Die Uhr schlägt für große Oper

Nach 50 Jahren der vom Publikum verehrten und geliebten Otto Schenk-Inszenierung des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss in der Bayerischen Staatsoper in München, war es jetzt Zeit für eine Neuinszenierung und mit Barrie Kosky’s Regiearbeit gelingt eine neue Opernsternstunde, die ebenfalls großen Anklang finden wird. Die schlagenden Uhren, die in der Inszenierung in jedem Akt präsent sind, läuten eine neue Zeitrechnung der Traditionsoper im Münchner Nationaltheater ein.

Wie Kosky in der ebenfalls sehenswerten Online-Matinée zur Einführung des Werks erläuterte, sieht er die drei Akte der Oper im Grunde nahezu als eigene Stücke an, die er aus der Perspektive und in der Welt bzw. Umgebung der jeweiligen Hauptfigur erzählt. So ist der erste Akt die Zeit der Marschallin, die von Marlis Petersen in ihrem Rollendebüt exzellent, charismatisch und mit großer Bühnenpräsenz hervorragend gespielt und gesungen wird. Die Standuhr, welche dem Schäferstündchen mit ihrem jungen Geliebten Octavian (Samantha Hankey) den Rahmen bietet, ist zentrales Element auf der stilvoll und ästhetisch ansprechend gestalteten Bühne. Man spürt und sieht das gesetzte, adelige Establishment einer reifen Dame auch im Interieur und doch lässt Kosky auch die Verliebtheit und jugendliche Verspieltheit der Marschallin durch Petersen verkörpern – im transparenten Negligé springt und tanzt sie verliebt mit ihrem jugendlichen Liebhaber über die Bühne. Der Wechsel zwischen verliebter Leichtigkeit und der Melancholie der Geliebten, die weiß, dass sie den jugendlichen Liebhaber irgendwann verlieren wird und welche im Zeit-Monolog zum Ausdruck kommt, ist musikalisch und bildhaft wunderbar umgesetzt. Da entstehen zauberhafte Bilder – wie die Marschallin, die im eleganten Abendkleid auf dem Uhrenpendel schaukelt – die sich für immer einprägen werden.

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto zu „Der Rosenkavalier“)

Der zweite Akt ist Sophie gewidmet, die durch penetrantes Weckerklingeln geweckt wird. Ein wichtiger Tag: sie soll schließlich ihren Bräutigam kennenlernen, mit welchem sie ihr Vater (Johannes Martin Kränzle spielt einen herrlich-komischen und gut aufgelegten Faninal) in einer arrangierten Ehe verheiraten möchte.
Katharina Konradi meistert die anspruchsvolle Gesangspartie mit großer Leichtigkeit auch in den hohen Passagen und gibt eine ungestüme, quirlige und selbstbewusste Sophie, die schnell gegen den Willen des Vaters aufbegehrt, da sie sich sofort unsterblich in den „Rosenkavalier“ Octavian verliebt, der ihr als Zeichen der Brautwerbung stellvertretend für den zukünftigen Gemahl Baron Ochs von Lerchenau eine silberne Rose übergibt. Als sich dann der polternde, laute und etwas derbe Baron Ochs – mit seinem herrlich komödiantischen Spiel agiert Christof Fischesser hier sehr überzeugend – auch noch als Lüstling und Mitgiftjäger entpuppt, muss ein Plan gefunden werden, wie Octavian und Sophie die bevorstehende Heirat verhindern können. Szenisch war der zweite Akt in München für mich eine Mischung aus der Märchenwelt Ludwig II. und Disney’s Cinderella (die silberne Kutsche sorgt für eine gehörige Portion Kitsch) im Wechsel mit einem dionysischen Satyrspiel der griechischen Antike.

Der dritte Akt ist gleichsam das „Stück im Stück“ unter der Regie Octavian’s, welcher mit Samantha Hankey ebenfalls großartig besetzt ist, und spielt in einer Theater- bzw. Bühnensituation. Die Kuckucks-Uhr stimmt bereits auf den komödiantischen Teil ein und symbolisiert die Farce, welche sich im Kostüm- und Verwechslungspiel Octavian’s entspinnt. Der große Esstisch und das Bühnenbild erinnerten mich stark an eine Dinner for One-Persiflage – nur der Tigerkopf fehlte.

Christof Fischesser konnte mit seiner Bassstimme in der Rolle des Ochs brillieren und war stimmlich wie schauspielerisch eine erstklassige Besetzung dieser schweren und anspruchsvollen Partie. Eine Inszenierung, die in den Hauptrollen (Marlis Petersen als Marschallin hat mich absolut begeistert), aber auch bis in die kleineren Rollen durchwegs sehr hochwertig besetzt war (z.B. sei unbedingt noch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Valzacchi erwähnt).

Corona-bedingt hatte sich der designierte Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski für eine deutlich reduzierte Orchesterbesetzung entschieden, was dem musikalischen Genuss jedoch keinen Abbruch tat und teilweise intime, leise Momente der Oper sogar für meinen Geschmack besonders gut zur Geltung brachte.

Fazit: Um in Hofmannsthal’s Jargon der Oper zu bleiben, ich bin „von so viel Finesse charmiert“ und es gibt wohl wenig, was mich so „enflammiert“ wie ein musikalisch-gesanglich erstklassiger, schauspielerisch-darstellerisch großartiger und sehr liebe- und respektvoll inszenierter „Rosenkavalier“. Ein wunderschöner Opernnachmittag mit leuchtendem Glanz, perlendem Witz, dem richtigen Quentchen Melancholie und dem unverwechselbaren Klang und Schmelz, den dieses Stück braucht. Wunderbar und ein großes Kompliment an alle Beteiligten!

Gesehen am 21. März 2021 auf ARTE live aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Rosenkavalier“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 19. April 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar oder im gleichen Zeitraum auch in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) zu sehen.

Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf Arcimboldi’s World.

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Wozu inspirierte mich der neue Münchner „Rosenkavalier“:

Für den Gaumen:
Der letzte Akt, wenn Baron Ochs mit seinem Mariandl als „Verliebter beim Souper“ sitzt, erinnerte mich in Kosky’s Inszenierung sehr stark an den Kult-Sketch „Dinner for one“. Ich weiß, Silvester ist vorbei, aber wie wär’s mit einer „Mulligatawney Soup“ oder doch lieber nur Port and Fruit? Die Rezepte zum Nachkochen des „Dinner for one“-Menüs findet man auf der Homepage des NDR.

Zum Weiterhören:
Gerade in der aktuellen Zeit kann man ab und zu ein wenig Trost gebrauchen. Richard Strauss hat mit „Morgen“ ein wunderschönes Lied komponiert, das durch Text und Musik Mut machen und Trost spenden kann.

Zum Weiterschauen:
Auf Operavision ist aktuell noch bis zum 28.03.21 Korngold’s „Die tote Stadt“ zu sehen – ein Stream der Komischen Oper Berlin, den ich sehr empfehlen kann. 1920 uraufgeführt, ist diese Oper nur 9 Jahre jünger als der Rosenkavalier von Strauss (Uraufführung 1911 in Dresden) und offenbart doch eine ganz andere Facette der Opernliteratur.

Italiensehnsucht in Wort und Bild

Manchmal fügt es sich und es tritt der Glücksfall ein, dass sich Lektüre und Kunstgenuss auf wunderbare, ideale Weise ergänzen. Man hört ein Musikstück und verbindet dies mit einem bestimmten kulinarischen Genuss oder man sieht ein Bild und hat sofort ein Gedicht im Kopf – genau diese Momente der Inspiration sind es, welche für mich die Kulturbowle ausmachen sollen. Eine solche Symbiose durfte ich vor kurzem mit den Gemälden der Ausstellung „Italiensehnsucht!“ und dem kleinen, aber sehr feinen Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ des jungen Dichters Marius Tölzer erleben, der in seinen wunderbar durchkomponierten und an Goethe oder Hölderlin erinnernden Gedichten sofort leuchtende Bilder vor meinem Auge entstehen ließ. Da zeichnet er südliche, italienisch anmutende Stimmungen von plätschernden Brunnen, blühenden Gärten und Parks, belebten Märkten und abendlichen Festen im Freien.

Seine Gedichte verbinden urbane Impressionen (z.B. Glockenläuten, Katzen auf den Dächern) mit Eindrücken aus der Natur (Mandelblüten, Efeublätter etc.) und alle atmen für mich das gewisse Etwas der italienischen Lebensfreude, der südlichen Wärme und kombinieren eine gewisse Leichtigkeit mit dem tiefgründigen Ernst großer Emotionen.

So klingen seine „Viterbeser Lieder“ (die Stadt Viterbo liegt in Mittelitalien 77km nördlich von Rom) für mich nach einem stimmungsvollen Sommerabend in Italien und mit seiner bildhaften, klangvollen Sprache zaubert er mich weg aus dem verschneiten Deutschland in den sonnigen Süden. Italiensehnsucht pur!

Er greift sogar selbst auf die italienische Sprache zurück und so enthält der Band auch ein bzw. zwei italienische Gedichte – in dieser herrlichen Sprache, die in ihrer tänzerischen Melodiösität ohnehin kaum zu übertreffen ist.

Tölzer schreibt klassisch-romantisch inspirierte Gedichte mit viel Gefühl und großen Emotionen – es geht um Liebe und Trauer, Abschied und Trost. Er wechselt und spielt gekonnt und frei mit Form und Rhythmus – da gibt es ein Sonett, Lieder oder aber auch kurze Vierzeiler. Man spürt, dass er sich intensiv mit der Poesie von Hölderlin, Goethe und Novalis auch im Rahmen seines Studiums und seiner Promotion auseinandergesetzt hat und doch findet er inspiriert von den großen Meistern in seinen Gedichten seinen eigenen Ton, den man mit großem Genuss liest. Für mich hatten diese klugen, klangvollen Gedichte etwas ungemein Friedliches, Beruhigendes und Tröstliches – Worte voller Schönheit, die Balsam für die Seele sein können und die beim Lesen und Wiederlesen immer wieder etwas Neues in einem zum Klingen bringen. Das vermag so intensiv wohl nur Lyrik und Poesie!

Die gemalten Bilder zu diesen eindrucksvollen Gedichten konnte ich dann in der digitalen Version und im Katalog zur Ausstellung „Italiensehnsucht!“ (Kulturspeicher Würzburg) genießen und bewundern. Mediterranes Flair eingefangen durch deutsche Künstler, die sich den Traum erfüllten, eine Zeit in Italien zu leben und zu arbeiten. So entstanden Werke mit jenem typisch südlichen, warmen Licht und teils unbeschwerter Urlaubsatmosphäre – eingefangen und entstanden in den Jahren 1905 bis 1933, u.a. von Künstlern, die Stipendien in der Villa Romana in Florenz oder der Villa Massimo in Rom erhalten hatten oder sich auch privat in Italien eingerichtet hatten: August Macke, Max Pechstein, Dora Hitz, Max Beckmann, Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Anita Rée, um nur einige zu nennen. Der liebevoll gestaltete und grafisch sehr ansprechende Katalog enthält neben den Bildern und Kunstwerken der Ausstellung auch interessante Artikel zu den beiden Künstlerakademien und den Künstlern, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf Goethes Spuren in Italien wandelten und dort ihre Inspirationen in Kunst umsetzten. Italien war und ist Sehnsuchtsort für deutsche Künstler und Reisende.

In Zeiten wie diesen, in welchen es nicht möglich ist, nach Italien zu reisen, waren die Gedichte Tölzer’s und die Kunstwerke der Ausstellung eine schöne Möglichkeit, sich zumindest literarisch und künstlerisch dorthin zu träumen und ein wenig in der Sehnsucht zu schwelgen, die schon Goethe mit uns teilte.

„Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.“


(Marius Tölzer, aus „Ein rätselschönes Schweigen“)

Am morgigen Sonntag, den 21. März ist der „Welttag der Poesie“, welchen die Unesco im Jahre 2000 ins Leben gerufen hat. Daher nehmt Euch Zeit für Poesie, Lyrik und Gedichte, träumt ein wenig und genießt die Schönheit der Sprache!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Gedichtbands zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marius Tölzer, Ein rätselschönes Schweigen
Hrsg.: edition tas:ir, Andres Miklaw
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-5-8

Italiensehnsucht. Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler 1905–1933
Katalog zur Ausstellung im Museum im Kulturspeicher, Würzburg, Museum August Macke Haus, Bonn und Max Pechstein Museum, Zwickau 2020/2021
herausgegeben von Martina Padberg, Klara Denker-Nagels, Henrike Holsing, Petra Lewey
Wienand Verlag
ISBN: 978-3-86832-590-4

© Wienand Verlag

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich „Ein rätselschönes Schweigen“ und „Italiensehnsucht!“:

Für den Gaumen:
Eines der Bilder der Ausstellung, welches der Kulturspeicher in Würzburg als Titelbild des Internetauftritts gewählt hatte, ist Theo van Brockhusen’s „Blick von der Villa Romana auf die Silhouette der Stadt Florenz“ (1913): da gibt es Rotwein, frisches Obst und Gemüse und vor allem frische Wassermelone – da bekommt man nicht nur Italiensehnsucht, sondern auch Sommersehnsucht…

Zum Weiterklicken:
Wer mehr über den Dichter und Philosophen Marius Tölzer (*1991) erfahren möchte, kann gerne auf seiner Homepage weiterstöbern und dort zusätzliche Information zu Vita und Werk erhalten.

Zum Weiterschauen oder für den Museumsbesuch:
Die „Italiensehnsucht!“-Ausstellung in Würzburg ging leider ohne Besucher zu Ende, hatte aber ein schönes digitales Angebot zusammengestellt, das ich sehr genossen habe. Die Ausstellung zieht jetzt weiter und macht vom 27. März bis zum 30. Mai 2021 im Max Pechstein-Museum in Zwickau Station, danach geht es weiter nach Bonn im Museum August Macke Haus (18.06.2021–19.09.2021). D.h. vielleicht bekommt jetzt doch noch der eine oder andere eine Chance, diese schöne Ausstellung zu besuchen und sich ein wenig nach Italien zu träumen.

Zum Weiterhören:
Perfekt zur Italiensehnsucht und zur Rom-Romantik passen für mich die sinfonischen Dichtungen von Ottorino Respighi „Fontane die Roma“, „Pini di Roma“ und „Feste romane“, die im Bereich der klassischen Musik für mich die italienische Stimmung und Klangwelt hervorragend einfangen.

Zum Weiterlesen:
Wer beim Schmökern im Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ Lust darauf bekommen hat, mehr über die Villa Massimo in Rom zu erfahren, in welcher Stipendiaten aus den Bereichen Literatur, Musik (Komposition), bildende Kunst, Architektur die Möglichkeit bekommen, sich von der ewigen Stadt inspirieren zu lassen, der kann in Hanns-Josef Ortheil’s Buch einen intensiven Eindruck von seiner Zeit in der Villa bekommen:

Hanns-Josef Ortheil, Rom, Villa Massimo
btb
ISBN: 978-3-442-71427-8

Der Freischütz – ein Volltreffer

Damit die Kulturbowle coronabedingt im Februar nicht zur reinen Bücherbowle wird, möchte ich heute wieder einmal einen erstklassigen Opernabend empfehlen. Und das Schöne ist, dieser ist noch bis zum 15. März 2021 als kostenloses Video-On-Demand für jedermann zu erleben: Carl Maria von Weber’s „Der Freischütz“ in einer Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper unter der Regie von Dmitri Tcherniakov und der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda. Ein in jeder Beziehung sehens- und hörenswertes Opernerlebnis, das mich absolut begeistert hat.

Nach der Online-Matinée, welche die Bayerischer Staatsoper für die Premiere und Neuinszenierung der Oper „Der Freischütz“ zur Einführung veranstaltet und im Netz gestreamt hatte, war ich einigermaßen ratlos, was mich denn wohl erwarten würde. Nur wenig wurde verraten und vor allem der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hielt sich sehr bedeckt, was seine Inszenierung anbelangt. Heutig, modern und nicht volkstümlich-romantisch sollte sie sein – innere Dämonen statt des Samiels in persona – aber das konnte ja auch noch vieles heißen. Somit war ich sehr gespannt auf den Opernabend, der wieder einmal zu Hause auf meiner Couch stattfand. Kurz nochmal vorneweg: es war ein wahrer Opern-Leckerbissen, den ich da frei Haus geliefert bekam – wunderschöne Musik, erstklassige Sänger*innen und eine für mich sehr stimmige und wunderbar anzuschauende Inszenierung.

Für alle, die noch nie in das Vergnügen eines „Freischütz“ des Komponisten Carl Maria von Weber gekommen sein sollten, nur ein paar Worte zur Handlung:
Max liebt Agathe, aber um sie heiraten zu können, muss er einen Probeschuss absolvieren. Um sein Ziel nicht zu verfehlen, lässt er sich in der Wolfsschlucht auf einen Pakt mit dem Teufel (Samiel) ein, welcher ihn mit unfehlbaren Freikugeln ausstattet.

Uraufgeführt im Jahre 1821 in Berlin ist „Der Freischütz“ ein deutscher Opernklassiker – ein traditionsreiches Stück zwischen Märchen und Gespenstergeschichte. Kann es einem russischen Regisseur gelingen, diese Geschichte in ein stimmiges Hier und Jetzt zu holen – weg von Wolfsschlucht, Jägerchor und Naturromantik? Absolut – Tcherniakov ist dies für meinen Geschmack fulminant gelungen.

Schauplatz ist bei Tcherniakov nicht der Wald und die Schlucht, sondern eine für Hochzeitsfeierlichkeiten dekorierte Hotelsuite in einem Luxushotel der heutigen Zeit. Kuno ist ein knallharter und erfolgreicher Geschäftsmann und Max wird als ein wenig zaudernd-zögerlicher Softie in grüner (vermutlich als einziger Anklang an den Jäger in ihm) Strickjacke unter reichen und schönen Geschäftsleuten und Hochzeitsgästen charakterisiert. Ein unaufdringliches und variables, ästhetisches Bühnenbild – sehr heutig und funktional, so dass sich selbst die Wolfsschluchtszene als psychologischer Kulminationspunkt sehr gut darstellen lässt und den vollen Fokus und Hauptaugenmerk auf die Darsteller lenkt. Sehr gelungen.

Absolut bemerkenswert ist vor allem aber auch die Weltklasse-Besetzung, welche in München auf die Bühne geholt wurde: Mein absoluter Liebling und großer Star des Abends Golda Schultz als Agathe, die mit unnachahmlicher Leichtigkeit die höchsten Höhen so gefühlvoll meistert, dass es mir mehrfach Gänsehaut bescherte – ihre wunderschöne Arie „Leise, leise fromme Weise“ ist so Genuss pur. Aber auch im Duett mit Ännchen Anna Prohaska – die im eisblauen Business-Anzug und mit Annie Lennox-Perücke eine kühle, geschäftsmäßige Eleganz ausstrahlt – ein herrlich harmonischer Klang der beiden Frauenstimmen, der berührt. Zwei großartige, sympathische Sängerinnen ihrer Zeit, die sich nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch und mimisch wunderbar ergänzen. Bei den männlichen Rollen ragte für mich vor allem Bassbariton Kyle Ketelsen heraus, der einen fantastisch düsteren, rachlustigen und gesanglich großartigen Kaspar verkörperte.

Das schwung- und temperamentvolle Dirigat von Antonello Manacorda ließ die eingängigen Melodien auf wunderbare Weise voll zur Geltung kommen und bot den Sängern die Möglichkeit zu brillieren.
Wunderschöne Orchesterklänge, große Gefühle, zauberhafte Arien – dieser neue Münchner „Freischütz“ hat alles, was eine richtig große Oper auszeichnet und ein solches Werk auf diesem künstlerischen Niveau erleben zu dürfen, ist ein Privileg.
Musikalisch und ästhetisch war dieser Abend für mich ein Gesamtkunstwerk und etwas ganz Besonderes. Eine wahre Opernsternstunde, die Trost spenden und die Zeit bis zum nächsten realen Opernbesuch zumindest verkürzen kann.

Gesehen am 13. Februar 2021 als Livestream aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Freischütz“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 15. März 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar.

Für den Gaumen:
Dem Münchner Lokalkolorit Rechnung tragend sind Bierflaschen einer einheimischen Brauerei mit dem traditionellen Bügelverschluss ein nicht unwesentliches Requisit in der Inszenierung. Im Libretto von Johann Friedrich Kind erfährt man allerdings, dass es in manchen Situationen wohl doch etwas Stärkeres braucht:

„Bier hast du? Das taugt nicht zum Sorgenbrecher“

(Libretto „Der Freischütz“ – Johann Friedrich Kind)

Zum Weiterschauen (I):
Auch das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, erneut einen weiteren Livestream im Internet an:
Am 20. Februar 2021 – 19.00 Uhr: Straus & Strauss & Co. – Höhepunkte aus Opern und Operetten von Oscar Straus, Richard Strauss und vielen mehr

Zum Weiterschauen (II):
Auf Operavision ist aktuell vom 12.02.21 bis zum 12.03.21 Massenet’s „Manon Lescaut“ mit Elsa Dreisig in der Titelrolle zu erleben – ein Stream aus der Staatsoper Hamburg, der auch noch ganz oben auf meiner Liste steht. Von Elsa Dreisig war ich bereits im Rahmen der „Così fan tutte“ der Salzburger Festspiele im letzten Jahr richtig fasziniert – die Rezension hierzu war einer meiner ersten Beiträge auf der „Kulturbowle“ im August 2020.

Sehnsuchtsoperette

Als großem Theaterfreund fehlen mir die Live-Erlebnisse in Theatern und Opernhäusern mittlerweile sehr und daher bin ich dankbar und freue mich, dass mittlerweile viele Häuser ein sehr umfangreiches und sehenswertes Streamingangebot auf die Beine gestellt haben.

Auch das Staatstheater am Gärtnerplatz, das bereits 1865 als „volksnahes Musiktheaterhaus“ in München eröffnet wurde, bietet seinem Publikum derzeit ein buntes und vielseitiges Programm und so konnte ich am 23. Januar in den Genuss einer Operette kommen, die ich bisher meiner Erinnerung nach noch nie live gesehen hatte: Paul Abraham’s Revueoperette „Viktoria und ihr Husar“.

Dieses Werk, das 1930 uraufgeführt wurde und in die „silberne Ära“ der Operette fällt, d.h. in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, hat alles, was es für einen schwungvollen, amüsanten und kurzweiligen Theaterabend braucht und die liebevolle und aufwändige Inszenierung des Gärtnerplatztheaters aus dem Jahr 2016, die jetzt als Wiederaufnahme zu sehen war, hat mir einen sehr vergnüglichen Abend zu Hause auf meiner Couch bereitet.

„Um Ihretwillen, erzählen Sie gut!“

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

In einem sibirischen Gefangenenlager nach Ende des ersten Weltkriegs entsteht zu Beginn des Stücks eine Situation, die in der Münchner Inszenierung an Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht erinnert: der inhaftierte Husarenrittmeister Koltay muss, um sein Leben und das seines Burschen Jancsi zu retten und frei zu kommen, die Geschichte seiner großen Liebe zu Viktoria erzählen.

Durch raffinierte Lichteffekte und mittels eines variablen und intelligenten Bühnenbilds, das gleich einem „Bild im Bild“ die unterschiedlichen Schauplätze der Erzählung im Gefangenenlager einbettet, beginnt nun die wilde Reise Koltay’s und Jancsi’s, um Viktoria zurückzuerobern. Viktoria, die in der Meinung ihre große Liebe Koltay sei im Krieg gefallen den amerikanischen Botschafter Cunlight geheiratet hat, ist mit diesem aktuell in Japan stationiert. So wird Japan die erste Station der Reise. Die Farbe Rot zaubert Wärme und asiatisches Flair ins Grau des Gefangenenlagers und so unterhaltsame Nummern wie „Meine Mama war aus Yokohama“ interpretiert von einer herrlich komödiantischen Julia Sturzlbaum als O Lia San reißen mit und heben mit Charlestonklängen und schwungvollen Tanzeinlagen sofort die Laune. Die Choreografie und tänzerische Leistung der Darsteller hat mich durchgängig begeistert – hohes Tempo, Tanz und Gesang – da zeigt sich erneut, dass Operette als vermeintlich „leichte Muse“ künstlerisch äußerst anspruchsvoll ist und den Sängerinnen und Sängern alles abverlangt.

Paul Abraham und seine Librettisten haben alle Sehnsuchtsorte und Klangwelten der damaligen Zeit in die Handlung eingebaut – der Wiener Walzer in „Pardon Madame“, russische Melodien, da der Weg Cunlight und seine Viktoria von Japan schließlich nach Russland führt und am Ende die ungarischen Csardasklänge, die so typisch für viele klassische Operetten sind.

Und doch merkt man dem Stück auch an, dass 1930 bereits auch schon modernere Elemente aus dem Jazz, Foxtrott und Charleston eingeflossen sind. Das ist frisch, quirlig und in Verbindung mit urkomischen Tanzeinlagen, die stellenweise fast schon Züge von Slapstick aufweisen – zum Beispiel im Duett des Buffopaars Jancsi und Riquette liefert Josef Ellers eine wahre Handtuchakrobatik ab – ganz große Unterhaltung.

„Es gibt auch Verlobungen, die gut ausgehen, aber die meisten enden doch mit einer Heirat.“ (Jancsi)

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

Witzige Dialoge und drei stimmig besetzte Paare mit Koltay/Viktoria, Jancsi/Riquette und Ferry/O Lia San machten das Ganze zu einem rundum gelungenen Operettenabend.
Meine persönlichen Lieblinge der Besetzung waren vor allem der Grandseigneur des Gärtnerplatz’ Erwin Windegger als liebender Gentleman und verlassener Ehemann John Cunlight und die als weinselig-beschwipste Rauschkugel inszenierte O Lia San Julia Sturzlbaum, die urkomisch, frech und frisch über die Bühne wirbelt und auch bei hohem Tempo gesanglich absolut überzeugt.

Das Gärtnerplatz ist ohnehin meist ein Garant für gelungene und opulente Bühnenbilder und auch die Kostümabteilung hat für diese Inszenierung erneut wunderbare Arbeit geleistet. So entstehen eindrückliche Bilder, Musik und Optik werden harmonisch in Einklang gebracht.
Die Inszenierung vermittelt den Zauber der Exotik und die Sehnsucht der Gefangenen, sich in der Fantasie an andere Orte zu träumen – ein Stück, das gerade in der momentanen Lage unheimlich aktuell erscheint.
So wie der Husar im Gefangenenlager um sein Leben und für seine Freilassung erzählt, so spielen auch die Darsteller vor einem leeren Haus, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten.
So war für mich der Abend auch ein Loblied an die Kraft des Theaters, das Menschen für einige Zeit die Sorgen vergessen lässt, aus dem Alltag heraus in andere Welten entführen und die Fantasie beflügeln kann. Bravo!

Ein sehr schöner Abend, das Streaming eine Möglichkeit dem Theater verbunden zu bleiben und dennoch sehne ich auch um so mehr den Tag herbei, an dem ich wieder live Künstler auf der Bühne erleben darf.

Gesehen am 23. Januar 2021 als Livestream aus dem Staatstheater am Gärtnerplatz

Zum Weiterschauen (I):
Das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, weitere Livestreams im Internet an:

– Am 31. Januar 2021 – 19.00 Uhr: Sinfonische Lyrik
Don Juan oder „Der steinerne Gast“ (Musik von Christoph Willibald Gluck)

– Am 06. Februar 2021 – 18.00 Uhr:
„La Cenerentola“ – Komische Oper von Gioachino Rossini

Zum Weiterschauen (II):
Wer meine Kulturbowle schon eine Weile verfolgt, kann sich vielleicht noch erinnern, dass ich begeisterte Kritiken zu zwei Aufführungen des Landestheater Niederbayern verfasst habe, die ich im September und Oktober noch live im Theater erleben durfte. Jetzt stehen beide Inszenierungen auch in der Mediathek des Landestheater Niederbayern kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung:

Weihnachtsbowle 2020

Weihnachten steht vor der Tür und ich möchte all jenen, die ihren Weg auf meine Kulturbowle gefunden haben und mich auf meinem Blog begleiten von ganzem Herzen frohe Weihnachten und schöne Feiertage wünschen. Genießt die Feiertage und die Ruhe und nehmt Euch Zeit für die Menschen und die Dinge, die Euch wichtig sind und am Herzen liegen. Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Da Theater und Kultureinrichtungen ja weiterhin geschlossen haben, beschenken uns viele zu Weihnachten dennoch mit wunderbaren digitalen Angeboten, Livestreams, Online-Lesungen und vielem mehr.
Ich habe für Euch ein paar meiner persönlichen Kulturtips für die Festtage zusammengestellt. Vielleicht ist ja das eine oder andere für Euch dabei und versüßt Euch ebenfalls die Zeit zwischen den Jahren, die wir am besten ohnehin zu Hause verbringen sollten.

Das Landestheater Niederbayern – das Stadttheater meiner Heimatstadt – bietet mittlerweile ebenfalls ein digitales Angebot in der theatereigenen Mediathek. Für Opernfans steht dort aktuell Puccinis „Madama Butterfly“ kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung und das Repertoire wird ständig erweitert und ergänzt. Für mich wird jedoch auf alle Fälle die Kindervorstellung von Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ zu meinem diesjährigen Weihnachtsprogramm gehören – eine szenische Lesung, auf die ich mich (auch als Erwachsene) schon sehr freue (online verfügbar bis 27. Januar 2021).

Ebenfalls fix im Kalender steht für mich an Silvester der Livestream aus dem Münchner Gärtnerplatztheater: die Revueoperette „Drei Männer im Schnee“. Da ich bereits das Vergnügen hatte, diese gelungene, umjubelte und mit mehreren Preisen prämierte Inszenierung vor einiger Zeit live im Theater zu sehen, freue ich mich besonders, dass ich dieses Gute Laune-Stück nach der Romanvorlage eines meiner Lieblingsautoren jetzt am Silvesterabend um 18.00 Uhr nun nochmal in meinem Wohnzimmer genießen kann. Für Musical- und Operettenfreunde ein Genuss und ein großes Vergnügen!

Wer es weihnachtlicher und klassischer mag, der kann sich von der Bayerischen Staatsoper vom 24. bis zum 26. Dezember mit einem kostenlosen Video-On-Demand der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus dem Münchner Nationaltheater beschenken lassen.

Auf Operavision findet sich ebenfalls ein vielfältiges, freies Onlineangebot diverser Aufführungen aus europäischen Opernhäusern. Das aktuelle Repertoire ist breit gefächert und reicht zum Beispiel von einem feinen, intimen Kurt-Weill Liederabend „Lonely House“ aus der Komischen Oper Berlin mit dem Intendanten Barrie Kosky am Klavier und der Sängerin und Schauspielerin Katharine Mehrling (verfügbar bis 22.01.21) bis zu Rameau’s „Les Indes Galantes“ (mit der von mir sehr geschätzten Anna Prohaska) aus der Bayerischen Staatsoper (verfügbar bis 01.01.21). Und aktuell fehlen auf der Plattform auch Opernklassiker wie „La Traviata“, „La Bohème“ oder „Turandot“ nicht.

Auf ARTE gibt es zudem die Möglichkeit, das traditionelle Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker zu sehen (am 31.12.20 ab ca. 18.35 Uhr), das dieses Jahr von Kirill Petrenko geleitet wird und ebenfalls vor leeren Rängen stattfinden muss. Musikalisch stehen neben Beethoven (Leonoren-Ouvertüre Nr. 3) vor allem spanische Klänge auf dem Programm.

Wer statt Weihnachtszauber und Silvesterfestlichkeit lieber eine spannende Lesung verfolgen möchte, für den bietet die Stadtbücherei Landshut auf ihrem Blog einen Audio-Podcast zu Agatha Christie aus der Reihe „Mitten ins Herz – Poesie und Musik im Dialog mit Heinz Oliver Karbus und Martin Kubetz“, der noch bis zum 31.12.20 abrufbar ist.

Wie Ihr seht, hat die kulturelle Szene derzeit viel zu bieten und versucht durch Online-Angebote bei den Menschen in Erinnerung zu bleiben und die Neugier wach zu halten. Viel Spaß und vielleicht war ja die eine oder andere Anregung für Euch dabei. Freut Euch auf die Zeit, wenn die Theater und Konzerthäuser wieder öffnen dürfen und bis dahin: Bleibt offen, neugierig, interessiert und zuversichtlich und genießt die Feiertage!

Für den Gaumen:
Bekocht Euch selbst mit allem, was Euch schmeckt und Freude macht. Jeder hat ja seine ganz eigenen Traditionsgerichte zu Weihnachten. Ob es nun die Würstchen mit Kartoffelsalat sind oder das Fondue. Nehmt Euch Zeit für den Genuss!

Zum Weiterhören:
Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist für mich der Inbegriff festlicher Weihnachtsstimmung: „Jauchzet, frohlocket“ und nehmt Euch Zeit für schöne Musik und genießt diese ganz bewusst!

Zum Weiterlesen:
Und was wäre die Kulturbowle ohne einen Buchtip am Ende.
Eine winterliche Leseempfehlung, die ich bereits vor vielen Jahren genießen durfte und die für mich als schöner Schmöker wunderbar in diese Zeit um Weihnachten passt, ist John Boyne’s „Das Haus zur besonderen Verwendung“. Boyne nimmt den Leser mit auf eine Reise ins winterliche Russland nach St. Petersburg im Jahre 1915 und erzählt die Geschichte vom einfachen Bauernsohn Georgi, der in die Leibwache des Zaren aufgenommen wird, und der Zarentochter Anastasia. Geschichtlicher Hintergrund, große Gefühle und ein Roman, den man nicht mehr vergisst.

John Boyne, Das Haus zur besonderen Verwendung
übersetzt von Fritz Schneider
Piper
ISBN: 978-3-492-27265-0

© Piper Verlag

Daher nehmt Euch Zeit für gute Bücher und macht es Euch bei guter Lektüre und einem schönen Getränk gemütlich! Frohe Weihnachten!

Theaterglück mit griechischem Chor

Aktuell ist die Kulturbowle – aufgrund der Schließung von Theatern und kulturellen Einrichtungen – fast ausschließlich eine „Bücherbowle“. Aber ich dachte mir, dass ich jetzt nach einigen Wochen des „Lockdown light“ die Durststrecke der theaterlosen Zeit mit einem Rückblick auf einen sehr schönen Theaterabend vielleicht ein wenig verkürzen kann. Denn Ende Oktober – zwei Tage bevor die Theater wieder geschlossen werden mussten – durfte ich noch eine sehr schöne und amüsante Premiere von Woody Allen’s Komödie „Geliebte Aphrodite“ (in der Bearbeitung für die Bühne von Jürgen Fischer) im Landestheater Niederbayern erleben.

Lenny and Amanda – New Yorker Intellektuelle – sind verheiratet und bisher kinderlos glücklich, doch plötzlich wünscht sich Amanda ein Kind. Jedoch hat die aufstrebende Galeristin keine Zeit für eine zeit- und kräfteraubende Schwangerschaft, daher beschließt sie, ein Kind zu adoptieren. Sie setzt das Vorhaben kurzerhand in die Tat um ohne groß Lenny’s Zustimmung abzuwarten, der sich anfangs nicht mit dem Gedanken anfreunden kann.

Doch der kleine Max entpuppt sich als Sonnenschein und wahres Wunderkind. Die außergewöhnliche geistige Begabung des Jungen weckt in Lenny den Wunsch, mehr über die leiblichen Eltern seines Adoptivsohns in Erfahrung zu bringen. Er beginnt zu recherchieren – die Suche nach dem Vater endet schnell, weil dieser bereits verstorben ist – aber bei der Mutter gelingt es ihm, diese aufzuspüren.

Um so mehr schockiert es ihn, als er feststellt, dass diese als Pornodarstellerin und Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdient und ihr Bildungsniveau gemäß seinen Ansprüchen deutlich zu wünschen übrig lässt. Lenny setzt sich in den Kopf, Linda Ash – die leibliche Mutter seines Sohnes – wieder auf den Pfad der Tugend zu führen und ihr einen geeigneten Mann zu suchen, der sie glücklich macht, so dass er sich als Kuppler versucht – zahlreiche Verwicklungen natürlich inbegriffen.

Ergänzt wird die Handlung durch Figuren der griechischen Mythologie – wie unter anderem Kassandra (herrlich komödiantisch dargestellt durch Friederike Baldin), dem blinden Seher Teiresias (Joachim Vollrath) oder Ödipus (Stefan Sieh), um nur einige zu nennen. Doch vor allem wird die Bühnenhandlung stets begleitet, moderiert und kommentiert durch den Chorleiter und einen griechischen Chor angelehnt an die Tradition der griechischen Tragödie.

„Geliebte Aphrodite“ ist eine subtile Komödie, die durchaus auch mit leiseren, gefühlvollen Szenen aufwartet – kein Schenkelklopfer, der einem die Lachtränen in die Augen treibt, sondern vielmehr ein liebevolles, amüsantes und kurzweiliges Schauspiel, das durchaus ernste Themen in witzige und tiefgründige Situationen verpackt. Und zugleich doch auch ein Stück, das mit einiger Ironie und scharfzüngigem Witz viel Charme versprüht und dem Publikum gute Laune bereitet.

Diese Filmvorlage Woody Allen’s scheint gerade durch den Kunstgriff des griechischen Chors und der Kommentierung des Geschehens durch Chorleiter und Chor ohnehin wie gemacht für die Bühne und auch das Bühnenbild dieser Inszenierung mit den Säulen, hinter welchen die Chormitglieder Stellung beziehen und mit Masken spielen, verstärken die Parallelen zum griechischen Schauspiel. Das ist geschickt gelöst und bietet zugleich den nötigen Corona-Abstand zwischen den Schauspielern, ohne dass dies gekünstelt oder aufgesetzt wirkt. Sowohl Regisseurin Veronika Wolff als auch Ausstatterin Beate Kornatowska haben hier das richtige Händchen für diesen Komödienstoff bewiesen und eine rundum stimmige Inszenierung auf die Bühne gezaubert.

Jochen Decker spielt einen sehr liebenswürdig neurotischen, zerknautschten und wuseligen Lenny Weinrib – eine tolle Rolle, in der er viele Register seiner Schauspielkunst ziehen kann. So gibt er einen sehr sympathischen, verklemmt-verwirrten Intellektuellen, dem man gerne zusieht und dem die Herzen der Zuschauer zufliegen – eine perfekte Besetzung.

Großartig fand ich persönlich Olaf Schürmann als herrlich verschmitzten, humorvollen und allwissenden Chorführer, der im Hintergrund stets die Geschicke und das Schicksal Lenny’s lenkt und versucht, ihn unbeschadet durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu steuern. Das ist mit viel Augenzwinkern und wunderbarer Leichtigkeit gespielt, die einem als Zuschauer gute Laune pur bereitet, was man in diesen Zeiten ja auch wirklich mal gebrauchen kann. Seine Tanzszene am Ende des Stücks zaubert allen ein Lächeln ins Gesicht.

Ella Schulz schlüpft in die Rolle der rotzig-trotzigen Prostituierten und Pornodarstellerin Linda Ash, die davon träumt, eine große Schauspielerin zu werden. Sie verkörpert anfangs mit ihrer lauten, ordinären Art den klaren Kontrast zur feinsinnig-intellektuellen Kunsthändlerin Amanda – hervorragend gespielt von Katharina Elisabeth Kram.

Das Stück erfordert durch zahlreiche Nebenrollen und den Chor, der stets kommentiert und begleitet, ein großes Aufgebot und so kommt fast das ganze Landshuter Ensemble zum Einsatz.
Es hat große Freude gemacht, die wunderbare und gelungene Gesamtleistung der Schauspieler/innen und die Spielfreude erleben zu können und so verlässt man das Theater beglückt. Durch die amüsante und witzige Komödie ist man gut gelaunt, aber doch auch traurig in dem Wissen, dass jetzt wieder pausiert werden muss und dies für längere Zeit wieder der letzte schöne Theaterabend gewesen sein wird. Das Premierenpublikum war begeistert, der Applaus lang und anhaltend und jeder wünscht sich, bald wieder in den Genuss von Live-Theater kommen zu dürfen.

Gesehen am 30. Oktober 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

Wenn es die Coronasituation zulässt, ist „Geliebte Aphrodite“ hoffentlich in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Geliebte Aphrodite“:

Für den Gaumen:
In der Landshuter Inszenierung führen Lenny und Amanda zu Beginn ein Gespräch über Kinder mit einem befreundeten Ehepaar in einer italienischen Trattoria und sprechen dort ordentlich dem Rotwein zu. Daher war es naheliegend, den Theaterabend auch zu Hause bei einem schönen Glas Merlot ausklingen zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Vorlage für das Stück ist selbstverständlich Woody Allen’s Film „Geliebte Aphrodite“ aus dem Jahre 1995, in welchem er neben Drehbuch und Regie auch die Hauptrolle des Lenny selbst übernahm. Mira Sorvino erhielt für die Darstellung der Linda den Oscar als beste Nebendarstellerin. Ich gestehe, dass ich den Film bisher nicht gesehen habe – was aber wohl dem Theatergenuss sogar zuträglich war, da man dann nicht ständig Vergleiche anstellt. Sollte sich jetzt aber mal die Gelegenheit bieten, werde ich mir den Film gerne mal ansehen.

Zum Weiterlesen oder Weiterschauen:
Der griechische Chor und der Seher Teiresias erinnern natürlich sofort an die griechische Tragödie und Sophokles‘ „Antigone“, die ich in der Spielzeit 17/18 am Landshuter Theater sehen konnte. Wer Lust hat, sich mal wieder einem Klassiker zu widmen und festzustellen, wie zeitlos auch Stoffe aus dem Jahre 442 vor Christus heute noch sein können, der ist hier gut aufgehoben:

Sophokles, Antigone
Reclam
ISBN: 978-3-15-019075-3

Urfaust – endlich wieder live!

Endlich wieder Theater! Nach einer langen Corona-Pause und zwei schönen und kurzen Freiluft-Intermezzi im Sommer, meldet sich das Landestheater Niederbayern mit der ersten Schauspielpremiere der neuen Spielzeit wieder zurück und präsentiert sich mit Goethes „Urfaust“ dem Publikum. Nach der langen corona-bedingten Durststrecke ohne die geliebten Theaterbesuche war meine Vorfreude auf die erste Premiere riesig und die Spannung entsprechend groß, wie der Theaterbetrieb und eine Inszenierung unter Einhaltung der nötigen Hygienevorschriften aussehen kann. Gleich vorneweg: es funktioniert und fühlt sich – trotz der reduzierten Platzbesetzung im Saal – auch nach Theater an.

Goethes Urfaust weist bereits viele Züge des späteren Faust I auf, der deutlich häufiger gespielt wird. Man erkennt vieles wieder und doch ist dieser frühe Faust, der erst 1918 uraufgeführt wurde, noch stark geprägt vom Sturm und Drang. Ein dynamisches Stück, das ohne Pause gespielt, einen großen Sog entwickelt. Die Handlung über den verzweifelten Wissenschaftler, der vom Teufel unterstützt, ein junges Mädchen verführt und in den Wahnsinn treibt, ist hinlänglich bekannt und muss sicher nicht näher ausgeführt werden.

Die Inszenierung, die Regisseur Peter Oberdorf und sein Team hier auf die Bühne gezaubert haben, spielt mit der Distanz zwischen den Figuren – natürlich erfordert Corona gleichsam aus der Not eine Tugend zu machen – aber das Konzept ist absolut stimmig und steht für sich selbst. Das wirkt nicht erzwungen oder aufgesetzt, sondern natürlich und logisch, denn die Figuren im Stück agieren nicht auf Augenhöhe und kommen sich daher auch nicht wirklich nah. Zu gravierend sind die Unterschiede in Stand, Alter und Bildung bei Gretchen und Faust, zu tief sind die Abgründe zwischen Mephisto und dem gläubigen Gretchen und zu groß ist auch die Kluft zwischen Faust – dem Intellektuellen – und den betrunkenen Gästen in Auerbachs Keller.

Das Bühnenbild ist mit einem Kubus, der sich vom Studierzimmer, zu Gretchens Stube bis hin zum Kerker wandeln kann und zahlreichen gläsernen Trennwänden sehr variabel und vielseitig. Unterstützt durch Videoprojektionen und Musik ergeben sich so eindrückliche Bilder, die lange nachwirken.
Oberdorf schafft eine moderne, sehr heutige Inszenierung, die auch in Schülervorstellungen bei einem jungen Publikum Anklang finden wird und dem zeitlosen Charakter des Stücks gerecht wird. Lediglich die Idee, Auerbachs Keller in ein äußerst zwielichtiges Bordell zu verlagern, fiel für meinen Geschmack ein wenig zu sehr aus dem Rahmen.

Besonders stark war die Inszenierung für mich vor allem in den leisen Szenen, die Darstellung der aufkeimenden Verliebtheit Gretchens und die Funken, die zwischen ihr und Faust entfacht werden – elektrisierend gespielt auch über die Distanz hinweg. Und auch die Szene im Garten – im Wechselspiel der Paare Faust/Gretchen und Mephisto/Marthe war magisches Theater, so wie es sein soll.

Für mich steht und fällt mein Urteil über eine gelungene Faust-Inszenierung meist mit der Besetzung des Mephisto. Wenn diese wichtige Figur das richtige Feuer und Format besitzt und von einem guten Darsteller verkörpert wird – hat das Stück für mich schon fast gewonnen. Und Kammerschauspielerin Ursula Erb als Mephisto ist eine Idealbesetzung: sie auf der Bühne zu erleben ein Genuss – teuflisch gut.
Die Idee, den Mephisto weiblich zu besetzen, war schon 1999 eine sehr gute, als ich das große Glück hatte, Adele Neuhauser in Regensburg in dieser Rolle zu erleben und auch Ursula Erb verkörpert diese faszinierende Figur mit großer Bühnenpräsenz und dem nötigen schlitzohrigen, zynischen Witz.

Julian Ricker gibt zu Beginn den zerzausten, verzweifelnden, nach Erleuchtung suchenden Wissenschaftler mit Nerdbrille – abgeschottet in seinem Studierzimmer-Kubus. Später erleben wir ihn als Intellektuellen, der sich in Gretchen eine unerfahrene und unpassende Partnerin zum Stillen seiner Lust auswählt und diese ins Verderben stürzt. Ein überzeugender, junger Faust, der gut zum „Sturm und Drang“-Charakter des Urfaustfragments passt, das Goethe zeitlich parallel zum „Leiden des jungen Werthers“ verfasste.

Friederike Baldin verkörpert anfangs ein junges, unerfahrenes, fast burschikoses und sehr heutiges Gretchen (mit Smartphone, Kopfhörern und Chucks), das in den Szenen mit Faust immer weiblicher und weicher wird – so dass mir gerade ihre Interpretation der Szenen im Garten und die „Gretchen“-Frage als besonders gelungen und intensiv in Erinnerung bleiben.

Ella Schulz als liebeshungrige Witwe Marthe Schwertlein fügt dem Ganzen eine witzige, komödiantische Komponente hinzu und so offenbart das Ensemble auch in den Nebenrollen mit Stefan Sieh (unter anderem als übermotivierter Famulus Wagner), Reinhard Peer, Julian Niedermeier und Isabella Könsgen große Spielfreude und Energie und man spürt als Zuschauer, wie groß die Freude auf Seiten der Darsteller ist, wieder auf der Bühne und vor Publikum spielen zu dürfen.

Die Premierenbesucher waren begeistert und belohnten die Leistung des Ensembles und des Regieteams gleichermaßen mit lange anhaltendem Applaus. Das Theater hat in der Corona-Pause nichts von seiner Kraft und Magie verloren und so ist man und bin ich sehr dankbar, diese auch endlich wieder live erleben zu können.

Der „Urfaust“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

Gesehen am 18. September 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

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Was passt zum „Urfaust“:

Für den Gaumen:
Da den Zechern in Auerbachs Keller der auf teuflische Weise herbeigeschaffte „Reinwein, (…), Muskaten, (…) Tockayer“ (das ist Goethes Orthografie – nicht meine) nicht sonderlich bekommt, habe ich den schönen Theaterabend zu Hause mit einem fränkischen Riesling aus- und nachklingen lassen.

Weiterer Theatergenuss:
Als Theaterfreund ist man gegebenenfalls bereits mal in einer Vorstellung von „Gretchen 89FF.“ – dem Theaterkabarett von Lutz Hübner – gelandet. Falls nicht und falls das Stück einmal in der Nähe gespielt wird, sollte man die Gelegenheit unbedingt nutzen. Denn wenn man „seinen Faust“ ein wenig kennt, ist das wirklich sehr unterhaltsam und eine amüsante Art, sich dem großen Klassiker mal von der lustigen Seite zu nähern.

Zum Weiterlesen:
Zum Steigern der Vorfreude und Auffrischen meiner Faust bzw. Urfaust-Kenntnisse habe ich das Stück vor meinem Theaterbesuch nochmal gelesen (meine Reclamausgabe im Schrank hatte noch einen Preisauszeichnung in DM). Gerade bei solchen Klassikern mache ich das gerne und bin dann immer wieder fasziniert, wie lebendig der Text wird, wenn man ihn live im Theater erleben kann.

Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Frühere Fassung (»Urfaust«)
Hrsg.: Brandes, Peter
Reclam Verlag
ISBN: 978-3-15-019594-9

Ein Buch, das mich aber auch bereits vor vielen Jahren nachhaltig beeindruckt hat und mir stets aufs Neue in den Sinn kommt, wenn ich wieder mit dem Fauststoff in Berührung komme, ist der Roman „Mephisto“ von Klaus Mann.

Klaus Mann, Mephisto
rororo
ISBN:  978-3-499-27686-6

Così fan tutte in Salzburg

Gerade derzeit „machen es eben nicht alle so“, sondern die Salzburger Festspiele sind aktuell das große Kulturereignis, das es anders macht – es findet statt. In eingeschränkter Form, aber Salzburg versucht und wagt es, ein Zeichen zu setzen, dass Kultur auch in Zeiten der Pandemie einen Platz finden kann und muss. Dies erfordert Mut und es bleibt zu hoffen, dass dieser belohnt wird, so dass diese Jubiläumsfestspiele als besonders, aber gelungen in die 100-jährige Geschichte eingehen werden und ein positives, ermutigendes Zeichen setzen.

Die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ in einer gekürzten und coronatauglichen Form (d.h. ohne Pause), leistet ohne Zweifel ihren Beitrag zum Gelingen der Festspiele. Die reduzierte Fassung, welche die Dirigentin Joana Mallwitz – als erste Frau am Pult der Salzburger Festspiele – und Regisseur Christof Loy in der Kürze der Zeit gemeinsam erarbeitet haben, ist stimmig und verschafft dem Publikum den so dringend ersehnten Mozartgenuss: Balsam auf die Seele all derer, die so lange auf Oper verzichten mussten.

Mozarts Kammeroper mit sechs großen Partien, Liebeswirren und zeitloser musikalischer Schönheit erweist sich als bestens geeignet für die aktuell gebotenen Möglichkeiten, Opern aufzuführen. Die Wirkung des Stücks leidet nicht unter den Einschränkungen, welche die Pandemie dem Opernbetrieb auferlegt.

Fiordiligi und Dorabella – zwei junge und unbeschwerte Schwestern – lieben ihre Verlobten Guglielmo und Ferrando und fiebern der Hochzeit entgegen. Durch die heimtückische Wette, die Don Alfonso bei seinen Freunden anzettelt – er möchte den Beweis antreten und sie warnen, dass keine Frau wirklich treu ist – stürzt er die vier jungen Menschen in große Liebes- und Gefühlswirren. Den Schwestern – Elena Dreisig und Marianne Crebassa als hinreißende, unbeschwerte Damen, die in mir mehr als einmal die Assoziation von „Schneeweißchen und Rosenrot“ weckten und sich stimmlich, wie spielerisch wunderbar ergänzen – erzählt Don Alfonso, dass ihre Verlobten einrücken müssen. Die folgende Abschiedsszene und die Arie „Soave sia il vento“, ist für mich musikalisch und emotional einer der Höhepunkte und der Gänsehautmoment der Aufführung, zumal die warme Stimme des Weltklasse-Baritons Johannes Martin Kränzle und die frischen, jungen Stimmen der beiden Sängerinnen eine Harmonie und Klangfarbe erzeugen, die unter die Haut geht.

Wer „Così fan tutte“ kennt, weiß, wie es weitergeht: Mit Hilfe der durchtriebenen Kammerzofe Despina – Lea Desandre beweist in dieser Rolle ihr komödiantisches Talent und brilliert auch in den Szenen als verkleideter Arzt und Notar – schleust Don Alfonso die verkleideten jungen Burschen unerkannt zurück ins Haus, wo sie dann mit allerlei Tricks versuchen, die Verlobte des jeweils Anderen zu verführen.

Am Ende spricht einem der Schlusschor – derzeit aktueller denn je – aus der Seele, der in C-Dur den Menschen glücklich preist, der die guten Seiten sieht und auch in den Wechselfällen des Lebens lacht und Ruhe bewahrt.

Mich hat vor allem die immense Intensität und die enorme Energie beeindruckt, welche von dieser puristischen Fassung und der spielfreudigen Besetzung ausgehen. Gerade durch die Reduzierung aufs Wesentliche – die Bühne als großer, freier Raum ohne Requisiten und Möblierung – nur Treppen und Türen und ein Spiel mit Weiß und Schwarz – trägt dazu bei, dass sich alles auf die Musik und die Figuren konzentriert.

Die Sänger füllen diesen Raum mit Leben und Emotion und nutzen die Chance, die sich in der Einfachheit bietet. Jeder der sechs Akteure ist dieser Herausforderung, sich nur auf sich selbst und Mozarts Musik zu verlassen, zu jeder Zeit gewachsen. Stimmlich und darstellerisch agieren sie auf Augenhöhe. Der Star ist das Ensemble und wird zu Recht vom Publikum im Saal mit stürmischem Beifall bedacht.

Joana Mallwitz führt die Wiener Philharmoniker umsichtig und stellt die Musik in den Dienste der herausragenden Sängerriege: Allen voran die 29-jährige Elsa Dreisig, die der Fiordiligi vor allem in den Höhen eine unvergleichliche Leichtigkeit gibt und doch darstellerisch auch die Gefühlstiefe nicht vermissen lässt. Marianne Crebassa ergänzt Dreisigs klaren, hellen Sopran um einen dunkleren und warmen Mezzo – eine höchstklassige Besetzung der beiden Rollen, wie man sie nur äußerst selten erleben darf und zwei Sängerinnen, denen große Opernkarrieren offen stehen. Dem stehen der russische Tenor Bogdan Volkov und der Bariton Andre Schuen kaum nach und meistern ihre Partien sängerisch ebenfalls mit viel Gefühl und großer Bühnenpräsenz. Johannes Martin Kränzle präsentiert sich als Don Alfonso in hervorragender Verfassung und darf auch dank seiner grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten bei Mimik und Körperhaltung aus dem Vollen schöpfen. Der erfahrene Bariton ergänzt so perfekt das junge, vibrierende Ensemble, denn auch die temperamentvolle Lea Desandre als Despina sprüht vor Spiellaune und beweist große Ausstrahlung auf der Bühne.

Christof Loys wohl durchdachte Personenregie schafft die Voraussetzung, dass das Publikum einen Opernabend erlebt, der getragen von der unsterblichen Musik Mozarts, vor allem durch die puren, intensiven gesanglichen und authentischen, emotionalen schauspielerischen Leistungen der Hauptakteure im Gedächtnis bleiben wird. Man spürt regelrecht mit welcher Lust und Freude die Akteure des Abends auf der Bühne stehen und es genießen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.

Salzburg, Mozart, die Festspiele und die Wiener Philharmoniker sind untrennbar miteinander verbunden und werden hoffentlich in dieser Konstellation noch viele Besucher und Opernbegeisterte in den kommenden Jahrzehnten begeistern und verzaubern.

Gesehen auf ORF2, 07. August 2020, 20.15 Uhr

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Ich liebe es, während und nach einem kulturellen Erlebnis, die Gedanken fließen zu lassen, den Moment auszukosten, mir die Sinne umschmeicheln und mich inspirieren zu lassen. Kultur ist für mich das Zusammenspiel der Sinne (Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen) und regt mich zum Nachdenken und genießen an. So klingt und wirkt das Erlebte länger nach und hinterlässt dauerhafte Spuren. Für die Salzburger „Così“ sind das für mich:

Für den Gaumen: ein sommerlich-fruchtiges, gekühltes Glas Spätburgunder-Rosé

Für die Ohren: Zum immer wieder Nachhören die Arie „Soave sia il vento“. Sie ist musikalisch wie eine frische Brise am Meer, die Segel blähen sich und flattern fröhlich und ruhig im Wind, wenn die Streicher den wunderbaren Gesang der harmonierenden Frauenstimmen begleitet vom Fundament des erfahrenen Baritons fließend untermalen.

Und natürlich die Musik Mozarts in jeglicher Couleur – jeder, der ihn liebt, wird seine ganz persönlichen Lieblingsstücke haben – für mich gibt es unzählige…

Für literarischen Genuss:

Spontan fallen mir hier ein und stehen in meinem Regal:

  • Eva Baronsky „Herr Mozart wacht auf“;
    Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-7466-2696-3
    (Das ich vor vielen Jahren in einem Wellness-Urlaub gelesen habe und das mich damals köstlich amüsiert hat, weil es mit viel Augenzwinkern geschrieben ist.)
  • Hanns-Josef Ortheil „Das Glück der Musik – Vom Vergnügen, Mozart zu hören“; Luchterhand, ISBN: 978-3-630-62082-4
    (Einer meiner absoluten Lieblingsautoren, der – neben vielen anderen Vorzügen – wie kein Zweiter über Musik schreiben kann)

Und als baldige Rezension im Blog geplant: