Erinnerungswurlitzer

Es gibt Bücher, die gehen unter die Haut und berühren tief im Inneren: Sibylle Schleicher hat mit „Die Puppenspielerin“ ein solches geschrieben – ein Herzensbuch, ein tieftrauriger und doch hoffnungsvoller Roman über Familienbande und das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Ein ernstes, schwieriges Thema, das die in Österreich geborene Autorin, die heute in Ulm lebt, ihren Lesern auf sehr behutsame und gefühlvolle Art näher bringt. Ein mutiges Unterfangen, zumal es für die meisten in der Regel bequemer ist, sich nicht freiwillig mit dem Themengebiet des Sterbens und des Todes auseinanderzusetzen.

Sarah und Sophie sind Zwillinge und Zeit ihres Lebens verbindet die Schwestern ein ganz besonderes und inniges Band.

„Mit einem Zwilling an der Seite kann einem nichts passieren, sagt Sarah. Zu zweit war alles halb so schlimm und doppelt so schön.“

(S.16)

Mittlerweile sind beide Anfang Vierzig, haben eigene Familien gegründet und dennoch verbindet sie weiterhin die Leidenschaft des Puppenspiels: Sophie schreibt die Stücke, Sarah baut die passenden Puppen dazu – ein Gemeinschaftsprojekt der Zwillingsschwestern. Sie scheinen unzertrennlich, doch plötzlich schlägt das Schicksal zu und Sarah erkrankt schwer.

Die Familie begleitet sie durch die schwierige Zeit der Unsicherheit, der Untersuchungen, der Suche nach einer Diagnose und der richtigen Therapie – ein Leidensweg beginnt. Sophie versucht, für die Schwester und deren Familie da zu sein, den Neffen und Schwager zu versorgen und Halt zu geben. Die Familie rückt zusammen.

Sibylle Schleicher hat eine sehr intime, ehrliche und eindringliche Geschichte verfasst, die erzählt, was eine lebensbedrohliche Erkrankung eines engen Familienmitglieds auslöst, welche Mechanismen und Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, mit der Situation umzugehen und welche Wucht der Veränderung ein solcher Schicksalsschlag besitzt.

Natürlich sind da Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut, aber die Autorin zeigt auch, dass eine Familie sich in einer solchen Ausnahmesituation bedingungslos gegenseitig stärken, unterstützen und tragen kann.

Doch erst einmal steht die Welt in der betroffenen Familie still – das Weltgeschehen, die Nachrichten all das hat plötzlich keine Bedeutung mehr. Der Alltag tritt außer Kraft und doch sind es teils auch die alltäglichen Verrichtungen, Handgriffe und Routinen, an die man sich klammert und die ein Gerüst geben sollen.

„Aber manche Momente sind stark genug, dass sie ohne jede Erinnerungsstütze überdauern und für alle Zeit abrufbar sind.“

(S.50)

Besonders berührend finde ich die Szenen, in welchen Schleicher beschreibt, welche Kraft eine gemeinsame Kindheit und schöne Erinnerungen haben können. Wie wichtig und natürlich es ist, sich in Krisensituationen wieder an glückliche Zeiten zu erinnern: Familienfeste, unbeschwerte Sommertage, gelebte Traditionen und Bräuche – all das kann Trost spenden.

„Die alten Geschichten aufwärmen, denke ich. Eigentlich wärmen nicht wir sie auf, sondern sie uns. Sie haben noch so eine Kraft. Lebendige Erinnerungen, egal, wie nah sie an der Wahrheit liegen. Die Kindheit ein Brunnen, der nicht versiegt.“

(S.57)

Die Schönheit der Natur sehen, ein gutes Essen genießen, Musik, kleine Glücksmomente, ein gemeinsames Lachen, beherztes Ansingen gegen Schmerzen und Angst, ein Rückbesinnen auf Traditionen und Glauben – die Autorin hat meisterhaft zusammengestellt, wie Menschen sich einer schwierigen Situation stellen. Das Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen ist so authentisch geschildert, dass man bei der Lektüre Seite für Seite und Zeile für Zeile mitleidet – ein zutiefst empathisches Buch.

„Dann greifen Bilder aus der Vergangenheit nach mir, wie der Greifarm vom Wurlitzer nach einer Platte fasst und sie auflegt.“

(S.209)

Die Autorin findet wunderbare und einfühlsame Worte in einer Sprache, welche dem ernsten Thema stets gerecht wird. Schön auch, dass an der einen oder anderen Stelle die österreichischen Wurzeln der Autorin sprachlich anklingen – das machte die Lektüre für mich noch authentischer. Und auch das gelungene Umschlagbild spielt sowohl auf die steirische Bergwelt als auch durch die gespiegelte, gedoppelte Darstellung auf die Zwillinge als Besonderheit an.

„In der Erinnerung war alles schön, und wenn wir unsere Geschichten weitererzählen, müssen sie immer irgendwann lustig werden. Man erinnert sich das so hin, wie man es am liebsten gehabt hätte, aber es war oft ganz anders.“

(S.210)

„Die Puppenspielerin“ ist sicherlich ein Buch, das für manche außerhalb der Komfortzone liegen mag, aber es ist auch ein Roman, der bewusst wieder einmal vor Augen führt, wie kostbar und schön das Leben ist. Ein mutiges, gefühlvolles und zärtliches Buch über die Macht der Familie und der Erinnerung – aber auch über Abschied, Trauer und Weiterleben. Eine emotionale und lohnende Lektüre, die den Blick aufs Wesentliche schärft.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“:

Für den Gaumen:
Es gibt Gerichte, welche in schweren Zeiten gut tun, Trost spenden und sprichwörtlich Leib und Seele zusammenhalten: Im Roman sind dies zum Beispiel Lasagne oder ein Süßkartoffelauflauf.

Zum Weiterhören:
Die Zwillingsschwestern tauschen musikalische Empfehlungen aus und geben sich gegenseitig Höraufgaben, was sich die andere Schwester jeweils anhören sollte – eine schöne Idee, wie ich finde.

„Die Reformations-Sinfonie von Mendelssohn. Eine Empfehlung von Sarah. Sie hört im Gegenzug die Walzer von Schostakowitsch.“

(S.28)

Zum Weiterschauen:
Ein Gemälde, das im Buch Erwähnung findet und auch einen wesentlichen Aspekt des Romans widerspiegelt ist „Der Tod im Krankenzimmer“ des norwegischen Malers Edvard Munch, das sich im Besitz des Munch Museums in Oslo befindet.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich Thomas Hettche’s Roman „Herzfaden“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt – im Zentrum steht die Augsburger Puppenkiste, die wohl zu den bekanntesten Puppentheatern im deutschsprachigen Raum zählt. Ebenso ein eindrucksvolles Buch über die Kraft des Theaters, die Kreativität und eine Familie, die in schweren Zeiten zusammenhält.

Thomas Hettche, Herzfaden
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05256-5

Küss die Hand…

Wien in den Siebziger Jahren und der erste Kriminalroman einer österreichischen Autorin mit einer außergewöhnlichen, neuen Ermittlerfigur, da konnte und wollte ich nicht lange daran vorbei: Constanze Scheib, die ausgebildete Schauspielerin ist und bisher Theaterstücke und Erzählungen verfasst hat, ist mit „Der Würger von Hietzing“ ein spritziges und humoreskes Krimidebüt gelungen.
Als Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ hat sich die Autorin auch einem Netzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen angeschlossen.

Eine unausgelastete – um nicht zu sagen gelangweilte – Ehefrau aus besten Wiener Kreisen mit einem Faible für Fernsehkrimis und teuren Whisky beginnt aus Neugier und Abenteuerlust in einem realen Kriminalfall zu ermitteln.
Schließlich wurde die Tante eines ihrer Dienstmädchen erdrosselt aufgefunden und bei genauerem Hinsehen war dies wohl nicht der erste Mord. Da kann es natürlich nicht angehen, einen Serienmörder frei herumlaufen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrem jungen Hausmädchen Marie, welche sie in ihren kriminalistischen Anwandlungen unterstützt, stürzt sie sich voller Elan und dem naiven Herangehen einer „gnä’ Frau“ unbedarft in die Wiener Verbrecherwelt. Klar, dass es da zu Turbulenzen kommen muss und das aus Miss Marple-Filmen erworbene Wissen nicht ausreicht, um gefährliche Situationen zu vermeiden.

„I wü sie ja net schockiern, oba Verbrecher müss’n net unbedingt aus Favoriten kommen. A jeder kann zum Mörder werden. Wurscht, in welche Schul er gangen is oder wie vü Geld er hat!“

(S.138)

Frau Ehrenstein und Marie bilden ein kongeniales Duo und schnüffeln und lavieren sich gemeinsam durch das teils wilde Wien der Siebziger Jahre – ein aufregender Kontrast zu den gediegenen Zoobesuchen mit Sohn Willi oder den Besuchen im Opernhaus.

Wienliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, denn dieser Krimi bietet eine schöne Zeitreise in die Stadt der Sachertorte und der Musik, man begleitet Frau Ehrenstein an einige der beliebten und bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt: nach Schönbrunn, in den Tierpark, in die Oper und natürlich auch ins eine oder andere Kaffeehaus. Geschickt flicht Scheib auch immer wieder zeitgeschichtliche Ereignisse ein, welche die Handlung in den Siebziger Jahren verorten lassen.

„Frau Ehrenstein ärgerte sich. Und sie ärgerte sich noch mehr über die Tatsache, dass sie sich ärgerte. Sie hatte sich immer so verhalten, wie es von ihr erwartet wurde, hatte nie etwas Unvorhersehbares getan oder war von der Etikette abgewichen.“

(S.57)

Die Beschreibung des Haushalts und des Dienstpersonals im Ehrenstein’schen Haus wirkt da schon mehr als aus der Zeit und der Mode gekommen und unterstreicht das gediegene, konservative und verstaubte Milieu, aus dem sich die Frau des Hauses befreien möchte, so dass ihr jedes kleine Abenteuer gerade recht kommt.

Wer mit dem Wiener Dialekt bislang nicht so vertraut ist, wird durch diesen Krimi einen kleinen, kurzweiligen Einsteigerkurs erhalten, kann sich mit Hilfe dieses Buchs ein wenig einlesen und zukünftig mit so herrlichen Begriffen wie „fadisieren“, „Kaffeetscherl“, „Narrenkastl“ oder „Blitzgneißer“ zumindest Grundkenntnisse des Wienerischen vorweisen.

Ich mochte die Figuren, das Flair, den Zauber Wiens und den Humor dieses Krimis sehr, zumal es aus meiner Sicht um vieles schwerer ist, einen guten komödiantisch-witzigen Krimi zu schreiben als einen blutrünstigen Thriller.
Meinen Geschmack hat die Autorin daher getroffen, wer aber atemlose Spannung, vertrackte tiefenpsychologische Täterprofile, realistische, ernste Kriminalfälle vorzieht und mit einer ordentlichen Portion Humor und Lokalkolorit in Krimis nichts anfangen kann, der wird vermutlich nicht glücklich werden.

Mit Perlenkette, Stöckelschuhen, Maßkostüm und Handschuhen bringt Frau Ehrenstein als Ermittlerin Glanz und Glamour in die zwielichtigen Viertel Wiens und in die aktuelle Krimilandschaft. Dass sich durch das soziale Gefälle zwischen ihr und den Verdächtigen interessante und witzige Situationen ergeben, versteht sich von selbst und gibt dem Ganzen den richtigen Pfiff.

Dazu die nötige Portion Wiener Schmäh und Ironie – da ist Constanze Scheib, die 1979 in Wien geboren wurde, ein sehr amüsanter und kurzweiliger Auftakt gelungen, der unbedingt nach einer Fortsetzung verlangt.
Für mich war „Der Würger von Hietzing“ ein herrliches, verschmitztes und lustiges Krimivergnügen, das mich ein paar Stunden wunderbar unterhalten hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing

Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“:

Für den Gaumen:
Die gnä’ Frau Ehrenstein hat eine Vorliebe für Whisky, gerne schottischer Single Malt, so trinkt sie gemeinsam mit ihrem Hausmädchen schon einmal ein Gläschen der einschlägigen Destillerien (ohne jetzt Namen zu nennen).
Doch im Laufe der Zeit entdeckt sie auch ihre Schwäche für süßes Gebäck, was beim diesbezüglichen Angebot in Wien natürlich kaum verwunderlich ist: So darf es im Kaffeehaus auch mal ein Briochekipferl oder ein Punschkrapfen (S.106) sein.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Theaterbesuch:
Frau Ehrenstein ist als Frau von Welt selbstverständlich auch musikinteressiert und so darf der Leser sie in die Oper begleiten, um dort Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ mit zu erleben – und dies in einer Inszenierung von Otto Schenk.
Und wir stoßen auf einen Wiener Taxifahrer, der tatsächlich Joseph Haydn’s „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ hört – das hat Stil.

Zum Weiterlesen:
Wer Wien und Krimis liebt, dem kann ich auch die Kriminalinspektor Emmerich-Reihe der österreichischen Autorin Alex Beer empfehlen. Hier kann man abtauchen in das Wien der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und bekommt intelligente und spannende Krimiunterhaltung geboten. Ich würde empfehlen, unbedingt mit dem ersten Band der Reihe „Der zweite Reiter“ zu beginnen.

Alex Beer, Der zweite Reiter
Blanvalet
ISBN: 978-3-7341-0599-9

Spannung, Spiele und Salzburg

Am 17. Juli haben die Salzburger Festspiele klassisch und traditionell mit einem „Jedermann“ begonnen. Bis zum 31. August ist die Stadt an der Salzach jetzt wieder Bühne für Oper, Theater, Musik und Kultur. Festspielzeit in Salzburg ist auch in Manfred Baumann’s neuestem Krimi „Salzburgsünde“, dem mittlerweile bereits neunten Band aus der Reihe um Kommissar Merana – in diesem Fall handelt es sich jedoch um die Osterfestspiele.
Salzburg ist immer eine Reise wert und so war dieser Krimi für mich eine willkommene Gelegenheit, das zumindest literarisch von zu Hause aus – ohne touristisches Gewusel und Gedränge in der Getreidegasse – ganz entspannt zu tun.

Auch der neunte Merana hat wieder alles, was zu einem klassischen Regionalkrimi dazugehört:
Eine Leiche – in diesem Fall eine ziemlich alte, denn auf dem Kapuzinerberg wird ein Skelett bzw. ein Totenschädel gefunden, der zu einer Frau gehört, die bereits vor 65 Jahren verschwunden ist. Ob da wohl noch ein Täter ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann?
Einen sympathischen Kommissar mit dunklen Flecken in der Vergangenheit – Martin Merana, der bereits auf tragische Art und früh zur Waise wurde und bei seiner Großmutter aufgewachsen ist, die er daher über alles liebt.
Politische und persönliche Verstrickungen, denn schon bald stellt sich heraus, dass Merana die Tochter des Opfers kannte und daher ein ganz besonderes Interesse daran hat, den Fall zu lösen.
Den traditionellen Besuch im Stammlokal „Da Sandro“, wo man sich stets mit bester italienischer Kost, Pasta und Wein um das leibliche Wohl des Kommissars kümmert.
Und natürlich viel Salzburger Lokalkolorit: So erfährt man dieses Mal etwas über die Osterbräuche, wie das Ratschen und taucht ab in das Geschehen rund um die Osterfestspiele. Gemeinsam mit Merana besucht man eine Aufführung des Parsifal von Richard Wagner.

„Er schrieb oft im Kopf sein völlig eigenes Libretto. Oder, besser ausgedrückt, viele Fußnoten, Anmerkungen, Ermittlerfragen zum Libretto. Er konnte einfach nicht anders. Er war und blieb Kriminalpolizist.“

(S.51)

Zudem wandert man mit ihm zum Fundort der Leiche auf den Kapuzinerberg und genießt die Aussicht…

„Wie immer, wenn er heraufkam, wollte er den verschwenderisch pompösen Ausblick genießen. Er trat an die Mauer, atmete tief durch. Der Anblick war schier unbeschreiblich. Er schaute hinüber zum Mönchsberg. Dort dominierte das Prunkstück der gesamten Szenerie: die Festung. Ihr zu Füßen ruhte die Stadt mit Häusern, Kirchen, spektakulären Dachlandschaften. Dazwischen wand sich der Fluss, das Silberband der Salzach. Ein wahres Schmuckstück bot sich seinen Augen, ein Juwel zwischen den Stadtbergen.“

(S.79)

Der Fall der vor langer Zeit verschwundenen Lehrerin, die bei ihren Schülern sehr beliebt war, bekommt bald schon zusätzliche aktuelle und politische Brisanz.
Dass der Kommissar plötzlich auch in höchsten Industriellenkreisen und in einem potenziellen Umweltskandal ermittelt, missfällt zudem seinem Vorgesetzten und so muss er auf dem glatten Parkett der Salzburger High Society sein diplomatisches Geschick beweisen. So wandelt sich der vermeintliche „cold case“ schnell zu einer heißen Angelegenheit, die Merana schließlich selbst in Gefahr bringt…

Ich mag diesen Merana, flaniere gerne mit ihm durch Gassen, genieße Kunst und Kultur und verstehe seine Vorliebe für den Lieblingsitaliener um die Ecke – dass ich bei jedem Fall wieder ein klein wenig mehr über Salzburg erfahre, das zeichnet diese Krimis für mich aus.
Liebhaber blutrünstiger Spannungsliteratur oder Fans vertrackter Psychothriller, die das Blut in den Adern gefrieren lassen, sollten wohl besser die Finger von Manfred Baumann’s Büchern lassen. Wer aber Salzburg liebt, gerne im Café Tomaselli sitzt und seinen Verlängerten, eine Melange oder einen Einspänner trinkt, hin und wieder mit Genuss eine Mozartkugel isst, gerne Konzerte oder Opern besucht und dann noch ein Faible für klassische Regionalkrimis hat, der wird seine Freude haben und Kommissar Merana ins Herz schließen.

Den ersten Fall von Kommissar Merana „Jedermanntod“ kaufte ich vor einigen Jahren im Buchladen am Salzburger Hauptbahnhof vor der Heimfahrt nach einem herrlichen, entspannten Tag in der Stadt als Andenken und gleichsam als willkommene Verlängerung des schönen Aufenthalts. Seitdem bin ich auch mit weiteren Bänden der Reihe durch die Krimilektüre immer wieder gerne ins schöne Salzburg zurückgekehrt – zumal gerade der Lokalkolorit und die kulturellen Ausflüge in die Musik-, Theater- und Opernwelt für mich den Charme dieser Bücher ausmachen.
Gerade neu erschienen war „Salzburgsünde“ daher für mich eine willkommene, entspannte und unterhaltsame Sommerlektüre.

Die Lust auf die Salzburger Festspiele ist auch geweckt, daher noch ein paar Tips bzw. Termine:
Am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr ist auf ARTE (oder ORF2) Mozart’s „Don Giovanni“ aus dem Großen Festspielhaus zu erleben (Regie: Romeo Castellucci; Musikalische Leitung: Theodor Currentzis).

Samstag, den 21. August 2021 um 22.15 Uhr strahlt 3sat die diesjährige Neuinszenierung von Luigi Nono „Intolleranza 1960“ unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher aus.

Alle, die ORF empfangen können, haben am Freitag, den 27. August 2021 um 20.15 Uhr auf ORF2 die Möglichkeit Anna Netrebko als Puccini’s „Tosca“ zu sehen – Ehemann Yusif Eyvazov gibt den Cavaradossi und Ludovic Tézier singt den Baron Scarpia.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Manfred Baumann, Salzburgsünde
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0075-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Manfred Baumann’s „Salzburgsünde“:

Für den Gaumen:
Im Rahmen seiner Ermittlungen verschlägt es Merana auch an den nahegelegenen Fuschlsee, wo er die Möglichkeit nutzt, um exquisit zu speisen: auf der Tageskarte steht ein Filet vom Seesaibling mit Paprikapolenta.

Zum Weiterhören:
Baumann stellt gerne Opern oder Theaterstücke ins Zentrum seiner Krimis – während der Festspiele scheint ja ganz Salzburg eine Bühne zu sein. So hieß unter anderem der Auftakt der Reihe „Jedermanntod“, ein späterer Band „Zauberflötenrache“. In „Salzburgsünde“ ist das beherrschende Stück Richard Wagner’s Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das Kommissar Merana während der Osterfestspiele besuchen darf (zum Hineinhören bietet sich der „Karfreitagszauber“ an).

Zum Weiterlesen:
Meine allererste Rezension auf der Kulturbowle war dem Salzburg-Roman von Opernstar Rolando Villazón „Amadeus auf dem Fahrrad“ gewidmet – eine wahre Liebeserklärung an Salzburg, die Musik, Mozart, die Oper und die Kunst – ein Buch ganz nach meinem Geschmack und ein würdiger Auftakt für meinen Blog (vor mittlerweile nicht ganz einem Jahr).

Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

Ein Stück vom Himmel

Freiluftaufführungen haben ein ganz besonderes Flair. Wenn das Wetter mitspielt, sind sie unglaublich stimmungsvoll. Doch manchmal wirft man auch immer wieder skeptische Blicke zum Himmel und sendet so manches stille Gebet zum heiligen Petrus, dass alles gut über die Bühne geht und das Wetter hält.
Bei der Premiere des musikalischen Heurigenabends „Zur fesch’n Wirtin“ in Landshut hatte Petrus ein Einsehen und bis auf ein paar (absolut verschmerzbare) Regentropfen zwischendurch war alles wunderbar.

Das Musiktheaterensemble des Landestheater Niederbayern aus Passau zauberte eine schwungvolle, amüsante und kurzweilige Aufführung auf die Freiluftbühne im Prantlgarten, die einem urigen Heurigenlokal nachempfunden war. Mit großer Spielfreude und bestens aufgelegt zündeten sieben Gesangssolisten des Ensembles begleitet durch die „Generalschrammelmusi“ unter der Leitung des GMD Basil H. E. Coleman am Flügel ein wahres Feuerwerk der bekanntesten und beliebtesten Wiener Lieder und Operettenmelodien garniert mit nahezu komödiantisch-kabarettartigen Einlagen.

Die Wirtin Josepha alias Mezzosopranistin Reinhild Buchmayer heißt unterstützt von ihrem Oberkellner Leopold und dem Hilfskellner Schani eine illustre Runde von Gästen in ihrem Wiener Heurigenlokal „Zur fesch’n Wirtin“ willkommen.

Da ist der Stammgast Pepi: Bariton Peter Tilch, der neben seinen schönen, solistisch dargebotenen melancholischen Wiener Liedern (wie zum Beispiel „Wann der Herrgott net will“ oder dem Hobellied) auch den ganzen Abend an der Klarinette, dem Saxophon und der Gitarre als Instrumentalist im Einsatz und voll gefordert war.

Seine Begleitung Stanzi – alias Claudia Bauer – die er aufgrund des hinreißenden Charmes der Wirtin manchmal jedoch sträflich vernachlässigte, wirbelte im Pünktchen-Petticoat-Kleid mit mädchenhafter Leichtigkeit über die Bühne und konnte in witzigen Nummern wie „Wie man eine Torte macht“ oder „Heut’ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wean“ auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen.

Ewelina Osowska als Mitzerl, die sich im Laufe des Abends von der verhuschten Putzfrau zum heißen Feger mausert, war nicht nur an der Violine im Einsatz, sondern interpretierte auch große Sopranpartien, wie zum Beispiel die Arie der Adele aus der Fledermaus „Spiel ich die Unschuld vom Lande“.

Daniel Preis alias Ferdl – der jugendliche Liebhaber des Abends – konnte als temperamentvoller und leidenschaftlicher Verehrer der Damenwelt voll und ganz überzeugen und auch sein Auftritt als „gschupfter Ferdl“ mit Brillantinentolle und „grün und gölb gestreifte Socken“ wird mir unvergessen bleiben.

Für lustige, komödiantische Momente sorgten aber auch die koreanischen Kollegen Bass Heeyun Choi bzw. Heinzi und Bariton Kyun Chun Kim – auch Kurti genannt. Letzterer sprach mit seiner Arie aus der Operette Giuditta von Franz Lehár den Menschen mit seinem vollen Klang – hier steht er dem legendären Richard Tauber in nichts nach – aus der Seele:

„Freunde, das Leben ist lebenswert“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

An einem solchen Abend mit schöner Musik unter freiem Himmel und solchen Sängern möchte man am Ende mit voller Überzeugung mit einstimmen:

„Das Leben ist schön, so schön!“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

Ganz groß aber auch die Bass-Nummer „I was born under a wandering star“, in welcher Heeyun Choi sein unfassbares Stimmvolumen unter Beweis stellen konnte.

Neben allem Klamauk bescherten mir die beiden aber auch den Gänsehautmoment des Abends mit einem wunderschönen, getragenen Lied aus ihrer koreanischen Heimat: „Arirang“.

Doch auch die Wirtin Josepha – absolut authentisch und liebreizend verkörpert durch die gebürtige Salzburgerin Reinhild Buchmayer – durfte mit etlichen Stücken und unter anderem dem auf den Leib geschriebenen „Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein“ die Männer auf der Bühne und das Publikum verzaubern.

Heurigencharme, Weinseligkeit, Wirtshausgeschichten und viel schöne Musik, ein spritziger Abend voller Leichtigkeit, einem Schuss Wiener Melancholie und einem bestens gelaunten Ensemble, das den Funken von der Bühne auf die Besucher überspringen ließ. Ein wohltuender Schritt zurück in ein hoffentlich wieder mögliches Theaterleben.

Und so wird neben dem musikalischen Vergnügen auch der folgende Spruch des Abends im Gedächtnis bleiben:

„Wenn dir das Leben eine Zitrone schenkt, dann leg ein Wiener Schnitzel drunter.“

Regisseurin Margit Gilch hat einen zauberhaften und runden Abend zusammengestellt, der allen Sängerinnen und Sängern ermöglichte, sich in tollen Liedern von ihrer Schokoladenseite zu zeigen und zu glänzen. Die Stücke waren perfekt gewählt und durch die lustige Rahmenhandlung, gelungene Gags und eine ordentliche Portion Wiener Schmäh durfte das Publikum einen heiteren und beschwingten Abend verbringen. Klatschen, mitwippen, mitsingen und ein wenig Schunkeln – ein gutgelauntes Publikum belohnte das Ensemble am Ende mit begeistertem Applaus.

Die Spielzeit 2020/2021 des Landestheater Niederbayern – die zum allergrößten Teil ja leider nur digital stattfinden konnte – geht mit diesem schönen, glücklich machenden Musikabend versöhnlich und mit einem Lichtblick zu Ende. Live-Theater hat nichts von seiner Faszination und Schönheit eingebüßt, hoffen wir also, dass wir nach der Sommerpause im Herbst auch wieder in den Genuss von spielenden und singenden Menschen auf unseren Bühnen kommen können.

Gesehen am 9. Juli 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Zur fesch’n Wirtin“ ist in dieser Spielzeit noch heute und morgen Abend in Landshut zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Zur fesch’n Wirtin“:

Für den Gaumen:
Die Vorankündigung versprach einen weinseligen Abend. Ein Versprechen, das gehalten wurde. Zum Heurigen passt klassisch ein Grüner Veltliner oder ein Gemischter Satz aus Österreich. Und für die gute Unterlage entweder eine zünftige Jaus’n oder doch ein Wiener Schnitzel?

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Bei so vielen Liedern und Operettenarien fällt eine Auswahl oder ein besonderer Tip wirklich schwer. Mit den Operetten „Im weißen Rössl“ oder „Der Fledermaus“ geht man aber in aller Regel fröhlich pfeifend, summend und gut gelaunt aus dem Theater.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich das genussvolle Buch des Kochs Vincent Klink „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ hier auf meinem Blog vorgestellt. Wer also neben dem Wiener Heurigen noch gerne weitere kulinarische und kulturelle Tips zur österreichischen Hauptstadt haben möchte, der kann hier fündig werden:

Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663

Der Welt abhanden gekommen

Völlig hin und weg – das trifft es wohl ziemlich gut, wenn ich meinen Gemütszustand nach der Lektüre von Judith Fanto’s Debütroman „Viktor“ beschreiben müsste. Ein Roman, der mich sprachlos, begeistert, glücklich, nachdenklich, fasziniert und dankbar zurücklässt – völlig hin und weg eben. Ein wunderbares Buch, das genau meinen Nerv getroffen hat.

„Verblüfft starrte ich das Farbfoto meiner damals noch jungen Großeltern an, die durch Salzburg flanierten, und musste ernüchtert meinen Denkfehler feststellen: Es gab kein Schwarz-Weiß-Zeitalter. Das Leben von Laura, Otto, Tante Gustl und Anton war farbig gewesen, auch wenn ich das nicht sehen konnte. Ihr Leben war real gewesen, und damit war es auch ihr Tod.“

(S.49)

Neunziger Jahre in den Niederlanden – Geertje ist Studentin und sie hat die Verschwiegenheit in ihrer jüdischen Familie, was die Vergangenheit anbelangt, satt. Die Zeit des Holocausts, das Leid, die Schicksale und der Verlust von Familienmitgliedern, all das wird seit Jahrzehnten konsequent totgeschwiegen.

Geertje rebelliert gegen das Verleugnen und beginnt, sich intensiv mit dem Judentum auseinanderzusetzen, versucht ihren Glauben aktiv zu leben, engagiert sich in der jüdischen Gemeinde und ändert ihren Namen in Judith. Das ist ihre Art und Weise, sich ihren jüdischen Wurzeln zu nähern und so versucht sie auch das Schweigen in der Familie zu brechen. Nach und nach erschließen sich ihr die psychologischen Mechanismen und kommunikativen Verhaltensweisen ihrer Familie, die sich über Jahrzehnte entwickelt und eingeschlichen haben.

In Rückblenden ins Wien der Zeit Gustav Mahler’s und den folgenden Jahrzehnten wird die Familiengeschichte der Rosenbaums erzählt. Der Rebell dieser Zeit war Viktor Rosenbaum, der sich als Lebenskünstler kreativ durchs Leben schlägt und mit seinen unkonventionellen Methoden im Familienkreis ebenso oft aneckt wie Geertje bzw. Judith lange Zeit danach.

„Viktor sieht die Dinge ausschließlich so, wie es ihm in den Kram passt, und er interpretiert die Regeln so, dass sie ihm zum Vorteil gereichen. Der Junge glaubt an nichts, er ist ganz im Bann seiner selbst. Und das alles mit einer Panade von Charme.“

(S.115)

Die Geschichte der Rosenbaums ist – wie bei den meisten jüdischen Familien im Wien der damaligen Zeit – geprägt von Flucht, Leid, Verlust, Schmerz und Trauer – aber auch von einem tiefen Zusammenhalt, Liebe und Mitgefühl.

Judith findet auf dem Dachboden Dokumente – gleichsam ein Familienarchiv – und taucht tief in die Vergangenheit und die Lebensgeschichten ihrer Vorfahren ein, um am Ende zu sich selbst finden zu können.

„Ich bin eben wissenshungrig. Wenn ich meine Abstammung genau kenne, kann ich entscheiden, was ich behalten und was ich loslassen will. Erst dann kann ich die werden, die ich sein will.“

(S.242)

Judith Fanto hat mit „Viktor“ ein gefühlvolles, humorvolles und tief bewegendes Buch geschrieben, bei dem Weinen und Lachen sehr nahe beieinander liegen. Die Niederländerin hat ein liebevolles Zeugnis ihrer eigenen Familiengeschichte geschaffen, das einen nicht mehr loslässt.

Ein kluger und nachdenklich stimmender Roman darüber, was es bedeutet, jüdische Wurzeln zu haben und mit einer traurigen, verlustreichen Vergangenheit und schweren Bürde umzugehen – auch für die Generation, welche diese nicht mehr selbst erlebt hat und dennoch die Auswirkungen immer noch spürt.

Es gibt Bücher, die bewegen und manchmal gibt es welche, die treffen einen wie ein Blitz, erobern das Herz im Sturm. Weil einfach alles passt, die Chemie stimmt und man vollkommen abtaucht in die Geschichte, die Zeit, die Figuren, gleichsam beim Lesen „der Welt abhanden kommt“ – um bei Gustav Mahler zu bleiben.

Für mich war „Viktor“ ein solcher Glücksfall: ich mochte die Sprache, den Humor, ich liebe Musik, Kultur, Literatur – Themen, die für die Familie Rosenbaum einen hohen Stellenwert haben. All das in weiten Teilen des Romans angesiedelt in Wien, einer faszinierenden Stadt. Mit vielem spricht Fanto mir geradezu aus der Seele:

„Abgesehen davon, dass prinzipiell auf die Qualität der Lebensmittel geachtet wurde, pflegte unsere Familie einen eher einfachen Lebensstil. Reichtümer anzusammeln galt als unanständig und uninteressant, und das Geld, das man hatte, floss in Musik, Theater, Kunst, Literatur und Wohltätigkeit.“

(S.40)

Judith Fanto hat ein herausragendes Debüt geschrieben – unfassbar schön mit einer großen Leichtigkeit im Schweren. Eine humorvolle und zugleich sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familiengeschichte und dem Schicksal vieler Juden in zweiter oder dritter Generation nach dem Holocaust.

Ein grandioses Buch, das mir neue Perspektiven eröffnet, Denkanstöße gegeben und zugleich einen unvergesslichen Lesegenuss beschert hat – es wird mit Sicherheit zu meinen Lieblingsbüchern dieses Jahres zählen.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Feiner reiner Buchstoff und Sandra Falke.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Urachhaus Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Judith Fanto, Viktor
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5257-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Judith Fanto’s „Viktor“:

Für den Gaumen:
Gemeinsame Mahlzeiten sind wichtige Rituale in Familien – so auch bei den Rosenbaums. Die Wiener Küche hat tiefe Spuren hinterlassen:

„Auf dem Tisch standen zwei Teekannen, Milch und Kandiszucker, Zitrone und Stroh-Rum, zwei Platten mit Nusskugeln, Vanillekipferln, Lebkuchen, Mohnkrapfen und vier Stücken Käsekuchen, außerdem ein Apfelstrudel und ein Gugelhupf mit dunkler Schokoladenglasur.

(S.243/244)

Wer wäre da nicht auch gerne eingeladen?

Zum Weiterhören:
Musik hat in der Familie Rosenbaum einen sehr hohen Stellenwert. Gustav Mahler ist Hausgott und Zeitskala – alle wichtigen Familienereignisse werden mit Mahler’s Lebenslauf verknüpft (Geburtstage treffen mit Uraufführungsterminen bestimmter Sinfonien zusammen etc.). Für den Titel meiner Rezension habe ich eine Zeile aus einem Gedicht von Friedrich Rückert gewählt, welches Gustav Mahler im Rahmen seiner Rückert-Lieder vertont hat: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Eine schöne Aufnahme gibt es von Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“.

Zum Weiterschauen:
Den Umschlag, des vom Urachhaus Verlag schön und sehr wertig gestalteten Buches, ziert die „Dame in Gelb“ – ein sehr bekanntes Gemälde von Max Kurzweil aus dem Jahr 1899. Kurzweil war Gründungsmitglied der Wiener Secession. Das Gemälde kann auf der Website des Wien Museum in voller Schönheit betrachtet werden.

Zum Weiterlesen:
Als eines der ersten Bücher auf meiner Kulturbowle habe ich letzten Sommer „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler besprochen. Wer also Lust darauf bekommen hat, sich auf leise, poetische Weise mit einem nachdenklichen und berührenden Buch ein wenig näher mit Gustav Mahler zu beschäftigen, der hat hiermit eine gute Gelegenheit (darf aber keine Biographie erwarten):

Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

K.u.k.-Krimivergnügen auf dem Dampfer

1907 – Triest ist die florierende, pulsierende Hafenstadt der Donaumonarchie und Günter Neuwirth nimmt uns mit seinem historischen Kriminalroman „Dampfer ab Triest“ mit auf eine stimmungsvolle und spannende Reise bzw. auf eine der ersten Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer. An Bord der „Thalia“, einem Vergnügungsdampfer der österreichischen Lloyd, muss Inspector Bruno Zabini, der eigentlich als Personenschützer eines Grafen inkognito reist, schon bald in einem Kriminalfall ermitteln.

„Das ganze Schiff glich doch einem eisernen Tollhaus, auf dem allerlei zwischenmenschliche Verwicklungen passieren konnten, ja sogar sollten. Dafür bezahlten die Passagiere mit dem Erwerb einer Fahrkarte schließlich.“

(S.231)

Zu Beginn ist Inspector Zabini alles andere als begeistert, als er den Auftrag bekommt, zum Schutz des Grafen Urbanau, der vor kurzem nur zufällig einem Mordanschlag entgangen ist, in geheimer Mission eine dreiwöchige Seereise auf der „Thalia“ zu unternehmen. Denn er, der schnell von Seekrankheit geplagt wird, hätte die Zeit viel lieber an Land mit seiner Geliebten im heimischen Triest verbracht.
An Bord trifft er auf eine illustre, bunt gewürfelte Reisegesellschaft, die im Gegensatz zu ihm voller Enthusiasmus der großen Kreuzfahrt entgegenfiebert. Denn das luxuriöse Schiff hat zahlreiche Annehmlichkeiten zu bieten und auch die Route durch die Ägäis verspricht interessante Ziele und Ausflüge zu bekannten Sehenswürdigkeiten.
Doch schon beim ersten Landgang kehrt ein Mitglied des Schiffspersonals nicht mehr an Bord zurück. Zabini muss in einem Mordfall ermitteln und die Lage spitzt sich immer mehr zu – das Leben des Grafen ist in höchster Gefahr…

Günter Neuwirth – aufgewachsen in Wien und später in Graz lebend – hat mit „Dampfer ab Triest“ einen geglückten Auftakt zu einer neuen Krimireihe hingelegt. Das liest sich sehr flüssig und spannend, bietet einen interessanten zeitlichen Hintergrund und viel österreichischen, aber auch mediterranen Triester Lokalkolorit.
Für das richtige kaiserlich-königliche, donaumonarchische Flair sorgt vor allem die stimmige Sprache Neuwirth’s, die immer wieder gewürzt ist mit typisch österreichischen Begriffen: da wird sich fadisiert und akklamiert, da findet man Diwan und Stanitzel. So wird die k.u.k.-Atmosphäre zwischen Sonnendeck und Rauchsalon auch sprachlich lebendig und spürbar.

Thematisch hat der Autor einiges in seinen historischen Krimi gepackt: so erfährt man vieles über die Geschichte Triests während der K.u.k.-Ära, über die „Thalia“ und die ersten Kreuzfahrten der damaligen Zeit, aber auch über die Rolle und das sich wandelnde Selbstverständnis der Frau im frühen 20. Jahrhundert. Denn die unterschiedlichen Damen auf dem Schiff verkörpern auch verschiedene Lebensmodelle: So trifft man an Bord sowohl die alleinreisende, unverheiratete, abenteuerlustige Reiseschriftstellerin, als auch die unglücklich verheiratete Ehefrau, die ihr Glück in Affären und den Armen ihres Liebhabers sucht oder aber auch die junge adlige Komtess, die aus starrer Tradition und familiär-dynastischem Zwang ausbrechen und statt der standesgemäßen Pflichtehe lieber eine Liebesheirat eingehen möchte.

„Einerseits hebt sich der Morgentau einer neuen Zeit, in der der Mensch nicht allein Spielball des göttlichen Willens und der unerklärlichen Naturkräfte ist, in der der Mensch selbst für sein Schicksal Verantwortung trägt, andererseits wirken unermesslich starke Kräfte der Bewahrung althergebrachter Verhältnisse, die dem Individuum einen starren Platz in der Welt zuweisen.“

(S.211)

Der Autor nimmt sich Zeit für seine Figuren und seine Geschichte, so dass er mit einem umfangreichen Personal im Roman auch die unterschiedlichen Stände und Klassen des Jahres 1907 in allen Farben und Facetten schildern kann. So sind die Charaktere liebevoll gezeichnet: vom romantisch-stürmischen, ärmlichen Theaterschauspieler, über den ehemals auf die schiefe Bahn geratenen Karten- und Falschspieler, der sich nun als Steward auf dem Schiff seine Brötchen verdient bis zur liebeshungrigen Wertpapierhändlersgattin, die stets auf der Suche nach erotischen Eskapaden zu sein scheint.

Vor allem aber auch mit Inspector Bruno Zabini hat Neuwirth eine interessante und sympathische Figur geschaffen, von der man zukünftig gerne mehr lesen möchte. Ein vielsprachiger Kosmopolit mit einer Wiener Mutter und einem Vater aus Triest, der gleichsam Wiener Schmäh und italienisches Temperament auf sich vereint – ein feuriger Liebhaber und Frauenversteher, der nichts anbrennen lässt, sich nicht binden will und daher als überzeugter Junggeselle bevorzugt verheiratete Damen beglückt. Ein spannender Charakter, der dem technischen Fortschritt und den modernen kriminalistischen Methoden im Jahre 1907 (wie z.B. der Daktyloskopie) gegenüber aufgeschlossen ist und auch sonst einen weltoffenen und neugierigen Zeitgenossen mit modernen Ansichten verkörpert.

Besonders schätze ich es, wenn bei historischen Romanen am Ende des Buches auch noch auf die tatsächlichen, geschichtlichen Hintergründe und Fakten eingegangen wird. Daher habe ich mich gefreut, dass es in diesem Fall ein ausführliches Kapital am Ende des Romans gibt, welches unter anderem näher auf die Geschichte Triests, die österreichische Seefahrtsgeschichte, die österreichische Lloyd ebenso wie auf die Thalia und ihren Kapitän eingeht.

Ein gelungener, historischer Krimi, der für Freunde dieses Genres auf 470 Seiten viel zu bieten hat. Ein opulenter und stimmungsvoller Roman, der die Kreuzfahrtatmosphäre und K.u.k.-Zeit lebendig werden lässt. Neuwirth nimmt den Leser mit auf eine unterhaltsame Seereise auf einem der ersten österreichischen Vergnügungsdampfer der damaligen Zeit. Spannung, Seeluft und frische Brise inklusive!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dampfer ab Triest“:

Für den Gaumen:
Trotz der üppigen Menüs und Diners, die auf dem Schiff serviert werden, ist mir dieses Mal vor allem ein besonderer Wein bei der Lektüre kulinarisch ins Auge gestochen: ein fruchtiger, tief dunkelroter Rotwein vom Karst aus der Region Friaul-Julisch Venetien: der sogenannte „Terrano del Carso“, den ich bislang (leider) noch nicht verkosten durfte.

Zum Weiterhören:
Auch auf der Thalia gab es – wie auf der Titanic – eine Bordkapelle und der jüdische Komponist Bernhard Kaempfner, der später aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurde, komponierte sogar einen eigenen „Thalia-Marsch“ für das Schiff, welcher dort regelmäßig zur Aufführung kam.

Zum Weiterlesen:
Im Falle von Günter Neuwirth’s „Dampfer nach Triest“ ist Triest zwar der Ausgangsort der Handlung, aber im Laufe des Romans führt die Seereise Bruno Zabini und die Passagiere der „Thalia“ auch noch an andere Orte (Ragusa, Otranto, Smyrna, Istanbul etc.). Wer gerne Krimis liest und noch mehr Triester Lokalkolorit der Gegenwart genießen möchte, der ist bei Veit Heinichen’s Reihe um Commissario Laurenti sehr gut aufgehoben. Der erste Band „Gib jedem seinen eigenen Tod“ erschien bereits 2001 und mittlerweile umfasst die Reihe 10 Bände, die ich persönlich alle sehr gerne gelesen habe.

Veit Heinichen, Gib jedem seinen eigenen Tod
dtv
ISBN: 978-3-423-20516-0

Österreichische Zeitzeugen

Heute geht meine literarische Europareise – auch Europabowle genannt – auf die nächste Etappe und ich bereise das schöne Nachbarland Österreich und die Hauptstadt Wien. Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ erzählt eine melancholische Geschichte über die Judenverfolgung in Wien während des Dritten Reichs und thematisiert Trauer und Verlust.

„Sie saß da an meinem Küchentisch, mit einem grauen Wintermantel bekleidet, einen dicken Schal um den Hals, eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Ein kleines, schmales, vielleicht zehnjähriges Mädchen, dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und wie sie in meine Wohnung gekommen war. Und noch weniger ahnte ich, wie sehr sie mein Leben verändern würde.“

(S.18)

Der Schriftsteller León Kortner hat bei einem Terroranschlag auf den Wiener Hauptbahnhof seine Frau und seine kleine Tochter verloren. Sein Leben ist aus den Fugen geraten, er versinkt in Trauer und er versucht, die Geschichte der jüdischen Familie Klein zu Papier zu bringen, die einst eine Buchhandlung in dem Haus betrieben hatte, in welchem er jetzt wohnt, und dann von den Nationalsozialisten aus Wien vertrieben wurde.

Und plötzlich sitzt da ein kleines Mädchen in seiner Küche und behauptet Judith Klein zu sein und dass ihrem Vater dieser Buchladen gehört. Auf einmal verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart und León versucht, der kleinen Judith durch das Erzählen einer Geschichte die Angst und den Schrecken zu nehmen. Diese neue Aufgabe setzt frischen Lebensmut und eine ungeahnte Energie bei ihm frei, die er schon glaubte für immer verloren zu haben.

Horváth behandelt in seinem verspielten und poetischen Roman ein schmerzhaftes Kapitel der Wiener Geschichte: Holocaust, Judenvertreibung und die Arisierung zahlreicher Häuser durch skrupellose Profiteure. Er erzählt Geschichten und lässt seine Figuren Geschichten erzählen, die gleichsam Zeitzeugen und Überlebende des Holocausts zu Wort kommen lassen. Schreckliche, grausame, traumatische Erfahrungen und großes Leid, das viele gerne verdrängen. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht zu vergessen, sondern diese Geschichten durch Weitererzählen wach zu halten.
Horváth weiß wovon er schreibt, denn er hat mehrere Jahre am New Yorker Leo Baeck Institute über die Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA geforscht.

„Mehr als einmal hatte ich mich gefragt, wie viele Werke – Romane, Theaterstücke, Streichquartette, Opern, Gemälde, Skulpturen – verloren gegangen, nie vollendet oder gar nicht erst erschaffen worden waren, weil man ihre Schöpfer umgebracht oder ihnen auf der Flucht, im Exil oder im Lager die schöpferische Kraft zermürbt und geraubt hatte.“

(S.179)

Man muss sich auf diesen wehmütigen und melancholischen Roman einlassen und darf sich nicht durch die teils ungewöhnliche, literarische Form mit Einschüben von Geschichten und Zeitzeugenberichten, sowie durch die verschwimmenden Realitäten, Zeitsprünge und den Wechsel der Handlungsorte verwirren lassen.

Ein gelungenes, literarisches Experiment und für einen Büchernarren wie mich war schon allein der Schauplatz der Buchhandlung ein attraktiver Grund, zu diesem Roman zu greifen. Dass diese sich dann zudem noch in Wien befindet, ein weiterer – auch wenn sich Teile der Handlung später nach New York verlagern.

Eine eindrucksvolle Reise durch Raum und Zeit, welche Horváth hier seinen Lesern eröffnet und somit für mich auch eine ideale Station meiner literarischen Europareise in Österreich.

Sprachlich schön und flüssig zu lesen ist es ein klangvolles, poetisches und verträumtes Buch, das berührt und wahrhaft große Themen behandelt: Holocaust, Trauer, Verlust, aber auch die Liebe und die Kraft des Geschichtenerzählens. Und letztlich auch ein Roman darüber, wie es gelingen kann, Verlust und Schmerz zu verarbeiten und weiter zu leben.

„Oder: dass ich mehr als ich bin. Ich bin Max. Ich bin aber auch León. Ich bin Judith. Ich bin Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel, Freund und Fremder. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin Vergangenheit. Ich bin Gegenwart. Ich bin tot. Und ich lebe.“

(S.214)
© Penguin Verlag

Buchinformation:
Martin Horváth, Mein Name ist Judith
Penguin
ISBN: 978-3-328-60010-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mein Name ist Judith“:

Für den Gaumen:
Vor kurzem habe ich auf dem wunderbaren Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ (herzliche Grüße nach Graz!) ein herrliches Rezept gefunden, das für mich „typisch Österreich“ und untrennbar mit schönen Urlaubserinnerungen verbunden ist: Millirahmstrudel. Alleine das Wort lässt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterhören:
Im Buch ist an einer Stelle von der Zauberin Alcina die Rede, die auf ihrer Insel die strandenden Männer verzaubert, so dass mir sofort die gleichnamige Oper von Georg Friedrich Händel in den Sinn kam. Die bekannteste Arie dieses Werks ist wohl das wunderbare „Verdi prati“, das seinen Zauber bis heute bewahrt hat.

Zum Weiterlesen:
Österreich hat bislang zwei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Elfriede Jelinek und Peter Handke. Leider konnte ich im Frühjahr 2020 aufgrund des ersten Corona-Lockdowns Elfriede Jelinek’s Stück „Am Königsweg“ nicht mehr im Landestheater Niederbayern sehen, da die meisten Vorstellungen (und auch die von mir geplante) abgesagt werden mussten.

In meinem Bücherregal ist das Nachbarland aber sehr präsent und zahlreich vertreten mit Autoren wie Robert Seethaler, Arno Geiger, Daniel Glattauer, René Freund, Ursula Poznanski, Judith W. Taschler, Irene Diwiak, Gerhard Loibelsberger oder Thomas Raab… um nur einige wenige zu nennen. Österreich ist ein Land, das ich sehr gerne bereise – auch literarisch.

Für alle, die opulente Familienromane mit geschichtlichem Hintergrund lieben und von Wien nicht genug bekommen können, könnte folgender Roman über die Klavierbauerdynastie Alt lesens- und lohnenswert sein:

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune
btb
ISBN: 978-3-442-71510-7

Walzertaumel und Börsenkrach

Gerhard Loibelsberger kennt man bisher vor allem durch seine Krimireihe um den Wiener Kommissar Joseph Maria Nechyba, welche in den Jahren 1903 bis 1918 spielt. Mit „Alles Geld der Welt“, der diesen Sommer erschienen ist, bleibt er Wien als Schauplatz treu, aber er hat sich zeitlich ein wenig weiter in die Vergangenheit zurück begeben und zwar in das Jahr 1873.

Man kennt den „schwarzen Freitag“ der New Yorker Börse aus dem Jahre 1929 oder – insbesondere seit der letzten Babylon Berlin-Staffel wieder frisch im Gedächtnis – auch den Berliner Börsenkrach aus dem Jahre 1927. Aber Wien erlebte bereits am 9. Mai 1873 einen schweren Börsenkrach, der auch als sogenannter „Gründerkrach“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Loibelsberger nimmt seine Leser mit in die Zeit vor der Krise von Januar (Jänner) bis zum Mai, zeichnet ein stimmungsvolles Bild dieser Epoche und erzählt die Geschichte des Aufstiegs und des Falls des Wiener Bankhauses Strauch.

„Wenn er aus diesem immer wiederkehrenden Albtraum hochschreckte und sich danach bis zum Morgengrauen im Bett hin- und herumwälzte, beherrschte ihn ein Gedanke: Dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis all die an der Wiener Börse notierten windschiefen, unterkapitalisierten Aktiengesellschaften als Leichen die Donau hinunterschwimmen würden.“

(S.31)

Wien boomt, pulsiert und fiebert der nahenden Weltausstellung entgegen, die im Mai 1873 eröffnet werden soll. Neben der Rotunde, die das spektakuläre Wahrzeichen der Wiener Weltausstellung werden soll, wird überall geplant, gebaut und investiert. Baron Heinrich von Strauch führt das Bankhaus, das er von seinem Vater übernommen hat, mit wenig Herzblut, möchte sich am liebsten als Privatier aus dem Investitionsgeschäft zurückziehen und die Mühsal und die ungeliebte Bankiersarbeit seinem angestellten Geschäftsführer Ernst Xaver Huber überlassen. Dann würde ihm auch mehr Zeit für das Schöne im Leben bleiben und er könnte sich ganz der Wiener Damenwelt widmen, denn ewig lockt (zumindest den Herrn Baron von Strauch) das Weib.

Wien feiert sich selbst und rauschende Ballnächte, schwelgt im Walzertaumel, in erotischen Abenteuern und überall wird dem Fortschritt gehuldigt. Es herrscht Aufbruchstimmung und Euphorie: Firmengründungen und Kapitalgesellschaften ohne Eigenkapital schießen wie Pilze aus dem Boden und auch der kleine Mann – im Roman zum Beispiel verkörpert durch den Barbier Alois Pöltl – will an den steigenden Aktienkursen teilhaben und profitieren.

Von Kapitel zu Kapitel überhitzt sich der Kapitalmarkt weiter und die Lage spitzt sich mehr und mehr zu. Anhand zahlreicher Romanfiguren lässt der Autor den Leser die Wünsche, Hoffnungen und die Gier der Menschen hautnah mit erleben. Ein bunter Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft der damaligen Zeit, die von Kaiser Franz Joseph I., aber auch immer mehr vom Geld regiert wird. So liest man von kleinen Handwerkern, jüdischen Bankiers, einfachen Dienstmägden, Kaffeehausbesitzern und Tänzerinnen mit all ihren Begierden und Sehnsüchten – ein vielschichtiges und farbenfrohes Bild dieser Epoche entsteht vor den Augen des Lesers.
Dass da am Ende nicht alle zu den Gewinnern zählen werden, lässt sich schnell erahnen.

„Geh pfui, Ernstl! So ein Wort nimmt man doch nicht in den Mund!“
„Was? Fantasie?“
„Nein. Bankrott.“

(S.167)

Loibelsberger ist gebürtiger Wiener und kennt die Stadt und deren Geschichte wie seine Westentasche. Zudem ist er ein großer Kenner und Liebhaber der Wiener Küche, so dass auch die Kulinarik in all seinen Büchern eine große Rolle spielt. Auch „Alles Geld der Welt“ liest sich – wie seine Krimireihe um Kommissar Nechyba – sehr kurzweilig und flüssig. Wenn auch die Nechyba-Krimis vielleicht noch mit ein wenig mehr Spannungselementen gewürzt sind und mich daher noch etwas mehr begeistert haben, war dieser historische Roman vor allem aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds und der Einblicke in die Zeit vor der Wiener Weltausstellung für mich sehr interessant. Ich habe auf unterhaltsame und spielerische Art und Weise einiges gelernt und viel Neues erfahren. Sprachlich flicht der Autor auch die Wiener Mundart in seine Dialoge ein (oft per Fußnoten übersetzt für diejenigen, welche des Wiener Dialekts vielleicht nicht so mächtig sind) und verstärkt so die ohnehin große Portion an Wiener Schmäh und Lokalkolorit im Roman zusätzlich. Angeregt durch Vincent Klinks „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“, das ich vor kurzem gelesen habe, konnte ich durch diese Lektüre noch ein wenig länger literarisch im schönen Wien verweilen. Und so bleibt mir jetzt nur noch Kaiser Franz Joseph I. zu zitieren: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

© Gmeiner Verlag

Buchinformation:
Gerhard Loibelsberger, Alles Geld der Welt
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2686-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alles Geld der Welt“:

Für den Gaumen:
Wie bereits erwähnt spielt die Kulinarik in Loibelsberger’s Büchern stets eine gewichtige Rolle. Oft wird bei einem ausgedehnten Mittagessen im Restaurant oder im Kaffeehaus diskutiert oder ermittelt. Und so erfährt man auch einiges über die Wiener Küche und die Gerichte der damaligen Zeit, so wird zum Beispiel ein Menü aus einer kräftigen Rindssuppe, faschiertem Rostbraten und Palatschinken serviert.

Zum Weiterhören:
Wer dem Wiener Walzer und der Musik der Strauß-Dynastie frönen möchte, hat alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das in alle Welt übertragen wird, die Möglichkeit dazu. Bald ist es wieder so weit und zeitlich und musikalisch passt dies perfekt zu dieser Lektüre. Der Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) lebte von 1825 bis 1899 und feierte mit Orchesterwerken und Operetten große Erfolge, zum Beispiel in genau jenem Jahr 1873 mit „Wiener Blut“.

Zum Weiterlesen:
Gerhard Loibelsberger habe ich durch eine persönliche Empfehlung der Krimireihe um den gemütlichen, übergewichtigen Genussmenschen Joseph Maria Nechyba kennen- und schätzen gelernt, der in 6 Bänden (und zwei Kurzgeschichtenbänden) im Wien der Jahre 1903 bis 1918 ermittelt. Diese sind sehr amüsant, stellenweise ein wenig deftig und schlüpfrig, aber stets authentisch, unterhaltsam und spannend zu lesen. Wer also gerne historische Krimis liest und sein Herz ans wunderschöne Wien verloren hat, der kann mit diesen Bänden viel Freude haben. Ich würde jedoch unbedingt empfehlen, die Fälle in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Den Auftakt bilden „Die Naschmarkt-Morde“, in welchen man Nechyba und seine Aurelia kennenlernt und sofort ins Herz schließt.

Gerhard Loibelsberger, Die Naschmarkt-Morde
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-1006-2

Schlemmen in Wien

Wien ist immer eine Reise wert und eine Stadt, die für mich zu den schönsten der Welt zählt. Daher hatte ich große Freude daran, zumindest literarisch mit Vincent Klinks „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ gemeinsam mit dem bekannten Starkoch dorthin zu reisen. Ein Streifzug durch Kaffeehäuser, Restaurants, Hotels und die Sehenswürdigkeiten der Stadt aus Sicht des erfahrenen Gastronomen, der dem Leser eine spannende Sicht und teils neue Perspektiven auf die österreichische Hauptstadt eröffnet und seine ganz persönlichen Lieblingsplätze und -lokale verrät.

Wenn man durch dieses hochwertige, schön aufgemachte mit zahlreichen Fotografien und teils eigenen Aquarellen Vincent Klinks illustrierte Buch blättert und liest, fängt man im Kopf sofort an zu reisen. Und wenn man die Stadt an der Donau bereits besucht hat, entdeckt man viele Orte wieder, die man selbst schon gesehen und bewundert hat – es weckt sofort schöne Erinnerungen. Doch es sind auch einige Empfehlungen und Geheimtips dabei, die Anlass geben, der Stadt einen weiteren Besuch abzustatten. Obwohl man dafür eigentlich gar keinen Grund braucht, denn nach Wien fährt man immer wieder gerne, freut sich auf das Wiedersehen mit bereits ins Herz geschlossenen Lieblingsplätzen ebenso wie auf das Entdecken von Neuem.

Vincent Klink ist Koch, Vollblutgastronom und betreibt in Stuttgart das bekannte Restaurant Wielandshöhe. Darüber hinaus ist er Fernsehkoch, ein künstlerischer Tausendsassa, Schriftsteller, Maler und vielseitig kulturell interessiert – all diese Aspekte fließen daher in seine Sicht auf die Stadt Wien ein. So kommt neben der Kulinarik und zahlreichen Empfehlungen von Kaffeehäusern, Restaurants und Hotels auch der kulturelle und geschichtliche Aspekt nicht zu kurz.

„Einem geübten Koch oder – wie in diesem Fall – einer geübten Köchin bei der Arbeit zuzusehen, das ist großes Kino. Wie überhaupt das ganze Café großes Kino ist“

(S.97)

Wie er selbst schreibt, ist „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ vollkommen subjektiv, d.h. seine ganz persönliche und individuelle Perspektive. Kein Reise- oder Gastroführer, der nach Vollständigkeit oder einem Gesamtüberblick der wichtigsten Sehenswürdigkeiten strebt, sondern vielmehr eine Auswahl, die ihm am Herzen liegt und aus emotionalen Gründen etwas bedeutet. Im unterhaltsamen und kurzweilig zu lesenden Plauderton erzählt er dem Leser seine ureigenen Geschichten über Wien, entführt zu ausladenden und opulenten Gelagen in exquisiten Restaurants, aber auch in bodenständigen Gasthäusern mit Tafelspitz, Wiener Schnitzel, Innereien, Gulasch, Marillenknödel, Palatschinken, Sachertorte und erlesenen, österreichischen Weinen wie Grünem Veltliner oder dem Gemischten Satz und … und … und… Dass einem da das Wasser oft im Munde zusammenläuft und man beim Lesen eigentlich ständig Appetit und Gusto auf Essen bekommt, muss ich vermutlich nicht mehr gesondert erwähnen.

Zusätzliche Würze verleihen und wunderbare Ergänzung sind Rezepte von Wiener Spezialitäten, die er persönlich notiert und verfeinert hat. So erfährt der Leser auch noch einige Küchengeheimnisse – zum selbst nachkochen.

„Der Wiener Kellner ist von seiner mentalen Haltung her knallhart, geübt und routiniert und gegen jedwedes Gezicke allergisch oder gleich ganz immun. Er ist der Chef, und wenn das geklärt ist, kommt die Annäherung.“

(S.255)

Klink schreibt wie ihm der Schnabel gewachsen ist und nimmt zu einigen Themen auch kritisch Stellung. Teils süffisant, bissig und ohne Blatt vor dem Mund schreibt der „Piefke“ über Wien und die Wiener – wie Einheimische das finden würden, kann ich nicht beurteilen, aber nachdem er auch mit einer großen Prise augenzwinkernder Selbstironie ausgestattet ist, sich selbst aufs Korn und nicht zu ernst nimmt und zudem ganz klar macht, dass es sich um seine subjektive Sicht handelt, kann er wohl auf Gnade hoffen. Dass er die Stadt liebt und ihr – ebenso wie der Wiener Küche – verfallen ist, spürt man beim Lesen.

Die Vielseitigkeit des Autors und seine breitgefächerten Interessen machen das Buch zu einer prall gefüllten Wundertüte und herrlich abwechslungsreich, so erfährt man neben Insider-Einblicken in die Gastronomie auch einiges über Jazz, Literatur, Malerei, Architektur und Geschichte.

„ (…) wir lieben es, wenn Tischgenossen schlauer sind als wir selbst, denn das Schönste ist doch zwangloses Lernen im Gasthaus. Das Gasthaus als Universität ist sowieso völlig unterschätzt.“

(S.253)

Abgerundet wird das Buch neben einer Zusammenstellung der „wichtigen Wiener“ inklusive kurzer Beschreibung derer Leben und Werk, am Ende auch mit einer Auflistung von „guten Orten“, d.h. Kaffeehäusern, Gasthäusern und Hotels. D.h. vor einer nächsten Wienreise lohnt es sich definitiv, hier nochmal einen Blick hineinzuwerfen und sich das eine oder andere Schmankerl auszusuchen.

Obwohl das Fernweh beim Lesen natürlich nicht ausbleibt, habe ich die amüsante und kurzweilige Lektüre sehr genossen. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack, da es viele Sinne anspricht und – wie ich es auch mit meiner Kulturbowle im Kleinen versuche – Brücken zwischen Kunst, Kultur, Literatur, Kulinarik, Musik und vielem mehr schlägt. Ein Buch für Genießer, Wienliebhaber und alle die es werden wollen!

Das Buch habe ich bei einer Verlosung auf Marius’ Literaturblog Buch-Haltung in Zusammenarbeit mit den 37. Baden-Württembergischen Literaturtagen gewonnen und möchte mich hierfür nochmal sehr herzlich bedanken.

© Ullstein Verlag

Buchinformation:
Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“:

Für den Gaumen (I):
Zweifelsohne bekommt man beim Lesen dieses Buchs einen Mordsappetit und Gelüste auf Frittatensuppe, Wiener Schnitzel und Millirahmstrudel (hier erfährt man übrigens, warum dieser so heißt) oder ein Stück Sachertorte mit einem schönen Verlängerten oder einer Mélange.

Für den Gaumen (II):
Es empfiehlt sich eine Flasche Grünen Veltliner im Kühlschrank einzukühlen, bevor man mit der Lektüre startet. Spätestens nach dem dritten ausgiebig und schwelgerisch beschriebenem Mittagsgelage und der Erwähnung dieser typisch österreichischen Rebsorte, bekommt man einfach Lust auf ein Gläschen.

Zum Weiterhören:
Vincent Klink ist ein großer Jazzfan und da musste ich natürlich auch sofort in eine seiner Empfehlungen reinhören: Nica’s Dream, das zu seinen Lieblingsstücken zählt. Etwas zum mitswingen und mitgrooven.

Zum Weiterlesen:
Vincent Klink gibt in seinem Buch zahlreiche Tips für weiterführende Lektüre und Querverweise zu anderen Büchern. Ein Lieblingswerk scheinen wir gemeinsam zu haben, denn zu meinen absoluten Herzensbüchern zählt Stefan Zweigs „Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“.

Stefan Zweig, Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“
Fischer
ISBN: 978-3-596-90258-3

Keiner von euch

Felix Mitterer hat sich für seinen ersten Roman „Keiner von euch“ ein dunkles und schwieriges Kapitel der österreichischen Geschichte und eine besondere Hauptfigur ausgesucht. Er beschreibt die Lebensgeschichte und das Schicksal des Afrikaners Mmadi Maké, der im 18. Jahrhundert aus seiner Heimat verschleppt wird und über Umwege als „Angelo Soliman“ als „Geschenk“ für einen Fürsten an den Wiener Hof gelangt. Dort trifft er auf die Zeitgenossen Kaiser Joseph II. und Wolfgang Amadeus Mozart, verkehrt in höfischen Kreisen und Mozarts Freimaurerloge und doch geschieht am Ende seines Lebens das Unvorstellbare und Unaussprechliche: er wird nach seinem Tod präpariert und als Exponat eines halbnackten „Ureinwohners“ im Naturalienkabinett ausgestellt.

Bereits als Kind wird der Junge in Afrika gefangen genommen und als „Ware“ ins sizilianische Messina gebracht. Er wird verkauft, verschenkt und mit der Zwangstaufe auf den Namen „Angelo Soliman“ wird er neben seiner Würde auch noch seines Namens beraubt.

„Ich bin für euch alle immer nur ein Spielzeug.“

(S.228)

Er wird zum Spielzeug, aber auch zum Spielgefährten des adeligen Mädchens Clara, doch schon bald wirft Fürst Thurnstein ein Auge auf den Jungen und nimmt ihn mit nach Wien.
Eine Geschichte voll Leid, Missbrauch und dem Kampf um Selbstbestimmung beginnt und es wird Jahre dauern bis sich die Wege des „Angelo Soliman“ und Claras zufällig in Wien wieder kreuzen – eine schicksalshafte Begegnung.

Erzählt wird die Geschichte unter anderem aus Sicht der Tochter Josephine Soliman, die als Kind eines dunkelhäutigen Vaters und einer weißen Mutter von Stand ebenfalls großes Leid und Ausgrenzung erfahren muss. Mühsam erkämpft sie sich das Recht, die Wahrheit über ihre Herkunft und ihren Vater zu erfahren.

Felix Mitterer ist ein sehr bekannter, österreichischer Dramatiker und Drehbuchautor und unternimmt mit „Keiner von euch“ seinen ersten Ausflug in die Welt des Romans. So mancher mag z.B. seine „Piefke-Saga“ aus dem Fernsehen kennen (eine bitterböse und umstrittene Satire über deutsche Touristen in Österreich) oder aber auch seine Theaterstücke, die vor allem in seinem Heimatland häufig gespielt werden. Schon immer beschäftigen ihn hauptsächlich die Geschichten von Außenseitern und Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten behaupten und ihren Platz im Leben erkämpfen.

„Keiner von euch“ trägt das Außenseitertum schon im Titel und behandelt große, schwerwiegende Themen: Rassismus, Gewalt, Missbrauch und Emanzipation. Der Autor hat es sich mit seinem Erstlingsroman nicht leicht gemacht und er muss gewichtigen Problemstellungen und unangenehmen Wahrheiten gerecht werden.

Streckenweise liest sich der Roman fast wie ein Krimi, denn Mitterer arbeitet auch mit düsteren, fast schablonenhaften Figuren, wie dem pädophilen Fürsten Thurnstein oder dem Irrenarzt Professor Hoffmann, der seinem Hass ungezügelt freien Lauf lässt und letztlich die Leiche „Angelo Solimans“ zum Ausstellungsobjekt präpariert.

Mmadi Maké ist jedoch nicht die einzige unglückliche Figur dieses Romans. Vielmehr wird klar, dass im Wien des 18. Jahrhundert auch andere Menschen – unabhängig von Stand und Herkunft – Zwängen unterlagen, aus welchen sie sich nicht befreien konnten. So entwirft der Autor Szenen, die verdeutlichen, dass von der Prostituierten bis zum Kaiser selbst, jeder Mensch nach Freiheit und Selbstbestimmung strebt und doch oft an der Realität, dem Umfeld und den Gegebenheiten scheitert.

Harter Tobak, den der Österreicher hier seinen Lesern bietet, denn auch der vermeintliche, kurz aufblitzende Hoffnungsschimmer, dass die Hauptfigur doch noch etwas Glück im Leben finden kann, wird radikal hinweggefegt.

Die Lektüre ist aufwühlend und teils regelrecht verstörend. Mehr als einmal stellten sich mir angesichts der menschenunwürdigen und verachtenden Behandlung Mmadi Makés sprichwörtlich die Haare auf. Die körperliche und seelische Gewalt, welche dieser Mann im Wien des 18. Jahrhunderts erleiden musste, ist unfassbar und entsetzlich.

„Keiner von euch“ holt den Leser aus der Komfortzone – das ist kein verklärender, historischer „Wohlfühl“-Roman, sondern Mitterer beschreibt ein wahres Lebensschicksal, das geprägt war von Missbrauch, Verachtung, Ausgrenzung und Rassismus. Ein intensives, lehrreiches und interessantes Buch, das einen auch nach der Lektüre noch länger beschäftigt.

Buchinformation:
Felix Mitterer, Keiner von euch
Haymon
ISBN: 978-3-7099-3495-1

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Woran erinnerte mich „Keiner von euch“:

Für den Gaumen:
Obwohl die Kulinarik im Roman im Grunde keine Rolle spielt, denkt man durch den Schauplatz Wien natürlich gleich an die Wiener Küche, z.B. an ein einfaches, aber gutes Erdäpfelgulasch (Kartoffelgulasch) mit Paprika, Zwiebeln und Kartoffeln – eine bodenständige und ehrliche Mahlzeit.

Für musikalischen Genuss:
Natürlich unweigerlich Mozart, der mit Angelo Soliman befreundet war und in der selben Freimaurerloge verkehrte. Empfehlen kann ich hier unter anderem die Aufnahme von Mozarts Klavierkonzerten Nr. 19 und Nr. 23 (KV 459 und KV 488) von Hélène Grimaud, die 2011 bei der Deutschen Grammophon erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Constanze Mozart spielt in Mitterers Buch ebenfalls eine Rolle. Wer mehr über die Frau an Mozarts Seite erfahren möchte, hat mit Lea Singers Roman „Das nackte Leben“ eine schöne literarische Möglichkeit und eine lohnende Lektüre.

Lea Singer, Das nackte Leben
dtv
ISBN: 978-3-423-21022-5