Glaube, Liebe, Diskussionen

Herbst und Winter sind für mich eine Zeit, die mich häufiger zu historischen Romanen greifen lässt. Und so habe ich es auch endlich geschafft, mir wieder einmal einen Regalschlummerer vorzunehmen: Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ stand schon eine ganze Weile bei mir zu Hause. Und wieder einmal stellte ich mir danach die Frage, warum ich eigentlich so lange mit der Lektüre gewartet habe. Denn der Roman, für welchen die Autorin 2017 den Britischen Buchpreis gewonnen hat, ist wirklich großartig und passt thematisch perfekt in diese Zeit.

Schließlich behandelt er große, zeitlose Fragen über die Spannungsfelder zwischen Kirche und Aberglauben, Glaube und Wissenschaft, Unabhängigkeit und Liebe. Fragen, die im Großbritannien des Jahres 1893 die Hauptfiguren des Romans Cora Seaborne und den Pfarrer William Ransome ebenso beschäftigen, wie uns heute – vielleicht gerade wieder mehr denn je.

„Wir beide sprechen davon, die Welt zu erhellen, aber wir beziehen uns auf unterschiedliche Lichtquellen, Sie und ich.“

(S.152)

Cora Seaborne ist noch jung, als sie früh Witwe wird. Als ihr Mann stirbt, mit dem sie eine nüchterne und wenig liebevolle Ehe geführt hatte, verlässt sie 1893 London gemeinsam mit ihrem Sohn und reist nach Colchester in die Grafschaft Essex. Trotz der Trauer empfindet sie ein starkes Gefühl der Unabhängigkeit und der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, welchen sie sich während ihrer Ehe gebeugt hatte.

„In den vergangenen Wochen habe ich mehr als ein Mal gedacht, dass die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war.“

(S.155)

Für sie beginnt ein neues Leben und die aufgeschlossene und naturwissenschaftlich interessierte Anhängerin Darwin’s nutzt die Zeit für Studien, lange Spaziergänge und dafür, für ihren Sohn Francis, der autistische Züge zeigt, eine geschützte Atmosphäre zu schaffen. Sie wird umworben vom jungen Arzt Luke, der ihren Mann behandelt hatte, und die junge Witwe gerne an seiner Seite hätte.

Doch schon bald lernt sie über gemeinsame Bekannte den Pfarrer des einsamen, kleinen Küstenorts Aldwinter kennen: William Ransome, der dort mit seiner kränklichen Frau und den gemeinsamen Kindern lebt, und gerade besonders gefordert ist, seiner Gemeinde beizustehen und Halt zu geben.
Denn im Ort geschehen beunruhigende und merkwürdige Dinge: Mysteriöse Todesfälle, Menschen verschwinden und das Gerücht hält sich hartnäckig, dass ein Meeresungeheuer – die Schlange von Essex – an allem schuld sein könnte.

„Seine Religiosität beschränkte sich nicht auf Gebote und Glaubenssätze, denn er war kein Beamter und Gott kein Geschäftsführer eines himmlischen Ministeriums. Will glaubte mit dem ganzen Herzen, vor allem draußen in der Natur. Das Himmelsgewölbe war sein Kirchenschiff und die Eichen die Pfeiler des Querhauses (…)“

(S.139/140)

Und während der Pfarrer gegen den Aberglauben seiner Schäfchen ankämpft, ist Cora’s Neugierde geweckt. Wähnt sie doch in der Sichtung des seltsamen Meereswesens die Chance, eine längst ausgestorben geglaubte Saurierart wieder entdecken zu können. Sofort beginnt sie zu forschen und rege Diskussionen mit William zu führen. Gegensätze ziehen sich an…

Für mich war „Die Schlange von Essex“ ein perfekter Schmöker für lange Herbstabende: die düstere Atmosphäre, die Spannung, die sympathischen Figuren – da stimmte einfach die Chemie.
Sarah Perry hat eine große Begabung für eine unwiderstehliche Figurenzeichnung. Cora und William, aber auch die Nebenfiguren, erobern den Leser im Sturm. Schon bald ist man ihnen rettungslos verfallen und kann sich dem Sog des Romans nicht mehr entziehen. Kunstvoll beschreibt die Autorin im Roman die vielen Facetten der Liebe – Elternliebe, Freundesliebe, Nächstenliebe, geistige und erotische Anziehung, platonische Liebe, unerfüllte Liebe.

Das Knistern zwischen Cora und William ist so intensiv, dass der Funke unweigerlich auf den Leser überspringt. Perry beschreibt auf sehr gekonnte und starke Art und Weise die magische Anziehung zwischen den beiden, die vor allem auch durch den intellektuellen Gedankenaustausch und die Diskussionen auf Augenhöhe genährt wird.

„Sie reiben sich aneinander, jeder ist Wetzstein und Messer zugleich, und wenn das Gespräch auf den Glauben und die Vernunft kommt, haben sie ihre Argumente parat, erschrecken einander durch kurze Ausbrüche von Übellaunigkeit (…)“

(S.217)

Es ist unmöglich, den zahlreichen Aspekten und möglichen Lesarten des Romans in einer halbwegs kompakten Rezension gerecht zu werden. Jeder Leser und jede Leserin wird das Buch sicher anders lesen und den jeweils eigenen Blickwinkel finden.

Ein üppiger, reicher und bereichernder Roman voller Wärme, der mich begeistert und fasziniert hat. Diese knapp 500 Seiten sind ein wahres literarisches Schatzkästchen voller Klugheit, Denkanstöße und großer Gefühle. Ein Buch, das zum intensiven Nachdenken anregt und mich – gerade in diesen Pandemiezeiten – unweigerlich immer wieder die Parallelen zur aktuellen Situation ziehen ließ. Ein Roman, der anschreibt gegen rückständige Geisteshaltungen und ein flammender Appell für Aufklärung, Transparenz und wissenschaftlich fundierte Rationalität ist – aber auch ein Werk über Liebe, Zuneigung und die vom Glauben getragene Nächstenliebe.

Eine interessante und außergewöhnliche Leseerfahrung, denn vermutlich hätte ich diesen Roman 2017 mit völlig anderen Schwerpunkten und einem komplett anderen Blickwinkel gelesen. Der Virus hat offensichtlich auch mein Leben als Leserin verändert. Selten habe ich in einer Romanlektüre während der vergangenen zwei Jahre – und noch dazu in einem historischen Roman – so viele aktuelle Zeitbezüge gefunden wie in „Die Schlange von Essex“. Doch so wurde dieses Leseerlebnis für mich zur intensiven Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Konflikt zwischen verschwörungstheoretischen Erklärungsversuchen und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fundierter Aufklärung.

„Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, als man die Kinder mit Schauergeschichten von Geistern und Dämonen zu erziehen versuchte! Das Licht der Aufklärung hat jene finsteren Zeiten beendet!“

(S.379)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Bingereader, Gassenhauer und Buchstabenträumerei.

Buchinformation:
Sarah Perry, Die Schlange von Essex
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0030-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“:

Für den Gaumen:
Die englische Tea Time ist auch in diesem Roman unverzichtbar, dazu gibt es eine ordentliche Auswahl an süßem Gebäck:

„Sie servierte Makronen, Shortbread mit Schokosplittern und rautenförmige, mit Himbeermarmelade bestrichene und in Kokosraspeln gerollte Törtchen.“

(S.62)

Wenn man da nicht Lust auf einen 5 o’clock-Tea bekommt…

Für einen Ausflug bei einem Londonurlaub:
Das erste Kapitel nach dem Prolog beginnt so:

„Ein Uhr mittags an einem trüben Tag, und auf dem Dach der Sternwarte von Greenwich fiel die Zeitkugel herunter. Eis bedeckte den Nullmeridian.“

(S.19)

Vor einigen Jahren besuchte ich Greenwich und fand den Ausflug dorthin sehr interessant. Eine schöne Erinnerung, die durch die Lektüre wieder aufgefrischt wurde.

Zum Weiterlesen:
Cora Seaborne, die Hauptfigur in „Die Schlange von Essex“ interessiert sich für Darwin’s Theorien und die Naturwissenschaften. Ein schöner Roman, der sich mit den Zeitgenossen Marx und Darwin beschäftigt, ist Ilona Jerger’s 2017 erschienenes Buch „Und Marx stand still in Darwins Garten“.

Ilona Jerger, Und Marx stand still in Darwins Garten
Ullstein
ISBN: 9783548290614

Salzige Brombeeren

Wieviel kann ein Mensch ertragen? Über eine Grenzerfahrung der besonderen Art hat die Britin Raynor Winn ein außergewöhnliches Buch geschrieben: „Der Salzpfad“. 2018 im Original und 2019 auf deutsch erschienen ist es mittlerweile sicherlich kein Geheimtip mehr, aber es ist ein großartiges Buch, das Mut macht, inspiriert und unbeschreiblich schön zu lesen ist.

Die Autorin beschreibt ihre Wanderung auf dem South West Coast Path an der Küste Englands, welche sie gemeinsam mit ihrem Ehemann unternahm, als sie buchstäblich alles verloren hatten. Finanziell standen sie vor dem Nichts, alle Rücklagen waren aufgebraucht, sie verloren einen Gerichtsprozess sowie ihre Farm und somit ihren Beruf und ihr Einkommen. Zudem bekam ihr Gatte Moth nahezu zeitgleich die niederschmetternde Diagnose an einer tödlichen, degenerativen Gehirnerkrankung (CBD) zu leiden.
Wie viel kann ein Mensch ertragen?

„Ein ewiges Auf und Ab zwischen Ginster und Stein, stets begleitet vom Brausen des Meeres. Ein Rhythmus aus Qual und Hunger, Schmerz und Durst, bis irgendwann nur noch der Rhythmus des brausenden Meeres zu spüren war. Während der Wind das Wasser aufwühlte und die Möwen uns den Weg wiesen, schwanden unsere Bedürfnisse.“

(S.185)

Obdachlos und mit einem Budget von lediglich 48 Pfund pro Woche machen sich die beiden mit nichts als einem Zelt, leichten Ruck- und Schlafsäcken sowie der Kleidung, die sie am Leib tragen, auf den Weg entlang des berühmten Küstenpfads an der englischen Südwestküste – den 1014 Kilometer langen Fernwanderweg South West Coast Path. Ein langer Weg – weg von Problemen, Sorgen – hin zu sich selbst.

Tage voller körperlicher Anstrengung, physischer und psychischer Grenzerfahrungen und der Erkenntnis, dass es kein Zurück in das alte Leben geben wird. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerzen und Angst vor der Zukunft sind die anfänglichen Begleiter und doch merkt man, dass beide Sorgen und Ängste immer mehr hinter sich lassen, dass dieser Weg auf sie eine heilsame Wirkung zu entfalten scheint.

„Der Küstenpfad hatte uns gelehrt, dass die zu Fuß zurückgelegten Kilometer anders waren; wir kannten die Entfernung, den räumlichen Abstand von einem Punkt zum anderen, von einem Schluck Wasser zum nächsten, wir kannten sie mit unseren Knochen, kannten sie wie der Turmfalke im Wind und die Maus, die er im Blick hatte. Bei gefahrenen Kilometern ging es nicht um Entfernung; da ging es nur um Zeit.“

(S.221)

Winn schreibt schonungslos offen über ihre Existenzsorgen, die Angst davor, ihre große Liebe an den Tod zu verlieren, aber auch was es bedeutet, obdachlos zu sein und kein Zuhause, keinen Schutz- und Rückzugsort mehr zu haben.
Gleichzeitig flicht sie Hintergrundinformationen über die Situation der Obdachlosen in England, das britische Sozial- und Rechtssystem ein, ebenso wie großartige Naturbeschreibungen und weiterführende Details zu den Orten und Stationen ihrer Wanderung.

Aber sie berichtet auch über die Menschen, welche ihnen auf dem Weg begegnen und die anfängliche Scham, sich und den anderen die eigene Situation einzugestehen. Sie stoßen auf Unverständnis, Verachtung und Ablehnung, aber dennoch überwiegen letzten Endes vor allem die überraschend positiven und respektvollen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Bewunderung und teils auch uneigennützige Großzügigkeit entgegenbringen, sowie neue Perspektiven aufzeigen.
Raynor und Moth wachsen auf diesem langen, strapaziösen Weg über sich hinaus und sie gehen am Ende gestärkt und selbstbewusst einer neuen, anderen Zukunft entgegen.

„Im Grunde hatte wir alle, die wir auf dem Küstenpfad unterwegs waren, etwas gemeinsam; wir waren wohl alle auf der Suche. Suchten nach der Vergangenheit oder der Zukunft, oder nach etwas, was uns fehlte. Es zog uns an den Rand der Zivilisation, auf einen Streifen Wildnis, wo wir frei waren und einfach darauf warten konnten, dass die Antworten kamen – oder eben auch nicht -, wo wir lernen konnten, das Leben, unser Leben zu akzeptieren, wie immer es auch aussehen mochte.“

(S.271)

Die salzigen Brombeeren, die kostenlos am Wegesrand gepflückt werden können, anfangs zu herb schmecken und erst am Ende der Reifezeit ihr volles und unvergleichliches Aroma entfalten, wurden für mich zum Symbol für diese Reise der beiden: Oft sind es die einfachen, kleinen Dinge, welche am Ende zählen, derer man sich aber erst bewusst werden muss. Auch aus Krisensituationen kann man am Ende etwas Positives herausziehen. Und auch das Herbe kann am Ende süß werden.

„Der Salzpfad“ ist ein existenzielles Buch, das erdet und demütig macht, indem es dem Leser vor Augen führt, was wesentlich ist im Leben. Man wird dankbar für vermeintlich Alltägliches, die kleinen, einfachen und so oft für selbstverständlich gehaltenen Dinge des Lebens. Und so kann die Lektüre dieses Reiseberichts auch eine wohltuende und heilsame Wirkung auf den Leser entfalten. Großartige Literatur, die tiefere Saiten zum Klingen bringt und gerade jetzt in der stillen Zeit wunderbar bereichernd sein kann. Und vielleicht möchte so mancher nach der Lektüre am liebsten selbst die Stiefel schnüren und einfach losgehen…

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Zeichen & Zeiten und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Raynor Winn, Der Salzpfad
Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair
Goldmann
ISBN: 978-3-442-14268-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Raynor Winn’s „Der Salzpfad“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch herrschen für Raynor und Moth oft karge Zeiten – nicht selten hungern sie regelrecht, ernähren sich von Nudeln und Fudge. Ein Höhepunkt sind neben gelegentlichen Ausreißern von Pasteten bzw. Cornish pasties (laut Wikipedia „eine gefüllte Teigware, deren Füllung typischerweise aus Rindfleisch, Kartoffeln, Steckrüben, Zwiebeln, Salz und Pfeffer besteht“), welche sie sich jedoch nur selten leisten können, die salzigen Brombeeren, die erst im perfekten Erntemoment ihren ganz besonderen Geschmack entfalten:

„Als ich sie jedoch in den Mund steckte, schmeckte sie besser als alle Brombeeren, die ich je probiert hatte. Weich, süß, ein vollendetes herbstliches Aroma wie ein fruchtiger Rotwein, und im Abgang ein Hauch, wirklich nur ein Hauch von Salz.“

(S.246)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Raynor und Moth stoßen während ihrer Wanderung zufällig auf ein Open Air Theater und haben das Glück, dass ein netter Herr sie dazu einlädt, die Aufführung zu besuchen und ihnen die Tickets schenkt, die sie sich selbst niemals hätten leisten können: auf dem Programm steht die komische Oper „Iolanthe“ von Gilbert und Sullivan. Sie ist eine von vierzehn Opern dieses Duos, welche im 19. Jahrhundert entstanden und auch als „Savoy Operas“ bezeichnet werden. Einfach mal reinhören: Vielleicht verzaubert Euch die Musik und der Feenstaub ja ebenso wie die beiden Wanderer, die einen magischen Theaterabend erleben durften?

Zum Weiterlesen:
Neben der Poldark-Roman-Reihe von Graham Winston taucht vor allem der Sagenstoff um König Artus immer wieder auf. Vielleicht wäre das eine Anregung, sich mal mit diesem großen Mythos zu befassen – was ich bisher literarisch noch nicht getan habe. Auch Literaturnobelpreisträger John Steinbeck hat sich mit „König Artus“ beschäftigt und auch wenn er das Werk nicht mehr ganz vollenden konnte, wäre das doch mal eine Möglichkeit:

John Steinbeck, König Artus
Aus dem Englischen von Christian Spiel
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-04546-0

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Unbefleckte Empfängnis

Ein Roman, in welchem eine britische Journalistin in den Fünfziger Jahren in einem Fall von unbefleckter Empfängnis recherchiert? Das nenne ich mal eine ausgefallene Idee und ich fragte mich: Worauf läuft das hinaus?
Clare Chambers hat mit „Kleine Freuden“ einen Überraschungserfolg in ihrer Heimat Großbritannien erzielt, der für den Women’s Prize for Fiction 2021 nominiert wurde. Aus meiner Sicht zu Recht, denn sie erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte über liebenswerte Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen.

„Routinen können sehr hilfreich sein“, sagte Gretchen. „Vor allem, wenn man einen Haushalt führen muss. Aber sie müssen“ – sie breitete die Hände aus – „elastisch sein.“

(S.104)

Jean Swinney ist Lokalreporterin im Großbritannien der Fünfziger, d.h. in aller Regel berichtet sie über unspektakuläre Veranstaltungen, schreibt eine Kolumne über Haushaltstips und auch sonst ist ihr Leben alles andere als aufregend. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die mit Mann und Kindern in Afrika lebt und per Luftpost regelmäßig Bericht erstattet, lebt Jean immer noch zu Hause bei ihrer Mutter, die sie stets vollkommen mit Beschlag belegt und sich voll und ganz auf sie verlässt. So vergehen die Tage ohne große Höhen und Tiefen bis sie plötzlich mit einer unglaublichen Nachricht konfrontiert wird: da behauptet tatsächlich eine Frau als Reaktion auf eine Studie zur Parthenogese (der Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern), ihre zehnjährige Tochter Margaret wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Sie nimmt Kontakt zu der Dame auf und beginnt zu recherchieren. Die Journalistin wittert die Chance auf eine sensationelle Schlagzeile. Sie lernt die Mutter Gretchen und das Mädchen Margaret kennen und schon bald merkt sie, dass sie das Ganze nicht als Spinnerei abtun kann und freundet sich immer mehr mit den beiden an.

„Aber Romantik sollte nicht das Vorrecht junger Menschen sein, nicht wahr?“

(S.216)

Die Begegnung mit den Tilburys bringt das eingefahrene Leben Jeans aus der Spur, bewegt sie dazu, sich Auszeiten vom Alltag zu nehmen und lässt sie verstärkt auch über sich und ihr Leben reflektieren.
Doch je mehr Nähe sie zulässt, desto mehr gefährdet die wachsende Freundschaft und die gemeinsame Zeit mit den neuen Bekannten auch ihre Unbefangenheit als Reporterin. Kann und will sie weiterhin über den Fall berichten und in Kauf nehmen, die Familie der medialen Öffentlichkeit und der Sensationslust der Menschen auszusetzen?

„Sie hatte entdeckt, dass man unmöglich denken, grübeln oder sich quälen konnte, während man laut vorlas. Der Haushalt, das Hören von Musik, Lesen oder irgendeine der anderen üblichen Ablenkungen konnten das Getöse in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen.“

(S.398)

Für mich gab es große Parallelen zwischen Jean und dem Roman selbst. So vermeintlich unscheinbar beide anfangs daherkommen: Jean mit ihren praktischen und unauffälligen Wollröcken und dem von Routinen und Wiederholungen geprägten kleinbürgerlichen Leben zu Hause bei ihrer Mutter ist zunächst ebenso unspektakulär wie die Geschichte an sich. Bis auf die Sensationsnachricht des Verdachtsfalls auf unbefleckte Empfängnis kommt das zu Beginn alles sehr unaufgeregt daher: britisches Understatement, Häkeldeckchen, Urlaub in einem verschlafenen Seebad, Einkaufslisten, Nachbarschaftsgeplauder, all das in einem eher konservativen, britischen Milieu der Fünfziger – hier hätte sich auch die liebenswert verschrobene Miss Marple aus Agatha Christie’s Romanen wohlgefühlt.

Doch dann liest man weiter und bemerkt Seite für Seite, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Dass auch in dieser Hauptfigur Jean Swinney so viel mehr schlummert: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und die Suche nach einem erfüllten Leben. Und auch der Roman entfaltet sich plötzlich mehr und mehr und behandelt schließlich wirklich große Themen: Freundschaft, Liebe, Familie – der Spagat zwischen Verantwortung, Pflichtbewusstsein und individuellen, persönlichen Bedürfnissen. Was bedeutet Glück und was braucht es, um ein Leben als erfüllt betrachten zu können?

Vor dieser Rezension machte ich mir dieses Mal bewusst besonders viele Gedanken, wie viel ich von der Handlung preisgeben kann, damit der Zauber, der bei mir einsetzte, auch für potenzielle, zukünftige Leser noch vollumfänglich erhalten bleibt. So viel sei aber verraten: Das Buch entfacht einen Sog, der mich über die gut 420 Seiten getragen hat, bezaubert und auch das eine oder andere Mal überrascht hat.

Ein wunderbarer, einfühlsamer und bereichernder Roman über die Gedankenwelt und inneren Stürme einer Frau im Zwiespalt zwischen Konvention und dem steten Bedachtsein, welche Außenwirkung die eigenen Handlungen in der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld haben, und der Selbstentfaltung verbunden mit großen Gefühlen auf der anderen Seite.

Ein Buch über unbefleckte Empfängnis in den Fünfziger Jahren erschienen im Jahre 2020 bzw. 2021 – wie löst sich das auf und kann das funktionieren? Ja, definitiv, diesen Beweis hat Clare Chambers mit „Kleine Freuden“ erbracht. Hier kann ich mich den Lesern in Großbritannien und der Jury des Women’s Prize for Fiction nur anschließen und wünsche mir, dass der Roman auch in der feinen, deutschen Übersetzung von Karen Gerwig begeisterte Leser finden wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Clare Chambers, Kleine Freuden
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Eisele
ISBN: 978-3-96161-116-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Clare Chamber’s „Kleine Freuden“:

Für den Gaumen:
Herrlich britisch fand ich das Sandwich mit Cheddar und Grünem Tomaten-Chutney, das mit Blick auf den Strand verspeist wird. Darüber hinaus werden im Roman Äpfel und „Cobnuts“, d.h. Haselnüsse geerntet.

Zum Weiterspielen:
Jean verbringt mit ihrer Mutter einen teilweise verregneten Urlaub in Lymington – dort frönen sie zum Zeitvertreib einem Spiel, das auch ich amüsanterweise mit Urlaubserinnerungen verbinde:

„Sie standen so spät auf, wie es statthaft war, und zogen nach einem warmen Frühstück in den Hotelsalon um, wo sie Rummy spielten (…)“

(S.249)

Zum Weiterlesen:
Der Charakter der alleinstehenden Frau oder „ledigen Tante“ in den Fünfziger oder Sechziger Jahren wurde auf großartige, amüsante und liebenswerte Weise auch von Ursula März in einem meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres „Tante Martl“ thematisiert.

Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

British Crime Time

Ein etwas verregneter Sommer mit viel Lesezeit auf der Couch, da kann man schon Lust auf einen klassischen, britischen Kriminalroman und eine gute Tasse Tee bekommen. Susan Hill’s Krimi „Schattenrisse“, welcher den Auftakt zu ihrer mittlerweile elfbändigen Reihe um Inspector Simon Serrailler bildet, eignet sich hierzu hervorragend. Den Tee gekocht, die Decke geschnappt und gemütlich in Leseposition gekuschelt und schon kann es losgehen.

Lafferton ist ein kleines, gemütliches Städtchen mit einer Kathedrale und idyllischen viktorianischen Straßenzügen. Beim Recherchieren stellte sich heraus: ein fiktiver Ort, der so nicht auf der Landkarte zu finden ist, aber die sympathischen und typischen Züge einer britischen Kleinstadt trägt, die sofort vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Polizistin Freya Graffham ist frisch geschieden und neu nach Lafferton gezogen. Ihre gescheiterte Ehe, London und die Met hat sie hinter sich gelassen und erhofft sich nun einen ruhigeren Neustart fernab der Großstadtkriminalität. Schnell findet sie Anschluss im Ort, beginnt in einem Chor mit zu singen und sich sozial zu engagieren. Neben Drogendelikten beschäftigt sie sich vor allem mit einigen Vermisstenfällen, die Rätsel aufgeben und im Laufe der Ermittlungen gewisse Parallelen aufweisen. Selbst als ihr Vorgesetzter Inspector Simon Serrailler, in den sie sich mittlerweile rettungslos verliebt hat, sie für einige Zeit von diesem Fall abzieht, lässt sie das Schicksal der verschwundenen Frauen nicht los.

Simon Serrailler ist ein Feingeist und attraktiver Mann, der sich allerdings nicht immer in die Karten schauen lässt und wohl schon zahlreiche Frauenherzen gebrochen hat. Vielmehr lebt der Alleinstehende seine heimlichen Talente im Verborgenen aus – so zeichnet er, da er an der Kunstakademie abgelehnt wurde, nun für sich und schafft dennoch unter Pseudonym Kunstwerke, die sich sehen lassen können. Die Kunst ist sein Ausgleich zum fordernden Polizeiberuf, den ihm sein Vater bis heute verübelt, der ihn gemäß der Familientradition viel lieber im Arztberuf gesehen hätte.

Diesen hat jedoch seine Drillingsschwester Cat ergriffen, die ebenfalls eine zentrale Rolle im Roman spielt und gerade voller Sorge versucht, einigen Quacksalbern und unseriösen Wunderheilern das Handwerk zu legen.
So verknüpft Hill geschickt unterschiedliche Handlungsstränge und Perspektiven und webt so einen abwechslungsreichen Geschichtenteppich, der trägt und sehr flüssig zu lesen ist.

Freya Graffham ist eine Figur, die großes Identifikationspotenzial bietet und mit der man als Leser mitfiebert und mitleidet. Lediglich eine Szene machte mir klar, dass wohl doch erhebliche Unterschiede zwischen ihr und mir bestehen:

„Sie stellte den Fernseher an, schaltete von einer Gartensendung zu einer über Häuserkauf und einem europäischen Fußballspiel um, stellte den Fernseher wieder aus. Mit der Tageszeitung war sie durch, und sie hatte kein neues Buch zum Lesen. Sie trank ihren Wein aus und zog das Telefon näher zu sich.“

(S.319)

Kein neues Buch zu lesen? Eine für mich vollkommen unvorstellbare Situation – das könnte mir nicht passieren.

Die Personen und Charaktere des Romans bilden einen typischen Querschnitt der Bewohner einer Kleinstadt – Menschen von nebenan: eine von Akne geplagte junge Frau mit mangelndem Selbstbewusstsein, eine verzweifelte Witwe, die nach vierzig Jahren Ehe ihren Mann verloren hat und sogar ein Medium aufsucht, um wieder mit ihm in Kontakt zu treten, patente Nachbarinnen, die mit Rat, Tat, Tee und Scones zur Seite stehen – Susan Hill versteht es, lebensechte und glaubwürdige Personen zu entwickeln. Dass sie als Autorin von Geistergeschichten auch ein paar übersinnliche Elemente einbaut, gehört zu ihrer persönlichen Note.

Very british – und ein richtiger Krimi-Schmöker, der sich Zeit für die Figuren und die Handlung lässt. Nicht atemlose Spannung oder blutige Verbrechen stehen im Mittelpunkt, sondern die Autorin erzählt einfach eine gute Geschichte, die packt, unterhält und doch mit einer unerwarteten Wendung aufwartet. So ist es nachvollziehbar und verständlich, dass sich aus diesem Auftakt aus dem Jahr 2004 (der 2005 bereits unter dem Titel „Der Menschen dunkles Sehnen“ bei Knaur auf deutsch erschienen ist und jetzt durch den Kampa Verlag eine schön gestaltete Neuauflage erfährt) mittlerweile eine erfolgreiche Reihe um Inspector Serrailler entwickelt hat.

Auch während ich diesen Beitrag schreibe, schüttet es gerade wieder in Strömen – dieser Sommer möchte seinem Namen leider immer noch keine rechte Ehre machen. Die nächste Gelegenheit für einen weiteren Tee-Couch-Krimi kommt also bestimmt. Susan Hill kann ich dafür wärmstens empfehlen – bei ca. 550 Seiten kann man da schon einige verregnete Nachmittage und Abende schmökernd verbringen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susan Hill’s „Schattenrisse“:

Für den Gaumen:
Der Krimi beginnt in der Vorweihnachtszeit und so werden unter anderem die nötigen Einkäufe und Zutaten für den klassischen Plumpudding thematisiert. Ein britisches Weihnachtsgericht, das traditionellerweise am ersten Weihnachtsfeiertag nicht auf der Festtafel fehlen sollte – süß und gehaltvoll.

Zum Weiterhören oder -singen:
Frey Graffham, die neue Kollegin von Inspector Serrailler, ist eine begeisterte Chorsängerin. Der Besuch des Konzerts von Händel’s „Messias“ inspiriert sie, sich wieder einem Chor anzuschließen und selbst sängerisch aktiv zu werden.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Vermutlich hätte ich nicht zu Susan Hill’s Krimi gegriffen, wenn ich nicht 2018 im Landestheater Niederbayern das grandiose Theaterstück „Die Frau in Schwarz“ gesehen hätte, das im Londoner Westend zum Dauerbrenner wurde und dort bezüglich der Laufzeit nur von Agatha Christie’s „Mausefalle“ übertroffen wird. Dieses erfolgreiche Gruselstück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill aus dem Jahr 1983.

Zum Weiterlesen:
Beim Stichwort Kathedrale kam mir unweigerlich Ken Follett’s Klassiker „Die Säulen der Erde“ ins Gedächtnis, der mittlerweile schon stolze 32 Jahre auf dem Buckel hat. Und wer hat diesen weit über 1000 Seiten starken, historischen Schmöker und all die Dramen um den Bau der Kathedrale des ebenfalls fiktiven Kingsbridge nicht gelesen bzw. verschlungen?

Ken Follett, Die Säulen der Erde
Aus dem Englischen von Gabriele Conrad, Till Lohmeyer und Christel Rost
Lübbe
ISBN: 978-3-404-17812-4

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2

Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

Quietschvergnügt

Aktuell können wir alle Aufheiterung, positive Energie und gute Laune vertragen, deshalb möchte ich dieses neue Jahr mit einer ersten Leseempfehlung starten, welche genau das garantiert. P.G. Wodehouse’s „Auf geht’s, Jeeves!“ ist ein quietschvergnügtes, heiteres und witziges Werk, das auch 87 Jahre nach seinem Erscheinen noch zeitlosen Witz versprüht und Heiterkeit verbreitet. Der augenzwinkernde Charme und der Humor des britischen Autors sind Balsam für die Seele.

Für alle, die bisher noch keine Bekanntschaft mit P.G. Wodehouse gemacht haben, vorab ein paar kurze Worte zum Autor:
Sir Pelham Grenville Wodehouse zählt zu den bekanntesten und meistgelesenen Humoristen Englands, war Schriftsteller, Bühnen- und Drehbuchautor und lebte von 1881 bis 1975. Er verfasste unter anderem 40 Theaterstücke und mehr als 90 Romane, unter welchen die beiden Reihen um Bertram Wooster und seinen Butler Jeeves auf der einen und die Blandings Castle-Reihe mit Lord Emsworth auf der anderen Seite zu den bekanntesten gehören. Wodehouse verließ seine Heimat 1934 aus steuerlichen Gründen, zog nach Frankreich und wurde 1940 interniert. Er fiel jedoch in seiner britischen Heimat 1941 durch apolitische Rundfunkbeiträge in Ungnade, die während des Zweiten Weltkriegs zu großer Verärgerung im bombardierten England führten, und er sollte nie mehr dorthin zurückkehren. 1946 reiste er in die USA aus und lebte und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1975.

In „Auf geht’s, Jeeves!“ begegnen wir dem typischen Setting eines P.G. Wodehouse-Romans: ein englischer Landsitz – Brinkley Court – mit Salon, Bibliothek, eleganten Räumlichkeiten, einer vorzüglichen Küche, einem weitläufigen Park und dem entsprechenden Personal mit englischem Adel (mit so wunderbaren Namen wie Gussie Fink-Nottle oder Tuppy Glossop) auf Sommerfrische und den Dienstboten, dem französischen, hochsensiblen Spitzenkoch Anatole und natürlich mittendrin Bertram Wooster und sein hochgeschätzter Butler Jeeves.

„Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass meine Verschnupftheit schon fast grippale Züge trug.“

(S.98)

Doch zwischen Jeeves und Bertie hängt der Haussegen schief, scheint doch der Butler mittlerweile seinem Herrn den Rang an Beliebtheit in englischen Adelskreisen abgelaufen zu haben, weil Jeeves als ultimativer und taktisch-gewiefter Problemlöser gleichsam unentbehrlich geworden ist. So dass Bertram Wooster nun eigentlich primär von Freunden und Verwandtschaft deshalb eingeladen wird, weil er dann seinen Butler Jeeves mitbringt, der auch in verqueren Verkupplungsaktionen und Liebeswirren stets kühlen Kopf bewahrt. Das kann und will Bertie natürlich nicht auf sich sitzen lassen, hält er sich selbst doch für den großen Kuppler und Diplomaten, so dass er entscheidet, dieses Mal höchstselbst ins Geschehen einzugreifen – mit durchschlagendem Erfolg, denn das Chaos nimmt seinen Lauf…

„Aus mannigfachen Gründen hatte ich seit Jahren nicht mehr mit einer Gummiente in der Badewanne gespielt, und ich fand die ungewohnte Erfahrung höchst erquickend. Falls es jemanden interessiert, will ich gern erwähnen, dass die mit dem Schwamm unter die Oberfläche gedrückte und dann losgelassene Ente auf eine Weise aus dem Wasser springt, die noch den Mühseligsten und Beladensten zu zerstreuen vermag.“

(S.99)

Inspiriert durch ein Badeenten-Erweckungserlebnis stürzt Bertie Wooster nicht nur zahlreiche Liebende in völliges Gefühlschaos, sondern bringt auch noch den temperamentvollen und höchstempfindlichen Sternekoch Anatole zum Schäumen.

Der Leser taucht ein in muntere Irrungen und Wirrungen, zahlreiche Missverständnisse, skurrile Situationen und erfährt, warum Butler keine Messejäckchen mögen, was bei nächtlichen Nierenpasteten-Orgien in der Speisekammer geschieht und dass Heiratsanträge auf Orangensaftbasis keine gute Idee sind.

Das ist herrlich komisch, lustig, kurzweilig und unterhaltsam: britischer Humor und grandiose Ironie vom Feinsten.

„Beim Gedanken an ein Verlöbnis mit einer Frau, die ganz unverhohlen über Feen schwafelte, die auf die Welt kämen, weil sich irgendwelche Sterne gerade das süße Näschen geputzt hätten – oder was des Humbugs mehr war-, packte mich das nackte Grauen.“

(S.133/134)

Großartig ist vor allem die Übersetzung von Thomas Schlachter, die man gar nicht genug loben kann, da er genau den richtigen Tonfall findet und dem Leser ein Lesevergnügen mit wundervollen Wortspielen und exquisitem Sprachwitz beschert.

Wer also britischen Humor liebt, ein wenig Heiterkeit, spritzig-prickelnde Unterhaltung und gute Laune sucht, dem sei P.G. Wodehouse wärmstens ans Herz gelegt. Mich hat bisher noch jeder seiner Romane großartig unterhalten und königlich amüsiert: die perfekte Lektüre, um ein paar Stunden abzuschalten und sich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern zu lassen.

Buchinformation:
P.G. Wodehouse, Auf geht’s, Jeeves!
Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36386-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Auf geht’s, Jeeves!“:

Für den Gaumen:
Very british – dazu passt gut und gerne ein gepflegter Gin Tonic und schon fühlt man sich ein bisschen wie auf einer Cocktailparty der englischen Adelsgesellschaft und Butler Jeeves könnte jeden Moment mit dem Tablett um die Ecke biegen.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Musikalisch zur Zeit und dem Zeitgefühl passt die Musik des walisischen Musical-Komponisten Ivor Novello. Seine Musik hat auch den wunderbaren Soundtrack zum großartigen Julian Fellowes-Film „Gosford Park“ geprägt (zum Reinhören und Schwelgen empfehle ich „I can give you the starlight“, „The Land of Might-Have-Been“ oder „What a Duke Should Be“).

Zum Weiterlesen:
Es gibt noch einige weitere Bände von P.G. Wodehouse, die in den letzten Jahren bei Suhrkamp und Insel erschienen sind. In der gekonnten, geschliffenen und brillanten Übersetzung von Thomas Schlachter sind diese alle ein vergnüglicher Genuss und uneingeschränkt zu empfehlen, wenn man etwas Aufheiterung vertragen kann.

P.G. Wodehouse, Jetzt oder nie!
Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-45774-0

Morden mit der Schreibmaschine

Eine Verfilmung des Klassikers „Mord im Orientexpress“, die ich Anfang November im Fernsehen sah, rückte Agatha Christie wieder in mein Bewusstsein und auf einmal wollte ich mehr über die weltberühmte „Queen of Crime“ erfahren. Die im Frühjahr diesen Jahres im Osburg Verlag erschienene Biografie „Agatha Christie – eine Biografie“ von Barbara Sichtermann stellte sich hier als eine hervorragende Wahl heraus.

Wer war diese Agatha Christie, welcher der Rummel um ihre Person und die öffentliche Aufmerksamkeit stets unangenehm und unheimlich blieb? Wie wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin aller Zeiten, die doch auch viel zu lange als trivial abgetan und unterschätzt wurde? Antworten auf diese Fragen konnte mir Barbara Sichtermann in ihrer sprachlich gelungenen und wunderbar lesbaren Biografie definitiv geben.

Das Buch begleitet Christie auf ihrem Weg zur erfolgreichen Berufsschriftstellerin, aber beleuchtet auch die private Seite der Autorin und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. So heiratet sie früh Archie Christie, doch die Ehe zerbricht. Mit ihrem mysteriösen Verschwinden in der Endphase der Ehe, das eine tagelange Suche durch Polizei und Medien nach sich zog, ging sie in die Annalen ein und sorgte für einen Medienrummel sondergleichen. Glücklich wurde sie jedoch an der Seite ihres zweiten Ehemannes Max Mallowan, der viele gemeinsame Reisen mit ihr unternahm und auch ihr Interesse für Archäologie und den nahen Osten weckte.

Sichtermann lässt den Leser der Geburtsstunde von Hercule Poirot und Miss Marple beiwohnen und gibt interessante Einblicke in die Arbeitsweise und das künstlerische Schaffen Christies. Sie verdeutlicht auch, wie hart Christie immer für den Erfolg ihrer Theaterstücke gearbeitet hat, die ihr so wichtig und stets Herzensangelegenheit waren. Bis heute ist „Die Mausefalle“ das Stück, das weltweit am längsten ununterbrochen im Londoner Westend zu sehen ist bzw. war (bis zum Corona-Lockdown im März 2020).

„Sich selbst gestand Agatha ein, dass sie, seit sie als Sechzehnjährige die Tosca studiert hatte, ihren Traum von der Bühne nie ganz beerdigen konnte. Wenn es denn wegen ihrer schwachen Mittellage zur Sängerin nicht gereicht hatte, dann sollte ihre Stimme wenigstens durch den Mund ihres listigen Detektivs oder eines infamen Killers auf den Brettern erschallen.“

(S.217)

Spannend fand ich vor allem auch die Charakterisierung der Krimiautorin, die zeigt, wie ambivalent sie in vielen Dingen doch war.
Ich durfte Christie, die eigentlich lieber Opernsängerin geworden wäre, als zupackende, reise- und abenteuerlustige Frau kennenlernen, die sich – wenn sie es für erforderlich hielt – über die Konventionen der damaligen Zeit hinwegsetzte und doch auch immer in der Tradition der britischen Klassengesellschaft verwurzelt blieb. So investierte sie bevorzugt in hochherrschaftliche Immobilien und führte gerne ein Leben in schönen Häusern mit entsprechendem Hauspersonal – da lebte die „gute, alte Zeit“ noch ein wenig fort. Und doch entschied sie sich auch gegen jede Konvention für eine Scheidung und in ihrer zweiten Ehe für einen 14 Jahre jüngeren Mann, was damals nahezu einem gesellschaftlichen Tabubruch gleichkam.

Sichtermann hat viel mit Originalzitaten aus Christie’s Autobiografie und ihren Briefen gearbeitet, welche dann stets kursiv hervorgehoben und kenntlich gemacht sind. Das gibt dem Buch einen stimmigen und authentischen Klang, weil man das Gefühl hat, Agatha Christie selbst zuzuhören.
Als sehr angenehm habe ich auch die flüssige Sprache der Autorin empfunden, welche in der Biografie nicht so sehr den Fokus auf die wissenschaftliche Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten gelegt hat, sondern vielmehr darauf, eine literarisch ansprechende Lebensgeschichte zu erzählen, die sich mit Genuss lesen lässt.

Und doch habe ich nach der Lektüre auch das Gefühl, viel erfahren und gelernt zu haben und jetzt ein wenig mehr über diese Grand Dame des Kriminalromans zu wissen. Eine interessante Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unkonventionalität, die stets ihren eigenen Weg ging und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde.

Am Ende fand ich es noch spannend, dass ich – bei aller Unterschiedlichkeit und trotz des großen zeitlichen Abstands – einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Christie und mir selbst entdecken konnte: Christie war von Kindheit an selbst eine passionierte Leserin. Sie liebte – wie ich – Shakespeare und benannte sogar eines ihrer Bücher, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste, nach einem Shakespeare-Sonett „Absent in the spring“ (deutsch: „Ein Frühling ohne dich“). Zudem war sie zeit ihres Lebens eine große Liebhaberin des Theaters, das sie dem damals neu entstehenden und aufstrebenden Medium Film stets vorzog – auch das haben wir gemeinsam.

Wer sich also ebenfalls auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Agatha Christie begeben möchte oder einfach nur mehr über den Menschen hinter den Büchern und die Schöpferin von so unsterblichen Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple erfahren möchte, dem kann ich Barbara Sichtermann’s Biografie wärmstens empfehlen.

Buchinformation:
Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Agatha Christie – Eine Biografie“:

Für den Gaumen:
Agatha Christie liebte Tee, d.h. in dieser Beziehung entsprach sie dem typischen Klischee der Britin, so wie wir uns dies gerne vorstellen. Sie zog den Tee stets dem Alkohol vor. D.h. die Lektüre verlangt geradezu nach einer gepflegten Tasse schwarzem Tee.

Zum Weiterschauen:
Hier möchte ich sehr frei nach Goethe zitieren: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern“, denn ab und an kann ich mich wirklich immer wieder erneut für die Schwarz-Weiß-Verfilmungen der Miss Marple-Romane mit Margaret Rutherford aus den 60er Jahren begeistern – auch wenn Agatha Christie selbst diese nicht so sehr schätzte. Und dann schaue ich – gerne in der Winterzeit – in eine der x-ten Wiederholungen rein. Klar kann man das nicht immer sehen, aber ab und zu habe ich da wirklich Freude daran. Ein bisschen Nostalgie darf sein und wenn das Miss Marple Thema von Ron Goodwin mit dem typischen Spinett-Sound ertönt, bekomme ich gleich gute Laune.

Zum Weiterhören:
Agatha Christies letzter Fall für Miss Marple „Ruhe unsanft“ war ihr Vermächtnis, das posthum im Jahre 1976 veröffentlicht wurde und den sie bereits im Jahre 1940 in einem Tresor deponiert hatte. Der Hörverlag hat 2013 eine gekürzte Lesung dieses Werks herausgebracht, die mir gut gefällt – zumal diese von der grandiosen und unvergleichlichen Katharina Thalbach gelesen wird.

Agatha Christie, Ruhe unsanft
übersetzt von: Eva Schönfeld
Gekürzte Lesung gelesen von Katharina Thalbach
der Hörverlag
Hörbuch (CD) gekürzt, 3 CDs, Laufzeit: 3h 44 min
ISBN: 978-3-8445-1013-3

Zum Weiterlesen:
Meine letzte Agatha Christie-Lektüre liegt schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch stehen einige Bände bei mir im Regal. So zum Beispiel der Band „Die Tote in der Bibliothek“, der mich als Büchermensch natürlich sofort angesprochen hatte: ein schmaler Band und ebenfalls ein Fall mit der unübertroffenen Miss Marple.

Agatha Christie, Die Tote in der Bibliothek
übersetzt von Barbara Heller
Atlantik
ISBN: 978-3-455-65005-1

Familie Shakespeare

Maggie O’Farrells mit dem Women’s Prize for Fiction 2020 ausgezeichneter Roman „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie Shakespeare: seiner Frau Agnes und seiner Kinder Susanna, Judith und Hamnet. Ein Thema und vor allem eine Persönlichkeit, die mich seit meiner Schulzeit fasziniert, mir unzählige, unvergessliche Theaterbesuche beschert hat und hoffentlich noch wird und daher das Buch sofort an die Spitze meiner Bücherwunschliste katapultiert hat.

Man weiß wenig über William Shakespeare, den größten Dramatiker aller Zeiten und sein Leben, was dazu führt, dass sich zahlreiche Geschichten und Mythen um ihn ranken. Und so erzählt Maggie O’Farrell basierend auf den wenigen bekannten Fakten wohl vor allem eine fiktive Geschichte über ihn und seine kleine Familie in Stratford-upon-Avon und nimmt sich die künstlerische Freiheit, eine liebevolle, anrührende Geschichte über Liebe, Familie, Schmerz und Verlust zu erzählen.

16. Jahrhundert im englischen Stratford-upon-Avon: Der junge William Shakespeare steht unter der Fuchtel seines dominanten Vaters – des ehemaligen Bürgermeisters und angesehenen Handschuhmachers, der jedoch in der Dorfgemeinschaft durch unlautere Geschäfte in Verruf geraten und in Ungnade gefallen ist. Gesellschaftlich ausgegrenzt und vom Dorfleben ausgeschlossen, lässt dieser seine Wut nicht selten auch in Form körperlicher Gewalt an seinem Sohn aus und zwingt ihn, mit dem Erteilen von Lateinstunden die Schulden seines Vaters abzuarbeiten.

Als dieser jedoch der kühnen und unangepassten, adligen, jungen Frau Agnes begegnet, ist es um ihn geschehen. Agnes ist eine außergewöhnliche, starke Persönlichkeit. Sie versteht sich auf Falknerei, kennt die Wirksamkeit von Heilkräutern und scheint eine besondere Gabe zu haben, die Vergangenheit und Zukunft von Menschen erspüren und sehen zu können. Im jungen Shakespeare sieht sie Großes und als sie sich in den Kopf setzt, diesen Mann trotz der Standesgrenzen heiraten zu wollen, weiß sie, dass sie dieses Ziel mit einer Schwangerschaft wohl am ehesten erreichen wird.

„Ein juwelenübersäter, von silbernen Löchern durchbohrter Himmel ruhte auf den Dächern der Stadt. Mit dem Finger angelte er Menschen und Tiere und Familien aus den Sternen und flüsterte ihr Namen und Geschichten ins Ohr.“

(S.335)

Für Shakespeare gibt sie ihre adeligen Privilegien auf und zieht nach der Heirat, die aufgrund des gemeinsamen Kindes unvermeidbar geworden ist, zu ihm und seiner Familie. Töchterchen Susanna erblickt das Licht der Welt – doch Agnes, die immer schon freiheitsliebend und naturverbunden ist, fühlt sich nicht immer wohl im Shakespear’schen Haus und im kleingeistigen Dorf.

Und auch ihrem Ehemann wird es bald zu eng und seine Träume treiben ihn fort von ihr in die große Stadt London, wo er versucht, sein Glück am Theater zu finden. Schwer zu verstehen und zu akzeptieren, was er dort treibt und warum er so wenig Zeit mit Agnes und ihren Kindern verbringen möchte – den mittlerweile wurden die Zwillinge Judith und Hamnet geboren und vor allem die kleine Judith ist als Frühchen von zarter Konstitution und braucht viel Zuwendung.

Die Fernbeziehung kostet ihren Tribut und Agnes muss immer häufiger ohne ihren Gatten auskommen. Der sprachgewaltige Künstler, der Zauberer mit Worten wird in den Diskussionen und Streitgesprächen mit seiner Frau oft wortarm und sprachlos. Und auch als die Pest – der schwarze Tod – ins Land kommt und ihnen das Liebste nimmt – ihren Sohn Hamnet – muss Agnes zunächst alleine mit der Angst, dem Kampf ums Kind und der Trauer zurecht kommen.

Der irisch-britischen Autorin ist ein großartiger, historischer Roman gelungen, der in zutiefst bewegender Weise die Geschichte einer starken und unkonventionellen Frau und den tiefen Schmerz einer Mutter beschreibt, die ihr Kind verliert. Denn die heimliche Hauptfigur des Buchs ist Agnes. Sie ist es, die im Mittelpunkt der Erzählung steht und ihre Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle tragen die Handlung. Eine faszinierende Figur, die hier das Licht der literarischen Welt erblickt hat und den großen Dramatiker William Shakespeare von einer völlig anderen Seite zeigt. Der liebende aber abwesende Familienvater, welcher der Enge der Kleinstadt entflieht und in London alles seinem großen Ziel unterordnet, sein eigenes Theater mit eigener Truppe und eigenen Stücken zu führen. Der Künstler, der seine Trauer über den Verlust des Sohnes in Form eines seiner bekanntesten Stücke verarbeitet: „Hamlet“.

O’Farrell lässt sich viel Zeit für ihre Geschichte, sie übereilt nichts, kostet die Szenen aus. Selten habe ich so viele intensive, berührende und gefühlvolle Momente in dieser Dichte versammelt in einem einzigen Roman gelesen. Auch die Übersetzerin Anne-Kristin Mittag hat hier Großes geleistet, denn sprachlich ist die Lektüre ein Genuss mit wunderschönen Sätzen, die man am liebsten laut vorlesen möchte.

Ein langsames, ruhiges und sehr anrührendes Buch, das sehr zu Herzen geht und ein wunderbarer Schmöker für den Herbst, wenn die Tage kürzer und die Leseabende länger werden.

Buchinformation:
Maggie O’Farrell, Judith und Hamnet
übersetzt von: Anne-Kristin Mittag
Piper
ISBN: 978-3-492-07036-2

© Piper Verlag

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Wozu inspirierte mich „Judith und Hamnet“:

Für den Gaumen:
Shakespeares Frau Agnes ist im Roman nicht nur Heilkundige, sondern versteht sich auch aufs Imkern und daher spielt auch Honig eine Rolle. Deshalb passt für mich zu diesem Roman eine Scheibe gutes Brot mit Butter und Honig – ein einfacher und doch so köstlicher Genuss.

Zum Weiterschauen bzw. für den nächsten Theaterbesuch:
Shakespeares Stücke haben nichts an Aktualität verloren und so freue ich mich jedes Mal, wenn ich eines seiner Werke auf dem Spielplan sehe. Shakespeare erfasste das wahre Wesen der Menschen wie kein Anderer und setzte dieses in eine unübertroffene Sprache und in herausragende Szenen um, die stets ins Herz treffen und sich auf ewig einbrennen. Für Shakespeare-Neulinge sind zunächst wohl die Komödien die bevorzugte Wahl („Der Sommernachtstraum“ oder „Viel Lärm um nichts“), später wird man dann aber sicherlich auch Gefallen an den großen Tragödien finden – also ab ins Theater, wenn die Möglichkeit besteht.

Zum Weiterlesen:
Allen Freunden von Gedichten und der Poesie lege ich Shakespeares Sonette ans Herz – das ist Sprache zum Schwelgen. Es gibt einige sehr schöne zweisprachige Ausgaben, die es ermöglichen, auch das Original neben der deutschen Fassung zu lesen. Eins meiner absoluten Favoriten ist Sonett Nr. 18.

Shakespeare, Die Sonette (Zweisprachige Ausgabe)
Deutsch von Christa Schuenke
dtv
ISBN: 978-3423124911