Elf Tage im Dezember

Die mysteriöse Episode des elftägigen Verschwindens von Agatha Christie im Dezember 1926, in welchem die Polizei, die Medien und quasi ganz England nach der Krimiautorin suchte, trägt bis heute wesentlich zum Mythos der Queen of Crime bei. Ein Rätsel, das bis heute ungelöst ist und Marie Benedict dazu inspiriert hat, ihre fiktive Version bzw. ihren möglichen Erklärungsversuch in ihrem neuen Roman „Mrs Agatha Christie“ zu schaffen.

„Das Kratzen der Feder auf dem Papier erfüllt den Raum und löst Erinnerungen in Archie aus. Dieses Geräusch ist für ihn untrennbar mit seiner Frau verbunden, es ist das Geräusch ihrer Gedanken.“

(S.38)

Marie Benedict, die sich in ihren Romanen meist mit starken Frauenfiguren der Geschichte beschäftigt – wie in „Frau Einstein“ mit Mileva Marić oder mit Clementine Churchill in „Lady Churchill“, das ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe – hat sich dieses Mal keine Frau im Schatten eines bekannten Mannes ausgesucht, sondern sie widmet sich den berühmten elf Tagen im Dezember 1926, als die immer erfolgreicher werdende Schriftstellerin Agatha Christie plötzlich auf rätselhafte Art und Weise verschwindet.

„Nun, Colonel, jetzt bleibt uns leider nichts anderes mehr übrig. Wir müssen bei unseren weiteren Ermittlungen davon ausgehen, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben.“

(S.78)

Benedict lässt jeweils kapitelweise die Erzählperspektiven und Zeiträume wechseln. Die elf Tage im Dezember 1926 werden aus der Sicht des Ehemanns Archibald Christie erzählt, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Affäre mit einer anderen Frau hat und sich von Agatha trennen möchte und in Rückblenden erzählt Agatha Christie aus der Ich-Perspektive die wichtigsten Stationen und Schlüsselszenen ihrer Lebensgeschichte.

So erlebt man, wie sie 1912 ihren ersten Mann Archibald Christie kennenlernt, man begleitet sie durch die schweren Zeiten des ersten Weltkriegs, während dem sie als Krankenschwester in einem Lazarett arbeitete und schließlich durch ihre Tätigkeit in der Krankenhausapotheke Kenntnisse über Medikamente und die Wirkung von verschiedenen Giften erlangte.

„Nie wäre ich so kühn gewesen, meine kleine Ausbildung mit einem Studium der Pharmazie gleichzusetzen, aber ich wusste auf jeden Fall genug, um gefährlich zu sein.“

(S.95)

Und man wird Zeuge der sagenumwobenen Wette mit ihrer Schwester Madge, die es ihr nicht zutraute, eine richtige Detektivgeschichte schreiben zu können. Eine Wette, welche Agatha Christie gewann und die letzten Endes einen der zweifelsohne berühmtesten literarischen Detektive aller Zeiten – Hercule Poirot – das Licht der Welt erblicken ließ.

Die Rückblenden auf die wichtigsten Schlaglichter ihres Lebens schaffen Verständnis für die zeitlichen Umstände und die Frau Agatha Christie, ihre Stärken, ihre Schwächen und was ihr wichtig war im Leben.
Im Zentrum des Romans stehen jedoch ohne Zweifel die elf Tage im Dezember 1926, die bis heute Rätsel aufgeben und schon damals zu einem großen Skandal und riesigen Medienrummel geführt hatten.

„Doch als er die Tür öffnet und von unzähligen Blitzlichtern geblendet wird, begreift Archie, wie mächtig die Öffentlichkeit ist und dass nichts mehr so sein wird wie früher.“

(S.117)

Benedict hat erkannt, dass diese Episode selbst größtes Potenzial für einen spannenden Krimiplot bietet und bringt ihre Idee einer möglichen Erklärung zu Papier. Ein gekonntes Spiel mit Fakten und Fiktion, in dem man miträtseln kann, welche Rolle Agatha Christie selbst oder ihr Ehemann in dieser Affäre spielten bzw. vielleicht gespielt haben.

Ich habe dieses Buch bereits mit Vorkenntnissen der Biografie von Agatha Christie gelesen und sehr vieles war mir bereits bekannt. Daher ist es für mich schwer zu beurteilen, wie das Buch auf jemanden wirkt, der sich noch nicht näher mit der Lebensgeschichte Christie’s befasst hat.
Der Roman liest sich flüssig und schnell. Eine umfassende Biografie wird die Lektüre dieses Buchs sicherlich nicht ersetzen, soll und möchte sie aber auch nicht. Vielmehr ist es ein spannend geschriebener Roman, der selbst einem Krimi gleicht und auf süffige, unterhaltsame Art und Weise die Leserschaft zu fesseln versteht.

Man spürt den großen Respekt und die Bewunderung der Autorin für die Schriftstellerin und Persönlichkeit Agatha Christie, der sie mit diesem Werk ihre Reverenz erweist.
Benedict schenkt ein paar spannende, unterhaltsame Lesestunden und weckt auf alle Fälle erneut den Geschmack und die Lust, Agatha Christie’s Krimis zu lesen und sich wieder einmal mehr mit dem Leben und vor allem dem Werk der Grande Dame der Kriminalliteratur zu beschäftigen. Bei 66 Kriminalromanen, zahlreichen Kurzgeschichten und Theaterstücken hat man ja genug Auswahl, um Neues zu entdecken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marie Benedict, Mrs Agatha Christie
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00295-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Marie Benedict’s „Mrs Agatha Christie“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch bewegen wir uns in der britischen Upper Class: da gibt es – zumindest in Benedict’s Roman – vorwiegend Tee oder Champagner.

Zum Weiterhören:
Eine der ersten Szenen in Marie Benedict’s Roman ist das Kennenlernen von Agatha und ihrem ersten Mann Archibald Christie 1912 auf einem Ball: die Musikauswahl, zu welcher getanzt wird, hat eine große Variationsbreite von einem traditionellem Walzer aus der ersten Sinfonie von Edward Elgar bis hin zum schwungvollen „Alexander’s Ragtime Band“ von Irving Berlin.

Zum Weiterlesen (I):
Es werden zwei Werke erwähnt, welche Agatha Christie begeisterten und inspirierten: Anna Katharine Green „Der Fall Leavenworth“ (das ich nicht kenne) und Gaston Leroux’ „Das Geheimnis des gelben Zimmers“ (hier war vor kurzem eine Verfilmung auf ARTE zu sehen).

Zum Weiterlesen (II):
Andrew Wilson hat sich ebenfalls fiktional dem elftägigen Verschwinden von Agatha Christie gewidmet – in seinem Roman „Agathas Alibi“ erzählt er seine Version der Geschichte:

Andrew Wilson, Agathas Alibi
Übersetzt von Michael Mundhenk
Pendo
ISBN: 978-3866124226

Zum Weiterlesen (III):
Vor einiger Zeit habe ich hier auf der Kulturbowle die hochinteressante Biografie Agatha Christie’s von Barbara Sichtermann vorgestellt (hier geht es zu meinem Beitrag). Wer also mehr über die große Queen of Crime erfahren möchte und sich näher mit ihrer Lebensgeschichte – auch über jene mysteriösen elf Tage im Dezember 1926 hinaus – befassen möchte, der hat mit diesem Werk eine gute Möglichkeit dazu:

Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

Krimiperle neu entdeckt

Gute Krimis können große Lesefreude bereiten und wenn man einen richtig guten Kriminalroman einer bislang unbekannten Autorin für sich entdecken kann, dann ist das pures Lesevergnügen. So passiert ist mir dies mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ (Originaltitel: The Franchise Affair) aus dem Jahr 1948, der beweist, welche hohe Güte sich Krimiklassiker über viele Jahrzehnte bewahren können ohne etwas von ihrem Reiz einzubüßen.

Milford ist ein ruhiges Provinzstädtchen auf dem englischen Land. Robert Blair führt dort als Anwalt ein friedliches Leben ohne große Aufregungen, bis eines Tages kurz vor Feierabend sein Telefon läutet. Marion Sharpe, die vor kurzem mit ihrer Mutter ein einsam gelegenes Anwesen in der Nähe bezogen hat, bittet aufgeregt um seine Hilfe. Scotland Yard ist im Haus und beschuldigt sie eines unerhörten Verbrechens. Ein 15-jähriges, ihnen völlig unbekanntes Mädchen behauptet, die beiden Damen hätten sie entführt, in einer Dachkammer ihres Hauses gegen ihren Willen einen Monat lang festgehalten und körperlich misshandelt.
Ein Vorwurf, der leicht zu entkräften wäre, könnte das Mädchen nicht jedes Detail im Inneren des Hauses exakt beschreiben. Wie kann das sein?

Schnell steht Aussage gegen Aussage, die Presse bekommt von der Sache Wind, eine Hexenjagd auf die Sharpes beginnt und Robert Blair, der das Mandat zunächst am liebsten abgelehnt hätte, muss plötzlich in einem mysteriösen und undurchsichtigen Fall selbst ermitteln, um die Unschuld seiner Mandantinnen zu beweisen.

„Das ist das erste Mal, dass Sie bitter klingen.“
„Klang es bitter?“
„Der reine Angostura.“

(S.88)

Ich mag die Figurenzeichnung von Josephine Tey: der schnöselige, leicht überspannte Cousin Nevil mit seinem für die britische Provinz ungewohnten Kleidungsgeschmack, die patente, lebenstüchtige und gottesfürchtige Tante Lin, die voller Überzeugung die Probleme ihres Neffen durch Gebete in der Dorfkirche zu lösen versucht. Auch Mutter und Tochter Sharpe sind in ihrem zurückgezogenen, eigenbrötlerischen Frauenhaushalt sehr plastische Charaktere – ausgestattet mit einer ordentlichen Prise Zynismus im Falle der Mutter und einer attraktiven Ausstrahlung der Tochter, welcher die Männer reihenweise zu erliegen scheinen.

Und natürlich – last but not least – die Hauptfigur Robert Blair dessen gleichförmiges, geruhsames und unspektakuläres Anwaltsleben, das bislang geprägt war von unaufgeregten Schreibtischtätigkeiten und regelmäßigen Testamentsänderungen älterer Damen, plötzlich durch einen Anruf und den Hilferuf einer verzweifelten Frau völlig aus den Fugen gerät. Ein sehr menschlicher und sympathischer Held, den man dabei begleiten kann, wie er über sich hinauswächst, auf einmal völlig neue Seiten an sich selbst entdeckt und das Leben intensiver spürt als jemals zuvor.

Auf gewisse Weise very British – so lernt man zum Beispiel, dass Tweed nicht gleich Tweed ist oder welche Spuren die englische Geschichte in den Baustilen der Häuser hinterlassen hat – hat Josephine Tey einen subtilen, spannenden Krimi geschrieben, der vor allem Krimifans gefallen wird, die einen klugen Romanaufbau und eine überraschende Wendung einer blutrünstigen, effekthascherischen Handlung vorziehen.

Beim Lesen vergisst man nicht nur die Zeit um sich herum, denn der Krimi liest sich herrlich flüssig wirklich wie im Flug, sondern auch, dass der Roman aus dem Jahr 1948 schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat. Ein klassischer, raffinierter Krimi, der auch heute noch begeistern kann. Eine zeitlose Krimiperle und für mich wirklich eine wunderbare Entdeckung, zumal ich die Autorin vorher noch nicht kannte. Mit mir hat sie nun eine weitere begeisterte Leserin mehr und ich freue mich schon auf weitere Krimis aus ihrer Feder.

Ein Krimi ohne Leiche, dafür mit einer großen Portion Charme und Esprit, mit pointiertem Witz und feinem, britischen Humor, der für gepflegte und kurzweilige Unterhaltung sorgt. Da kann man jeden Fernsehkrimi getrost links liegen lassen und lieber zu diesem Buch greifen.

Die in Schottland geborene Josephine Tey (Pseudonym für Elizabeth MacKintosh; 1896 – 1952) verstarb bereits im Alter von nur 55 Jahren. Ihren Fans hat sie acht Kriminalromane hinterlassen. Und obwohl sie – ähnlich wie Agatha Christie – auch fürs Theater schrieb (hier unter dem Namen Gordon Daviot), sind es auch bei ihr die Krimis, für die sie der Nachwelt besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Mit Freude habe ich dem Klappentext entnommen, dass der wohl bekannteste Krimi von Josephine Tey „Alibi für einen König“ (Originaltitel: „The Daughter of Time“) beim Kampa Verlag auch in Vorbereitung ist. Dieser wurde von der englischen „Crime Writer’s Association“ zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt – das ist doch noch ein weiterer guter Grund dafür, diesen bei Erscheinen ebenfalls zu lesen.

Mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 18) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, einer für mich neuen Autorin lesen. Eine wunderbare Neuentdeckung für mich und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Josephine Tey gewesen sein, das ich gelesen habe.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“:

Für den Gaumen:
Mutter und Tochter Sharpe haben eine besondere Vorliebe für guten Sherry.
Der Amontillado – benannt nach der spanischen Region Montilla in Andalusien, den sie ihren Gästen servieren, scheint wahrlich exquisit zu sein.

„Wir sind zwar sparsam, aber wir sparen nicht am Wein“ (S.62)

(S.62)

Dagegen wirkt der Butterkuchen, für den Robert seinem Hausmädchen „bis ans Ende der Welt folgen“ (S.70) würde, geradezu einfach und bodenständig.

Zum Weiterschauen:
Alfred Hitchcock verfilmte bereits 1937 einen Stoff von Josephine Tey. Sein Film „Jung und unschuldig“ („Young and innocent“) basiert auf Tey’s Kriminalroman „A Shilling for Candles“ (auf deutsch als „Klippen des Todes“ erschienen). Gesehen habe ich diesen Hitchcock noch nicht, aber ich werde mal die Augen danach offen halten.

Zum Weiterlesen:
Wer Gefallen an Krimiwiederentdeckungen aus Großbritannien hat, dem kann ich auch Susan Hill’s „Schattenrisse“ empfehlen, den ich letztes Jahr hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Der Auftakt der Serie mit Inspector Serrailler ist ebenso lesenswert und macht einmal mehr klar, wie viele erstklassige Krimiautorinnen die britische Insel zu bieten hat.

Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

Kriminelles zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren haben mich zwei hochkarätige Krimi-Bestseller aus Großbritannien brillant unterhalten und kriminell gut ins neue Jahr starten lassen. Daher möchte ich die beiden Kriminalromane, bei welchen jeder auf seine Art etwas Besonderes hat, in kürzerer Form, dafür aber gleich im Doppelpack vorstellen:
Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ – ein Krimi in Mails und Textnachrichten zum intensiven selbst Miträtseln – und Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, in welchem vier rüstige Rentner in einer luxuriösen Seniorenresidenz als Hobby und Zeitvertreib gemeinsam Kriminalfälle lösen und sogar mit einem Mord konfrontiert werden.
Beide Krimis sind auf ihre Art „very british“, folgen bester, britischer Krimitradition, d.h. sind klassisch angehaucht und eher der unblutigen Kategorie zuzuordnen. Zudem sind beide Romane mit einer ordentlichen Prise Humor ausgestattet.
Und noch etwas haben sie gemeinsam: Bei beiden handelt es sich um Debütromane. Janice Hallett hat zuvor als Journalistin und Zeitschriftenredakteurin gearbeitet, Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator und Produzent.

Da ich bei Krimis grundsätzlich nicht zu viel von der Handlung vorab verraten möchte, halte ich mich hierzu jeweils kurz und beschreibe lieber, was mich an den Büchern gereizt bzw. was mir an den Krimis jeweils besonders gut gefallen hat.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt weiß, dass ich ein riesengroßer Theaterfan bin. Als ich gelesen habe, dass der Krimi von einem Mord im Umfeld einer Laientheatergruppe handelt, die Spenden für ein krebskrankes Mädchen sammeln will, wusste ich, dass ich Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ (englischer Originaltitel: „The Appeal“) unbedingt lesen möchte.

Gleich schossen mir positive Erinnerungen an Miss Marple’s Fall „Vier Frauen und ein Mord“, der im Theatermilieu spielt, durch den Kopf und auch optisch passte das aufwändig gestaltete Taschenbuch mit dem außergewöhnlichen Regentropfen-Cover – ein richtiger Hingucker – ebenfalls hervorragend zu den verregneten Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Es war wie gemacht, um es sich damit auf der Couch mit einer Tasse Tee gemütlich zu machen.

„Femi: Wir müssen uns einfach konzentrieren, richtig eintauchen, damit wir später den Durchblick haben.

Charlotte: Aber hast du das gesehen? Lauter E-Mails und Nachrichten. Warum erzählt Tanner uns nicht mehr dazu? Bin gespannt.“

(aus Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen; S.8)

Zwei Angestellte einer Rechtsanwaltskanzlei erhalten ein umfangreiches Konvolut an Emails und Textnachrichten, die im Zusammenhang mit einem Mordfall stehen. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen den zahlreichen Mitgliedern der Laientheatergruppe „The Fairway Players“. Schnell wird klar, dass sich bei der bunt zusammengewürfelten Gruppe mehr als ein Abgrund auftut. Werden sie beim gewissenhaften Durcharbeiten der Unterlagen dem Mörder zwischen den Zeilen auf die Spur kommen?

Seit Daniel Glattauer’s „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ habe ich keinen Roman in Form von Emails und Textnachrichten mehr gelesen – und einen Krimi meines Erachtens noch nie. Ein besonderes literarisches Experiment, das mir Spaß gemacht hat – ungewohnt, aber interessant. Selten habe ich bei einem Krimi selbst so intensiv versucht, „zwischen den Zeilen“ mitzulesen und mitzurätseln, ganz aufmerksam auf Zwischentöne geachtet, um der Lösung auf die Spur zu kommen, wie bei Janice Hallett’s Krimidebüt. Ein Buch, das die Gefahr birgt, die Nacht durchzulesen, denn man verschlingt Seite um Seite. Hallett hat eine satirische, stellenweise sehr überspitzte und überzeichnete Handlung geschaffen, die mit verblüffenden Wendungen aufwartet.

Noch runder, harmonischer und insgesamt für meinen Geschmack auch etwas warmherziger und liebenswürdiger war Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, der aufgrund des originellen Schauplatzes in einer luxuriösen, englischen Seniorenresidenz und den herrlich verschrobenen Figuren ein richtig feines, funkelndes Krimijuwel darstellt.

Die Tage in Coopers Chase – einem Seniorenheim für gehobene Ansprüche – sind lange und gleichförmig. Da kommt den Bewohnern jede Abwechslung gerade recht: Joyce, Elizabeth, Ron und Ibrahim treffen sich daher jeden Donnerstag, um gemeinsam alte, ungelöste Kriminalfälle zu enträtseln. Schon bald überschlagen sich jedoch die Ereignisse und aus dem launigen Hobby wird eine ernstzunehmende Mordermittlung. Mit ihren ganz eigenen Waffen, Stärken und Erfahrungen machen die vier Rentner der örtlichen Polizei Konkurrenz.

Schließlich bringen Joyce mit ihrer allseits beliebten, herzlichen und mütterlichen Art, Elizabeth als ehemalige Geheimagentin, der pensionierte Psychiater Ibrahim und Ron, der kämpferische und rhetorisch beschlagene ehemalige Gewerkschaftsführer gemeinsam so viele Jahrzehnte Lebenserfahrung, große Leidenschaft, eine gewisse Unverfrorenheit und viel Freizeit mit in die Ermittlungen ein, so dass es für die Kollegen der Polizei schwerlich möglich ist, nur annähernd Schritt zu halten.

„Außerdem macht es ihnen einfach einen Heidenspaß, glaube ich. Ein paar Gläschen Wein und ein Kriminalfall. Sehr gesellig, aber auch blutig. Was gibt es Besseres?“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.30)

Einen Heidenspaß macht auch die Lektüre des „Donnerstagsmordclubs“. Das liest sich kurzweilig, unterhaltsam und süffig, wie ein schöner, gereifter Rotwein.
Traurig und lustig zugleich, amüsant, witzig und doch würdevoll – Osman gelingt die Gratwanderung, die rüstigen Senioren auf der einen Seite als witzige und lebensfrohe Truppe zu schildern und doch auch andererseits nachdenklichere, ruhigere Töne anzuschlagen, die dem letzten Lebensabschnitt ebenso angemessen sind.
Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz. Man liest das Buch mit viel Schmunzeln und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Beide Krimis haben mir unbeschwerte und entspannende Lesestunden beschert und ich konnte die Lektüre an den verregneten Tagen zwischen den Jahren gemütlich genießen. Für Freunde britischer Krimikunst sind die beiden Bücher, die jeweils mit einem besonderen Twist versehen sind (sei es durch die besondere literarische Form bei Hallett oder den außergewöhnlichen Schauplatz bzw. die spezielle Ermittlergruppe bei Osman), eine gute Wahl. Die hohen Verkaufszahlen in Großbritannien sprechen für sich und vielleicht schwappt die Begeisterung ja auch aufs europäische Festland herüber.

„Im Leben lernt man, dass es die guten Tage sind, die man zählen muss – sie in seinen Bau tragen und von ihnen zehren. Also trage ich diesen Tag jetzt in meinen Bau und lege mich schlafen.“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.114)
©Kulturbowle

Eine weitere Besprechung zu „Mord zwischen den Zeilen“ gibt es bei Nana-Der Bücherblog.

Weitere Besprechungen zu „Der Donnerstagsmordclub“ gibt es unter anderem bei buchpost (hier wurde ich auf den Krimi aufmerksam – Danke, Anna!) und bei Literaturwerkstattkreativ-Blog.

Buchinformationen:
Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-00446-9

Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36014-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden britischen Krimi-Bestseller:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist „Der Donnerstagsmordclub“ etwas reicher ausgestattet als „Mord zwischen den Zeilen“. So erfahren wir, dass es zum Beispiel am Montag in der Seniorenresidenz Coopers Chase immer Shepherd’s Pie – ein traditionelles britisches Gericht aus zwei Schichten (unten Hackfleisch, oben pürierte oder fein geriebene Kartoffeln) – gibt. Zudem hat Joyce eine Schwäche für Gin Tonic aus der Dose von Marks&Spencer.
In „Mord zwischen den Zeilen“ erfahren wir nur, dass es auf dem Charity Event für Poppy leckere Süßigkeiten gibt, die reißend Absatz gefunden haben. Sonst bleibt während der Spendensammelaktionen, der Theaterproben und -aufführungen und den zahlreichen Verwicklungen im Krimi kaum Zeit für das leibliche Wohl.

Zum Weiterlesen:
Janice Hallett hat in Großbritannien bereits ihren zweiten Krimi veröffentlicht „The Twyford Code“ – zu einer deutschen Übersetzung ist mir aktuell noch nichts bekannt.
Fans von Richard Osman müssen jedoch nicht mehr lange auf die Fortsetzung des Donnerstagsmordclubs warten. Ende Januar erscheint auch der zweite Band in deutscher Übersetzung: „Der Mann, der zweimal starb“. Die vier rüstigen Senioren ermitteln in ihrem zweiten Fall.

Richard Osman, Der Mann, der zweimal starb
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36013-2

Die längste Nacht

Auch die längste Nacht des Jahres hat ein Ende – gestern haben wir die Wintersonnenwende oder Thomasnacht 2021 hinter uns gebracht. Die Tage werden wieder länger. Auch die Phasen des Winters, die Katherine May in „Überwintern – Wenn das Leben innehält“ beschreibt – Krisensituationen, Schicksalsschläge, Krankheit, Umbrüche oder Lebensveränderungen haben ihre Berechtigung, ihren Sinn und können gemeistert werden. Was diese Zeiten des Winters ausmacht und wie sie diesen begegnet, beschreibt die britische Autorin in ihrem wunderbaren, wärmenden Buch.

„Winter ist nicht Tod, ist nicht das Ende eines Lebens, sondern eine Bewährungsprobe. Wenn wir aufhören, uns ständig nach Sommer zu sehnen, kann der Winter eine ganz wunderbare Jahreszeit werden, in der die Welt von sparsamer Schönheit ist und selbst der Asphalt funkelt. Eine Zeit zum Nachdenken, zum Erholen, zum langsamen Wiederaufladen, zum Aufräumen.“

(S.25)

Katherine May musste in ihrem Leben schon mit vielen schwierigen Situationen, Diagnosen, Krankheiten und Schicksalsschlägen umgehen. All diese Situationen – ebenso wie berufliche Veränderungen oder sonstige Umbruchphasen im Leben bezeichnet oder vergleicht sie mit dem Winter. Eine notwendige und unvermeidbare Zeit des sich Zurückziehens, des Pausierens, des Kräftesammelns, der Ruhe und der Regeneration. In „Überwintern“ arbeitet sie viel mit Bildern aus der Natur – den Tieren, die Winterschlaf machen, den Bäumen, welche die Blätter verlieren, Kälte und Dunkelheit, welchen man mit verschiedenen Strategien begegnen kann.

May schreibt offen und berührend über ihre Art, solche Phasen zu nutzen und ihnen etwas Positives abzugewinnen – ihr persönlicher Werkzeugkasten, mit diesen Zeiten des Winters umzugehen und auch die Chancen oder das Schöne darin zu sehen.

Im Finnischen gibt es ein Wort dafür, sich für den Winter zu präparieren: „Talvitelat“, was in etwa so viel bedeutet, wie „für den Winter einlagern“ (S.40). Man bereitet sich vor, repariert kaputte Dinge, kocht ein, räumt die Sommerkleidung weg und holt die Winterkleidung hervor.

Natürlich hält auch Essen Leib und Seele zusammen, d.h. es geht um Seelennahrung und Speisen und Gerichte, die im Winter gut tun können. Sie gibt Einblick in ihre persönliche Winterküche und macht Lust auf Nahrhaftes und Wärmendes.

„Winter ist das Aufwärmen der Teekanne und das Zubereiten von Bechern voller Zartbitterkakao; aus Knochen gezauberte Suppe mit wolkenähnlich darin schwimmenden Klößen. Winter ist stilles Lesen und den ganzen dämmrigen Nachmittag Filme gucken. Winter sind dicke Socken und eine kuschelige Strickjacke.“

(S.90)

Sie beschreibt den Winter als die Zeit, um zur Ruhe zu kommen, viel zu schlafen, aber auch zu lesen und sich Zeit für Hobbies oder zum Aufräumen und Entrümpeln zu nehmen. Sie schildert die Faszination des Eis- oder Winterschwimmens und die belebende Wirkung.

Man lernt nordische Bräuche – wie zum Beispiel die Lucia-Legende – kennen und erfährt über die wohltuende Kraft, die eine Meditation oder auch ein Kirchen- oder Konzertbesuch entfalten kann. Gerade auch Traditionen und Routinen können einen beruhigenden und stabilisierenden Einfluss in schweren Zeiten haben.

Die britische Autorin ist auch bei ihren Reisezielen ein Fan des Nordens und der eisigen Wintertemperaturen. So nimmt sie den Leser mit auf eine Reise zum Polarkreis und den Polarlichtern, berichtet begeistert über ein Bad in Island’s blauer Lagune oder gibt einen Eindruck in die finnische Saunakultur.

Sie schreibt – ohne zu beschönigen – über schwere Lebensphasen und doch transportiert sie auch den Zauber und die Magie, die ein harter Winter ebenfalls haben kann. Ein sehr positives, lebensbejahendes Buch, das Mut macht. Für uns Menschen gehören die Phasen des Winters zum Leben und sie bieten die Möglichkeit, sich Zeit zur Erholung, zum Nachdenken und zur Neuausrichtung zu nehmen.

„Im Winter brauche ich im Schein der Leselampe eher Texte, die langsam zu lesen sind, die zum Nachdenken anregen, geistige Nahrung, Seelenfutter. Winter ist die Zeit für Bibliotheken, für die gedämpfte Stille zwischen Bücherstapeln und den Geruch nach alten Seiten und Staub.“

(S.227)

Natürlich spielen auch das Lesen und Bücher eine Rolle – der Winter ist für viele die ideale Zeit dafür: lange Abende im Wohnzimmer, die prädestiniert dafür sind, sich in ein gutes Buch zu versenken, zum Beispiel in Katherine May’s „Überwintern“.

Für mich war es ein Buch, das perfekt in die Zeit gepasst hat und das ich sicherlich irgendwann wieder zur Hand nehmen werde, weil es einfach gut tut, es zu lesen. Ein Loblied auf den Winter und die Kunst des „Überwinterns“, das wärmt, tröstet und einen durch die Lektüre zufrieden und ruhig werden lässt. Ein wunderbares Buch, das Spuren hinterlässt, inspiriert und zum Nachdenken anregt.

Weitere Besprechungen gibt es bei Klappentexterin und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Katherine May, Überwintern – Wenn das Leben innehält
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Insel
ISBN: 978-3-458-17958-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katherine May’s „Überwintern – Wenn das Leben innehält“:

Für den Gaumen (I):
Kennt Ihr Picalilli? Ich gestehe, mir sagte dies vor der Lektüre von „Überwintern“ nichts: Picalilli wird eingekocht und ist eine spezielle englische Senfsauce, die aus eingelegtem Gemüse (Pickles), die laut Wikipedia aus „Wasser mit 10%igem Gärungsessig, Zucker, Senfmehl, Maismehl, Salz, gemahlenem Kurkuma und scharfem Gewürzpaprika“ besteht.

Einkochen gehört für Katherine May zu ihren Winterstrategien: selbst gemachte Marmeladen, Chutneys… oder eben Picalilli. Hört sich interessant an und sieht lecker aus.

Für den Gaumen (II):
May beschreibt auch das Verarbeiten von Quitten, das ja per se immer schon eine Herausforderung darstellt. Auch dieses Rezept liest sich interessant:

„(…) beschließe dann aber, sie in dulce de membrillo zu verwandeln, jene quittenbrotähnliche spanische Süßspeise, die zu Schinken und Käse ein Gedicht ist.“

(S.40)

Ein Rezept findet man unter anderem auf backenmachtgluecklich.

Zum Weiterlesen:
Eine weitere Strategie, welche ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann, ist es, zu Büchern zu greifen, die man in der Kindheit und Jugend geliebt hat. Dieses Gefühl und Bedürfnis kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. Ob Astrid Lindgren oder Erich Kästner – für wunderbare Kinderbücher ist man schließlich nie zu alt, wie zum Beispiel:

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium
ISBN: 978-3-855-35607-2

Glaube, Liebe, Diskussionen

Herbst und Winter sind für mich eine Zeit, die mich häufiger zu historischen Romanen greifen lässt. Und so habe ich es auch endlich geschafft, mir wieder einmal einen Regalschlummerer vorzunehmen: Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ stand schon eine ganze Weile bei mir zu Hause. Und wieder einmal stellte ich mir danach die Frage, warum ich eigentlich so lange mit der Lektüre gewartet habe. Denn der Roman, für welchen die Autorin 2017 den Britischen Buchpreis gewonnen hat, ist wirklich großartig und passt thematisch perfekt in diese Zeit.

Schließlich behandelt er große, zeitlose Fragen über die Spannungsfelder zwischen Kirche und Aberglauben, Glaube und Wissenschaft, Unabhängigkeit und Liebe. Fragen, die im Großbritannien des Jahres 1893 die Hauptfiguren des Romans Cora Seaborne und den Pfarrer William Ransome ebenso beschäftigen, wie uns heute – vielleicht gerade wieder mehr denn je.

„Wir beide sprechen davon, die Welt zu erhellen, aber wir beziehen uns auf unterschiedliche Lichtquellen, Sie und ich.“

(S.152)

Cora Seaborne ist noch jung, als sie früh Witwe wird. Als ihr Mann stirbt, mit dem sie eine nüchterne und wenig liebevolle Ehe geführt hatte, verlässt sie 1893 London gemeinsam mit ihrem Sohn und reist nach Colchester in die Grafschaft Essex. Trotz der Trauer empfindet sie ein starkes Gefühl der Unabhängigkeit und der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, welchen sie sich während ihrer Ehe gebeugt hatte.

„In den vergangenen Wochen habe ich mehr als ein Mal gedacht, dass die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war.“

(S.155)

Für sie beginnt ein neues Leben und die aufgeschlossene und naturwissenschaftlich interessierte Anhängerin Darwin’s nutzt die Zeit für Studien, lange Spaziergänge und dafür, für ihren Sohn Francis, der autistische Züge zeigt, eine geschützte Atmosphäre zu schaffen. Sie wird umworben vom jungen Arzt Luke, der ihren Mann behandelt hatte, und die junge Witwe gerne an seiner Seite hätte.

Doch schon bald lernt sie über gemeinsame Bekannte den Pfarrer des einsamen, kleinen Küstenorts Aldwinter kennen: William Ransome, der dort mit seiner kränklichen Frau und den gemeinsamen Kindern lebt, und gerade besonders gefordert ist, seiner Gemeinde beizustehen und Halt zu geben.
Denn im Ort geschehen beunruhigende und merkwürdige Dinge: Mysteriöse Todesfälle, Menschen verschwinden und das Gerücht hält sich hartnäckig, dass ein Meeresungeheuer – die Schlange von Essex – an allem schuld sein könnte.

„Seine Religiosität beschränkte sich nicht auf Gebote und Glaubenssätze, denn er war kein Beamter und Gott kein Geschäftsführer eines himmlischen Ministeriums. Will glaubte mit dem ganzen Herzen, vor allem draußen in der Natur. Das Himmelsgewölbe war sein Kirchenschiff und die Eichen die Pfeiler des Querhauses (…)“

(S.139/140)

Und während der Pfarrer gegen den Aberglauben seiner Schäfchen ankämpft, ist Cora’s Neugierde geweckt. Wähnt sie doch in der Sichtung des seltsamen Meereswesens die Chance, eine längst ausgestorben geglaubte Saurierart wieder entdecken zu können. Sofort beginnt sie zu forschen und rege Diskussionen mit William zu führen. Gegensätze ziehen sich an…

Für mich war „Die Schlange von Essex“ ein perfekter Schmöker für lange Herbstabende: die düstere Atmosphäre, die Spannung, die sympathischen Figuren – da stimmte einfach die Chemie.
Sarah Perry hat eine große Begabung für eine unwiderstehliche Figurenzeichnung. Cora und William, aber auch die Nebenfiguren, erobern den Leser im Sturm. Schon bald ist man ihnen rettungslos verfallen und kann sich dem Sog des Romans nicht mehr entziehen. Kunstvoll beschreibt die Autorin im Roman die vielen Facetten der Liebe – Elternliebe, Freundesliebe, Nächstenliebe, geistige und erotische Anziehung, platonische Liebe, unerfüllte Liebe.

Das Knistern zwischen Cora und William ist so intensiv, dass der Funke unweigerlich auf den Leser überspringt. Perry beschreibt auf sehr gekonnte und starke Art und Weise die magische Anziehung zwischen den beiden, die vor allem auch durch den intellektuellen Gedankenaustausch und die Diskussionen auf Augenhöhe genährt wird.

„Sie reiben sich aneinander, jeder ist Wetzstein und Messer zugleich, und wenn das Gespräch auf den Glauben und die Vernunft kommt, haben sie ihre Argumente parat, erschrecken einander durch kurze Ausbrüche von Übellaunigkeit (…)“

(S.217)

Es ist unmöglich, den zahlreichen Aspekten und möglichen Lesarten des Romans in einer halbwegs kompakten Rezension gerecht zu werden. Jeder Leser und jede Leserin wird das Buch sicher anders lesen und den jeweils eigenen Blickwinkel finden.

Ein üppiger, reicher und bereichernder Roman voller Wärme, der mich begeistert und fasziniert hat. Diese knapp 500 Seiten sind ein wahres literarisches Schatzkästchen voller Klugheit, Denkanstöße und großer Gefühle. Ein Buch, das zum intensiven Nachdenken anregt und mich – gerade in diesen Pandemiezeiten – unweigerlich immer wieder die Parallelen zur aktuellen Situation ziehen ließ. Ein Roman, der anschreibt gegen rückständige Geisteshaltungen und ein flammender Appell für Aufklärung, Transparenz und wissenschaftlich fundierte Rationalität ist – aber auch ein Werk über Liebe, Zuneigung und die vom Glauben getragene Nächstenliebe.

Eine interessante und außergewöhnliche Leseerfahrung, denn vermutlich hätte ich diesen Roman 2017 mit völlig anderen Schwerpunkten und einem komplett anderen Blickwinkel gelesen. Der Virus hat offensichtlich auch mein Leben als Leserin verändert. Selten habe ich in einer Romanlektüre während der vergangenen zwei Jahre – und noch dazu in einem historischen Roman – so viele aktuelle Zeitbezüge gefunden wie in „Die Schlange von Essex“. Doch so wurde dieses Leseerlebnis für mich zur intensiven Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Konflikt zwischen verschwörungstheoretischen Erklärungsversuchen und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fundierter Aufklärung.

„Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, als man die Kinder mit Schauergeschichten von Geistern und Dämonen zu erziehen versuchte! Das Licht der Aufklärung hat jene finsteren Zeiten beendet!“

(S.379)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Bingereader, Gassenhauer und Buchstabenträumerei.

Buchinformation:
Sarah Perry, Die Schlange von Essex
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0030-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“:

Für den Gaumen:
Die englische Tea Time ist auch in diesem Roman unverzichtbar, dazu gibt es eine ordentliche Auswahl an süßem Gebäck:

„Sie servierte Makronen, Shortbread mit Schokosplittern und rautenförmige, mit Himbeermarmelade bestrichene und in Kokosraspeln gerollte Törtchen.“

(S.62)

Wenn man da nicht Lust auf einen 5 o’clock-Tea bekommt…

Für einen Ausflug bei einem Londonurlaub:
Das erste Kapitel nach dem Prolog beginnt so:

„Ein Uhr mittags an einem trüben Tag, und auf dem Dach der Sternwarte von Greenwich fiel die Zeitkugel herunter. Eis bedeckte den Nullmeridian.“

(S.19)

Vor einigen Jahren besuchte ich Greenwich und fand den Ausflug dorthin sehr interessant. Eine schöne Erinnerung, die durch die Lektüre wieder aufgefrischt wurde.

Zum Weiterlesen:
Cora Seaborne, die Hauptfigur in „Die Schlange von Essex“ interessiert sich für Darwin’s Theorien und die Naturwissenschaften. Ein schöner Roman, der sich mit den Zeitgenossen Marx und Darwin beschäftigt, ist Ilona Jerger’s 2017 erschienenes Buch „Und Marx stand still in Darwins Garten“.

Ilona Jerger, Und Marx stand still in Darwins Garten
Ullstein
ISBN: 9783548290614

Theater für die Ohren

Leider scheint auch dieser zweite Pandemiewinter für die Kulturschaffenden und Kulturbegeisterten wieder ein schwieriger zu werden. Auch für Theaterbegeisterte und leidenschaftliche Theatergruppen und -vereine wie das Theater Nikola Landshut sind dies herausfordernde Zeiten. War und ist es doch schwierig, in den vergangenen Monaten und aktuell einen Probenbetrieb und die Aufführungen vor Publikum zu organisieren und aufrecht zu erhalten. Und doch trotzen sie mit neuen Konzepten und Ideen sowie der ungebrochenen Passion fürs Theater, die ich in den letzten Jahrzehnten schon oft in grandiosen Live-Aufführungen erleben durfte, diesen Schwierigkeiten. Mit der brandneuen Hörspielproduktion von Edgar Wallace’s „Der Hexer“ hat das Ensemble jetzt wieder einen neuen, kreativen Weg beschritten und am 15. November 2021 eine Hörspiel-CD veröffentlicht: quasi Theater für die Ohren und ein spannendes Stück für den Kultur- und Krimigenuss zu Hause.

Bei Edgar Wallace „Der Hexer“ startet bei den meisten wohl sofort das Kopfkino und die Schwarz-Weiß-Filmklassiker aus den Sechzigern flimmern vor dem geistigen, inneren Auge vorbei. Seine Werke wurden in Deutschland vor allem durch diese legendären Filmproduktionen bekannt. Dass Edgar Wallace (1875 – 1932) nicht nur Schriftsteller und „Erfinder des modernen Thriller“ (Zitat: Wikipedia), sondern auch Journalist, Drehbuchautor und Dramatiker war und neben 175 Büchern auch 15 Theaterstücke verfasste, ist schon nicht mehr so bekannt.

Über den Inhalt des „Hexers“ möchte ich eigentlich nichts verraten. In aller Kürze: eine spannende Kriminalhandlung, ein raffinierter Verbrecher, der vermeintlich totgeglaubt in England sein Unwesen treibt und Scotland Yard an der Nase herumführt.

Das Stück bietet zahlreiche Rollen, die durch die Vereinsmitglieder grandios und ausdrucksstark eingesprochen wurden – in Kombination mit kurzen Musikeinspielungen zwischen den Kapiteln und Soundeffekten, für welche Florian Rödl verantwortlich zeichnet, macht dieses Hörspiel in einer neuen Fassung von Thomas Ecker, der auch Regie führte, großes Vergnügen und sorgt für einen Abend voller Gänsehautmomente auf der heimischen Couch.

Reinhart Hoffmann führt als abgeklärter Erzähler durch die Handlung, Rudolf Karl gibt einen herrlich poltrigen und düsteren Maurice Messer, Thomas Ecker einen mysteriösen Dr. Lomond, Aaron Jungblut-Klemm überzeugt als jugendlicher Liebhaber und Ermittler Inspector Wembury, der sich – unterstützt von zahlreichen weiteren Kollegen, die ebenfalls bis in die kleineren Rollen ausnahmslos großartig besetzt sind – auf die Suche nach dem Hexer macht. Sein Herz hat er an die zarte, mädchenhafte Mary Lenley – alias Sabine Hoffmann – verloren. Ina Lehmann spricht als Cora Ann Milton – die herrlich schnippisch-verruchte Witwe des Hexers – die zweite Frauenrolle im Stück. Mathias Paintner gibt einen wütend-ungeduldigen Inspector Bliss und Bernd Stindt den souverän-erfahrenen Oberst Wolford.

Die Freude, welche die Mitwirkenden an dieser Produktion hatten, hört man in jeder Minute ebenso wie die Lust an Spiel, Sprache und Intonation, die individuelle Note, welche jedem der Charaktere eine besondere Klangfarbe und einen unverwechselbaren Ausdruck gibt.

Für jemand – wie in meinem Fall – der die Projekte der Theatergruppe schon lange verfolgt und bereits zahlreiche Vorstellungen besucht hat, ist es interessant zu erleben, wie sofort beim Erklingen der Stimmen auch die Gesichter der jeweiligen Schauspieler vor dem inneren Auge auftauchen. Doch das Hörspiel steht für sich, ist hochprofessionell produziert und macht sicherlich auch Hörspielfans Freude, welche das Ensemble bisher nicht kennen.

Mir bescherte diese Aufnahme einen stimmungsvollen, gemütlichen, ein wenig nostalgischen und spannenden Abend zu Hause und ich fühlte mich blendend unterhalten. Ein herrliches, kurzweiliges Krimivergnügen und so kann ich mich dem Werbespruch, welchen der Verlag für die Edgar Wallace-Krimis verwendete, nur anschließen:

„Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“

Vor allem dann nicht, wenn er mit so viel Herzblut und Leidenschaft erfrischend neu interpretiert wird, wie es bei dieser Neueinspielung der Fall ist.
Im aufwendig und ansprechend gestalteten Booklet, das der CD beiliegt, erfährt man einiges zum Autor Edgar Wallace, dem Stück selbst bzw. der Geschichte des „Hexers“ und zum Theater Nikola Landshut.

Das Theater Nikola wurde 1975 gegründet und hat seitdem in unzähligen Stücken das Landshuter Publikum begeistert. In der Regel gibt es jeweils eine Frühjahrs- und eine Herbstproduktion, die nahezu alle Schauspielgenres von großen Klassikern über Komödien, Gruselstücken bis hin zur Commedia dell’arte abdecken. Zudem wirken die Mitglieder des Vereins auch als Komödianten bei der Landshuter Fürstenhochzeit mit. Neben historischen Stadtführungen, die sich großer Beliebtheit erfreuen, nun also das erste Hörspiel „DER HEXER aus Good Old Lower Bavaria“, wie es der Homepage des Vereins zu entnehmen ist.

Vielleicht gibt es ja auch in Eurem Umfeld ähnliche Initiativen oder Vereine, die mit viel Herzblut und persönlichem Einsatz in ihrer Freizeit ähnliche Projekte auf die Beine stellen – ein Engagement, das man unbedingt unterstützen sollte. Schließlich wollen wir diese Vielfalt und kulturellen Erlebnisse auch noch und wieder genießen können, wenn es wieder möglich sein wird.

Daher möchte ich heute an dieser Stelle einmal mehr allen Theatervereinen, Musikgruppen, Orchestern, Chören und allen Kulturschaffenden und -begeisterten erneut das nötige Durchhaltevermögen sowie die notwendige Unterstützung wünschen und freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen in hoffentlich gut besuchten und unvergesslichen Live-Vorstellungen.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Hörspiel auf der Seite des Theater Nikola Landshut e.V..

Information:
Edgar Wallace, Der Hexer
Hörspielfassung und Regie: Thomas Ecker
Theater Nikola Landshut e.V. und Florian Rödl Multimedia
Laufzeit: 79 Minuten

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Edgar Wallace’s „Der Hexer“:

Für den Gaumen:
Eine Tasse Tee oder ein Glas Wein und es sich einfach mal gemütlich machen – das Hörspiel wirklich als Theaterstück für die Ohren bewusst genießen und zelebrieren – eine schöne Alternative zum herkömmlichen Fernsehabend.

Zum Weiterhören (I):
Für alle, die es jetzt in der Weihnachtszeit doch etwas besinnlicher mögen, gibt es eine Weihnachtsgeschichte, welche das Theater Nikola Landshut letztes Jahr aufgenommen hat und die auf YouTube kostenlos für Jedermann zu hören ist: Das Geschenk der Weisen“ – eine Weihnachtsgeschichte von O.Henry, die einen Vorgeschmack geben kann, wie professionell und mit wie viel Herzblut das Ensemble sich jetzt auch dem Hörspielgenre gewidmet hat. 12 Minuten, in welchen man sich bei adventlicher Stimmung einfach mal eine Geschichte erzählen lassen und diese genießen kann – ein Geschenk.

Zum Weiterschauen:
Bekannt ist „Der Hexer“ – wie viele andere Edgar Wallace-Klassiker – natürlich vor allem durch die kultigen Schwarz-Weiß-Verfilmungen aus den Sechziger Jahren mit Joachim Fuchsberger, Heinz Drache, Eddi Arent, Siegfried Lowitz usw.
Laut der Homepage des ZDF wird am 02. Januar 2022 „Der Hexer“ um 02:25 Uhr auf ZDF Neo ausgestrahlt – das Video soll am 02. Januar 2022 ab 10:00 Uhr verfügbar sein – wie wär`s mit etwas Kultkino aus dem Jahr 1964 zu Hause zum Start ins neue Jahr?

Zum Weiterhören (II):
Wer auf den Geschmack von Hörspielen gekommen ist, findet beim Bayerischen Rundfunk (Bayern 2) einen großen Hörspielpool, der viele kostenlose Podcasts anbietet, so zum Beispiel derzeit auch sechs Krimi-Hörspiele mit Kommissar Maigret nach Georges Simenon, welche in den Sechziger Jahren mit großartigen Sprechern wie z.B. Rolf Boysen und Fritz Straßner aufgezeichnet wurden. Sie dauern jeweils ca. eine Stunde und sind auf nostalgische Weise wunderbar unterhaltsam.

Salzige Brombeeren

Wieviel kann ein Mensch ertragen? Über eine Grenzerfahrung der besonderen Art hat die Britin Raynor Winn ein außergewöhnliches Buch geschrieben: „Der Salzpfad“. 2018 im Original und 2019 auf deutsch erschienen ist es mittlerweile sicherlich kein Geheimtip mehr, aber es ist ein großartiges Buch, das Mut macht, inspiriert und unbeschreiblich schön zu lesen ist.

Die Autorin beschreibt ihre Wanderung auf dem South West Coast Path an der Küste Englands, welche sie gemeinsam mit ihrem Ehemann unternahm, als sie buchstäblich alles verloren hatten. Finanziell standen sie vor dem Nichts, alle Rücklagen waren aufgebraucht, sie verloren einen Gerichtsprozess sowie ihre Farm und somit ihren Beruf und ihr Einkommen. Zudem bekam ihr Gatte Moth nahezu zeitgleich die niederschmetternde Diagnose an einer tödlichen, degenerativen Gehirnerkrankung (CBD) zu leiden.
Wie viel kann ein Mensch ertragen?

„Ein ewiges Auf und Ab zwischen Ginster und Stein, stets begleitet vom Brausen des Meeres. Ein Rhythmus aus Qual und Hunger, Schmerz und Durst, bis irgendwann nur noch der Rhythmus des brausenden Meeres zu spüren war. Während der Wind das Wasser aufwühlte und die Möwen uns den Weg wiesen, schwanden unsere Bedürfnisse.“

(S.185)

Obdachlos und mit einem Budget von lediglich 48 Pfund pro Woche machen sich die beiden mit nichts als einem Zelt, leichten Ruck- und Schlafsäcken sowie der Kleidung, die sie am Leib tragen, auf den Weg entlang des berühmten Küstenpfads an der englischen Südwestküste – den 1014 Kilometer langen Fernwanderweg South West Coast Path. Ein langer Weg – weg von Problemen, Sorgen – hin zu sich selbst.

Tage voller körperlicher Anstrengung, physischer und psychischer Grenzerfahrungen und der Erkenntnis, dass es kein Zurück in das alte Leben geben wird. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerzen und Angst vor der Zukunft sind die anfänglichen Begleiter und doch merkt man, dass beide Sorgen und Ängste immer mehr hinter sich lassen, dass dieser Weg auf sie eine heilsame Wirkung zu entfalten scheint.

„Der Küstenpfad hatte uns gelehrt, dass die zu Fuß zurückgelegten Kilometer anders waren; wir kannten die Entfernung, den räumlichen Abstand von einem Punkt zum anderen, von einem Schluck Wasser zum nächsten, wir kannten sie mit unseren Knochen, kannten sie wie der Turmfalke im Wind und die Maus, die er im Blick hatte. Bei gefahrenen Kilometern ging es nicht um Entfernung; da ging es nur um Zeit.“

(S.221)

Winn schreibt schonungslos offen über ihre Existenzsorgen, die Angst davor, ihre große Liebe an den Tod zu verlieren, aber auch was es bedeutet, obdachlos zu sein und kein Zuhause, keinen Schutz- und Rückzugsort mehr zu haben.
Gleichzeitig flicht sie Hintergrundinformationen über die Situation der Obdachlosen in England, das britische Sozial- und Rechtssystem ein, ebenso wie großartige Naturbeschreibungen und weiterführende Details zu den Orten und Stationen ihrer Wanderung.

Aber sie berichtet auch über die Menschen, welche ihnen auf dem Weg begegnen und die anfängliche Scham, sich und den anderen die eigene Situation einzugestehen. Sie stoßen auf Unverständnis, Verachtung und Ablehnung, aber dennoch überwiegen letzten Endes vor allem die überraschend positiven und respektvollen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Bewunderung und teils auch uneigennützige Großzügigkeit entgegenbringen, sowie neue Perspektiven aufzeigen.
Raynor und Moth wachsen auf diesem langen, strapaziösen Weg über sich hinaus und sie gehen am Ende gestärkt und selbstbewusst einer neuen, anderen Zukunft entgegen.

„Im Grunde hatte wir alle, die wir auf dem Küstenpfad unterwegs waren, etwas gemeinsam; wir waren wohl alle auf der Suche. Suchten nach der Vergangenheit oder der Zukunft, oder nach etwas, was uns fehlte. Es zog uns an den Rand der Zivilisation, auf einen Streifen Wildnis, wo wir frei waren und einfach darauf warten konnten, dass die Antworten kamen – oder eben auch nicht -, wo wir lernen konnten, das Leben, unser Leben zu akzeptieren, wie immer es auch aussehen mochte.“

(S.271)

Die salzigen Brombeeren, die kostenlos am Wegesrand gepflückt werden können, anfangs zu herb schmecken und erst am Ende der Reifezeit ihr volles und unvergleichliches Aroma entfalten, wurden für mich zum Symbol für diese Reise der beiden: Oft sind es die einfachen, kleinen Dinge, welche am Ende zählen, derer man sich aber erst bewusst werden muss. Auch aus Krisensituationen kann man am Ende etwas Positives herausziehen. Und auch das Herbe kann am Ende süß werden.

„Der Salzpfad“ ist ein existenzielles Buch, das erdet und demütig macht, indem es dem Leser vor Augen führt, was wesentlich ist im Leben. Man wird dankbar für vermeintlich Alltägliches, die kleinen, einfachen und so oft für selbstverständlich gehaltenen Dinge des Lebens. Und so kann die Lektüre dieses Reiseberichts auch eine wohltuende und heilsame Wirkung auf den Leser entfalten. Großartige Literatur, die tiefere Saiten zum Klingen bringt und gerade jetzt in der stillen Zeit wunderbar bereichernd sein kann. Und vielleicht möchte so mancher nach der Lektüre am liebsten selbst die Stiefel schnüren und einfach losgehen…

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Zeichen & Zeiten und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Raynor Winn, Der Salzpfad
Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair
Goldmann
ISBN: 978-3-442-14268-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Raynor Winn’s „Der Salzpfad“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch herrschen für Raynor und Moth oft karge Zeiten – nicht selten hungern sie regelrecht, ernähren sich von Nudeln und Fudge. Ein Höhepunkt sind neben gelegentlichen Ausreißern von Pasteten bzw. Cornish pasties (laut Wikipedia „eine gefüllte Teigware, deren Füllung typischerweise aus Rindfleisch, Kartoffeln, Steckrüben, Zwiebeln, Salz und Pfeffer besteht“), welche sie sich jedoch nur selten leisten können, die salzigen Brombeeren, die erst im perfekten Erntemoment ihren ganz besonderen Geschmack entfalten:

„Als ich sie jedoch in den Mund steckte, schmeckte sie besser als alle Brombeeren, die ich je probiert hatte. Weich, süß, ein vollendetes herbstliches Aroma wie ein fruchtiger Rotwein, und im Abgang ein Hauch, wirklich nur ein Hauch von Salz.“

(S.246)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Raynor und Moth stoßen während ihrer Wanderung zufällig auf ein Open Air Theater und haben das Glück, dass ein netter Herr sie dazu einlädt, die Aufführung zu besuchen und ihnen die Tickets schenkt, die sie sich selbst niemals hätten leisten können: auf dem Programm steht die komische Oper „Iolanthe“ von Gilbert und Sullivan. Sie ist eine von vierzehn Opern dieses Duos, welche im 19. Jahrhundert entstanden und auch als „Savoy Operas“ bezeichnet werden. Einfach mal reinhören: Vielleicht verzaubert Euch die Musik und der Feenstaub ja ebenso wie die beiden Wanderer, die einen magischen Theaterabend erleben durften?

Zum Weiterlesen:
Neben der Poldark-Roman-Reihe von Graham Winston taucht vor allem der Sagenstoff um König Artus immer wieder auf. Vielleicht wäre das eine Anregung, sich mal mit diesem großen Mythos zu befassen – was ich bisher literarisch noch nicht getan habe. Auch Literaturnobelpreisträger John Steinbeck hat sich mit „König Artus“ beschäftigt und auch wenn er das Werk nicht mehr ganz vollenden konnte, wäre das doch mal eine Möglichkeit:

John Steinbeck, König Artus
Aus dem Englischen von Christian Spiel
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-04546-0

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

***

Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Unbefleckte Empfängnis

Ein Roman, in welchem eine britische Journalistin in den Fünfziger Jahren in einem Fall von unbefleckter Empfängnis recherchiert? Das nenne ich mal eine ausgefallene Idee und ich fragte mich: Worauf läuft das hinaus?
Clare Chambers hat mit „Kleine Freuden“ einen Überraschungserfolg in ihrer Heimat Großbritannien erzielt, der für den Women’s Prize for Fiction 2021 nominiert wurde. Aus meiner Sicht zu Recht, denn sie erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte über liebenswerte Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen.

„Routinen können sehr hilfreich sein“, sagte Gretchen. „Vor allem, wenn man einen Haushalt führen muss. Aber sie müssen“ – sie breitete die Hände aus – „elastisch sein.“

(S.104)

Jean Swinney ist Lokalreporterin im Großbritannien der Fünfziger, d.h. in aller Regel berichtet sie über unspektakuläre Veranstaltungen, schreibt eine Kolumne über Haushaltstips und auch sonst ist ihr Leben alles andere als aufregend. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die mit Mann und Kindern in Afrika lebt und per Luftpost regelmäßig Bericht erstattet, lebt Jean immer noch zu Hause bei ihrer Mutter, die sie stets vollkommen mit Beschlag belegt und sich voll und ganz auf sie verlässt. So vergehen die Tage ohne große Höhen und Tiefen bis sie plötzlich mit einer unglaublichen Nachricht konfrontiert wird: da behauptet tatsächlich eine Frau als Reaktion auf eine Studie zur Parthenogese (der Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern), ihre zehnjährige Tochter Margaret wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Sie nimmt Kontakt zu der Dame auf und beginnt zu recherchieren. Die Journalistin wittert die Chance auf eine sensationelle Schlagzeile. Sie lernt die Mutter Gretchen und das Mädchen Margaret kennen und schon bald merkt sie, dass sie das Ganze nicht als Spinnerei abtun kann und freundet sich immer mehr mit den beiden an.

„Aber Romantik sollte nicht das Vorrecht junger Menschen sein, nicht wahr?“

(S.216)

Die Begegnung mit den Tilburys bringt das eingefahrene Leben Jeans aus der Spur, bewegt sie dazu, sich Auszeiten vom Alltag zu nehmen und lässt sie verstärkt auch über sich und ihr Leben reflektieren.
Doch je mehr Nähe sie zulässt, desto mehr gefährdet die wachsende Freundschaft und die gemeinsame Zeit mit den neuen Bekannten auch ihre Unbefangenheit als Reporterin. Kann und will sie weiterhin über den Fall berichten und in Kauf nehmen, die Familie der medialen Öffentlichkeit und der Sensationslust der Menschen auszusetzen?

„Sie hatte entdeckt, dass man unmöglich denken, grübeln oder sich quälen konnte, während man laut vorlas. Der Haushalt, das Hören von Musik, Lesen oder irgendeine der anderen üblichen Ablenkungen konnten das Getöse in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen.“

(S.398)

Für mich gab es große Parallelen zwischen Jean und dem Roman selbst. So vermeintlich unscheinbar beide anfangs daherkommen: Jean mit ihren praktischen und unauffälligen Wollröcken und dem von Routinen und Wiederholungen geprägten kleinbürgerlichen Leben zu Hause bei ihrer Mutter ist zunächst ebenso unspektakulär wie die Geschichte an sich. Bis auf die Sensationsnachricht des Verdachtsfalls auf unbefleckte Empfängnis kommt das zu Beginn alles sehr unaufgeregt daher: britisches Understatement, Häkeldeckchen, Urlaub in einem verschlafenen Seebad, Einkaufslisten, Nachbarschaftsgeplauder, all das in einem eher konservativen, britischen Milieu der Fünfziger – hier hätte sich auch die liebenswert verschrobene Miss Marple aus Agatha Christie’s Romanen wohlgefühlt.

Doch dann liest man weiter und bemerkt Seite für Seite, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Dass auch in dieser Hauptfigur Jean Swinney so viel mehr schlummert: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und die Suche nach einem erfüllten Leben. Und auch der Roman entfaltet sich plötzlich mehr und mehr und behandelt schließlich wirklich große Themen: Freundschaft, Liebe, Familie – der Spagat zwischen Verantwortung, Pflichtbewusstsein und individuellen, persönlichen Bedürfnissen. Was bedeutet Glück und was braucht es, um ein Leben als erfüllt betrachten zu können?

Vor dieser Rezension machte ich mir dieses Mal bewusst besonders viele Gedanken, wie viel ich von der Handlung preisgeben kann, damit der Zauber, der bei mir einsetzte, auch für potenzielle, zukünftige Leser noch vollumfänglich erhalten bleibt. So viel sei aber verraten: Das Buch entfacht einen Sog, der mich über die gut 420 Seiten getragen hat, bezaubert und auch das eine oder andere Mal überrascht hat.

Ein wunderbarer, einfühlsamer und bereichernder Roman über die Gedankenwelt und inneren Stürme einer Frau im Zwiespalt zwischen Konvention und dem steten Bedachtsein, welche Außenwirkung die eigenen Handlungen in der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld haben, und der Selbstentfaltung verbunden mit großen Gefühlen auf der anderen Seite.

Ein Buch über unbefleckte Empfängnis in den Fünfziger Jahren erschienen im Jahre 2020 bzw. 2021 – wie löst sich das auf und kann das funktionieren? Ja, definitiv, diesen Beweis hat Clare Chambers mit „Kleine Freuden“ erbracht. Hier kann ich mich den Lesern in Großbritannien und der Jury des Women’s Prize for Fiction nur anschließen und wünsche mir, dass der Roman auch in der feinen, deutschen Übersetzung von Karen Gerwig begeisterte Leser finden wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Clare Chambers, Kleine Freuden
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Eisele
ISBN: 978-3-96161-116-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Clare Chamber’s „Kleine Freuden“:

Für den Gaumen:
Herrlich britisch fand ich das Sandwich mit Cheddar und Grünem Tomaten-Chutney, das mit Blick auf den Strand verspeist wird. Darüber hinaus werden im Roman Äpfel und „Cobnuts“, d.h. Haselnüsse geerntet.

Zum Weiterspielen:
Jean verbringt mit ihrer Mutter einen teilweise verregneten Urlaub in Lymington – dort frönen sie zum Zeitvertreib einem Spiel, das auch ich amüsanterweise mit Urlaubserinnerungen verbinde:

„Sie standen so spät auf, wie es statthaft war, und zogen nach einem warmen Frühstück in den Hotelsalon um, wo sie Rummy spielten (…)“

(S.249)

Zum Weiterlesen:
Der Charakter der alleinstehenden Frau oder „ledigen Tante“ in den Fünfziger oder Sechziger Jahren wurde auf großartige, amüsante und liebenswerte Weise auch von Ursula März in einem meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres „Tante Martl“ thematisiert.

Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

British Crime Time

Ein etwas verregneter Sommer mit viel Lesezeit auf der Couch, da kann man schon Lust auf einen klassischen, britischen Kriminalroman und eine gute Tasse Tee bekommen. Susan Hill’s Krimi „Schattenrisse“, welcher den Auftakt zu ihrer mittlerweile elfbändigen Reihe um Inspector Simon Serrailler bildet, eignet sich hierzu hervorragend. Den Tee gekocht, die Decke geschnappt und gemütlich in Leseposition gekuschelt und schon kann es losgehen.

Lafferton ist ein kleines, gemütliches Städtchen mit einer Kathedrale und idyllischen viktorianischen Straßenzügen. Beim Recherchieren stellte sich heraus: ein fiktiver Ort, der so nicht auf der Landkarte zu finden ist, aber die sympathischen und typischen Züge einer britischen Kleinstadt trägt, die sofort vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Polizistin Freya Graffham ist frisch geschieden und neu nach Lafferton gezogen. Ihre gescheiterte Ehe, London und die Met hat sie hinter sich gelassen und erhofft sich nun einen ruhigeren Neustart fernab der Großstadtkriminalität. Schnell findet sie Anschluss im Ort, beginnt in einem Chor mit zu singen und sich sozial zu engagieren. Neben Drogendelikten beschäftigt sie sich vor allem mit einigen Vermisstenfällen, die Rätsel aufgeben und im Laufe der Ermittlungen gewisse Parallelen aufweisen. Selbst als ihr Vorgesetzter Inspector Simon Serrailler, in den sie sich mittlerweile rettungslos verliebt hat, sie für einige Zeit von diesem Fall abzieht, lässt sie das Schicksal der verschwundenen Frauen nicht los.

Simon Serrailler ist ein Feingeist und attraktiver Mann, der sich allerdings nicht immer in die Karten schauen lässt und wohl schon zahlreiche Frauenherzen gebrochen hat. Vielmehr lebt der Alleinstehende seine heimlichen Talente im Verborgenen aus – so zeichnet er, da er an der Kunstakademie abgelehnt wurde, nun für sich und schafft dennoch unter Pseudonym Kunstwerke, die sich sehen lassen können. Die Kunst ist sein Ausgleich zum fordernden Polizeiberuf, den ihm sein Vater bis heute verübelt, der ihn gemäß der Familientradition viel lieber im Arztberuf gesehen hätte.

Diesen hat jedoch seine Drillingsschwester Cat ergriffen, die ebenfalls eine zentrale Rolle im Roman spielt und gerade voller Sorge versucht, einigen Quacksalbern und unseriösen Wunderheilern das Handwerk zu legen.
So verknüpft Hill geschickt unterschiedliche Handlungsstränge und Perspektiven und webt so einen abwechslungsreichen Geschichtenteppich, der trägt und sehr flüssig zu lesen ist.

Freya Graffham ist eine Figur, die großes Identifikationspotenzial bietet und mit der man als Leser mitfiebert und mitleidet. Lediglich eine Szene machte mir klar, dass wohl doch erhebliche Unterschiede zwischen ihr und mir bestehen:

„Sie stellte den Fernseher an, schaltete von einer Gartensendung zu einer über Häuserkauf und einem europäischen Fußballspiel um, stellte den Fernseher wieder aus. Mit der Tageszeitung war sie durch, und sie hatte kein neues Buch zum Lesen. Sie trank ihren Wein aus und zog das Telefon näher zu sich.“

(S.319)

Kein neues Buch zu lesen? Eine für mich vollkommen unvorstellbare Situation – das könnte mir nicht passieren.

Die Personen und Charaktere des Romans bilden einen typischen Querschnitt der Bewohner einer Kleinstadt – Menschen von nebenan: eine von Akne geplagte junge Frau mit mangelndem Selbstbewusstsein, eine verzweifelte Witwe, die nach vierzig Jahren Ehe ihren Mann verloren hat und sogar ein Medium aufsucht, um wieder mit ihm in Kontakt zu treten, patente Nachbarinnen, die mit Rat, Tat, Tee und Scones zur Seite stehen – Susan Hill versteht es, lebensechte und glaubwürdige Personen zu entwickeln. Dass sie als Autorin von Geistergeschichten auch ein paar übersinnliche Elemente einbaut, gehört zu ihrer persönlichen Note.

Very british – und ein richtiger Krimi-Schmöker, der sich Zeit für die Figuren und die Handlung lässt. Nicht atemlose Spannung oder blutige Verbrechen stehen im Mittelpunkt, sondern die Autorin erzählt einfach eine gute Geschichte, die packt, unterhält und doch mit einer unerwarteten Wendung aufwartet. So ist es nachvollziehbar und verständlich, dass sich aus diesem Auftakt aus dem Jahr 2004 (der 2005 bereits unter dem Titel „Der Menschen dunkles Sehnen“ bei Knaur auf deutsch erschienen ist und jetzt durch den Kampa Verlag eine schön gestaltete Neuauflage erfährt) mittlerweile eine erfolgreiche Reihe um Inspector Serrailler entwickelt hat.

Auch während ich diesen Beitrag schreibe, schüttet es gerade wieder in Strömen – dieser Sommer möchte seinem Namen leider immer noch keine rechte Ehre machen. Die nächste Gelegenheit für einen weiteren Tee-Couch-Krimi kommt also bestimmt. Susan Hill kann ich dafür wärmstens empfehlen – bei ca. 550 Seiten kann man da schon einige verregnete Nachmittage und Abende schmökernd verbringen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susan Hill’s „Schattenrisse“:

Für den Gaumen:
Der Krimi beginnt in der Vorweihnachtszeit und so werden unter anderem die nötigen Einkäufe und Zutaten für den klassischen Plumpudding thematisiert. Ein britisches Weihnachtsgericht, das traditionellerweise am ersten Weihnachtsfeiertag nicht auf der Festtafel fehlen sollte – süß und gehaltvoll.

Zum Weiterhören oder -singen:
Frey Graffham, die neue Kollegin von Inspector Serrailler, ist eine begeisterte Chorsängerin. Der Besuch des Konzerts von Händel’s „Messias“ inspiriert sie, sich wieder einem Chor anzuschließen und selbst sängerisch aktiv zu werden.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Vermutlich hätte ich nicht zu Susan Hill’s Krimi gegriffen, wenn ich nicht 2018 im Landestheater Niederbayern das grandiose Theaterstück „Die Frau in Schwarz“ gesehen hätte, das im Londoner Westend zum Dauerbrenner wurde und dort bezüglich der Laufzeit nur von Agatha Christie’s „Mausefalle“ übertroffen wird. Dieses erfolgreiche Gruselstück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill aus dem Jahr 1983.

Zum Weiterlesen:
Beim Stichwort Kathedrale kam mir unweigerlich Ken Follett’s Klassiker „Die Säulen der Erde“ ins Gedächtnis, der mittlerweile schon stolze 32 Jahre auf dem Buckel hat. Und wer hat diesen weit über 1000 Seiten starken, historischen Schmöker und all die Dramen um den Bau der Kathedrale des ebenfalls fiktiven Kingsbridge nicht gelesen bzw. verschlungen?

Ken Follett, Die Säulen der Erde
Aus dem Englischen von Gabriele Conrad, Till Lohmeyer und Christel Rost
Lübbe
ISBN: 978-3-404-17812-4