Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030

Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914

Sommerregen mal anders

Über mangelnden Regen konnten wir uns im Mai wohl nicht beklagen und da bot es sich an, wieder einmal einen „Regalschlummerer“ zu befreien, der sich aufgrund des Titels geradezu aufdrängte: „Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein“ von Sigrid Damm.

In den Jahren 1776 bis 1786 schrieb der junge Goethe über 1700 Briefe und „Zettelgen“ an die Hofdame Charlotte von Stein. Viele davon gehören – auch nach gängiger Meinung – zu den schönsten Liebesbriefen und -bekundungen der Literatur. Sigrid Damm hat für ihr Buch 231 davon ausgewählt, die einen umfassenden und bewegenden Einblick in diese komplizierte Liebesgeschichte geben.

„Als einen Lebens- und Liebesroman, als Tagebuch einer zehnjährigen Beziehung lese ich diese Briefe. Sehe den Schreiber vor mir, stehend an seinem Pult, sitzend am Tisch, in Weimar im Gartenhaus, am Frauenplan, auf Reisen, in Ilmenau, auf dem Gothaer Schloß, in Rom.“

(S.49)

Neben den abgedruckten Originalbriefen erzählt Sigrid Damm in einem ausführlichen Vorspann und dem begleitenden Hauptteil nach den Briefen die Geschichte der beiden. Sie schafft den Rahmen und ordnet ein, erläutert dem Leser die historischen Zusammenhänge und lässt diese Weimarer Zeit nachvollziehbar und lebendig werden. Als Goethe nach Weimar kommt, lernt er bereits kurz darauf die Hofdame und Ehefrau des höfischen Stallmeisters Charlotte von Stein kennen. Sie ist kultiviert, gut aussehend, gebildet und für Goethe unerreichbar. Und dennoch beginnt der leidenschaftliche 26-Jährige sie in unzähligen Briefen und kurzen Botschaften heftig zu umwerben. Er sucht und genießt ihre Gesellschaft, sie wird zu einer wichtigen, wenn nicht zur wichtigsten Bezugsperson. Ihr vertraut er sich an, ihr schüttet er sein Herz aus – ihre Meinung bedeutet ihm viel.

„Die Gegenwart ists allein die würckt, tröstet und erbaut! – Wenn sie auch wohl manchmal plagt – und das plagen ist der Sommerregen der Liebe.“

schreibt Goethe am 22. Juni 1776 (S.72)

Und doch quält ihn auch die Tatsache, dass seine Liebe keine Erfüllung finden kann. Nach zehn Jahren kommt es zum Bruch in der Beziehung, als Goethe heimlich zu seiner Italienreise aufbricht ohne seine Angebetete zuvor darüber zu informieren. Ein Vertrauensbruch, der nicht ohne Folgen bleibt.
Charlotte von Stein forderte ihre Briefe an Goethe zurück und vernichtete sie, so dass wir heute ihre Erwiderungen auf Goethes Korrespondenz leider nicht mehr lesen können.

„Ich habe nur zwey Götter dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir was zu heilen ist und seyd die wechselsweisen Mittel gegen die böse Geister.“

schreibt Goethe am 15. März 1785 (S.161)

Sigrid Damm gelingt es in ihrem hervorragend recherchierten Buch, diese Zeit und die komplizierte Beziehung zwischen Goethe und Frau von Stein verständlich werden zu lassen. Für diese Frau schrieb Goethe wunderschöne Liebesgedichte, wie zum Beispiel „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“, doch auch in folgendem Auszug aus diesen Zeilen wird bereits der Schmerz über die unglückliche Beziehung spürbar:

Nur uns Armen liebevollen beyden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war“

(Auszug aus „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“ – schreibt Goethe am 14. April 1776; S.67)

Die Zeit dieser Briefe fällt in die Regentschaft von Herzogin Anna Amalia, die den Weimarer Musenhof schuf und sich gern mit Dichtern und Philosophen umgab. Auch diese Aspekte – die Theateraufführungen und Gesellschaften in Schloss Tiefurt – klingen in Damm’s Buch an. Ebenso beschreibt sie sehr gut, wie Geheimrat Goethe immer mehr mit seinen administrativen Aufgaben haderte, sich in all seinen Funktionen mehr und mehr aufrieb und ihm zunehmend bewusst wurde, dass er sich wieder mehr der Kunst widmen wollte. Letztlich führte dies zu seinem Ausbrechen aus den dienstlichen Pflichten und gipfelte in seiner heimlichen Abreise nach Italien.

Das Buch ist kein trockenes Sachbuch, vielmehr strotzt es voller Leben und ist die spannende Geschichte einer leidenschaftlichen, wenn auch letztlich unglücklichen Liebesbeziehung voller Gefühl und Schmerz.

Wer nach Weimar reist oder sich näher mit Johann Wolfgang von Goethe beschäftigen möchte, wird unweigerlich auf diese so wichtige Frau und diese zehn Jahre seines Lebens stoßen, die ihn geprägt haben. Sigrid Damm bietet in verständlicher und sehr angenehm zu lesender Sprache die passende Lektüre und beschreibt mit Respekt und ohne jegliche Spekulation oder Effekthascherei ihre durch Quellen, Fakten und Recherche fundierte Sicht auf diese besondere Beziehung.

Nicht umsonst und völlig zu Recht wurde die Autorin, die 1940 in Gotha geboren wurde, für ihr umfangreiches Werk zu Goethe und seinen Zeitgenossen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem den Feuchtwanger-, den Mörike- und den Thüringer Literaturpreis, um nur einige zu nennen.

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen – eine kurzweilige und bereichernde Lektüre, die unterhält und bildet zugleich. Und so war dieser „Sommerregen“ – während draußen der richtige prasselte – für mich ein echter Gewinn.

Buchinformation (in meinem Fall als Hardcover):
Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel
ISBN: 978-3-458-17644-2

oder als Taschenbuchausgabe:

Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel Taschenbuch 4580
ISBN: 978-3-458-36280-7

©Insel Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerregen der Liebe“:

Für den Gaumen:
Goethe ließ Frau von Stein auch immer wieder Leckereien aus seinem Garten zukommen, in dem er unter anderem auch Spargel selbst anbaute. So schrieb er am 19. Mai 1776 an sie:

„Da sind Spargel, erst iezt gestochen, lassen Sie sie nicht unter die Anderen kommen, essen Sie sie allein, da Sie doch einmal das glückliche Vorurtheil dafür haben; wie mir’s eben am besten schmeckt, wenn ich sie mit Ihnen esse.“

(S.70)

Zum Weiterschauen:
Auf der Website der Klassik Stiftung Weimar kann man einen Eindruck erhalten, wie solche „Zettelgen“ und Briefe ausgesehen haben – man sieht die Originalhandschrift Goethe’s und auch Zeichnungen, die er an Charlotte von Stein schickte.

Zum Weiterlesen:
Ich mochte bereits Sigrid Damm’s Buch über Goethe’s Ehefrau Christiane Vulpius sehr gern. Eine besondere Beziehung zwischen den beiden – dem Geheimrat und der einfachen, jungen Frau aus dem Volk – die in Weimar zunächst sehr kritisch beäugt wurde. Sigrid Damm hat die Gabe, hervorragend recherchierte Sachbücher so zu schreiben, dass sie sich trotz aller Detailgenauigkeit sehr flüssig lesen und Goethe und seine Zeit lebendig werden lassen:

Sigrid Damm, Christiane und Goethe – Eine Recherche
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36080-3

Ort für die Seele

Kaum ein Ort vereint die wechselvollen Kapitel der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre so konzentriert in sich wie ein kleines, feines Holzhaus am Glienicker See in der Nähe Potsdams. Thomas Harding erzählt in „Sommerhaus am See“ die Geschichte dieses Sommerhauses und seiner Bewohner: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte so lautet der Untertitel.

Ein Sachbuch, das sich sehr flüssig und spannend – nahezu wie ein Roman – liest und den Leser immer wieder ungläubig staunen lässt, was dieses Kleinod am Glienicker See und seine Bewohner alles erleben durften und mussten. Eine wechselvolle und eindrucksvolle Geschichte, die den Bogen spannt vom Jahre 1890 über das Baujahr 1927 bis zum Jahre 2015.

Thomas Harding ist der Enkel bzw. der Urenkel des Erbauers und ersten Besitzers des Sommerhauses – gemeinsam mit seiner Großmutter besucht er 1993 nach der Wende das Haus zum ersten Mal. Im Jahre 2013 sieht er das mittlerweile völlig verfallene Haus wieder, rettet es vor dem Abriss und macht es sich zur Lebensaufgabe, dieses als Erinnerungsort zu erhalten, seine Geschichte und die der Bewohner zu erzählen. Das Buch ist das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen und ist zugleich ein wahres Kaleidoskop deutscher Zeitgeschichte.

Zunächst erzählt der Autor die Geschichte des Orts Glienicke und des Ritterguts des Otto von Wollank, der sich dort zwischen 1890 und den 1920er Jahren vor den Toren Berlins ein florierendes Gut aufbaute und großzügigen Grundbesitz erwarb. Nach politisch turbulenten Zeiten und Kriegsjahren entschied dieser sich 1927, Teile seines Grundbesitzes zu verpachten, zumal es für wohlsituierte Berliner Familien immer mehr in Mode kam, sich ein Wochenenddomizil in der Natur am Wasser zu schaffen.

Die jüdische Familie Alexander findet so dort ihren Lieblingsort und errichtet sich ein gemütliches Holzhaus am Glienicker See. Für eine der Töchter und spätere Großmutter Thomas Harding’s Elsie brechen glückliche Tage an und sie wird die zunächst unbeschwerten Aufenthalte mit ihrer Familie im Haus nie vergessen.

Doch als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Einschränkungen und die Gefahr für die jüdische Bevölkerung immer mehr zunimmt, wandert sie schließlich mit ihrer Familie nach Großbritannien aus – sie müssen das Haus und ihren Besitz zurücklassen.

Danach übernimmt der Musikverleger Will Meisel das Feriendomizil und bewohnt es in den Vierziger Jahren und während der Zeit des zweiten Weltkriegs. Später ziehen weitere Familien in das Haus, erleben dort die russische Besatzung und den Mauerbau. Die Mauer wurde quer durch den Garten des Anwesens am Seeufer gebaut.

„1959 hieß es in der Berliner Morgenpost: (…) Wer heute nach Berlin reist, sollte auch nach Groß Glienicke fahren. … Nicht nur wegen des herrlichen Ausblicks und der schönen Badestellen am See. Denn: Glienicke ist mehr als eine hübsche Villenkolonie. Glienicke ist für Berlin-Besucher politischer Anschauungsunterricht im Freien. Hier, am Beispiel einer kleinen Siedlung, wird besonders deutlich, wie unsinnig die Teilung unserer Stadt ist.“

(S.235/236)

Weitere Bewohner des Hauses erleben die DDR-Zeit und die Zeit des Umbruchs. Nach der Wende verfällt das Häuschen zunehmend und steht schließlich leer. Als es schließlich abgerissen werden soll, rettet Thomas Harding mit zahlreichen Helfern und Mitstreitern das geschichtsträchtige Gebäude und heute steht es unter Denkmalschutz.

Ein großartiges, pralles und wunderbar flüssig lesbares Sachbuch, das anhand eines kleines Sommerhäuschens die gesamte deutsche Geschichte der letzte 100 Jahre erfahrbar macht. Illustriert mit zahlreichen Fotografien und anhand der biografischen Skizzen der Bewohner, wird dem Leser klar, welch wechselvolle Geschichte dieser besondere Ort in der Nähe Potsdams aufzuweisen hat.

Eine unglaubliche und intensive Geschichte, die Thomas Harding hier recherchiert und zusammengetragen hat und die sich zu lesen lohnt.
Schön, dass es ihm gelungen ist, dieses Haus als Gedenk- und Erinnerungsort zu erhalten und jetzt zu einem Ort der Bildung und Versöhnung zu entwickeln.

„Als ich an diesem Tag über den See blickte, begriff ich endlich, warum alle Bewohner des Hauses so an ihm hingen. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich brachte, trotz aller Umbrüche war es tatsächlich ein Ort für die Seele.“

(S.360)

Buchinformation:
Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerhaus am See“:

Zum Weiterklicken und Weiterschauen:
Auf der Internetseite des Alexanderhauses kann man anhand zahlreicher Bilder einen schönen Eindruck von diesem Kleinod gewinnen. Zudem bietet die Seite neben einem 44-minutigen Dokumentarfilm zahlreiche Hintergrundinformationen zur Geschichte und der heutigen Nutzung des Hauses. Ein Besuch des Anwesens, das heute Bildungs- und Begegnungsstätte ist und besucht werden kann (lediglich aktuell aufgrund der Pandemie geschlossen ist) steht unbedingt auf meinem Plan.

Zum Weiterhören:
Die Ehefrau des zweiten Besitzers des Sommerhauses Will Meisel war der Filmstar Eliza Illiard, die unter anderem in der Operettenverfilmung von Lehar’s „Paganini“ die Rolle der Anna Elisa spielte. Eine Operette, die aber vor allem durch Richard Tauber bekannt geworden war und unter anderem das bekannte Stück „Gern hab ich die Fraun geküsst“ enthält.

Zum Weiterlesen:
Mein fortführender Lesetip ist heute ein weiteres großartiges Buch, das ebenfalls die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählt. Die Autorin lässt das Haus sogar selbst zu Wort kommen. Es handelt sich um Regina Scheer’s „Gott wohnt im Wedding“, das ich vor einiger Zeit hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Ebenfalls ein wunderbarer Roman, der Zeitzeugen eine Stimme gibt.

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

Beethoven bewegt

Auch das groß geplante Beethoven-Jahr 2020 ist viel kleiner, stiller und unspektakulärer ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Mit der Lektüre von Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ bietet sich jedoch die Gelegenheit, sich auch im Jahr 2021 nochmal mit dem großen Komponisten zu beschäftigen. Eine Leseerfahrung, die sich vor allem für Klassikfans und Musikinteressierte bzw. -verrückte lohnt – als Ersteinstieg ist diese persönliche Sicht Thielemann’s auf Leben und Werk des großen Ludwig van Beethoven wohl eher nicht geeignet.

Christian Thielemann kennt das Werk Beethovens wie kaum ein Zweiter und hat sich sein Musikerleben lang intensiv vor allem mit den Orchesterwerken auseinandergesetzt. In seinem Buch, das in Gesprächen und in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, welcher er im Nachwort explizit für ihre aufschlussreichen Fragen und ihre „sprachliche Rasanz“ dankt, beschreibt er seinen persönlichen Weg zu Beethoven. Er erzählt von frühen Erlebnissen des Scheiterns und großen Glücksmomenten, von Lieblingswerken wie der Missa solemnis oder der Egmont-Ouvertüre, die ihn schon früh faszinierten, bis zur einzigen Oper Beethovens, dem „Fidelio“, mit dem Thielemann bis heute nicht warm werden kann und ihm deshalb weitestgehend aus dem Weg geht.

Er berichtet, welche Interpretationen seiner Vorgänger er schätzt – vor allem Wilhelm Furtwängler scheint für Thielemann bei Beethoven oft den richtigen Ansatz gefunden zu haben, von ihm schwärmt er häufig – und welche weniger. Man erfährt, dass er im Plattenladen eine Live-Aufnahme in der Regel einer Studioaufnahme vorzieht und warum.

Kernstück des Buches ist ein virtueller Zyklus der neun Beethoven-Symphonien, welche er an vier Abenden dirigiert, wie er es auch im richtigen Leben mit Weltklasse-Orchestern wie zum Beispiel den Wiener Philharmonikern bereits getan hat. Er lässt den Leser teilhaben an seiner ganz persönlichen, musikalischen und interpretatorischen Sicht auf diese neun so unterschiedlichen musikalischen Meisterwerke. Für ihn haben die Symphonien Farben – so ist die sechste Symphonie die Pastorale für ihn zum Beispiel „maiengrün“ – und jede hat ihren eigenen Reiz, einen völlig eigenständigen Charakter. Ausführlich beschreibt er musikalische Schlüsselstellen und Besonderheiten, Feinheiten in der klanglichen Ausgestaltung und ordnet diese Werke auch zeitlich ein, berichtet über Entstehungsgeschichte und spannt einen Bogen zu Beethovens Leben.

Neben den leisen Anklängen an Beethovens Biografie, erzählt er aber auch über seine persönliche Entwicklung als Dirigent und wie sich seine Art, sich Beethoven zu nähern, über die Jahre verändert hat.

„Die Missa ist heiß und superkalt zugleich. Aus der Strandsauna springt man raus in die eisige Nordsee.“

(S.249)

Stilistisch liest sich das Buch sehr flüssig und lebendig – trotz des zahlreichen musikalischen Fachvokabulars – finden sich häufig Bilder und Vergleiche, die aus dem Leben gegriffen und erfrischend zu lesen sind. Das ist kein trockenes, bierernstes Sachbuch, sondern vielmehr eine sehr persönliche, unterhaltsame Auseinandersetzung mit diesem „Titanen“, welche auch versucht, Hemmschwellen abzubauen und allzu respektvolle Distanz (zumindest für den Leser und Hörer) zu verringern.

Als Dirigent und Künstler hat Thielemann höchsten Respekt vor dem Lebenswerk des Komponisten und man spürt, dass er stets aufs Neue mit der idealen Interpretation der Beethoven’schen Werke ringt.

Für mich war es spannend zu lesen, mit welchen Fragen sich ein Dirigent bereits im Vorfeld auseinandersetzt: Dirigieren mit oder ohne Partitur? Wenn ja, mit welcher Partitur (alte oder neue Ausgaben)? Wieviel Beachtung schenkt man den teilweise aberwitzigen Metronomangaben des Komponisten? In welchem Saal klingt Beethoven gut und wo nicht? Welche Sitzordnung des Orchesters ist die Beste?
Unter anderem solche Fragen gewährten mir einen interessanten Blick hinter die Kulissen und in den Arbeitsalltag eines Dirigenten, den ich in dieser Form vorher noch nicht gelesen hatte.

Für mich hat die Lektüre große Lust geweckt, mich wieder und noch intensiver mit der Musik Ludwig van Beethoven’s zu befassen. Gerade die Missa solemnis, das Herzensstück Thielemann’s, die ich bisher noch nicht besonders gut kenne, werde ich mir bestimmt in der nächsten Zeit in Ruhe anhören.

Wer den Musikunterricht nicht mochte, lieber keine Noten lesen will und mit Beethoven noch nie etwas anfangen konnte, der wird keine Freude an diesem Buch haben, aber für Musikbegeisterte und Beethoven-Fans ist Thielemann’s Reise sicher zu empfehlen. Ein sehr persönliches, kurzweiliges und facettenreiches Buch über Leben und Werk des großen Komponisten und der individuellen Interpretation durch einen der bekanntesten Dirigenten unserer Zeit.

„Warum begleitet Beethoven uns das ganze Leben, als Musiker wie als Zuhörer? Wegen seiner Wahnsinnskontraste, zwischen denen alles Platz findet. Zarteste Unschuld und wildes Wühlen, frenetischer Jubel und tiefste Trauer.“

(S.251)

Buchinformation:
Christian Thielemann, Meine Reise zu Beethoven
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-75765-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Meine Reise zu Beethoven“:

Zum Weiterschauen:
Noch bis zum 24.01.2021 ist der Film „Louis van Beethoven“ mit Tobias Moretti in der Hauptrolle in der ARD Mediathek verfügbar. Wer sich bisher noch nicht mit dem Leben Ludwig van Beethoven’s befasst hat, bekommt hier zumindest einen ersten Eindruck. Ein gut gemachter Film, der unter anderem auch die Aspekte der schwierigen Kindheit und die Auswirkungen der zunehmenden Taubheit auf Beethovens Leben beleuchtet.

Zum Weiterhören:
Thielemann nennt im Buch neben der Egmont-Ouvertüre vor allem die Missa solemnis als eines seiner Lieblingswerke – hier werde ich mich sicherlich noch weiter einhören. Zudem beschreibt er seine persönliche Sichtweise auf jede der neun Symphonien. Man hat noch mehr von der Lektüre, wenn man parallel immer wieder ein wenig hineingehört, denn auch die vermeintlich unbekannteren und seltener gespielten Symphonien haben ihren Reiz.

Zum Weiterlesen:
Bereits 2012 erschien Christian Thielemann’s „Mein Leben mit Wagner“, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Journalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, viele Einblicke in den Bayreuther Festspielbetrieb gibt und die große Leidenschaft des Dirigenten für Richard Wagner spürbar werden lässt. Vor allem für eingefleischte Wagnerianer eine lohnende Lektüre.

Christian Thielemann, Mein Leben mit Wagner
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-63446-8