Aprilbowle 2021 – Blütenzauber und Neuentdeckungen

Im April hat sich nach anfänglich klassisch-wechselhaftem Aprilwetter dann doch der Frühling endlich Bahn gebrochen. Es blüht und grünt in voller Pracht und beim Spazierengehen kann man einen wahren Blütenzauber genießen. Für mich präsentierte sich der Monat vielseitig mit guten Büchern und einigen musikalischen Livestreams, die ein paar schöne Neu- oder Wiederentdeckungen für mich bereithielten.

„Schicksalsfäden sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

(aus „Der Ring an einem Abend“ von Loriot)

Wie schon in den vergangenen Monaten waren und sind wir kulturell immer noch auf Digitales angewiesen, so konnte ich mich unter anderem über einen schönen Wagner-Abend der Leipziger Oper freuen, die mit einem tollen Ensemble Loriot’s „Der Ring an einem Abend“ auf die Bühne und die Bildschirme zauberte.
Loriot’s humorvolle Texte begleiteten mich dann auch noch weiter im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, den das Münchner Gärtnerplatztheater als Livestream zur Verfügung stellte.

Wer einen spannenden Theaterabend zu Hause verbringen möchte, dem kann ich „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in der Mediathek des Landestheater Niederbayern empfehlen – ein packendes, düsteres Kammerspiel, das Terrorismus und Wirtschaftskriminalität thematisiert und hervorragend inszeniert und schauspielerisch umgesetzt ist. Fesselnd und packend – ein eindrucksvolles Stück, das einen auch danach noch lange beschäftigt.

Filmisch hat mich im April vor allem „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta fasziniert, der auf ARD Alpha gezeigt wurde, da sich der Eichmann-Prozess zum 60. Mal jährte. Zudem ist der neu erschienene Roman „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt aktuell in aller Munde, den ich auch bald lesen möchte.

Literarisch präsentierte sich der April für mich ebenso schillernd und farbenprächtig wie die Natur vor der Haustür:
Den Auftakt machte der schmale Band „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, der mir in einer schönen illustrierten Ausgabe der Büchergilde ein kurzes, aber beglückendes Lesevergnügen bereitet hat. Der Roman über die Queen, die inspiriert durch einen Besuch im Bücherbus ihre Lust am Lesen entdeckt und nach und nach ihre royalen Pflichten vernachlässigt, um ihrem neuen Laster frönen zu können, ist für alle Bücherliebhaber und Literatursüchtige eine amüsante Lektüre.

Fernweh und die Sehnsucht nach der Nordsee, versuchte ich mit Günter Wendt’s Regio-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ zu stillen, der auf der fiktiven Hallig Grienoog seinen Kommissar Kollerup in einem Mordfall ermitteln lässt. Mit dem Erholungseffekt einer tatsächlichen Reise an die Küste konnte er es aber natürlich nicht aufnehmen.

Geschichtlich interessant und spannend erzählt ist der neue Roman von Marie Benedict „Lady Churchill“, der die starke Frau an Winston Churchill’s Seite Clementine Churchill aus dem Schatten ihres Mannes ins Licht holt. Ein lesenswertes Buch über eine emanzipierte, gebildete und beachtenswerte Frau.

Eine großartige Neuentdeckung für mich war die Wiederentdeckung der Autorin Rumer Godden durch den Kampa Verlag mit der neuen Ausgabe von „Unser Sommer im Mirabellengarten“ (Originaltitel: „The Greengage Summer“, 1958). Ein unvergleichlich schönes, atmosphärisches Sommerbuch, das mich durch die eindrucksvolle Sprache, faszinierende Charaktere und den gelungenen Spannungsbogen durchwegs begeistert hat. Eine große Leseempfehlung!

Britta Röder’s „Das Gewicht aller Dinge“ ist ein kleiner, feiner Roman, der auf intensive Art und Weise verdeutlicht, worauf es im Leben ankommt und dass es gut tut, Gutes zu tun. Die mysteriöse Geschichte der jungen Frau, die barfuß in einem leichten Kleid auf einer Parkbank erwacht und nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, gibt dem Leser einige Rätsel auf.

Inspiriert durch einen schönen Livestream bzw. ein Couch-Konzert der Band Quadro Nuevo zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla, das auf YouTube noch zur Verfügung steht und das dem argentinischen Tango Nuevo huldigt, habe ich mich an einen Regalschlummerer erinnert und endlich „Das Bandoneon“ von Hans Meyer zu Düttingdorf gelesen. Ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte einer Deutschen erzählt, die 1927 aufgrund ihrer Heirat mit einem Argentinier auswandert und sich in Argentinien unsterblich in einen Tangomusiker verliebt.

Timon Karl Kaleyta erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ und erinnerte mich damit an eine moderne Fassung des „Hans im Glück“, dem zunächst ohne großes Zutun vieles zufliegt, um es dann letztlich doch wieder zu verlieren. Flüssig zu lesen, aber der letzte Funke ist bei mir leider nicht ganz übergesprungen.

Kein Monat ohne Krimi und daher ließ ich mich von Luca Ventura in seinem zweiten Band um den Polizisten Enrico Rizzi „Bittersüße Zitronen“ nach Capri entführen. Urlaubsflair und italienisches Lebensgefühl gemischt mit einem klassischen Krimi-Plot und kulinarischen Anklängen – ein Buch das mir Spaß gemacht und Entspannung geboten hat.

Meine hohen Erwartungen konnte Steffen Kopetzky’s „Monschau“ in jeder Form erfüllen. Ein großartiger Roman, der die Geschehnisse 1962 in dem kleinen Ort in der Eifel thematisiert, als dort die Pocken ausbrachen, welche ein rückkehrender Dienstreisender aus Indien mitgebracht hatte. Deutsche Zeitgeschichte gepaart mit einer feinen Liebesgeschichte, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe und die mit großer Wahrscheinlichkeit zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres zählen wird.

Ein wenig mehr oder etwas Anderes hatte ich mir hingegen von Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ erwartet. Vier Manager (drei Männer und eine Frau) stellen sich in einem Hotel einem Auswahlverfahren, wer die zukünftige Firmenleitung einer Agentur übernehmen soll. Eine Ausnahmesituation, in welcher jeder versucht, seine persönlichen Schwächen und Abgründe vor den anderen zu verbergen und die zunehmend eskaliert. Ein psychologisches Kammerspiel in Romanform, ein schwieriger Stoff und schwere, literarische Kost zum Monatsende. Eine ausführliche Besprechung findet man bei „Feiner reiner Buchstoff“.

Auf was freue ich mich im Mai ganz besonders:
Mit Spannung erwarte ich das Rollendebüt von Christian Gerhaher in Aribert Reimann’s „Lear“ an der Bayerischen Staatsoper, das am 23.05.21 (19.00 Uhr) im Livestream und anschließend 30 Tage kostenlos als Video on demand zu erleben sein wird.

Literarisch warten einige Bücher von interessanten Autorinnen und Autoren auf mich und ich möchte meine literarische Europareise fortsetzen, die im April eine Ruhepause eingelegt hat – lasst Euch überraschen!

Und kulinarisch freue ich mich vor allem auf Spargel und Erdbeeren, damit der Frühling endlich auch auf dem Teller Einzug hält.

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich heute einen schönen ersten, aber auch gesamten Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight April:

Kulinarisch bot der April für mich eine wunderbare Neuentdeckung: Mönchsbart (oder auch „barba di frate“), der in Italien auf meernahen, salzhaltigen Wiesen wächst und sich hervorragend mit Pasta kombinieren lässt. Ein saisonales Produkt, das mich begeistert hat und das auch nächstes Jahr sicher wieder auf meinen Tisch kommen wird. Inspiriert dazu wurde ich durch dieses sehr empfehlenswerte Rezept auf Arcimboldi’s World für Spaghetti mit Barba di Frate.

Musikalisches im April:
Sehr empfehlen kann ich das Konzertvideo (mit Interviews) „Mozart in Havanna“ der Hornistin Sarah Willis (Berliner Philharmoniker) gemeinsam mit dem Havana Lyceum Orchestra, das noch bis zum 25.06.21 auf ARTE Concert zu sehen ist und das beweist, wie gut Mozart und Mambo harmonieren – ein wahrer Quell guter Laune.

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

Songschreiber im Glück

Timon Karl Kaleyta, der bisher vorwiegend als Musiker, Songschreiber, Kolumnist und Drehbuchautor arbeitete, hat mit „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ jetzt seinen Debütroman vorgelegt. Er erzählt satirisch-bissig von einem jungen Mann, der sich selbst, seinen Platz und seine Aufgabe im Leben sucht – eine moderne Fassung des „Hans im Glück“ über einen, der sich durchs Leben laviert und versucht, den sozialen Aufstieg über Klassenschranken hinweg zu realisieren.

„Daheim mangelte es mir an nichts, nie litt ich Hunger oder anderes Leid, nie erfuhr ich auch nur irgendein erwähnenswertes Unrecht. Nein, jeder Tag kam im Grunde einer Verbesserung und nochmaligen Verbesserung des Vortages gleich, und hätte ich wählen müssen, kein Schicksal der Welt wäre mir lieber gewesen als mein eigenes.“

(S.12)

Der Ich-Erzähler, der zu Beginn des Romans die Oberstufe eines Gymnasiums einer Ruhrgebietsvorstadt besucht, ist behütet aufgewachsen. Das Leben meint es gut mit ihm, seine Eltern – beide Fabrikarbeiter – sind stolz auf ihren begabten Sohn und die Möglichkeiten, welche ihm offen stehen. Für ihn könnte am besten alles immer so weitergehen, doch im Jahr 1998 erleidet er seine erste kleine Niederlage und seine Weltanschauung wird in den Grundfesten erschüttert: Helmut Kohl verliert die Bundestagswahl und Gerhard Schröder zieht ins Kanzleramt ein. Da half leider auch der Ansteckbutton „Ich bin für Kohl!“ auf seinem Federmäppchen nichts.

Bei der Abiturfeier wünscht sich ein Lehrer, dass er irgendwann von ihm in der Zeitung lesen wird. Doch nach und nach merkt er, dass er noch keinerlei Plan für seine Zukunft hat. Eine Ausbildung machen? Nein, das kommt nicht in Frage. Studieren? Schon eher. Aber was? Unbedarft stolpert er an die Universität und muss ernüchternd feststellen, dass sein Notendurchschnitt für ein Medizinstudium und den gesellschaftlich prestigeträchtigen Beruf des Arztes nicht reicht. Also doch Geisteswissenschaften?

„Nun, da ich verstanden hatte, wie es im Leben lief, vor allem aber, weil ich unter keinen Umständen schon jetzt anfangen wollte, richtig zu arbeiten, war klar, dass mein weiterer Weg mich an die Universität führen würde.“

(S.46)

Die Geduld der Eltern wird über die Jahre auf eine harte Probe gestellt, denn ihr Sohn laviert sich weiterhin weitestgehend ziel- und mittellos durchs Leben und sie hätten sich das Leben ihres Sohnes doch anders vorgestellt – bodenständiger, geradliniger, zielstrebiger.
Und auch wenn ihm das Glück zwar zunächst immer wieder gewogen zu sein scheint, erleidet er doch auch immer wieder finanzielle und private Niederlagen.

Durch Zufall landet er neben seiner Universitätslaufbahn auch als Songschreiber und Sänger einer Band im Musikgeschäft – hochfliegende Träume, rauschhafte Konzerte, überzogene Hoffnungen und große Erwartungen stellen sich ein. Angetrieben von der Motivation, finanziell, wirtschaftlich und gesellschaftlich aufzusteigen und sich nicht in einen festgelegten, vorgegebenen Lebenslauf zu fügen, mogelt er sich weiter durchs Leben. Sein Professor rät ihm dazu, sich lieber eine reiche Frau zu suchen und dann läuft ihm doch tatsächlich eine erfolgreiche Zahnärztin über den Weg. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall…

Der Roman und die Stimmung des Ich-Erzählers schwankt stets zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Siege und Niederlagen wechseln sich ab und Impulse zu Veränderungen kommen tendenziell immer zufällig von außen – was unweigerlich an die Geschichte des naiven, unbedarften „Hans im Glück“ aus dem Märchen erinnert.

Die Beschreibung des Zeitgeists der späten Neunziger und frühen 2000er Jahre ist in meinen Augen die Stärke des Romans und die Charakterisierung einer Generation, die aus sicheren, wohlbehüteten und sorgenfreien Verhältnissen heraus nicht so recht weiß, was sie mit dem Leben anfangen soll, ist ebenfalls gut getroffen.

Das Buch liest sich frech, flüssig und schnell. Der letzte Funke wollte bei mir jedoch leider nicht so richtig überspringen, da es mir persönlich nicht immer gelungen ist, die satirisch-zynischen Überzeichnungen und die zunehmend unsympathisch-egozentrischen Züge der Hauptfigur auch immer wieder als solche einzuordnen und mir diese als stilistisch gewollt bewusst zu machen. Die Hauptfigur und seine „Lebenswirklichkeit“ war somit letztlich für mich schwer nachvollziehbar, bot für mich zu wenig Identifikationspotenzial und so blieb ich als Leser auf Distanz.

Ein Buch über einen Lebenskünstler und Schelm, der es faustdick hinter den Ohren hat, der gegen Klassenunterschiede rebelliert und dem das Glück zunächst zuzufliegen scheint, das ihn in ungeahnte Höhen katapultiert, um ihn dann um so tiefer fallen zu lassen. Ein Märchen unserer Zeit?

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Timon Karl Kaleyta, Die Geschichte eines einfachen Mannes
Piper
ISBN: 978-3-492-07046-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Geschichte eines einfachen Mannes“:

Für den Gaumen:
Die Kulinarik spielt im Roman keine herausragende Rolle, aber an einer Stelle gibt es einen gut gekühlten, österreichischen Grauburgunder – das passt ja auch gut zu den hoffentlich bald nahenden sommerlicheren Temperaturen.

Zum Weiterschauen:
Eine kleine Zeitreise gefällig? Der Roman beginnt im Jahr 1998 – schaut man sich die Oscar-Prämierungen dieses Jahres an, war zweifelsohne „Titanic“ mit 11 Oscars der große Abräumer – persönlich konnte ich aber damals mit den Filmen „Ganz oder gar nicht“ (Beste Filmmusik) und „Besser geht’s nicht“ (Beste Hauptdarstellerin Helen Hunt und bester Hauptdarsteller Jack Nicholson) mehr anfangen.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich stellenweise an Florian Illies’ „Generation Golf“ denken – auch wenn es zeitlich nicht exakt die Generation des Romanhelden trifft – das ich persönlich, als ich es vor vielen Jahren gelesen habe, in der Schilderung des Zeitgeists der 80er und 90er Jahre wirklich sehr treffend fand und mit großem Amüsement gelesen habe.

Florian Illies, Generation Golf
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-15065-6

Schwebende Schwere

Britta Röder hat mit ihrem dritten Roman „Das Gewicht aller Dinge“ ein Buch geschrieben, das berührt, ein Loblied auf Mitmenschlichkeit und Liebe singt und dem Leser während der Lektüre einige Rätsel aufgibt, die es zu entschlüsseln gilt.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag – ein Paar verbringt einen wunderbaren, geradezu perfekten Urlaubstag in Siena und dem toskanischen Umland und kommt auf der nächtlichen Rückfahrt ins Hotel von der Straße ab. Der Aufprall endet für die Fahrerin des Wagens tödlich, während der Beifahrer nahezu unverletzt überlebt. Rolf wird sich lange nicht von diesem tragischen Schicksalsschlag und dem Verlust seiner Frau erholen.

Szenenwechsel – in Frankfurt erwacht eine junge Frau barfuß nur in ein leichtes Kleid gehüllt morgens auf einer Parkbank. Sie weiß nicht, wie sie heißt, woher sie kommt und wie sie auf diese Bank gekommen ist. Hat sie ihr Gedächtnis verloren?

Schon bald bekommt sie Hilfe angeboten, ein Dach über dem Kopf, etwas anzuziehen, zu essen und auch schnell einen Job in einer Putzkolonne vermittelt.

„Ihr Selbstmitleid verwandelte sich in Mitleid für das fremde Mädchen. Plötzlich war da ein Sinn, nach dem sie greifen konnte.“

(S.17)

Denn irgendwas sehen die Mitmenschen, die ihr begegnen in ihr, sie berührt sie tief im Inneren, sie erinnert sie an Familienmitglieder, Freunde, Bekannte. Sie ist eine gute Zuhörerin und selbst verschlossene Charaktere beginnen, sich ihr gegenüber zu öffnen, sie vertrauen ihr und schütten der mysteriösen Unbekannten ihr Herz aus. Doch es bleiben auch immer gewisse Zweifel. Wer ist diese Frau ohne Vergangenheit und ohne Erinnerungen? Und warum ist sie ein solches Sprachentalent? Sie spricht so viele Sprachen fließend, dass es schon fast unheimlich wird.

Dennoch holt sie so manchen aus seinem Schneckenhaus und erfährt von den teils tragischen Lebensgeschichten der Menschen, die ihr begegnen. Da ist Charlotte, die alte Dame, bei der sie als Zugehfrau arbeitet und die jede Woche sehnsüchtig darauf wartet, ihr weiter von ihrer großen, geheimen Liebe während des Zweiten Weltkriegs zu erzählen. Sie befreundet sich mit Anne, einer jungen Frau, die ihr ebenfalls ihr Vertrauen schenkt und sie trifft auf Rolf, den intelligenten, tieftraurigen Mann, der seine große Liebe bei einem schrecklichen Autounfall verloren hat. Nach und nach weckt sie in ihm neuen Lebensmut.

„Jemandem etwas Gutes tun, tat gut. Obwohl ihm diese Erkenntnis nicht neu war, verblüffte sie ihn dennoch. Denn er hatte sie völlig vergessen.“

(S.46)

Der Auftakt des Buches ist schmerzhaft, tragisch und derart intensiv, dass man sofort tief getroffen ist. Mit einem Kloß im Hals liest man weiter und ist gespannt, was da jetzt kommen wird. Britta Röder hat eine verschlungene, sinnliche und äußerst gefühlvolle Geschichte erzählt, welche wahrlich große Themen wie Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, Vertrauen, aber auch Tod, Trauer und Verlust in den Mittelpunkt stellt. Große Gefühle auf engstem Raum, die oft auch Luft für Interpretation lassen – vieles steht zwischen den Zeilen und erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Um dem Buch den Zauber nicht zu nehmen, möchte ich daher inhaltlich auch nicht zu viel preisgeben. Die knapp 200 Seiten lesen sich schnell und haben etwas Schwebendes, manchmal schwer zu Greifendes und Rätselhaftes.

Bis zum wahrlich verblüffenden Ende – das natürlich nicht verraten wird – begleitet der Leser die junge Frau auf ihrem Weg in die Gesellschaft und auf der Suche nach sich selbst und ihrer Vergangenheit – eine Geschichte voller Fragen, auf die man gemeinsam mit ihr Antworten sucht.

Wer auf knallharte Daten, Fakten und Realismus steht und sich nicht gerne auf eine fantasievolle Erzählung einlässt, wird hier nicht glücklich werden, aber andere halten ein kleines Buch in Händen, das vor allem auch davon erzählt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Grössenwahn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Britta Röder, Das Gewicht aller Dinge
Grössenwahn Verlag
ISBN: 978-3-957712-87-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Gewicht aller Dinge“:

Für den Gaumen:
Gleich zu Beginn des Romans speist ein glückliches Paar in einer italienischen Trattoria in der Nähe von Siena. Es gibt Oliven, Käse und frisches Brot (…) verschiedene Pasta-Gerichte, Fleisch und Gebäck, bis ihre Sinne völlig erschöpft sind.“ (S.3) Na, wenn man da nicht sofort Appetit bekommt auf ein italienisches Schlemmerabendessen.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Opernbesuch:
Im Roman spielt ein Opernbesuch eine entscheidende Rolle, welcher der Geschichte eine neue Wendung gibt – auf dem Spielplan steht die wunderbare Oper „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird Joachim Ringelnatz zitiert (das Gedicht „Kniehang“, das mit der Zeile „Ich wollte, ich wär eine Fledermaus“ beginnt) – vielleicht eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal ein paar seiner Gedichte zu Gemüte zu führen.

Joachim Ringelnatz, Sämtliche Gedichte
Herausgegeben von Walter Pape
Diogenes
ISBN: 3257234678

Sommererinnerungen

Rumer Godden’s „The Greengage Summer“ aus dem Jahr 1958, das jetzt als „Unser Sommer im Mirabellengarten“ in deutscher Übersetzung bei Oktopus (Kampa) erschienen ist, ist das perfekte Buch, um sich auf den Sommer einzustimmen, der hoffentlich doch irgendwann kommen wird. Es ist sonnenverwöhnt, raffiniert, atmosphärisch und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise nach Frankreich. Ein Buch, das mich ins Schwärmen bringt.

„Vielleicht war es dieser erste Anblick, der in mir für immer den Eindruck hinterließ, dass der Garten von Les Œillets so grün, so grün und golden war wie die ganze Landschaft an der Marne, die sich jenseits der Stadt und entlang des Flusses meilenweit über die Champagner-Weinberge erstreckte.“

(S.47)

Eine britische Familie – der Vater ist Botanist und Forscher und nur alle drei Jahre auf Heimatbesuch, so dass die fünf Kinder im Abstand jener drei Jahre zur Welt gekommen, meist alleine bei der Mutter in einfachen Verhältnissen aufwachsen. Als diese entscheidet, den Kindern die Soldatengräber und Gedenkstätten des Weltkriegs in Frankreich zu zeigen, beginnt ihre erste, aufregende Reise und ein Sommer, den sie nicht mehr vergessen werden.

Denn schon auf der strapaziösen Anreise erkrankt die Mutter schwer und die fünf Kinder, voran die 16-jährige Joss, die 13-jährige Ich-Erzählerin Cecil und die jüngeren Schwestern Hester, Vicky sowie der einzige Sohn Willy müssen sich in einer fremden Sprache und einer ungewohnten Umgebung allein durchschlagen. Im Hotel Les Œillets (zu deutsch: Die Nelken) in der Champagne angekommen stoßen sie bei der Eigentümerin Mademoiselle Zizi und der Hausdame Madame Corbet zunächst nicht auf große Gegenliebe. Fünf Kinder ohne Aufsicht in einem Hotel, eine kranke Mutter, um die man sich kümmern muss – da trifft es sich günstig, dass sich der englisch sprechende Hotelgast Eliot für sie einsetzt und sich ihrer annimmt. Für die Kinder beginnt eine unvergessliche Zeit – ein Ausnahmezustand in jeglicher Beziehung, d.h. ohne Aufsicht, in Sorge um die kranke Mutter in einem fremden Land und zum ersten Mal in einem Hotel auf sich allein gestellt. So verändern bzw. entwickeln sie sich und jeder der fünf wächst auf seine Art. Einschneidende Erlebnisse und gerade für die beiden größeren Mädchen Joss und Cecil prägende Momente in ihrem Leben, die sich in diesem Sommer ereignen. Denn schon bald verdreht Joss den Männern den Kopf und als auch Eliot ein Auge auf sie wirft, ist der Konflikt mit der Hotelbesitzerin Mademoiselle Zizi, die dem charismatischen und geheimnisvollen Gast ebenfalls verfallen ist, vorprogrammiert.

Der Roman ist in einer klingenden, melodiösen Sprache verfasst, in der ich richtig schwelgen konnte – hier sei explizit auch die wunderbare Übersetzung von Elisabeth Pohr erwähnt, welche die Sommeratmosphäre, die Natur und die Stimmung im Hotel ausgezeichnet eingefangen und den richtigen Ton getroffen hat.

Godden hat ein feines Auge für Details und ihre Schilderungen des üppigen, sommerlichen Obstgartens mit den Bäumen voll reifer Mirabellen, die Geschäftigkeit im Hotel – das Geschirrgeklapper des Küchenchefs Monsieur Armand und die feinen Speisen bei den abendlichen Diners – all das ergibt ein sinnliches, intensives Leseerlebnis, das den Sommer eindrücklich spürbar macht. Sofort sehnt man sich nach diesen langen, sonnigen, heißen und faulen Urlaubstagen in südlichen Gefilden und dem süßen Nichtstun in einem schönen Hotel. Doch schnell merkt man auch, wie sich die Stimmung nach und nach aufheizt, sich Konflikte aufbauen und die Lage wie vor einem heftigen Sommergewitter zunehmend bedrohlich wird, bevor es sich mit geballter Energie entlädt.

Die Figuren sind so lebendig und authentisch gezeichnet, dass man sie geradezu vor Augen sieht. Charaktere, die einem ans Herz wachsen und mit denen man lacht und leidet. Die fünf Kinder, Eliot, aber auch das Hotelpersonal sind so stimmig beschrieben und auch die Dialoge so lebensecht, dass es es eine wahre Freude ist. Mir persönlich hat auch die humorvolle Seite des Romans gefallen und die Szenen, in welcher die kleine Hester in einer kindlichen Direktheit entwaffnend ehrlich die Wahrheit ausspricht, sind wirklich köstlich.

„ ,Ihr Gesicht besteht hauptsächlich aus Puder’, sagte Hester.“

(S.98)

Das Buch ist wunderschön, hochwertig aufgemacht mit farbigem Vorsatzpapier, einem Lesebändchen und den stilisierten leuchtend gelben Mirabellen auf dem Umschlag, und so ist es auch ein optisches Vergnügen, das einem den Sommer in die Hände zaubert.

Eine schöne Wiederentdeckung der englischen Schriftstellerin Rumer Godden (1907-1998), die zunächst lange in Indien lebte, wo sie eine Ballettschule leitete und sich ab 1949 in Großbritannien niederließ. Beide Lebenswelten flossen in die mehr als 60 Bücher ein, welche sie im Laufe ihres Lebens verfasste und die sehr erfolgreich waren.

Ein fesselnder, geistreicher Roman über das Erwachsenwerden, zwischenmenschliche Beziehungen und einen Sommer, den man nicht mehr vergessen wird. Ein perfektes, lichtdurchflutetes Sommerbuch, das in zeitlos schöner Sprache spannende und genussvolle Lesestunden beschert und das ich wärmstens empfehlen kann.

„Wir hatten das Gefühl, auf unserem Lebensweg ein oder zwei Schritte zurückgegangen zu sein, wir waren wieder Kinder, und das war befreiend.“

(S.208)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Rumer Godden, Unser Sommer im Mirabellengarten
Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr
Oktopus / Kampa
ISBN: 978 3 311 30010 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Unser Sommer im Mirabellengarten“:

Für den Gaumen:
Ein Buch, das in der Champagne spielt, kommt natürlich auch nicht ohne Champagner aus. Interessant fand ich die Anekdote, die beschreibt, dass es wohl Brauch ist, „wenn eine junge Dame zum ersten Mal Champagner kostet“ (S.171), den Korken zu nehmen, ihn zu befeuchten und die Dame hinter den Ohren damit zu betupfen. Danach muss sie dann den Korken für immer aufbewahren. Tja, das habe ich wohl schon übersehen. Schön finde ich aber auch das Zitat „Kommt schnell – ich trinke Sterne“, das dem Mönch Dom Pierre Pérignon im 17. Jahrhundert zugeschrieben wird, als er vom Champagner kostete.

Zum Weiterschauen:
Es gibt eine britische Verfilmung des Romans aus dem Jahre 1961, die ich allerdings nicht kenne: „Es geschah in diesem Sommer“.
Aber wie immer würde ich ohnehin jedem empfehlen, sich den Lesegenuss und die Spannung nicht nehmen zu lassen und definitiv zuerst das Buch zu lesen, bevor man sich die Verfilmung ansieht.

Zum Weiterlesen:
Wer gerne Romane liest, die ein Hotel als Schauplatz haben und vielleicht statt dem sommerlichen Frankreich lieber zu nördlicheren Gefilden tendiert, dem kann ich einen weiteren Roman empfehlen. Auch hier steht eine jugendliche Hauptperson im Zentrum – in diesem Fall der Junge Sedd, der in einem etwas in die Jahre gekommenen Berghotel im norwegischen Fjell allerdings nicht als Gast, sondern als Enkel der Eigentümer aufwächst und einiges über das Hotelfach und das Leben lernt.

Erik Fosnes Hansen, Ein Hummerleben
Übersetzt von: Hinrich Schmidt-Henkel
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05007-3

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2

Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Märzbowle 2021 – Wetterkapriolen und Krisenkreativität

Ein langer März ist zu Ende gegangen, der sich uns wettertechnisch über weite Strecken eher als April präsentierte und mit Wetterkapriolen jeglicher Couleur aufwartete: Graupel, Regen, Sonne, Wolken, Schnee, Schneeregen, Sturm – es war alles dabei. Doch zumindest die letzte Märzwoche ließ dann doch noch Frühlingsfreuden aufkommen und stimmte versöhnlich.

Zudem habe ich ein neues Wort kennengelernt: „krisenkreativ“ – das bisher selbst dem Duden noch nicht bekannt ist. Eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten der Pandemie sehr gefragt ist. Ein Fernsehbeitrag monierte, dass diese in Deutschland zu schwach ausgeprägt sei – dem setze ich gerne meine „Kulturbowle“ als widerlegendes Beispiel entgegen. Ohne die Pandemie hätte ich den Blog wohl nicht gestartet, somit ist er mein Weg, der Krise mit Kreativität zu begegnen – also quasi „Krisenkreativität pur“.

Kulturell waren und sind wir immer noch auf Digitales angewiesen, doch mit der zauberhaften Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper und dem Gute-Laune-Musical „Non(n)sens“ des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte ich zumindest zu Hause erneut zwei großartige Theater-Livestreams genießen. Ebenfalls herausragend fand ich das Montagsstück der Bayerischen Staatsoper „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini, das in einer charmanten Inszenierung von Marcus H. Rosenmüller als Livestream zu sehen und musikalisch wie szenisch (in schwarz-weiß Stummfilm-Optik) sehr unterhaltsam war.

Zudem konnte ich im März zwei sehr gute Filme (im Fernsehen) sehen, bei welchen ich es nicht ins Kino geschafft hatte und die mir ausnehmend gut gefallen haben: den amerikanischen Film „Hidden Figures“ (2016) über die ersten afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der NASA während der 60er Jahre und eine polnisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „Marie Curie und das blaue Licht“ ebenfalls aus dem Jahr 2016, welche die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt gestellt hat. Sehenswert!

Literarisch war es für mich ein reichhaltiger und abwechslungsreicher März, der mich eintauchen ließ in andere Zeiten, Welten und in vielen Fällen echte Lektüreperlen für mich bereithielt.
Gleich der Auftakt mit Mirjam Presslers Jugendbuch „Dunkles Gold“, das sich auf gut verständliche und eindringliche Weise dem Thema Antisemitismus widmet und gleichzeitig die Geschichte des Erfurter Schatzes erzählt, war eine solche Perle, hat mich tief berührt und fasziniert. Da die Autorin ihre letzten Lebensjahre in meiner Heimatstadt Landshut verbracht hat und ein beeindruckendes Lebenswerk als Übersetzerin und Autorin hinterlassen hat, war es mir eine besondere Ehre und eine Herzensangelegenheit, dieses Buch auf der Bowle vorzustellen.

Im Anschluss konnte ich mit Laura Freudenthaler’s Debütroman „Die Königin schweigt“ ein kleines, feines Buch kennenlernen, das mich vor allem aufgrund der Sprache und der Intensität sehr beeindruckt hat. In kurzen Kapiteln zeichnet die junge Autorin in ausdrucksstarken Miniaturen und Momentaufnahmen Bilder, die sich einbrennen und das einfache Leben einer Frau erzählen, die in den 30er Jahren auf einem abgelegenen österreichischen Bauernhof aufgewachsen ist.

Dem Fernweh, das mittlerweile viele plagt, konnte ich mit der Lektüre von Marius Tölzer’s Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ ein wenig nachgeben und die stimmungsvolle, klassisch-inspirierte Poesie des jungen Autors war für mich ein großer Genuss. In Kombination mit dem Online-Angebot des Würzburger Kulturspeichers und dem Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ mit den mediterranen Gemälden, die südliches Licht und italienisches Flair eingefangen haben, war dies für mich eine ideale Symbiose aus Literatur und bildender Kunst.

Auf eine Seereise im Mittelmeer im Jahr 1907 entführte mich Günter Neuwirth mit seinem Kriminalroman „Dampfer ab Triest“. Viel K.u.k.-Atmosphäre und ein unterhaltsamer Krimiplot mit liebevoll gezeichneten Figuren und interessantem historischen Hintergrund, der sich sehr flüssig gelesen hat.

Die Büchergilde hat 2020 Stefan Zweigs pazifistisches Werk „Der Zwang“ mit Illustrationen von Franz Masereel aus dem Jahr 1920 zum 100-jährigen Jubiläum in einer wunderschönen Leinenausgabe herausgebracht, die jedem bibliophilen Menschen das Herz aufgehen lässt. Ein zeitloses Werk mit einer wichtigen Aussage, das auch nach 100 Jahren noch hochaktuell ist und sich sehr gut liest – ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg.

Im kulinarischen Krimi „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ von Erich Schütz macht der Autor auf unterhaltsame Art auf die Problematik der modernen Fischzucht und die teils fragwürdigen Methoden aufmerksam. Verpackt als Kriminalroman prangert er Missstände an und erreicht, dass der Leser sich Gedanken darüber macht, woher das Bodenseefelchen oder allgemein der Fisch auf dem Teller denn eigentlich kommt.

Die Stadt Venedig feierte am 25. März 2021 ihren 1600. Geburtstag – ein schöner Grund, sich auch literarisch in die Serenissima zu begeben: Christian Schnalke’s historischer Roman „Die Fälscherin von Venedig“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung seines Romans „Römisches Fieber“, welche die Geschichte von Franz Wercker weiter erzählt, der nachdem er aus Rom geflohen ist, nun in Venedig einem großen Kunstraub auf die Spur kommen soll. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Spannend, farbenfroh und opulent erzählt, ist dies ein wunderbarer Lesegenuss, für Venedigfans und für alle, die einen guten, historischen Roman zu schätzen wissen.

Ein Lese-Highlight war diesen Monat auch der neue Roman von Daniela Engist „Lichte Horizonte“, der mich vollkommen in den Bann gezogen hat und in dem ich so viele schöne Textstellen gefunden hatte, dass ich wahrlich die Qual der Wahl hatte, was ich in meiner Rezension zitiere. Ein kluger, intensiver und lebensweiser Roman über die Liebe und über eine Frau, die ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen revue passieren lässt. Eine Figur, die in ihrer Reife und Herzenswärme an die Marschallin des Rosenkavaliers erinnern könnte, und ein herausragender Roman, der mich sowohl sprachlich als auch inhaltlich absolut begeistert hat.

Am Ende des Monats gab es dann nochmal einen Krimi mit Lutz Wilhelm Kellerhoff „Teufelsberg“. Der zweite Band um den Ermittler Wolf Heller (nach dem ersten Teil „Die Tote im Wannsee“), der dieses Mal im West-Berlin des Jahres 1969 während der Mondlandung und in der aufgeheizten Zeit von Studentenrevolten und kaltem Krieg, einen Mord an einer Jüdin – der Frau eines Richters – aufklären muss. Spannend – vor allem auch wegen der gelungenen Schilderung der damaligen Zeit – und somit ein kurzweiliger Kriminalroman, der sich sehr flüssig lesen lässt.

Auch im April gibt es wieder einiges, auf das ich mich freue:
So habe ich mir vorgenommen, in der Mediathek des Landestheater Niederbayern das spannende Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar anzusehen, das dort kostenfrei (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung steht. Ein hochbrisantes Schauspiel über religiösen Fanatismus und Wirtschaftsterrorismus.

Zudem möchte ich mir gerne das Online-Angebot des Museum Wiesbaden zur aktuellen Ausstellung „August Macke – Paradies! Paradies?“ (30.10.20 – 09.05.21) näher anschauen und mir unter anderem Zeit für die 40-minütige Onlineführung durch den Kurator nehmen.

Genießen wir also gute Bücher, Kunst, Kultur, wo immer möglich und bleiben wir krisenkreativ und zuversichtlich!

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich frohe Ostern und schöne Feiertage!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight März:
Im vergangenen Monat habe ich seit längerer Zeit wieder einmal einen Zwiebelkuchen gemacht – dazu ein Glas fränkischer Weißwein. Manchmal können die guten Dinge so einfach sein.

Musikalisches im März:
Besonders berührt hat mich im März ein Video des Kinderchors und des Jungen Chors der Deutschen Oper Berlin, das auf der Homepage der Deutschen Oper abrufbar ist: „I Believe in Springtime“ von John Rutter. Ein Chorstück, das bereits im vergangenen Herbst im Berliner Olympiastadion mit viel Abstand zwischen den Sängern aufgezeichnet wurde und das durch Musik und Text die Hoffnung zum Ausdruck bringt, die wohl viele teilen.

„Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto von „Der Rosenkavalier“)

Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

Goldschatz und Pestpogrom

Heute möchte ich das letzte Werk einer großartigen Autorin und Persönlichkeit vorstellen: Mirjam Pressler und ihr letztes Jugendbuch „Dunkles Gold“, das kurz nach ihrem Tod 2019 erschienen ist und das noch einmal verdeutlicht, wie meisterhaft sie es verstand, auch schwierige Themen in eine Sprache zu bringen, die junge Menschen anspricht und berührt. Mirjam Pressler lebte und arbeitete zuletzt in meiner Heimatstadt Landshut, so dass es mir ein besonderes Anliegen und eine Ehre ist, sie hier auf der Kulturbowle vorzustellen.

Teenager Laura lebt in Erfurt mit ihrer Mutter, die beruflich mit dem Erfurter Schatz betraut ist, und so bleibt es nicht aus, dass auch die Tochter sehr viel über die Geschichte dieses kulturellen Erbes weiß. Eben jener Schatz, den der jüdische Kaufmann Kalman von Wiehe vermutlich in den Wirren des Pestpogroms 1349 vor den Verfolgern versteckt und vergraben hatte, und der aus zahlreichen Silbermünzen, -barren und Geschirr, ebenso wie Schmuckstücken, Goldschmiedearbeiten und einem kunstvoll gearbeiteten, filigranen jüdischen Hochzeitsring mit der hebräischen Aufschrift „Masel Tow“ (Viel Glück) besteht.

Im Roman erzählt Mirjam Pressler in wechselnden Kapiteln die Geschichte von Rachel und Joschua, den Kindern eben jenes Kalman von Wiehe, die vor der Judenverfolgung während des Pestpogroms fliehen und die Geschichte von Laura, die in der heutigen Zeit selbst erfahren muss, in welche Fettnäpfchen man treten kann, wenn man sich in einen jüdischen Jungen verliebt, der aufgrund der Diskriminierung, der er ausgesetzt ist, am liebsten gar nicht über seine Religion spricht, um nicht aufzufallen.

So beleuchtet Pressler das Thema Judentum und Judenverfolgung, Diskriminierung und Antisemitismus in der Vergangenheit und im Hier und Heute und erklärt einem jugendlichen Lesepublikum in flüssiger, moderner und zugänglicher Sprache anhand einer fesselnden und berührenden Geschichte die geschichtlichen Hintergründe und Entwicklungen. Zudem erfährt der Leser die spannende und spektakuläre Geschichte des Erfurter Schatzes, der heute in der Alten Synagoge in Erfurt zu bestaunen ist.

Rachel und Joschua wachsen behütet in einem reichen, jüdischen Haushalt in Erfurt auf, doch als die Pest immer näher rückt, tauchen auch die Gerüchte und Mythen wieder auf, dass die Juden als „Brunnenvergifter“ doch Schuld an der Verbreitung der Krankheit tragen würden. Der Neid und Hass der Bevölkerung auf die Juden, die im Gegensatz zu den Christen Geld verleihen dürfen, schlägt um in Gewalt und Vertreibung. Plötzlich müssen die Geschwister Rachel und Joschua geliebte Menschen, ihre Heimat und ihr Elternhaus zurücklassen. Zuvor weiht der Vater Rachel noch in sein Geheimnis ein, wo er die Familienschmuckstücke versteckt und nimmt ihr das Versprechen ab, niemals darüber zu sprechen, denn „reiche Juden leben gefährlich“ (S. 328). Eine abenteuerliche, gefährliche und schmerzhafte Flucht in Richtung Osten beginnt.

„Und ich fragte mich, ob Abschiede und Verzichte untrennbar mit jüdischem Leben verbunden sind, Abschiede von Menschen, die man geliebt hat und nur noch im Herzen bei sich haben kann, und Verzichte auf Häuser und Orte, an denen man gerne geblieben wäre, von denen man aber vertrieben wurde.“

(S.278)

Laura, die in der heutigen Zeit lebt, künstlerisch begabt ist und sehr gut und gerne zeichnet, kämpft mit der Pubertät, ist genervt und fasziniert zugleich von den nicht enden wollenden Geschichten, die ihre Mutter ihr über die Geschichte des Schatzes und das Schicksal der Erfurter Juden erzählt. Als sie sich dann in Alexej verliebt, einen russischen Juden in ihrer Schule, entsteht die Idee, dass sie eine Graphic Novel über die Geschichte der Kaufmannsfamilie von Wiehe und den versteckten Schatz zeichnen und schreiben könnte.

„Ich mag dieses abendliche Nachdenken im Bett, mochte es schon immer, dieses Gefühl, dass Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf schweben, ohne irgendwo hängen zu bleiben, diesen weichen, nebelhaften Bereich zwischen Wachen und Schlafen, in dem manchmal Bilder aufblitzen und wieder verschwinden.“

(S.48)

So verschmelzen die Geschichten und Probleme von Rachel und ihrem Bruder Joschua – das Schicksal der Verfolgung und Vertreibung während des Pestpogroms – mit der Geschichte Alexejs, seiner Großmutter und Laura erfährt nach und nach, was es bedeutet, jüdisch zu sein.

Mirjam Pressler hat ein großartiges, tiefgründiges und lehrreiches Jugendbuch geschrieben, das eine bedeutende Geschichte mit einer wichtigen Aussage erzählt. Selten liest man derart berührende und aufwühlende Jugendliteratur, die mitten ins Herz trifft und zeitgleich fundiert auch schwierige, geschichtliche Inhalte vermittelt.
Eine ganz große Leseempfehlung einer wunderbaren Autorin, die ein großes, wichtiges und zeitloses Werk hinterlassen hat, das man jedem ans Herz legen kann und möchte. Ganz große Literatur von einer starken, bewundernswerten Frau und herausragenden Persönlichkeit – ein Herzensbuch!

Buchinformation:
Mirjam Pressler, Dunkles Gold
Gulliver (von Beltz&Gelberg)
ISBN: 978-3-407-75491-2

© Beltz Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dunkles Gold“:

Für den Gaumen:
Im Roman können die gebackenen Apfelküchlein Trost und Kraft nach den Strapazen der Flucht spenden und Leib und Seele zusammenhalten beziehungsweise wieder aufrichten.

Zum Weiterschauen und für einen Museumsbesuch:
Im Keller der Alten Synagoge zu Erfurt wird der sogenannte Erfurter Schatz ausgestellt und kann dort besichtigt werden. Im Jahre 1349 während des Pestpogroms versteckt, wurde er 1998 wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wer mehr über die außergewöhnlichen Stücke (mit dem jüdischen Hochzeitsring als wohl bedeutendsten Schmuckstück) erfahren möchte, findet auch Bilder und weitere Informationen zum Schatz auf der Website „Jüdisches Leben in Erfurt“.

Zum Weiterlesen:
Mirjam Pressler arbeitete auch als Übersetzerin (aus dem Hebräischen, Niederländischen, Englischen und Afrikaans ins Deutsche) und wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem die Buber-Rosenzweig-Medaille, den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übersetzung von Amos Oz „Judas“, die Corine für ihren Roman „Nathan und seine Kinder“ sowie das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihren „herausragenden Einsatz für die Völkerverständigung insbesondere zwischen Israel und Deutschland und die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht“.
Selbst Tochter einer jüdischen Mutter, spielte das Judentum und der Holocaust in ihren Werken oft eine große Rolle. Ihre Übersetzung des „Tagebuch der Anne Frank“ gilt bis heute als eines ihrer Hauptwerke.

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzt von: Mirjam Pressler
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-51149-5

Der Matador im Klostergarten

Linus Reichlin hat mit seinem neuesten Roman Señor Herreras blühende Intuition“ ein komisches und mit schrägem Humor ausgestattetes Buch verfasst, das für stressgeplagte Leser die Möglichkeit bietet, sich literarisch einfach mal ein paar Stunden auszuklinken und auf amüsante Art und Weise unterhalten zu lassen.

Stressgeplagt ist auch der Ich-Erzähler des Romans, der sich als von Bluthochdruck und zu hohem Puls geplagter Schriftsteller eine regenerative Auszeit in einem andalusischen Kloster gönnen möchte. Yoga zur Entspannung, angenehmes Klima, gutes Essen, die Ruhe in einem zum Retreat erweiterten Kloster und zugleich die Möglichkeit, für sein neuestes Romanprojekt zu recherchieren: so perfekt, idyllisch und harmonisch hatte er sich dies vorgestellt.

Doch schon bald wird klar, dass dieser Urlaub im Kloster so einige Haken und Ösen zu bieten hat: das Kloster verströmt eher morbiden Charme, die Recherchen gestalten sich schwierig, zumal es sich um ein Nonnenkloster des strengen Schweigeordens der Trappistinnen (oder genauer Zisterzienserinnen strengerer Observanz) handelt und auch das Hotel-Personal entpuppt sich als reichlich eigenwillig. So offenbart sich der Gästebetreuer, Faktotum und Chefkoch des Klosters Señor Herrera als pensionierter Stierkämpfer und Matador, der trotz großer Leidenschaft fürs Kochen schnell für kulinarische Verzweiflung bei seinem Gast sorgt. Denn seine Gerichte sind überwiegend ungenießbar und landen stets in einem unbeobachteten Moment im tiefen Ziehbrunnen des Klostergartens.

„Eine gute Nachricht. Die schlechte war die Salmorejo, die kurz vor Sonnenuntergang auf dem Marmortischchen im Zitronengarten stand. Die dicke, kalte Suppe glich von den Zutaten her der Gazpacho, aber Herrera besaß ein Talent für die Dearomatisierung traditioneller Gerichte, die Generationen von Menschen bis zu Herreras Erscheinen am Kochhimmel geschmeckt hatten.“

(S.105/106)

Und auch bei den Recherchen für das Romanprojekt sorgt Herrera schon bald für mehr Verwirrung als dem Autoren lieb ist – zumal seine Geschichte über die junge Frau, die im Kloster vor Auftragsmördern im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms versteckt werden soll, schon bald die lebhafte Fantasie des Gästebetreuer-Matadors beflügelt und es diesem zunehmend schwer fällt, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Und als dann auch noch ein weiterer weiblicher Gast im Kloster auftaucht, scheint das Chaos komplett.

„Für Yogaübungen fehlte mir nun die innere Ruhe, immerhin hatte mich gerade ein kräftiger Koch, der bestimmt über eine Menge lange Messer verfügte, verdächtigt, ein Auftragskiller zu sein.“

(S.67)

So entwickelt sich ein turbulenter und unterhaltsamer Plot, der in seiner teils schrägen Komik an die Filme von Pedro Almodóvar erinnert – ein sehr treffender Vergleich – wie ich finde – der auch im Klappentext durch den Verlag bereits gezogen wird. Man darf die Handlung natürlich nicht allzu ernst nehmen, aber das Buch macht Sommerlaune und lenkt für einige Zeit vom Alltag ab. Selbstverständlich werden Klischees bedient und Charaktere überzeichnet, aber all das geschieht auf sehr lustige, witzige Art und Weise.

Der Autor nimmt sich selbst und seine Figuren ironisch aufs Korn (wieviel Linus Reichlin mag wohl in der Hauptfigur des Leo Renz stecken?) und hatte beim Schreiben bestimmt großen Spaß, denn Reichlin verbreitet unbeschwerte Urlaubsstimmung und versprüht mediterranes Flair: Man sieht die Zitronenbäume und die Klostermauern vor sich, riecht den Rosmarin, schmeckt den Rotwein und macht in Gedanken die Yogaübungen mit.

Eine satirische, quirlige und freche Sommerkomödie unter spanischer Sonne mit zirpenden Zikaden, welche mir als leichtfüßige Lektüre für zwischendurch einige gut gelaunte und entspannte Lesestunden beschert hat.
Ein leichtes, helles, fröhliches und liebenswert schräges Buch, das sich selbst nicht allzu ernst nimmt, sich in keine Genre-Schublade stecken lässt und mit einem Augenzwinkern gelesen und verstanden werden sollte.

„In Romanen, dachte ich, muss die Wahrheit stets wahrscheinlich sein, um von den Lesern geglaubt zu werden. Aber es gibt eben auch Wahrheiten, die unwahrscheinlich sind – wohin mit denen?“

(S.211)

Buchinformation:
Linus Reichlin, Señor Herreras blühende Intuition
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-227-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Señor Herreras blühende Intuition“:

Für den Gaumen:
Nachdem die ungenügenden gastronomischen Fähigkeiten des zum Koch ungeschulten Matadors Señor Herrera einen nicht unwesentlichen thematischen Raum im Roman einnehmen, halten sich die kulinarischen Verlockungen in Grenzen. Denn das meiste davon ist ungenießbar und wird im Ziehbrunnen des Klosters entsorgt. Aber zu einem Gläschen vino tinto im klösterlichen Zitronengarten würde man wohl nicht nein sagen.

Zum Weiterschauen (und Weiterhören):
Die mögliche Handlung des Romankonzeptes, für welche der Autor im Kloster recherchieren möchte, erinnert unweigerlich an den großen Kinoerfolg aus dem Jahre 1992 „Sister Act – Eine himmlische Karriere“, denn auch hier soll im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms eine Frau hinter Klostermauern geschützt werden. Lange ist es her, dass ich diesen Film gesehen habe, aber der Soundtrack des Films mit tollen Gospel-Nummern hat sich für immer eingebrannt (u.a. „Hail holy queen“, „I will follow him“).

Zum Weiterhören:
Im Kloster ertönt unerwarteterweise auf einmal der ABBA-Song „Fernando“ – ein Schlüsselmoment – mehr sei nicht verraten. Zumindest bei mir ging beim Lesen dann sofort die innere ABBA-Dauerschleife im Kopf los… der Ohrwurm war vorprogrammiert: „There was something in the air that night, the stars were bright, Fernando…“