Maibowle 2021 – Regentropfen und Grünexplosion

Der Mai war regenreich und ließ die Natur in einer saftigen Üppigkeit grünen und gedeihen, die herrlich anzuschauen ist. Das Sommergefühl wollte sich jedoch noch nicht einstellen. Vielmehr blieb an Regentagen auch weiterhin viel Zeit zum Lesen und so ist wieder ein ordentlicher Stapel zusammengekommen.

Zudem habe ich auch wieder ein paar schöne kulturelle Streamingangebote wahrgenommen, aber Gott sei Dank zeigen sich jetzt auch erste Hoffnungsschimmer am Horizont, dass zukünftig auch wieder Live-Erlebnisse in Theatern und Konzertsälen möglich sein werden.

So waren zum Beispiel in der Münchner Staatsoper bei der konzertanten Aufführung des ersten Akts von Richard Wagner’s „Walküre“ mit Starbesetzung (Lise Davidsen, Jonas Kaufmann und Georg Zeppenfeld) auch wieder Zuschauer im Nationaltheater. Welch tolles Gefühl, wenn am Ende wieder der gebührende Applaus erklingt – das gibt auch zu Hause auf der Couch gleich wieder ein anderes Gefühl.

Humorvolle Leichtigkeit versprühte die Operette „Gräfin Mariza“, die in einem Livestream der Oper Leipzig im Mai online zu erleben war. Amüsant und ironisch nahm die Inszenierung auch die aktuelle Situation aufs Korn, als das sich in der corona-konformen Inszenierung findende Pärchen plötzlich feststellte:

„Jetzt müssten wir uns eigentlich umarmen und küssen. Jedenfalls haben wir das früher so gemacht. Das war eine schöne Zeit.“

(aus „Gräfin Mariza“ in der Inszenierung der Oper Leipzig; Livestream 08.05.21)

Und auch die Semperoper Dresden feierte mit Richard Strauss’ „Capriccio“ die Oper in einer schönen Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog mit einem großartigen Georg Zeppenfeld als Theaterdirektor La Roche und Camilla Nylund als Gräfin Madeleine. Auch die weiteren Rollen sind unter anderem mit Christa Mayer und Daniel Behle erstklassig besetzt. Dieser Musikgenuss und zugleich „Oper über die Oper“ ist noch bis zum 14.07.21 in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) kostenfrei abrufbar.

Kultur und Kunst spielte aber auch in meiner Mai-Lektüre eine große Rolle:
So gewährte mir gleich der Kunst-Krimi von Bernhard Jaumann „Caravaggios Schatten“ zu Monatsbeginn einen tieferen Einblick in das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio und unterhielt mich mit einem spannenden Fall des Artnapping, in welchem die Kunstdetektei Schleewitz in Potsdam und München ermittelt.

Als facettenreich und zeitgeschichtlich sehr interessant entpuppte sich Christoph Peters’ „Dorfroman“, der vor dem Hintergrund der Anti-Atomkraft-Proteste gegen den schnellen Brüter am Niederrhein viele Themen anpackt: Entwurzelung der jungen Generation, der Wandel der Bedeutung der Kirche, zunehmende Individualisierung und ein abnehmendes Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft.

Susanna Clarke’s „Piranesi“ ließ mich dagegen etwas zwiegespalten zurück: Zu Beginn fand ich den experimentellen, phantasievollen Roman durchaus interessant und ich las ihn in einer gewissen ständigen Habachtstellung und mit großer Aufmerksamkeit, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen. Ein ständiges Rätseln um tiefere Bedeutung und philosophische Interpretation, das ich am Ende für mich jedoch nicht zufriedenstellend auflösen konnte. Ausführliche Besprechungen zum Roman gibt es unter anderem bei Bingereader, letusreadsomebooks und notizhefte.

Erfreulich war, dass ich meine literarische Europareise bzw. Europabowle mit Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“ fortsetzen konnte und zwar nach Rumänien in die Hauptstadt Bukarest. Eindringlich beschreibt die Autorin, welche Auswirkung das politische System und die Diktatur auf die privaten Schicksale und Lebensläufe der Menschen über lange Zeit hatte. Eine intensive, kluge und fordernde Lektüre, in der man viel über die Geschichte Rumäniens erfahren kann.

Literarische Theatermomente bescherte mir Cora Sandel’s Roman „Café Krane“ aus dem Jahr 1945, der den Leser in ein nordnorwegisches Städtchen in den Zwanziger Jahren entführt. Eine kammerspielartige Szenerie, die ausschließlich in einem Kaffeehaus spielt und in konzentrierter Form ein Gesellschaftsbild dieser Zeit entwirft. Eine wirkliche Entdeckung!

Zu meinen Lieblingen in diesem Monat zählte jedoch auch ganz klar der Sardinien-Krimi von Gesuino Némus „Die Theologie des Wildschweins“. Es ist herzerfrischend wie im Sommer 1969 der Dorfpfarrer, der zugezogene Piemonteser Polizist und Außenseiter gemeinsam mit dem Dorfpolizisten und dem Tierarzt einen Kriminalfall in einem sardischen Bergdorf lösen. Viel Lokalkolorit und sommerliche Urlaubsstimmung, die mich beim Lesen in nachhaltig gute Laune versetzt hat.

Eine völlig andere Lektüre, aber ein großer Lesehöhepunkt war für mich Hildegard E. Keller’s „Was wir scheinen“ – der Roman, in dem sie Hannah Arendt während eines Urlaubs am Ende ihres Lebens im Tessiner Tegna auf die bedeutsamen Stationen und die wichtigen Menschen in ihrem Leben zurückblicken lässt. Ein intensiver, intelligenter und empfindsamer Roman, der mich tief berührt hat.

Ein außergewöhnliches und sehr inspirierendes Buch war für mich Doris Dörrie’s „Leben Schreiben Atmen“ – das eine Einladung und eine Aufmunterung darstellt, sich doch selbst im Schreiben und auch im autobiographischen Schreiben zu versuchen. Zugleich geht sie mit gutem Beispiel voran und erzählt in kurzen Kapiteln sehr persönliche Momente, Kindheitserinnerungen und Schlüsselereignisse aus ihrem Leben. Stilistisch hervorragend eingefangene Skizzen über geliebte Menschen, Szenen der Trauer und des Verlusts, aber auch des Glücks – die gesamte Gefühlspalette gebannt in einem schmalen, aber um so intensiveren Buch, das wirklich Lust macht, sich auch selbst einmal – wenn auch nur für sich persönlich – ans Schreiben zu wagen.

Bei all dem Regen im Mai drängte sich unweigerlich ein Titel auf, der in meinem Regal schlummerte: Sigrid Damm’s „Sommerregen der Liebe“, in welchem sie neben 231 abgedruckten Originalbriefen von Goethe an Charlotte von Stein auch die komplizierte Liebesbeziehung der beiden näher beleuchtet und geschichtlich einordnet. Berührende Liebesbriefe zu lesen und zugleich viel über Goethes Zeit in Weimar zu erfahren, das war ein Sommerregen, den ich nicht nur ertragen, sondern sogar genießen konnte.

Doch nach dem Regen ging es an die Côte d’Azur: Und zwar gleich mit zwei spannenden Titeln: Zum einem mit dem gerade frisch erschienenen Sachbuch von Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal“, welches die Geschichte des mondänen Küstenabschnitts erzählt und anhand des legendären Hotels in Juan-les-Pins von den illustren Gästen, der Künstlerszene, aber auch davon erzählt, wie sich der Charakter der Orte, der Tourismus und die wirtschaftlichen Folgen über die Jahrzehnte verändert haben.
Zum anderen mit einem Reiseführer der anderen Art aus dem Jahr 1931 von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“. Eine süffige, ironisch-spritzige Lektüre, die man auch heute noch uneingeschränkt genießen kann, selbst wenn beschriebene Hotels und Restaurants teils nicht mehr existieren und noch Preise in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind.

Was wird der Juni bringen? Hoffentlich Live-Theater und Musik im Freien, etwas wärmere Temperaturen und sommerliche Lektüre – bei mir liegt schon einiges an Lesestoff bereit.

Die Indiebookchallenge im Juni lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben A im Titel (#TitelOhneA) – ich habe mir schon etwas ausgewählt und werde berichten.

Der Juni ist da und ich wünsche uns allen, dass der Sommer jetzt bald kommt und wir dann auch gut in und über den Sommer kommen!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Mai:

Wie bereits vorab angekündigt steht der Mai bei mir im Zeichen von Erdbeeren und Spargel. Und gerne auch öfter und immer wieder: Erdbeeren und Spargel. So gut, so einfach und jetzt ist die Zeit dafür.

Musikalisches im Mai:
Als Zugabe nach dem ersten Akt der Walküre im Münchner Nationaltheater sang der Bass Georg Zeppenfeld die Arie des Morosus „Wie schön ist doch die Musik“ aus Richard Strauss’ Oper „Die schweigsame Frau“ – ein wunderschönes Stück mit einer wichtigen Botschaft am Ende:

„Wie schön ist doch das Leben,
Aber wie schön erst,
Wenn man kein Narr ist
Und es zu leben weiß!“

(Stefan Zweig aus dem Libretto der Oper „Die schweigsame Frau“)

Impressionen aus dem Mai:

Aprilbowle 2021 – Blütenzauber und Neuentdeckungen

Im April hat sich nach anfänglich klassisch-wechselhaftem Aprilwetter dann doch der Frühling endlich Bahn gebrochen. Es blüht und grünt in voller Pracht und beim Spazierengehen kann man einen wahren Blütenzauber genießen. Für mich präsentierte sich der Monat vielseitig mit guten Büchern und einigen musikalischen Livestreams, die ein paar schöne Neu- oder Wiederentdeckungen für mich bereithielten.

„Schicksalsfäden sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

(aus „Der Ring an einem Abend“ von Loriot)

Wie schon in den vergangenen Monaten waren und sind wir kulturell immer noch auf Digitales angewiesen, so konnte ich mich unter anderem über einen schönen Wagner-Abend der Leipziger Oper freuen, die mit einem tollen Ensemble Loriot’s „Der Ring an einem Abend“ auf die Bühne und die Bildschirme zauberte.
Loriot’s humorvolle Texte begleiteten mich dann auch noch weiter im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, den das Münchner Gärtnerplatztheater als Livestream zur Verfügung stellte.

Wer einen spannenden Theaterabend zu Hause verbringen möchte, dem kann ich „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in der Mediathek des Landestheater Niederbayern empfehlen – ein packendes, düsteres Kammerspiel, das Terrorismus und Wirtschaftskriminalität thematisiert und hervorragend inszeniert und schauspielerisch umgesetzt ist. Fesselnd und packend – ein eindrucksvolles Stück, das einen auch danach noch lange beschäftigt.

Filmisch hat mich im April vor allem „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta fasziniert, der auf ARD Alpha gezeigt wurde, da sich der Eichmann-Prozess zum 60. Mal jährte. Zudem ist der neu erschienene Roman „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt aktuell in aller Munde, den ich auch bald lesen möchte.

Literarisch präsentierte sich der April für mich ebenso schillernd und farbenprächtig wie die Natur vor der Haustür:
Den Auftakt machte der schmale Band „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, der mir in einer schönen illustrierten Ausgabe der Büchergilde ein kurzes, aber beglückendes Lesevergnügen bereitet hat. Der Roman über die Queen, die inspiriert durch einen Besuch im Bücherbus ihre Lust am Lesen entdeckt und nach und nach ihre royalen Pflichten vernachlässigt, um ihrem neuen Laster frönen zu können, ist für alle Bücherliebhaber und Literatursüchtige eine amüsante Lektüre.

Fernweh und die Sehnsucht nach der Nordsee, versuchte ich mit Günter Wendt’s Regio-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ zu stillen, der auf der fiktiven Hallig Grienoog seinen Kommissar Kollerup in einem Mordfall ermitteln lässt. Mit dem Erholungseffekt einer tatsächlichen Reise an die Küste konnte er es aber natürlich nicht aufnehmen.

Geschichtlich interessant und spannend erzählt ist der neue Roman von Marie Benedict „Lady Churchill“, der die starke Frau an Winston Churchill’s Seite Clementine Churchill aus dem Schatten ihres Mannes ins Licht holt. Ein lesenswertes Buch über eine emanzipierte, gebildete und beachtenswerte Frau.

Eine großartige Neuentdeckung für mich war die Wiederentdeckung der Autorin Rumer Godden durch den Kampa Verlag mit der neuen Ausgabe von „Unser Sommer im Mirabellengarten“ (Originaltitel: „The Greengage Summer“, 1958). Ein unvergleichlich schönes, atmosphärisches Sommerbuch, das mich durch die eindrucksvolle Sprache, faszinierende Charaktere und den gelungenen Spannungsbogen durchwegs begeistert hat. Eine große Leseempfehlung!

Britta Röder’s „Das Gewicht aller Dinge“ ist ein kleiner, feiner Roman, der auf intensive Art und Weise verdeutlicht, worauf es im Leben ankommt und dass es gut tut, Gutes zu tun. Die mysteriöse Geschichte der jungen Frau, die barfuß in einem leichten Kleid auf einer Parkbank erwacht und nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, gibt dem Leser einige Rätsel auf.

Inspiriert durch einen schönen Livestream bzw. ein Couch-Konzert der Band Quadro Nuevo zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla, das auf YouTube noch zur Verfügung steht und das dem argentinischen Tango Nuevo huldigt, habe ich mich an einen Regalschlummerer erinnert und endlich „Das Bandoneon“ von Hans Meyer zu Düttingdorf gelesen. Ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte einer Deutschen erzählt, die 1927 aufgrund ihrer Heirat mit einem Argentinier auswandert und sich in Argentinien unsterblich in einen Tangomusiker verliebt.

Timon Karl Kaleyta erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ und erinnerte mich damit an eine moderne Fassung des „Hans im Glück“, dem zunächst ohne großes Zutun vieles zufliegt, um es dann letztlich doch wieder zu verlieren. Flüssig zu lesen, aber der letzte Funke ist bei mir leider nicht ganz übergesprungen.

Kein Monat ohne Krimi und daher ließ ich mich von Luca Ventura in seinem zweiten Band um den Polizisten Enrico Rizzi „Bittersüße Zitronen“ nach Capri entführen. Urlaubsflair und italienisches Lebensgefühl gemischt mit einem klassischen Krimi-Plot und kulinarischen Anklängen – ein Buch das mir Spaß gemacht und Entspannung geboten hat.

Meine hohen Erwartungen konnte Steffen Kopetzky’s „Monschau“ in jeder Form erfüllen. Ein großartiger Roman, der die Geschehnisse 1962 in dem kleinen Ort in der Eifel thematisiert, als dort die Pocken ausbrachen, welche ein rückkehrender Dienstreisender aus Indien mitgebracht hatte. Deutsche Zeitgeschichte gepaart mit einer feinen Liebesgeschichte, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe und die mit großer Wahrscheinlichkeit zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres zählen wird.

Ein wenig mehr oder etwas Anderes hatte ich mir hingegen von Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ erwartet. Vier Manager (drei Männer und eine Frau) stellen sich in einem Hotel einem Auswahlverfahren, wer die zukünftige Firmenleitung einer Agentur übernehmen soll. Eine Ausnahmesituation, in welcher jeder versucht, seine persönlichen Schwächen und Abgründe vor den anderen zu verbergen und die zunehmend eskaliert. Ein psychologisches Kammerspiel in Romanform, ein schwieriger Stoff und schwere, literarische Kost zum Monatsende. Eine ausführliche Besprechung findet man bei „Feiner reiner Buchstoff“.

Auf was freue ich mich im Mai ganz besonders:
Mit Spannung erwarte ich das Rollendebüt von Christian Gerhaher in Aribert Reimann’s „Lear“ an der Bayerischen Staatsoper, das am 23.05.21 (19.00 Uhr) bzw. verschoben auf 30.05.21 (18.00 Uhr) im Livestream und anschließend 30 Tage kostenlos als Video on demand zu erleben sein wird.

Literarisch warten einige Bücher von interessanten Autorinnen und Autoren auf mich und ich möchte meine literarische Europareise fortsetzen, die im April eine Ruhepause eingelegt hat – lasst Euch überraschen!

Und kulinarisch freue ich mich vor allem auf Spargel und Erdbeeren, damit der Frühling endlich auch auf dem Teller Einzug hält.

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich heute einen schönen ersten, aber auch gesamten Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight April:

Kulinarisch bot der April für mich eine wunderbare Neuentdeckung: Mönchsbart (oder auch „barba di frate“), der in Italien auf meernahen, salzhaltigen Wiesen wächst und sich hervorragend mit Pasta kombinieren lässt. Ein saisonales Produkt, das mich begeistert hat und das auch nächstes Jahr sicher wieder auf meinen Tisch kommen wird. Inspiriert dazu wurde ich durch dieses sehr empfehlenswerte Rezept auf Arcimboldi’s World für Spaghetti mit Barba di Frate.

Musikalisches im April:
Sehr empfehlen kann ich das Konzertvideo (mit Interviews) „Mozart in Havanna“ der Hornistin Sarah Willis (Berliner Philharmoniker) gemeinsam mit dem Havana Lyceum Orchestra, das noch bis zum 25.06.21 auf ARTE Concert zu sehen ist und das beweist, wie gut Mozart und Mambo harmonieren – ein wahrer Quell guter Laune.

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

Märzbowle 2021 – Wetterkapriolen und Krisenkreativität

Ein langer März ist zu Ende gegangen, der sich uns wettertechnisch über weite Strecken eher als April präsentierte und mit Wetterkapriolen jeglicher Couleur aufwartete: Graupel, Regen, Sonne, Wolken, Schnee, Schneeregen, Sturm – es war alles dabei. Doch zumindest die letzte Märzwoche ließ dann doch noch Frühlingsfreuden aufkommen und stimmte versöhnlich.

Zudem habe ich ein neues Wort kennengelernt: „krisenkreativ“ – das bisher selbst dem Duden noch nicht bekannt ist. Eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten der Pandemie sehr gefragt ist. Ein Fernsehbeitrag monierte, dass diese in Deutschland zu schwach ausgeprägt sei – dem setze ich gerne meine „Kulturbowle“ als widerlegendes Beispiel entgegen. Ohne die Pandemie hätte ich den Blog wohl nicht gestartet, somit ist er mein Weg, der Krise mit Kreativität zu begegnen – also quasi „Krisenkreativität pur“.

Kulturell waren und sind wir immer noch auf Digitales angewiesen, doch mit der zauberhaften Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper und dem Gute-Laune-Musical „Non(n)sens“ des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte ich zumindest zu Hause erneut zwei großartige Theater-Livestreams genießen. Ebenfalls herausragend fand ich das Montagsstück der Bayerischen Staatsoper „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini, das in einer charmanten Inszenierung von Marcus H. Rosenmüller als Livestream zu sehen und musikalisch wie szenisch (in schwarz-weiß Stummfilm-Optik) sehr unterhaltsam war.

Zudem konnte ich im März zwei sehr gute Filme (im Fernsehen) sehen, bei welchen ich es nicht ins Kino geschafft hatte und die mir ausnehmend gut gefallen haben: den amerikanischen Film „Hidden Figures“ (2016) über die ersten afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der NASA während der 60er Jahre und eine polnisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „Marie Curie und das blaue Licht“ ebenfalls aus dem Jahr 2016, welche die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt gestellt hat. Sehenswert!

Literarisch war es für mich ein reichhaltiger und abwechslungsreicher März, der mich eintauchen ließ in andere Zeiten, Welten und in vielen Fällen echte Lektüreperlen für mich bereithielt.
Gleich der Auftakt mit Mirjam Presslers Jugendbuch „Dunkles Gold“, das sich auf gut verständliche und eindringliche Weise dem Thema Antisemitismus widmet und gleichzeitig die Geschichte des Erfurter Schatzes erzählt, war eine solche Perle, hat mich tief berührt und fasziniert. Da die Autorin ihre letzten Lebensjahre in meiner Heimatstadt Landshut verbracht hat und ein beeindruckendes Lebenswerk als Übersetzerin und Autorin hinterlassen hat, war es mir eine besondere Ehre und eine Herzensangelegenheit, dieses Buch auf der Bowle vorzustellen.

Im Anschluss konnte ich mit Laura Freudenthaler’s Debütroman „Die Königin schweigt“ ein kleines, feines Buch kennenlernen, das mich vor allem aufgrund der Sprache und der Intensität sehr beeindruckt hat. In kurzen Kapiteln zeichnet die junge Autorin in ausdrucksstarken Miniaturen und Momentaufnahmen Bilder, die sich einbrennen und das einfache Leben einer Frau erzählen, die in den 30er Jahren auf einem abgelegenen österreichischen Bauernhof aufgewachsen ist.

Dem Fernweh, das mittlerweile viele plagt, konnte ich mit der Lektüre von Marius Tölzer’s Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ ein wenig nachgeben und die stimmungsvolle, klassisch-inspirierte Poesie des jungen Autors war für mich ein großer Genuss. In Kombination mit dem Online-Angebot des Würzburger Kulturspeichers und dem Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ mit den mediterranen Gemälden, die südliches Licht und italienisches Flair eingefangen haben, war dies für mich eine ideale Symbiose aus Literatur und bildender Kunst.

Auf eine Seereise im Mittelmeer im Jahr 1907 entführte mich Günter Neuwirth mit seinem Kriminalroman „Dampfer ab Triest“. Viel K.u.k.-Atmosphäre und ein unterhaltsamer Krimiplot mit liebevoll gezeichneten Figuren und interessantem historischen Hintergrund, der sich sehr flüssig gelesen hat.

Die Büchergilde hat 2020 Stefan Zweigs pazifistisches Werk „Der Zwang“ mit Illustrationen von Franz Masereel aus dem Jahr 1920 zum 100-jährigen Jubiläum in einer wunderschönen Leinenausgabe herausgebracht, die jedem bibliophilen Menschen das Herz aufgehen lässt. Ein zeitloses Werk mit einer wichtigen Aussage, das auch nach 100 Jahren noch hochaktuell ist und sich sehr gut liest – ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg.

Im kulinarischen Krimi „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ von Erich Schütz macht der Autor auf unterhaltsame Art auf die Problematik der modernen Fischzucht und die teils fragwürdigen Methoden aufmerksam. Verpackt als Kriminalroman prangert er Missstände an und erreicht, dass der Leser sich Gedanken darüber macht, woher das Bodenseefelchen oder allgemein der Fisch auf dem Teller denn eigentlich kommt.

Die Stadt Venedig feierte am 25. März 2021 ihren 1600. Geburtstag – ein schöner Grund, sich auch literarisch in die Serenissima zu begeben: Christian Schnalke’s historischer Roman „Die Fälscherin von Venedig“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung seines Romans „Römisches Fieber“, welche die Geschichte von Franz Wercker weiter erzählt, der nachdem er aus Rom geflohen ist, nun in Venedig einem großen Kunstraub auf die Spur kommen soll. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Spannend, farbenfroh und opulent erzählt, ist dies ein wunderbarer Lesegenuss, für Venedigfans und für alle, die einen guten, historischen Roman zu schätzen wissen.

Ein Lese-Highlight war diesen Monat auch der neue Roman von Daniela Engist „Lichte Horizonte“, der mich vollkommen in den Bann gezogen hat und in dem ich so viele schöne Textstellen gefunden hatte, dass ich wahrlich die Qual der Wahl hatte, was ich in meiner Rezension zitiere. Ein kluger, intensiver und lebensweiser Roman über die Liebe und über eine Frau, die ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen revue passieren lässt. Eine Figur, die in ihrer Reife und Herzenswärme an die Marschallin des Rosenkavaliers erinnern könnte, und ein herausragender Roman, der mich sowohl sprachlich als auch inhaltlich absolut begeistert hat.

Am Ende des Monats gab es dann nochmal einen Krimi mit Lutz Wilhelm Kellerhoff „Teufelsberg“. Der zweite Band um den Ermittler Wolf Heller (nach dem ersten Teil „Die Tote im Wannsee“), der dieses Mal im West-Berlin des Jahres 1969 während der Mondlandung und in der aufgeheizten Zeit von Studentenrevolten und kaltem Krieg, einen Mord an einer Jüdin – der Frau eines Richters – aufklären muss. Spannend – vor allem auch wegen der gelungenen Schilderung der damaligen Zeit – und somit ein kurzweiliger Kriminalroman, der sich sehr flüssig lesen lässt.

Auch im April gibt es wieder einiges, auf das ich mich freue:
So habe ich mir vorgenommen, in der Mediathek des Landestheater Niederbayern das spannende Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar anzusehen, das dort kostenfrei (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung steht. Ein hochbrisantes Schauspiel über religiösen Fanatismus und Wirtschaftsterrorismus.

Zudem möchte ich mir gerne das Online-Angebot des Museum Wiesbaden zur aktuellen Ausstellung „August Macke – Paradies! Paradies?“ (30.10.20 – 09.05.21) näher anschauen und mir unter anderem Zeit für die 40-minütige Onlineführung durch den Kurator nehmen.

Genießen wir also gute Bücher, Kunst, Kultur, wo immer möglich und bleiben wir krisenkreativ und zuversichtlich!

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich frohe Ostern und schöne Feiertage!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight März:
Im vergangenen Monat habe ich seit längerer Zeit wieder einmal einen Zwiebelkuchen gemacht – dazu ein Glas fränkischer Weißwein. Manchmal können die guten Dinge so einfach sein.

Musikalisches im März:
Besonders berührt hat mich im März ein Video des Kinderchors und des Jungen Chors der Deutschen Oper Berlin, das auf der Homepage der Deutschen Oper abrufbar ist: „I Believe in Springtime“ von John Rutter. Ein Chorstück, das bereits im vergangenen Herbst im Berliner Olympiastadion mit viel Abstand zwischen den Sängern aufgezeichnet wurde und das durch Musik und Text die Hoffnung zum Ausdruck bringt, die wohl viele teilen.

„Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto von „Der Rosenkavalier“)

Die Uhr schlägt für große Oper

Nach 50 Jahren der vom Publikum verehrten und geliebten Otto Schenk-Inszenierung des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss in der Bayerischen Staatsoper in München, war es jetzt Zeit für eine Neuinszenierung und mit Barrie Kosky’s Regiearbeit gelingt eine neue Opernsternstunde, die ebenfalls großen Anklang finden wird. Die schlagenden Uhren, die in der Inszenierung in jedem Akt präsent sind, läuten eine neue Zeitrechnung der Traditionsoper im Münchner Nationaltheater ein.

Wie Kosky in der ebenfalls sehenswerten Online-Matinée zur Einführung des Werks erläuterte, sieht er die drei Akte der Oper im Grunde nahezu als eigene Stücke an, die er aus der Perspektive und in der Welt bzw. Umgebung der jeweiligen Hauptfigur erzählt. So ist der erste Akt die Zeit der Marschallin, die von Marlis Petersen in ihrem Rollendebüt exzellent, charismatisch und mit großer Bühnenpräsenz hervorragend gespielt und gesungen wird. Die Standuhr, welche dem Schäferstündchen mit ihrem jungen Geliebten Octavian (Samantha Hankey) den Rahmen bietet, ist zentrales Element auf der stilvoll und ästhetisch ansprechend gestalteten Bühne. Man spürt und sieht das gesetzte, adelige Establishment einer reifen Dame auch im Interieur und doch lässt Kosky auch die Verliebtheit und jugendliche Verspieltheit der Marschallin durch Petersen verkörpern – im transparenten Negligé springt und tanzt sie verliebt mit ihrem jugendlichen Liebhaber über die Bühne. Der Wechsel zwischen verliebter Leichtigkeit und der Melancholie der Geliebten, die weiß, dass sie den jugendlichen Liebhaber irgendwann verlieren wird und welche im Zeit-Monolog zum Ausdruck kommt, ist musikalisch und bildhaft wunderbar umgesetzt. Da entstehen zauberhafte Bilder – wie die Marschallin, die im eleganten Abendkleid auf dem Uhrenpendel schaukelt – die sich für immer einprägen werden.

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto zu „Der Rosenkavalier“)

Der zweite Akt ist Sophie gewidmet, die durch penetrantes Weckerklingeln geweckt wird. Ein wichtiger Tag: sie soll schließlich ihren Bräutigam kennenlernen, mit welchem sie ihr Vater (Johannes Martin Kränzle spielt einen herrlich-komischen und gut aufgelegten Faninal) in einer arrangierten Ehe verheiraten möchte.
Katharina Konradi meistert die anspruchsvolle Gesangspartie mit großer Leichtigkeit auch in den hohen Passagen und gibt eine ungestüme, quirlige und selbstbewusste Sophie, die schnell gegen den Willen des Vaters aufbegehrt, da sie sich sofort unsterblich in den „Rosenkavalier“ Octavian verliebt, der ihr als Zeichen der Brautwerbung stellvertretend für den zukünftigen Gemahl Baron Ochs von Lerchenau eine silberne Rose übergibt. Als sich dann der polternde, laute und etwas derbe Baron Ochs – mit seinem herrlich komödiantischen Spiel agiert Christof Fischesser hier sehr überzeugend – auch noch als Lüstling und Mitgiftjäger entpuppt, muss ein Plan gefunden werden, wie Octavian und Sophie die bevorstehende Heirat verhindern können. Szenisch war der zweite Akt in München für mich eine Mischung aus der Märchenwelt Ludwig II. und Disney’s Cinderella (die silberne Kutsche sorgt für eine gehörige Portion Kitsch) im Wechsel mit einem dionysischen Satyrspiel der griechischen Antike.

Der dritte Akt ist gleichsam das „Stück im Stück“ unter der Regie Octavian’s, welcher mit Samantha Hankey ebenfalls großartig besetzt ist, und spielt in einer Theater- bzw. Bühnensituation. Die Kuckucks-Uhr stimmt bereits auf den komödiantischen Teil ein und symbolisiert die Farce, welche sich im Kostüm- und Verwechslungspiel Octavian’s entspinnt. Der große Esstisch und das Bühnenbild erinnerten mich stark an eine Dinner for One-Persiflage – nur der Tigerkopf fehlte.

Christof Fischesser konnte mit seiner Bassstimme in der Rolle des Ochs brillieren und war stimmlich wie schauspielerisch eine erstklassige Besetzung dieser schweren und anspruchsvollen Partie. Eine Inszenierung, die in den Hauptrollen (Marlis Petersen als Marschallin hat mich absolut begeistert), aber auch bis in die kleineren Rollen durchwegs sehr hochwertig besetzt war (z.B. sei unbedingt noch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Valzacchi erwähnt).

Corona-bedingt hatte sich der designierte Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski für eine deutlich reduzierte Orchesterbesetzung entschieden, was dem musikalischen Genuss jedoch keinen Abbruch tat und teilweise intime, leise Momente der Oper sogar für meinen Geschmack besonders gut zur Geltung brachte.

Fazit: Um in Hofmannsthal’s Jargon der Oper zu bleiben, ich bin „von so viel Finesse charmiert“ und es gibt wohl wenig, was mich so „enflammiert“ wie ein musikalisch-gesanglich erstklassiger, schauspielerisch-darstellerisch großartiger und sehr liebe- und respektvoll inszenierter „Rosenkavalier“. Ein wunderschöner Opernnachmittag mit leuchtendem Glanz, perlendem Witz, dem richtigen Quentchen Melancholie und dem unverwechselbaren Klang und Schmelz, den dieses Stück braucht. Wunderbar und ein großes Kompliment an alle Beteiligten!

Gesehen am 21. März 2021 auf ARTE live aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Rosenkavalier“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 19. April 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar oder im gleichen Zeitraum auch in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) zu sehen.

Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf Arcimboldi’s World.

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Wozu inspirierte mich der neue Münchner „Rosenkavalier“:

Für den Gaumen:
Der letzte Akt, wenn Baron Ochs mit seinem Mariandl als „Verliebter beim Souper“ sitzt, erinnerte mich in Kosky’s Inszenierung sehr stark an den Kult-Sketch „Dinner for one“. Ich weiß, Silvester ist vorbei, aber wie wär’s mit einer „Mulligatawney Soup“ oder doch lieber nur Port and Fruit? Die Rezepte zum Nachkochen des „Dinner for one“-Menüs findet man auf der Homepage des NDR.

Zum Weiterhören:
Gerade in der aktuellen Zeit kann man ab und zu ein wenig Trost gebrauchen. Richard Strauss hat mit „Morgen“ ein wunderschönes Lied komponiert, das durch Text und Musik Mut machen und Trost spenden kann.

Zum Weiterschauen:
Auf Operavision ist aktuell noch bis zum 28.03.21 Korngold’s „Die tote Stadt“ zu sehen – ein Stream der Komischen Oper Berlin, den ich sehr empfehlen kann. 1920 uraufgeführt, ist diese Oper nur 9 Jahre jünger als der Rosenkavalier von Strauss (Uraufführung 1911 in Dresden) und offenbart doch eine ganz andere Facette der Opernliteratur.

Februarbowle 2021 – Kälteklirren und Frühlingsgezwitscher

28 Tage, 4 Wochen, ein Monat – der Februar 2021 ist zu Ende gegangen. Eine Zeit, die von tiefstem, klirrend kaltem Winter mit Schnee und eisigen Minusgraden bis zu zweistelligen Temperaturen und Frühfrühlingstagen mit viel Sonnenschein, hervorspitzenden Schneeglöckchen und Vogelgezwitscher alles zu bieten hatte.

Kulturell blieben erneut leider nur die digitalen Alternativen, aber mit einer kurzweiligen „La Cenerentola“ aus dem Münchner Gärtnerplatz, einer für mich äußerst gelungenen Neuinszenierung des „Freischütz“ in der Bayerischen Staatsoper und Massenet’s „Manon“ aus der Hamburger Staatsoper (mit einer herausragenden Elsa Dreisig in der Titelrolle) konnte ich mir an einigen Abenden sehr schöne Opernerlebnisse nach Hause auf meine Couch holen.

Literarisch begann der Februar für mich mit einem Roman, den ich mir ausschließlich wegen des Titels gekauft hatte: „Bücher schmücken ein Zimmer“ von Anthony Powell. Eine Aussage, die ich aus tiefstem Herzen unterschreibe, allerdings konnte mich die Lektüre selbst leider nicht hundertprozentig überzeugen. Dies war jedoch vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass es sich bei diesem Werk um den zehnten Band des 12-bändigen Zyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ handelt und ich bisher noch keinen anderen Teil davon gelesen hatte. Powell beschreibt darin, wie sich im England des Winters 1945/1946 das literarische Leben nach dem zweiten Weltkrieg wieder zu regen beginnt. Very British und mit einer gewissen Ironie porträtiert Powell die britische Upper Class.

Danach setzte ich meine literarische Europareise oder auch Europabowle fort und reiste nach Österreich mit Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ – ein melancholisch-verträumter Roman, der auf ungewöhnliche Art und Weise die Geschichte einer jüdischen Buchhändlerfamilie in Wien erzählt, die während des Dritten Reichs aus ihrem Haus und der Heimat Wien vertrieben wurde. Denn im Hier und Jetzt taucht plötzlich ein junges Mädchen in der Küche des heutigen Hausbewohners auf und behauptet die Tochter des Buchhändlers zu sein. Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität verschwimmen auf eindrucksvolle Art und Weise.

Eintauchen in die Vergangenheit und in 100 Jahre deutsche Geschichte ließ mich dann auch Thomas Harding’s „Sommerhaus am See“, das die Geschichte eines kleines Holzhäuschens am Glienicker See nahe Potsdams und seiner Bewohner erzählt. Eine pralles, opulentes und dichtes Sachbuch, das einen großen Bogen spannt vom adligen Rittergut Ende des 19. Jahrhunderts während der Kaiserzeit über die Errichtung eines Wochenendhäuschens der jüdischen Familie Alexander (der Autor Thomas Harding ist der Urenkel des Erbauers), welche dann vor dann Nationalsozialisten fliehen und das Haus und ihren Besitz zurücklassen musste, über die Arisierung des Häuschens, die Zeit der russischen Besatzung, der DDR und des Mauerbaus, der direkt im Garten entlang des Seeufers erfolgte. Eine faszinierende und bewegte Geschichte. Schön zu lesen, dass mittlerweile ein Museum und ein Ort für Bildung und Versöhnung in dem jetzt denkmalgeschützten Haus (Alexanderhaus) eingerichtet werden konnte.

Von Potsdam ging es literarisch dann gleich noch weiter ins benachbarte Berlin und mit Mariam Kühsel-Hussaini’s „Tschudi“ konnte ich für mich ein literarisches Glanzlicht und Kunstwerk entdecken, das mich absolut begeistert hat. Der Roman über den Museumsdirektor Hugo von Tschudi, der um die Jahrhundertwende herum die Nationalgalerie leitete und es gegen den Widerstand Kaiser Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten zu erwerben und auszustellen, ist sprachlich und atmosphärisch ganz große Klasse. Für mich sicherlich einer der Lesehöhepunkte des bisherigen Jahres. Ein Roman über eine herausragende und interessante Persönlichkeit und zugleich sinnlich, kunstvoll, kristallklar geschrieben und wunderschön zu lesen!

Danach ging meine literarische Europareise weiter nach Dänemark ins schöne Kopenhagen, auch wenn der zweite und vor allem der dritte Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen „Jugend“ und „Abhängigkeit“ oft nicht die schönen Seiten der Stadt beleuchten, sondern vielmehr die Entwicklung der Autorin und im letzten Band vor allem ihre Suchterkrankung in den Mittelpunkt stellt. Eine literarisch höchst interessante Trilogie, welche auch 50 Jahre nach dem Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt hat und eine bereichernde, intensive Lektüre darstellt.

Nach der traurigen und schwermütigen, schmerzhaften Kost des dritten Bands der Kopenhagen-Trilogie brauchte ich Aufheiterung und literarische Stimmungsaufhellung in Form eines unterhaltsamen und amüsanten Romans: Linus Reichlin’s „Señor Herreras blühende Intuition“ kam mir da gerade recht. Ein Autor, der sich in ein spanisches Kloster zurückzieht, um dort unter Klosterschwestern eines Schweigeordens für seinen nächsten Roman zu recherchieren, per Yoga seinen Ruhepuls zu senken und dort auf einen ehemaligen Matador trifft, der zum Koch und Gästebetreuer umgeschult hat und zwar passioniert, aber eher minderbegabt kocht – das verspricht turbulent und komisch zu werden. Und das war es auch.

Der kürzeste Monat des Jahres ging somit nach lohnenden, geschichtlich interessanten und literarischen anregenden Büchern witzig und gut gelaunt zu Ende und in diesem Sinne hoffe ich auf einen ebenso spannenden und vielseitigen Büchermärz.

Es bleibt abzuwarten, ob uns der März noch einmal Wintertage beschert oder ob sich doch der Frühling durchsetzen wird – Zeit zum Spaziergehen und Lesen wird bleiben und auch die Kultur wird vermutlich weiterhin nur im digitalen Raum stattfinden. Ich freue mich im März sehr auf einen Livestream einer meiner Lieblingsopern: Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper (21.03.21 um 15.30 Uhr und ab dem 23.03.21 30 Tage als kostenloses Video-on-demand zu sehen).

Zudem habe ich mir vorgenommen, noch bis zum 7. März 21 durch das digitale Angebot der Ausstellung „Italiensehnsucht! Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler 1905-1933“ im Würzburger Kulturspeicher zu bummeln. Wer sehnt sich schließlich nicht gerade nach etwas Urlaubsstimmung und dem „Land, wo die Zitronen blühen“?

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Februar:
Zu Beginn der Fastenzeit kommen auch vermeintliche „Fastenspeisen“ oder auch Mehlspeisen wieder verstärkt in den Fokus: zum Beispiel ein schöner Quarkauflauf mit Äpfeln oder Kirschen.

Musikalisches im Februar:
Für mich entdeckt habe ich im Februar eine wunderschöne Arie aus Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“: „Lieben, hassen, hoffen, zagen“ – sie war Teil des Livestreams aus dem Münchner Gärtnerplatztheater „Straus & Strauss & Co.“ – und die Interpretation des Baritons Daniel Gutmann hat mir sehr gut gefallen.

„O lass Hoffnung dich beleben, und vertraue dem Geschick!“

(Friedrich Kind, aus dem Libretto von „Der Freischütz“)

Der Freischütz – ein Volltreffer

Damit die Kulturbowle coronabedingt im Februar nicht zur reinen Bücherbowle wird, möchte ich heute wieder einmal einen erstklassigen Opernabend empfehlen. Und das Schöne ist, dieser ist noch bis zum 15. März 2021 als kostenloses Video-On-Demand für jedermann zu erleben: Carl Maria von Weber’s „Der Freischütz“ in einer Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper unter der Regie von Dmitri Tcherniakov und der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda. Ein in jeder Beziehung sehens- und hörenswertes Opernerlebnis, das mich absolut begeistert hat.

Nach der Online-Matinée, welche die Bayerischer Staatsoper für die Premiere und Neuinszenierung der Oper „Der Freischütz“ zur Einführung veranstaltet und im Netz gestreamt hatte, war ich einigermaßen ratlos, was mich denn wohl erwarten würde. Nur wenig wurde verraten und vor allem der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hielt sich sehr bedeckt, was seine Inszenierung anbelangt. Heutig, modern und nicht volkstümlich-romantisch sollte sie sein – innere Dämonen statt des Samiels in persona – aber das konnte ja auch noch vieles heißen. Somit war ich sehr gespannt auf den Opernabend, der wieder einmal zu Hause auf meiner Couch stattfand. Kurz nochmal vorneweg: es war ein wahrer Opern-Leckerbissen, den ich da frei Haus geliefert bekam – wunderschöne Musik, erstklassige Sänger*innen und eine für mich sehr stimmige und wunderbar anzuschauende Inszenierung.

Für alle, die noch nie in das Vergnügen eines „Freischütz“ des Komponisten Carl Maria von Weber gekommen sein sollten, nur ein paar Worte zur Handlung:
Max liebt Agathe, aber um sie heiraten zu können, muss er einen Probeschuss absolvieren. Um sein Ziel nicht zu verfehlen, lässt er sich in der Wolfsschlucht auf einen Pakt mit dem Teufel (Samiel) ein, welcher ihn mit unfehlbaren Freikugeln ausstattet.

Uraufgeführt im Jahre 1821 in Berlin ist „Der Freischütz“ ein deutscher Opernklassiker – ein traditionsreiches Stück zwischen Märchen und Gespenstergeschichte. Kann es einem russischen Regisseur gelingen, diese Geschichte in ein stimmiges Hier und Jetzt zu holen – weg von Wolfsschlucht, Jägerchor und Naturromantik? Absolut – Tcherniakov ist dies für meinen Geschmack fulminant gelungen.

Schauplatz ist bei Tcherniakov nicht der Wald und die Schlucht, sondern eine für Hochzeitsfeierlichkeiten dekorierte Hotelsuite in einem Luxushotel der heutigen Zeit. Kuno ist ein knallharter und erfolgreicher Geschäftsmann und Max wird als ein wenig zaudernd-zögerlicher Softie in grüner (vermutlich als einziger Anklang an den Jäger in ihm) Strickjacke unter reichen und schönen Geschäftsleuten und Hochzeitsgästen charakterisiert. Ein unaufdringliches und variables, ästhetisches Bühnenbild – sehr heutig und funktional, so dass sich selbst die Wolfsschluchtszene als psychologischer Kulminationspunkt sehr gut darstellen lässt und den vollen Fokus und Hauptaugenmerk auf die Darsteller lenkt. Sehr gelungen.

Absolut bemerkenswert ist vor allem aber auch die Weltklasse-Besetzung, welche in München auf die Bühne geholt wurde: Mein absoluter Liebling und großer Star des Abends Golda Schultz als Agathe, die mit unnachahmlicher Leichtigkeit die höchsten Höhen so gefühlvoll meistert, dass es mir mehrfach Gänsehaut bescherte – ihre wunderschöne Arie „Leise, leise fromme Weise“ ist so Genuss pur. Aber auch im Duett mit Ännchen Anna Prohaska – die im eisblauen Business-Anzug und mit Annie Lennox-Perücke eine kühle, geschäftsmäßige Eleganz ausstrahlt – ein herrlich harmonischer Klang der beiden Frauenstimmen, der berührt. Zwei großartige, sympathische Sängerinnen ihrer Zeit, die sich nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch und mimisch wunderbar ergänzen. Bei den männlichen Rollen ragte für mich vor allem Bassbariton Kyle Ketelsen heraus, der einen fantastisch düsteren, rachlustigen und gesanglich großartigen Kaspar verkörperte.

Das schwung- und temperamentvolle Dirigat von Antonello Manacorda ließ die eingängigen Melodien auf wunderbare Weise voll zur Geltung kommen und bot den Sängern die Möglichkeit zu brillieren.
Wunderschöne Orchesterklänge, große Gefühle, zauberhafte Arien – dieser neue Münchner „Freischütz“ hat alles, was eine richtig große Oper auszeichnet und ein solches Werk auf diesem künstlerischen Niveau erleben zu dürfen, ist ein Privileg.
Musikalisch und ästhetisch war dieser Abend für mich ein Gesamtkunstwerk und etwas ganz Besonderes. Eine wahre Opernsternstunde, die Trost spenden und die Zeit bis zum nächsten realen Opernbesuch zumindest verkürzen kann.

Gesehen am 13. Februar 2021 als Livestream aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Freischütz“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 15. März 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar.

Für den Gaumen:
Dem Münchner Lokalkolorit Rechnung tragend sind Bierflaschen einer einheimischen Brauerei mit dem traditionellen Bügelverschluss ein nicht unwesentliches Requisit in der Inszenierung. Im Libretto von Johann Friedrich Kind erfährt man allerdings, dass es in manchen Situationen wohl doch etwas Stärkeres braucht:

„Bier hast du? Das taugt nicht zum Sorgenbrecher“

(Libretto „Der Freischütz“ – Johann Friedrich Kind)

Zum Weiterschauen (I):
Auch das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, erneut einen weiteren Livestream im Internet an:
Am 20. Februar 2021 – 19.00 Uhr: Straus & Strauss & Co. – Höhepunkte aus Opern und Operetten von Oscar Straus, Richard Strauss und vielen mehr

Zum Weiterschauen (II):
Auf Operavision ist aktuell vom 12.02.21 bis zum 12.03.21 Massenet’s „Manon Lescaut“ mit Elsa Dreisig in der Titelrolle zu erleben – ein Stream aus der Staatsoper Hamburg, der auch noch ganz oben auf meiner Liste steht. Von Elsa Dreisig war ich bereits im Rahmen der „Così fan tutte“ der Salzburger Festspiele im letzten Jahr richtig fasziniert – die Rezension hierzu war einer meiner ersten Beiträge auf der „Kulturbowle“ im August 2020.

Januarbowle 2021 – Schneetage und Winterstimmung

Der erste Monat in 2021 ist bereits wieder Geschichte und was in Erinnerung bleiben wird, sind zahlreiche Spaziergänge durch eine oft verschneite Landschaft – das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln, das friedliche Weiß, das alles zudeckt, freundlich lächelnde Schneemänner und zu Beginn des Jahres eine gewisse Stille und Ruhe. Zudem blieb einiges an Lesezeit für eine bunte Mischung an Büchern unterschiedlichster Art.

Der Auftakt war musikalisch und huldigte noch einmal dem Jubilar des vergangenen Jahres: Ludwig van Beethoven. Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ brachte mir vor allem die unterschiedliche Symphonien in ihrer Vielfalt wieder näher und offenbarte einen Blick hinter die Kulissen und in die spannende Gedankenwelt eines Dirigenten mit musikalisch-künstlerischen Fragestellungen zu Tempi, Sitzordnungen des Orchesters, Raumakkustik, Plattenaufnahmen und vielen weiteren Aspekten, mit welchen man sich als Hörer in der Regel nicht befasst.

Düster und ungemütlich wurde es dann mit dem Sturmflut-Thriller „Dammbruch“ von Robert Brack, der im Hamburg des Jahres 1962 die Erlebnisse und den Überlebenskampf einiger Krimineller schildert, deren dunkle Machenschaften und Verbrechenspläne von der gewaltigen Sturmflut und Orkan Vincinette regelrecht weggespült werden.

Der Januar war für mich auch der richtige Moment, ein neues Leseprojekt auf meinem Blog einzuläuten: meine „Literarische Europareise“ oder „Europabowle“. Nach und nach möchte ich ein Werk aus jedem europäischen Land lesen und vorstellen (beginnend mit den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – und später offen für eine Erweiterung auf die Nicht-Mitgliedsstaaten). Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte in diesem Land angesiedelt sein. Demnächst ist eine eigene Übersichtsseite zur „Europabowle“ geplant – die Gesamtübersicht aller Rezensionen nach Schauplätzen findet man aber auch ohnehin bereits jetzt unter „Die Welt erlesen“.

Gestartet habe ich meine Reise im hohen Norden – in Finnland. Tommi Kinnunen’s wehmütiger, melancholischer Familienroman „Das Licht in deinen Augen“ war ein literarisch würdiger Auftakt, der mich sehr berührt hat. Die Geschichte der blinden, jungen Frau, die sich in den Fünfziger Jahren ihre Selbstständigkeit hart erkämpfen muss und ihres Neffen, der vierzig Jahre später als Homosexueller ebenfalls um seinen Platz in der Gesellschaft ringen muss, macht deutlich, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören, diskriminiert und an den Rand gedrängt zu werden. Ein Buch, das beim Lesen schmerzt.

Ähnlich bewegend und tiefgründig war auch der Roman und die Hauptfigur meiner zweiten Station der Reise: „Nora Webster“ von Colm Tóibín. Eine Witwe, die im Irland der frühen Siebziger Jahre nach dem Krebstod ihres Mannes ihr Leben als Alleinerziehende mit vier Kindern, Geldsorgen und einem Halbtagsjob in einer erzkonservativen Gesellschaft meistern muss. Eine starke, unkonventionelle Frauenfigur, die am Ende lernt loszulassen, sich selbst findet und gestärkt aus der Krise hervorgeht. Ein stilles, eindringliches Buch, das lange nachhallt.
Weitere Stationen der literarischen Europareise werden folgen und ich freue mich bereits jetzt über die positive Resonanz.

Auch ein Krimi durfte im Januar nicht fehlen und mit Bernhard Jaumann’s „Der Turm der blauen Pferde“ konnte ich Krimilust und den kulturellen Aspekt meiner „Kulturbowle“ wunderbar verbinden. Ein Kriminalfall, in welchem eine Kunstdetektei nach dem Verbleib und der Provenienz eines verschollenen Franz Marc-Gemäldes fahndet – das war hervorragende, spannende Unterhaltung und ganz nach meinem Geschmack. Ich bin bereits jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die im Mai erscheinen wird („Caravaggios Schatten“).

Neuland im neuen Jahr habe ich mit meiner ersten Rezension zweier Lyrikbände betreten: Die wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“, sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ haben mich sehr begeistert und den Wunsch geweckt, im Leben wie auf dem Blog „mehr Poesie zu wagen“. Die Gedichte der Autorinnen Janette Bürkle und Petra C. Erdmann in der japanisch inspirierten Form des Dreizeilers sind durch ihre schwebende, sinnliche und atmosphärische Sprache ein wahrer Lesegenuss.

Harter Tobak war danach dagegen Thomas Mullen’s „Darktown“. Der Autor thematisiert in seinem Kriminalroman den Rassismus im Atlanta des Jahres 1948. Im Mittelpunkt steht die erste Einheit des Police Departments, welche farbige Polizisten beschäftigt, die ihm Viertel „Darktown“ mit überwiegend farbiger Bevölkerung ihren gefährlichen und schwierigen Dienst versehen.

Mit Francesca Melandri’s „Über Meereshöhe“ habe ich nun auch das Werk der italienischen Autorin gelesen, das mir bisher noch fehlte, und die mich bereits mit „Alle außer mir“, aber vor allem auch mit „Eva schläft“ absolut begeistert hatte. Die Geschichte von Luisa und Paolo, die beide ihre inhaftierten Familienangehörigen auf einer Gefängnisinsel besuchen, entwickelte für mich erneut einen ganz besonderen Sog. Zudem habe ich viel über ein Kapitel der italienischen Geschichte und eine Zeit erfahren, die als „bleierne Zeit“ bezeichnet wird und mir bisher noch weitestgehend unbekannt war.

Mit großer Vorfreude und Neugier habe ich den ersten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen „Kindheit“ erwartet und dann auch sofort verschlungen. Die dänische Autorin, die aktuell wieder entdeckt und in 16 Sprachen übersetzt wird, beschrieb 1967 im ersten Teil ihre Kindheit im Kopenhagen der Zwanziger Jahre. Hier werde ich sicher bald ausführlicher berichten.

Den Abschluss meiner Januar-Lektüre bildete dann der neue Julian Barnes: „Der Mann im roten Rock“ – ein opulentes und pralles, literarisches Zeitgemälde der Belle Époque – Kunst, Literatur, Lebensart und die Geschichte eines der erfolgreichsten Gynäkologen seiner Zeit, des Dr. Pozzi. Ein wahres Füllhorn an kunst- und literaturgeschichtlichen Bezügen, sowie ein vielschichtiges Kaleidoskop der Pariser Gesellschaft und der Bohème des Fin de Siècle, das der Brite hier für seine Leser auffächert.

Ein Lesemonat, der mir viel Abwechslung bescherte und eine bunte Mischung aus Poesie, Kunst, Musik, tiefgründigen Familiengeschichten, aber auch packender Krimiunterhaltung geboten hat – eine Bowle mit unterschiedlichsten Zutaten.

Und es blieb sogar noch Zeit für ein paar digitale, kulturelle Erlebnisse in Form von Livestreams, u.a. aus dem Münchner Gärtnerplatztheater („Viktoria und ihr Husar“) oder meinem Heimattheater – dem Landestheater Niederbayern („Geliebte Aphrodite“).

Die Tage werden bereits wieder spürbar länger und neben den liebgewonnenen Spaziergängen werde ich auch im Februar versuchen, die Zeit mit guten Büchern, schöner Musik und ein paar digitalen Theater- und Opernbesuchen zu bereichern.
So freue ich mich zum Beispiel auf einen gestreamten „Freischütz“ aus der Bayerischen Staatsoper am 13.02.21 (19.00 Uhr) und lektüretechnisch unter anderem auf den zweiten und dritten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:
Nach den süßen Naschereien der Weihnachtszeit, gab es im Januar mal ein Gebäck der herzhaften Art: Käsefüße.


Musikalisches im Januar:
Eine musikalische Neuentdeckung war für mich diesen Monat Christoph Willibald Glucks Ballettmusik „Don Juan“ aus dem Jahr 1761, die ich in einem Livestream des Münchner Gärtnerplatztheaters erleben durfte – ergänzt durch Texte von Lorenzo Da Ponte, Tirso de Molina, Christian Dietrich Grabbe, E. T. A. Hoffmann und Molière, welche von Jutta Speidel vorgetragen wurden, war dies ein rundes und kurzweiliges Konzerterlebnis.

Der Abend
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
wunderbar mit allen Bäumen,
was dem Herzen kaum bewußt,
alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.

(Joseph von Eichendorff)

Sehnsuchtsoperette

Als großem Theaterfreund fehlen mir die Live-Erlebnisse in Theatern und Opernhäusern mittlerweile sehr und daher bin ich dankbar und freue mich, dass mittlerweile viele Häuser ein sehr umfangreiches und sehenswertes Streamingangebot auf die Beine gestellt haben.

Auch das Staatstheater am Gärtnerplatz, das bereits 1865 als „volksnahes Musiktheaterhaus“ in München eröffnet wurde, bietet seinem Publikum derzeit ein buntes und vielseitiges Programm und so konnte ich am 23. Januar in den Genuss einer Operette kommen, die ich bisher meiner Erinnerung nach noch nie live gesehen hatte: Paul Abraham’s Revueoperette „Viktoria und ihr Husar“.

Dieses Werk, das 1930 uraufgeführt wurde und in die „silberne Ära“ der Operette fällt, d.h. in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, hat alles, was es für einen schwungvollen, amüsanten und kurzweiligen Theaterabend braucht und die liebevolle und aufwändige Inszenierung des Gärtnerplatztheaters aus dem Jahr 2016, die jetzt als Wiederaufnahme zu sehen war, hat mir einen sehr vergnüglichen Abend zu Hause auf meiner Couch bereitet.

„Um Ihretwillen, erzählen Sie gut!“

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

In einem sibirischen Gefangenenlager nach Ende des ersten Weltkriegs entsteht zu Beginn des Stücks eine Situation, die in der Münchner Inszenierung an Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht erinnert: der inhaftierte Husarenrittmeister Koltay muss, um sein Leben und das seines Burschen Jancsi zu retten und frei zu kommen, die Geschichte seiner großen Liebe zu Viktoria erzählen.

Durch raffinierte Lichteffekte und mittels eines variablen und intelligenten Bühnenbilds, das gleich einem „Bild im Bild“ die unterschiedlichen Schauplätze der Erzählung im Gefangenenlager einbettet, beginnt nun die wilde Reise Koltay’s und Jancsi’s, um Viktoria zurückzuerobern. Viktoria, die in der Meinung ihre große Liebe Koltay sei im Krieg gefallen den amerikanischen Botschafter Cunlight geheiratet hat, ist mit diesem aktuell in Japan stationiert. So wird Japan die erste Station der Reise. Die Farbe Rot zaubert Wärme und asiatisches Flair ins Grau des Gefangenenlagers und so unterhaltsame Nummern wie „Meine Mama war aus Yokohama“ interpretiert von einer herrlich komödiantischen Julia Sturzlbaum als O Lia San reißen mit und heben mit Charlestonklängen und schwungvollen Tanzeinlagen sofort die Laune. Die Choreografie und tänzerische Leistung der Darsteller hat mich durchgängig begeistert – hohes Tempo, Tanz und Gesang – da zeigt sich erneut, dass Operette als vermeintlich „leichte Muse“ künstlerisch äußerst anspruchsvoll ist und den Sängerinnen und Sängern alles abverlangt.

Paul Abraham und seine Librettisten haben alle Sehnsuchtsorte und Klangwelten der damaligen Zeit in die Handlung eingebaut – der Wiener Walzer in „Pardon Madame“, russische Melodien, da der Weg Cunlight und seine Viktoria von Japan schließlich nach Russland führt und am Ende die ungarischen Csardasklänge, die so typisch für viele klassische Operetten sind.

Und doch merkt man dem Stück auch an, dass 1930 bereits auch schon modernere Elemente aus dem Jazz, Foxtrott und Charleston eingeflossen sind. Das ist frisch, quirlig und in Verbindung mit urkomischen Tanzeinlagen, die stellenweise fast schon Züge von Slapstick aufweisen – zum Beispiel im Duett des Buffopaars Jancsi und Riquette liefert Josef Ellers eine wahre Handtuchakrobatik ab – ganz große Unterhaltung.

„Es gibt auch Verlobungen, die gut ausgehen, aber die meisten enden doch mit einer Heirat.“ (Jancsi)

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

Witzige Dialoge und drei stimmig besetzte Paare mit Koltay/Viktoria, Jancsi/Riquette und Ferry/O Lia San machten das Ganze zu einem rundum gelungenen Operettenabend.
Meine persönlichen Lieblinge der Besetzung waren vor allem der Grandseigneur des Gärtnerplatz’ Erwin Windegger als liebender Gentleman und verlassener Ehemann John Cunlight und die als weinselig-beschwipste Rauschkugel inszenierte O Lia San Julia Sturzlbaum, die urkomisch, frech und frisch über die Bühne wirbelt und auch bei hohem Tempo gesanglich absolut überzeugt.

Das Gärtnerplatz ist ohnehin meist ein Garant für gelungene und opulente Bühnenbilder und auch die Kostümabteilung hat für diese Inszenierung erneut wunderbare Arbeit geleistet. So entstehen eindrückliche Bilder, Musik und Optik werden harmonisch in Einklang gebracht.
Die Inszenierung vermittelt den Zauber der Exotik und die Sehnsucht der Gefangenen, sich in der Fantasie an andere Orte zu träumen – ein Stück, das gerade in der momentanen Lage unheimlich aktuell erscheint.
So wie der Husar im Gefangenenlager um sein Leben und für seine Freilassung erzählt, so spielen auch die Darsteller vor einem leeren Haus, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten.
So war für mich der Abend auch ein Loblied an die Kraft des Theaters, das Menschen für einige Zeit die Sorgen vergessen lässt, aus dem Alltag heraus in andere Welten entführen und die Fantasie beflügeln kann. Bravo!

Ein sehr schöner Abend, das Streaming eine Möglichkeit dem Theater verbunden zu bleiben und dennoch sehne ich auch um so mehr den Tag herbei, an dem ich wieder live Künstler auf der Bühne erleben darf.

Gesehen am 23. Januar 2021 als Livestream aus dem Staatstheater am Gärtnerplatz

Zum Weiterschauen (I):
Das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, weitere Livestreams im Internet an:

– Am 31. Januar 2021 – 19.00 Uhr: Sinfonische Lyrik
Don Juan oder „Der steinerne Gast“ (Musik von Christoph Willibald Gluck)

– Am 06. Februar 2021 – 18.00 Uhr:
„La Cenerentola“ – Komische Oper von Gioachino Rossini

Zum Weiterschauen (II):
Wer meine Kulturbowle schon eine Weile verfolgt, kann sich vielleicht noch erinnern, dass ich begeisterte Kritiken zu zwei Aufführungen des Landestheater Niederbayern verfasst habe, die ich im September und Oktober noch live im Theater erleben durfte. Jetzt stehen beide Inszenierungen auch in der Mediathek des Landestheater Niederbayern kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung:

Theaterglück mit griechischem Chor

Aktuell ist die Kulturbowle – aufgrund der Schließung von Theatern und kulturellen Einrichtungen – fast ausschließlich eine „Bücherbowle“. Aber ich dachte mir, dass ich jetzt nach einigen Wochen des „Lockdown light“ die Durststrecke der theaterlosen Zeit mit einem Rückblick auf einen sehr schönen Theaterabend vielleicht ein wenig verkürzen kann. Denn Ende Oktober – zwei Tage bevor die Theater wieder geschlossen werden mussten – durfte ich noch eine sehr schöne und amüsante Premiere von Woody Allen’s Komödie „Geliebte Aphrodite“ (in der Bearbeitung für die Bühne von Jürgen Fischer) im Landestheater Niederbayern erleben.

Lenny and Amanda – New Yorker Intellektuelle – sind verheiratet und bisher kinderlos glücklich, doch plötzlich wünscht sich Amanda ein Kind. Jedoch hat die aufstrebende Galeristin keine Zeit für eine zeit- und kräfteraubende Schwangerschaft, daher beschließt sie, ein Kind zu adoptieren. Sie setzt das Vorhaben kurzerhand in die Tat um ohne groß Lenny’s Zustimmung abzuwarten, der sich anfangs nicht mit dem Gedanken anfreunden kann.

Doch der kleine Max entpuppt sich als Sonnenschein und wahres Wunderkind. Die außergewöhnliche geistige Begabung des Jungen weckt in Lenny den Wunsch, mehr über die leiblichen Eltern seines Adoptivsohns in Erfahrung zu bringen. Er beginnt zu recherchieren – die Suche nach dem Vater endet schnell, weil dieser bereits verstorben ist – aber bei der Mutter gelingt es ihm, diese aufzuspüren.

Um so mehr schockiert es ihn, als er feststellt, dass diese als Pornodarstellerin und Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdient und ihr Bildungsniveau gemäß seinen Ansprüchen deutlich zu wünschen übrig lässt. Lenny setzt sich in den Kopf, Linda Ash – die leibliche Mutter seines Sohnes – wieder auf den Pfad der Tugend zu führen und ihr einen geeigneten Mann zu suchen, der sie glücklich macht, so dass er sich als Kuppler versucht – zahlreiche Verwicklungen natürlich inbegriffen.

Ergänzt wird die Handlung durch Figuren der griechischen Mythologie – wie unter anderem Kassandra (herrlich komödiantisch dargestellt durch Friederike Baldin), dem blinden Seher Teiresias (Joachim Vollrath) oder Ödipus (Stefan Sieh), um nur einige zu nennen. Doch vor allem wird die Bühnenhandlung stets begleitet, moderiert und kommentiert durch den Chorleiter und einen griechischen Chor angelehnt an die Tradition der griechischen Tragödie.

„Geliebte Aphrodite“ ist eine subtile Komödie, die durchaus auch mit leiseren, gefühlvollen Szenen aufwartet – kein Schenkelklopfer, der einem die Lachtränen in die Augen treibt, sondern vielmehr ein liebevolles, amüsantes und kurzweiliges Schauspiel, das durchaus ernste Themen in witzige und tiefgründige Situationen verpackt. Und zugleich doch auch ein Stück, das mit einiger Ironie und scharfzüngigem Witz viel Charme versprüht und dem Publikum gute Laune bereitet.

Diese Filmvorlage Woody Allen’s scheint gerade durch den Kunstgriff des griechischen Chors und der Kommentierung des Geschehens durch Chorleiter und Chor ohnehin wie gemacht für die Bühne und auch das Bühnenbild dieser Inszenierung mit den Säulen, hinter welchen die Chormitglieder Stellung beziehen und mit Masken spielen, verstärken die Parallelen zum griechischen Schauspiel. Das ist geschickt gelöst und bietet zugleich den nötigen Corona-Abstand zwischen den Schauspielern, ohne dass dies gekünstelt oder aufgesetzt wirkt. Sowohl Regisseurin Veronika Wolff als auch Ausstatterin Beate Kornatowska haben hier das richtige Händchen für diesen Komödienstoff bewiesen und eine rundum stimmige Inszenierung auf die Bühne gezaubert.

Jochen Decker spielt einen sehr liebenswürdig neurotischen, zerknautschten und wuseligen Lenny Weinrib – eine tolle Rolle, in der er viele Register seiner Schauspielkunst ziehen kann. So gibt er einen sehr sympathischen, verklemmt-verwirrten Intellektuellen, dem man gerne zusieht und dem die Herzen der Zuschauer zufliegen – eine perfekte Besetzung.

Großartig fand ich persönlich Olaf Schürmann als herrlich verschmitzten, humorvollen und allwissenden Chorführer, der im Hintergrund stets die Geschicke und das Schicksal Lenny’s lenkt und versucht, ihn unbeschadet durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu steuern. Das ist mit viel Augenzwinkern und wunderbarer Leichtigkeit gespielt, die einem als Zuschauer gute Laune pur bereitet, was man in diesen Zeiten ja auch wirklich mal gebrauchen kann. Seine Tanzszene am Ende des Stücks zaubert allen ein Lächeln ins Gesicht.

Ella Schulz schlüpft in die Rolle der rotzig-trotzigen Prostituierten und Pornodarstellerin Linda Ash, die davon träumt, eine große Schauspielerin zu werden. Sie verkörpert anfangs mit ihrer lauten, ordinären Art den klaren Kontrast zur feinsinnig-intellektuellen Kunsthändlerin Amanda – hervorragend gespielt von Katharina Elisabeth Kram.

Das Stück erfordert durch zahlreiche Nebenrollen und den Chor, der stets kommentiert und begleitet, ein großes Aufgebot und so kommt fast das ganze Landshuter Ensemble zum Einsatz.
Es hat große Freude gemacht, die wunderbare und gelungene Gesamtleistung der Schauspieler/innen und die Spielfreude erleben zu können und so verlässt man das Theater beglückt. Durch die amüsante und witzige Komödie ist man gut gelaunt, aber doch auch traurig in dem Wissen, dass jetzt wieder pausiert werden muss und dies für längere Zeit wieder der letzte schöne Theaterabend gewesen sein wird. Das Premierenpublikum war begeistert, der Applaus lang und anhaltend und jeder wünscht sich, bald wieder in den Genuss von Live-Theater kommen zu dürfen.

Gesehen am 30. Oktober 2020 im Landestheater Niederbayern (Landshut)

Wenn es die Coronasituation zulässt, ist „Geliebte Aphrodite“ hoffentlich in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Geliebte Aphrodite“:

Für den Gaumen:
In der Landshuter Inszenierung führen Lenny und Amanda zu Beginn ein Gespräch über Kinder mit einem befreundeten Ehepaar in einer italienischen Trattoria und sprechen dort ordentlich dem Rotwein zu. Daher war es naheliegend, den Theaterabend auch zu Hause bei einem schönen Glas Merlot ausklingen zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Vorlage für das Stück ist selbstverständlich Woody Allen’s Film „Geliebte Aphrodite“ aus dem Jahre 1995, in welchem er neben Drehbuch und Regie auch die Hauptrolle des Lenny selbst übernahm. Mira Sorvino erhielt für die Darstellung der Linda den Oscar als beste Nebendarstellerin. Ich gestehe, dass ich den Film bisher nicht gesehen habe – was aber wohl dem Theatergenuss sogar zuträglich war, da man dann nicht ständig Vergleiche anstellt. Sollte sich jetzt aber mal die Gelegenheit bieten, werde ich mir den Film gerne mal ansehen.

Zum Weiterlesen oder Weiterschauen:
Der griechische Chor und der Seher Teiresias erinnern natürlich sofort an die griechische Tragödie und Sophokles‘ „Antigone“, die ich in der Spielzeit 17/18 am Landshuter Theater sehen konnte. Wer Lust hat, sich mal wieder einem Klassiker zu widmen und festzustellen, wie zeitlos auch Stoffe aus dem Jahre 442 vor Christus heute noch sein können, der ist hier gut aufgehoben:

Sophokles, Antigone
Reclam
ISBN: 978-3-15-019075-3

Oktoberbowle 2020 – Herbstspaziergänge und Lesewetter

Der Oktober war dieses Jahr leider kein klassisch goldener, sondern präsentierte sich ziemlich häufig grau, verregnet und wolkenverhangen. Das ideale Lesewetter also, aber dennoch auch noch die Zeit für ein paar schöne Herbstspaziergänge durch bunt gefärbte Wälder, durch raschelndes Laub, um ein paar Kastanien zu sammeln und nochmal frische Luft zu tanken, um sich dann wieder auf eine Tasse Tee und das gute Buch im Warmen zu freuen.

Und gute Bücher gab es einige in meinem Lesemonat Oktober:
Anfang des Monats habe ich mit „Malvita“ von Irene Diwiak einfach den vergangenen Sommer noch etwas verlängert und mich mit ihr in die sonnige Toskana begeben. Doch durfte man sich von den farbenfroh leuchtenden Mohnblumen auf dem Umschlag nicht täuschen lassen, denn statt unbeschwerter Urlaubsstimmung bot der Roman der jungen Österreicherin menschliche Abgründe, eine zerrüttete Familie am Eingang zu „malavita“ – der Unterwelt – und nahm immer mehr die Züge eines Psychothrillers an: Überraschend und ungewöhnlich.

Am 3. Oktober durften wir ein großes Jubiläum feiern: 30 Jahre Deutsche Einheit und dieser besondere Tag war für mich ein willkommener Anlass, mich literarisch und ausnahmsweise auch mit einigen guten Filmen im Fernsehen dem Thema zu widmen. Regina Scheer’s „Machandel“ war dafür ein perfekter Einstieg: ein großartiger Familienroman über die Wendezeit und die wechselvolle Geschichte zwischen zweitem Weltkrieg und der friedlichen Revolution im November 1989, aber auch der ersten Zeit nach der Wiedervereinigung. Wunderschön geschrieben, großartige Figuren und eine Autorin, die mich nachhaltig beeindruckt hat, so dass ich am Monatsende auch gleich noch ihren zweiten Roman „Gott wohnt im Wedding“ gelesen habe. Auch in diesem Buch erweist Scheer sich als erstklassige Geschichtenerzählerin und Autorin, die mit viel Herzenswärme, Intelligenz und großem Einfühlungsvermögen ein weiteres schwieriges Kapitel deutscher Geschichte literarisch verarbeitet: die Judenverfolgung und die Vertreibung und Verfolgung der Sinti und Roma. Beide Bücher haben mich tief berührt und werden mir lange in Erinnerung bleiben.

Doch zurück zur Deutschen Einheit: Ich bin kein großer Fernseher, aber das Jubiläum hatte zur Folge, dass ich tatsächlich ausnahmsweise ein paar sehr gute Filme zum Thema gesehen habe: „Adam und Evelyn“ (mit einem tollen Florian Teichtmeister) über junge Menschen, die 1989 über Ungarn in den Westen fliehen oder aber auch den spannenden Fernsehfilm „Wendezeit“, der das Leben einer Doppelagentin, die in Reihen der CIA in Westberlin für die Stasi spioniert, beim Fall der Mauer völlig außer Kontrolle geraten lässt. Sehr bewegend fand ich aber auch „Das schweigende Klassenzimmer“, das basierend auf einer wahren Begebenheit zeigt, wie eine einzige Schweigeminute einer DDR-Abiturklasse während des Ungarnaufstands 1956 das Leben der Schüler für immer verändert.

Und auch ein wunderbares Hörbuch brachte mir die Zeit und das Leben in der DDR noch näher: „Soundtrack meiner Kindheit“ von Jan-Josef Liefers. Der bekannte und beliebte Schauspieler – vielen vor allem bekannt als Professor Boerne aus dem Tatort – erzählt darin über seine Kindheit und Jugend in der DDR. Ausgehend von Songtiteln, die ihn geprägt haben, beschreibt er sein Aufwachsen, die Schulzeit, erste Kontakte und Erfahrungen mit dem SED-Regime ebenso wie Pubertät und die erste Liebe. Aber er erzählt auch über die starken Frauen in seinem Leben: seine Großmütter und seine Mutter. Gefallen haben mir vor allem auch die Kapitel über die Schauspielschule und seine Zeit am Theater und es ist spannend zu hören, wie er die friedliche Revolution und den Mauerfall in Berlin hautnah erlebt hat. In diesem Fall fand ich es charmanter, mir seine Geschichte von ihm selbst erzählen zu lassen und habe daher ausnahmsweise zum Hörbuch gegriffen, was sich definitiv gelohnt hat.

Doch der Oktober hat mir – neben dem großen Themenschwerpunkt „Deutsche Einheit“ – auch noch weitere literarische Schmuckstücke beschert:
So durfte ich zum Beispiel ein Werk des irischen Autors Máirtín Ó Cadhain entdecken, welches der Kroener Verlag anlässlich des 50. Todestages herausgegeben hat: „Die Asche des Tages“. In Irland zählt er zu den ganz großen Autoren des Landes, wohingegen er bei uns in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist. Da jetzt zum ersten Mal auch eine Übersetzung seines letzten Romans aus dem Irischen durch die renommierte Übersetzerin Gabriele Haefs vorliegt, können jetzt auch deutsche Leser das zeitlose, literarische Schaffen des Iren kennenlernen.

Auf eine Zeitreise ins Berlin des ersten Weltkriegs und der Zwanziger Jahre hat mich Tim Krohn’s „Die heilige Henni der Hinterhöfe“ mitgenommen, die mich sehr amüsiert hat und die mit einer zynisch-ironischen Berliner Schnauze ein sehr kurzweiliges und leichtfüßiges Lesevergnügen war.

Ein Spontankauf und Überraschungsfund war Ewald Arenz’ „Alte Sorten“, das sich tief in mein Herz gegraben hat und wohl mein heimlicher Liebling des Monats geworden ist. Da stimmte alles: Sprache, Sinnlichkeit, Tiefgründigkeit und Figuren, die man nicht mehr vergisst. Ein unvergleichliches und sehr berührendes Buch, dem ich viele Leser wünsche und das ich wärmstens ans Herz legen kann. Eine entschleunigende Lektüre für den Herbst, die einmal mehr verdeutlicht, was wirklich wichtig ist im Leben.

Stefan Sprang’s „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“ bot mir berührende Einblicke in das leider viel zu kurze Leben eines Sängers, der zu den ganz Großen zählte, obwohl er es an Körpergröße nur auf 1,54 Meter brachte. Zunächst als umjubelter Rundfunk- und Plattenstar gefeiert, verliert er als Jude im Dritten Reich nach und nach die Auftrittsmöglichkeiten, die Heimat, die Familie und letztlich sein Leben. Ein Buch, das traurig stimmt, aber auch ein Denkmal setzt für einen einzigartigen Künstler, an den es sich zu erinnern lohnt.

Zudem nutzte ich den Oktober, um eine literarische Bildungslücke zu schließen: Mit „Weit weg von Verona“ habe ich es endlich geschafft, ein erstes Werk von Jane Gardam zu lesen. In den letzten Jahren wurde sie für den deutschen Markt entdeckt und erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit. Ich habe mir als Einstieg ihren Debütroman ausgesucht, der bereits aus dem Jahr 1971 stammt und eine freche, witzige Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mädchens an der englischen Küste während des zweiten Weltkriegs beschreibt. Very British – gut zu lesen, auch wenn bei mir persönlich der ganz große Wow-Effekt ein wenig ausgeblieben ist.

Und zu guter Letzt habe ich auch noch Ilja Leonard Pfeijffer’s neuen Roman „Grand Hotel Europa“ gelesen, der sich kritisch mit der aktuellen Situation in Europa und dem Massentourismus auseinandersetzt. Ein bissig-zynisches und intelligentes Buch, das in den Niederlanden – dem Heimatland des Autors – lange Zeit die Bestsellerliste anführte.

Seit diesem Monat gibt es bei der Kulturbowle eine weitere Neuerung: „Die Welt erlesen“. Das bedeutet, es gibt jetzt auch eine Übersicht der Buchrezensionen nach Schauplätzen bzw. Ländern, Regionen und Orten. Denn ich liebe es, mich durch das Lesen von Büchern an bestimmte Orte versetzen zu lassen oder mich vor und während einer Urlaubsreise auch literarisch auf das jeweilige Land, die Region oder die Stadt einzustimmen. Die Zusammenstellung soll helfen, die Suche nach dem richtigen Buch zu erleichtern.

Kulturell konnte im Oktober erfreulicherweise noch Theater gespielt werden – bevor jetzt im November leider wieder die Pforten geschlossen werden müssen. So durfte ich im Landestheater Niederbayern noch eine schwungvolle Corona-„Fledermaus“ erleben, die das Thema Maskenball in Corona-Zeiten sehr wörtlich genommen hat und eine bejubelte Premiere der Woody Allen-Komödie „Geliebte Aphrodite“. Jetzt bleibt mit dem weinenden Auge des Kultur- und Theaterliebhabers und dem Verständnis für die schwierige Gesamtsituation nur zu hoffen, dass die Maßnahmen im November Wirkung zeigen und hoffentlich eine Besserung des Infektionsgeschehens eintritt, so dass dann baldmöglichst auch wieder Kunst und Kultur stattfinden kann. Hoffen wir das Beste.

Der November wird die Zeit sein, Kontakte so weit wie möglich zu reduzieren, es sich zu Hause gemütlich zu machen, Musik zu hören und Bücher zu lesen. Machen wir also etwas daraus und bleiben zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Oktober:
Oktober ist Kürbiszeit – ob als Suppe, Ofengemüse oder auch mal als Kürbisgulasch – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und wenn sich das herbstliche Gemüse in leuchtendem Orange an den Feldrändern türmt und in der Küche geschnippelt wird, macht alleine schon die Farbe gute Laune.

Musikalisches im Oktober:
Ein Lied, das mich im Oktober sehr berührt hat, war „Zweifel und Zuversicht“ von Bodo Wartke. Eine schöne Ballade des Musikkabarettisten mit Klavierbegleitung, die ich sehr gerne weiterempfehle. Gerade jetzt in dieser Zeit voller Sorgen und Unsicherheit bringt es dieses Lied sehr schön auf den Punkt, dass es wichtig ist, bei allem Zweifel doch zuversichtlich zu bleiben. Schöne, eingängige Melodien und ein liebevoll-verspielter und intelligent-verschmitzter Text, der einem vielleicht den kleinen Schubs geben kann, statt ständig zu grübeln einfach mal ein wenig positiven Optimismus walten zu lassen.

„Was du auch tust, hab keine Angst zu versagen.
Wohin du auch gehst, ich werde dich tragen.
Wir kriegen das hin, es kann dir gelingen,
Erst recht dann, wenn ich bei dir bin.
(…)
Ich bin die, die wenn der Vesuv ausbricht,
Dich noch ans rettende Ufer kriegt.
Ich weiß, du kennst auch mich:
Ich bin die Zuversicht.“

(aus Bodo Wartke’s „Zweifel und Zuversicht“; Album: Wandelmut)