Ein Haus erzählt

Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer ist ein wundervoller Roman, der die Lebensgeschichten verschiedener Bewohner eines Mietshauses im Berliner Stadtteil Wedding erzählt und gleichsam ein großes, vielseitiges Kaleidoskop an Themen deutscher Geschichte auffächert. Eine Ode auf das „Geschichten erzählen“ und das mündliche Weitergeben persönlicher Lebensgeschichten und Zeitzeugnisse an nächste Generationen.

„Ich kann niemanden warnen, kann meinen Bewohnern nicht sagen, dass ein Unglück geschehen wird. Ich weiß es, ich spüre es, ich sehe ja die Zeichen, aber was kann ich tun, als mit den Türen zu schlagen und den Putz rieseln zu lassen, mit den alten Dachbalken zu knarren oder mal einen Ziegelstein aus den Mauern fallen zu lassen.“

(S.8)

Immer wieder lässt die Autorin im Roman das alte Backsteinhaus selbst erzählen über seine Bewohner, die kamen und gingen, lachten, liebten, weinten und litten.
Erbaut im 19. Jahrhundert hat das Mietshaus im „roten Wedding“ vieles erlebt und vielem standgehalten – es bot eine Bühne für zahlreiche menschliche Begegnungen, Glücksmomente und Tragödien.

Da ist Gertrud – mittlerweile alt geworden – die von Geburt an im Haus wohnt und miterlebt hat, wie sich das Viertel und die Bewohner verändert haben. Im Zweiten Weltkrieg hat sie geholfen, zwei „U-Boote“, d.h. zwei jüdische, junge Männer zu verstecken, die versuchten, der Deportation zu entgehen: Manfred – ihre erste und einzige große Liebe – und seinen Freund Leo.

Leo, der gesehen hatte, wie Manfred vor Gertruds Wohnung aufgegriffen und abgeführt wurde, hat durch Glück überlebt und ging später nach Israel in einen Kibbuz. Mit mittlerweile weit über 90 Jahren kommt er zurück nach Berlin, in die Stadt, die er nie mehr sehen wollte. Er hat Erbschaftsdinge zu regeln und seine Enkelin begleitet ihn. Sie will mehr über ihre Familie erfahren und lässt sich von ihrem Großvater seine Geschichte erzählen. Leo hat Gertrud den vermeintlichen Verrat jedoch nie verziehen und scheut die erneute Begegnung mit ihr, zu der ihn die Enkelin ermutigen will, obwohl er dieser Frau doch auch viel zu verdanken hat.

Im Wohnhaus sind über die Jahre auch einige Sinti und Roma eingezogen. Menschen, die ebenfalls verfolgt und vertrieben wurden und auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Laila, die sich liebevoll um Gertrud und die anderen Hausbewohner kümmert, ist eine junge Sintiza – 1975 in Polen geboren – und blickt bereits auf eine bewegte Lebensgeschichte zurück. Ihre Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, dem eigenen Kampf um Anerkennung und eine „Bleibeperspektive“ sowie ihre Bildung ermöglichen es ihr, auch anderen Menschen mit ähnlichem Schicksal zu helfen. Auch Laila will ihre Wurzeln verstehen und befragt ihre Großmutter Frana, die aus dem Zwangslager Marzahn nach Auschwitz-Birkenau kam und überlebt hat, nach ihrer Geschichte. Ihr Lebensweg führte über Polen zurück nach Deutschland.

Die junge Generation stellt Fragen zu Überleben und Leben – so erzählt Gertrud dem jungen Kunststudenten Stefan ihre Geschichte, Frana der Enkelin Laila und Leo seiner Enkelin Nira. Geschichten voller Trauer und Schmerz, Verlust und Wut, aber für alle drei scheint es auch eine Befreiung zu sein, von der Vergangenheit zu erzählen, sich die Ereignisse und Geschehnisse von der Seele zu reden.
Sie schließen eine Art Frieden mit sich und der Vergangenheit und wissen, dass die Geschichten nicht vergessen sind, sondern weiterleben. So sagt Frana zu Laila treffend:

„Was du weißt, ist nicht verloren.“

(S.311)

Wie schon bei „Machandel“ hat mich Regina Scheer vor allem durch ihre klangvolle, harmonische und wunderschöne Sprache begeistert. Sie hat ein untrügliches Gespür für Stimmungen und Szenen, die sehr subtil und warmherzig ein großes, stimmiges Gesamtbild erzeugen und für sehr menschliche Charaktere, die einem ans Herz wachsen.

Scheer ist eine großartige Geschichtenerzählerin und so schafft sie mit ihrem Buch auch das, was die älteren Figuren im Roman erreichen wollen, die Lebensgeschichten weiterzutragen, gegen das Vergessen anzukämpfen und den ermordeten und verfolgten Juden sowie Sinti und Roma ein Denkmal zu setzen.

Ein herausragender Roman über Verfolgung und Vertreibung, Aussöhnung und Vergebung, über Zeitzeugen und das Erzählen von Lebensschicksalen und -geschichten, der berührt und zu Herzen geht. Bald wird es die Möglichkeit, Berichte und Erfahrungen aus der Zeit des Holocaust aus erster Hand von überlebenden Zeitzeugen zu bekommen, nicht mehr geben. Um so wichtiger ist es, die Geschichten wachzuhalten und an nächste Generationen weiterzugeben.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Randomhouse und dem Penguin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Gott wohnt im Wedding“:

Für den Gaumen:
Leo genießt in einem Berliner Lokal Piroggen einer polnischen Köchin, die ihm hervorragend schmecken. Die gefüllten Teigtaschen sind vor allem in der osteuropäischen Küche verbreitet und werden auch oft bei Festlichkeiten serviert.

Zum Weiterhören:
Auf Gertruds Grammophon hören Manfred, Leo und Gertrud gemeinsam Gustav Mahlers Dritte Sinfonie. Vor allem der vierte Satz (Sehr langsam, Misterioso) mit dem Altsolo basierend auf einem Gedicht von Friedrich Nietzsche hat es ihnen angetan.

Zum Weiterschauen und Weiterdenken:
Den Gedanken, das Haus immer wieder in Zwischenkapiteln selbst zu Wort kommen zu lassen, fand ich inspirierend. Sicherlich hätten auch alte Häuser in anderen Städten – oder in der Heimatstadt – viele spannende und interessante Geschichten über die ehemaligen Bewohner zu erzählen. In einigen Orten gibt es bereits Führungen, die auf diesem Gedanken aufgebaut sind und auch in meiner Heimatstadt Landshut gibt es eine passionierte Laientheatergruppe, die bereits mehrfach zum „Häuser erzählen“ eingeladen hat.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Museumsbesuch:
Eine Anregung, die ich mir auf jeden Fall für einen nächsten Berlin-Besuch mitgenommen habe, ist ein Besuch im Museum der Villa Liebermann am Wannsee. Der Garten, das Haus und die besondere Lage am Wasser wird so wunderbar beschrieben, dass ich das unbedingt einmal selbst sehen möchte. Bis Reisen wieder sinnvoll und möglich sind, bleibt zumindest der Besuch auf der Website: https://www.liebermann-villa.de

Zum Weiterlesen:
Zu Beginn des Monats habe ich anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit Regina Scheer’s ersten Roman „Machandel“ gelesen und war begeistert. Da war es nur logisch, sich jetzt auch dem zweiten Roman der Autorin zu zu wenden. Wer tiefgründige, liebevoll erzählte und warmherzige Geschichten mag, kommt bei beiden Romanen voll auf seine Kosten.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

Nomen est omen – Malvita

Irene Diwiak, die junge österreichische Autorin (Jahrgang 1991), legt mit „Malvita“ ihren zweiten Roman vor und nimmt den Leser nicht nur mit auf eine Reise in die Toskana, sondern auch in die düstere Welt menschlicher Abgründe.

Das farbenfrohe, stimmungsvolle Umschlagbild mit den leuchtend roten Mohnblumen – dem „papavero“, der so typisch ist für die Toskana – mag so manchen Leser auf eine falsche Fährte locken, denn hinter dem Buchdeckel verbirgt sich kein „Wohlfühl-Italien-Urlaubs-Roman“, sondern ein dunkles und abgründiges Familiendrama, das fortschreitend immer mehr die Züge eines Thrillers annimmt.

Aber der Reihe nach: Worum geht es in „Malvita“?
Christina, Anfang Zwanzig, aus einfachen Verhältnissen stammend, die ihren Platz ihm Leben noch nicht gefunden hat und gerade unter Liebeskummer leidet, reist mit dem Zug in die Toskana. Die Schwester ihrer Mutter – Tante Ada – lebt dort mit ihrer Familie, welche Christina jedoch bisher noch nicht kennenlernen konnte, und hat sie kurzfristig als Fotografin für die Hochzeit ihrer Tochter Marietta engagiert. Denn die ursprünglich verpflichtete Fotografin ist verhindert. Eine Reise in die Toskana mit zusätzlichem Honorar fürs Fotografieren und eine Weile dem Liebesleid zu entfliehen, kommt der jungen Frau zunächst nicht ungelegen.

In „Malvita“ angekommen – der Ort heißt übersetzt tatsächlich „schlechtes Leben“ bzw. das italienische Wort „malavita“ bedeutet Unterwelt – staunt Christina anfangs nicht schlecht über den großen Reichtum der Familie und das hochherrschaftliche Anwesen, das einem Schloss gleicht und in dem sie sich ohne fremde Hilfe verlaufen würde. Sie fühlt sich wie ein Eindringling und Außenseiter in dieser Welt der Reichen und Schönen (die Frauen der Familie sehen aus wie Models) und schon ihre Unterbringung im Dienstbotentrakt macht ihr deutlich, dass sie mehr als Bedienstete denn als Familienmitglied angesehen und behandelt wird.

Sie erkundet Haus und Umgebung – stets kritisch beäugt und überwacht von Personal und Verwandtschaft – und lernt unter anderem auch Jordie kennen, den verzärtelten und überbehüteten Sohn der Familie. Als die beiden bei einer gemeinsamen Cabrio-Spritztour plötzlich im Bach eine Leiche finden und diese sich als die verschwundene, ursprünglich vorgesehene Fotografin Blanca entpuppt, überschlagen sich die Ereignisse. Für Christina ist es vorbei mit dem ungetrübten Urlaubsgenuss in der sonnigen Toskana. Der Aufenthalt verwandelt sich mehr und mehr in einen Alptraum und sie stößt auf menschliche Abgründe, eine verkorkste Familie und dunkle Geheimnisse, die sie sich vorher niemals hätte ausmalen können.

„Malvita“ hat mich ebenso überrascht und ein wenig überrumpelt, wie die Hauptfigur im Roman, denn auch ich hatte vor der Lektüre keine genaue Vorstellung, was mich erwartet. Eine Reise ins Ungewisse, aber vor allem auch in die wunderbare Landschaft der Toskana. Sprachlich und atmosphärisch hat mich auch dieser zweite Roman von Irene Diwiak definitiv überzeugt. Das ist flüssig-süffig zu lesen und man taucht schnell in die Geschichte ein.

Lediglich im letzten Drittel wurde mir die Handlung dann stellenweise etwas zu schräg und abgedreht und ich habe festgestellt, dass ich den drastischen und überzeichneten Plot zunehmend eher als bitterböse Satire gelesen und wahrgenommen habe. Fast als ob Diwiak das Genre der psychologischen Thriller, die sich ja einer breiten Leserschaft erfreuen, durch grotesk übertriebene Überspitzung ein wenig auf die Schippe nehmen möchte.

Stark fand ich hingegen die Bezüge zur Unterwelt und auch zur Kunst Artemisia Gentileschi’s, die sich die Hauptfigur des Romans in den Uffizien in Florenz ansieht und von welchen eine dunkle Faszination ausgeht.

„Das ist einfach so“, sagte sie, „Frauen werden vergessen, wenn sie sterben. Manchmal auch davor.“

(S.134)

„Malvita“ ist ein Roman über eine Familie am Abgrund und vor allem über starke und rachsüchtige Frauen. Verglichen mit ihrem Debütroman „Liebwies“ hat sich Diwiak zeitlich und räumlich auf völlig anderes Terrain begeben und – wie ich finde – gut daran getan. Denn so steht „Malvita“ für sich selbst und hat – bis auf den verbindenden ironischen Tonfall und die Stilistik – einen völlig eigenen Charakter bekommen.

Ich habe versucht, mit der Lektüre den Sommer noch ein klein wenig zu verlängern und gedanklich in die Toskana zu reisen, was definitiv gelungen ist. Und so bleibe ich abschließend – trotz der gegen Ende etwas unglaubwürdigen und überzogenen Handlung – insgesamt versöhnt und zufrieden zurück.

Buchinformation:
Irene Diwiak, Malvita
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05977-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Malvita“:

Für den Gaumen:
Zu diesem Buch passt natürlich ein Glas schöner, runder Rotwein aus der Toskana, z.B. ein wunderbarer „Morellino di Scansano“.

Zum Weiterhören:
Toskana – das ist Gianna Nannini, die in Siena geboren ist und das musikalische Aushängeschild der italienischen Urlaubsregion darstellt. Die markante, verrauchte Stimme und vor allem ihr Song „Meravigliosa creatura“ passen für mich mit dem etwas schwebenden und mystischen Sound wunderbar zu diesem Buch.

Zum Weiterschauen:
Artemisia Gentileschi, eine herausragende Persönlichkeit und eine der wenigen Frauen, die in der Barockzeit (17. Jahrhundert) als Malerin gearbeitet haben und heute noch bekannt sind, spielt im Buch eine Rolle. Die düsteren, teils blutrünstigen Bilder der Künstlerin fügen sich sehr stimmig in die dunkle Atmosphäre von Diwiaks Roman ein und mögen der Autorin auch als Inspiration gedient haben. Denn auch die wahre Biographie der Malerin liest sich wie ein Krimi.
Eins der berühmtesten Bilder Gentileschi’s „Judith und Holofernes“ hängt in den Uffizien in Florenz. Aktuell widmet die National Gallery of Art in London Artemisia Gentileschi bis Mitte Januar 2021 eine eigene Ausstellung: „Artemisia“. Da Reisen gerade schwierig ist, lohnt sich zumindest ein Blick auf die Website des Museums: https://www.nationalgallery.org.uk.

Zum Weiterlesen:
Hätte ich nicht bereits Diwiaks Debütroman „Liebwies“ gelesen, wäre ich vermutlich nicht auf „Malvita“ aufmerksam geworden. Auch der Erstling der jungen österreichischen Autorin war bereits bitterböse und zynisch und erzählt von einer Sängerin, die im Wien der Zwanziger Jahre Erfolge feiert ohne singen zu können.

Irene Diwiak, Liebwies
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24441-0

Alte Sorten und neue Perspektiven

Ewald Arenz’ „Alte Sorten“ war für mich ein Zufallsfund und Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung und entpuppte sich als wahrer Glücksgriff. Der Titel, die Umschlaggestaltung, all das hat mich sofort angesprochen und ließ mich nach diesem Roman greifen, der mir aus unerfindlichen Gründen bisher nicht aufgefallen war.

Arenz – geboren 1965 in Nürnberg – arbeitet in seiner Geburtsstadt als Lehrer am Gymnasium. Ohne dass je ein Ortsname fällt oder eine konkrete räumliche Einordnung geschieht, würde ich den Roman ebenfalls in seiner fränkischen Heimat in einem Wein- und Obstanbaugebiet verorten.

Sally, ein junges Mädchen – noch keine 18 Jahre alt – läuft durch die hügelige Landschaft und die Weinberge: Gehetzt, wütend, auf der Flucht. Zufällig begegnet sie einer Frau – altersmäßig könnte sie ihre Mutter sein – die bei der Arbeit im Weinberg mit dem Anhänger ihres Traktors in einem Graben hängengeblieben ist. Sally hilft Liss, sich aus der misslichen Lage zu befreien und bekommt dafür ein Quartier für die Nacht. Beide sprechen nicht viel, sind in sich gekehrt, mit sich selbst beschäftigt und Sally ist froh, einmal nicht mit Fragen bombardiert zu werden.

Liss lässt sie in Ruhe und kann doch auf dem Hof, den sie offenbar alleine bewirtschaftet, hin und wieder Sally’s Hilfe gut gebrauchen. Die junge Frau packt immer häufiger mit an. Die frische Luft, die körperliche Arbeit und das Gebrauchtwerden tun ihr gut. Sie lernt ursprüngliche Lebensmittel, selbstgeerntetes Obst, selbst gebackenes Brot und Liss’ selbst geimkerten Honig kennen und schätzen – die einfachen Dinge des Lebens: Der Geschmack einer saftigen Birne frisch vom Baum, der Hahn, der am morgen das Wecken übernimmt.

Und da ist dieser große Hof und das Anwesen, das Sally mehr und mehr rätseln lässt – warum lebt Liss allein dort? Und wem gehört das Fahrrad, das Liss ihr überlässt, um die Umgebung erkunden zu können? Auch Liss scheint Gespenster der Vergangenheit mit sich herumzutragen, über die sie nicht sprechen will. Sie isoliert sich weitestgehend von der Dorfgemeinschaft, lebt zurückgezogen und werkelt von früh bis spät. Ihr Leben besteht aus harter, körperlicher Arbeit im Obstgarten mit den alten Birnensorten, im Weinberg und im Stall, die sie abends müde und erschöpft in den Schlaf sinken lässt.

Zögerlich und zaghaft kommen sich die beiden näher, beginnen sich zu öffnen. Die Gespräche werden intensiver. Sally, die Narben aufweist, welche auf eine Borderline-Störung hindeuten, und nicht mehr weg will von diesem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen kann und der ihr besser zu helfen scheint als jede Therapie, beginnt sich mehr und mehr wohlzufühlen.

Zwei verschlossene Außenseiter und Einzelgängerinnen ohne Vertrauen zu anderen, die sich gefunden haben ohne sich zu suchen. Doch natürlich hat Sally Eltern, die nach ihr suchen und der vermeintliche Frieden kann nicht ewig währen…

„So kann man nicht leben. Es ist, als wäre ich unsichtbar. Ich denke, ich rede mit Leuten, und dabei gefrieren die Wörter in der Luft und werden von niemandem gehört.“

(S.189)

„Alte Sorten“ ist ein ruhiges, behutsames und sehr zärtliches Buch. Ein Roman, der einen runterholt, zur Ruhe kommen lässt und dem Leser wieder einmal verdeutlicht, was wirklich wichtig ist im Leben. Arenz arbeitet mit vielen Bildern aus der Natur und hat ein sehr bodenständiges und geerdetes Buch ohne großes Brimborium geschrieben. Die Schilderungen der Natur und der Arbeit auf dem Hof, die Beschreibungen des Imkerns, des Schnapsbrennens und der Weinlese – das ist wunderbar zu lesen. Die Lektüre ist Balsam für die Seele und entschleunigt. Es ist schön mitzuverfolgen, wie sich Sally und Liss öffnen und gegenseitig helfen können – ein Loblied auf die Mitmenschlichkeit und auf Freundschaft über Altersgrenzen hinweg.

Die Sprache ist poetisch und sehr sinnlich. Ein Genuss, wie der Autor Geschmäcker, Gerüche und Klänge beschreibt – in einer solchen Intensität bekommt man das selten zu lesen und er hat mich mit diesem Stil sofort für sich eingenommen. Ein unaufgeregtes und leises Buch, das mit einem sehr gefühlvollen Finale aufwartet.

Oft sind es die unaufdringlichen, stillen Bücher, die dann sehr lange nachklingen. „Alte Sorten“ hat mich begeistert und ich freue mich sehr über diesen wunderbaren Überraschungsfund, der mir da in der Buchhandlung ins Auge gestochen und in die Hände gefallen ist. Ein Buch, das wie geschaffen ist für den Herbst und das von innen wärmt, wenn es draußen grau und kalt ist.

Buchinformation:
Ewald Arenz, Alte Sorten
Dumont
ISBN: 978-3-8321-6530-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alte Sorten“:

Für den Gaumen:
Jetzt im Herbst ist genau die richtige Zeit für frische, erntereife Birnen. Und wenn man sich informiert und genauer hinschaut, kann man eventuell beim Bio-Bauern oder Bio-Laden in der Nähe auch mal alte und ausgefallenere Sorten ergattern. Sally ist im Roman fasziniert von der Sortenvielfalt und genießt mit allen Sinnen Raritäten wie die „Petersbirne“, „Andenken an den Kongress“, „Herzogin Elsa“, „Madame Verté“ oder die „Schweizer Wasserbirne“.

Zum Weiterhören:
Bei diesem Buch ganz klar Herbie Hancock’s „Cantaloupe Island“, denn es spielt eine Schlüsselrolle im Roman. Der Titel sagt einem erstmal nichts? Wenn man reinhört, weiß man, dass man es doch kennt. Einer der bekanntesten Jazzstandards mit Funk-Elementen aus dem Jahre 1964 – ein weltberühmter Klassiker.

Zum Weiterlesen:
Bereits beim Titel „Alte Sorten“ musste ich unweigerlich an die Slowfood-Initiative „Arche des Geschmacks“ denken, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, dass traditionelle, alte und regionale Sorten und Lebensmittel nicht in Vergessenheit geraten und weiter kultiviert werden. Wer mehr über die Motivation und die Idee des Gründers von Slowfood erfahren möchte, dem sei folgendes Buch ans Herz gelegt:

Carlo Petrini, Luis Sepúlveda, Eine Idee von Glück
Oekom
ISBN: 978-3-86581-735-8

Zeitreise mit Henni

Tim Krohn nimmt uns mit seinem neuen Roman „Die heilige Henni der Hinterhöfe“ mit ins Berlin des ersten Weltkriegs und der Zwanziger Jahre. Eine unterhaltsame Zeitreise mit einer liebenswürdigen Hauptfigur, die mein Leserherz höher schlagen lässt.

Henni – geboren 1902 – ist eine waschechte Berliner Göre. Ihr junges Leben ist geprägt von Einfachheit, Armut, dem ersten Weltkrieg und man könnte sagen, sie hat es nicht leicht. Und doch ist dieses junge Mädchen ein Stehaufmännchen, bewahrt sich ihre kindliche Naivität und geht mit einem unbändigen Lebenswillen und einer ungezügelten Lebensfreude jeden Tag hinaus in die Welt – besser gesagt ins turbulente Berlin – und macht das Beste daraus.

Fasziniert von Tanz und Theater will Henni Künstlerin werden, aber sie wird vor allem eines: eine erfolgreiche Lebenskünstlerin. Der Traum vom Ballett beginnt zunächst mal im Nachtclub als Nackttänzerin und Animierdame – Tanz ist das immerhin auch und Henni merkt, dass sie mit den Waffen einer Frau zumindest „Onkel Reimann“ von ihren Qualitäten überzeugen kann. Sie steigt auf zur Vorführdame für Unterwäsche im Kadewe, entdeckt den Jazz für sich und bekommt vom „Onkel“ eine eigene kleine Bude im Scheunenviertel finanziert. Sie schlägt sich durch mit Charme, Witz und Schlagfertigkeit. Sie weiß sich zu helfen und wenn ihr das Leben wieder einen Schlag verpasst, duckt sie sich weg und sucht sich einen Ausweg.

Die Heldin manövriert sich mit pragmatischem Geschick und Berliner Schnauze durch das politische Wirrwarr der Nachkriegszeit in der Hauptstadt. Sie begegnet Kommunisten, Sozialisten, Nazis und Künstlern – doch lassen sie auch all die Sprüche und Parolen weitgehend unbeeindruckt.

„Schön, Revolte“, sagte sie. „Aber Revolte wohin? Was soll denn nachher sein, wenn das Alte weg ist?“ „Na, Freiheit.“

(S.85)

In zahlreichen anekdotisch anmutenden Szenen lässt Tim Krohn ein atmosphärisches Milieu und eine turbulente, faszinierende Zeit vor den Augen des Lesers entstehen. Seine Art zu schreiben zeichnet sich für mich durch viel Liebe zu stimmigen Details und vor allem zu seinem Romanpersonal aus. Der Autor hat ein Händchen für das Zeichnen von Figuren – gerade wenn sie oft bewusst etwas Überzeichnetes haben und wie Karikaturen anmuten. Witzig ist das, wenn zum Beispiel der „rote Bruno“ – ein Fahrradmechaniker – Henni’s Bruder während und anhand einer Fahrradreparatur den Kommunismus und die Welt erklärt.

Diese Zeit nach dem ersten Weltkrieg war ein wahrer Schmelztiegel von Weltanschauungen, politischen Gesinnungen und künstlerischen Strömungen. Das kommt im Roman sehr gut zur Geltung. Aufstieg und Fall lagen stets nah beieinander.

Tim Krohn erzählt das in einem schnoddrigen Plauderton, der selbst schwere Schicksalsschläge und brutale Gewalt mit ironisch-zynischem Tonfall vermeintlich leichtfüßig am Leser vorbeiziehen lässt. Das ist stellenweise makaber, aber trotz aller Flapsigkeit nicht entwürdigend oder respektlos. Obwohl man beim Lesen doch hin und wieder schlucken muss, behält der Roman seine positive Grundstimmung und seinen humorvollen Klang.

Ich habe neue Wörter wie „Schmackeduzchen“ oder „Penunse“ kennengelernt, bin gedanklich in die damals einschlägigen und legendären Lokale wie Clärchens Ballhaus oder das romanische Café eingekehrt – eine amüsante Zeitreise, die mir Tim Krohn hier beschert hat. Schräge Figuren, witzige Dialoge und dennoch viel Wahres und geschichtlicher Hintergrund, der gut recherchiert und unterhaltsam in diesem Roman verpackt ist – das wahre, pralle Leben auf nur 250 Seiten.

Mein Herz hat Henni im Sturm erobert und wenn einem auch manchmal das Lachen im Hals stecken bleiben könnte, habe ich mich beim Lesen köstlich amüsiert.
Und vielleicht ist das auch eine Quintessenz aus dem Roman: All die Widrigkeiten des Lebens sind doch mit Humor und einem Lachen viel leichter zu ertragen.

Buchinformation:
Tim Krohn, Die heilige Henni der Hinterhöfe
Kampa
ISBN: 978 3 311 10026 3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die heilige Henni der Hinterhöfe“:

Für den Gaumen:
In Hennis Familie kommt als Essen für die Seele „Latkes mit Apfelmus und saurer Sahne“ auf den Tisch. Das sind in anderen Worten Kartoffelpuffer oder wie es in meiner Heimat heißt: Reiberdatschi. Eine Inspiration, die ich gerne aufgegriffen habe, da ich das mag und schon lange nicht mehr gegessen habe.

Zum Weiterhören:
Ich habe gelernt, dass es für Lieder mit den bestechenden Titeln wie „Mein Papagei frisst keine harten Eier“, „Ich reiß’ mir eine Wimper aus und stech‘ dich damit tot“ oder „Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten“ sogar eine eigene Genre-Bezeichnung gibt: Nonsense-Schlager. Diese Musik der Zwanziger und Dreißiger Jahre ist unter anderem vom Jazz geprägt, macht – oft auch aufgrund der unsinnigen Texte – gute Laune und passt für mich daher wunderbar zum Buch.

Zum Weiterlesen:
Klar denkt man bei diesem Titel sofort an Bertolt Brecht „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Und dieses Drama knüpft nahtlos an die Zeit an, die Tim Krohn in seinem Roman beschreibt, denn es ist während der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 entstanden. Warum also nicht einmal wieder zu einem Klassiker greifen – bei mir war Brecht’s heilige Johanna vor vielen Jahren Schullektüre und steht – mit zahlreichen Notizen versehen – noch in meinem Regal.

Bertolt Brecht, Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10113-1

Irisches Fegefeuer

Máirtín Ó Cadhain verstarb am 18. Oktober 1970 und sein Todestag jährt sich diesen Monat zum 50. Mal. Er zählt neben James Joyce zu den bekanntesten und wichtigsten Schriftstellern Irlands und der Kröner Verlag hat sich dieses Jubiläum zum Anlass genommen, sein letztes Werk „Die Asche des Tages“ zum ersten Mal in einer deutschen Übersetzung herauszugeben.

Ein Beamter irrt durch seine irische Heimatstadt Dublin. Er befindet sich im Ausnahmezustand und steht unter Schock. Seine Frau ist während des Tages verstorben und es gäbe viel zu tun: sich um Sarg, Bestattungsinstitut, Priester, Beerdigung und Leichenschmaus zu kümmern. Doch er bekommt es nicht auf die Reihe und irrt zerstreut, verwirrt und mit der Situation vollkommen überfordert durch die Straßen. Wie gelähmt stromert er umher und erfindet eine Ausrede und einen vermeintlich triftigen Grund nach dem nächsten, warum er noch nicht nach Hause gehen kann, wo seine scharfzüngigen und gehässigen Schwägerinnen wie die Hyänen auf ihn warten, um ihm seine Unfähigkeit und sein Versagen vorzuwerfen.

Er schiebt das Erforderliche vor sich her, seine Gedanken fahren Karussell, kreisen immer wieder darum, warum er sich der Aufgaben, die auf ihn warten, nicht annehmen kann. Jetzt noch nicht. Es geht einfach nicht. Er leidet, grübelt vor sich hin, kommt vom Hundertsten aufs Tausendste, trifft unterschiedlichste Menschen. Jedoch können oder wollen ihm die meisten Leute, die ihm über den Weg laufen, nicht helfen, sondern erteilen ihm nur gute Ratschläge, die er dann doch wieder in den Wind schlägt.

„N. wusste nicht wirklich, was in ihm vorging oder wie große Sorgen er sich tatsächlich machte, es wurde ihm einfach alles zu viel.“

(S.12)

Dann wird ihm – zu allem Übel – auch noch die Brieftasche gestohlen, die das notwendige Geld für die Bestattungskosten enthält, was ihn zusätzlich aus der Bahn wirft. Mittel- und planlos irrt er weiter und an jede neue Begegnung mit anderen Menschen knüpft er die Hoffnung, dass diese ihm sein Problem abnehmen oder sich seine Sorgen in Luft auflösen. Doch sie können ihn nicht aus seiner Lethargie reißen.

Geplagt von Albträumen, schreckt er immer wieder hoch, Träume und Realität verschwimmen, es wird zunehmend surreal. Seine Gedanken kreisen weiter und zerstreuen sich wie Asche im Wind.

Immer weiter verheddert er sich in Ausreden, nimmt Abkürzungen, die zu Umwegen werden, vertrödelt seine Zeit und hofft darauf, dass ihm jemand aus seiner Notlage heraushilft. Ob Gott ihm nicht einen „guten Menschen“ schicken könnte? Einen Engel? Einen Erlöser?

In Irland spielt die Religiosität eine große Rolle und so habe ich dieses Buch auch als Parabel auf die Suche nach dem Glauben und nach Erlösung gelesen.
Es enthält zahlreiche religiöse, christliche Motive und Anspielungen und man meint zu spüren, wie der Autor auch mit der Kirche und dem Glauben hadert.

„Das hier war das Fegefeuer und schlimmer als das Fegefeuer, das stand fest.“

(S.57)

Mit seinen gerade mal knapp 150 Seiten ist „Die Asche des Tages“ ein schmaler Band, aber eine ungemein intensive Lektüre. Es lohnt sich, sich darauf einzulassen, sich Zeit zu nehmen und konzentriert zu lesen, denn leicht verführt einen das Gedankenkarussell des Autors dazu, selbst gedanklich abzuschweifen. Ein philosophisches und tiefgründiges Buch, dem man seine 50 Jahre auf dem Buckel nicht anmerkt. Ein ungewöhnliches Thema und eine immer noch zeitlos, modern wirkende Stilistik, die an Bewusstseinsstrom bzw. „Stream of Consciousness“ erinnert.

Eine schöne, hochwertige Ausstattung in Halbleinen, die man gerne zur Hand nimmt und ein literarisches Schmuckstück, dass der Kröner Verlag jetzt erstmals auch deutschen Lesern zugänglich macht. Die großartige Übertragung ins Deutsche der renommierten – vor allem auch für Übersetzungen aus dem Norwegischen bekannten – Übersetzerin Gabriele Haefs trägt ebenfalls großen Anteil an diesem besonderen Lesegenuss, weil sie den richtigen, durchaus heutigen Ton trifft.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag und bei Fr. Böllinger von „Sätze&Schätze“, die mich auf diesen Roman aufmerksam gemacht und mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Asche des Tages“:

Für den Gaumen:
Jetzt im Herbst eine schöne Tasse schwarzer Tee, obwohl die Hauptfigur des Romans natürlich auch dem Whisky oder Gin frönt und den Tee nur trinkt, um wieder nüchtern zu werden.

Zum Weiterhören:
Die wehmütige Stimmung erinnerte mich an das Lied „Scarborough Fair“, obwohl das natürlich leider nicht perfekt passt, weil es englisch und nicht irisch ist. Im Roman selbst spielt das Kirchenlied „Lead, Kindly Light“ eine Rolle, nach dem ich dann auch im Internet recherchiert habe.

Zum Weiterlesen:
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt genau gelesen habe, aber es muss ein oder zwei Jahre nach dem Erscheinen (1996) also Ende der Neunziger gewesen sein. Der Autor erhielt für diesen Roman den Pulitzerpreis und der Roman war damals in aller Munde. Für mich war es wohl eine der ersten Begegnungen mit irischer Literatur und ich weiß, dass mich die Schilderung der ärmlichen Lebensverhältnisse und die Geschichte des Jungen damals sehr bewegt haben.

Frank McCourt, Die Asche meiner Mutter
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
btb
ISBN: 978-3-442-74100-7

30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – war es für mich Zeit, einen weiteren Regalschlummerer ans Licht zu holen: „Machandel“ von Regina Scheer. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums dieses denkwürdigen Tages habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht, habe mit diesem großartigen Roman die perfekte Lösung gefunden und mich dann gefragt, wieso ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Autorin, die 1950 in Berlin geboren ist, hat einen großen Familienroman verfasst, der einen weiten, zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und der Zeit danach spannt, aber den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1985 und 1990 legt, als die DDR unterging.

Machandel ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern und Clara Langner – die Hauptfigur des Romans – besitzt dort eine Sommerkate. Ein kleines, baufälliges Häuschen und ein Rückzugsort, um dem lauten und hektischen (Ost-)Berlin von Zeit zu Zeit in die Natur zu entfliehen. Aber auch ein geschichtsträchtiger Ort für ihre Familie, wie man in den Kapiteln des Romans, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und der Sicht der unterschiedlichen Bewohner sowie der Familienmitglieder Claras erzählt sind, erfährt.

Clara ist die Tochter von Hans Langner, einem hochrangigen Funktionär der Partei und Staatsminister. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser von den Nazis als Kommunist verfolgt, ins KZ gesperrt, überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen und wurde in Machandel von der Russin Natalja versteckt und gerettet. Ereignisse, die ihn sein Leben lang verfolgen und prägen.

Auch Johanna – seine spätere Frau – lernt er dort kennen. Aus Ostpreußen geflohen kommt sie ebenfalls als Flüchtling nach Machandel und heiratet schließlich den Mann, den sie gesund gepflegt hat. Sie ist um viele Jahre jünger als er und über die Jahre entfremden sich die beiden immer mehr.

Als Tochter der beiden genießt Clara in der DDR gewisse Privilegien – sie bekommt einen Studienplatz, kann promovieren – und auch Geld ist meist kein Thema, obwohl es ihr immer mehr zuwider wird, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und dies immer häufiger zum Streitpunkt in ihrer Ehe wird.

Michael, ihr Ehemann, hat meist weniger Skrupel die Hilfen der Schwiegereltern anzunehmen und nach den chaotischen Jahren der Wendezeit, in welcher sich immer mehr Unstimmigkeiten in die Beziehung zwischen Clara und ihm einschleichen, verlässt er sie und Deutschland nach der Wiedervereinigung und geht zum Arbeiten in die Schweiz. Die Ehe zerbricht.

Ausgangspunkt und sehr wichtiges Thema im Roman ist der große Verlust, den Clara empfindet, als sie ihren Bruder Jan verabschieden muss und verliert. Denn dieser stellt einen Ausreiseantrag, nachdem er aufgrund systemkritischer Fotos und journalistischer Berichterstattung im Gefängnis sitzen musste und er ist es auch, der – bevor er das Land in den 80er Jahren für immer verlässt – mit Clara nochmal den Ort besuchen möchte, der seine Kindheit geprägt hat und von dem er sich noch verabschieden möchte: Machandel.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich: ich kann nicht alles beschreiben und aufführen, was mich nach dieser Lektüre beschäftigt. Es ist schwierig bis unmöglich, all die Handlungsstränge, Figuren (da wären auch noch Natalja, Emma, Marlene usw.) und Themen des Romans angemessen in einer Rezension zu beschreiben und dem Buch gerecht zu werden, denn Regina Scheer fächert ein wahres Kaleidoskop deutsch-deutscher Geschichte und eine Fülle an menschlichen Dramen und persönlicher Lebensgeschichten auf. Es geht um Flucht, Vertreibung, Zwangssterilisierung, Missbrauch und Diktatur. Da gibt es so vieles in der Geschichte zu entdecken und auch so vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Daher muss man Regina Scheers‘ Roman am besten selbst lesen. Die Lektüre lohnt sich und jeder wird das Buch für sich mit unterschiedlichen Aspekten und Schwerpunkten anders lesen und empfinden.

Gleichfalls gibt es so viele wunderbare Textstellen und Zitate in diesem Roman, dass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Aber die folgenden Zeilen drücken für mich die ehrliche Auseinandersetzung mit der Wendezeit aus, denn neben aller Freude und Euphorie, gab es auch Zwiespältigkeit und Wehmut:

„An die neue Freiheit, die Offenheit, die wir ja gewollt hatten, gewöhnten wir uns schnell. Jahrelang hatten sich die politischen Gespräche auf unsere Wohnzimmer, die Küchen, vielleicht noch die Kneipen beschränkt, doch plötzlich weiteten sich die Räume, die Gespräche fanden in aller Öffentlichkeit statt, der Ton änderte sich. Alle hatten wenig Zeit und rannten neuen Zielen nach.“

(S.249)

Ein großartiges, erfüllendes Buch, das in einer wunderbaren, melodiösen Sprache geschrieben ist, das nachdenklich werden lässt, bewegt und deutsche Geschichte lebendig macht. Mit Sicherheit kein Geheimtipp: aber wer sich anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums wie ich wieder einmal etwas näher mit dem Thema DDR und Wiedervereinigung auseinandersetzen möchte, ist hier an einer hervorragenden Adresse. Für mich war es jetzt wohl der richtige Moment für dieses Buch und doch hätte ich es viel früher lesen sollen.

Buchinformation:
Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Machandel“:

Für den Gaumen:
Immer wieder beschreibt Scheer im Buch, dass an den Esstischen viel diskutiert wurde – sie waren und sind Treffpunkt und soziale Verbindung zwischen den Menschen. Die Gespräche und Diskussionen über die DDR und der Wunsch nach Freiheit standen bei Clara und ihren Freunden im Mittelpunkt – nicht so sehr das Essen. Doch einmal wird beschrieben, dass ein „scharfes, ungarisches Gulasch“ und Rotwein serviert wurde – etwas, das man gut vorbereiten und warmhalten kann und das dem Gastgeber dann Zeit für seine Gäste lässt.

Zum Weiterschauen:
Als ich „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Der oscar-prämierte Film aus dem Jahr 2006 ist großes Kino mit einer erstklassigen Besetzung (u.a. Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Ulrich Tukur) und setzt sich ernsthaft und kritisch mit der DDR und dem Staatssicherheits-Apparat auseinander.

Zum Weiterlesen:
Nach einem Besuch in Leipzig vor einiger Zeit, der mich natürlich auch in die wunderbare Nikolaikirche geführt hatte, habe ich das Buch von Christian Führer gelesen. Dem Pfarrer der Nikolaikirche, der die damaligen Friedensgebete initiiert, die friedliche Revolution mit geprägt hat und der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er diese Zeit erlebt hat und was es bedeutete Pastor in der DDR zu sein. Ein großartiger Mensch, der leider 2014 verstorben ist und ein Buch, das mich tief berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

Christian Führer, Und wir sind dabei gewesen
Ullstein
ISBN: 9783548609843

Familie Shakespeare

Maggie O’Farrells mit dem Women’s Prize for Fiction 2020 ausgezeichneter Roman „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie Shakespeare: seiner Frau Agnes und seiner Kinder Susanna, Judith und Hamnet. Ein Thema und vor allem eine Persönlichkeit, die mich seit meiner Schulzeit fasziniert, mir unzählige, unvergessliche Theaterbesuche beschert hat und hoffentlich noch wird und daher das Buch sofort an die Spitze meiner Bücherwunschliste katapultiert hat.

Man weiß wenig über William Shakespeare, den größten Dramatiker aller Zeiten und sein Leben, was dazu führt, dass sich zahlreiche Geschichten und Mythen um ihn ranken. Und so erzählt Maggie O’Farrell basierend auf den wenigen bekannten Fakten wohl vor allem eine fiktive Geschichte über ihn und seine kleine Familie in Stratford-upon-Avon und nimmt sich die künstlerische Freiheit, eine liebevolle, anrührende Geschichte über Liebe, Familie, Schmerz und Verlust zu erzählen.

16. Jahrhundert im englischen Stratford-upon-Avon: Der junge William Shakespeare steht unter der Fuchtel seines dominanten Vaters – des ehemaligen Bürgermeisters und angesehenen Handschuhmachers, der jedoch in der Dorfgemeinschaft durch unlautere Geschäfte in Verruf geraten und in Ungnade gefallen ist. Gesellschaftlich ausgegrenzt und vom Dorfleben ausgeschlossen, lässt dieser seine Wut nicht selten auch in Form körperlicher Gewalt an seinem Sohn aus und zwingt ihn, mit dem Erteilen von Lateinstunden die Schulden seines Vaters abzuarbeiten.

Als dieser jedoch der kühnen und unangepassten, adligen, jungen Frau Agnes begegnet, ist es um ihn geschehen. Agnes ist eine außergewöhnliche, starke Persönlichkeit. Sie versteht sich auf Falknerei, kennt die Wirksamkeit von Heilkräutern und scheint eine besondere Gabe zu haben, die Vergangenheit und Zukunft von Menschen erspüren und sehen zu können. Im jungen Shakespeare sieht sie Großes und als sie sich in den Kopf setzt, diesen Mann trotz der Standesgrenzen heiraten zu wollen, weiß sie, dass sie dieses Ziel mit einer Schwangerschaft wohl am ehesten erreichen wird.

„Ein juwelenübersäter, von silbernen Löchern durchbohrter Himmel ruhte auf den Dächern der Stadt. Mit dem Finger angelte er Menschen und Tiere und Familien aus den Sternen und flüsterte ihr Namen und Geschichten ins Ohr.“

(S.335)

Für Shakespeare gibt sie ihre adeligen Privilegien auf und zieht nach der Heirat, die aufgrund des gemeinsamen Kindes unvermeidbar geworden ist, zu ihm und seiner Familie. Töchterchen Susanna erblickt das Licht der Welt – doch Agnes, die immer schon freiheitsliebend und naturverbunden ist, fühlt sich nicht immer wohl im Shakespear’schen Haus und im kleingeistigen Dorf.

Und auch ihrem Ehemann wird es bald zu eng und seine Träume treiben ihn fort von ihr in die große Stadt London, wo er versucht, sein Glück am Theater zu finden. Schwer zu verstehen und zu akzeptieren, was er dort treibt und warum er so wenig Zeit mit Agnes und ihren Kindern verbringen möchte – den mittlerweile wurden die Zwillinge Judith und Hamnet geboren und vor allem die kleine Judith ist als Frühchen von zarter Konstitution und braucht viel Zuwendung.

Die Fernbeziehung kostet ihren Tribut und Agnes muss immer häufiger ohne ihren Gatten auskommen. Der sprachgewaltige Künstler, der Zauberer mit Worten wird in den Diskussionen und Streitgesprächen mit seiner Frau oft wortarm und sprachlos. Und auch als die Pest – der schwarze Tod – ins Land kommt und ihnen das Liebste nimmt – ihren Sohn Hamnet – muss Agnes zunächst alleine mit der Angst, dem Kampf ums Kind und der Trauer zurecht kommen.

Der irisch-britischen Autorin ist ein großartiger, historischer Roman gelungen, der in zutiefst bewegender Weise die Geschichte einer starken und unkonventionellen Frau und den tiefen Schmerz einer Mutter beschreibt, die ihr Kind verliert. Denn die heimliche Hauptfigur des Buchs ist Agnes. Sie ist es, die im Mittelpunkt der Erzählung steht und ihre Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle tragen die Handlung. Eine faszinierende Figur, die hier das Licht der literarischen Welt erblickt hat und den großen Dramatiker William Shakespeare von einer völlig anderen Seite zeigt. Der liebende aber abwesende Familienvater, welcher der Enge der Kleinstadt entflieht und in London alles seinem großen Ziel unterordnet, sein eigenes Theater mit eigener Truppe und eigenen Stücken zu führen. Der Künstler, der seine Trauer über den Verlust des Sohnes in Form eines seiner bekanntesten Stücke verarbeitet: „Hamlet“.

O’Farrell lässt sich viel Zeit für ihre Geschichte, sie übereilt nichts, kostet die Szenen aus. Selten habe ich so viele intensive, berührende und gefühlvolle Momente in dieser Dichte versammelt in einem einzigen Roman gelesen. Auch die Übersetzerin Anne-Kristin Mittag hat hier Großes geleistet, denn sprachlich ist die Lektüre ein Genuss mit wunderschönen Sätzen, die man am liebsten laut vorlesen möchte.

Ein langsames, ruhiges und sehr anrührendes Buch, das sehr zu Herzen geht und ein wunderbarer Schmöker für den Herbst, wenn die Tage kürzer und die Leseabende länger werden.

Buchinformation:
Maggie O’Farrell, Judith und Hamnet
übersetzt von: Anne-Kristin Mittag
Piper
ISBN: 978-3-492-07036-2

© Piper Verlag

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Wozu inspirierte mich „Judith und Hamnet“:

Für den Gaumen:
Shakespeares Frau Agnes ist im Roman nicht nur Heilkundige, sondern versteht sich auch aufs Imkern und daher spielt auch Honig eine Rolle. Deshalb passt für mich zu diesem Roman eine Scheibe gutes Brot mit Butter und Honig – ein einfacher und doch so köstlicher Genuss.

Zum Weiterschauen bzw. für den nächsten Theaterbesuch:
Shakespeares Stücke haben nichts an Aktualität verloren und so freue ich mich jedes Mal, wenn ich eines seiner Werke auf dem Spielplan sehe. Shakespeare erfasste das wahre Wesen der Menschen wie kein Anderer und setzte dieses in eine unübertroffene Sprache und in herausragende Szenen um, die stets ins Herz treffen und sich auf ewig einbrennen. Für Shakespeare-Neulinge sind zunächst wohl die Komödien die bevorzugte Wahl („Der Sommernachtstraum“ oder „Viel Lärm um nichts“), später wird man dann aber sicherlich auch Gefallen an den großen Tragödien finden – also ab ins Theater, wenn die Möglichkeit besteht.

Zum Weiterlesen:
Allen Freunden von Gedichten und der Poesie lege ich Shakespeares Sonette ans Herz – das ist Sprache zum Schwelgen. Es gibt einige sehr schöne zweisprachige Ausgaben, die es ermöglichen, auch das Original neben der deutschen Fassung zu lesen. Eins meiner absoluten Favoriten ist Sonett Nr. 18.

Shakespeare, Die Sonette (Zweisprachige Ausgabe)
Deutsch von Christa Schuenke
dtv
ISBN: 978-3423124911

Keiner von euch

Felix Mitterer hat sich für seinen ersten Roman „Keiner von euch“ ein dunkles und schwieriges Kapitel der österreichischen Geschichte und eine besondere Hauptfigur ausgesucht. Er beschreibt die Lebensgeschichte und das Schicksal des Afrikaners Mmadi Maké, der im 18. Jahrhundert aus seiner Heimat verschleppt wird und über Umwege als „Angelo Soliman“ als „Geschenk“ für einen Fürsten an den Wiener Hof gelangt. Dort trifft er auf die Zeitgenossen Kaiser Joseph II. und Wolfgang Amadeus Mozart, verkehrt in höfischen Kreisen und Mozarts Freimaurerloge und doch geschieht am Ende seines Lebens das Unvorstellbare und Unaussprechliche: er wird nach seinem Tod präpariert und als Exponat eines halbnackten „Ureinwohners“ im Naturalienkabinett ausgestellt.

Bereits als Kind wird der Junge in Afrika gefangen genommen und als „Ware“ ins sizilianische Messina gebracht. Er wird verkauft, verschenkt und mit der Zwangstaufe auf den Namen „Angelo Soliman“ wird er neben seiner Würde auch noch seines Namens beraubt.

„Ich bin für euch alle immer nur ein Spielzeug.“

(S.228)

Er wird zum Spielzeug, aber auch zum Spielgefährten des adeligen Mädchens Clara, doch schon bald wirft Fürst Thurnstein ein Auge auf den Jungen und nimmt ihn mit nach Wien.
Eine Geschichte voll Leid, Missbrauch und dem Kampf um Selbstbestimmung beginnt und es wird Jahre dauern bis sich die Wege des „Angelo Soliman“ und Claras zufällig in Wien wieder kreuzen – eine schicksalshafte Begegnung.

Erzählt wird die Geschichte unter anderem aus Sicht der Tochter Josephine Soliman, die als Kind eines dunkelhäutigen Vaters und einer weißen Mutter von Stand ebenfalls großes Leid und Ausgrenzung erfahren muss. Mühsam erkämpft sie sich das Recht, die Wahrheit über ihre Herkunft und ihren Vater zu erfahren.

Felix Mitterer ist ein sehr bekannter, österreichischer Dramatiker und Drehbuchautor und unternimmt mit „Keiner von euch“ seinen ersten Ausflug in die Welt des Romans. So mancher mag z.B. seine „Piefke-Saga“ aus dem Fernsehen kennen (eine bitterböse und umstrittene Satire über deutsche Touristen in Österreich) oder aber auch seine Theaterstücke, die vor allem in seinem Heimatland häufig gespielt werden. Schon immer beschäftigen ihn hauptsächlich die Geschichten von Außenseitern und Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten behaupten und ihren Platz im Leben erkämpfen.

„Keiner von euch“ trägt das Außenseitertum schon im Titel und behandelt große, schwerwiegende Themen: Rassismus, Gewalt, Missbrauch und Emanzipation. Der Autor hat es sich mit seinem Erstlingsroman nicht leicht gemacht und er muss gewichtigen Problemstellungen und unangenehmen Wahrheiten gerecht werden.

Streckenweise liest sich der Roman fast wie ein Krimi, denn Mitterer arbeitet auch mit düsteren, fast schablonenhaften Figuren, wie dem pädophilen Fürsten Thurnstein oder dem Irrenarzt Professor Hoffmann, der seinem Hass ungezügelt freien Lauf lässt und letztlich die Leiche „Angelo Solimans“ zum Ausstellungsobjekt präpariert.

Mmadi Maké ist jedoch nicht die einzige unglückliche Figur dieses Romans. Vielmehr wird klar, dass im Wien des 18. Jahrhundert auch andere Menschen – unabhängig von Stand und Herkunft – Zwängen unterlagen, aus welchen sie sich nicht befreien konnten. So entwirft der Autor Szenen, die verdeutlichen, dass von der Prostituierten bis zum Kaiser selbst, jeder Mensch nach Freiheit und Selbstbestimmung strebt und doch oft an der Realität, dem Umfeld und den Gegebenheiten scheitert.

Harter Tobak, den der Österreicher hier seinen Lesern bietet, denn auch der vermeintliche, kurz aufblitzende Hoffnungsschimmer, dass die Hauptfigur doch noch etwas Glück im Leben finden kann, wird radikal hinweggefegt.

Die Lektüre ist aufwühlend und teils regelrecht verstörend. Mehr als einmal stellten sich mir angesichts der menschenunwürdigen und verachtenden Behandlung Mmadi Makés sprichwörtlich die Haare auf. Die körperliche und seelische Gewalt, welche dieser Mann im Wien des 18. Jahrhunderts erleiden musste, ist unfassbar und entsetzlich.

„Keiner von euch“ holt den Leser aus der Komfortzone – das ist kein verklärender, historischer „Wohlfühl“-Roman, sondern Mitterer beschreibt ein wahres Lebensschicksal, das geprägt war von Missbrauch, Verachtung, Ausgrenzung und Rassismus. Ein intensives, lehrreiches und interessantes Buch, das einen auch nach der Lektüre noch länger beschäftigt.

Buchinformation:
Felix Mitterer, Keiner von euch
Haymon
ISBN: 978-3-7099-3495-1

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Woran erinnerte mich „Keiner von euch“:

Für den Gaumen:
Obwohl die Kulinarik im Roman im Grunde keine Rolle spielt, denkt man durch den Schauplatz Wien natürlich gleich an die Wiener Küche, z.B. an ein einfaches, aber gutes Erdäpfelgulasch (Kartoffelgulasch) mit Paprika, Zwiebeln und Kartoffeln – eine bodenständige und ehrliche Mahlzeit.

Für musikalischen Genuss:
Natürlich unweigerlich Mozart, der mit Angelo Soliman befreundet war und in der selben Freimaurerloge verkehrte. Empfehlen kann ich hier unter anderem die Aufnahme von Mozarts Klavierkonzerten Nr. 19 und Nr. 23 (KV 459 und KV 488) von Hélène Grimaud, die 2011 bei der Deutschen Grammophon erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Constanze Mozart spielt in Mitterers Buch ebenfalls eine Rolle. Wer mehr über die Frau an Mozarts Seite erfahren möchte, hat mit Lea Singers Roman „Das nackte Leben“ eine schöne literarische Möglichkeit und eine lohnende Lektüre.

Lea Singer, Das nackte Leben
dtv
ISBN: 978-3-423-21022-5

Magisches Marionettentheater

Thomas Hettche ist mit seinem neuen Roman „Herzfaden“ für mich ein heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis 2020. Auf der Shortlist steht er verdientermaßen schon. Er erzählt in einem liebevollen, zauberhaften Roman die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und derer Gründerfamilie und entführt in die magischen Welten des berühmten Marionettentheaters.

Eine Zwölfjährige – vermeintlich dem Alter für ein Marionettenspiel schon entwachsen – gerät durch Zufall und Neugier nach einer Aufführung auf den Dachboden der Augsburger Puppenkiste und trifft dort auf alte Bekannte, die lebendig werden: die Prinzessin Li Si, den kleinen Prinzen, Urmel… und auf Hatü (Hannelore Marschall-Oehmichen), die gemeinsam mit ihrem Vater das berühmte Marionettentheater gründete und zum Erfolg führte.

Und so erzählt der Roman die Geschichte von Hatü und ihrem Vater Walter Oehmichen, dem Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, der als Soldat im zweiten Weltkrieg die tröstende Wirkung der Marionetten entdeckt. Dieser schnitzt daraufhin die ersten Puppen für den Puppenschrein – den Vorläufer der heutigen Puppenkiste – welcher 1944 bei einem Bombenangriff verbrennt.

„Und doch waren sie lebendig. Und meine Kameraden, alles harte Kerle, die grauenvolle Dinge erlebt hatten, wurden plötzlich wieder zu Kindern.“

(S.43)

Hatü und ihre Schwester Ulla wachsen in einem harmonischen und liebevollen Elternhaus auf, das sie bereits früh mit der Welt des Theaters und der Kunst vertraut macht. Beide Eltern sind Schauspieler und die Kinder lernen früh, dass künstlerische Kreativität Kraft geben und Trost spenden kann. Vor allem als der Vater als Soldat in den zweiten Weltkrieg ziehen muss und auch später als er mit der Augsburger Puppenkiste einen selbstständigen Neustart nach dem Krieg wagt. So lernt der Leser nach und nach die Märchenfiguren, den kleinen Prinzen, Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer kennen und erfährt, wie die Augsburger Puppenkiste zu dem Markenzeichen wurde, das es heute ist: Eine Erfolgsgeschichte im Nachkriegsdeutschland und eine Parabel, wie aus etwas Kleinem etwas Großes werden kann, wenn man mit Herzblut und Liebe bei der Sache ist.

Hettche erzählt eine warmherzige und wunderbare Familiengeschichte, die Geschichte einer anpackenden und starken Frau und zugleich setzt er der Augsburger Puppenkiste mit diesem Buch ein literarisches Denkmal.
Für mich ist „Herzfaden“ vor allem ein Roman über Familie, Väter und Töchter und die Weitergabe von Werten und Tradition. Es ist aber auch eine Erzählung über die Zeit des zweiten Weltkriegs und den Wiederaufbau nach dem Krieg. Zugleich eine Hymne auf die Kraft der Fantasie und des Theaters – einer lebenslangen Faszination, die nicht loslässt.

„So quasi als Erholung vom großen Theater, mit der Liebe zum Theater, die auch in der Freizeit Theater braucht.“

(S.95)

Es steckt unglaublich viel in diesem Werk und beim erneuten Lesen wird man sicherlich wieder neue Aspekte entdecken, so dass dieses zu den Büchern gehören wird, die man getrost auch ein zweites Mal lesen kann ohne Langeweile zu empfinden.

Im Buch wechseln sich ein rotes Schriftbild für die Handlung auf dem Dachboden zwischen den Marionetten und dem Mädchen und ein blaues Schriftbild für die Geschichte Hatüs, ihrer Familie und der Puppenkiste ab. Ein Gestaltungselement, das mich sofort an eine Ausgabe von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ erinnerte, die ich als Kind aus der Bücherei geliehen hatte. Nur ein Aspekt von vielen, die mich zurück in meine Kindheit versetzten. Die ganze Lektüre von „Herzfaden“ hatte für mich den Zauber, mich an meine Lesewurzeln zu erinnern: Ich tauchte in diese Geschichte ein und flog gerade so durch die Seiten. Wie früher wenn ich beim Lesen alles um mich herum vergaß und nicht mehr ansprechbar war. Schön, dass es immer noch Literatur gibt, die diese Wirkung auch für Erwachsene entfalten kann.

Das Lesen dieses Buches ist auch aufgrund der liebevollen und hochwertigen Ausstattung ein Genuss. Kiepenheuer&Witsch hat den Roman mit einer sehr wertigen Leinenbindung, mit Lesebändchen und illustriert mit wunderbaren Zeichnungen von Matthias Beckmann gestaltet. Eine sehr schöne Ausgabe, die man sich gerne als Schmuckstück ins Regal stellt.

Für mich ist „Herzfaden“ ein literarisches Glanzlicht dieses Jahres und ein Roman, der mich sehr berührt hat. Den Herzfaden zu meinem Leserherzen hat Hettche definitiv gefunden und kräftig daran gezogen – sollte er den Deutschen Buchpreis 2020 gewinnen, freue ich mich mit und für ihn.

Buchinformation:
Thomas Hettche, Herzfaden
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05256-5

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Wozu inspirierte mich „Herzfaden“:

Für den Gaumen:
Pfannkuchen (in Regionen außerhalb Bayerns auch Eierkuchen oder Palatschinken genannt) mit Marmelade – ein Essen, das Kinder lieben und das einem sofort das Gefühl von Geborgenheit vermittelt.

Zum Weiterschauen:
Ich muss gestehen, dass ich bisher wenig bis fast nichts von der Augsburger Puppenkiste wirklich bewusst im Fernsehen gesehen habe. Aber ich werde mal die Augen offen halten und versuchen, diese Bildungslücke zu schließen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Zudem nehme ich mir vor, beim nächsten Ausflug nach Augsburg auch mal dem Augsburger Puppentheatermuseum einen Besuch abzustatten, das aber wohl derzeit leider aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen hat.

Zum Weiterlesen:
Thomas Hettches Roman „Pfaueninsel“ habe ich 2014 ebenfalls gleich kurz nach Erscheinen gelesen und war sofort hin und weg. Dieser Autor versteht es meisterhaft, faszinierende und berührende Geschichten zu erzählen. Und auch die „Pfaueninsel“ ist in der wunderschönen Ausgabe mit Leineneinband ein wahrer Schatz im Bücherregal, den ich in Ehren halte und zu gegebener Zeit sicher noch einmal lesen werde. Und auch ein Besuch auf der Insel nahe Potsdam steht immer noch auf meinem Plan.

Thomas Hettche, Pfaueninsel
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-04599-4

Suche nach dem kleinen Glück

Arno Geiger zeichnet in seinem Roman „Unter der Drachenwand“ ein intelligentes und gefühlvolles Stimmungsbild des Jahres 1944 – der Spätphase des zweiten Weltkriegs. Die Menschen sind kriegsmüde und zermürbt und vor allem die junge Generation, die durch den Krieg um die unbeschwerten Jugendjahre betrogen wurde, bekommt im Roman des Österreichers – und Gewinner des Deutschen Buchpreises 2005 (für „Es geht uns gut“) – eine Stimme.

Bei diesem Roman handelt es sich um einen meiner „Regalschlummerer“ – so nenne ich Bücher, die schon seit längerem in meinem Regal auf den richtigen Zeitpunkt warten, gelesen zu werden. Der offizielle Fachbegriff ist wohl „Backlist“-Lesen oder auch „SUB-Abbauen“ (Stapel ungelesener Bücher), aber für mich und meinen Blog möchte ich solche Bücher zukünftig auch immer wieder als meine „Regalschlummerer“ vorstellen. Seit Sommer letzten Jahres (gleich nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe) stand das Buch schon bei mir und jetzt war wohl der richtige Moment dafür gekommen.

Mondsee, ein idyllischer Ort in der Nähe von Salzburg – ein See umgeben von Bergen (wie z.B. der Drachenwand aus dem Buchtitel) ist der Schauplatz für Geigers Roman. Dort treffen Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen und aus verschiedensten Richtungen aufeinander. Der junge Soldat Veit Kolbe versucht, sich dort von seiner körperlichen wie seelischen Kriegsverletzung zu erholen. Die Zeit an der Front hat ihre Spuren hinterlassen und so versucht er, die Zeit der Genesung – bevor er wieder zurück in den Krieg ziehen muss – so lange wie möglich hinauszuzögern. In seinem einfachen Quartier trifft er auf die junge Mutter Margot, die es aus Darmstadt ins ruhige Mondsee verschlagen hat. Mit ihrer wenigen Monate alten Tochter wartet sie dort auf ein Lebenszeichen und die Rückkehr ihres Mannes, der ebenfalls im Krieg kämpft und seine kleine Tochter nicht aufwachsen sieht.
Am Ort gibt es ein Jugendlager für verschickte Mädchen und die junge Lehrerin Margarete hat alle Hände voll zu tun, die Gruppe Heranwachsender zu beaufsichtigen und im Zaum zu halten. Doch plötzlich verschwindet ein frühreifes Mädchen aus den Reihen ihrer Schützlinge spurlos. Die ganze Dorfgemeinschaft ist erschüttert und beteiligt sich an der Suche.

Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte und für sie wird der beschauliche Rückzugsort Mondsee ein schicksalshafter Ort, an welchem sie die Endphase des Krieges im Jahre 1944 erleben und abwarten. Es herrscht eine Atmosphäre des Wartens, der Angst, aber auch des Hoffens, der unselige Krieg möge bald enden.

Veit, der durch seine Verwundung und Erfahrungen im Kriegsgeschehen schwer traumatisiert ist und sich nur mit Medikamenten durch den Tag retten kann, findet in einem brasilianischen Gärtner, der in einem Gewächshaus Orchideen und Gemüse anbaut und nachts nicht schlafen kann, weil er das Gewächshaus heizen muss, einen Vertrauten und jemanden, mit dem er sprechen kann.
Mondsee ist für Veit ein Ort, an dem er fernab vom Kriegsgeschehen, ein klein wenig Normalität erfahren kann und mit Margot und der kleinen Lilo sogar wieder fast so etwas wie ein Familienleben führt. Und doch ist da die Trauer über die Kriegsjahre als verlorene Zeit und die Tatsache, dass man nie mehr der selbe Mensch sein wird als zuvor. Veit muss sich erst wieder einen neuen Platz im Leben suchen. Und immer noch ist da die Angst, wieder an die Front zurück geschickt zu werden.

In Briefen der Angehörigen kommt auch das Schrecken und das Leid an anderen Orten – Wien, Darmstadt, Ungarn – zum Ausdruck und so entsteht ein Bild dieser Zeit, das eindrücklich und berührend die Not und den Schmerz der Menschen schildert.

Zentral und besonders eindrücklich waren für mich die lähmende Angst und das Warten – die Schockstarre – der Menschen: Warten auf das Kriegsende, Warten auf Nachricht von den Angehörigen, Warten auf die Rückkehr des Ehemanns, Warten auf ein besseres Leben… dieses Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins und der verlorenen Zeit war für mich die große Klammer des Romans.

Was machen sechs endlos lange Jahre des Krieges mit den Menschen? Welche Überlebensstrategien entwickeln sie? Welche Traumata tragen sie davon? Und wie kann es gelingen, nach vorne zu schauen und dem Leben wieder ein wenig Glück abzutrotzen? Auf diese Fragen sucht Geiger mit seinen Figuren in „Unter der Drachenwand“ eine Antwort.

„Wenn man sich selbst kein Glück bereitet, ist man verloren.“

(S.300)

Und so wünschen sich diese jungen Menschen nicht mehr als Frieden und ein kleines Glück, um zur Ruhe zu kommen und unbehelligt von Schrecken und Krieg einfach nur leben zu können. Diese Sehnsucht nach den einfachen Dingen und einem glückenden Leben – in Geigers Worten und seiner Art zu Erzählen – hat mich sehr bewegt.

„Ruhig wird man erst, wenn man geworden ist, wer man sein soll.“

(S.473)

Ein berührendes Buch, das anhand persönlicher Schicksale im Kleinen, ein großes Stimmungsbild der Kriegsmüdigkeit im Jahre 1944 zeichnet – großartige Literatur, die aufwühlt und zum Nachdenken anregt.

Buchinformation:
Arno Geiger, Unter der Drachenwand
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-14701-9

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Wozu inspirierte mich „Unter der Drachenwand“:

Für den Gaumen:
Eine frische Tomate vom eigenen Strauch gepflückt, am besten noch warm von der Sonne – oft sind die einfachen Dinge die besten.

Für die Ohren:
In die Zeit und die Stimmung des Romans passt für mich die Musik der Comedian Harmonists und vor allem das Stück „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ – als Ausdruck der Hoffnung darauf, dass man nach dem Krieg wieder seinen Platz im Leben findet.

Zum Weiterlesen:
Ein weiterer eindrücklicher Roman aus der Endphase des zweiten Weltkriegs, der sich literarisch einem anderen, grausamen Kapitel des Krieges widmet, ist Roman Rauschs Roman „Bombennacht“, der die Stunden vor und nach der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 beschreibt.

Roman Rausch, Bombennacht
Echter Verlag
ISBN: 978-3-429-03885-4