Sommerregen mal anders

Über mangelnden Regen konnten wir uns im Mai wohl nicht beklagen und da bot es sich an, wieder einmal einen „Regalschlummerer“ zu befreien, der sich aufgrund des Titels geradezu aufdrängte: „Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein“ von Sigrid Damm.

In den Jahren 1776 bis 1786 schrieb der junge Goethe über 1700 Briefe und „Zettelgen“ an die Hofdame Charlotte von Stein. Viele davon gehören – auch nach gängiger Meinung – zu den schönsten Liebesbriefen und -bekundungen der Literatur. Sigrid Damm hat für ihr Buch 231 davon ausgewählt, die einen umfassenden und bewegenden Einblick in diese komplizierte Liebesgeschichte geben.

„Als einen Lebens- und Liebesroman, als Tagebuch einer zehnjährigen Beziehung lese ich diese Briefe. Sehe den Schreiber vor mir, stehend an seinem Pult, sitzend am Tisch, in Weimar im Gartenhaus, am Frauenplan, auf Reisen, in Ilmenau, auf dem Gothaer Schloß, in Rom.“

(S.49)

Neben den abgedruckten Originalbriefen erzählt Sigrid Damm in einem ausführlichen Vorspann und dem begleitenden Hauptteil nach den Briefen die Geschichte der beiden. Sie schafft den Rahmen und ordnet ein, erläutert dem Leser die historischen Zusammenhänge und lässt diese Weimarer Zeit nachvollziehbar und lebendig werden. Als Goethe nach Weimar kommt, lernt er bereits kurz darauf die Hofdame und Ehefrau des höfischen Stallmeisters Charlotte von Stein kennen. Sie ist kultiviert, gut aussehend, gebildet und für Goethe unerreichbar. Und dennoch beginnt der leidenschaftliche 26-Jährige sie in unzähligen Briefen und kurzen Botschaften heftig zu umwerben. Er sucht und genießt ihre Gesellschaft, sie wird zu einer wichtigen, wenn nicht zur wichtigsten Bezugsperson. Ihr vertraut er sich an, ihr schüttet er sein Herz aus – ihre Meinung bedeutet ihm viel.

„Die Gegenwart ists allein die würckt, tröstet und erbaut! – Wenn sie auch wohl manchmal plagt – und das plagen ist der Sommerregen der Liebe.“

schreibt Goethe am 22. Juni 1776 (S.72)

Und doch quält ihn auch die Tatsache, dass seine Liebe keine Erfüllung finden kann. Nach zehn Jahren kommt es zum Bruch in der Beziehung, als Goethe heimlich zu seiner Italienreise aufbricht ohne seine Angebetete zuvor darüber zu informieren. Ein Vertrauensbruch, der nicht ohne Folgen bleibt.
Charlotte von Stein forderte ihre Briefe an Goethe zurück und vernichtete sie, so dass wir heute ihre Erwiderungen auf Goethes Korrespondenz leider nicht mehr lesen können.

„Ich habe nur zwey Götter dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir was zu heilen ist und seyd die wechselsweisen Mittel gegen die böse Geister.“

schreibt Goethe am 15. März 1785 (S.161)

Sigrid Damm gelingt es in ihrem hervorragend recherchierten Buch, diese Zeit und die komplizierte Beziehung zwischen Goethe und Frau von Stein verständlich werden zu lassen. Für diese Frau schrieb Goethe wunderschöne Liebesgedichte, wie zum Beispiel „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“, doch auch in folgendem Auszug aus diesen Zeilen wird bereits der Schmerz über die unglückliche Beziehung spürbar:

Nur uns Armen liebevollen beyden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war“

(Auszug aus „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“ – schreibt Goethe am 14. April 1776; S.67)

Die Zeit dieser Briefe fällt in die Regentschaft von Herzogin Anna Amalia, die den Weimarer Musenhof schuf und sich gern mit Dichtern und Philosophen umgab. Auch diese Aspekte – die Theateraufführungen und Gesellschaften in Schloss Tiefurt – klingen in Damm’s Buch an. Ebenso beschreibt sie sehr gut, wie Geheimrat Goethe immer mehr mit seinen administrativen Aufgaben haderte, sich in all seinen Funktionen mehr und mehr aufrieb und ihm zunehmend bewusst wurde, dass er sich wieder mehr der Kunst widmen wollte. Letztlich führte dies zu seinem Ausbrechen aus den dienstlichen Pflichten und gipfelte in seiner heimlichen Abreise nach Italien.

Das Buch ist kein trockenes Sachbuch, vielmehr strotzt es voller Leben und ist die spannende Geschichte einer leidenschaftlichen, wenn auch letztlich unglücklichen Liebesbeziehung voller Gefühl und Schmerz.

Wer nach Weimar reist oder sich näher mit Johann Wolfgang von Goethe beschäftigen möchte, wird unweigerlich auf diese so wichtige Frau und diese zehn Jahre seines Lebens stoßen, die ihn geprägt haben. Sigrid Damm bietet in verständlicher und sehr angenehm zu lesender Sprache die passende Lektüre und beschreibt mit Respekt und ohne jegliche Spekulation oder Effekthascherei ihre durch Quellen, Fakten und Recherche fundierte Sicht auf diese besondere Beziehung.

Nicht umsonst und völlig zu Recht wurde die Autorin, die 1940 in Gotha geboren wurde, für ihr umfangreiches Werk zu Goethe und seinen Zeitgenossen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem den Feuchtwanger-, den Mörike- und den Thüringer Literaturpreis, um nur einige zu nennen.

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen – eine kurzweilige und bereichernde Lektüre, die unterhält und bildet zugleich. Und so war dieser „Sommerregen“ – während draußen der richtige prasselte – für mich ein echter Gewinn.

Buchinformation (in meinem Fall als Hardcover):
Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel
ISBN: 978-3-458-17644-2

oder als Taschenbuchausgabe:

Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel Taschenbuch 4580
ISBN: 978-3-458-36280-7

©Insel Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerregen der Liebe“:

Für den Gaumen:
Goethe ließ Frau von Stein auch immer wieder Leckereien aus seinem Garten zukommen, in dem er unter anderem auch Spargel selbst anbaute. So schrieb er am 19. Mai 1776 an sie:

„Da sind Spargel, erst iezt gestochen, lassen Sie sie nicht unter die Anderen kommen, essen Sie sie allein, da Sie doch einmal das glückliche Vorurtheil dafür haben; wie mir’s eben am besten schmeckt, wenn ich sie mit Ihnen esse.“

(S.70)

Zum Weiterschauen:
Auf der Website der Klassik Stiftung Weimar kann man einen Eindruck erhalten, wie solche „Zettelgen“ und Briefe ausgesehen haben – man sieht die Originalhandschrift Goethe’s und auch Zeichnungen, die er an Charlotte von Stein schickte.

Zum Weiterlesen:
Ich mochte bereits Sigrid Damm’s Buch über Goethe’s Ehefrau Christiane Vulpius sehr gern. Eine besondere Beziehung zwischen den beiden – dem Geheimrat und der einfachen, jungen Frau aus dem Volk – die in Weimar zunächst sehr kritisch beäugt wurde. Sigrid Damm hat die Gabe, hervorragend recherchierte Sachbücher so zu schreiben, dass sie sich trotz aller Detailgenauigkeit sehr flüssig lesen und Goethe und seine Zeit lebendig werden lassen:

Sigrid Damm, Christiane und Goethe – Eine Recherche
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36080-3

Der Ruf des Kiwitts

60 Jahre nach dem Eichmann-Prozess ist Hannah Arendt wieder in aller Munde. Die „ZEIT“ widmete ihr vor kurzem einen eigenen Titel („Die Prophetin der Freiheit“) und Hildegard E. Keller’s Roman „Was wir scheinen“ ist in diesem Bücher-Frühjahr einer der Titel, die mit Spannung erwartet auch große Aufmerksamkeit in Bloggerkreisen erhalten. Und diese hat der Roman aus meiner Sicht auch voll und ganz verdient. Eine lohnenswerte Lektüre für all jene, die sich näher mit Hannah Arendt beschäftigen wollen und dies auf eine literarisch-poetische und künstlerische Weise und nicht mit einer klassischen Biographie tun möchten. Mehr davon hat man sicherlich, wenn man schon gewisse Vorkenntnisse über die Biographie Arendt’s mitbringt und diesen Roman zur Vertiefung und zum Genuss liest, den er zweifelsohne bereithält.

„Noch immer goss es in Strömen, als wollte der Regen ihre Gedanken und Wörter wegspülen, ihre Erinnerungen an Menschen, die noch da, aber nicht mehr am Leben waren, all das Erlittene und Durchlebte, den Strom des Außerordentlichen und Wunderbaren, an dem sie entlanggestrichen war.“

(S.32)

Sommer 1975 – Hannah Arendt reist für einen Urlaub ins Tessin, in den beschaulichen Ort namens Tegna, den sie in den letzten Jahren immer mehr liebgewonnen hat, der sie zur Ruhe kommen lässt und wo sie sich wohlfühlt. Sie weiß nicht, dass es ihr letzter Besuch dort sein wird. Doch in ihren Träumen ruft der Kiwitt bereits sein „Komm mit!“.
Die Kapitel wechseln ab zwischen dem Urlaub 1975 in Tegna und Rückblenden an entscheidende Orte und Jahre in Arendt’s Leben: Jerusalem, New York, Wiesbaden, Zürich, Rom. Man begegnet wichtigen Menschen und Weggefährten der politischen Theoretikerin und Publizistin: Martin Heidegger, Professor und Geliebter, ihrem Mann und großen Liebe Heinrich Blücher, ihr enger Vertrauter und väterlicher Freund Kurt Blumenfeld, Karl Jaspers und Walter Benjamin – aber auch Ingeborg Bachmann oder Mary McCarthy.

Es sind Szenen der Flucht und des Ankommens, des Schreibens, Diskutierens und Haderns. Keller lässt Arendt’s Werk, die Gedankenwelt und Denkprozesse in Gesprächen und Dialogen mit Studenten und Freunden, in Interviewsituationen oder in Briefkorrespondenzen zum Ausdruck kommen.
Und immer wieder lässt sie auch ins Private, Innere blicken, zeigt die sinnliche, weiche und poetische Seite Arendt’s, die Gedichte liebte und selbst Gedichte schrieb, die auch im Roman zitiert werden.

„Ihre eigenen Gedichte kannte sie par cœur, wie ganz viele andere, die sie mochte. Gedichte geben Halt, und Verse haben uns durch die finstersten Momente getragen, als wir uns alle nur noch an Wörtern festhalten konnten.“

(S.134)

Arendt war ihr Leben lang eine fleißige Briefeschreiberin – eine Kunst, die mittlerweile mehr und mehr verloren geht. Für sie waren diese Briefe die Verbindungsfäden zu anderen Menschen, Kommunikations- und Ausdrucksmittel – die Sprache und das Wort waren ihr Handwerkszeug.

„Was wäre das Denken ohne die Briefe an Freunde?“

(S.221)

Dem Buch in einer kurzen Rezension gerecht zu werden, ist schwierig, denn es erzählt auf über 550 Seiten viel über Arendt’s Leben, ihre Flucht nach Amerika, aber auch über ihr Wesen, ihre Veröffentlichungen und über ihre Beziehung zu anderen Menschen. Unmöglich, diese Fülle an Themen und Facetten in einer kurzen Buchbesprechung zufriedenstellend zu behandeln.

Keller’s Roman ist vielschichtig und kann aus vielerlei Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten gelesen werden. Jede Leserin und jeder Leser wird sich von diesem Werk auf eine andere Art angesprochen fühlen. Für mich waren die Kapitel in Tegna, diese lichtdurchfluteten, sommerlich-leichten, warmherzigen und versöhnlichen Abschnitte des Buches die, welche mich ganz besonders berührt haben. Mich faszinierte die private, urlaubende und lebensweise Hannah Arendt, die entspannt in ihren Büchern liest, Briefe an Freunde schreibt und sich offen und wach in Gespräche mit anderen Menschen stürzt. Das Bild der Frau, die sich ihre Neugier bewahrt hat und stets empfänglich ist für bereichernde Begegnungen und Freundschaften – sei es ein Mitreisender im Zug, der behandelnde Kardiologe oder die junge Hotelangestellte, die sie in ihrem Auto mit auf eine Spritztour nimmt.

„Weißt du, im Alter lebt man immer weniger in der Möglichkeitsform, und wenn sich irgendwo das Zipfelchen einer neuen Freundschaft zeigt, ist’s umso schöner.“

(S.324)

„Was wir scheinen“ ist ein reiches und bereicherndes, intelligentes und inspirierendes Buch – ein tiefgehendes Leseerlebnis in einer schönen, melodiösen Sprache, für das man sich Zeit und Muße nehmen sollte, um sich ganz darauf einzulassen und es genießen zu können.

Hildegard E. Keller hat ein zärtliches, inniges Buch über eine große Persönlichkeit verfasst, welches die private Seite Hannah Arendt’s abseits des Rampenlichts beleuchtet und durchscheinen lässt. Ein Innehalten kurz vor dem Tod – der als Totenvogel bekannte Kiebitz bzw. Kiwitt ruft bereits nach ihr – letzte, unbeschwerte Urlaubstage im Tessin und ein Rückblick auf ein erfülltes Leben, Erinnerungen an Wegbegleiter, geliebte Menschen und Freundschaften. Ein wunderbarer, unvergesslicher Roman über die Macht der Poesie, über die Freiheit des Denkens und die Freundschaft.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Birgit Böllinger, Bücheratlas, Schiefgelesen, Bingereader und Bookster HRO.

Buchinformation:
Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Was wir scheinen“:

Für den Gaumen:
Die Lektüre ist reich an kulinarischen Anregungen: angefangen bei Hannah Arendt’s geliebtem Thymianhonig auf dem Frühstücksbrot bietet die Tessiner Küche Polenta mit Steinpilzen, Penne al Gorgonzola oder auch eine traditionelle Kastanientorte. Viele Gerichte, die ich ebenfalls gerne essen würde und die mich in Urlaubsstimmung versetzen.

Zum Weiterschauen:
Ich habe vor kurzem Margarethe von Trotta’s Film „Hannah Arendt“ aus dem Jahr 2012 gesehen und dies hat mir unter anderem bei der Einordnung einiger Personen im Roman durchaus geholfen. Ein sehenswerter Film, den ich zum Einstieg auch Personen empfehlen kann, die sich bisher vielleicht noch nicht näher mit Hannah Arendt beschäftigt haben.

Zum Weiterlesen (I):
In meinem Bücherregal steht Alois Prinz’ „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ – eine gut lesbare Biographie, die ich vor einiger Zeit gelesen habe und die mir einen guten ersten Einblick in die Lebensgeschichte von Hannah Arendt gegeben hat.

Alois Prinz, Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35872-5

Zum Weiterlesen (II):

„Mit Maigret ins Bett, mit den Rotkehlchen gefrühstückt, du siehst, ich bin in bester Gesellschaft.“

(S.508)

Im Roman wird Hannah Arendt als begeisterte Leserin von Georges Simenon’s Maigret-Romanen dargestellt. Von Zeit zu Zeit habe auch ich Freude daran, in das Universum des unsterblichen, pfeiferauchenden französischen Commissaire’s abzutauchen. Maigret’s erster Fall ist „Maigret und Pietr der Lette“ – wer also chronologisch in die 75-bändige Krimireihe einsteigen möchte – kann mit diesem Teil beginnen:

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette
Deutsch von: Susanne Röckel
Kampa
ISBN: 978-3-311-13001-7

Wildschweinjagd auf Sardinien

Die Theologie des Wildschweins“ – was für ein Titel – mich machte er sofort neugierig und der erste Sardinien-Krimi von Gesuino Némus – einem Pseudonym, hinter welchem sich der gebürtige Sarde Matteo Locci verbirgt – ist ein verschmitzter, kluger und gelungener Auftakt zu einer neuen Serie von Kriminalromanen, die vor allem italophilen Lesern Freude machen wird.
Klar kann man sich die Frage stellen, ob die Welt und der deutsche Buchmarkt eine weitere italienische Krimi-Reihe braucht. Aber nach der Lektüre kann ich diese Frage für mich ganz klar mit einem Ja beantworten – diese schon. Schon das witzige, strahlend blaue Cover macht gute Laune und Don Cossu, Matteo, Maresciallo De Stefani und Gesuino Némus sind ein so liebenswürdiges Gespann, das auf der schönen Insel Sardinien auf Wildschwein- und Mörderjagd geht, so dass man sich schon jetzt auf weitere Fälle freut.

„In Telévras gibt es weder ein Restaurant noch eine Pizzeria. Nur zwei Bars, aber an einer steht „Snack“, die wird von Leuten im fortgeschrittenem Alter nicht mehr betreten, denn eine Bar ist eine ernste Angelegenheit.“

(S.149)

Telévras, ein Dorf auf Sardinien – wir befinden uns im Jahr 1969, es ist ein heißer Sommer und so mancher fiebert der Mondlandung entgegen. Jedoch nicht alle, denn im kleinen Örtchen scheint die Zeit in vielen Aspekten noch stehen geblieben zu sein. Don Cossu, der Priester des Dorfes hält viele Fäden in der Hand und seine Schäfchen zusammen. Er fördert Matteo Trudìnu, einen hochbegabten Jungen aus einer einfachen Familie, der durch außergewöhnliche schulische Leistungen, aber auch durch sein herausragendes Orgelspiel auffällt. Als dessen Vater ermordet aufgefunden wird, rätselt das ganze Dorf, wer eine so schreckliche Tat begangen haben könnte und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder.

„Dieser Priester ist seinerseits ein Wunder, einzigartig, ausgerechnet in diesem verlorenen Nest … Warum sind nicht alle Priester so, fragst du dich und wirst dich das noch oft fragen. Denn ist Glaube nicht genau das – Freude, Humor und Frohsinn?“

(S.193)

Maresciallo De Stefani – ein vor vielen Jahren Zugezogener und stets mit gewissem Misstrauen beäugter Piemonteser – merkt schnell, dass er ohne die Unterstützung von Pfarrer Don Cossu, des örtlichen Carabiniere Piras und des Tierarzts Dottore Pòddhige, der mangels eines Mediziners im Dorf auch die Rolle des Arztes und Pathologen einnimmt, keine Chance haben wird, den Fall zu klären.

Erzählt werden die für Telévras so einschneidenden Ereignisse aus Sicht des besten Freundes von Matteo: Gesuino Némus – dem Jungen ohne Vater, der nicht spricht, aber schreibt, der die Fährten der Wildschweine lesen kann und die Berge rund um das sardische Dorf kennt wie seine Westentasche.

Der Krimi lebt von den herrlich schrägen Figuren, die mit viel Liebe zum Detail gezeichnet sind und einem sofort ans Herz wachsen. Der patente und pragmatische Priester, der gemeinsam mit seinen Freunden auch gerne mal ein Gläschen Cannonau trinkt und das selbst erjagte Wildschwein genießt. Die Pfarrersschwester und -köchin Matilde, die sich heimlich in den auswärtigen Maresciallo aus dem Piemont De Stefani verliebt hat. Der Tierarzt, der die von Bauchschmerzen geplagten Schulschwänzer durch kurzes Androhen der Pferdespritze heilt und Tore Baccanti, dem Inhaber der Bar im Dorf, in welcher die Fäden zusammenlaufen und die das Herzstück das Dorflebens ist. Tolle Figuren, sardischer Lokalkolorit und eine Zeitreise in den Sommer 1969 – ein Krimi, der so herzerwärmend ist wie ein Glas guter Cannonau und so erfrischend wie die Limonade, die Tore den Dorfkindern serviert.

Ich lese zwischendurch gerne Krimis zur Entspannung, diesen habe ich wirklich in kürzester Zeit verschlungen und bin sehr positiv überrascht, wieviel darin steckt: man erfährt viel über Sardinien, Land und Leute, das einfache Leben in einer Dorfgemeinschaft in den späten Sechziger Jahren, Kulinarisches, Mythologisches und auch die Rolle der Kirche in der damaligen Zeit. So entpuppte sich dieser Krimi deutlich tiefgründiger als zunächst erwartet und sehr inspirierend – ich konnte literarische und musikalische Anregungen für mich mitnehmen.

„Wie sehr eine Reise doch davon abhängt, mit welchem Verkehrsmittel man sein Ziel erreicht.“

(S.236)

Für mich wurde der Krimi zum Verkehrsmittel, denn er ließ mich eine humorvolle, herrliche Reise nach Sardinien unternehmen – zwar nur in meiner Fantasie – aber ich habe die kurze Anreise und das intensiv geschilderte sardische Lebensgefühl sehr genossen. Ein liebenswürdig schräger Gute-Laune-Spender, der Freude macht und gepflegt unterhält ohne platt oder eindimensional zu sein – was ja häufig ein Manko bei Regionalkrimis sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass die weiteren vier Bände, die in Italien bereits erschienen sind, auch noch übersetzt und veröffentlicht werden, so dass wir Don Cossu, Matteo und die Bewohner Telévras’ noch in weiteren Fällen erleben und begleiten dürfen. Weitere Reisen nach Sardinien? Ich wäre definitiv dabei.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Theologie des Wildschweins“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges an sardischen Spezialitäten zu bieten: angefangen beim typisch sardischen Rotwein Cannonau (aus der Rebsorte Grenache), den Cocois Prenas (gefüllte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung) bis hin zum starken Verdauungsschnaps dem fil’e ferru (Eisenfaden), der auch als Aquavit Sardiniens bezeichnet und aus Traubentrester gebrannt wird. Eine kurze Kostprobe gefällig?

„Aber beim Brot verschlägt es dir die Sprache. Es ist zu einer barocken Skulptur geformt, voller Schnörkel und Verzierungen, außen knusprig hart, aber innen weich und duftend. Du nimmst einen Bissen und hast alles begriffen. Denn über Brot lernst du ein Volk kennen.“

(S.150)

Zum Weiterhören:
Matteo ist ein begnadeter Orgelspieler und wenn es sich ergibt, spielt er auch einmal „verbotene“, moderne Musik auf der Kirchenorgel, z.B. „Geordie“ von Fabrizio De André, das 1966 herauskam und in den Sechziger Jahren sehr aktuell war.

Zum Weiterlesen:
Heute gebe ich ausnahmsweise einen Lesetip weiter, den ich noch nicht selbst gelesen habe, der aber jetzt aufgrund dieser Krimi-Lektüre auf meine „das möchte ich irgendwann lesen“-Liste gewandert ist: Italo Calvino „Der Baron auf dem Bäumen“. Dieser Roman spielt im Buch eine Rolle und daher ist meine Neugier geweckt – er ist im Jahr 1957 erschienen, zählt zu den wichtigsten und erfolgreichsten Werken des Autors und beschäftigt sich mit Philosophie.

Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen
Übersetzt von: Oswalt von Nostitz
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90441-9

Theater im Café

Mit diesem Beitrag möchte ich mich zum ersten Mal an der Indiebookchallenge beteiligen, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Mai 2021 unter dem Motto „lies ein Buch mit einem Gemälde auf dem Umschlag“ steht. Und nachdem Cora Sandel’s „Café Krane“ aus dem Urachhaus Verlag ohnehin schon eine Weile bei mir im Regal schlummerte, war dies jetzt der perfekte Zeitpunkt, um diesen norwegischen Roman aus dem Jahr 1945 endlich zu lesen und hier vorzustellen.

Das Cover ziert ein Werk des Norwegers Edvard Munch – ein ausdrucksstarkes Frauenportrait – und auch Cora Sandel hat in ihrem Roman eine Frau in den Mittelpunkt der Handlung gestellt: die alleinerziehende Mutter und Schneiderin Katinka Stordal. Der Roman spielt in den 20er Jahren in einer nordnorwegischen Stadt – vermutlich in Tromsø.

„Es gibt wohl kaum jemanden, der das Café Krane nicht kennt. Seit dem Umbau wird es von allen besucht, sowohl von den besseren Herrschaften als auch vom einfacheren Publikum. Und das ist ja nur erfreulich, Hauptsache, es sind anständige Leute.“

(S.12/13)

Der Schauplatz des Romans ist das Café Krane – hier sitzt Katinka Stordal am helllichten Tag und trinkt Wein – Portwein, um genau zu sein. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf sie, denn sie hat zahlreiche Nähaufträge für Damenkleider, die eigentlich abzuarbeiten wären. Aber sie kann sich nicht aufraffen zu gehen. Die Inhaberin des Kaffeehauses, das Servicepersonal und die anderen Gäste versuchen, sie an ihre Pflichten zu erinnern und zum Heimgehen zu motivieren – ohne Erfolg.

Und als dann auch noch der zwielichtige Hilfsarbeiter und Außenseiter Svenne auftaucht, sich auf Katinka’s Seite stellt und befeuert von einem steigenden Alkoholpegel immer heftiger mit ihr zu flirten beginnt – ist der Skandal nicht mehr aufzuhalten.
Gemäß dem Motto „In vino veritas“ schüttet sie dem Unbekannten ihr Herz aus, berichtet von ihrer Belastung, was es bedeutet, für ihre Kinder sorgen zu müssen und sich ihren Lebensunterhalt als Schneiderin mit Aufträgen verdienen zu müssen, die sie in ihrer Berufsehre kränken. Kleider für Damen, die nicht wissen, was sie tragen können und was nicht – die Arbeit ist ihr unerträglich geworden. Der Rest der Cafébesucher hört unfreiwillig und beschämt mit – ein in ihren Augen unvorstellbares, vollkommen inakzeptables Verhalten, sich als Frau in aller Öffentlichkeit so gehen zu lassen. Plötzlich tauchen dann auch noch der Ex-Mann und die Kinder im Lokal auf und das Chaos scheint perfekt…

„Ich unterstütze alle, die finden, der Klubraum soll so bleiben, wie er ist! Wisst ihr noch, als wir klein waren, fanden wir es dort drin immer besonders aufregend! Denn bei Kranes war es tatsächlich immer ein bisschen spannend. Unsere Mütter kamen nie zum Kaffeetrinken her, nur den Kuchen haben sie hier geholt. Und wie groß die Napoleonschnitten damals waren!“

(S.67)

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass dieses Werk bereits früh für die Bühne adaptiert wurde, denn aufgrund der großen Bedeutung der Dialoge und der kammerspielartigen Räumlichkeiten, die sich auf den Hauptraum des Café’s und das Nebenzimmer bzw. den sogenannten dunkel getäfelten Klubraum beschränken, ist es geradezu prädestiniert, auf eine Theaterbühne gebracht zu werden.

Man sieht förmlich die Irrungen, Wirrungen, die Schiebetür in Bewegung und wie das Personal und die Wirtin verzweifelt versuchen, die neuen Gäste vom Klubraum fernzuhalten – ein Kommen und Gehen, Auftritte und Abgänge. Der Skandal, der sich immer mehr aufbauscht und das Zuspitzen der Situation: das ist großes Drama und wie geschaffen für die Bretter, die die Welt bedeuten.

Neben allem oberflächlichen Wirtshausgeplauder und gehässigem Kaffeeklatsch birgt der Roman aber auch tiefgründige Themen und entwirft ein Bild der norwegischen Kleinstadt in den Zwanziger Jahren. Sandel behandelt Themen wie Armut, Isolation, Alkoholismus, die physischen und psychischen Belastungen alleinerziehender Mütter und auch das Thema Emanzipation. Vieles davon ist auch heute immer noch aktuell und nachvollziehbar. Vielleicht würde man Katinka’s Verhalten heute als „Burn Out“ bezeichnen, ihr Verharren im Café als Flucht vor dem Alltag und der Überforderung.

Auf 220 Seiten hat die Autorin auch die Kleingeistigkeit und die Engstirnigkeit der Menschen in dieser norwegischen Kleinstadt eingefangen, die sich über Katinka im wahrsten Sinne des Wortes das Maul zerreißen und einen Skandal herbeireden, der gar keiner sein müsste. Der Kosmos Kaffeehaus bietet in konzentrierter Form die Bühne für die Probleme der Zeit und so trifft der ungewöhnliche Untertitel „Interieur mit Figuren“ perfekt den Charakter dieser literarischen Perle.
Schön, dass dieses in Norwegen sehr bekannte Werk seit 2019 durch die Übersetzung jetzt auch deutschen Lesern zugänglich gemacht wurde.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Cora Sandel, Café Krane
Aus dem Norwegischen von Birgitta Kicherer
Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5213-0

Im Juni 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben »A« im Titel“ – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht ist ja auch für Euch etwas dabei.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Cora Sandel’s „Café Krane“:

Für den Gaumen:
Die unumstrittene Kuchenspezialität des Café Krane sind Napoleonschnitten – ein Blätterteigkuchen mit einer Vanillecremefüllung, den ich bisher noch nirgends bekommen habe und somit noch nicht probieren konnte.

Zum Weiterhören:
Auch im Café Krane steht bereits ein Radiogerät – beim Suchen nach dem passenden Sender ertönt auf einmal „Chant Hindou“ von Nikolai Andrejeweitsch Rimski-Korsakow aus der Oper Sadko (1898) als Version für Violine.

Zum Weiterschauen:
Das Gemälde auf dem Umschlag stammt vom weltberühmten, norwegischen Maler Edvard Munch und trägt den Namen Birgit Prestøe, Porträt Studie (1924-25, Öl auf Holz) und es ist im Munchmuseet in Oslo beheimatet – hier ist das Bild auf der Homepage des Museums zu bewundern.

Zum Weiterlesen:
Einen weiteren schönen Vorschlag zur Indiebookchallenge im Mai 21 mit dem Thema #Gemäldecover hat der Kröner Verlag. Auf dem Blog von Birgit Böllinger kann man in einem Interview mit der Autorin Daniela Engist erfahren, warum sie sich beim Umschlag ihres Romans „Lichte Horizonte“ für das Bild „Couple on the Beach“ des kanadischen Malers Alex Colville entschieden hat.
Diesen wunderbaren und sehr lesenswerten Roman habe ich ebenfalls schon auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension.)

Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-75001-3

Rumänische Affäre

Die sechste Station meiner Europabowle oder Literarischen Europareise führt mich nach Rumänien – in die Hauptstadt Bukarest. Gabriela Adameșteanu – eine der führenden Autorinnen des Landes – hat mit „Das Provisorium der Liebe“ einen Roman verfasst, der eindrucksvoll klar macht, wie sehr sich das politische System und die Diktatur auf das Privatleben und den persönlichen Lebensweg jedes Einzelnen auswirkte. Zugleich gibt die Autorin anhand einer Liebes- und zweier Familiengeschichten einen Einblick in die rumänische Geschichte seit dem zweiten Weltkrieg, der erhellend und lesenswert ist.

„Aber gibt es denn Zufälle im Leben oder setzt einen jemand da oben wie eine Figur zu Spielbeginn auf ein Schachbrett, und das Ende der Partie ist offen?“

(S.97)

Sechziger Jahre in Bukarest – Letitia und Sorin sind Kollegen in einer staatlichen Kultureinrichtung, kleine Rädchen im kommunistischen Getriebe und führen eine heimliche Affäre. Niemand darf von ihrer Liebesbeziehung erfahren, denn Letitia ist verheiratet und so bleiben nur kurze, verstohlene Treffen in der kleinen Wohnung eines Freundes, der ebenfalls nicht wissen darf, was Sorin in seiner Abwesenheit dort treibt.

Letitia führt eine unglückliche und zunehmend lieblose Ehe mit Petru, einem Akademiker, der um einige Jahre älter is als sie und nicht müde wird, seine Verzweiflung und Wut über seine berufliche Stagnation und die ausbleibende Beförderung an ihr auszulassen. Ständig wirft er Letitia vor, dass die dunklen Stellen in ihrer Familienakte der Grund dafür seien, dass er beruflich nicht vorwärts kommt. So flüchtet sie sich in Sorin’s Arme und versucht in den kurzen Momenten mit ihm all das Negative zu vergessen.

„Nach dem Gespräch mit Serghei an diesem Abend verstand Letitia, dass nicht die Zukunft die meisten Überraschungen bringt, sondern die Vergangenheit, die wir ein Leben lang nicht aufhören, immer wieder von Neuem zu lesen.“

(S.262)

Doch auch die Liebe zwischen Letitia und Sorin leidet unter der ständigen Sorge, zu viel Preis zu geben, sich angreifbar und verletzlich zu machen, bleibt so nur „Provisorium“ und kommt über den Status der heimlichen Affäre nicht hinaus.
Heimlichkeiten, mangelndes Vertrauen, Schweigen und Verschweigen – keine Angriffsfläche bieten und jede vermeintliche Schwachstelle im eigenen Lebenslauf oder der Verwandtschaft zu kaschieren – dies sind bestimmende Verhaltensweisen, die Adameșteanu immer wieder herausarbeitet.

„Aber als sie herausfindet, dass Sorin ihr etwas verbirgt, erinnert sie sich an Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und sie versucht sich mit dem Gedanken zu trösten, dass ihr Geliebter, nicht anders als sie, von klein auf dazu erzogen worden ist, seine Biographie zu fälschen.“

(S.361)

Ein Vater oder auch nur Onkel, der in der Vergangenheit aus politischen Gründen in einem Lager gefangen gehalten wurde, reicht aus, um den eigenen Lebensweg maßgeblich zu beeinflussen und die Möglichkeiten einzuschränken – die Familienakte entscheidet über Wohl und Wehe.

In Rückblenden wird auch die Geschichte der Elterngeneration der beiden Hauptfiguren erzählt. So erfährt man unter anderem dass Sorin von Nelly und Virgil Olaru adoptiert wurde und warum. Auch seine Familiengeschichte birgt Untiefen, die sein Leben überschatten – ohne dass ich jetzt zu viel verraten möchte.
Die Autorin fächert so über verschlungene Familienpfade zahlreiche Aspekte der rumänischen Geschichte auf und macht begreifbar, wie sehr die Politik sich auch ins Private auswirkte.

Dieser Roman ist fordernd und keine leichte Kost und doch lohnt es sich, sich darauf einzulassen. Zwar erfordern die zahlreichen Namen rumänischer Politiker und Intellektueller, die in Fußnoten näher erläutert werden, einiges an Konzentration, aber auch ohne Vorkenntnisse der rumänischen Geschichte, erhält man einen guten Einblick in die historischen und politischen Zusammenhänge.

Die Autorin schreibt in einer klaren, teils poetischen und stellenweise auch schonungslos direkten Sprache. Explizit erwähnt sei unbedingt auch die feine Übersetzung aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme, die 2019 für ihre Übersetzung von Adameșteanu’s Roman „Verlorener Morgen“ den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Gabriela Adameșteanu ist 1942 in Rumänien geboren, war Bürgerrechtlerin und Vorsitzende des rumänischen P.E.N. und gilt als eine der wichtigsten Stimmen ihres Landes. Mich holte sie mit ihrem Roman aus meiner literarischen Komfortzone und eröffnete mir dadurch eine andere Perspektive und einen neuen Blick auf Rumänien und die Geschichte dieses Landes. Eine nachdenklich stimmende, lohnenswerte Lektüre und eine weitere Station meiner literarischen Europareise, die ich nicht missen möchte.

Eine weitere, deutlich ausführlichere Besprechung gibt es beim Deutschlandfunk.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich und Dänemark geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Gabriela Adameșteanu, Das Provisorium der Liebe
Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03824-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“:

Für den Gaumen:
Neben begehrten westlichen Spirituosen, die im Roman häufig genannt und gerne getrunken werden (ich werde jetzt hier keine Schleichwerbung durch Markennennung machen), ist mir aufgefallen, dass auch kulinarisch keine vermeintlich „typisch“ rumänischen Gerichte eine Rolle spielen, vielmehr werden zum Beispiel Savarins mitgebracht, d.h. mit Rum oder Sirup getränkte Kuchen, die ihren Ursprung aber (laut Wikipedia) in Frankreich haben.

Zum Weiterhören:
Letitia und Sorin tanzen in ihrem Liebesnest zu Frank Sinatra’s „All of me“, das aus der Nachbarwohnung herüber klingt. Ein wahrer Evergreen, der ursprünglich für eine kleine Revue in Detroit entstand und den Sinatra später (1948) in seiner Version aufnahm. Ein Ohrwurm, der bei mir sofort im Geiste zu klingen begann, als ich die Szene im Roman gelesen habe.

Zum Weiterlesen:
Rumänien hat laut offizieller Statistik noch keinen Literaturnobelpreisträger vorzuweisen, allerdings erhielt 2009 die deutsche Schriftstellerin Herta Müller den Preis, die in Rumänien geboren und im rumänischen Banat aufgewachsen ist. Ihr wohl bekanntestes Werk ist der Roman „Atemschaukel“, den ich bisher jedoch noch nicht gelesen habe.
Mehr Berührung (vor allem auch in der Schulzeit) hatte ich bisher mit einem weiteren Autoren, der ebenfalls in Rumänien geboren wurde: Paul Celan.

Paul Celan, Die Gedichte – Neue kommentierte Gesamtausgabe
suhrkamp taschenbuch 5105
ISBN: 978-3-518-47105-0

Dorf im Aufruhr

Schon das Cover des Romans macht einem klar, worum es in Christoph Peters’ „Dorfroman“ gehen wird: da steht ein Kernkraftwerk auf der grünen Wiese – der schnelle Brüter in Kalkar, der nie in Betrieb ging. Doch in diesem Roman steckt noch so viel mehr als nur die Geschichte der Anti-Atomkraft-Proteste am Niederrhein. Es ist auch ein Buch übers Rebellieren und Erwachsenwerden, über das Verhältnis zu den Eltern, über Entwurzelung und die Veränderungen einer Dorfgemeinschaft, sowie der deutschen Gesellschaft in den Siebziger und Achtziger Jahren.

„Natürlich habe ich zu wenig gefragt und zu wenig zugehört. Jahrzehntelang wollte ich meiner Mutter, meinem Vater in erster Linie erklären, wer ich selber war, weil ich sie und ihre Vorstellungen von der Welt ja kannte, wohingegen ich dachte, dass meine eigenen Überlegungen und Entschlüsse für sie mindestens ebenso interessant und überraschend sein müssten wie für mich. Auch jetzt, wo es fast zu spät ist, frage ich nur selten, obwohl ich es mir oft vornehme (…)“

(S.95)

Nach vielen Jahren besucht der Sohn, der seine niederrheinische Heimat vor langer Zeit in Richtung Berlin verlassen hat, seine Eltern im kleinen Dorf Hülkendonck. Er erinnert sich an die Zeit in den Siebziger Jahren, als plötzlich der geplante Bau des schnellen Brüters in unmittelbarer Nachbarschaft nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Eltern und der ganzen Dorfgemeinschaft überschattete und komplett auf den Kopf stellte.

Mit 15 Jahren ist er kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen – er fängt und sammelt Schmetterlinge, ist ein großer Fan von „Lassie“ und den Tiersendungen von Heinz Sielmann und doch wird auch das andere Geschlecht zunehmend interessant. Das Leben im Dorf ist geprägt von Landwirtschaft, dem sonntäglichen Kirchenbesuch und überschaubaren Freizeitmöglichkeiten für die Jugend.

Als plötzlich die Diskussionen um den Kraftwerksbau das ganze Dorf spalten – der Vater sitzt im Kirchenvorstand, befürwortet den Verkauf der Kirchengrundstücke an die Betreibergesellschaft und wird zur Zielscheibe zahlreicher Anfeindungen – lernt der Junge auch die Bewohner des Protestcamps und die andere Seite kennen. Diese völlig andere Welt und Weltanschauung fasziniert ihn. Im Lager trifft er auf die Aktivistin Juliane, die einige Jahre älter ist als er und in die er sich rettungslos verliebt.

„Wenn mein Vater wollte, dass ich ihm bei seinen Heimwerkerprojekten half, versuchte ich immer, mich zu drücken, aber das hier war etwas anderes. Es ging nicht darum eine Bar in Eiche rustikal in unserem Keller einzubauen oder die Wohnzimmer mit Holzdecken zu verdüstern, sondern um die Rettung der Welt: alternative Energien, Selbstversorgung, Barrikaden. Und um eine Frau.“

(S.183)

Christoph Peters hat einen tiefgründigen Roman geschrieben, der mich aufgrund der intensiven Schilderung der damaligen Gesellschaft und der zeitgeschichtlichen Hintergründe der Siebziger Jahre wirklich gefesselt hat. Man spürt den Aufruhr im Dorf und versteht die Animositäten zwischen den Nachbarn, den Atomkraft-Gegnern und Befürwortern, die Rebellion der Jugend gegen die Eltern und den alternativen Lebensentwurf der Bewohner des Protestlagers. Sehr glaubwürdig und einfühlsam beschreibt er auch die innere Zerrissenheit des Heranwachsenden, der sich in vielerlei Beziehung zwischen den Welten fühlt – nicht mehr Kind und doch auch nicht erwachsen – schwankend zwischen der tiefen Liebe zu seinen Eltern und dem Glauben daran, dass diese und die Kirchengemeinde stets das Richtige tun, und der jungen, noch frischen, aufregenden Liebe zu Juliane und deren kritischer Ansicht zur Kernkraft.

Sprachlich passt sich Peters einer gewissen jugendlichen Naivität des jungen Erzählers an, was bis auf sehr wenige Stellen, die mir persönlich für einen 15-Jährigen vielleicht doch etwas zu kindlich wirkten und mich daher kurz stutzen ließen, wirklich sehr gut funktioniert. Der Roman liest sich daher sehr flüssig und stimmig und es gibt viele wunderbar formulierte Stellen, die mich sehr unmittelbar berührt und bewegt haben. Gerade die Gefühlswelt des Jungen und auch der reflektierte Rückblick des mittlerweile erwachsenen Sohnes, der die inzwischen alt gewordenen Eltern nach langer Zeit wieder besucht, ist von Peters mit feinem Auge und sicherem Gespür großartig eingefangen worden. So lässt er in kleinen Szenen große Emotionen entstehen, die unter die Haut gehen.

„Die meisten Erwachsenen glauben, wir Kinder würden in einer Art Phantasieland leben, das mit der wirklichen Welt nichts zu tun hat, obwohl sie doch selbst einmal Kinder gewesen sind und es eigentlich besser wissen müssten.“

(S.249)

Peters hat zahlreiche gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen in seinem „Dorfroman“ eingefangen: die abnehmende Bedeutung der katholischen Kirche und auch des dörflichen Gemeinschaftslebens, den Wegzug der jungen Generation aus den Dörfern in die Städte, die Mobilität und Entwurzelung, die zunehmenden Möglichkeiten der Lebensgestaltung, die auch ein höheres Maß an Entscheidungen erfordern, das lange Nachwirken der Zeit des Nationalsozialismus weit in die Siebziger hinein, die Anti-Atomkraft-Bewegung – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen und es lässt sich vieles auf den gut 400 Seiten entdecken, über das es sich nachzudenken lohnt.

Ein vielschichtiges, emotionales und interessantes Buch, das viele Facetten zu bieten hat und das daher wohl von jedem Leser mit anderen Schwerpunkten und Akzenten gelesen wird und sicherlich unterschiedliche – aber bestimmt nachhaltige – Eindrücke hinterlässt.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich unter anderem bei Birgit Böllinger, Literaturreich und Letteratura.

Buchinformation:
Christoph Peters, Dorfroman
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87596-5

© Luchterhand Verlag (Penguin Randomhouse)

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dorfroman“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch war die Verpflegung im „Dorfroman“ eher pragmatisch-bodenständig, so gibt es unter anderem „Serbische Bohnensuppe aus der Dose mit Bockwürstchen und Toast“. Klingt für mich nicht sehr verlockend – bei Dosensuppe bin ich – ehrlich gestanden – raus.

Zum Weiterschauen:
In Bayern ist die Anti-Atomkraft-Bewegung untrennbar mit dem Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf verbunden. Der Film „Wackersdorf“ aus dem Jahr 2018 gibt einen interessanten, gut gemachten Einblick in die Geschehnisse in der Oberfalz der 80er Jahre, als der Landrat Hans Schuierer zunehmend Zweifel an der Harmlosigkeit der geplanten Anlage bekommt, Nachforschungen anstellt und sich schließlich auf die Seite der WAA-Gegner stellt.

Zum Weiterlesen:
Der Großvater versucht im Roman, seinen Enkel für Goethe’s „Wahlverwandtschaften“ zu begeistern, muss aber schnell feststellen, dass er bei ihm gegen Heinz Sielmann’s „Ins Reich der Drachen und Zaubervögel“ nicht ankommt. Zu letzterem Werk kann ich nichts sagen, aber die „Wahlverwandtschaften“ habe ich vor vielen Jahren gerne gelesen – allerdings war ich da auch schon ein wenig älter als der Junge im Roman.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften
insel Taschenbuch 4522
ISBN: 978-3-458-36222-7

Jazz, Liebe und Quarantäne

Ein Höhepunkt dieses Bücherfrühjahrs war für mich persönlich zweifelsohne der neue Roman „Monschau“ von Steffen Kopetzky. Grund dafür war nicht die Aktualität der Thematik um eine hochinfektiöse Krankheit, sondern vielmehr seine virtuose Art und Weise, den Zeitgeist der frühen Sechziger Jahre lebendig werden zu lassen und die wunderbare, zarte Liebesgeschichte, die er feinsinnig erzählt ohne kitschig zu sein.

„Sie waren da. Etwas anderes auch. War schon in den Lüften. Hatte sich blind einem kleinen Hauch anvertraut, (…)“

(S.9/10)

1962 – es ist die Zeit von Adenauer und Kennedy, des Wirtschaftswunders, kurz nach dem Mauerbau und das Jahr, in dem „Die Physiker“ von Dürrenmatt uraufgeführt werden. Hamburg erlebt durch das Sturmtief Vincinette eine katastrophale Sturmflut und in Monschau – einem kleinen Industrieort in der Eifel – brechen die Pocken aus. Ein Mitarbeiter der Rither-Werke hat den Virus von einer Dienstreise aus Indien eingeschleppt. Als die ersten Menschen erkranken, beginnen die Maßnahmen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen und die Bewohner zu schützen. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt Steffen Kopetzky in seinem Roman über diese Zeit des Ausnahmezustands.

Vera – die junge Firmenerbin der Rither-Werke – ist gerade von einem Studienaufenthalt aus Paris in die Eifel zurückgekehrt und wird Zeugin, wie die Krankheit den Alltag und das Leben im Ort und in der Fabrik auf den Kopf stellt. Der Geschäftsführer möchte den florierenden Betrieb – Deutschlands Ökonomie erlebt gerade den enormen Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre – keinesfalls schließen und handelt heraus, dass sich ein Betriebsarzt um die Betreuung der Mitarbeiter und Bewohner des Ortes kümmern soll, um den Laden am Laufen zu halten. So kommt – gemeinsam mit dem renommierten Arzt und Pockenexperten Stüttgen – der junge, ungebundene griechische Medizinstudent Nikolaos nach Monschau und nimmt den Kampf mit dem gefährlichen Virus auf, der in Deutschland eigentlich schon als besiegt galt. Im zu medizinischen Zwecken umfunktionierten Stahlkocher-Schutzanzug besucht er die Verdachtsfälle und Patienten, impft, verhängt die notwendigen Quarantänemaßnahmen und übernimmt die Aufgabe des Betriebsarztes. Einquartiert wird er im Obergeschoss der geräumigen Villa der Fabrikeigentümer und schon bald vernimmt er im Haus die Musik, die ihn so fasziniert: Jazz.

„Nein, Vera und er, solche wie sie, die Generation, die während der Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit Murmeln gespielt, als Kinder in den Luftschutzbunkern geschlafen hatte – und manche von ihnen hatten die Hölle der Lager aller Art kennengelernt -, sie wollten ein neues Europa. Und sie wollten guten amerikanischen Jazz.“

(S.163)

Schon bald kommen sich Vera und Nikolaos in dieser seltsamen Zeit und Ausnahmesituation näher. Sie verbringen die Abende zusammen, essen, diskutieren und hören Musik. In Zeiten der Verunsicherung durch die bedrohliche Krankheit und der Einsamkeit suchen sie die Nähe des Anderen, sie teilen die Leidenschaft für amerikanischen Jazz und verlieben sich. Und doch sind die beiden auch unterschiedlich: Nikolaos, der starke Grieche, mit den breiten Schultern eines Schwimmers, der in Griechenland in einfachen und ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und sein berufliches Glück nun in Deutschland sucht und die körperlich zerbrechliche Vera – durch eine Polio-Erkrankung in der Kindheit humpelt sie ein wenig – als selbstbewusste Studentin und reiche Firmenerbin, die das wirtschaftliche Erbe und die damit verbundenen Verpflichtungen am liebsten gar nicht antreten möchte.

Die Pocken breiten sich aus, fordern Opfer, der Fasching muss ausfallen, Quarantänemaßnahmen müssen eingehalten werden, die Presse stürzt sich auf das Thema und entfacht einen Medienrummel in dem kleinen Ort. Wirtschaftliche, politische und medizinische Interessen kollidieren – vieles kommt einem sehr bekannt vor.

„Wann würden sie endlich dieses endlose Gebirge verlassen können, in dem ein Tal auf das nächste folgte und eine Schwierigkeit der anderen, ohne dass man jemals den erlösenden Berggipfel erreichte? Wann würde der volle Mond über dem Venn stehen? Wann würde es endlich Frühling werden?“

(S.331)

In einigen Szenen und Absätzen spricht Kopetzky natürlich auch den pandemiemüden Menschen des Heute aus der Seele und trifft Gedanken, die aktuell jeder wohl von Zeit zu Zeit mit sich herumträgt, auf den Punkt.
In Summe habe ich „Monschau“ jedoch nicht als „Pandemieroman“, sondern vielmehr als berührenden und wunderschönen Liebesroman mit viel zeitlichem Hintergrund und Wirtschaftswunder-Flair des Jahres 1962 gelesen. Mich fasziniert, wie stimmig und intensiv Kopetzky den damaligen Zeitgeist für den Leser eingefangen hat und spürbar werden lässt. Das ist genial gemacht, gleichzeitig wirklich unterhaltsam und in einer herrlich flüssigen Sprache geschrieben. Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Schon heute bin ich mir sicher, dass es in diesem Lesejahr zu meinen Lieblingsbüchern zählen wird.
Ganz großes, literarisches Kino – der Roman schreit geradezu nach einer Verfilmung für Kino oder Fernsehen. Ich hoffe nur, dass diese dann auch gut gemacht sein wird – eine Lektüre sollte und wird diese jedoch keinesfalls ersetzen können.

Eine weitere Besprechung des Romans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Monschau“:

Für den Gaumen:
Was war 1962 kulinarisch angesagt? Vera bewirtet ihren Liebsten mit „Lachsnudeln mit Cognac“ und „Armen Rittern“. Ich kann mich nicht erinnern, das in dieser Kombination schon einmal gegessen zu haben, aber 1962 war auch vor meiner Zeit.

Zum Weiterhören:
Eine wichtige Rolle in „Monschau“ spielt der Jazz von Miles Davis und die Platten, welche Vera aus Paris mit in die Eifel gebracht hat. Es ist die Liebe zu dieser Musik, welche die beiden Liebenden verbindet und zueinander führt. Sein bekanntestes Album wird wohl „Kind of Blue“ aus dem Jahr 1959 sein.

Zum Weiterschauen:
Im Januar 1962 flimmerte der Straßenfeger „Das Halstuch“ von Francis Durbridge über die deutschen Fernsehschirme. Ein Sechsteiler, der damals das ganze Land in Atem hielt (unter anderem mit Heinz Drache und Horst Tappert), den ich aber bisher nie gesehen habe. Vielleicht lässt sich diese schwarz-weiße Bildungslücke der deutschen Fernsehgeschichte ja irgendwann einmal noch schließen.

Zum Weiterlesen:
Den Literaturnobelpreis in eben jenem Jahr 1962 erhielt John Steinbeck. Das Werk, welches mir bisher von ihm am häufigsten begegnet ist – in der Schule, als Film (mit John Malkovich) und auch im Theater – war „Von Mäusen und Menschen“, das jedoch bereits 1937 erschienen ist. Die Übersetzerin Mirjam Pressler (vor kurzem habe ich ihr letztes Buch „Dunkles Gold“ vorgestellt) hat im Jahr 2002 eine Neuübersetzung des Werks verfasst, welche auch der aktuellen dtv-Ausgabe zugrunde liegt.

John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
dtv
ISBN: 978-3-423-14211-3

Kunstvolle Schattenspiele

Mit „Caravaggios Schatten“ hat Bernhard Jaumann nun seinen zweiten Band der Krimi-Reihe um die Kunstdetektei von Schleewitz vorgelegt und das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auf spannende Art lernt der Leser, was Artnapping bedeutet und begibt sich mit dem Detektiv Rupert von Schleewitz auch auf eine Reise in seine persönliche Vergangenheit.

Nach vielen Jahren ohne jeglichen Kontakt meldet sich bei Rupert von Schleewitz – dem Inhaber einer Detektei für Kunstkriminalität – ein ehemaliger Mitschüler und Zimmergenosse aus Internatszeiten und lädt ihn nach Potsdam ein, um mit ihm gemeinsam die Gemäldegalerie des Schloss Sanssouci zu besuchen. Im Museum wird schnell klar, dass sein Freund es auf ein ganz besonders Gemälde abgesehen hat: „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio.

„Dann drehte er sich um, holte mit der Rechten aus und trieb das Messer in die Leinwand. Genau in das weit aufgerissene Auge des Ungläubigen Thomas.“

(S.13)

Als dieser dann urplötzlich ein Messer zieht, es brutal in die Leinwand stößt und dem Kunstwerk mehrere Stiche und Schnitte zufügt, steht Rupert hilf- und machtlos daneben und gerät zunächst sogar selbst als Mittäter in Verdacht. Doch was trieb seinen Freund zu dieser Wahnsinnstat und warum wollte er ihn offenbar unbedingt dabei haben?

Als dann das Gemälde beim Transport zum Restaurieren auch noch von Unbekannten gestohlen wird, sieht sich von Schleewitz endgültig gezwungen, im Fall zu ermitteln und sich mit seiner Vergangenheit im Internat noch einmal auseinanderzusetzen. Schließlich bittet er auch seine Kollegen aus der Detektei – Max und Klara – um Hilfe.

„Den Finger in die Wunde legen hieß, eine schmerzhafte Wahrheit auszusprechen, jemanden auf unangenehme Weise mit einem Übel zu konfrontieren oder ihn an etwas zu erinnern, was er glücklich vergessen zu haben glaubte.“

(S.32)

Und so ermittelt Klara – die sich auch immer größere Sorgen um ihren parkinsonkranken Vater macht, welcher die polnische Pflegekraft mit seinen merkwürdigen Verhaltensweisen zunehmend nervt – vor allem in künstlerischen Aspekten und versucht den Artnappern auf die Spur zu kommen. Aufgrund ihres Studiums der Kunstgeschichte und der langjährigen Erfahrung im Kunstbereich, ist sie prädestiniert, eine etwaige Echtheit des Gemäldes bei einer Übergabe durch die „Geiselnehmer“ zu prüfen.
Max hingegen – in der Detektei hauptsächlich für Archivrecherchen zuständig – entwickelt gänzlich neue, unkonventionelle Recherchemethoden, als ihm plötzlich Kommissar Zufall in Form des bekannten „Bullen von Tölz“ zu Hilfe eilt.

Jaumann schafft es mit Augenzwinkern und Finesse auch dieses Mal wieder, witzige Szenen mit tiefgründigen Themen in Einklang zu bringen und so einen kurzweiligen, amüsanten und doch niveauvollen Krimi abzuliefern, der intelligent unterhält.

Gemeinsam mit seinen Lesern taucht der Autor ab in die Besonderheiten des Caravaggio-Gemäldes, in Interpretationsmöglichkeiten, geschichtliche Hintergründe und künstlerische Feinheiten, die einen sofort dazu bewegen, sich das Gemälde selbst einmal genauer anzusehen. Die Szene, in welcher der Bekannte Rupert’s auf das Gemälde einsticht, ist derart intensiv und eindringlich beschrieben, dass es einem regelrecht die Haare aufstellt.

Virtuos spielt der erfahrene Krimi-Autor auch mit der Sprache und schafft mit zahlreichen Bildern und Metaphern aus dem Bereich des „Hell und Dunkel“ oder „Nacht und Tag“ ein ebenso kunstvolles Licht- und Schattenspiel wie Caravaggio in seinen Gemälden. Ein sprachlich kluger und raffiniert verfasster Krimi, der mich wirklich begeistert hat.

„Der dramatische Moment wurde immer in grelles Licht gesetzt und effektvoll inszeniert, aber seinen Figuren ließ Caravaggio ihr Geheimnis. Und das Geheimnis brauchte nun mal die Dunkelheit. Die Schatten, in denen Gewissheiten zerflossen.“

(S.54/55)

Gekonnt verknüpft der Autor das Kunstmilieu – die Welt der Museen, der Restauratoren und Kuratoren – mit dem Leben in einem Internat und legt auch hier gleich dem ungläubigen Thomas den Finger in die Wunde.
War im ersten Band Raubkunst das Thema, so erfährt man dieses Mal viel über Museen, Politik und das Verbrechen des „Artnapping“, d.h. die Erpressung von Lösegeld für „entführte“ bzw. gestohlene Gemälde.

Bleibt zu hoffen, dass Jaumann die Kunstdetektei von Schleewitz auch noch in weiteren Fällen ermitteln lassen wird, denn die Verbrechen aus der Kunstwelt sind spannend und die ermittelnden Charaktere sympathisch, so dass man sich auf ein Wiedersehen mit Rupert, Klara und Max definitiv freuen würde.

Ohnehin hat man bei Jaumann’s Krimis am Ende auch immer das Gefühl, etwas Neues erfahren und gelernt zu haben. Eine Qualität, die zweifelsohne nicht jedem Krimi zugeschrieben werden kann und somit für sich spricht. Niveauvolle und kurzweilige Krimiunterhaltung, die ich vor allem kunstsinnigen und kulturell interessierten Freunden weitgehend unblutiger Kriminalromane unbedingt ans Herz legen kann. Ein exquisiter Krimigenuss!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Caravaggios Schatten
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-197-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caravaggios Schatten“:

Für den Gaumen:
Agnieszka, die polnische Haushälterin von Klara’s Vater kocht für ihren Schützling herzhaften Bigos-Eintopf – ein Gericht aus ihrer Heimat. Laut Wikipedia ist Bigos ein „Krauteintopf aus gedünstetem Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten sowie weiteren variierenden Zutaten“.

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio, das im Mittelpunkt dieses Krimi’s steht, hängt in der Bildergalerie von Schloss Sanssouci in Potsdam. Der Caravaggio zählt dort sicherlich zu den bekanntesten Werken, darüber hinaus können aber auch weitere Gemälde von van Dyck oder Rubens bestaunt werden. Solange die Museen pandemiebedingt noch geschlossen sind, kann man sich auch auf der Website des Museums das eindrucksvolle Kunstwerk näher ansehen und sich ein eigenes Bild davon machen.

Zum Weiterlesen bzw. zum vorher lesen:
„Caravaggios Schatten“ kann als in sich abgeschlossener Fall sicherlich auch unabhängig ohne Probleme gelesen werden. Im Januar habe ich jedoch bereits den ersten Band der Reihe „Der Turm der blauen Pferde“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht’s zu meiner Rezension) und es lohnt sich auf jeden Fall, diesen ersten Teil, in welchem man die Kunstdetektei von Schleewitz kennenlernt und in dem es sich um ein verschollenes Gemälde von Franz Marc dreht, vorab zu lesen. Ebenfalls spannend und unterhaltsam.

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

Aprilbowle 2021 – Blütenzauber und Neuentdeckungen

Im April hat sich nach anfänglich klassisch-wechselhaftem Aprilwetter dann doch der Frühling endlich Bahn gebrochen. Es blüht und grünt in voller Pracht und beim Spazierengehen kann man einen wahren Blütenzauber genießen. Für mich präsentierte sich der Monat vielseitig mit guten Büchern und einigen musikalischen Livestreams, die ein paar schöne Neu- oder Wiederentdeckungen für mich bereithielten.

„Schicksalsfäden sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

(aus „Der Ring an einem Abend“ von Loriot)

Wie schon in den vergangenen Monaten waren und sind wir kulturell immer noch auf Digitales angewiesen, so konnte ich mich unter anderem über einen schönen Wagner-Abend der Leipziger Oper freuen, die mit einem tollen Ensemble Loriot’s „Der Ring an einem Abend“ auf die Bühne und die Bildschirme zauberte.
Loriot’s humorvolle Texte begleiteten mich dann auch noch weiter im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, den das Münchner Gärtnerplatztheater als Livestream zur Verfügung stellte.

Wer einen spannenden Theaterabend zu Hause verbringen möchte, dem kann ich „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in der Mediathek des Landestheater Niederbayern empfehlen – ein packendes, düsteres Kammerspiel, das Terrorismus und Wirtschaftskriminalität thematisiert und hervorragend inszeniert und schauspielerisch umgesetzt ist. Fesselnd und packend – ein eindrucksvolles Stück, das einen auch danach noch lange beschäftigt.

Filmisch hat mich im April vor allem „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta fasziniert, der auf ARD Alpha gezeigt wurde, da sich der Eichmann-Prozess zum 60. Mal jährte. Zudem ist der neu erschienene Roman „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt aktuell in aller Munde, den ich auch bald lesen möchte.

Literarisch präsentierte sich der April für mich ebenso schillernd und farbenprächtig wie die Natur vor der Haustür:
Den Auftakt machte der schmale Band „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, der mir in einer schönen illustrierten Ausgabe der Büchergilde ein kurzes, aber beglückendes Lesevergnügen bereitet hat. Der Roman über die Queen, die inspiriert durch einen Besuch im Bücherbus ihre Lust am Lesen entdeckt und nach und nach ihre royalen Pflichten vernachlässigt, um ihrem neuen Laster frönen zu können, ist für alle Bücherliebhaber und Literatursüchtige eine amüsante Lektüre.

Fernweh und die Sehnsucht nach der Nordsee, versuchte ich mit Günter Wendt’s Regio-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ zu stillen, der auf der fiktiven Hallig Grienoog seinen Kommissar Kollerup in einem Mordfall ermitteln lässt. Mit dem Erholungseffekt einer tatsächlichen Reise an die Küste konnte er es aber natürlich nicht aufnehmen.

Geschichtlich interessant und spannend erzählt ist der neue Roman von Marie Benedict „Lady Churchill“, der die starke Frau an Winston Churchill’s Seite Clementine Churchill aus dem Schatten ihres Mannes ins Licht holt. Ein lesenswertes Buch über eine emanzipierte, gebildete und beachtenswerte Frau.

Eine großartige Neuentdeckung für mich war die Wiederentdeckung der Autorin Rumer Godden durch den Kampa Verlag mit der neuen Ausgabe von „Unser Sommer im Mirabellengarten“ (Originaltitel: „The Greengage Summer“, 1958). Ein unvergleichlich schönes, atmosphärisches Sommerbuch, das mich durch die eindrucksvolle Sprache, faszinierende Charaktere und den gelungenen Spannungsbogen durchwegs begeistert hat. Eine große Leseempfehlung!

Britta Röder’s „Das Gewicht aller Dinge“ ist ein kleiner, feiner Roman, der auf intensive Art und Weise verdeutlicht, worauf es im Leben ankommt und dass es gut tut, Gutes zu tun. Die mysteriöse Geschichte der jungen Frau, die barfuß in einem leichten Kleid auf einer Parkbank erwacht und nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, gibt dem Leser einige Rätsel auf.

Inspiriert durch einen schönen Livestream bzw. ein Couch-Konzert der Band Quadro Nuevo zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla, das auf YouTube noch zur Verfügung steht und das dem argentinischen Tango Nuevo huldigt, habe ich mich an einen Regalschlummerer erinnert und endlich „Das Bandoneon“ von Hans Meyer zu Düttingdorf gelesen. Ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte einer Deutschen erzählt, die 1927 aufgrund ihrer Heirat mit einem Argentinier auswandert und sich in Argentinien unsterblich in einen Tangomusiker verliebt.

Timon Karl Kaleyta erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ und erinnerte mich damit an eine moderne Fassung des „Hans im Glück“, dem zunächst ohne großes Zutun vieles zufliegt, um es dann letztlich doch wieder zu verlieren. Flüssig zu lesen, aber der letzte Funke ist bei mir leider nicht ganz übergesprungen.

Kein Monat ohne Krimi und daher ließ ich mich von Luca Ventura in seinem zweiten Band um den Polizisten Enrico Rizzi „Bittersüße Zitronen“ nach Capri entführen. Urlaubsflair und italienisches Lebensgefühl gemischt mit einem klassischen Krimi-Plot und kulinarischen Anklängen – ein Buch das mir Spaß gemacht und Entspannung geboten hat.

Meine hohen Erwartungen konnte Steffen Kopetzky’s „Monschau“ in jeder Form erfüllen. Ein großartiger Roman, der die Geschehnisse 1962 in dem kleinen Ort in der Eifel thematisiert, als dort die Pocken ausbrachen, welche ein rückkehrender Dienstreisender aus Indien mitgebracht hatte. Deutsche Zeitgeschichte gepaart mit einer feinen Liebesgeschichte, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe und die mit großer Wahrscheinlichkeit zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres zählen wird.

Ein wenig mehr oder etwas Anderes hatte ich mir hingegen von Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ erwartet. Vier Manager (drei Männer und eine Frau) stellen sich in einem Hotel einem Auswahlverfahren, wer die zukünftige Firmenleitung einer Agentur übernehmen soll. Eine Ausnahmesituation, in welcher jeder versucht, seine persönlichen Schwächen und Abgründe vor den anderen zu verbergen und die zunehmend eskaliert. Ein psychologisches Kammerspiel in Romanform, ein schwieriger Stoff und schwere, literarische Kost zum Monatsende. Eine ausführliche Besprechung findet man bei „Feiner reiner Buchstoff“.

Auf was freue ich mich im Mai ganz besonders:
Mit Spannung erwarte ich das Rollendebüt von Christian Gerhaher in Aribert Reimann’s „Lear“ an der Bayerischen Staatsoper, das am 23.05.21 (19.00 Uhr) bzw. verschoben auf 30.05.21 (18.00 Uhr) im Livestream und anschließend 30 Tage kostenlos als Video on demand zu erleben sein wird.

Literarisch warten einige Bücher von interessanten Autorinnen und Autoren auf mich und ich möchte meine literarische Europareise fortsetzen, die im April eine Ruhepause eingelegt hat – lasst Euch überraschen!

Und kulinarisch freue ich mich vor allem auf Spargel und Erdbeeren, damit der Frühling endlich auch auf dem Teller Einzug hält.

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich heute einen schönen ersten, aber auch gesamten Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight April:

Kulinarisch bot der April für mich eine wunderbare Neuentdeckung: Mönchsbart (oder auch „barba di frate“), der in Italien auf meernahen, salzhaltigen Wiesen wächst und sich hervorragend mit Pasta kombinieren lässt. Ein saisonales Produkt, das mich begeistert hat und das auch nächstes Jahr sicher wieder auf meinen Tisch kommen wird. Inspiriert dazu wurde ich durch dieses sehr empfehlenswerte Rezept auf Arcimboldi’s World für Spaghetti mit Barba di Frate.

Musikalisches im April:
Sehr empfehlen kann ich das Konzertvideo (mit Interviews) „Mozart in Havanna“ der Hornistin Sarah Willis (Berliner Philharmoniker) gemeinsam mit dem Havana Lyceum Orchestra, das noch bis zum 25.06.21 auf ARTE Concert zu sehen ist und das beweist, wie gut Mozart und Mambo harmonieren – ein wahrer Quell guter Laune.

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)