Römisches Duett

Heute steht ganz klar ein unangefochtener Star im Mittelpunkt meines Beitrags: Rom – die ewige Stadt. Eine Reise nach Rom lohnt sich immer, auch wenn es aktuell in meinem Fall nur eine literarische ist. Doch Gianfranco Calligarich’s Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ aus dem Jahr 1973, der gerade wieder eine Renaissance erlebt und Sándor Lénárd’s autobiografisches Werk „Am Ende der Via Condotti“ aus dem Jahr 1969 sind zwei grandiose Liebeserklärungen an diese so besondere Stadt, die selbst beim reinen Lesen den Zauber Roms auf außergewöhnliche Art und Weise lebendig werden lassen.

„Und doch kann ich, wenn ich an jene Jahre zurückdenke, nur wenige Gesichter, wenige Ereignisse scharfstellen, denn Rom birgt einen besonderen Rausch in sich, der die Erinnerungen verbrennt. Mehr noch als eine Stadt ist Rom ein geheimer Teil von euch, ein verstecktes Raubtier. Mit ihm gibt es keine halben Sachen, entweder die große Liebe, oder ihr müsst da weg (…)“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.16)

Leo Gazzarra – ein junger Mann – kommt aus Mailand nach Rom. Wir schreiben die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er schlägt sich so durch, genießt die Großstadt, streift durch das Nachtleben und schließt Bekanntschaften. Einen Job findet er schließlich beim Corriere dello Sport und er begegnet der schönen Arianna, in die er sich unsterblich verliebt.

Nach dem ersten Kapitel von Gianfranco Calligarich’s „Der letzte Sommer in der Stadt“ war ich verliebt in dieses Buch und auch wenn die folgenden Abschnitte vielleicht nicht mehr ganz die Intensität des ersten halten können, hätte sich die Lektüre allein schon für dieses erste Kapitel gelohnt.
Ich mag diese Atmosphäre, in der Gazzara durch Rom stromert, ins Kino geht, sich treiben lässt, in der Bar etwas trinkt, wie er über Bücher denkt und spricht – wieviel sie ihm bedeuten. Selten habe ich in einem vermeintlich kurzen Roman mit knapp 200 Seiten so viele kluge Gedanken über das Lesen gelesen, die mir aus der Seele sprechen.

Die Übersetzerin Karin Krieger hat genau den richtigen, schwebenden Tonfall für diese melancholische Liebesgeschichte gefunden.
Ein Buch wie ein Rausch mit einer hochinteressanten Veröffentlichungsgeschichte: Im Erscheinungsjahr 1973 wurde das Buch mit dem Premio Inedito ausgezeichnet und verkaufte sich gut, bis es dann plötzlich aus den Buchläden verschwand und ein Geheimtipp auf Flohmärkten und in Antiquariaten wurde. 2010 brachte Aragno mit großem Presseecho eine Neuauflage auf den italienischen Markt, die bald wieder vergriffen war, bis sich 43 Jahre nach der Erstveröffentlichung ein dritter Verlag daran machte, den Roman neu aufzulegen. Jetzt erlebt der Roman eine weitere Renaissance – erschien im Januar 2022 bei Zsolnay in der deutschen Übersetzung von Karin Krieger – und wird derzeit laut Klappentext in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

Eine völlig andere Zeit und ein anderes Schicksal beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Am Ende der Via Condotti“ aus dem Jahr 1969 der in Ungarn geborene, jüdische Autor Sándor Lénárd, der 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Rom floh und dort im Alter von 28 Jahren ein völlig neues Leben begann.

„Rom ist ein Mosaik: Die Lorbeerbäume des Forums hauchen reines Italien. Der Geruch des Tiber ist kapriziös wie ein seltenes Parfüm, auf den Petersplatz strömt der Rauch einer eigenartigen Myrrhe, und in den alten Gassen herrschen der Parmesan und geräucherter Schinken…“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.25)

Lénárd beschreibt, was es bedeutet, in einem fremden Land bei null und ohne die Sprache zu beherrschen völlig neu anzufangen. In Wien hatte er Medizin studiert, jetzt erkämpft er sich in Rom 1938 ein neues Leben. Er leidet Hunger, hat selbst Phasen der Obdachlosigkeit durchzustehen, in denen er aus Verzweiflung unter anderem auch ab und zu in einer der zahlreichen Kirchen Roms in einem Beichtstuhl übernachtet. Er lernt die italienische Sprache und als er zufällig in den wertvollen Besitz eines Blutdruckmessgeräts kommt und dank seiner medizinischen Vorbildung den Menschen wertvolle Ratschläge erteilen kann, bessert sich Schritt für Schritt auch seine wirtschaftliche Situation.

Lénárd erzählt einen Teil seiner bewegten Lebensgeschichte und er macht deutlich, was es bedeutet, heimatlos zu sein und einen Neubeginn wagen zu müssen. Musik, Bücher, Kultur und Bildung sind für ihn ebenso Grundbedürfnisse wie Trinken, Essen und ein Dach über dem Kopf.
Als scharfsichtiger, aufmerksamer Beobachter beschreibt er auch die Zeit des Faschismus und wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet.
Ein intelligentes, interessantes und tiefgründiges Buch voll kluger Gedanken und philosophischer Denkanstöße, die lange nachhallen und zugleich ein dichtes, ausdrucksstarkes Porträt der Stadt Rom in den Jahren 1938 bis 1943.

Sándor Lénárd (1910 – 1972) wanderte 1952 nach Südamerika aus, wo er als Arzt tätig war, aber später unter anderem auch mit seiner lateinischen Version von „Winnie-the-Pooh“ als Übersetzer Erfolge feierte. Eine eindrucksvolle Lebensgeschichte!

Selbst beim Schreiben dieses Beitrags merke ich erneut, wie reich mich diese beiden Rom-Lektüren beschenkt haben, deshalb fällt heute auch der zweite Teil mit weitergehenden Inspirationen und Querbezügen besonders opulent aus. Denn da ist noch so viel, das entdeckt werden will. Genau so, wie man sicherlich auch bei Besuchen in Rom nie fertig werden wird, immer wieder Neues zu entdecken.

Arrivederci Roma, auf ein baldiges Wiedersehen!

Mit den beiden Büchern von Gianfranco Calligarich und Sándor Lénárd habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ sogar gleich doppelt erfüllt – Punkt Nummer 9) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Rom als Schauplatz lesen. Die ewige Stadt zieht mich literarisch immer wieder magisch an – es werden daher sicherlich nicht meine letzten Besuche dort gewesen sein.

Buchinformationen:
Gianfranco Calligarich, Der letzte Sommer in der Stadt
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-07275-6

Sándor Lénárd, Am Ende der Via Condotti
Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner
dtv
ISBN: 978-3-423-28112-6

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich diese beiden Rom-Bücher:

Für den Gaumen:
Dank Gianfranco Calligarich weiß ich nun, dass ein gekühlter Soave Hemingway’s Lieblingswein war, während er in Venedig war.

Sándor Lénárd’s Buch ist reich an kulinarischen Bezügen, erklärt die Besonderheiten der römischen Küche und doch gibt es auch viele Phasen, in welchen ihn die Armut zwingt, zu hungern. Da wird selbst die Pasta asciutta, welche er für ein bis zwei Lire kaufen konnte, zu einem Luxus.

„Es kann nicht schaden, die Wasser-und-Brot-Diät einmal zu unterbrechen. Fasan muss es ja nicht sein – eine anständige Pasta asciutta mit Butter und Parmesan, ein dickes Beefsteak für richtige Männer, ein großer Pfirsich, wie sie jetzt auf den Frascati-Hügeln reifen, und ich versichere, dass das für zwei Wochen als Erinnerung und Ermutigung reicht.“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.95)

Zum Weiterhören:
Der Sound in Calligarich’s Roman aus den Siebzigern ist ein wenig nostalgisch angehaucht:

„In einem alten Morgenmantel aus Seide holte er sein Repertoire hervor, alte Songs, die ich bei meiner Mutter gehört hatte, Stücke von Gershwin und Cole Porter, vor allem aber den amerikanischen Song Roberta. Manchmal sangen wir zusammen.“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.15)

Bei Lénárd wird hingegen der Komponist erwähnt, der wie kein Zweiter für den Klang Roms steht: Ottorino Respighi. Seine sinfonische Dichtung aus dem Jahr 1924 „Pini di Roma“ lässt die Geräusche der Stadt hörbar werden.

„Lebt noch ein Respighi, der über die römischen Pinien, die darin zirpenden Grillen, über römische Brunnen und die um sie tollenden Kinder moderne Akkorde erklingen lassen könnte?“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.320)

Für den nächsten Theaterbesuch:
In Calligarich’s Roman besucht die Hauptfigur eine Aufführung von Anton Tschechow’s „Drei Schwestern“ – leider scheint ihm die Inszenierung nicht besonders gut zu gefallen. Das Drama selbst zählt jedoch sicher zu den wichtigsten Werken Tschechow’s – verfasst hat er dieses Werk, das 1901 in Moskau uraufgeführt wurde, auf der Halbinsel Krim.

Zum Weiterlesen:
Bücher spielen sowohl im Leben von Leo Gazzara – der Hauptfigur in Calligarich’s Roman – als auch bei Sándor Lénárd eine sehr wichtige Rolle.

Als Gazzara seine Koffer packt, sagt er, es gibt:

„zwei für die Bücher von denen ich mich niemals trennte (…). Da war die alte Medusa-Ausgabe von Ulysses, Paveses Moby-Dick-Übersetzung, Conrad und die Taschenbuchausgabe des Gatsby, vergilbt, aber noch nicht auseinandergefallen, dann Martin Eden, Nabokov, der alte Hem und die Gedichte von Eliot und von Thomas, Bovary, Die Welt von Gestern, Chandler und das Alexandria-Quartett von Durrell, Shakespeare und Tschechow. Alles in zwei Koffern.“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.201)

Bei Lénárd haben sich mir zwei literarische Werke besonders eingebrannt:
Zum einen Carlo Collodi’s Klassiker Pinocchio, dessen Geburtsstunde bereits im Jahr 1881 schlug:

„Ach, natürlich, Pinocchio! Habe ich gelesen! Ist das ein italienisches Buch?“
„Ja, natürlich. Das italienischste Buch überhaupt.“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.181)

Und ein mir bisher unbekanntes Werk von Edmondo de Amicis namens „Cuore“ – ein fiktives Tagebuch eines Schülers, das 1886 erschien und in Italien ein großer Erfolg wurde. Es wird in Lénárd’s Buch als „Tor zu Italien“ bezeichnet.

„Lies „Cuore“! Du wirst die italienische Familie kennenlernen. Niemand sonst schreibt seinen Geschwistern, seinem Vater solche Liebesbriefe wie der Italiener, und natürlich auch seiner Mutter!“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.183)

Lügen, Lachen – Gute-Laune-Theater

Gerade im Moment können wir alle dringend eine Portion gute Laune gebrauchen und was gibt es Schöneres als bei einem Theaterbesuch einmal für zwei Stunden alle Alltagssorgen zu vergessen und einfach mal wieder herzhaft lachen zu können. Im Landestheater Niederbayern hat man hier aktuell mit der temporeichen Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster Dinner“ von Marc Camoletti in der Bearbeitung von Michael Niavarani gerade eine wunderbare Gelegenheit dazu.

Laut Wikipedia wird unter einem Boulevardstück „heute zumeist eine Art Schwank verstanden, in dem die Mechanik der Dramaturgie mit steten Überraschungen und Verwechslungen wichtiger ist, als eine genaue Zeichnung der Figuren oder ein „literarischer Gehalt“. Bevorzugtes Thema ist der Gegensatz von standesgemäßem Äußeren und unstandesgemäßen (Liebes-)Affären. (…) Das Boulevardstück verspottet Unzulänglichkeiten aus dem täglichen Leben (…) und ist geprägt von Wortwitz und Situationskomik.“

Und genau diese Elemente bekommt man auch in diesem Stück auf erstklassige Weise geboten.

Die Wiege der Bezeichnung „Boulevardstück“ liegt in Frankreich – im Pariser Theaterviertel Boulevard de Temple – und auch der ursprüngliche Autor des Stücks Marc Camoletti (in der Schweiz geboren) ist ein französischer Bühnenautor und in Paris aufgewachsen. Bekannt wurde er vor allem durch sein berühmtestes Stück „Boeing-Boeing“. Der österreichische Kabarettist Michael Niavarani hat Camoletti’s Stück „Madame, es ist angerichtet“ bearbeitet und zu der Fassung „Das (perfekte) Desaster Dinner“ weiterentwickelt, die jetzt auch im Landestheater Niederbayern zu sehen ist.

Worum geht’s?
Die Ehefrau möchte ihre Mutter besuchen, d.h. ist somit aus dem Weg und das winterlich verschneite Wochenend-Chalet bietet das ideale romantische Liebesnest für ein heimliches Rendezvous mit der jungen Geliebten, die auch noch Geburtstag hat. Der beste Freund wird als Alibi eingeladen und auch das professionelle Catering ist bestellt. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Denn nicht nur der Ehemann hat seine kleinen amourösen Geheimnisse und schon bald entspinnt sich ein komplexes Lügengeflecht, welches die geistige Flexibilität und das schauspielerische Talent aller Beteiligten zunehmend fordert.
Spritzig, perlend und pointiert – da geht es Schlag auf Schlag, eine Lüge jagt die nächste und wie es sich für eine gute Boulevardkomödie gehört, wird die Lage immer verworrener und turbulenter.

Den Midlife-Crisis geplagten, fremdgehenden Ehemann spielt Julian Niedermeier mit der erforderlichen Portion Selbstironie und genau dem hektischen Aktionismus, den die Rolle erfordert. Denn schließlich hat er jede Menge zu verbergen und nachdem das Lügenkonstrukt sich immer mehr verselbstständigt, hat er schon ordentlich zu wirbeln, um das immer löchriger werdende Lügengeflecht stets neu zu flicken.

Ella Schulz gibt eine herrlich scharfzüngige und schnippische Ehefrau, die mit großen Emotionen und einem ebenso ausgeprägten Hang zur Hinterlist selbst ihren gehörigen Beitrag zum immer bunter werdenden Bühnenschlamassel leistet.

Julian Ricker spielt den gutmütigen, auf charmante Weise unbeholfenen Freund des Gastgebers, dem das Lügen sichtlich schwer fällt und doch hat auch er so manches Geheimnis zu verschleiern.

Mit bunter Dreadlocks-Perücke, schrägem Outfit und einem phänomenalen Geschäftssinn ausgestattet schlägt die komödiantische Stunde für Friederike Baldin als Köchin, Model, Schauspielerin, Geliebte und … und … und … – es ist eine Freude, ihr als Susi zuzusehen. Denn es ist witzig, wenn die hemdsärmlige, zupackende Köchin ihre ganze Wandlungsfähigkeit und Flexibilität unter Beweis stellen muss.

Die luxusverwöhnte Model-Geliebte, welche sich ihren Geburtstag ganz anders vorgestellt hatte, wird verkörpert durch Larissa Sophia Farr, die überzeugend das Klischee der leicht arrogant-hochnäsigen, überspannten Zicke verkörpert.

Den kürzesten Auftritt hat Lukas Franke als eifersüchtiger, tapsiger und etwas einfältiger Susi-Ehemann Schorschi, bei dem schnell mal der berüchtigte „Watschenbaum“ umzufallen droht.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Dorothee Schumacher und Lutz Kemper machen Spaß und unterstreichen farblich und mit liebevollen, kleinen Special Effects den lustigen Charakter des Stücks ohne jedoch den eigentlichen Stars des Abends – den Schauspielern auf der Bühne – die Schau zu stehlen.
Denn schauspielerisch ist da höchste Konzentration gefordert, aber die sechs Akteure auf der Bühne strahlen eine solche Leichtigkeit und Spielfreude aus, dass sich die gute Stimmung sofort aufs Publikum überträgt.

Es ist schwer, leichte Komödien zu spielen, aber in der temporeichen, frischen Inszenierung von Veronika Wolff gelingt das dem Landshuter Schauspielensemble ganz wunderbar. Das Tempo stimmt, die Pointen sitzen und das Premierenpublikum geht mit, lacht von Herzen und belohnt den fröhlichen, amüsanten Theaterabend mit lange anhaltendem Applaus.

Eine gut gelaunte Alltagsflucht, die einen mit einem breiten Lächeln aus dem Theater gehen lässt und einfach nur gut tut. Denn Lachen ist bekanntlich gesund.

„Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen können; wenn die Mittel es bei Vernünftigen zu erregen nur so leicht bei der Hand wären, und der Witz oder die Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht ebenso selten wären (…)“

(Immanuel Kant aus „Kritik der Urteilskraft“)

In diesem Sinne schließe ich mich gerne Immanuel Kant an:
Bleibt hoffnungsfroh, schlaft gut und unterstützt die Kulturszene: sucht euch eine schöne Komödie, geht ins Theater und lacht wieder einmal von Herzen!

Gesehen am 18. Februar 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Das (perfekte) Desaster Dinner“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

***

Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Das (perfekte) Desaster Dinner“:

Für den Gaumen:
Das (perfekte) Desaster Dinner soll eigentlich ein Menü aus thailändischen Gerichten sein – dafür wird sogar extra ein Cateringservice bestellt. Doch das Essen wird ganz schnell zur Nebensache, da helfen dann auch ein paar „Schnäpselein“ nicht mehr, um die kulinarischen und amourösen Turbulenzen hinunter zu spülen.

Zum Weiterhören:
Dem Stück habe ich zwei lang anhaltende Ohrwürmer zu verdanken: Die 80er Jahre Hits „Da, Da, Da“ von Trio (1981) und die Solo-Nummer des Trio Frontmann’s Stephan Remmler „Vogel der Nacht“ (1986) klingen bei mir auch noch lange im Kopf, nachdem ich das Theater verlassen habe.

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Die Version mit Michael Niavarani in der Hauptrolle, die 2011 und 2012 bei den Festspielen Berndorf aufgeführt wurde, war schon im ORF zu sehen und ist auch als DVD erhältlich.
Allerdings geht nichts über das Live-Erlebnis im Theater.

Aktuell im Landestheater Niederbayern in Landshut, Passau und Straubing – aktuelle Termine findet man auf der Website des Landestheaters Niederbayern.

Zu sehen gibt es das Stück in anderen Inszenierungen jedoch auch vom 24. März 2022 – 14. Mai 2022 in der Komödie Düsseldorf (Steinstraße) oder in dieser Spielzeit auch im Oststadt Theater in Mannheim.

Bonner Intrigen

Dieses Jahr am 27. April jährt sich das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 zum 50. Mal. Der langjährige politische Korrespondent Hartmut Palmer, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den SPIEGEL und das Magazin Cicero arbeitete, hat mit „Verrat am Rhein“ einen spannenden Roman über die damaligen Geschehnisse geschrieben. Ein interessantes und fesselndes Spiel mit Fakten, Fiktion und einer möglichen Version dieses Kapitels der deutschen Geschichte.

„Es geht nicht um Verjährung“, antwortete Zink, „es geht darum, wie es damals war, was wirklich passiert ist. Um die historische Wahrheit geht’s, wenn du verstehst, was ich meine.“ Aber er spürte, dass Krull natürlich genau den wunden Punkt getroffen hatte: Wen sollte das heute überhaupt noch interessieren, was vor mehr als vierzig Jahren hinter den Bonner Kulissen gelaufen ist?“

(S.83)

Das Bonner Politgeschehen und die Zeit der Siebziger Jahre ist in meiner Wahrnehmung literarisch weniger häufig im Fokus als andere Perioden der deutschen Geschichte. Um so neugieriger war ich auf diesen Roman – der packender ist als so mancher Krimi, auch wenn er nicht als solcher bezeichnet wird.

Kurt Zink – ein langgedienter politischer Journalist und gut vernetzter Kenner der deutschen Politikszene – soll viele Jahre nach der Wende für einen mittlerweile erfolgreichen Unternehmer eine Biografie schreiben, die das Geburtsgeschenk seiner Frau an ihn werden soll. Sie behauptet tatsächlich, ihr Mann hätte als ehemaliger Stasi-Offizier im Dienst des DDR-Spionagechefs Markus Wolf eine entscheidende Rolle am Scheitern des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt 1972 gespielt.

Der Journalist beginnt zu recherchieren und gerät immer mehr in den Strudel der damaligen Ereignisse. Er taucht ein in eine Geschichte voll politischer Intrigen, mit gekauften Stimmen, Spionen und Geheimdiensten und sensationellen Enthüllungen. Seine Recherchen führen ihn weit zurück in die Vergangenheit und er kommt zugleich einer tragischen Familiengeschichte auf die Spur.

Palmer beschreibt die Siebziger Jahre atmosphärisch als eine vorwiegend von Männern geprägte Welt zwischen verrauchten Kneipen in Bonn und der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Er versteht es, interessante Charaktere zu erschaffen, welche in nahezu bester James Bond-Manier ihre Strippen ziehen und die Handlung immer mehr an Fahrt aufnehmen lassen.

Mich hat Palmer’s Roman sofort in seinen Bann gezogen und immer wieder dazu gebracht, nachzulesen, zu recherchieren und mich mit den damaligen geschichtlichen Ereignissen zu beschäftigen. Einmal begonnen entfacht „Verrat am Rhein“ einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Das wahre Leben schreibt oft die aufregendsten Geschichten und man liest – auch dank Palmer’s flüssigem Stil – mit zunehmender, atemloser Spannung. Man will wissen: was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Das Buch ist ein faszinierendes, literarisches Spiel zwischen Fakten und Fiktion.

Man spürt bei der Lektüre, dass Palmer als Journalist sein Handwerkszeug versteht und er gewährt anhand der Romanfigur Kurt Zink auch einen Einblick in die Arbeitsweise eines politischen Journalisten, in die Recherche, das Aufspüren und den Umgang mit Quellen und Nachrichten.

Der Autor selbst war von 1968 bis 2015 als politischer Korrespondent in Bonn und Berlin hautnah am politischen Geschehen und den Politikerinnen und Politikern dran – all seine Erfahrungen stecken jetzt auch in diesem Roman und er erzählt auf fiktive Art und Weise eine für ihn mögliche, denkbare Version dieser Episode der deutschen Geschichte.

Im Nachwort, das die Handlung des Romans noch einmal auf reale und fiktive Elemente, Beweisbares und Unbeweisbares durchleuchtet, zieht Palmer folgendes Fazit:

„So entstand zwar kein Enthüllungsroman. Wohl aber der Roman einer Enthüllung.“

(S.404)

Wer sich für Politik, deutsche Geschichte und die Zeit der Siebziger bzw. für Willy Brandt’s Kanzlerschaft interessiert, bekommt hier einen unterhaltsamen, fesselnden Roman über politische Machtspiele, Geheimdienste und Spionage geboten, der zweifelsohne lesenswert und lehrreich zugleich ist.

Auf der Website des Deutschen Bundestags gibt es eine offizielle Version und ebenso lesenswerte Zusammenfassung des Misstrauensvotums von 1972.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Palmer, Verrat am Rhein
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0205-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hartmut Palmer’s „Verrat am Rhein“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist für reichlich Kontrast gesorgt:
In der Schumannklause – einer Bonner Szenenkneipe, vom Autor auch als „fröhliche Kaschemme“ bezeichnet – geht es bodenständig zu und das Angebot ist übersichtlich:

„Es gab drei Flipper, zwei verschiedene Sorten Suppe, Schmalzbrote und jede Menge Bier, Wein und Sense, ein Gemisch aus Apfelsaft und Korn, das nicht nach Gläsern bestellt, bemessen und konsumiert wurde, sondern zentimeterweise nach der Länge der auf der Theke aufgereihten Gläser.“

(S.132)

Im Ost-Berliner Café Moskau hingegen – einem „exklusiven Treffpunkt für Diplomaten und hochrangige Genossen“ (S.147) geht es um einiges exquisiter zu:

„Der Kellner brachte zuerst ein Tablett mit kleinen kalten Vorspeisen: eingelegter Hering und Sprotten, gefüllte Teigtaschen, Eiersalat mit viel Mayonnaise, verschiedene Sülzen, auch Wurst und belegte Brötchen oder dunkles Brot. Dazu gleich am Anfang Kaviar, abwechselnd Wodka und Wasser aus großen Gläsern. Als Hauptgericht hatte sie sich, (…) für Bœuf Stroganoff entschieden, auf den Punkt gegart, mit grünen Bohnen und Piroggen. Dazu (…) einen samtweichen georgischen Rotwein (…)“

(S.148/149)

Zum Weiterhören:
Der sagenumwobene Stoff um Castor und Pollux – die berühmten Zwillingsbrüder, von welchen lediglich einer unsterblich ist – spielt im Roman eine nicht unwesentliche Rolle. Vertont wurde diese Sage bereits durch Jean-Philippe Rameau in seiner Oper „Castor et Pollux“ aus dem Jahr 1737.

Zum Weiterlesen:

„Sie hatte bisher nur den Text auf der Hülle gelesen und nicht so richtig verstanden, warum Isolde ihrer alten Freundin Annemarie ausgerechnet dieses Hörbuch geschenkt hatte, das von Dresden handelte, von der Zerstörung der Stadt und von den seelischen Verwüstungen, die diese Katastrophe bei den überlebenden Opfern und Tätern ausgelöst hatte.“

(S.56)

Harry Mulisch ist mir bisher vor allem – vor langer Zeit – als Schullektüre begegnet. Damals war es sein Roman „Das Attentat“, der uns im Unterricht beschäftigte. Aber die obige Beschreibung von „Das steinerne Brautbett“ reichte für mich, den Titel sofort auf meine gedankliche Merkliste zu setzen.

Harry Mulisch, Das steinerne Brautbett
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22192-1

Brüder am Abgrund

Mattia Insolia hat 2020 mit seinem Roman „Die Hungrigen“ (Originaltitel: Gli affamati) ein bemerkenswertes Debüt in Italien hingelegt, das nun endlich auch in einer deutschen Übersetzung von Martin Hallmannsecker vorliegt und jetzt sicherlich auch das deutschsprachige Publikum berühren und bewegen wird.

Kurze Sätze, scharf, geschliffen, ein Paukenschlag gleich zu Beginn und sofort ist man mitten im Geschehen. Puh, was für ein erstes Kapitel. Starker Tobak, tiefer Schmerz und man möchte sofort mit den Figuren weinen.

„Camporotondo war ein undefinierbares Stück Land, das die Leute um jeden Preis zu verlassen versuchten, und wer blieb, schämte sich dafür. Dafür, sein Leben hier fortzusetzen. Es fehlte an allem. Luft, Licht, Raum für die Hoffnung, dass etwas Unerwartetes geschieht; ein Hühnerstall, ein Fegefeuer auf Erden.“

(S.18)

Insolia erzählt in „Die Hungrigen“ die Geschichte zweier Brüder in einem süditalienischen Dorf. Sie hausen zu zweit in einem heruntergekommenen Haus, der 22-jährige Paolo arbeitet als einfacher Hilfsarbeiter unwillig und lustlos auf dem Bau und hat ständig Stress mit seinem Vorgesetzten. Antonio ist drei Jahre jünger, gerade mit der Schule fertig und hat keine Ahnung, wie es für ihn weiter gehen soll. Eltern, die sich kümmern, gibt es nicht.

„Dieser Tag hatte gerade erst begonnen und schon hatte es sich die Welt mit Paolo verscherzt.“

(S.9)

Paolo ist wütend, zornig und immer auf Krawall gebürstet. Er eckt ständig und überall an. Meist reichen Kleinigkeiten, um ihn zum Explodieren zu bringen. Er verkehrt in den falschen Kreisen und verliert sich in einem Strudel von Gewalt und Kriminalität.

„Er fühlte sich, als stünde er auf einer Mine. Als werde er sein ganzes Leben auf derselben Stelle verbringen, gefangen in einer unbequemen Haltung. Und wenn er sich auch nur ein bisschen bewegte, würde alles in die Luft fliegen.“

(S.16)

Antonio – der Jüngere ist der Sensible der beiden. Er sehnt sich nach Liebe und träumt von einem anderen Leben, sucht Trost in der Literatur. Doch als die Aussicht und die Chance auf eine Besserung eintritt, verliert er die Courage.

„Jeder ist nur das, was er zu verlieren hat, und alles, was Antonio auf dieser Welt hatte, war sein Bruder.“

(S.51)

Mehr schlecht als recht schlagen sich die beiden durch ihren Alltag, der geprägt ist von Armut, Elend und Perspektivlosigkeit – zwei Brüder am Abgrund und stets kurz davor endgültig abzustürzen. Alleingelassen, hilflos, aussichtslos.

„Sie hätten gerne miteinander gesprochen. Beide. Aber das Schweigen, zu dem sie sich gegenseitig erzogen hatten, war ihnen so zur Gewohnheit geworden, dass sie nicht gewusst hätten, wo sie überhaupt anfangen sollten.“

(S.97)

Es ist genau diese Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit Gefühle auszudrücken, die Unbeholfenheit der Brüder im Umgang miteinander und mit ihrem Umfeld, die mich zutiefst getroffen und traurig gestimmt hat. So kann der Hunger nach Liebe und Anerkennung nicht gestillt werden und schlägt um in Frust, Wut und rohe Gewalt.

Auf engstem Raum – gerade einmal 200 Seiten – erschafft Mattia Insolia einen Ort und eine Atmosphäre, die einem selbst beim Lesen den Atem nimmt. Pure Emotionen: die Wut, die Perspektivlosigkeit, die Trostlosigkeit, die verzweifelte Suche nach Liebe und Zuneigung – das ist so konzentriert und dicht beschrieben, dass man sich gar nicht distanzieren kann. Man leidet mit den beiden und der Schmerz geht tief unter die Haut.

Sensiblen Menschen würde ich dieses Debüt nicht empfehlen. Der Roman ist wahrlich nichts für Zartbesaitete, denn Insolia schreibt schonungslos und brutal, er erspart seiner Leserschaft nichts. Drastische Gewaltszenen, große Brutalität, sadistische Qualen, das muss man aushalten können und das Buch hinterlässt zweifelsohne Spuren, beschäftigt noch lange nach der Lektüre und tut weh.

Woher kommt diese unbezähmbare Wut? Warum diese verheerende Gewalt?
Und doch findet man in diesem Debütroman auch Erklärungen und Antworten, erhascht einen Blick ins Seelenleben der jungen Leute und versucht, die beiden zu verstehen.

Die Geschichte der Brüder Paolo und Antonio ist herzzerreißend und es ist atemberaubend, in welch ausdrucksstarker Sprache – stark, intensiv und schmerzhaft – der 25-jährige Italiener diesen Debütroman verfasst hat.

Ein starker, aufrüttelnder Roman über Armut, Trostlosigkeit, Perspektivlosigkeit der Jugend und das Abdriften in Gewalt und Kriminalität – wichtige Botschaften, die sich der in Catania geborene Autor gleichsam von der Seele geschrieben hat. Große Literatur und eine neue, junge, italienische Stimme, von der man hoffentlich noch viel hören und lesen wird!

Mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 17) auf der Liste: Ich möchte einen Debütroman lesen. Ein unglaublich eindrucksvolles und eindringliches Debüt eines 25-Jährigen, das man so schnell nicht vergessen wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Karl Rauch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mattia Insolia, Die Hungrigen
Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker
Karl Rauch
ISBN: 978-3-7920-0269-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“:

Für den Gaumen:
Einer der Brüder liebt Käse, der andere nicht. So landen sie dann häufig doch bei der Kompromisslösung: Pizza.
Allerdings läuft mir bei folgender Beschreibung auch das Wasser im Mund zusammen:

„Der Conad in der Via Rea war der größte Supermarkt in Camporotondo und hatte eine Käsetheke, bei deren Anblick Antonio in Verzückung geriet.
Asiago, Fontina, Taleggio, Mozzarella, Provola, Stracchino, Robiola.
Er hätte sich nur davon ernähren können, aber sein Bruder mochte Käse nicht.“

(S.16/17)

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich für italienische Literatur interessiert, der kam natürlich in der letzten Zeit vor allem an Elena Ferrante’s Neapolitanischer Saga nicht vorbei und auch ich zählte zu den Begeisterten, die sich bereits vor dem Erscheinungstag immer schon auf den neuen Band freuten. Während Insolia auf gerade mal 200 Seiten einen kurzen Zeitraum im Leben männlicher Jugendlicher aus Süditalien erzählt, so beschreibt Ferrante in vier Bänden und auf deutlich über 2000 Seiten ausführlich die Lebensgeschichten zweier Freundinnen aus Neapel.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand die Saga noch nicht kennt und sie kennenlernen möchte.
Der erste Band ist folgender:

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-46930-9

Zum Weiterlesen (II):
In „Die Hungrigen“ hat der Roman „Stoner“ von John Williams eine besondere Bedeutung. Ich kann mich noch gut erinnern, als das Werk vor einigen Jahren wiederentdeckt und ins Deutsche übersetzt wurde. Gedanklich wanderte es bereits damals auf meine Merkliste, aber irgendwie habe ich es bis heute noch nicht geschafft, den Roman zu lesen.

John Williams, Stoner
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
dtv
ISBN: 978-3-423-14395-0

Von Helden und Hochstaplern

Ein leuchtendes, fröhliches Umschlagbild – die rot-gelbe Berliner S-Bahn vor strahlend blauem Himmel – und der vielversprechende Titel „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ – schon war es um mich geschehen und meine Neugier geweckt. Wer ist dieser Held? Welche Geschichte verbirgt sich hinter Maxim Leo’s neuestem Roman?

Schnell wird klar, so strahlend wie das Umschlagbild ist der Held Michael Hartung – ein einfacher Berliner Videothekenbesitzer – im wahren Leben nicht und doch wird er zufällig zum leuchtenden Stern am Heldenhimmel der deutschen Geschichte und blendet unfreiwillig Medien, Politik und die deutschen Mitbürger. Aber der Reihe nach…

„Er war im Grunde kein Lügner, eher so eine Art Geschichtenerzähler. Warum lasen die Menschen Bücher? Warum gingen sie ins Kino und ins Theater? Doch nicht, weil sie die Wahrheit wollten. Sie wollten träumen, sich in den Geschichten der anderen wiedererkennen.“

(S.76)

Kurz vor dem 30-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung im Jahr 2019 steht eines Tages ein umtriebiger Journalist in Michael Hartungs kleiner Berliner Videothek. Er hat eine alte Stasi-Akte ausgegraben, die belegt, dass Hartung – damals Stellwerksmeister am Bahnhof Friedrichstraße, eines Nachts durch seine Weichenstellung eine Massenflucht von über 127 Menschen in einem Zug aus der DDR nach Westberlin ermöglicht hat. Die Ereignisse dieser Nacht waren unübersichtlich und Hartung, der zwar zunächst alles abstreitet, ist aufgrund der Hartnäckigkeit des Journalisten nach ein paar Bier und da er chronisch pleite ist für ein ordentliches Honorar bereit, die Geschichte und seinen Anteil daran etwas großzügiger auszulegen. Schnell wird ihm einiges in den Mund gelegt, die Geschichte verselbstständigt sich und schon bald gerät die Situation vollkommen aus dem Ruder.

Interviews, Fernsehauftritte und Werbeverträge: Michael Hartung und seine Heldentat werden zum Sinnbild der deutsch-deutschen Geschichte hochstilisiert. Der Bundespräsident lädt ihn sogar zu einem Abendessen ins Schloss Bellevue ein. Ganz Deutschland reißt sich um ihn, rollt ihm den roten Teppich aus und feiert ihn für seinen selbstlosen Heldenmut.
Als dann jedoch plötzlich eine Frau in sein Leben tritt, die damals in diesem umgeleiteten Zug saß und er sich in sie verliebt, wird es für ihn zunehmend unangenehmer, die Lüge aufrechtzuerhalten.

Leo bespielt mit seinen Figuren ein breites Spektrum: Da ist der einfache Bürger, der plötzlich im Rampenlicht der medialen Aufmerksamkeit steht und als großer Held gefeiert wird. Und natürlich der überehrgeizige Journalist, der mit dieser Geschichte seine große Chance gekommen sieht und es dann mit der Wahrheit nicht mehr so genau nimmt oder aber die Politikerin, die versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Da ist aber auch der Bürgerrechtler, der seit Jahren versucht, Aufklärungsarbeit an Schulen und in Gedenkstätten zu leisten und im Rahmen dieser Bemühungen auch frustrierende Momente erlebt:

„Also, wir haben in der Klasse schon ein bisschen das Thema deutsche Teilung behandelt, aber erwarten Sie bitte nicht zu viel.“

(S.100)

Maxim Leo ist 1970 in Ost-Berlin geboren, lebt auch heute in Berlin und man merkt dem Roman an vielen Stellen unmittelbar an, dass er weiß, wovon er schreibt und dass ihm die Thematik sehr am Herzen liegt.
An manchen Stellen hätte er jedoch für meinen Geschmack auch ein bisschen weniger dick auftragen dürfen – ab und zu kratzt die Überzeichnung etwas und verursacht Unbehagen. Zwar ist die satirische Vereinfachung und das auf die Spitze treiben natürlich als gezieltes Stilmittel ganz gewollt eingesetzt und doch zuckte ich bei der Lektüre immer wieder ein wenig zusammen angesichts der pauschalen Vorurteile und Klischees, die natürlich lediglich wachrütteln und Bewusstsein schaffen sollen.

„Es ist wie in einem Liebesfilm“, sagte Hartung, „es geht vor allem um das Gefühl. Das Gefühl, akzeptiert zu werden. Das Gefühl, dazuzugehören. Vielleicht sollte man damit beginnen, nicht mehr von den Ostdeutschen und den Westdeutschen zu sprechen. Ich meine, was hat ein Hamburger mit einem Oberbayern zu tun? Und ein Mecklenburger mit einem Sachsen? Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beschuldigen und zu belehren.“

(S.118)

In den nicht ganz 300 Seiten steckt aber hinter der vermeintlichen Flapsigkeit des Hochstaplerromans und der romantischen Liebesgeschichte letztlich doch so viel mehr: Maxim Leo’s Roman kann und sollte zum Beispiel auch als Mediensatire gelesen werden. So hat der Fall Relotius zweifelsohne seine Spuren hinterlassen und blitzt immer wieder auf. Es geht um Stasi-Vergangenheit, Gedenktage und geschichtliche Aufarbeitung, um das Verdrängen und Verklären und um kleine Unwahrheiten, die sich schnell zu großen Lügen auswachsen können. Und natürlich bringt Maxim Leo die Leserschaft vor allem auch dazu, sich mit der deutsch-deutschen Geschichte und der Stimmung in unserem Land zu beschäftigen.
All das steckt drin in diesem Buch, das es – wie es sich für einen guten Hochstaplerroman gehört – faustdick hinter den Ohren hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Maxim Leo, Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00084-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Maxim Leo’s „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch spiegelt sich der große Kontrast wider zwischen Michael Hartung’s Vergangenheit und seinem Lebensalltag – so erinnert er sich zurück an „Fassbrause mit Waldmeistergeschmack“ (S.58), während sein neues Heldenleben ihn auch ins Schloss Bellevue inklusive der zugehörigen Haute Cuisine katapultiert: Dort bekommt er unter anderem „Reh-Medaillons aus der Schorfheide an Spitzkohl und Steinpilzragout“ (S.118).

Zum Weiterschauen:
Dass Filme im Leben eines Videothekenbesitzers natürlich eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ist klar. Auch wenn er seiner Kundschaft ein breites Spektrum anbietet, sind seine persönlichen Vorlieben doch sehr bodenständig geblieben. Bei einem gemeinsamen Videoabend könnten Hr. Hartung und ich uns wohl am ehesten auf den Schwarz-Weiß-Klassiker „Die Feuerzangenbowle“ einigen.

Zum Weiterhören:
Manfred Krug ist aktuell aufgrund des Erscheinens von „Manfred Krug. Ich sammle mein Leben zusammen: Tagebücher 1996 – 1997“ in aller Munde. Im Roman kommt der Krug-Song „Wenn’s draußen grün wird, fällt mir nur noch Liebe ein“ vor – reinhören lohnt sich und macht gute Laune.

Südtirol gestern und heute

Südtirol zählt sicherlich zu den beliebtesten Urlaubsgebieten der Deutschen. Und es lohnt sich auch, sich literarisch mit diesem Landstrich zu beschäftigen: In ihrem Roman „Bergland“ hat Jarka Kubsova die Geschichte einer Bauernfamilie über drei Generationen hinweg erzählt. So gelingt ihr zugleich eine eindrucksvolle Erzählung der wechselhaften Geschichte dieser besonderen Region und man erfährt, wie sich das Leben der Menschen auf einem abgelegenen Bergbauernhof über die Jahrzehnte verändert hat.

„Man tat einem Bauernkind keinen Gefallen, wenn man es zum Seicherl erzog. Eine Mimose war keine Pflanze, die hier gut gedieh. Es war Hartholz, das sich hier hielt, anspruchslos und angepasst, die winterharten Sorten.“

(S.39/40)

Rosa ist gerade einmal 12 Jahre alt, als sie bereits die Rolle der Mutter für ihre Geschwister übernehmen muss. Mit ihrem Vater und ihren Geschwistern lebt sie auf einem hoch gelegenen Bergbauernhof in Südtirol und als die Brüder in den Krieg ziehen und nicht mehr zurückkehren, steht sie 1944 nach dem Tod des Vaters vollkommen alleine mit dem Hof da. Es sind schwere Zeiten in Südtirol – es gibt Deserteure und Kriegsversehrte, Konflikte zwischen Dableibern und Optanten – der Krieg hat Opfer gefordert und tiefe Spuren hinterlassen. Doch sie gibt nicht auf, beißt sich durch, leistet Unmenschliches und arbeitet von früh bis spät – schwere, körperliche Arbeit – um den Hof zu erhalten. Selbst ihren Sohn Sepp zieht sie alleine auf, der den Hof übernimmt und letztlich – auch gegen ihren Willen – seine eigenen Vorstellungen der Landwirtschaft auf dem Hof umsetzt.

Sepp ist das Bindeglied zur heutigen Generation – zu Rosa’s Enkel Hannes, der mittlerweile mit seiner Ehefrau Franziska den Hof betreibt und zu einem Tourismusbetrieb mit angeschlossener Landwirtschaft umgebaut hat. Die Zeiten haben sich geändert und nicht alles ist Gold was glänzt.

Kubsova räumt auf mit dem „Heile Welt“-Klischee, der Idylle von sonnenbeschienenen Almwiesen und dem dauerblauen Himmel der Urlaubsprospekte – sie zeigt, dass der Tourismus ein knallhartes und umkämpftes Geschäft ist, das nicht nur Sonnenseiten hat. Die Erwartungen der Kunden und Tourismusverbände sind hoch, es gilt eine Vielzahl von Kriterien zu erfüllen und die Konkurrenz ist groß.

„Ein altes, etwas kitschiges Bild war das, so wie es noch immer in Kinderbüchern auftauchte, mit niedlichen, frei laufenden Tieren. Ein bisschen Bullerbü, ein bisschen Landlust, ein bisschen Joghurtwerbung, ein bisschen Omas kleiner Bauernhof; übernachten im Heu, die Eier noch warm im Stall einsammeln und Rohmilch trinken. Danach sehnten sich die Menschen.“

(S.27)

Und auch das Romantisieren oder das Verklären der Vergangenheit sind nicht die Sache der Autorin. Rosas einsames und einfaches Leben auf dem Bergbauernhof und ihr täglicher Kampf gegen die kargen Böden, die widrigen Wetterverhältnisse und die Sorgen um die Versorgung und das Leben ihres Kindes – das wird schonungslos und direkt erzählt ohne zu beschönigen.

Der Roman wechselt ab zwischen den verschiedenen Perspektiven und Generationen – zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Autorin findet auch jeweils einen eigenen Klang, der gut zu der jeweiligen Zeit passt: So sind die Passagen, die Rosa’s Geschichte erzählen eher ruhig, unaufgeregt, leise und atmen eine gewisse Melancholie, während die Szenen um Franziska und ihre Probleme im Hier und Jetzt satirisch, bissig, ironisch und zynisch formuliert sind und streckenweise schon an eine journalistische Erzählweise erinnern. Fast als ob Jarka Kubsova, die vor ihrem Romandebüt „Bergland“ als Journalistin bei der Financial Times Deutschland, dem Stern und der ZEIT gearbeitet hat, eine Reportage über Franziska als moderne Landfrau und Tourismusmanagerin geschrieben hätte. Die verschiedenen Welten werden so auch durch den sprachlichen und erzählerischen Kontrast deutlich abgegrenzt und herausgearbeitet.

„Selbstgenügsamkeit war es, die die Alten immun gemacht hatte gegen das Höher, Schneller, Weiter, dem sich der Rest der Welt hingab. Aber schon in der nächsten Generation hatte es nicht mehr gewirkt. Die jagte fiebrig dem Fortschritt hinterher. Höchstleistungen, Ziele und Karrieren.“

(S.182)

Jede Zeit und jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen, andere Gegebenheiten und andere Probleme. Doch es wird auch klar, dass Wurzeln erden und helfen können, sich diesen schwierigen Situationen zu stellen und Antworten auf die jeweils drängenden Fragen finden zu können.

Kubsova hat für ihren Debütroman sieben Monate auf einem Südtiroler Bergbauernhof gelebt und recherchiert – eine Zeit, die sich zweifelsohne sehr gelohnt hat und die ihrem Roman ein fundiertes Verständnis für Land und Leute bzw. die Menschen und die Region und somit eine besondere Authentizität verleiht. So kann sie viele geschichtliche Aspekte, Traditionen, Bräuche und Lebenseinstellungen einfließen lassen.

Als ich das Buch gelesen habe, tanzten vor meinem Fenster die Schneeflocken und eine gewisse Südtirolsehnsucht war unvermeidlich. „Bergland“ ist nicht nur eine gute Wahl für den nächsten Südtirolurlaub, sondern ein kleines, wirklich feines, ernstes und ernst gemeintes Buch, das in einer sehr schönen Aufmachung nicht nur das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen lässt, sondern das vor allem entschleunigt, erdet und zur Selbstreflexion anregt.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Günter Keil, Buchsichten und Friedelchens Bücherstube.

Buchinformation:
Jarka Kubsova, Bergland
Wunderraum
ISBN: 978-3-442-31618-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jarka Kubsova’s „Bergland“:

Für den Gaumen:

„Katharina hatte ein paar frische Strauben dabei. Rosa kochte Tee, zögerte kurz, und griff dann nach der Flasche mit dem Zirbenschnaps.“

(S.37)

Auf Jeanny’s Blog Zuckerzimtundliebe findet sich ein schönes Straubenrezept.

Zum Weiterkochen:
Die Südtiroler Küche ist herrlich vielseitig und ich kenne kaum jemanden, der sich ihrem Zauber entziehen kann. Ein umfassendes Standardwerk und der Klassiker unter den Südtirol-Kochbüchern ist „So kocht Südtirol“, das einen großartigen Überblick gibt. Wer die alpenländische Küche mag, ist hier sehr gut bedient – quasi das Rundum Sorglos-Paket unter den Südtirol-Kochbüchern:

Heinrich Gasteiger, Gerhard Wieser, Helmut Bachmann,
So kocht Südtirol: Eine kulinarische Reise von den Alpen in den Süden
Athesia Tappeiner Verlag
ISBN: 978-8868390990

Zum Weiterschauen:

„Er bepflanzte das Dach mit Hauswurz, der Blitze abhalten sollte.“

(S.15)

Die Tradition Hauswurz auf Dächer zu pflanzen, um das Haus gegen Blitzschlag zu schützen, gibt es nicht nur in Südtirol. Haltet mal die Augen offen, es lassen sich immer wieder Beispiele entdecken.

Wie hier zum Beispiel:

© Kulturbowle

Zum Weiterlesen:
Eines der besten Bücher, die ich über Südtirol je gelesen habe, war aus meiner Sicht Francesca Melandri’s „Eva schläft“ aus dem Jahr 2010 – ein wirklich großartiger Roman, den ich wärmstens empfehlen kann.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Krimiperle neu entdeckt

Gute Krimis können große Lesefreude bereiten und wenn man einen richtig guten Kriminalroman einer bislang unbekannten Autorin für sich entdecken kann, dann ist das pures Lesevergnügen. So passiert ist mir dies mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ (Originaltitel: The Franchise Affair) aus dem Jahr 1948, der beweist, welche hohe Güte sich Krimiklassiker über viele Jahrzehnte bewahren können ohne etwas von ihrem Reiz einzubüßen.

Milford ist ein ruhiges Provinzstädtchen auf dem englischen Land. Robert Blair führt dort als Anwalt ein friedliches Leben ohne große Aufregungen, bis eines Tages kurz vor Feierabend sein Telefon läutet. Marion Sharpe, die vor kurzem mit ihrer Mutter ein einsam gelegenes Anwesen in der Nähe bezogen hat, bittet aufgeregt um seine Hilfe. Scotland Yard ist im Haus und beschuldigt sie eines unerhörten Verbrechens. Ein 15-jähriges, ihnen völlig unbekanntes Mädchen behauptet, die beiden Damen hätten sie entführt, in einer Dachkammer ihres Hauses gegen ihren Willen einen Monat lang festgehalten und körperlich misshandelt.
Ein Vorwurf, der leicht zu entkräften wäre, könnte das Mädchen nicht jedes Detail im Inneren des Hauses exakt beschreiben. Wie kann das sein?

Schnell steht Aussage gegen Aussage, die Presse bekommt von der Sache Wind, eine Hexenjagd auf die Sharpes beginnt und Robert Blair, der das Mandat zunächst am liebsten abgelehnt hätte, muss plötzlich in einem mysteriösen und undurchsichtigen Fall selbst ermitteln, um die Unschuld seiner Mandantinnen zu beweisen.

„Das ist das erste Mal, dass Sie bitter klingen.“
„Klang es bitter?“
„Der reine Angostura.“

(S.88)

Ich mag die Figurenzeichnung von Josephine Tey: der schnöselige, leicht überspannte Cousin Nevil mit seinem für die britische Provinz ungewohnten Kleidungsgeschmack, die patente, lebenstüchtige und gottesfürchtige Tante Lin, die voller Überzeugung die Probleme ihres Neffen durch Gebete in der Dorfkirche zu lösen versucht. Auch Mutter und Tochter Sharpe sind in ihrem zurückgezogenen, eigenbrötlerischen Frauenhaushalt sehr plastische Charaktere – ausgestattet mit einer ordentlichen Prise Zynismus im Falle der Mutter und einer attraktiven Ausstrahlung der Tochter, welcher die Männer reihenweise zu erliegen scheinen.

Und natürlich – last but not least – die Hauptfigur Robert Blair dessen gleichförmiges, geruhsames und unspektakuläres Anwaltsleben, das bislang geprägt war von unaufgeregten Schreibtischtätigkeiten und regelmäßigen Testamentsänderungen älterer Damen, plötzlich durch einen Anruf und den Hilferuf einer verzweifelten Frau völlig aus den Fugen gerät. Ein sehr menschlicher und sympathischer Held, den man dabei begleiten kann, wie er über sich hinauswächst, auf einmal völlig neue Seiten an sich selbst entdeckt und das Leben intensiver spürt als jemals zuvor.

Auf gewisse Weise very British – so lernt man zum Beispiel, dass Tweed nicht gleich Tweed ist oder welche Spuren die englische Geschichte in den Baustilen der Häuser hinterlassen hat – hat Josephine Tey einen subtilen, spannenden Krimi geschrieben, der vor allem Krimifans gefallen wird, die einen klugen Romanaufbau und eine überraschende Wendung einer blutrünstigen, effekthascherischen Handlung vorziehen.

Beim Lesen vergisst man nicht nur die Zeit um sich herum, denn der Krimi liest sich herrlich flüssig wirklich wie im Flug, sondern auch, dass der Roman aus dem Jahr 1948 schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat. Ein klassischer, raffinierter Krimi, der auch heute noch begeistern kann. Eine zeitlose Krimiperle und für mich wirklich eine wunderbare Entdeckung, zumal ich die Autorin vorher noch nicht kannte. Mit mir hat sie nun eine weitere begeisterte Leserin mehr und ich freue mich schon auf weitere Krimis aus ihrer Feder.

Ein Krimi ohne Leiche, dafür mit einer großen Portion Charme und Esprit, mit pointiertem Witz und feinem, britischen Humor, der für gepflegte und kurzweilige Unterhaltung sorgt. Da kann man jeden Fernsehkrimi getrost links liegen lassen und lieber zu diesem Buch greifen.

Die in Schottland geborene Josephine Tey (Pseudonym für Elizabeth MacKintosh; 1896 – 1952) verstarb bereits im Alter von nur 55 Jahren. Ihren Fans hat sie acht Kriminalromane hinterlassen. Und obwohl sie – ähnlich wie Agatha Christie – auch fürs Theater schrieb (hier unter dem Namen Gordon Daviot), sind es auch bei ihr die Krimis, für die sie der Nachwelt besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Mit Freude habe ich dem Klappentext entnommen, dass der wohl bekannteste Krimi von Josephine Tey „Alibi für einen König“ (Originaltitel: „The Daughter of Time“) beim Kampa Verlag auch in Vorbereitung ist. Dieser wurde von der englischen „Crime Writer’s Association“ zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt – das ist doch noch ein weiterer guter Grund dafür, diesen bei Erscheinen ebenfalls zu lesen.

Mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 18) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, einer für mich neuen Autorin lesen. Eine wunderbare Neuentdeckung für mich und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Josephine Tey gewesen sein, das ich gelesen habe.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“:

Für den Gaumen:
Mutter und Tochter Sharpe haben eine besondere Vorliebe für guten Sherry.
Der Amontillado – benannt nach der spanischen Region Montilla in Andalusien, den sie ihren Gästen servieren, scheint wahrlich exquisit zu sein.

„Wir sind zwar sparsam, aber wir sparen nicht am Wein“ (S.62)

(S.62)

Dagegen wirkt der Butterkuchen, für den Robert seinem Hausmädchen „bis ans Ende der Welt folgen“ (S.70) würde, geradezu einfach und bodenständig.

Zum Weiterschauen:
Alfred Hitchcock verfilmte bereits 1937 einen Stoff von Josephine Tey. Sein Film „Jung und unschuldig“ („Young and innocent“) basiert auf Tey’s Kriminalroman „A Shilling for Candles“ (auf deutsch als „Klippen des Todes“ erschienen). Gesehen habe ich diesen Hitchcock noch nicht, aber ich werde mal die Augen danach offen halten.

Zum Weiterlesen:
Wer Gefallen an Krimiwiederentdeckungen aus Großbritannien hat, dem kann ich auch Susan Hill’s „Schattenrisse“ empfehlen, den ich letztes Jahr hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Der Auftakt der Serie mit Inspector Serrailler ist ebenso lesenswert und macht einmal mehr klar, wie viele erstklassige Krimiautorinnen die britische Insel zu bieten hat.

Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

Januarbowle 2022 – Grautöne und Winterlicht

Nach einem geradezu frühlingshaften Neujahrstag, der uns einen bayerisch weiß-blauen Himmel wie aus dem Bilderbuch bescherte, war der Rest des Januars eher geprägt von viel Grau und zahlreichen Tagen mit zähem Hochnebel, der sich nur äußerst selten von der Sonne durchbrechen ließ.

Kulturell und literarisch war der Januar hingegen deutlich freundlicher und so kann ich den Start ins neue Jahr diesbezüglich als gelungen bezeichnen:

Zu Beginn des Jahres habe ich es noch geschafft, die Ausstellung „Winter im Licht“ (27.11.21 – 09.01.2022) mit Werken des Landshuter Malers Bernhard Kühlewein in der Heiliggeistkirche zu besuchen. Zumal sich der Winter im richtigen Leben diesen Januar nicht von seiner prächtigen Seite zeigen wollte und uns keinen dauerhaften Schneegenuss bescherte, waren diese schönen Gemälde mit stimmungsvollen Winterlandschaften eine willkommene, lichte Abwechslung.

Letztes Jahr noch digital in der Mediathek und dieses Jahr endlich live im Landshuter Theaterzelt konnte ich das großartige Schauspiel von Ayad Akhtar „Die unsichtbare Hand“ (Regie: Oliver Heinz Karbus) erleben. Das brisante Drama um den von Terroristen entführten Investmentbanker, der sich sein Lösegeld durch Aktiengeschäfte selbst verdienen muss, ist hochspannend. Eine grandiose schauspielerische Leistung des Ensembles und insbesondere auch von Stefan Sieh in der Rolle des Nick Bright, die unter die Haut geht.

Dank der Ausstrahlung des ORF2 konnte ich diesen Monat von meiner Couch aus große Oper aus dem Theater an der Wien verfolgen: Puccini’s „Tosca“ mit der hervorragenden und ausdrucksstarken Sopranistin Kristīne Opolais in der Hauptrolle. Regisseur Martin Kušej inszeniert das Stück als ziemlich brutales und grausames Drama im Schnee und erntete hierfür viele Buhrufe des Publikums.

Gehört habe ich auf BR Klassik die diesjährige Hörbiografie „Doppeltes Spiel“, die dem russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch gewidmet ist, welche bis zum 15.01.22 in der Mediathek zur Verfügung stand und jetzt als CD erhältlich ist. Gelesen von Udo Wachtveitl und Ulrich Matthes erhält man einen umfassenden Einblick in das turbulente Leben des Künstlers, der über die von Julian Barnes im Roman „Der Lärm der Zeit“ beschriebene Zeitspanne deutlich hinausgeht und mit zahlreichen Hörbeispielen unterlegt ist.

Ebenfalls empfehlen kann ich die Hörspielkrimis mit Bjarne Mädel „Sörensen hat Angst“ und „Sörensen fängt Feuer“ in der ARD Audiothek.
Nach Anna’s begeisterter Besprechung der Sörensen-Krimis von Sven Stricker auf ihrem Blog buchpost habe ich mich ausnahmsweise mal für die Hörspielvarianten entschieden. Die dritte Folge „Sörensen am Ende der Welt“ werde ich mir sicherlich auch bald noch zu Gemüte führen.

Und was gibt es Filmisches zu erwähnen?
Der stärkste und wichtigste Film, den ich diesen Monat gesehen habe, war zweifelsohne „Die Wannseekonferenz“ (noch bis zum 24.01.2023 verfügbar in der ZDF Mediathek) mit einem großartigen Schauspielerensemble (u.a. mit Philipp Hochmair als Reinhard Heydrich und Maximilian Brückner als Dr. Eberhard Schöngarth) unter der Regie von Matti Geschonneck. Ebenso empfehlenswert ist unbedingt die dazugehörige 44-minütige Dokumentation, die ebenfalls in der ZDF Mediathek neben weiterem Informationsmaterial zur Verfügung steht.

Schmunzeln hingegen konnte ich bei der französischen Komödie aus dem Jahr 2017 „Das Leben ist ein Fest“ („C’est la vie“). Ich bin wahrlich kein Fan von Hochzeitskomödien und mache da normalerweise einen Bogen herum, aber dieses Werk der Macher von „Ziemlich beste Freunde“ war wirklich amüsant.

Der Auftakt in mein Lesejahr 2022 war sehr gelungen, ergiebig – die langen Wintertage und -nächte sind einfach eine gute Zeit zum Lesen – und auch sehr vielseitig. Sachbuch, Krimi, Lyrik, literarische Europareise, große Gefühle… da war alles und sehr viel Schönes dabei.

Gleich zu Beginn des Jahres konnte ich mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ ein großartiges, überbordendes und wunderbares Buch über die Zeit von 1929-1939 lesen. Kleine Szenen und Anekdoten, die in der Summe ein schillerndes Kaleidoskop dieser Zeit ergeben, das sich zu einem stimmigen Ganzen zusammensetzt. Ein Sachbuch über Literatur, Kunst, Kunst- und Zeitgeschichte, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Kriminell gut ins neue Jahr gestartet bin ich mit Richard Osman’s Bestseller „Der Donnerstagsmordclub“, der in einer luxuriösen englischen Seniorenresidenz vier rüstige, pensionierte Bewohner auf Mörderjagd schickt. Herzerwärmend, amüsant und kurzweilig – ein Tipp für Krimifans, die Humor und das feine Florett dem blutigen, brutalen Krimisäbel vorziehen.

Endlich habe ich es auch geschafft, meine Literarische Europareise bzw. Europabowle fortzusetzen und konnte mit Nataša Kramberger’s Roman „Verfluchte Misteln“ Slowenien bereisen. Die Schriftstellerin, die aus Berlin in ihre slowenische Heimat zurückkehrt, um dort den Bauernhof der Familie zu übernehmen und auf biodynamische Bewirtschaftung umzustellen und dabei mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen hat, wird mir sicherlich im Gedächtnis bleiben.

Tiefe Einblicke in das Privatleben der großen Opernsängerin Maria Callas und ihre Liebesbeziehung zu Aristoteles Onassis gewährte mir Eva Baronsky’s wunderbarer Roman „Die Stimme meiner Mutter“, der mich sehr berührt und begeistert hat. Große Oper, große Gefühle und eine eindrucksvolle Frau!

Jarka Kubsova nahm mich in „Bergland“ mit nach Südtirol und erzählt eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, die auch symbolisch für die Veränderungen und die wechselvolle Geschichte der Region gelesen werden kann. Ein Roman, der klar macht, dass jede Zeit und jede Generation ihre eigenen Herausforderungen zu bestehen hat.

Letztes Jahr hatte ich mir bereits vorgenommen, „mehr Poesie zu wagen“ und nachdem ich das feinfühlige, faszinierende Buch „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller gelesen hatte, wollte ich unbedingt mehr über die Gedichte erfahren, welche Hannah Arendt verfasst hatte. Jetzt hatte ich endlich die Muße, mich dem Lyrikband „Ich selbst, auch ich tanze“ zu widmen und durfte Hannah Arendt nun auch von ihrer poetischen Seite entdecken. Ein Genuss für stille Momente und um die Gedanken fließen zu lassen!

Von Zeit zu Zeit greife ich gerne zu einem Krimiklassiker: Diesen Monat war dies mal wieder ein Werk von Georges Simenon und zwar „Maigret und die Keller des Majestic“. So bin ich mit dem Pfeife rauchenden Kult-Kommissar dieses Mal abgetaucht in die Katakomben eines Luxushotels und durfte erleben, wie er in all der Betriebsamkeit des Hotelbetriebs auf seine unnachahmliche Art und Weise ermittelt und letztlich (natürlich) den Fall lösen kann.

Die Entstehungsgeschichte von Hans Fallada’s großem, letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ durfte ich dank Oliver Teutsch’s neu erschienenem Roman „Die Akte Klabautermann“ näher kennenlernen. Beeindruckt hat mich vor allem die intensive, atmosphärische Schilderung des Nachkriegsberlins der Jahre 1945/46 und wie sich das kulturelle Leben nach dem Krieg wieder Schritt für Schritt die Bühnen, die Leinwand, die Bibliotheken und die Herzen der Menschen zurückerobert.

Vom Berlin der Vierziger ging es ins Rom der Siebziger Jahre: Gianfranco Calligarich’s Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ aus dem Jahr 1973 wird gerade wiederentdeckt und ist nun auch in einer deutschen Übersetzung von Karin Krieger erschienen. Die ewige Stadt ist für mich immer eine Reise wert! Einen ausführlichen Bericht über meinen literarischen Ausflug in die italienische Hauptstadt habe ich fest geplant und werde in Kürze sicher Näheres dazu berichten.

Was bringt der Februar?
Im Landestheater Niederbayern steht die Premiere der Komödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“ auf dem Programm, auf die ich schon sehr gespannt bin.

Am 17.02.22 um 20.15 Uhr sendet ARTE die Dokumentation „Die große Flut von Hamburg 1962“, da sich die Flutkatastrophe zum 60. Mal jährt. Ein Termin, den ich mir vorgemerkt habe. Letztes Jahr habe ich Robert Brack’s Sturmflutthriller „Dammbruch“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Zudem ist das Bücherregal gut gefüllt und bietet viel Schönes zu entdecken, so dass der Februar sicherlich auch literarisch kurzweilig und abwechslungsreich werden wird.

Dann wünsche ich allen einen inspirierenden und schönen, kürzesten Monat des Jahres! Genießt den Februar mit guten Büchern, Kunst und Kultur und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:

Nachgebacken habe ich im Januar dieses schöne Rezept, das Nina auf ihrem Blog Wippsteerts mit uns geteilt hat: Biscotti al limone. Ein sommerlich-sonniger Gruß aus der Backstube mit herrlichem Zitronenaroma – perfekt als kleine Zugabe zum Nachmittagsespresso. Sie sind wirklich fein geworden, so dass da sicherlich bald wieder Nachschub gebacken werden muss.

Musikalisches im Januar:
Musikalisch bin ich nicht mit den Wiener Philharmonikern, sondern mit der Sopranistin Pretty Yende ins neue Jahr gestartet. Sie war dieses Jahr – neben Tenor Brian Jagde – als Solistin zu Gast beim „Concerto di Capodanno – La Fenice“ in Venedig, das traditionell an Neujahr von ARTE ausgestrahlt wird. Mit Opernklassikern ins neue Jahr – immer ein schöner musikalischer Auftakt.

Ach, aus dieses Tales Gründen,
Die der kalte Nebel drückt,
Könnt ich doch den Ausgang finden,
Ach wie fühlt ich mich beglückt!
Dort erblick ich schöne Hügel,
Ewig jung und ewig grün!
Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel,
Nach den Hügeln zög ich hin.


(Ausschnitt aus Friedrich Schiller „Sehnsucht“)