Familienmitglieder, Freunde, Bekannte. Sie ist eine gute Zuhörerin und selbst verschlossene Charaktere beginnen, sich ihr gegenüber zu öffnen, sie vertrauen ihr und schütten der mysteriösen Unbekannten ihr Herz aus. Doch es bleiben auch immer gewisse Zweifel. Wer ist diese Frau ohne Vergangenheit und ohne Erinnerungen? Und warum ist sie ein solches Sprachentalent? Sie spricht so viele Sprachen fließend, dass es schon fast unheimlich wird.

Dennoch holt sie so manchen aus seinem Schneckenhaus und erfährt von den teils tragischen Lebensgeschichten der Menschen, die ihr begegnen. Da ist Charlotte, die alte Dame, bei der sie als Zugehfrau arbeitet und die jede Woche sehnsüchtig darauf wartet, ihr weiter von ihrer großen, geheimen Liebe während des Zweiten Weltkriegs zu erzählen. Sie befreundet sich mit Anne, einer jungen Frau, die ihr ebenfalls ihr Vertrauen schenkt und sie trifft auf Rolf, den intelligenten, tieftraurigen Mann, der seine große Liebe bei einem schrecklichen Autounfall verloren hat. Nach und nach weckt sie in ihm neuen Lebensmut.

„Jemandem etwas Gutes tun, tat gut. Obwohl ihm diese Erkenntnis nicht neu war, verblüffte sie ihn dennoch. Denn er hatte sie völlig vergessen.“

(S.46)

Der Auftakt des Buches ist schmerzhaft, tragisch und derart intensiv, dass man sofort tief getroffen ist. Mit einem Kloß im Hals liest man weiter und ist gespannt, was da jetzt kommen wird. Britta Röder hat eine verschlungene, sinnliche und äußerst gefühlvolle Geschichte erzählt, welche wahrlich große Themen wie Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, Vertrauen, aber auch Tod, Trauer und Verlust in den Mittelpunkt stellt. Große Gefühle auf engstem Raum, die oft auch Luft für Interpretation lassen – vieles steht zwischen den Zeilen und erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Um dem Buch den Zauber nicht zu nehmen, möchte ich daher inhaltlich auch nicht zu viel preisgeben. Die knapp 200 Seiten lesen sich schnell und haben etwas Schwebendes, manchmal schwer zu Greifendes und Rätselhaftes.

Bis zum wahrlich verblüffenden Ende – das natürlich nicht verraten wird – begleitet der Leser die junge Frau auf ihrem Weg in die Gesellschaft und auf der Suche nach sich selbst und ihrer Vergangenheit – eine Geschichte voller Fragen, auf die man gemeinsam mit ihr Antworten sucht.

Wer auf knallharte Daten, Fakten und Realismus steht und sich nicht gerne auf eine fantasievolle Erzählung einlässt, wird hier nicht glücklich werden, aber andere halten ein kleines Buch in Händen, das vor allem auch davon erzählt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Grössenwahn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Britta Röder, Das Gewicht aller Dinge
Grössenwahn Verlag
ISBN: 978-3-957712-87-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Gewicht aller Dinge“:

Für den Gaumen:
Gleich zu Beginn des Romans speist ein glückliches Paar in einer italienischen Trattoria in der Nähe von Siena. Es gibt Oliven, Käse und frisches Brot (…) verschiedene Pasta-Gerichte, Fleisch und Gebäck, bis ihre Sinne völlig erschöpft sind.“ (S.3) Na, wenn man da nicht sofort Appetit bekommt auf ein italienisches Schlemmerabendessen.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Opernbesuch:
Im Roman spielt ein Opernbesuch eine entscheidende Rolle, welcher der Geschichte eine neue Wendung gibt – auf dem Spielplan steht die wunderbare Oper „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird Joachim Ringelnatz zitiert (das Gedicht „Kniehang“, das mit der Zeile „Ich wollte, ich wär eine Fledermaus“ beginnt) – vielleicht eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal ein paar seiner Gedichte zu Gemüte zu führen.

Joachim Ringelnatz, Sämtliche Gedichte
Herausgegeben von Walter Pape
Diogenes
ISBN: 3257234678

Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

Italienisches Inselgefängnis

Die nächste Station meiner Europabowle oder „Literarischen Europareise“ ist Italien: Bella Italia. Aber Francesca Melandri präsentiert uns in ihrem zweiten Roman „Über Meereshöhe“ nicht das sonnige Urlaubsland und „la dolce Vita“, sondern sie bringt dem Leser einen völlig anderen geschichtlichen Aspekt ihres Heimatlandes näher.

Der Roman spielt Ende der Siebziger bzw. zu Beginn der 80er Jahre, welche auch in Italien als „bleierne Jahre“ in die Geschichte eingehen, die geprägt sind von Terroranschlägen und der Entführung und Ermordung Aldo Moro’s im Jahr 1978.
Der italienische Staat betreibt ein Hochsicherheitsgefängnis auf einer Insel.
Namentlich erwähnt wird die Insel im Roman nicht – es könnte sich jedoch um die auch noch heute als Gefängnis genutzte Insel Gorgona vor der toskanischen Küste handeln.

„Denn will man jemand wirklich absondern vom Rest der Welt, gibt es keine Mauer, die höher wäre als die See.“

(S.33)

Im Roman sitzen dort Schwerverbrecher, Mörder und Terroristen ihre langjährigen Haftstrafen ab. Besuche sind aufwändig, erfordern viel Zeit und gut geplante Logistik und so treffen Paolo und Luisa zum ersten Mal auf dem Schiff aufeinander, das sie zur Insel bringt. Beide besuchen dort ihre inhaftierten Angehörigen: Paolo seinen Sohn, Luisa ihren Ehemann.

Als sich ein gewaltiger Sturm zusammenbraut, der ihre Rückfahrt ans Festland verhindert, bleiben die beiden über Nacht unfreiwillig auf der Insel zurück. In dieser Ausnahmesituation kommen sich die beiden näher und erzählen sich ihre Geschichten, entdecken Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

„Ihm schien es nicht unmöglich, dass alle lebenden Geschöpfe vor dem Sturm geflohen und nur sie drei zurückgeblieben waren: er, die Frau und der Vollzugsbeamte, der sie begleitete.“

(S.128)

Luisa, die zupackende, patente und lebenstüchtige Bäuerin, die gemeinsam mit ihren fünf Kindern nach der Verurteilung ihres Mannes den Hof nun alleine bewirtschaften muss und mit beiden Beinen im Leben steht. Sie führt ein einfaches Leben voll harter Arbeit, die sie ablenkt, fordert und die Schmerzen und Demütigungen zeitweise vergessen lässt, die sie durch ihren Mann erleiden musste. Fürsorglich bereitet sie gefüllte Ravioli zu, die sie mit ins Gefängnis bringt und genießt die erste Überfahrt auf dem Meer, das sie zuvor noch nie gesehen hatte, zumal ihr Mann erst vor kurzem auf die Insel verlegt wurde.

Und da ist Paolo, der leidet, mit seinem Schicksal hadert und es nicht wahrhaben will geschweige denn verstehen kann, wie ausgerechnet sein Sohn zum Terroristen werden konnte, der Menschenleben auf dem Gewissen hat. Seine Frau ist beraubt vom Lebenswillen früh an Krebs gestorben und hat ihn in all seinem Kummer allein gelassen. Der früh pensionierte Lehrer, der Frau und Sohn verloren hat, wird durch die ungewohnte Situation und die Begegnung mit Luisa aus seiner dunklen Routine gerissen.

Nach einem aus der Not geborenen Abendessen bei einem der Vollzugsbeamten und dessen Frau, die von ihrem außergewöhnlichen Leben auf der Gefängnisinsel erzählen, bereiten sich die beiden auf eine improvisierte Nacht an diesem stürmischen Ort vor. Ein Abend und eine Nacht, die das Leben der beiden und ihre jeweilige Sicht darauf für immer verändern wird.

Ein Buch wie ein Kammerspiel: wenige handelnde Personen, eine abgeschlossene Situation mit düsterem, bedrohlichem Wetter und einem außergewöhnlichen Schauplatz. Es handelt sich um ein wahrlich intensives Leseerlebnis, das den Figuren und ihren Lebensschicksalen großen Raum lässt, obwohl der Roman gerade mal 252 Seiten besitzt. Ein zutiefst menschliches und philosophisches Buch, das große Fragen stellt: Wie geht man damit um, einen nahen Verwandten (z.B. Sohn oder Ehemann) zu haben, der schwere Schuld auf sich geladen hat und im Gefängnis sitzt? Kann man verstehen? Vergeben? Wie lebt man weiter? Kann man selbst wieder Frieden und Ruhe finden?

Für mich ein Roman, den ich mir auch sehr gut in einer Adaption für die Bühne vorstellen könnte. Ein packender Stoff, der zum Nachdenken anregt.

Francesca Melandri hat für mich einmal mehr bewiesen, dass sie die ganz große Gabe besitzt, zeitgeschichtliche Stoffe aus der italienischen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte in erstklassige Romane umsetzen zu können. Nach „Eva schläft“ und auch dem neuesten Werk „Alle außer mir“, hat mich auch „Über Meereshöhe“ vollständig überzeugt, gepackt und fasziniert. Ihr untrügliches Auge für menschliche Schicksale und die hervorragende Personenzeichnung in einer wunderbaren, stimmigen Sprache (hier sei auch die gelungene Übersetzung von Bruno Genzler explizit erwähnt) machen den Roman zu einem wahren Lesegenuss und Gewinn.

Melandri hat mit diesem Roman meine Neugier geweckt, mich noch mehr in die italienische Geschichte einzulesen und zugleich ein Buch geschrieben, das Herzenswärme und tiefe Menschlichkeit ausstrahlt. Leserherz, was willst Du mehr?

Buchinformation: (in meinem Fall eine ältere Ausgabe)
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Heyne
ISBN: 978-3-453-41109-8

oder neu bei Wagenbach:
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2812-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Über Meereshöhe“:

Für den Gaumen:
Auf der Insel duftet es nach den Feigen an den Bäumen. Eine reife Feige – womöglich sogar frisch vom Baum gepflückt – das hat etwas Paradiesisches und schmeckt für mich immer sofort nach Urlaub.

Zum Weiterhören:
Wenn wir im Rahmen der „Europabowle“ schon in Italien angelangt sind, was würde da besser passen als Paolo Conte’s „Via con me“? Ich würde mich freuen, wenn ihr mit mir kommt und mich auf meiner „literarischen Europareise“ weiter begleitet.

Zum Weiterklicken und Weiterlesen:
Auf ihrem Blog Tuttopaletti lässt uns Anke in stimmungsvollen und unterhaltsamen Beiträgen daran teilhaben, was es bedeutet, als gebürtige Deutsche in Italien zu leben. Ihre Seite begleitet mich stets mit Amüsantem, Nachdenklichem und Lesenswertem, lässt mich gedanklich ins schöne Italien reisen und zaubert mir so oft südliches Flair und Urlaubsstimmung in mein Wohnzimmer.

Zum Weiterlesen:
Italien hat bisher bereits sechs Literaturnobelpreisträger vorzuweisen (Giosuè Carducci, Grazia Deledda, Luigi Pirandello, Salvatore Quasimodo, Eugenio Montale und Dario Fo).
Doch ich möchte heute statt einem Werk der Nobelpreisträger trotzdem noch einmal Francesca Melandri empfehlen, denn bereits ihr erster Roman „Eva schläft“ hat mich unglaublich beeindruckt und sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Ein großartiges Buch über Südtirol und die politisch aufgeheizten Zeiten dieser teils hin- und hergerissenen Region, das einem hilft, den geschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen. Wunderbare Literatur in einer sehr schönen Sprache.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Kulinarisches Vermächtnis

Jacky Durand ist französischer Journalist und Gastrokritiker (u.a. in der „Libération“) und hat mit „Die Rezepte meines Vaters“ jetzt seinen ersten Roman vorgelegt, mit dem er – um im Bild zu bleiben – meinen Geschmack in jeder Hinsicht perfekt getroffen hat. Dieses kleine, aber feine Buch ist liebevoll, warmherzig und eine wunderbare Liebeserklärung an Väter und Söhne, Köche, Küchen, Gastronomie und gutes Essen. Magnifique!

„Du hast mir kein einziges Rezept erklärt. Zumindest nicht so, wie man es in der Schule lernt. Es gab keine Notizen, keine Mengenangaben, keine Anweisungen, ich musste mir alles mit Augen und Ohren aneignen.“

(S.15)

Zu Beginn des Romans liegt Koch Henri im Sterben und sein Sohn Julien steht ihm am Sterbebett bei. In den letzten Tagen und Stunden versucht er, während er die Hand des Vaters hält, noch dessen kulinarische Tipps, Tricks und Küchengeheimnisse in Erfahrung zu bringen – gleichsam das kulinarische Vermächtnis zu sichern, solange dies noch möglich ist. Doch dies scheinen nicht die einzigen Familiengeheimnisse zu sein, welche noch ans Licht gelangen.

Henri führt gemeinsam mit seinem Freund Lucien (kurz: Lulu) ein florierendes Bistro im Osten Frankreichs. Die beiden haben sich während des Algerienkriegs kenngelernt, sind seither unzertrennlich und ein eingespieltes Team. Für Julien, den kleinen Sohn Henri’s gibt es nichts Schöneres oder Faszinierenderes als seine Zeit in der regen Betriebsamkeit, Hitze und Hektik der Restaurantküche zwischen den beiden Männern, den Zutaten und den Kochtöpfen zu verbringen. Schon früh packt ihn die Faszination für gutes Essen, die Liebe zu guten, frischen Lebensmitteln, ehrlichen Ausgangsprodukten und die Leidenschaft für das Handwerk des Kochens.

Die Mutter ist Lehrerin und schon bald zeigt sich, dass die Gräben und Unterschiede zwischen der feingeistigen Akademikerin und dem rund um die Uhr arbeitenden Koch Henri immer tiefer werden. Die Ehe zerbricht und der kleine Julien bleibt beim Vater, als sich die Eltern trennen. Der Kontakt zur Mutter bricht ab.

„Für mich bist du der Feuermeister, ein Zauberer, der die Brioche zum Aufblähen bringt. Ein Tresorknacker, der die Austern öffnet. Ein Magier, der die Sahne schlägt und für mich Bitterschokolade zum Schmelzen bringt.“

(S.30)

So wächst der Junge im Bistro des Vaters auf und verbringt seine Freizeit am liebsten als Helfer in der Küche. Schon bald äußert er den Wunsch, selbst Koch werden zu wollen und in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Dieser reagiert entsetzt, denn er wünscht sich für seinen Sohn eine andere, eine bessere Zukunft: er soll lernen, studieren und einen weniger anstrengenden, sauberen Beruf mit geregelten Arbeitszeiten und ohne körperliche Anstrengungen ergreifen, statt Tag und Nacht in der Küche am heißen Herd stehen zu müssen. Die unterschiedlichen Ansichten über Julien’s Zukunft führen immer häufiger zu Spannungen zwischen Vater und Sohn. Bezeichnend ist eine Szene, als Julien aus einem Ferienlager zurückkommt, in welches ihn der Vater geschickt hatte, obwohl der Junge viel lieber bei ihm im Restaurant geblieben wäre. Stolz berichtet der Sohn, dass er der Held seiner Kameraden war, weil er als Einziger kochen konnte und sie fürstlich bewirtet hatte – für den Jungen ein großes Erfolgserlebnis, für den Vater ein Ärgernis.

„Ich erzähle nicht weiter von meiner Bolognese und meinem Hühnchen. Ich hatte mir vorgestellt, dass du stolz auf mich bist. Mitnichten. Für dich habe ich meine Ferien damit verbracht, hinter deinem Rücken zu kochen. Das ist schlimmer, als hätte ich mich danebenbenommen.“

(S.89)

Julien geht seinen Weg und erfüllt zumindest in Teilen den Wunsch seines Vaters. Er beendet die Schule, geht in einer anderen Stadt studieren – und doch jobbt er nebenbei als Koch in der Gastronomie (ohne dass der Vater davon weiß), bildet sich weiter, lernt stets dazu. Diese Leidenschaft verlässt ihn nie und wird ihn sein Leben lang weiter begleiten.

Die Liebe zum Kochen und die Magie einer guten Mahlzeit sprüht aus jeder Zeile des Romans und die Faszination ist für den Leser zu jeder Zeit erfahrbar und spürbar. Man merkt dem Autor an, dass dies auch sein Leben ist und vermutlich einiges an persönlicher Erfahrung und Leidenschaft in diesen Erstling eingeflossen ist.

Abgerundet wird das Buch mit einigen Rezepten aus Henri’s Bistro-Küche, wie z.B. Frühlingsomelette, Kartoffelgratin der Franche-Comté , Fleischeintopf (Pot-au-feu), Zwetschgentarte und einige mehr. Wem da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft…

Das Buch liest sich wie im Flug und ich war tatsächlich ein wenig traurig und wehmütig, als es nach den knapp 200 Seiten bereits zu Ende war. Fast wie bei einem guten Essen, das nach einer langen Zubereitungszeit und viel Zeit in der Küche letzten Endes in wenigen Minuten verspeist ist. Ein kurzer Genuss.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es jedoch auch Menschen für sich einnehmen könnte, die vielleicht seltener zu Büchern greifen, aber selbst gerne kochen oder gut essen. Vielleicht also eine Geschenkidee für das nahende Weihnachtsfest, um kulinarisch-interessierte Wenigleser und Küchenfreaks auch mal zum Lesen zu verführen.

Mein Herz hat Jacky Durand im Sturm erobert. Er hat mich begeistert und ich bin völlig hin und weg von diesem wunderbaren Roman, den ich im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht verschlungen habe. Für mich als Genussmensch war dies genau das richtige Rezept mit einer ausgewogenen Mischung aus Gefühl, Humor und Kulinarik in einer schönen, poetischen Sprache, die es für mich zum großen Lesevergnügen haben werden lassen. Ein wunderbares Buch und mein heimlicher Liebling des Lesemonats November – herzerwärmend wie das Feuer in Henri’s Ofen!

© Kindler Verlag

Buchinformation:
Jacky Durand, Die Rezepte meines Vaters
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler
ISBN: 978-3-463-00008-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Rezepte meines Vaters“:

Für den Gaumen:
Bei der Lektüre diese Romans ist der Appetit ein stetiger Begleiter und es bleibt selbstverständlich nicht aus, dass man Lust darauf bekommt, sich selbst etwas Gutes zuzubereiten. Da ist es um so schöner, dass am Ende des Buches auch noch einige Rezepte aufgeführt sind. Auf meinem Plan steht jetzt vor allem das Kartoffelgratin der Franche-Comté ganz weit oben. Das könnte jetzt im Winter genau das richtige Soulfood sein.

Zum Weiterklicken:
Durch das Bloggen werde ich auch immer wieder auf schöne Foodblogs aufmerksam und koche oder backe das eine oder andere Rezept auch tatsächlich nach. Die gebotene Vielfalt im Netz ist unglaublich und faszinierend. So fällt die Auswahl hier schwer, aber ich nehme jetzt exemplarisch zwei deren Rezepte ich bereits selbst ausprobiert habe: So kann ich z.B. das Chicken Tikka Masala von Arcimboldi’s World, aber auch den Apfel-Streusel-Kuchen von Ein Nudelsieb bloggt sehr empfehlen. Viel Spaß beim Stöbern, Nachkochen und bon appétit!

Zum Weiterlesen:
Vor vielen Jahren habe ich Anna Gavalda’s Bestseller „Zusammen ist man weniger allein“ gelesen. Ebenfalls ein französischer Roman und auch hier geht es um einen Koch und große Gefühle. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die wunderbare Übersetzerin Ina Kronenberger, die beiden Romanen genau den richtigen Tonfall geschenkt hat in einer Sprache, die ebenfalls einen Genuss darstellt.

Anna Gavalda, Zusammen ist man weniger allein
Übersetzt von: Ina Kronenberger
Fischer
ISBN: 978-3-596-17303-7