Aprilbowle 2022 – Eustasiusschnee und Feuerzauber

Der April begrüßte uns tatsächlich noch einmal mit Schnee – am 2. April – dem Namenstag des heiligen Eustasius, der lange Zeit als Gründer des bayerischen Kloster Weltenburg angesehen wurde, was mittlerweile jedoch als widerlegt gilt – hatten wir tatsächlich noch einmal eine weiße Winterlandschaft.
Im Laufe des Monats konnten wir dann jedoch den Frühling begrüßen: Osterglocken, Tulpen und Vergissmeinnicht lachen fröhlich aus den Gärten und in den Parks… und heben die Laune in nach wie vor düsteren Zeiten.

Einen fantastischen Feuerzauber durfte ich endlich – mit zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung – im Landestheater Niederbayern erleben, denn die Ring-Produktion konnte mit „Die Walküre“ fortgesetzt werden. Eine extrem kurzweilige und sehr unterhaltsame Inszenierung, Musik zum Schwelgen und ein spielfreudiges, gut aufgelegtes Ensemble machten den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Und auch vom Landshuter Schauspielensemble gab es die Premiere einer großartigen Produktion zu feiern mit einem Schauspiel von Thomas Jonigk nach Stefan Zweig’s Roman „Ungeduld des Herzens“, das als Studiostück in der intimen Atmosphäre des Landshuter Salzstadls besonders intensiv zur Geltung kam.

Neu für mich entdeckt habe ich diesen Monat den ZEIT Wochenend-Podcast „Und was machst du am Wochenende?“ und ich habe zwei Folgen gehört, die mir gut gefallen haben: und zwar die mit Axel Hacke, dessen Buch „Ein Haus für viele Sommer“ ich diesen Monat gelesen habe und das ich geliebt habe (mehr dazu später im Text und hier auf der Bowle) und die mit Ulrich Wickert, den ich sowohl als Journalist, aber auch als Krimiautor schätze (da er gerade einen weiteren Krimi fertiggestellt hat, darf ich mich hier wohl auch bald auf Neues aus seiner Feder freuen).

Der Lesemonat April war so vielfältig wie das Wetter draußen vor dem Fenster:
Von Lyrik, über Krimis und Reiseliteratur bis hin zu außergewöhnlichen und feinen Romanen war alles dabei und auch die Schauplätze haben mich erneut weit herumkommen lassen: ein Wallfahrtsort am Niederrhein, die Gaspésie-Halbinsel in Kanada, Helsinki, Hamburg, Sardinien, Montagnola im Tessin, die Insel Elba, französische Klöster, München und New York – all das in einem Monat, das kann nur Literatur. Wer gerne einmal sehen möchte, wohin mich meine bisherigen Kulturbowle-Lektüren schon geführt haben, kann jederzeit mal hier nach sehen: „Die Welt erlesen“.

Wundervolle und geradezu meditative Momente bescherte mir gleich zum Monatsbeginn der feine Lyrikband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ von Christine Langer: Ästhetische und sinnliche Gedichte, die erden und zur Ruhe kommen lassen – für mich die ideale Poesie für die Zeit zwischen Tag und Nacht.

Bernadette Schoog’s Roman „Marie kommt heim“ beschreibt die Rückkehr einer Frau in einen niederrheinischen Wallfahrtsort, dem sie vor vielen Jahren aufgrund der Enge den Rücken gekehrt hatte, um dort die Mutter beim Sterben zu begleiten, zu der sie nicht immer das beste Verhältnis hatte: eine Reise in die Vergangenheit und zu den familiären Wurzeln, die so manche, unerwartete Überraschung und Erkenntnis bereithält. Intelligent, fein beobachtet und sehr schön zu lesen.

Ging es in Schoog’s Buch um Mütter und Töchter, so könnte man durchaus eine Parallele zu Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“ sehen, das unter anderem auch eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Aber als Kriminalroman, der auf der kanadischen Gaspésie-Halbinsel spielt und als zweiter Fall von Sergeant Morales erneut vor allem von der intensiven, maritimen Atmosphäre lebt, hatte diese Lektüre doch letztlich einen völlig anderen Charakter.

Absolut außergewöhnlich und in jeder Hinsicht sehr besonders war der Roman „Der Schildkrötenpanzer“ des finnischen Autors Mooses Mentula. Eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit, in der die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen und so mancher totgeglaubte Erfolgsautor wieder zu neuem Leben erwacht. Ein schräg-skurriles literarisches Roadmovie aus Finnland!

Auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schickte mich dann auch Hartmut Höhne’s Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“, welcher die Sülzenunruhen in Hamburg 1919 als historischen Rahmen gewählt hat. Ein lehrreicher, für mich informativer und auch unterhaltsamer historischer Krimi, der ein spannendes Kapitel der Hamburger Stadtgeschichte wieder zum Leben erweckt.

Weiterhin in Krimilaune – doch in wärmeren, südlicheren Gefilden – durfte ich dann mit den nächsten beiden Büchern schwelgen:
Der mit großer Spannung erwartete zweite Fall von Gesuino Némus’ Sardinien-Krimireihe „Süße Versuchung“ schenkte mir sonnige und kurzweilige Lesestunden im kleinen Örtchen Telévras, das ich schon aus „Die Theologie des Wildschweins“ kannte. Durch den Zeitsprung in die Gegenwart – der erste Teil spielte im Sommer 1969 – und die neuen Figuren hat dieser Band einen anderen Charakter als der erste Teil und ist doch auf seine Art ebenfalls wieder etwas Besonderes – ein extravagantes, charmantes, sardisches Krimivergnügen!

Eine neue Ermittlerin und den Auftakt zu einer neuen Regio-Krimireihe im schönen Tessin durfte ich mit Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“ kennenlernen. Sympathische, intellektuelle Figuren, eine urige, sonnige und authentische Urlaubsatmosphäre in dem Tessiner Ort, der lange Hermann Hesse’s Wahlheimat war, literarische und kulinarische Anspielungen – für mich ein ideales Sommerbuch für einen Abend auf Balkon oder Terrasse – auch wenn ich ihn temperatur- und witterungsbedingt noch auf der Couch gelesen habe.

Die Italiensehnsucht und das Fernweh hat mich dann endgültig gepackt, als ich das wunderbare neue Buch von Axel Hacke „Ein Haus für viele Sommer“ gelesen habe, in dem er sein Ferienhaus auf der Insel Elba, aber vor allem auch seine Begegnungen mit den Menschen dort, beschreibt. Ein zauberhaftes, lichtdurchflutetes, fröhliches Buch, das glücklich macht und mit Sicherheit einer meiner Lesehöhepunkte in diesem Jahr sein wird. (Eine ausführliche Rezension wird folgen.)

Wer nach etwas Ruhe in unruhigen Zeiten sucht, kann sich – wie ich es diesen Monat getan habe – in die Obhut der Reiseliteratur von Patrick Leigh Fermor begeben: in seinem schmalen Band „Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern“, beschrieb er 1957 seine Erfahrungen, die er bei mehreren Aufenthalten als Gast in (vorwiegend) französischen Klöstern (u.a. einem Trappistenkloster) gemacht hat. Sprachlich sehr schön und besinnlich, so dass man auch als LeserIn die Welt um sich für die Zeit der Lektüre eine Weile vergessen kann.

Die letzten zwei Bücher des Monats standen ganz im Zeichen zweier besonderer Frauenfiguren:
Katharina Adler’s Roman „Iglhaut“, der im Mittelpunkt eine stachlige, eigenwillige Frau hat, die in einem Münchner Hinterhof eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt und dort neben ihren eigenen Problemen auch die Sorgen, Nöte und unterschiedlichsten Lebensumstände der anderen Mieter des Hauses hautnah mitbekommt. Ein buntes Kaleidoskop an Erzählsträngen und Figuren, ein facettenreiches Spiegelbild unserer Gesellschaft mit einem ganz eigenen, besonderen Charme.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich und besonders ist auch Tante Mame, der Star in Patrick Dennis’ Roman „Darling – Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955, der jetzt durch eine Neuauflage ein Revival für deutschsprachige Leser erfahren könnte. Ein lustiger, humorvoller Roman über eine gewitzte Lebenskünstlerin und Lebedame aus New York, die ihren Neffen und Ziehsohn mehr als einmal in die Bredouille bringt. Ich werde Euch diese spannende Dame bald näher vorstellen.

Was bringt der Mai?
Dieser Monat steht bei mir im Zeichen von kulturellen Nachholterminen und ich hoffe sehr, dass jetzt alles klappt:
Ein Stück im „Kleinen Theater“ bzw. den Landshuter Kammerspielen – „Die Geierwally“ als Ein-Personen-Stück mit Barbara Kratz unter der Regie von Diana Anders.
Nach zweimaliger Verschiebung finden nun hoffentlich endlich auch die ursprünglich für 2020 geplanten 20. Landshuter Hofmusiktage – ein europäisches Festival alter Musik – statt, das dieses Mal unter dem Motto „Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen“ steht.
Am Landestheater Niederbayern hoffe ich im zweiten Anlauf auf die heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“, die wegen Erkrankungen im Ensemble vom März auf Mai verlegt werden musste.

Und auch einen Film habe ich mir wieder notiert: Am Sonntag, den 22. Mai 2022 zeigt ARTE um 20.15 Uhr „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ – ein Thriller nach wahren Begebenheiten und mit einer Dokumentation im Anschluss.

Das heißt der Mai hat kulturell einiges zu bieten und vielleicht kann auch die „Draußen-Lese-Saison“ endlich eröffnet werden. Denn lektüretechnisch freue ich mich jetzt verstärkt auf sommerliche Literatur und habe schon viel Schönes zum Schmökern bereitgelegt.

Ich wünsche allen einen kulturell und literarisch abwechslungsreichen, wunderbaren, gesunden, freundlichen und friedlichen Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight April:
Es ist Bärlauch-Zeit! Eine schöne Zubereitungsmöglichkeit sind Bärlauch-Käsespätzle – die bringen Farbe auf den Teller und schmecken wunderbar. Einfach bei der Zubereitung des Spätzleteigs den Bärlauch hinzufügen und pürieren.

Musikalisches im April:
Es gibt ein wunderbares Musikstück des Herbert Pixner Projekts, das mich auch zur Überschrift meiner Aprilbowle (bzw. dem Eustasiusschnee) inspiriert hat und zwar „Antoni Schnee“ – stimmungsvoll zauberhafte Musik aus den Alpen und nur eines der vielen großartigen Stücke dieser Formation.

Leise zieht durch mein Gemüt

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied.
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

(Heinrich Heine)

Märzbowle 2022 – Eskapismus und Saharastaub

Der März hatte wettertechnisch nicht nur Saharastaub, sondern vor allem auch viele sonnige Tage zu bieten, was vom Weltgeschehen leider nicht behauptet werden konnte. Eskapismus (laut Wikipedia: auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, bezeichnet die Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit) in Form von kulturellen Erlebnissen oder Lektüren bleibt daher weiterhin eine Möglichkeit, um sich zumindest zeitweise abzulenken oder mit Positivem zu beschäftigen.

Auch wenn nicht alle geplanten Theaterbesuche diesen Monat wie gewünscht stattfinden konnten (leider musste die von mir heiß ersehnte Premiere des Musicals „Me and my girl“ in Landshut aufgrund einer Erkrankung im Ensemble abgesagt werden), habe ich es doch Ende des Monats immerhin zu einem sehr schönen Opernbesuch im Landestheater Niederbayern geschafft: Gaetano Donizetti’s Belcanto-Oper „Roberto Devereux“ – tolle Stimmen, eine wunderbare, stimmige Inszenierung und grandiose Musik. Ganz große Oper, die mich wirklich begeistert hat.

Auch das schöne und umfangreiche Streamingangebot des Literaturhauses München habe ich diesen Monat endlich einmal genutzt: Unter dem Titel „Hannah Arendt & Rahel Varnhagen“ gab es einen hochinteressanten Abend über die beiden Frauen – Hannah Arendt bezeichnete Rahel Varnhagen als ihre beste Freundin, die leider seit 100 Jahren tot sei. Eine Veranstaltung im Begleitprogramm der aktuell laufenden Hannah Arendt-Ausstellung „Das Wagnis der Öffentlichkeit“, die noch bis 24.04.22 im Literaturhaus München zu sehen ist. Liliane Weissberg (Professorin für Literatur an der University of Pennsylvania und Rahel Varnhagen-Experin) referierte und Sibylle Canonica – renommierte Schauspielerin am Münchner Residenztheater – las Stellen aus dem Werk Rahel Varnhagen’s und aus Hannah Arendt’s Biografie „Rahel Varnhagen – Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“.

Sehenswert war diesen Monat der Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“ mit Edgar Selge (sein Roman „Hast du uns endlich gefunden“ steht auch noch auf meiner Wunschliste) als Erich Honecker. Großartige Schauspieler und ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel der deutschen Geschichte – für mich ein gelungener, interessanter Fernsehabend. Der Film ist noch bis zum 11.03.23 in der ZDF Mediathek verfügbar.

Der März war jedoch für mich vor allem ein richtiger Lese- und Schmökermonat. Denn statt Fernsehen und „Doomscrolling“ (wohl das neue Wort – oder Unwort? – des Monats) habe ich mich meist lieber in die Welt der Bücher zurückgezogen und bin literarisch auch ganz schön herumgekommen: Oslo, Paris, Griechenland, Triest, Sizilien, Sibirien, London, Elsass, Sylt … das ist normalerweise in einem Monat nicht zu schaffen.
Da einiges zusammengekommen ist, versuche ich, mich kurz zu fassen – die ausführlichen Rezensionen sind soweit vorhanden verlinkt (dieses Mal wird es mir wahrscheinlich nicht gelingen, alle noch in ausführlicher Form nachzuliefern, aber ein paar sind noch fest geplant):

Lene Therese Teigen’s Roman „Schatten der Erinnerung“ über Tulla Larsen, die Geliebte und Verlobte von Edvard Munch, war bewegende Literatur über eine Frau im Schatten eines großen Künstlers in einer toxischen Beziehung – anspruchsvoll, schmerzlich und traurig. Sehr lesens- und lohnenswert, aber keine leichte Kost.

Einer meiner Lieblinge diesen Monat war das wunderbare Buch „Das Herz von Paris“ der Autorin Veronika Peters. Einzutauchen ins intellektuelle, literarische Paris der Zwanziger Jahre und in Odéonia Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes sowie die legendäre Buchhandlung „Shakespeare and Company“ kennenzulernen war Balsam für die Seele.

Absolut kurzweilig und sehr amüsant war Stephen Fry’s „Mythos“ – seine Nacherzählung der griechischen Göttersagen ist so herrlich menschlich und urkomisch mit unwiderstehlichem britischen Witz erzählt, dass ich sie regelrecht verschlungen habe. Ein echter Glücksfall!

Very british ging es auch mit Marie Benedict’s neuem Roman „Mrs Agatha Christie“ weiter, in welchem sie nicht nur die Lebensgeschichte der Queen of Crime, sondern vor allem die mysteriösen elf Tage im November 1926 in den Mittelpunkt stellt, an welchen die Autorin verschwunden war und polizeilich gesucht wurde – ein ungeklärtes Mysterium bis heute.

Dann führte mich meine Reise weiter nach Bella Italia: Zunächst ins Triest des Jahres 1907 mit Günter Neuwirth’s „Caffè in Triest“ – dem zweiten Fall mit Inspector Bruno Zabini – K.u.K-Flair, Kaffeeduft, starke Frauen und ein Mord – eine stimmungsvolle Lektüre.

Eine opulente Familiensaga zwischen Sizilien und München bescherte mir Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“. Die Geschichte über einen Sizilianer, der in München sein Glück sucht und eine Familiendynastie begründet, schwankt zwischen Lebenslust und Melancholie, sizilianischer Zitronenplantage und Münchner Großmarkthalle – ein überbordendes, sinnliches Leseerlebnis.

Kulinarisch und märchenhaft ging es weiter ins schöne Elsass mit Julia Mattera’s „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“. Eine verspielte, zauberhafte Geschichte über einen introvertierten Koch, der lieber mit seinen Pflanzen als mit seinen Gästen spricht und sich plötzlich doch öffnet und dem Leben zuwendet. Ein modernes Märchen und eine Ode an regionale, bodenständige Küche.

Eine kurze, intensive Lektüre bot mir Katerina Poladjan’s Roman „Zukunftsmusik“, der auch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 nominiert war. Vier Generationen von Frauen in einer russischen Kommunalka und die Sehnsucht nach Veränderungen in einem Moment, als Verkrustetes aufzubrechen scheint. Monika Rinck bezeichnet das Werk als „Romanessenz“ – das trifft den Charakter des Werks wirklich gut aus meiner Sicht.

Ein wenig gehadert habe ich mit Nell Leyshon’s Roman „Ich, Ellyn“, denn mit dem Schreibstil hatte ich bei der Lektüre meine Probleme. Der Roman, der die Geschichte eines Mädchens aus einfachen Verhältnissen im England des 16. Jahrhunderts erzählt, das sich als Junge verkleidet, um an einer Singschule aufgenommen zu werden, beschreibt die Entwicklung des Mädchens und ihren unkonventionellen Weg zu Bildung. Dies bildet Leyshon auch im Schreibstil ab – so wird über weite Strecken in einer Sprache ohne jegliche grammatikalische Regeln, ohne Großbuchstaben und ohne Satzzeichen erzählt, bis sich gegen Ende des Romans die zunehmende Bildung des Mädchens auch in korrekten, vollständigen Sätzen mit Interpunktion widerspiegelt. Eine gute Geschichte, mit der ich jedoch sprachlich und stilistisch etwas gerungen habe.

Ziemlich zu Beginn meiner Kulturbowle habe ich „Ozelot und Friesennerz“ vorgestellt – die Geschichte einer Sylter Kindheit. Jetzt hat Susanne Matthiessen mit „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ die Fortsetzung in Form des Romans einer Sylter Jugend vorgelegt, die mir erneut Einblicke in die Sichtweise einer gebürtigen Insulanerin gewährt hat. Man erfährt viel über das Sylt der 80er, aber bekommt auch einen Eindruck der gespenstisch-schönen Atmosphäre, die während der Corona-Lockdowns auf Sylt herrschte, als die Insel für eine Zeit lang wieder ausschließlich den Einheimischen gehörte.

Zeit für Paris und Krimis boten meine beiden nächsten Lektüren:
Alex Lépic fünfter Fall „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, in welchem er seinen Commissaire Lacroix, der scherzhaft auch Maigret genannt wird, im Milieu der Bouquinistes ermitteln lässt und der mich dann gleich in die Stimmung für ein Original versetzt hat, so dass ich dann zu Georges Simenon „Maigret amüsiert sich“ gegriffen habe. In beiden Fällen Krimis, wie sie für mich sein sollen und mich bestens unterhalten haben – doppelter Krimi-Genuss!

Eine völlig andere Zutat in meiner Kulturbowle – doch gerade die Mischung macht ja den besonderen Reiz für mich aus – war sicherlich das neu erschienene Sachbuch des berühmten Baritons Christian Gerhaher „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“. Seine Gedanken zu seinem Liedrepertoire, zu Aufführungspraxis, gesanglichen Herausforderungen und all das in Verbindung mit persönlichen Assoziationen und biografischen Schlüsselszenen seiner Karriere eröffneten mir eine völlig neue Perspektive auf die Entstehung von Kunst und insbesondere die Kunst des Liedgesangs.

Und last but not least durfte ich noch eine tolle Romanheldin kennenlernen: die Chemikerin und Fernsehköchin Elizabeth Zott in Bonnie Garmus’ Roman „Eine Frage der Chemie“. Eine starke Frau Anfang der Sechziger Jahre, die um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung kämpft und kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich werde sie Euch bald näher vorstellen und Ihr werdet erfahren, was Chemie mit Kochen zu tun hat. Für mich ein fulminanter Abschluss eines wirklich starken Lesemonats.

Was bringt der April?
Am Landestheater Niederbayern steht Mitte des Monats die Premiere von Richard Wagner’s „Die Walküre“ auf dem Programm, die im März 2020 leider aufgrund des ersten Corona-Lockdowns ausgefallen ist. Jetzt also ein weiterer Anlauf zur Fortsetzung des Rings in Niederbayern – haltet bitte die Daumen, dass es jetzt endlich klappt!

Auf ARTE gibt es am 12. April (und anschließend in der Mediathek bis zum 17.06.22) eine 4-teilige Dokumentation über die „Geschichte des Antisemitismus“, welche die Zeit von 38 n. Chr. bis heute beleuchtet. Mich hatte letztes Jahr die Lektüre von Mirjam Pressler’s „Dunkles Gold“ sehr berührt, das sich diesem wichtigen Thema auf literarische Art nähert. Jetzt fundiert in dokumentarischer Form das Wissen wieder aufzufrischen, habe ich mir fest vorgenommen.

Vielleicht auch mal wieder eine Ausstellung besuchen… mal sehen, was sich ergibt. Und wie immer weiterlesen: für den April habe ich mir wieder ein paar sehr schöne Bücher vorgenommen und zurechtgelegt. Von Lyrik bis Krimi wird alles dabei sein – für Abwechslung ist also gesorgt und ich werde berichten.

Ich wünsche allen viel Kraft, Mut und Stärke und einen guten Start in den April! Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight März:

Diesen Monat habe ich ein neues Rezept aus dem ZEIT-Magazin ausprobiert. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo persönlich hatte eines seiner privaten Notfallrezepte verraten, wenn nicht mehr viel im Kühlschrank ist: „Besoffene Nudeln“ bzw. „Pasta und Primitivo“ Nudeln in Rotwein-Parmesan-Sauce. Schmeckt wirklich vorzüglich und hilft gegen Sorgen und schlechte Laune – oder wie Herr di Lorenzo es formuliert gegen „melancholische Anflüge“. Kann ich also wirklich empfehlen.

Musikalisches im März:
Mein musikalisches Glanzlicht diesen Monat war sicherlich die Oper „Roberto Devereux“ – wunderschöne Musik – unter anderem die großartige Bariton-Arie des Nottingham „Forse in quel cor sensibile“ oder die traumhafte Arie der Elisabetta „Ah! Ritorna qual ti spero“, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Der Einsiedler
Joseph von Eichendorff

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd’,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Februarbowle 2022 – Frühlingsboten und Alltagsfluchten

Zu Beginn des Monats hoffte man auf länger werdende Tage und die ersten Frühlingsboten. Doch der Februar war nicht nur stürmisch, sondern je heller die Tage wurden und je mehr Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem Boden spitzten, um so dunkler und bedrückender wurde es leider.
Trost, Zuflucht und Ablenkung suchte ich bei Theaterbesuchen und in Büchern – kleine Alltagsfluchten und etwas Eskapismus waren ebenso Teil des Februars.

Die große Bandbreite, die Theater und Schauspiel bieten kann, durfte ich mit zwei großartigen Stücken am Landestheater Niederbayern erfahren.
Vom sehr ernsten, schwermütigen, eindrucksvollen und unter die Haut gehenden Fassbinder-Stück „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ mit einem grandiosen Joachim Vollrath in der Hauptrolle der Elvira zur luftig-leichten Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“, die mir zwei Stunden Lachen und gute Laune bescherte. Theaterabende wie sie unterschiedlicher kaum sein können und genau das macht aus meiner Sicht die Faszination aus.

Einen guten Film habe ich auch gesehen im Februar:
Akte Grüninger“ (2014), der noch bis zum 04.03.22 in der 3Sat-Mediathek zur Verfügung steht. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film, wie Im Jahr 1938 der Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland zur Flucht in die Schweiz verhalf, indem er ihre Einreisevisa vordatierte.

Doch Bücher spielten definitiv wieder die größere Rolle und für den kürzesten Monat des Jahres war mein Lesepensum dieses Jahr mit zwölf Büchern ziemlich erstaunlich.
Gleich zu Beginn des Monats konnte ich eine wirkliche Krimiperle und eine für mich neue Autorin entdecken, die mich sehr begeistert hat: Josephine Tey und ihren Kriminalroman „Nur der Mond war Zeuge“. Faszinierend wie ein Krimi aus dem Jahr 1948, der schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat, nichts an Spannung eingebüßt hat.

In seinem autobiografischen Werk „Am Ende der Via Condotti“ beschreibt der Ungar Sándor Lénárd, wie er als jüdischer Flüchtling 1938 aus Wien nach Rom kam und sich dort ein völlig neues Leben aufbaute, die Sprache lernte, die Stadt und die Menschen kennenlernte. Zugleich beobachtet er mit scharfem Blick, wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet. Ein Buch, das mich bewegt und berührt hat – und mich zugleich ein paar Stunden in die ewige Stadt entführen konnte.

Von Rom nach Berlin: Maxim Leo’s neuer Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ erzählt, wie schnell aus einer kleinen Unwahrheit ein großes Lügengebäude entstehen kann. Ein Hochstaplerroman, der mit viel Augenzwinkern und einer gehörigen Prise satirischem Witz eine deutsch-deutsche Geschichte 30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt.

Hochspannend und packend war Hartmut Palmer’s Roman „Verrat am Rhein“, der vom gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 handelt. Interessante Hintergründe aus der Feder eines langjährigen, erfahrenen politischen Journalisten über gekaufte Stimmen, Geheimdienste und Spionage verwoben mit einer fiktiven Familiengeschichte – fesselnde Literatur über ein bislang literarisch wenig behandeltes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Etwas mehr erhofft hatte ich mir persönlich von Tim Finch’s Roman „Friedensgespräche“. Ein erfahrener Diplomat, der auf die Vermittlung bei Friedensverhandlungen spezialisiert ist, sinniert bei einem Einsatz in einem abgeschiedenen Hotel in verschneiten Bergen über Musik, Literatur, das Leben und die Liebe. Er trauert um seine vor kurzem verstorbene Frau und so bekommt der Titel eine besondere Doppeldeutigkeit, denn er sucht nicht nur nach einem Weg zum Frieden zwischen den verfeindeten Delegationen, sondern auch nach seinem persönlichen, inneren Frieden. Neben schönen, poetischen Szenen finden sich auch einige Abschnitte, die auf mich eher befremdlich wirkten – so war für mich das Werk über die Trauerarbeit und das Hadern der Hauptfigur, nicht gemeinsam mit seiner Frau alt werden zu dürfen, letztlich leider nicht ganz rund.
Eine ausführliche Rezension gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Ein absolut beeindruckendes und außergewöhnliches Debüt durfte ich mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ lesen. Wahrlich keine leichte Kost über zwei junge Männer in Süditalien, die in armseligen Verhältnissen und ohne jede Zukunftsperspektive leben. Eine herzzerreißende Geschichte über zwei Brüder, die es nie gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen und die sich in einem Strudel von Armut, Gewalt und Kriminalität verlieren.

Sybille Bedford war eine Reisende und sie war eine wahre Europäerin: in ihrem autobiografischen Werk „Treibsand“ erzählt sie über ihr Leben zwischen Sanary-sur-Mer, Rom, Paris, London und Neapel und ihre Liebe zu Kunst, Kultur, gutem Essen und Literatur. Sie war Zeitgenossin und unter anderem befreundet mit Aldous und Maria Huxley, Klaus und Erika Mann – sie führte ein schillerndes Leben als Journalistin und Schriftstellerin, das viel Erzählstoff bietet.

Eine schöne Überraschung war Gianna Milani’s Krimi „Commissario Tasso auf dünnem Eis“, den ich bei Mona’s Krimiliteraturquiz auf ihrem Blog „Tintenhain“ gewonnen habe. Glück bei der Verlosung und viel Freude bei der Lektüre dieses charmanten Südtirol-Krimis, der in den Sechzigern spielt und ebenfalls eine herrliche Alltagsflucht in die verschneite italienische Bergwelt bietet – was will man mehr?

Mit Amanda Cross’ „Die letzte Analyse“ konnte ich einen weiteren Krimiklassiker entdecken, der gerade eine Renaissance erlebt. Die Literaturprofessorin Kate Fansler schlittert eher zufällig in ihren ersten Fall, als eine ihrer Studentinnen auf der Couch des Psychoanalytikers ermordet wird, den sie ihr persönlich empfohlen hat. Ein Kriminalfall im New Yorker Intellektuellenmilieu aus dem Jahr 1964. Unterhaltsam!
Es gibt bereits sehr schöne Besprechungen bei Anna auf buchpost, bei Leseschatz, Letteratura oder literaturleuchtet, die einen ausführlichen Einblick geben.

Eine weitere Zeitreise – allerdings ins Wien der Fünfziger Jahre – schenkte mir Elisabeth de Waal’s Buch „Donnerstags bei Kanakis“. Atmosphärisch dicht wird erzählt, wie ein jüdischer Wissenschaftler aus der Emigration in den USA in seine alte Heimat Wien zurückkehrt. Doch schnell wird klar, dass er sein altes Leben nicht zurückbekommt – zu viel hat sich zwischenzeitlich verändert. Und auch die junge Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln Marie-Theres wird im Nachkriegsösterreich nicht glücklich. Ein authentisches Zeit- und Sittengemälde!

Dass er auch schon vor zehn Jahren ein grandioser Geschichtenerzähler war, konnte ich bei der Lektüre von Ewald Arenz’ Roman „Das Diamantenmädchen“ aus dem Jahr 2011 feststellen. Ein funkelndes Schmuckstück aus dem glitzernden Berlin der Zwanziger Jahre mit sympathischen Figuren, das ich regelrecht verschlungen habe – hier möchte ich bald noch ausführlicher berichten.

Und last, but not least ein Werk aus Frankreich: Louise De Vilmorin „Belles amours“. Der Roman aus dem Jahr 1954 über eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit ausdrucksstarken, feinen Charakterzeichnungen in einer Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky – ein ästhetischer, intelligenter Lesegenuss – auch hierzu gibt es sehr bald einen ausführlichen Beitrag.

Was bringt der März?
Im Landestheater Niederbayern freue ich mich ganz besonders auf die Premiere des Musicals „Me and my girl“ (Musik von Noel Gay). Schon das erste Reinhören in ein paar Songs und auch die Werkeinführung war sehr vielversprechend und so hoffe ich auf einen unterhaltsamen, fröhlichen Theaterabend, der mit wunderbarer Musik aus den 30er Jahren hoffentlich die Sorgen für ein paar Stunden vergessen und die Seele tanzen lässt.

Die Bayerische Staatsoper bietet voraussichtlich am Sonntag, den 06.03.22 um 18.00 Uhr auf Staatsoper TV einen Videolivestream aus dem Münchner Nationaltheater von Benjamin Britten’s „Peter Grimes“ in einer Neuinszenierung von Stefan Herheim an. Die Titelrolle singt Stuart Skelton und Rachel Willis-Sørensen ist als Ellen Orford zu sehen.

Für Opernfans könnte aber auch die Ausstrahlung der „Aida“ aus der Dresdner Semperoper auf ARTE am 13.03.22 um 16.25 Uhr ein besonderer Höhepunkt im März werden. Die Inszenierung ist von niemand geringerem als Katharina Thalbach und der von mir sehr geschätzte Georg Zeppenfeld gibt sein Rollendebüt als Ramfis. In den Hauptrollen sind Francesco Meli und Krassimira Stoyanova zu erleben.

Neugierig bin ich auch auf den Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“, der am 18.03.2022 um 20.15 Uhr auf ARTE und am 21.03.22 um 20.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt wird. Edgar Selge spielt Erich Honecker und es geht um die zehn Wochen im Jahr 1990, in welcher Honecker und seine Frau beim evangelischen Pastor Uwe Holmer Zuflucht fanden.

Mein Bücherstapel – oder wohl besser meine Bücherstapel – bieten noch reichlich Stoff für etwas Eskapismus und weitere Alltagsfluchten bzw. literarische Reisen im März, von welchen ich auch weiterhin berichten möchte.

Hoffen wir also das Beste und ich wünsche allen einen guten, gesunden Start in den Frühling und den März! Passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:

Die kulinarische Neuentdeckung des Monats habe ich Nanni und ihrem Blog „Helden der Vorzeit“ zu verdanken: Es gab zum ersten Mal Tartiflette – allerdings eine vegetarische Variante ohne Speck: Kartoffeln, Zwiebeln, Weißwein und Reblochon, ein wenig würzen und ab in den Ofen… und relativ schnell hat man eine wunderbare, wohlige und würzige Mahlzeit.

Musikalisches im Februar:
Ein emotionaler, musikalischer Moment war in diesem Jahr erneut (wie auch schon in 2021) der Song „Halt mer zam“ der A-cappella-Band Viva Voce bei der Fastnacht in Franken im Bayerischen Fernsehen. Ein Stück, das auch nach einem Jahr nichts an Aktualität und musikalischer Qualität verloren hat.

„Ich mag die Bibliothek sehr und bin stolz darauf, dass ich unter Millionen Büchern stets den gesuchten Band finde. Ein wenig ist das so wie das Spiel auf einer Riesenorgel oder als ob jemand in einer Millionenstadt nach der für ihn bestimmten Frau sucht – Bücher haben ein Schicksal, so wie ihre Leser auch: Alles hängt davon ab, ob und wann sie sich begegnen.“

(aus Sándor Lénárd’s „Am Ende der Via Condotti“, S.290)

Januarbowle 2022 – Grautöne und Winterlicht

Nach einem geradezu frühlingshaften Neujahrstag, der uns einen bayerisch weiß-blauen Himmel wie aus dem Bilderbuch bescherte, war der Rest des Januars eher geprägt von viel Grau und zahlreichen Tagen mit zähem Hochnebel, der sich nur äußerst selten von der Sonne durchbrechen ließ.

Kulturell und literarisch war der Januar hingegen deutlich freundlicher und so kann ich den Start ins neue Jahr diesbezüglich als gelungen bezeichnen:

Zu Beginn des Jahres habe ich es noch geschafft, die Ausstellung „Winter im Licht“ (27.11.21 – 09.01.2022) mit Werken des Landshuter Malers Bernhard Kühlewein in der Heiliggeistkirche zu besuchen. Zumal sich der Winter im richtigen Leben diesen Januar nicht von seiner prächtigen Seite zeigen wollte und uns keinen dauerhaften Schneegenuss bescherte, waren diese schönen Gemälde mit stimmungsvollen Winterlandschaften eine willkommene, lichte Abwechslung.

Letztes Jahr noch digital in der Mediathek und dieses Jahr endlich live im Landshuter Theaterzelt konnte ich das großartige Schauspiel von Ayad Akhtar „Die unsichtbare Hand“ (Regie: Oliver Heinz Karbus) erleben. Das brisante Drama um den von Terroristen entführten Investmentbanker, der sich sein Lösegeld durch Aktiengeschäfte selbst verdienen muss, ist hochspannend. Eine grandiose schauspielerische Leistung des Ensembles und insbesondere auch von Stefan Sieh in der Rolle des Nick Bright, die unter die Haut geht.

Dank der Ausstrahlung des ORF2 konnte ich diesen Monat von meiner Couch aus große Oper aus dem Theater an der Wien verfolgen: Puccini’s „Tosca“ mit der hervorragenden und ausdrucksstarken Sopranistin Kristīne Opolais in der Hauptrolle. Regisseur Martin Kušej inszeniert das Stück als ziemlich brutales und grausames Drama im Schnee und erntete hierfür viele Buhrufe des Publikums.

Gehört habe ich auf BR Klassik die diesjährige Hörbiografie „Doppeltes Spiel“, die dem russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch gewidmet ist, welche bis zum 15.01.22 in der Mediathek zur Verfügung stand und jetzt als CD erhältlich ist. Gelesen von Udo Wachtveitl und Ulrich Matthes erhält man einen umfassenden Einblick in das turbulente Leben des Künstlers, der über die von Julian Barnes im Roman „Der Lärm der Zeit“ beschriebene Zeitspanne deutlich hinausgeht und mit zahlreichen Hörbeispielen unterlegt ist.

Ebenfalls empfehlen kann ich die Hörspielkrimis mit Bjarne Mädel „Sörensen hat Angst“ und „Sörensen fängt Feuer“ in der ARD Audiothek.
Nach Anna’s begeisterter Besprechung der Sörensen-Krimis von Sven Stricker auf ihrem Blog buchpost habe ich mich ausnahmsweise mal für die Hörspielvarianten entschieden. Die dritte Folge „Sörensen am Ende der Welt“ werde ich mir sicherlich auch bald noch zu Gemüte führen.

Und was gibt es Filmisches zu erwähnen?
Der stärkste und wichtigste Film, den ich diesen Monat gesehen habe, war zweifelsohne „Die Wannseekonferenz“ (noch bis zum 24.01.2023 verfügbar in der ZDF Mediathek) mit einem großartigen Schauspielerensemble (u.a. mit Philipp Hochmair als Reinhard Heydrich und Maximilian Brückner als Dr. Eberhard Schöngarth) unter der Regie von Matti Geschonneck. Ebenso empfehlenswert ist unbedingt die dazugehörige 44-minütige Dokumentation, die ebenfalls in der ZDF Mediathek neben weiterem Informationsmaterial zur Verfügung steht.

Schmunzeln hingegen konnte ich bei der französischen Komödie aus dem Jahr 2017 „Das Leben ist ein Fest“ („C’est la vie“). Ich bin wahrlich kein Fan von Hochzeitskomödien und mache da normalerweise einen Bogen herum, aber dieses Werk der Macher von „Ziemlich beste Freunde“ war wirklich amüsant.

Der Auftakt in mein Lesejahr 2022 war sehr gelungen, ergiebig – die langen Wintertage und -nächte sind einfach eine gute Zeit zum Lesen – und auch sehr vielseitig. Sachbuch, Krimi, Lyrik, literarische Europareise, große Gefühle… da war alles und sehr viel Schönes dabei.

Gleich zu Beginn des Jahres konnte ich mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ ein großartiges, überbordendes und wunderbares Buch über die Zeit von 1929-1939 lesen. Kleine Szenen und Anekdoten, die in der Summe ein schillerndes Kaleidoskop dieser Zeit ergeben, das sich zu einem stimmigen Ganzen zusammensetzt. Ein Sachbuch über Literatur, Kunst, Kunst- und Zeitgeschichte, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Kriminell gut ins neue Jahr gestartet bin ich mit Richard Osman’s Bestseller „Der Donnerstagsmordclub“, der in einer luxuriösen englischen Seniorenresidenz vier rüstige, pensionierte Bewohner auf Mörderjagd schickt. Herzerwärmend, amüsant und kurzweilig – ein Tipp für Krimifans, die Humor und das feine Florett dem blutigen, brutalen Krimisäbel vorziehen.

Endlich habe ich es auch geschafft, meine Literarische Europareise bzw. Europabowle fortzusetzen und konnte mit Nataša Kramberger’s Roman „Verfluchte Misteln“ Slowenien bereisen. Die Schriftstellerin, die aus Berlin in ihre slowenische Heimat zurückkehrt, um dort den Bauernhof der Familie zu übernehmen und auf biodynamische Bewirtschaftung umzustellen und dabei mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen hat, wird mir sicherlich im Gedächtnis bleiben.

Tiefe Einblicke in das Privatleben der großen Opernsängerin Maria Callas und ihre Liebesbeziehung zu Aristoteles Onassis gewährte mir Eva Baronsky’s wunderbarer Roman „Die Stimme meiner Mutter“, der mich sehr berührt und begeistert hat. Große Oper, große Gefühle und eine eindrucksvolle Frau!

Jarka Kubsova nahm mich in „Bergland“ mit nach Südtirol und erzählt eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, die auch symbolisch für die Veränderungen und die wechselvolle Geschichte der Region gelesen werden kann. Ein Roman, der klar macht, dass jede Zeit und jede Generation ihre eigenen Herausforderungen zu bestehen hat.

Letztes Jahr hatte ich mir bereits vorgenommen, „mehr Poesie zu wagen“ und nachdem ich das feinfühlige, faszinierende Buch „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller gelesen hatte, wollte ich unbedingt mehr über die Gedichte erfahren, welche Hannah Arendt verfasst hatte. Jetzt hatte ich endlich die Muße, mich dem Lyrikband „Ich selbst, auch ich tanze“ zu widmen und durfte Hannah Arendt nun auch von ihrer poetischen Seite entdecken. Ein Genuss für stille Momente und um die Gedanken fließen zu lassen!

Von Zeit zu Zeit greife ich gerne zu einem Krimiklassiker: Diesen Monat war dies mal wieder ein Werk von Georges Simenon und zwar „Maigret und die Keller des Majestic“. So bin ich mit dem Pfeife rauchenden Kult-Kommissar dieses Mal abgetaucht in die Katakomben eines Luxushotels und durfte erleben, wie er in all der Betriebsamkeit des Hotelbetriebs auf seine unnachahmliche Art und Weise ermittelt und letztlich (natürlich) den Fall lösen kann.

Die Entstehungsgeschichte von Hans Fallada’s großem, letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ durfte ich dank Oliver Teutsch’s neu erschienenem Roman „Die Akte Klabautermann“ näher kennenlernen. Beeindruckt hat mich vor allem die intensive, atmosphärische Schilderung des Nachkriegsberlins der Jahre 1945/46 und wie sich das kulturelle Leben nach dem Krieg wieder Schritt für Schritt die Bühnen, die Leinwand, die Bibliotheken und die Herzen der Menschen zurückerobert.

Vom Berlin der Vierziger ging es ins Rom der Siebziger Jahre: Gianfranco Calligarich’s Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ aus dem Jahr 1973 wird gerade wiederentdeckt und ist nun auch in einer deutschen Übersetzung von Karin Krieger erschienen. Die ewige Stadt ist für mich immer eine Reise wert! Einen ausführlichen Bericht über meinen literarischen Ausflug in die italienische Hauptstadt habe ich fest geplant und werde in Kürze sicher Näheres dazu berichten.

Was bringt der Februar?
Im Landestheater Niederbayern steht die Premiere der Komödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“ auf dem Programm, auf die ich schon sehr gespannt bin.

Am 17.02.22 um 20.15 Uhr sendet ARTE die Dokumentation „Die große Flut von Hamburg 1962“, da sich die Flutkatastrophe zum 60. Mal jährt. Ein Termin, den ich mir vorgemerkt habe. Letztes Jahr habe ich Robert Brack’s Sturmflutthriller „Dammbruch“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Zudem ist das Bücherregal gut gefüllt und bietet viel Schönes zu entdecken, so dass der Februar sicherlich auch literarisch kurzweilig und abwechslungsreich werden wird.

Dann wünsche ich allen einen inspirierenden und schönen, kürzesten Monat des Jahres! Genießt den Februar mit guten Büchern, Kunst und Kultur und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:

Nachgebacken habe ich im Januar dieses schöne Rezept, das Nina auf ihrem Blog Wippsteerts mit uns geteilt hat: Biscotti al limone. Ein sommerlich-sonniger Gruß aus der Backstube mit herrlichem Zitronenaroma – perfekt als kleine Zugabe zum Nachmittagsespresso. Sie sind wirklich fein geworden, so dass da sicherlich bald wieder Nachschub gebacken werden muss.

Musikalisches im Januar:
Musikalisch bin ich nicht mit den Wiener Philharmonikern, sondern mit der Sopranistin Pretty Yende ins neue Jahr gestartet. Sie war dieses Jahr – neben Tenor Brian Jagde – als Solistin zu Gast beim „Concerto di Capodanno – La Fenice“ in Venedig, das traditionell an Neujahr von ARTE ausgestrahlt wird. Mit Opernklassikern ins neue Jahr – immer ein schöner musikalischer Auftakt.

Ach, aus dieses Tales Gründen,
Die der kalte Nebel drückt,
Könnt ich doch den Ausgang finden,
Ach wie fühlt ich mich beglückt!
Dort erblick ich schöne Hügel,
Ewig jung und ewig grün!
Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel,
Nach den Hügeln zög ich hin.


(Ausschnitt aus Friedrich Schiller „Sehnsucht“)

Neujahrsbowle 2022 – Zurück in die Zukunft

Prosit Neujahr! Ich hoffe, alle sind gesund und munter ins neue Jahr gestartet. Allen Leserinnen und Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich zuallererst ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2022! Möge es so heiter bleiben und werden, wie der heutige weiß-blaue niederbayerische Neujahrshimmel, den ich für Euch eingefangen habe!

Ich lese in diesen Tagen um den Jahreswechsel gerne die Jahresrückblicke und Resümees meiner Bloggerkolleginnen und -kollegen, zeigen sie doch immer wieder, wie vielseitig unsere Welt ist – sei es das kulturelle Leben, die Buchwelt, Kreatives oder kulinarische Genüsse. Man entdeckt so manche Übereinstimmung, aber auch Unterschiede und gerade das macht es reizvoll.

Auch mir hat es Spaß gemacht, nochmal innezuhalten, durch die Leseliste des vergangenen Jahres und meine Blogbeiträge zu blättern, um meine persönlichen, literarischen Glanzlichter des Jahres auszuwählen, die ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte. 2021 war für mich ein starkes, intensives und sehr erfreuliches Lesejahr mit vielen großartigen Büchern – gar nicht so einfach, sich da auf nur zehn Titel zu beschränken, dennoch habe ich es versucht.

Also los – in der Reihenfolge, in welcher ich sie gelesen habe, meine 10 Lese-Höhepunkte des Jahres 2021:

  • Mariam Kühsel-Hussaini „Tschudi“: Ein grandioser und hochinteressanter Roman über Hugo von Tschudi (1851-1911), der als Direktor der Nationalgalerie Berlin gegen Widerstände neue Wege ging und die Kunst der französischen Impressionisten nach Deutschland holte. Sprachlich und inhaltlich ein Genuss!

  • Mirjam Pressler „Dunkles Gold“: Im großen Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat mir gerade dieses Jugendbuch einen bewegenden Einblick in ein Kapitel jüdischer Geschichte – den jüdischen Schatz von Erfurt – gegeben. Eine ganz große Leseempfehlung!

  • Daniela Engist „Lichte Horizonte“: Eines der schönsten Bücher über die Liebe in diesem Jahr stammt in meinen Augen von der Freiburger Autorin Daniela Engist. Intensiv, gefühlvoll und klug.

  • Rumer Godden „Unser Sommer im Mirabellengarten“: Ein perfektes Sommerbuch, das Lust macht auf einen lichtdurchflutenden, flirrenden Sommernachmittag unter dem Mirabellenbaum. Eine fesselnde und schön aufgemachte Wiederentdeckung aus dem Jahr 1958!

  • Steffen Kopetzky „Monschau“: Schon im Mai wusste ich, dass dieser Roman zu meinen Top Ten in 2021 gehören würde. Eine zarte, feinsinnige Liebesgeschichte vor dem zeitlichen Hintergrund der Pockenepidemie in Monschau 1962 – ein faszinierendes Panorama der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Großes Kino!

  • Gesuino Némus „Die Theologie des Wildschweins“: Mein Lieblingskrimi des Jahres spielt im Sardinien des Jahres 1969 – eine herrliche, humorvolle Lektüre, die herzerwärmend und erfrischend zugleich war. Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung der Reihe in 2022.

  • Hildegard E. Keller „Was wir scheinen“: Ein ganz besonderes Buch war für mich dieser zärtliche, innige Roman über Hannah Arendt und ihre letzten, unbeschwerten Urlaubstage im Tessin. Ein Rückblick auf ihr Leben, eine Ode an die Macht der Poesie, die Freundschaft und die Freiheit des Denkens.

  • Judith Fanto „Viktor“: Am meisten überrascht – im positivsten Sinn – hat mich wohl dieser wunderbare Debütroman der niederländischen Autorin Judith Fanto. Völlig hin und weg war ich nach der Lektüre, die genau meinen Nerv getroffen hat. Eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal vieler Juden in zweiter oder dritter Generation nach dem Holocaust – humorvoll und ernsthaft zugleich mit einer großen Leichtigkeit im Schweren!

  • Hisham Matar „Ein Monat in Siena“: Ein ungemein inspirierendes Buch über Kunst und das Leben – voll kluger Gedanken und eine herrliche literarische Reise in die wunderschöne Stadt Siena in der Toskana.

  • Pascale Hugues „Mädchenschule“: Ein warmherziges Buch über zwölf Frauenleben – zwölf Straßburger Schulkameradinnen, die sich 1968 im Poesiealbum der Autorin verewigten – und zugleich das Porträt einer ganzen Frauengeneration. Mitreißend, voller Wärme und mit viel Liebe zum Detail geschrieben – absolut liebenswürdig!

Der meist geklickte Beitrag in 2021 war interessanterweise ein älterer Beitrag aus dem letzten Jahr: „Tizians Venus“ über das Buch „La Fenice“ von Lea Singer. Den Grund für den plötzlichen Zuspruch konnte ich ausmachen: im Oktober wurde im Kunsthistorischen Museum in Wien die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ eröffnet, die noch bis zum 30.01.2022 läuft.

Die meisten Likes erhalten hat in diesem Jahr meine Besprechung zu Raynor Winn’s „Der Salzpfad“ – ein großartiges Buch, das offensichtlich auch meine Leserschaft begeistert hat.

Für all die positiven Rückmeldungen, Likes und Kommentare, welche für mich diese Bowle zu dem Vergnügen werden lassen, das es ist, möchte ich mich von ganzem Herzen bedanken. Es ist mir eine Freude und ein Anliegen, meine Begeisterung für Bücher und kulturelle Ereignisse zu teilen – schließlich ist geteilte Freude doppelte Freude.

Gaumen-Highlight 2021 (Essen):
Da aller guten Dinge drei sind, möchte ich hier dieses Jahr drei Rezepte von lieben Bloggerkollegen verlinken, die sich heuer fest im Speiseplan der Kulturbowle etabliert haben:

Das Focaccia-Rezept von Schnippelboy wurde mehrfach erprobt, funktioniert prima und schmeckt wirklich hervorragend zu Gegrilltem, zu Salat, zum Abendessen, zur Brotzeit… es ist wirklich universell einsetzbar.

Als absolut alltagstauglich und sehr schmackhaft befunden, sowie mehrfach nachgekocht wurden auch die Fusilli mit Senf-Kohl und Speck von Ein Nudelsieb bloggt. Die Senf-Note zum Wirsing – ein Gedicht…

Eine wunderbare kulinarische Neuentdeckung dieses Jahr war der Mönchsbart (barba di frate), auf welchen mich dieses feine Pastarezept (Spaghetti mit Barba di Frate) von Arcimboldi’s World aufmerksam gemacht hat. Ich freue mich jetzt schon wieder darauf, wenn der Mönchsbart im Frühjahr wieder Saison hat.

Gaumen-Highlight 2021 (Trinken):
Die Neuentdeckung in diesem Herbst war auf jeden Fall heißer Sanddornsaft: gesund, vitaminreich, wärmend und auch noch eine tolle Farbe im Glas – eine sehr schöne Alternative zu Glühwein, Grog und Co. in der kalten Jahreszeit.

Musikalisches in 2021:
Diese Kategorie fällt mir besonders schwer, denn vom spektakulären Abba-Comeback, über das koreanische Volkslied Arirang, einem Liederabend mit Christian Gerhaher, schönen Opernvorstellungen bis hin zu den King’s Singers im Radio kurz vor Weihnachten, und… und… und… war so viel Schönes, Neues, Beschwingtes, Bewegendes und Wunderbares aus der Welt der Musik dabei, dass ich hier dieses Jahr wirklich kein Highlight hervorheben oder auswählen kann und möchte.

***

Aber nach dem Blick zurück, möchte ich auch nach vorne schauen, denn ein neues Jahr hat begonnen, das gelebt und mit Leben gefüllt werden will, z.B. mit schönen Erlebnissen kultureller Art in Theatern, Opernhäusern und bei Konzerten, mit Spaziergängen in der Natur, mit Begegnungen, feinen kulinarischen Genüssen und mit guten Büchern. Auf meiner Kulturbowle möchte ich daher weiter versuchen, bunt und vielseitig über Lesefreuden, Kulturgenüsse und die schönen Dinge des Lebens zu berichten, diese mit Euch zu teilen, Lust und Neugier zu wecken.

Meine literarische Europareise (Europabowle), die in den letzten Monaten ein wenig pausiert hat, möchte ich weiter fortsetzen und habe mir schon ein paar Länder ausgesucht.

Neu eingerichtet habe ich seit ein paar Tagen den Zeitstrahl meiner Kulturbowle. Eine chronologische Auflistung aller Buchrezensionen geordnet nach dem Jahr der Erstveröffentlichung – zu finden unter Bowle A-Z / Zeitstrahl. Wer also vielleicht nach einem Buch aus einem bestimmten Jahr suchen möchte oder wissen möchte, welche Bücher aus welchen Jahrzehnten bereits hier besprochen wurden, hat jetzt die Möglichkeit, dort zu stöbern. Ich finde es immer interessant, die Bücher zeitlich einzuordnen und auch im zeitlichen Kontext des Erscheinungsjahrs sehen zu können.

Ich bin normalerweise der Meinung, dass man sich gute Vorsätze jederzeit – auch während des Jahres – nehmen und sofort umsetzen kann, aber beim Stöbern durch andere Buch- und Literaturblogs (z.B. Wissenstagebuch, Letusreadsomebooks u.v.m.) bin ich im vergangenen Jahr über das Projekt „21 für 21“ gestolpert. Zu Beginn des Jahres gibt es eine Liste mit Büchern, die man sich für das kommende Jahr zu lesen vornimmt.
Eine schöne Idee, die ich für 2022 gerne in etwas abgewandelter Form aufgreifen möchte: Da ich mir meine Spontanität und Flexibilität bei der Buchauswahl jedoch bewahren möchte, werde ich mich nicht von vornherein auf ganz bestimmte Titel festlegen. Vielmehr möchte ich mir vornehmen, Bücher aus bestimmten Genres, mit besonderen Themen, Schauplätzen oder Merkmalen zu lesen. Daher habe ich mir folgendes überlegt:

Kulturbowle’s 22 für 2022: Ich möchte lesen…

  1. Einen Klassiker
  2. einen Lyrikband
  3. einen historischen Roman
  4. ein Sachbuch
  5. einen Kriminalroman
  6. einen Krimi von Agatha Christie
  7. einen Krimi von Georges Simenon
  8. ein Buch mit Wien als Schauplatz
  9. ein Buch mit Rom als Schauplatz
  10. ein Buch mit Paris als Schauplatz
  11. ein Buch mit London als Schauplatz
  12. ein Buch, in dem Musik eine Rolle spielt
  13. ein Buch, in dem Malerei ein Rolle spielt
  14. ein Buch, in dem Theater/Oper eine Rolle spielt
  15. ein Buch, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt
  16. ein Buch einer Literaturnobelpreisträgerin
  17. einen Debütroman
  18. ein Buch einer für mich neuen Autorin bzw. eines neuen Autors
  19. ein Buch einer bayerischen Autorin oder eines bayerischen Autors
  20. ein überraschendes Buch
  21. ein dickes Buch (lt. Definition von Nordbreze > 500 Seiten)
  22. ein Buch, das schon seit mehr als zwei Jahren bei mir im Regal steht

Ich plane, sobald ich die Zeit finde, eine eigene Seite für die Kulturbowle’s 22 für 22 anzulegen, die ich nach und nach mit Leben füllen werde. Etwas Neues, das ich ausprobieren möchte, aber keine Angst, ich lese weiterhin, was mir gefällt und werde auch nicht nur die Liste streng abarbeiten! Zudem bin ich mir sicher, dass es nicht bei den 22 bleiben wird, habe ich doch in 2021 mehr als 70 Bücher hier auf dem Blog vorgestellt.

Darüber hinaus freue ich mich auf Theater, Oper, Musik, Ausstellungen und alles Kulturelle, was im neuen Jahr so kommen mag.
Bleiben wir also gesund, optimistisch und zuversichtlich und freuen uns auf 2022!

Dass uns eine Sache fehlt, sollte uns nicht davon abhalten, alles andere zu genießen.“

(Jane Austen)

Dezemberbowle 2021 – Sterne und Weihnachtsruhe

Abgesehen von ein paar kurzen Schneeintermezzi präsentierten sich der Dezember und auch die Weihnachtstage eher grau und verregnet. So konnte man guten Gewissens viel Zeit zu Hause verbringen und lesend auf der Couch genießen. So geht ein ruhiger Dezember zu Ende, der sich für mich literarisch sehr vielseitig gestaltet hat:

Eine faszinierende, ungewöhnliche Perspektive auf die wunderschöne Stadt Potsdam bot mir Ludwig Sternaux’s „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“ aus dem Jahr 1924. Melancholisch blickt der Autor zurück auf die Glanzzeiten der preußischen Monarchie und der Stadt, die so reich ist an Geschichte, Baukunst, Parks und Gärten. Reiseliteratur der anderen Art – fast hundert Jahre alt – und doch öffnet sie einem auch heute noch die Augen für interessante und schöne Aspekte Potsdams.

Ein Sonnenschein von einem Buch über eine tolle Persönlichkeit: Susanne Wiedmann’s Biografie „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“ bescherte mir schwungvolle, interessante und doch auch nachdenkliche Lesestunden. Die Biografie über den langjährigen Korrepetitor des Stuttgarter Balletts ist für Ballettfreunde, Musikliebhaber und Fans von spannenden Lebensgeschichten eine absolut lohnenswerte Lektüre. So kam im grauen Dezember für mich zumindest literarisch die Sonne durch.

Der zweite Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie von Sigrid Undset „Kristin Lavranstochter – Die Frau“ versetzte mich erneut zurück ins mittelalterliche Norwegen. Kristin reift zur Frau, wird mehrfache Mutter und hat an der Seite ihres Mannes Erlend so manche Krise durchzustehen. Ein opulenter Roman vor grandioser Naturkulisse über den Kreislauf des Lebens, Werden und Vergehen und große Gefühle.

Seit „Acht Berge“ bin ich ein Fan von Paolo Cognetti, so war ich natürlich sehr neugierig auf den neuen Roman „Das Glück des Wolfes“, der den Leser wieder in die italienische Bergwelt entführt. Ein wohltuendes, stilles und meditatives Buch, welches das Herz am rechten Fleck hat und eine wunderbare Winterlektüre sein kann. Mehr dazu gibt es in Bälde.

Kurz vor dem Tod des Verlegers am 17.12.2021 habe ich noch einen Band aus der SALTO-Reihe gelesen: „Italienische Weihnachten“, das 2019 von Klaus Wagenbach herausgegeben wurde. Die italienische Literatur lag ihm stets ganz besonders am Herzen. Und auch wenn diese Geschichten italienischer Autorinnen und Autoren in diesem Band mich nicht so richtig in Weihnachtsstimmung versetzen wollten, zeigen sie doch die Vielfalt unterschiedlicher Facetten und Perspektiven auf das Land Italien – durch Erzählungen aus der Feder von Natalia Ginzburg, Italo Calvino, Andrea Camilleri, Leonardo Sciascia und viele andere mehr.

Von einer neuen Seite präsentiert sich der bisher vor allem durch historische Romane (z.B. „Die Fälscherin von Venedig“) bekannt gewordene Autor Christian Schnalke in seinem neuen Roman „Louma“ – eine wunderbar warmherzige Geschichte über eine ungewöhnliche Patchworkfamilie: Nach dem Tod der Mutter müssen vier Kinder und ihre zwei Väter sich zusammenraufen und gemeinsam das weitere Leben meistern. Ein ernstes Thema, das Schnalke auf unwiderstehliche Weise stets respekt- aber vor allem auch humorvoll erzählt. Eine ausführliche Rezension folgt im neuen Jahr.

An diesem Roman komme auch ich in diesem Jahr nicht vorbei: Eva Menasse’s „Dunkelblum“ ist ein düsteres Meisterwerk der Zwischentöne und große Literatur. Jetzt über die Weihnachtstage hatte ich endlich die Muße und Konzentration, das vielbesprochene und zu Recht gelobte Werk in Ruhe zu lesen und zu genießen.

Schon das Cover mit den Regentropfen passte jetzt einfach perfekt in die Zeit und das Lesejahr mit einem Krimi ausklingen zu lassen, der dieses Jahr in Großbritannien auf den Bestsellerlisten ganz weit oben stand, entpuppte sich als gute Idee: Janice Hallett’s Debütroman „Mord zwischen den Zeilen“ ist ein richtiger „Pageturner“ im besten Sinne, denn einmal begonnen, kann man ihn wirklich kaum mehr aus der Hand legen. Keine Angst – ich werde bald ausführlicher berichten.

Und an der Filmfront?
Als sehr sehenswert habe ich das Dokudrama „Dürer“ auf ARTE (noch in der Mediathek verfügbar bis 03.03.2022) empfunden, da ich viel Neues – vor allem auch über die Rolle seiner Frau Agnes erfahren habe. Für Kunstinteressierte eine große Empfehlung!

Die besondere Beziehung zwischen Bertha von Suttner und Alfred Nobel steht im Mittelpunkt des Fernsehfilms aus dem Jahr 2014 „Eine Liebe für den Frieden“ (hochkarätig besetzt mit Birgit Minichmayr, Sebastian Koch und Philipp Hochmair), der noch bis zum 02.01.22 (20.15 Uhr) in der ARD Mediathek abrufbar ist. Intelligente Fernsehunterhaltung, die mir eine faszinierende Persönlichkeit bzw. die erste weibliche Nobelpreisträgerin etwas näher gebracht hat.

Dass Bloggen inspirierend ist und kreativ macht, konnte ich diesen Monat gleich zweimal unter Beweis stellen:
Bei Christiane’s wunderbarem Adventskalender auf ihrem Blog „Irgendwas ist immer“ durfte ich eine Adventüde, d.h. eine von mir verfasste Geschichte beisteuern. Wer sie noch gerne lesen möchte, findet sie hier.
Die Sterne auf dem Beitragsbild habe ich bei Nanni auf ihrem kreativen Blog „Helden der Vorzeit“ entdeckt und dann tatsächlich seit langem wieder einmal selbst zum Strickzeug gegriffen.

Im Januar 2022 möchte ich unbedingt auch wieder über Live-Theater berichten.
Im Dezember habe ich hingegen auf zwei andere Formate meines Heimattheaters zurückgegriffen:
In der Mediathek des Landestheater Niederbayern gibt es noch bis zum 09.01.2022 die Videoaufzeichnung des diesjährigen Kinderstücks von Otfried Preußler „Die kleine Hexe“ zu sehen. Wer Kind geblieben ist und die kleine Hexe und ihren Raben Abraxas auf den Weg zum Hexentanz auf dem Blocksberg begleiten möchte, ist herzlich eingeladen – mir hat das Stück viel Freude bereitet.

Für erwachsene Krimi- und Hörspielfreunde kann ich hingegen den dreiteiligen Krimipodcast „Flashback“ von Thomas Ecker sehr empfehlen: spannende Unterhaltung, welche vom Landshuter Schauspielensemble eingesprochen wurde und die ebenfalls in der Mediathek des Theaters zu finden ist.

Bleibt mir nur noch erneut auf ein besseres 2022 für alle Kulturliebhaber und Kulturschaffenden zu hoffen. Ich wünsche allen, die meine Kulturbowle lesen und verfolgen einen guten Rutsch, einen stimmungsvollen, besinnlichen Jahresausklang und ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2022!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Dezember:
Als Wintergemüse gehört für mich seit einigen Jahren der Grünkohl im Dezember auf den Speiseplan: ob im Zusammenspiel mit Kartoffeln oder zur Pasta, saisonal ist der Grünkohl jetzt eine gute Wahl.

Musikalisches im Dezember:
Begeistert haben mich diesen Monat die King’s Singers, die ich auf BR Klassik in einem Weihnachtsspecial von „Sweet Spot“ erleben durfte. Faszinierender A-cappella-Klang in der Besetzung mit zwei Counter-Tenören, einem Tenor, zwei Baritonstimmen und einem Bass. Aktuell (Stand: 29.12.21) findet man die Sendung noch auf der Homepage von BR Klassik.

Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen
Hier uns zu freuen,
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

(Ausschnitt aus „Zum neuen Jahr“ von Johann Wolfgang von Goethe)

Novemberbowle 2021 – Laubrascheln und Schmökerstunden

Der November machte sich dieses Jahr keine Mühe, um mit untypischem Wetter zu überzeugen. Vielmehr erfüllte er meist das Klischee, hatte viel Nebel und Grau im Angebot und am Ende sogar ein kleines bisschen Schnee. Dennoch gab es Gelegenheiten zu Spaziergängen durch raschelndes Herbstlaub und vor allem auch lange Leseabende zu Hause. Die Corona-Lage bereitet leider erneut sehr große Sorgen und auch für die Kultur steht wieder ein harter Winter ins Haus.

Doch im November hatte ich noch die Möglichkeit, zwei Ausstellungen in Landshut zu sehen:

In der Neuen Galerie Landshut durfte ich in der Ausstellung „Ungesehen – Venske & Spaenle“ (22.10. – 14.11.21) sogenannte Smörfs aus Laaser Marmor des Künstlerehepaares Julia Venske und Gregor Spänle kennenlernen. Weiße Marmorwerke, die an kleine Wesen erinnern und mich in gute Laune versetzten.

Nachdenklicher stimmte mich die aktuelle Ausstellung im Landshuter Koenigmuseum „9/11 und die Koenig Kugel“ (11.09.21 – 11.02.22), welche Fritz Koenig’s bekanntestes Werk – die große Kugelkaryatide vor dem World Trade Center, welche den Anschlag beschädigt überlebte – in den Mittelpunkt stellt, aber auch Kunstwerke anderer Künstler zum Thema 9/11 – anlässlich des 20. Jahrestages – in Kontext mit dem Werk des Bildhauers setzt.

Der November war für mich ein richtiger Schmökermonat. Mit einigen Büchern knapp an die 500 und mehr Seiten, großartigen historischen Romanen und winterlicher Lektüre habe ich zahlreiche Stunden und viele lange, dunkle Abende gemütlich eingekuschelt in einer Decke auf der Couch verbracht. Von dort reiste ich quasi klimaneutral ins Berlin der Zwanziger Jahre, nach Kalmar in Schweden, an den New Yorker Broadway, ins Rom der Renaissance, an den Küstenpfad entlang der Südwestküste Englands, ins Elsass, ins neblige Essex, zu Polarlichtern und ins norwegische Gudbrandsdalen nach 1900. Man könnte sagen, ich bin ganz schön herumgekommen diesen Monat.

Einblicke ins Leben der jüdischen Malerin Lotte Laserstein und ihres Lieblingsmodells Traute Rose bot mir Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“. Literarisch mehr über die Lebensgeschichte und das Werk eines Künstlers zu erfahren, ist immer reizvoll und bei der Verbindung von Kunst und Literatur kann ich sowieso nur selten widerstehen.

Leider nicht ganz meine – wohl zu hohen – Erwartungen erfüllen konnte Ethan Hawke’s Theaterroman „Hell strahlt die Dunkelheit“. Die Geschichte über einen Filmschauspieler, der in einer Ehe- und Lebenskrise steckt und eine Nebenrolle am New Yorker Broadway im Shakespeare Stück „Heinrich IV.“ annimmt, hatte für meinen Geschmack zu viel Fokus auf „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ und zu wenig auf den wirklich interessanten Schilderungen des Theaterbetriebs. Mit den Figuren in Hawke’s Roman wurde ich persönlich leider nicht so richtig warm. Eine ausführliche und positiv überraschte Rezension zum Buch findet man hingegen bei Sören Heim.

Ein richtig toller Schmöker war für mich Michael Römling’s historischer Roman „Mercuria“, der mich abtauchen ließ ins Rom der Renaissancezeit und mir wirklich fesselnde Lesestunden bescherte. Ein grandioser Schauplatz, ein spannender Plot und sympathische Figuren – das war ein opulentes Lesevergnügen ganz nach meinem Geschmack und wie geschaffen für die dunkle Jahreszeit.

Eine außergewöhnliche und inspirierende Lektüre war Raynor Winn’s „Der Salzpfad“. Dieser Reisebericht, in welchem sie die Wanderung auf dem Küstenpfad entlang der Südwestküste Englands gemeinsam mit ihrem schwerkranken Mann beschreibt, nachdem sie alles verloren und obdachlos geworden waren, ist ein ganz besonderes Leseerlebnis, das erdet und demütig macht und trotzdem einen ungezähmten Optimismus versprüht.

Müsste ich einen heimlichen Favoriten dieses Monats küren, wäre es – trotz starker Konkurrenz – vermutlich Pascale Hugues‘ „Mädchenschule“. Die Journalistin, die nach einigen Jahrzehnten ihre Klassenkameradinnen von 1968 wiedertrifft, die sich damals in ihrem Poesiealbum verewigten, und so die Geschichte einer ganzen Frauengeneration erzählt – ein warmherziges, grandioses und für mich unvergessliches Buch!

Noch einmal in die Abteilung historische Romane griff ich mit Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ – einer meiner Regalschlummerer, der schon länger bei mir wartete und für den jetzt endlich die richtige Zeit gekommen war. Preisgekrönt und mit einem zweifellos zeitlosen Thema: Wissenschaft und Glaube versus Aberglaube. Aktueller geht wohl kaum und doch spielt der Roman in Großbritannien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Perfekt in die Jahreszeit passte die Lektüre von Katherine May’s „Überwintern. Wenn das Leben innehält“, in welchem sie beschreibt, dass Menschen häufiger in ihrem Leben Phasen des Winters durchleben, der bei ihr im übertragenen Sinn für große Krisen, Umbrüche oder Schicksalsschläge im Leben steht. So schildert sie, wie man diesen Lebensphasen begegnen und was man sich hierfür auch aus der Natur und der Tierwelt abschauen kann. Anhand ihres Lebens zeigt sie beispielhaft auch Verhaltensweisen und Wege auf, um gesund bzw. gestärkt durch und aus dem Winter zu kommen. Positiv und wärmend gerade in diesen Zeiten!

Und wenn wir schon bei der Kälte sind: Lars Mytting’s zweiter Band der Schwesterglocken-Trilogie „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ ist erschienen, den ich nach „Die Glocke im See“ unbedingt sofort lesen wollte. Der Leser erfährt, wie es im norwegischen Gudbrandsdalen mit Pfarrer Schweigaard, der Glocke im See und der nächsten Hekne-Generation weitergeht. Ein ideales Winterbuch!

Viele Bücher, die mich wirklich begeistert haben und ein wirklich starker Lektüre-November, bevor es jetzt im Dezember auf die letzte Leseetappe im Jahr 2021 geht.

Seit langen gab es auch wieder einmal ein Hörerlebnis auf der Kulturbowle und nostalgische Gefühle kamen im November nicht nur bei der Neuauflage von „Wetten, dass“ mit Thomas Gottschalk, sondern eben auch beim Hören der brandneuen Hörspielproduktion des Theater Nikola Landshut von Edgar Wallace „Der Hexer“ auf – spannendes Theater für die Ohren auf CD und somit für die Couch zu Hause.

Zwei Bildungslücken im Filmbereich konnte ich auf ARTE mit den Klassikern „Tod in Venedig“ von Luchino Visconti und Alfred Hitchcock’s „Der unsichtbare Dritte“ schließen. Als ebenso sehenswert habe ich jedoch den deutschen Fernsehfilm „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ (2021) empfunden, der für den 3sat-Publikumspreis nominiert war und die Anfänge der friedlichen Revolution in Leipzig Ende der Achtziger Jahre aus der Sicht eines jungen Paares beschreibt, das sich zunächst in einer Umweltgruppe engagiert und sich unter dem Schutz der Kirche gegen die Umweltverschmutzung und die Zerstörung der Natur einsetzt. Bis zum 20.02.2022 ist der Film noch in der 3sat-Mediathek verfügbar.

Ein wunderschöner Höhepunkt diesen Monat war auch mein Losglück und der damit verbundene Gewinn auf Manuela Mordhorst’s schönem Blog, der mir ein goldenes Glänzen in Form einer wunderschönen Kunstkarte nach Hause zauberte. Hier seht Ihr das Prachtstück, das ich persönlich viel zu schade zum Versenden finde und das daher demnächst gerahmt einen Platz in meinem Zuhause finden wird. Nochmals vielen lieben Dank, Manuela! Und daher mache ich jetzt ausnahmsweise sehr gerne auch einmal unbezahlte *Werbung* für Manuela Mordhorst’s Kunstblog, dem es sich aufgrund ihrer eindrucksvollen – meist von der Natur inspirierten – Gemälde in prachtvollen Farben zu folgen lohnt, und für ihren Shop, in welchem man neben diesen glanzvollen Karten auch kleinere Gemälde erwerben kann.

Karte: Manuela Mordhorst; Foto: Kulturbowle

Und so bot der November trotz aller schlechten und traurigen Nachrichten sowie all der grauen Tage doch auch Schönes und so manchen Lichtblick, auch wenn es kulturell wieder eine schwierige Zeit werden wird.

Was bringt der Dezember?
Viel Zeit zu Hause, Kontakte reduzieren, lange Winterspaziergänge, gutes Essen und gute Bücher. Plätzchen essen, Adventsstimmung mit Kerzenlicht und schöner Musik schaffen und hoffen, dass die Corona-Maßnahmen greifen und sich die Lage in den Krankenhäusern hoffentlich wieder verbessert.

Zu meinem Heimattheater werde ich über den Adventskalender auf der Homepage des Landestheater Niederbayern Verbindung halten, der hinter den 24 Türchen Einblicke ins Theatergeschehen und hinter die Kulissen gewährt.
Zudem gibt es als Weihnachtsüberraschung einen Krimipodcast des Theaters – „Flashback“ – in drei Folgen, die jeweils an den Weihnachtsfeiertagen (25. / 26. und 27. Dezember 2021) freigeschaltet werden. Spannend!

Im ARTE-Programm habe ich eine interessante Dokumention über Albrecht Dürer entdeckt, die ich mir vorgemerkt habe: „Dürer“ wird am Samstag, den 4. Dezember um 20.15 Uhr auf ARTE ausgestrahlt.

Das Bücherregal ist – wie unschwer zu erahnen ist – gut gefüllt und hält auch wieder viel Schönes für lange Leseabende bereit.

Ich wünsche Euch einen ruhigen, besinnlichen und vor allem gesunden Dezember sowie eine schöne Adventszeit. Für Weihnachtswünsche ist es noch zu früh. Macht das Beste aus der Situation, passt auf Euch auf und bleibt zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight November:
Bevor die klassische Lebkuchen und Plätzchen-Zeit begonnen hat, gab es dennoch seelentröstendes Gebäck – einen Hauch Skandinavien und etwas Hygge für zu Hause: selbstgebackene Zimtschnecken. Für eine schwedisch inspirierte Fika (Pause) mit Kaffee oder Tee sind Zimtschnecken der ideale Begleiter.

Musikalisches im November:
Der Advent hat dieses Jahr bereits im November begonnen und somit gab es auch schon das erste Adventskonzert im Fernsehen, welches ich traditionell gerne ansehe und zwar das aus der Dresdner Frauenkirche. Leider pandemiebedingt wieder ohne Publikum in der Kirche, dafür mit sehr schöner Musik von Sopranistin Katharina Konradi, Tenor Jonathan Tetelman, Pianist Lang Lang, Organist Samuel Kummer, dem Dresdner Kreuzchor, sowie dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Petr Popelka. Besonders faszinierend und für mich neu war der Psalm 24 „La terre appartient à l’Eternel“ der Komponistin Lili Boulanger und sehr berührend auch das von Katharina Konradi gesungene „Pie Jesu“ aus Gabriel Fauré’s „Requiem“ zum Gedenken an die durch Corona Verstorbenen.
In der ZDF Mediathek ist das Konzert noch bis zum 28.05.2022 kostenlos abrufbar.

„Kann man überhaupt jemals genug Erinnerungen haben?“

(aus Raynor Winn „Der Salzpfad“ – S.309)

Oktoberbowle 2021 – Atempause und Herbstleuchten

Der Oktober war in weiten Teilen wirklich ein goldener und verwöhnte uns mit zahlreichen Sonnenstunden und bunt gefärbten Blättern: ein Monat zum Genießen, Durchatmen und Energie tanken. Lange Herbstspaziergänge, emotionaler Operngenuss und gute Lektüre – dieser Monat zeigte sich von seiner besten Seite.

Auch kulturell war einiges geboten, denn in Landshut durfte ich im Oktober gleich zwei Premieren von wahren Opern-Klassikern erleben: Mozarts „Die Zauberflöte“ und Puccini’s „Madama Butterfly“ – live im Theater – ließen mein Herz als Opernfan höher schlagen.

Stimmungsvoll war auch das „Orgelkonzert bei Kerzenschein“ im Moosburger Münster St. Kastulus mit Werken von Johann Sebastian Bach, Felix Alexandre Guilmant und Ad Wammes: eine von Kerzen erhellte Kirche und feierliche Orgelmusik – ein schönes und besinnliches Konzerterlebnis der anderen Art.

Auch die Lektüre im Oktober war bunt – wie die farbigen Blätter an den Bäumen:
Den Auftakt bildete Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“ – ein emotionaler und berührender Roman über das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Die österreichische Autorin erzählt die Geschichte der Zwillingsschwestern Sarah und Sophie, die auch angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung einer der beiden Kraft und Trost aus gemeinsamen Kindheitserinnerungen schöpfen.

Tragisch und turbulent war auch das Leben der legendären Tänzerin Isadora Duncan, welches Michaela Karl in der neuen Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“ erzählt. Die Geschichte eines der ersten weiblichen Weltstars während der Belle Epoque, welche durch ihren innovativen und eigenwilligen Stil die Welt des Tanzes revolutionierte und als Vorreiterin des Modern Dance gilt.

Ein kleiner, feiner Band aus der Insel Bücherei eröffnete mir Einblicke in „Max Liebermanns Garten“ (herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gloria Köpnick und Rainer Stamm) – mit zahlreichen Gemälden des Künstlers, welche in seinem Sommerhaus am Wannsee entstanden sind und zugehörigen Erläuterungen. Seit 2006 ist die Villa als Museum zugänglich, das ich bei Gelegenheit auch einmal gerne besuchen würde.

Mit Hans Fallada’s Roman „Wir hatten mal ein Kind“ stand eine klassische Rügen-Lektüre auf meinem Programm. Mit ca. 600 Seiten und einer Hauptfigur, mit der ich persönlich nicht warm wurde, eine fordernde Lektüre, die jedoch aufgrund der Stilistik und treffenden Personen- und Milieubeschreibungen dennoch lohnenswert war.

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Ausstellung und das Sachbuch „Sacrow – Das verwundete Paradies“ von Jens Arndt. Anhand des wunderschönen Ortes an der Havel, dem Schloss und der Heilandskirche wird die deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte intensiv erfahrbar. Von der preußischen Monarchie über beide Weltkriege, das NS-Regime und die Teilung Deutschlands, den Mauerbau und die Wiedervereinigung hinweg – Sacrow symbolisiert wie kaum ein anderer Ort die wechselvolle, deutsch-deutsche Geschichte.

Ein völlig anderer Schauplatz erwartete mich bei Santo Piazzese’s Kriminalroman „Blaue Blumen zu Allerseelen“: Palermo, die Hauptstadt Siziliens. Commissario Spotorno ermittelt dort in mehreren Mordfällen und unweigerlich auch bald im Milieu der organisierten Kriminalität.

Noch einmal ein geschichtsträchtiger Ort und ein großer Name: „Adlon“Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers eines der wohl berühmtesten deutschen Hotels erzählt die Geschichte seiner Familie. Spannend, hochinteressant und kurzweilig zu lesen – ein wahres Familienepos, das man sich so kaum ausdenken könnte.

Ein bunter Lektüre-Strauß im Oktober: mit Roman, Sachbuch, Biografie, Kriminalroman, Familiengeschichte und einem Klassiker waren wirklich viele unterschiedliche Genres vertreten.


Was bringt der November?

Die Tage werden rasant kürzer und die langen Abende laden dazu ein, es sich mit einem guten Buch und einem Getränk auf der Couch gemütlich zu machen. November ist Schmökerzeit und ich habe große Lust, mich literarisch in andere Zeiten und Länder entführen zu lassen. Vielleicht ist jetzt auch wieder mal die richtige Gelegenheit für einen schönen, historischen Roman – es liegt so einiges Verlockendes auf meinem Lesestapel bereit – ich werde berichten.

Zudem freue ich mich auf eine weitere Opernpremiere in meinem Heimattheater: Auch Gaetano Donizetti’s „Roberto Devereux“ wird mich in eine andere Welt – ins London des Jahres 1601 – versetzen. Ich bin schon sehr gespannt.

Zudem habe ich auch Lust, mir wieder mal einen guten Film im Fernsehen anzusehen – auf ARTE steht am Sonntag, den 14. November um 20.15 Uhr zum Beispiel Hitchcock’s Klassiker „Der unsichtbare Dritte“ mit Cary Grant auf dem Programm. Das wäre doch etwas.
Oder doch wieder mal ein Hörspiel oder Hörbuch?
Ihr seht, auch die dunkle Jahreszeit bietet unzählige Möglichkeiten…

Ich wünsche Euch einen gemütlichen und entspannten November – macht es Euch schön, schafft Euch stimmungsvolle Momente und genießt das, was der Däne als „Hygge“ bezeichnen würde: eine Kerze anzünden, in die Decke kuscheln, eine Tasse Tee, guten Lesestoff oder Musik…

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Oktober:

Herrlich in diesen farbenfrohen Herbstmonat passte für mich heißer Sanddornsaft – wärmend und vitaminreich. Dazu die intensive Farbe im Glas – meine herbstliche, kulinarische Entdeckung in diesem Monat.


Musikalisches im Oktober:
In Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“ begegnet man der fünften Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy – der Reformationssinfonie. Musikalisch trifft sich das gut in dem Monat, in welchem auch der Reformationstag am 31. gefeiert wird.

Der Herbst

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen
Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

Die Zweig‘ und Äste durch mit frohem Rauschen
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

(Friedrich Hölderlin)

Septemberbowle 2021 – Sonnenstrahlen und Lebensgeister

Der September verwöhnte uns mit Wärme, hellen, freundlichen und sehr sonnigen Tagen und so kamen tatsächlich noch einmal Sommergefühle auf. Noch einmal Sonnenstrahlen auf die Nase scheinen lassen und die Zeit im Freien genießen – all das weckte die Lebensgeister ebenso wie der Beginn der neuen Theaterspielzeit und die zunehmenden kulturellen Möglichkeiten.

Die neue Spielzeit des Landestheater Niederbayern startete mit einem Vorgeschmack auf das Programm 2021/2022 im Rahmen einer Spielplanshow, die in einer Art „Best of“ in kurzen Szenen von einigen Minuten jeweils einen Eindruck in die Schauspiele, Opern und Musicals gab, auf die man sich in dieser Saison freuen darf. Da ist sehr viel Spannendes und Schönes dabei und schon die erste Premiere „The King’s Speech“ konnte mich gleich hellauf begeistern.
Zudem werde ich wohl mit einiger Sicherheit auch bald vom neuen Italo-Pop-Musical „Azzurrodue“ berichten, das ebenfalls im September in Landshut Premiere feiern durfte – ein Abend mit grandioser Musik und guter Laune pur!

Auch im Filmbereich habe ich für mich Neues entdeckt: „Yesterday“ – ein liebenswerter, feiner Film mit einer witzigen Idee: Stell Dir vor, Du erwachst und bist der einzige Mensch auf der Welt, der noch weiß, wer die „Beatles“ sind und ihre Lieder kennt. Eine schöne Erinnerung an tolle Musik und kurzweilige Unterhaltung.

Überhaupt war der September ein sehr musikalischer Monat: Mit einem besuchten Livekonzert von „Evi Keglmaier und Johannes Öllinger“ im Rahmen des Landshuter Kulturfestivals, der Oper „Turandot“ aus St. Margarethen im Fernsehen und dank des 3Sat-Mitschnitts der „Last Night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall.

Zudem war der September auch ein Monat des Gedenkens:
Am 11. September jährte sich 9/11 zum zwanzigsten Mal. Die berühmte Kugelkaryatide des Landshuter Künstlers Fritz Koenig, die vor dem World Trade Center stand, überstand den Anschlag – zwar verletzt und beschädigt – und wurde zum Mahnmal: Ein Anlass für das Landshuter Koenigmuseum vom 11.09.2021 – 11.02.2022 die Ausstellung „9/11 und die Koenig Kugel“ zu zeigen.
Sehenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Dokumentarfilm vom Percy Adlon „Koenigs Kugel“ und auch der Bayerische Rundfunk widmete der Kugel eine neue Sendung „Koenigs New Yorker Kugel – Eine Skulptur wird zu Symbol“, die noch bis zum 09.09.2022 in der BR Mediathek zu sehen ist.

Aufgrund des behutsam wieder zurückkehrenden Alltags, der zunehmenden Möglichkeiten, des Auskostens des fantastischen Wetters und der schönen Liveerlebnisse im Theater, blieb dann auch etwas weniger Zeit für die Buchlektüre übrig.

Doch der September hat dennoch eine schöne, literarische Mischung für mich bereitgehalten:
Ein Krimi so richtig nach meinem Kulturbowle-Geschmack war Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“, der ein wahres Feuerwerk an Querbezügen zu Kunst, Malerei, Musik, Film und Literatur zündete. Der zweite Fall um Peter Falcon wurde so für mich zur inspirierenden und äußerst unterhaltsamen Krimilektüre, die bei mir die Lust weckte, auch den ersten Fall auf meine Leseliste zu setzen. Ein kreativer und künstlerischer Krimi, den ich einmal angefangen kaum noch weglegen konnte.

Ein weiterer Krimi, der sich ebenso wohltuend von den üblichen Mainstream-Krimis von der Stange unterscheidet, ist Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“, in dem sie zum ersten Mal die „gnä’ Frau“ Ehrenstein ermitteln lässt. Wien in den wilden Siebziger Jahren und die feine Dame aus noblem Hause ermittelt aus Langeweile auf eigene Faust in einem Mordfall. Wer Wien liebt, gerne komödiantisch-witzige und unblutige Krimis mit leicht verschroben-schrägen Figuren und der gehörigen Portion „Schmäh“ mag, der kann mit diesem Buch – wie ich – amüsante Krimistunden verbringen.

Ein leuchtend gelber Umschlag und ein Titel, der mich aus verständlichen Gründen, regelrecht anspringt: An Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“ konnte ich also quasi gar nicht vorbei und habe es auch keine Sekunde bereut. Ich mochte schon „Baba Dunjas letzte Liebe“ sehr und auch der neue Roman der Autorin ist ein besonderes Leseerlebnis. Große Gefühle, feine Beobachtungen, eine unverwechselbare Hauptfigur und eine famose Mischung aus Tragik und Komik, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Witz und Tiefgang gepaart mit großer Menschlichkeit – herzerwärmend!

Eine intensive und lange nachklingende Lektüre war ein Roman aus dem Jahr 1937, der jetzt wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Theodor Wolff „Die Schwimmerin“. Ein vielschichtiges Werk, das vor allem aufgrund seiner Klugheit und Weitsicht, sowie der feinen, präzisen Beschreibungen der Personen und zeitlichen Umstände eine ganz besondere Faszination ausübt. Ein Buch, das im Kontext zur heutigen Zeit gelesen kaum aktueller und zeitloser sein könnte.

Kindheitserinnerungen an Wilhelm Busch und die Streiche der ewigen Lausbuben weckte Johannes Wilkes mit seinem Krimi „Max und Moritz – Was wirklich geschah“. Phantasievoll erzählt er die spannende, neue Geschichte hinter den Ereignissen um Witwe Bolte, Schneider Böck, Lehrer Lämpel, Onkel Fritz und den beiden Jungen. Denn als letztere spurlos verschwinden, müssen Kommissar Mütze und sein Partner Karl-Dieter sich auf die Suche nach ihnen und der Wahrheit begeben.

Was bringt der Oktober?
Für mich geht es sicher wieder ins Theater und auch an die frische Luft: Durchschnaufen, Atem holen und buntes, raschelndes Laub und herbstliche Farben genießen. Ich hoffe auf einen goldenen Oktober, schöne Herbsttage, Zeit in der Natur und für gute Lektüre, denn auf meinem Stapel wartet so einiges, das endlich entdeckt werden will.

Genießt die Zeit! Geht ins Kino, Theater oder ins Konzert und unterstützt die Kulturszene, die sich so sehr über die Wiederbegegnung mit dem Publikum und über Besucher freut! In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen, farbenfrohen, freundlichen und gesunden Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight September:
Wenn der Sommer geht und der Herbst kommt, dann ist auch wieder Suppenzeit: ein Klassiker, durch den und für den ich mich immer wieder erwärmen kann, ist eine schöne Grießnockerlsuppe – wärmt, sättigt, macht glücklich.

Musikalisches im September:
Die größte musikalische Überraschung diesen Monat war für mich das Comeback von ABBA mit zwei neuen Singles „I still have faith in you“ und „Don’t shut me down“ – der unverwechselbare, einzigartig ABBA-Klang ist wieder da! Nach fast 40 Jahren – ABBA hatte sich 1982 getrennt – gibt es jetzt tatsächlich wieder neue Musik der schwedischen Band und ab November soll dann das Album „Voyage“ erhältlich sein. Falls noch nicht geschehen, kann ich nur empfehlen in die zwei neuen Songs mal reinzuhören.

Ach!“ spricht er, „die größte Freud’
ist doch die Zufriedenheit!“


(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)