Familie Shakespeare

Maggie O’Farrells mit dem Women’s Prize for Fiction 2020 ausgezeichneter Roman „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie Shakespeare: seiner Frau Agnes und seiner Kinder Susanna, Judith und Hamnet. Ein Thema und vor allem eine Persönlichkeit, die mich seit meiner Schulzeit fasziniert, mir unzählige, unvergessliche Theaterbesuche beschert hat und hoffentlich noch wird und daher das Buch sofort an die Spitze meiner Bücherwunschliste katapultiert hat.

Man weiß wenig über William Shakespeare, den größten Dramatiker aller Zeiten und sein Leben, was dazu führt, dass sich zahlreiche Geschichten und Mythen um ihn ranken. Und so erzählt Maggie O’Farrell basierend auf den wenigen bekannten Fakten wohl vor allem eine fiktive Geschichte über ihn und seine kleine Familie in Stratford-upon-Avon und nimmt sich die künstlerische Freiheit, eine liebevolle, anrührende Geschichte über Liebe, Familie, Schmerz und Verlust zu erzählen.

16. Jahrhundert im englischen Stratford-upon-Avon: Der junge William Shakespeare steht unter der Fuchtel seines dominanten Vaters – des ehemaligen Bürgermeisters und angesehenen Handschuhmachers, der jedoch in der Dorfgemeinschaft durch unlautere Geschäfte in Verruf geraten und in Ungnade gefallen ist. Gesellschaftlich ausgegrenzt und vom Dorfleben ausgeschlossen, lässt dieser seine Wut nicht selten auch in Form körperlicher Gewalt an seinem Sohn aus und zwingt ihn, mit dem Erteilen von Lateinstunden die Schulden seines Vaters abzuarbeiten.

Als dieser jedoch der kühnen und unangepassten, adligen, jungen Frau Agnes begegnet, ist es um ihn geschehen. Agnes ist eine außergewöhnliche, starke Persönlichkeit. Sie versteht sich auf Falknerei, kennt die Wirksamkeit von Heilkräutern und scheint eine besondere Gabe zu haben, die Vergangenheit und Zukunft von Menschen erspüren und sehen zu können. Im jungen Shakespeare sieht sie Großes und als sie sich in den Kopf setzt, diesen Mann trotz der Standesgrenzen heiraten zu wollen, weiß sie, dass sie dieses Ziel mit einer Schwangerschaft wohl am ehesten erreichen wird.

„Ein juwelenübersäter, von silbernen Löchern durchbohrter Himmel ruhte auf den Dächern der Stadt. Mit dem Finger angelte er Menschen und Tiere und Familien aus den Sternen und flüsterte ihr Namen und Geschichten ins Ohr.“

(S.335)

Für Shakespeare gibt sie ihre adeligen Privilegien auf und zieht nach der Heirat, die aufgrund des gemeinsamen Kindes unvermeidbar geworden ist, zu ihm und seiner Familie. Töchterchen Susanna erblickt das Licht der Welt – doch Agnes, die immer schon freiheitsliebend und naturverbunden ist, fühlt sich nicht immer wohl im Shakespear’schen Haus und im kleingeistigen Dorf.

Und auch ihrem Ehemann wird es bald zu eng und seine Träume treiben ihn fort von ihr in die große Stadt London, wo er versucht, sein Glück am Theater zu finden. Schwer zu verstehen und zu akzeptieren, was er dort treibt und warum er so wenig Zeit mit Agnes und ihren Kindern verbringen möchte – den mittlerweile wurden die Zwillinge Judith und Hamnet geboren und vor allem die kleine Judith ist als Frühchen von zarter Konstitution und braucht viel Zuwendung.

Die Fernbeziehung kostet ihren Tribut und Agnes muss immer häufiger ohne ihren Gatten auskommen. Der sprachgewaltige Künstler, der Zauberer mit Worten wird in den Diskussionen und Streitgesprächen mit seiner Frau oft wortarm und sprachlos. Und auch als die Pest – der schwarze Tod – ins Land kommt und ihnen das Liebste nimmt – ihren Sohn Hamnet – muss Agnes zunächst alleine mit der Angst, dem Kampf ums Kind und der Trauer zurecht kommen.

Der irisch-britischen Autorin ist ein großartiger, historischer Roman gelungen, der in zutiefst bewegender Weise die Geschichte einer starken und unkonventionellen Frau und den tiefen Schmerz einer Mutter beschreibt, die ihr Kind verliert. Denn die heimliche Hauptfigur des Buchs ist Agnes. Sie ist es, die im Mittelpunkt der Erzählung steht und ihre Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle tragen die Handlung. Eine faszinierende Figur, die hier das Licht der literarischen Welt erblickt hat und den großen Dramatiker William Shakespeare von einer völlig anderen Seite zeigt. Der liebende aber abwesende Familienvater, welcher der Enge der Kleinstadt entflieht und in London alles seinem großen Ziel unterordnet, sein eigenes Theater mit eigener Truppe und eigenen Stücken zu führen. Der Künstler, der seine Trauer über den Verlust des Sohnes in Form eines seiner bekanntesten Stücke verarbeitet: „Hamlet“.

O’Farrell lässt sich viel Zeit für ihre Geschichte, sie übereilt nichts, kostet die Szenen aus. Selten habe ich so viele intensive, berührende und gefühlvolle Momente in dieser Dichte versammelt in einem einzigen Roman gelesen. Auch die Übersetzerin Anne-Kristin Mittag hat hier Großes geleistet, denn sprachlich ist die Lektüre ein Genuss mit wunderschönen Sätzen, die man am liebsten laut vorlesen möchte.

Ein langsames, ruhiges und sehr anrührendes Buch, das sehr zu Herzen geht und ein wunderbarer Schmöker für den Herbst, wenn die Tage kürzer und die Leseabende länger werden.

Buchinformation:
Maggie O’Farrell, Judith und Hamnet
übersetzt von: Anne-Kristin Mittag
Piper
ISBN: 978-3-492-07036-2

© Piper Verlag

***

Wozu inspirierte mich „Judith und Hamnet“:

Für den Gaumen:
Shakespeares Frau Agnes ist im Roman nicht nur Heilkundige, sondern versteht sich auch aufs Imkern und daher spielt auch Honig eine Rolle. Deshalb passt für mich zu diesem Roman eine Scheibe gutes Brot mit Butter und Honig – ein einfacher und doch so köstlicher Genuss.

Zum Weiterschauen bzw. für den nächsten Theaterbesuch:
Shakespeares Stücke haben nichts an Aktualität verloren und so freue ich mich jedes Mal, wenn ich eines seiner Werke auf dem Spielplan sehe. Shakespeare erfasste das wahre Wesen der Menschen wie kein Anderer und setzte dieses in eine unübertroffene Sprache und in herausragende Szenen um, die stets ins Herz treffen und sich auf ewig einbrennen. Für Shakespeare-Neulinge sind zunächst wohl die Komödien die bevorzugte Wahl („Der Sommernachtstraum“ oder „Viel Lärm um nichts“), später wird man dann aber sicherlich auch Gefallen an den großen Tragödien finden – also ab ins Theater, wenn die Möglichkeit besteht.

Zum Weiterlesen:
Allen Freunden von Gedichten und der Poesie lege ich Shakespeares Sonette ans Herz – das ist Sprache zum Schwelgen. Es gibt einige sehr schöne zweisprachige Ausgaben, die es ermöglichen, auch das Original neben der deutschen Fassung zu lesen. Eins meiner absoluten Favoriten ist Sonett Nr. 18.

Shakespeare, Die Sonette (Zweisprachige Ausgabe)
Deutsch von Christa Schuenke
dtv
ISBN: 978-3423124911

Septemberbowle 2020 – Altweibersommer und Theatermagie

Der September verwöhnte uns noch mit herrlichstem Wetter und einem wunderbaren Altweibersommer. Ein warmer, sonniger Spätsommer, den man noch in vollen Zügen genießen und viel Zeit im Freien verbringen konnte, bevor man jetzt mit gemischten Gefühlen bei steigenden Infektionszahlen in den bevorstehenden Pandemieherbst und – winter übergeht.

Meine Lektüre im September konnte mich nahezu durchgängig überzeugen, oft begeistern und hatte stellenweise sogar etwas Magisches. Zudem war ich überglücklich, dass auch die Theatersaison 2020/2021 trotz aller Schwierigkeiten und unter besonderen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen beginnen konnte. Endlich wieder Livetheater! Und so spiegelte sich meine Freude am und aufs Theater auch in meiner Buchauswahl wieder.

Den Auftakt machte jedoch ein „Regalschlummerer“, d.h. ein Roman, der schon eine Weile in meinem Regal auf den richtigen Moment gewartet hatte, gelesen zu werden: „Unter der Drachenwand“ aus dem Jahr 2018 von Arno Geiger, dem Gewinner des ersten Deutschen Buchpreises 2005 (für „Es geht uns gut“). Eine eindrückliche und stimmungsvolle Geschichte, die das Jahr 1944 und die Endphase des zweiten Weltkriegs aus der Sicht junger Erwachsener beleuchtet, die im österreichischen Mondsee gemeinsam das Ende des Krieges ersehnen und sich einfach nur etwas Normalität und kleines bisschen Glück im Leben wünschen. Ein ruhiges, sehr atmosphärisches Buch, das mich sehr berührt hat.

Ein ziemlicher Kontrast war danach der Thriller „Dunkel“ von Ragnar Jónasson, der den Auftakt zur vielgerühmten Hulda-Trilogie bildet, die mittlerweile mit den folgenden Teilen „Insel“ und „Nebel“ vervollständigt wurde. Eine düstere Kriminalgeschichte aus Island mit einer charismatischen Hauptfigur namens Hulda, die als Kriminalpolizistin kurz vor der Zwangspensionierung noch in einem gefährlichen Cold Case ermittelt. Durch den Kniff, die Handlung chronologisch rückwärts vom Ende her zu erzählen, definitiv spannend und sehr flüssig zu lesen, aber insgeheim hatte ich mir bei den zahlreichen Vorschusslorbeeren noch etwas mehr versprochen.

Hochgradig spannend und packend fand ich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes – einem Autor, den ich aufgrund seiner bisher erschienenen, großartigen Biographien (u.a. „Witwe im Wahn“ oder „Herrin des Hügels“) ohnehin verehre. Dieses Mal entführte er mich ins Berlin der 30er Jahre und schilderte einen mysteriösen Kriminalfall – basierend auf einer wahren Begebenheit – der mich sofort in seinen Bann zog: detailreich, atmosphärisch und hervorragend recherchiert ein fesselndes Stück deutscher Zeitgeschichte.

Mein Liebling des Monats – obwohl das bei dieser starken Konkurrenz wirklich sehr schwer festzulegen ist – war aber wohl „Herzfaden“ von Thomas Hettche. Zu Recht steht dieser Roman auf der Shortlist des diesjährigen deutschen Buchpreises, der am 12. Oktober verliehen wird. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und der Gründerfamilie des Marionettentheaters war für mich magisch und versetzte mich gedanklich zurück in meine Kindheit. Ein Buch, in das ich abgetaucht bin und das mich fasziniert, unterhalten und bezaubert hat. Ganz große Literatur über Väter und Töchter, die Nachkriegszeit, die Kraft der Kunst und der Fantasie und über Theater und Theatermacher!

Felix Mitterers „Keiner von euch“ war danach eine Lektüre, die sich mit schwierigen Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und einem Lebensschicksal beschäftigt hat, das verstörend und aufwühlend zu lesen war. Der österreichische Autor beschreibt in seinem ersten Roman die Geschichte Mmade Makés, der im 18. Jahrhundert in seiner afrikanischen Heimat entführt und bereits als Junge nach Europa verschleppt wurde. Als „Angelo Soliman“ verkehrt er später am Wiener Hof als Leibeigener eines Fürsten in höchsten Adelskreisen und der Freimaurerloge Mozarts. Doch am Ende seines Lebens geschieht das Unfassbare und er wird als präparierter Leichnam im Wiener Naturalienkabinett als „wilder Ureinwohner“ vor der Öffentlichkeit entwürdigend zur Schau gestellt. Eine wahre Geschichte, die schockiert und unter die Haut geht.

Das Ende meiner Septemberlektüre spannt wiederum einen Bogen zum Theater: „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie des größten Dramatikers aller Zeiten – William Shakespeare. Die irisch-britische Schriftstellerin Maggie O’Farrell erzählt – basierend auf den wenigen Fakten, die bekannt sind – eine ruhige, eindringliche und zu Herzen gehende Geschichte über Shakespeares Frau Agnes und die Kinder Susanna, sowie die Zwillinge Judith und Hamnet. Ein historischer Roman, der ruhig und mit tiefgründiger Sprache eine neue Welt eröffnet, den Theaterverrückten Shakespeare als oft abwesenden Familienvater von einer anderen Seite zeigt und für den die Autorin mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet wurde.

Ein absoluter Höhepunkt für mich war in diesem Monat aber die erste Premiere der neuen Spielzeit im Landestheater Niederbayern mit dem „Urfaust“. Ich habe mich so sehr gefreut, endlich wieder ins Theater gehen und Schauspieler live auf der Bühne erleben zu können. Eine gelungene, moderne Inszenierung eines zeitlosen Klassikers, den ich zur Vorbereitung und Steigerung der Vorfreude auch nochmal gelesen hatte. Ein Abend, der Hoffnung und Kraft gegeben hat, um den weiteren Herausforderungen des anstehenden Herbsts und Winters im Zeichen der Pandemie mit Zuversicht begegnen zu können und ein eindrücklicher Beweis, das die Macht und der Zauber des Theaters ungebrochen ist.

Ein sonniger, erfüllender und vielseitiger Lese- und Kulturmonat September ist zu Ende und ich freue mich jetzt auf einen goldenen Oktober, der hoffentlich – wenn auch vermutlich mit herbstlicherem Wetter – wieder viel Anlass zu Freude, Lese- und Kulturgenuss geben wird. Es warten eine Operettenpremiere und mit Sicherheit wieder vielversprechende Bücher auf mich. Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight September:
Zwetschgendatschi – kaum etwas schmeckt für mich so sehr nach diesen letzten, schönen warmen Sommertagen wie ein Stück von dieser süßen Köstlichkeit. Sonnengereifte, saftige Zwetschgen frisch vom Baum schreien gerade danach, zu diesem Kuchen verwandelt zu werden.

Musikalisches im September:
Ein Höhepunkt war für mich die TV-Übertragung der „Last night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London auf NDR: das legendäre Konzert, das dieses Jahr zwar corona-bedingt vor einem leeren Zuschauerraum stattfand, aber dennoch eine ganz besonderen Zauber entfalten konnte. Vor allem die herausragende und äußerst sympathische Sopranistin Golda Schultz sowie die gelungene Programmzusammenstellung haben mich begeistert. Ausschnitte aus Mozarts „Le nozze di figaro“, das berührende Lied „Morgen“ von Richard Strauss oder aber das berühmte „You’ll never walk alone“ aus dem Musical „Carousel“ gesungen von Golda Schultz bescherten mir mehr als einen Gänsehautmoment.

„When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark
At the end of a storm
There’s a golden sky
And the sweet silver song of a lark“

(aus dem Musical „Carousel“, Text: Oscar Hammerstein II)

Urfaust – endlich wieder live!

Endlich wieder Theater! Nach einer langen Corona-Pause und zwei schönen und kurzen Freiluft-Intermezzi im Sommer, meldet sich das Landestheater Niederbayern mit der ersten Schauspielpremiere der neuen Spielzeit wieder zurück und präsentiert sich mit Goethes „Urfaust“ dem Publikum. Nach der langen corona-bedingten Durststrecke ohne die geliebten Theaterbesuche war meine Vorfreude auf die erste Premiere riesig und die Spannung entsprechend groß, wie der Theaterbetrieb und eine Inszenierung unter Einhaltung der nötigen Hygienevorschriften aussehen kann. Gleich vorneweg: es funktioniert und fühlt sich – trotz der reduzierten Platzbesetzung im Saal – auch nach Theater an.

Goethes Urfaust weist bereits viele Züge des späteren Faust I auf, der deutlich häufiger gespielt wird. Man erkennt vieles wieder und doch ist dieser frühe Faust, der erst 1918 uraufgeführt wurde, noch stark geprägt vom Sturm und Drang. Ein dynamisches Stück, das ohne Pause gespielt, einen großen Sog entwickelt. Die Handlung über den verzweifelten Wissenschaftler, der vom Teufel unterstützt, ein junges Mädchen verführt und in den Wahnsinn treibt, ist hinlänglich bekannt und muss sicher nicht näher ausgeführt werden.

Die Inszenierung, die Regisseur Peter Oberdorf und sein Team hier auf die Bühne gezaubert haben, spielt mit der Distanz zwischen den Figuren – natürlich erfordert Corona gleichsam aus der Not eine Tugend zu machen – aber das Konzept ist absolut stimmig und steht für sich selbst. Das wirkt nicht erzwungen oder aufgesetzt, sondern natürlich und logisch, denn die Figuren im Stück agieren nicht auf Augenhöhe und kommen sich daher auch nicht wirklich nah. Zu gravierend sind die Unterschiede in Stand, Alter und Bildung bei Gretchen und Faust, zu tief sind die Abgründe zwischen Mephisto und dem gläubigen Gretchen und zu groß ist auch die Kluft zwischen Faust – dem Intellektuellen – und den betrunkenen Gästen in Auerbachs Keller.

Das Bühnenbild ist mit einem Kubus, der sich vom Studierzimmer, zu Gretchens Stube bis hin zum Kerker wandeln kann und zahlreichen gläsernen Trennwänden sehr variabel und vielseitig. Unterstützt durch Videoprojektionen und Musik ergeben sich so eindrückliche Bilder, die lange nachwirken.
Oberdorf schafft eine moderne, sehr heutige Inszenierung, die auch in Schülervorstellungen bei einem jungen Publikum Anklang finden wird und dem zeitlosen Charakter des Stücks gerecht wird. Lediglich die Idee, Auerbachs Keller in ein äußerst zwielichtiges Bordell zu verlagern, fiel für meinen Geschmack ein wenig zu sehr aus dem Rahmen.

Besonders stark war die Inszenierung für mich vor allem in den leisen Szenen, die Darstellung der aufkeimenden Verliebtheit Gretchens und die Funken, die zwischen ihr und Faust entfacht werden – elektrisierend gespielt auch über die Distanz hinweg. Und auch die Szene im Garten – im Wechselspiel der Paare Faust/Gretchen und Mephisto/Marthe war magisches Theater, so wie es sein soll.

Für mich steht und fällt mein Urteil über eine gelungene Faust-Inszenierung meist mit der Besetzung des Mephisto. Wenn diese wichtige Figur das richtige Feuer und Format besitzt und von einem guten Darsteller verkörpert wird – hat das Stück für mich schon fast gewonnen. Und Kammerschauspielerin Ursula Erb als Mephisto ist eine Idealbesetzung: sie auf der Bühne zu erleben ein Genuss – teuflisch gut.
Die Idee, den Mephisto weiblich zu besetzen, war schon 1999 eine sehr gute, als ich das große Glück hatte, Adele Neuhauser in Regensburg in dieser Rolle zu erleben und auch Ursula Erb verkörpert diese faszinierende Figur mit großer Bühnenpräsenz und dem nötigen schlitzohrigen, zynischen Witz.

Julian Ricker gibt zu Beginn den zerzausten, verzweifelnden, nach Erleuchtung suchenden Wissenschaftler mit Nerdbrille – abgeschottet in seinem Studierzimmer-Kubus. Später erleben wir ihn als Intellektuellen, der sich in Gretchen eine unerfahrene und unpassende Partnerin zum Stillen seiner Lust auswählt und diese ins Verderben stürzt. Ein überzeugender, junger Faust, der gut zum „Sturm und Drang“-Charakter des Urfaustfragments passt, das Goethe zeitlich parallel zum „Leiden des jungen Werthers“ verfasste.

Friederike Baldin verkörpert anfangs ein junges, unerfahrenes, fast burschikoses und sehr heutiges Gretchen (mit Smartphone, Kopfhörern und Chucks), das in den Szenen mit Faust immer weiblicher und weicher wird – so dass mir gerade ihre Interpretation der Szenen im Garten und die „Gretchen“-Frage als besonders gelungen und intensiv in Erinnerung bleiben.

Ella Schulz als liebeshungrige Witwe Marthe Schwertlein fügt dem Ganzen eine witzige, komödiantische Komponente hinzu und so offenbart das Ensemble auch in den Nebenrollen mit Stefan Sieh (unter anderem als übermotivierter Famulus Wagner), Reinhard Peer, Julian Niedermeier und Isabella Könsgen große Spielfreude und Energie und man spürt als Zuschauer, wie groß die Freude auf Seiten der Darsteller ist, wieder auf der Bühne und vor Publikum spielen zu dürfen.

Die Premierenbesucher waren begeistert und belohnten die Leistung des Ensembles und des Regieteams gleichermaßen mit lange anhaltendem Applaus. Das Theater hat in der Corona-Pause nichts von seiner Kraft und Magie verloren und so ist man und bin ich sehr dankbar, diese auch endlich wieder live erleben zu können.

Der „Urfaust“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

Gesehen am 18. September 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

***

Was passt zum „Urfaust“:

Für den Gaumen:
Da den Zechern in Auerbachs Keller der auf teuflische Weise herbeigeschaffte „Reinwein, (…), Muskaten, (…) Tockayer“ (das ist Goethes Orthografie – nicht meine) nicht sonderlich bekommt, habe ich den schönen Theaterabend zu Hause mit einem fränkischen Riesling aus- und nachklingen lassen.

Weiterer Theatergenuss:
Als Theaterfreund ist man gegebenenfalls bereits mal in einer Vorstellung von „Gretchen 89FF.“ – dem Theaterkabarett von Lutz Hübner – gelandet. Falls nicht und falls das Stück einmal in der Nähe gespielt wird, sollte man die Gelegenheit unbedingt nutzen. Denn wenn man „seinen Faust“ ein wenig kennt, ist das wirklich sehr unterhaltsam und eine amüsante Art, sich dem großen Klassiker mal von der lustigen Seite zu nähern.

Zum Weiterlesen:
Zum Steigern der Vorfreude und Auffrischen meiner Faust bzw. Urfaust-Kenntnisse habe ich das Stück vor meinem Theaterbesuch nochmal gelesen (meine Reclamausgabe im Schrank hatte noch einen Preisauszeichnung in DM). Gerade bei solchen Klassikern mache ich das gerne und bin dann immer wieder fasziniert, wie lebendig der Text wird, wenn man ihn live im Theater erleben kann.

Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Frühere Fassung (»Urfaust«)
Hrsg.: Brandes, Peter
Reclam Verlag
ISBN: 978-3-15-019594-9

Ein Buch, das mich aber auch bereits vor vielen Jahren nachhaltig beeindruckt hat und mir stets aufs Neue in den Sinn kommt, wenn ich wieder mit dem Fauststoff in Berührung komme, ist der Roman „Mephisto“ von Klaus Mann.

Klaus Mann, Mephisto
rororo
ISBN:  978-3-499-27686-6

New York, New York

Elizabeth Gilberts Roman „City of Girls“ entführt den Leser in das pulsierende, funkelnde und schillernde Nachtleben der Vierziger Jahre in der Stadt, die niemals schläft: New York.

Sommer 1940 – die 19-jährige Vivian wirft das College hin, entflieht der Enge ihres Elternhauses und bezieht Quartier bei ihrer Tante in New York, die dort ein eigenes, kleines Theater in einem Arbeiterviertel betreibt. Tante Peg – das schwarze Schaf der Familie – ist nicht nur Bühnen-, sondern auch Lebenskünstlerin und hält sich, ihre Mitarbeiter und das heruntergekommene „Lily Playhouse“ mit einfachen und eher handwerklich, denn künstlerisch angelegten Unterhaltungsrevuen mehr schlecht als recht über Wasser.
Für Vivian beginnt ein neues Leben, sie ist fasziniert vom kreativen Chaos der glamourösen, schillernden Theaterszene und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Nähkünste und ihrer Nähmaschine, die sie ihrer geliebten Großmutter verdankt, integriert sich Vivian schnell in die bunt zusammengewürfelte und eigenwillige Truppe. Sie wird zur Kostümbildnerin des Theaters und da Kleider bekanntlich Leute machen, werden die Kostüme und die Mode zum Ausdrucksmittel und Türöffner für das junge Mädchen. Mit Showgirl Celia genießt sie ihre ungezügelte Freiheit und die unbegrenzten Möglichkeiten des New Yorker Nachtlebens, die ihr auf einmal offen stehen. Schon bald wirft jedoch der zweite Weltkrieg seine Schatten auch nach Amerika, doch Vivian schwirrt weiter durch die Bars und Clubs der Stadt, wie eine Motte ins Licht – nicht ahnend, dass ihr Verhalten andere und sich selbst bald in großes Unglück stürzen wird. Und als dann nicht nur ihr Privatleben, sondern auch die Welt in Flammen steht, zeigt sich für Vivian, worauf es im Leben wirklich ankommt und wo ihre Stärken liegen.

Elizabeth Gilbert versteht es, Figuren aufs Papier zu zaubern, die einem sofort ans Herz wachsen. Die kunterbunte Theaterkompanie im Lily Playhouse mit der stets optimistischen und positiven Peg, dem ruhenden Pol und wachsamen Hütehund Olive, dem zum Inventar gehörenden Mr. Herbert, der verruchten und vergnügungssüchtigen Celia und der Grand Dame des Theaters Edna – um nur einige wenige zu nennen – sind einfach wunderbar gezeichnet. Man freut sich, lacht, liebt und leidet mit allen von ihnen und taucht ab in diese glitzernde Theaterwelt der Vierziger Jahre. Und so wie die Theaterbesucher im Lily Playhouse gemäß dem Motto „hübsche Beine statt schlechter Shakespeare“ (Zitat, S.56) gut unterhalten werden, um den Alltag und die Sorgen einen Abend lang zu vergessen, so lässt auch dieses Buch den Leser alles um sich herum für eine Weile ausblenden.
Wie gut kann ich als leidenschaftliche Theatergängerin die Euphorie nach einer gelungenen Aufführung nachvollziehen und wie sehr wünsche ich mir, dass auch wir bald wieder im Theater sitzen, Leute aus Fleisch und Blut auf der Bühne erleben und lachen können. Bis dahin ist dieser Roman eine gute Möglichkeit, diese Wartezeit zu überbrücken und die Vorfreude zu verstärken, denn es prickelt, knistert und der Funke der Geschichte ist auf mich definitiv übergesprungen.

Ein herzerwärmendes Buch, das man kaum mehr aus der Hand legen kann. Es ist witzig, charmant und geistreich und ich musste mehrfach herzhaft lachen. So sehr die erste Hälfte geprägt ist von guter Laune, unbeschwerter Ausgelassenheit und schöpferischem Schaffen der Theatertruppe im liebenswürdigen, aber heruntergekommenen Haus, so emotional wird der zweite Teil des Buches und geht zu Herzen. Denn dass hinter der Bühne und den Kulissen nicht immer alles glänzt und leuchtet, sondern dass auch dort Menschen Schwäche zeigen und mit ihren Sorgen, Nöten und Ängsten kämpfen, ist die zweite, sehr menschliche und gefühlvolle Seite des Romans.

Ein großartiges Buch über Lebensfreude, Lebensentwürfe, Freundschaft und Verantwortung, aber auch über die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen und basierend auf den persönlichen Stärken selbstbestimmt und unabhängig zu gestalten. Eine wunderbare, lebensfrohe Sommerlektüre für alle, die Theater, starke Frauen, New York, die Vierziger Jahre oder einfach nur eine wirklich gut erzählte und warmherzige Geschichte lieben.

Buchinformation:
Elizabeth Gilbert, City of Girls
Übersetzt von: Britt Somann-Jung
S. Fischer
ISBN 978-3-10-002476-3

***

Wie lässt sich „City of Girls“ mit allen Sinnen genießen oder der Genuss verlängern:

Für den Gaumen: Gin Fizz und Tapas, um sich auch zu Hause wie in einer New Yorker Bar zu fühlen

Für die Ohren und Theatergänger:
Definitiv Musik von Cole Porter – seine Songs „I’ve got you under my skin“, „Night and day“ oder „Begin the beguine“ sind unsterblich und lassen einen sofort mitswingen.
Und sollte sich die Gelegenheit bieten, sein Musical „Kiss me, Kate“ in einem Theater Eurer Nähe live zu erleben (ich hatte am Stadttheater Landshut bereits vor einigen Jahren das Vergnügen), unbedingt nutzen und reingehen!

Für weiteren literarischen Genuss:
Eine ähnliche Wirkung hatte auch die Lektüre von folgendem Roman auf mich, an den mich „City of Girls“ ein ganz klein wenig erinnert hat:

Isabel Allende, Der japanische Liebhaber
übersetzt von: Svenja Becker
Suhrkamp
ISBN: 978-3518467305

Auf zu neuen Ufern

Hallo Welt!
Hallo liebe Kulturbegeisterte, Bücherliebhaber und Genussmenschen!

Ich freue mich, dass Ihr da seid und den Weg auf meinen Blog gefunden habt. Mit diesem ersten Beitrag sende ich ein erstes, herzliches „Hallo“ hinaus in die Welt.

Hier schreibt Eine, die sich schon als Kind auf den Weg machte, die ersten großen Lieben ihres Lebens zu entdecken: Bücher, Musik, Theater – Kultur in ihrer Vielfalt und die schönen Dinge des Lebens. Die Vorlieben für gutes Essen und Trinken, Reisen und die Oper gesellten sich dann ein wenig später dazu. (Mehr zu mir könnt Ihr jederzeit gerne unter „Über mich“ lesen).

Das Jahr 2020 ist ein Jahr der Veränderung und des Umbruchs. Der Virus hat uns, unserem Leben und unseren Gewohnheiten eine neue Prägung gegeben. Gerade als jemand, der für sein Leben gerne ins Theater, die Oper oder in Konzerte geht, musste ich dieses Jahr viele schmerzliche Absagen und traurige Verluste hinnehmen und auf Ereignisse verzichten, auf die ich mich sehr gefreut hatte.
Trost suchte und fand ich unter anderem in Büchern und – auch wenn dies ein Live-Erlebnis im Theater nicht ersetzen kann – in einigen Fernsehübertragungen oder Livestreams aus Opernhäusern und Konzertsälen.

Auch meine Urlaubspläne habe ich dieses Jahr den Umständen angepasst und verbringe meine freie Zeit in meiner Heimat und bleibe zu Hause statt zu verreisen. Und da war dann auf einmal dieser Gedanke, eine andere Reise zu beginnen: Meine Liebe zu Kultur und Büchern zu teilen und da ich gerne schreibe (früher auch bereits auf einer Buchplattform Rezensionen verfasst habe), war da die Idee, dem Ganzen Raum und eine Form zu geben und diesen Blog zu starten – mein Sommerprojekt 2020. Sehr frei nach dem Motto, „wenn Dir das Leben Zitronen schenkt, mach’ Limonade draus“ – warum also nicht eine Bowle – meine Kulturbowle – daraus machen?

Auf zu neuen Ufern – ich freue mich auf diese neue Erfahrung, diesen neuen Weg, diese neue Reise. Kultur und Literatur bereichern mich und lassen mich wachsen, machen mich zu dem Menschen, der ich bin und lassen mich zugleich offen und wach in die Welt schauen. Wenn der eine oder andere durch diese Seite verlockt wird und Lust bekommt, zu einem Buch zu greifen, ins Theater oder die Oper zu gehen, Musik zu hören oder ein gutes Essen zu genießen und sich dann darüber zu freuen, habe ich mehr erreicht, als ich mir wünschen kann.

Kultur verbindet und macht das Leben lebenswert – dies möchte ich weitertragen und Menschen dafür begeistern.
Wenn Ihr mich daher auf meiner Reise begleiten wollt, seht Euch gerne in meinem Blog um. Seid offen, zuversichtlich, positiv und genießt es!