Ort für die Seele

Kaum ein Ort vereint die wechselvollen Kapitel der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre so konzentriert in sich wie ein kleines, feines Holzhaus am Glienicker See in der Nähe Potsdams. Thomas Harding erzählt in „Sommerhaus am See“ die Geschichte dieses Sommerhauses und seiner Bewohner: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte so lautet der Untertitel.

Ein Sachbuch, das sich sehr flüssig und spannend – nahezu wie ein Roman – liest und den Leser immer wieder ungläubig staunen lässt, was dieses Kleinod am Glienicker See und seine Bewohner alles erleben durften und mussten. Eine wechselvolle und eindrucksvolle Geschichte, die den Bogen spannt vom Jahre 1890 über das Baujahr 1927 bis zum Jahre 2015.

Thomas Harding ist der Enkel bzw. der Urenkel des Erbauers und ersten Besitzers des Sommerhauses – gemeinsam mit seiner Großmutter besucht er 1993 nach der Wende das Haus zum ersten Mal. Im Jahre 2013 sieht er das mittlerweile völlig verfallene Haus wieder, rettet es vor dem Abriss und macht es sich zur Lebensaufgabe, dieses als Erinnerungsort zu erhalten, seine Geschichte und die der Bewohner zu erzählen. Das Buch ist das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen und ist zugleich ein wahres Kaleidoskop deutscher Zeitgeschichte.

Zunächst erzählt der Autor die Geschichte des Orts Glienicke und des Ritterguts des Otto von Wollank, der sich dort zwischen 1890 und den 1920er Jahren vor den Toren Berlins ein florierendes Gut aufbaute und großzügigen Grundbesitz erwarb. Nach politisch turbulenten Zeiten und Kriegsjahren entschied dieser sich 1927, Teile seines Grundbesitzes zu verpachten, zumal es für wohlsituierte Berliner Familien immer mehr in Mode kam, sich ein Wochenenddomizil in der Natur am Wasser zu schaffen.

Die jüdische Familie Alexander findet so dort ihren Lieblingsort und errichtet sich ein gemütliches Holzhaus am Glienicker See. Für eine der Töchter und spätere Großmutter Thomas Harding’s Elsie brechen glückliche Tage an und sie wird die zunächst unbeschwerten Aufenthalte mit ihrer Familie im Haus nie vergessen.

Doch als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Einschränkungen und die Gefahr für die jüdische Bevölkerung immer mehr zunimmt, wandert sie schließlich mit ihrer Familie nach Großbritannien aus – sie müssen das Haus und ihren Besitz zurücklassen.

Danach übernimmt der Musikverleger Will Meisel das Feriendomizil und bewohnt es in den Vierziger Jahren und während der Zeit des zweiten Weltkriegs. Später ziehen weitere Familien in das Haus, erleben dort die russische Besatzung und den Mauerbau. Die Mauer wurde quer durch den Garten des Anwesens am Seeufer gebaut.

„1959 hieß es in der Berliner Morgenpost: (…) Wer heute nach Berlin reist, sollte auch nach Groß Glienicke fahren. … Nicht nur wegen des herrlichen Ausblicks und der schönen Badestellen am See. Denn: Glienicke ist mehr als eine hübsche Villenkolonie. Glienicke ist für Berlin-Besucher politischer Anschauungsunterricht im Freien. Hier, am Beispiel einer kleinen Siedlung, wird besonders deutlich, wie unsinnig die Teilung unserer Stadt ist.“

(S.235/236)

Weitere Bewohner des Hauses erleben die DDR-Zeit und die Zeit des Umbruchs. Nach der Wende verfällt das Häuschen zunehmend und steht schließlich leer. Als es schließlich abgerissen werden soll, rettet Thomas Harding mit zahlreichen Helfern und Mitstreitern das geschichtsträchtige Gebäude und heute steht es unter Denkmalschutz.

Ein großartiges, pralles und wunderbar flüssig lesbares Sachbuch, das anhand eines kleines Sommerhäuschens die gesamte deutsche Geschichte der letzte 100 Jahre erfahrbar macht. Illustriert mit zahlreichen Fotografien und anhand der biografischen Skizzen der Bewohner, wird dem Leser klar, welch wechselvolle Geschichte dieser besondere Ort in der Nähe Potsdams aufzuweisen hat.

Eine unglaubliche und intensive Geschichte, die Thomas Harding hier recherchiert und zusammengetragen hat und die sich zu lesen lohnt.
Schön, dass es ihm gelungen ist, dieses Haus als Gedenk- und Erinnerungsort zu erhalten und jetzt zu einem Ort der Bildung und Versöhnung zu entwickeln.

„Als ich an diesem Tag über den See blickte, begriff ich endlich, warum alle Bewohner des Hauses so an ihm hingen. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich brachte, trotz aller Umbrüche war es tatsächlich ein Ort für die Seele.“

(S.360)

Buchinformation:
Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerhaus am See“:

Zum Weiterklicken und Weiterschauen:
Auf der Internetseite des Alexanderhauses kann man anhand zahlreicher Bilder einen schönen Eindruck von diesem Kleinod gewinnen. Zudem bietet die Seite neben einem 44-minutigen Dokumentarfilm zahlreiche Hintergrundinformationen zur Geschichte und der heutigen Nutzung des Hauses. Ein Besuch des Anwesens, das heute Bildungs- und Begegnungsstätte ist und besucht werden kann (lediglich aktuell aufgrund der Pandemie geschlossen ist) steht unbedingt auf meinem Plan.

Zum Weiterhören:
Die Ehefrau des zweiten Besitzers des Sommerhauses Will Meisel war der Filmstar Eliza Illiard, die unter anderem in der Operettenverfilmung von Lehar’s „Paganini“ die Rolle der Anna Elisa spielte. Eine Operette, die aber vor allem durch Richard Tauber bekannt geworden war und unter anderem das bekannte Stück „Gern hab ich die Fraun geküsst“ enthält.

Zum Weiterlesen:
Mein fortführender Lesetip ist heute ein weiteres großartiges Buch, das ebenfalls die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählt. Die Autorin lässt das Haus sogar selbst zu Wort kommen. Es handelt sich um Regina Scheer’s „Gott wohnt im Wedding“, das ich vor einiger Zeit hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Ebenfalls ein wunderbarer Roman, der Zeitzeugen eine Stimme gibt.

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

Beethoven bewegt

Auch das groß geplante Beethoven-Jahr 2020 ist viel kleiner, stiller und unspektakulärer ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Mit der Lektüre von Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ bietet sich jedoch die Gelegenheit, sich auch im Jahr 2021 nochmal mit dem großen Komponisten zu beschäftigen. Eine Leseerfahrung, die sich vor allem für Klassikfans und Musikinteressierte bzw. -verrückte lohnt – als Ersteinstieg ist diese persönliche Sicht Thielemann’s auf Leben und Werk des großen Ludwig van Beethoven wohl eher nicht geeignet.

Christian Thielemann kennt das Werk Beethovens wie kaum ein Zweiter und hat sich sein Musikerleben lang intensiv vor allem mit den Orchesterwerken auseinandergesetzt. In seinem Buch, das in Gesprächen und in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, welcher er im Nachwort explizit für ihre aufschlussreichen Fragen und ihre „sprachliche Rasanz“ dankt, beschreibt er seinen persönlichen Weg zu Beethoven. Er erzählt von frühen Erlebnissen des Scheiterns und großen Glücksmomenten, von Lieblingswerken wie der Missa solemnis oder der Egmont-Ouvertüre, die ihn schon früh faszinierten, bis zur einzigen Oper Beethovens, dem „Fidelio“, mit dem Thielemann bis heute nicht warm werden kann und ihm deshalb weitestgehend aus dem Weg geht.

Er berichtet, welche Interpretationen seiner Vorgänger er schätzt – vor allem Wilhelm Furtwängler scheint für Thielemann bei Beethoven oft den richtigen Ansatz gefunden zu haben, von ihm schwärmt er häufig – und welche weniger. Man erfährt, dass er im Plattenladen eine Live-Aufnahme in der Regel einer Studioaufnahme vorzieht und warum.

Kernstück des Buches ist ein virtueller Zyklus der neun Beethoven-Symphonien, welche er an vier Abenden dirigiert, wie er es auch im richtigen Leben mit Weltklasse-Orchestern wie zum Beispiel den Wiener Philharmonikern bereits getan hat. Er lässt den Leser teilhaben an seiner ganz persönlichen, musikalischen und interpretatorischen Sicht auf diese neun so unterschiedlichen musikalischen Meisterwerke. Für ihn haben die Symphonien Farben – so ist die sechste Symphonie die Pastorale für ihn zum Beispiel „maiengrün“ – und jede hat ihren eigenen Reiz, einen völlig eigenständigen Charakter. Ausführlich beschreibt er musikalische Schlüsselstellen und Besonderheiten, Feinheiten in der klanglichen Ausgestaltung und ordnet diese Werke auch zeitlich ein, berichtet über Entstehungsgeschichte und spannt einen Bogen zu Beethovens Leben.

Neben den leisen Anklängen an Beethovens Biografie, erzählt er aber auch über seine persönliche Entwicklung als Dirigent und wie sich seine Art, sich Beethoven zu nähern, über die Jahre verändert hat.

„Die Missa ist heiß und superkalt zugleich. Aus der Strandsauna springt man raus in die eisige Nordsee.“

(S.249)

Stilistisch liest sich das Buch sehr flüssig und lebendig – trotz des zahlreichen musikalischen Fachvokabulars – finden sich häufig Bilder und Vergleiche, die aus dem Leben gegriffen und erfrischend zu lesen sind. Das ist kein trockenes, bierernstes Sachbuch, sondern vielmehr eine sehr persönliche, unterhaltsame Auseinandersetzung mit diesem „Titanen“, welche auch versucht, Hemmschwellen abzubauen und allzu respektvolle Distanz (zumindest für den Leser und Hörer) zu verringern.

Als Dirigent und Künstler hat Thielemann höchsten Respekt vor dem Lebenswerk des Komponisten und man spürt, dass er stets aufs Neue mit der idealen Interpretation der Beethoven’schen Werke ringt.

Für mich war es spannend zu lesen, mit welchen Fragen sich ein Dirigent bereits im Vorfeld auseinandersetzt: Dirigieren mit oder ohne Partitur? Wenn ja, mit welcher Partitur (alte oder neue Ausgaben)? Wieviel Beachtung schenkt man den teilweise aberwitzigen Metronomangaben des Komponisten? In welchem Saal klingt Beethoven gut und wo nicht? Welche Sitzordnung des Orchesters ist die Beste?
Unter anderem solche Fragen gewährten mir einen interessanten Blick hinter die Kulissen und in den Arbeitsalltag eines Dirigenten, den ich in dieser Form vorher noch nicht gelesen hatte.

Für mich hat die Lektüre große Lust geweckt, mich wieder und noch intensiver mit der Musik Ludwig van Beethoven’s zu befassen. Gerade die Missa solemnis, das Herzensstück Thielemann’s, die ich bisher noch nicht besonders gut kenne, werde ich mir bestimmt in der nächsten Zeit in Ruhe anhören.

Wer den Musikunterricht nicht mochte, lieber keine Noten lesen will und mit Beethoven noch nie etwas anfangen konnte, der wird keine Freude an diesem Buch haben, aber für Musikbegeisterte und Beethoven-Fans ist Thielemann’s Reise sicher zu empfehlen. Ein sehr persönliches, kurzweiliges und facettenreiches Buch über Leben und Werk des großen Komponisten und der individuellen Interpretation durch einen der bekanntesten Dirigenten unserer Zeit.

„Warum begleitet Beethoven uns das ganze Leben, als Musiker wie als Zuhörer? Wegen seiner Wahnsinnskontraste, zwischen denen alles Platz findet. Zarteste Unschuld und wildes Wühlen, frenetischer Jubel und tiefste Trauer.“

(S.251)

Buchinformation:
Christian Thielemann, Meine Reise zu Beethoven
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-75765-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Meine Reise zu Beethoven“:

Zum Weiterschauen:
Noch bis zum 24.01.2021 ist der Film „Louis van Beethoven“ mit Tobias Moretti in der Hauptrolle in der ARD Mediathek verfügbar. Wer sich bisher noch nicht mit dem Leben Ludwig van Beethoven’s befasst hat, bekommt hier zumindest einen ersten Eindruck. Ein gut gemachter Film, der unter anderem auch die Aspekte der schwierigen Kindheit und die Auswirkungen der zunehmenden Taubheit auf Beethovens Leben beleuchtet.

Zum Weiterhören:
Thielemann nennt im Buch neben der Egmont-Ouvertüre vor allem die Missa solemnis als eines seiner Lieblingswerke – hier werde ich mich sicherlich noch weiter einhören. Zudem beschreibt er seine persönliche Sichtweise auf jede der neun Symphonien. Man hat noch mehr von der Lektüre, wenn man parallel immer wieder ein wenig hineingehört, denn auch die vermeintlich unbekannteren und seltener gespielten Symphonien haben ihren Reiz.

Zum Weiterlesen:
Bereits 2012 erschien Christian Thielemann’s „Mein Leben mit Wagner“, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Journalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, viele Einblicke in den Bayreuther Festspielbetrieb gibt und die große Leidenschaft des Dirigenten für Richard Wagner spürbar werden lässt. Vor allem für eingefleischte Wagnerianer eine lohnende Lektüre.

Christian Thielemann, Mein Leben mit Wagner
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-63446-8