Oktoberbowle 2021 – Atempause und Herbstleuchten

Der Oktober war in weiten Teilen wirklich ein goldener und verwöhnte uns mit zahlreichen Sonnenstunden und bunt gefärbten Blättern: ein Monat zum Genießen, Durchatmen und Energie tanken. Lange Herbstspaziergänge, emotionaler Operngenuss und gute Lektüre – dieser Monat zeigte sich von seiner besten Seite.

Auch kulturell war einiges geboten, denn in Landshut durfte ich im Oktober gleich zwei Premieren von wahren Opern-Klassikern erleben: Mozarts „Die Zauberflöte“ und Puccini’s „Madama Butterfly“ – live im Theater – ließen mein Herz als Opernfan höher schlagen.

Stimmungsvoll war auch das „Orgelkonzert bei Kerzenschein“ im Moosburger Münster St. Kastulus mit Werken von Johann Sebastian Bach, Felix Alexandre Guilmant und Ad Wammes: eine von Kerzen erhellte Kirche und feierliche Orgelmusik – ein schönes und besinnliches Konzerterlebnis der anderen Art.

Auch die Lektüre im Oktober war bunt – wie die farbigen Blätter an den Bäumen:
Den Auftakt bildete Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“ – ein emotionaler und berührender Roman über das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Die österreichische Autorin erzählt die Geschichte der Zwillingsschwestern Sarah und Sophie, die auch angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung einer der beiden Kraft und Trost aus gemeinsamen Kindheitserinnerungen schöpfen.

Tragisch und turbulent war auch das Leben der legendären Tänzerin Isadora Duncan, welches Michaela Karl in der neuen Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“ erzählt. Die Geschichte eines der ersten weiblichen Weltstars während der Belle Epoque, welche durch ihren innovativen und eigenwilligen Stil die Welt des Tanzes revolutionierte und als Vorreiterin des Modern Dance gilt.

Ein kleiner, feiner Band aus der Insel Bücherei eröffnete mir Einblicke in „Max Liebermanns Garten“ (herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gloria Köpnick und Rainer Stamm) – mit zahlreichen Gemälden des Künstlers, welche in seinem Sommerhaus am Wannsee entstanden sind und zugehörigen Erläuterungen. Seit 2006 ist die Villa als Museum zugänglich, das ich bei Gelegenheit auch einmal gerne besuchen würde.

Mit Hans Fallada’s Roman „Wir hatten mal ein Kind“ stand eine klassische Rügen-Lektüre auf meinem Programm. Mit ca. 600 Seiten und einer Hauptfigur, mit der ich persönlich nicht warm wurde, eine fordernde Lektüre, die jedoch aufgrund der Stilistik und treffenden Personen- und Milieubeschreibungen dennoch lohnenswert war.

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Ausstellung und das Sachbuch „Sacrow – Das verwundete Paradies“ von Jens Arndt. Anhand des wunderschönen Ortes an der Havel, dem Schloss und der Heilandskirche wird die deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte intensiv erfahrbar. Von der preußischen Monarchie über beide Weltkriege, das NS-Regime und die Teilung Deutschlands, den Mauerbau und die Wiedervereinigung hinweg – Sacrow symbolisiert wie kaum ein anderer Ort die wechselvolle, deutsch-deutsche Geschichte.

Ein völlig anderer Schauplatz erwartete mich bei Santo Piazzese’s Kriminalroman „Blaue Blumen zu Allerseelen“: Palermo, die Hauptstadt Siziliens. Commissario Spotorno ermittelt dort in mehreren Mordfällen und unweigerlich auch bald im Milieu der organisierten Kriminalität.

Noch einmal ein geschichtsträchtiger Ort und ein großer Name: „Adlon“Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers eines der wohl berühmtesten deutschen Hotels erzählt die Geschichte seiner Familie. Spannend, hochinteressant und kurzweilig zu lesen – ein wahres Familienepos, das man sich so kaum ausdenken könnte.

Ein bunter Lektüre-Strauß im Oktober: mit Roman, Sachbuch, Biografie, Kriminalroman, Familiengeschichte und einem Klassiker waren wirklich viele unterschiedliche Genres vertreten.


Was bringt der November?

Die Tage werden rasant kürzer und die langen Abende laden dazu ein, es sich mit einem guten Buch und einem Getränk auf der Couch gemütlich zu machen. November ist Schmökerzeit und ich habe große Lust, mich literarisch in andere Zeiten und Länder entführen zu lassen. Vielleicht ist jetzt auch wieder mal die richtige Gelegenheit für einen schönen, historischen Roman – es liegt so einiges Verlockendes auf meinem Lesestapel bereit – ich werde berichten.

Zudem freue ich mich auf eine weitere Opernpremiere in meinem Heimattheater: Auch Gaetano Donizetti’s „Roberto Devereux“ wird mich in eine andere Welt – ins London des Jahres 1601 – versetzen. Ich bin schon sehr gespannt.

Zudem habe ich auch Lust, mir wieder mal einen guten Film im Fernsehen anzusehen – auf ARTE steht am Sonntag, den 14. November um 20.15 Uhr zum Beispiel Hitchcock’s Klassiker „Der unsichtbare Dritte“ mit Cary Grant auf dem Programm. Das wäre doch etwas.
Oder doch wieder mal ein Hörspiel oder Hörbuch?
Ihr seht, auch die dunkle Jahreszeit bietet unzählige Möglichkeiten…

Ich wünsche Euch einen gemütlichen und entspannten November – macht es Euch schön, schafft Euch stimmungsvolle Momente und genießt das, was der Däne als „Hygge“ bezeichnen würde: eine Kerze anzünden, in die Decke kuscheln, eine Tasse Tee, guten Lesestoff oder Musik…

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Oktober:

Herrlich in diesen farbenfrohen Herbstmonat passte für mich heißer Sanddornsaft – wärmend und vitaminreich. Dazu die intensive Farbe im Glas – meine herbstliche, kulinarische Entdeckung in diesem Monat.


Musikalisches im Oktober:
In Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“ begegnet man der fünften Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy – der Reformationssinfonie. Musikalisch trifft sich das gut in dem Monat, in welchem auch der Reformationstag am 31. gefeiert wird.

Der Herbst

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen
Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

Die Zweig‘ und Äste durch mit frohem Rauschen
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

(Friedrich Hölderlin)

Gefühlvoller Schmetterling

Ganz große Oper – in jeder Beziehung – durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben. Die Premiere von Giacomo Puccini’s weltberühmter Oper „Madama Butterfly“ in Landshut war ein ganz besonderer und sehr emotionaler Abend, der mir wohl unvergessen bleiben wird.

Wenn vor einer Vorstellung – und schon gar bei einer Premiere – der Intendant die Bühne betritt, verheißt das meist nichts Gutes: In diesem Fall informierte er das Publikum, dass die Hauptdarstellerin des Abends Yitian Luan die Rolle der Butterfly Cio-Cio-San an diesem Abend aus gesundheitlichen Gründen leider nicht würde singen können. Doch der lange herbeigesehnte Premierenabend konnte dennoch gerettet werden, da mit Elizabeth Caballero, welche derzeit die Rolle an der Oper Stuttgart singt, kurzfristig ein hochkarätiger Ersatz gewonnen werden konnte.

Emotional war aber auch die Tatsache, dass die Niederbayerische Philharmonie zum ersten Mal seit März 2020 wieder vollzählig im Orchestergraben Platz nehmen und so die Zuschauer wieder in den Genuss des vollen Puccini-Orchester-Klangs kommen konnten. Bisher hatte man sich im Musiktheater während der Pandemie mit reduzierten Instrumentierungen und kleineren musikalischen Formationen beholfen.

Die Geschichte von Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ ist wohl weitestgehend bekannt – daher nur in Kürze: Ein amerikanischer Offizier geht während seiner Stationierung in Japan eine „Ehe auf Zeit“ mit der Geisha Cio-Cio-San ein. Sie verliebt sich unsterblich in ihn – obwohl dies für sie bedeutet, aus der Familie und japanischen Gesellschaft verstoßen zu werden – doch für ihn ist im Geheimen immer klar, dass er eines Tages eine amerikanische Frau heiraten wird. Er verlässt sie und sie wartet Jahr um Jahr darauf, dass er zu ihr und ihrem Sohn – von dem er nichts weiß – zurückkehrt. Bei seiner Rückkehr Jahre später bringt Pinkerton nicht den Mut auf, ihr gegenüber zu treten, sondern lässt ihr übermitteln, dass er den gemeinsamen Sohn mit nach Amerika nimmt, um ihm dort mit seiner Ehefrau eine bessere Zukunft zu bieten. So verliert Cio-Cio-San alles: ihren Geliebten, ihre Ehre und ihr Allerliebstes – ihren Sohn – und nimmt sich verzweifelt das Leben.

Großartig war die einfallsreiche und stimmige Inszenierung von Amir Hosseinpour und Jonathan Lunn, welche die bekannte Opernhandlung umrahmten: So tritt gleich zu Beginn – aber auch als roter Faden während des Stücks – der gemeinsame Sohn von Cio-Cio-San und Pinkerton „Dolore“ immer wieder auf die Bühne, der im New York der Fünfziger Jahre die „Butterfly Bar“ betreibt und sich nun anhand von Erinnerungsstücken mit der schmerzhaften Vergangenheit und Geschichte seiner Mutter auseinandersetzt. Ausdrucksstark rezitiert Uli Kirsch als Dolore aus Gedichten Rilke’s (in englischer Fassung) und überzeugt durch expressive Tanzszenen.

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke)

Die beiden Welten, die im Stück aufeinanderprallen: Japan und Amerika hat die Ausstatterin Andrea Hölzl, die für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, hervorragend umgesetzt. So mischt sie die asiatischen Elemente (in Form von farbenprächtigen Kimonos und Kostümen) in kräftigem Rot mit amerikanischen Anklängen, die an Andy Warhol erinnern – die Bar, die Cola-Dosen, das Petticoat-Kleid – Cio-Cio-San ist auch durch die unterschiedlichen Kostüme schon in ihrer Zerrissenheit zwischen japanischer Heimat und dem amerikanischen Geliebten, für den sie alles aufgibt, erkennbar.

Musikalisch war es ein Genuss, wieder vollen Orchesterklang hören zu dürfen und Puccini’s Oper ist dafür geradezu prädestiniert. Dirigent und GMD Basil H.E. Coleman durfte so endlich wieder einmal aus dem Vollen schöpfen.
Jeffrey Nardone gibt einen stimmlich kraftvollen Pinkerton und auch Kyung Chun Kim überzeugt als US-Konsul Sharpless mit seinem warmen Bariton. Reinhild Buchmayer singt eine gefühlvolle Suzuki, die vor allem auch im Blumenduett wunderbar harmoniert.

Der Star und Retterin des Abends war aber die quirlige, lebendige und stimmlich grandiose Elizabeth Caballero, die sich als kurzfristiger Ersatz und Gast hochprofessionell in die Inszenierung einfügte, schauspielerisch überzeugte und gesanglich wirklich glänzen konnte. Die schwere Partie der Cio-Cio-San meisterte sie mit einer souveränen Leichtigkeit und einer großen Variabilität im Ausdruck. Das Premierenpublikum war begeistert und bedankte sich mit tosendem Applaus.

Eine fulminante, umjubelte Premiere, die das Publikum berührte und im wahrsten Sinne des Wortes „ganz große Oper“ bescherte. Wieder einmal wurde klar, was in den vergangenen Monaten gefehlt und warum man dies vermisst hat.

So gehen am Ende noch beste Genesungswünsche an Yitian Luan, die hoffentlich in weiteren Vorstellungen ebenfalls in den Genuss kommen wird, das niederbayerische Publikum als Butterfly zu begeistern.

Gesehen am 22. Oktober 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Madama Butterfly“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Madama Butterfly“:

Zum Weiterhören:
Wer jetzt Lust auf die Oper bekommen hat und ein wenig hineinhören möchte, kann das zum Beispiel wunderbar mit der Arie der Butterfly „Un bel di vedremo“ tun. Zu den bekanntesten Interpretationen gehört sicherlich die von Maria Callas.

Zum Weiterlesen (I):
Eine schöne Möglichkeit, sich lesend und literarisch mit Giacomo Puccini zu beschäftigen, ist Helmut Krausser’s Roman „Die kleinen Gärten des Maestro Puccini“. Dem Autor ist es für meinen Geschmack hervorragend gelungen, biografische Elemente zu einem spannenden und sehr unterhaltsamen Roman zu verweben.

Helmut Krausser, Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
Dumont
ISBN: 978-3832179892

Zum Weiterlesen (II):
Madama Butterfly ist wohl eine, wenn nicht die bekannteste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Mythos der japanischen Geisha. Für mich unvergessen bleibt jedoch auch meine Lektüre des Romans von Arthur Golden „Die Geisha“, der 1997 erschien und den ich wohl kurz nach der Jahrtausendwende als englische Originalversion („Memoirs of a Geisha“) geliehen bekam und verschlungen habe.

Arthur Golden, Die Geisha
Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege
Penguin
ISBN: 978-3-328-10045-4

Augustbowle 2021 – Waschküche und Draußenzeit

Statt dem erhofften stabilen Sommerwetter hatte der August viel Waschküche im Programm: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und doch bot sich ein wenig mehr „Draußenzeit“ an. So konnte auch die Außengastronomie sich zumindest ab und zu wieder über mehr Gäste freuen, auch wenn die Zahl der richtig lauen Sommerabende dieses Jahr wohl zumindest gefühlt eher einstellig geblieben ist.

Ein wunderschöner Abend, der eigentlich auch für „draußen“ geplant war und dann doch „drinnen“ stattgefunden hat, war der Liederabend von Christian Gerhaher und Gerold Huber im Landshuter Rathausprunksaal – ein besonderer Abend, über den ich schon ausführlich berichtet habe.

Die Salzburger Festspiele standen dieses Jahr unter anderem im Zeichen von Mozart’s Oper „Don Giovanni“, die noch bis zum 05. November 2021 auf ARTE Concert zu sehen ist. Achtung, da kommt so einiges von oben auf die Bühne gekracht… die Neuinszenierung von Romeo Castellucci sorgte durchaus für Diskussionen.

Einen Grund zu Feiern gab es diesen Monat ebenfalls: am 14. August durfte meine Kulturbowle ihren ersten Jahrestag feiern – stilecht mit einer Himbeer-Heidelbeer-Geburtstags-Bowle. Und ich freute mich über die zahlreichen, schönen Rückmeldungen in den Kommentaren. Danke!

Im Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg läuft aktuell (vom 23. Juni 2021 bis zum 16. Januar 2022) die bayerische Landesausstellung „Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen“. Eine für meinen Geschmack sehr gut gemachte, kurzweilige, informative und interessante Ausstellung, die sich lohnt. Der Museums- und Ausstellungsbesuch hat mir viel Freude gemacht (vielleicht finde ich demnächst noch die Zeit, ausführlicher zu berichten) und die Stadt Regensburg ist sowieso immer einen Ausflug wert.

Der August entpuppte sich dieses Mal als etwas schwächerer Lesemonat für mich. Gerade einmal fünf Bücher habe ich gelesen. Auch hier merkt man, dass es diesen Monat möglich war, mehr Zeit draußen und mit anderen Aktivitäten zu verbringen.
Die fünf Bücher, welche es in meinen August geschafft haben, waren aber allesamt lesenswert:
Einen herrlich britischen Krimischmöker, der mir das regnerische Wetter auf der Couch mit Tee erträglich machte, war Susan Hill’s „Schattenrisse“. Der erste Fall von Inspektor Serrailler im Kathedralenstädtchen Lafferton überzeugte mich mit stimmigen Figuren, einer durchdacht erzählten Geschichte und konnte mich zugleich mit einer unerwarteten Wendung überraschen.

Für eine Theaterbegeisterte wie mich war Klaus Pohl’s Roman „Sein oder Nichtsein“, der jetzt endlich auch einen Verlag gefunden hat und als Buch erschienen ist, ein ganz besonderes Leseerlebnis. Der Blick hinter die Kulissen der „Hamlet“-Inszenierung von Peter Zadek aus dem Jahr 1999, der zugleich tief in die Seelen der beteiligten Schauspieler blicken lässt, ist ein Fest für alle, die Literatur und Theater lieben. Dass das „literarische Quartett“ den Roman ebenso positiv besprochen hat, wie ich in meiner Rezension (bereits ein paar Tage zuvor), freut mich daher sehr.

Schon bald werde ich auch ausführlich über Clare Chambers „Kleine Freuden“ berichten. Ein charmanter und liebenswürdiger Roman aus Großbritannien, der über eine Journalistin im London der 50er Jahre erzählt, die recherchiert, ob es tatsächlich einen Fall unbefleckter Empfängnis gegeben hat. Was das werden soll? Lasst Euch überraschen.

Die literarische Bewegung der Harlem Renaissance erfährt derzeit ebenfalls wieder eine Renaissance. Mit Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“ habe ich eines der wichtigsten Werke und einen Schlüsselroman dieser Strömung aus dem Jahr 1929 gelesen, der jetzt in einer deutschen Erstausgabe vorliegt. Ein intensives, schmerzhaftes und ungemein wichtiges Buch über Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung.

Last but not least: Uwe Wittstock „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ – ein großartiges Sachbuch über diesen entscheidenden, einschneidenden und dunklen Monat in der deutschen Geschichte, der so viele Literaten und Schriftsteller gezwungen hat, ihre Heimat zu verlassen und sich ins Exil zu begeben. Wenige Tage voller dramatischer Veränderungen, die der Autor konzentriert und dicht für den Leser auffächert und einordnet.

Was bringt der September?
Die neue Spielzeit am Landestheater Niederbayern geht los und ich freue mich schon riesig auf die erste Premiere des Schauspielensembles: „The King’s Speech“. Ein Stück, das sicherlich mit großen Rollen fantastische Möglichkeiten gibt, zu brillieren und da ich schon den Film sehr mochte, bin ich sehr neugierig und voller Vorfreude auf die Liveversion im Theater.

Ein bereits liebgewordene Tradition im September ist auch die Übertragung der „Last Night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London: dieses Jahr auf 3Sat zu sehen am Samstag, den 11. September 2021 um 22.15 Uhr oder ab 20.00 Uhr bereits in voller Länge live im Radio zu hören bei NDR Kultur.

Am Freitag, den 17. September 2021 um 19.00 Uhr überträgt die Bayerische Staatsoper kostenfrei per Livestream „Oper für alle: Konzert für Bayern“ vom Karlsplatz in Ansbach mit Jonas Kaufmann und Ekaterina Semenchuk – ein buntes Programm aus Mittelfranken unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors Vladimir Jurowski.

Viele Bloggerkollegen haben in den letzten Wochen eine Sommerpause eingelegt oder waren im Urlaub und kehren jetzt schön langsam wieder ins Geschehen zurück. Auch meine Monatsbowle ist im August (vermutlich auch aufgrund der geringeren Lektüre) ein wenig kürzer als sonst ausgefallen – vielleicht ist das meine reduzierte Form der Sommerpause.

Aber einige fotografische Sommerimpressionen aus diesem Monat möchte ich natürlich – wie mittlerweile üblich – noch mit Euch teilen.

In Niederbayern herbstelt es in den letzten Tagen schon deutlich, aber auf einen schönen Altweibersommer darf man ja vielleicht noch hoffen. So wünsche ich allen einen guten Start in den September und falls der Sommer nicht noch einmal zurückkehren will, eben gleich einen schönen Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight August:
Ein Höhepunkt im August war sicherlich die Himbeer-Heidelbeerbowle zur Feier meines einjährigen Blogjubiläums. Frische Beeren, Wein, prickelnder Sekt, gute Laune und dazu die zahlreichen Gratulationen und freundlichen Kommentare meiner Leser haben mich sehr gefreut. So geht man motiviert ins zweite Bloggerjahr.

Musikalisches im August:
Auch wenn ich den Film dieses Mal nicht in voller Länge gesehen habe: die „Blues Brothers“ liefen im August ebenfalls wieder mal im Fernsehen. Musik, die mich schon lange begleitet und spätestens seit einer genialen Inszenierung der Musicalversion meines Heimattheaters in der Spielzeit 2018/2019 wieder mit unsterblichen Ohrwürmern wie „Everybody needs somebody to love“, „Gimme some lovin“, „Think“ und so weiter und so weiter… stets gut gelaunt werden lässt.

„All the world’s a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts…“

(William Shakespeare, „As you like it“)

Geburtstagsbowle Nr.1

Ein Jahr Kulturbowle – unglaublich, aber wahr. Heute vor einem Jahr habe ich meinen ersten Beitrag auf diesem Blog veröffentlicht und mein neues Abenteuer begonnen. Corona hatte die Welt im Griff, an eine Impfung war noch nicht zu denken und statt einer Sommerurlaubsreise hatte ich mich entschieden, diese neue Reise zu beginnen. Am 14. August 2020 ging mein Beitrag „Auf zu neuen Ufern“ hinaus in die Welt – meine kreativ-trotzige Antwort auf die Pandemie.

So viel Mut hatte ich mir vorher gar nicht zugetraut, ich war gespannt, wie sich alles entwickeln würde und wurde mehr als positiv überrascht.
Ein Jahr, das trotz der Ausnahmesituation und der außergewöhnlichen Umstände dann doch schnell vergangen ist – auch dank meiner Bowle, die mir in dieser Zeit sehr viel Freude und Ablenkung bereitet hat.
Das Bloggen erwies sich gerade in Zeiten des Social Distancing als wahrer Glücksfall und sehr schönes, neues Hobby, das einen mit Gleichgesinnten, kulturell interessierten und kreativen Menschen in Verbindung bringt.

Vieles ist seitdem passiert: ich durfte viele interessante, kreative und nette Blogger und ihre Vielfalt an wunderbaren Blogs kennenlernen, die ich nicht mehr missen möchte. Sie inspirieren, bereichern, geben Denkanstöße, Lektüretips oder gute Anregungen und Kochrezepte für die nächste Mahlzeit, die man ja im letzten Jahr auch so häufig wie nie zuvor selbst zu Hause zubereitet hat.
Mit manchen Bloggerkollegen gehe ich virtuell auf Bergtouren, die ich selbst niemals machen würde, darf verreisen oder mit ins Kino oder ins Museum gehen.
Ich darf tolle Bilder und Fotos bewundern, erfahre, was unsere Nachbarn in Italien bewegt oder wie ein Buch von anderen wahrgenommen wird. Die Blogs eröffnen andere Sichtweisen und Perspektiven, die bereichern und das Leben bunter machen.

Zudem durfte ich mich über positive Resonanz, schöne Kommentare, interessierte Follower und zahlreiche Likes freuen. Vielen Dank dafür – all dies freut mich sehr!

Wie sehr ich Bücher liebe, dürfte den meisten Lesern wohl mittlerweile aufgefallen sein – sie sind Herzstück der Kulturbowle, aber gefreut hat mich auch, dass ich zumindest nach und nach neben den Buchrezensionen auch wieder über kulturelle Ereignisse berichten konnte. Ich hoffe sehr, dass dies auch in der kommenden Zeit so bleiben und weiter möglich sein wird.

So gehe ich glücklich und motiviert in mein zweites Bloggerjahr und hoffe, dass sich die Kulturbowle weiter so schön entwickelt wie bisher, meine Leser mir treu bleiben und ebenso viel Freude daran haben wie ich.

Ich habe noch einige Ideen, die ich nach und nach umsetzen möchte und werde weiter über Bücher, Theater, Oper, Musik, Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen schreiben und versuchen, Neugier zu wecken und Lust darauf zu machen – gerade die Kulturszene braucht jetzt dringend ein Erwachen und einen Neustart!

Und wie könnte man einen solchen, ersten Geburtstag gebührender feiern als mit einer Bowle: waren es letztes Jahr beim Auftakt die Erdbeeren, so gibt es dieses Jahr eine Himbeer-Heidelbeer-Bowle und selbstverständlich einige fotografische Impressionen!

Zum Wohl! Auf die Gesundheit und ein weiteres, schönes Jahr Kulturbowle!
Viel Spaß beim Lesen und Stöbern – Gäste sind jederzeit und herzlich willkommen!

Julibowle 2021 – Sommerpausen und Festspielzeiten

Aktuell verabschieden sich viele Blogger in eine Sommerpause und nehmen sich eine Auszeit – auch die Theater gehen in die sommerliche Spielzeitpause, dafür beginnt anderenorts die Festspielzeit. So war der Juli eine Zeit des Übergangs, ein Wechselspiel aus Sommerpausen und Festspielhöhepunkten – ein Gehen und Kommen.

So konnte ich Anfang Juli noch einmal einen wunderschönen Freiluft-Theaterabend in Landshut genießen – der mich in Wiener Heurigenstimmung versetzte und „Zur fesch’n Wirtin“ entführte, bevor sich dann das Landestheater Niederbayern in die Sommerferien verabschiedete.

Doch kulturell war dank eines reichhaltigen Festspielangebots per Livestream wirklich viel geboten, so dass bislang kein spürbares Sommerloch entstanden ist:
So konnte ich die Neuinszenierung der Bayreuther Festspiele „Der fliegende Holländer“ als Stream genießen – mit einer umjubelten Asmik Grigorian als Senta und einem für mich überragenden Daland gesungen von Georg Zeppenfeld.
Zudem gab es auch Wagner aus München: „Tristan und Isolde“ als „Oper für alle“, die ebenfalls per Livestream zu sehen war. Anja Harteros und Jonas Kaufmann gaben ihr Rollendebüt an der Bayerischen Staatsoper – ein emotionaler Abschied auch für den scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler und Kirill Petrenko, der bereits die Leitung der Berliner Philharmoniker übernommen hat. Sehr sehenswert und mit einem geradezu unfassbaren Staraufgebot versehen, war auch das Abschiedskonzert „Der wendende Punkt“.
Und auch Mozart war im Livestream zu erleben: Ebenfalls aus München gab es den „Idomeneo“ aus dem Prinzregententheater, der mich vor allem durch die großartigen Gesangsleistungen von Matthew Polenzani (Idomeneo), Emily D’Angelo (Idamante), Olga Kulchynska (Ilia) und Hanna-Elisabeth Müller (Elettra) überzeugte.

Doch auch zwei filmische Bildungslücken konnte ich im Juli dank des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schließen: Marcus H. Rosenmüller’s Spielfilm über den legendären Torwart „Trautmann“ und den großartigen und völlig zurecht oscarprämierten Film „Green Book“.

Schön auch, dass man wieder einmal eine Ausstellung besuchen kann: In der Landshuter Heiliggeistkirche ist aktuell „Peter Mayer – Totems und Fabelwesen. Eine Reise ins Paradies“ zu sehen. Der 2009 verstorbene Schwandorfer Künstler hat aus den Materialien Ton und Bronze Werke geschaffen, die unter anderem auch durch Studienaufenthalte in den USA und seiner Begegnung mit der Kultur der Native Americans geprägt wurden.

Meine Lektüre im Juli hatte überwiegend sehr sommerlichen Charakter:
Mit Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ und Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ konnte ich zwei sehr unterschiedliche Frankreich-Krimis kennenlernen, die mir gut gefallen haben. Bei Gelegenheit werde ich hier noch näher berichten.

Inspiriert durch die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ habe ich den Autor Max Mohr und seinen Roman „Frau ohne Reue“ aus dem Jahr 1933 für mich entdeckt. Eine intensive Lektüre, die es verdient, wieder ins Bewusstsein der Menschen geholt zu werden, da sie große Themen von zeitloser Gültigkeit behandelt.

Aus dem gleichen Jahrzehnt stammt das 2020 posthum veröffentlichte Werk der Verlegerin Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“. Ein grandioses Sommerbuch, das für mich der perfekte Beitrag zur Indiebookchallenge im Juli (#Sommerbuch) war, denn dieser Roman „schmeckt wirklich nach Sommer“. Sprachlich wunderschön – für mich ein ganz großer Lesegenuss!

Eine interessante Perspektive eröffnete Rolf Käppeli’s Roman „Vom Ende einer Rütlifahrt“, der die unterschiedlichen Haltungen und Stimmungen der Bevölkerung 1944 in der Schweiz beschreibt. Auf einem Raddampfer auf dem Vierwaldstätter See tauscht eine bunt gewürfelte Reisegesellschaft auf einem Betriebsausflug ihre Meinungen aus – da kann es durchaus hitzig werden.

Passend zur Festspielzeit ließ ich mich von Manfred Baumann’s Regionalkrimi „Salzburgsünde“ in die schöne Stadt an der Salzach entführen. Gerade das Salzburger Flair macht für mich den Reiz dieser Krimireihe um Kommissar Merana aus und so wanderte ich mit ihm dieses Mal auf den Kapuzinerberg und besuchte zumindest literarisch den „Parsifal“ im Großen Festspielhaus.

Eine Auszeit der anderen Art verschaffte mir das Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ von Andreas Schwab, in welchem er zehn Künstlerkolonien, ihre Geschichte und Entwicklung sowie die prägenden Künstlerpersönlichkeiten der jeweiligen Orte beschreibt. Eine aufschlussreiche Lektüre, die einen guten ersten Einstieg in die Thematik gibt und inspiriert, sich weiter mit dem Phänomen „Künstlerkolonien“ zu befassen.

Gefordert und beschäftigt hat mich auch Jaume Cabré’s Roman „Eine bessere Zeit“, den ich Euch demnächst auch noch näher vorstellen möchte. Schließlich steht die nächste Station meiner Europabowle bzw. literarischen Europareise vor der Tür: Spanien.

Was bringt der August?

Weitere Möglichkeiten, sich ein wenig Festspielflair nach Hause ins Wohnzimmer zu holen:
Auf den „Don Giovanni“ der Salzburger Festspiele am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr auf ARTE (oder ORF2) bin ich schon sehr gespannt.
Eine weitere Da Ponte-Oper steht auf ARTE Concert noch bis zum 08.07.2022 zur Verfügung: „Le nozze di Figaro“ von den Opernfestspielen aus Aix-en-Provence .

Bald gibt es auch den ersten Geburtstag meiner Kulturbowle zu feiern – unglaublich wie die Zeit vergeht.

Ansonsten hoffentlich noch einige schöne Sommerabende, Zeit im Freien und mit Sicherheit auch wieder gute, spannende und vielseitige Lektüre, über die ich selbstverständlich berichten werde.
Ich wünsche weiterhin allen Lesern und Bloggerkollegen – ob mit oder ohne Urlaub oder Sommerpause – einen schönen August, entspannte Sommertage und eine gute Zeit mit Kulturgenuss und Bücherlust!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Juli:
Die Tomaten werden reif – eine schöne, rote San Marzano aus eigenem Anbau, da schmeckt man doch den Sommer – auch wenn man dieses Jahr ein wenig Geduld haben musste.

Musikalisches im Juli:
Meine musikalische Neuentdeckung dieses Monats war sicherlich das koreanische Volkslied „Arirang“, das die Sänger des Passauer Musiktheaterensembles Heeyun Choi und Kyung Chun Kim beim Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ als überraschendes und berührendes Element einstreuten. Bis zu diesem schönen Abend im Landshuter Prantlgarten war mir das Lied nicht bekannt – nach der anschließenden Wikipedia-Recherche weiß ich nun, dass es von der UNESCO sogar in der Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit geführt wird und dass es bei internationalen Sportveranstaltungen für gesamtkoreanische Mannschaften sogar als Ersatz der Nationalhymne eingesetzt wurde.

„Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!“

(aus dem Libretto von Richard Wagner’s „Der fliegende Holländer“)

Spannung, Spiele und Salzburg

Am 17. Juli haben die Salzburger Festspiele klassisch und traditionell mit einem „Jedermann“ begonnen. Bis zum 31. August ist die Stadt an der Salzach jetzt wieder Bühne für Oper, Theater, Musik und Kultur. Festspielzeit in Salzburg ist auch in Manfred Baumann’s neuestem Krimi „Salzburgsünde“, dem mittlerweile bereits neunten Band aus der Reihe um Kommissar Merana – in diesem Fall handelt es sich jedoch um die Osterfestspiele.
Salzburg ist immer eine Reise wert und so war dieser Krimi für mich eine willkommene Gelegenheit, das zumindest literarisch von zu Hause aus – ohne touristisches Gewusel und Gedränge in der Getreidegasse – ganz entspannt zu tun.

Auch der neunte Merana hat wieder alles, was zu einem klassischen Regionalkrimi dazugehört:
Eine Leiche – in diesem Fall eine ziemlich alte, denn auf dem Kapuzinerberg wird ein Skelett bzw. ein Totenschädel gefunden, der zu einer Frau gehört, die bereits vor 65 Jahren verschwunden ist. Ob da wohl noch ein Täter ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann?
Einen sympathischen Kommissar mit dunklen Flecken in der Vergangenheit – Martin Merana, der bereits auf tragische Art und früh zur Waise wurde und bei seiner Großmutter aufgewachsen ist, die er daher über alles liebt.
Politische und persönliche Verstrickungen, denn schon bald stellt sich heraus, dass Merana die Tochter des Opfers kannte und daher ein ganz besonderes Interesse daran hat, den Fall zu lösen.
Den traditionellen Besuch im Stammlokal „Da Sandro“, wo man sich stets mit bester italienischer Kost, Pasta und Wein um das leibliche Wohl des Kommissars kümmert.
Und natürlich viel Salzburger Lokalkolorit: So erfährt man dieses Mal etwas über die Osterbräuche, wie das Ratschen und taucht ab in das Geschehen rund um die Osterfestspiele. Gemeinsam mit Merana besucht man eine Aufführung des Parsifal von Richard Wagner.

„Er schrieb oft im Kopf sein völlig eigenes Libretto. Oder, besser ausgedrückt, viele Fußnoten, Anmerkungen, Ermittlerfragen zum Libretto. Er konnte einfach nicht anders. Er war und blieb Kriminalpolizist.“

(S.51)

Zudem wandert man mit ihm zum Fundort der Leiche auf den Kapuzinerberg und genießt die Aussicht…

„Wie immer, wenn er heraufkam, wollte er den verschwenderisch pompösen Ausblick genießen. Er trat an die Mauer, atmete tief durch. Der Anblick war schier unbeschreiblich. Er schaute hinüber zum Mönchsberg. Dort dominierte das Prunkstück der gesamten Szenerie: die Festung. Ihr zu Füßen ruhte die Stadt mit Häusern, Kirchen, spektakulären Dachlandschaften. Dazwischen wand sich der Fluss, das Silberband der Salzach. Ein wahres Schmuckstück bot sich seinen Augen, ein Juwel zwischen den Stadtbergen.“

(S.79)

Der Fall der vor langer Zeit verschwundenen Lehrerin, die bei ihren Schülern sehr beliebt war, bekommt bald schon zusätzliche aktuelle und politische Brisanz.
Dass der Kommissar plötzlich auch in höchsten Industriellenkreisen und in einem potenziellen Umweltskandal ermittelt, missfällt zudem seinem Vorgesetzten und so muss er auf dem glatten Parkett der Salzburger High Society sein diplomatisches Geschick beweisen. So wandelt sich der vermeintliche „cold case“ schnell zu einer heißen Angelegenheit, die Merana schließlich selbst in Gefahr bringt…

Ich mag diesen Merana, flaniere gerne mit ihm durch Gassen, genieße Kunst und Kultur und verstehe seine Vorliebe für den Lieblingsitaliener um die Ecke – dass ich bei jedem Fall wieder ein klein wenig mehr über Salzburg erfahre, das zeichnet diese Krimis für mich aus.
Liebhaber blutrünstiger Spannungsliteratur oder Fans vertrackter Psychothriller, die das Blut in den Adern gefrieren lassen, sollten wohl besser die Finger von Manfred Baumann’s Büchern lassen. Wer aber Salzburg liebt, gerne im Café Tomaselli sitzt und seinen Verlängerten, eine Melange oder einen Einspänner trinkt, hin und wieder mit Genuss eine Mozartkugel isst, gerne Konzerte oder Opern besucht und dann noch ein Faible für klassische Regionalkrimis hat, der wird seine Freude haben und Kommissar Merana ins Herz schließen.

Den ersten Fall von Kommissar Merana „Jedermanntod“ kaufte ich vor einigen Jahren im Buchladen am Salzburger Hauptbahnhof vor der Heimfahrt nach einem herrlichen, entspannten Tag in der Stadt als Andenken und gleichsam als willkommene Verlängerung des schönen Aufenthalts. Seitdem bin ich auch mit weiteren Bänden der Reihe durch die Krimilektüre immer wieder gerne ins schöne Salzburg zurückgekehrt – zumal gerade der Lokalkolorit und die kulturellen Ausflüge in die Musik-, Theater- und Opernwelt für mich den Charme dieser Bücher ausmachen.
Gerade neu erschienen war „Salzburgsünde“ daher für mich eine willkommene, entspannte und unterhaltsame Sommerlektüre.

Die Lust auf die Salzburger Festspiele ist auch geweckt, daher noch ein paar Tips bzw. Termine:
Am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr ist auf ARTE (oder ORF2) Mozart’s „Don Giovanni“ aus dem Großen Festspielhaus zu erleben (Regie: Romeo Castellucci; Musikalische Leitung: Theodor Currentzis).

Samstag, den 21. August 2021 um 22.15 Uhr strahlt 3sat die diesjährige Neuinszenierung von Luigi Nono „Intolleranza 1960“ unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher aus.

Alle, die ORF empfangen können, haben am Freitag, den 27. August 2021 um 20.15 Uhr auf ORF2 die Möglichkeit Anna Netrebko als Puccini’s „Tosca“ zu sehen – Ehemann Yusif Eyvazov gibt den Cavaradossi und Ludovic Tézier singt den Baron Scarpia.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Manfred Baumann, Salzburgsünde
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0075-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Manfred Baumann’s „Salzburgsünde“:

Für den Gaumen:
Im Rahmen seiner Ermittlungen verschlägt es Merana auch an den nahegelegenen Fuschlsee, wo er die Möglichkeit nutzt, um exquisit zu speisen: auf der Tageskarte steht ein Filet vom Seesaibling mit Paprikapolenta.

Zum Weiterhören:
Baumann stellt gerne Opern oder Theaterstücke ins Zentrum seiner Krimis – während der Festspiele scheint ja ganz Salzburg eine Bühne zu sein. So hieß unter anderem der Auftakt der Reihe „Jedermanntod“, ein späterer Band „Zauberflötenrache“. In „Salzburgsünde“ ist das beherrschende Stück Richard Wagner’s Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das Kommissar Merana während der Osterfestspiele besuchen darf (zum Hineinhören bietet sich der „Karfreitagszauber“ an).

Zum Weiterlesen:
Meine allererste Rezension auf der Kulturbowle war dem Salzburg-Roman von Opernstar Rolando Villazón „Amadeus auf dem Fahrrad“ gewidmet – eine wahre Liebeserklärung an Salzburg, die Musik, Mozart, die Oper und die Kunst – ein Buch ganz nach meinem Geschmack und ein würdiger Auftakt für meinen Blog (vor mittlerweile nicht ganz einem Jahr).

Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

Junibowle 2021 – Mittsommer und Lichtblicke

Der Juni wartete mit heißen Sommertagen, heftigen Gewittern und Unwettern auf, aber er bot auch Mittsommerstimmung, lange, helle Tage und erste Lichtblicke im kulturellen Bereich. So konnte ich seit langem endlich (!) wieder einmal Live-Theater im Freien genießen (meinen begeisterten Bericht zum Alpen-Rustical Der Watzmann ruft! im Landshuter Prantlgarten findet ihr hier zum Nachlesen.)

Ein Fixstern in meinem jährlichen Kulturkalender ist in der Regel auch das Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker, das ich zwar noch nie live vor Ort erlebt habe, aber schon viele Jahre begeistert vor dem Fernsehschirm verfolge. Auch dieses Jahr merkte man dem Publikum die große Freude über dieses besondere Live-Erlebnis an und es war schön, in die glücklichen Gesichter der Zuschauer und Musiker blicken zu können. Die Mischung aus Filmmusik, Martin Grubinger’s Percussion-Künsten, Gershwin, Bernstein und der „Berliner Luft“, die nie fehlen darf, war stimmungsvoll und sehenswert (in der ARD mediathek ist das Konzert noch bis zum 26.08.21 kostenlos verfügbar).

Und auch eine gestreamte Oper meines Heimattheaters konnte mich im Juni begeistern: Mit Antonio Vivaldi’s „Herkules am Thermodon“ brachte das Landestheater Niederbayern die deutsche Erstaufführung dieser Oper, die erst in den letzten Jahren rekonstruiert wurde, auf die Bühne. Eine unterhaltsame, kurzweilige Barockoper und eine wirkliche Rarität, die mir einen schönen Opernabend auf meiner Couch bescherte. Bis zum 13. Juli 2021 besteht noch die Möglichkeit, sich dieses ganz besondere Opernerlebnis in der Mediathek des Landestheaters Niederbayern (kostenfrei – gerne gegen eine freiwillige Spende) anzusehen. Auch die kurze Werkeinführung im Gespräch mit dem GMD Basil H. E. Coleman in der Mediathek ist sehr interessant.

Aber auch meine Juni-Lektüre war sehr vielseitig und wenn ich so auf die gelesenen Titel blicke waren diesen Monat wirklich viele großartige Bücher dabei, die mir lange in Erinnerung bleiben werden:

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne einen Maigret-Krimi – im Juni hatte mich meine literarische Reise an die Côte d’Azur zu Georges Simenon’s „Maigret in der Liberty Bar“ greifen lassen. Ein Buch, in dem nicht nur der Ermittler in Urlaubsstimmung gerät, sondern auch der Leser.

Venedig und Sizilien sind die Schauplätze in Wolfgang Schorlau’s und Claudio Caiolo’s „Der Tintenfischer“ – der zweite Fall für Commissario Morello behandelt brisante Themen und lässt dennoch auch dem italienischen Lokalkolorit viel Raum.

Ein richtig opulenter Schmöker für den Liegestuhl war Madeline Miller’s „Ich bin Circe“, der bei mir verschüttetes Wissen über die Welt und Figuren der griechischen Sagen und Mythologie wieder aufgefrischt hat. Faszinierend, wie modern man die Geschichte der Zauberin Circe auch heute noch erzählen kann.

Meine Europabowle oder Literarische Europareise führte mich ebenfalls nach Griechenland auf ein Landgut nahe Athen: Margarita Liberaki’s Roman „Drei Sommer“ aus dem Jahr 1946, der in Griechenland bereits als Klassiker gilt und jetzt als deutsche Übersetzung vorliegt, erzählt die Geschichte dreier Schwestern, die mit völlig unterschiedlichen Erwartungen und Einstellungen an das Leben und die Liebe jeweils ihren Platz im Leben suchen. Eine feine, intelligente Sommerlektüre.

Völlig hin und weg war ich von Judith Fanto’s Debütroman „Viktor“, der auf kluge und sehr humorvolle Art die Geschichte der jüdischen Generation erzählt, welche den Holocaust nicht mehr selbst erlebt hat und häufig gegen das Schweigen in der eigenen Familie ankämpft. Ein grandioses Buch, das mit Witz, Charme, tollen Figuren und einer wichtigen Aussage ganz klar zu den Lesehöhepunkten in diesem Jahr zählen wird. Ein Werk, das Kultur, Musik und Literatur zelebriert und so ganz nach meinem Geschmack ist.

Als sehr lohnens- und empfehlenswert stellte sich auch die Lektüre eines norwegischen Klassikers heraus: Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ – der erste Teil ihrer nobelpreisgekrönten Trilogie über eine starke und eigenwillige Frau im Mittelalter erwies sich in der zeitgemäßen Neuübersetzung von Gabriele Haefs als intensive Lektüre mit einer feinen Figurenzeichnung und ausdrucksstarken Landschaftsbeschreibungen der norwegischen Natur.

Besondere Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen, aber vor allem auch das Meer in all seinen Facetten prägten auch den Roman „Der dunkle Sog des Meeres“ der kanadischen Autorin Roxanne Bouchard, der auf der Gaspésie-Halbinsel in der französischsprachigen Provinz Québec spielt. Eine erfahrene Seglerin kommt ums Leben und ihr Tod gibt dem Ermittler und gebürtigen Mexikaner Joaquín Morales einige Rätsel auf, die es zu lösen gilt.

Absolut fasziniert hat mich der schmale, aber ungemein erfüllende Band „Ein Monat in Siena“ des pulitzerpreisgekrönten, libyschen Autors Hisham Matar. Wie er über seine Liebe zur Kunst, über Gemälde, die Stadt Siena, seine Mitmenschen und das Leben schreibt, verzaubert und lässt sich in Kürze schwer in Worte fassen (aber ich werde bald ausführlicher berichten) – am besten liest man es einfach selbst und genießt es.

Es gibt Krimi-Reihen, die ich aus liebgewordener Tradition lese und bei welchen ich keinen Band verpasse. Dazu gehört die Bruno-Reihe von Martin Walker und so war auch der gerade als Taschenbuch erschienene Fall „Connaisseur“ eine sommerliche Krimi-Pflicht-Lektüre, die mich wieder einmal ins Périgord führte. Ein Wiedersehen mit bekannten, liebgewonnenen Figuren, aber für mich zählte dieser nicht unbedingt zu den stärksten Bänden der Reihe.

Ein besonderes Schmankerl und sehr unterhaltsames Sommerbuch beschloss meinen reichen Lese-Juni: Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“. Die Frauenrechtlerin und Großmutter Katja Mann’s hat ein luftig-leichtes und doch auch tiefgründiges Werk geschaffen, das die Sommerfrische in einem Ostseebad auf Usedom um die Jahrhundertwende auf herrlich amüsante Art verewigt hat. Ursprünglich 1909 erschienen, gibt es nun eine schön gestaltete Neuausgabe der Büchergilde aus der Reihe „Büchergilde unterwegs“ (auch hierzu in Bälde mehr).

Viele Bücher mit sommerlichem und Urlaubs-Charakter und vielleicht ist ja auch die eine oder andere Anregung fürs Urlaubsgepäck oder den heimischen Liegestuhl dabei.

Was wird der Juli bringen?
Unbedingt nochmal Live-Theater (am allerliebsten bei gutem Wetter wieder im Freien) mit einem weinseligen Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ des Passauer Musiktheaterensembles – bei Sommerwetter und einem kühlen Glas Wein sicher ein Genuss.

Im Fernsehen besteht die Möglichkeit auch ohne Eintrittskarten die beiden Konzerte der Reihe „Klassik am Odeonsplatz“ zu sehen:
Am 10. Juli spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gemeinsam mit der Cellistin Sol Gabetta ein schönes Programm mit Debussy, Schumann und Strawinsky, auf das ich mich schon freue: zu sehen live im BR Fernsehen und auf 3Sat (ab 21.15 Uhr).
Am 17. Juli um 20.15 Uhr zeigt 3Sat (und ZDF am 09.07. ab 22.30 Uhr) eine Aufzeichnung des Konzerts vom 09. Juli mit den Münchner Philharmonikern und der Pianistin Yuja Wang, die unter anderem das zweite Klavierkonzert von Rachmaninov interpretieren wird.

Lektüretechnisch bin ich – wie unschwer zu erkennen ist – ohnehin bereits in bester Sommerlaune und auch die Indiebookchallenge im Juli lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag, das nach Sommer schmeckt (#Sommerbuch) – ich habe meine Wahl schon getroffen, das Buch liegt (neben einigen anderen) bereit, um gelesen zu werden und ich werde berichten.

Ich wünsche allen einen schönen, sommerlichen Juli zum Durchatmen, Sonne und Energie tanken mit viel Lebensfreude, schönen kulturellen Erlebnissen und guten Büchern!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Juni:
Die Walderdbeeren-Ernte aus dem eigenen Blumenkasten hat begonnen. Es ist immer wieder unglaublich, welch intensives Aroma in den kleinen Früchtchen steckt und ein Genuss, sich diese auf der Zunge zergehen zu lassen.

Musikalisches im Juni:
Schwungvoll, gut gelaunt und großartig auf die Berliner Waldbühne passte die Ouvertüre zu Leonard Bernstein’s Operette „Candide“ – basierend auf Voltaire’s satirischem Roman „Candide oder der Optimismus“. Wer sie nicht kennt, unbedingt mal reinhören – vielleicht kommt sie einem dann doch bekannt vor.

Maibowle 2021 – Regentropfen und Grünexplosion

Der Mai war regenreich und ließ die Natur in einer saftigen Üppigkeit grünen und gedeihen, die herrlich anzuschauen ist. Das Sommergefühl wollte sich jedoch noch nicht einstellen. Vielmehr blieb an Regentagen auch weiterhin viel Zeit zum Lesen und so ist wieder ein ordentlicher Stapel zusammengekommen.

Zudem habe ich auch wieder ein paar schöne kulturelle Streamingangebote wahrgenommen, aber Gott sei Dank zeigen sich jetzt auch erste Hoffnungsschimmer am Horizont, dass zukünftig auch wieder Live-Erlebnisse in Theatern und Konzertsälen möglich sein werden.

So waren zum Beispiel in der Münchner Staatsoper bei der konzertanten Aufführung des ersten Akts von Richard Wagner’s „Walküre“ mit Starbesetzung (Lise Davidsen, Jonas Kaufmann und Georg Zeppenfeld) auch wieder Zuschauer im Nationaltheater. Welch tolles Gefühl, wenn am Ende wieder der gebührende Applaus erklingt – das gibt auch zu Hause auf der Couch gleich wieder ein anderes Gefühl.

Humorvolle Leichtigkeit versprühte die Operette „Gräfin Mariza“, die in einem Livestream der Oper Leipzig im Mai online zu erleben war. Amüsant und ironisch nahm die Inszenierung auch die aktuelle Situation aufs Korn, als das sich in der corona-konformen Inszenierung findende Pärchen plötzlich feststellte:

„Jetzt müssten wir uns eigentlich umarmen und küssen. Jedenfalls haben wir das früher so gemacht. Das war eine schöne Zeit.“

(aus „Gräfin Mariza“ in der Inszenierung der Oper Leipzig; Livestream 08.05.21)

Und auch die Semperoper Dresden feierte mit Richard Strauss’ „Capriccio“ die Oper in einer schönen Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog mit einem großartigen Georg Zeppenfeld als Theaterdirektor La Roche und Camilla Nylund als Gräfin Madeleine. Auch die weiteren Rollen sind unter anderem mit Christa Mayer und Daniel Behle erstklassig besetzt. Dieser Musikgenuss und zugleich „Oper über die Oper“ ist noch bis zum 14.07.21 in der ARTE Mediathek (ARTE Concert) kostenfrei abrufbar.

Kultur und Kunst spielte aber auch in meiner Mai-Lektüre eine große Rolle:
So gewährte mir gleich der Kunst-Krimi von Bernhard Jaumann „Caravaggios Schatten“ zu Monatsbeginn einen tieferen Einblick in das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio und unterhielt mich mit einem spannenden Fall des Artnapping, in welchem die Kunstdetektei Schleewitz in Potsdam und München ermittelt.

Als facettenreich und zeitgeschichtlich sehr interessant entpuppte sich Christoph Peters’ „Dorfroman“, der vor dem Hintergrund der Anti-Atomkraft-Proteste gegen den schnellen Brüter am Niederrhein viele Themen anpackt: Entwurzelung der jungen Generation, der Wandel der Bedeutung der Kirche, zunehmende Individualisierung und ein abnehmendes Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft.

Susanna Clarke’s „Piranesi“ ließ mich dagegen etwas zwiegespalten zurück: Zu Beginn fand ich den experimentellen, phantasievollen Roman durchaus interessant und ich las ihn in einer gewissen ständigen Habachtstellung und mit großer Aufmerksamkeit, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen. Ein ständiges Rätseln um tiefere Bedeutung und philosophische Interpretation, das ich am Ende für mich jedoch nicht zufriedenstellend auflösen konnte. Ausführliche Besprechungen zum Roman gibt es unter anderem bei Bingereader, letusreadsomebooks und notizhefte.

Erfreulich war, dass ich meine literarische Europareise bzw. Europabowle mit Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“ fortsetzen konnte und zwar nach Rumänien in die Hauptstadt Bukarest. Eindringlich beschreibt die Autorin, welche Auswirkung das politische System und die Diktatur auf die privaten Schicksale und Lebensläufe der Menschen über lange Zeit hatte. Eine intensive, kluge und fordernde Lektüre, in der man viel über die Geschichte Rumäniens erfahren kann.

Literarische Theatermomente bescherte mir Cora Sandel’s Roman „Café Krane“ aus dem Jahr 1945, der den Leser in ein nordnorwegisches Städtchen in den Zwanziger Jahren entführt. Eine kammerspielartige Szenerie, die ausschließlich in einem Kaffeehaus spielt und in konzentrierter Form ein Gesellschaftsbild dieser Zeit entwirft. Eine wirkliche Entdeckung!

Zu meinen Lieblingen in diesem Monat zählte jedoch auch ganz klar der Sardinien-Krimi von Gesuino Némus „Die Theologie des Wildschweins“. Es ist herzerfrischend wie im Sommer 1969 der Dorfpfarrer, der zugezogene Piemonteser Polizist und Außenseiter gemeinsam mit dem Dorfpolizisten und dem Tierarzt einen Kriminalfall in einem sardischen Bergdorf lösen. Viel Lokalkolorit und sommerliche Urlaubsstimmung, die mich beim Lesen in nachhaltig gute Laune versetzt hat.

Eine völlig andere Lektüre, aber ein großer Lesehöhepunkt war für mich Hildegard E. Keller’s „Was wir scheinen“ – der Roman, in dem sie Hannah Arendt während eines Urlaubs am Ende ihres Lebens im Tessiner Tegna auf die bedeutsamen Stationen und die wichtigen Menschen in ihrem Leben zurückblicken lässt. Ein intensiver, intelligenter und empfindsamer Roman, der mich tief berührt hat.

Ein außergewöhnliches und sehr inspirierendes Buch war für mich Doris Dörrie’s „Leben Schreiben Atmen“ – das eine Einladung und eine Aufmunterung darstellt, sich doch selbst im Schreiben und auch im autobiographischen Schreiben zu versuchen. Zugleich geht sie mit gutem Beispiel voran und erzählt in kurzen Kapiteln sehr persönliche Momente, Kindheitserinnerungen und Schlüsselereignisse aus ihrem Leben. Stilistisch hervorragend eingefangene Skizzen über geliebte Menschen, Szenen der Trauer und des Verlusts, aber auch des Glücks – die gesamte Gefühlspalette gebannt in einem schmalen, aber um so intensiveren Buch, das wirklich Lust macht, sich auch selbst einmal – wenn auch nur für sich persönlich – ans Schreiben zu wagen.

Bei all dem Regen im Mai drängte sich unweigerlich ein Titel auf, der in meinem Regal schlummerte: Sigrid Damm’s „Sommerregen der Liebe“, in welchem sie neben 231 abgedruckten Originalbriefen von Goethe an Charlotte von Stein auch die komplizierte Liebesbeziehung der beiden näher beleuchtet und geschichtlich einordnet. Berührende Liebesbriefe zu lesen und zugleich viel über Goethes Zeit in Weimar zu erfahren, das war ein Sommerregen, den ich nicht nur ertragen, sondern sogar genießen konnte.

Doch nach dem Regen ging es an die Côte d’Azur: Und zwar gleich mit zwei spannenden Titeln: Zum einem mit dem gerade frisch erschienenen Sachbuch von Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal“, welches die Geschichte des mondänen Küstenabschnitts erzählt und anhand des legendären Hotels in Juan-les-Pins von den illustren Gästen, der Künstlerszene, aber auch davon erzählt, wie sich der Charakter der Orte, der Tourismus und die wirtschaftlichen Folgen über die Jahrzehnte verändert haben.
Zum anderen mit einem Reiseführer der anderen Art aus dem Jahr 1931 von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“. Eine süffige, ironisch-spritzige Lektüre, die man auch heute noch uneingeschränkt genießen kann, selbst wenn beschriebene Hotels und Restaurants teils nicht mehr existieren und noch Preise in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind.

Was wird der Juni bringen? Hoffentlich Live-Theater und Musik im Freien, etwas wärmere Temperaturen und sommerliche Lektüre – bei mir liegt schon einiges an Lesestoff bereit.

Die Indiebookchallenge im Juni lautet: Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben A im Titel (#TitelOhneA) – ich habe mir schon etwas ausgewählt und werde berichten.

Der Juni ist da und ich wünsche uns allen, dass der Sommer jetzt bald kommt und wir dann auch gut in und über den Sommer kommen!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight Mai:

Wie bereits vorab angekündigt steht der Mai bei mir im Zeichen von Erdbeeren und Spargel. Und gerne auch öfter und immer wieder: Erdbeeren und Spargel. So gut, so einfach und jetzt ist die Zeit dafür.

Musikalisches im Mai:
Als Zugabe nach dem ersten Akt der Walküre im Münchner Nationaltheater sang der Bass Georg Zeppenfeld die Arie des Morosus „Wie schön ist doch die Musik“ aus Richard Strauss’ Oper „Die schweigsame Frau“ – ein wunderschönes Stück mit einer wichtigen Botschaft am Ende:

„Wie schön ist doch das Leben,
Aber wie schön erst,
Wenn man kein Narr ist
Und es zu leben weiß!“

(Stefan Zweig aus dem Libretto der Oper „Die schweigsame Frau“)

Impressionen aus dem Mai:

Aprilbowle 2021 – Blütenzauber und Neuentdeckungen

Im April hat sich nach anfänglich klassisch-wechselhaftem Aprilwetter dann doch der Frühling endlich Bahn gebrochen. Es blüht und grünt in voller Pracht und beim Spazierengehen kann man einen wahren Blütenzauber genießen. Für mich präsentierte sich der Monat vielseitig mit guten Büchern und einigen musikalischen Livestreams, die ein paar schöne Neu- oder Wiederentdeckungen für mich bereithielten.

„Schicksalsfäden sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

(aus „Der Ring an einem Abend“ von Loriot)

Wie schon in den vergangenen Monaten waren und sind wir kulturell immer noch auf Digitales angewiesen, so konnte ich mich unter anderem über einen schönen Wagner-Abend der Leipziger Oper freuen, die mit einem tollen Ensemble Loriot’s „Der Ring an einem Abend“ auf die Bühne und die Bildschirme zauberte.
Loriot’s humorvolle Texte begleiteten mich dann auch noch weiter im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, den das Münchner Gärtnerplatztheater als Livestream zur Verfügung stellte.

Wer einen spannenden Theaterabend zu Hause verbringen möchte, dem kann ich „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in der Mediathek des Landestheater Niederbayern empfehlen – ein packendes, düsteres Kammerspiel, das Terrorismus und Wirtschaftskriminalität thematisiert und hervorragend inszeniert und schauspielerisch umgesetzt ist. Fesselnd und packend – ein eindrucksvolles Stück, das einen auch danach noch lange beschäftigt.

Filmisch hat mich im April vor allem „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta fasziniert, der auf ARD Alpha gezeigt wurde, da sich der Eichmann-Prozess zum 60. Mal jährte. Zudem ist der neu erschienene Roman „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt aktuell in aller Munde, den ich auch bald lesen möchte.

Literarisch präsentierte sich der April für mich ebenso schillernd und farbenprächtig wie die Natur vor der Haustür:
Den Auftakt machte der schmale Band „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, der mir in einer schönen illustrierten Ausgabe der Büchergilde ein kurzes, aber beglückendes Lesevergnügen bereitet hat. Der Roman über die Queen, die inspiriert durch einen Besuch im Bücherbus ihre Lust am Lesen entdeckt und nach und nach ihre royalen Pflichten vernachlässigt, um ihrem neuen Laster frönen zu können, ist für alle Bücherliebhaber und Literatursüchtige eine amüsante Lektüre.

Fernweh und die Sehnsucht nach der Nordsee, versuchte ich mit Günter Wendt’s Regio-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ zu stillen, der auf der fiktiven Hallig Grienoog seinen Kommissar Kollerup in einem Mordfall ermitteln lässt. Mit dem Erholungseffekt einer tatsächlichen Reise an die Küste konnte er es aber natürlich nicht aufnehmen.

Geschichtlich interessant und spannend erzählt ist der neue Roman von Marie Benedict „Lady Churchill“, der die starke Frau an Winston Churchill’s Seite Clementine Churchill aus dem Schatten ihres Mannes ins Licht holt. Ein lesenswertes Buch über eine emanzipierte, gebildete und beachtenswerte Frau.

Eine großartige Neuentdeckung für mich war die Wiederentdeckung der Autorin Rumer Godden durch den Kampa Verlag mit der neuen Ausgabe von „Unser Sommer im Mirabellengarten“ (Originaltitel: „The Greengage Summer“, 1958). Ein unvergleichlich schönes, atmosphärisches Sommerbuch, das mich durch die eindrucksvolle Sprache, faszinierende Charaktere und den gelungenen Spannungsbogen durchwegs begeistert hat. Eine große Leseempfehlung!

Britta Röder’s „Das Gewicht aller Dinge“ ist ein kleiner, feiner Roman, der auf intensive Art und Weise verdeutlicht, worauf es im Leben ankommt und dass es gut tut, Gutes zu tun. Die mysteriöse Geschichte der jungen Frau, die barfuß in einem leichten Kleid auf einer Parkbank erwacht und nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, gibt dem Leser einige Rätsel auf.

Inspiriert durch einen schönen Livestream bzw. ein Couch-Konzert der Band Quadro Nuevo zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla, das auf YouTube noch zur Verfügung steht und das dem argentinischen Tango Nuevo huldigt, habe ich mich an einen Regalschlummerer erinnert und endlich „Das Bandoneon“ von Hans Meyer zu Düttingdorf gelesen. Ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte einer Deutschen erzählt, die 1927 aufgrund ihrer Heirat mit einem Argentinier auswandert und sich in Argentinien unsterblich in einen Tangomusiker verliebt.

Timon Karl Kaleyta erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ und erinnerte mich damit an eine moderne Fassung des „Hans im Glück“, dem zunächst ohne großes Zutun vieles zufliegt, um es dann letztlich doch wieder zu verlieren. Flüssig zu lesen, aber der letzte Funke ist bei mir leider nicht ganz übergesprungen.

Kein Monat ohne Krimi und daher ließ ich mich von Luca Ventura in seinem zweiten Band um den Polizisten Enrico Rizzi „Bittersüße Zitronen“ nach Capri entführen. Urlaubsflair und italienisches Lebensgefühl gemischt mit einem klassischen Krimi-Plot und kulinarischen Anklängen – ein Buch das mir Spaß gemacht und Entspannung geboten hat.

Meine hohen Erwartungen konnte Steffen Kopetzky’s „Monschau“ in jeder Form erfüllen. Ein großartiger Roman, der die Geschehnisse 1962 in dem kleinen Ort in der Eifel thematisiert, als dort die Pocken ausbrachen, welche ein rückkehrender Dienstreisender aus Indien mitgebracht hatte. Deutsche Zeitgeschichte gepaart mit einer feinen Liebesgeschichte, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe und die mit großer Wahrscheinlichkeit zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres zählen wird.

Ein wenig mehr oder etwas Anderes hatte ich mir hingegen von Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ erwartet. Vier Manager (drei Männer und eine Frau) stellen sich in einem Hotel einem Auswahlverfahren, wer die zukünftige Firmenleitung einer Agentur übernehmen soll. Eine Ausnahmesituation, in welcher jeder versucht, seine persönlichen Schwächen und Abgründe vor den anderen zu verbergen und die zunehmend eskaliert. Ein psychologisches Kammerspiel in Romanform, ein schwieriger Stoff und schwere, literarische Kost zum Monatsende. Eine ausführliche Besprechung findet man bei „Feiner reiner Buchstoff“.

Auf was freue ich mich im Mai ganz besonders:
Mit Spannung erwarte ich das Rollendebüt von Christian Gerhaher in Aribert Reimann’s „Lear“ an der Bayerischen Staatsoper, das am 23.05.21 (19.00 Uhr) bzw. verschoben auf 30.05.21 (18.00 Uhr) im Livestream und anschließend 30 Tage kostenlos als Video on demand zu erleben sein wird.

Literarisch warten einige Bücher von interessanten Autorinnen und Autoren auf mich und ich möchte meine literarische Europareise fortsetzen, die im April eine Ruhepause eingelegt hat – lasst Euch überraschen!

Und kulinarisch freue ich mich vor allem auf Spargel und Erdbeeren, damit der Frühling endlich auch auf dem Teller Einzug hält.

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich heute einen schönen ersten, aber auch gesamten Mai!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight April:

Kulinarisch bot der April für mich eine wunderbare Neuentdeckung: Mönchsbart (oder auch „barba di frate“), der in Italien auf meernahen, salzhaltigen Wiesen wächst und sich hervorragend mit Pasta kombinieren lässt. Ein saisonales Produkt, das mich begeistert hat und das auch nächstes Jahr sicher wieder auf meinen Tisch kommen wird. Inspiriert dazu wurde ich durch dieses sehr empfehlenswerte Rezept auf Arcimboldi’s World für Spaghetti mit Barba di Frate.

Musikalisches im April:
Sehr empfehlen kann ich das Konzertvideo (mit Interviews) „Mozart in Havanna“ der Hornistin Sarah Willis (Berliner Philharmoniker) gemeinsam mit dem Havana Lyceum Orchestra, das noch bis zum 25.06.21 auf ARTE Concert zu sehen ist und das beweist, wie gut Mozart und Mambo harmonieren – ein wahrer Quell guter Laune.

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

Märzbowle 2021 – Wetterkapriolen und Krisenkreativität

Ein langer März ist zu Ende gegangen, der sich uns wettertechnisch über weite Strecken eher als April präsentierte und mit Wetterkapriolen jeglicher Couleur aufwartete: Graupel, Regen, Sonne, Wolken, Schnee, Schneeregen, Sturm – es war alles dabei. Doch zumindest die letzte Märzwoche ließ dann doch noch Frühlingsfreuden aufkommen und stimmte versöhnlich.

Zudem habe ich ein neues Wort kennengelernt: „krisenkreativ“ – das bisher selbst dem Duden noch nicht bekannt ist. Eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten der Pandemie sehr gefragt ist. Ein Fernsehbeitrag monierte, dass diese in Deutschland zu schwach ausgeprägt sei – dem setze ich gerne meine „Kulturbowle“ als widerlegendes Beispiel entgegen. Ohne die Pandemie hätte ich den Blog wohl nicht gestartet, somit ist er mein Weg, der Krise mit Kreativität zu begegnen – also quasi „Krisenkreativität pur“.

Kulturell waren und sind wir immer noch auf Digitales angewiesen, doch mit der zauberhaften Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper und dem Gute-Laune-Musical „Non(n)sens“ des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte ich zumindest zu Hause erneut zwei großartige Theater-Livestreams genießen. Ebenfalls herausragend fand ich das Montagsstück der Bayerischen Staatsoper „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini, das in einer charmanten Inszenierung von Marcus H. Rosenmüller als Livestream zu sehen und musikalisch wie szenisch (in schwarz-weiß Stummfilm-Optik) sehr unterhaltsam war.

Zudem konnte ich im März zwei sehr gute Filme (im Fernsehen) sehen, bei welchen ich es nicht ins Kino geschafft hatte und die mir ausnehmend gut gefallen haben: den amerikanischen Film „Hidden Figures“ (2016) über die ersten afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der NASA während der 60er Jahre und eine polnisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „Marie Curie und das blaue Licht“ ebenfalls aus dem Jahr 2016, welche die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt gestellt hat. Sehenswert!

Literarisch war es für mich ein reichhaltiger und abwechslungsreicher März, der mich eintauchen ließ in andere Zeiten, Welten und in vielen Fällen echte Lektüreperlen für mich bereithielt.
Gleich der Auftakt mit Mirjam Presslers Jugendbuch „Dunkles Gold“, das sich auf gut verständliche und eindringliche Weise dem Thema Antisemitismus widmet und gleichzeitig die Geschichte des Erfurter Schatzes erzählt, war eine solche Perle, hat mich tief berührt und fasziniert. Da die Autorin ihre letzten Lebensjahre in meiner Heimatstadt Landshut verbracht hat und ein beeindruckendes Lebenswerk als Übersetzerin und Autorin hinterlassen hat, war es mir eine besondere Ehre und eine Herzensangelegenheit, dieses Buch auf der Bowle vorzustellen.

Im Anschluss konnte ich mit Laura Freudenthaler’s Debütroman „Die Königin schweigt“ ein kleines, feines Buch kennenlernen, das mich vor allem aufgrund der Sprache und der Intensität sehr beeindruckt hat. In kurzen Kapiteln zeichnet die junge Autorin in ausdrucksstarken Miniaturen und Momentaufnahmen Bilder, die sich einbrennen und das einfache Leben einer Frau erzählen, die in den 30er Jahren auf einem abgelegenen österreichischen Bauernhof aufgewachsen ist.

Dem Fernweh, das mittlerweile viele plagt, konnte ich mit der Lektüre von Marius Tölzer’s Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ ein wenig nachgeben und die stimmungsvolle, klassisch-inspirierte Poesie des jungen Autors war für mich ein großer Genuss. In Kombination mit dem Online-Angebot des Würzburger Kulturspeichers und dem Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ mit den mediterranen Gemälden, die südliches Licht und italienisches Flair eingefangen haben, war dies für mich eine ideale Symbiose aus Literatur und bildender Kunst.

Auf eine Seereise im Mittelmeer im Jahr 1907 entführte mich Günter Neuwirth mit seinem Kriminalroman „Dampfer ab Triest“. Viel K.u.k.-Atmosphäre und ein unterhaltsamer Krimiplot mit liebevoll gezeichneten Figuren und interessantem historischen Hintergrund, der sich sehr flüssig gelesen hat.

Die Büchergilde hat 2020 Stefan Zweigs pazifistisches Werk „Der Zwang“ mit Illustrationen von Franz Masereel aus dem Jahr 1920 zum 100-jährigen Jubiläum in einer wunderschönen Leinenausgabe herausgebracht, die jedem bibliophilen Menschen das Herz aufgehen lässt. Ein zeitloses Werk mit einer wichtigen Aussage, das auch nach 100 Jahren noch hochaktuell ist und sich sehr gut liest – ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg.

Im kulinarischen Krimi „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ von Erich Schütz macht der Autor auf unterhaltsame Art auf die Problematik der modernen Fischzucht und die teils fragwürdigen Methoden aufmerksam. Verpackt als Kriminalroman prangert er Missstände an und erreicht, dass der Leser sich Gedanken darüber macht, woher das Bodenseefelchen oder allgemein der Fisch auf dem Teller denn eigentlich kommt.

Die Stadt Venedig feierte am 25. März 2021 ihren 1600. Geburtstag – ein schöner Grund, sich auch literarisch in die Serenissima zu begeben: Christian Schnalke’s historischer Roman „Die Fälscherin von Venedig“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung seines Romans „Römisches Fieber“, welche die Geschichte von Franz Wercker weiter erzählt, der nachdem er aus Rom geflohen ist, nun in Venedig einem großen Kunstraub auf die Spur kommen soll. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Spannend, farbenfroh und opulent erzählt, ist dies ein wunderbarer Lesegenuss, für Venedigfans und für alle, die einen guten, historischen Roman zu schätzen wissen.

Ein Lese-Highlight war diesen Monat auch der neue Roman von Daniela Engist „Lichte Horizonte“, der mich vollkommen in den Bann gezogen hat und in dem ich so viele schöne Textstellen gefunden hatte, dass ich wahrlich die Qual der Wahl hatte, was ich in meiner Rezension zitiere. Ein kluger, intensiver und lebensweiser Roman über die Liebe und über eine Frau, die ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen revue passieren lässt. Eine Figur, die in ihrer Reife und Herzenswärme an die Marschallin des Rosenkavaliers erinnern könnte, und ein herausragender Roman, der mich sowohl sprachlich als auch inhaltlich absolut begeistert hat.

Am Ende des Monats gab es dann nochmal einen Krimi mit Lutz Wilhelm Kellerhoff „Teufelsberg“. Der zweite Band um den Ermittler Wolf Heller (nach dem ersten Teil „Die Tote im Wannsee“), der dieses Mal im West-Berlin des Jahres 1969 während der Mondlandung und in der aufgeheizten Zeit von Studentenrevolten und kaltem Krieg, einen Mord an einer Jüdin – der Frau eines Richters – aufklären muss. Spannend – vor allem auch wegen der gelungenen Schilderung der damaligen Zeit – und somit ein kurzweiliger Kriminalroman, der sich sehr flüssig lesen lässt.

Auch im April gibt es wieder einiges, auf das ich mich freue:
So habe ich mir vorgenommen, in der Mediathek des Landestheater Niederbayern das spannende Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar anzusehen, das dort kostenfrei (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung steht. Ein hochbrisantes Schauspiel über religiösen Fanatismus und Wirtschaftsterrorismus.

Zudem möchte ich mir gerne das Online-Angebot des Museum Wiesbaden zur aktuellen Ausstellung „August Macke – Paradies! Paradies?“ (30.10.20 – 09.05.21) näher anschauen und mir unter anderem Zeit für die 40-minütige Onlineführung durch den Kurator nehmen.

Genießen wir also gute Bücher, Kunst, Kultur, wo immer möglich und bleiben wir krisenkreativ und zuversichtlich!

Allen Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich frohe Ostern und schöne Feiertage!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight März:
Im vergangenen Monat habe ich seit längerer Zeit wieder einmal einen Zwiebelkuchen gemacht – dazu ein Glas fränkischer Weißwein. Manchmal können die guten Dinge so einfach sein.

Musikalisches im März:
Besonders berührt hat mich im März ein Video des Kinderchors und des Jungen Chors der Deutschen Oper Berlin, das auf der Homepage der Deutschen Oper abrufbar ist: „I Believe in Springtime“ von John Rutter. Ein Chorstück, das bereits im vergangenen Herbst im Berliner Olympiastadion mit viel Abstand zwischen den Sängern aufgezeichnet wurde und das durch Musik und Text die Hoffnung zum Ausdruck bringt, die wohl viele teilen.

„Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

(Hugo von Hofmannsthal, aus dem Libretto von „Der Rosenkavalier“)