Kriminelles zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren haben mich zwei hochkarätige Krimi-Bestseller aus Großbritannien brillant unterhalten und kriminell gut ins neue Jahr starten lassen. Daher möchte ich die beiden Kriminalromane, bei welchen jeder auf seine Art etwas Besonderes hat, in kürzerer Form, dafür aber gleich im Doppelpack vorstellen:
Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ – ein Krimi in Mails und Textnachrichten zum intensiven selbst Miträtseln – und Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, in welchem vier rüstige Rentner in einer luxuriösen Seniorenresidenz als Hobby und Zeitvertreib gemeinsam Kriminalfälle lösen und sogar mit einem Mord konfrontiert werden.
Beide Krimis sind auf ihre Art „very british“, folgen bester, britischer Krimitradition, d.h. sind klassisch angehaucht und eher der unblutigen Kategorie zuzuordnen. Zudem sind beide Romane mit einer ordentlichen Prise Humor ausgestattet.
Und noch etwas haben sie gemeinsam: Bei beiden handelt es sich um Debütromane. Janice Hallett hat zuvor als Journalistin und Zeitschriftenredakteurin gearbeitet, Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator und Produzent.

Da ich bei Krimis grundsätzlich nicht zu viel von der Handlung vorab verraten möchte, halte ich mich hierzu jeweils kurz und beschreibe lieber, was mich an den Büchern gereizt bzw. was mir an den Krimis jeweils besonders gut gefallen hat.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt weiß, dass ich ein riesengroßer Theaterfan bin. Als ich gelesen habe, dass der Krimi von einem Mord im Umfeld einer Laientheatergruppe handelt, die Spenden für ein krebskrankes Mädchen sammeln will, wusste ich, dass ich Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ (englischer Originaltitel: „The Appeal“) unbedingt lesen möchte.

Gleich schossen mir positive Erinnerungen an Miss Marple’s Fall „Vier Frauen und ein Mord“, der im Theatermilieu spielt, durch den Kopf und auch optisch passte das aufwändig gestaltete Taschenbuch mit dem außergewöhnlichen Regentropfen-Cover – ein richtiger Hingucker – ebenfalls hervorragend zu den verregneten Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Es war wie gemacht, um es sich damit auf der Couch mit einer Tasse Tee gemütlich zu machen.

„Femi: Wir müssen uns einfach konzentrieren, richtig eintauchen, damit wir später den Durchblick haben.

Charlotte: Aber hast du das gesehen? Lauter E-Mails und Nachrichten. Warum erzählt Tanner uns nicht mehr dazu? Bin gespannt.“

(aus Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen; S.8)

Zwei Angestellte einer Rechtsanwaltskanzlei erhalten ein umfangreiches Konvolut an Emails und Textnachrichten, die im Zusammenhang mit einem Mordfall stehen. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen den zahlreichen Mitgliedern der Laientheatergruppe „The Fairway Players“. Schnell wird klar, dass sich bei der bunt zusammengewürfelten Gruppe mehr als ein Abgrund auftut. Werden sie beim gewissenhaften Durcharbeiten der Unterlagen dem Mörder zwischen den Zeilen auf die Spur kommen?

Seit Daniel Glattauer’s „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ habe ich keinen Roman in Form von Emails und Textnachrichten mehr gelesen – und einen Krimi meines Erachtens noch nie. Ein besonderes literarisches Experiment, das mir Spaß gemacht hat – ungewohnt, aber interessant. Selten habe ich bei einem Krimi selbst so intensiv versucht, „zwischen den Zeilen“ mitzulesen und mitzurätseln, ganz aufmerksam auf Zwischentöne geachtet, um der Lösung auf die Spur zu kommen, wie bei Janice Hallett’s Krimidebüt. Ein Buch, das die Gefahr birgt, die Nacht durchzulesen, denn man verschlingt Seite um Seite. Hallett hat eine satirische, stellenweise sehr überspitzte und überzeichnete Handlung geschaffen, die mit verblüffenden Wendungen aufwartet.

Noch runder, harmonischer und insgesamt für meinen Geschmack auch etwas warmherziger und liebenswürdiger war Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, der aufgrund des originellen Schauplatzes in einer luxuriösen, englischen Seniorenresidenz und den herrlich verschrobenen Figuren ein richtig feines, funkelndes Krimijuwel darstellt.

Die Tage in Coopers Chase – einem Seniorenheim für gehobene Ansprüche – sind lange und gleichförmig. Da kommt den Bewohnern jede Abwechslung gerade recht: Joyce, Elizabeth, Ron und Ibrahim treffen sich daher jeden Donnerstag, um gemeinsam alte, ungelöste Kriminalfälle zu enträtseln. Schon bald überschlagen sich jedoch die Ereignisse und aus dem launigen Hobby wird eine ernstzunehmende Mordermittlung. Mit ihren ganz eigenen Waffen, Stärken und Erfahrungen machen die vier Rentner der örtlichen Polizei Konkurrenz.

Schließlich bringen Joyce mit ihrer allseits beliebten, herzlichen und mütterlichen Art, Elizabeth als ehemalige Geheimagentin, der pensionierte Psychiater Ibrahim und Ron, der kämpferische und rhetorisch beschlagene ehemalige Gewerkschaftsführer gemeinsam so viele Jahrzehnte Lebenserfahrung, große Leidenschaft, eine gewisse Unverfrorenheit und viel Freizeit mit in die Ermittlungen ein, so dass es für die Kollegen der Polizei schwerlich möglich ist, nur annähernd Schritt zu halten.

„Außerdem macht es ihnen einfach einen Heidenspaß, glaube ich. Ein paar Gläschen Wein und ein Kriminalfall. Sehr gesellig, aber auch blutig. Was gibt es Besseres?“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.30)

Einen Heidenspaß macht auch die Lektüre des „Donnerstagsmordclubs“. Das liest sich kurzweilig, unterhaltsam und süffig, wie ein schöner, gereifter Rotwein.
Traurig und lustig zugleich, amüsant, witzig und doch würdevoll – Osman gelingt die Gratwanderung, die rüstigen Senioren auf der einen Seite als witzige und lebensfrohe Truppe zu schildern und doch auch andererseits nachdenklichere, ruhigere Töne anzuschlagen, die dem letzten Lebensabschnitt ebenso angemessen sind.
Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz. Man liest das Buch mit viel Schmunzeln und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Beide Krimis haben mir unbeschwerte und entspannende Lesestunden beschert und ich konnte die Lektüre an den verregneten Tagen zwischen den Jahren gemütlich genießen. Für Freunde britischer Krimikunst sind die beiden Bücher, die jeweils mit einem besonderen Twist versehen sind (sei es durch die besondere literarische Form bei Hallett oder den außergewöhnlichen Schauplatz bzw. die spezielle Ermittlergruppe bei Osman), eine gute Wahl. Die hohen Verkaufszahlen in Großbritannien sprechen für sich und vielleicht schwappt die Begeisterung ja auch aufs europäische Festland herüber.

„Im Leben lernt man, dass es die guten Tage sind, die man zählen muss – sie in seinen Bau tragen und von ihnen zehren. Also trage ich diesen Tag jetzt in meinen Bau und lege mich schlafen.“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.114)
©Kulturbowle

Eine weitere Besprechung zu „Mord zwischen den Zeilen“ gibt es bei Nana-Der Bücherblog.

Weitere Besprechungen zu „Der Donnerstagsmordclub“ gibt es unter anderem bei buchpost (hier wurde ich auf den Krimi aufmerksam – Danke, Anna!) und bei Literaturwerkstattkreativ-Blog.

Buchinformationen:
Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-00446-9

Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36014-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden britischen Krimi-Bestseller:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist „Der Donnerstagsmordclub“ etwas reicher ausgestattet als „Mord zwischen den Zeilen“. So erfahren wir, dass es zum Beispiel am Montag in der Seniorenresidenz Coopers Chase immer Shepherd’s Pie – ein traditionelles britisches Gericht aus zwei Schichten (unten Hackfleisch, oben pürierte oder fein geriebene Kartoffeln) – gibt. Zudem hat Joyce eine Schwäche für Gin Tonic aus der Dose von Marks&Spencer.
In „Mord zwischen den Zeilen“ erfahren wir nur, dass es auf dem Charity Event für Poppy leckere Süßigkeiten gibt, die reißend Absatz gefunden haben. Sonst bleibt während der Spendensammelaktionen, der Theaterproben und -aufführungen und den zahlreichen Verwicklungen im Krimi kaum Zeit für das leibliche Wohl.

Zum Weiterlesen:
Janice Hallett hat in Großbritannien bereits ihren zweiten Krimi veröffentlicht „The Twyford Code“ – zu einer deutschen Übersetzung ist mir aktuell noch nichts bekannt.
Fans von Richard Osman müssen jedoch nicht mehr lange auf die Fortsetzung des Donnerstagsmordclubs warten. Ende Januar erscheint auch der zweite Band in deutscher Übersetzung: „Der Mann, der zweimal starb“. Die vier rüstigen Senioren ermitteln in ihrem zweiten Fall.

Richard Osman, Der Mann, der zweimal starb
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36013-2

Düsteres aus dem Grenzgebiet

Die Feuilletons sind seit Herbst voll und auch in der Bloggersphäre hat Eva Menasse’s neuer Roman „Dunkelblum“ bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. Der Schauplatz an der österreichisch-ungarischen Grenze im Burgenland, der Zeitpunkt 1989 während der eiserne Vorhang durchlässig wurde und die Handlung, in welcher verdrängte Verbrechen wieder ans Tageslicht dringen, haben dazu geführt, dass auch ich nicht mehr an diesem Roman vorbei konnte und wollte. Die Lektüre möchte ich keinesfalls missen – ein rundum faszinierender und intelligenter Roman, der die mediale Aufmerksamkeit und die der Leserschaft vollkommen verdient hat.

„Während man darin schwimmt, sind Zeit und Ereignisse flüssig, aber daran denkt man selten, wenn man Jahre oder Jahrzehnte später Worte wie Kriegsende sagt. Dann hält man das für eine klare Begrenzung im Strom, befestigt und gut erkennbar, etwas Stabiles, wie, nur zum Beispiel, ein Wellenbrecher.“

(S.90)

Ich persönlich finde es gar nicht so leicht, einen Beitrag über ein Buch zu schreiben, über das die meisten schon viel gelesen und gehört haben, aber versuchen möchte ich es trotzdem und meine Eindrücke der Lektüre schildern.

Worum geht es in „Dunkelblum“?
Dunkelblum ist ein kleiner Ort im österreichischen Burgenland – die Grenze zu Ungarn ist nah. Es ist Sommer 1989 und die Nachrichten beginnen sich zu überschlagen. DDR-Bürger veranstalten ein paneuropäisches Picknick, versuchen über Ungarn in den Westen auszureisen, flüchten sich in die Prager Botschaft – Wendezeit. Und auch in Dunkelblum kommt etwas in Bewegung. Es geschehen ungewohnte Dinge und einige Einwohner und Einwohnerinnen versuchen, lange Verdrängtes aufzuspüren und ans Licht zu bringen.

„Etwas tut sich: ich weiß nicht genau, was. Eher nur so ein Gefühl. Aber die Leut reden, und sie stehen auf den Gassen umeinand.“

(S.111)

Junge Leute befreien den vernachlässigten, verwilderten jüdischen Friedhof von wucherndem Gestrüpp und Unkraut und sie fördern Unerwartetes zutage. Ein seltsamer, mysteriöser Besucher taucht im Dorf auf und ein junges Mädchen, sowie weitere engagierte Bürger wollen für ein Stadtmuseum die Geschichte des Ortes erforschen und rekonstruieren.

„Sie musste nirgends hingehen, um etwas zu erfahren, denn alles, was in Dunkelblum geschah, fand seinen Weg zu ihr. Sie bewahrte es still auf, behielt das meiste im Gedächtnis, auch das sehr lang Zurückliegende.“

(S.163)

Was hatte es mit dem Brand des Schlosses auf sich? Was wird man bei den Grabungen auf der Rotensteinwiese entdecken? Warum wurde so mancher lange zurückliegende Mord bis heute vertuscht und nicht aufgeklärt? Was geschah in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs? Was ist aus der ehemaligen jüdischen Bevölkerung im Ort geworden?

Rätsel über Rätsel, Fragen über Fragen und schnell wird klar, dass es viele Dunkelblumer gibt, die gar kein Interesse an Aufklärung oder einer Aufarbeitung der Vergangenheit haben. Viele Jahre wurde ausgeblendet, verdrängt und verschwiegen.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.“

(S.196)

Menasse erzählt eine fesselnde, spannende Geschichte über die Menschen und die Ereignisse in diesem Ort, die eine ganz besondere Dynamik entwickeln und sich mehr und mehr überschlagen. Zu lange wurde der Deckel auf dem Topf der Kriegsvergangenheit gehalten, der jetzt viele Jahrzehnte später brodelnd und explosiv überkocht.

Die Autorin ist eine Meisterin der feinen Zwischentöne, versteht die Kunst des Weglassens und der Zweideutigkeit, was perfekt zu der Thematik passt. Vieles geschieht zwischen den Zeilen und das macht für mich den Reiz des Romans aus.
Diese düstere, verdruckste und geheimniskrämerische Atmosphäre in der kleinen Ortschaft – die dunkle Seite Dunkelblums – das ist wirklich großartig herausgearbeitet. Oft sind es kleine Nuancen und sprachliche Feinheiten, die den entscheidenden Unterschied machen.
Die Figurenzeichnung und die Charaktere sind hervorragend gelungen, fein gezeichnet und man sieht die verschiedenen Typen der Ortsbewohner wirklich regelrecht plastisch vor Augen.

Sprachlich liest sich das Buch herrlich süffig und flüssig. Ich mag die österreichische Einfärbung, die Ausdrücke im Dialekt und die Klangfarbe, welche Menasse einfließen lässt. Ich mag es, wenn ein junges Mädchen „goschert“ ist oder sich die Damen in der „Greißlerei“ treffen – das macht den Flair und die Authentizität des Romans aus. Und sollte man mit den österreichischen Ausdrücken nicht so vertraut sein, gibt es im Anhang eine Übersicht der wichtigsten Austriazismen zum Nachschlagen.

„So funktioniert ja das Gedächtnis: Alles scheint weg, hallende Leere, ein tiefer, dunkler Raum, aber beim Tasten findet man spinnwebfeine Fäden, an denen tatsächlich etwas hängt, sobald man zieht.“

(S.198)

Dunkelblum ist ein grandioser, brillanter und kluger Roman über Wahrheit, Erinnerungen, über das Vergessen sowie über die Mechanismen von Verdrängen und Verschweigen. Ein absolut zeitloser Roman, der für mich das Zeug dazu hat, ein zukünftiger Klassiker zu werden. Ein literarisches Spiel mit Licht und Schatten, das ich wirklich empfehlen kann.

„Und das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.“

(S.253)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Archimboldi’s World, Buch-Haltung und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04790-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Menasse’s „Dunkelblum“:

Für den Gaumen (I):
Es ist schon ein wunderbarer Zufall, dass Günter auf seinem herrlichen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ nahezu zeitgleich zu meiner Dunkelblum-Lektüre das perfekte Gericht zum Buch vorgestellt hat: Somlauer Nockerl. Das Rezept und die Fotos sind so verführerisch, dass einem schon vom Anschauen das Wasser im Mund zusammenläuft. Eine ungarisch-burgenländische Spezialität, die auch im Roman entsprechend gewürdigt wird:

„Er aß im Hotel Tüffer zu Mittag (die Einschusslöcher in der Ecke waren bereits vergipst und überstrichen), küsste der errötenden Resi Reschen die Hand und nahm die Jause im relativ neu eröffneten Café Posauner ein. Er lobte den Nussstrudel und die Somlauer Nockerl, eine Spezialität der Gitta, obwohl sie aus der Steiermark war.“

(S.267/268)

Für den Gaumen (II):
Kulinarisch ist „Dunkelblum“ aber wirklich sehr ergiebig: Da gibt es „Zwetschkenfleck“ (S.103), „die Strauben und den Heidensterz“ (S.122) und auch noch „Grammelpogatschen“ (S.290) – zu letzteren dann einen Blaufränkisch oder einen Welschriesling. Wie soll man da beim Lesen keinen Appetit bekommen?

Zum Weiterlesen:
Bisher habe ich von Eva Menasse ihren großen Familienroman „Vienna“ gelesen und war erstaunt zu sehen, dass dieser tatsächlich schon 2005 erschienen ist. So lange ist das schon her? Im Vergleich fand ich jedoch „Dunkelblum“ persönlich überzeugender und ausgereifter – weniger anekdotisch und mehr roter Faden. Doch für alle, die sich selbst eine Meinung von Eva Menasse’s Debütroman bilden möchten:

Eva Menasse, Vienna
btb
ISBN: 978-3-442-73253-1

Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

Bergeinsamkeit

Winter, Schnee, Berge und ein Gasthof in einem abgelegenen Bergdorf – der perfekte Schauplatz für eine gelungene Winterlektüre – und wenn der Autor dann noch Paolo Cognetti heißt, dann ist das für mich eine absolute Herzenslektüre. „Das Glück des Wolfes“ ist der neueste Roman aus der Feder des italienischen Schriftstellers, der mich schon mit „Acht Berge“, für welchen er den Premio Strega erhielt, so begeisterte, dass ich seitdem jede seiner Neuerscheinungen schon sehnsüchtig erwarte.

Wer sich jetzt in den Wintermonaten mal für ein paar Stunden in die italienische Bergwelt – genau genommen das Monte Rosa Massiv an der Grenze zur Schweiz – träumen und von einer leisen, zärtlichen Liebesgeschichte bezaubern lassen möchte, dem sei dieser kleine, feine Roman unbedingt ans Herz gelegt.

„Ja, wonach schmeckte der Januar? Nach Ofenrauch. Nach verdorrten und gefrorenen Wiesen, die auf den Schnee warten. Nach dem nackten Körper einer jungen Frau nach langer Einsamkeit. Er schmeckte nach einem Wunder.“

(S.19)

Fausto flieht aus der Großstadt in die Berge – weg aus seinem bisherigen Leben, weg aus einer gescheiterten Beziehung, weg aus der Stadtwohnung hinauf in die italienische Bergwelt, die schon seit seiner Kindheit eine besondere Bedeutung für ihn hat und tröstlich für ihn ist. Durch Zufall landet er bei Babette, der guten Seele und Gastwirtin von Fontana Fredda, die sofort spürt, dass sie dem Entwurzelten eine Chance geben sollte. Sie bietet ihm eine Position als Koch in ihrem Berggasthof an. Eine Aufgabe, die ihn ablenkt, fordert und letztlich erfüllt, ihm Freude und neuen Lebensmut gibt. Und obwohl der Vierzigjährige die Stille und Abgeschiedenheit in den Bergen genießt, sind es auch die täglichen Begegnungen mit der deutlich jüngeren Kellnerin Silvia, die ihm sehr viel bedeuten. Es entspinnt sich eine zarte, flüchtige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die jeweils noch nach ihrem richtigen Platz im Leben suchen.

In Fontana Fredda knüpft Fausto Kontakte zu den Einheimischen, übernimmt Verantwortung, kümmert sich und wird Teil der Dorfgemeinschaft. Ist das sein Ort für ein gelungenes Leben und sind das die Wurzeln, die er schlagen möchte?

Doch bald zieht die junge Silvia weiter, will höher hinaus, für eine Saison auf einer Schutzhütte nahe des Gletschers arbeiten. Sie ist noch nicht angekommen. Sie sucht die Herausforderung und eine besondere Erfahrung: harte Arbeit, einfache, karge Verhältnisse in einer rauen, kalten Landschaft – Fausto verspricht ihr, sie dort zu besuchen. Doch hat diese Liebe eine Chance und gibt es ein gemeinsames Glück?

Cognetti beleuchtet in seinem Roman die Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen und spielt mit den Nuancen zwischen Freundschaft und Liebe. Seine Charaktere, welche die großen Fragen des Lebens stellen, die sicher viele von uns umtreiben, sind fein gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz.

Für viele ist die Gebirgskulisse Sehnsuchtsort und so neigt so mancher dazu, diese als schneebedeckte Traumwelt und Urlaubsparadies zu verklären. Dass die Bergwelt nicht nur eine romantische Seite hat, sondern auch viele Gefahren für den Menschen birgt, macht Cognetti im Roman jedoch ebenso deutlich. Eiseskälte, Lawinengefahr, schnell wechselnde Witterungsverhältnisse, gefährliche Routen und die Gefahr abzustürzen sind stets präsent und werden leider auch immer wieder unterschätzt.

Cognetti hat erneut ein philosophisches und kluges Buch geschrieben, welches elementare Fragen behandelt und zum Nachdenken anregt, was wirklich wichtig ist im Leben, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wonach sehnen wir uns?

„Etwas verschwindet, und etwas anderes wird an seine Stelle treten“, hatte er zu ihm gesagt. „Das ist der Lauf der Welt. Nur wir haben immer Heimweh nach dem, was vorher war.“

(S.134)

Ich mag die poetische Sprache des gebürtigen Mailänders, die auf so sinnliche Art und Weise die besondere Stimmung in den Bergen einfängt. Ich mag die Naturverbundenheit, das Erdige und Geerdete und die zugleich melodiöse Leichtigkeit von Cognetti’s Erzählstil. Ein sprachlicher Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt, den ich jedoch Satz für Satz genossen habe. Die Übersetzerin Christiane Burkhardt hat hier zweifelsohne wunderbare Arbeit geleistet und die Magie der Worte ins Deutsche übertragen.

Paolo Cognetti erschafft Figuren, die man mag und die man gerne selbst kennenlernen würde. Er erzählt von Menschen, mit denen man gerne selbst am bollernden, gut geheizten Ofen in der Berghütte sitzen, einen Teller Pasta essen, ein Gläschen trinken und sich einen gemütlichen Abend lang unterhalten würde.

„Das Glück des Wolfes“ ist ein Buch, welches das Herz am rechten Fleck hat, das gut tut und die Seele streichelt. Eine wohltuende, meditative Lektüre, die etwas Schwebendes und Flüchtiges hat, denn kaum hat man begonnen, sind diese 200 Seiten auch schon wieder vorbei. Wie ein Traum, den man nur kurz festhalten kann.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Buchbube.

Buchinformation:
Paolo Cognetti, Das Glück des Wolfes
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Penguin
ISBN: 978-3-328-60203-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Paolo Cognetti’s „Das Glück des Wolfes“:

Für den Gaumen (I):
Natürlich spielt das Essen im Roman eine große Rolle – ist einer der Hauptschauplätze ja ein Gasthof in den Bergen: Mich hätte Fausto mit dem schnell gezauberten Mittagessen, das er für die beiden Frauen (Babette und Silvia) zubereitet, ebenso sofort um den Finger gewickelt: „Orecchiette mit frischen Tomaten, Ziegenricotta und Bergthymian“.

Für den Gaumen (II):
Der Geruch von „Grappa und Harz“ (S.16), welcher in der Luft liegt, kommt von den Zirbelkieferzapfen im Grappa – eine Südtiroler Spezialität, die ich bisher noch nicht probiert habe.

Zum Weiterlesen:
Das Lokal, in welchem Fausto als Koch zu arbeiten beginnt, heißt „Babettes Gastmahl“ – nach der Erzählung von Tania Blixen. Da trifft es sich gut, dass ich diese immer schon einmal lesen wollte und sie Ende Februar bei Manesse in einer kommentierten Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg erscheint.

Tania Blixen, Babettes Gastmahl
Übersetzt von Ulrich Sonnenberg
Manesse
ISBN: 9783717560012

Die längste Nacht

Auch die längste Nacht des Jahres hat ein Ende – gestern haben wir die Wintersonnenwende oder Thomasnacht 2021 hinter uns gebracht. Die Tage werden wieder länger. Auch die Phasen des Winters, die Katherine May in „Überwintern – Wenn das Leben innehält“ beschreibt – Krisensituationen, Schicksalsschläge, Krankheit, Umbrüche oder Lebensveränderungen haben ihre Berechtigung, ihren Sinn und können gemeistert werden. Was diese Zeiten des Winters ausmacht und wie sie diesen begegnet, beschreibt die britische Autorin in ihrem wunderbaren, wärmenden Buch.

„Winter ist nicht Tod, ist nicht das Ende eines Lebens, sondern eine Bewährungsprobe. Wenn wir aufhören, uns ständig nach Sommer zu sehnen, kann der Winter eine ganz wunderbare Jahreszeit werden, in der die Welt von sparsamer Schönheit ist und selbst der Asphalt funkelt. Eine Zeit zum Nachdenken, zum Erholen, zum langsamen Wiederaufladen, zum Aufräumen.“

(S.25)

Katherine May musste in ihrem Leben schon mit vielen schwierigen Situationen, Diagnosen, Krankheiten und Schicksalsschlägen umgehen. All diese Situationen – ebenso wie berufliche Veränderungen oder sonstige Umbruchphasen im Leben bezeichnet oder vergleicht sie mit dem Winter. Eine notwendige und unvermeidbare Zeit des sich Zurückziehens, des Pausierens, des Kräftesammelns, der Ruhe und der Regeneration. In „Überwintern“ arbeitet sie viel mit Bildern aus der Natur – den Tieren, die Winterschlaf machen, den Bäumen, welche die Blätter verlieren, Kälte und Dunkelheit, welchen man mit verschiedenen Strategien begegnen kann.

May schreibt offen und berührend über ihre Art, solche Phasen zu nutzen und ihnen etwas Positives abzugewinnen – ihr persönlicher Werkzeugkasten, mit diesen Zeiten des Winters umzugehen und auch die Chancen oder das Schöne darin zu sehen.

Im Finnischen gibt es ein Wort dafür, sich für den Winter zu präparieren: „Talvitelat“, was in etwa so viel bedeutet, wie „für den Winter einlagern“ (S.40). Man bereitet sich vor, repariert kaputte Dinge, kocht ein, räumt die Sommerkleidung weg und holt die Winterkleidung hervor.

Natürlich hält auch Essen Leib und Seele zusammen, d.h. es geht um Seelennahrung und Speisen und Gerichte, die im Winter gut tun können. Sie gibt Einblick in ihre persönliche Winterküche und macht Lust auf Nahrhaftes und Wärmendes.

„Winter ist das Aufwärmen der Teekanne und das Zubereiten von Bechern voller Zartbitterkakao; aus Knochen gezauberte Suppe mit wolkenähnlich darin schwimmenden Klößen. Winter ist stilles Lesen und den ganzen dämmrigen Nachmittag Filme gucken. Winter sind dicke Socken und eine kuschelige Strickjacke.“

(S.90)

Sie beschreibt den Winter als die Zeit, um zur Ruhe zu kommen, viel zu schlafen, aber auch zu lesen und sich Zeit für Hobbies oder zum Aufräumen und Entrümpeln zu nehmen. Sie schildert die Faszination des Eis- oder Winterschwimmens und die belebende Wirkung.

Man lernt nordische Bräuche – wie zum Beispiel die Lucia-Legende – kennen und erfährt über die wohltuende Kraft, die eine Meditation oder auch ein Kirchen- oder Konzertbesuch entfalten kann. Gerade auch Traditionen und Routinen können einen beruhigenden und stabilisierenden Einfluss in schweren Zeiten haben.

Die britische Autorin ist auch bei ihren Reisezielen ein Fan des Nordens und der eisigen Wintertemperaturen. So nimmt sie den Leser mit auf eine Reise zum Polarkreis und den Polarlichtern, berichtet begeistert über ein Bad in Island’s blauer Lagune oder gibt einen Eindruck in die finnische Saunakultur.

Sie schreibt – ohne zu beschönigen – über schwere Lebensphasen und doch transportiert sie auch den Zauber und die Magie, die ein harter Winter ebenfalls haben kann. Ein sehr positives, lebensbejahendes Buch, das Mut macht. Für uns Menschen gehören die Phasen des Winters zum Leben und sie bieten die Möglichkeit, sich Zeit zur Erholung, zum Nachdenken und zur Neuausrichtung zu nehmen.

„Im Winter brauche ich im Schein der Leselampe eher Texte, die langsam zu lesen sind, die zum Nachdenken anregen, geistige Nahrung, Seelenfutter. Winter ist die Zeit für Bibliotheken, für die gedämpfte Stille zwischen Bücherstapeln und den Geruch nach alten Seiten und Staub.“

(S.227)

Natürlich spielen auch das Lesen und Bücher eine Rolle – der Winter ist für viele die ideale Zeit dafür: lange Abende im Wohnzimmer, die prädestiniert dafür sind, sich in ein gutes Buch zu versenken, zum Beispiel in Katherine May’s „Überwintern“.

Für mich war es ein Buch, das perfekt in die Zeit gepasst hat und das ich sicherlich irgendwann wieder zur Hand nehmen werde, weil es einfach gut tut, es zu lesen. Ein Loblied auf den Winter und die Kunst des „Überwinterns“, das wärmt, tröstet und einen durch die Lektüre zufrieden und ruhig werden lässt. Ein wunderbares Buch, das Spuren hinterlässt, inspiriert und zum Nachdenken anregt.

Weitere Besprechungen gibt es bei Klappentexterin und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Katherine May, Überwintern – Wenn das Leben innehält
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Insel
ISBN: 978-3-458-17958-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katherine May’s „Überwintern – Wenn das Leben innehält“:

Für den Gaumen (I):
Kennt Ihr Picalilli? Ich gestehe, mir sagte dies vor der Lektüre von „Überwintern“ nichts: Picalilli wird eingekocht und ist eine spezielle englische Senfsauce, die aus eingelegtem Gemüse (Pickles), die laut Wikipedia aus „Wasser mit 10%igem Gärungsessig, Zucker, Senfmehl, Maismehl, Salz, gemahlenem Kurkuma und scharfem Gewürzpaprika“ besteht.

Einkochen gehört für Katherine May zu ihren Winterstrategien: selbst gemachte Marmeladen, Chutneys… oder eben Picalilli. Hört sich interessant an und sieht lecker aus.

Für den Gaumen (II):
May beschreibt auch das Verarbeiten von Quitten, das ja per se immer schon eine Herausforderung darstellt. Auch dieses Rezept liest sich interessant:

„(…) beschließe dann aber, sie in dulce de membrillo zu verwandeln, jene quittenbrotähnliche spanische Süßspeise, die zu Schinken und Käse ein Gedicht ist.“

(S.40)

Ein Rezept findet man unter anderem auf backenmachtgluecklich.

Zum Weiterlesen:
Eine weitere Strategie, welche ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann, ist es, zu Büchern zu greifen, die man in der Kindheit und Jugend geliebt hat. Dieses Gefühl und Bedürfnis kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. Ob Astrid Lindgren oder Erich Kästner – für wunderbare Kinderbücher ist man schließlich nie zu alt, wie zum Beispiel:

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium
ISBN: 978-3-855-35607-2

Kreislauf des Lebens

Im Sommer hatte ich hier auf der Kulturbowle bereits Sigrid Undset’s (1882 – 1949) nobelpreisgekrönten Auftakt ihrer Kristin Lavranstochter-Trilogie vorgestellt: nach „Der Kranz“ (Kransen) folgt nun „Kristin Lavranstochter – die Frau“ (Husfrue), welches 1921 erschienen ist. Meine Neugier war durch den ersten Band geweckt und so habe ich mich gefreut, dass ich meine Lektüre jetzt in der wunderbaren und zeitgemäßen Neuübersetzung von Gabriele Haefs fortsetzen konnte. Denn schließlich wollte ich wissen, wie sich die Geschichte um Kristin und Erlend weiterentwickelt.

Sigrid Undset gelingt es erneut auf unnachahmliche Art und Weise, mich sofort in die Geschichte hineinzuziehen. Norwegischer Winter, klirrende Kälte – grandiose Naturschilderungen und detailgenaue Beschreibungen der Stimmung – zwei Seiten und ich bin mitten im Geschehen, sehe die Landschaft und die Figuren buchstäblich vor mir. Charlotte Gyth – die Mutter der Autorin – war Aquarellmalerin. Offenbar hat sie den Blick fürs Detail an die Tochter weitergegeben, die mit wenigen Worten gleich einem Pinselstrich ein eindrucksvolles Bild für ihre Leser zeichnet.

Nach der Trauung mit Erlend zieht Kristin zu ihm auf seinen Hof Husaby. Dass sie zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits schwanger war, hat sie verheimlicht und sie trägt schwer an dieser Last. Und auch der Start in Husaby ist alles andere als einfach: sie findet einen verwahrlosten und heruntergekommenen Hof vor, den Erlend sträflich vernachlässigt hatte, und macht sich zunächst daran, aufzuräumen und das Vertrauen des Personals zu gewinnen. Sie versucht, durch einen Bußgang nach Nidaros ihr Gewissen zu erleichtern, sucht Trost und Kraft in Gesprächen mit dem Geistlichen Gunnulf – Erlend’s Bruder – und im Glauben.

Fernab von ihrer Familie – und vor allem getrennt von ihrem geliebten Vater – muss sie ihre Frau stehen: sie wird mehrfache Mutter, durchleidet schwere Geburten und ihr Gatte lässt sie – verwickelt in politische Intrigen und Machtspiele – immer mehr allein. Auch das komplizierte Familiengeflecht – heute würde man dies wohl als Patchworkfamilie bezeichnen – und das Verhältnis zu Erlend’s Kindern aus einer anderen Beziehung vor ihrer Ehe sorgen für Konflikte.

„Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht die Messe hört. Und Sira Eiliv, unser Priester, den du gesehen hast, der liest uns aus frommen Büchern vor – das mag er am liebsten, gleich nach Leckereien und Bier, das Vorlesen, meine ich. Und die armen Leute kommen zu Kristin, wenn sie Rat und Hilfe suchen – ich glaube, sie küssen sogar die Zipfel ihres Gewandes (…)“

(S.164)

Religion, Glaube und Katholizismus spielten in Sigrid Undset’s Leben und auch in ihrem Werk eine große Rolle. Auch in diesem zweiten Band bekommt dieser Aspekt zunehmend Gewicht. So nimmt Gunnulf, der Bruder Erlends, Priester und Mönch, mehr Raum in der Erzählung ein und auch das Motiv des Pilgerns bzw. des Bußgang’s nach Nidaros (im heutigen Trondheim) wirft sicherlich bereits Schatten auf den letzten Band der Trilogie: „Das Kreuz“ (Korset) voraus.

„Tief in ihrem Herzen ahnte Kristin, warum ihr Vater sich solche Mühe gab, um Gott nah und immer näher zu kommen. Aber sie wagte nicht, sich diese Gedanken wirklich bewusst zu machen. Sie wollte sich auch nicht eingestehen, dass sie sehen konnte, wie sehr sich der Vater verändert hatte.“

(S.304)

Undset behandelt in diesem Band die ganz großen Themen des Menschseins, gleichsam den Kreislauf des Lebens: Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Liebe zu den Eltern, zum Partner, zu den Kindern. Kristin reift zur Frau, wird vielfache Mutter und muss sich von der ungestümen Wildheit der Jugend, der Unbekümmertheit und unüberlegten Entscheidungen verabschieden. Sie muss Verantwortung für sich, ihr Leben und ihre Kinder übernehmen und doch flackert in den Auseinandersetzungen mit Erlend auch das Feuer und das Temperament der jungen Tage wieder auf. Sie durchleidet die Schmerzen der Geburt ebenso wie sie sich leidvoll von geliebten Menschen verabschieden muss.

Sigrid Undset ist eine Meisterin der Atmosphäre und sie erforscht die Gefühlswelt ihrer Figuren mit einer Tiefgründigkeit und Genauigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie hat die besondere Gabe, Emotionen unmittelbar in Bilder aus der Natur zu übertragen. Gefühle und Natur verschmelzen und werden eins:

„Als sie ihn damals kennengelernt hatte, war das Leben für sie wie ein reißender Fluss geworden, der über Stock und Stein strömte. In diesen Jahren auf Husaby hatte sich das Leben ausgebreitet, hatte weit und geräumig wie ein See dagelegen und alles um sie herum gespiegelt.“

(S.446)

Ein reifes und gesetztes Werk, das die Autorin im Alter von gerade einmal 39 Jahren veröffentlicht hat. Ein Roman über elementare und archaische Themen: Leben und Tod, Geburt und Sterben, Schuld und Sühne, Untreue und Eifersucht, Glaube und Liebe, Familienbande und Muttergefühle. Undset zeichnet authentische Menschen mit allen Stärken und Schwächen. Das ruhige Tempo und ihre großartige Erzählkunst, die ohne jede Effekthascherei auskommt, lassen die Lektüre zu einem intensiven, wehmütigen und lebensklugen Leseerlebnis werden.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Die Frau“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch werde ich leider mit den norwegischen Spezialitäten des Mittelalters nicht so recht warm. Folgendes, geschilderte Festmahl überlasse ich daher gerne Kristin und ihrem Priester und Beichtvater Sira Eiliv, denn es gibt:

„(…) einen Spieß mit jungen Schneehühnern im feinen Speckmantel oder ein Gericht aus Rentierzungen in französischem Wein und Honig“

(S.193)

Zum Weiterlesen (I) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich unbedingt, den ersten Band „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ vorweg zu lesen, denn die Geschichte baut aufeinander auf und knüpft nahtlos an. Wer also dabei sein möchte, wenn sich Erlend und Kristin verlieben und die Hintergründe der Familiensaga verstehen möchte, dem sei der Auftakt der Reihe wärmstens ans Herz gelegt:

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

Zum Weiterlesen (II):
Der dritte und letzte Band von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ erscheint im Frühjahr im Kröner Verlag und Gabriele Haefs hat somit ihre Neuübersetzung dieses Werks vervollständigt. Man darf sich also aufs Frühjahr freuen und die Wartezeit ist überschaubar:

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Das Kreuz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62301-0

Zeit des Umbruchs

Auf den zweiten Teil der Schwesterglocken-Trilogie von Lars Mytting hatte ich schon sehnsüchtig gewartet. Somit war klar, dass „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ zeitnah nach dem Erscheinen auf meiner Leseliste stehen würde, da mich bereits der erste Band „Die Glocke im See“ begeistert hatte.

„Einer Sage zu trotzen, das war eine Sache. Der Wirklichkeit zu trotzen, schon eine ganz andere.“

(S.206)

Jehans Hekne – der Sohn von Astrid Hekne, welche im ersten Teil der Trilogie im Mittelpunkt steht und die kurz nach der Geburt von Zwillingen verstorben ist – ist allein bei Verwandten aufgewachsen. Es heißt, er habe alleine überlebt und seinen Zwillingsbruder hat er nie kennengelernt. Sein Leben ist geprägt von harter Arbeit, da er für sein Auskommen und seinen Unterhalt in der Landwirtschaft eines verwandten Hofbesitzers Dienst leisten muss. Seine Leidenschaft gilt der Jagd und als er in einer gefährlichen Situation sein eigenes Leben riskiert, um einem verunglückten, ihm unbekannten, britischen Jäger in unwegsamen Gelände zu helfen, belohnt ihn dieser fürstlich für diese Lebensrettung.

Jehans hofft, sich mit Hilfe des teuren Präzisionsgewehrs, das er sich für die Belohnung kaufen kann, den Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Die Jagderfolge und das damit verbundene Einkommen sollen die Grundlage für seine finanzielle Unabhängigkeit bilden.

Mit dem gleichaltrigen Briten verbindet ihn bald eine innige Freundschaft und es zahlt sich aus, dass er von Pfarrer Schweigaard, der sich stets besonders um den Waisensohn der von ihm geliebten Astrid angenommen hat, Unterricht in Englisch und den Naturwissenschaften erhalten hat.

Als er dann im Hochgebirge durch Zufall auch noch eine zupackende und schöne junge Frau kennenlernt, scheint sein Leben eine weitere Perspektive zu bekommen. Erfindergeist und Ideenreichtum machen die beiden bald zu führenden Persönlichkeiten des Dorfes und der Fortschritt in Form eines Wasserkraftwerks, der Elektrizität und moderner Maschinen hält Einzug in Gudbrandsdalen. Doch in der selben Zeit fordern auch Krieg und Krankheit zahlreiche Opfer. Und auch die Glocke im See lässt Pfarrer Schweigaard und Jehans keine Ruhe.

Der Roman ist sehr vielschichtig und verbindet zahlreiche Erzähl- und Handlungsstränge – die Kenntnis des ersten Bandes erleichtert die Lektüre mit Sicherheit enorm. So führt er nicht nur die Geschichte von Pfarrer Schweigaard fort, der unter seiner Einsamkeit leidet und die verstorbene Astrid immer noch vermisst, sondern auch die Geschichte der nach Dresden versetzten Stabkirche, die Legende um den mystischen Hekne-Teppich oder auch die neue Geschichte des jungen Briten Victor, der zum Jagen nach Norwegen kommt. Eine reiche, bereichernde Lektüre, die auf über 500 Seiten – bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. die ausführliche Beschreibung des Gewehrs oder einiger Jagdszenen, die mir persönlich etwas zu ausufernd waren – ohne Längen auskommt und den Leser in seinen Bann zieht. All dies in einer stilistisch schönen Sprache, die der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel wunderbar ins Deutsche übertragen hat.

Mytting arbeitet häufig mit sich wiederholenden Symbolen und Motiven. So wie sich in manchen Familien Zwillingsgeburten überdurchschnittlich häufen, so zieht sich das Zwillingsmotiv auch durch die beiden Schwesterglocken-Romane. Und auch die oft schmerzhafte Trennung der Zwillingspaare (ob Schwestern, Glocken oder Brüder) bildet eine Konstante.

Lars Mytting erweist sich erneut als großartiger Erzähler. Er nimmt sich Zeit für die Figuren und die Geschichte, entwickelt ruhig und unaufgeregt seinen Plot, spinnt seinen Erzählfaden und webt seinen faszinierenden Geschichtenteppich – wie einst die Hekne-Schwestern ihr legendäres Meisterwerk.

Beeindruckt hat mich auch wieder die Gabe des Autors den zeitgeschichtlichen Hintergrund so authentisch einzufangen und harmonisch mit der Geschichte zu verbinden. Die Jahre zwischen 1903 und 1919, in welchen dieser Teil spielt, war eine Zeit des Umbruchs, der technischen Neuerungen, des Aufbruchs, aber auch eine Zeit großen Leids. Zwar brachten die Stromerzeugung durch Wasserkraft, das elektrische Licht und die strombetriebenen Hilfsmittel ungeahnte Möglichkeiten und Wohlstand, aber der erste Weltkrieg und die spanische Grippe brachten im gleichen Zeitraum auch Leid und Tod. All dies wird durch Mytting im Roman geschickt verarbeitet und verflochten und somit für den Leser spür- und erlebbar.

„(…) die Nacht war von jetzt an eine andere, denn die Gewissheit, jederzeit Licht haben zu können, hatte die Dunkelheit zu einer besseren Dunkelheit gemacht.“

(S.369)

Ein tiefgründiger Roman über Glaube, Liebe, Fortschritt, Einzelkämpfer und Einsamkeit, der wichtige Botschaften enthält und aufzeigt, dass materieller Wohlstand allein nicht glücklich macht.
Ein herrliches Buch für lange Winterabende bei Tee und Kerzenschein, das Sehnsucht weckt nach der Schönheit der norwegischen Natur und entführt in eine faszinierende Welt voller Traditionen, Mythen und nordischer Lebensart.

Buchinformation:
Lars Mytting, Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel
ISBN: 978-3-458-17939-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lars Mytting’s „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch stach für mich neben den traditionellen, norwegischen Moltebeeren, vor allem der exotische „Kerala-Eintopf“ – benannt nach einem indischen Bundesstaat – heraus, welchen der Dienstbote Kumara für Victor zubereitet.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Lars Mytting scheint eine besondere Beziehung zu Richard Wagner zu haben. Der erste Roman, den ich von ihm gelesen habe, war „Die Birken wissen’s noch“ – hier findet ein Enkel in einem alten Anzug seines verstorbenen Großvaters eine viele Jahre alte Karte der Bayreuther Festspiele – und entdeckt eine für ihn völlig neue, bis dahin unbekannte Seite dieses Mannes, bei dem er aufgewachsen ist. Im Roman begibt sich der Enkel auf Spurensuche und ergründet seine Familiengeschichte. Diese Wagner-Szene hat mich damals fasziniert und sich tief eingebrannt.
Und auch in diesem Roman spannt Mytting den Bogen von der Stabkirche zu Wagner:

„Richard Wagners Name war in Dresden nicht immer populär gewesen, doch sein gewaltiger Ring des Nibelungen nährte sich aus diesen Mythen, und mancher wollte im Schnitzwerk des Portals die heroischen Figuren aus diesen Opern wiedererkennen.“

(S.290)

Lars Mytting, Die Birken wissen’s noch
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36283-8

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Bei „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ handelt es sich um den zweiten Teil einer Trilogie. Daher würde ich auf jeden Fall empfehlen, den ersten Teil „Die Glocke im See“ vorab zu lesen. Man hat dann auf jeden Fall mehr von der Geschichte und versteht gewisse Zusammenhänge besser. Ganz abgesehen davon, dass der erste Band großartig ist: Meine Rezension war einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle und ist hier zu finden.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36475-7

Sunshine in Stuttgart

Es geschieht vermutlich eher selten, dass man eine Biografie über jemanden liest, den man nicht kennt, von dem man bisher nichts wusste. Doch wie viel Freude eine solche Lektüre machen kann und wie sehr einem der Mensch im Mittelpunkt des Buchs ans Herz wachsen kann, durfte ich bei Susanne Wiedmann’s „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“ erfahren. Ein herzerwärmendes, lichtdurchflutetes und hoffnungsfrohes, gewinnendes Buch, das in leuchtenden Farben das Leben eines besonderen Menschen erzählt.

1944 geboren und aufgewachsen ist George Bailey als Kind einer PoC-Familie in Denver in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Großvater George Morrison war ein berühmter Musiker und Komponist (sein Flügel steht heute als Erbstück in Bailey’s Wohnung) – die Liebe zur Musik wurde ihm gleichsam in die Wiege gelegt.

Schon früh zieht es den kleinen George ans Klavier, doch auch für Mode kann er sich begeistern. Nach der High School beginnt er in New York am Fashion Institute of Technology zu studieren, verlässt dieses jedoch ohne Abschluss und geht zur Army. Durch Glück und die Beziehungen seines Großvaters entkommt er dem Einsatz im Vietnamkrieg. Stattdessen tourte George Bailey mit dem 7th Army Soldiers Choir als Pianist durch Europa – er kam als Soldat nach Deutschland und blieb.

Nach der Zeit bei der Army und kurzen Zwischenstopps in London und Paris, schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und arbeitete in einer Heidelberger Jeans-Boutique. Ein Zettel mit einer Telefonnummer sollte 1972 sein Leben verändern: es war die Telefonnummer für ein Klaviervorspiel beim Stuttgarter Ballett. Manchmal sind es die kleinen Momente, die über ein ganzes Leben entscheiden.

John Cranko – der damalige Ballettdirektor entdeckte und engagierte ihn. Er erkannte das Potenzial in ihm und gab ihm den Spitznamen Sunshine, der all das zu beinhalten scheint, was Freunde und Weggefährten an George Bailey schätzen: seine Wärme, seine Ausstrahlung, seinen Optimismus, seine Energie und seine positive Lebenseinstellung.

Zunächst arbeitete er als Korrepetitor des jungen Stuttgarter Ballettensembles – der Noverre-Kompanie – und musste in der ersten Zeit hart arbeiten. Üben, üben, üben und viel lernen, hatte er doch keine klassische Klavierausbildung vorzuweisen wie die meisten seiner Kollegen.

„Ich habe so getan, als ob ich Ahnung hätte, aber ich hatte keine Ahnung. Das Leben ist eine Show. Wir sind alle Spieler auf einer großen Bühne. Da habe ich Korrepetitor gespielt. Zum Glück ist es gut gegangen, und irgendwann bin ich wirklich einer geworden.“

(S.86)

Doch schnell wurde er zum Liebling des Balletts, stieg auf zum Korrepetitor der Haupttruppe. Viele renommierte Künstlerpersönlichkeiten wie John Cranko, John Neumeier und Marcia Haydée arbeiteten am liebsten mit ihm. War er im Probensaal anwesend, herrschte gute Laune, eine herzliche Atmosphäre und die Künstlerinnen und Künstler liebten seine Musik, sein Gespür für das richtige Stück zur richtigen Zeit. Denn schnell entwickelte er das Verständnis für die Bedürfnisse einer Ballettkompanie und wie er die Tänzerinnen und Tänzer musikalisch tragen und am besten unterstützen konnte. So erklang auch immer mal wieder Bobby McFerrin’s „Don’t worry, be happy“ im Training und versüßte den anstrengenden und fordernden Probenalltag des Balletts.

Doch auch sein eigenes Bühnentalent wurde entdeckt und schon bald durfte er auch selbst kleine Nebenrollen in Inszenierungen übernehmen, später sogar selbst choreografieren. Ein reiches, buntes und erfülltes Künstlerleben, das Bailey stets mit seiner positiven Haltung und viel Freude an Kunst und Musik geliebt und genossen hat. Noch heute steht er gerne auf der Bühne – wenn es die Pandemie zulässt. Seine Weihnachtskonzerte waren legendär.

Die Biografie beleuchtet seine Familiengeschichte, seinen Werdegang, seine Lebensumstände und gibt trotz aller Sonne auch den Schattenseiten einen gewissen Raum: Szenen, in welchen er aufgrund seiner Hautfarbe oder sexuellen Orientierung Diskriminierung und Rassismus erleben musste.

Ein großer Fokus liegt aber auch auf dem künstlerischen Schaffen, erfolgreichen Inszenierungen, in welchen er entweder in der Vorbereitung oder teils sogar selbst als Darsteller auf der Bühne mitwirkte. Man bekommt Einblicke in den Probenalltag, blickt hinter die Kulissen des Ballettbetriebs und liest interessiert, wie über so manche Ballettlegende aus dem Nähkästchen geplaudert wird.

So wie George Bailey einen großen Anspruch auf ein gepflegtes Äußeres und gute Kleidung legt, so viel Liebe legt der Kröner Verlag auch stets in die Aufmachung seiner Bücher: die gebundene Halbleinenausgabe mit Lesebändchen ist edel gestaltet und ein Blickfang im Bücherregal.

Susanne Wiedmann, die als Kulturjournalistin für den Südwestfunk arbeitete und nun Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen ist, lässt in ihrer Biografie neben George Bailey selbst, der zudem auf seine persönlichen Tagebücher zurückgreifen konnte, auch viele WeggefährtInnen und KünstlerfreundInnen zu Wort kommen, die deutlich machen, wie beliebt er bei seinen Kolleginnen und Kollegen war. Die Tänzerinnen und Tänzer waren seine Kinder und seine Familie. Die glückliche Beziehung zu seinem Partner und heutigen Ehemann musste Bailey lange Zeit geheim halten und im Verborgenen leben, da sie unter anderem negative Konsequenzen für die berufliche Karriere seines Gatten fürchteten. Selbst vor seiner geliebten Mutter hat er seine Liebe bis zu ihrem 80. Geburtstag geheim gehalten.

Der Blick hinter die Kulissen des Ballettbetriebs, das Berufsbild des Korrepetitors mit seinen vielfältigen Aufgaben – das ist faszinierend zu lesen und ich habe viel Neues erfahren. Ich bin keine Ballettexpertin, viele der Namen sagten mir ehrlich gesagt vor der Lektüre nichts und dennoch hat mich diese Biografie wirklich berührt und sehr für sich eingenommen.
Ballettfans werden an dieser Biografie natürlich ebenso ihre Freude haben, wie Menschen, die sich für inspirierende und bewegende Lebensgeschichten begeistern.

Ein lebensbejahendes Buch voller Sonne und Herzenswärme – das liebenswerte Lebensportrait einer wunderbaren Künstlerpersönlichkeit und eines außergewöhnlichen Menschen. So hat man am Ende der Lektüre Sonne im Herzen – auch wenn es draußen grau und verregnet ist – und das Gefühl, einen besonderen Menschen kennengelernt zu haben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susanne Wiedmann, Cranko, Haydée – und ich, George Bailey
Kröner
ISBN: 978-3-520-75801-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susanne Wiedmann’s „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“:

Für den Gaumen:
George Bailey sorgte sich auch stets um das leibliche Wohl der ChoreographInnen, Tänzer und Tänzerinnen und verwöhnte sie mit Nervennahrung und Stärkung in Form von Süßigkeiten oder Petits fours.

Zum Weiterhören (I) oder Weiterschauen:
George Bailey erhielt als Botschafter von Neapel eine aktive Rolle in der Stuttgarter Inszenierung von Tschaikowski’s Ballett „Schwanensee“ – ein Part auf der Bühne, den er 25 Jahre lang verkörperte und mit seiner besonderen Aura ausfüllte.

Zum Weiterhören (II):
Bei seinen legendären Stuttgarter „George’s Christmas Parties“ – leider konnte ich keine Aufnahme von George Bailey im Netz finden – spielte er gemeinsam mit Musikerfreunden auch Negro Spirituals und Gospels, zum Beispiel „This Little Light of Mine“, „Wade in the water“ oder den Evergreen „Ol’Man River“ aus dem Musical Show Boat.

Potsdamer Erinnerungen

Ludwig Sternaux (1885 – 1938) war Theaterkritiker, Schriftsteller und Journalist und er war ein glühender Verehrer der Stadt Potsdam. 1924 verfasste er mit „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“ eine wehmütige und melancholische Liebeserklärung an die Stadt in Brandenburg, die ihn zeitlebens faszinierte.

„Wie bunt doch überhaupt das Straßenbild Potsdams ist! Die pompösen Palazzi aus Rom und Florenz, die roten Ziegelhäuschen Hollands, das mittelalterlich ungefügte Nauener Tor neben den hochgeschwungenen Triumphbögen des Brandenburger und des Berliner Tores, in der Kolonie Alexandrowka die russischen Blockhäuser, die Villen der Babelsbergzeit im Tudorstil – alles ungeregelt durcheinander und doch harmonisch in sich ausgeglichen!“

(S.120)

Sternaux erzählt die Geschichte der Stadt: die Anfänge, den Aufschwung, die Blütezeit der Stadt der Monarchie und des Hofes, aber auch der Garnisons- und Soldatenstadt. Er beschreibt in vierzehn Kapiteln die wichtigsten Schlösser und Sehenswürdigkeiten und berichtet im Detail über die jeweiligen Hintergründe, Bau- und Entstehungsgeschichten – spannt sogar auch den Bogen zu den jeweiligen Erbauern, ihren Persönlichkeiten und architektonischen Vorlieben.

So wandert man mit ihm durch das Stadtschloss, den Park und das Schloss Sanssouci, das Neue Palais, ebenso wie zum Marmorpalais, Charlottenhof, auf die Pfaueninsel und nach Glienicke. Orangerie, Pfingstbergschloss und Babelsberg dürfen auch nicht fehlen. Man streift mit ihm durch den Marly-Garten und hinauf zum Belvedere.
Man erfährt zudem nicht nur, woher der Name Potsdam kommt, sondern auch viele Anekdoten und Mythen, die sich um die Stadt und die preußische Monarchenfamilie ranken.

„(…) immer siegt das Gestern. Ein paar Schritte nur seitab, und Vergangenheit lächelt.“

(S.119)

Wer Potsdam kennt, wird viele Orte bereits besucht haben und sich gerne daran erinnern und doch wirft dieser Blick des leidenschaftlichen Verehrers aus dem Jahr 1924 auch ein völlig neues Licht auf so manchen Ort. Man erfährt die Geschichten hinter den Gebäuden, lernt mehr über die Schöpfer der architektonischen Meisterwerke und reist zurück in der Zeit. Mit viel Pathos zeichnet Sternaux das Bild einer unvergleichlichen, einzigartigen Stadt, die bis heute mit einer Fülle an Glanzstücken der Architektur und Gartenbaukunst aufwartet.

„Alles flüstert: es war einmal… heute mehr denn je, obgleich dieser Raum Jahrzehnte hindurch schon unbenutzt geblieben, es sogar preußische Prinzen gibt, die ihn überhaupt nicht kennen; denn nun ist ja selbst die weiße Königskrone, die in die grellroten Schutzhüllen der Polstermöbel eingewirkt, Phantom geworden, alle Pracht ringsum tragischer Traum, der wesenlos verdämmert.“

(S.204)

Das „neue Potsdam“ mit Straßenbahnen, Hektik und umfunktionierten Gebäuden war dem Autor ein Dorn im Auge. Für Sternaux endete die Glanzzeit der Stadt mit dem Niedergang der preußischen Monarchie. Eine Entzauberung der Stadt, die er nicht verwinden konnte – die Trauer über die Abdankung des Kaisers 1918 lässt er immer wieder anklingen. Und so bedient er sich sehr häufig der sprachlichen Bilder von Tod, Trauer, Särgen und Gräbern – sein Buch der Erinnerung kann auch als Requiem oder Totenklage für die Monarchie und dieses „sein Potsdam“ der vergangenen Glanzzeit gelesen werden. Er schwelgt in Melancholie.

„Und wieder ist es ein Abend geworden. Kühl haucht es vom Wasser, die Insel schläft ein. Im Schatten versinkt das Schloß mit allem, was es erzählt: so hell, so strahlend der Tage Glanz gewesen, die es gesehen, nun kommt die große dunkle Nacht.“

(S.162)

Sein Sprachstil ist poetisch, überbordend und alles andere als nüchterne Reiseliteratur. Bildhaft und malerisch beschreibt er die Schlösser und Parkanlagen, das Flair, den Glanz und den Prunk. Man bekommt sofort Lust, sich mit dem Buch in der Hand selbst auf einen Spaziergang durch Potsdam zu machen, die Orte zu suchen und seinen Beschreibungen und der von ihm geschilderten Magie nachzuspüren.

Am Ende des Buchs lässt er in einem märchenhaften Schluss die Figuren, Statuen und Putten an Potsdams Bauwerken lebendig werden und überlegt, was diese wohl zur Stadt und ihren Veränderungen sagen würden. Ein schönes Bild, das die Phantasie anregt und beflügelt – was würden sie wohl heute sagen in einer Zeit, in welcher die Stadt an vielen Stellen wieder in neuem Glanz erstrahlt?

Potsdam ist eine wunderbare Stadt und mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und unzähligen Sehenswürdigkeiten mehr als eine Reise wert. Es gibt viel zu entdecken und Sternaux bietet ein Füllhorn an spannenden Orten an, die entdeckt werden wollen. Für Potsdam-Liebhaber, geschichtlich Interessierte und alle, welche die Stadt gerne einmal aus der Perspektive des Jahres 1924 sehen möchten, ist dieser 2021 wieder neu aufgelegte Band (illustriert durch Schwarz-Weiß-Fotografien von Max Baur und mit einem Nachwort von Klaus Bellin) eine gute und interessante Wahl – geradezu ein Klassiker unter den Potsdam-Büchern. Selbstverständlich muss vieles vor dem Hintergrund der damaligen Zeit gelesen und eingeordnet werden, doch wenn man sich darauf einlässt, wird die Lektüre zu einer inspirierenden Zeit – und Gedankenreise.

„Potsdam ist eben Potsdam!“

(S.114)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Die Mark Brandenburg, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ludwig Sternaux, Potsdam – Ein Buch der Erinnerung
Die Mark Brandenburg
ISBN: 978-3-948052-01-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ludwig Sternaux‘ „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“:

Für den Gaumen:
Mit Vorliebe beschreibt Sternaux die schönen Plätze, Altanen, Terrassen und Pavillons, wo der Adel gerne Tee getrunken hat. Von großen Festbanketten werden im Buch keine kulinarischen Details berichtet, aber der Tee zieht sich wie ein roter Faden durch. Daher jetzt im Winter eine schöne, wärmende und gepflegte Tasse Tee… warum nicht?

Zum Weiterhören:
Friedrich der Große war selbst begeisterter Musiker. Er spielte Flöte und komponierte auch selbst Flötenkonzerte. So ist auf YouTube eine schöne Aufnahme mit Flötist Emmanuel Pahud und der Kammerakademie Potsdam von seinem Flötenkonzert Nr. 3 zu finden.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Jahren habe ich die sehr gut lesbare und interessante Biografie „Wilhelmine von Bayreuth“ von Uwe A. Oster gelesen. Die Lieblingsschwester Friedrich des Großen, welche die Ehe als Markgräfin nach Bayreuth verschlug, wo sie als Mäzenin und Opernintendantin ihre kunstsinnigen Spuren hinterließ, ist eine hochinteressante Persönlichkeit. Das von ihr initiierte Markgräfliche Opernhaus zählt heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

Uwe A. Oster, Wilhelmine von Bayreuth
Piper
ISBN: 978-3-492-24881-5

Glaube, Liebe, Diskussionen

Herbst und Winter sind für mich eine Zeit, die mich häufiger zu historischen Romanen greifen lässt. Und so habe ich es auch endlich geschafft, mir wieder einmal einen Regalschlummerer vorzunehmen: Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“ stand schon eine ganze Weile bei mir zu Hause. Und wieder einmal stellte ich mir danach die Frage, warum ich eigentlich so lange mit der Lektüre gewartet habe. Denn der Roman, für welchen die Autorin 2017 den Britischen Buchpreis gewonnen hat, ist wirklich großartig und passt thematisch perfekt in diese Zeit.

Schließlich behandelt er große, zeitlose Fragen über die Spannungsfelder zwischen Kirche und Aberglauben, Glaube und Wissenschaft, Unabhängigkeit und Liebe. Fragen, die im Großbritannien des Jahres 1893 die Hauptfiguren des Romans Cora Seaborne und den Pfarrer William Ransome ebenso beschäftigen, wie uns heute – vielleicht gerade wieder mehr denn je.

„Wir beide sprechen davon, die Welt zu erhellen, aber wir beziehen uns auf unterschiedliche Lichtquellen, Sie und ich.“

(S.152)

Cora Seaborne ist noch jung, als sie früh Witwe wird. Als ihr Mann stirbt, mit dem sie eine nüchterne und wenig liebevolle Ehe geführt hatte, verlässt sie 1893 London gemeinsam mit ihrem Sohn und reist nach Colchester in die Grafschaft Essex. Trotz der Trauer empfindet sie ein starkes Gefühl der Unabhängigkeit und der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, welchen sie sich während ihrer Ehe gebeugt hatte.

„In den vergangenen Wochen habe ich mehr als ein Mal gedacht, dass die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war.“

(S.155)

Für sie beginnt ein neues Leben und die aufgeschlossene und naturwissenschaftlich interessierte Anhängerin Darwin’s nutzt die Zeit für Studien, lange Spaziergänge und dafür, für ihren Sohn Francis, der autistische Züge zeigt, eine geschützte Atmosphäre zu schaffen. Sie wird umworben vom jungen Arzt Luke, der ihren Mann behandelt hatte, und die junge Witwe gerne an seiner Seite hätte.

Doch schon bald lernt sie über gemeinsame Bekannte den Pfarrer des einsamen, kleinen Küstenorts Aldwinter kennen: William Ransome, der dort mit seiner kränklichen Frau und den gemeinsamen Kindern lebt, und gerade besonders gefordert ist, seiner Gemeinde beizustehen und Halt zu geben.
Denn im Ort geschehen beunruhigende und merkwürdige Dinge: Mysteriöse Todesfälle, Menschen verschwinden und das Gerücht hält sich hartnäckig, dass ein Meeresungeheuer – die Schlange von Essex – an allem schuld sein könnte.

„Seine Religiosität beschränkte sich nicht auf Gebote und Glaubenssätze, denn er war kein Beamter und Gott kein Geschäftsführer eines himmlischen Ministeriums. Will glaubte mit dem ganzen Herzen, vor allem draußen in der Natur. Das Himmelsgewölbe war sein Kirchenschiff und die Eichen die Pfeiler des Querhauses (…)“

(S.139/140)

Und während der Pfarrer gegen den Aberglauben seiner Schäfchen ankämpft, ist Cora’s Neugierde geweckt. Wähnt sie doch in der Sichtung des seltsamen Meereswesens die Chance, eine längst ausgestorben geglaubte Saurierart wieder entdecken zu können. Sofort beginnt sie zu forschen und rege Diskussionen mit William zu führen. Gegensätze ziehen sich an…

Für mich war „Die Schlange von Essex“ ein perfekter Schmöker für lange Herbstabende: die düstere Atmosphäre, die Spannung, die sympathischen Figuren – da stimmte einfach die Chemie.
Sarah Perry hat eine große Begabung für eine unwiderstehliche Figurenzeichnung. Cora und William, aber auch die Nebenfiguren, erobern den Leser im Sturm. Schon bald ist man ihnen rettungslos verfallen und kann sich dem Sog des Romans nicht mehr entziehen. Kunstvoll beschreibt die Autorin im Roman die vielen Facetten der Liebe – Elternliebe, Freundesliebe, Nächstenliebe, geistige und erotische Anziehung, platonische Liebe, unerfüllte Liebe.

Das Knistern zwischen Cora und William ist so intensiv, dass der Funke unweigerlich auf den Leser überspringt. Perry beschreibt auf sehr gekonnte und starke Art und Weise die magische Anziehung zwischen den beiden, die vor allem auch durch den intellektuellen Gedankenaustausch und die Diskussionen auf Augenhöhe genährt wird.

„Sie reiben sich aneinander, jeder ist Wetzstein und Messer zugleich, und wenn das Gespräch auf den Glauben und die Vernunft kommt, haben sie ihre Argumente parat, erschrecken einander durch kurze Ausbrüche von Übellaunigkeit (…)“

(S.217)

Es ist unmöglich, den zahlreichen Aspekten und möglichen Lesarten des Romans in einer halbwegs kompakten Rezension gerecht zu werden. Jeder Leser und jede Leserin wird das Buch sicher anders lesen und den jeweils eigenen Blickwinkel finden.

Ein üppiger, reicher und bereichernder Roman voller Wärme, der mich begeistert und fasziniert hat. Diese knapp 500 Seiten sind ein wahres literarisches Schatzkästchen voller Klugheit, Denkanstöße und großer Gefühle. Ein Buch, das zum intensiven Nachdenken anregt und mich – gerade in diesen Pandemiezeiten – unweigerlich immer wieder die Parallelen zur aktuellen Situation ziehen ließ. Ein Roman, der anschreibt gegen rückständige Geisteshaltungen und ein flammender Appell für Aufklärung, Transparenz und wissenschaftlich fundierte Rationalität ist – aber auch ein Werk über Liebe, Zuneigung und die vom Glauben getragene Nächstenliebe.

Eine interessante und außergewöhnliche Leseerfahrung, denn vermutlich hätte ich diesen Roman 2017 mit völlig anderen Schwerpunkten und einem komplett anderen Blickwinkel gelesen. Der Virus hat offensichtlich auch mein Leben als Leserin verändert. Selten habe ich in einer Romanlektüre während der vergangenen zwei Jahre – und noch dazu in einem historischen Roman – so viele aktuelle Zeitbezüge gefunden wie in „Die Schlange von Essex“. Doch so wurde dieses Leseerlebnis für mich zur intensiven Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Konflikt zwischen verschwörungstheoretischen Erklärungsversuchen und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fundierter Aufklärung.

„Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, als man die Kinder mit Schauergeschichten von Geistern und Dämonen zu erziehen versuchte! Das Licht der Aufklärung hat jene finsteren Zeiten beendet!“

(S.379)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Bingereader, Gassenhauer und Buchstabenträumerei.

Buchinformation:
Sarah Perry, Die Schlange von Essex
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0030-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sarah Perry’s „Die Schlange von Essex“:

Für den Gaumen:
Die englische Tea Time ist auch in diesem Roman unverzichtbar, dazu gibt es eine ordentliche Auswahl an süßem Gebäck:

„Sie servierte Makronen, Shortbread mit Schokosplittern und rautenförmige, mit Himbeermarmelade bestrichene und in Kokosraspeln gerollte Törtchen.“

(S.62)

Wenn man da nicht Lust auf einen 5 o’clock-Tea bekommt…

Für einen Ausflug bei einem Londonurlaub:
Das erste Kapitel nach dem Prolog beginnt so:

„Ein Uhr mittags an einem trüben Tag, und auf dem Dach der Sternwarte von Greenwich fiel die Zeitkugel herunter. Eis bedeckte den Nullmeridian.“

(S.19)

Vor einigen Jahren besuchte ich Greenwich und fand den Ausflug dorthin sehr interessant. Eine schöne Erinnerung, die durch die Lektüre wieder aufgefrischt wurde.

Zum Weiterlesen:
Cora Seaborne, die Hauptfigur in „Die Schlange von Essex“ interessiert sich für Darwin’s Theorien und die Naturwissenschaften. Ein schöner Roman, der sich mit den Zeitgenossen Marx und Darwin beschäftigt, ist Ilona Jerger’s 2017 erschienenes Buch „Und Marx stand still in Darwins Garten“.

Ilona Jerger, Und Marx stand still in Darwins Garten
Ullstein
ISBN: 9783548290614