Für immer Au-pair

Mit Emeli Bergman durfte ich wieder einmal eine neue, junge Stimme der skandinavischen Literatur entdecken: Ihr Debütroman „Die andere Seite des Tages“, der in einer wunderbaren Übersetzung von Ursel Allenstein auf deutsch erschienen ist, erzählt von Anna – einer jungen Frau, die es aus Dänemark weg ins große Paris treibt, wo sie über viele Jahre hinweg in unterschiedlichen Familien als Au-pair lebt und arbeitet. In vielerlei Hinsicht führt sie ein einsames Leben im Schatten, eine Existenz am Rande der Gesellschaft bzw. der Familien, die sie anstellen.

Anna sucht in Paris auch einen Neuanfang und möchte vergessen, denn sie hat ihren Bruder verloren, der an einer Überdosis starb.

„Sosehr es einen in die Verzweiflung treibt, wenn man sich nicht mehr erinnert, so schön ist es auch, wenn sich eine Erinnerung nähert und zurückkehrt.“

(S.142)

So bewirbt sie sich als Au-pair und wechselt über die Jahre – die Zeit vergeht schnell und eine Anstellung reiht sich an die nächste – mehrmals die Familien. Sie hat ein Händchen für den Umgang mit Kindern und meist kommt sie aufgrund ihrer Unkompliziertheit und Genügsamkeit gut zurecht.

„Ich liebte die Mädchen, so wie ich alle Kinder liebte, auf die ich für längere Zeit aufpasste, ich würde mich immer an sie erinnern, aber wenn ich die Familie wechselte, vermisste ich sie nicht.“

(S.128)

Der Roman führt jedoch eindringlich vor Augen, wie einsam Anna ist – obwohl sie doch immer im Haushalt der Gastgeber lebt. Sie gehört nicht dazu, ist nicht Teil der Familien, sondern Angestellte, schlecht bezahltes Personal – die moderne Version der Dienstmagd. Meist haust sie in ungastlichen, beengten Zimmern mit wenig Licht. Ihr Alltag ist fremdbestimmt, durchgetaktet und vorgegeben durch den Zeitplan der Familie – da bleibt wenig Freiraum für Freizeit, andere Kontakte oder eigene Hobbys.

„Das ist der ehemalige Dienstbotentrakt, hatte Jon mir mit ironischer Stimme erklärt: dass ich dort wohnen würde, wo früher das Gesinde wohnte. Als wäre ich das nicht. Weil ich zu alt bin, um ihr Dienstmädchen zu sein? Weil diese Zeiten zu alt sind? Weil Jon Däne ist und Dienstboten heute anders genannt werden müssen. Babysitter, Au-pair oder Putzhilfe.“

(S.29)

So manches Familienmitglied gibt sich nicht einmal die Mühe, sich ihren Namen zu merken und spricht sie gar mit dem der Vorgängerin an – als Au-pair scheint sie sich gleichsam einzureihen in eine Folge beliebig austauschbarer Mädchen. Die wenigsten Arbeitgeber interessieren sich für sie und ihre Bedürfnisse, wissen nichts von ihr – wohingegen sie bei vielen als Seelsorger und Mülleimer funktionieren soll und immer ein offenes Ohr haben muss, wenn sich zum Beispiel eine Mutter bei ihr ausweinen möchte.

Während sie selbst intimste Details aus dem Leben der Familie erfährt und im wahrsten Sinne des Wortes deren Unterwäsche waschen muss, bleibt sie eine Fremde, eine Randfigur, ein lautloser Schatten, der stets im Hintergrund bleibt, obwohl sie doch eigentlich Liebe und Nähe suchen würde.

„Ich fand es nicht lustig, dass er keine Lust hatte, für mich aufzustehen, und wenn man sein Kind wahlweise als unmöglich oder genial bezeichnete, erschien mir das nur wie ein Vorwand, um es nicht kennenlernen zu müssen.“

(S.11)

Bergmans feine Sprache – und auch die hervorragende Übersetzung durch Ursel Allenstein – liest sich wunderbar und ist stilistisch wirklich schön: Ein sehr moderner, klarer und doch poetischer Klang ohne Schnörkel, der vieles in sorgsam gewählten Formulierungen auf den Punkt bringt.

Der Ecco Verlag hat ein Umschlagbild gewählt, das mich während und auch nach der Lektüre noch beschäftigt hat: ein leeres Goldfischglas auf der Kante eines alten, abgewetzten Tisches. Ein schlichtes und doch ausdrucksstarkes Bild und je länger ich darüber grübelte, was es mir sagen möchte oder wie ich es in Verbindung mit Annas Geschichte bringen kann, um so mehr fiel mir dazu ein: Es strahlt etwas Trostloses, Einsames, Wackliges aus – eine Existenz auf der Kante, eine kleine Bewegung und das Ganze könnte ins Kippen geraten. Aber da ist auch die Leere und die Enge, die ein Fisch im Glas vielleicht empfinden würde – ein fremdbestimmtes Leben in einer Umgebung, die man vermutlich nicht selbst gewählt hat. Vielleicht sollte das Au-pair-Dasein von Anna mit dem Leben eines Goldfischs im Glas verglichen werden – das war zumindest meine Assoziation zum Bild – wohlgemerkt nach der Lektüre.

Die Lektüre berührt und stimmt traurig, denn Bergman gewährt der Leserschaft einen sehr tiefen Blick in die Seele ihrer Hauptfigur, die schutzlos und verletzlich ist und immer wieder äußerst unangenehme, entwürdigende und teils gefährliche Situationen aushalten und meistern muss, die man ihr gerne ersparen würde.

Anna gibt und gibt und gibt – ihre Selbstlosigkeit wird unter anderem auch in einer Szene besonders deutlich, in der sie Blut spendet und auch dabei großes Glück empfindet, etwas geben zu können – ohne etwas zurückzubekommen.

„Wie viele Stunden hatte ich schon mit den Mädchen verbracht? Mehr als ihre Mutter, viel mehr als ihr Vater.“

(S.117)

Ein Buch wie ein Au-pair-Aufenthalt: kurz und heftig, der für manche den Blick aufs Leben verändern und eine neue Perspektive geben kann.

Ein Roman, der beschreibt wie einsam und mutterseelenallein man selbst unter Menschen oder in einer Familie sein kann. Distanz, Ignoranz, fehlende Empathie, Ausgrenzung und Klassenunterschiede – Emeli Bergman hat in ihrem Debüt auf nicht einmal ganz 200 Seiten ihren Finger in viele Wunden der heutigen Zeit gelegt und ein ausdrucksstarkes, intensives Portrait einer jungen Frau gezeichnet, die sich ihren eigenen Weg und ihren persönlichen Platz im Leben erst noch suchen und erkämpfen muss.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Ecco Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Emeli Bergman, Die andere Seite des Tages
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0068-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Emeli Bergmans „Die andere Seite des Tages“:

Für den Gaumen:
Anna ist oft nicht nur für die Kinderbetreuung, sondern auch fürs Kochen zuständig. Häufig kocht sie Gerichte, von denen sie selbst gar nichts essen darf oder abbekommt. Um so mehr genießt sie es, während eines Besuchs bei ihrer Mutter ausnahmsweise wieder selbst bekocht zu werden – und zwar mit einem richtigen Wohlfühlessen:

„Er reicht mir die Salatschüssel, die Lasagne schmeckt himmlisch, und es ist himmlisch, etwas zu essen, das für mich zubereitet wurde.“

(S.64)

Zum Weiterlesen (I):
Anna begegnet in den unterschiedlichen Haushalten auch verschiedenen Büchern – so fällt ihr in einer Familie zum Beispiel Emily Brontës Klassiker „Wuthering Heights“ oder auf deutsch „Sturmhöhe“ in die Hände. Diese Lektüre ist bei mir schon ziemlich lange her:

Emily Brontë, Sturmhöhe
Aus dem Englischen von Grete Rambach
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35718-6

Zum Weiterlesen (II):
Schon seit einiger Zeit steht die schöne Manesse-Ausgabe des Klassikers „Walden“ von Henry D. Thoreau in meinem Regal und wartet geduldig darauf, dass ich es endlich, endlich lese. Auch „Walden“ ist so ein Buch, das in einem der Haushalte, in dem Anna arbeitet, ihren Weg kreuzt:

Henry D. Thoreau, Walden oder Vom Leben im Wald
Aus dem Amerikanischen Fritz Güttinger
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2508-0

Auf die herbstliche Alb

Auf eine wunderbare Zeit- und Herbstreise durch die schwäbische Alb nimmt Uta-Maria Heim ihre Leserschaft in ihrem neuesten Roman „Albleuchten – Eine Herbstreise 1790“ mit. Was geschehen kann, wenn ein Tübinger Student mit seinen Kommilitonen Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel von Tübingen über Reutlingen, Urach und Blaubeuren nach Ulm wandert und auf diesem Weg auch noch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Karoline von Günderrode trifft, kann man in diesem stimmungsvollen Buch erfahren. Man bekommt einen großartigen Eindruck von dieser Zeit des Auf- und Umbruchs und kann erahnen, wie sehr sich die Welt damals – ein Jahr nach der französischen Revolution – veränderte.

„Wir wurden in eine stürmische Epoche hineingeboren, in der eine Revolution die andere jagt. Ihr werdet schon sehen. Die großartigste und beachtlichste ist bislang die Bildungsrevolution, durch die auch unser schönes Württemberg wacker hindurchgeht.“

(S.329)

In den Herbstferien 1790 macht sich der Theologiestudent Friedrich August Köhler – im Roman kurz Fritzle – gemeinsam mit Friedrich – alias Fritz – Hölderlin und dem „Alten“ Hegel auf eine Wanderung von Tübingen nach Ulm. Er möchte die Schwäbische Alb erkunden, um anschließend seine Eindrücke und Beobachtungen in einem topographisch-historischen Werk über die Region Württemberg zu verarbeiten. Während er mit offenen Augen ganz genau Land und Leute beobachtet, verstricken sich seine Reisebegleiter immer wieder in philosophische Diskussionen.

„Selbst wenn die Freundschaft endlich erscheint, werden hier unter engsten Vertrauten lärmend Perspektiven ausgehandelt, Zukunftsträume ausgemacht, Felder abgesteckt, Rollen verteilt und Grenzen ausgelotet – ein Gerümpel und Getrappel, das mich ausschließt.“

(S.366)

Köhler fühlt sich bei vielen Gesprächen außen vor, verfolgt aber zielstrebig seine eigene Agenda, so viele Beobachtungen und Informationen wie möglich für sein ehrgeiziges, literarisches Projekt zu sammeln.

Als dann auch noch der frühreife Schelling zu ihnen stößt, der sofort seinen Spitznamen Gscheitle wegbekommt, und sich die Wandergruppe noch durch die junge Karoline von Günderrode erweitert, die wohl von zu Hause ausgerissen ist und mit ihnen nach Ulm möchte, wird es eine turbulente, lebhafte Reise, die allen lange im Gedächtnis bleiben wird.

„Ich muss Religons-, Gebiets- und Landesgrenzen überwinden. Dort sind Bestechung, Bedrohung und Betrug gang und gäbe. Überall treiben sich Lumpen und Spitzbuben herum, Pack und Geziefer jeder Couleur. Zudem sind mässig obskure Gestalten, Poltergeister, Scheintote, Hexen und Gauner unterwegs, nachts spukt es in den Wäldern, in den Gasthöfen gespenstert Gesindel.“

(S.14)

Uta-Maria Heim hat sichtlich Gefallen daran, den Dialekt und die zeitlichen und regionalen Besonderheiten in ihre Sprache einfließen zu lassen. So wählt sie teils antiquierte Formulierungen oder schwäbische Einsprengsel, um den richtigen Klang und Ausdruck für die Unterhaltungen zwischen den Figuren zu treffen. So wird Verschlupferles gespielt, schwäbisch geflucht, aber stellenweise auch aus Originalwerken von Hölderlin und Hegel zitiert.

Besonders gefallen hat mir die Sinnlichkeit des Romans und die atmosphärischen Beschreibungen der Landschaft, der Zeit und der Figuren: Begleitet vom Duft des Pferdemists und Apfelmosts wandert man gedanklich mit Köhler, Hölderlin und Co. über die Streuobstwiesen, sieht beim Pilze sammeln zu, hört das Vogelgezwitscher und schmeckt das frisch gebackene Brot aus den Backhäusern und das abgekochte Zisternenwasser, das in der teils wasserarmen Region besonders wertvoll war. Heim beschreibt die Kleidung, die Lebensführung und den harten Alltag in der Landwirtschaft detailliert und präzise.

Zudem folgt man im gemütlichen Wanderschritt den philosophischen Überlegungen und Gedankengängen der Protagonisten, schnuppert die Luft des deutschen Idealismus und setzt sich auf leichtfüßg-spielerische Art ein wenig mit Hegel, Schelling und Kant auseinander.

Man kann nur erahnen, wie viel Zeit und Mühe die Autorin in die Recherche investiert hat, denn es steckt eine unglaubliche Fülle an kleinen Episoden, regionalen Bräuchen und Besonderheiten und zeitgeschichtlichen Informationen im Werk. Doch gerade deshalb gewinnt das Buch an Authentizität und zeichnet ein schillerndes, opulentes Gemälde der Gesellschaft, der Zeit, der Lebensweise und der Stimmung des Jahres 1790.

Ein leuchtendes, facettenreiches Herbstbuch, das wie gemacht ist für länger werdende Abende, wenn draußen das Licht die bunten Blätter glänzen lässt und man sich gerne gemütlich mit einer Decke und einer Tasse Tee in den Lesesessel kuschelt.

Aber „Albleuchten“ ist – inspiriert durch die Hauptfigur Friedrich August Köhler (1768 – 1844) – auch ein Buch, das gut als Reise- oder Wanderführer ins Gepäck für den nächsten Ausflug in die Schwäbische Alb passt, weil man viel Interessantes über die Region, die Geschichte, die Landschaft und das Leben auf der Alb des 18. Jahrhunderts erfahren kann. Heim hat es ihrem Romanhelden Köhler im Grunde gleich getan und hat mehr als 200 Jahre später ein ebenso vielschichtiges und erhellendes Werk über Land, Leute und Sehenswürdigkeiten verfasst.

„Albleuchten“ war für mich eine ideale Herbstlektüre: Stimmungsvoll, atmosphärisch und herrlich entschleunigend. Ein wohltuendes, kluges Buch für Bildungshungrige und Neugierige, die ähnlich wissensdurstig sind wie die Wandergefährten im Roman und sich am üppigen Füllhorn von Anekdoten, regionalen Informationen und Geschichten, die Heim in den Roman hat einfließen lassen, erfreuen können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uta-Maria Heim, Albleuchten – Eine Herbstreise 1790
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0225-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uta-Maria Heims „Albleuchten“:

Für den Gaumen (I):
Sehr zu meiner Freude beschreibt Uta-Maria Heim auch immer wieder ausführlich die Kost und die Verpflegung während der Wanderung – manchmal karg, aber manchmal auch etwas opulenter, wenn sie zum Beispiel die Gastfreundschaft von Familie und Bekannten erfahren dürfen, bei welchen sie Quartier bekommen:

„Wir essen in der guten Stube. Zur Feier des Tages hat die Mutter den Tisch reich gedeckt. In der Mitte steht eine Schale mit Äpfeln, Birnen und kleinen, sauren Trauben. Zur Vorspeise gibt es Flädlesuppe. Die Flädle sind goldbraun und so dünn, dass man hindurchsehen kann. (…) Danach wird Schwarzer Brei serviert. Obwohl meine Eltern nicht von der Alb (…) stammen, gehört dieses simple Traditionsgericht aus grießig gemahlenem Mehl zu ihren Leibspeisen. (…) Weizen, Dinkel und Hafer rührt man in kochendes Salzwasser ein, gibt Milch dazu, verkocht alles zu einem braunen Mus und übergießt es mit geschmälzten Zwiebeln.“

(S.27)

Für den Gaumen (II):
Auch über die Geschichte der Maultaschen – gerne kombiniert mit einem Glas oder Krug Trollinger – kann man in „Albleuchten“ mehr erfahren.
Auf dem Blog Schätze aus meiner Küche findet man ein Rezept für Schwäbische Maultaschen.

Zum Weiterhören oder Weitersingen:
Eine Kindheitserinnerung wurde geweckt durch das Zitieren des Liedes „In Mueders Stübele“ – ein Lied, das auch ich als Kind gesungen habe (In Mutters Stübele, da geht der hm, hm, hm) – allerdings nicht im Schwarzwälder Dialekt.

Zum Weiterlesen:
Friedrich Hölderlin möchte sich auf der Wanderung Inspiration für seinen Roman suchen und zwar für „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“, der 1797 erschien:

Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland
Reclam
ISBN: 978-3-15-000559-0

Zum Weiterlesen (II) und als kleine poetische Zugabe:
gibt es noch ein Gedicht der weiteren Wandergefährtin Karoline von Günderrode (1780 – 1806):

An Creuzer

Seh‘ ich das Spätroth, o Freund, tiefer erröthen im Westen,
Ernsthaft lächlend, voll Wehmuth lächlend und traurig verglimmen,
O dann muß ich es fragen, warum es so trüb wird und dunkel,
Aber es schweiget und weint perlenden Thau auf mich nieder.

(Karoline von Günderrode)

Theaterträume

Im Herbst nach der Sommerpause wächst die Lust und die Vorfreude auf die neue Theaterspielzeit. Um die Zeit etwas zu verkürzen und sich auf den nächsten Theaterbesuch einzustimmen, ist Lili Grüns Roman „Zum Theater!“, der 1935 als Originalausgabe unter dem Namen „Loni in der Kleinstadt“ erschienen ist, die perfekte Lektüre.

Loni lebt in Wien und träumt von einer großen Theaterkarriere. Während sie in einem Hutgeschäft ihren Lebensunterhalt verdient, abends als Statistin arbeitet und Schauspielunterricht bei einem ihr wohlgesonnenen Professor nimmt, träumt sie von großen Rollen und einem Engagement an einem renommierten Theater.

Doch die Saison hat schon fast begonnen und mit dem Vorsprechen bzw. einer Anstellung hat es nicht geklappt. Sprichwörtlich in letzter Minute und wie es der Zufall will, begegnet sie bei einem Termin bei einem Agenten einem jungen, aufstrebenden Theaterdirektor. Zwischen den beiden stimmt die Chemie und es funkt sofort. Peter Spörr verguckt sich in Loni und verschafft ihr ein Engagement an seinem Theater und nimmt sie mit nach Mährisch-Niedau.

Aber wo um Himmels willen ist Mährisch-Niedau?
Von solchen Fragen lässt sich Loni nicht verunsichern, denn schließlich bekommt sie ihr erstes Engagement. Sie darf richtige Rollen spielen und entkommt ihrem ungeliebten Job als Modistin. Keine unpassenden Hüte mehr an reiche Damen verkaufen, keine Statistenrollen mehr – Loni zieht es hinaus in die Welt … oder eben nach Mährisch-Niedau.

Logiert wird im Hotel und die junge Liebe tröstet über so manches Übel hinweg. Loni lebt ihren Traum. Sie erlebt und überlebt anstrengende Proben, Lampenfieber, Eifersüchteleien und Affären zwischen den Ensemblemitgliedern.
Schnell wird klar, dass in der Theaterwelt hinter dem Vorhang nicht alles Gold ist, was glänzt und Loni wird teils schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Bretter, die die Welt bedeuten, können auch ganz schön hart sein. Und statt der ersehnten großen Rollen in den großen Dramen von Schiller oder Hauptmann, spielt sie bald zunehmend das junge, hübsche Mädel in „blöden Lustspielen“ (S.100) oder was sie selbst als „brauchbaren Kitsch“ (S.100) bezeichnet.

„Aber Sie haben mir nichts davon gesagt, daß es ‚brauchbaren Kitsch‘ geben muß, ‚daß die Leute abends lachen wollen‘ und daß der Herr Gemeindesekretär das Programm machen wird. Sie haben mir nichts davon gesagt, daß ich schöne Beine habe und daß ich im zweiten Akt, wenn ich ohnmächtig werde, von meinem Partner unbedingt so hinausgetragen werden muß, daß man meine Beine sieht…“

(S.103)

Auch mit ersten harschen Kritiken muss sie lernen umzugehen, sich mit schwierigen Kolleginnen und Kollegen arrangieren und sich viel in Textbücher vergraben, um in kurzer Zeit diverse Rollen einzustudieren.
Nicht selten klagt sie ihr Leid in Briefen an ihren geliebten Schauspiellehrer und Mentor in der Heimat und doch beißt sie sich durch, hat Erfolg und bekommt Applaus und Zuneigung des Publikums.
Doch auch die Saison in Mährisch-Niedau geht einmal zu Ende und was wird dann kommen?

„Das Leben ist: immer neue Rollen lernen müssen, die man zuerst nicht lieb hat, und die man doch liebgewinnen muß. Abend für Abend auf der Bühne stehen und immer mit zitternden Nerven kämpfen. Das Leben ist: manchmal ab 25. hungrig sein …“

(S.135)

Mir hat der frische, freche und lebendige Stil der Autorin sehr gefallen. Mit ihrer Art zu Erzählen hat sie mich sofort für sich eingenommen – das liest sich herrlich leichtfüßig und amüsant.
Man spürt, dass Lili Grün, die selbst als Schauspielerin und Kabarettistin gearbeitet hat, wusste, wovon sie schrieb. Die unstillbare Sehnsucht nach der Theaterkarriere, der Traum von großen, dramatischen Rollen und der Aufprall in der Realität, die sich doch oft ganz anders gestaltet: Das hat sie in „Zum Theater!“ wunderbar herausgearbeitet.

Für Theaterfans ist es ein wahres Vergnügen, einmal hinter die Kulissen des Theaterbetriebs eines kleinen Hauses mit begrenzten Möglichkeiten zu blicken.
Verknüpft mit einer Liebesgeschichte und in Kombination mit teils schrulligen, aber überwiegend sehr sympathischen Figuren, macht die Lektüre einfach Spaß und hebt die Laune wie ein schöner, unterhaltsamer Theaterabend.

In einem ausführlichen Nachwort der Herausgeberin Anke Heimberg erfährt man zudem dankenswerterweise auch mehr über die Lebensgeschichte der Autorin und ihre Werke. Die Jüdin Lili Grün, die 1904 in Wien geboren wurde und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet wurde, war selbst nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Schauspielerin. Sie gilt als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit und wurde häufig auch in einem Atemzug mit Irmgard Keun genannt. Ihr bekanntestes Werk ist wohl ihr Debütroman „Herz über Bord“ aus dem Jahr 1933, der mittlerweile ebenfalls bei AvivA als Neuausgabe mit dem Titel „Alles ist Jazz“ erschienen ist.

Buchinformation:
Lili Grün, Zum Theater!
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-932338-47-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lili Grüns „Zum Theater!“:

Für den Gaumen:
Durch die Lektüre habe ich ein wunderbares Wort kennengelernt: nachtmahlen. Herrlich, wenn man beim Lesen auch noch neue Worte entdecken darf.

„Was willst du nachtmahlen? (…) „Eierspeise mit Butterbrot“, sagte sie vergnügt.“

(S.76)

Zu einem Theaterbesuch:
Das Buch macht definitiv Lust auf einen Theaterbesuch und weckt die Fantasie, sich dabei vorzustellen, was hinter den Kulissen wohl alles so vor sich gehen mag. Vielleicht kann es ja auch den einen oder anderen Theatermuffel neugierig machen. Für leidenschaftliche Theaterverrückte wie mich ist es auf jeden Fall ein wunderbares Buch, um die Wartezeit zur ersten Aufführung der neuen Spielzeit zu überbrücken: Im Landestheater Niederbayern steht für mich bald die Boulevardkomödie „Boeing, Boeing“ von Marc Camoletti auf dem Plan – ich freue mich schon darauf.

Zum Weiterlesen (I):
Eine Rolle, die Loni intensiv studiert und nur allzu gerne auf einer großen Bühne vor Publikum spielen würde, ist das Hannele aus Gerhart Hauptmanns Drama „Hanneles Himmelfahrt“, das 1893 im königlichen Schauspielhaus Berlin uraufgeführt wurde. Heute ist das Stück nicht mehr häufig auf den Spielplänen zu finden und auch ich kenne das Stück über ein 14-jähriges Mädchen, das im Sterben liegt und Fieberträume hat, bisher nicht – gemäß der Inhaltsangabe ein schwerer, tragischer Stoff.

Gerhart Hauptmann, Hanneles Himmelfahrt
Henricus
ISBN: 978-3847843696

Zum Weiterlesen (II):
Für mich ist Lili Grüns erster Roman „Herz über Bord“ bzw. „Alles ist Jazz“ jetzt auf alle Fälle auf meine Wunschliste gewandert. Darin sucht die Wiener Schauspielerin Elli ihr Glück in Berlin und feiert schließlich Erfolge im Kabarett.

Lili Grün, Alles ist Jazz
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-949302-12-1

Grenzerfahrung

Winter, eine verschneite Berglandschaft und eine Frau mit einem Begleiter im Schlepptau bahnt sich den Weg durch den Schnee – sie möchte zur Grenze. Raus aus Deutschland, raus aus der Angst und der Gefahr, der sie als Jüdin tagtäglich ausgesetzt ist. Grete Weil hat 1944/45 in einem Amsterdamer Versteck ihren ersten Roman „Der Weg zur Grenze“ verfasst, der jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Ein Werk, das stark autobiografisch geprägt ist und in dem die Hauptfigur – die junge Monika Merton – 1936 versucht, aus Deutschland zu fliehen. Ihrem eher zufälligen Begleiter, dem Dichter Andreas von Cornides, erzählt sie ihre Geschichte.
Sie erzählt von ihrer Kindheit, in welcher sie behütet in einem bildungsbürgerlichen und wohlsituierten Elternhaus aufwächst und von ihrem Vater an Literatur, Musik und Oper herangeführt wird. Bereits als junges Mädchen entwickelt sie eine große Zuneigung zu ihrem Vetter Klaus und aus zarten Gefühlen wird schließlich Liebe.

„Du und ich, wir werden uns immer wieder an dieser Flamme verbrennen, wir sind ja viel zu süchtig nach Leben um heil zu bleiben.“

(S.79)

Monika und Klaus heiraten, doch die politische Situation und die Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung verschlechtern sich dramatisch und drastisch und überschatten so das Glück der beiden. Klaus wird verhaftet, ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er schließlich verstirbt.

„Um glücklich verheiratet zu sein, bedarf es einer Reife, die aus der Gebundenheit die tiefste Freiheit zu machen weiß, und einer bewussten Lebensführung, die den Bund für die Mitwelt zum liebenswerten Kunstwerk, für die beiden, die ihn eingegangen sind, aber zur ewigen Quelle des Lebens werden lässt.“

(S.161)

Monika bleibt allein zurück, entschließt sich zur Flucht und macht sich auf den „Weg zur Grenze“.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein Buch über Menschlichkeit, Haltung und Moral, aber auch über die Liebe – wenn auch eine meist unerfüllt-unglückliche – mit interessanten philosophischen Gedankengängen und Ausführungen.
Der Roman lebt stark auch durch viele Szenen, in welchen rege Diskussionen in intellektuellen Kreisen bzw. zwischen den Figuren geführt werden.
Im Buch wird debattiert, gehadert und um Erklärungen gerungen.
So wird zum Beispiel auch über das Pro und Contra der Todesstrafe diskutiert oder man begegnet einem Soldaten, der damit hadert, einen Tötungsbefehl gegeben zu haben.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein wichtiges und eindrückliches Buch, für das man jedoch Kraft braucht, das nichts für zarte, empfindsame Seelen ist und für das man sich Zeit und einen ruhigen Moment nehmen sollte. Es ist schonungslos, direkt und legt die Finger in die riesengroßen Wunden der damaligen Zeit. Ein schmerzhaftes Buch, welches das Grauen unmittelbar thematisiert und beim Namen nennt. Es behandelt Flucht, Suizidversuche, Deportation, Morde und Gewalt ebenso wie die Verhältnisse in den Konzentrationslagern – geschrieben 1944/45 von einer Frau, die zu dieser Zeit in einem kleinen Amsterdamer Versteck sitzt, täglich um ihr Leben fürchtet und bereits ihren Mann verloren hat, der 1941 im KZ Mauthausen ermordet wurde.

„Ihre Nerven, aus dem Erbgut jahrhundertelanger Verfolgung aufs Feinste gestimmt, wussten besser als sie selbst, wie groß der Segen ist, wenn die Ausübung von Humanität Ruhe und Atempause, Sammlung und menschenwürdiges Dasein für eine Zeitlang verbürgt. Ihr Verstand freilich dachte skeptisch darüber, und zehn Millionen im Namen der Zivilisation ermordeter Leichen machten den Glauben unmöglich.“

(S.116/117)

Autofiktional erzählt sie verschlüsselt ihre eigene, tragische Geschichte in einer Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann und möchte.
Zugleich ist es ein intelligentes, philosophisches Buch mit wunderbaren, klugen und klaren Sätzen – und für die Autorin wohl auch ein therapeutisches Buch, in dem sie versuchte, sich Leid, Trauer und Schmerz von der Seele zu schreiben – ein Versuch das Unfassbare zu verarbeiten und Erklärungen für das Unerklärbare zu finden.

„Ich glaube nicht daran, dass es Ideen gibt, die immer und unter allen Umständen richtig sind. Darum möchte ich die Welt so ansehen, mit etwas zusammengekniffenen Augen, damit die Sterne ein wenig verschwimmen, ineinanderfließen zu einer Helligkeit und ich nicht glauben muss, dass meine Sonne die einzige Quelle der Wärme ist. Bei allem Ernst möchte ich ungern auf die Ironie verzichten, die den letzten und schrecklichsten Dingen die Spitze abbricht.“

(S.85)

Es ist ein wichtiges, eindrucksvolles Zeitzeugnis und ein Werk gegen das Vergessen, das jetzt endlich – nach so langer Zeit – den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat.
Ein flammender Appell an Zivilcourage und Menschlichkeit:

„Glaubst du“, fragte sie, stand auf und stellte sich neben ihn, „dass die Opfer schuldlos sind? Wir alle, du und ich und auch Klaus, haben es soweit kommen lassen, ohne ernstlich etwas dagegen zu tun. Wir haben mit in den Schoß gelegten Händen zugesehen, wie die Dämonen über unser Land gekommen sind. Die Sorge um Deutschland hat uns nicht um unsern Schlaf gebracht. Wir haben vorgegeben, Leben und Freiheit zu lieben, und waren zu faul, von unseren weichen Betten aufzustehen.“

(S.336)

Abgerundet wird die Ausgabe durch eine editorische Notiz und ein interessantes Nachwort der Herausgeberin Ingvild Richardsen, das die Entstehungsgeschichte des Werks sowie die autobiografischen Bezüge des Romans zu Grete Weil’s Lebensgeschichte herausarbeitet.
Grete Weil (1906 – 1999) wurde zu Lebzeiten unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis, dem Tukan-Preis der Stadt München und der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Grete Weil, Der Weg zur Grenze
C.H.Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-79106-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“:

Für den Gaumen:
Auf der Flucht bewirtet Monika ihren Begleiter Andreas auf einer Berghütte noch ziemlich fürstlich:

„Es gab Brot und Wurst, harte Eier, Schinken, Sardinen, Orangen, Äpfel und Kuchen, Rosinen, Mandeln und Haselnüsse, Tee und Cognac (…)“

(S.25)

Zum Weiterhören:
Als Weihnachtsgeschenk und als Zeichen seiner Liebe schenkt Klaus Monika Schallplatten von Mozart’s „Requiem“ – Musik, die beiden sehr viel bedeutet:

„(…) die Orgel ertönte, und es war alle Trauer, aber auch alle süße Freude der Welt in dieser Musik.“

(S.198)

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
In friedlichen Zeiten geht Monika auch gerne ins Theater – unter anderem besucht sie eine Aufführung von Shakespeare’s „Romeo und Julia“:

„Er hat zwei Karten für ‚Romeo und Julia‘ erstanden, das in dem Ausstellungstheater gegeben wird, und es dauert nicht lange, bis die beiden Kinder nebeneinander sitzen und zusammen den süßesten, innigsten Liebesworten lauschen, die je gesagt wurden.“

(S.34)

Zum Weiterlesen:
Meine Lektüre von Anne Frank’s Tagebuch liegt viele Jahre zurück – ich habe es während meiner Schulzeit gelesen. Und vieles der Entstehungsgeschichte von Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“ erinnert auch ein wenig an dieses berühmte Buch. Schließlich schrieb Weil den Roman ebenso unter widrigen Umständen in einem Amsterdamer Versteck. Natürlich lässt sich der Tonfall der erwachsenen Frau, die in Romanform ihre Erfahrungen verarbeitete, nicht mit der Tagebuch-Form der jugendlichen Anne Frank vergleichen und doch handelt es sich um zwei Zeitzeugnisse und wichtige Mahnmale gegen das Vergessen:

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzerin: Mirjam Pressler
S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397151-4

Zwölf Monate im Jahr 1939

Frauen in der Fremde – das Jahr 1939 treibt viele Künstlerinnen ins Exil – Unda Hörner schildert in ihrem neuen Buch „1939 – Exil der Frauen“ stellvertretend die Geschichten einiger dieser Frauen: von Hannah Arendt, über Erika Mann bis hin zu Marlene Dietrich oder der Fotografin Lotte Jacobi.

Was bedeutet es, fremd zu sein, alle Brücken hinter sich abzubrechen und fernab der Heimat einen Neuanfang zu wagen.
Helene Weigel, Else Lasker-Schüler oder auch Luise Mendelsohn machten genau diese Erfahrungen und die Autorin begleitet sie dabei. In Anekdoten und kurzen Szenen wirft sie Schlaglichter auf entscheidende aber auch alltägliche Momente des Jahres 1939.

Zudem erfährt man wie Simone de Beauvoir im Café de Flore ihr Kriegstagebuch führt, Milena Jesenská sich in Prag dem Widerstand anschließt, Frida Kahlo einer wichtigen Ausstellung in Paris entgegenfiebert oder woher die Idee zu Bertolt Brecht’s „Mutter Courage“ stammt.

Ein bunter Bilderbogen, der wimmelbildartig anhand expressiver Augenblicke einen Querschnitt durch die intellektuelle weibliche Künstlerszene und Gedankenwelt des Jahres 1939 auffächert und die Stimmung, die Ängste, Sorgen und Nöte sehr gut transportiert. Ein Lesegenuss für alle, die sich für Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte interessieren und gerade auch aufgrund der Tatsache, dass explizit die doch häufig im Schatten stehenden Frauen im Fokus sind, sehr empfehlenswert.

Die Konstruktion in zwölf Monatskapiteln die Geschichte des Jahres 1939 zu erzählen und die Frauen immer wieder über mehrere Stationen hinweg durch dieses schicksalshafte Jahr zu begleiten, ist in meinen Augen sehr gelungen umgesetzt und lässt das Buch – trotz vieler, schnell wechselnder unterschiedlicher Szenen und Momentaufnahmen – insgesamt sehr rund wirken bzw. schafft einen ruhigen, geordneten Rahmen.

Wie bereits bei den ersten Bänden der Reihe wurde als Umschlagbild eines der ausdrucksstarken Gemälde der Künstlerin Tamara de Lempicka gewählt, das wunderbar zu Zeit und Inhalt passt und so auch die optische Aufmachung sehr wertig und ansprechend gestaltet.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt, kann erahnen, dass ich mich immer wieder gerne literarisch mit der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre beschäftige. So ist es kein Wunder, dass mich auch Unda Hörner’s Buch über die starken Künstlerinnen im Jahr 1939 und ihre Lebens- und Fluchtschicksale fasziniert, informiert und doch auch aufgrund des flüssigen Erzählstils zugleich unterhalten hat.

Einiges weiß man, wenn man sich schon öfter mit dieser Epoche befasst hat und hat man vielleicht auch schon einmal gehört oder gelesen. Und dennoch ist die Lektüre in jeder Hinsicht lohnend und aufschlussreich. Zudem begegne ich nicht nur mir bekannten Büchern und literarischen Querbezügen, sondern sauge gerne auch immer neue, weiterführende Lesetips auf wie ein Schwamm und füge sie meiner geistigen Lesewunschliste hinzu. Und da hat das Werk auch wieder Vieles zu bieten.

Allen, die sich vielleicht ein erstes Mal dem Thema widmen oder noch nicht so vertraut sind mit der weiblichen Kunst- und Kulturszene der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, kann das Buch eine schöne erste Orientierung und weitere Impulse geben.

Wer also gerne mehr über Anna Freud in London, Helene Weigel in den Stockholmer Schären, Else Lasker-Schüler in Israel oder Annemarie Schwarzenbuch in Afghanistan erfahren möchte, der liegt mit Unda Hörner’s neuem Sachbuch goldrichtig. Doch die dunklen Wolken, die Bedrohung, Verfolgung und die Existenzängste sind steter Begleiter. Der Titel des Buches ist nicht umsonst gewählt, denn die meisten Frauen, die im Zentrum des Werkes stehen, eint eines: sie befinden sich auf der Flucht oder bereits im Exil.

„Wer jetzt unterwegs ist, reist mit kleinem Gepäck und ohne Rückfahrkarte. Wer jetzt in ferne Länder kommt, hat keine Auge für Sehenswürdigkeiten, sondern hofft auf gnädige Einwanderungsbehörden. Und wer sich selbst in Sicherheit weiß, lebt in Sorge um die Zurückgelassenen und mit dem Schmerz über bereits erlittene Verluste – manch einer auch in Angst vor dem langen Arm der Gestapo, der über Grenzen reicht.“

(S.69)

Ein Buch voller Abschiede und Neuanfänge, voll Trauer und Angst, aber auch voller Hoffnung, eine Zeit der Schicksalsschläge und Umbrüche – kaum ein Stein blieb auf dem anderen und doch stellten sich viele intellektuelle, begabte und kluge Frauen ihrem Schicksal und den Herausforderungen und boten die Stirn. Vielleicht vermag „1939 – Exil der Frauen“ auch manchen LeserInnen Inspiration zu bieten, die gerade in der heutigen Zeit wieder sehr gefragt sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass Unda Hörner ihre gut recherchierten und facettenreichen Bücher zu Kultur- und Zeitgeschichte fortsetzt und um weitere Bände ergänzt – denn dies wäre in jedem Sinne bereichernd.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach&simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Unda Hörner, 1939 – Exil der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-268-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Unda Hörner’s „1939 – Exil der Frauen“:

Für den Gaumen:
Helene Weigel ist auch im Stockholmer Exil für das leibliche Wohl der Familie und Brecht’schen Entourage zuständig:

„Die Rezepte ihrer Heimatstadt Wien beherrscht sie wie im Schlaf, Wurstsalat, Strudel und Nockerln und natürlich das klassische Wiener Schnitzel.“

(S.97/98)

Zum Weiterhören:
Für die Musikerin Luise Mendelsohn ist Musik auch im Jerusalemer Exil ein wichtiger Anker – so wie bereits früher in Berlin:

„Musik erfüllte unser Haus“, erzählt Luise Mendelsohn, die studierte Musikerin, jedem Besucher der Jerusalemer Mühle. Auch Einstein frequentierte ihren Berliner Salon, per Segelboot kam er über den See, die Violine an Bord. (…) Er bevorzugte Haydn, was mich verblüffte.“ Luise Mendelsohn liebt Bach. Sie holt ihr Cello hervor und beginnt zu spielen, das berühmte Air.“

(S.22)

Zum Weiterlesen (I) oder vorher lesen:
Bislang hatte ich es noch nicht geschafft, die ersten beiden Bände der Reihe zu lesen, aber das möchte ich jetzt unbedingt bald nachholen, denn Unda Hörner hat bereits mit „1919 – Das Jahr der Frauen“ und „1929 – Frauen im Jahr Babylon“ zwei weitere Jahre und die Geschichten starker Frauen näher beleuchtet:

Unda Hörner, 1919 – Das Jahr der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-169-4

Unda Hörner, 1929 – Frauen im Jahr Babylon
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-213-4

Zum Weiterlesen (II):
Wer Bücher liebt, die sich bestimmten Jahren oder Jahrzehnten widmen, kaleidoskopartig ein Stimmungsbild der jeweiligen Epoche zeichnen und den Zeitgeist durch Anekdoten und eingängige Szenen wieder lebendig werden lassen, dem kann ich auch Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ sehr ans Herz legen, das ich Anfang diesen Jahres auf der Kulturbowle vorgestellt habe:

Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397073-9

Dänische Perspektiven

Zwei Romane, die zusammengehören und doch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, hat die dänische Autorin Helle Helle mit ihren Werken „SIE“ (Originaltitel: de, 2018) und „BOB“ (Originaltitel: BOB, 2021) veröffentlicht, die nun auf deutsch in einer Übersetzung von Flora Fink als Doppelroman „SIE und BOB“ bei Dörlemann erschienen sind.

Im ersten Roman lernt man Mutter und Tochter kennen – im Dänemark der 80er Jahre besucht die Tochter das Gymnasium und kümmert sich zugleich um die kranke Mutter.

„Also fährt sie heute nicht zum Krankenhaus, ihre Mutter meint auch, sie solle nicht jeden Tag den langen Weg auf sich nehmen, sie solle lieber an sich denken und sich zum Beispiel ein großes Plunderteilchen kaufen.“

(S.103/104)

Eine Jugend zwischen Schule, Clique, Musik, Freizeitaktivitäten, erster Liebe und dem Meistern des Alltags ohne die Mutter, die eine Lücke reißt, welche von der Tochter gefüllt werden muss.

Und auch Bob – der Freund und spätere Partner der Tochter – taucht bereits im ersten Band auf – als Teil der Clique. Später wird er im zweiten Roman „BOB“ selbst im Zentrum der Erzählung stehen. Denn während seine Freundin bereits zu wissen scheint, was sie will und an konkreten Zukunftsplänen arbeitet, weiß er nur, was er nicht will, lässt sich ohne klare Richtung treiben, stromert durch Kopenhagen und beginnt schließlich als Aushilfe in einem Seemannshotel am Nyhavn zu jobben.
Der Alltag, Geldsorgen, die Enge der kleinen gemeinsamen Wohnung – all das belastet die noch junge Beziehung zunehmend.

Die Romane und die Sprache erinnern an dänisches Design: sehr reduziert, puristisch, minimalistisch und doch sehr natürlich.
Helle Helle arbeitet sehr ausgeprägt mit Sinneswahrnehmungen aller Art: Beobachtungen, Geräusche, Gerüche – die Lektüre wird so gleichsam zum sinnlichen Erlebnis.

„Die Felder rauschten, die altbekannten Lerchen sangen. Es war jedes Wochenende wieder dasselbe. Er wollte dabei sein, und er wollte nicht dabei sein. Fühlte sich höher als high und ganz weit unten. Doch wer wusste, womit andere sich herumschlugen. Einer in der Clique hatte seine Schwester verloren.“

(S.216)

Die Lektüre erfordert Konzentration und man muss schauen, dass der Text nicht einfach so an einem vorbeirauscht. Denn vieles scheint auf den ersten Blick unspektakulär, geradezu alltäglich und doch ist zwischen den Zeilen so manche wichtige Aussage und so manche Perle versteckt.

„Seine Mutter hat Sauerteigbrot gebacken, es liegt unter einem Tuch in der Küche. Sie decken den Tisch mit Tassen und Butter, kochen auch Tee, heben den Wein für später auf. Sie lachen viel und reden über alles Mögliche, auch die Zukunft, bis auf sie schließen alle im Sommer die Schule ab, aber niemand will sofort studieren. Zuerst wollen sie von zu Hause ausziehen, vielleicht gründen sie eine Wohngemeinschaft. Sie sprechen über die Möglichkeit, als Selbstversorger zu leben, die damit verbundene Freiheit, Bob schüttelt den Kopf.“

(S.136)

Es lohnt sich daher, genau hinzuschauen, genau zu lesen, denn die Kunst besteht darin, in all dem Alltäglichen das Schöne und das Besondere zu sehen und es herauszufiltern. Auch das Herz tragen die Figuren nicht auf der Zunge, Gefühle werden nicht laut herausgeschrien, sondern offenbaren sich meist nur in kleinen Gesten und Bemerkungen.

Doch wenn man sich auf den stillen, leisen und melodiösen Tonfall der Autorin einlässt, wird man durch wunderbare Momente belohnt, die immer wieder aufblitzen und tief in die Seelen der Charaktere blicken lassen. Man muss nur wach sein und die Augen offen halten.

„Eine unangetastete Tasse Kakao auf dem Schreibtisch, lange helle Nächte hindurch. Sich zurückwünschen in den März oder vorigen Sommer. Erbsenschoten, Kopfhaut voll von Sand. Es vergingen vier Monate, bis er wieder er selbst war, es war wie seine Mutter sagte: – Es dauert doppelt so lange, über Krankheit und Liebe wegzukommen, wie die Krankheit selbst dauert.“

(S.206)

Helle Helle hat zwei Romane über kleine und große Gefühle geschrieben – über die Liebe zwischen Mutter und Tochter ebenso wie über die erste große Liebe in einer noch jungen Beziehung. Familie, Krankheit, Freundschaft, Liebe, Alltagssorgen – es geht um das Zwischenmenschliche, kurz gesagt um das Leben und Zusammenleben.

Wer temporeiche und vor Handlung strotzende Romane liebt, in denen es Schlag auf Schlag geht und sich die Ereignisse überschlagen, der wird vermutlich mit „SIE und BOB“ nicht warm werden. Wer aber Freude an ausdrucksstarken Charakterzeichnungen und sprachlichen Feinheiten, nuancierten Klangfarben, sorgfältig gewählten Formulierungen und einer puristisch-poetischen Sprache hat, der kann in „SIE und BOB“ sehr viel Schönes entdecken.

Das Glück in den kleinen Dingen finden, wach und mit Sinn für Schönes durchs Leben gehen, es sich gemütlich machen: Hygge, das ist fester Bestandteil des dänischen Lebensgefühls und auch dieser Doppelroman kann zu diesem Gefühl beitragen: also ein paar Kerzen angezündet, die Kuscheldecke und das Buch geschnappt und dann gemütlich ins dänische Kopenhagen der 80er Jahre abtauchen – ein leises, feines und gefühlvolles Buch für einen hyggeligen Leseherbst.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Helle Helle, SIE und BOB
Aus dem Dänischen von Flora Fink
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-110-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helle Helle’s „SIE und BOB“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bei den Jugendlichen meist ziemlich bodenständig zu:
Zum Abendtee bei der Freundin gibt es Brie mit Honig und Knäckebrot.

Zum Weiterhören (I):
Das bevorstehende Konzert von Pia Raug – einer dänischen Singer-Songwriterin – ist großes Gesprächsthema im Freundeskreis. Ich kannte die Sängerin bisher nicht, auf YouTube kann man allerdings in einige Songs reinhören, z.B. in „Hej Lille Drøm“, das zugleich auch der Name ihres ersten Albums aus dem Jahr 1978 ist.

Zum Weiterhören (II):
Musik ist ein großer Emotionsträger auch in diesem Roman. Ebenfalls aus dem Jahr 1978 ist ein weiterer Song, der im Buch vorkommt: Art Garfunkel’s berühmter Nummer-1-Hit „Bright Eyes“:

„Im Bus nach Hause denkt sie: I see, ganz genau, und genau in dem Augenblick schaltet der Fahrer das Radio an, sie spielen Bright Eyes. Das ist fast zu viel. Die Felder leuchten.“

(S.158/159)

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über eine andere dänische Kindheit und Jugend lesen möchte – und zeitlich noch etwas weiter zurückreisen möchte, der ist mit Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie bzw. den ersten beiden Bänden „Kindheit“ und „Jugend“ gut bedient, die autobiografischen Romane, die ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, sind ebenso sehr feine und lesenswerte Literatur aus Dänemark:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

Augustbowle 2022 – Dauersonne und Spätsommermuße

Sommersonne satt, leider viel zu wenig Regen für die dürstende Natur und laue Abende zum draußen sitzen – all das war der August. Zudem noch einmal Muße für ausgedehnte Lektüren und Musikgenuss.

Der August war für mich ein Opernmonat:
So gab es auf 3Sat die diesjährige Neuinszenierung von Giacomo Puccini’s „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne (noch bis zum 13.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar), die auf einem großen weißen Blatt Papier eindrucksvolle Bilder entstehen ließ.

Hochinteressant und sehr gelungen fand ich auch die Barrie Kosky-Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper „Káta Kabanová“ aus der Salzburger Felsenreitschule (noch bis zum 20.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar) – eine für mich neue Oper, die ich vorher noch nie gesehen oder gehört hatte. Sowohl die Inszenierung aber vor allem auch die Sopranistin Corinne Winters in der Titelrolle haben mich wirklich fasziniert.

Zudem habe ich im August meinen zweiten Bloggeburtstag gefeiert – mit einer herrlichen Melonenbowle. Über Eure Glückwünsche, Kommentare und Likes habe ich mich sehr gefreut. Dankeschön!

Lektüretechnisch war der August wieder sehr ergiebig und vielseitig:
Mit Ilinca Florian’s gefühlvollem Roman „Bleib, solang du willst“ durfte ich eine für mich neue Autorin kennenlernen, die eine sehr berührende Geschichte über zwei Schwestern und auch darüber geschrieben hat, was es bedeutet alleinerziehend zu sein.

Noch einmal an die Ostsee und zu einem interessanten Kapitel der Geschichte entführte mich Karin Kalisa’s Roman „Fischers Frau“. Bisher hatte ich noch nichts über die Pommerschen Fischerteppiche gehört, welche die Fischer ursprünglich während eines Fischereiverbots in den späten Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor der Arbeitslosigkeit bewahren sollten und später als Kunsthandwerk fortgeführt wurden. Ein toller Stoff, raffiniert umgesetzt, zudem spannend, aufschlussreich und sehr kurzweilig zu lesen!

Eine große Familiensaga über mehrere Generationen hinweg aus dem österreichischen Mühlviertel erzählt Judith W. Taschler in ihrem Roman „Über Carl reden wir morgen“. Ein richtiger Schmöker, der sich gut liest und ein großes Geschichts- und Familienpanorama auffächert, das vielleicht noch nicht einmal auserzählt ist – für Fans von opulenten Familienromanen eine gute Wahl!

August ist Festspiel- und Krimizeit in Salzburg: Manfred Baumann hat mittlerweile seinen zehnten Band mit Kommissar Merana vorgelegt: „Salzburgrache“ – ein etwas düsterer Jubiläumsfall, der dieses Mal vor allem auf der Festung Hohensalzburg und auf weiteren Burgen in der Umgebung spielt.

Einen weiteren – wenn auch völlig andersartigen – Krimi bekam ich mit Andreas Storm’s Debüt „Das neunte Gemälde“ vor die Lesebrille. Ein temporeicher, vielschichtiger Kunstkrimi nahezu in James Bond-Manier, der den Leser mitnimmt auf einen wilden Ritt zwischen dem besetzten Paris während des zweiten Weltkriegs, dem Bonn der Sechziger Jahre und dem Jahr 2016 auf der Suche nach der wahren Geschichte eines NS-Raubkunst-Gemäldes.

Poetisch, mystisch und rätselhaft – und somit ein unvergessliches und außergewöhnliches Leseerlebnis war für mich Mariette Navarro’s Roman „Über die See. Die Kapitänin eines großen Frachtschiffs gestattet auf offener See ihrer Besatzung von Bord zu gehen, um eine Runde zu schwimmen – ein unerhörter Vorgang, der zur emotionalen Ausnahmesituation wird. Ein Buch fernab des üblichen Mainstreams und daher in meinen Augen besonders interessant.

Und es ging sehr stark weiter mit – wie ich mich schon jetzt beurteilen traue – einem meiner absoluten Leseglanzlichter in diesem Jahr 2022: Annabel Wahba’s Debütroman „Chamäleon“, in welchem die Autorin basierend auf Autobiografischem die Geschichte ihrer ägyptisch-deutschen Familie erzählt. Ein Buch, das mich zutiefst berührt hat, das von der ersten Seite weg bewegt und fasziniert und das man gar nicht mehr weglegen möchte. Die Schwester erzählt am Sterbebett ihres krebskranken Bruders gegen den Tod an – gleich einer modernen Version von Tausendundeine Nacht – und setzt somit ihren Vorfahren, d.h. vor allem den Großeltern und Eltern ein bleibendes Denkmal, schafft eine literarische Erinnerung der Familiengeschichte, die bleiben wird und thematisiert zugleich, was Herkunft, Migration und ein Leben fernab des Geburtslandes bedeutet. Ganz große Leseempfehlung!

Der August war für mich auf jeden Fall ein Monat mit sehr starken Autorinnen, die ich entdecken durfte: So auch die dänische Schriftstellerin Helle Helle mit ihrem Doppelroman „SIE und BOB“, über den ich bald noch näher berichten werde (und zwar hier). Sprachlich hochinteressant und stilistisch außergewöhnlich, erlebt man vermeintlich Alltägliches aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, das zwischen den Zeilen doch große Gefühle transportiert. Raffiniert!

Nach „Liebe in Zeiten des Hasses“ oder „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ hat mich auch Unda Hörner’s neues Sachbuch „1939 – Exil der Frauen“ sehr fasziniert und in den Bann gezogen. Ein fesselndes, vielschichtiges Kaleidoskop – das in zwölf Kapiteln, die jeweils den Monaten des Jahres 1939 gewidmet sind – vor allem die Lebensschicksale weiblicher Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellt. So erfährt man als Leser, wie das dunkle Jahr 1939 die Lebenswege von Frida Kahlo, Else Lasker-Schüler, Simone de Beauvoir oder Helene Weigel – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – nachhaltig veränderte. Auch hierzu folgt in Kürze eine ausführliche Besprechung.

Ende August habe ich mich wieder einmal ein wenig in Bayreuth- und Wagner-Lektüre vertieft. So habe ich nach einigen Jahren die beiden Bücher von Herbert Rosendorfer „Bayreuth für Anfänger“ und „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ erneut gelesen – eine unterhaltsame Art sich dem Festspielbetrieb und den Werken zu nähern (wohlgemerkt von einem Verfasser, der sich selbst nicht als Wagnerianer bezeichnete).
Thea Dorn’s Krimi „Ringkampf“, der schon länger bei mir im Regal stand und der die Ränke und Intrigen hinter den Kulissen während einer Ring-Inszenierung in der Frankfurter Oper in den Mittelpunkt stellt, war schnell gelesen, wird aber bei mir wohl eher nicht lange nachklingen.

Was bringt der September?

Der reguläre Kulturbetrieb läuft nach den Festspielzeiten und sommerlichen Theaterpausen schön langsam wieder an. Ich freue mich vor allem auf eine besondere Lesung, die pandemiebedingt vom Frühjahr in den Herbst verlegt wurde und jetzt wieder in meinem Kalender steht – ich hoffe, ich kann dieses Mal berichten. Daumen halten!

Zudem habe ich auch wieder zwei musikalische Kulturtips fürs Fernsehen:
Am 10. September um 20.15 Uhr gibt es auf 3Sat die diesjährige „Nabucco“-Inszenierung aus dem Steinbruch St. Margarethen zu sehen.

Und am 17. September um 20.15 Uhr freue ich mich auf einen absoluten Pflichttermin in meinem Kulturjahr – ebenfalls auf 3Sat – mit der traditionellen „Last night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall. Dieses Jahr gibt es für mich auch ein Wiedersehen mit der wunderbaren norwegischen Sopranistin Lise Davidsen, die ich schon live erleben durfte und natürlich mit den üblichen Klassikern (inklusive Publikumschoreografie) zum Ende des Konzerts, die nicht fehlen dürfen.

Dazu freue ich mich auf einen prächtigen Altweibersommer oder Frühherbst – mal sehen, was es werden wird – mit schönen Spaziergängen und tollen Büchern, um stimmungsvoll in einen gemütlichen Leseherbst zu starten.

Und so wünsche ich allen einen gelungenen Start in einen bunten, wunderbaren Kultur- und Bücherherbst! Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:

Eine Scheibe gutes Brot mit einem schmackhaften Aufstrich, das ist etwas Wunderbares. Diesen Monat gab es selbst zubereiteten Liptauer Aufstrich (das Rezept findet man hier) auf Sauerteigbrot – würzig, einfach und gut – herrlich zur Brotzeit.

Musikalisches im August:
Meine musikalische Entdeckung diesen Monat war sicherlich „Ethiopia’s Shadow in America“ von der amerikanischen Komponistin Florence Price (1887 – 1953) aus dem Jahr 1932. Schön, dass auf den Klassiksendern im Radio jetzt auch ab und an die Werke weiblicher Komponistinnen ihren Platz bekommen.

„Weisst du, wie das wird?“

(Richard Wagner, Libretto „Götterdämmerung“)

All deine Farben

Wenn es einem Buch gelingt, mir von der ersten Seite an Gänsehaut laufen zu lassen, dann gehört es zweifellos zu den wichtigsten und wunderbarsten Büchern des Lesejahres: So passiert ist mir das mit Annabel Wahba’s Debütroman „Chamäleon“, in welchem sie autobiografisch eine Chronik ihrer ägyptisch-deutschen Familiengeschichte erzählt.

Am Totenbett ihres krebskranken Bruders André beginnt Annabel wie Scheherazade in „Tausendundeine Nacht“ gegen den Tod anzuerzählen. Sie reist zurück zu ihren Wurzeln, zurück zu den Generationen ihrer Großeltern und Eltern. Behutsam, liebevoll und mit einer magischen, melodiösen Sprache setzt sie ihrer Familie ein Denkmal, das überdauern wird.

„Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Wenn ich nun an deinem Bett sitze und dir die Geschichte unserer Familie erzähle, erzähle ich nicht um mein Leben, sondern gegen deinen Tod. Bald wirst du nicht mehr da sein. Ich kann dich nicht festhalten, aber ich will festhalten, was wir beide erlebt haben. Auch du sollst weiterleben, und mit dir das ägyptisch-deutsche Chamäleon.“

(S.16)

Sie beginnt ihre Erzählung mit der Großmutter Elisabeth, einer patenten, zupackenden Frau, die im München der Kriegs- und Nachkriegszeit und nachdem sie im Krieg 1941 ihren Mann verloren hat, ihre vier Kinder alleine ernähren und großziehen musste. Da half es, die Kinder in der schweren Zeit zu drei ledigen Großcousinen auf einen Pfarrhof aufs bayerische Land schicken zu können, so dass zumindest die Lebensmittelversorgung für den Nachwuchs etwas besser war.

Und da ist die ägyptische Großmutter Faktoria, die für Annabel und ihre Geschwister viel weiter weg und eine weitgehend unbekannte Frau war und die sich – wie die Autorin später erfuhr – doch im fernen Ägypten ähnliche Sorgen um die Versorgung und Gesundheit ihrer Kinder machen musste. So sorgte sie zum Beispiel mit einem versetzten Schmuckstück für die rettende Medizin, die Annabel’s Vater dem sicheren Tod entreißen konnte.

Und so erzählt sie über die Kindheit und Jugend ihrer Eltern: über Amir, der in Ägypten aufwächst und schließlich studieren kann – das Studium wird ihn später nach Deutschland bringen. Und über Maria, die in Bayern schon die Sehnsucht nach der Ferne entwickelt und bereits in jungen Jahren als Au Pair nach New York geht.
Für Annabel sind die Geschichten der Mutter aus der New Yorker Zeit etwas ganz Besonderes:

„Nicht nur unser ägyptischer Vater machte unsere kleine bayerische Welt größer, sondern auch Mama mit ihren Geschichten aus New York. Ich glaube, keiner unserer Erdinger Freunde hatte damals eine Mutter, die schon am Broadway gewesen war.“

(S.82)

Bei einer Floßfahrt auf der Isar lernen sich die Eltern schließlich kennen und lieben und sie stehen aufregende und schwere Zeiten gemeinsam durch. So kehrt Amir mit seiner Frau und dem ersten Nachwuchs wieder nach Ägypten zurück. Doch über die Zeit hinweg wird klar, dass Ägypten ihnen langfristig keine Sicherheit und Perspektive bietet, so dass sie Ende der Sechziger Jahre aus dem Land fliehen und nach Deutschland zurückkehren.

Nach langen Kämpfen, vielen schlaflosen Nächten wird die Familie schließlich mit ihren mittlerweile vier Kindern Adam, Anouk, André und Annabel – Autorin Annabel ist das Nesthäkchen – im bayerischen Erding heimisch. Doch auch Annabel und ihre Geschwister haben es aufgrund ihrer Herkunft nicht immer leicht.

Für den vollkommen unrealistischen und utopischen Fall, dass ich dieses Jahr nur fünf Bücher lesen oder empfehlen könnte: Annabel Wahba’s „Chamäleon“ wäre auf jeden Fall eines davon. Es hat mich zutiefst berührt und gerade in den bayerischen Momenten und Aspekten erkenne ich vieles aus meiner Kindheit und Umgebung wieder. Es fällt leicht, mir vorzustellen, wie die ägyptische und die bayerische Kultur zunächst aufeinanderprallten und sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg doch auch mischten und vereinen ließen – gleichsam ein buntes Ganzes ergeben, wie das farbenfrohe, unglaublich schöne Umschlagbild, das sonnenbeschienene, ägyptische Palmen vor die schneebedeckten, bayerischen Berge blendet und – gleichsam dem Leben der ägyptisch-deutschen Geschwister – zu einem farblich-fröhlichem, freundlichen Gesamtkunstwerk werden lässt.
Allein dieses traumhafte Cover hätte für mich schon einen Preis für die gelungene, graphische Gestaltung verdient – ein richtiger Hingucker, den ich im Buchladen sofort in die Hand nehmen würde.

„Chamäleon“ lässt mich ins Schwärmen geraten, weil die Autorin, die seit 2007 Redakteurin im ZEITmagazin ist, mit solcher Liebe, einem solch wachen, aufmerksamen Blick für Details und einer so treffenden Stilistik und Sprache ihre Familie so lebendig beschreibt, dass sie einem unweigerlich schon nach wenigen Sätzen ans Herz wächst. Man liebt, lacht und leidet mit und kann – wie der Sultan in Tausendundeiner Nacht – einfach nicht genug davon bekommen.
Und so trauert man am Ende nicht nur mit Annabel um ihren viel zu früh verstorbenen Bruder, sondern ist auch traurig darüber, dass das zauberhafte Buch und die wunderbare Reise schon zu Ende ist.

„Für mich war Ägypten lange nur eine romantische Vorstellung, das Land der Pharaonen, mit dem ich irgendetwas zu tun habe, aber nicht so recht wusste, was – außer dass ich Muluchiya mag. Als Kind suchte ich in meinem Spiegelbild manchmal nach Ähnlichkeiten mit Nofretete und bildete mir ein, dass unsere Nasen sich glichen. Aber viel mehr war da nicht.“

(S.89/90)

Wer keine Angst vor großen Gefühlen, dafür aber einen Sinn für schöne Sprache und unfassbar gut erzählte Familiengeschichten hat, wer mehr darüber erfahren möchte, was Herkunft oder Migration bedeutet und wer einfach ein wunderbares, emotionales Buch lesen möchte, dem kann ich „Chamäleon“ wärmstens empfehlen.
Es ist eines der besten Bücher des Jahres und für mich definitiv eines meiner absoluten Leseglanzlichter 2022!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Annabel Wahba, Chamäleon
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0097-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Annabel Wahba’s „Chamäleon“:

Für den Gaumen (I):
Die bayerische Seite der kulinarischen Anklänge im Buch sind mir sehr vertraut und fühlen sich für mich nach zu Hause an – zwei Großmutter-Gerichte im besten Sinn:

„Ich weiß nicht, was dir von Oma noch in Erinnerung ist, aber wenn ich an sie denke, dann sehe ich sie in der Küche stehen und Grießnockerlsuppe und Apfelstrudel zubereiten.“

(S.19)

Für den Gaumen (II):
Das ägyptische Nationalgericht Muluchiya kannte ich hingegen bisher nicht, da musste ich erst einmal recherchieren:

„Ich liebe es, wie du die fein gehackten grünen Blätter in einer Hühnersuppe kochst und dazu in Butter gebratenen Reis servierst.“

(S.89)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Annabel’s Mutter hatte in ihrer New Yorker Zeit die Gelegenheit, am Broadway Musicals zu sehen, unter anderem „My Fair Lady“ mit Julie Andrews in der Hauptrolle. Ein zeitloser Klassiker, der auch heute noch gerne auf den Spielplänen steht.

Zum Weiterlesen:
Vielleicht sollte man diese moderne, literarische Inspiration als Anlass nehmen, auch in den Klassiker selbst wieder einmal hineinzulesen und die Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ neu für sich zu entdecken:

Tausendundeine Nacht
Aus dem Arabischen von Claudia Ott
C.H.Beck
ISBN: 978-3-406-72290-5

Maritime Ausnahmesituation

MeeresliebhaberInnen und Fans von poetischer, expressiver Literatur aufgepasst: Mariette Navarro’s erster Roman „Über die See“ ist ein außergewöhnliches und intensives Leseerlebnis, das viel Freiheit für persönliche Assoziationen und Interpretationen lässt.

Der Roman macht es mir dieses Mal fast ein wenig schwer, den Inhalt zusammenzufassen, ohne zu viel zu verraten. Doch so viel bereits vorweg: nicht die Handlung macht dieses Buch zu etwas Besonderem oder Unvergesslichem, sondern die Sprache und das inspirierende Element bzw. das Mystische, das von ihm ausgeht.

Deshalb gibt es dieses Mal nur wenige Worte zum Inhalt:
Ein Containerschiff befindet sich auf dem Weg in die Tropen und plötzlich – kurz hinter den Azoren – konfrontiert die Mannschaft, die ausschließlich aus Männern besteht, die Kapitänin mit einem ungewöhnlichen Wunsch. Sie möchten das Schiff kurz stoppen, um im offenen Meer eine Runde zu schwimmen. Ein bislang unvorstellbarer, nie dagewesener Vorgang und zu ihrer Überraschung lässt sie sich darauf ein und gewährt den Kollegen dieses Abenteuer. Sie bleibt als Einzige allein auf dem Schiff zurück und während die Motoren stoppen, die Männer ins Wasser abtauchen und einen unvergesslichen Moment erleben, nimmt ihr Gedankenkarussell immer mehr an Fahrt auf. Kann sie ihrem Instinkt vertrauen oder wird sie ihre Entscheidung bereuen?

„Es ist eine Legende, mein Guter, und seit wann darf man auf einem Schiff keine Legenden mehr erzählen?“

(S.93)

Die Autorin spinnt gleichsam literarisches Seemannsgarn, bei welchem man immer wieder den Wahrheitsgehalt vom Fantastischen unterscheiden muss. Was ist wahr und was spielt sich nur in den Köpfen ab?

Selten habe ich ein Buch gelesen, das meine Gedanken auf solche Weise zum Fließen angeregt und in verschiedenste Richtungen gelenkt hat.
Was ist da nicht alles an Themen auf engstem Raum – wie in einer Schiffskajüte – verborgen und versteckt: da ist die starke Frau, die besonders hart arbeiten muss, um sich im Männerberuf als Kapitänin und als Führungspersönlichkeit gegenüber ihrem männlichen Personal durchzusetzen. Da ist aber auch die Tochter, die dem Vater nacheifert und in seine Fußstapfen treten will.

Ein Grundgedanke, der sich für mich durch den Roman zieht, ist der Gedanke der Freiheit und die Idee, im Hier und Jetzt und im Moment zu leben.

„Sie vergessen ihre Ängste und sind rasch voller Stolz darauf, einen Augenblick völlig frei gewesen zu sein, mutig, stark, athletisch, unbeschwert, glücklich, auserwählt, ausdauernd, einzigartig und lebendig.“

(S.52)

Ein literarisches Experiment, das sehr auf die Gefühlswelt, sowie Elementares und Essenzielles konzentriert ist und klar macht, dass man nicht alles rational begreifen kann. Und so wie plötzlich auf See ein unerklärlicher Nebel aufkommt, so bleibt auch bei der Lektüre so manches hinter Schleiern verborgen, die es zu lüften gilt.

Ohne dass ich es genau benennen konnte warum, spukte mir manchmal Edgar Allan Poe durch den Kopf, vielleicht weil der Roman doch durchaus auch seine mysteriösen und düsteren Momente hat, die einen etwas schaudern lassen und Gänsehaut erzeugen.

„Je näher man den Tropen kommt desto senkrechter und schneller taucht die Sonne abends ins Meer. Bald ist es dunkel, bald wird dieser Tag eine unbequeme Erinnerung sein, die man besser vergisst und dem unbeteiligten Logbuch anvertraut.“

(S.112)

Wohin treibt das Schiff? Ist es führungslos oder noch unter Kontrolle? Und wohin führt die Handlung des Buches? „Über die See“ ist eine mysteriöse und rätselhafte Lektüre – es hat etwas Rauschhaftes, das sich schwer beschreiben lässt.

Mariette Navarro, Dramaturgin und Schriftstellerin, die bisher vor allem Theaterstücke geschrieben hat, ist mit ihrem Debütroman ein fantastisches und sehr sinnliches Buch gelungen, das durch die poetische Sprache lange nachklingt.
In Frankreich wurde das Werk mit dem „Prix Léonora Miano“ ausgezeichnet. Inspiriert wurde die französische Autorin zu diesem Roman, als sie selbst im Rahmen einer Autorinnen-Residenz für acht Tage auf einem Frachtschiff auf offener See mitreiste.

Ein kleines, feines Buch mit gerade einmal 157 Seiten, welches jedoch die grenzenlose Weite des Ozeans vor der Leserschaft ausbreitet und unfassbar großen Raum für persönliche Gedanken und die individuelle Auslegung und Einordnung des Gelesenen bietet.
Ein Buch über die Kraft und Macht der Natur und darüber wie klein wir Menschen sind – nur kleine schwimmende Punkte im riesigen Ozean – der Witterung, der Gewalt der Wellen und den eigenen Gefühlen schutzlos ausgesetzt.

Navarro’s Buch ist grandiose Literatur, in die man genussvoll selbst in einem ruhigen Moment abtauchen, sich von den angenehmen Wogen ihrer melodiösen und poetischen Sprache umspülen lassen und sich für einen Augenblick treiben lassen kann. Ein lebendiger Beweis dafür, dass Literatur Magie entfalten, Gedanken wie eine Meeresströmung in Fluss bringen kann und auf jeden Fall ein ganz besonderes Werk – abseits des Mainstreams – in diesem beginnenden Leseherbst.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kunstmann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mariette Navarro, Über die See
Aus dem Französischen von Sophie Beese
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-510-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mariette Navarro’s „Über die See“:

Für den Gaumen:
Die Verpflegung an Bord und der kulinarische Aspekt bleibt wie vieles im Nebel und relativ unspezifisch, jedoch erfährt man Folgendes über die Vorlieben der Kapitänin:

„Dabei ist sie es, die abends ein Glas Wein trinkt, immer zur gleichen Zeit. Am liebsten mag sie es, wenn genau in diesem Moment der Regen in Böen an die Scheibe klatscht. Dann löst sie ihre Haare, lässt ihre Kopfhaut atmen. Die Offiziere sind auch da, aber für einen kurzen Moment entspannt sie Schultern und Gesicht.“

(S.15)

Zum Weiterhören:
Bei der Lektüre habe ich mir dieses Mal nichts Musikalisches notiert, allerdings könnte Claude Debussy’s „La Mer“ eine gute musikalische Begleitung zur Lektüre darstellen. Auch hier spiegeln sich die unterschiedlichen Facetten des Meeres in vielen Klangfarben und wecken Assoziationen.

Zum Weiterlesen:
Maritime Lektüre und Romane, die am Meer spielen, ziehen mich immer wieder an. Wer auf der Suche nach einem spannenden Krimi ist, der in jeder Zeile die Brandung, die Wellen und den Ozean atmet, der sollte auch Roxanne Bouchard’s Krimi „Der dunkle Sog des Meeres“ für eine Lektüre ins Auge fassen, den ich bereits auf der Kulturbowle vorgestellt habe:

Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-129-8

Schwesternklang

Blut ist dicker als Wasser und kaum ein Verhältnis kann so intensiv und doch auch spannungsvoll sein wie das zwischen zwei Schwestern. Ilinca Florian hat mit „Bleib, solang du willst“ einen melodiösen, intensiven und bewegenden Roman über zwei Schwestern geschrieben, bei dem Freude und Schmerz nahe beieinander liegen. Große Gefühle und zwei starke, kristallklare Frauenportraits auf nicht einmal 200 Seiten – ein Buch, das gerade durch die Konzentration auf das Wesentliche besticht.

„Sie nahm mich in den Arm und hörte eine Weile nicht damit auf. Das tat gut, gab mir Zeit. Ich wollte nicht in Tränen ausbrechen. Charlotte löste die Umarmung, sah mich an und sagte: „Bleib, solang du willst.“

(S.24)

Charlotte – oder Lotte – ist die Ältere, Vernünftige, Pragmatische und Zupackende der Beiden. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat einen gut bezahlten, aber fordernden Job in einer Berliner Unternehmensberatung. Zeit für eine ernsthafte Bindung oder Beziehung nimmt sie sich nicht. Sie füllt ihr Leben mit Big Business, Calls, Meetings und Konferenzen – wohl auch, um nicht so viel nachdenken zu müssen.

Als jedoch ihre jüngere Schwester Martha – Sängerin und der Künstlertyp in der Familie – ihre Hilfe braucht und plötzlich mit ihrem kleinen Sohn Emil vor der Tür steht, ist klar, dass Lotte wieder einmal alles daran setzen wird, zu helfen.
Weimar, ein Leben am Theater und ihren unzuverlässigen, alkoholkranken und fremdgehenden Ehemann hat Martha Knall auf Fall verlassen und sucht nun nach Zuflucht und einem Neustart für sich und ihren Sohn.

„Ich genoss Marthas Anwesenheit in meinem Leben, in meiner Wohnung, ich liebte sie wirklich und wir hatten es oft schön zusammen. Es gab Momente, in denen ich vergaß, dass es über ein Jahrzehnt her war, dass wir unter einem Dach gelebt hatten. Mit ihr konnte ich so albern und leicht sein, und zwar anders, als ich es je mit einer Freundin geschafft hätte.“

(S.35)

Das Zusammenleben mit der Schwester und die Betreuung eines Säuglings krempeln auch Lotte’s Leben gehörig um und schnell wird klar, dass nicht nur Lebenskonzepte und Lebenseinstellungen aufeinanderprallen, sondern auch lange verdrängte Gefühle wieder an die Oberfläche gespült werden. Da fliegen dann auch mal die Fetzen und es werden der Anderen schonungslos auch unangenehme Wahrheiten an den Kopf geworfen.

Und doch kommen sich die Schwestern, die bereits den Tod des Vaters und die Depressionen der Mutter gemeinsam durchstehen mussten, durch die Liebe und Sorge für den kleinen Emil wieder näher. Zwischen Windeln, Weinkrämpfen und einigen Gläsern Wein versuchen die beiden, die Situation gemeinsam zu meistern.

Als Martha einen Job in Lotte’s Firma übernimmt, den ihr die Schwester – ebenso wie einen Kita-Platz – besorgt hat und Lotte immer wieder als Babysitterin einspringt, mischen sich die Welten mehr und mehr. Doch Martha kämpft weiterhin für ihren Traum, von der Musik und ihrem Gesang leben zu können.

Die Autorin Ilinca Florian ist 1983 in Bukarest geboren und lebt seit 2007 – wie ihre Romanfigur Charlotte – in Berlin. Sie hat Theater gespielt und Drehbücher verfasst – man merkt, dass sie ein Gespür für Dialoge sowie starke Bilder und Szenen hat, die sich einprägen.

Die Sprache des Romans hat einen besonderen Klang: sehr heutig, sehr modern, kurze, klare, knackige Sätze. Das macht die Lektüre sehr lebendig und klingt wie direkt aus dem Gedankenstrom der Schwestern gegriffen. Es fühlt sich an, wie das Gespräch mit einer guten Freundin. Man merkt beim Lesen, wie sich die Gedanken der Schwestern oft ohne komplexe Nebensätze gleichsam in knappen, klaren Momenten formen und zum Ausdruck kommen – unmittelbar, direkt. Die Sprache ist schlicht, aber nicht simpel, sondern auf den Punkt und so trifft so mancher Satz direkt ins Herz oder in die Magengrube.

„Martha war mehr als meine Schwester, sie war mein Schatten, mein Echo, ohne sie war mein Ich nur ein halbes Ich.“

(S.16/17)

Ilinca Florian hat in diesem nicht einmal 200 Seiten starken Buch, ein ausdrucksstarkes, präzises Porträt zweier Schwestern und zugleich moderner Frauen geschaffen. Ein Buch über Familienbande, Traumata und Verluste, Bindungsängste, aufgestaute Gefühle und darüber, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein. Eine hochaktuelle, gefühlvolle und sehr bewegende Studie der beiden Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch – durch ein untrennbares Band verbunden – sich so nahestehen, wie keinem zweiten Menschen im Leben.

„Bleib, solang du willst“ ist ein trauriges, hoch emotionales und sehr berührendes Buch. Ein Buch voller Gewitterwolken, Donner- und Schicksalsschläge, denn wie im richtigen Leben geht leider nicht immer alles gut aus und doch versäumt die Autorin es nicht, der Leserschaft zwischendrin auch kleine Sonnenmomente, Lichtblicke und Hoffnungsschimmer im Dunkel mit auf den Weg zu geben. Ein Buch, das – wie das Leben der beiden Schwestern – eine gewisse Kraft und Stärke erfordert und unter die Haut geht, wenn man sich darauf einlässt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Karl Rauch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ilinca Florian, Bleib, solang du willst
Karl Rauch Verlag
ISBN: 978-3-7920-0275-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ilinca Florian’s „Bleib, solang du willst“:

Für den Gaumen:
Bei einer Party, die Lotte für einige Kollegen organisiert und die letztlich ziemlich eskaliert, spiegelt sich kulinarisch eher ihre Welt:

„Es gab reichlich Rotwein, ich hatte Garnelen besorgt, außerdem Carpaccio mit Pinienkernen und Parmesan zubereitet. Martha hatte das beste Fladenbrot im Kiez gekauft.“

(S.100)

Zum Weiterhören (I):
„Bleib, solang du willst“ ist ein sehr musikalisches, von Musik durchwirktes Buch, mit einem besonderen Sound. Kein Wunder, ist es doch Martha’s größter Traum, ihren Lebensunterhalt mit ihrem Gesang bestreiten zu können. Als Jazzsängerin singt sie bei einem Auftritt bekannte und beliebte Standards wie „Fly me to the moon“ oder „Girl from Ipanema“.

Zum Weiterhören (II):
Martha hat Gesang studiert und schätzt auch die Musik von Martha Argerich:

„Ich musste an die Schallplatte mit ihren Klavierkonzerten denken – Mozart, Beethoven, Chopin -, die ich leider in Weimar gelassen hatte. Die liebte ich.“

(S.47)

Zum Weiterlesen:
Ein ähnlich emotionales und berührendes Buch über Schwestern – in diesem Fall sogar über Zwillinge – und dieses ganz besondere Band zwischen ihnen habe ich letztes Jahr im Herbst gelesen und vorgestellt: Sibylle Schleicher hat in „Die Puppenspielerin“ ebenfalls die richtigen, wunderbaren Worte gefunden, einen schweren Stoff in gefühlvolle Literatur zu verwandeln:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5