Hiddensee-Lektüre

Dass Hiddensee deutlich mehr ist als die kleine Schwester Rügens im Westen der größten deutschen Insel, bemerkt man schnell, wenn man sich etwas mit der Geschichte und den Besonderheiten dieses schmalen Landstreifens in der Ostsee befasst. Hiddensee gilt als Insel der Künstler und auch Sylvia Frank’s Roman „Das Haus der Winde“ und Unda Hörner’s Sachbuch „Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub“ vermitteln auf unterschiedliche Art und Weise die magische Anziehungskraft, welche dieses Fleckchen Erde auf Kulturschaffende hatte und hat.

Sylvia Frank ist das Pseudonym des auf Rügen lebenden Schriftstellerehepaares Sylvia Vandermeer und Frank Meierewert, die erkannt haben, dass die Grande Dame des Stummfilms Asta Nielsen und ihr idyllisches, kleines Ferienhaus – mit dem schönen Namen „Karusel“ – auf Hiddensee zweifelsohne einen guten Romanstoff abgeben.
So verweben die beiden wahre Begebenheiten mit einer fiktiven Liebesgeschichte und erzählen über Inselbewohner und Inselgäste sowie über die Sommer, welche die dänische Schauspielerin auf der Insel verbrachte.

„Kunst ist meine Rettung vor der Einsamkeit. Sie gibt mir das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein, in der weiten Welt da draußen auf Gleichgesinnte zu treffen.“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.189)

Asta Nielsen verliebte sich in den Zwanziger Jahren in die Insel und kaufte sich 1929 ihr eigenes Häuschen, das der Architekt Max Taut ursprünglich als Sommerhaus für eine Berliner Familie entworfen hatte. In den folgenden Jahren verbrachte sie dort gerne – auch mit ihrer Schwester Johanne – die Sommermonate.

Der Roman erzählt in kurzen Zügen auch die Lebensgeschichte des großen Stummfilmstars: ihre Kindheit in Kopenhagen, ihre ersten Schritte am Theater und der plötzlich einsetzende große Erfolg in der Welt des Films.
Auf Hiddensee darf die große Berühmtheit jedoch ganz privat sein und genießt mit Freunden und Bekannten die Leichtigkeit der Sommertage, feiert Feste und erholt sich in der Natur und an der frischen Meeresluft.
Im Roman „Das Haus der Winde“ lernt sie auch die Einheimischen kennen, fährt mit hinaus zum Fischen, besucht ein Boccia-Turnier und verliebt sich schließlich.

„Namen sind Schall und Rauch, würde Pastor Gustavs sagen. In der Kargheit und Abgeschiedenheit der Insel entwickelte sich über die Jahrhunderte eine Lebensauffassung, nach der der einzelne Mensch in jedem Geschlecht, seiner Familie und seiner Arbeitsgemeinschaft aufgeht. Nur als gut funktionierende Einheit gelang es, auf diesem Flecken Erde inmitten der See zu überleben.“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.179)

Doch immer mehr überschatten ihre Sorgen um Freunde und Bekannte, die unter den Repressalien der Nationalsozialisten leiden und um ihr Leben fürchten müssen, ihre unbeschwerten Urlaubstage. Vor allem die Angst um ihren schwer erkrankten Freund Joachim Ringelnatz macht ihr sehr zu schaffen.

Der Roman liest sich sehr schnell und flüssig und vermittelt sofort eine gewisse Ferienatmosphäre. Auch wenn die Liebesgeschichte für mich stellenweise etwas aufgesetzt wirkt, mochte ich das Buch vor allem wegen der zeitgeschichtlichen Hintergründe, den vielen Anklängen der Inselgeschichte und aufgrund des besonderen Flairs.
Ich habe durch die Lektüre viel Neues über Hiddensee und die Künstler erfahren und sie hat meine Neugier auf das Karusel und die Persönlichkeit Asta Nielsen absolut geweckt.

Unda Hörner hat bereits 2003 mit ihrem feinen Buch „Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub“ dem besonderen Zauber der Insel, ihrer Geschichte und den prominenten Gästen aus Kunst und Kultur nachgespürt. Entstanden ist dabei ein kurzweiliges und informatives Bändchen, das Lust auf die Insel macht und auf unterhaltsame Art und Weise die wichtigsten Orte, Sehenswürdigkeiten und vor allem auch Persönlichkeiten, die gerne auf Hiddensee verweilten, näher bringt.

„Die Namen derer, die während Theaterferien, Sommer- und Schaffenspausen aus Berlin auf die Insel strömten, sie sind Legion. Salopp gesagt: zu manchen Jahreszeiten liefen mehr Geistesgrößen auf Hiddensees neunzehn Quadratkilometern herum als Kühe auf den Inselwiesen standen. In den Gästelisten der Inselhotels tauchen die berühmten Besucher auf: Ernst Blass, Carl Zuckmayer mit Familie, Hans Fallada, Erich Mühsam, Ernst Toller, Lion Feuchtwanger, Mascha Kaléko, Joachim Ringelnatz, Albert Einstein.“

(aus Unda Hörner, Auf nach Hiddensee!, S.9)

Selbstverständlich wird auch hier Asta Nielsen und ihr Sommerhäuschen ausgiebig gewürdigt, aber auch ihre gern gesehenen Gäste wie Joachim Ringelnatz und seine Gattin bekommen ihren Raum.

Und natürlich der große Name der Insel: Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Auch sein Sommerhaus auf Hiddensee ist – wie Asta Nielsen’s Karusel – heute Museum und zieht zahlreiche Literaturbegeisterte aus aller Welt an, die dort unter anderem das schöne Anwesen, die Terrasse mit den Original-Gartenmöbeln und dem besonderen Efeu von George Washington’s Landsitz in USA, den imposanten Weinkeller und die Medaille des Literaturnobelpreises bewundern können.

Doch auch die Malerinnen der Insel wie Elisabeth Büchsel und Henni Lehmann bekommen ein eigenes Kapitel, ebenso wie die Puppenmama Käthe Kruse, der Architekt Max Taut oder die Tänzerin Gret Palucca.

Ausgestattet mit amüsanten Anekdoten, zahlreichen schwarz-weiß Fotografien und treffenden Originalzitaten lässt das Buch spürbar werden, wie bunt, vielseitig und kulturell anziehend die Insel ist und war. Man würde sich wünschen, auf den sommerlichen Festen mit Blick aufs Meer dabei gewesen zu sein und hätte gerne die lustigen und anregenden Gespräche gehört, mitgesungen und mitgefeiert.

Auch heute versprüht die Insel dieses Sommergefühl und Künstler-Flair und man kann verstehen, was die Literaten, MalerInnen, SchauspielerInnen und TänzerInnen dort gefunden haben – eine grandiose Naturkulisse, Ruhe und Abgeschiedenheit. Hiddensee ist ein Ort, um Energie zu tanken, sich zu erholen, der Natur nah und kreativ zu sein.

Mich haben diese beide Bücher, die vom Charakter her sehr unterschiedlich sind, wunderbar eingestimmt auf Hiddensee, Vorfreude geweckt und meinen Blick geschärft. So betrachtet man die Naturschönheit der Insel, den Leuchtturm auf dem Dornbusch, die blaue Scheune, das Gerhart-Hauptmann-Haus und Asta Nielsen’s Karusel mit etwas Vorwissen nach der Lektüre auf einmal mit anderen, wachen Augen.

Buchinformationen:
Sylvia Frank, Das Haus der Winde
Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00957-0

Unda Hörner, Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub
ebersbach & simon
ISBN: 9783934703605

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Hiddensee-Bücher:

Für den Gaumen:
In „Das Haus der Winde“ gibt es zum Aufwärmen Grog, aber es wird vor allem die Vorliebe Asta Nielsen’s zu Kringel und Mokka thematisiert.

Und für den richtigen Hunger gibt es – wie könnte es auch anders sein an der Ostsee – natürlich Fisch:

Dorsch mit Stampfkartoffeln und Frühlingszwiebeln? Wäre das der Dame angenehm?“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.236)

Zum Weiterschauen:
Die gebürtige Kopenhagenerin Asta Nielsen (1881 – 1972) war der Stummfilmstar vor allem in den 10er und 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Heute sind diese Filme kaum mehr bekannt – ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Film mit Asta Nielsen gesehen zu haben.

Zum Weiterhören:
In „Das Haus der Winde“ träumt Asta Nielsen später vom singenden Hans Albers und einem seiner berühmtesten Lieder „La Paloma“:

„Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne. Unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne…“, klang das Lied in ihr nach.“

(Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.55; Liedtext La Paloma von Hans Albers)

Für einen Museumsbesuch:
Wer die schöne Insel Hiddensee besucht, hat die Möglichkeit sich das Sommerhäuschen „Karusel“ (dänische Schreibweise) von Asta Nielsen anzusehen.
Das Haus, das vom Architekten Max Taut entworfen wurde, ist heute als Museum zugänglich – es kann sogar in einem Trauzimmer geheiratet werden. Klein, aber fein und man spürt die sommerliche Leichtigkeit in den Räumen und der Landschaft, welche die dänische Schauspielerin so liebte.

Zum Weiterlesen:
Die 1945/46 erschienene Autobiografie Asta Nielsen’s „Die schweigende Muse“ ist derzeit nur noch antiquarisch erhältlich. Für mich ein schönes Souvenir und Andenken an die Insel und das „Karusel“, das ich im Museumsladen erwerben konnte:

Asta Nielsen, Die schweigende Muse
Aus dem Dänischen von H. Georg Kemlein
Carl-Hanser-Verlag
ISBN: 3-446-12420-9

„Auf Hiddensee, einer Insel westlich von Rügen, schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. (…) Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, die hier noch leuchtender waren als an anderen Orten des Nordens, die ich kenne, liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee.“

(aus Asta Nielsen, Die schweigende Muse, S.365/366)

Gerhahers Gedanken

Im letzten Sommer durfte ich einen Liederabend mit Christian Gerhaher im Landshuter Rathausprunksaal erleben und hatte auf meiner Kulturbowle darüber berichtet. Jetzt hat der weltberühmte Bariton ein sehr persönliches Buch veröffentlicht: „Lyrisches Tagebuch – Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“.

Darin gewährt er einen intimen Einblick in seine künstlerische Gedankenwelt und seine ganz persönliche Perspektive auf wichtige Werke und Stationen seiner Karriere als Sänger. So beschreibt er die Assoziationen, die er zu bestimmten Liedern aus seinem umfangreichen Repertoire hat ebenso wie detaillierte Überlegungen zur musikalischen und künstlerischen Interpretation der Werke.

„Und dann kann man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wie Artikulation, Dynamik, Intonation, Farbigkeit und Vibrato vielleicht sogar auf weit mehr als sechzig verschiedene Arten der Darstellung kommen, denn im Grunde ist ja jeder darzustellende Ton, jedes abzubildende Wort für einen Sänger und Schauspieler ein einmaliges, ein unvergleichliches klangliches Ereignis.“

(S.19)

Oft nähert er sich vom Text der vertonten Gedichte, die ebenfalls im Buch meist in voller Länge enthalten sind, interpretiert diese sprachlich und setzt sie in den musikalischen Kontext – erzählt von Lieblingsstellen, besonderen gesanglichen Herausforderungen und was ihm die Stücke – oft auch aus privaten Gründen – bedeuten.

„Auf die Frage, was Lieder wohl sein könnten, würde ich spontan antworten: Sie sind eine vokale Form der Kammermusik, und sie repräsentieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik, in der gesungenen Musik.“

(S.134)

Er verknüpft Autobiografisches, beschreibt Schlüsselszenen und -werke seiner Sängerkarriere und lässt die Leserschaft tief in seine persönliche Denkweise als Künstler und Sänger eintauchen. Sein tiefes Verständnis und seine umfassende Erfahrung gerade mit dem Liedrepertoire durchdringen das Werk und machen es zu etwas Besonderem – denn selten teilt ein Sänger so unmittelbar mit seinem Publikum, was im Vorfeld eines Konzerts, beim Zusammenstellen des Programms, den Proben und dem Üben im stillen Kämmerchen passiert.

Gerhaher beschreibt viele Werke, die für ihn von besonderer Bedeutung sind sehr ausführlich: vor allem zahlreiche Lieder und Liederzyklen von Schumann (wie z.B. die „Myrthen“), die ihm besonders am Herzen liegen, aber auch Schubert-Lieder, Modernes von Wolfgang Rihm und sogar einen Ausflug in die Opernwelt mit Mozart’s Don Giovanni, den er näher beleuchtet.

Gerade aber die autobiografischen Bezüge, mit denen er die Werke in seinen persönlichen Kontext setzt, machen für mich jedoch den besonderen Reiz des Buchs aus und hätten für meinen Geschmack gerne noch umfangreicher ausfallen dürfen. Ich finde es charmant, wenn der gebürtige Straubinger über sein Kinoerlebnis mit dem Film „Avatar“, seine Beziehung zu Gummibärchen oder die gemeinsame, langjährige Zusammenarbeit mit seinem Pianisten und Freund Gerold Huber erzählt. Auch die Beschreibungen herausragender Konzerte und Schlüsselerlebnisse in seiner Sängerkarriere sind faszinierend und hochinteressant zu lesen.

„Mein Schwur damals: Wenn überhaupt singen, dann nur gut; der Wille allein könne nicht zählen.“

(S.268)

Die Intimität und Intensität eines Liederabends und die besondere Herausforderungen für den Künstler, der sich ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Kulissen hinter nichts verstecken kann, habe ich bei meinen Besuchen stets auch als Zuschauer als besondere Leistung empfunden.

„Und ich dachte wie immer, wenn ich in Liederabenden Zuhörer bin: Mein Gott, ist das schwierig – wie kann man sich zutrauen, so einen ganzen Abend mit sich selbst zu sein, wie kann man da ruhig stehen, wie kann es sein, dass einem nicht die Knie so wackeln, dass man keinen geraden Ton herausbringt…“

(S.90)

Die Lektüre hat mir jedoch die Augen geöffnet, wie viel Vorbereitung in einem Liederabend steckt: in den Überlegungen zur Zusammenstellung des Programms, in der musikalischen Ausgestaltung – über welche Feinheiten, Interpretationsmöglichkeiten und Nuancen sich Christian Gerhaher und Gerold Huber Gedanken machen, bevor sie sich zu zweit auf die Bühne begeben.
So werde ich zukünftige Liederabende sicherlich noch einmal mit anderen Augen und unter anderen Gesichtspunkten sehen und noch mehr zu schätzen wissen.

Christian Gerhaher hat sich mit seinem Lyrischen Tagebuch sicherlich nicht an eine breite Masse von Leserinnen und Lesern gewendet, vielmehr richtet sich sein tiefgründiges, anspruchsvolles, intelligentes Werk an Fachleute oder ein musikinteressiertes Publikum mit gewisser Vorbildung und dem Interesse für musikalische und künstlerische Hintergründe.

Das Sachbuch enthält zahlreiche Notenbeispiele und fundierte Anmerkungen. Das verwendete Fachvokabular und manche Formulierungen erfordern konzentriertes Lesen. Als passionierte Musikliebhaberin – jedoch Laiin ohne Musikstudium – hat mich die Lektüre gefordert – an manchen Stellen zugegebenermaßen auch überfordert – doch auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe, möchte ich die Lektüre nicht missen. Denn die Ausführungen haben meinen Horizont erweitert, mir klar gemacht, wie Kunst entsteht und haben mir Einblick in eine neue Gedankenwelt gewährt.

Kaum ein Sänger hat sich in den letzten Jahrzehnten mit solcher Hingabe und über einen solch langen Zeitraum hinweg so intensiv dem Liedgesang gewidmet wie Christian Gerhaher – mit dem lyrischen Tagebuch teilt er nun seine ganz persönliche Sicht und seine umfassende Erfahrung mit der geneigten Leserschaft. Ein Geschenk, das dazu einlädt ins Konzert zu gehen, sich Lieder anzuhören, bestimmte Stellen und Passagen nachzuhören und im Buch mitzulesen und nachzuschlagen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christian Gerhaher, Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-78423-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Gerhaher’s „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“:

Für den Gaumen:
Gummibärchen scheinen für Christian Gerhaher eine Versuchung darzustellen. Denn auch in einem Fragebogen des C.H.Beck Verlags beantwortet er die Frage: Was nehmen sie sich immer wieder vor? mit „Keine Gummibärchen mehr“.

Zum Weiterhören:
Auf meine persönliche „Das möchte ich mir mal genauer anhören“-Liste sind vor allem die „Myrthen“ von Robert Schumann gewandert – der Liederzyklus, den der Komponist seiner Braut Clara Wieck widmete und zur Hochzeit schenkte.

Zum Weiterschauen:
Christian Gerhaher beschreibt seinen Kinobesuch der 3D-Version von „Avatar“ als ganz besonderes Ereignis und Erlebnis – die eindrucksvollen Bilder haben offenbar viele Assoziationen ausgelöst.

Zum Besichtigen bzw. für einen Ausflug:
Christian Gerhaher stammt aus Straubing. Er beschreibt im Buch, dass die Gemälde in der Totentanz-Kapelle (Seelenhaus-Kapelle) auf dem Straubinger Friedhof St. Peter eine besondere Bedeutung für ihn haben. Auf der Website der Pfarrei gibt es Fotos, die einen ersten Eindruck vermitteln. Unter anderem auch genau von jenem Gemälde, das Gerhaher beschreibt:

„In meiner Heimatstadt Straubing gibt es auf dem Friedhof St. Peter eine gotische „Totentanz-Kapelle“ – raumgreifend barock ausgemalt, nur mit Totentanz-Themen, eine kunsthistorische Einmaligkeit. (…) Am eindrücklichsten war dabei für mich, wie dem Bauern, der mit der Sense das reife Korn mäht, der Knochenmann, gleichfalls mit der Sense, von hinten das Bein abzuschneiden im Begriff ist.“

(S.113)

Zum Weiterlesen:
Eines der Bücher, die Gerhaher in seinem Lyrischen Tagebuch erwähnt, ist ein Werk Adalbert Stifters: „Die Mappe meines Urgroßvaters“. Ich persönlich kannte und kenne das Werk, das 1841 erschienen ist, bisher nicht.

Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters
Reclam
ISBN: 978-3150079638

Die längste Nacht

Auch die längste Nacht des Jahres hat ein Ende – gestern haben wir die Wintersonnenwende oder Thomasnacht 2021 hinter uns gebracht. Die Tage werden wieder länger. Auch die Phasen des Winters, die Katherine May in „Überwintern – Wenn das Leben innehält“ beschreibt – Krisensituationen, Schicksalsschläge, Krankheit, Umbrüche oder Lebensveränderungen haben ihre Berechtigung, ihren Sinn und können gemeistert werden. Was diese Zeiten des Winters ausmacht und wie sie diesen begegnet, beschreibt die britische Autorin in ihrem wunderbaren, wärmenden Buch.

„Winter ist nicht Tod, ist nicht das Ende eines Lebens, sondern eine Bewährungsprobe. Wenn wir aufhören, uns ständig nach Sommer zu sehnen, kann der Winter eine ganz wunderbare Jahreszeit werden, in der die Welt von sparsamer Schönheit ist und selbst der Asphalt funkelt. Eine Zeit zum Nachdenken, zum Erholen, zum langsamen Wiederaufladen, zum Aufräumen.“

(S.25)

Katherine May musste in ihrem Leben schon mit vielen schwierigen Situationen, Diagnosen, Krankheiten und Schicksalsschlägen umgehen. All diese Situationen – ebenso wie berufliche Veränderungen oder sonstige Umbruchphasen im Leben bezeichnet oder vergleicht sie mit dem Winter. Eine notwendige und unvermeidbare Zeit des sich Zurückziehens, des Pausierens, des Kräftesammelns, der Ruhe und der Regeneration. In „Überwintern“ arbeitet sie viel mit Bildern aus der Natur – den Tieren, die Winterschlaf machen, den Bäumen, welche die Blätter verlieren, Kälte und Dunkelheit, welchen man mit verschiedenen Strategien begegnen kann.

May schreibt offen und berührend über ihre Art, solche Phasen zu nutzen und ihnen etwas Positives abzugewinnen – ihr persönlicher Werkzeugkasten, mit diesen Zeiten des Winters umzugehen und auch die Chancen oder das Schöne darin zu sehen.

Im Finnischen gibt es ein Wort dafür, sich für den Winter zu präparieren: „Talvitelat“, was in etwa so viel bedeutet, wie „für den Winter einlagern“ (S.40). Man bereitet sich vor, repariert kaputte Dinge, kocht ein, räumt die Sommerkleidung weg und holt die Winterkleidung hervor.

Natürlich hält auch Essen Leib und Seele zusammen, d.h. es geht um Seelennahrung und Speisen und Gerichte, die im Winter gut tun können. Sie gibt Einblick in ihre persönliche Winterküche und macht Lust auf Nahrhaftes und Wärmendes.

„Winter ist das Aufwärmen der Teekanne und das Zubereiten von Bechern voller Zartbitterkakao; aus Knochen gezauberte Suppe mit wolkenähnlich darin schwimmenden Klößen. Winter ist stilles Lesen und den ganzen dämmrigen Nachmittag Filme gucken. Winter sind dicke Socken und eine kuschelige Strickjacke.“

(S.90)

Sie beschreibt den Winter als die Zeit, um zur Ruhe zu kommen, viel zu schlafen, aber auch zu lesen und sich Zeit für Hobbies oder zum Aufräumen und Entrümpeln zu nehmen. Sie schildert die Faszination des Eis- oder Winterschwimmens und die belebende Wirkung.

Man lernt nordische Bräuche – wie zum Beispiel die Lucia-Legende – kennen und erfährt über die wohltuende Kraft, die eine Meditation oder auch ein Kirchen- oder Konzertbesuch entfalten kann. Gerade auch Traditionen und Routinen können einen beruhigenden und stabilisierenden Einfluss in schweren Zeiten haben.

Die britische Autorin ist auch bei ihren Reisezielen ein Fan des Nordens und der eisigen Wintertemperaturen. So nimmt sie den Leser mit auf eine Reise zum Polarkreis und den Polarlichtern, berichtet begeistert über ein Bad in Island’s blauer Lagune oder gibt einen Eindruck in die finnische Saunakultur.

Sie schreibt – ohne zu beschönigen – über schwere Lebensphasen und doch transportiert sie auch den Zauber und die Magie, die ein harter Winter ebenfalls haben kann. Ein sehr positives, lebensbejahendes Buch, das Mut macht. Für uns Menschen gehören die Phasen des Winters zum Leben und sie bieten die Möglichkeit, sich Zeit zur Erholung, zum Nachdenken und zur Neuausrichtung zu nehmen.

„Im Winter brauche ich im Schein der Leselampe eher Texte, die langsam zu lesen sind, die zum Nachdenken anregen, geistige Nahrung, Seelenfutter. Winter ist die Zeit für Bibliotheken, für die gedämpfte Stille zwischen Bücherstapeln und den Geruch nach alten Seiten und Staub.“

(S.227)

Natürlich spielen auch das Lesen und Bücher eine Rolle – der Winter ist für viele die ideale Zeit dafür: lange Abende im Wohnzimmer, die prädestiniert dafür sind, sich in ein gutes Buch zu versenken, zum Beispiel in Katherine May’s „Überwintern“.

Für mich war es ein Buch, das perfekt in die Zeit gepasst hat und das ich sicherlich irgendwann wieder zur Hand nehmen werde, weil es einfach gut tut, es zu lesen. Ein Loblied auf den Winter und die Kunst des „Überwinterns“, das wärmt, tröstet und einen durch die Lektüre zufrieden und ruhig werden lässt. Ein wunderbares Buch, das Spuren hinterlässt, inspiriert und zum Nachdenken anregt.

Weitere Besprechungen gibt es bei Klappentexterin und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Katherine May, Überwintern – Wenn das Leben innehält
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Insel
ISBN: 978-3-458-17958-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katherine May’s „Überwintern – Wenn das Leben innehält“:

Für den Gaumen (I):
Kennt Ihr Picalilli? Ich gestehe, mir sagte dies vor der Lektüre von „Überwintern“ nichts: Picalilli wird eingekocht und ist eine spezielle englische Senfsauce, die aus eingelegtem Gemüse (Pickles), die laut Wikipedia aus „Wasser mit 10%igem Gärungsessig, Zucker, Senfmehl, Maismehl, Salz, gemahlenem Kurkuma und scharfem Gewürzpaprika“ besteht.

Einkochen gehört für Katherine May zu ihren Winterstrategien: selbst gemachte Marmeladen, Chutneys… oder eben Picalilli. Hört sich interessant an und sieht lecker aus.

Für den Gaumen (II):
May beschreibt auch das Verarbeiten von Quitten, das ja per se immer schon eine Herausforderung darstellt. Auch dieses Rezept liest sich interessant:

„(…) beschließe dann aber, sie in dulce de membrillo zu verwandeln, jene quittenbrotähnliche spanische Süßspeise, die zu Schinken und Käse ein Gedicht ist.“

(S.40)

Ein Rezept findet man unter anderem auf backenmachtgluecklich.

Zum Weiterlesen:
Eine weitere Strategie, welche ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann, ist es, zu Büchern zu greifen, die man in der Kindheit und Jugend geliebt hat. Dieses Gefühl und Bedürfnis kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. Ob Astrid Lindgren oder Erich Kästner – für wunderbare Kinderbücher ist man schließlich nie zu alt, wie zum Beispiel:

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium
ISBN: 978-3-855-35607-2

Potsdamer Erinnerungen

Ludwig Sternaux (1885 – 1938) war Theaterkritiker, Schriftsteller und Journalist und er war ein glühender Verehrer der Stadt Potsdam. 1924 verfasste er mit „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“ eine wehmütige und melancholische Liebeserklärung an die Stadt in Brandenburg, die ihn zeitlebens faszinierte.

„Wie bunt doch überhaupt das Straßenbild Potsdams ist! Die pompösen Palazzi aus Rom und Florenz, die roten Ziegelhäuschen Hollands, das mittelalterlich ungefügte Nauener Tor neben den hochgeschwungenen Triumphbögen des Brandenburger und des Berliner Tores, in der Kolonie Alexandrowka die russischen Blockhäuser, die Villen der Babelsbergzeit im Tudorstil – alles ungeregelt durcheinander und doch harmonisch in sich ausgeglichen!“

(S.120)

Sternaux erzählt die Geschichte der Stadt: die Anfänge, den Aufschwung, die Blütezeit der Stadt der Monarchie und des Hofes, aber auch der Garnisons- und Soldatenstadt. Er beschreibt in vierzehn Kapiteln die wichtigsten Schlösser und Sehenswürdigkeiten und berichtet im Detail über die jeweiligen Hintergründe, Bau- und Entstehungsgeschichten – spannt sogar auch den Bogen zu den jeweiligen Erbauern, ihren Persönlichkeiten und architektonischen Vorlieben.

So wandert man mit ihm durch das Stadtschloss, den Park und das Schloss Sanssouci, das Neue Palais, ebenso wie zum Marmorpalais, Charlottenhof, auf die Pfaueninsel und nach Glienicke. Orangerie, Pfingstbergschloss und Babelsberg dürfen auch nicht fehlen. Man streift mit ihm durch den Marly-Garten und hinauf zum Belvedere.
Man erfährt zudem nicht nur, woher der Name Potsdam kommt, sondern auch viele Anekdoten und Mythen, die sich um die Stadt und die preußische Monarchenfamilie ranken.

„(…) immer siegt das Gestern. Ein paar Schritte nur seitab, und Vergangenheit lächelt.“

(S.119)

Wer Potsdam kennt, wird viele Orte bereits besucht haben und sich gerne daran erinnern und doch wirft dieser Blick des leidenschaftlichen Verehrers aus dem Jahr 1924 auch ein völlig neues Licht auf so manchen Ort. Man erfährt die Geschichten hinter den Gebäuden, lernt mehr über die Schöpfer der architektonischen Meisterwerke und reist zurück in der Zeit. Mit viel Pathos zeichnet Sternaux das Bild einer unvergleichlichen, einzigartigen Stadt, die bis heute mit einer Fülle an Glanzstücken der Architektur und Gartenbaukunst aufwartet.

„Alles flüstert: es war einmal… heute mehr denn je, obgleich dieser Raum Jahrzehnte hindurch schon unbenutzt geblieben, es sogar preußische Prinzen gibt, die ihn überhaupt nicht kennen; denn nun ist ja selbst die weiße Königskrone, die in die grellroten Schutzhüllen der Polstermöbel eingewirkt, Phantom geworden, alle Pracht ringsum tragischer Traum, der wesenlos verdämmert.“

(S.204)

Das „neue Potsdam“ mit Straßenbahnen, Hektik und umfunktionierten Gebäuden war dem Autor ein Dorn im Auge. Für Sternaux endete die Glanzzeit der Stadt mit dem Niedergang der preußischen Monarchie. Eine Entzauberung der Stadt, die er nicht verwinden konnte – die Trauer über die Abdankung des Kaisers 1918 lässt er immer wieder anklingen. Und so bedient er sich sehr häufig der sprachlichen Bilder von Tod, Trauer, Särgen und Gräbern – sein Buch der Erinnerung kann auch als Requiem oder Totenklage für die Monarchie und dieses „sein Potsdam“ der vergangenen Glanzzeit gelesen werden. Er schwelgt in Melancholie.

„Und wieder ist es ein Abend geworden. Kühl haucht es vom Wasser, die Insel schläft ein. Im Schatten versinkt das Schloß mit allem, was es erzählt: so hell, so strahlend der Tage Glanz gewesen, die es gesehen, nun kommt die große dunkle Nacht.“

(S.162)

Sein Sprachstil ist poetisch, überbordend und alles andere als nüchterne Reiseliteratur. Bildhaft und malerisch beschreibt er die Schlösser und Parkanlagen, das Flair, den Glanz und den Prunk. Man bekommt sofort Lust, sich mit dem Buch in der Hand selbst auf einen Spaziergang durch Potsdam zu machen, die Orte zu suchen und seinen Beschreibungen und der von ihm geschilderten Magie nachzuspüren.

Am Ende des Buchs lässt er in einem märchenhaften Schluss die Figuren, Statuen und Putten an Potsdams Bauwerken lebendig werden und überlegt, was diese wohl zur Stadt und ihren Veränderungen sagen würden. Ein schönes Bild, das die Phantasie anregt und beflügelt – was würden sie wohl heute sagen in einer Zeit, in welcher die Stadt an vielen Stellen wieder in neuem Glanz erstrahlt?

Potsdam ist eine wunderbare Stadt und mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und unzähligen Sehenswürdigkeiten mehr als eine Reise wert. Es gibt viel zu entdecken und Sternaux bietet ein Füllhorn an spannenden Orten an, die entdeckt werden wollen. Für Potsdam-Liebhaber, geschichtlich Interessierte und alle, welche die Stadt gerne einmal aus der Perspektive des Jahres 1924 sehen möchten, ist dieser 2021 wieder neu aufgelegte Band (illustriert durch Schwarz-Weiß-Fotografien von Max Baur und mit einem Nachwort von Klaus Bellin) eine gute und interessante Wahl – geradezu ein Klassiker unter den Potsdam-Büchern. Selbstverständlich muss vieles vor dem Hintergrund der damaligen Zeit gelesen und eingeordnet werden, doch wenn man sich darauf einlässt, wird die Lektüre zu einer inspirierenden Zeit – und Gedankenreise.

„Potsdam ist eben Potsdam!“

(S.114)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Die Mark Brandenburg, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ludwig Sternaux, Potsdam – Ein Buch der Erinnerung
Die Mark Brandenburg
ISBN: 978-3-948052-01-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ludwig Sternaux‘ „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“:

Für den Gaumen:
Mit Vorliebe beschreibt Sternaux die schönen Plätze, Altanen, Terrassen und Pavillons, wo der Adel gerne Tee getrunken hat. Von großen Festbanketten werden im Buch keine kulinarischen Details berichtet, aber der Tee zieht sich wie ein roter Faden durch. Daher jetzt im Winter eine schöne, wärmende und gepflegte Tasse Tee… warum nicht?

Zum Weiterhören:
Friedrich der Große war selbst begeisterter Musiker. Er spielte Flöte und komponierte auch selbst Flötenkonzerte. So ist auf YouTube eine schöne Aufnahme mit Flötist Emmanuel Pahud und der Kammerakademie Potsdam von seinem Flötenkonzert Nr. 3 zu finden.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Jahren habe ich die sehr gut lesbare und interessante Biografie „Wilhelmine von Bayreuth“ von Uwe A. Oster gelesen. Die Lieblingsschwester Friedrich des Großen, welche die Ehe als Markgräfin nach Bayreuth verschlug, wo sie als Mäzenin und Opernintendantin ihre kunstsinnigen Spuren hinterließ, ist eine hochinteressante Persönlichkeit. Das von ihr initiierte Markgräfliche Opernhaus zählt heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

Uwe A. Oster, Wilhelmine von Bayreuth
Piper
ISBN: 978-3-492-24881-5

Salzige Brombeeren

Wieviel kann ein Mensch ertragen? Über eine Grenzerfahrung der besonderen Art hat die Britin Raynor Winn ein außergewöhnliches Buch geschrieben: „Der Salzpfad“. 2018 im Original und 2019 auf deutsch erschienen ist es mittlerweile sicherlich kein Geheimtip mehr, aber es ist ein großartiges Buch, das Mut macht, inspiriert und unbeschreiblich schön zu lesen ist.

Die Autorin beschreibt ihre Wanderung auf dem South West Coast Path an der Küste Englands, welche sie gemeinsam mit ihrem Ehemann unternahm, als sie buchstäblich alles verloren hatten. Finanziell standen sie vor dem Nichts, alle Rücklagen waren aufgebraucht, sie verloren einen Gerichtsprozess sowie ihre Farm und somit ihren Beruf und ihr Einkommen. Zudem bekam ihr Gatte Moth nahezu zeitgleich die niederschmetternde Diagnose an einer tödlichen, degenerativen Gehirnerkrankung (CBD) zu leiden.
Wie viel kann ein Mensch ertragen?

„Ein ewiges Auf und Ab zwischen Ginster und Stein, stets begleitet vom Brausen des Meeres. Ein Rhythmus aus Qual und Hunger, Schmerz und Durst, bis irgendwann nur noch der Rhythmus des brausenden Meeres zu spüren war. Während der Wind das Wasser aufwühlte und die Möwen uns den Weg wiesen, schwanden unsere Bedürfnisse.“

(S.185)

Obdachlos und mit einem Budget von lediglich 48 Pfund pro Woche machen sich die beiden mit nichts als einem Zelt, leichten Ruck- und Schlafsäcken sowie der Kleidung, die sie am Leib tragen, auf den Weg entlang des berühmten Küstenpfads an der englischen Südwestküste – den 1014 Kilometer langen Fernwanderweg South West Coast Path. Ein langer Weg – weg von Problemen, Sorgen – hin zu sich selbst.

Tage voller körperlicher Anstrengung, physischer und psychischer Grenzerfahrungen und der Erkenntnis, dass es kein Zurück in das alte Leben geben wird. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerzen und Angst vor der Zukunft sind die anfänglichen Begleiter und doch merkt man, dass beide Sorgen und Ängste immer mehr hinter sich lassen, dass dieser Weg auf sie eine heilsame Wirkung zu entfalten scheint.

„Der Küstenpfad hatte uns gelehrt, dass die zu Fuß zurückgelegten Kilometer anders waren; wir kannten die Entfernung, den räumlichen Abstand von einem Punkt zum anderen, von einem Schluck Wasser zum nächsten, wir kannten sie mit unseren Knochen, kannten sie wie der Turmfalke im Wind und die Maus, die er im Blick hatte. Bei gefahrenen Kilometern ging es nicht um Entfernung; da ging es nur um Zeit.“

(S.221)

Winn schreibt schonungslos offen über ihre Existenzsorgen, die Angst davor, ihre große Liebe an den Tod zu verlieren, aber auch was es bedeutet, obdachlos zu sein und kein Zuhause, keinen Schutz- und Rückzugsort mehr zu haben.
Gleichzeitig flicht sie Hintergrundinformationen über die Situation der Obdachlosen in England, das britische Sozial- und Rechtssystem ein, ebenso wie großartige Naturbeschreibungen und weiterführende Details zu den Orten und Stationen ihrer Wanderung.

Aber sie berichtet auch über die Menschen, welche ihnen auf dem Weg begegnen und die anfängliche Scham, sich und den anderen die eigene Situation einzugestehen. Sie stoßen auf Unverständnis, Verachtung und Ablehnung, aber dennoch überwiegen letzten Endes vor allem die überraschend positiven und respektvollen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Bewunderung und teils auch uneigennützige Großzügigkeit entgegenbringen, sowie neue Perspektiven aufzeigen.
Raynor und Moth wachsen auf diesem langen, strapaziösen Weg über sich hinaus und sie gehen am Ende gestärkt und selbstbewusst einer neuen, anderen Zukunft entgegen.

„Im Grunde hatte wir alle, die wir auf dem Küstenpfad unterwegs waren, etwas gemeinsam; wir waren wohl alle auf der Suche. Suchten nach der Vergangenheit oder der Zukunft, oder nach etwas, was uns fehlte. Es zog uns an den Rand der Zivilisation, auf einen Streifen Wildnis, wo wir frei waren und einfach darauf warten konnten, dass die Antworten kamen – oder eben auch nicht -, wo wir lernen konnten, das Leben, unser Leben zu akzeptieren, wie immer es auch aussehen mochte.“

(S.271)

Die salzigen Brombeeren, die kostenlos am Wegesrand gepflückt werden können, anfangs zu herb schmecken und erst am Ende der Reifezeit ihr volles und unvergleichliches Aroma entfalten, wurden für mich zum Symbol für diese Reise der beiden: Oft sind es die einfachen, kleinen Dinge, welche am Ende zählen, derer man sich aber erst bewusst werden muss. Auch aus Krisensituationen kann man am Ende etwas Positives herausziehen. Und auch das Herbe kann am Ende süß werden.

„Der Salzpfad“ ist ein existenzielles Buch, das erdet und demütig macht, indem es dem Leser vor Augen führt, was wesentlich ist im Leben. Man wird dankbar für vermeintlich Alltägliches, die kleinen, einfachen und so oft für selbstverständlich gehaltenen Dinge des Lebens. Und so kann die Lektüre dieses Reiseberichts auch eine wohltuende und heilsame Wirkung auf den Leser entfalten. Großartige Literatur, die tiefere Saiten zum Klingen bringt und gerade jetzt in der stillen Zeit wunderbar bereichernd sein kann. Und vielleicht möchte so mancher nach der Lektüre am liebsten selbst die Stiefel schnüren und einfach losgehen…

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Zeichen & Zeiten und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Raynor Winn, Der Salzpfad
Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair
Goldmann
ISBN: 978-3-442-14268-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Raynor Winn’s „Der Salzpfad“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch herrschen für Raynor und Moth oft karge Zeiten – nicht selten hungern sie regelrecht, ernähren sich von Nudeln und Fudge. Ein Höhepunkt sind neben gelegentlichen Ausreißern von Pasteten bzw. Cornish pasties (laut Wikipedia „eine gefüllte Teigware, deren Füllung typischerweise aus Rindfleisch, Kartoffeln, Steckrüben, Zwiebeln, Salz und Pfeffer besteht“), welche sie sich jedoch nur selten leisten können, die salzigen Brombeeren, die erst im perfekten Erntemoment ihren ganz besonderen Geschmack entfalten:

„Als ich sie jedoch in den Mund steckte, schmeckte sie besser als alle Brombeeren, die ich je probiert hatte. Weich, süß, ein vollendetes herbstliches Aroma wie ein fruchtiger Rotwein, und im Abgang ein Hauch, wirklich nur ein Hauch von Salz.“

(S.246)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Raynor und Moth stoßen während ihrer Wanderung zufällig auf ein Open Air Theater und haben das Glück, dass ein netter Herr sie dazu einlädt, die Aufführung zu besuchen und ihnen die Tickets schenkt, die sie sich selbst niemals hätten leisten können: auf dem Programm steht die komische Oper „Iolanthe“ von Gilbert und Sullivan. Sie ist eine von vierzehn Opern dieses Duos, welche im 19. Jahrhundert entstanden und auch als „Savoy Operas“ bezeichnet werden. Einfach mal reinhören: Vielleicht verzaubert Euch die Musik und der Feenstaub ja ebenso wie die beiden Wanderer, die einen magischen Theaterabend erleben durften?

Zum Weiterlesen:
Neben der Poldark-Roman-Reihe von Graham Winston taucht vor allem der Sagenstoff um König Artus immer wieder auf. Vielleicht wäre das eine Anregung, sich mal mit diesem großen Mythos zu befassen – was ich bisher literarisch noch nicht getan habe. Auch Literaturnobelpreisträger John Steinbeck hat sich mit „König Artus“ beschäftigt und auch wenn er das Werk nicht mehr ganz vollenden konnte, wäre das doch mal eine Möglichkeit:

John Steinbeck, König Artus
Aus dem Englischen von Christian Spiel
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-04546-0

Poesiealbumzauber

Pascale Hugues blätterte durch ihr Poesiealbum, in welchem sich 1968 ihre Straßburger Klassenkameradinnen verewigten und die Idee zu ihrem neuen, wunderbaren Buch „Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration“ war geboren. Was ist aus diesen zwölf Mädchen, die damals in Pascale’s Poesiealbum bescheidene, süße und fromme Verse schrieben sowie Blumen- und Glitzerbilder einklebten, geworden?

Anhand der Lebensgeschichten ihrer Schulkameradinnen – geboren in den Jahren 1958 bis 1960 – fächert die französische Journalistin, die seit vielen Jahren als Deutschlandkorrespondentin für das Nachrichtenmagazin Le Point in Berlin arbeitet und auch Kolumnen für den Tagesspiegel schreibt, das Bild einer ganzen Generation auf. Den Krieg kannten sie nur aus Erzählungen, für die Revolution 1968 waren sie selbst noch zu jung und so profitierten sie in hohem Maße von neuen Errungenschaften und Rechten, welche ihre Großmütter und Mütter für sie erkämpft hatten. Sie entwickelten sich vom „braven Mädchen aus dem Poesiealbum“ zu starken und selbstständigen Frauen, die mitten im Leben stehen.

„Wir ritten auf einer steilen Diagonale immer höheren Gipfeln zu. Um uns herum stieg alles an: die Geburtenrate, die Lebenserwartung, das Wirtschaftswachstum, die Industrieproduktion, die Abiturientenzahl, das Einkommen, das Kindergeld, die Renten, der gesetzlich garantierte Mindestlohn, der am ersten Juni 1968 einen Sprung von fünfunddreißig Prozent machte, der Lebensstandard, die Kaufkraft, der Konsumentenverbrauch, die Länge des bezahlten Urlaubs und die unserer Sommerferien, die zehn Wochen dauerten.“

(S.33)

Als Pascale Hugues ein Klassentreffen organisiert und die meisten ihrer Klassenkameradinnen zum ersten Mal seit der Schulzeit wieder sieht, um ihr literarisches Projekt in die Tat umzusetzen, herrscht zunächst Skepsis: Werden sie sich wieder erkennen? Was hat man sich nach all der Zeit zu sagen? Wird es mehr sein als das übliche „mein Haus, mein Auto, mein Mann, meine Kinder…“ oder das gemeinsame Schwelgen in Streichen und Anekdoten aus der Schulzeit? Und sind ihre vermeintlich alltäglichen Lebensläufe es wirklich wert und substanziell genug, um in einem Buch erzählt zu werden?

„Verändert man sich während eines Lebens? Es scheint mir, es gibt eine unwandelbare Essenz, einen inneren Wesenskern, dem weder die verflossenen Jahre noch die unterwegs angesammelten Erfahrungen etwas anhaben können.“

(S.47)

Schnell stellt sich heraus, dass es hochspannend ist, sich die Lebensgeschichten der Frauen anzuhören und aufzuschreiben – und für den Leser, diese zu verfolgen. Die Frauen öffnen sich gegenüber der Autorin und sie merkt, dass viele Eigenschaften und Anlagen, die bereits in der Kindheit vorhanden waren, sich wie ein roter Faden durch ihre Lebensläufe ziehen. Manches überrascht, manches nicht und doch zeichnen diese Erzählungen der Frauen über ihre Kindheit, schulische Ausbildung, Berufswahl, Liebesgeschichten und Eheschließungen, Mutterschaft und das Jonglieren zwischen Familie und Beruf ein umfassendes Bild einer ganzen Generation.

„Wir sind Zeugen der wiederkehrenden Moden und Epochen. Amüsiert beobachten wir, wie all diese Gesten aus unserer Kindheit wie ein Bumerang zurückkehren. Ein eigentümlicher Eindruck von Déjà-vu. Recycling, Kompostierung, eingekochtes Obst und hausgemachte Marmelade, Tausch, Do-it-yourself, die Kunst des Umgangs mit Resten, Servietten und Taschentücher aus Stoff, waschbare Windeln und weißer Essig zum Putzen des Waschbeckens. Sogar das Stricken ist zurück. Unsere Mütter und Großmütter waren Pionierinnen, ohne es zu wissen.“

(S.287/288)

Doch das Buch ist noch so viel mehr als lediglich eine Geschichte der Frau seit den 60er oder 70er Jahren: es erzählt auch die wechselvolle Entwicklung des Elsass – das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. So durfte ich zum Beispiel lernen, dass ein Poesiealbum als deutsches Kulturgut galt und in Frankreich eher verpönt war – ein Geschenk der deutschen Großmutter in Erinnerung ihrer Wurzeln an die kleine Pascale, die sich damals der Tragweite dieser Geste noch gar nicht bewusst war.

Man erfährt aber auch vieles über das Schicksal der Gastarbeiter, die fernab ihrer Heimat im Elsass ein neues Leben beginnen mussten. Es ist ein Buch über Armut und teils fehlende Chancengleichheit – ein Buch über herausragende Pädagogen und prägende Lehrerpersönlichkeiten, die rückläufige Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft, über Klassenunterschiede, über schwierige Familienverhältnisse – Scheidung der Eltern, Alkoholismus, Depression.

All das bringt die Autorin in ihrem Buch über zwölf Frauenleben, die voller Menschlichkeit, Respekt und Herzenswärme erzählt sind, auf gerade einmal 300 Seiten unter. Ein wunderschönes und kluges Stück Literatur, das mich mitten ins Herz getroffen hat und von dem ich glaube, dass viele sich darin – unabhängig von Alter oder Herkunft – mit gewissen Aspekten identifizieren oder ihre Omas, Mamas, Tanten oder gar sich selbst wiederfinden werden.

Pascale Hugues hat ein großartiges, faszinierendes und warmherziges Buch geschrieben, das zeigt, dass in jedem Menschen eine spannende Geschichte steckt, die es sich zu erzählen lohnt und wir alle Kinder unserer jeweiligen Zeit sind. Meisterhaft verknüpft sie die besondere deutsch-französische Situation des Elsass damit, wie sich die Rolle und das Bild der Frau in ihrer eigenen Generation und der ihrer Mutter gewandelt hat. All das ist so mitreißend erzählt und wunderbar mit viel Liebe zum Detail beschrieben, dass man dieses Buch einfach lieben muss. Für mich ganz klar eines der Leseglanzlichter in diesem Bücherjahr 2021!

Eine weitere Besprechung gibt es auf Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Pascale Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00271-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Pascal Hugues’ „Mädchenschule“:

Für den Gaumen:
Die Gerichte, an welche wir uns aus unserer Kindheit erinnern, sind oft die guten, einfachen Dinge – hier im Buch ist es zum Beispiel der französische Quatre-Quarts-Kuchen. Der Name kommt daher, dass die vier Zutaten jeweils das selbe Gewicht haben: Eier (mit Schale), Mehl, Zucker und Butter. Für Pascale’s Freundin Françoise’s Geburtstag wurde von ihrer Mutter stets ein solcher gebacken „mit elfenbeinfarbener Kirschglasur und Kerzen darauf“ (S.74).

Zum Weiterstöbern:
Was spricht gegen ein bisschen Nostalgie? Mich inspirierte der Roman, mein eigenes Poesiealbum wieder einmal zur Hand zu nehmen und darin zu blättern. Schön, wie man sich dann wieder an Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter und Menschen erinnert, die einem etwas bedeutet haben.

Zum Weiterlesen (I):
Pascale Hugues hat mit ihrem ersten Buch „Marthe und Mathilde“ 2008 bereits ihren beiden Großmüttern ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch hier geht es um die besondere Situation im Elsass und so ist es nicht verwunderlich, dass der Untertitel „Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland“ lautet. Nach meiner Lektüre von „Mädchenschule“ ist „Marthe und Mathilde“, das ich noch nicht kenne, gleich auf meine gedankliche Leseliste gewandert.

Pascale Hugues, Marthe und Mathilde
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-62415-5

Zum Weiterlesen (II):
Auch im November letzten Jahres war es ein Buch aus Frankreich, das mich mit seiner Herzenswärme im Sturm erobert hat: Jacky Durand’s liebenswürdiger Roman „Die Rezepte meines Vaters“, das ich damals auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Jacky Durand, Die Rezepte meines Vaters
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler
ISBN: 978-3-463-00008-4

Familientradition verpflichtet

„Adlon oblige“ – das Familienmotto der legendären Hoteliersfamilie Adlon hat die Familiengeschichte über Generationen hinweg begleitet und geprägt. Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers Lorenz Adlon hat jetzt ein Buch über die Geschichte seiner Familie verfasst. Der Name verpflichtet, sagt alles und so lautet der Titel schlicht: „Adlon“.

Ein Erbstück, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind Manschettenknöpfe mit der Aufschrift „Adlon oblige“, welche einst ein Geschenk des Kaisers waren und mittlerweile im Besitz von Felix Adlon sind.

Und so stellt sich der Autor seinem Erbe und steigt hinab in „die Tiefen des Familienbrunnens“, wie er es nennt. Dass er dort selbst auf Überraschendes, Erhellendes und neue Erkenntnisse über geliebte und umstrittene Familienmitglieder und Vorfahren stößt, zeigt, dass sich nicht nur für seine Leser, sondern auch für ihn selbst die intensive Beschäftigung mit seiner Vergangenheit gelohnt hat.

Für den Leser ist es eine bunte, schillernde und spannende Geschichte, die eng mit den historischen und politischen Entwicklungen Deutschlands verknüpft ist. Denn das Buch erzählt vom Aufstieg und Fall des wohl bekanntesten Hotels Deutschlands und seiner Gründerfamilie – von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart.

So erfährt man bei der Lektüre, dass Ururgroßvater Lorenz Adlon, der aus einfachen Verhältnissen stammte, zunächst eine Ausbildung zum Tischler machte, die ihn vor allem den stets hohen Anspruch nach hervorragender Qualität und Ausführung lehrte. Dieser sollte ihn sein Leben lang prägen und er versuchte diesen auch bei seinen ersten gastronomischen Erfahrungen in Mainz bereits konsequent umzusetzen. Über Ausflüge in die Gastronomie bei Großveranstaltungen wie z.B. Turn- und Sportfesten, Weltausstellungen und einer Station in Holland, verschlug es ihn letztlich nach Berlin, wo er das bekannte Restaurant Hiller leitete bis er schließlich das berühmte Hotel Adlon am Brandenburger Tor plante und gründete.

Felix Adlon erzählt aus den Biografien seiner Vorfahren, wirft aber auch immer einen Blick über den Tellerrand, in die jeweilige Zeit und die damals herrschenden Umstände, so erfährt man zum Beispiel auch, was es mit den Freimaurern auf sich hatte und welch großes Interesse auch der Kaiser am Adlon hatte.

Lorenz’ Sohn Louis führte das Hotel weiter – auch in den schwierigen Zeiten des zweiten Weltkriegs – bis zu seinem tragischen Tod.
Das Hotel Adlon brannte Ende des Zweiten Weltkriegs nieder und wurde völlig zerstört. Erst nach der Wiedervereinigung wurde es wieder aufgebaut und ist dennoch bis heute eine Legende: die Gästeliste umfasste stets alles, was Rang und Namen hatte – von gekrönten Häuptern, Staatsmännern und -frauen bis zu den größten Künstlerinnen und Künstlern ihrer Zeit.

Felix Adlon erzählt vom Glanz und Prunk des Hotels, vom Weinkeller oder Anekdoten aus dem berühmten Luftschutzbunker unter dem Hotel ebenso wie über die turbulenten und wechselvollen Lebensläufe seiner Ahnen im weit verästelten Familienstammbaum.

Ein paar Konstanten ziehen sich durch die Adlon’sche Familiengeschichte: Die Frauen spielten stets eine große und starke Rolle – sei es Lorenz’ geliebte Susi oder Louis’ zweite Frau Hedda. Auch seiner Großmutter Susanne Fanny Adlon setzt Enkel Felix mit seinem Buch ein liebevolles Denkmal und beschreibt sie als kunstbegeisterte, selbstbewusste Frau, welche die Kraft und Stärke besaß, ihren geliebten Parsifal „Percy“ Adlon – den Sohn des Opernsängers Paul Rudolf Laubenthal – als uneheliches Kind gegen alle Widerstände allein groß zu ziehen.

Die Liebe zur Musik, zur Oper, zu Kunst und Kultur ist eine weitere dieser Konstanten. Vater Percy Adlon ist ein bekannter Filmregisseur – „Out of Rosenheim“ sein wohl bekanntester Film – und auch Sohn Felix ist ihm in die Filmbranche nachgefolgt und mit einer Opernsängerin verheiratet.

Obwohl die Familie nicht mehr im Besitz des heutigen Hotels Adlon ist, prägt die Institution und ihre Geschichte weiterhin ihr Leben. „Adlon oblige“ eben – ein Erbe, das nicht loslässt.
Die Höhen und Tiefen, tragische Schicksalsschläge und große Erfolge – diese Familiengeschichte ist filmreif, hochspannend und ein faszinierendes Kaleidoskop deutscher Geschichte.

Faszinierend fand ich, wie authentisch, natürlich und unprätentiös Felix Adlon dieses Familienpanorama verfasst hat. Man spürt bei der Lektüre, dass er vor der Lebensleistung seiner Vorfahren selbst höchsten Respekt hat und dass ihn der hohe Anspruch bis heute prägt und begleitet. Er hat ein liebevolles, aufrichtiges Buch geschrieben, in welchem er auch selbst eigene Fehleinschätzungen der Vergangenheit revidiert und sein Bild der Geschichte in einigen Aspekten rückwirkend korrigiert. So manche Recherche öffnete ihm die Augen.

Das Buch liest sich sehr schnell und es macht wirklich Freude, dem Autor dabei zu folgen, wie er aus dem Familiennähkästchen plaudert. Da geht es um Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen und einer großen Leidenschaft für die Dinge die sie tun – sei es die Hotellerie und Gastronomie oder aber Kunst und Kultur.

Ein hochinteressantes und kurzweiliges Buch über eine Familie im Spiegel der Zeit, das packender ist als so mancher Roman – die besten Geschichten schreibt ohnehin das wahre Leben – und daher nicht nur für Hotel-Fans oder Geschichtsinteressierte eine sehr lohnende Lektüre sein kann.

Buchinformation:
Felix Adlon, Adlon
Heyne
ISBN: 978-3-453-21809-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Felix Adlon’s „Adlon“:

Für den Gaumen:
Während im Adlon Haute Cuisine im Stile von August Escoffier serviert wurde kam Percy Adlon – der Vater des Autors – in seiner Kindheit durch seine geliebte Tante Ada oft in den Genuss bodenständiger Küche:

„Von ihren böhmischen Marillenknödeln mit Zucker, Zimt und geriebenem Lebkuchen aß jeder mindestes ein Dutzend, bis alle vor Wonne und Völle stöhnten.“

(S.202)

Zum Weiterschauen (I):
Felix Adlon ist Filmregisseur und somit in die Fußstapfen seines Vaters getreten – gemeinsam drehten die beiden 2010 den Spielfilm „Mahler auf der Couch“ – den ich mir notiert habe und bei Gelegenheit einmal ansehen möchte. Ein filmisches Aufeinandertreffen von Sigmund Freud und Gustav Mahler – das hört sich spannend an.

Zum Weiterschauen (II):
Wer Felix Adlon als Darsteller in einem Film erleben und zugleich mehr über die Familiengeschichte und das Hotel Adlon erfahren möchte, der kann sich Percy Adlon’s Film „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ aus dem Jahr 1996 ansehen. Eva Mattes spielt darin niemand geringeren als den charismatischen Stummfilmstar Pola Negri.

Zum Weiterlesen:
Schon lange auf meiner Leseliste und jetzt wieder weiter nach oben gerückt ist Vicki Baum’s Klassiker aus dem Jahre 1929: „Menschen im Hotel“. Vorbild soll hier zwar nicht das Adlon, sondern das Hotel Excelsior gewesen sein, aber ein Berliner Luxushotel im Mittelpunkt eines Romans gibt stets einen interessanten literarischen Rahmen ab:

Vicki Baum, Menschen im Hotel
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-03798-2

Sacrow – Geschichte erleben

Zauberhaft an der Havel gelegen ist Sacrow und sein Wahrzeichen die Heilandskirche, welche man vom Wasser aus schon von Weitem sehen und bewundern kann. Doch der Ort und die berühmte Kirche nahe Potsdam haben im letzten Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte durchlebt und durchlitten.

Die aktuelle Ausstellung (07.08.2021 – 09.11.2021) im Schloss Sacrow „Sacrow – Das verwundete Paradies“ sowie das begleitende Sachbuch von Kurator Jens Arndt geben ein eindrucksvolles, berührendes Zeugnis der Geschichte des Ortes, des Schlosses und der Kirche und lassen Bewohner und Zeitzeugen persönlich zu Wort kommen.

So spiegelt sich exemplarisch an diesem wunderschönen, von vielen als Paradies bezeichnetem und wahrgenommenem Stück Erde die deutsche Geschichte von der preußischen Monarchie, über beide Weltkriege, der Schrecken des NS-Regimes und der Vertreibung der Juden ebenso wider, wie die Zeit der russischen Besatzung, der Teilung Deutschlands und des Mauerbaus bis hin zur Wiedervereinigung und der darauf folgenden Prozesse der Restitution.

So erfährt der Leser und Ausstellungsbesucher, dass Schloss Sacrow zunächst als Anwesen von König Friedrich Wilhelm IV. 1840 erworben wurde und er dieses auch durch die Gartengestaltung von Peter Joseph Lenné sowie den Bau der Heilandskirche im italienischen Stil mit dem markanten freistehenden Campanile zu seinem Herzensort und zu seiner Traumlandschaft umgestalten ließ.

Die Schönheit des Ortes zog schon bald Sommerfrischler, Ausflügler und auch Künstler an. So wird berichtet von legendären Ausflugslokalen und der großen Beliebtheit des Ortes bei den Berlinern, die sich dort nach und nach auch Sommerhäuser errichten ließen. Auch viele jüdische Bewohner ließen sich in Sacrow nieder und wurden später während der Zeit des Nationalsozialismus aus ihren Häusern vertrieben, welche dann arisiert und anderweitig genutzt wurden.

Später wurde die direkt am Wasser liegende Heilandskirche durch die Mauer und den Todesstreifen vom Ort und den Bewohnern getrennt. Nach dem Weihnachtsgottesdienst 1961 war sie nicht mehr zugänglich, wurde Opfer von Vandalismus und verfiel nach und nach immer mehr, bis durch Bemühungen auch durch westdeutsche Politiker zumindest eine Sicherung der Bausubstanz, z.B. eine Sanierung des maroden Daches, erreicht werden konnte. Erst 28 Jahre später sollte wieder ein Weihnachtsgottesdienst in der Kirche gefeiert werden. Man kann vermutlich nur erahnen, wie emotional dieser Moment für viele gewesen ist.

Arndt erzählt anhand einiger Bewohner und Zeitzeugen exemplarisch Lebensschicksale aus den verschiedenen Epochen und politischen Systemen, welche Spuren in Sacrow hinterließen und es prägten. So bietet dieser einmalige Ort die besondere Möglichkeit, deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte auf engstem Raum und in vielen Facetten zu betrachten und zu reflektieren.

Der Autor und Kurator erzählt vom Alltag der Menschen, der viele Jahre geprägt war von Passierscheinen und Kontrollen am Schlagbaum, von Fluchtversuchen, von der Nutzung des Schlosses als Ausbildungsort für die DDR-Zollhunde und der damit einhergehenden Zerstörung der originalen Gartengestaltung ebenso wie über die Zeit nach der Wende, die Restitution, den Zuzug neuer Bewohner und den damit verbundenen strukturellen Veränderungen in der Dorfgemeinschaft.

Das Sachbuch ist reich bebildert und verschafft dem Leser so auch ein eindrucksvolles, optisches Bild von der Zeitgeschichte und der Entwicklung Sacrows. Die Fotos von der am Wasser isolierten Kirche, die durch Mauer und Todesstreifen vom Ort getrennt und unzugänglich war, lassen wohl kaum jemanden kalt und brennen sich tief ins Gedächtnis.

Lebendiger, eindrucksvoller und authentischer kann man deutsche Geschichte wohl kaum erzählen. Wer sich also im 60. Jahr nach dem Mauerbau mit einem intensiven, bewegenden und sorgfältig dokumentierten und recherchierten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte befassen möchte, hat mit Ausstellung, Buch und Film – weitere Details folgen in den weiterführenden Tips – eine großartige Gelegenheit dazu.

Seit 1992 zählen der Park und die Heilandskirche zum UNESCO Welterbe und sind unbedingt einen Besuch wert, um den besonderen Zauber des Orts – dieses verwundeten Paradieses – und deutsche Geschichte hautnah zu erleben.

Buchinformation:
Jens Arndt, Sacrow – Das verwundete Paradies
L&H Verlag
ISBN: 978-3939629627

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jens Arndt’s „Sacrow – Das verwundete Paradies“:

Zum Weiterklicken und für den Ausstellungsbesuch:
Auf der Homepage der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und auf der Seite des Vereins „Ars Sacrow e.V.“ findet man weitere Informationen zur Ausstellung „Sacrow – Das verwundete Paradies“ – der Ausstellung im Schloss Sacrow anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus, die dort vom 07.08.2021 noch bis zum 09.11.2021 (jeweils Freitag bis Montag) zu sehen ist.

Zum Weiterschauen:
In der ARD Mediathek ist noch bis 03.08.2022 die 45-minütige Dokumentation „Sacrow bei Potsdam – Paradies im Mauerschatten“ aus der Reihe Geheimnisvolle Orte zu sehen, welche ebenfalls die wechselvolle Geschichte des Ortes erzählt.

Zum Weiterlesen (I):
In den Jahren 1953 bis 1961 wurde das Schloss Sacrow durch das Druckerei- und Verlags-Kontor der DDR unter anderem zur Beherbergung von Schriftstellern genutzt. Prominentester Gast in dieser Zeit war wohl die Autorin Brigitte Reimann. Bekannt vor allem durch den Roman „Franziska Linkerhand“, nahm sie 1956 an einem DEFA-Lehrgang für Drehbuchautoren im Schloss teil. Im Romanfragment „Joe und das Mädchen auf der Lotosblume“ ließ sie Erfahrungen aus ihrer Zeit in Sacrow einfließen.

Brigitte Reimann,
Das Mädchen auf der Lotosblume: Zwei unvollendete Romane
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3746621395

Zum Weiterlesen (II):
Eine ähnliche Schilderung der deutsch-deutschen Geschichte anhand eines Ortes unweit von Sacrow erzählt Thomas Harding über ein „Sommerhaus am See“ von Groß Glienicke – dem Alexanderhaus. Ein ebenfalls sehr lesenswertes Buch, das ich bereits auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030

Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914