Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Augustbowle 2021 – Waschküche und Draußenzeit

Statt dem erhofften stabilen Sommerwetter hatte der August viel Waschküche im Programm: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und doch bot sich ein wenig mehr „Draußenzeit“ an. So konnte auch die Außengastronomie sich zumindest ab und zu wieder über mehr Gäste freuen, auch wenn die Zahl der richtig lauen Sommerabende dieses Jahr wohl zumindest gefühlt eher einstellig geblieben ist.

Ein wunderschöner Abend, der eigentlich auch für „draußen“ geplant war und dann doch „drinnen“ stattgefunden hat, war der Liederabend von Christian Gerhaher und Gerold Huber im Landshuter Rathausprunksaal – ein besonderer Abend, über den ich schon ausführlich berichtet habe.

Die Salzburger Festspiele standen dieses Jahr unter anderem im Zeichen von Mozart’s Oper „Don Giovanni“, die noch bis zum 05. November 2021 auf ARTE Concert zu sehen ist. Achtung, da kommt so einiges von oben auf die Bühne gekracht… die Neuinszenierung von Romeo Castellucci sorgte durchaus für Diskussionen.

Einen Grund zu Feiern gab es diesen Monat ebenfalls: am 14. August durfte meine Kulturbowle ihren ersten Jahrestag feiern – stilecht mit einer Himbeer-Heidelbeer-Geburtstags-Bowle. Und ich freute mich über die zahlreichen, schönen Rückmeldungen in den Kommentaren. Danke!

Im Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg läuft aktuell (vom 23. Juni 2021 bis zum 16. Januar 2022) die bayerische Landesausstellung „Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen“. Eine für meinen Geschmack sehr gut gemachte, kurzweilige, informative und interessante Ausstellung, die sich lohnt. Der Museums- und Ausstellungsbesuch hat mir viel Freude gemacht (vielleicht finde ich demnächst noch die Zeit, ausführlicher zu berichten) und die Stadt Regensburg ist sowieso immer einen Ausflug wert.

Der August entpuppte sich dieses Mal als etwas schwächerer Lesemonat für mich. Gerade einmal fünf Bücher habe ich gelesen. Auch hier merkt man, dass es diesen Monat möglich war, mehr Zeit draußen und mit anderen Aktivitäten zu verbringen.
Die fünf Bücher, welche es in meinen August geschafft haben, waren aber allesamt lesenswert:
Einen herrlich britischen Krimischmöker, der mir das regnerische Wetter auf der Couch mit Tee erträglich machte, war Susan Hill’s „Schattenrisse“. Der erste Fall von Inspektor Serrailler im Kathedralenstädtchen Lafferton überzeugte mich mit stimmigen Figuren, einer durchdacht erzählten Geschichte und konnte mich zugleich mit einer unerwarteten Wendung überraschen.

Für eine Theaterbegeisterte wie mich war Klaus Pohl’s Roman „Sein oder Nichtsein“, der jetzt endlich auch einen Verlag gefunden hat und als Buch erschienen ist, ein ganz besonderes Leseerlebnis. Der Blick hinter die Kulissen der „Hamlet“-Inszenierung von Peter Zadek aus dem Jahr 1999, der zugleich tief in die Seelen der beteiligten Schauspieler blicken lässt, ist ein Fest für alle, die Literatur und Theater lieben. Dass das „literarische Quartett“ den Roman ebenso positiv besprochen hat, wie ich in meiner Rezension (bereits ein paar Tage zuvor), freut mich daher sehr.

Schon bald werde ich auch ausführlich über Clare Chambers „Kleine Freuden“ berichten. Ein charmanter und liebenswürdiger Roman aus Großbritannien, der über eine Journalistin im London der 50er Jahre erzählt, die recherchiert, ob es tatsächlich einen Fall unbefleckter Empfängnis gegeben hat. Was das werden soll? Lasst Euch überraschen.

Die literarische Bewegung der Harlem Renaissance erfährt derzeit ebenfalls wieder eine Renaissance. Mit Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“ habe ich eines der wichtigsten Werke und einen Schlüsselroman dieser Strömung aus dem Jahr 1929 gelesen, der jetzt in einer deutschen Erstausgabe vorliegt. Ein intensives, schmerzhaftes und ungemein wichtiges Buch über Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung.

Last but not least: Uwe Wittstock „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ – ein großartiges Sachbuch über diesen entscheidenden, einschneidenden und dunklen Monat in der deutschen Geschichte, der so viele Literaten und Schriftsteller gezwungen hat, ihre Heimat zu verlassen und sich ins Exil zu begeben. Wenige Tage voller dramatischer Veränderungen, die der Autor konzentriert und dicht für den Leser auffächert und einordnet.

Was bringt der September?
Die neue Spielzeit am Landestheater Niederbayern geht los und ich freue mich schon riesig auf die erste Premiere des Schauspielensembles: „The King’s Speech“. Ein Stück, das sicherlich mit großen Rollen fantastische Möglichkeiten gibt, zu brillieren und da ich schon den Film sehr mochte, bin ich sehr neugierig und voller Vorfreude auf die Liveversion im Theater.

Ein bereits liebgewordene Tradition im September ist auch die Übertragung der „Last Night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London: dieses Jahr auf 3Sat zu sehen am Samstag, den 11. September 2021 um 22.15 Uhr oder ab 20.00 Uhr bereits in voller Länge live im Radio zu hören bei NDR Kultur.

Am Freitag, den 17. September 2021 um 19.00 Uhr überträgt die Bayerische Staatsoper kostenfrei per Livestream „Oper für alle: Konzert für Bayern“ vom Karlsplatz in Ansbach mit Jonas Kaufmann und Ekaterina Semenchuk – ein buntes Programm aus Mittelfranken unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors Vladimir Jurowski.

Viele Bloggerkollegen haben in den letzten Wochen eine Sommerpause eingelegt oder waren im Urlaub und kehren jetzt schön langsam wieder ins Geschehen zurück. Auch meine Monatsbowle ist im August (vermutlich auch aufgrund der geringeren Lektüre) ein wenig kürzer als sonst ausgefallen – vielleicht ist das meine reduzierte Form der Sommerpause.

Aber einige fotografische Sommerimpressionen aus diesem Monat möchte ich natürlich – wie mittlerweile üblich – noch mit Euch teilen.

In Niederbayern herbstelt es in den letzten Tagen schon deutlich, aber auf einen schönen Altweibersommer darf man ja vielleicht noch hoffen. So wünsche ich allen einen guten Start in den September und falls der Sommer nicht noch einmal zurückkehren will, eben gleich einen schönen Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight August:
Ein Höhepunkt im August war sicherlich die Himbeer-Heidelbeerbowle zur Feier meines einjährigen Blogjubiläums. Frische Beeren, Wein, prickelnder Sekt, gute Laune und dazu die zahlreichen Gratulationen und freundlichen Kommentare meiner Leser haben mich sehr gefreut. So geht man motiviert ins zweite Bloggerjahr.

Musikalisches im August:
Auch wenn ich den Film dieses Mal nicht in voller Länge gesehen habe: die „Blues Brothers“ liefen im August ebenfalls wieder mal im Fernsehen. Musik, die mich schon lange begleitet und spätestens seit einer genialen Inszenierung der Musicalversion meines Heimattheaters in der Spielzeit 2018/2019 wieder mit unsterblichen Ohrwürmern wie „Everybody needs somebody to love“, „Gimme some lovin“, „Think“ und so weiter und so weiter… stets gut gelaunt werden lässt.

„All the world’s a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts…“

(William Shakespeare, „As you like it“)

Blick hinter den Vorhang

Ein Theaterroman – das ist für mich die perfekte Verbindung zweier Leidenschaften, die mich magisch anziehen: Theater und Literatur. Kein Wunder also, dass ich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“ unbedingt sofort lesen und hier auf der Kulturbowle vorstellen wollte.

1999 versammelte der große Theaterregisseur Peter Zadek das damalige „Who is who“ des deutschen Theaters um sich und studierte in Straßburg Shakespeare’s „Hamlet“ mit ihnen ein, der später auch auf den Wiener Festwochen aufgeführt werden sollte. Die Hauptrolle besetzte er mit einer Frau: Angela Winkler. Der Autor des Romans Klaus Pohl spielte den Horatio, Ulrich Wildgruber war Polonius, Eva Mattes Gertrud, Otto Sander König Claudius und Uwe Bohm gab den Laertes, um nur einige zu nennen. Eine wahrhaft hochkarätige Schauspielerriege, welche während der intensiven Probenzeit mehr als einmal an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt wurde. Die Inszenierung wurde damals ein überwältigender Erfolg und zog auch aufgrund der skandalumwitterten Probenzeit und des Staraufgebots große Aufmerksamkeit auf sich.

Klaus Pohl führte damals ein ausführliches Tagebuch, das er nun in einen interessanten und kunstvollen Roman überführt hat. So kann man 22 Jahre später noch einmal hautnah am Probengeschehen teilhaben, ein wenig (Theater)mäuschen spielen und ist dabei, wenn geliebt, gehasst, gestritten und gehadert wird.
Seinen zum Teil mittlerweile verstorbenen Kollegen wie Ulrich Wildgruber oder Otto Sander setzt der Autor somit ein literarisches Denkmal.

„Ich kann alles sein, dachte er. Ich habe ein solches Gesicht, auf dem jeder Gedanke sichtbar wird.“

(S.18)

Pohl erzählt über die Zeitspanne vom Eintreffen der Darsteller in Straßburg über die gesamte Probenzeit hinweg bis zur Generalprobe und der Premiere.
Schonungslos und mit entwaffnender Offenheit erzählt er aus dem Probenalltag und der intensiven Zeit, welche die Theatertruppe gemeinsam er- und durchlebte.
Er berichtet von Angela Winkler’s großen Zweifeln, ob sie als Frau dieser Mammutaufgabe des Hamlet gewachsen sein kann. Mehr als einmal flieht sie vor der übermächtigen Bürde der Rolle und bleibt den Proben fern, bis Peter Zadek sie wieder zurückholt, zur Räson bringt und zu einer schauspielerischen Höchstleistung anspornt.

„Wir alle haben Angst. Theaterkinder werden unter Angst geboren. Gegen Textangst hilft nur eines: Text lernen!“

(S.81)

Er legt gleichsam die Schauspielerseele bloß, all die Zweifel an eigenem Können, Angst vor langen Textpassagen, das Hadern mit der Rolle oder dem Alter. Da geht es um Rosenkavaliere, Zahnprobleme, Textschwierigkeiten, Neid auf die Rollen anderer, Wodka-Abstürze und Zechgelage.

„Es ist ein merkwürdiges Leben, das wir Schauspieler haben“, sagte er schließlich. „Es geht ja in unserer Arbeit immer um die menschliche Seele. Sie ist kein dressierbares Tierchen.“

(S.114)

Das Buch zieht einen in den Bann und man bekommt einen Eindruck, wie nahe tiefes Leid, Selbstzweifel und berauschende Hochgefühle und Erfolgserlebnisse bei sensiblen Künstlern beieinander liegen. Es sind große Emotionen, welche diesen kreativen und künstlerischen Schaffensprozess begleiten.

Theater ist etwas Flüchtiges. Im Normalfall kann man den schönen, gerade erlebten Theaterabend nicht festhalten (auch wenn es jetzt natürlich Aufnahmen und Livestreams gibt). Der Zauber einer Aufführung ist dennoch vergänglich und nicht wiederholbar. Gleiches gilt für die Probenzeit und um so spannender ist daher dieser Roman Klaus Pohl’s, der diesem Phänomen – dank der umfassenden Tagebucheinträge – ein Schnippchen schlägt.

„Es sind die letzten 200 Tage dieses Jahrtausends, Peter, das schließlich auch das Jahrtausend Shakespeares gewesen ist. Es ist alles immer vorbei, sobald es passiert ist. Dagegen schreibe ich mein Tagebuch, ich schreibe ein Buch gegen das Vergessen. Ich bleibe bei dem, was vor sich geht. Vieles überspringe ich. Manches erfinde ich. Die Zeit ist zeitlos!“

(S.220)

Pohl schreibt Szenen, die im Kopf bleiben, sich einbrennen und lange nachhallen und er bewahrt somit die Erinnerung an ein außergewöhnliches Stück, eine einzigartige Inszenierung und an geschätzte Künstlerkollegen.

Der Roman, der anfangs keinen Verlag fand und den Pohl daher 2017 zunächst auf Lesungen dem Publikum zugänglich machte, wurde live und später als mitgeschnittenes Hörbuch ein Riesenerfolg. Schön, dass der Roman bei Galiani Berlin jetzt auch endlich als Buch erschienen ist.

Ein faszinierendes Stück Literatur, das den Leser endlich auch einmal den Blick hinter den Vorhang und die Kulissen erhaschen lässt: auf private Dramen, Probentränen und pralles Theaterleben. So wird erfahrbar, wie eine Inszenierung und wie Kunst entsteht. Ein Tor zu einer anderen, schillernden, kreativen, wilden, sensiblen, gefühlsgeladenen und glanzvollen Welt, das Klaus Pohl hier mit „Sein oder Nichtsein“ ganz weit für den Leser aufstößt. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – ein grandioses Buch für alle, die Theater lieben.

„Der Rest ist Schweigen“

(aus William Shakespeare, Hamlet, 5. Aufzug 2. Szene)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-243-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“:

Für den Gaumen:
Während der Probenzeit frönt die Theatertruppe in Straßburg auch der elsässischen Küche. Da gibt es Herzhaftes, wie zum Beispiel „Jambon en croûte“ – Krustenschinken.

Zum Weiterlesen (I):
Zur Aufheiterung schenkt Klaus Pohl seiner Kollegin Angela Winkler ein rotes Fahrrad. Der Fahrradverkäufer ist ein großer Verehrer von Honoré de Balzac und als der Schauspieler den Beginn seines Lieblingsromans „Eugénie Grandet“ auswendig zitieren kann, ist dieser restlos begeistert.
Vielleicht sollte ich diese Bildungslücke bei Zeiten schließen, denn diesen Roman habe ich bisher noch nicht gelesen:

Honoré de Balzac, Eugénie Grandet
Aus dem Französischen von Gisela Etzel
Insel
ISBN:  978-3-458-32827-8

Zum Weiterlesen (II) bzw. für einen Theaterbesuch:
Es hilft bei der Lektüre von „Sein oder Nichtsein“ den „Hamlet“ zumindest in den Grundzügen zu kennen. Es lohnt sich also gegebenenfalls wieder einmal nachzulesen oder am besten bei Gelegenheit den Klassiker wieder einmal im Theater zu sehen. Im Münchner Residenztheater zum Beispiel steht er im Herbst wieder auf dem Spielplan.

William Shakespeare, Hamlet
Übersetzung: August Wilhelm Schlegel
Reclam
ISBN:  978-3-15-000031-1

Julibowle 2021 – Sommerpausen und Festspielzeiten

Aktuell verabschieden sich viele Blogger in eine Sommerpause und nehmen sich eine Auszeit – auch die Theater gehen in die sommerliche Spielzeitpause, dafür beginnt anderenorts die Festspielzeit. So war der Juli eine Zeit des Übergangs, ein Wechselspiel aus Sommerpausen und Festspielhöhepunkten – ein Gehen und Kommen.

So konnte ich Anfang Juli noch einmal einen wunderschönen Freiluft-Theaterabend in Landshut genießen – der mich in Wiener Heurigenstimmung versetzte und „Zur fesch’n Wirtin“ entführte, bevor sich dann das Landestheater Niederbayern in die Sommerferien verabschiedete.

Doch kulturell war dank eines reichhaltigen Festspielangebots per Livestream wirklich viel geboten, so dass bislang kein spürbares Sommerloch entstanden ist:
So konnte ich die Neuinszenierung der Bayreuther Festspiele „Der fliegende Holländer“ als Stream genießen – mit einer umjubelten Asmik Grigorian als Senta und einem für mich überragenden Daland gesungen von Georg Zeppenfeld.
Zudem gab es auch Wagner aus München: „Tristan und Isolde“ als „Oper für alle“, die ebenfalls per Livestream zu sehen war. Anja Harteros und Jonas Kaufmann gaben ihr Rollendebüt an der Bayerischen Staatsoper – ein emotionaler Abschied auch für den scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler und Kirill Petrenko, der bereits die Leitung der Berliner Philharmoniker übernommen hat. Sehr sehenswert und mit einem geradezu unfassbaren Staraufgebot versehen, war auch das Abschiedskonzert „Der wendende Punkt“.
Und auch Mozart war im Livestream zu erleben: Ebenfalls aus München gab es den „Idomeneo“ aus dem Prinzregententheater, der mich vor allem durch die großartigen Gesangsleistungen von Matthew Polenzani (Idomeneo), Emily D’Angelo (Idamante), Olga Kulchynska (Ilia) und Hanna-Elisabeth Müller (Elettra) überzeugte.

Doch auch zwei filmische Bildungslücken konnte ich im Juli dank des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schließen: Marcus H. Rosenmüller’s Spielfilm über den legendären Torwart „Trautmann“ und den großartigen und völlig zurecht oscarprämierten Film „Green Book“.

Schön auch, dass man wieder einmal eine Ausstellung besuchen kann: In der Landshuter Heiliggeistkirche ist aktuell „Peter Mayer – Totems und Fabelwesen. Eine Reise ins Paradies“ zu sehen. Der 2009 verstorbene Schwandorfer Künstler hat aus den Materialien Ton und Bronze Werke geschaffen, die unter anderem auch durch Studienaufenthalte in den USA und seiner Begegnung mit der Kultur der Native Americans geprägt wurden.

Meine Lektüre im Juli hatte überwiegend sehr sommerlichen Charakter:
Mit Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ und Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ konnte ich zwei sehr unterschiedliche Frankreich-Krimis kennenlernen, die mir gut gefallen haben. Bei Gelegenheit werde ich hier noch näher berichten.

Inspiriert durch die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ habe ich den Autor Max Mohr und seinen Roman „Frau ohne Reue“ aus dem Jahr 1933 für mich entdeckt. Eine intensive Lektüre, die es verdient, wieder ins Bewusstsein der Menschen geholt zu werden, da sie große Themen von zeitloser Gültigkeit behandelt.

Aus dem gleichen Jahrzehnt stammt das 2020 posthum veröffentlichte Werk der Verlegerin Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“. Ein grandioses Sommerbuch, das für mich der perfekte Beitrag zur Indiebookchallenge im Juli (#Sommerbuch) war, denn dieser Roman „schmeckt wirklich nach Sommer“. Sprachlich wunderschön – für mich ein ganz großer Lesegenuss!

Eine interessante Perspektive eröffnete Rolf Käppeli’s Roman „Vom Ende einer Rütlifahrt“, der die unterschiedlichen Haltungen und Stimmungen der Bevölkerung 1944 in der Schweiz beschreibt. Auf einem Raddampfer auf dem Vierwaldstätter See tauscht eine bunt gewürfelte Reisegesellschaft auf einem Betriebsausflug ihre Meinungen aus – da kann es durchaus hitzig werden.

Passend zur Festspielzeit ließ ich mich von Manfred Baumann’s Regionalkrimi „Salzburgsünde“ in die schöne Stadt an der Salzach entführen. Gerade das Salzburger Flair macht für mich den Reiz dieser Krimireihe um Kommissar Merana aus und so wanderte ich mit ihm dieses Mal auf den Kapuzinerberg und besuchte zumindest literarisch den „Parsifal“ im Großen Festspielhaus.

Eine Auszeit der anderen Art verschaffte mir das Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ von Andreas Schwab, in welchem er zehn Künstlerkolonien, ihre Geschichte und Entwicklung sowie die prägenden Künstlerpersönlichkeiten der jeweiligen Orte beschreibt. Eine aufschlussreiche Lektüre, die einen guten ersten Einstieg in die Thematik gibt und inspiriert, sich weiter mit dem Phänomen „Künstlerkolonien“ zu befassen.

Gefordert und beschäftigt hat mich auch Jaume Cabré’s Roman „Eine bessere Zeit“, den ich Euch demnächst auch noch näher vorstellen möchte. Schließlich steht die nächste Station meiner Europabowle bzw. literarischen Europareise vor der Tür: Spanien.

Was bringt der August?

Weitere Möglichkeiten, sich ein wenig Festspielflair nach Hause ins Wohnzimmer zu holen:
Auf den „Don Giovanni“ der Salzburger Festspiele am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr auf ARTE (oder ORF2) bin ich schon sehr gespannt.
Eine weitere Da Ponte-Oper steht auf ARTE Concert noch bis zum 08.07.2022 zur Verfügung: „Le nozze di Figaro“ von den Opernfestspielen aus Aix-en-Provence .

Bald gibt es auch den ersten Geburtstag meiner Kulturbowle zu feiern – unglaublich wie die Zeit vergeht.

Ansonsten hoffentlich noch einige schöne Sommerabende, Zeit im Freien und mit Sicherheit auch wieder gute, spannende und vielseitige Lektüre, über die ich selbstverständlich berichten werde.
Ich wünsche weiterhin allen Lesern und Bloggerkollegen – ob mit oder ohne Urlaub oder Sommerpause – einen schönen August, entspannte Sommertage und eine gute Zeit mit Kulturgenuss und Bücherlust!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Juli:
Die Tomaten werden reif – eine schöne, rote San Marzano aus eigenem Anbau, da schmeckt man doch den Sommer – auch wenn man dieses Jahr ein wenig Geduld haben musste.

Musikalisches im Juli:
Meine musikalische Neuentdeckung dieses Monats war sicherlich das koreanische Volkslied „Arirang“, das die Sänger des Passauer Musiktheaterensembles Heeyun Choi und Kyung Chun Kim beim Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ als überraschendes und berührendes Element einstreuten. Bis zu diesem schönen Abend im Landshuter Prantlgarten war mir das Lied nicht bekannt – nach der anschließenden Wikipedia-Recherche weiß ich nun, dass es von der UNESCO sogar in der Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit geführt wird und dass es bei internationalen Sportveranstaltungen für gesamtkoreanische Mannschaften sogar als Ersatz der Nationalhymne eingesetzt wurde.

„Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!“

(aus dem Libretto von Richard Wagner’s „Der fliegende Holländer“)

Ein Stück vom Himmel

Freiluftaufführungen haben ein ganz besonderes Flair. Wenn das Wetter mitspielt, sind sie unglaublich stimmungsvoll. Doch manchmal wirft man auch immer wieder skeptische Blicke zum Himmel und sendet so manches stille Gebet zum heiligen Petrus, dass alles gut über die Bühne geht und das Wetter hält.
Bei der Premiere des musikalischen Heurigenabends „Zur fesch’n Wirtin“ in Landshut hatte Petrus ein Einsehen und bis auf ein paar (absolut verschmerzbare) Regentropfen zwischendurch war alles wunderbar.

Das Musiktheaterensemble des Landestheater Niederbayern aus Passau zauberte eine schwungvolle, amüsante und kurzweilige Aufführung auf die Freiluftbühne im Prantlgarten, die einem urigen Heurigenlokal nachempfunden war. Mit großer Spielfreude und bestens aufgelegt zündeten sieben Gesangssolisten des Ensembles begleitet durch die „Generalschrammelmusi“ unter der Leitung des GMD Basil H. E. Coleman am Flügel ein wahres Feuerwerk der bekanntesten und beliebtesten Wiener Lieder und Operettenmelodien garniert mit nahezu komödiantisch-kabarettartigen Einlagen.

Die Wirtin Josepha alias Mezzosopranistin Reinhild Buchmayer heißt unterstützt von ihrem Oberkellner Leopold und dem Hilfskellner Schani eine illustre Runde von Gästen in ihrem Wiener Heurigenlokal „Zur fesch’n Wirtin“ willkommen.

Da ist der Stammgast Pepi: Bariton Peter Tilch, der neben seinen schönen, solistisch dargebotenen melancholischen Wiener Liedern (wie zum Beispiel „Wann der Herrgott net will“ oder dem Hobellied) auch den ganzen Abend an der Klarinette, dem Saxophon und der Gitarre als Instrumentalist im Einsatz und voll gefordert war.

Seine Begleitung Stanzi – alias Claudia Bauer – die er aufgrund des hinreißenden Charmes der Wirtin manchmal jedoch sträflich vernachlässigte, wirbelte im Pünktchen-Petticoat-Kleid mit mädchenhafter Leichtigkeit über die Bühne und konnte in witzigen Nummern wie „Wie man eine Torte macht“ oder „Heut’ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wean“ auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen.

Ewelina Osowska als Mitzerl, die sich im Laufe des Abends von der verhuschten Putzfrau zum heißen Feger mausert, war nicht nur an der Violine im Einsatz, sondern interpretierte auch große Sopranpartien, wie zum Beispiel die Arie der Adele aus der Fledermaus „Spiel ich die Unschuld vom Lande“.

Daniel Preis alias Ferdl – der jugendliche Liebhaber des Abends – konnte als temperamentvoller und leidenschaftlicher Verehrer der Damenwelt voll und ganz überzeugen und auch sein Auftritt als „gschupfter Ferdl“ mit Brillantinentolle und „grün und gölb gestreifte Socken“ wird mir unvergessen bleiben.

Für lustige, komödiantische Momente sorgten aber auch die koreanischen Kollegen Bass Heeyun Choi bzw. Heinzi und Bariton Kyun Chun Kim – auch Kurti genannt. Letzterer sprach mit seiner Arie aus der Operette Giuditta von Franz Lehár den Menschen mit seinem vollen Klang – hier steht er dem legendären Richard Tauber in nichts nach – aus der Seele:

„Freunde, das Leben ist lebenswert“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

An einem solchen Abend mit schöner Musik unter freiem Himmel und solchen Sängern möchte man am Ende mit voller Überzeugung mit einstimmen:

„Das Leben ist schön, so schön!“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

Ganz groß aber auch die Bass-Nummer „I was born under a wandering star“, in welcher Heeyun Choi sein unfassbares Stimmvolumen unter Beweis stellen konnte.

Neben allem Klamauk bescherten mir die beiden aber auch den Gänsehautmoment des Abends mit einem wunderschönen, getragenen Lied aus ihrer koreanischen Heimat: „Arirang“.

Doch auch die Wirtin Josepha – absolut authentisch und liebreizend verkörpert durch die gebürtige Salzburgerin Reinhild Buchmayer – durfte mit etlichen Stücken und unter anderem dem auf den Leib geschriebenen „Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein“ die Männer auf der Bühne und das Publikum verzaubern.

Heurigencharme, Weinseligkeit, Wirtshausgeschichten und viel schöne Musik, ein spritziger Abend voller Leichtigkeit, einem Schuss Wiener Melancholie und einem bestens gelaunten Ensemble, das den Funken von der Bühne auf die Besucher überspringen ließ. Ein wohltuender Schritt zurück in ein hoffentlich wieder mögliches Theaterleben.

Und so wird neben dem musikalischen Vergnügen auch der folgende Spruch des Abends im Gedächtnis bleiben:

„Wenn dir das Leben eine Zitrone schenkt, dann leg ein Wiener Schnitzel drunter.“

Regisseurin Margit Gilch hat einen zauberhaften und runden Abend zusammengestellt, der allen Sängerinnen und Sängern ermöglichte, sich in tollen Liedern von ihrer Schokoladenseite zu zeigen und zu glänzen. Die Stücke waren perfekt gewählt und durch die lustige Rahmenhandlung, gelungene Gags und eine ordentliche Portion Wiener Schmäh durfte das Publikum einen heiteren und beschwingten Abend verbringen. Klatschen, mitwippen, mitsingen und ein wenig Schunkeln – ein gutgelauntes Publikum belohnte das Ensemble am Ende mit begeistertem Applaus.

Die Spielzeit 2020/2021 des Landestheater Niederbayern – die zum allergrößten Teil ja leider nur digital stattfinden konnte – geht mit diesem schönen, glücklich machenden Musikabend versöhnlich und mit einem Lichtblick zu Ende. Live-Theater hat nichts von seiner Faszination und Schönheit eingebüßt, hoffen wir also, dass wir nach der Sommerpause im Herbst auch wieder in den Genuss von spielenden und singenden Menschen auf unseren Bühnen kommen können.

Gesehen am 9. Juli 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Zur fesch’n Wirtin“ ist in dieser Spielzeit noch heute und morgen Abend in Landshut zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Zur fesch’n Wirtin“:

Für den Gaumen:
Die Vorankündigung versprach einen weinseligen Abend. Ein Versprechen, das gehalten wurde. Zum Heurigen passt klassisch ein Grüner Veltliner oder ein Gemischter Satz aus Österreich. Und für die gute Unterlage entweder eine zünftige Jaus’n oder doch ein Wiener Schnitzel?

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Bei so vielen Liedern und Operettenarien fällt eine Auswahl oder ein besonderer Tip wirklich schwer. Mit den Operetten „Im weißen Rössl“ oder „Der Fledermaus“ geht man aber in aller Regel fröhlich pfeifend, summend und gut gelaunt aus dem Theater.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich das genussvolle Buch des Kochs Vincent Klink „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ hier auf meinem Blog vorgestellt. Wer also neben dem Wiener Heurigen noch gerne weitere kulinarische und kulturelle Tips zur österreichischen Hauptstadt haben möchte, der kann hier fündig werden:

Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663

Junibowle 2021 – Mittsommer und Lichtblicke

Der Juni wartete mit heißen Sommertagen, heftigen Gewittern und Unwettern auf, aber er bot auch Mittsommerstimmung, lange, helle Tage und erste Lichtblicke im kulturellen Bereich. So konnte ich seit langem endlich (!) wieder einmal Live-Theater im Freien genießen (meinen begeisterten Bericht zum Alpen-Rustical Der Watzmann ruft! im Landshuter Prantlgarten findet ihr hier zum Nachlesen.)

Ein Fixstern in meinem jährlichen Kulturkalender ist in der Regel auch das Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker, das ich zwar noch nie live vor Ort erlebt habe, aber schon viele Jahre begeistert vor dem Fernsehschirm verfolge. Auch dieses Jahr merkte man dem Publikum die große Freude über dieses besondere Live-Erlebnis an und es war schön, in die glücklichen Gesichter der Zuschauer und Musiker blicken zu können. Die Mischung aus Filmmusik, Martin Grubinger’s Percussion-Künsten, Gershwin, Bernstein und der „Berliner Luft“, die nie fehlen darf, war stimmungsvoll und sehenswert (in der ARD mediathek ist das Konzert noch bis zum 26.08.21 kostenlos verfügbar).

Und auch eine gestreamte Oper meines Heimattheaters konnte mich im Juni begeistern: Mit Antonio Vivaldi’s „Herkules am Thermodon“ brachte das Landestheater Niederbayern die deutsche Erstaufführung dieser Oper, die erst in den letzten Jahren rekonstruiert wurde, auf die Bühne. Eine unterhaltsame, kurzweilige Barockoper und eine wirkliche Rarität, die mir einen schönen Opernabend auf meiner Couch bescherte. Bis zum 13. Juli 2021 besteht noch die Möglichkeit, sich dieses ganz besondere Opernerlebnis in der Mediathek des Landestheaters Niederbayern (kostenfrei – gerne gegen eine freiwillige Spende) anzusehen. Auch die kurze Werkeinführung im Gespräch mit dem GMD Basil H. E. Coleman in der Mediathek ist sehr interessant.

Aber auch meine Juni-Lektüre war sehr vielseitig und wenn ich so auf die gelesenen Titel blicke waren diesen Monat wirklich viele großartige Bücher dabei, die mir lange in Erinnerung bleiben werden:

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne einen Maigret-Krimi – im Juni hatte mich meine literarische Reise an die Côte d’Azur zu Georges Simenon’s „Maigret in der Liberty Bar“ greifen lassen. Ein Buch, in dem nicht nur der Ermittler in Urlaubsstimmung gerät, sondern auch der Leser.

Venedig und Sizilien sind die Schauplätze in Wolfgang Schorlau’s und Claudio Caiolo’s „Der Tintenfischer“ – der zweite Fall für Commissario Morello behandelt brisante Themen und lässt dennoch auch dem italienischen Lokalkolorit viel Raum.

Ein richtig opulenter Schmöker für den Liegestuhl war Madeline Miller’s „Ich bin Circe“, der bei mir verschüttetes Wissen über die Welt und Figuren der griechischen Sagen und Mythologie wieder aufgefrischt hat. Faszinierend, wie modern man die Geschichte der Zauberin Circe auch heute noch erzählen kann.

Meine Europabowle oder Literarische Europareise führte mich ebenfalls nach Griechenland auf ein Landgut nahe Athen: Margarita Liberaki’s Roman „Drei Sommer“ aus dem Jahr 1946, der in Griechenland bereits als Klassiker gilt und jetzt als deutsche Übersetzung vorliegt, erzählt die Geschichte dreier Schwestern, die mit völlig unterschiedlichen Erwartungen und Einstellungen an das Leben und die Liebe jeweils ihren Platz im Leben suchen. Eine feine, intelligente Sommerlektüre.

Völlig hin und weg war ich von Judith Fanto’s Debütroman „Viktor“, der auf kluge und sehr humorvolle Art die Geschichte der jüdischen Generation erzählt, welche den Holocaust nicht mehr selbst erlebt hat und häufig gegen das Schweigen in der eigenen Familie ankämpft. Ein grandioses Buch, das mit Witz, Charme, tollen Figuren und einer wichtigen Aussage ganz klar zu den Lesehöhepunkten in diesem Jahr zählen wird. Ein Werk, das Kultur, Musik und Literatur zelebriert und so ganz nach meinem Geschmack ist.

Als sehr lohnens- und empfehlenswert stellte sich auch die Lektüre eines norwegischen Klassikers heraus: Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ – der erste Teil ihrer nobelpreisgekrönten Trilogie über eine starke und eigenwillige Frau im Mittelalter erwies sich in der zeitgemäßen Neuübersetzung von Gabriele Haefs als intensive Lektüre mit einer feinen Figurenzeichnung und ausdrucksstarken Landschaftsbeschreibungen der norwegischen Natur.

Besondere Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen, aber vor allem auch das Meer in all seinen Facetten prägten auch den Roman „Der dunkle Sog des Meeres“ der kanadischen Autorin Roxanne Bouchard, der auf der Gaspésie-Halbinsel in der französischsprachigen Provinz Québec spielt. Eine erfahrene Seglerin kommt ums Leben und ihr Tod gibt dem Ermittler und gebürtigen Mexikaner Joaquín Morales einige Rätsel auf, die es zu lösen gilt.

Absolut fasziniert hat mich der schmale, aber ungemein erfüllende Band „Ein Monat in Siena“ des pulitzerpreisgekrönten, libyschen Autors Hisham Matar. Wie er über seine Liebe zur Kunst, über Gemälde, die Stadt Siena, seine Mitmenschen und das Leben schreibt, verzaubert und lässt sich in Kürze schwer in Worte fassen (aber ich werde bald ausführlicher berichten) – am besten liest man es einfach selbst und genießt es.

Es gibt Krimi-Reihen, die ich aus liebgewordener Tradition lese und bei welchen ich keinen Band verpasse. Dazu gehört die Bruno-Reihe von Martin Walker und so war auch der gerade als Taschenbuch erschienene Fall „Connaisseur“ eine sommerliche Krimi-Pflicht-Lektüre, die mich wieder einmal ins Périgord führte. Ein Wiedersehen mit bekannten, liebgewonnenen Figuren, aber für mich zählte dieser nicht unbedingt zu den stärksten Bänden der Reihe.

Ein besonderes Schmankerl und sehr unterhaltsames Sommerbuch beschloss meinen reichen Lese-Juni: Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“. Die Frauenrechtlerin und Großmutter Katja Mann’s hat ein luftig-leichtes und doch auch tiefgründiges Werk geschaffen, das die Sommerfrische in einem Ostseebad auf Usedom um die Jahrhundertwende auf herrlich amüsante Art verewigt hat. Ursprünglich 1909 erschienen, gibt es nun eine schön gestaltete Neuausgabe der Büchergilde aus der Reihe „Büchergilde unterwegs“ (auch hierzu in Bälde mehr).

Viele Bücher mit sommerlichem und Urlaubs-Charakter und vielleicht ist ja auch die eine oder andere Anregung fürs Urlaubsgepäck oder den heimischen Liegestuhl dabei.

Was wird der Juli bringen?
Unbedingt nochmal Live-Theater (am allerliebsten bei gutem Wetter wieder im Freien) mit einem weinseligen Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ des Passauer Musiktheaterensembles – bei Sommerwetter und einem kühlen Glas Wein sicher ein Genuss.

Im Fernsehen besteht die Möglichkeit auch ohne Eintrittskarten die beiden Konzerte der Reihe „Klassik am Odeonsplatz“ zu sehen:
Am 10. Juli spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gemeinsam mit der Cellistin Sol Gabetta ein schönes Programm mit Debussy, Schumann und Strawinsky, auf das ich mich schon freue: zu sehen live im BR Fernsehen und auf 3Sat (ab 21.15 Uhr).
Am 17. Juli um 20.15 Uhr zeigt 3Sat (und ZDF am 09.07. ab 22.30 Uhr) eine Aufzeichnung des Konzerts vom 09. Juli mit den Münchner Philharmonikern und der Pianistin Yuja Wang, die unter anderem das zweite Klavierkonzert von Rachmaninov interpretieren wird.

Lektüretechnisch bin ich – wie unschwer zu erkennen ist – ohnehin bereits in bester Sommerlaune und auch die Indiebookchallenge im Juli lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag, das nach Sommer schmeckt (#Sommerbuch) – ich habe meine Wahl schon getroffen, das Buch liegt (neben einigen anderen) bereit, um gelesen zu werden und ich werde berichten.

Ich wünsche allen einen schönen, sommerlichen Juli zum Durchatmen, Sonne und Energie tanken mit viel Lebensfreude, schönen kulturellen Erlebnissen und guten Büchern!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Juni:
Die Walderdbeeren-Ernte aus dem eigenen Blumenkasten hat begonnen. Es ist immer wieder unglaublich, welch intensives Aroma in den kleinen Früchtchen steckt und ein Genuss, sich diese auf der Zunge zergehen zu lassen.

Musikalisches im Juni:
Schwungvoll, gut gelaunt und großartig auf die Berliner Waldbühne passte die Ouvertüre zu Leonard Bernstein’s Operette „Candide“ – basierend auf Voltaire’s satirischem Roman „Candide oder der Optimismus“. Wer sie nicht kennt, unbedingt mal reinhören – vielleicht kommt sie einem dann doch bekannt vor.

Freilufttheaterseligkeit

Die kulturelle Durststrecke und Live-Theaterabstinenz war lang – sehr lang. Um so schöner, stimmungsvoller und beseelender war jetzt der erste Theaterbesuch nach langer Zeit. Ein grandioses Freilufttheatererlebnis an einem perfekten, lauen Sommerabend vor der traumhaften Kulisse des Landshuter Prantlgartens. Mit „Der Watzmann ruft!“ hat sich das Landshuter Schauspielensemble des Landestheater Niederbayern eindrucksvoll zurückgemeldet und präsentiert dem Publikum eine unterhaltsame, stimmige und schwungvolle Inszenierung des Kult-Alpen-Rustical’s von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz. Rockige Musik der Siebziger, ein Ensemble voller Spielfreude und mit hoher gesanglicher Qualität, eine Regie von Marcus Everding, welche dem Stück einen intelligenten Rahmen gibt, welcher zum Nachdenken anregt und den Zuschauern einen Theaterabend beschert, der glücklich macht. Theaterherz, was willst Du mehr?

Die Handlung ist schnell erzählt und nimmt auch im Programmheft nur wenige Zeilen ein. In meinen eigenen, kurzen Worten:
Ein kleiner Bauernhof am Fuße des Watzmannmassivs – der Hof wird patriarchalisch vom Bauern geführt, der zwar keine Frau mehr hat, aber einen Sohn – den Bua – der das kleine Anwesen irgendwann übernehmen und erben soll. Das Personal ist übersichtlich – zwei Knechte und zwei Mägde, die das Arbeiten nicht immer erfunden haben. Über allem thront der Watzmann und hat schon viele junge Abenteurer ins Verderben gelockt, die erfolglos versucht haben, den Gipfel zu erklimmen und stets mit dem Leben bezahlt haben. Und auch die verführerische Gailtalerin hat ihren Anteil daran, dass es zum Streit zwischen Bauer und Bua kommt, weil es den Jungen mit aller Macht auf den Berg hinauf zieht.

In der Landshuter Inszenierung hat Regisseur Marcus Everding dem Stück mit dem Erzähler (Joachim Vollrath) einen ruhigen, ordnenden Rahmen gegeben, der bei aller Parodie, Satire und Komik, dem Ganzen eine philosophische, nachdenkliche und aufwertende Komponente hinzufügt. Allwissend, in sich ruhend und lebenserfahren moderiert und sortiert er das Geschehen auf der Bühne.
Die Rollen sind durchwegs perfekt besetzt: Reinhard Peer verkörpert auf unnachahmliche Weise den polternden, grantelnden und besorgten Vater, der seinen Sohn vor dem Unglück bewahren will.
Stefan Sieh gibt ausdrucksstark den zu Beginn unbeholfenen, aufmüpfigen Bua, der im Stück zum Mann werden soll und welcher nach und nach der magischen Anziehung des Watzmann’s und der Gailtalerin erliegt.
Großartig sind aber auch die Rollen der beiden arbeitsscheuen Knechte besetzt: Julian Ricker und Alexander Nadler brillieren in witzigen Szenen und überzeugen durch ihr komödiantisches Können. Dem stehen die gottesfürchtigen, frömmelnden und betschwestrigen Dienstmägde – herrlich dargestellt durch Antonia Reidel und Friederike Baldin – an Komik in nichts nach.
Akrobatisch, erotisch und verführerisch schwebt, turnt und tanzt Katharina Elisabeth Kram als Gailtalerin über die Bühne. Eine geschlossene Ensembleleistung, die absolut begeistert.

Bernd Meyer führt die Band souverän und gibt dem alpinen Rustical den rockigen Sound, der auch schon das Original aus den Siebzigern (Uraufführung war bei den Wiener Festwochen 1972) ausgezeichnet hat. So können die Ensemblemitglieder durchwegs auch gesanglich überzeugen und glänzen.

Das Publikum kommt in den Genuss von mitreißender Musik, herzerfrischend unterhaltsamen Szenen, zündenden Gags und kann sich am Ende dennoch auch Gedanken machen, ob es denn auch einen Watzmann in ihrem Leben gibt, etwas das sie umtreibt, dem sie nachlaufen und dem sie vielleicht auch eine übersteigerte oder ungesunde Aufmerksamkeit zukommen lassen. Theater wie es sein soll und wie wir es in den letzten Monaten so sehr vermisst haben.
Es war eine Freude, am Ende den begeisterten Applaus und die glücklichen Gesichter der Zuschauer und des Ensembles sehen zu können. Ein emotionaler Moment.

Ich wünsche allen kulturellen Einrichtungen und Künstlern, die uns jetzt dieses lange ersehnte, kulturelle Erwachen schenken und uns mit ihrem Können begeistern, einen guten Neustart, gelungene und gut besuchte Vorstellungen, glückliche Zuschauer und allen Freiluftveranstaltungen gutes Wetter! Toi, toi, toi!

Gesehen am 20. Juni 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Der Watzmann ruft!“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut und Passau zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Der Watzmann ruft!“:

Für den Gaumen:
Das Leben auf dem Bergbauernhof ist karg und einfach. Der Bauer hat stets das Recht, als Erster aus dem Topf zu essen und den größten Löffel (zumindest in dieser Landshuter Inszenierung ist das so). Was wohl drin war im Topf? Eine kräftige Suppe vielleicht? Beim „Amuserl“ wird dann aber doch wohl dem Bier und Schnaps zugesprochen worden sein.

Weiterer Theatergenuss:
Als zweite Premiere der diesjährigen Burgenfestspiele meines Heimattheaters darf ich mich im Juli auf den Wiener Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ freuen, den das Musiktheaterensemble aus Passau auf die Freiluftbühnen Niederbayerns zaubern wird – hoffentlich bei gutem, stabilem Sommerwetter. Die Homepage des Theaters verspricht einen „weinseligen Abend“… ich bin gespannt und freue mich darauf.

Zum Weiterlesen:
Die Berge stehen auch im Zentrum eines sehr bewegenden und für mich unvergesslichen Romans: Paolo Cognetti’s „Acht Berge“, der in Italien mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet wurde. Im Angesicht der Bergwelt suchen die Menschen Antwort auf existenzielle Fragen – eine intensive und bereichernde Lektüre.

Paolo Cognetti, Acht Berge
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60202-6

Maibowle 2021 – Regentropfen und Grünexplosion

Der Mai war regenreich und ließ die Natur in einer saftigen Üppigkeit grünen und gedeihen, die herrlich anzuschauen ist. Das Sommergefühl wollte sich jedoch noch nicht einstellen. Vielmehr blieb an Regentagen auch weiterhin viel Zeit zum Lesen und so ist wieder ein ordentlicher Stapel zusammengekommen.

Zudem habe ich auch wieder ein paar schöne kulturelle Streamingangebote wahrgenommen, aber Gott sei Dank zeigen sich jetzt auch erste Hoffnungsschimmer am Horizont, dass zukünftig auch wieder Live-Erlebnisse in Theatern und Konzertsälen möglich sein werden.

So waren zum Beispiel in der Münchner Staatsoper bei der konzertanten Aufführung des ersten Akts von Richard Wagner’s „Walküre“ mit Starbesetzung (Lise Davidsen, Jonas Kaufmann und Georg Zeppenfeld) auch wieder Zuschauer im Nationaltheater. Welch tolles Gefühl, wenn am Ende wieder der gebührende Applaus erklingt – das gibt auch zu Hause auf der Couch gleich wieder ein anderes Gefühl.

Humorvolle Leichtigkeit versprühte die Operette „Gräfin Mariza“, die in einem Livestream der Oper Leipzig im Mai online zu erleben war. Amüsant und ironisch nahm die Inszenierung auch die aktuelle Situation aufs Korn, als das sich in der corona-konformen Inszenierung findende Pärchen plötzlich feststellte:

„Jetzt müssten wir uns eigentlich umarmen und küssen. Jedenfalls haben wir das früher so gemacht. Das war eine schöne Zeit.“

(aus „Gräfin Mariza“ in der Inszenierung der Oper Leipzig; Livestream 08.05.21)

Und auch die Semperoper Dresden feierte mit Richard Strauss’ „Capriccio“ die Oper in einer schönen Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog mit einem großartigen Georg Zeppenfeld als Theaterdirektor La Roche und Camilla Nylund als Gräfin Madeleine. Auch die weiteren Rollen sind unter anderem mit Christa Mayer und Daniel Behle erstklassig besetzt. Dieser Musikgenuss und zugleich „Oper über die Oper“ ist noch bis zum 14.07.21 in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) kostenfrei abrufbar.

Kultur und Kunst spielte aber auch in meiner Mai-Lektüre eine große Rolle:
So gewährte mir gleich der Kunst-Krimi von Bernhard Jaumann „Caravaggios Schatten“ zu Monatsbeginn einen tieferen Einblick in das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio und unterhielt mich mit einem spannenden Fall des Artnapping, in welchem die Kunstdetektei Schleewitz in Potsdam und München ermittelt.

Als facettenreich und zeitgeschichtlich sehr interessant entpuppte sich Christoph Peters’ „Dorfroman“, der vor dem Hintergrund der Anti-Atomkraft-Proteste gegen den schnellen Brüter am Niederrhein viele Themen anpackt: Entwurzelung der jungen Generation, der Wandel der Bedeutung der Kirche, zunehmende Individualisierung und ein abnehmendes Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft.

Susanna Clarke’s „Piranesi“ ließ mich dagegen etwas zwiegespalten zurück: Zu Beginn fand ich den experimentellen, phantasievollen Roman durchaus interessant und ich las ihn in einer gewissen ständigen Habachtstellung und mit großer Aufmerksamkeit, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen. Ein ständiges Rätseln um tiefere Bedeutung und philosophische Interpretation, das ich am Ende für mich jedoch nicht zufriedenstellend auflösen konnte. Ausführliche Besprechungen zum Roman gibt es unter anderem bei Bingereader, letusreadsomebooks und notizhefte.

Erfreulich war, dass ich meine literarische Europareise bzw. Europabowle mit Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“ fortsetzen konnte und zwar nach Rumänien in die Hauptstadt Bukarest. Eindringlich beschreibt die Autorin, welche Auswirkung das politische System und die Diktatur auf die privaten Schicksale und Lebensläufe der Menschen über lange Zeit hatte. Eine intensive, kluge und fordernde Lektüre, in der man viel über die Geschichte Rumäniens erfahren kann.

Literarische Theatermomente bescherte mir Cora Sandel’s Roman „Café Krane“ aus dem Jahr 1945, der den Leser in ein nordnorwegisches Städtchen in den Zwanziger Jahren entführt. Eine kammerspielartige Szenerie, die ausschließlich in einem Kaffeehaus spielt und in konzentrierter Form ein Gesellschaftsbild dieser Zeit entwirft. Eine wirkliche Entdeckung!

Zu meinen Lieblingen in diesem Monat zählte jedoch auch ganz klar der Sardinien-Krimi von Gesuino Némus „Die Theologie des Wildschweins“. Es ist herzerfrischend wie im Sommer 1969 der Dorfpfarrer, der zugezogene Piemonteser Polizist und Außenseiter gemeinsam mit dem Dorfpolizisten und dem Tierarzt einen Kriminalfall in einem sardischen Bergdorf lösen. Viel Lokalkolorit und sommerliche Urlaubsstimmung, die mich beim Lesen in nachhaltig gute Laune versetzt hat.

Eine völlig andere Lektüre, aber ein großer Lesehöhepunkt war für mich Hildegard E. Keller’s „Was wir scheinen“ – der Roman, in dem sie Hannah Arendt während eines Urlaubs am Ende ihres Lebens im Tessiner Tegna auf die bedeutsamen Stationen und die wichtigen Menschen in ihrem Leben zurückblicken lässt. Ein intensiver, intelligenter und empfindsamer Roman, der mich tief berührt hat.

Ein außergewöhnliches und sehr inspirierendes Buch war für mich Doris Dörrie’s „Leben Schreiben Atmen“ – das eine Einladung und eine Aufmunterung darstellt, sich doch selbst im Schreiben und auch im autobiographischen Schreiben zu versuchen. Zugleich geht sie mit gutem Beispiel voran und erzählt in kurzen Kapiteln sehr persönliche Momente, Kindheitserinnerungen und Schlüsselereignisse aus ihrem Leben. Stilistisch hervorragend eingefangene Skizzen über geliebte Menschen, Szenen der Trauer und des Verlusts, aber auch des Glücks – die gesamte Gefühlspalette gebannt in einem schmalen, aber um so intensiveren Buch, das wirklich Lust macht, sich auch selbst einmal – wenn auch nur für sich persönlich – ans Schreiben zu wagen.

Bei all dem Regen im Mai drängte sich unweigerlich ein Titel auf, der in meinem Regal schlummerte: Sigrid Damm’s „Sommerregen der Liebe“, in welchem sie neben 231 abgedruckten Originalbriefen von Goethe an Charlotte von Stein auch die komplizierte Liebesbeziehung der beiden näher beleuchtet und geschichtlich einordnet. Berührende Liebesbriefe zu lesen und zugleich viel über Goethes Zeit in Weimar zu erfahren, das war ein Sommerregen, den ich nicht nur ertragen, sondern sogar genießen konnte.

Doch nach dem Regen ging es an die Côte d’Azur: Und zwar gleich mit zwei spannenden Titeln: Zum einem mit dem gerade frisch erschienenen Sachbuch von Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal“, welches die Geschichte des mondänen Küstenabschnitts erzählt und anhand des legendären Hotels in Juan-les-Pins von den illustren Gästen, der Künstlerszene, aber auch davon erzählt, wie sich der Charakter der Orte, der Tourismus und die wirtschaftlichen Folgen über die Jahrzehnte verändert haben.
Zum anderen mit einem Reiseführer der anderen Art aus dem Jahr 1931 von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“. Eine süffige, ironisch-spritzige Lektüre, die man auch heute noch uneingeschränkt genießen kann, selbst wenn beschriebene Hotels und Restaurants teils nicht mehr existieren und noch Preise in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind.

Was wird der Juni bringen? Hoffentlich Live-Theater und Musik im Freien, etwas wärmere Temperaturen und sommerliche Lektüre – bei mir liegt schon einiges an Lesestoff bereit.

Die Indiebookchallenge im Juni lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben A im Titel (#TitelOhneA) – ich habe mir schon etwas ausgewählt und werde berichten.

Der Juni ist da und ich wünsche uns allen, dass der Sommer jetzt bald kommt und wir dann auch gut in und über den Sommer kommen!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Mai:

Wie bereits vorab angekündigt steht der Mai bei mir im Zeichen von Erdbeeren und Spargel. Und gerne auch öfter und immer wieder: Erdbeeren und Spargel. So gut, so einfach und jetzt ist die Zeit dafür.

Musikalisches im Mai:
Als Zugabe nach dem ersten Akt der Walküre im Münchner Nationaltheater sang der Bass Georg Zeppenfeld die Arie des Morosus „Wie schön ist doch die Musik“ aus Richard Strauss’ Oper „Die schweigsame Frau“ – ein wunderschönes Stück mit einer wichtigen Botschaft am Ende:

„Wie schön ist doch das Leben,
Aber wie schön erst,
Wenn man kein Narr ist
Und es zu leben weiß!“

(Stefan Zweig aus dem Libretto der Oper „Die schweigsame Frau“)

Impressionen aus dem Mai:

Aprilbowle 2021 – Blütenzauber und Neuentdeckungen

Im April hat sich nach anfänglich klassisch-wechselhaftem Aprilwetter dann doch der Frühling endlich Bahn gebrochen. Es blüht und grünt in voller Pracht und beim Spazierengehen kann man einen wahren Blütenzauber genießen. Für mich präsentierte sich der Monat vielseitig mit guten Büchern und einigen musikalischen Livestreams, die ein paar schöne Neu- oder Wiederentdeckungen für mich bereithielten.

„Schicksalsfäden sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

(aus „Der Ring an einem Abend“ von Loriot)

Wie schon in den vergangenen Monaten waren und sind wir kulturell immer noch auf Digitales angewiesen, so konnte ich mich unter anderem über einen schönen Wagner-Abend der Leipziger Oper freuen, die mit einem tollen Ensemble Loriot’s „Der Ring an einem Abend“ auf die Bühne und die Bildschirme zauberte.
Loriot’s humorvolle Texte begleiteten mich dann auch noch weiter im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, den das Münchner Gärtnerplatztheater als Livestream zur Verfügung stellte.

Wer einen spannenden Theaterabend zu Hause verbringen möchte, dem kann ich „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in der Mediathek des Landestheater Niederbayern empfehlen – ein packendes, düsteres Kammerspiel, das Terrorismus und Wirtschaftskriminalität thematisiert und hervorragend inszeniert und schauspielerisch umgesetzt ist. Fesselnd und packend – ein eindrucksvolles Stück, das einen auch danach noch lange beschäftigt.

Filmisch hat mich im April vor allem „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta fasziniert, der auf ARD Alpha gezeigt wurde, da sich der Eichmann-Prozess zum 60. Mal jährte. Zudem ist der neu erschienene Roman „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt aktuell in aller Munde, den ich auch bald lesen möchte.

Literarisch präsentierte sich der April für mich ebenso schillernd und farbenprächtig wie die Natur vor der Haustür:
Den Auftakt machte der schmale Band „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, der mir in einer schönen illustrierten Ausgabe der Büchergilde ein kurzes, aber beglückendes Lesevergnügen bereitet hat. Der Roman über die Queen, die inspiriert durch einen Besuch im Bücherbus ihre Lust am Lesen entdeckt und nach und nach ihre royalen Pflichten vernachlässigt, um ihrem neuen Laster frönen zu können, ist für alle Bücherliebhaber und Literatursüchtige eine amüsante Lektüre.

Fernweh und die Sehnsucht nach der Nordsee, versuchte ich mit Günter Wendt’s Regio-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ zu stillen, der auf der fiktiven Hallig Grienoog seinen Kommissar Kollerup in einem Mordfall ermitteln lässt. Mit dem Erholungseffekt einer tatsächlichen Reise an die Küste konnte er es aber natürlich nicht aufnehmen.

Geschichtlich interessant und spannend erzählt ist der neue Roman von Marie Benedict „Lady Churchill“, der die starke Frau an Winston Churchill’s Seite Clementine Churchill aus dem Schatten ihres Mannes ins Licht holt. Ein lesenswertes Buch über eine emanzipierte, gebildete und beachtenswerte Frau.

Eine großartige Neuentdeckung für mich war die Wiederentdeckung der Autorin Rumer Godden durch den Kampa Verlag mit der neuen Ausgabe von „Unser Sommer im Mirabellengarten“ (Originaltitel: „The Greengage Summer“, 1958). Ein unvergleichlich schönes, atmosphärisches Sommerbuch, das mich durch die eindrucksvolle Sprache, faszinierende Charaktere und den gelungenen Spannungsbogen durchwegs begeistert hat. Eine große Leseempfehlung!

Britta Röder’s „Das Gewicht aller Dinge“ ist ein kleiner, feiner Roman, der auf intensive Art und Weise verdeutlicht, worauf es im Leben ankommt und dass es gut tut, Gutes zu tun. Die mysteriöse Geschichte der jungen Frau, die barfuß in einem leichten Kleid auf einer Parkbank erwacht und nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, gibt dem Leser einige Rätsel auf.

Inspiriert durch einen schönen Livestream bzw. ein Couch-Konzert der Band Quadro Nuevo zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla, das auf YouTube noch zur Verfügung steht und das dem argentinischen Tango Nuevo huldigt, habe ich mich an einen Regalschlummerer erinnert und endlich „Das Bandoneon“ von Hans Meyer zu Düttingdorf gelesen. Ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte einer Deutschen erzählt, die 1927 aufgrund ihrer Heirat mit einem Argentinier auswandert und sich in Argentinien unsterblich in einen Tangomusiker verliebt.

Timon Karl Kaleyta erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ und erinnerte mich damit an eine moderne Fassung des „Hans im Glück“, dem zunächst ohne großes Zutun vieles zufliegt, um es dann letztlich doch wieder zu verlieren. Flüssig zu lesen, aber der letzte Funke ist bei mir leider nicht ganz übergesprungen.

Kein Monat ohne Krimi und daher ließ ich mich von Luca Ventura in seinem zweiten Band um den Polizisten Enrico Rizzi „Bittersüße Zitronen“ nach Capri entführen. Urlaubsflair und italienisches Lebensgefühl gemischt mit einem klassischen Krimi-Plot und kulinarischen Anklängen – ein Buch das mir Spaß gemacht und Entspannung geboten hat.

Meine hohen Erwartungen konnte Steffen Kopetzky’s „Monschau“ in jeder Form erfüllen. Ein großartiger Roman, der die Geschehnisse 1962 in dem kleinen Ort in der Eifel thematisiert, als dort die Pocken ausbrachen, welche ein rückkehrender Dienstreisender aus Indien mitgebracht hatte. Deutsche Zeitgeschichte gepaart mit einer feinen Liebesgeschichte, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe und die mit großer Wahrscheinlichkeit zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres zählen wird.

Ein wenig mehr oder etwas Anderes hatte ich mir hingegen von Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ erwartet. Vier Manager (drei Männer und eine Frau) stellen sich in einem Hotel einem Auswahlverfahren, wer die zukünftige Firmenleitung einer Agentur übernehmen soll. Eine Ausnahmesituation, in welcher jeder versucht, seine persönlichen Schwächen und Abgründe vor den anderen zu verbergen und die zunehmend eskaliert. Ein psychologisches Kammerspiel in Romanform, ein schwieriger Stoff und schwere, literarische Kost zum Monatsende. Eine ausführliche Besprechung findet man bei „Feiner reiner Buchstoff“.

Auf was freue ich mich im Mai ganz besonders:
Mit Spannung erwarte ich das Rollendebüt von Christian Gerhaher in Aribert Reimann’s „Lear“ an der Bayerischen Staatsoper, das am 23.05.21 (19.00 Uhr) bzw. verschoben auf 30.05.21 (18.00 Uhr) im Livestream und anschließend 30 Tage kostenlos als Video on demand zu erleben sein wird.

Literarisch warten einige Bücher von interessanten Autorinnen und Autoren auf mich und ich möchte meine literarische Europareise fortsetzen, die im April eine Ruhepause eingelegt hat – lasst Euch überraschen!

Und kulinarisch freue ich mich vor allem auf Spargel und Erdbeeren, damit der Frühling endlich auch auf dem Teller Einzug hält.

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich heute einen schönen ersten, aber auch gesamten Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight April:

Kulinarisch bot der April für mich eine wunderbare Neuentdeckung: Mönchsbart (oder auch „barba di frate“), der in Italien auf meernahen, salzhaltigen Wiesen wächst und sich hervorragend mit Pasta kombinieren lässt. Ein saisonales Produkt, das mich begeistert hat und das auch nächstes Jahr sicher wieder auf meinen Tisch kommen wird. Inspiriert dazu wurde ich durch dieses sehr empfehlenswerte Rezept auf Arcimboldi’s World für Spaghetti mit Barba di Frate.

Musikalisches im April:
Sehr empfehlen kann ich das Konzertvideo (mit Interviews) „Mozart in Havanna“ der Hornistin Sarah Willis (Berliner Philharmoniker) gemeinsam mit dem Havana Lyceum Orchestra, das noch bis zum 25.06.21 auf ARTE Concert zu sehen ist und das beweist, wie gut Mozart und Mambo harmonieren – ein wahrer Quell guter Laune.

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

Märzbowle 2021 – Wetterkapriolen und Krisenkreativität

Ein langer März ist zu Ende gegangen, der sich uns wettertechnisch über weite Strecken eher als April präsentierte und mit Wetterkapriolen jeglicher Couleur aufwartete: Graupel, Regen, Sonne, Wolken, Schnee, Schneeregen, Sturm – es war alles dabei. Doch zumindest die letzte Märzwoche ließ dann doch noch Frühlingsfreuden aufkommen und stimmte versöhnlich.

Zudem habe ich ein neues Wort kennengelernt: „krisenkreativ“ – das bisher selbst dem Duden noch nicht bekannt ist. Eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten der Pandemie sehr gefragt ist. Ein Fernsehbeitrag monierte, dass diese in Deutschland zu schwach ausgeprägt sei – dem setze ich gerne meine „Kulturbowle“ als widerlegendes Beispiel entgegen. Ohne die Pandemie hätte ich den Blog wohl nicht gestartet, somit ist er mein Weg, der Krise mit Kreativität zu begegnen – also quasi „Krisenkreativität pur“.

Kulturell waren und sind wir immer noch auf Digitales angewiesen, doch mit der zauberhaften Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper und dem Gute-Laune-Musical „Non(n)sens“ des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte ich zumindest zu Hause erneut zwei großartige Theater-Livestreams genießen. Ebenfalls herausragend fand ich das Montagsstück der Bayerischen Staatsoper „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini, das in einer charmanten Inszenierung von Marcus H. Rosenmüller als Livestream zu sehen und musikalisch wie szenisch (in schwarz-weiß Stummfilm-Optik) sehr unterhaltsam war.

Zudem konnte ich im März zwei sehr gute Filme (im Fernsehen) sehen, bei welchen ich es nicht ins Kino geschafft hatte und die mir ausnehmend gut gefallen haben: den amerikanischen Film „Hidden Figures“ (2016) über die ersten afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der NASA während der 60er Jahre und eine polnisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „Marie Curie und das blaue Licht“ ebenfalls aus dem Jahr 2016, welche die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt gestellt hat. Sehenswert!

Literarisch war es für mich ein reichhaltiger und abwechslungsreicher März, der mich eintauchen ließ in andere Zeiten, Welten und in vielen Fällen echte Lektüreperlen für mich bereithielt.
Gleich der Auftakt mit Mirjam Presslers Jugendbuch „Dunkles Gold“, das sich auf gut verständliche und eindringliche Weise dem Thema Antisemitismus widmet und gleichzeitig die Geschichte des Erfurter Schatzes erzählt, war eine solche Perle, hat mich tief berührt und fasziniert. Da die Autorin ihre letzten Lebensjahre in meiner Heimatstadt Landshut verbracht hat und ein beeindruckendes Lebenswerk als Übersetzerin und Autorin hinterlassen hat, war es mir eine besondere Ehre und eine Herzensangelegenheit, dieses Buch auf der Bowle vorzustellen.

Im Anschluss konnte ich mit Laura Freudenthaler’s Debütroman „Die Königin schweigt“ ein kleines, feines Buch kennenlernen, das mich vor allem aufgrund der Sprache und der Intensität sehr beeindruckt hat. In kurzen Kapiteln zeichnet die junge Autorin in ausdrucksstarken Miniaturen und Momentaufnahmen Bilder, die sich einbrennen und das einfache Leben einer Frau erzählen, die in den 30er Jahren auf einem abgelegenen österreichischen Bauernhof aufgewachsen ist.

Dem Fernweh, das mittlerweile viele plagt, konnte ich mit der Lektüre von Marius Tölzer’s Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ ein wenig nachgeben und die stimmungsvolle, klassisch-inspirierte Poesie des jungen Autors war für mich ein großer Genuss. In Kombination mit dem Online-Angebot des Würzburger Kulturspeichers und dem Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ mit den mediterranen Gemälden, die südliches Licht und italienisches Flair eingefangen haben, war dies für mich eine ideale Symbiose aus Literatur und bildender Kunst.

Auf eine Seereise im Mittelmeer im Jahr 1907 entführte mich Günter Neuwirth mit seinem Kriminalroman „Dampfer ab Triest“. Viel K.u.k.-Atmosphäre und ein unterhaltsamer Krimiplot mit liebevoll gezeichneten Figuren und interessantem historischen Hintergrund, der sich sehr flüssig gelesen hat.

Die Büchergilde hat 2020 Stefan Zweigs pazifistisches Werk „Der Zwang“ mit Illustrationen von Franz Masereel aus dem Jahr 1920 zum 100-jährigen Jubiläum in einer wunderschönen Leinenausgabe herausgebracht, die jedem bibliophilen Menschen das Herz aufgehen lässt. Ein zeitloses Werk mit einer wichtigen Aussage, das auch nach 100 Jahren noch hochaktuell ist und sich sehr gut liest – ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg.

Im kulinarischen Krimi „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ von Erich Schütz macht der Autor auf unterhaltsame Art auf die Problematik der modernen Fischzucht und die teils fragwürdigen Methoden aufmerksam. Verpackt als Kriminalroman prangert er Missstände an und erreicht, dass der Leser sich Gedanken darüber macht, woher das Bodenseefelchen oder allgemein der Fisch auf dem Teller denn eigentlich kommt.

Die Stadt Venedig feierte am 25. März 2021 ihren 1600. Geburtstag – ein schöner Grund, sich auch literarisch in die Serenissima zu begeben: Christian Schnalke’s historischer Roman „Die Fälscherin von Venedig“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung seines Romans „Römisches Fieber“, welche die Geschichte von Franz Wercker weiter erzählt, der nachdem er aus Rom geflohen ist, nun in Venedig einem großen Kunstraub auf die Spur kommen soll. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Spannend, farbenfroh und opulent erzählt, ist dies ein wunderbarer Lesegenuss, für Venedigfans und für alle, die einen guten, historischen Roman zu schätzen wissen.

Ein Lese-Highlight war diesen Monat auch der neue Roman von Daniela Engist „Lichte Horizonte“, der mich vollkommen in den Bann gezogen hat und in dem ich so viele schöne Textstellen gefunden hatte, dass ich wahrlich die Qual der Wahl hatte, was ich in meiner Rezension zitiere. Ein kluger, intensiver und lebensweiser Roman über die Liebe und über eine Frau, die ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen revue passieren lässt. Eine Figur, die in ihrer Reife und Herzenswärme an die Marschallin des Rosenkavaliers erinnern könnte, und ein herausragender Roman, der mich sowohl sprachlich als auch inhaltlich absolut begeistert hat.

Am Ende des Monats gab es dann nochmal einen Krimi mit Lutz Wilhelm Kellerhoff „Teufelsberg“. Der zweite Band um den Ermittler Wolf Heller (nach dem ersten Teil „Die Tote im Wannsee“), der dieses Mal im West-Berlin des Jahres 1969 während der Mondlandung und in der aufgeheizten Zeit von Studentenrevolten und kaltem Krieg, einen Mord an einer Jüdin – der Frau eines Richters – aufklären muss. Spannend – vor allem auch wegen der gelungenen Schilderung der damaligen Zeit – und somit ein kurzweiliger Kriminalroman, der sich sehr flüssig lesen lässt.

Auch im April gibt es wieder einiges, auf das ich mich freue:
So habe ich mir vorgenommen, in der Mediathek des Landestheater Niederbayern das spannende Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar anzusehen, das dort kostenfrei (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung steht. Ein hochbrisantes Schauspiel über religiösen Fanatismus und Wirtschaftsterrorismus.

Zudem möchte ich mir gerne das Online-Angebot des Museum Wiesbaden zur aktuellen Ausstellung „August Macke – Paradies! Paradies?“ (30.10.20 – 09.05.21) näher anschauen und mir unter anderem Zeit für die 40-minütige Onlineführung durch den Kurator nehmen.

Genießen wir also gute Bücher, Kunst, Kultur, wo immer möglich und bleiben wir krisenkreativ und zuversichtlich!

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich frohe Ostern und schöne Feiertage!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight März:
Im vergangenen Monat habe ich seit längerer Zeit wieder einmal einen Zwiebelkuchen gemacht – dazu ein Glas fränkischer Weißwein. Manchmal können die guten Dinge so einfach sein.

Musikalisches im März:
Besonders berührt hat mich im März ein Video des Kinderchors und des Jungen Chors der Deutschen Oper Berlin, das auf der Homepage der Deutschen Oper abrufbar ist: „I Believe in Springtime“ von John Rutter. Ein Chorstück, das bereits im vergangenen Herbst im Berliner Olympiastadion mit viel Abstand zwischen den Sängern aufgezeichnet wurde und das durch Musik und Text die Hoffnung zum Ausdruck bringt, die wohl viele teilen.

„Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto von „Der Rosenkavalier“)