Sylt bittersüß

Susanne Matthiessen ist ein waschechtes Sylter Inselkind – dort geboren und aufgewachsen – und beschreibt in „Ozelot und Friesennerz“ witzig, bissig und wehmütig ihre Kindheit, die Geschichte ihrer Familie und ihr bittersüßes Verhältnis zur liebsten Insel der Deutschen.

Die Bezeichnung „Roman einer Sylter Kindheit“ trifft es für mich nicht so ganz, vielmehr habe ich das Buch weniger als Roman, sondern eher als eine Sammlung von Anekdoten und Episoden aus dem Leben der Autorin gelesen. Geboren 1963 und aufgewachsen in den wilden Siebzigern kann Susanne Matthiessen viel erzählen, hat sie doch den touristischen Aufschwung und die Entwicklung der Insel hautnah miterlebt und auch über die berühmt-berüchtigten Gäste und furiosen High Society-Parties weiß sie so einiges zu berichten. Die Perspektive der Einheimischen macht es für den Leser interessant, der in aller Regeln Sylt nur durch den eigenen Urlaub oder gar nur vom Hörensagen kennt. Wann versetzt man sich schon einmal in die Perspektive der Gastgeber?

Wie ist es, als Kind auf dieser Urlaubsinsel zu leben und aufzuwachsen? Die Eltern betreiben ein florierendes Pelzgeschäft, das seit Generationen in der Hand der Familie ist. Pelze – Luxusgüter der damaligen Zeit, die perfekt auf die Insel und zu den wohlhabenden Gästen passten. Geld spielt bei den Inselgästen häufig keine Rolle und so klingelt die Kasse im Laden. Die Eltern arbeiten viel und lange und die Tochter läuft eher nebenher mit. So verbringt sie auch als Kind und Jugendliche viel Zeit im Geschäft, lernt die Kniffe und Tricks des Verkaufens und die extravaganten Sonderwünsche der Kundschaft kennen. Sie weiß von Strandleben, Parties und exzentrischen Urlaubern zu erzählen und wie es ist, sich das Haus stets mit Sommergästen teilen zu müssen.

„Ozelot und Friesennerz“ ist aber auch ein Buch über starke, emanzipierte und geschäftstüchtige Frauen, die auf der Insel bereits früher als anderswo ihr Schicksal und das Regiment in die eigenen Hände genommen haben – und ebenso ist es ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik. Wie war das denn damals in den Siebzigern?

So erzählt die Autorin im Plauderton unterhaltsam, scharfzüngig und teils fast zynisch über sich und ihre Familie als „aussterbende Spezies“. Aussterbend in vielerlei Hinsicht: Seit die Geburtsstation der Insel geschlossen hat, werden keine Kinder mehr dort geboren, sondern kommen auf dem Festland zur Welt. Die wenig verbliebenen Einheimischen können es sich kaum noch leisten auf der Insel zu leben, seit der Ausverkauf der Insel begonnen hat und die Immobilienpreise ins Astronomische gestiegen sind. Und auch das Geschäft der Eltern ist einen relativ plötzlichen Tod gestorben, denn Pelze sind mittlerweile verpönt und werden nicht mehr gekauft. Und so werden die waschechten Insulaner weniger und das zunächst positiv begrüßte Wirtschaftswunder ist auf der Insel nahtlos in einen gnadenlosen Finanzkapitalismus übergegangen, der für die meisten Einheimischen kaum noch Raum lässt.

Kritisch räumt die Autorin jedoch auch ein, dass sich die Sylter selbst hier auch teilweise an die eigene Nase fassen müssen, aber die Selbstkritik, die Trauer, der Schmerz und die Wut über die negativen Veränderungen auf der Insel, die nicht mehr zurückgedreht werden können und den ursprünglichen Charakter Sylts immer mehr verdrängt und verwässert haben, ist deutlich zu spüren. Da schwingt große Wehmut mit und Matthiessen versucht mit ihrem Buch der Insel etwas zurückzugeben und Erinnerungen festzuhalten, die sonst auch noch verloren gehen. So schreibt sie: „In mir wächst das Gefühl, dass ich der Insel etwas schulde. Auch wenn es am Ende nur dieses Buch sein wird.“ (Zitat, S. 245).

Die Lektüre war kurzweilig und unterhaltsam, auch wenn mir etwas weniger „Pelzdetails und Kürschnerhandwerk“, dafür etwas mehr „Sylt, Land und Leute“ oder vor allem Zeitgeschichte lieber gewesen wäre. Denn die Stärke des Buches kommt für mich vor allem dann zum Tragen, wenn Matthiessen in ihrer flapsig-amüsanten und humorvollen Art zu Schreiben den großen Bogen zur deutschen Geschichte schlägt und zum Beispiel fast nebenbei durch die Geschichte ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrer eigenen, die Situation und Emanzipation der Frau in Westdeutschland erzählt. Wer also abtauchen will in die wilden Siebziger Jahre oder vielleicht demnächst einen Sylt-Urlaub plant – dem sei dieses Buch ans Herz gelegt – man erfährt interessante Hintergründe aus einem neuen Blickwinkel. Wer aber dem Sehnsuchtsort Sylt keine Kratzer im Lack zufügen möchte und sich lieber die Postkartenidylle und das Bild einer heilen Welt bewahren will anstatt sich kritisch mit der Inselgeschichte auseinanderzusetzen, der sollte das Buch lieber im Regal stehen lassen.

© Ullstein Verlag

Buchinformation:
Susanne Matthiessen, Ozelot und Friesennerz
Ullstein
ISBN 9783550200649

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Wozu inspirierte mich „Ozelot und Friesennerz“:

Für den Gaumen:
Der Sylter Klassiker ist für mich ganz klar ein Fischbrötchen – ganz frisch direkt am Hafen – leider in meiner Heimat in der Qualität so nicht zu bekommen. Schmeckt für mich daher immer nach Meer, Freiheit und Urlaub und die Austern überlasse ich gerne den anderen.

Für die Ohren:
Musikalisch gesehen waren die im Buch geschilderten Schallplattenkäufe der Autorin nicht ganz meine Zeit oder Wellenlänge, aber auf Sylt hört man doch am besten ohnehin den Wellen, der Brandung und dem Meeresrauschen zu.

Für weiteren literarischen Genuss:
Wer nach der kritischen Auseinandersetzung mit der Sylter Geschichte lieber doch nochmal ein bisschen mehr „Heile Welt“, Urlaubsstimmung und gute Laune braucht, dem sei die Inselwelt der Stockholmer Schären und ein absoluter Klassiker (und eines meiner Allzeit-Herzensbücher) ans Herz gelegt:

Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan
Oetinger
ISBN: 978-3-7891-4119-5

Margherita – Venedigs First Lady

Jana Revedin hat in ihrem Roman „Margherita“ der Großmutter ihres Mannes ein literarisches Denkmal gesetzt und den Lesern ein atmosphärisches, interessantes und anregendes Buch geschenkt. Wer Italien, Venedig, Kunst und Kultur liebt und sich für Zeitgeschichte interessiert, wird große Freude an der Lektüre haben.

Wir begegnen der jungen Margherita – einer einfachen Zeitungsverkäuferin, die jedoch eine gute Schulbildung genießen konnte – am Neujahrstag des Jahres 1920, also ziemlich genau vor 100 Jahren. Es beginnen die Zwanziger Jahre, so wie jetzt auch für uns wieder Zwanziger Jahre anbrechen. Damals ist gerade ein Weltkrieg und die schreckliche Welle der spanischen Grippe zu Ende gegangen. Margherita lebt in Treviso – einer Stadt im Veneto – mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern in einer einfachen Unterkunft, die einem Kloster angegliedert ist. Der Vater hat die Familie schon vor langer Zeit im Stich gelassen und die vier Damen haben sich mit dem von ihm hinterlassenen Zeitungsladen und den Schneiderarbeiten der Mutter eine eigene Existenz aufgebaut. Margherita, die Mittlere der Schwestern, liebt es, morgens die Zeitungen zu studieren und sich dann gepflegt und gewitzt mit ihren Kunden darüber auszutauschen. Einer dieser Kunden ist der adelige Conte Revedin – der Erbe einer trevisianischen Dynastie, dem das Schicksal Eltern und Geschwister genommen hat. Er genießt die Konversation mit Margherita, mit der er sich fundiert über Tagespolitik, Kunst und Kultur unterhalten kann und die ihm als frischer Wind aus dem Volk in der verkrusteten, konservativen Welt des italienischen Hochadels einfach „gut tut“, wie er es selbst ausdrückt.

Und plötzlich nimmt ein wahres Märchen seinen Lauf, denn der Conte hält um Margheritas Hand an und sie wird hineinkatapultiert in ein Leben voller Kunst, Kultur und Annehmlichkeiten, das sie sich kaum hätte erträumen können. In Paris wird sie während ihrer Verlobungszeit in die hohe Gesellschaft eingeführt und schon bald verkehrt sie mit all den großen Künstlern ihrer Zeit – Giacometti, Poulenc, Coco Chanel, Cole Porter und Pablo Picasso. Sie findet in Eugenia Errázuriz, Jean-Michel Frank und der eigenwilligen und unangepassten Peggy Guggenheim wahre Freunde. Ein aufregendes Leben als „First Lady“ in Venedig beginnt und sie erobert sich an der Seite ihres Mannes einen Platz in der Gesellschaft am venezianischen Lido. Sie erlebt den touristischen Aufschwung Venedigs und trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die Lagunenstadt zu einem kulturellen Mittelpunkt Europas entwickelt – als Kurort, Stadt der Biennale und der Künste und als Ort des weltberühmten Filmfestivals. Doch auch dieses Märchen verläuft nicht ohne Schicksalsschläge…

Die Lektüre der 300 Seiten verging für mich wie im Flug und auch wenn der Roman nicht besonders reich an Handlung ist, so habe ich es sehr genossen in diese Zeit, das Flair und den Zauber der „Serenissima“ Venedig einzutauchen. Man wünscht sich regelrecht, bei einem der rauschenden Feste der venezianischen Bohème dabei gewesen zu sein, welche die Autorin so sinnlich beschreibt. All die Anspielungen auf die Künstler, die verschiedenen Kunstrichtungen – von bildender Kunst über Musik und Oper bis zur Architektur – sind genau nach meinem Geschmack und auch die kulinarischen Aspekte kommen nicht zu kurz. Ich fand es spannend, mehr über die schillernde und unabhängige Persönlichkeit von Peggy Guggenheim zu erfahren – auch wenn sie nicht im Zentrum des Buches steht – und ich bin mit einem Füllhorn an Ideen und Inspiration aus der Lektüre herausgegangen, was man noch alles nachlesen, nachhören und weiterrecherchieren könnte. Also ein Buch wie für mich geschrieben, da man viel über Zeitgeschichte und auch die Stadtgeschichte Venedigs erfährt. Lesegenuss, etwas Neues erfahren und Inspiration, was will man mehr?

Explizit erwähnen möchte ich auch noch die wunderschöne Aufmachung des Buches. Der Aufbau Verlag hat hier eine herrliche Ausgabe mit Lesebändchen und einem sehr edel gestalteten Umschlag geschaffen, die man gerne zur Hand nimmt und die zu einem Schmuckstück im Bücherregal wird, welches jedem bibliophilen Leser Freude bereitet.

Der Roman gibt Einblicke in das „Who is who“ des italienischen Hochadels und die Welt der Großindustriellen und wird vor allem kunstsinnigen und zeitgeschichtlich interessierten Lesern gefallen, die sich für geschichtliche Hintergründe und verschiedene Kunstrichtungen interessieren. Wer jedoch nur auf der Suche nach einem einfachen, klassischen Liebesroman unter italienischer Sonne ist, der sollte lieber die Finger davon lassen. Für mich war diese Reise ins schöne Venedig jedoch eine wunderbare, erfrischende Urlaubslektüre, die mich abtauchen ließ ins Gewirr der Gassen und Kanäle und mich zumindest gedanklich einen Tag ans Meer, auf den Markusplatz und an den Strand am Lido entführt hat. Achtung: Fernweh inbegriffen.

Buchinformation:
Jana Revedin, Margherita
Aufbau
ISBN 978-3-351-03830-4

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Welche weiteren sinnlichen Genüsse passen zu „Margherita“:

Für den Gaumen:
Ein Espresso und ein „Veneziano“ (die italienische Variante des „Spritz“) – und falls man danach hungrig sein sollte, ein Teller mit herrlicher italienischer Pasta… denn Pasta macht glücklich.

Für Augen und Ohren – oder für den nächsten Opernbesuch:
Der Roman beginnt mit der Arie „Vissi d’arte“ aus Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ – eine der größten, italienischen Opern aller Zeiten. Ein Meisterwerk, das man immer wieder sehen und hören kann, das häufig auf den Spielplänen steht und hoffentlich auch nach der Corona-Pause wieder in den Opernhäusern zu erleben sein wird.

Für weiteren literarischen Genuss:
Wer jetzt Lust auf „mehr Italien“, „mehr Meer“ und „mehr Liebesgeschichte“ bekommen hat, dem lege ich folgenden wunderschönen und stimmungsvollen Roman ans Herzen – ein wahres Fest für die Sinne und wunderbar zu lesen:

Hanns-Josef Ortheil, Die große Liebe
btb
ISBN: 978-3-442-73964-6

Welche Welt wählst Du?

Mit „Cryptos“ setzt Ursula Poznanski ihre erfolgreiche Jugendthriller-Reihe fulminant fort. Es ist für mich schon zu einer liebgewonnenen Tradition geworden, dass ich in meinem August-Urlaub ein hochspannendes Jugendbuch von Ursula Poznanski in Händen halte und dieses dann genüsslich innerhalb kürzester Zeit verschlinge. Oft schon hat sie mir einen spannenden Tag im Strandkorb oder im Liegestuhl beschert und auch dieses Jahr hat sie mich nicht enttäuscht, auch wenn ich den Roman dieses Mal zu Hause ohne Meerblick gelesen habe.

Sollte die Urlaubsreise dieses Jahr Corona zum Opfer gefallen sein – kein Grund traurig zu sein, denn schon die ersten Seiten von „Cryptos“ genügen, um mitten drin in der Geschichte zu sein und sich mit Jana, der jungen und hochbegabten Weltendesignerin auf eine wilde Reise durch Raum und Zeit zu begeben.

Jana ist das vielversprechende Nachwuchstalent bei Mastermind und kreiert für das Unternehmen virtuelle Welten, in die sich die Menschen aus der realen Welt, die mittlerweile aufgrund der Klimakatastrophe, der unerträglichen Hitze, des Wassermangels und der knapp werdenden Nahrung immer unwirtlicher geworden ist, zurückziehen können. Mit Kerrybrook – einer irisch anmutenden saftig-grünen, sanft-hügeligen und gemütlichen Fischerinsel ist ihr ein Hort des Friedens gelungen, der sich mit hohen Besucherzahlen immer größerer Beliebtheit erfreut. Doch plötzlich kommt es in Kerrybrook zu Vorfällen, die sich niemand erklären kann und Jana muss zusehen, wie das Verbrechen in ihre friedliche Welt eindringt. Geschockt macht sie sich auf den Weg, herauszufinden, wie das geschehen konnte und versucht, die Täter zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Eine spannende und dramatische Reise durch die unterschiedlichsten Zeiten und Welten beginnt und die Lage spitzt sich immer mehr zu…

Es ist gar nicht so leicht, eine ausführliche Rezension über „Cryptos“ zu schreiben, weil man ja auch nicht zu viel verraten möchte. Denn das Buch lebt vom sehr gekonnt aufgebauten Spannungsbogen, dem man sich als Leser nicht mehr entziehen kann und will. Poznanski ist aus meiner Sicht wiederum ein großer Wurf gelungen und mich fasziniert, mit welcher Regelmäßigkeit sie es schafft, jährlich einen qualitativ hochwertigen, gelungenen und hoch spannenden Jugendthriller zu schreiben, der immer ein brandaktuelles Thema behandelt, das nicht nur Jugendlichen unter den Nägeln brennt. Dazu hat sie ein Händchen für tolle, einprägsame Figuren und beherrscht es, den Leser durch stimmige Atmosphäre und durchdachte Dramaturgie in den Bann zu ziehen.

An alle Erwachsenen, die sich (immer noch) nicht trauen, zu einem Jugendbuch zu greifen: Für gute Bücher ist man nie zu alt! Ursula Poznanski ist sicherlich eine gute Adresse, um über seinen (falls vorhandenen) Schatten zu springen.

Ist „Cryptos“ eine Dystopie? Befragen wir hierzu mal kurz die Definition laut welcher eine Dystopie „ein zukunftspessimistisches Szenario von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt“ (Zitat; Quelle: Wikipedia) darstellt. „Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen.“ (Zitat; Quelle: Wikipedia).
Und ja – „Cryptos“ ist eine Dystopie und aus meiner Sicht eine sehr gelungene noch dazu. Denn Ursula Poznanski gibt in diesem Buch der Klimakatastrophe Raum und versucht, den Lesern vor Augen zu führen, wie unsere Welt aussehen könnte, wenn wir nichts unternehmen und ändern. In Form dieser hochspannenden Geschichte, verpackt sie geschickt viele Aspekte des Klimawandels und dessen Folgen und erreicht somit in Form eines Spannungsromans eine große Zielgruppe an jungen aber auch erwachsenen Lesern. Das ist wirklich sehr gut gemacht, ideenreich und fantasievoll und gerade deshalb stockt einem der Atem und man schluckt… denn von vielen der geschilderten negativen Auswirkungen der Klimakatastrophe sind wir nicht mehr weit entfernt, vergeht doch kaum ein Tag, an welchen wir nicht von Buschbränden, Überschwemmungen und Dürresommern in den Nachrichten hören und sehen. Zudem drängt sich leider manchmal auch der Eindruck auf, dass auch in unserer Realität viele Menschen den Tatsachen lieber aus dem Weg gehen und sich in ihre eigenen Welten und „alternative Wahrheiten“ flüchten. Lieber lässt man sich bespaßen, als die Probleme wirklich anzupacken.

Und so stellt Ursula Poznanski die beklemmende Frage, in welcher Welt wir leben wollen, wenn unsere eigene unbewohnbar geworden ist oder wie es der Loewe Verlag auf dem Umschlag formuliert: „Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen?“ (Zitat). Welche Welt wählst Du?

Buchinformation:
Ursula Poznanski, Cryptos
Loewe
ISBN 978-3-7432-0050-0

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Zu welchen weiteren Genüssen hat „Cryptos“ mich inspiriert:

Für den Gaumen:
Zum Kühlen der Gemüter und für ein bisschen Sommerurlaubs-Feeling ein erfrischendes Eis.

Für die Augen bzw. zum Weiterschauen:
Beim Thema Weltendesign fühlte ich mich sofort an den Film „Die Truman Show“ aus dem Jahre 1998 erinnert. Die Jüngeren unter Euch dürften ihn vielleicht noch nicht kennen, aber was das Thema virtuelle Welten anbelangt, ist er wohl immer noch ein Klassiker.

Für weiteren literarischen Genuss:
Solltet Ihr tatsächlich zu den glücklichen Menschen gehören, die noch nicht alle Bücher von Ursula Poznanski gelesen haben und Spaß an Cryptos hatten, dann kann ich ausnahmslos auch die bereits erschienenen Jugendbücher der österreichischen Autorin wärmstens empfehlen. Ich werde hier nicht alle auflisten, aber als kleine Auswahl (aller guten Dinge sind drei):

Ursula Poznanski, Layers
Loewe
ISBN 978-3-7855-8230-5

Ursula Poznanski, Elanus
Loewe
ISBN 978-3-7855-8231-2

Ursula Poznanski, Aquila
Loewe
ISBN 978-3-7855-8613-6

Ein großartiges Buch zum Thema Klimawandel, das sich ermutigend, positiv und unterhaltsam mit unseren Möglichkeiten befasst, unseren Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten und auf das ich sicherlich noch ausführlicher im Blog zurückkommen werde:

Petra Pinzler, Günther Wessel,
Vier fürs Klima – Wie unsere Familie versucht CO2-neutral zu leben
Droemer
ISBN 978-3-426-30273-6

New York, New York

Elizabeth Gilberts Roman „City of Girls“ entführt den Leser in das pulsierende, funkelnde und schillernde Nachtleben der Vierziger Jahre in der Stadt, die niemals schläft: New York.

Sommer 1940 – die 19-jährige Vivian wirft das College hin, entflieht der Enge ihres Elternhauses und bezieht Quartier bei ihrer Tante in New York, die dort ein eigenes, kleines Theater in einem Arbeiterviertel betreibt. Tante Peg – das schwarze Schaf der Familie – ist nicht nur Bühnen-, sondern auch Lebenskünstlerin und hält sich, ihre Mitarbeiter und das heruntergekommene „Lily Playhouse“ mit einfachen und eher handwerklich, denn künstlerisch angelegten Unterhaltungsrevuen mehr schlecht als recht über Wasser.
Für Vivian beginnt ein neues Leben, sie ist fasziniert vom kreativen Chaos der glamourösen, schillernden Theaterszene und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Nähkünste und ihrer Nähmaschine, die sie ihrer geliebten Großmutter verdankt, integriert sich Vivian schnell in die bunt zusammengewürfelte und eigenwillige Truppe. Sie wird zur Kostümbildnerin des Theaters und da Kleider bekanntlich Leute machen, werden die Kostüme und die Mode zum Ausdrucksmittel und Türöffner für das junge Mädchen. Mit Showgirl Celia genießt sie ihre ungezügelte Freiheit und die unbegrenzten Möglichkeiten des New Yorker Nachtlebens, die ihr auf einmal offen stehen. Schon bald wirft jedoch der zweite Weltkrieg seine Schatten auch nach Amerika, doch Vivian schwirrt weiter durch die Bars und Clubs der Stadt, wie eine Motte ins Licht – nicht ahnend, dass ihr Verhalten andere und sich selbst bald in großes Unglück stürzen wird. Und als dann nicht nur ihr Privatleben, sondern auch die Welt in Flammen steht, zeigt sich für Vivian, worauf es im Leben wirklich ankommt und wo ihre Stärken liegen.

Elizabeth Gilbert versteht es, Figuren aufs Papier zu zaubern, die einem sofort ans Herz wachsen. Die kunterbunte Theaterkompanie im Lily Playhouse mit der stets optimistischen und positiven Peg, dem ruhenden Pol und wachsamen Hütehund Olive, dem zum Inventar gehörenden Mr. Herbert, der verruchten und vergnügungssüchtigen Celia und der Grand Dame des Theaters Edna – um nur einige wenige zu nennen – sind einfach wunderbar gezeichnet. Man freut sich, lacht, liebt und leidet mit allen von ihnen und taucht ab in diese glitzernde Theaterwelt der Vierziger Jahre. Und so wie die Theaterbesucher im Lily Playhouse gemäß dem Motto „hübsche Beine statt schlechter Shakespeare“ (Zitat, S.56) gut unterhalten werden, um den Alltag und die Sorgen einen Abend lang zu vergessen, so lässt auch dieses Buch den Leser alles um sich herum für eine Weile ausblenden.
Wie gut kann ich als leidenschaftliche Theatergängerin die Euphorie nach einer gelungenen Aufführung nachvollziehen und wie sehr wünsche ich mir, dass auch wir bald wieder im Theater sitzen, Leute aus Fleisch und Blut auf der Bühne erleben und lachen können. Bis dahin ist dieser Roman eine gute Möglichkeit, diese Wartezeit zu überbrücken und die Vorfreude zu verstärken, denn es prickelt, knistert und der Funke der Geschichte ist auf mich definitiv übergesprungen.

Ein herzerwärmendes Buch, das man kaum mehr aus der Hand legen kann. Es ist witzig, charmant und geistreich und ich musste mehrfach herzhaft lachen. So sehr die erste Hälfte geprägt ist von guter Laune, unbeschwerter Ausgelassenheit und schöpferischem Schaffen der Theatertruppe im liebenswürdigen, aber heruntergekommenen Haus, so emotional wird der zweite Teil des Buches und geht zu Herzen. Denn dass hinter der Bühne und den Kulissen nicht immer alles glänzt und leuchtet, sondern dass auch dort Menschen Schwäche zeigen und mit ihren Sorgen, Nöten und Ängsten kämpfen, ist die zweite, sehr menschliche und gefühlvolle Seite des Romans.

Ein großartiges Buch über Lebensfreude, Lebensentwürfe, Freundschaft und Verantwortung, aber auch über die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen und basierend auf den persönlichen Stärken selbstbestimmt und unabhängig zu gestalten. Eine wunderbare, lebensfrohe Sommerlektüre für alle, die Theater, starke Frauen, New York, die Vierziger Jahre oder einfach nur eine wirklich gut erzählte und warmherzige Geschichte lieben.

Buchinformation:
Elizabeth Gilbert, City of Girls
Übersetzt von: Britt Somann-Jung
S. Fischer
ISBN 978-3-10-002476-3

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Wie lässt sich „City of Girls“ mit allen Sinnen genießen oder der Genuss verlängern:

Für den Gaumen: Gin Fizz und Tapas, um sich auch zu Hause wie in einer New Yorker Bar zu fühlen

Für die Ohren und Theatergänger:
Definitiv Musik von Cole Porter – seine Songs „I’ve got you under my skin“, „Night and day“ oder „Begin the beguine“ sind unsterblich und lassen einen sofort mitswingen.
Und sollte sich die Gelegenheit bieten, sein Musical „Kiss me, Kate“ in einem Theater Eurer Nähe live zu erleben (ich hatte am Stadttheater Landshut bereits vor einigen Jahren das Vergnügen), unbedingt nutzen und reingehen!

Für weiteren literarischen Genuss:
Eine ähnliche Wirkung hatte auch die Lektüre von folgendem Roman auf mich, an den mich „City of Girls“ ein ganz klein wenig erinnert hat:

Isabel Allende, Der japanische Liebhaber
übersetzt von: Svenja Becker
Suhrkamp
ISBN: 978-3518467305

Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5

Villazóns literarische Radtour durch Salzburg

Sommerzeit, Urlaubszeit, Festspielzeit – all das wird dieses Jahr durch die Corona-Pandemie gewaltig auf den Kopf gestellt. Doch die Salzburger Festspiele finden statt und man kommt derzeit auch zu Hause auf dem Sofa in den Genuss einiger Fernsehübertragungen (u.a. den „Jedermann“ vom Domplatz, die „Così fan tutte“ aus dem großen Festspielhaus und „Elektra“ aus der Felsenreitschule). Was könnte dazu besser passen als ein Roman von einem, der Salzburg und die Festspiele hinter den Kulissen kennt wie seine Westentasche und dazu noch jede Menge Lebensfreude und Urlaubslaune versprüht: Rolando Villazón. Sein dritter Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ ist eine Liebeserklärung an Salzburg, die Festspiele und vor allem an Mozart, den unsterblichen Sohn der Stadt an der Salzach.

Salzburg im Sommer, die Luft flirrt und der junge Mexikaner Vian kommt mit einem großen Traum in der Stadt an: der junge Opernsänger möchte einmal bei den Salzburger Festspielen auftreten und singen. Dafür ist er bereit, alles zu geben und er begegnet in Mozarts Geburtsstadt großen Stars, exaltierten Kollegen und Künstlern, schrulligen Vögeln, wahren Freunden, der großen Liebe und letztlich sich selbst. Hinter und vor den Kulissen von „Don Giovanni“ – Mozarts großartiger Höllenfahrt-Oper – stolpert der quirlige, südamerikanische Tollpatsch und „Winzling“ – wie er sich im Buch selbst bezeichnet – durch Höhen und Tiefen des Künstlerdaseins und erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

So wie die Titelfigur der Oper sich dem „steinernen Gast“ – dem Komtur – nicht entziehen kann, so kämpft Vian darum, sich von seinem übermächtigen Vater zu lösen – Parallelen zu Mozart sind natürlich vom Autor nicht rein zufällig gewählt, sondern klar erwünscht. Denn der autoritäre Vater hat andere Pläne für seinen Sohn und möchte, dass dieser seine stotternde Sängerkarriere lieber heute als morgen beendet und sich stattdessen zu Hause in Mexiko einem einträglichen Brotberuf widmet. Und so scheint der sensible Nachzügler Vian in seinem Leben ständig zwischen den Welten zu stehen – zwischen Europa und Südamerika, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Geschwistern und Eltern, zwischen Pflicht und Lust und selbst seine Stimmlage lässt sich nicht eindeutig auf Tenor oder Bariton festlegen. Und doch schlägt sich der tapfere, aber auch ängstliche Spinnenphobiker mit Humor durchs Leben und versucht in Salzburgs Gassen, die zahlreiche Abenteuer für ihn bereit halten, sein Glück und seine Bestimmung im Leben zu finden.

Wie viel Villazón steckt in der Figur des Vian? Vermutliche einiges: die Liebe zur Musik, der Oper und zu Mozart, das quirlige, südliche Temperament und der Humor, der hilft, auch in schwierigen Situationen, die Hoffnung nicht aufzugeben und den Problemen laut ins Gesicht zu lachen.

Vor allem aber steckt sehr viel Villazón im gesamten Roman, der ein pralles, lebensfrohes und buntes Bild von Salzburg in all seiner künstlerischen Vielfalt zeichnet. Salzburg ist mehr als Mozart und doch dreht sich so vieles dort um ihn.

Das Buch enthält eine der längsten Liebeserklärungen, die ich je in der Literatur gelesen habe und ist zudem eine Liebeserklärung Villazóns an die Stadt, in der er seit 2019 als Intendant für die Mozartwoche verantwortlich zeichnet und einst an der Seite von Anna Netrebko in der umjubelten und legendären „La Traviata“ von 2005 zum Weltstar wurde.

Mit viel Augenzwinkern und einem gehörigen Schuss Selbstironie beleuchtet der Opernsänger liebevoll auch die Künstlerszene, die Festspielatmosphäre und lässt zwischen den Zeilen durchklingen, dass es bei viel Rampenlicht auch Schatten gibt. Mit großer Lust am Erzählen und Fabulieren scheint die Geschichte regelrecht aus ihm herauszusprudeln – und man fühlt sich beim Lesen an seine lebensfrohen, überbordenden und temperamentvollen Interviews erinnert. Mit zahlreichen Querverweisen und Bezügen zu Literatur, Film und bildender Kunst, aber auch Themenkomplexen wie die Eltern-Kind-Beziehung, Zivilcourage und Toleranz fächert er ein pralles, buntes Kaleidoskop auf, das in seiner Üppigkeit und Fülle vielleicht so gar manchem Leser an der einen oder anderen Stelle etwas zu viel werden könnte.

Stark ist der Roman für mich vor allem in den luftig-leichten Momenten, in welchen der spitzbübische Humor des Autors aufblitzt und er sich selbst und das Opernbusiness nicht zu ernst nimmt, aber auch dann, wenn er die Macht der Musik und der Liebe gefühlvoll beschreibt.

Für mich als Bücher- und Opernliebhaberin war dieser Roman ein wunderbares Sommerbuch und eine erfrischende, fröhliche Urlaubslektüre, die mir viel Lesefreude bereitet hat: kurzum das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Buchinformation:
Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen:

Passend zur Salzburger und österreichischen Kaffeehauskultur ein „Verlängerter“ oder ein „großer Brauner“

Für die Ohren oder den nächsten Theaterbesuch:

  • Mozarts Oper „Don Giovanni“ – wer sie kennt, hat definitiv noch mehr von der Lektüre, weil sich zahlreiche Parallelen und Anspielungen im Roman entdecken lassen.
  • Peter Shaffers Schauspiel „Amadeus“ – im Stadttheater Landshut war in der vergangenen Spielzeit eine fulminante und geniale Inszenierung dieses Stückes zu erleben. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, das Stück live zu sehen – ich kann es nur empfehlen. Der oscarprämierte Film von Forman, der auf diesem Stück basiert, ist zweifelsohne gut – aber Live-Theater ist besser.
  • Und zum Hören die wunderbaren Interpretationen von Mozarts Arien (auch fünf aus Don Giovanni) auf Christian Gerhahers Album „Mozart Arias“ (erschienen bei Sony Classical, 2015)

Für weiteren literarischen Genuss:

Zu Salzburg passen und stehen in meinem Regal:

  • Herbert Rosendorfer „Salzburg für Anfänger“;
    dtv Literatur, ISBN 978-3-423-13342-5
    (Ein fröhlicher und kurzweiliger literarischer Reiseführer durch die zauberhafte Stadt an der Salzach.)

… und eines meiner absoluten Herzensbücher:

  • Erich Kästner „Der kleine Grenzverkehr“;
    Atrium Verlag AG, ISBN 978-3038820154
    (Ich werde zu gegebener Zeit in diesem Blog sicherlich auf Erich Kästner zurückkommen, denn er ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, wenn nicht DER Lieblingsautor in meinem Leseleben.)
© Rowohlt Verlag

Così fan tutte in Salzburg

Gerade derzeit „machen es eben nicht alle so“, sondern die Salzburger Festspiele sind aktuell das große Kulturereignis, das es anders macht – es findet statt. In eingeschränkter Form, aber Salzburg versucht und wagt es, ein Zeichen zu setzen, dass Kultur auch in Zeiten der Pandemie einen Platz finden kann und muss. Dies erfordert Mut und es bleibt zu hoffen, dass dieser belohnt wird, so dass diese Jubiläumsfestspiele als besonders, aber gelungen in die 100-jährige Geschichte eingehen werden und ein positives, ermutigendes Zeichen setzen.

Die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ in einer gekürzten und coronatauglichen Form (d.h. ohne Pause), leistet ohne Zweifel ihren Beitrag zum Gelingen der Festspiele. Die reduzierte Fassung, welche die Dirigentin Joana Mallwitz – als erste Frau am Pult der Salzburger Festspiele – und Regisseur Christof Loy in der Kürze der Zeit gemeinsam erarbeitet haben, ist stimmig und verschafft dem Publikum den so dringend ersehnten Mozartgenuss: Balsam auf die Seele all derer, die so lange auf Oper verzichten mussten.

Mozarts Kammeroper mit sechs großen Partien, Liebeswirren und zeitloser musikalischer Schönheit erweist sich als bestens geeignet für die aktuell gebotenen Möglichkeiten, Opern aufzuführen. Die Wirkung des Stücks leidet nicht unter den Einschränkungen, welche die Pandemie dem Opernbetrieb auferlegt.

Fiordiligi und Dorabella – zwei junge und unbeschwerte Schwestern – lieben ihre Verlobten Guglielmo und Ferrando und fiebern der Hochzeit entgegen. Durch die heimtückische Wette, die Don Alfonso bei seinen Freunden anzettelt – er möchte den Beweis antreten und sie warnen, dass keine Frau wirklich treu ist – stürzt er die vier jungen Menschen in große Liebes- und Gefühlswirren. Den Schwestern – Elena Dreisig und Marianne Crebassa als hinreißende, unbeschwerte Damen, die in mir mehr als einmal die Assoziation von „Schneeweißchen und Rosenrot“ weckten und sich stimmlich, wie spielerisch wunderbar ergänzen – erzählt Don Alfonso, dass ihre Verlobten einrücken müssen. Die folgende Abschiedsszene und die Arie „Soave sia il vento“, ist für mich musikalisch und emotional einer der Höhepunkte und der Gänsehautmoment der Aufführung, zumal die warme Stimme des Weltklasse-Baritons Johannes Martin Kränzle und die frischen, jungen Stimmen der beiden Sängerinnen eine Harmonie und Klangfarbe erzeugen, die unter die Haut geht.

Wer „Così fan tutte“ kennt, weiß, wie es weitergeht: Mit Hilfe der durchtriebenen Kammerzofe Despina – Lea Desandre beweist in dieser Rolle ihr komödiantisches Talent und brilliert auch in den Szenen als verkleideter Arzt und Notar – schleust Don Alfonso die verkleideten jungen Burschen unerkannt zurück ins Haus, wo sie dann mit allerlei Tricks versuchen, die Verlobte des jeweils Anderen zu verführen.

Am Ende spricht einem der Schlusschor – derzeit aktueller denn je – aus der Seele, der in C-Dur den Menschen glücklich preist, der die guten Seiten sieht und auch in den Wechselfällen des Lebens lacht und Ruhe bewahrt.

Mich hat vor allem die immense Intensität und die enorme Energie beeindruckt, welche von dieser puristischen Fassung und der spielfreudigen Besetzung ausgehen. Gerade durch die Reduzierung aufs Wesentliche – die Bühne als großer, freier Raum ohne Requisiten und Möblierung – nur Treppen und Türen und ein Spiel mit Weiß und Schwarz – trägt dazu bei, dass sich alles auf die Musik und die Figuren konzentriert.

Die Sänger füllen diesen Raum mit Leben und Emotion und nutzen die Chance, die sich in der Einfachheit bietet. Jeder der sechs Akteure ist dieser Herausforderung, sich nur auf sich selbst und Mozarts Musik zu verlassen, zu jeder Zeit gewachsen. Stimmlich und darstellerisch agieren sie auf Augenhöhe. Der Star ist das Ensemble und wird zu Recht vom Publikum im Saal mit stürmischem Beifall bedacht.

Joana Mallwitz führt die Wiener Philharmoniker umsichtig und stellt die Musik in den Dienste der herausragenden Sängerriege: Allen voran die 29-jährige Elsa Dreisig, die der Fiordiligi vor allem in den Höhen eine unvergleichliche Leichtigkeit gibt und doch darstellerisch auch die Gefühlstiefe nicht vermissen lässt. Marianne Crebassa ergänzt Dreisigs klaren, hellen Sopran um einen dunkleren und warmen Mezzo – eine höchstklassige Besetzung der beiden Rollen, wie man sie nur äußerst selten erleben darf und zwei Sängerinnen, denen große Opernkarrieren offen stehen. Dem stehen der russische Tenor Bogdan Volkov und der Bariton Andre Schuen kaum nach und meistern ihre Partien sängerisch ebenfalls mit viel Gefühl und großer Bühnenpräsenz. Johannes Martin Kränzle präsentiert sich als Don Alfonso in hervorragender Verfassung und darf auch dank seiner grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten bei Mimik und Körperhaltung aus dem Vollen schöpfen. Der erfahrene Bariton ergänzt so perfekt das junge, vibrierende Ensemble, denn auch die temperamentvolle Lea Desandre als Despina sprüht vor Spiellaune und beweist große Ausstrahlung auf der Bühne.

Christof Loys wohl durchdachte Personenregie schafft die Voraussetzung, dass das Publikum einen Opernabend erlebt, der getragen von der unsterblichen Musik Mozarts, vor allem durch die puren, intensiven gesanglichen und authentischen, emotionalen schauspielerischen Leistungen der Hauptakteure im Gedächtnis bleiben wird. Man spürt regelrecht mit welcher Lust und Freude die Akteure des Abends auf der Bühne stehen und es genießen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.

Salzburg, Mozart, die Festspiele und die Wiener Philharmoniker sind untrennbar miteinander verbunden und werden hoffentlich in dieser Konstellation noch viele Besucher und Opernbegeisterte in den kommenden Jahrzehnten begeistern und verzaubern.

Gesehen auf ORF2, 07. August 2020, 20.15 Uhr

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Ich liebe es, während und nach einem kulturellen Erlebnis, die Gedanken fließen zu lassen, den Moment auszukosten, mir die Sinne umschmeicheln und mich inspirieren zu lassen. Kultur ist für mich das Zusammenspiel der Sinne (Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen) und regt mich zum Nachdenken und genießen an. So klingt und wirkt das Erlebte länger nach und hinterlässt dauerhafte Spuren. Für die Salzburger „Così“ sind das für mich:

Für den Gaumen: ein sommerlich-fruchtiges, gekühltes Glas Spätburgunder-Rosé

Für die Ohren: Zum immer wieder Nachhören die Arie „Soave sia il vento“. Sie ist musikalisch wie eine frische Brise am Meer, die Segel blähen sich und flattern fröhlich und ruhig im Wind, wenn die Streicher den wunderbaren Gesang der harmonierenden Frauenstimmen begleitet vom Fundament des erfahrenen Baritons fließend untermalen.

Und natürlich die Musik Mozarts in jeglicher Couleur – jeder, der ihn liebt, wird seine ganz persönlichen Lieblingsstücke haben – für mich gibt es unzählige…

Für literarischen Genuss:

Spontan fallen mir hier ein und stehen in meinem Regal:

  • Eva Baronsky „Herr Mozart wacht auf“;
    Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-7466-2696-3
    (Das ich vor vielen Jahren in einem Wellness-Urlaub gelesen habe und das mich damals köstlich amüsiert hat, weil es mit viel Augenzwinkern geschrieben ist.)
  • Hanns-Josef Ortheil „Das Glück der Musik – Vom Vergnügen, Mozart zu hören“; Luchterhand, ISBN: 978-3-630-62082-4
    (Einer meiner absoluten Lieblingsautoren, der – neben vielen anderen Vorzügen – wie kein Zweiter über Musik schreiben kann)

Und als baldige Rezension im Blog geplant:

Auf zu neuen Ufern

Hallo Welt!
Hallo liebe Kulturbegeisterte, Bücherliebhaber und Genussmenschen!

Ich freue mich, dass Ihr da seid und den Weg auf meinen Blog gefunden habt. Mit diesem ersten Beitrag sende ich ein erstes, herzliches „Hallo“ hinaus in die Welt.

Hier schreibt Eine, die sich schon als Kind auf den Weg machte, die ersten großen Lieben ihres Lebens zu entdecken: Bücher, Musik, Theater – Kultur in ihrer Vielfalt und die schönen Dinge des Lebens. Die Vorlieben für gutes Essen und Trinken, Reisen und die Oper gesellten sich dann ein wenig später dazu. (Mehr zu mir könnt Ihr jederzeit gerne unter „Über mich“ lesen).

Das Jahr 2020 ist ein Jahr der Veränderung und des Umbruchs. Der Virus hat uns, unserem Leben und unseren Gewohnheiten eine neue Prägung gegeben. Gerade als jemand, der für sein Leben gerne ins Theater, die Oper oder in Konzerte geht, musste ich dieses Jahr viele schmerzliche Absagen und traurige Verluste hinnehmen und auf Ereignisse verzichten, auf die ich mich sehr gefreut hatte.
Trost suchte und fand ich unter anderem in Büchern und – auch wenn dies ein Live-Erlebnis im Theater nicht ersetzen kann – in einigen Fernsehübertragungen oder Livestreams aus Opernhäusern und Konzertsälen.

Auch meine Urlaubspläne habe ich dieses Jahr den Umständen angepasst und verbringe meine freie Zeit in meiner Heimat und bleibe zu Hause statt zu verreisen. Und da war dann auf einmal dieser Gedanke, eine andere Reise zu beginnen: Meine Liebe zu Kultur und Büchern zu teilen und da ich gerne schreibe (früher auch bereits auf einer Buchplattform Rezensionen verfasst habe), war da die Idee, dem Ganzen Raum und eine Form zu geben und diesen Blog zu starten – mein Sommerprojekt 2020. Sehr frei nach dem Motto, „wenn Dir das Leben Zitronen schenkt, mach’ Limonade draus“ – warum also nicht eine Bowle – meine Kulturbowle – daraus machen?

Auf zu neuen Ufern – ich freue mich auf diese neue Erfahrung, diesen neuen Weg, diese neue Reise. Kultur und Literatur bereichern mich und lassen mich wachsen, machen mich zu dem Menschen, der ich bin und lassen mich zugleich offen und wach in die Welt schauen. Wenn der eine oder andere durch diese Seite verlockt wird und Lust bekommt, zu einem Buch zu greifen, ins Theater oder die Oper zu gehen, Musik zu hören oder ein gutes Essen zu genießen und sich dann darüber zu freuen, habe ich mehr erreicht, als ich mir wünschen kann.

Kultur verbindet und macht das Leben lebenswert – dies möchte ich weitertragen und Menschen dafür begeistern.
Wenn Ihr mich daher auf meiner Reise begleiten wollt, seht Euch gerne in meinem Blog um. Seid offen, zuversichtlich, positiv und genießt es!