Schwesternklang

Blut ist dicker als Wasser und kaum ein Verhältnis kann so intensiv und doch auch spannungsvoll sein wie das zwischen zwei Schwestern. Ilinca Florian hat mit „Bleib, solang du willst“ einen melodiösen, intensiven und bewegenden Roman über zwei Schwestern geschrieben, bei dem Freude und Schmerz nahe beieinander liegen. Große Gefühle und zwei starke, kristallklare Frauenportraits auf nicht einmal 200 Seiten – ein Buch, das gerade durch die Konzentration auf das Wesentliche besticht.

„Sie nahm mich in den Arm und hörte eine Weile nicht damit auf. Das tat gut, gab mir Zeit. Ich wollte nicht in Tränen ausbrechen. Charlotte löste die Umarmung, sah mich an und sagte: „Bleib, solang du willst.“

(S.24)

Charlotte – oder Lotte – ist die Ältere, Vernünftige, Pragmatische und Zupackende der Beiden. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat einen gut bezahlten, aber fordernden Job in einer Berliner Unternehmensberatung. Zeit für eine ernsthafte Bindung oder Beziehung nimmt sie sich nicht. Sie füllt ihr Leben mit Big Business, Calls, Meetings und Konferenzen – wohl auch, um nicht so viel nachdenken zu müssen.

Als jedoch ihre jüngere Schwester Martha – Sängerin und der Künstlertyp in der Familie – ihre Hilfe braucht und plötzlich mit ihrem kleinen Sohn Emil vor der Tür steht, ist klar, dass Lotte wieder einmal alles daran setzen wird, zu helfen.
Weimar, ein Leben am Theater und ihren unzuverlässigen, alkoholkranken und fremdgehenden Ehemann hat Martha Knall auf Fall verlassen und sucht nun nach Zuflucht und einem Neustart für sich und ihren Sohn.

„Ich genoss Marthas Anwesenheit in meinem Leben, in meiner Wohnung, ich liebte sie wirklich und wir hatten es oft schön zusammen. Es gab Momente, in denen ich vergaß, dass es über ein Jahrzehnt her war, dass wir unter einem Dach gelebt hatten. Mit ihr konnte ich so albern und leicht sein, und zwar anders, als ich es je mit einer Freundin geschafft hätte.“

(S.35)

Das Zusammenleben mit der Schwester und die Betreuung eines Säuglings krempeln auch Lotte’s Leben gehörig um und schnell wird klar, dass nicht nur Lebenskonzepte und Lebenseinstellungen aufeinanderprallen, sondern auch lange verdrängte Gefühle wieder an die Oberfläche gespült werden. Da fliegen dann auch mal die Fetzen und es werden der Anderen schonungslos auch unangenehme Wahrheiten an den Kopf geworfen.

Und doch kommen sich die Schwestern, die bereits den Tod des Vaters und die Depressionen der Mutter gemeinsam durchstehen mussten, durch die Liebe und Sorge für den kleinen Emil wieder näher. Zwischen Windeln, Weinkrämpfen und einigen Gläsern Wein versuchen die beiden, die Situation gemeinsam zu meistern.

Als Martha einen Job in Lotte’s Firma übernimmt, den ihr die Schwester – ebenso wie einen Kita-Platz – besorgt hat und Lotte immer wieder als Babysitterin einspringt, mischen sich die Welten mehr und mehr. Doch Martha kämpft weiterhin für ihren Traum, von der Musik und ihrem Gesang leben zu können.

Die Autorin Ilinca Florian ist 1983 in Bukarest geboren und lebt seit 2007 – wie ihre Romanfigur Charlotte – in Berlin. Sie hat Theater gespielt und Drehbücher verfasst – man merkt, dass sie ein Gespür für Dialoge sowie starke Bilder und Szenen hat, die sich einprägen.

Die Sprache des Romans hat einen besonderen Klang: sehr heutig, sehr modern, kurze, klare, knackige Sätze. Das macht die Lektüre sehr lebendig und klingt wie direkt aus dem Gedankenstrom der Schwestern gegriffen. Es fühlt sich an, wie das Gespräch mit einer guten Freundin. Man merkt beim Lesen, wie sich die Gedanken der Schwestern oft ohne komplexe Nebensätze gleichsam in knappen, klaren Momenten formen und zum Ausdruck kommen – unmittelbar, direkt. Die Sprache ist schlicht, aber nicht simpel, sondern auf den Punkt und so trifft so mancher Satz direkt ins Herz oder in die Magengrube.

„Martha war mehr als meine Schwester, sie war mein Schatten, mein Echo, ohne sie war mein Ich nur ein halbes Ich.“

(S.16/17)

Ilinca Florian hat in diesem nicht einmal 200 Seiten starken Buch, ein ausdrucksstarkes, präzises Porträt zweier Schwestern und zugleich moderner Frauen geschaffen. Ein Buch über Familienbande, Traumata und Verluste, Bindungsängste, aufgestaute Gefühle und darüber, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein. Eine hochaktuelle, gefühlvolle und sehr bewegende Studie der beiden Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch – durch ein untrennbares Band verbunden – sich so nahestehen, wie keinem zweiten Menschen im Leben.

„Bleib, solang du willst“ ist ein trauriges, hoch emotionales und sehr berührendes Buch. Ein Buch voller Gewitterwolken, Donner- und Schicksalsschläge, denn wie im richtigen Leben geht leider nicht immer alles gut aus und doch versäumt die Autorin es nicht, der Leserschaft zwischendrin auch kleine Sonnenmomente, Lichtblicke und Hoffnungsschimmer im Dunkel mit auf den Weg zu geben. Ein Buch, das – wie das Leben der beiden Schwestern – eine gewisse Kraft und Stärke erfordert und unter die Haut geht, wenn man sich darauf einlässt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Karl Rauch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ilinca Florian, Bleib, solang du willst
Karl Rauch Verlag
ISBN: 978-3-7920-0275-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ilinca Florian’s „Bleib, solang du willst“:

Für den Gaumen:
Bei einer Party, die Lotte für einige Kollegen organisiert und die letztlich ziemlich eskaliert, spiegelt sich kulinarisch eher ihre Welt:

„Es gab reichlich Rotwein, ich hatte Garnelen besorgt, außerdem Carpaccio mit Pinienkernen und Parmesan zubereitet. Martha hatte das beste Fladenbrot im Kiez gekauft.“

(S.100)

Zum Weiterhören (I):
„Bleib, solang du willst“ ist ein sehr musikalisches, von Musik durchwirktes Buch, mit einem besonderen Sound. Kein Wunder, ist es doch Martha’s größter Traum, ihren Lebensunterhalt mit ihrem Gesang bestreiten zu können. Als Jazzsängerin singt sie bei einem Auftritt bekannte und beliebte Standards wie „Fly me to the moon“ oder „Girl from Ipanema“.

Zum Weiterhören (II):
Martha hat Gesang studiert und schätzt auch die Musik von Martha Argerich:

„Ich musste an die Schallplatte mit ihren Klavierkonzerten denken – Mozart, Beethoven, Chopin -, die ich leider in Weimar gelassen hatte. Die liebte ich.“

(S.47)

Zum Weiterlesen:
Ein ähnlich emotionales und berührendes Buch über Schwestern – in diesem Fall sogar über Zwillinge – und dieses ganz besondere Band zwischen ihnen habe ich letztes Jahr im Herbst gelesen und vorgestellt: Sibylle Schleicher hat in „Die Puppenspielerin“ ebenfalls die richtigen, wunderbaren Worte gefunden, einen schweren Stoff in gefühlvolle Literatur zu verwandeln:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

Geburtstagsbowle Nr.2

Geburts- und Jahrestage machen einem immer besonders bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Verwundert reibe ich mir also die Augen und stelle fest, dass es meine Kulturbowle jetzt tatsächlich bereits seit zwei Jahren gibt.

Auf den Tag genau am 14. August 2020 begann dieses neue Kapitel und mittlerweile sind über 200 Beiträge geschrieben und veröffentlicht worden.
Daher gibt es heute den zweiten Geburtstag meines Blogs zu feiern und das geschieht auch dieses Jahr mit einer schönen neuen Tradition, die ebenso jung ist wie meine Website: Es wird mit einem Gläschen Bowle angestoßen: Dieses Jahr mit einer Melonenbowle. Cheers!

Heute vor zwei Jahren habe ich meinen ersten Beitrag „Auf zu neuen Ufern“ hinaus in die Welt geschickt und einfach mal neugierig gewartet, was passiert.
Und was ist in dieser Zeit nicht alles passiert – viel mehr, als ich mir damals vorgestellt oder erträumt habe:

Ich durfte viele interessierte, freundliche und kreative Menschen und Blogs kennenlernen, die mir wunderbare Anregungen und Inspirationen geben. Das Bummeln durch die Blogs und das Lesen bei Anderen ist mir eine liebe Gewohnheit geworden und ich konnte viel Schönes entdecken, das ich sonst vermutlich verpasst hätte.

Zudem sind durch meine Bowle schöne Kontakte zu Gleichgesinnten, Buch- und Kulturmenschen und zu Verlagen entstanden, die ich sehr schätze.
Daher sage ich heute auch ein herzliches Dankeschön an alle, die hier mitlesen und bei meiner Bowle vorbeischauen: Jede Leserin, jeder Leser und alle, die mit mir die Freude an guten Büchern und über kulturelle Ereignisse teilen, sind jederzeit herzlich willkommen! Jeder Besuch auf meiner Seite, jeder Follower, jeder Kommentar, jedes Like und die vielen positiven und schönen Rückmeldungen freuen mich sehr, denn geteilte Freude ist immer noch doppelte Freude! Danke dafür!

Auch mein Leseverhalten hat durch das Bloggen nochmal eine zusätzliche Intensität bekommen. Ich lese aufmerksamer und empfinde es als bereichernd, stärker zu reflektieren und anschließend auszuformulieren, was für mich den besonderen Reiz an einem bestimmten Buch ausmacht oder wozu es mich inspiriert. So bleiben Leseerlebnisse länger präsent und auch ich selbst kann später – wie in einem Lesetagebuch – zurückschmökern und noch einmal nachlesen.

Schließlich ist in den letzten beiden Jahren schon einiges an vorgestellten Büchern zusammengekommen – wie man in der Bowle A-Z alphabetisch nach AutorInnen sortiert, in meiner Kategorie „Die Welt erlesen“ nach Land und Schauplatz oder aber in meinem Zeitstrahl (der im letzten Jahr neu hinzugekommen ist) nach Erscheinungsjahr geordnet nachschlagen kann.

Zudem genieße ich den kreativen Aspekt, der mit dem Bloggen einhergeht:
Ich konnte neue Ideen entwickeln und umsetzen. So gibt es dieses Jahr meine „22 für 2022“ oder auch meine neue Reihe „Herzbowle“, in welcher ich auch zukünftig meine Herzensbücher und besondere Bücher in meiner Lesebiografie wiederlesen und vorstellen möchte. Auch meine literarische Europareise alias Europabowle ging bzw. geht weiter und wird auch zukünftig fortgesetzt werden. Und so manche weitere Idee schlummert bereits…

Ich fotografiere mehr und entdecke mit offenen Augen immer wieder viel Schönes – es ist schön, die Natur und den Lauf der Jahreszeiten aufmerksamer zu sehen und bildlich festzuhalten. Heute habe ich spritzige und farbenfrohe Bowlebilder für Euch und hier findet man das Rezept für die sommerliche Melonenbowle.

Ganz besonders freut mich zudem, dass auch meine Beiträge zu kulturellen Veranstaltungen, Opern- oder Theaterbesuchen und Konzerten auf positive Resonanz stoßen. Auch wenn der letzte Winter diesbezüglich immer noch sehr schwierig und von zahlreichen Absagen und pandemiebedingten Terminverschiebungen geprägt war, konnte ich doch über einige schöne Kulturerlebnisse berichten und das möchte ich auch so beibehalten. Denn gerade diese Momente machen das Leben bunter, reicher und lohnen sich festgehalten zu werden.

Mittlerweile ist das Bloggen zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte, und so werde ich weiter Bücher und Kultur genießen und meine Begeisterung und Faszination mit Euch teilen!

In diesem Sinne: Auf ein Neues und zum Wohle! Bleibt gesund, kommt gut durch den Sommer und ich freue mich, wenn Ihr weiterhin gerne immer mal wieder bei mir vorbeischaut!

Heldenhaft ins Blaue

Ein Buch in die Hand nehmen, es sich bequem machen und die Reise beginnt: Es geht ab nach Italien mit zwei Büchern, die sofort Lust auf das Land machen und den Zauber spürbar werden lassen: Tim Parks’ „Der Weg des Helden – Auf den Spuren Garibaldis von Rom nach Ravenna“ und Stefan Ulrich’s „Und wieder Azzurro – Die geheimnisvolle Leichtigkeit Italiens“.

Und obwohl sich die gewählten Routen und die Art des Reisens bei beiden doch deutlich unterscheiden, vereint beide Autoren die große Faszination und Liebe zu ihrer Wahlheimat (im Fall von Tim Parks) bzw. der ehemaligen Heimat auf Zeit (im Falle des früheren Rom-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung Stefan Ulrich).

Tim Parks machte sich im August 2019 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Eleonora Gallitelli auf eine 30-tägige Wandertour, um den Weg, den Giuseppe Garibaldi und seine Frau Anita im Jahr 1849 mit ihren Anhängern auf ihrer Flucht aus Rom zurücklegten, nachzugehen: Zu Fuß – lediglich mit Rucksäcken und Wanderstöcken – eine körperliche und psychische Herausforderung und eine ganz besondere Erfahrung.

Garibaldini lautete der Name, den die Italiener den Männern gaben, die freiwillig mit Garibaldi in den Kampf zogen. Man war sich einig, dass sie alle vom selben Schlag waren. Schon bald wurde der Begriff aus seinem spezifischen historischen Kontext herausgerissen und bezeichnete ganz allgemein Personen, die kühn und idealistisch sind, die Risiken eingehen, die vielleicht auch naiv, ja unüberlegt handeln.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.21)

Basierend auf historischen Aufzeichnungen und Notizen von Zeitzeugen – suchen sie den Weg, aber auch die Beweggründe und die Motivation Garibaldi’s und seines Gefolges. Was bedeutete dieser Fußmarsch, bei dem es galt, den Verfolgern immer einen Schritt voraus sein zu müssen? Welche Schwierigkeiten, Widrigkeiten und Herausforderungen galt es zu meistern?

„Wir reden während der vielen Stunden unterwegs über alles Mögliche, aber ein Thema kommt immer wieder auf: Angst. Die banale Angst vor dem Verkehr, vor Hunden, davor, kein Bett für die Nacht zu finden. Die schwerwiegendere Angst, die alle an ihrem Platz im Leben ausharren lässt: die Angst, keinen neuen Job zu finden, wenn ich den jetzigen kündige, die Angst, nicht genug Geld zu haben, (…) Angst ist der größte Feind der Freiheit.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.216)

Und so beschreibt Tim Parks nicht nur die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1849, sondern setzt sie in direkten Kontext mit seinen Reiseerfahrungen aus dem August 2019. Die vielen, steinigen Kilometer bei hochsommerlichen Temperaturen hinterlassen ebenso Spuren an Körper und Geist, wie die Begegnungen mit den Menschen (VermieterInnen, WirtInnen oder Baristas), die er auf seinem Weg trifft.

„Klar, wenn es das Wort pittoresk noch nicht gäbe, dann müsste man es für die Toskana erfinden. Sie ist unerbittlich schön, und das auf eine äußerst beruhigende Art. Die Landschaft hat nichts von der wilden Rauheit Latiums oder Umbriens. Jedes Foto taugt zur Postkarte.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.223)

Die Route führt ihn von Rom über zahlreiche Stationen in kleinen und größeren Orten bis nach Ravenna – stets im bestmöglichen Gleichklang mit Garibaldi’s Reiseroute und Zeitplan von 1849.

„Die heiße Sonne, die diesige Luft und ein allgemeines Gefühl großer Weite führen unterwegs zu einer trägen Benommenheit. Man ist zugleich glücklich und erschöpft. Man möchte, dass die Wanderung ewig weitergeht, und man möchte, dass sie sofort vorbei ist.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.373)

Die Lektüre ist nicht nur geschichtlich interessant, sondern auch in hohem Maße unterhaltsam und liest sich herrlich süffig und flüssig: Man lernt die Lasagne-Theorie kennen, bekommt ein aktuelles politisches Stimmungsbild des Landes, leidet mit bei Wespenstichen und Blasen an den Füßen oder der Panik über ein verlorenes Handy. Und man wird Zeuge von vielen interessanten Begegnungen mit Menschen in abgelegenen Agriturismi, beim stärkenden Espresso in der Bar oder dem wohlverdienten Abendessen nach langen Wandertagen.
Ein reiches, bereicherndes und vielseitiges Buch, das viel zu bieten hat und mir sehr gut gefallen hat.

Eine vollkommen andere Reise durch Italien – von Nord nach Süd mit einigen Schleifen und Abstechern – macht der ehemalige Rom-SZ-Korrespondent Stefan Ulrich in „Und wieder Azzurro“. Er möchte für sich die Frage beantworten, warum Italien für ihn – und für viele deutschsprachige Urlauber – bereits von Kindheit an Sehnsuchtsort Nummer eins ist.

„Ein Zauber Italiens geht von seinem Sinn für Farben aus. Vielleicht lautet die Formel für Italien überhaupt so: Farben und Licht.“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.93)

Ulrich geht den Faktoren und Ursachen seiner Italienliebe auf den Grund, versucht, diese zu enträtseln und auszuformulieren: Kunst, Kultur, Lebensart, Essen und Trinken, Farben und Licht, die Wärme und die Sprache… und … und … und…

„Ich weiß nicht mehr, wann mich das Italienische gepackt hat, diese vokalreiche, klangvolle Sprache, die so großzügig und sinnenfreudig ist wie das ganze Land.“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.108)

Es gibt viele Gründe, Italien zu lieben und so sucht er diese – zunächst gemeinsam mit seiner Tochter, dann mit seiner Frau und später alleine mit dem Auto reisend – an zahlreichen Orten: ob am Brenner, in der Bergwelt Südtirols, in Malcesine am Gardasee, in seiner geliebten Maremma oder in Städten wie Florenz oder Rom, aber auch an traumhaften Stränden, in abgelegenen Dörfern des Südens bis hin nach Sizilien und Trapani als letztem Ziel seiner Reise. Er erfreut sich am Wiedersehen mit Freunden und Bekannten, mit geliebten, altbekannten Orten und entdeckt doch auch neue, unbekannte Seiten des facettenreichen Landes.

Und wieder Mal habe auch ich bei der Lektüre viel gelernt und Neues erfahren: So zum Beispiel, dass Molise das italienische Bielefeld zu sein scheint, dass man Häuser in Italien für einen Euro kaufen kann – jedoch nur, wenn man sie dann auch entsprechend renoviert – oder dass es Mode aus Orangenschalen gibt.

Was mir jedoch bereits vor der Lektüre klar war, dass ich die Faszination für Italien mit Stefan Ulrich teile und er mir mit vielem aus der Seele spricht. Seine Begeisterung und Liebe zu diesem Land und seine reichen, fundierten und intelligenten – jedoch nie abgehobenen – Beobachtungen und Schilderungen fangen den Zauber auf unwiderstehliche Art ein.

Kein Wunder also, dass ich ihn nur zu gerne auf seiner Reise begleitet und mich jeden Abend aufs Weiterlesen gefreut habe. Ein Buch für Genießer. Und schon alleine die Literaturliste gibt wieder so viele Anregungen zum Weiterlesen und Weiterschmökern, dass es eine wahre Freude ist.

„Dieses satte, leuchtende Blau ist nicht nur die Farbe Marias, sondern auch Italiens. Wer an Italien denkt, der denkt an dessen blauen Himmel, das Meer, die Trikots der Fußball-Nationalmannschaft oder eben, wie Antonia, an Madonnen im blauen Mantel. Und ist Blau nicht auch die Farbe der Sehnsucht, der Weite, der Harmonie und der Freiheit, alles Empfindungen, die mit Italien verknüpft sind?“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.165)

Wer also wie ich gerne wieder einmal ausgiebig in Italiensehnsucht schwelgen möchte, der kann mit diesen beiden Büchern herrliche Lehn- oder Liegestuhlreisen unternehmen ohne sich Blasen an den Füßen laufen zu müssen oder auf der Autobahn im Stau zu stehen. Einfach eines der Bücher schnappen, abtauchen und einen blauen, italienischen Moment genießen!

Buchinformationen:
Tim Parks, Der Weg des Helden
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Kunstmann
ISBN: 978-3956144851

Stefan Ulrich, Und wieder Azzurro
dtv
ISBN: 978-3-423-35181-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Italien-Bücher:

Für den Gaumen (I):
Bei den anstrengenden Tagesmärschen durch teils unwegsames Gelände und durch sengende Hitze, hat vor allem die Flüssigkeitszufuhr bzw. das Wasser, aber auch die „Cedrata“, welche sich Tim und Eleonora immer wieder gönnen, meist höchste Priorität. Und da sie sich vegetarisch ernähren freuen sie sich über „mit Reis gefüllte und mit Knoblauch, Minze und Basilikum gewürzte Tomaten, eine römische Spezialität“ (S.49) oder „pici con broccoli“ (S.253).

Für den Gaumen (II):
Dass die Küche Italiens bzw. die typischen Speisen und Getränke auch ein Grund für die Faszination des Landes sind, wird in „Und wieder Azzurro“ schnell klar:
Es wird stets gut gegessen und getrunken, z.B. „Tagliatelle al Tartufo“ oder Rinderbäckchen, bzw. „Guancalino di manzo, in Amarone geschmort, mit hausgemachter Polenta und Kürbispüree“ (S.73) – dazu gerne auch ein Glas Morellino di Scansano.

Zum Weiterhören:
Stefan Ulrich beginnt seine Italienreise im Norden des Landes und kommt da auch mit dem Ladinischen in Berührung – die Gruppe Ganes bietet mit ihren Songs in ladinischer Sprache eine schöne musikalische Gelegenheit, mal in diesen Klang hineinzuhören.

Zum Weiterlesen (I):
Wer Italien lieber mit dem Zug als zu Fuß erkunden möchte, dem kann ich Tim Parks’ amüsantes Buch „Italien in vollen Zügen“ ans Herz legen. Auch dieser Reisebericht der anderen Art ist wirklich unterhaltsam:

Tim Parks, Italien in vollen Zügen
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Goldmann
ISBN: 978-3-442-15953-6

Zum Weiterlesen (II):
Kennen- und schätzen gelernt habe ich Stefan Ulrich durch seine Bücher, die er über seine Zeit als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Rom und Paris verfasst hat. Zum Beispiel die lebendigen und amüsanten Schilderungen der Turbulenzen und des Kulturschocks, den die vierköpfige Familie u.a. in der Anfangszeit in Rom erlebt, sind sehr unterhaltsam zu lesen:

Stefan Ulrich, Quattro Stagioni – Ein Jahr in Rom
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548284026

Er selbst hat hingegen auf seiner Italienreise unter anderem den Klassiker schlechthin im Gepäck:

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise
dtv
ISBN: 978-3-423-12402-7

Narretei und Alchemie

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – selten hat ein Faustzitat so gut zu einem Roman gepasst, wie zu Richard Rötzer’s neuem historischen Roman „Narrenträume“. Denn auch im Bayern des 16. Jahrhunderts versuchten viele dubiose Geschäftemacher sich als Goldmacher und Alchemisten – ein gefährliches Spiel, denn so mancher landete dadurch in der Folterkammer und im Gefängnis.

Eine kurze Anmerkung vorweg sei erlaubt: Für mich war sowohl die Lektüre als auch das Schreiben dieser Rezension dieses Mal etwas Besonderes. Denn der Roman spielt über weite Strecken in meiner Heimatstadt Landshut und so kann ich heute auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, über meine Heimatstadt erzählen und zeigen, wo sich der Narr Michel Witz vielleicht so herumgetrieben hat.

Und ich gestehe, auch ich habe durch den Roman einiges Neues aus der Landshuter Stadtgeschichte erfahren und meine Kenntnisse aufgefrischt: Denn während das 15. Jahrhundert und die Blütezeit der Stadt unter den reichen Herzögen Heinrich XIV., Ludwig IX. und Georg durch die regelmäßigen Aufführungen der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 vielen Landshutern gut bekannt und sehr präsent sind, so sieht es vermutlich mit dem Wissen um das 16. Jahrhundert und die späteren Wittelsbacher auf der Burg Trausnitz schon nicht mehr so rosig aus.

Doch erst einmal: Worum geht es in „Narrenträume“?
Michel Witz – seines Zeichens Hofnarr des Herzog Wilhelm V. von Bayern – sinniert – als er im Kerker sitzt – über sein Leben und fasst es mit folgenden Worten bereits sehr treffend zusammen:

„Mein Leben zog in Gedanken an mir vorbei in teils prachtvollen, teils düsteren Bildern. Ich hatte als Narr am Hof des bayerischen Herzogs viele Freiheiten gehabt, nahm Teil an rauschenden Festen, hatte zu jeder Zeit Münzen in der Tasche und fand ein gewisses Ansehen und Beachtung. Aber ich war auch beteiligt an Ränkespielen und Intrigen und jagte in eitler Selbstgefälligkeit vielen Dingen vergeblich nach. Auf der verblendeten Suche nach trügerischem Narrengold war ich augenblicklich dem Henker näher als erhofftem Ruhm und Erfolg.“

(S.10)

In Rückblenden erzählt er aus seinem aufregenden und außergewöhnlichen Leben, über seine Karriere als Hofnarr und versucht nun mit allen Mitteln und seinem Wissen um so manches dunkle Geheimnis, gemeinsam mit einem ihm wohlgesinnten Verwandten, der gute Beziehungen zur Obrigkeit hat, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen und sein Leben zu retten.

„Würde mich mein freches Mundwerk auch aus meinem jetzigen Unglück retten, grübelte ich verdüstert vor mich hin. Ich genoss nicht mehr den Schutz der Narrenkappe, unter dem ich selbst dem Herzog Frechheiten und ungeliebte Wahrheiten an den Kopf werfen konnte, ohne um meinen eigenen Kopf fürchten zu müssen.“

(S.39)

Links: Burg Trausnitz; Rechts: Am Landschaftshaus in der Landshuter Altstadt ist Herzog Wilhelm V. dargestellt und in der untersten Reihe als dritter von rechts zu finden – Fotos: Kulturbowle

Herzog Wilhelm V. (1548 – 1626), der den Beinamen der Fromme trägt, ist den Landshutern vermutlich nicht mehr so ein Begriff, aber er führte mit seiner Frau Renata von Lothringen als Prinzenpaar über viele Jahre eine aufwändige Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, bevor er nach dem Tod seines Vaters später zum Regieren nach München übersiedelte. Die Landshuter Burg verdankt ihm neben dem Tierpark vor allem eine Erweiterung mit den Malereien von Friedrich Sustris und Alessandro Padano auf der bekannten Narrentreppe, die Figuren der Commedia dell’Arte zeigt. München verdankt ihm die Michaelskirche und – als Erinnerung an seine Hochzeit und das Ritterturnier – das berühmte Glockenspiel am Münchner Rathaus.

Fasziniert hat mich vor allem die Figur des Narren und die Freiheiten und verschiedenen Facetten dieser Rolle, die Rötzer in meinen Augen schön herausgearbeitet hat. Bei Michel Witz – und seinem Vater Mertl Witz, dessen Porträt gemalt durch den berühmten Maler Hans Mielich heute noch im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen ist und das im Buch abgebildet ist – handelt es sich um den Typus des intelligenten Narren, der nicht aufgrund körperlicher Gebrechen oder Auffälligkeiten diese Rolle ausübt, sondern es verstand, durch kulturelle Darbietungen, sowie durch Geist und Witz zu unterhalten. Und so streift Rötzer in seinem Buch auch die Geschichte des „Berufsbildes Hofnarr“ und die unterschiedlichen Typen, was ich sehr interessant finde.

Denn auch bei der Landshuter Fürstenhochzeit 1475, die in der Regel alle vier Jahre in Landshut im Rahmen eines großen, historischen Festes nachgespielt wird, gibt es die Rolle des Hofnarren, der im Festspiel, während des Umzugs und auch auf der Festwiese beim Turnier seine Herrschaft, den Herzog begleitet. Eine Figur, der auch heute noch viel Sympathie entgegenschlägt – genau wie den Gauklern und Komödianten:

„Den größten Nutzen aber verschafften mir Begegnungen mit Leuten auf der Straße, vor allem mit Gauklern und Komödianten. Ich sah, wie sie die Mengen in Bann schlugen mit großem Getöse oder einfachsten kleinen Verzauberungen. Sie nutzten den Augenblick, verblüfften durch Unerwartetes, grimassierten und verrenkten sich, äfften pantomimisch nach, sangen und rezitierten, spielten dabei die Laute oder jonglierten mit Bällen und Keulen. All dies musste ich schließlich lernen, wollte ich ein guter Narr werden (…)“

(S.119)

In den Tonfall des Buchs, der sich so mancher für heutige Ohren ungewohnter, leicht gedrechselt-antiquierter Formulierung bedient, muss man sich erst ein wenig einlesen, aber es passt gut zum Genre des historischen Romans und sorgt stellenweise auch immer wieder für ein gewisses Schmunzeln.

Es steckt unglaublich viel drin in diesem Wälzer und auch wenn man vielleicht für einen 600-Seiten-Roman etwas Geduld und manchmal einen langen Atem braucht, hat mich diese Opulenz begeistert und die Lesezeit verging wie im Flug. Gerade die Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, die Beschreibung der unterschiedlichen Figuren und die Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten der Zeit, wie dem Augsburger Hans Jakob Fugger, Philippine Welser auf Schloss Ambras in Innsbruck oder den Medici in Florenz eröffneten nochmal ein reiches, großes Gemälde des Beziehungsgeflechts der damaligen Zeit. Da fällt dann so manches bisher gesammelte, geschichtliche Puzzleteil auf einmal an den richtigen Platz.

Mit „Narrenträume“ hat Richard Rötzer zwar leider – wie sein Held Michel – letztlich auch nicht die Methode der Goldmacherei gefunden, aber doch eine gut gefüllte Wunderkammer und reiche Schatztruhe an historischen Anekdoten, üppiger, überbordender Handlung und interessanten Figuren geschaffen. Ein richtiger Schmöker, der nicht nur LandshuterInnen Freude macht, sondern auch Fans von historischen Romanen gut gefallen wird, weil er Lust darauf macht, weiter zu recherchieren, geschichtliche Details nachzulesen und die Suchmaschinen glühen zu lassen.

„Ich verstand eigentlich von nichts wirklich viel, pflegte aber einen Hang zu geistiger Landstreicherei und war daher leicht zu begeisternder Dilettant in allen Dingen.“

(S.589)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 3) auf der Liste: Ich möchte einen historischen Roman lesen. Abtauchen in eine andere Zeit – in diesem Fall das 16. Jahrhundert in meiner Heimatstadt – eine gewisse Opulenz, viel historischer Hintergrund, eine Prise Krimi und eine stattliche Seitenzahl von 600 – „Narrenträume“ ist absolut perfekt dafür, diesen Punkt auf meiner Liste abzuhaken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Richard Rötzer, Narrenträume
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0291-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Richard Rötzer’s „Narrenträume“:

Für den Gaumen:
Bei folgendem Hochzeitsmahl lasse ich einfach mal die Speisenfolge für sich sprechen:

„Die Tafel war überhäuft mit gefüllten Kapaunen, Fasanen, Hasel- und Rebhühnern, mit geschmorten Lamm- und Ferkelbraten auf Granatapfelgelee, glasierten Wildschweinköpfen in Burgunder- und Pfeffersauce, gespickten Hirschkeulen und Hasenpasteten, dazu geräucherte Renke, Aalsülze und Hecht aus bayerischen Seen, unzählige Schüsseln mit erlesenen Salaten, Früchte aus Italien, Schmalzkrapfen nach Tiroler Art, Konfekt aus Mailand und Paris…“

(S.139)

Für eine Städtereise oder einen Ausflug:
Bei diesem Beitrag bietet es sich natürlich an, dass ich auch ein paar Bilder und Impressionen aus meiner Heimatstadt teile: So gibt es in Landshut nicht nur die Legende des Narrensteigs, die im Buch ebenso Erwähnung findet wie die Narrentreppe im italienischen Anbau der Burg Trausnitz, sondern auch den Narrenbrunnen in der Altstadt, der jedoch erst 1974 vom Landshuter Künstler Karl Reidel errichtet wurde.

Zum Weiterhören:
Und auch der berühmte Komponist und Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 – 1594) darf natürlich nicht fehlen: seine Madrigale, Motetten und Messen gehören heute noch zu den wichtigsten musikalischen Werken der Renaissance.

Zum Weiterlesen (I):
Im Moment begegne ich – wie auch auf einer Toskanareise vor einigen Jahren – beim Lesen immer wieder Giorgio Vasari (so auch wieder in „Narrenträume“) und werde daran erinnert, dass schon einige Zeit ein Buch von ihm noch ungelesen in meinem Regal schlummert:

Giorgio Vasari, Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten
Aus dem Italienischen von Trude Fein
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2510-3

Zum Weiterlesen (II):
Vor vielen Jahren habe ich bereits Richard Rötzer’s historischen Roman „Der Wachsmann“ gelesen und habe ihn – auch nach langer Zeit – noch als packend und spannend in Erinnerung. Die Handlung, die im München des 14. Jahrhunderts und im Milieu der Isarflößer spielt, war auch hier durch Krimielemente geprägt:

Richard Rötzer, Der Wachsmann
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548287775

Julibowle 2022 – Heißzeit und Vorhangzauber

Im Juli ging es mit vielen Hitzetagen und Temperaturen weit jenseits der 30 Grad-Marke oft heiß her. So waren während dieses turbulenten und nicht ganz einfachen Monats auch Schatten und Abkühlung gefragt und man wusste durchaus auch etwas Ruhe und Muße für gute Lektüre oder interessante Kulturgenüsse zu schätzen. Und auch wenn der Monat gefühlt sehr schnell an mir vorbeigezogen ist, ist doch einiges Merkens- und Bemerkenswertes zusammengekommen:

Sehr gut gefallen hat mir persönlich zum Beispiel der Livestream der Münchner Staatsoper (Staatsoper TV) von Leoš Janáček’s „Das schlaue Füchslein“ unter der Regie von Barrie Kosky (im Rahmen von Oper für alle). Die Inszenierung, die mit unzähligen, unterschiedlichen Vorhängen und geradezu magischen Lichteffekten wirklich unglaublich schöne Bilder auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters zauberte, war wirklich etwas Besonderes – Vorhangzauber und Operngenuss!

Und auch im Fernsehen habe ich diesen Monat – trotz vermeintlichem Sommerloch – drei wirklich sehenswerte Filme bzw. Sendeformate, entdecken können:

So konnte ich endlich eine weitere filmische Bildungslücke schließen und mir den Schwarz-Weiß-Klassiker von Billy Wilder „Zeugin der Anklage“ mit Marlene Dietrich und Charles Laughton in den Hauptrollen aus dem Jahr 1957 nach einem Roman von Agatha Christie anschauen. Das kann man auch heutzutage wirklich noch sehr gut sehen.

Künstlerisch interessant und gelungen zusammengestellt fand ich auch den Dokumentar- bzw. Essayfilm „Brennender Sommer“ von Heinz Bütler, der auf 3Sat gezeigt wurde: Es ging um Hermann Hesse’s Zeit im Tessiner Ort Montagnola und vor allem auch um sein dort entstandenes Werk „Klingsors letzter Sommer“. Stimmungsvolle Bilder, Peter Simonischek liest aus Hesse’s Werk, Literaturexperten diskutieren darüber und Sänger Daniel Behle singt Ausschnitte aus Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ (nach Gedichten von Hesse) – ein sinnenfreudiges, künstlerisches Gesamtkunstwerk. Da ich zudem vor kurzem erst den Krimi „Mord in Montagnola“ gelesen hatte, war dies ein schöner Anlass, sich nochmal mit dem Ort und dem Literaturnobelpreisträger zu befassen.

Ein völlig anderes, aber ebenso packendes Fernseherlebnis war die neue 45-minütige Dokumentation von Claus Kleber „Utopia – Irre Visionen im Silicon Valley“ (in der ZDF Mediathek verfügbar bis 19.07.27), in welcher er einen Eindruck vermittelt und auch kritisch beleuchtet, an welchen bahnbrechenden Technologien aktuell bereits geforscht wird, die unser Leben nachhaltig und wohl unausweichlich verändern werden.

Ein vollkommener Kontrast zur strahlend-glänzenden, durchgestylten High-Tech-Welt des Silicon-Valley – jedoch mit mindestens ebenso eindrucksvollen Bildern bzw. Fotografien – durfte ich in der aktuell noch bis zum 7. August 2022 laufenden Ausstellung „Spuren der Zeit“ in der Neuen Galerie Landshut erleben. Die expressiven Fotografien von Martin Waldbauer zeigen die Spuren, welche die Zeit zum Beispiel in menschlichen Gesichtern oder an den Händen von Holzarbeitern hinterlässt – Bilder mit einer großen Kraft, die einem direkt in die Seele zu blicken scheinen, wenn man vor ihnen steht. Auf der Homepage des Künstlers könnt Ihr Euch gerne selbst einen Eindruck verschaffen.

Und auch an Lesestoff hatte der Juli einiges zu bieten und führte mich gleich zweimal nach Norwegen, in die Weltstädte Paris und New York, an die legendäre Otto-Falckenberg-Schule in München, in meine Heimatstadt Landshut und zweimal nach Bella Italia – aber der Reihe nach:

Mit Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ ging die nobelpreisgekrönte Trilogie und für mich eine Reise durch das mittelalterliche Norwegen zu Ende, die mich literarisch aufgrund der großartigen und zeitgemäßen Übersetzung von Gabriele Haefs wirklich sehr für sich eingenommen hat. In drei Bänden durfte ich Kristin Lavranstochter durch schöne, aber auch schwierige Zeiten begleiten und in den immer noch aktuellen historischen Romanen mitverfolgen, was es bedeutete, als Frau im norwegischen Gudbrandsdalen des 14. Jahrhunderts gelebt zu haben.

In ein völlig anderes Norwegen entführte mich dann Toril Brekke mit ihrem Roman „Ein rostiger Klang von Freiheit“ – und zwar in die Hauptstadt Oslo des Jahres 1968 – politisch aufgeheizte Zeiten, Studentendemonstrationen und -proteste und mittendrin die kurz vor dem Abitur stehende Agathe und ihr kleiner Bruder Morten, die sich in turbulenten Zeiten ohne ihre Mutter, die mit einem Liebhaber nach Kopenhagen durchgebrannt ist, ihren eigenen Weg ins Leben suchen müssen. Ein sehr atmosphärischer, intensiver Roman, der den Zeitgeist der 68er sehr gekonnt einfängt.

Um starke Frauen mit einer ganz besonderen Verbindung geht es in Catherine Cusset’s Roman „Die Definition von Glück“. Ein Buch, das viele heiße Eisen und ernste Themen anpackt und anhand der Lebensgeschichten von Clarisse aus Paris und Ève aus New York erzählt, was es bedeutet, eine Frau zu sein – mit allen Höhen und Tiefen.

Im Juli konnte ich außerdem persönlich endlich eine entsetzliche Lücke schließen und zwar kann ich jetzt vollumfänglich meinen geschätzten BloggerkollegInnen beipflichten, die den dritten Teil von Joachim Meyerhoff’s Romanreihe „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ einfach nur umwerfend gut fanden. Ein Buch zum Niederknien – witzig und traurig zugleich – und ein höchst unterhaltsamer Ausflug in die Nymphenburger Villenwelt bzw. das Haus der Meyerhoff’schen Großeltern, aber vor allem auch ein Blick hinter die Kulissen einer renommierten Schauspielschule – wie der Otto-Falckenberg-Schule in München. Herrlich – ganz großes Theater zwischen zwei Buchdeckeln!

Schon bald werde ich Euch mit einer Buchvorstellung auch ein Kapitel meiner Heimatstadt Landshut vorstellen dürfen, und zwar hat Richard Rötzer mit „Narrenträume“ einen historischen Roman über die Zeit des bayerischen Herzog Wilhelm V. verfasst. Und sein Hofnarr hat so einiges zu erzählen – also lasst Euch überraschen, denn mehr dazu gibt es schon in Kürze hier auf der Kulturbowle.

Und auch meiner Italiensehnsucht habe ich diesen Monat wieder einmal ausführlich – wenn auch nur literarisch – gefrönt und zwar mit zwei wunderbaren, neuen Büchern von zwei Autoren, die ich bereits in der Vergangenheit kennen- und schätzen gelernt habe:

Tim Parks machte sich mit seiner Lebensgefährtin auf einen anspruchsvollen Fußmarsch durch Italien auf den Spuren Giuseppe Garibaldi’s: das dabei entstandene Buch „Der Weg des Helden: Auf Garibaldis Spuren von Rom nach Ravenna“ – ich möchte unbedingt demnächst noch ausführlicher berichten – ist spannend und sehr interessant zu lesen.

Und der ehemalige, langjährige SZ-Korrespondent in Rom Stefan Ulrich, dessen bisher erschienene Bücher (wie z.B. „Quattro Stagioni: Ein Jahr in Rom“) ich sehr mochte, hat mit „Und wieder Azzurro: Die geheimnisvolle Leichtigkeit Italiens“ eine gefühlvolle Liebeserklärung an das Land seiner Träume verfasst, in welcher er versucht zu ergründen, was für ihn (und vielleicht für so viele Deutsche, Schweizer und Österreicher) diesen ganz besonderen Zauber Italiens ausmacht. Ein wunderbares Buch für alle, die Italien lieben. Auch hierzu gibt es hoffentlich in Kürze einen ausführlicheren Beitrag.

Was bringt der August?

Es gibt tatsächlich bereits den zweiten Bloggeburtstag zu feiern, den ich selbstverständlich gerne stilecht mit einer Bowle begehen möchte – ich werde berichten und vielleicht stoßt Ihr ja virtuell mit mir an.

Und dann ist August natürlich Festspielzeit – da gibt es viel zu sehen – auch im Fernsehen – von Bayreuth über Bregenz nach Salzburg gibt es für alle Fans Oper satt:

Am 6. August um 20.15 Uhr geht es mit 3Sat zum großen Finale des Ring des Nibelungen zur „Götterdämmerung“ auf den Grünen Hügel in Bayreuth – man darf gespannt sein auf die Neuinszenierung von Valentin Schwarz, der den Ring im Stil einer Netflix-Serie in Szene setzen möchte.

Am 13. August zeigt 3Sat um 20.15 Uhr die diesjährige Neuinszenierung von Giacomo Puccini’s „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne – die spektakuläre Bühne besteht dieses Mal aus einem großen weißen Blatt Papier.

Und auch die Festspielstadt Salzburg darf nicht fehlen: am 20. August um 20.15 Uhr zeigt ebenfalls 3Sat die Barrie Kosky-Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper „Káta Kabanová“ aus der Felsenreitschule.

Ich wünsche allen einen schönen und entspannten August! Genießt den Sommer und den Urlaub – falls einer ansteht – und bleibt gesund!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Juli:

Eine sehr schöne vegetarische Alternative zu einem der klassischen bayerischen Biergartengerichte schlechthin, d.h. zum Wurstsalat, sind für mich Essigknödel. Ein erfrischendes, perfektes Sommeressen: einfach Semmelknödel in Scheiben schneiden, Zwiebeln drauf und mit Salz, Pfeffer und einem Essig-Öl-Dressing schön sauer anmachen. Wird aber leider in Biergärten meist nicht angeboten, so dass es die in der Regel nur zu Hause gibt.

Musikalisches im Juli:
Hängen geblieben ist bei mir diesen Monat ein Song, den Marlis Petersen bei der Sommernachtsgala in Grafenegg (noch bis 15.08.22 in der 3Sat Mediathek zu sehen) gesungen hat: „Where is it written“ aus dem Film „Yentl“ (Komponist: Michael Legrand) – da lohnt es sich auch das Original von Barbra Streisand aus dem Jahr 1983 nochmal nachzuhören.

„Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.“

(Ausschnitt aus dem Gedicht „Morgenwonne“ von Joachim Ringelnatz 1883 – 1934)