Slowenische Strapazen

Meine Europabowle oder Literarische Europareise habe ich die letzten Monate sträflich vernachlässigt und die Pause war lang. Aber heute soll es weitergehen: und zwar nach Slowenien. Nataša Kramberber entführt ihre Leserschaft in ihrem Roman „Verfluchte Misteln“ in ein kleines slowenisches Dorf und auf den heimatlichen Bauernhof, auf den die Erzählerin – nach einem Schriftstellerdasein in Berlin – zurückkehrt, um ihn von der Mutter zu übernehmen und auf ökologische Bewirtschaftung umzustellen.

Viele im Ort halten es für eine Schnapsidee der jungen Heimkehrerin, den Bauernhof der Familie auf bio-dynamischen Anbau umzustellen. Was weiß diese junge Frau, welche die letzten Jahre in Berlin als Autorin gearbeitet hat, schon von der Landwirtschaft und den Eigenheiten der slowenischen Natur? Doch sie wirft sich motiviert und mit vollem Elan in das Abenteuer, experimentiert, probiert Neues aus, geht an ihre körperlichen Grenzen, scheitert, flucht und feiert kleine Erfolgserlebnisse.
Nostalgische Momente, Panikattacken, Freude, Wut, Verzweiflung, Trauer – es ist eine wahre Achterbahn der Gefühle, welche die Erzählerin durchlebt.

„Da hörte meine Kindheit auf. Da war Schluss mit den Sonntagen unter der Bettdecke, mit dem Buch auf dem Kissen und einer großen Schüssel von Omas Käse in den Händen. In den Käse, den weichen Quark mit süßer Sahne, rührte ich noch Zucker oder Honig, und die Sonntagsbücher lasen sich dabei fast von allein.“

(S.247)

Kramberger hat einige eindringliche Szenen geschaffen, die sich mir beim Lesen nachhaltig eingebrannt haben. Den verzweifelten Kampf gegen den außer Rand und Band geratenen Klapotetz oder auch die Mühen und Anstrengungen gegen das Erfrieren der Obstblüten, um zumindest einen Teil der Ernte zu retten, welche sie an den Rand der körperlichen Erschöpfung bringen.

Sie beschreibt kein romantisches „Urlaub auf dem Bauernhof“-Idyll, sondern sie macht klar, wie hart, körperlich fordernd und auch mental anstrengend das Leben als Öko-Landwirtin ist. Der ständige, bange Blick auf den Wetterbericht, die Temperaturen und die angekündigten Niederschläge – oder auch ausbleibenden Niederschläge. Der Klimawandel in allen Facetten ist bereits deutlich spürbar.

Ihre ersten Gehversuche in der Landwirtschaft, die von kritischen Bemerkungen und vernichtenden Urteilen der Großmutter begleitet werden, sind geprägt von zahlreichen Rückschlägen und Niederlagen. Tagelange Pflanzarbeit macht der Frost unbarmherzig zunichte, falsches Saatgut geht nicht auf wie gewünscht, das Unkraut führt ein munteres, zähes Eigenleben.

In zwölf Kapiteln, welche den Monaten von Oktober bis September gewidmet sind, durchläuft Kramberger ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Landwirtschaft bedeutet ein Leben in einem wiederkehrenden Rhythmus, mit sich wiederholenden Tätigkeiten, in einem Zyklus, der durch die Jahreszeiten bestimmt und geprägt ist. Säen und Ernten – und die vielen Handgriffe davor, dazwischen und danach, die notwendig sind, um am Ende auch den gewünschten Erfolg zu erzielen. Die Autorin arbeitet auch sprachlich mit einer Vielzahl von Wiederholungen, die etwas Beschwörendes haben.

„Wiederholungen“, seufzte meine Oma, „fressen sich dir in den Körper, als hätten sie einen eigenen Willen.“

(S.191)

Wie ein Mantra wiederholt die Autorin auch die Formel: „Man müsste anständig erzählen können…“ – doch darüber sollte sie sich keine Gedanken machen. Ihre Geschichte ist gut erzählt: Sprachlich verspielt, teils ungewöhnlich und experimentell – wie ein sprachlicher Rausch und ein wilder Tanz. Es gibt befremdliche Szenen und stellenweise ist der Text sperrig und fordernd wie die Natur, der karge Boden, die widrigen, wechselnden Wetterverhältnisse und das harte, körperlich anstrengende Leben als Landwirtin, das Kramberger für sich gewählt hat.

Nataša Kramberger ist 1983 geboren und beschreibt im Roman mit autobiografischen Zügen auch ihr eigenes Leben und das Pendeln zwischen den Welten der Großstadt Berlin – wo sie vor allem im Winter lebt – und dem Landleben in Slowenien, wo sie tatsächlich im Sommer mit dem Kunstkollektiv Zelena Centrala einen kleinen biodynamischen Bauernhof betreibt – wie dem Klappentext entnommen werden kann.

Mit „Verfluchte Misteln“ ist der Autorin ein aktueller, moderner und selbstironischer Roman gelungen, der Angststörungen ebenso thematisiert wie den großen Themenkomplex des Umwelt-, Naturschutz und ökologischen Landbaus. Ein Spagat zwischen dem Autorendasein in der Großstadt und dem Leben auf dem Land.

Ein Ringen mit der Schriftstellerei, der richtigen Formulierung oder dem passenden Wort auf der einen Seite und den Unwägbarkeiten der Natur auf der anderen Seite. Aber auch ein Buch über Familie, Großmütter, Mütter und Töchter, über Traditionen und das Erbe, in dessen Fußstapfen man zu treten versucht.

Weitere Besprechungen gibt es bei Sandra Falke’s Literarische Abenteuer und Deutschlandfunk Kultur.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz und nach Spanien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Nataša Kramberger, Verfluchte Misteln
Aus dem Slowenischen von Liza Linde
Verbrecher Verlag
ISBN: 9783957324931

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Nataša Kramberger’s „Verfluchte Misteln“:

Für den Gaumen:
Mit viel körperlichem Einsatz – und viel Kneten, Kneten und nochmal Kneten – bäckt die Großmutter auf Wunsch der Enkelin „Milchbrot“.

Zum Weiterdenken:
Im Roman spielt das Thema ökologische Landwirtschaft eine große Rolle.
Genau heute am 22. Januar 2022 findet dieses Jahr pandemiebedingt online die große „Wir haben es satt!“-Demonstration von Landwirten, Natur- , Umwelt- und Tierschutzverbänden für eine Agrarwende statt, die seit 2011 traditionell während der Grünen Woche in Berlin veranstaltet wird.

Zum Weiterlesen:
Einen Literaturnobelpreis konnte Slowenien bisher noch nicht für sich behaupten und auch in meinem Bücherregal bin ich mir bei kurzem Überlegen aktuell keiner weiteren Lektüre aus diesem Land bewusst.
Auch von Nataša Kramberger ist bisher noch keiner ihrer weiteren Romane ins Deutsche übersetzt worden.
Als einer der bedeutendsten Schriftsteller in Slowenien gilt Drago Jančar, der in „Wenn die Liebe ruht“ die Liebe in Zeiten des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Gelesen habe ich diesen preisgekrönten Roman bisher nicht, aber vielleicht setze ich meine literarische Reise nach Slowenien ja irgendwann mit diesem Werk fort:

Drago Jančar, Wenn die Liebe ruht
Übersetzt von Daniela Kocmut
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05950-4

Liebeswirren in dunkler Zeit

Mein Lesejahr hat im Januar sehr stark begonnen: Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ hat mich absolut begeistert und ist bereits die erste große Leseempfehlung in diesem noch so jungen 2022! Was für ein Auftakt!
Seine „Chronik eines Gefühls 1929-1939“ – so der Untertitel des Sachbuchs – ist ein schillerndes, überbordendes und farbenfrohes Kaleidoskop an Anekdoten, Szenen und Liebesgeschichten dieses Jahrzehnts. Pulsierendes Leben, die tatsächlich oft gar nicht so goldenen Zwanziger, komplizierte Dreiecksgeschichten, große Gefühle, heimliche Affären, Ehekrisen – Liebe und Gefühle allerorten. Und das alles vor der Kulisse des zunehmenden Antisemitismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus. Verschlungene Lebenswege, Flucht und Vertreibung, für viele der Weg ins Exil – Florian Illies hat ein wirklich reiches Buch verfasst.

„Niemand hofft 1929 noch auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.“

(S.11)

Man darf die ersten Begegnungen von Simone de Beauvoir mit Sartre erleben, der Familie Mann quer durch Europa folgen, Erich Kästner als den Mann kennenlernen, der letztlich keine Frau seiner Mutter vorzieht, Mäuschen spielen in den Ateliers von Picasso und Dalí – man lacht, weint, leidet und liebt mit den Literaten und Autorinnen, Malern und Künstlerinnen, Schauspielern und Schauspielerinnen – all den kulturellen Berühmtheiten und künstlerischen Stars und Sternchen der damaligen Zeit. Man schüttelt zunehmend den Kopf darüber, wie Helene Weigel die zahlreichen Eskapaden des Gatten Bertolt Brecht erträgt und toleriert, schaut in Südfrankreich in lauen Sommernächten gemeinsam mit den Exilanten hinauf zum Sternenhimmel.

Man lässt sich durch sinnliche Beschreibungen in die Atmosphäre der damaligen Zeit versetzen und besucht so legendäre Institutionen wie das Romanische Café in Berlin oder reist mit Tucholsky zum Schloss Gripsholm in Schweden.

„Das romanische Café in Berlin vibriert jeden Nachmittag und jeden Abend, hier ist der Weltgeist zu Hause in jenen leuchtenden Jahren vor der Verdunkelung, hier wird jeden Abend die Welt zerstört, gerettet und neu zusammengesetzt, hier kann man Kurt Tucholsky sehen und Joseph Roth, Erich Kästner und Max Beckmann, Gottfried Benn und Alfred Döblin, Ruth Langhoff und Claire Waldoff, Vicki Baum und Marlene Dietrich, Lotte Laserstein und Marianne Breslauer, Gustaf Gründgens und Brigitte Helm.“

(S.175)

Illies reiht Schicksalsmomente, Anekdoten und Momentaufnahmen aus den Lebensläufen großer Künstlerinnen und Künstler und der Berühmtheiten der damaligen Zeit wie kleine Schätze aneinander – gleich einer glänzenden Perlenkette.
Unmöglich sich da für eine Lieblingsszene oder einen bestimmten Handlungsstrang zu entscheiden, der einen am meisten berührt. Es ist ein Schwelgen in Opulenz und Vielfalt und es wird klar, dass dieses Jahrzehnt an niemandem spurlos vorübergegangen ist.

Florian Illies, der Kunstgeschichte studiert hat, Feuilleton-Chef der ZEIT war und jetzt deren Mitherausgeber ist, lässt einen die Literatur und auch die Kunstwerke dieser Epoche besser verstehen. So manches Werk sieht man durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund nach der Lektüre intensiver und mit anderen Augen.

„Otto Dix malt nun keinen Krieg mehr. Keine Todsünden. Keine Menschen. Er malt verwunschene Täler und sanfte Berge, im Herbst, im Winter und im Frühling. Otto Dix emigriert in die Landschaft.“

(S.276/277)

Die vielen kleinen Szenen, die Illies den Leser entdecken lässt, erinnerten mich an die 360°-Panoramen von Yadegar Asisi. So viele berührende, kleine Szenen, die sich am Ende zu einem großen Ganzen – einem Stimmungsbild dieses entscheidenden und schicksalsträchtigen Jahrzehnts von 1929 bis 1939 – zusammensetzen. Vermutlich wird jedem Leser eine andere Anekdote oder ein anderes Bild besonders im Kopf bleiben – aber man darf versichert sein, dass der Autor jeden erreicht.

Er beschreibt Momente, die sich einbrennen, unter die Haut gehen und gerade aufgrund ihrer Menschlichkeit und Authentizität das Zeitgefühl besonders gut vermitteln und somit nachhaltiger im Gedächtnis bleiben als jede Jahreszahl in den herkömmlichen Geschichtsbüchern.

Illies ist ein Wortzauberer und Poet – sein Sachbuch ist sprachlich ein Genuss und strotzt vor klugen, raffinierten Formulierungen, die man sich gerne mehrfach und immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte. Das ist ein ästhetischer Genuss und einfach wunderschön zu lesen.

„Liebe in Zeiten des Hasses“ ist Inspiration pur, weckt die Lust, weiterzulesen, ins Museum zu gehen, Bilder anzusehen, Theatervorstellungen zu besuchen und natürlich zu lesen, zu lesen und zu lesen. Am Ende hat sich meine Lesewunschliste enorm verlängert und würde wohl für dieses und die nächsten Jahre reichen. Wenn ein Sachbuch das schafft, finde ich das einfach nur grandios und großartig.

„Doch man kann kein Licht entdecken, solange man die Dunkelheit analysiert.“

(S.270)

Mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ eröffne ich den Reigen meiner „22 für 2022“ – Punkt Nummer 4) auf der Liste: Ich möchte ein Sachbuch lesen – ist hiermit erfüllt. Und was für ein Sachbuch – aktuell Platz 1 der SPIEGEL Sachbuch Hardcover Bestsellerliste – und in diesem Fall auch absolut verdient.

Buchinformation:
Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“:

Für den Gaumen (I):
Die jüdische Ärztin Charlotte Wolff – eine Freundin Walter Benjamin’s – flieht 1933 nach Frankreich. Während der quälenden Zugfahrt fürchtet sie ständig, verhaftet zu werden. In Paris angekommen, kann sie ihr Glück kaum fassen und feiert es mit einem Frühstück:

„Noch leicht benommen geht sie in ein kleines Café auf dem Boulevard Saint-Michel und bestellt voll Glück ihr erstes französisches Frühstück: ‚Café au lait et une tartine‘.“

(S.239)

Für den Gaumen (II):
Wenn in einem Buch etwas von Bowle vorkommt, werde ich natürlich hellhörig bzw. schaue ich da als Gastgeberin der Kulturbowle ganz genau hin.
Als die ganze Exilgemeinde sich in Sanary versammelt, wird mit Bowle gefeiert – in manchen Fällen auch ein wenig zu exzessiv:

„Als sich Nelly Kröger zum fünften Mal von der Bowle nimmt und zu torkeln beginnt, schlägt Heinrich Mann vor, doch langsam nach Hause zu gehen.“

(S.249)

Zum Weiterhören:
Der Liederdichter Bruno Balz schrieb mit am Soundtrack dieser Zeit und den berühmtesten Stars schneiderte er die großen Hits auf den Leib: für Heinz Rühmann „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ und für Zarah Leander „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Zum Weiterlesen (I):
Florian Illies bezeichnet „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff, den ich letzten Sommer hier auf der Kulturbowle rezensiert habe, als einen „der bezauberndsten Romane, der je über Südfrankreich geschrieben wurde.“ Eine Meinung, die ich uneingeschränkt mit ihm teile:

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Zum Weiterlesen (II):
Letztes Jahr habe ich ein ähnlich faszinierendes Buch von Uwe Wittstock hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Es behandelt einen kürzeren Zeitraum, ist aber eine nicht minder intensive Leseerfahrung. Wer Freude und Interesse an zeit- und literaturgeschichtlichen Sachbüchern und einem stimmig zusammengestellten Zeitenpanorama, sowie dem Schicksal der Literaten im schicksalsträchtigen Winter 1933 hat, dem sei „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ ebenfalls sehr ans Herz gelegt.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Kriminelles zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren haben mich zwei hochkarätige Krimi-Bestseller aus Großbritannien brillant unterhalten und kriminell gut ins neue Jahr starten lassen. Daher möchte ich die beiden Kriminalromane, bei welchen jeder auf seine Art etwas Besonderes hat, in kürzerer Form, dafür aber gleich im Doppelpack vorstellen:
Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ – ein Krimi in Mails und Textnachrichten zum intensiven selbst Miträtseln – und Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, in welchem vier rüstige Rentner in einer luxuriösen Seniorenresidenz als Hobby und Zeitvertreib gemeinsam Kriminalfälle lösen und sogar mit einem Mord konfrontiert werden.
Beide Krimis sind auf ihre Art „very british“, folgen bester, britischer Krimitradition, d.h. sind klassisch angehaucht und eher der unblutigen Kategorie zuzuordnen. Zudem sind beide Romane mit einer ordentlichen Prise Humor ausgestattet.
Und noch etwas haben sie gemeinsam: Bei beiden handelt es sich um Debütromane. Janice Hallett hat zuvor als Journalistin und Zeitschriftenredakteurin gearbeitet, Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator und Produzent.

Da ich bei Krimis grundsätzlich nicht zu viel von der Handlung vorab verraten möchte, halte ich mich hierzu jeweils kurz und beschreibe lieber, was mich an den Büchern gereizt bzw. was mir an den Krimis jeweils besonders gut gefallen hat.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt weiß, dass ich ein riesengroßer Theaterfan bin. Als ich gelesen habe, dass der Krimi von einem Mord im Umfeld einer Laientheatergruppe handelt, die Spenden für ein krebskrankes Mädchen sammeln will, wusste ich, dass ich Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ (englischer Originaltitel: „The Appeal“) unbedingt lesen möchte.

Gleich schossen mir positive Erinnerungen an Miss Marple’s Fall „Vier Frauen und ein Mord“, der im Theatermilieu spielt, durch den Kopf und auch optisch passte das aufwändig gestaltete Taschenbuch mit dem außergewöhnlichen Regentropfen-Cover – ein richtiger Hingucker – ebenfalls hervorragend zu den verregneten Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Es war wie gemacht, um es sich damit auf der Couch mit einer Tasse Tee gemütlich zu machen.

„Femi: Wir müssen uns einfach konzentrieren, richtig eintauchen, damit wir später den Durchblick haben.

Charlotte: Aber hast du das gesehen? Lauter E-Mails und Nachrichten. Warum erzählt Tanner uns nicht mehr dazu? Bin gespannt.“

(aus Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen; S.8)

Zwei Angestellte einer Rechtsanwaltskanzlei erhalten ein umfangreiches Konvolut an Emails und Textnachrichten, die im Zusammenhang mit einem Mordfall stehen. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen den zahlreichen Mitgliedern der Laientheatergruppe „The Fairway Players“. Schnell wird klar, dass sich bei der bunt zusammengewürfelten Gruppe mehr als ein Abgrund auftut. Werden sie beim gewissenhaften Durcharbeiten der Unterlagen dem Mörder zwischen den Zeilen auf die Spur kommen?

Seit Daniel Glattauer’s „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ habe ich keinen Roman in Form von Emails und Textnachrichten mehr gelesen – und einen Krimi meines Erachtens noch nie. Ein besonderes literarisches Experiment, das mir Spaß gemacht hat – ungewohnt, aber interessant. Selten habe ich bei einem Krimi selbst so intensiv versucht, „zwischen den Zeilen“ mitzulesen und mitzurätseln, ganz aufmerksam auf Zwischentöne geachtet, um der Lösung auf die Spur zu kommen, wie bei Janice Hallett’s Krimidebüt. Ein Buch, das die Gefahr birgt, die Nacht durchzulesen, denn man verschlingt Seite um Seite. Hallett hat eine satirische, stellenweise sehr überspitzte und überzeichnete Handlung geschaffen, die mit verblüffenden Wendungen aufwartet.

Noch runder, harmonischer und insgesamt für meinen Geschmack auch etwas warmherziger und liebenswürdiger war Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, der aufgrund des originellen Schauplatzes in einer luxuriösen, englischen Seniorenresidenz und den herrlich verschrobenen Figuren ein richtig feines, funkelndes Krimijuwel darstellt.

Die Tage in Coopers Chase – einem Seniorenheim für gehobene Ansprüche – sind lange und gleichförmig. Da kommt den Bewohnern jede Abwechslung gerade recht: Joyce, Elizabeth, Ron und Ibrahim treffen sich daher jeden Donnerstag, um gemeinsam alte, ungelöste Kriminalfälle zu enträtseln. Schon bald überschlagen sich jedoch die Ereignisse und aus dem launigen Hobby wird eine ernstzunehmende Mordermittlung. Mit ihren ganz eigenen Waffen, Stärken und Erfahrungen machen die vier Rentner der örtlichen Polizei Konkurrenz.

Schließlich bringen Joyce mit ihrer allseits beliebten, herzlichen und mütterlichen Art, Elizabeth als ehemalige Geheimagentin, der pensionierte Psychiater Ibrahim und Ron, der kämpferische und rhetorisch beschlagene ehemalige Gewerkschaftsführer gemeinsam so viele Jahrzehnte Lebenserfahrung, große Leidenschaft, eine gewisse Unverfrorenheit und viel Freizeit mit in die Ermittlungen ein, so dass es für die Kollegen der Polizei schwerlich möglich ist, nur annähernd Schritt zu halten.

„Außerdem macht es ihnen einfach einen Heidenspaß, glaube ich. Ein paar Gläschen Wein und ein Kriminalfall. Sehr gesellig, aber auch blutig. Was gibt es Besseres?“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.30)

Einen Heidenspaß macht auch die Lektüre des „Donnerstagsmordclubs“. Das liest sich kurzweilig, unterhaltsam und süffig, wie ein schöner, gereifter Rotwein.
Traurig und lustig zugleich, amüsant, witzig und doch würdevoll – Osman gelingt die Gratwanderung, die rüstigen Senioren auf der einen Seite als witzige und lebensfrohe Truppe zu schildern und doch auch andererseits nachdenklichere, ruhigere Töne anzuschlagen, die dem letzten Lebensabschnitt ebenso angemessen sind.
Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz. Man liest das Buch mit viel Schmunzeln und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Beide Krimis haben mir unbeschwerte und entspannende Lesestunden beschert und ich konnte die Lektüre an den verregneten Tagen zwischen den Jahren gemütlich genießen. Für Freunde britischer Krimikunst sind die beiden Bücher, die jeweils mit einem besonderen Twist versehen sind (sei es durch die besondere literarische Form bei Hallett oder den außergewöhnlichen Schauplatz bzw. die spezielle Ermittlergruppe bei Osman), eine gute Wahl. Die hohen Verkaufszahlen in Großbritannien sprechen für sich und vielleicht schwappt die Begeisterung ja auch aufs europäische Festland herüber.

„Im Leben lernt man, dass es die guten Tage sind, die man zählen muss – sie in seinen Bau tragen und von ihnen zehren. Also trage ich diesen Tag jetzt in meinen Bau und lege mich schlafen.“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.114)
©Kulturbowle

Eine weitere Besprechung zu „Mord zwischen den Zeilen“ gibt es bei Nana-Der Bücherblog.

Weitere Besprechungen zu „Der Donnerstagsmordclub“ gibt es unter anderem bei buchpost (hier wurde ich auf den Krimi aufmerksam – Danke, Anna!) und bei Literaturwerkstattkreativ-Blog.

Buchinformationen:
Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-00446-9

Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36014-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden britischen Krimi-Bestseller:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist „Der Donnerstagsmordclub“ etwas reicher ausgestattet als „Mord zwischen den Zeilen“. So erfahren wir, dass es zum Beispiel am Montag in der Seniorenresidenz Coopers Chase immer Shepherd’s Pie – ein traditionelles britisches Gericht aus zwei Schichten (unten Hackfleisch, oben pürierte oder fein geriebene Kartoffeln) – gibt. Zudem hat Joyce eine Schwäche für Gin Tonic aus der Dose von Marks&Spencer.
In „Mord zwischen den Zeilen“ erfahren wir nur, dass es auf dem Charity Event für Poppy leckere Süßigkeiten gibt, die reißend Absatz gefunden haben. Sonst bleibt während der Spendensammelaktionen, der Theaterproben und -aufführungen und den zahlreichen Verwicklungen im Krimi kaum Zeit für das leibliche Wohl.

Zum Weiterlesen:
Janice Hallett hat in Großbritannien bereits ihren zweiten Krimi veröffentlicht „The Twyford Code“ – zu einer deutschen Übersetzung ist mir aktuell noch nichts bekannt.
Fans von Richard Osman müssen jedoch nicht mehr lange auf die Fortsetzung des Donnerstagsmordclubs warten. Ende Januar erscheint auch der zweite Band in deutscher Übersetzung: „Der Mann, der zweimal starb“. Die vier rüstigen Senioren ermitteln in ihrem zweiten Fall.

Richard Osman, Der Mann, der zweimal starb
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36013-2

Düsteres aus dem Grenzgebiet

Die Feuilletons sind seit Herbst voll und auch in der Bloggersphäre hat Eva Menasse’s neuer Roman „Dunkelblum“ bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. Der Schauplatz an der österreichisch-ungarischen Grenze im Burgenland, der Zeitpunkt 1989 während der eiserne Vorhang durchlässig wurde und die Handlung, in welcher verdrängte Verbrechen wieder ans Tageslicht dringen, haben dazu geführt, dass auch ich nicht mehr an diesem Roman vorbei konnte und wollte. Die Lektüre möchte ich keinesfalls missen – ein rundum faszinierender und intelligenter Roman, der die mediale Aufmerksamkeit und die der Leserschaft vollkommen verdient hat.

„Während man darin schwimmt, sind Zeit und Ereignisse flüssig, aber daran denkt man selten, wenn man Jahre oder Jahrzehnte später Worte wie Kriegsende sagt. Dann hält man das für eine klare Begrenzung im Strom, befestigt und gut erkennbar, etwas Stabiles, wie, nur zum Beispiel, ein Wellenbrecher.“

(S.90)

Ich persönlich finde es gar nicht so leicht, einen Beitrag über ein Buch zu schreiben, über das die meisten schon viel gelesen und gehört haben, aber versuchen möchte ich es trotzdem und meine Eindrücke der Lektüre schildern.

Worum geht es in „Dunkelblum“?
Dunkelblum ist ein kleiner Ort im österreichischen Burgenland – die Grenze zu Ungarn ist nah. Es ist Sommer 1989 und die Nachrichten beginnen sich zu überschlagen. DDR-Bürger veranstalten ein paneuropäisches Picknick, versuchen über Ungarn in den Westen auszureisen, flüchten sich in die Prager Botschaft – Wendezeit. Und auch in Dunkelblum kommt etwas in Bewegung. Es geschehen ungewohnte Dinge und einige Einwohner und Einwohnerinnen versuchen, lange Verdrängtes aufzuspüren und ans Licht zu bringen.

„Etwas tut sich: ich weiß nicht genau, was. Eher nur so ein Gefühl. Aber die Leut reden, und sie stehen auf den Gassen umeinand.“

(S.111)

Junge Leute befreien den vernachlässigten, verwilderten jüdischen Friedhof von wucherndem Gestrüpp und Unkraut und sie fördern Unerwartetes zutage. Ein seltsamer, mysteriöser Besucher taucht im Dorf auf und ein junges Mädchen, sowie weitere engagierte Bürger wollen für ein Stadtmuseum die Geschichte des Ortes erforschen und rekonstruieren.

„Sie musste nirgends hingehen, um etwas zu erfahren, denn alles, was in Dunkelblum geschah, fand seinen Weg zu ihr. Sie bewahrte es still auf, behielt das meiste im Gedächtnis, auch das sehr lang Zurückliegende.“

(S.163)

Was hatte es mit dem Brand des Schlosses auf sich? Was wird man bei den Grabungen auf der Rotensteinwiese entdecken? Warum wurde so mancher lange zurückliegende Mord bis heute vertuscht und nicht aufgeklärt? Was geschah in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs? Was ist aus der ehemaligen jüdischen Bevölkerung im Ort geworden?

Rätsel über Rätsel, Fragen über Fragen und schnell wird klar, dass es viele Dunkelblumer gibt, die gar kein Interesse an Aufklärung oder einer Aufarbeitung der Vergangenheit haben. Viele Jahre wurde ausgeblendet, verdrängt und verschwiegen.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.“

(S.196)

Menasse erzählt eine fesselnde, spannende Geschichte über die Menschen und die Ereignisse in diesem Ort, die eine ganz besondere Dynamik entwickeln und sich mehr und mehr überschlagen. Zu lange wurde der Deckel auf dem Topf der Kriegsvergangenheit gehalten, der jetzt viele Jahrzehnte später brodelnd und explosiv überkocht.

Die Autorin ist eine Meisterin der feinen Zwischentöne, versteht die Kunst des Weglassens und der Zweideutigkeit, was perfekt zu der Thematik passt. Vieles geschieht zwischen den Zeilen und das macht für mich den Reiz des Romans aus.
Diese düstere, verdruckste und geheimniskrämerische Atmosphäre in der kleinen Ortschaft – die dunkle Seite Dunkelblums – das ist wirklich großartig herausgearbeitet. Oft sind es kleine Nuancen und sprachliche Feinheiten, die den entscheidenden Unterschied machen.
Die Figurenzeichnung und die Charaktere sind hervorragend gelungen, fein gezeichnet und man sieht die verschiedenen Typen der Ortsbewohner wirklich regelrecht plastisch vor Augen.

Sprachlich liest sich das Buch herrlich süffig und flüssig. Ich mag die österreichische Einfärbung, die Ausdrücke im Dialekt und die Klangfarbe, welche Menasse einfließen lässt. Ich mag es, wenn ein junges Mädchen „goschert“ ist oder sich die Damen in der „Greißlerei“ treffen – das macht den Flair und die Authentizität des Romans aus. Und sollte man mit den österreichischen Ausdrücken nicht so vertraut sein, gibt es im Anhang eine Übersicht der wichtigsten Austriazismen zum Nachschlagen.

„So funktioniert ja das Gedächtnis: Alles scheint weg, hallende Leere, ein tiefer, dunkler Raum, aber beim Tasten findet man spinnwebfeine Fäden, an denen tatsächlich etwas hängt, sobald man zieht.“

(S.198)

Dunkelblum ist ein grandioser, brillanter und kluger Roman über Wahrheit, Erinnerungen, über das Vergessen sowie über die Mechanismen von Verdrängen und Verschweigen. Ein absolut zeitloser Roman, der für mich das Zeug dazu hat, ein zukünftiger Klassiker zu werden. Ein literarisches Spiel mit Licht und Schatten, das ich wirklich empfehlen kann.

„Und das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.“

(S.253)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Archimboldi’s World, Buch-Haltung und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04790-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Menasse’s „Dunkelblum“:

Für den Gaumen (I):
Es ist schon ein wunderbarer Zufall, dass Günter auf seinem herrlichen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ nahezu zeitgleich zu meiner Dunkelblum-Lektüre das perfekte Gericht zum Buch vorgestellt hat: Somlauer Nockerl. Das Rezept und die Fotos sind so verführerisch, dass einem schon vom Anschauen das Wasser im Mund zusammenläuft. Eine ungarisch-burgenländische Spezialität, die auch im Roman entsprechend gewürdigt wird:

„Er aß im Hotel Tüffer zu Mittag (die Einschusslöcher in der Ecke waren bereits vergipst und überstrichen), küsste der errötenden Resi Reschen die Hand und nahm die Jause im relativ neu eröffneten Café Posauner ein. Er lobte den Nussstrudel und die Somlauer Nockerl, eine Spezialität der Gitta, obwohl sie aus der Steiermark war.“

(S.267/268)

Für den Gaumen (II):
Kulinarisch ist „Dunkelblum“ aber wirklich sehr ergiebig: Da gibt es „Zwetschkenfleck“ (S.103), „die Strauben und den Heidensterz“ (S.122) und auch noch „Grammelpogatschen“ (S.290) – zu letzteren dann einen Blaufränkisch oder einen Welschriesling. Wie soll man da beim Lesen keinen Appetit bekommen?

Zum Weiterlesen:
Bisher habe ich von Eva Menasse ihren großen Familienroman „Vienna“ gelesen und war erstaunt zu sehen, dass dieser tatsächlich schon 2005 erschienen ist. So lange ist das schon her? Im Vergleich fand ich jedoch „Dunkelblum“ persönlich überzeugender und ausgereifter – weniger anekdotisch und mehr roter Faden. Doch für alle, die sich selbst eine Meinung von Eva Menasse’s Debütroman bilden möchten:

Eva Menasse, Vienna
btb
ISBN: 978-3-442-73253-1

Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

Bergeinsamkeit

Winter, Schnee, Berge und ein Gasthof in einem abgelegenen Bergdorf – der perfekte Schauplatz für eine gelungene Winterlektüre – und wenn der Autor dann noch Paolo Cognetti heißt, dann ist das für mich eine absolute Herzenslektüre. „Das Glück des Wolfes“ ist der neueste Roman aus der Feder des italienischen Schriftstellers, der mich schon mit „Acht Berge“, für welchen er den Premio Strega erhielt, so begeisterte, dass ich seitdem jede seiner Neuerscheinungen schon sehnsüchtig erwarte.

Wer sich jetzt in den Wintermonaten mal für ein paar Stunden in die italienische Bergwelt – genau genommen das Monte Rosa Massiv an der Grenze zur Schweiz – träumen und von einer leisen, zärtlichen Liebesgeschichte bezaubern lassen möchte, dem sei dieser kleine, feine Roman unbedingt ans Herz gelegt.

„Ja, wonach schmeckte der Januar? Nach Ofenrauch. Nach verdorrten und gefrorenen Wiesen, die auf den Schnee warten. Nach dem nackten Körper einer jungen Frau nach langer Einsamkeit. Er schmeckte nach einem Wunder.“

(S.19)

Fausto flieht aus der Großstadt in die Berge – weg aus seinem bisherigen Leben, weg aus einer gescheiterten Beziehung, weg aus der Stadtwohnung hinauf in die italienische Bergwelt, die schon seit seiner Kindheit eine besondere Bedeutung für ihn hat und tröstlich für ihn ist. Durch Zufall landet er bei Babette, der guten Seele und Gastwirtin von Fontana Fredda, die sofort spürt, dass sie dem Entwurzelten eine Chance geben sollte. Sie bietet ihm eine Position als Koch in ihrem Berggasthof an. Eine Aufgabe, die ihn ablenkt, fordert und letztlich erfüllt, ihm Freude und neuen Lebensmut gibt. Und obwohl der Vierzigjährige die Stille und Abgeschiedenheit in den Bergen genießt, sind es auch die täglichen Begegnungen mit der deutlich jüngeren Kellnerin Silvia, die ihm sehr viel bedeuten. Es entspinnt sich eine zarte, flüchtige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die jeweils noch nach ihrem richtigen Platz im Leben suchen.

In Fontana Fredda knüpft Fausto Kontakte zu den Einheimischen, übernimmt Verantwortung, kümmert sich und wird Teil der Dorfgemeinschaft. Ist das sein Ort für ein gelungenes Leben und sind das die Wurzeln, die er schlagen möchte?

Doch bald zieht die junge Silvia weiter, will höher hinaus, für eine Saison auf einer Schutzhütte nahe des Gletschers arbeiten. Sie ist noch nicht angekommen. Sie sucht die Herausforderung und eine besondere Erfahrung: harte Arbeit, einfache, karge Verhältnisse in einer rauen, kalten Landschaft – Fausto verspricht ihr, sie dort zu besuchen. Doch hat diese Liebe eine Chance und gibt es ein gemeinsames Glück?

Cognetti beleuchtet in seinem Roman die Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen und spielt mit den Nuancen zwischen Freundschaft und Liebe. Seine Charaktere, welche die großen Fragen des Lebens stellen, die sicher viele von uns umtreiben, sind fein gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz.

Für viele ist die Gebirgskulisse Sehnsuchtsort und so neigt so mancher dazu, diese als schneebedeckte Traumwelt und Urlaubsparadies zu verklären. Dass die Bergwelt nicht nur eine romantische Seite hat, sondern auch viele Gefahren für den Menschen birgt, macht Cognetti im Roman jedoch ebenso deutlich. Eiseskälte, Lawinengefahr, schnell wechselnde Witterungsverhältnisse, gefährliche Routen und die Gefahr abzustürzen sind stets präsent und werden leider auch immer wieder unterschätzt.

Cognetti hat erneut ein philosophisches und kluges Buch geschrieben, welches elementare Fragen behandelt und zum Nachdenken anregt, was wirklich wichtig ist im Leben, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wonach sehnen wir uns?

„Etwas verschwindet, und etwas anderes wird an seine Stelle treten“, hatte er zu ihm gesagt. „Das ist der Lauf der Welt. Nur wir haben immer Heimweh nach dem, was vorher war.“

(S.134)

Ich mag die poetische Sprache des gebürtigen Mailänders, die auf so sinnliche Art und Weise die besondere Stimmung in den Bergen einfängt. Ich mag die Naturverbundenheit, das Erdige und Geerdete und die zugleich melodiöse Leichtigkeit von Cognetti’s Erzählstil. Ein sprachlicher Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt, den ich jedoch Satz für Satz genossen habe. Die Übersetzerin Christiane Burkhardt hat hier zweifelsohne wunderbare Arbeit geleistet und die Magie der Worte ins Deutsche übertragen.

Paolo Cognetti erschafft Figuren, die man mag und die man gerne selbst kennenlernen würde. Er erzählt von Menschen, mit denen man gerne selbst am bollernden, gut geheizten Ofen in der Berghütte sitzen, einen Teller Pasta essen, ein Gläschen trinken und sich einen gemütlichen Abend lang unterhalten würde.

„Das Glück des Wolfes“ ist ein Buch, welches das Herz am rechten Fleck hat, das gut tut und die Seele streichelt. Eine wohltuende, meditative Lektüre, die etwas Schwebendes und Flüchtiges hat, denn kaum hat man begonnen, sind diese 200 Seiten auch schon wieder vorbei. Wie ein Traum, den man nur kurz festhalten kann.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Buchbube.

Buchinformation:
Paolo Cognetti, Das Glück des Wolfes
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Penguin
ISBN: 978-3-328-60203-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Paolo Cognetti’s „Das Glück des Wolfes“:

Für den Gaumen (I):
Natürlich spielt das Essen im Roman eine große Rolle – ist einer der Hauptschauplätze ja ein Gasthof in den Bergen: Mich hätte Fausto mit dem schnell gezauberten Mittagessen, das er für die beiden Frauen (Babette und Silvia) zubereitet, ebenso sofort um den Finger gewickelt: „Orecchiette mit frischen Tomaten, Ziegenricotta und Bergthymian“.

Für den Gaumen (II):
Der Geruch von „Grappa und Harz“ (S.16), welcher in der Luft liegt, kommt von den Zirbelkieferzapfen im Grappa – eine Südtiroler Spezialität, die ich bisher noch nicht probiert habe.

Zum Weiterlesen:
Das Lokal, in welchem Fausto als Koch zu arbeiten beginnt, heißt „Babettes Gastmahl“ – nach der Erzählung von Tania Blixen. Da trifft es sich gut, dass ich diese immer schon einmal lesen wollte und sie Ende Februar bei Manesse in einer kommentierten Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg erscheint.

Tania Blixen, Babettes Gastmahl
Übersetzt von Ulrich Sonnenberg
Manesse
ISBN: 9783717560012

Neujahrsbowle 2022 – Zurück in die Zukunft

Prosit Neujahr! Ich hoffe, alle sind gesund und munter ins neue Jahr gestartet. Allen Leserinnen und Lesern meiner Kulturbowle wünsche ich zuallererst ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2022! Möge es so heiter bleiben und werden, wie der heutige weiß-blaue niederbayerische Neujahrshimmel, den ich für Euch eingefangen habe!

Ich lese in diesen Tagen um den Jahreswechsel gerne die Jahresrückblicke und Resümees meiner Bloggerkolleginnen und -kollegen, zeigen sie doch immer wieder, wie vielseitig unsere Welt ist – sei es das kulturelle Leben, die Buchwelt, Kreatives oder kulinarische Genüsse. Man entdeckt so manche Übereinstimmung, aber auch Unterschiede und gerade das macht es reizvoll.

Auch mir hat es Spaß gemacht, nochmal innezuhalten, durch die Leseliste des vergangenen Jahres und meine Blogbeiträge zu blättern, um meine persönlichen, literarischen Glanzlichter des Jahres auszuwählen, die ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte. 2021 war für mich ein starkes, intensives und sehr erfreuliches Lesejahr mit vielen großartigen Büchern – gar nicht so einfach, sich da auf nur zehn Titel zu beschränken, dennoch habe ich es versucht.

Also los – in der Reihenfolge, in welcher ich sie gelesen habe, meine 10 Lese-Höhepunkte des Jahres 2021:

  • Mariam Kühsel-Hussaini „Tschudi“: Ein grandioser und hochinteressanter Roman über Hugo von Tschudi (1851-1911), der als Direktor der Nationalgalerie Berlin gegen Widerstände neue Wege ging und die Kunst der französischen Impressionisten nach Deutschland holte. Sprachlich und inhaltlich ein Genuss!

  • Mirjam Pressler „Dunkles Gold“: Im großen Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat mir gerade dieses Jugendbuch einen bewegenden Einblick in ein Kapitel jüdischer Geschichte – den jüdischen Schatz von Erfurt – gegeben. Eine ganz große Leseempfehlung!

  • Daniela Engist „Lichte Horizonte“: Eines der schönsten Bücher über die Liebe in diesem Jahr stammt in meinen Augen von der Freiburger Autorin Daniela Engist. Intensiv, gefühlvoll und klug.

  • Rumer Godden „Unser Sommer im Mirabellengarten“: Ein perfektes Sommerbuch, das Lust macht auf einen lichtdurchflutenden, flirrenden Sommernachmittag unter dem Mirabellenbaum. Eine fesselnde und schön aufgemachte Wiederentdeckung aus dem Jahr 1958!

  • Steffen Kopetzky „Monschau“: Schon im Mai wusste ich, dass dieser Roman zu meinen Top Ten in 2021 gehören würde. Eine zarte, feinsinnige Liebesgeschichte vor dem zeitlichen Hintergrund der Pockenepidemie in Monschau 1962 – ein faszinierendes Panorama der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Großes Kino!

  • Gesuino Némus „Die Theologie des Wildschweins“: Mein Lieblingskrimi des Jahres spielt im Sardinien des Jahres 1969 – eine herrliche, humorvolle Lektüre, die herzerwärmend und erfrischend zugleich war. Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung der Reihe in 2022.

  • Hildegard E. Keller „Was wir scheinen“: Ein ganz besonderes Buch war für mich dieser zärtliche, innige Roman über Hannah Arendt und ihre letzten, unbeschwerten Urlaubstage im Tessin. Ein Rückblick auf ihr Leben, eine Ode an die Macht der Poesie, die Freundschaft und die Freiheit des Denkens.

  • Judith Fanto „Viktor“: Am meisten überrascht – im positivsten Sinn – hat mich wohl dieser wunderbare Debütroman der niederländischen Autorin Judith Fanto. Völlig hin und weg war ich nach der Lektüre, die genau meinen Nerv getroffen hat. Eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal vieler Juden in zweiter oder dritter Generation nach dem Holocaust – humorvoll und ernsthaft zugleich mit einer großen Leichtigkeit im Schweren!

  • Hisham Matar „Ein Monat in Siena“: Ein ungemein inspirierendes Buch über Kunst und das Leben – voll kluger Gedanken und eine herrliche literarische Reise in die wunderschöne Stadt Siena in der Toskana.

  • Pascale Hugues „Mädchenschule“: Ein warmherziges Buch über zwölf Frauenleben – zwölf Straßburger Schulkameradinnen, die sich 1968 im Poesiealbum der Autorin verewigten – und zugleich das Porträt einer ganzen Frauengeneration. Mitreißend, voller Wärme und mit viel Liebe zum Detail geschrieben – absolut liebenswürdig!

Der meist geklickte Beitrag in 2021 war interessanterweise ein älterer Beitrag aus dem letzten Jahr: „Tizians Venus“ über das Buch „La Fenice“ von Lea Singer. Den Grund für den plötzlichen Zuspruch konnte ich ausmachen: im Oktober wurde im Kunsthistorischen Museum in Wien die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ eröffnet, die noch bis zum 30.01.2022 läuft.

Die meisten Likes erhalten hat in diesem Jahr meine Besprechung zu Raynor Winn’s „Der Salzpfad“ – ein großartiges Buch, das offensichtlich auch meine Leserschaft begeistert hat.

Für all die positiven Rückmeldungen, Likes und Kommentare, welche für mich diese Bowle zu dem Vergnügen werden lassen, das es ist, möchte ich mich von ganzem Herzen bedanken. Es ist mir eine Freude und ein Anliegen, meine Begeisterung für Bücher und kulturelle Ereignisse zu teilen – schließlich ist geteilte Freude doppelte Freude.

Gaumen-Highlight 2021 (Essen):
Da aller guten Dinge drei sind, möchte ich hier dieses Jahr drei Rezepte von lieben Bloggerkollegen verlinken, die sich heuer fest im Speiseplan der Kulturbowle etabliert haben:

Das Focaccia-Rezept von Schnippelboy wurde mehrfach erprobt, funktioniert prima und schmeckt wirklich hervorragend zu Gegrilltem, zu Salat, zum Abendessen, zur Brotzeit… es ist wirklich universell einsetzbar.

Als absolut alltagstauglich und sehr schmackhaft befunden, sowie mehrfach nachgekocht wurden auch die Fusilli mit Senf-Kohl und Speck von Ein Nudelsieb bloggt. Die Senf-Note zum Wirsing – ein Gedicht…

Eine wunderbare kulinarische Neuentdeckung dieses Jahr war der Mönchsbart (barba di frate), auf welchen mich dieses feine Pastarezept (Spaghetti mit Barba di Frate) von Arcimboldi’s World aufmerksam gemacht hat. Ich freue mich jetzt schon wieder darauf, wenn der Mönchsbart im Frühjahr wieder Saison hat.

Gaumen-Highlight 2021 (Trinken):
Die Neuentdeckung in diesem Herbst war auf jeden Fall heißer Sanddornsaft: gesund, vitaminreich, wärmend und auch noch eine tolle Farbe im Glas – eine sehr schöne Alternative zu Glühwein, Grog und Co. in der kalten Jahreszeit.

Musikalisches in 2021:
Diese Kategorie fällt mir besonders schwer, denn vom spektakulären Abba-Comeback, über das koreanische Volkslied Arirang, einem Liederabend mit Christian Gerhaher, schönen Opernvorstellungen bis hin zu den King’s Singers im Radio kurz vor Weihnachten, und… und… und… war so viel Schönes, Neues, Beschwingtes, Bewegendes und Wunderbares aus der Welt der Musik dabei, dass ich hier dieses Jahr wirklich kein Highlight hervorheben oder auswählen kann und möchte.

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Aber nach dem Blick zurück, möchte ich auch nach vorne schauen, denn ein neues Jahr hat begonnen, das gelebt und mit Leben gefüllt werden will, z.B. mit schönen Erlebnissen kultureller Art in Theatern, Opernhäusern und bei Konzerten, mit Spaziergängen in der Natur, mit Begegnungen, feinen kulinarischen Genüssen und mit guten Büchern. Auf meiner Kulturbowle möchte ich daher weiter versuchen, bunt und vielseitig über Lesefreuden, Kulturgenüsse und die schönen Dinge des Lebens zu berichten, diese mit Euch zu teilen, Lust und Neugier zu wecken.

Meine literarische Europareise (Europabowle), die in den letzten Monaten ein wenig pausiert hat, möchte ich weiter fortsetzen und habe mir schon ein paar Länder ausgesucht.

Neu eingerichtet habe ich seit ein paar Tagen den Zeitstrahl meiner Kulturbowle. Eine chronologische Auflistung aller Buchrezensionen geordnet nach dem Jahr der Erstveröffentlichung – zu finden unter Bowle A-Z / Zeitstrahl. Wer also vielleicht nach einem Buch aus einem bestimmten Jahr suchen möchte oder wissen möchte, welche Bücher aus welchen Jahrzehnten bereits hier besprochen wurden, hat jetzt die Möglichkeit, dort zu stöbern. Ich finde es immer interessant, die Bücher zeitlich einzuordnen und auch im zeitlichen Kontext des Erscheinungsjahrs sehen zu können.

Ich bin normalerweise der Meinung, dass man sich gute Vorsätze jederzeit – auch während des Jahres – nehmen und sofort umsetzen kann, aber beim Stöbern durch andere Buch- und Literaturblogs (z.B. Wissenstagebuch, Letusreadsomebooks u.v.m.) bin ich im vergangenen Jahr über das Projekt „21 für 21“ gestolpert. Zu Beginn des Jahres gibt es eine Liste mit Büchern, die man sich für das kommende Jahr zu lesen vornimmt.
Eine schöne Idee, die ich für 2022 gerne in etwas abgewandelter Form aufgreifen möchte: Da ich mir meine Spontanität und Flexibilität bei der Buchauswahl jedoch bewahren möchte, werde ich mich nicht von vornherein auf ganz bestimmte Titel festlegen. Vielmehr möchte ich mir vornehmen, Bücher aus bestimmten Genres, mit besonderen Themen, Schauplätzen oder Merkmalen zu lesen. Daher habe ich mir folgendes überlegt:

Kulturbowle’s 22 für 2022: Ich möchte lesen…

  1. Einen Klassiker
  2. einen Lyrikband
  3. einen historischen Roman
  4. ein Sachbuch
  5. einen Kriminalroman
  6. einen Krimi von Agatha Christie
  7. einen Krimi von Georges Simenon
  8. ein Buch mit Wien als Schauplatz
  9. ein Buch mit Rom als Schauplatz
  10. ein Buch mit Paris als Schauplatz
  11. ein Buch mit London als Schauplatz
  12. ein Buch, in dem Musik eine Rolle spielt
  13. ein Buch, in dem Malerei ein Rolle spielt
  14. ein Buch, in dem Theater/Oper eine Rolle spielt
  15. ein Buch, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt
  16. ein Buch einer Literaturnobelpreisträgerin
  17. einen Debütroman
  18. ein Buch einer für mich neuen Autorin bzw. eines neuen Autors
  19. ein Buch einer bayerischen Autorin oder eines bayerischen Autors
  20. ein überraschendes Buch
  21. ein dickes Buch (lt. Definition von Nordbreze > 500 Seiten)
  22. ein Buch, das schon seit mehr als zwei Jahren bei mir im Regal steht

Ich plane, sobald ich die Zeit finde, eine eigene Seite für die Kulturbowle’s 22 für 22 anzulegen, die ich nach und nach mit Leben füllen werde. Etwas Neues, das ich ausprobieren möchte, aber keine Angst, ich lese weiterhin, was mir gefällt und werde auch nicht nur die Liste streng abarbeiten! Zudem bin ich mir sicher, dass es nicht bei den 22 bleiben wird, habe ich doch in 2021 mehr als 70 Bücher hier auf dem Blog vorgestellt.

Darüber hinaus freue ich mich auf Theater, Oper, Musik, Ausstellungen und alles Kulturelle, was im neuen Jahr so kommen mag.
Bleiben wir also gesund, optimistisch und zuversichtlich und freuen uns auf 2022!

Dass uns eine Sache fehlt, sollte uns nicht davon abhalten, alles andere zu genießen.“

(Jane Austen)