Novemberbowle 2021 – Laubrascheln und Schmökerstunden

Der November machte sich dieses Jahr keine Mühe, um mit untypischem Wetter zu überzeugen. Vielmehr erfüllte er meist das Klischee, hatte viel Nebel und Grau im Angebot und am Ende sogar ein kleines bisschen Schnee. Dennoch gab es Gelegenheiten zu Spaziergängen durch raschelndes Herbstlaub und vor allem auch lange Leseabende zu Hause. Die Corona-Lage bereitet leider erneut sehr große Sorgen und auch für die Kultur steht wieder ein harter Winter ins Haus.

Doch im November hatte ich noch die Möglichkeit, zwei Ausstellungen in Landshut zu sehen:

In der Neuen Galerie Landshut durfte ich in der Ausstellung „Ungesehen – Venske & Spaenle“ (22.10. – 14.11.21) sogenannte Smörfs aus Laaser Marmor des Künstlerehepaares Julia Venske und Gregor Spänle kennenlernen. Weiße Marmorwerke, die an kleine Wesen erinnern und mich in gute Laune versetzten.

Nachdenklicher stimmte mich die aktuelle Ausstellung im Landshuter Koenigmuseum „9/11 und die Koenig Kugel“ (11.09.21 – 11.02.22), welche Fritz Koenig’s bekanntestes Werk – die große Kugelkaryatide vor dem World Trade Center, welche den Anschlag beschädigt überlebte – in den Mittelpunkt stellt, aber auch Kunstwerke anderer Künstler zum Thema 9/11 – anlässlich des 20. Jahrestages – in Kontext mit dem Werk des Bildhauers setzt.

Der November war für mich ein richtiger Schmökermonat. Mit einigen Büchern knapp an die 500 und mehr Seiten, großartigen historischen Romanen und winterlicher Lektüre habe ich zahlreiche Stunden und viele lange, dunkle Abende gemütlich eingekuschelt in einer Decke auf der Couch verbracht. Von dort reiste ich quasi klimaneutral ins Berlin der Zwanziger Jahre, nach Kalmar in Schweden, an den New Yorker Broadway, ins Rom der Renaissance, an den Küstenpfad entlang der Südwestküste Englands, ins Elsass, ins neblige Essex, zu Polarlichtern und ins norwegische Gudbrandsdalen nach 1900. Man könnte sagen, ich bin ganz schön herumgekommen diesen Monat.

Einblicke ins Leben der jüdischen Malerin Lotte Laserstein und ihres Lieblingsmodells Traute Rose bot mir Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“. Literarisch mehr über die Lebensgeschichte und das Werk eines Künstlers zu erfahren, ist immer reizvoll und bei der Verbindung von Kunst und Literatur kann ich sowieso nur selten widerstehen.

Leider nicht ganz meine – wohl zu hohen – Erwartungen erfüllen konnte Ethan Hawke’s Theaterroman „Hell strahlt die Dunkelheit“. Die Geschichte über einen Filmschauspieler, der in einer Ehe- und Lebenskrise steckt und eine Nebenrolle am New Yorker Broadway im Shakespeare Stück „Heinrich IV.“ annimmt, hatte für meinen Geschmack zu viel Fokus auf „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ und zu wenig auf den wirklich interessanten Schilderungen des Theaterbetriebs. Mit den Figuren in Hawke’s Roman wurde ich persönlich leider nicht so richtig warm. Eine ausführliche und positiv überraschte Rezension zum Buch findet man hingegen bei Sören Heim.

Ein richtig toller Schmöker war für mich Michael Römling’s historischer Roman „Mercuria“, der mich abtauchen ließ ins Rom der Renaissancezeit und mir wirklich fesselnde Lesestunden bescherte. Ein grandioser Schauplatz, ein spannender Plot und sympathische Figuren – das war ein opulentes Lesevergnügen ganz nach meinem Geschmack und wie geschaffen für die dunkle Jahreszeit.

Eine außergewöhnliche und inspirierende Lektüre war Raynor Winn’s „Der Salzpfad“. Dieser Reisebericht, in welchem sie die Wanderung auf dem Küstenpfad entlang der Südwestküste Englands gemeinsam mit ihrem schwerkranken Mann beschreibt, nachdem sie alles verloren und obdachlos geworden waren, ist ein ganz besonderes Leseerlebnis, das erdet und demütig macht und trotzdem einen ungezähmten Optimismus versprüht.

Müsste ich einen heimlichen Favoriten dieses Monats küren, wäre es – trotz starker Konkurrenz – vermutlich Pascale Hugues‘ „Mädchenschule“. Die Journalistin, die nach einigen Jahrzehnten ihre Klassenkameradinnen von 1968 wiedertrifft, die sich damals in ihrem Poesiealbum verewigten, und so die Geschichte einer ganzen Frauengeneration erzählt – ein warmherziges, grandioses und für mich unvergessliches Buch!

Noch einmal in die Abteilung historische Romane griff ich mit Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ – einer meiner Regalschlummerer, der schon länger bei mir wartete und für den jetzt endlich die richtige Zeit gekommen war. Preisgekrönt und mit einem zweifellos zeitlosen Thema: Wissenschaft und Glaube versus Aberglaube. Aktueller geht wohl kaum und doch spielt der Roman in Großbritannien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Perfekt in die Jahreszeit passte die Lektüre von Katherine May’s „Überwintern. Wenn das Leben innehält“, in welchem sie beschreibt, dass Menschen häufiger in ihrem Leben Phasen des Winters durchleben, der bei ihr im übertragenen Sinn für große Krisen, Umbrüche oder Schicksalsschläge im Leben steht. So schildert sie, wie man diesen Lebensphasen begegnen und was man sich hierfür auch aus der Natur und der Tierwelt abschauen kann. Anhand ihres Lebens zeigt sie beispielhaft auch Verhaltensweisen und Wege auf, um gesund bzw. gestärkt durch und aus dem Winter zu kommen. Positiv und wärmend gerade in diesen Zeiten!

Und wenn wir schon bei der Kälte sind: Lars Mytting’s zweiter Band der Schwesterglocken-Trilogie „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ ist erschienen, den ich nach „Die Glocke im See“ unbedingt sofort lesen wollte. Der Leser erfährt, wie es im norwegischen Gudbrandsdalen mit Pfarrer Schweigaard, der Glocke im See und der nächsten Hekne-Generation weitergeht. Ein ideales Winterbuch!

Viele Bücher, die mich wirklich begeistert haben und ein wirklich starker Lektüre-November, bevor es jetzt im Dezember auf die letzte Leseetappe im Jahr 2021 geht.

Seit langen gab es auch wieder einmal ein Hörerlebnis auf der Kulturbowle und nostalgische Gefühle kamen im November nicht nur bei der Neuauflage von „Wetten, dass“ mit Thomas Gottschalk, sondern eben auch beim Hören der brandneuen Hörspielproduktion des Theater Nikola Landshut von Edgar Wallace „Der Hexer“ auf – spannendes Theater für die Ohren auf CD und somit für die Couch zu Hause.

Zwei Bildungslücken im Filmbereich konnte ich auf ARTE mit den Klassikern „Tod in Venedig“ von Luchino Visconti und Alfred Hitchcock’s „Der unsichtbare Dritte“ schließen. Als ebenso sehenswert habe ich jedoch den deutschen Fernsehfilm „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ (2021) empfunden, der für den 3sat-Publikumspreis nominiert war und die Anfänge der friedlichen Revolution in Leipzig Ende der Achtziger Jahre aus der Sicht eines jungen Paares beschreibt, das sich zunächst in einer Umweltgruppe engagiert und sich unter dem Schutz der Kirche gegen die Umweltverschmutzung und die Zerstörung der Natur einsetzt. Bis zum 20.02.2022 ist der Film noch in der 3sat-Mediathek verfügbar.

Ein wunderschöner Höhepunkt diesen Monat war auch mein Losglück und der damit verbundene Gewinn auf Manuela Mordhorst’s schönem Blog, der mir ein goldenes Glänzen in Form einer wunderschönen Kunstkarte nach Hause zauberte. Hier seht Ihr das Prachtstück, das ich persönlich viel zu schade zum Versenden finde und das daher demnächst gerahmt einen Platz in meinem Zuhause finden wird. Nochmals vielen lieben Dank, Manuela! Und daher mache ich jetzt ausnahmsweise sehr gerne auch einmal unbezahlte *Werbung* für Manuela Mordhorst’s Kunstblog, dem es sich aufgrund ihrer eindrucksvollen – meist von der Natur inspirierten – Gemälde in prachtvollen Farben zu folgen lohnt, und für ihren Shop, in welchem man neben diesen glanzvollen Karten auch kleinere Gemälde erwerben kann.

Karte: Manuela Mordhorst; Foto: Kulturbowle

Und so bot der November trotz aller schlechten und traurigen Nachrichten sowie all der grauen Tage doch auch Schönes und so manchen Lichtblick, auch wenn es kulturell wieder eine schwierige Zeit werden wird.

Was bringt der Dezember?
Viel Zeit zu Hause, Kontakte reduzieren, lange Winterspaziergänge, gutes Essen und gute Bücher. Plätzchen essen, Adventsstimmung mit Kerzenlicht und schöner Musik schaffen und hoffen, dass die Corona-Maßnahmen greifen und sich die Lage in den Krankenhäusern hoffentlich wieder verbessert.

Zu meinem Heimattheater werde ich über den Adventskalender auf der Homepage des Landestheater Niederbayern Verbindung halten, der hinter den 24 Türchen Einblicke ins Theatergeschehen und hinter die Kulissen gewährt.
Zudem gibt es als Weihnachtsüberraschung einen Krimipodcast des Theaters – „Flashback“ – in drei Folgen, die jeweils an den Weihnachtsfeiertagen (25. / 26. und 27. Dezember 2021) freigeschaltet werden. Spannend!

Im ARTE-Programm habe ich eine interessante Dokumention über Albrecht Dürer entdeckt, die ich mir vorgemerkt habe: „Dürer“ wird am Samstag, den 4. Dezember um 20.15 Uhr auf ARTE ausgestrahlt.

Das Bücherregal ist – wie unschwer zu erahnen ist – gut gefüllt und hält auch wieder viel Schönes für lange Leseabende bereit.

Ich wünsche Euch einen ruhigen, besinnlichen und vor allem gesunden Dezember sowie eine schöne Adventszeit. Für Weihnachtswünsche ist es noch zu früh. Macht das Beste aus der Situation, passt auf Euch auf und bleibt zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight November:
Bevor die klassische Lebkuchen und Plätzchen-Zeit begonnen hat, gab es dennoch seelentröstendes Gebäck – einen Hauch Skandinavien und etwas Hygge für zu Hause: selbstgebackene Zimtschnecken. Für eine schwedisch inspirierte Fika (Pause) mit Kaffee oder Tee sind Zimtschnecken der ideale Begleiter.

Musikalisches im November:
Der Advent hat dieses Jahr bereits im November begonnen und somit gab es auch schon das erste Adventskonzert im Fernsehen, welches ich traditionell gerne ansehe und zwar das aus der Dresdner Frauenkirche. Leider pandemiebedingt wieder ohne Publikum in der Kirche, dafür mit sehr schöner Musik von Sopranistin Katharina Konradi, Tenor Jonathan Tetelman, Pianist Lang Lang, Organist Samuel Kummer, dem Dresdner Kreuzchor, sowie dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Petr Popelka. Besonders faszinierend und für mich neu war der Psalm 24 „La terre appartient à l’Eternel“ der Komponistin Lili Boulanger und sehr berührend auch das von Katharina Konradi gesungene „Pie Jesu“ aus Gabriel Fauré’s „Requiem“ zum Gedenken an die durch Corona Verstorbenen.
In der ZDF Mediathek ist das Konzert noch bis zum 28.05.2022 kostenlos abrufbar.

„Kann man überhaupt jemals genug Erinnerungen haben?“

(aus Raynor Winn „Der Salzpfad“ – S.309)

Theater für die Ohren

Leider scheint auch dieser zweite Pandemiewinter für die Kulturschaffenden und Kulturbegeisterten wieder ein schwieriger zu werden. Auch für Theaterbegeisterte und leidenschaftliche Theatergruppen und -vereine wie das Theater Nikola Landshut sind dies herausfordernde Zeiten. War und ist es doch schwierig, in den vergangenen Monaten und aktuell einen Probenbetrieb und die Aufführungen vor Publikum zu organisieren und aufrecht zu erhalten. Und doch trotzen sie mit neuen Konzepten und Ideen sowie der ungebrochenen Passion fürs Theater, die ich in den letzten Jahrzehnten schon oft in grandiosen Live-Aufführungen erleben durfte, diesen Schwierigkeiten. Mit der brandneuen Hörspielproduktion von Edgar Wallace’s „Der Hexer“ hat das Ensemble jetzt wieder einen neuen, kreativen Weg beschritten und am 15. November 2021 eine Hörspiel-CD veröffentlicht: quasi Theater für die Ohren und ein spannendes Stück für den Kultur- und Krimigenuss zu Hause.

Bei Edgar Wallace „Der Hexer“ startet bei den meisten wohl sofort das Kopfkino und die Schwarz-Weiß-Filmklassiker aus den Sechzigern flimmern vor dem geistigen, inneren Auge vorbei. Seine Werke wurden in Deutschland vor allem durch diese legendären Filmproduktionen bekannt. Dass Edgar Wallace (1875 – 1932) nicht nur Schriftsteller und „Erfinder des modernen Thriller“ (Zitat: Wikipedia), sondern auch Journalist, Drehbuchautor und Dramatiker war und neben 175 Büchern auch 15 Theaterstücke verfasste, ist schon nicht mehr so bekannt.

Über den Inhalt des „Hexers“ möchte ich eigentlich nichts verraten. In aller Kürze: eine spannende Kriminalhandlung, ein raffinierter Verbrecher, der vermeintlich totgeglaubt in England sein Unwesen treibt und Scotland Yard an der Nase herumführt.

Das Stück bietet zahlreiche Rollen, die durch die Vereinsmitglieder grandios und ausdrucksstark eingesprochen wurden – in Kombination mit kurzen Musikeinspielungen zwischen den Kapiteln und Soundeffekten, für welche Florian Rödl verantwortlich zeichnet, macht dieses Hörspiel in einer neuen Fassung von Thomas Ecker, der auch Regie führte, großes Vergnügen und sorgt für einen Abend voller Gänsehautmomente auf der heimischen Couch.

Reinhart Hoffmann führt als abgeklärter Erzähler durch die Handlung, Rudolf Karl gibt einen herrlich poltrigen und düsteren Maurice Messer, Thomas Ecker einen mysteriösen Dr. Lomond, Aaron Jungblut-Klemm überzeugt als jugendlicher Liebhaber und Ermittler Inspector Wembury, der sich – unterstützt von zahlreichen weiteren Kollegen, die ebenfalls bis in die kleineren Rollen ausnahmslos großartig besetzt sind – auf die Suche nach dem Hexer macht. Sein Herz hat er an die zarte, mädchenhafte Mary Lenley – alias Sabine Hoffmann – verloren. Ina Lehmann spricht als Cora Ann Milton – die herrlich schnippisch-verruchte Witwe des Hexers – die zweite Frauenrolle im Stück. Mathias Paintner gibt einen wütend-ungeduldigen Inspector Bliss und Bernd Stindt den souverän-erfahrenen Oberst Wolford.

Die Freude, welche die Mitwirkenden an dieser Produktion hatten, hört man in jeder Minute ebenso wie die Lust an Spiel, Sprache und Intonation, die individuelle Note, welche jedem der Charaktere eine besondere Klangfarbe und einen unverwechselbaren Ausdruck gibt.

Für jemand – wie in meinem Fall – der die Projekte der Theatergruppe schon lange verfolgt und bereits zahlreiche Vorstellungen besucht hat, ist es interessant zu erleben, wie sofort beim Erklingen der Stimmen auch die Gesichter der jeweiligen Schauspieler vor dem inneren Auge auftauchen. Doch das Hörspiel steht für sich, ist hochprofessionell produziert und macht sicherlich auch Hörspielfans Freude, welche das Ensemble bisher nicht kennen.

Mir bescherte diese Aufnahme einen stimmungsvollen, gemütlichen, ein wenig nostalgischen und spannenden Abend zu Hause und ich fühlte mich blendend unterhalten. Ein herrliches, kurzweiliges Krimivergnügen und so kann ich mich dem Werbespruch, welchen der Verlag für die Edgar Wallace-Krimis verwendete, nur anschließen:

„Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“

Vor allem dann nicht, wenn er mit so viel Herzblut und Leidenschaft erfrischend neu interpretiert wird, wie es bei dieser Neueinspielung der Fall ist.
Im aufwendig und ansprechend gestalteten Booklet, das der CD beiliegt, erfährt man einiges zum Autor Edgar Wallace, dem Stück selbst bzw. der Geschichte des „Hexers“ und zum Theater Nikola Landshut.

Das Theater Nikola wurde 1975 gegründet und hat seitdem in unzähligen Stücken das Landshuter Publikum begeistert. In der Regel gibt es jeweils eine Frühjahrs- und eine Herbstproduktion, die nahezu alle Schauspielgenres von großen Klassikern über Komödien, Gruselstücken bis hin zur Commedia dell’arte abdecken. Zudem wirken die Mitglieder des Vereins auch als Komödianten bei der Landshuter Fürstenhochzeit mit. Neben historischen Stadtführungen, die sich großer Beliebtheit erfreuen, nun also das erste Hörspiel „DER HEXER aus Good Old Lower Bavaria“, wie es der Homepage des Vereins zu entnehmen ist.

Vielleicht gibt es ja auch in Eurem Umfeld ähnliche Initiativen oder Vereine, die mit viel Herzblut und persönlichem Einsatz in ihrer Freizeit ähnliche Projekte auf die Beine stellen – ein Engagement, das man unbedingt unterstützen sollte. Schließlich wollen wir diese Vielfalt und kulturellen Erlebnisse auch noch und wieder genießen können, wenn es wieder möglich sein wird.

Daher möchte ich heute an dieser Stelle einmal mehr allen Theatervereinen, Musikgruppen, Orchestern, Chören und allen Kulturschaffenden und -begeisterten erneut das nötige Durchhaltevermögen sowie die notwendige Unterstützung wünschen und freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen in hoffentlich gut besuchten und unvergesslichen Live-Vorstellungen.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Hörspiel auf der Seite des Theater Nikola Landshut e.V..

Information:
Edgar Wallace, Der Hexer
Hörspielfassung und Regie: Thomas Ecker
Theater Nikola Landshut e.V. und Florian Rödl Multimedia
Laufzeit: 79 Minuten

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Edgar Wallace’s „Der Hexer“:

Für den Gaumen:
Eine Tasse Tee oder ein Glas Wein und es sich einfach mal gemütlich machen – das Hörspiel wirklich als Theaterstück für die Ohren bewusst genießen und zelebrieren – eine schöne Alternative zum herkömmlichen Fernsehabend.

Zum Weiterhören (I):
Für alle, die es jetzt in der Weihnachtszeit doch etwas besinnlicher mögen, gibt es eine Weihnachtsgeschichte, welche das Theater Nikola Landshut letztes Jahr aufgenommen hat und die auf YouTube kostenlos für Jedermann zu hören ist: Das Geschenk der Weisen“ – eine Weihnachtsgeschichte von O.Henry, die einen Vorgeschmack geben kann, wie professionell und mit wie viel Herzblut das Ensemble sich jetzt auch dem Hörspielgenre gewidmet hat. 12 Minuten, in welchen man sich bei adventlicher Stimmung einfach mal eine Geschichte erzählen lassen und diese genießen kann – ein Geschenk.

Zum Weiterschauen:
Bekannt ist „Der Hexer“ – wie viele andere Edgar Wallace-Klassiker – natürlich vor allem durch die kultigen Schwarz-Weiß-Verfilmungen aus den Sechziger Jahren mit Joachim Fuchsberger, Heinz Drache, Eddi Arent, Siegfried Lowitz usw.
Laut der Homepage des ZDF wird am 02. Januar 2022 „Der Hexer“ um 02:25 Uhr auf ZDF Neo ausgestrahlt – das Video soll am 02. Januar 2022 ab 10:00 Uhr verfügbar sein – wie wär`s mit etwas Kultkino aus dem Jahr 1964 zu Hause zum Start ins neue Jahr?

Zum Weiterhören (II):
Wer auf den Geschmack von Hörspielen gekommen ist, findet beim Bayerischen Rundfunk (Bayern 2) einen großen Hörspielpool, der viele kostenlose Podcasts anbietet, so zum Beispiel derzeit auch sechs Krimi-Hörspiele mit Kommissar Maigret nach Georges Simenon, welche in den Sechziger Jahren mit großartigen Sprechern wie z.B. Rolf Boysen und Fritz Straßner aufgezeichnet wurden. Sie dauern jeweils ca. eine Stunde und sind auf nostalgische Weise wunderbar unterhaltsam.

Oktoberbowle 2021 – Atempause und Herbstleuchten

Der Oktober war in weiten Teilen wirklich ein goldener und verwöhnte uns mit zahlreichen Sonnenstunden und bunt gefärbten Blättern: ein Monat zum Genießen, Durchatmen und Energie tanken. Lange Herbstspaziergänge, emotionaler Operngenuss und gute Lektüre – dieser Monat zeigte sich von seiner besten Seite.

Auch kulturell war einiges geboten, denn in Landshut durfte ich im Oktober gleich zwei Premieren von wahren Opern-Klassikern erleben: Mozarts „Die Zauberflöte“ und Puccini’s „Madama Butterfly“ – live im Theater – ließen mein Herz als Opernfan höher schlagen.

Stimmungsvoll war auch das „Orgelkonzert bei Kerzenschein“ im Moosburger Münster St. Kastulus mit Werken von Johann Sebastian Bach, Felix Alexandre Guilmant und Ad Wammes: eine von Kerzen erhellte Kirche und feierliche Orgelmusik – ein schönes und besinnliches Konzerterlebnis der anderen Art.

Auch die Lektüre im Oktober war bunt – wie die farbigen Blätter an den Bäumen:
Den Auftakt bildete Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“ – ein emotionaler und berührender Roman über das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Die österreichische Autorin erzählt die Geschichte der Zwillingsschwestern Sarah und Sophie, die auch angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung einer der beiden Kraft und Trost aus gemeinsamen Kindheitserinnerungen schöpfen.

Tragisch und turbulent war auch das Leben der legendären Tänzerin Isadora Duncan, welches Michaela Karl in der neuen Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“ erzählt. Die Geschichte eines der ersten weiblichen Weltstars während der Belle Epoque, welche durch ihren innovativen und eigenwilligen Stil die Welt des Tanzes revolutionierte und als Vorreiterin des Modern Dance gilt.

Ein kleiner, feiner Band aus der Insel Bücherei eröffnete mir Einblicke in „Max Liebermanns Garten“ (herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gloria Köpnick und Rainer Stamm) – mit zahlreichen Gemälden des Künstlers, welche in seinem Sommerhaus am Wannsee entstanden sind und zugehörigen Erläuterungen. Seit 2006 ist die Villa als Museum zugänglich, das ich bei Gelegenheit auch einmal gerne besuchen würde.

Mit Hans Fallada’s Roman „Wir hatten mal ein Kind“ stand eine klassische Rügen-Lektüre auf meinem Programm. Mit ca. 600 Seiten und einer Hauptfigur, mit der ich persönlich nicht warm wurde, eine fordernde Lektüre, die jedoch aufgrund der Stilistik und treffenden Personen- und Milieubeschreibungen dennoch lohnenswert war.

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Ausstellung und das Sachbuch „Sacrow – Das verwundete Paradies“ von Jens Arndt. Anhand des wunderschönen Ortes an der Havel, dem Schloss und der Heilandskirche wird die deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte intensiv erfahrbar. Von der preußischen Monarchie über beide Weltkriege, das NS-Regime und die Teilung Deutschlands, den Mauerbau und die Wiedervereinigung hinweg – Sacrow symbolisiert wie kaum ein anderer Ort die wechselvolle, deutsch-deutsche Geschichte.

Ein völlig anderer Schauplatz erwartete mich bei Santo Piazzese’s Kriminalroman „Blaue Blumen zu Allerseelen“: Palermo, die Hauptstadt Siziliens. Commissario Spotorno ermittelt dort in mehreren Mordfällen und unweigerlich auch bald im Milieu der organisierten Kriminalität.

Noch einmal ein geschichtsträchtiger Ort und ein großer Name: „Adlon“Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers eines der wohl berühmtesten deutschen Hotels erzählt die Geschichte seiner Familie. Spannend, hochinteressant und kurzweilig zu lesen – ein wahres Familienepos, das man sich so kaum ausdenken könnte.

Ein bunter Lektüre-Strauß im Oktober: mit Roman, Sachbuch, Biografie, Kriminalroman, Familiengeschichte und einem Klassiker waren wirklich viele unterschiedliche Genres vertreten.


Was bringt der November?

Die Tage werden rasant kürzer und die langen Abende laden dazu ein, es sich mit einem guten Buch und einem Getränk auf der Couch gemütlich zu machen. November ist Schmökerzeit und ich habe große Lust, mich literarisch in andere Zeiten und Länder entführen zu lassen. Vielleicht ist jetzt auch wieder mal die richtige Gelegenheit für einen schönen, historischen Roman – es liegt so einiges Verlockendes auf meinem Lesestapel bereit – ich werde berichten.

Zudem freue ich mich auf eine weitere Opernpremiere in meinem Heimattheater: Auch Gaetano Donizetti’s „Roberto Devereux“ wird mich in eine andere Welt – ins London des Jahres 1601 – versetzen. Ich bin schon sehr gespannt.

Zudem habe ich auch Lust, mir wieder mal einen guten Film im Fernsehen anzusehen – auf ARTE steht am Sonntag, den 14. November um 20.15 Uhr zum Beispiel Hitchcock’s Klassiker „Der unsichtbare Dritte“ mit Cary Grant auf dem Programm. Das wäre doch etwas.
Oder doch wieder mal ein Hörspiel oder Hörbuch?
Ihr seht, auch die dunkle Jahreszeit bietet unzählige Möglichkeiten…

Ich wünsche Euch einen gemütlichen und entspannten November – macht es Euch schön, schafft Euch stimmungsvolle Momente und genießt das, was der Däne als „Hygge“ bezeichnen würde: eine Kerze anzünden, in die Decke kuscheln, eine Tasse Tee, guten Lesestoff oder Musik…

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Oktober:

Herrlich in diesen farbenfrohen Herbstmonat passte für mich heißer Sanddornsaft – wärmend und vitaminreich. Dazu die intensive Farbe im Glas – meine herbstliche, kulinarische Entdeckung in diesem Monat.


Musikalisches im Oktober:
In Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“ begegnet man der fünften Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy – der Reformationssinfonie. Musikalisch trifft sich das gut in dem Monat, in welchem auch der Reformationstag am 31. gefeiert wird.

Der Herbst

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen
Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

Die Zweig‘ und Äste durch mit frohem Rauschen
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

(Friedrich Hölderlin)

Gefühlvoller Schmetterling

Ganz große Oper – in jeder Beziehung – durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben. Die Premiere von Giacomo Puccini’s weltberühmter Oper „Madama Butterfly“ in Landshut war ein ganz besonderer und sehr emotionaler Abend, der mir wohl unvergessen bleiben wird.

Wenn vor einer Vorstellung – und schon gar bei einer Premiere – der Intendant die Bühne betritt, verheißt das meist nichts Gutes: In diesem Fall informierte er das Publikum, dass die Hauptdarstellerin des Abends Yitian Luan die Rolle der Butterfly Cio-Cio-San an diesem Abend aus gesundheitlichen Gründen leider nicht würde singen können. Doch der lange herbeigesehnte Premierenabend konnte dennoch gerettet werden, da mit Elizabeth Caballero, welche derzeit die Rolle an der Oper Stuttgart singt, kurzfristig ein hochkarätiger Ersatz gewonnen werden konnte.

Emotional war aber auch die Tatsache, dass die Niederbayerische Philharmonie zum ersten Mal seit März 2020 wieder vollzählig im Orchestergraben Platz nehmen und so die Zuschauer wieder in den Genuss des vollen Puccini-Orchester-Klangs kommen konnten. Bisher hatte man sich im Musiktheater während der Pandemie mit reduzierten Instrumentierungen und kleineren musikalischen Formationen beholfen.

Die Geschichte von Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ ist wohl weitestgehend bekannt – daher nur in Kürze: Ein amerikanischer Offizier geht während seiner Stationierung in Japan eine „Ehe auf Zeit“ mit der Geisha Cio-Cio-San ein. Sie verliebt sich unsterblich in ihn – obwohl dies für sie bedeutet, aus der Familie und japanischen Gesellschaft verstoßen zu werden – doch für ihn ist im Geheimen immer klar, dass er eines Tages eine amerikanische Frau heiraten wird. Er verlässt sie und sie wartet Jahr um Jahr darauf, dass er zu ihr und ihrem Sohn – von dem er nichts weiß – zurückkehrt. Bei seiner Rückkehr Jahre später bringt Pinkerton nicht den Mut auf, ihr gegenüber zu treten, sondern lässt ihr übermitteln, dass er den gemeinsamen Sohn mit nach Amerika nimmt, um ihm dort mit seiner Ehefrau eine bessere Zukunft zu bieten. So verliert Cio-Cio-San alles: ihren Geliebten, ihre Ehre und ihr Allerliebstes – ihren Sohn – und nimmt sich verzweifelt das Leben.

Großartig war die einfallsreiche und stimmige Inszenierung von Amir Hosseinpour und Jonathan Lunn, welche die bekannte Opernhandlung umrahmten: So tritt gleich zu Beginn – aber auch als roter Faden während des Stücks – der gemeinsame Sohn von Cio-Cio-San und Pinkerton „Dolore“ immer wieder auf die Bühne, der im New York der Fünfziger Jahre die „Butterfly Bar“ betreibt und sich nun anhand von Erinnerungsstücken mit der schmerzhaften Vergangenheit und Geschichte seiner Mutter auseinandersetzt. Ausdrucksstark rezitiert Uli Kirsch als Dolore aus Gedichten Rilke’s (in englischer Fassung) und überzeugt durch expressive Tanzszenen.

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke)

Die beiden Welten, die im Stück aufeinanderprallen: Japan und Amerika hat die Ausstatterin Andrea Hölzl, die für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, hervorragend umgesetzt. So mischt sie die asiatischen Elemente (in Form von farbenprächtigen Kimonos und Kostümen) in kräftigem Rot mit amerikanischen Anklängen, die an Andy Warhol erinnern – die Bar, die Cola-Dosen, das Petticoat-Kleid – Cio-Cio-San ist auch durch die unterschiedlichen Kostüme schon in ihrer Zerrissenheit zwischen japanischer Heimat und dem amerikanischen Geliebten, für den sie alles aufgibt, erkennbar.

Musikalisch war es ein Genuss, wieder vollen Orchesterklang hören zu dürfen und Puccini’s Oper ist dafür geradezu prädestiniert. Dirigent und GMD Basil H.E. Coleman durfte so endlich wieder einmal aus dem Vollen schöpfen.
Jeffrey Nardone gibt einen stimmlich kraftvollen Pinkerton und auch Kyung Chun Kim überzeugt als US-Konsul Sharpless mit seinem warmen Bariton. Reinhild Buchmayer singt eine gefühlvolle Suzuki, die vor allem auch im Blumenduett wunderbar harmoniert.

Der Star und Retterin des Abends war aber die quirlige, lebendige und stimmlich grandiose Elizabeth Caballero, die sich als kurzfristiger Ersatz und Gast hochprofessionell in die Inszenierung einfügte, schauspielerisch überzeugte und gesanglich wirklich glänzen konnte. Die schwere Partie der Cio-Cio-San meisterte sie mit einer souveränen Leichtigkeit und einer großen Variabilität im Ausdruck. Das Premierenpublikum war begeistert und bedankte sich mit tosendem Applaus.

Eine fulminante, umjubelte Premiere, die das Publikum berührte und im wahrsten Sinne des Wortes „ganz große Oper“ bescherte. Wieder einmal wurde klar, was in den vergangenen Monaten gefehlt und warum man dies vermisst hat.

So gehen am Ende noch beste Genesungswünsche an Yitian Luan, die hoffentlich in weiteren Vorstellungen ebenfalls in den Genuss kommen wird, das niederbayerische Publikum als Butterfly zu begeistern.

Gesehen am 22. Oktober 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Madama Butterfly“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Madama Butterfly“:

Zum Weiterhören:
Wer jetzt Lust auf die Oper bekommen hat und ein wenig hineinhören möchte, kann das zum Beispiel wunderbar mit der Arie der Butterfly „Un bel di vedremo“ tun. Zu den bekanntesten Interpretationen gehört sicherlich die von Maria Callas.

Zum Weiterlesen (I):
Eine schöne Möglichkeit, sich lesend und literarisch mit Giacomo Puccini zu beschäftigen, ist Helmut Krausser’s Roman „Die kleinen Gärten des Maestro Puccini“. Dem Autor ist es für meinen Geschmack hervorragend gelungen, biografische Elemente zu einem spannenden und sehr unterhaltsamen Roman zu verweben.

Helmut Krausser, Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
Dumont
ISBN: 978-3832179892

Zum Weiterlesen (II):
Madama Butterfly ist wohl eine, wenn nicht die bekannteste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Mythos der japanischen Geisha. Für mich unvergessen bleibt jedoch auch meine Lektüre des Romans von Arthur Golden „Die Geisha“, der 1997 erschien und den ich wohl kurz nach der Jahrtausendwende als englische Originalversion („Memoirs of a Geisha“) geliehen bekam und verschlungen habe.

Arthur Golden, Die Geisha
Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege
Penguin
ISBN: 978-3-328-10045-4

Nel blu dipinto di blu

Einen blauen, zauberhaften und gut gelaunten Abend durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern bei der neuen Italo-Pop-Revue „Azzurrodue“ von Stefan Tilch mit den „I Dolci Signori“ verbringen. Italienische Musik vom Feinsten sorgte für Urlaubsstimmung und Tanzlaune, so dass die Theaterbesucher für ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen konnten.

Dass die Deutschen eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Urlaubsland Italien haben, war bereits das Erfolgsrezept des ersten Italo-Pop-Musicals „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte und mit dem sich die Band „I Dolci Signori“ seitdem in die Herzen vieler Besucher in ganz Deutschland gespielt hat.

Dieser Kassenschlager und die Geschichte um den italienischen Musiker Rocky, seine große Liebe Frauke aus Gelsenkirchen und all die herrlichen Vorurteile und Klischees in den deutsch-italienischen Beziehungen, schreien also geradezu nach einer Fortsetzung. Und da ist sie: „Azzurrodue“ erzählt, was nach „Azzurro“ geschah: Die Beziehung von Frauke und Rocky ist nicht immer einfach: Frauke hat Heimweh nach Deutschland, ihre grandiosen Geschäftsideen sind in Italien nur mäßig erfolgreich und auch Rocky kann von seiner Musik mehr schlecht als recht leben, so dass die beiden immer noch mit Nonno, Mamma und der ganzen Großfamilie unter einem Dach hausen. Als dann plötzlich ein Kreuzfahrtschiff – die MS Steinkohle (der ganze Abend ist ein einziges großes Augenzwinkern) – im Hafen von Bari ankert und einen Musikwettbewerb mit lukrativem Preisgeld ausschreibt, scheint die Lösung naheliegend zu sein: Rocky, sein bester Freund Gianni und Frauke schmuggeln sich als blinde Passagiere an Bord.

Jetzt ist es an Frauke, den Traumschiff-Kapitän – Johann Anzenberger liefert wirklich eine erstklassige Florian-Silbereisen-Parodie ab – zu becircen, dass die Band am Wettbewerb teilnehmen darf. Doch die Lokalmatadoren – eine Mallorca-Ballermann-Band – scheinen keine Konkurrenz neben sich zu dulden. Und so bleibt Rocky und Gianni erst einmal nichts anderes, als das Deck zu scheuern, Zumba-Stunden als Animateure zu übernehmen und zu schuften.

Viel Wirbel an Bord, Kreuzfahrttouristen wie aus dem Bilderbuch und Beziehungsstress – dass die chaotisch-komische Rahmenhandlung dieses Mal vielleicht nicht unbedingt den größten Tiefgang – um im Seefahrerjargon zu bleiben – aufweist, gerät bei all der fantastischen Musik und den schwungvollen Choreographien von Sunny Prasch ohnehin schnell in den Hintergrund und tut dem furiosen Vergnügen wirklich keinerlei Abbruch.

Und so kommt das Publikum in den Genuss von großartiger italienischer Musik quer durch mehrere Jahrzehnte: von Lucio Dalla und Adriano Celentano über Al Bano und Romina Power, Toto Cotugno, Gianna Nannini, Eros Ramazzotti bis zu Jovanotti und Nek – um nur einige zu nennen. Der Italo-Sound ist vollkommen authentisch, absolut mitreißend und die Stimme von Rocky Verardo als Leadsänger und Hauptdarsteller wunderbar – und teils unglaublich nah an den Originalen. Kein Wunder, dass das Publikum schon bald mitswingt, mitsingt und mittanzt.

Das variable Bühnenbild, das mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist, zaubert ebenso Urlaubsstimmung auf die Bühne, wie die komödiantischen Einlagen und schnellen Kostümwechsel von Johann Anzenberger, der als Mamma, Olli, Traumschiffkapitän, Heino und, und, und … wieder ein regelrechtes Feuerwerk an Parodien, Komik und Witz zünden darf.

Bei allem Klamauk, gelingt aber auch ein nachdenklicher und stiller Moment im Stück, der mit einer getragenen Interpretation des traditionellen „Bella Ciao“ unter die Haut geht und sich bei mir besonders ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Sunny Prasch hat für das Ensemble schwungvolle und fröhliche Choreografien gestaltet, die man gerne mittanzen möchte – zauberhaft auch die von Fred Astaire angehauchte Schirm-Choreografie zu „Volare“.

Die Liste der großartigen Songs aus „Azzurrodue“ wäre zu lang, um alle zu nennen und auch die Auswahl meiner persönlichen Höhepunkte festzulegen ist schwierig, aber ein paar Beispiele seien dennoch genannt: beginnend mit „Piazza grande“ und den Klassikern „L’italiano“ (vielleicht auch bekannt durch die erste Zeile „Lasciatemi cantare…“) und „Bello e impossibile“, mochte ich auch die Interpretation von „Almeno stavolta“ (Nek) und den Ramazzotti-Songs („Le cose della vita“ und „Adesso tu“) sehr gern. Aber auch das neu fürs Stück komponierte Stück von Frontmann Rocky Verardo „Nave della libertà“ ist ein richtiger Ohrwurm.

Der Star des Abends ist also ganz klar die Band und die Musik, die mitreißt und das Publikum von den Sitzen lockt – kein Wunder, dass getanzt und gesungen wird, der Applaus am Schluss nicht enden will und noch mehrere Zugaben gefordert werden.

Fortsetzungen oder zweite Teile nach großen Erfolgen haben es meist nicht leicht, doch „Azzurrodue“ bietet dem Theaterpublikum erneut die wunderbare, unbeschwerte Möglichkeit, sich einen Abend lang nach Italien und in die Welt der Musik entführen zu lassen, dabei zu tanzen, die liebgewonnenen Bekannten aus „Azzurro“ (Rocky, Gianni, Frauke, Mamma, Nonno usw.) wiederzutreffen und die Alltagssorgen einfach einmal zu vergessen. Einfach mal azzurro bzw. blau machen – einen Theaterbesuch lang.

Gesehen am 25. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Azzurrodue“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Azzurrodue“:

Für den Gaumen:
Zwar verschmähen die Familienmitglieder in der Inszenierung die feinen, frisch gekochten Spaghetti der Mamma, aber ein schöner Teller Pasta passt wirklich hervorragend zu diesem italienisch inspirierten Theaterabend.

Zum Weiterhören oder Weiterschauen:
Am Anfang war die Band: Die „I Dolci Signori“ – die seit 2002 live gemeinsam unterwegs sind – sind das Herzstück der Inszenierung und Stefan Tilch hat mit „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte, und „Azzurrodue“ das Repertoire der Italo-Pop-Band jeweils inhaltlich verbunden und in eine Geschichte bzw. Rahmenhandlung eingeflochten. Im Anschluss an die erfolgreichen und umjubelten Aufführungen im Landestheater Niederbayern, tourt die Band mit beiden Revuen auch durch Deutschland (wer möchte, findet die Termine auf der Homepage der Band und kann dort auch in Hörproben ihrer bisher erschienenen CDs reinhören).

Zum Weiterlesen:
Da „Azzurrodue“ ja auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, fällt auch eine kurze Anspielung auf „Novecento“ und „die Legende vom Ozeanpianisten“. Musiker auf einem großen Passagierschiff zu sein – das ist hier die Parallele. Der italienische Klassiker aus dem Jahr 1994 ist von Alessandro Baricco ursprünglich als Monolog und Theaterstück angelegt.

Alessandro Baricco, Novecento
Übersetzt von Karin Krieger
Atlantik Verlag
ISBN: 9783455650846

Septemberbowle 2021 – Sonnenstrahlen und Lebensgeister

Der September verwöhnte uns mit Wärme, hellen, freundlichen und sehr sonnigen Tagen und so kamen tatsächlich noch einmal Sommergefühle auf. Noch einmal Sonnenstrahlen auf die Nase scheinen lassen und die Zeit im Freien genießen – all das weckte die Lebensgeister ebenso wie der Beginn der neuen Theaterspielzeit und die zunehmenden kulturellen Möglichkeiten.

Die neue Spielzeit des Landestheater Niederbayern startete mit einem Vorgeschmack auf das Programm 2021/2022 im Rahmen einer Spielplanshow, die in einer Art „Best of“ in kurzen Szenen von einigen Minuten jeweils einen Eindruck in die Schauspiele, Opern und Musicals gab, auf die man sich in dieser Saison freuen darf. Da ist sehr viel Spannendes und Schönes dabei und schon die erste Premiere „The King’s Speech“ konnte mich gleich hellauf begeistern.
Zudem werde ich wohl mit einiger Sicherheit auch bald vom neuen Italo-Pop-Musical „Azzurrodue“ berichten, das ebenfalls im September in Landshut Premiere feiern durfte – ein Abend mit grandioser Musik und guter Laune pur!

Auch im Filmbereich habe ich für mich Neues entdeckt: „Yesterday“ – ein liebenswerter, feiner Film mit einer witzigen Idee: Stell Dir vor, Du erwachst und bist der einzige Mensch auf der Welt, der noch weiß, wer die „Beatles“ sind und ihre Lieder kennt. Eine schöne Erinnerung an tolle Musik und kurzweilige Unterhaltung.

Überhaupt war der September ein sehr musikalischer Monat: Mit einem besuchten Livekonzert von „Evi Keglmaier und Johannes Öllinger“ im Rahmen des Landshuter Kulturfestivals, der Oper „Turandot“ aus St. Margarethen im Fernsehen und dank des 3Sat-Mitschnitts der „Last Night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall.

Zudem war der September auch ein Monat des Gedenkens:
Am 11. September jährte sich 9/11 zum zwanzigsten Mal. Die berühmte Kugelkaryatide des Landshuter Künstlers Fritz Koenig, die vor dem World Trade Center stand, überstand den Anschlag – zwar verletzt und beschädigt – und wurde zum Mahnmal: Ein Anlass für das Landshuter Koenigmuseum vom 11.09.2021 – 11.02.2022 die Ausstellung „9/11 und die Koenig Kugel“ zu zeigen.
Sehenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Dokumentarfilm vom Percy Adlon „Koenigs Kugel“ und auch der Bayerische Rundfunk widmete der Kugel eine neue Sendung „Koenigs New Yorker Kugel – Eine Skulptur wird zu Symbol“, die noch bis zum 09.09.2022 in der BR Mediathek zu sehen ist.

Aufgrund des behutsam wieder zurückkehrenden Alltags, der zunehmenden Möglichkeiten, des Auskostens des fantastischen Wetters und der schönen Liveerlebnisse im Theater, blieb dann auch etwas weniger Zeit für die Buchlektüre übrig.

Doch der September hat dennoch eine schöne, literarische Mischung für mich bereitgehalten:
Ein Krimi so richtig nach meinem Kulturbowle-Geschmack war Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“, der ein wahres Feuerwerk an Querbezügen zu Kunst, Malerei, Musik, Film und Literatur zündete. Der zweite Fall um Peter Falcon wurde so für mich zur inspirierenden und äußerst unterhaltsamen Krimilektüre, die bei mir die Lust weckte, auch den ersten Fall auf meine Leseliste zu setzen. Ein kreativer und künstlerischer Krimi, den ich einmal angefangen kaum noch weglegen konnte.

Ein weiterer Krimi, der sich ebenso wohltuend von den üblichen Mainstream-Krimis von der Stange unterscheidet, ist Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“, in dem sie zum ersten Mal die „gnä’ Frau“ Ehrenstein ermitteln lässt. Wien in den wilden Siebziger Jahren und die feine Dame aus noblem Hause ermittelt aus Langeweile auf eigene Faust in einem Mordfall. Wer Wien liebt, gerne komödiantisch-witzige und unblutige Krimis mit leicht verschroben-schrägen Figuren und der gehörigen Portion „Schmäh“ mag, der kann mit diesem Buch – wie ich – amüsante Krimistunden verbringen.

Ein leuchtend gelber Umschlag und ein Titel, der mich aus verständlichen Gründen, regelrecht anspringt: An Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“ konnte ich also quasi gar nicht vorbei und habe es auch keine Sekunde bereut. Ich mochte schon „Baba Dunjas letzte Liebe“ sehr und auch der neue Roman der Autorin ist ein besonderes Leseerlebnis. Große Gefühle, feine Beobachtungen, eine unverwechselbare Hauptfigur und eine famose Mischung aus Tragik und Komik, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Witz und Tiefgang gepaart mit großer Menschlichkeit – herzerwärmend!

Eine intensive und lange nachklingende Lektüre war ein Roman aus dem Jahr 1937, der jetzt wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Theodor Wolff „Die Schwimmerin“. Ein vielschichtiges Werk, das vor allem aufgrund seiner Klugheit und Weitsicht, sowie der feinen, präzisen Beschreibungen der Personen und zeitlichen Umstände eine ganz besondere Faszination ausübt. Ein Buch, das im Kontext zur heutigen Zeit gelesen kaum aktueller und zeitloser sein könnte.

Kindheitserinnerungen an Wilhelm Busch und die Streiche der ewigen Lausbuben weckte Johannes Wilkes mit seinem Krimi „Max und Moritz – Was wirklich geschah“. Phantasievoll erzählt er die spannende, neue Geschichte hinter den Ereignissen um Witwe Bolte, Schneider Böck, Lehrer Lämpel, Onkel Fritz und den beiden Jungen. Denn als letztere spurlos verschwinden, müssen Kommissar Mütze und sein Partner Karl-Dieter sich auf die Suche nach ihnen und der Wahrheit begeben.

Was bringt der Oktober?
Für mich geht es sicher wieder ins Theater und auch an die frische Luft: Durchschnaufen, Atem holen und buntes, raschelndes Laub und herbstliche Farben genießen. Ich hoffe auf einen goldenen Oktober, schöne Herbsttage, Zeit in der Natur und für gute Lektüre, denn auf meinem Stapel wartet so einiges, das endlich entdeckt werden will.

Genießt die Zeit! Geht ins Kino, Theater oder ins Konzert und unterstützt die Kulturszene, die sich so sehr über die Wiederbegegnung mit dem Publikum und über Besucher freut! In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen, farbenfrohen, freundlichen und gesunden Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight September:
Wenn der Sommer geht und der Herbst kommt, dann ist auch wieder Suppenzeit: ein Klassiker, durch den und für den ich mich immer wieder erwärmen kann, ist eine schöne Grießnockerlsuppe – wärmt, sättigt, macht glücklich.

Musikalisches im September:
Die größte musikalische Überraschung diesen Monat war für mich das Comeback von ABBA mit zwei neuen Singles „I still have faith in you“ und „Don’t shut me down“ – der unverwechselbare, einzigartig ABBA-Klang ist wieder da! Nach fast 40 Jahren – ABBA hatte sich 1982 getrennt – gibt es jetzt tatsächlich wieder neue Musik der schwedischen Band und ab November soll dann das Album „Voyage“ erhältlich sein. Falls noch nicht geschehen, kann ich nur empfehlen in die zwei neuen Songs mal reinzuhören.

Ach!“ spricht er, „die größte Freud’
ist doch die Zufriedenheit!“


(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Augustbowle 2021 – Waschküche und Draußenzeit

Statt dem erhofften stabilen Sommerwetter hatte der August viel Waschküche im Programm: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und doch bot sich ein wenig mehr „Draußenzeit“ an. So konnte auch die Außengastronomie sich zumindest ab und zu wieder über mehr Gäste freuen, auch wenn die Zahl der richtig lauen Sommerabende dieses Jahr wohl zumindest gefühlt eher einstellig geblieben ist.

Ein wunderschöner Abend, der eigentlich auch für „draußen“ geplant war und dann doch „drinnen“ stattgefunden hat, war der Liederabend von Christian Gerhaher und Gerold Huber im Landshuter Rathausprunksaal – ein besonderer Abend, über den ich schon ausführlich berichtet habe.

Die Salzburger Festspiele standen dieses Jahr unter anderem im Zeichen von Mozart’s Oper „Don Giovanni“, die noch bis zum 05. November 2021 auf ARTE Concert zu sehen ist. Achtung, da kommt so einiges von oben auf die Bühne gekracht… die Neuinszenierung von Romeo Castellucci sorgte durchaus für Diskussionen.

Einen Grund zu Feiern gab es diesen Monat ebenfalls: am 14. August durfte meine Kulturbowle ihren ersten Jahrestag feiern – stilecht mit einer Himbeer-Heidelbeer-Geburtstags-Bowle. Und ich freute mich über die zahlreichen, schönen Rückmeldungen in den Kommentaren. Danke!

Im Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg läuft aktuell (vom 23. Juni 2021 bis zum 16. Januar 2022) die bayerische Landesausstellung „Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen“. Eine für meinen Geschmack sehr gut gemachte, kurzweilige, informative und interessante Ausstellung, die sich lohnt. Der Museums- und Ausstellungsbesuch hat mir viel Freude gemacht (vielleicht finde ich demnächst noch die Zeit, ausführlicher zu berichten) und die Stadt Regensburg ist sowieso immer einen Ausflug wert.

Der August entpuppte sich dieses Mal als etwas schwächerer Lesemonat für mich. Gerade einmal fünf Bücher habe ich gelesen. Auch hier merkt man, dass es diesen Monat möglich war, mehr Zeit draußen und mit anderen Aktivitäten zu verbringen.
Die fünf Bücher, welche es in meinen August geschafft haben, waren aber allesamt lesenswert:
Einen herrlich britischen Krimischmöker, der mir das regnerische Wetter auf der Couch mit Tee erträglich machte, war Susan Hill’s „Schattenrisse“. Der erste Fall von Inspektor Serrailler im Kathedralenstädtchen Lafferton überzeugte mich mit stimmigen Figuren, einer durchdacht erzählten Geschichte und konnte mich zugleich mit einer unerwarteten Wendung überraschen.

Für eine Theaterbegeisterte wie mich war Klaus Pohl’s Roman „Sein oder Nichtsein“, der jetzt endlich auch einen Verlag gefunden hat und als Buch erschienen ist, ein ganz besonderes Leseerlebnis. Der Blick hinter die Kulissen der „Hamlet“-Inszenierung von Peter Zadek aus dem Jahr 1999, der zugleich tief in die Seelen der beteiligten Schauspieler blicken lässt, ist ein Fest für alle, die Literatur und Theater lieben. Dass das „literarische Quartett“ den Roman ebenso positiv besprochen hat, wie ich in meiner Rezension (bereits ein paar Tage zuvor), freut mich daher sehr.

Schon bald werde ich auch ausführlich über Clare Chambers „Kleine Freuden“ berichten. Ein charmanter und liebenswürdiger Roman aus Großbritannien, der über eine Journalistin im London der 50er Jahre erzählt, die recherchiert, ob es tatsächlich einen Fall unbefleckter Empfängnis gegeben hat. Was das werden soll? Lasst Euch überraschen.

Die literarische Bewegung der Harlem Renaissance erfährt derzeit ebenfalls wieder eine Renaissance. Mit Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“ habe ich eines der wichtigsten Werke und einen Schlüsselroman dieser Strömung aus dem Jahr 1929 gelesen, der jetzt in einer deutschen Erstausgabe vorliegt. Ein intensives, schmerzhaftes und ungemein wichtiges Buch über Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung.

Last but not least: Uwe Wittstock „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ – ein großartiges Sachbuch über diesen entscheidenden, einschneidenden und dunklen Monat in der deutschen Geschichte, der so viele Literaten und Schriftsteller gezwungen hat, ihre Heimat zu verlassen und sich ins Exil zu begeben. Wenige Tage voller dramatischer Veränderungen, die der Autor konzentriert und dicht für den Leser auffächert und einordnet.

Was bringt der September?
Die neue Spielzeit am Landestheater Niederbayern geht los und ich freue mich schon riesig auf die erste Premiere des Schauspielensembles: „The King’s Speech“. Ein Stück, das sicherlich mit großen Rollen fantastische Möglichkeiten gibt, zu brillieren und da ich schon den Film sehr mochte, bin ich sehr neugierig und voller Vorfreude auf die Liveversion im Theater.

Ein bereits liebgewordene Tradition im September ist auch die Übertragung der „Last Night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London: dieses Jahr auf 3Sat zu sehen am Samstag, den 11. September 2021 um 22.15 Uhr oder ab 20.00 Uhr bereits in voller Länge live im Radio zu hören bei NDR Kultur.

Am Freitag, den 17. September 2021 um 19.00 Uhr überträgt die Bayerische Staatsoper kostenfrei per Livestream „Oper für alle: Konzert für Bayern“ vom Karlsplatz in Ansbach mit Jonas Kaufmann und Ekaterina Semenchuk – ein buntes Programm aus Mittelfranken unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors Vladimir Jurowski.

Viele Bloggerkollegen haben in den letzten Wochen eine Sommerpause eingelegt oder waren im Urlaub und kehren jetzt schön langsam wieder ins Geschehen zurück. Auch meine Monatsbowle ist im August (vermutlich auch aufgrund der geringeren Lektüre) ein wenig kürzer als sonst ausgefallen – vielleicht ist das meine reduzierte Form der Sommerpause.

Aber einige fotografische Sommerimpressionen aus diesem Monat möchte ich natürlich – wie mittlerweile üblich – noch mit Euch teilen.

In Niederbayern herbstelt es in den letzten Tagen schon deutlich, aber auf einen schönen Altweibersommer darf man ja vielleicht noch hoffen. So wünsche ich allen einen guten Start in den September und falls der Sommer nicht noch einmal zurückkehren will, eben gleich einen schönen Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight August:
Ein Höhepunkt im August war sicherlich die Himbeer-Heidelbeerbowle zur Feier meines einjährigen Blogjubiläums. Frische Beeren, Wein, prickelnder Sekt, gute Laune und dazu die zahlreichen Gratulationen und freundlichen Kommentare meiner Leser haben mich sehr gefreut. So geht man motiviert ins zweite Bloggerjahr.

Musikalisches im August:
Auch wenn ich den Film dieses Mal nicht in voller Länge gesehen habe: die „Blues Brothers“ liefen im August ebenfalls wieder mal im Fernsehen. Musik, die mich schon lange begleitet und spätestens seit einer genialen Inszenierung der Musicalversion meines Heimattheaters in der Spielzeit 2018/2019 wieder mit unsterblichen Ohrwürmern wie „Everybody needs somebody to love“, „Gimme some lovin“, „Think“ und so weiter und so weiter… stets gut gelaunt werden lässt.

„All the world’s a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts…“

(William Shakespeare, „As you like it“)

Blick hinter den Vorhang

Ein Theaterroman – das ist für mich die perfekte Verbindung zweier Leidenschaften, die mich magisch anziehen: Theater und Literatur. Kein Wunder also, dass ich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“ unbedingt sofort lesen und hier auf der Kulturbowle vorstellen wollte.

1999 versammelte der große Theaterregisseur Peter Zadek das damalige „Who is who“ des deutschen Theaters um sich und studierte in Straßburg Shakespeare’s „Hamlet“ mit ihnen ein, der später auch auf den Wiener Festwochen aufgeführt werden sollte. Die Hauptrolle besetzte er mit einer Frau: Angela Winkler. Der Autor des Romans Klaus Pohl spielte den Horatio, Ulrich Wildgruber war Polonius, Eva Mattes Gertrud, Otto Sander König Claudius und Uwe Bohm gab den Laertes, um nur einige zu nennen. Eine wahrhaft hochkarätige Schauspielerriege, welche während der intensiven Probenzeit mehr als einmal an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt wurde. Die Inszenierung wurde damals ein überwältigender Erfolg und zog auch aufgrund der skandalumwitterten Probenzeit und des Staraufgebots große Aufmerksamkeit auf sich.

Klaus Pohl führte damals ein ausführliches Tagebuch, das er nun in einen interessanten und kunstvollen Roman überführt hat. So kann man 22 Jahre später noch einmal hautnah am Probengeschehen teilhaben, ein wenig (Theater)mäuschen spielen und ist dabei, wenn geliebt, gehasst, gestritten und gehadert wird.
Seinen zum Teil mittlerweile verstorbenen Kollegen wie Ulrich Wildgruber oder Otto Sander setzt der Autor somit ein literarisches Denkmal.

„Ich kann alles sein, dachte er. Ich habe ein solches Gesicht, auf dem jeder Gedanke sichtbar wird.“

(S.18)

Pohl erzählt über die Zeitspanne vom Eintreffen der Darsteller in Straßburg über die gesamte Probenzeit hinweg bis zur Generalprobe und der Premiere.
Schonungslos und mit entwaffnender Offenheit erzählt er aus dem Probenalltag und der intensiven Zeit, welche die Theatertruppe gemeinsam er- und durchlebte.
Er berichtet von Angela Winkler’s großen Zweifeln, ob sie als Frau dieser Mammutaufgabe des Hamlet gewachsen sein kann. Mehr als einmal flieht sie vor der übermächtigen Bürde der Rolle und bleibt den Proben fern, bis Peter Zadek sie wieder zurückholt, zur Räson bringt und zu einer schauspielerischen Höchstleistung anspornt.

„Wir alle haben Angst. Theaterkinder werden unter Angst geboren. Gegen Textangst hilft nur eines: Text lernen!“

(S.81)

Er legt gleichsam die Schauspielerseele bloß, all die Zweifel an eigenem Können, Angst vor langen Textpassagen, das Hadern mit der Rolle oder dem Alter. Da geht es um Rosenkavaliere, Zahnprobleme, Textschwierigkeiten, Neid auf die Rollen anderer, Wodka-Abstürze und Zechgelage.

„Es ist ein merkwürdiges Leben, das wir Schauspieler haben“, sagte er schließlich. „Es geht ja in unserer Arbeit immer um die menschliche Seele. Sie ist kein dressierbares Tierchen.“

(S.114)

Das Buch zieht einen in den Bann und man bekommt einen Eindruck, wie nahe tiefes Leid, Selbstzweifel und berauschende Hochgefühle und Erfolgserlebnisse bei sensiblen Künstlern beieinander liegen. Es sind große Emotionen, welche diesen kreativen und künstlerischen Schaffensprozess begleiten.

Theater ist etwas Flüchtiges. Im Normalfall kann man den schönen, gerade erlebten Theaterabend nicht festhalten (auch wenn es jetzt natürlich Aufnahmen und Livestreams gibt). Der Zauber einer Aufführung ist dennoch vergänglich und nicht wiederholbar. Gleiches gilt für die Probenzeit und um so spannender ist daher dieser Roman Klaus Pohl’s, der diesem Phänomen – dank der umfassenden Tagebucheinträge – ein Schnippchen schlägt.

„Es sind die letzten 200 Tage dieses Jahrtausends, Peter, das schließlich auch das Jahrtausend Shakespeares gewesen ist. Es ist alles immer vorbei, sobald es passiert ist. Dagegen schreibe ich mein Tagebuch, ich schreibe ein Buch gegen das Vergessen. Ich bleibe bei dem, was vor sich geht. Vieles überspringe ich. Manches erfinde ich. Die Zeit ist zeitlos!“

(S.220)

Pohl schreibt Szenen, die im Kopf bleiben, sich einbrennen und lange nachhallen und er bewahrt somit die Erinnerung an ein außergewöhnliches Stück, eine einzigartige Inszenierung und an geschätzte Künstlerkollegen.

Der Roman, der anfangs keinen Verlag fand und den Pohl daher 2017 zunächst auf Lesungen dem Publikum zugänglich machte, wurde live und später als mitgeschnittenes Hörbuch ein Riesenerfolg. Schön, dass der Roman bei Galiani Berlin jetzt auch endlich als Buch erschienen ist.

Ein faszinierendes Stück Literatur, das den Leser endlich auch einmal den Blick hinter den Vorhang und die Kulissen erhaschen lässt: auf private Dramen, Probentränen und pralles Theaterleben. So wird erfahrbar, wie eine Inszenierung und wie Kunst entsteht. Ein Tor zu einer anderen, schillernden, kreativen, wilden, sensiblen, gefühlsgeladenen und glanzvollen Welt, das Klaus Pohl hier mit „Sein oder Nichtsein“ ganz weit für den Leser aufstößt. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – ein grandioses Buch für alle, die Theater lieben.

„Der Rest ist Schweigen“

(aus William Shakespeare, Hamlet, 5. Aufzug 2. Szene)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-243-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“:

Für den Gaumen:
Während der Probenzeit frönt die Theatertruppe in Straßburg auch der elsässischen Küche. Da gibt es Herzhaftes, wie zum Beispiel „Jambon en croûte“ – Krustenschinken.

Zum Weiterlesen (I):
Zur Aufheiterung schenkt Klaus Pohl seiner Kollegin Angela Winkler ein rotes Fahrrad. Der Fahrradverkäufer ist ein großer Verehrer von Honoré de Balzac und als der Schauspieler den Beginn seines Lieblingsromans „Eugénie Grandet“ auswendig zitieren kann, ist dieser restlos begeistert.
Vielleicht sollte ich diese Bildungslücke bei Zeiten schließen, denn diesen Roman habe ich bisher noch nicht gelesen:

Honoré de Balzac, Eugénie Grandet
Aus dem Französischen von Gisela Etzel
Insel
ISBN:  978-3-458-32827-8

Zum Weiterlesen (II) bzw. für einen Theaterbesuch:
Es hilft bei der Lektüre von „Sein oder Nichtsein“ den „Hamlet“ zumindest in den Grundzügen zu kennen. Es lohnt sich also gegebenenfalls wieder einmal nachzulesen oder am besten bei Gelegenheit den Klassiker wieder einmal im Theater zu sehen. Im Münchner Residenztheater zum Beispiel steht er im Herbst wieder auf dem Spielplan.

William Shakespeare, Hamlet
Übersetzung: August Wilhelm Schlegel
Reclam
ISBN:  978-3-15-000031-1

Julibowle 2021 – Sommerpausen und Festspielzeiten

Aktuell verabschieden sich viele Blogger in eine Sommerpause und nehmen sich eine Auszeit – auch die Theater gehen in die sommerliche Spielzeitpause, dafür beginnt anderenorts die Festspielzeit. So war der Juli eine Zeit des Übergangs, ein Wechselspiel aus Sommerpausen und Festspielhöhepunkten – ein Gehen und Kommen.

So konnte ich Anfang Juli noch einmal einen wunderschönen Freiluft-Theaterabend in Landshut genießen – der mich in Wiener Heurigenstimmung versetzte und „Zur fesch’n Wirtin“ entführte, bevor sich dann das Landestheater Niederbayern in die Sommerferien verabschiedete.

Doch kulturell war dank eines reichhaltigen Festspielangebots per Livestream wirklich viel geboten, so dass bislang kein spürbares Sommerloch entstanden ist:
So konnte ich die Neuinszenierung der Bayreuther Festspiele „Der fliegende Holländer“ als Stream genießen – mit einer umjubelten Asmik Grigorian als Senta und einem für mich überragenden Daland gesungen von Georg Zeppenfeld.
Zudem gab es auch Wagner aus München: „Tristan und Isolde“ als „Oper für alle“, die ebenfalls per Livestream zu sehen war. Anja Harteros und Jonas Kaufmann gaben ihr Rollendebüt an der Bayerischen Staatsoper – ein emotionaler Abschied auch für den scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler und Kirill Petrenko, der bereits die Leitung der Berliner Philharmoniker übernommen hat. Sehr sehenswert und mit einem geradezu unfassbaren Staraufgebot versehen, war auch das Abschiedskonzert „Der wendende Punkt“.
Und auch Mozart war im Livestream zu erleben: Ebenfalls aus München gab es den „Idomeneo“ aus dem Prinzregententheater, der mich vor allem durch die großartigen Gesangsleistungen von Matthew Polenzani (Idomeneo), Emily D’Angelo (Idamante), Olga Kulchynska (Ilia) und Hanna-Elisabeth Müller (Elettra) überzeugte.

Doch auch zwei filmische Bildungslücken konnte ich im Juli dank des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schließen: Marcus H. Rosenmüller’s Spielfilm über den legendären Torwart „Trautmann“ und den großartigen und völlig zurecht oscarprämierten Film „Green Book“.

Schön auch, dass man wieder einmal eine Ausstellung besuchen kann: In der Landshuter Heiliggeistkirche ist aktuell „Peter Mayer – Totems und Fabelwesen. Eine Reise ins Paradies“ zu sehen. Der 2009 verstorbene Schwandorfer Künstler hat aus den Materialien Ton und Bronze Werke geschaffen, die unter anderem auch durch Studienaufenthalte in den USA und seiner Begegnung mit der Kultur der Native Americans geprägt wurden.

Meine Lektüre im Juli hatte überwiegend sehr sommerlichen Charakter:
Mit Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ und Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ konnte ich zwei sehr unterschiedliche Frankreich-Krimis kennenlernen, die mir gut gefallen haben. Bei Gelegenheit werde ich hier noch näher berichten.

Inspiriert durch die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ habe ich den Autor Max Mohr und seinen Roman „Frau ohne Reue“ aus dem Jahr 1933 für mich entdeckt. Eine intensive Lektüre, die es verdient, wieder ins Bewusstsein der Menschen geholt zu werden, da sie große Themen von zeitloser Gültigkeit behandelt.

Aus dem gleichen Jahrzehnt stammt das 2020 posthum veröffentlichte Werk der Verlegerin Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“. Ein grandioses Sommerbuch, das für mich der perfekte Beitrag zur Indiebookchallenge im Juli (#Sommerbuch) war, denn dieser Roman „schmeckt wirklich nach Sommer“. Sprachlich wunderschön – für mich ein ganz großer Lesegenuss!

Eine interessante Perspektive eröffnete Rolf Käppeli’s Roman „Vom Ende einer Rütlifahrt“, der die unterschiedlichen Haltungen und Stimmungen der Bevölkerung 1944 in der Schweiz beschreibt. Auf einem Raddampfer auf dem Vierwaldstätter See tauscht eine bunt gewürfelte Reisegesellschaft auf einem Betriebsausflug ihre Meinungen aus – da kann es durchaus hitzig werden.

Passend zur Festspielzeit ließ ich mich von Manfred Baumann’s Regionalkrimi „Salzburgsünde“ in die schöne Stadt an der Salzach entführen. Gerade das Salzburger Flair macht für mich den Reiz dieser Krimireihe um Kommissar Merana aus und so wanderte ich mit ihm dieses Mal auf den Kapuzinerberg und besuchte zumindest literarisch den „Parsifal“ im Großen Festspielhaus.

Eine Auszeit der anderen Art verschaffte mir das Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ von Andreas Schwab, in welchem er zehn Künstlerkolonien, ihre Geschichte und Entwicklung sowie die prägenden Künstlerpersönlichkeiten der jeweiligen Orte beschreibt. Eine aufschlussreiche Lektüre, die einen guten ersten Einstieg in die Thematik gibt und inspiriert, sich weiter mit dem Phänomen „Künstlerkolonien“ zu befassen.

Gefordert und beschäftigt hat mich auch Jaume Cabré’s Roman „Eine bessere Zeit“, den ich Euch demnächst auch noch näher vorstellen möchte. Schließlich steht die nächste Station meiner Europabowle bzw. literarischen Europareise vor der Tür: Spanien.

Was bringt der August?

Weitere Möglichkeiten, sich ein wenig Festspielflair nach Hause ins Wohnzimmer zu holen:
Auf den „Don Giovanni“ der Salzburger Festspiele am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr auf ARTE (oder ORF2) bin ich schon sehr gespannt.
Eine weitere Da Ponte-Oper steht auf ARTE Concert noch bis zum 08.07.2022 zur Verfügung: „Le nozze di Figaro“ von den Opernfestspielen aus Aix-en-Provence .

Bald gibt es auch den ersten Geburtstag meiner Kulturbowle zu feiern – unglaublich wie die Zeit vergeht.

Ansonsten hoffentlich noch einige schöne Sommerabende, Zeit im Freien und mit Sicherheit auch wieder gute, spannende und vielseitige Lektüre, über die ich selbstverständlich berichten werde.
Ich wünsche weiterhin allen Lesern und Bloggerkollegen – ob mit oder ohne Urlaub oder Sommerpause – einen schönen August, entspannte Sommertage und eine gute Zeit mit Kulturgenuss und Bücherlust!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Juli:
Die Tomaten werden reif – eine schöne, rote San Marzano aus eigenem Anbau, da schmeckt man doch den Sommer – auch wenn man dieses Jahr ein wenig Geduld haben musste.

Musikalisches im Juli:
Meine musikalische Neuentdeckung dieses Monats war sicherlich das koreanische Volkslied „Arirang“, das die Sänger des Passauer Musiktheaterensembles Heeyun Choi und Kyung Chun Kim beim Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ als überraschendes und berührendes Element einstreuten. Bis zu diesem schönen Abend im Landshuter Prantlgarten war mir das Lied nicht bekannt – nach der anschließenden Wikipedia-Recherche weiß ich nun, dass es von der UNESCO sogar in der Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit geführt wird und dass es bei internationalen Sportveranstaltungen für gesamtkoreanische Mannschaften sogar als Ersatz der Nationalhymne eingesetzt wurde.

„Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!“

(aus dem Libretto von Richard Wagner’s „Der fliegende Holländer“)