Narretei und Alchemie

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – selten hat ein Faustzitat so gut zu einem Roman gepasst, wie zu Richard Rötzer’s neuem historischen Roman „Narrenträume“. Denn auch im Bayern des 16. Jahrhunderts versuchten viele dubiose Geschäftemacher sich als Goldmacher und Alchemisten – ein gefährliches Spiel, denn so mancher landete dadurch in der Folterkammer und im Gefängnis.

Eine kurze Anmerkung vorweg sei erlaubt: Für mich war sowohl die Lektüre als auch das Schreiben dieser Rezension dieses Mal etwas Besonderes. Denn der Roman spielt über weite Strecken in meiner Heimatstadt Landshut und so kann ich heute auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, über meine Heimatstadt erzählen und zeigen, wo sich der Narr Michel Witz vielleicht so herumgetrieben hat.

Und ich gestehe, auch ich habe durch den Roman einiges Neues aus der Landshuter Stadtgeschichte erfahren und meine Kenntnisse aufgefrischt: Denn während das 15. Jahrhundert und die Blütezeit der Stadt unter den reichen Herzögen Heinrich XIV., Ludwig IX. und Georg durch die regelmäßigen Aufführungen der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 vielen Landshutern gut bekannt und sehr präsent sind, so sieht es vermutlich mit dem Wissen um das 16. Jahrhundert und die späteren Wittelsbacher auf der Burg Trausnitz schon nicht mehr so rosig aus.

Doch erst einmal: Worum geht es in „Narrenträume“?
Michel Witz – seines Zeichens Hofnarr des Herzog Wilhelm V. von Bayern – sinniert – als er im Kerker sitzt – über sein Leben und fasst es mit folgenden Worten bereits sehr treffend zusammen:

„Mein Leben zog in Gedanken an mir vorbei in teils prachtvollen, teils düsteren Bildern. Ich hatte als Narr am Hof des bayerischen Herzogs viele Freiheiten gehabt, nahm Teil an rauschenden Festen, hatte zu jeder Zeit Münzen in der Tasche und fand ein gewisses Ansehen und Beachtung. Aber ich war auch beteiligt an Ränkespielen und Intrigen und jagte in eitler Selbstgefälligkeit vielen Dingen vergeblich nach. Auf der verblendeten Suche nach trügerischem Narrengold war ich augenblicklich dem Henker näher als erhofftem Ruhm und Erfolg.“

(S.10)

In Rückblenden erzählt er aus seinem aufregenden und außergewöhnlichen Leben, über seine Karriere als Hofnarr und versucht nun mit allen Mitteln und seinem Wissen um so manches dunkle Geheimnis, gemeinsam mit einem ihm wohlgesinnten Verwandten, der gute Beziehungen zur Obrigkeit hat, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen und sein Leben zu retten.

„Würde mich mein freches Mundwerk auch aus meinem jetzigen Unglück retten, grübelte ich verdüstert vor mich hin. Ich genoss nicht mehr den Schutz der Narrenkappe, unter dem ich selbst dem Herzog Frechheiten und ungeliebte Wahrheiten an den Kopf werfen konnte, ohne um meinen eigenen Kopf fürchten zu müssen.“

(S.39)

Links: Burg Trausnitz; Rechts: Am Landschaftshaus in der Landshuter Altstadt ist Herzog Wilhelm V. dargestellt und in der untersten Reihe als dritter von rechts zu finden – Fotos: Kulturbowle

Herzog Wilhelm V. (1548 – 1626), der den Beinamen der Fromme trägt, ist den Landshutern vermutlich nicht mehr so ein Begriff, aber er führte mit seiner Frau Renata von Lothringen als Prinzenpaar über viele Jahre eine aufwändige Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, bevor er nach dem Tod seines Vaters später zum Regieren nach München übersiedelte. Die Landshuter Burg verdankt ihm neben dem Tierpark vor allem eine Erweiterung mit den Malereien von Friedrich Sustris und Alessandro Padano auf der bekannten Narrentreppe, die Figuren der Commedia dell’Arte zeigt. München verdankt ihm die Michaelskirche und – als Erinnerung an seine Hochzeit und das Ritterturnier – das berühmte Glockenspiel am Münchner Rathaus.

Fasziniert hat mich vor allem die Figur des Narren und die Freiheiten und verschiedenen Facetten dieser Rolle, die Rötzer in meinen Augen schön herausgearbeitet hat. Bei Michel Witz – und seinem Vater Mertl Witz, dessen Porträt gemalt durch den berühmten Maler Hans Mielich heute noch im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen ist und das im Buch abgebildet ist – handelt es sich um den Typus des intelligenten Narren, der nicht aufgrund körperlicher Gebrechen oder Auffälligkeiten diese Rolle ausübt, sondern es verstand, durch kulturelle Darbietungen, sowie durch Geist und Witz zu unterhalten. Und so streift Rötzer in seinem Buch auch die Geschichte des „Berufsbildes Hofnarr“ und die unterschiedlichen Typen, was ich sehr interessant finde.

Denn auch bei der Landshuter Fürstenhochzeit 1475, die in der Regel alle vier Jahre in Landshut im Rahmen eines großen, historischen Festes nachgespielt wird, gibt es die Rolle des Hofnarren, der im Festspiel, während des Umzugs und auch auf der Festwiese beim Turnier seine Herrschaft, den Herzog begleitet. Eine Figur, der auch heute noch viel Sympathie entgegenschlägt – genau wie den Gauklern und Komödianten:

„Den größten Nutzen aber verschafften mir Begegnungen mit Leuten auf der Straße, vor allem mit Gauklern und Komödianten. Ich sah, wie sie die Mengen in Bann schlugen mit großem Getöse oder einfachsten kleinen Verzauberungen. Sie nutzten den Augenblick, verblüfften durch Unerwartetes, grimassierten und verrenkten sich, äfften pantomimisch nach, sangen und rezitierten, spielten dabei die Laute oder jonglierten mit Bällen und Keulen. All dies musste ich schließlich lernen, wollte ich ein guter Narr werden (…)“

(S.119)

In den Tonfall des Buchs, der sich so mancher für heutige Ohren ungewohnter, leicht gedrechselt-antiquierter Formulierung bedient, muss man sich erst ein wenig einlesen, aber es passt gut zum Genre des historischen Romans und sorgt stellenweise auch immer wieder für ein gewisses Schmunzeln.

Es steckt unglaublich viel drin in diesem Wälzer und auch wenn man vielleicht für einen 600-Seiten-Roman etwas Geduld und manchmal einen langen Atem braucht, hat mich diese Opulenz begeistert und die Lesezeit verging wie im Flug. Gerade die Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, die Beschreibung der unterschiedlichen Figuren und die Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten der Zeit, wie dem Augsburger Hans Jakob Fugger, Philippine Welser auf Schloss Ambras in Innsbruck oder den Medici in Florenz eröffneten nochmal ein reiches, großes Gemälde des Beziehungsgeflechts der damaligen Zeit. Da fällt dann so manches bisher gesammelte, geschichtliche Puzzleteil auf einmal an den richtigen Platz.

Mit „Narrenträume“ hat Richard Rötzer zwar leider – wie sein Held Michel – letztlich auch nicht die Methode der Goldmacherei gefunden, aber doch eine gut gefüllte Wunderkammer und reiche Schatztruhe an historischen Anekdoten, üppiger, überbordender Handlung und interessanten Figuren geschaffen. Ein richtiger Schmöker, der nicht nur LandshuterInnen Freude macht, sondern auch Fans von historischen Romanen gut gefallen wird, weil er Lust darauf macht, weiter zu recherchieren, geschichtliche Details nachzulesen und die Suchmaschinen glühen zu lassen.

„Ich verstand eigentlich von nichts wirklich viel, pflegte aber einen Hang zu geistiger Landstreicherei und war daher leicht zu begeisternder Dilettant in allen Dingen.“

(S.589)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 3) auf der Liste: Ich möchte einen historischen Roman lesen. Abtauchen in eine andere Zeit – in diesem Fall das 16. Jahrhundert in meiner Heimatstadt – eine gewisse Opulenz, viel historischer Hintergrund, eine Prise Krimi und eine stattliche Seitenzahl von 600 – „Narrenträume“ ist absolut perfekt dafür, diesen Punkt auf meiner Liste abzuhaken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Richard Rötzer, Narrenträume
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0291-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Richard Rötzer’s „Narrenträume“:

Für den Gaumen:
Bei folgendem Hochzeitsmahl lasse ich einfach mal die Speisenfolge für sich sprechen:

„Die Tafel war überhäuft mit gefüllten Kapaunen, Fasanen, Hasel- und Rebhühnern, mit geschmorten Lamm- und Ferkelbraten auf Granatapfelgelee, glasierten Wildschweinköpfen in Burgunder- und Pfeffersauce, gespickten Hirschkeulen und Hasenpasteten, dazu geräucherte Renke, Aalsülze und Hecht aus bayerischen Seen, unzählige Schüsseln mit erlesenen Salaten, Früchte aus Italien, Schmalzkrapfen nach Tiroler Art, Konfekt aus Mailand und Paris…“

(S.139)

Für eine Städtereise oder einen Ausflug:
Bei diesem Beitrag bietet es sich natürlich an, dass ich auch ein paar Bilder und Impressionen aus meiner Heimatstadt teile: So gibt es in Landshut nicht nur die Legende des Narrensteigs, die im Buch ebenso Erwähnung findet wie die Narrentreppe im italienischen Anbau der Burg Trausnitz, sondern auch den Narrenbrunnen in der Altstadt, der jedoch erst 1974 vom Landshuter Künstler Karl Reidel errichtet wurde.

Zum Weiterhören:
Und auch der berühmte Komponist und Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 – 1594) darf natürlich nicht fehlen: seine Madrigale, Motetten und Messen gehören heute noch zu den wichtigsten musikalischen Werken der Renaissance.

Zum Weiterlesen (I):
Im Moment begegne ich – wie auch auf einer Toskanareise vor einigen Jahren – beim Lesen immer wieder Giorgio Vasari (so auch wieder in „Narrenträume“) und werde daran erinnert, dass schon einige Zeit ein Buch von ihm noch ungelesen in meinem Regal schlummert:

Giorgio Vasari, Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten
Aus dem Italienischen von Trude Fein
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2510-3

Zum Weiterlesen (II):
Vor vielen Jahren habe ich bereits Richard Rötzer’s historischen Roman „Der Wachsmann“ gelesen und habe ihn – auch nach langer Zeit – noch als packend und spannend in Erinnerung. Die Handlung, die im München des 14. Jahrhunderts und im Milieu der Isarflößer spielt, war auch hier durch Krimielemente geprägt:

Richard Rötzer, Der Wachsmann
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548287775

Fallstricke des Lebens

„Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen“ – dieses berühmte Zitat von John Lennon ging mir bei der Lektüre von Catherine Cusset’s Roman „Die Definition von Glück“ immer wieder durch den Kopf.
Die Autorin – 1963 in Paris geboren, ehemalige Dozentin für französische Literatur in Yale, die jetzt in New York lebt – hat ein starkes Buch über zwei Frauen geschrieben, die wie sie selbst in den Sechzigern geboren sind:

Clarisse lebt in Paris, ist eine Abenteurerin und Kämpferin, die sich oft nicht den direkten, geraden Weg durchs Leben sucht und sich immer wieder alleine durchschlagen muss. Ob bereits in der Jugend von der alkoholkranken Mutter in den Ferien zur Patentante abgeschoben oder später auf Selbstfindungstrip in Asien als Backpackerin unterwegs beweist sie auch in punkto Männer nicht immer unbedingt das beste Händchen. So führt sie ein turbulentes Leben und muss sich selbst immer wieder neu erfinden: als Reisende, als Ehefrau, als alleinerziehende Mutter und als Frau in wechselnden Beziehungen mit einem großen Lebenshunger.

Ève hingegen führt in New York eine langjährige, stabile Ehe mit Paul, ist Mutter von zwei wohlerzogenen Töchtern und hat sich selbst ein florierendes, erfolgreiches Cateringunternehmen aufgebaut, das wächst und gedeiht. Ihr Alltag verläuft verglichen zu dem von Clarisse in ruhigeren, geregelteren Bahnen und doch gibt es auch in ihrem Leben Momente, in welchen das Leben über sie hereinbricht und ihr Knüppel zwischen die Beine wirft. Doch sie steht ihre Frau und beweist Kraft und Stärke.

„Ist es nicht immer so mit Geheimnissen? Irgendwann kommen sie ans Licht. Und dieses Geheimnis hatte schwarze Augen, einen dunklen Teint und einen Namen.“

(S.281)

Man fiebert und leidet mit Clarisse und Ève und würde sie häufig so gerne vor den Fallen bewahren, in welche sie tappen. Der Roman ist spannend und entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Zunächst wirft die Autorin – wie Spots auf der Bühne – Schlaglichter auf unterschiedliche Szenen und Anekdoten – Momentaufnahmen aus verschiedenen Lebensphasen von Clarisse und Ève: Teenagerzeit, erste Lieben, Jugendsünden, ernsthafte Beziehungen, Mutterschaft, Schicksalsschläge. Wie ein Fotoalbum, durch das man blättert – ein Aneinanderreihen von verschiedenen Schlüsselmomenten im Leben – zunächst ohne erkennbare Verbindung zwischen den beiden Frauen.

Geschickt wird die Spannung aufgebaut, wann und wie sich die Wege der beiden kreuzen werden. Führen sie doch ein Leben weit von einander entfernt – durch die Weite des Ozeans getrennt: Clarisse in Paris, Ève in New York. Doch was wird sie zusammenführen?

Catherine Cusset erzählt zwei Lebensgeschichten, die stellvertretend für so viele Lebenswege moderner Frauen stehen können und unverfälscht, direkt und ungeschminkt auch die Schattenseiten thematisieren. Jede Leserin wird sich im einen oder anderen Aspekt finden und verstanden fühlen. Der Autorin ist meiner Meinung nach ein universelles und großes Werk gelungen, in dem viele große Themen des Frauseins behandelt werden.

Zartbesaitete, die sich beim Lesen nicht gerne mit unangenehmen Wahrheiten beschäftigen wollen, sollten sich vom Titel „Die Definition von Glück“ nicht zu sehr in die Irre führen lassen.
Denn es geht nicht nur um glückliche Themen, sondern unter anderem um sexuellen Missbrauch, häusliche Gewalt, um Krankheit in der Familie, Brustkrebs oder die herausfordernde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und Cusset schildert gekonnt und einfühlsam auch die ganze Achterbahnfahrt der Gefühle in Beziehungen: vom ersten Verliebtsein, über Ehe, Mutterschaft bis hin zu Affären, Entfremdung und Trennung.

„Wenn man liebt, ist man zwanzig, die Menschen um einen herum aber nicht.“

(S.319)

Das pralle Leben eben. Ein dichter, intensiver Roman über die Höhen, aber vor allem auch über die Tiefen des Frauenlebens – über Fallstricke, Schicksalsschläge, Gefühlschaos, Irrungen und Wirrungen und doch auch darüber, wie man sich aus Löchern und Abgründen wieder selbst herausziehen kann.

Und letztlich auch ein Stück Literatur darüber, wie unterschiedlich die persönlichen Vorstellungen von Glück ausfallen können, das doch für jede und jeden etwas Anderes bedeutet. Trotz aller negativer Aspekte eben kein deprimierendes, sondern auch ein hoffnungsvolles Buch über Stärke und Tapferkeit.

Keine Kuschel- und Wohlfühllektüre mit Happy End, sondern vielmehr ein kluges und wichtiges Buch, das auch für ernste Themen sensibilisiert und einen aufmerksam und hellwach werden lässt, indem es das Bewusstsein schärft für schwierige Situationen und Gefährdungen, welchen Frauen ausgesetzt sein können. Ein empathischer Roman darüber, was es bedeutet eine Frau zu sein, bei dem man sich verstanden fühlt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Catherine Cusset, Die Definition von Glück
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk
Eisele Verlag
ISBN: 9783961611409

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Catherine Cusset’s „Die Definition von Glück“:

Für den Gaumen:
Clarisse hat eine Vorliebe für den bretonischen Kouign-amann: ein Butterkuchen bzw. laut Wikipedia ein „runder, dicker Fladen“ aus Blätterteig mit knuspriger, karamellisierter Kruste.
Bei Lapaticesse und la-bretonelle findet man Rezepte für diese süße Spezialität aus der Bretagne.

Zum Weiterhören:
Der Song „I put a spell on you“ wird im Buch leider zu einem traurigen Anlass gesungen. Auf YouTube gibt es eine schöne Coverversion von Annie Lennox aus dem Jahr 2014.
Im Original ist das Stück jedoch von Screamin Jay Hawkins und bereits aus dem Jahr 1956.

Zum Weiterlesen:
Clarisse liest zu Beginn des Romans einen wahren Klassiker der französischen bzw. der Weltliteratur:

„Die beiden Kopfkissen in den Rücken gestopft, setzte sie sich aufs Bett und vertiefte sich in Balzacs Verlorene Illusionen. Alles, was David und Ève erlebten, ihre Liebe, die Habgier und der Egoismus von Davids Vater, der dem eigenen Sohn die Druckerei verkaufte, um sich daran zu bereichern, schien ihr realer als ihr eigenes Leben.“

(S.19)

Ein 960 Seiten Schmöker des Realisten Balzac, den ich noch nicht gelesen habe und für den man vermutlich Muße und ausreichend Zeit benötigt:

Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen
Aus dem Französischen von Melanie Walz
Hanser
ISBN: 978-3-446-24614-0

Hiddensee-Lektüre

Dass Hiddensee deutlich mehr ist als die kleine Schwester Rügens im Westen der größten deutschen Insel, bemerkt man schnell, wenn man sich etwas mit der Geschichte und den Besonderheiten dieses schmalen Landstreifens in der Ostsee befasst. Hiddensee gilt als Insel der Künstler und auch Sylvia Frank’s Roman „Das Haus der Winde“ und Unda Hörner’s Sachbuch „Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub“ vermitteln auf unterschiedliche Art und Weise die magische Anziehungskraft, welche dieses Fleckchen Erde auf Kulturschaffende hatte und hat.

Sylvia Frank ist das Pseudonym des auf Rügen lebenden Schriftstellerehepaares Sylvia Vandermeer und Frank Meierewert, die erkannt haben, dass die Grande Dame des Stummfilms Asta Nielsen und ihr idyllisches, kleines Ferienhaus – mit dem schönen Namen „Karusel“ – auf Hiddensee zweifelsohne einen guten Romanstoff abgeben.
So verweben die beiden wahre Begebenheiten mit einer fiktiven Liebesgeschichte und erzählen über Inselbewohner und Inselgäste sowie über die Sommer, welche die dänische Schauspielerin auf der Insel verbrachte.

„Kunst ist meine Rettung vor der Einsamkeit. Sie gibt mir das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein, in der weiten Welt da draußen auf Gleichgesinnte zu treffen.“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.189)

Asta Nielsen verliebte sich in den Zwanziger Jahren in die Insel und kaufte sich 1929 ihr eigenes Häuschen, das der Architekt Max Taut ursprünglich als Sommerhaus für eine Berliner Familie entworfen hatte. In den folgenden Jahren verbrachte sie dort gerne – auch mit ihrer Schwester Johanne – die Sommermonate.

Der Roman erzählt in kurzen Zügen auch die Lebensgeschichte des großen Stummfilmstars: ihre Kindheit in Kopenhagen, ihre ersten Schritte am Theater und der plötzlich einsetzende große Erfolg in der Welt des Films.
Auf Hiddensee darf die große Berühmtheit jedoch ganz privat sein und genießt mit Freunden und Bekannten die Leichtigkeit der Sommertage, feiert Feste und erholt sich in der Natur und an der frischen Meeresluft.
Im Roman „Das Haus der Winde“ lernt sie auch die Einheimischen kennen, fährt mit hinaus zum Fischen, besucht ein Boccia-Turnier und verliebt sich schließlich.

„Namen sind Schall und Rauch, würde Pastor Gustavs sagen. In der Kargheit und Abgeschiedenheit der Insel entwickelte sich über die Jahrhunderte eine Lebensauffassung, nach der der einzelne Mensch in jedem Geschlecht, seiner Familie und seiner Arbeitsgemeinschaft aufgeht. Nur als gut funktionierende Einheit gelang es, auf diesem Flecken Erde inmitten der See zu überleben.“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.179)

Doch immer mehr überschatten ihre Sorgen um Freunde und Bekannte, die unter den Repressalien der Nationalsozialisten leiden und um ihr Leben fürchten müssen, ihre unbeschwerten Urlaubstage. Vor allem die Angst um ihren schwer erkrankten Freund Joachim Ringelnatz macht ihr sehr zu schaffen.

Der Roman liest sich sehr schnell und flüssig und vermittelt sofort eine gewisse Ferienatmosphäre. Auch wenn die Liebesgeschichte für mich stellenweise etwas aufgesetzt wirkt, mochte ich das Buch vor allem wegen der zeitgeschichtlichen Hintergründe, den vielen Anklängen der Inselgeschichte und aufgrund des besonderen Flairs.
Ich habe durch die Lektüre viel Neues über Hiddensee und die Künstler erfahren und sie hat meine Neugier auf das Karusel und die Persönlichkeit Asta Nielsen absolut geweckt.

Unda Hörner hat bereits 2003 mit ihrem feinen Buch „Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub“ dem besonderen Zauber der Insel, ihrer Geschichte und den prominenten Gästen aus Kunst und Kultur nachgespürt. Entstanden ist dabei ein kurzweiliges und informatives Bändchen, das Lust auf die Insel macht und auf unterhaltsame Art und Weise die wichtigsten Orte, Sehenswürdigkeiten und vor allem auch Persönlichkeiten, die gerne auf Hiddensee verweilten, näher bringt.

„Die Namen derer, die während Theaterferien, Sommer- und Schaffenspausen aus Berlin auf die Insel strömten, sie sind Legion. Salopp gesagt: zu manchen Jahreszeiten liefen mehr Geistesgrößen auf Hiddensees neunzehn Quadratkilometern herum als Kühe auf den Inselwiesen standen. In den Gästelisten der Inselhotels tauchen die berühmten Besucher auf: Ernst Blass, Carl Zuckmayer mit Familie, Hans Fallada, Erich Mühsam, Ernst Toller, Lion Feuchtwanger, Mascha Kaléko, Joachim Ringelnatz, Albert Einstein.“

(aus Unda Hörner, Auf nach Hiddensee!, S.9)

Selbstverständlich wird auch hier Asta Nielsen und ihr Sommerhäuschen ausgiebig gewürdigt, aber auch ihre gern gesehenen Gäste wie Joachim Ringelnatz und seine Gattin bekommen ihren Raum.

Und natürlich der große Name der Insel: Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Auch sein Sommerhaus auf Hiddensee ist – wie Asta Nielsen’s Karusel – heute Museum und zieht zahlreiche Literaturbegeisterte aus aller Welt an, die dort unter anderem das schöne Anwesen, die Terrasse mit den Original-Gartenmöbeln und dem besonderen Efeu von George Washington’s Landsitz in USA, den imposanten Weinkeller und die Medaille des Literaturnobelpreises bewundern können.

Doch auch die Malerinnen der Insel wie Elisabeth Büchsel und Henni Lehmann bekommen ein eigenes Kapitel, ebenso wie die Puppenmama Käthe Kruse, der Architekt Max Taut oder die Tänzerin Gret Palucca.

Ausgestattet mit amüsanten Anekdoten, zahlreichen schwarz-weiß Fotografien und treffenden Originalzitaten lässt das Buch spürbar werden, wie bunt, vielseitig und kulturell anziehend die Insel ist und war. Man würde sich wünschen, auf den sommerlichen Festen mit Blick aufs Meer dabei gewesen zu sein und hätte gerne die lustigen und anregenden Gespräche gehört, mitgesungen und mitgefeiert.

Auch heute versprüht die Insel dieses Sommergefühl und Künstler-Flair und man kann verstehen, was die Literaten, MalerInnen, SchauspielerInnen und TänzerInnen dort gefunden haben – eine grandiose Naturkulisse, Ruhe und Abgeschiedenheit. Hiddensee ist ein Ort, um Energie zu tanken, sich zu erholen, der Natur nah und kreativ zu sein.

Mich haben diese beide Bücher, die vom Charakter her sehr unterschiedlich sind, wunderbar eingestimmt auf Hiddensee, Vorfreude geweckt und meinen Blick geschärft. So betrachtet man die Naturschönheit der Insel, den Leuchtturm auf dem Dornbusch, die blaue Scheune, das Gerhart-Hauptmann-Haus und Asta Nielsen’s Karusel mit etwas Vorwissen nach der Lektüre auf einmal mit anderen, wachen Augen.

Buchinformationen:
Sylvia Frank, Das Haus der Winde
Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00957-0

Unda Hörner, Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub
ebersbach & simon
ISBN: 9783934703605

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Hiddensee-Bücher:

Für den Gaumen:
In „Das Haus der Winde“ gibt es zum Aufwärmen Grog, aber es wird vor allem die Vorliebe Asta Nielsen’s zu Kringel und Mokka thematisiert.

Und für den richtigen Hunger gibt es – wie könnte es auch anders sein an der Ostsee – natürlich Fisch:

Dorsch mit Stampfkartoffeln und Frühlingszwiebeln? Wäre das der Dame angenehm?“

(aus Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.236)

Zum Weiterschauen:
Die gebürtige Kopenhagenerin Asta Nielsen (1881 – 1972) war der Stummfilmstar vor allem in den 10er und 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Heute sind diese Filme kaum mehr bekannt – ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Film mit Asta Nielsen gesehen zu haben.

Zum Weiterhören:
In „Das Haus der Winde“ träumt Asta Nielsen später vom singenden Hans Albers und einem seiner berühmtesten Lieder „La Paloma“:

„Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne. Unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne…“, klang das Lied in ihr nach.“

(Sylvia Frank, Das Haus der Winde, S.55; Liedtext La Paloma von Hans Albers)

Für einen Museumsbesuch:
Wer die schöne Insel Hiddensee besucht, hat die Möglichkeit sich das Sommerhäuschen „Karusel“ (dänische Schreibweise) von Asta Nielsen anzusehen.
Das Haus, das vom Architekten Max Taut entworfen wurde, ist heute als Museum zugänglich – es kann sogar in einem Trauzimmer geheiratet werden. Klein, aber fein und man spürt die sommerliche Leichtigkeit in den Räumen und der Landschaft, welche die dänische Schauspielerin so liebte.

Zum Weiterlesen:
Die 1945/46 erschienene Autobiografie Asta Nielsen’s „Die schweigende Muse“ ist derzeit nur noch antiquarisch erhältlich. Für mich ein schönes Souvenir und Andenken an die Insel und das „Karusel“, das ich im Museumsladen erwerben konnte:

Asta Nielsen, Die schweigende Muse
Aus dem Dänischen von H. Georg Kemlein
Carl-Hanser-Verlag
ISBN: 3-446-12420-9

„Auf Hiddensee, einer Insel westlich von Rügen, schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. (…) Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, die hier noch leuchtender waren als an anderen Orten des Nordens, die ich kenne, liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee.“

(aus Asta Nielsen, Die schweigende Muse, S.365/366)

Herzbowle – 84, Charing Cross Road

Heute möchte ich den zweiten Beitrag meiner Herzbowle mit Euch teilen. Es geht also wieder um ein ganz besonderes Herzensbuch in meiner Lesebiografie:
Und auch in diesem Fall war das erneute Lesen ein wahrer Genuss – Seelenbalsam der besten Sorte.

Entdeckt und zum ersten Mal gelesen habe ich Helene Hanff’s „84, Charing Cross Road“ – ihren Briefwechsel mit dem Londoner Antiquar Frank Doel und seinen BuchhändlerkollegInnen aus den Jahren 1949 bis 1969 – im Februar 2004.
Da war gerade eine Taschenbuchausgabe neu erschienen und lachte mich in der Bahnhofsbuchhandlung an, bevor ich mich nach einem schönen Abend mit Bekannten allein auf die nächtliche Zugfahrt nach Hause machte. Bis ich in Landshut spät nachts aus dem Zug stieg, hatte ich das Buch in einem Rutsch gelesen und es hatte mein Herz im Sturm erobert.

Helene Hanff – geboren 1917 in Philadelphia – war Theater- und Drehbuchautorin und lebte während der Nachkriegszeit in New York in einfachen Verhältnissen. Bücher waren ihre große Leidenschaft, doch die schlichten, amerikanischen Ausgaben auf minderwertigem Papier sagten ihr meist nicht zu und schön aufgemachte, handwerklich gut gestaltete Bücher waren schwer zu bekommen. Als sie daher 1949 in einer Zeitungsannonce auf ein Londoner Antiquariat in der Charing Cross Road aufmerksam wurde, begann einer der schönsten Briefverkehre, die ihren Weg in die Literatur gefunden haben.

Was mit einer einfachen Anfrage und Buchbestellungen einer Kundin an ein Antiquariat beginnt, entwickelt sich über 20 Jahre zu einem charmanten und liebevollen Austausch zwischen Freunden – zwischen der leidenschaftlichen und selbstbewussten Helene, die Sätze so präzise, scharf und geschliffen wie Samuraischwerter zu formulieren versteht und dem schüchternen, zurückhaltenden und ruhigen Buchhändler Frank Doel, der von London aus stets versucht, ihre teils ausgefallenen Wünsche im Bezug auf Buchraritäten zu erfüllen.

„Alles, was er mochte, mag ich auch, außer es handelt sich um Romane. Ich kann mich nicht für Dinge interessieren, die Leuten, die nie gelebt haben, nicht zugestoßen sind.“

(S.73)

So reisen über 20 Jahre hinweg viele Briefe und Pakete über den Atlantik hin und zurück und Menschen, die sich nie gesehen haben, lernen sich immer besser kennen. Man teilt neben der Begeisterung für schöne und gute Bücher auch Alltagssorgen, gute und schlechte Nachrichten. Schnell entsteht der Wunsch, sich einmal im Laden in London persönlich kennenzulernen, doch irgendwas kommt immer dazwischen…

„Wenn das bis Juni anhält, gehe ich vielleicht nach England und werde selbst in meinem Buchladen herumstöbern. Wenn ich mich traue… ich schreibe denen aus der sicheren Entfernung von 5000 Kilometer die unverschämtesten Briefe. Wahrscheinlich werde ich eines Tages dort hineinmarschieren und wieder hinausgehen, ohne ihnen gesagt zu haben, wer ich bin.“

(S.70)

Zwischen all den Buchbestellungen blitzt in der Korrespondenz auch immer das zeitliche Geschehen und die damaligen Lebensumstände im Alltag auf: die Mangelwirtschaft nach dem Krieg, die ärmlichen Umstände und die Schwierigkeiten, gute oder besondere Lebensmittel aufzutreiben. Es geht zum Beispiel aber auch um die Krönung Elizabeth II. – das 70-jährige Thronjubiläum, das gerade vor kurzem groß gefeiert wurde, haben wir vermutlich alle noch im Kopf.

„Habe ich Ihnen erzählt, dass er mir letztes Frühjahr sagte, ich müsse alle meine Zähne überkronen oder ziehen lassen? Ich entschied mich für die Kronen, da ich mich an Zähne gewöhnt habe. Aber die Kosten sind einfach astronomisch. Deshalb wird Elisabeth den Thron ohne mich besteigen müssen. Zähne sind das Einzige, was ich in den nächsten Jahren gekrönt sehen werde. Ich gedenke NICHT, mit dem Bücherkaufen aufzuhören (…)“

(S.88)

Das Buch lebt von der unfassbar pointierten, spitzzüngigen und unglaublich amüsanten Art Hanff’s zu schreiben. Man verfällt schon nach wenigen Zeilen rettungslos dem Witz und der frechen Schreibe dieser Frau mit dem goldenen Herzen, der auch Frank Doel zweifelsohne jede Schnoddrigkeit und jedes sarkastisch-zynische „über die Stränge schlagen“ stets verziehen hat.

Es gibt nur wenige Texte, die auf ähnliche Weise die Spezies BücherliebhaberIn so liebevoll beleuchten und zum Thema machen, wie dieser Briefwechsel, der geradezu strotzt vor Huldigungen und Zuneigung zum Medium Buch. Helene Hanff ist Büchernärrin reinster Ausprägung und findet stets die richtigen und treffenden Worte und Formulierungen, ihrer Bücherliebe Ausdruck zu verleihen.

„Nicht weil es eine Erstausgabe ist – ich habe niemals zuvor ein so schönes Buch gesehen. Irgendwie fühle ich mich schuldig, es zu besitzen. Das schimmernde Leder, die Goldprägung, die schöne Schrifttype, all das gehört in die kieferngetäfelte Bibliothek eines englischen Landhauses. Gelesen werden muss es bei Kaminfeuer in einem Ledersessel – nicht auf einer Secondhand-Couch eines Einzimmerlochs in einem heruntergekommenen Sandsteinhaus.“

(S.32/33)

Da geht es nicht nur um den Zauber von Erstausgaben und edle, schön gestaltete Bücher, sondern auch darum, welches Messer am besten dazu geeignet ist, die Buchseiten aufzuschneiden oder ob es legitim ist, Bücher wegzuwerfen. Fragen und Themen, die bibliophile LeserInnen auch heute in vielem sehr gut nachvollziehen können. Beim Lesen scheint man eine Seelenverwandte gefunden zu haben.

Dieses zauberhafte Büchlein ist der eindrucksvolle Beweis, wie Bücher Brücken schlagen und Menschen über Ozeane hinweg verbinden können. Die geteilte Liebe zu Büchern kann als Gemeinsamkeit Grenzen (und Jahrzehnte) überwinden: eine wunderschöne Erkenntnis. Getragen wird das Buch jedoch nicht nur durch die Liebe zu Büchern, sondern auch durch gelebte Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit. Die menschliche Größe und Großzügigkeit der Autorin und ihrer BriefpartnerInnen ist berührend und beglückend sowie ein lebendiger, schriftlicher Beweis für das Gute im Menschen.

Schön, dass dieser Briefwechsel 1970 von Helene Hanff (1917-1997) veröffentlicht wurde und als Kultbuch zunächst in England und Amerika zum größten Erfolg ihrer Karriere wurde. Und schön, dass mir dieses bezaubernde Werk 2004 eher zufällig in die Hände gefallen ist.

Seit dieser Nacht im Zug hat das Buch nicht nur für immer einen Platz in meinem Herzen, sondern auch einen Ehrenplatz in meinem Buchregal. Eines der Bücher, das bleibt und bleiben wird – und schon damals habe ich mir in jugendlichem Überschwang dazu notiert: „wunderwunderschön“.

Meine Begeisterung für das Buch teilen unter anderem in schönen Besprechungen auch Birgit Böllinger und Bücherkaffee.

Wer meine Herzbowle noch nicht kennt oder neu auf meine Kulturbowle gestoßen ist: hier geht’s zur ersten Folge mit Astrid Lindgren’s sommerlichem Schärenroman „Ferien auf Saltkrokan“.

Buchinformation:
Helene Hanff, 84, Charing Cross Road
Aus dem Amerikanischen von Rainer Moritz
btb
ISBN: 3-442-73129-1

Meine Ausgabe ist – wie beschrieben – schon etwas älter, aber aktuell ist das Buch in einer Ausgabe des Atlantik Verlags erhältlich:

Helene Hanff, 84, Charing Cross Road
Aus dem Amerikanischen von Rainer Moritz
Atlantik Verlag
ISBN: 978-3455650747

Herzbowle

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helene Hanff’s „84, Charing Cross Road“:

Für den Gaumen:
Helene Hanff lässt sich per Brief von einer Mitarbeiterin des Londoner Antiquariat’s das Rezept für Yorkshire Pudding erklären:

„Ich weiß nicht recht, wie ich es jemandem beschreiben soll, der das nie gesehen hat, aber ein guter Yorkshire-Pudding schwillt mächtig an und wird braun und knusprig, und wenn man hineinschneidet, sieht man, dass er innen hohl ist.“

(S.38/39)

Ein Rezept zum Nachbacken hierzu gibt es auch auf Sandra’s Blog adecentcupoftea.

Zum Weiterschauen:
Es gibt eine Verfilmung von „84, Charing Cross Road“ aus dem Jahr 1987 mit Ann Bancroft und Anthony Hopkins in den Hauptrollen. Der Film ist mir bisher noch nie in den Fernsehprogrammen aufgefallen, sonst hätte ich ihn vielleicht schon mal angesehen. Wobei er bei mir – wie meist bei Literaturverfilmungen – vermutlich einen schweren Stand hätte, da ich mir nur schwer vorstellen kann, wie der Zauber dieses Briefwechsels sich filmisch umsetzen lässt.

Zum Weiterlesen:
Die weiteren Bücher von Helene Hanff kenne ich noch nicht, aber aus gegebenem Anlass sind jetzt auch mal „Die Herzogin der Bloomsbury Street“ und „Briefe aus New York“ auf meinen Wunschzettel gewandert. Vielleicht warten mit diesen beiden ja noch weitere Herzensbücher auf mich.

Helene Hanff, Die Herzogin der Bloomsbury Street
Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
Atlantik
ISBN: 978-3455600223

Helene Hanff, Briefe aus New York
Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
Atlantik
ISBN: 978-3455005653

Norwegischer Freiheitssommer

Heute mache ich mit meiner Europabowle bzw. literarischen Europareise Station in Norwegen und zwar in der wunderschönen Hauptstadt Oslo. Die Autorin Toril Brekke entführt uns mit ihrem Roman „Ein rostiger Klang von Freiheit“ ins ereignisreiche und turbulente Jahr 1968. Nur wenige Jahreszahlen wecken sofort ähnlich intensive Assoziationen.

Agathe steht kurz vor dem Abitur und lebt gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Morten bei ihrem Vater. Die Mutter – eine Jazzsängerin – hat die Familie vor einigen Jahren im Stich gelassen und hat sich mit einem Bassisten nach Kopenhagen abgesetzt. Die Kinder leiden darunter, keinerlei Kontakt zur Mutter zu haben – die Unverbindlichkeit der Beziehungen in ihrem Leben sind belastend. Sie suchen nach Nähe und Verlässlichkeit – doch beide auf unterschiedliche Art und Weise.

1968 ist ein politisch aufgeheiztes Jahr und auch Agathe und ihre Freunde gehen auf die Straße und beginnen sich mehr und mehr mit Politik zu beschäftigen. Einige ihrer Schulkameradinnen und -kameraden beschließen sogar, die Schule zu verlassen und auf ein neues Versuchsgymnasium zu wechseln.

Und auch Agathe beschließt schließlich auf eigene Faust heimlich – ohne ihren Vater oder die Großeltern zu informieren – ihrem traditionell-konservativen Gymnasium den Rücken zu kehren und ihr Abitur auf der neuen Schule, die nach Summerhill-Prinzipien gestaltet ist, zu machen. Sie taucht ab in eine völlig andere Welt: Hier streichen Schüler selbst die Räumlichkeiten, sollen freiwillig die Schule besuchen und lernen – weniger Zwänge, mehr Selbstbestimmung und Eigeninitiative.

Doch in Agathe’s Leben ändert sich nicht nur die Schulform, sondern als ein Bekannter ihr für einige Monate seine Wohnung überlässt, zieht sie auch von zu Hause aus. Sie verdient sich an einer Würstchenbude eigenes Geld. Sie verliebt sich. Ihren Bruder und die Familie sieht sie nur noch selten – 1968 wird für sie das Jahr der Freiheit und der Veränderung.

„Was ist so komisch?, fragte Onkel Jacques.
Dass es einen Unterschied gibt zwischen Freiheit und Freiheiten, sagte Leon.
Ich erklärte, Freiheit sei Freiheit. Freiheiten dagegen könnten Beleidigungen sein, sogar Übergriffe. Es gibt Leute, die glauben, sie hätten die Freiheit, andere schlecht zu behandeln, sagte Leon.“

(S.317/318)

Es gibt viele Heimlichkeiten und Abgründe in Agathe’s Familie. Da wurde vieles totgeschwiegen und verdrängt. Dunkle Familiengeheimnisse kommen nach und nach ans Licht, die das Leben der Geschwister entscheidend verändern und dazu führen, dass sie viele Ereignisse der Vergangenheit besser verstehen.

Die ganz große Stärke in meinen Augen ist die regelrecht spür- und greifbare, dichte Atmosphäre des Romans, die Toril Brekke – mit feinem Blick und sensiblem Gespür für Stimmungen und Milieus – erschafft. 1949 als Tochter eines Dichters in Oslo geboren und in Künstlerkreisen aufgewachsen, kann sie für diese Schilderungen wohl sicher auf ihren persönlichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Denn 1968 war sie 19 Jahre alt – in einem ähnlichen Alter wie ihre Heldin Agathe.

Der Roman atmet in jeder Zeile die Luft der 68er: Es geht um Jugendkultur, Musik, Bücher und Lebensstil. Die hitzigen politischen Diskussionen, die aufgeheizte Stimmung in Studentenkreisen, Proteste gegen den Vietnamkrieg, Demonstrationen – das ist der zeitliche Hintergrund und die Bühne, auf der Brekke ihre Geschichte ansiedelt.

Im Mittelpunkt stehen junge Menschen, die aus- und aufbrechen wollen, die Freiheit und Wahrheit suchen, auch wenn dies manchmal mit Schmerzen einhergeht.

„Er hat etwas über Freiheit gesagt, meinte Oma, dass die Freiheit, die sich jemand nimmt, für jemand anderes Schmerz bedeuten kann.“

(S.213/214)

Denn Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Und eine Entscheidung für etwas oder jemanden zu treffen, bedeutet oft auch sich gegen etwas Anderes oder jemanden entscheiden zu müssen.

Auch Agathe selbst, die immer noch darunter leidet, dass ihre Mutter sie so früh verlassen und im Stich gelassen hat, muss nun selbst erfahren, was es bedeutet, Brücken abzubrechen und Beziehungen zu vernachlässigen. Brekke’s Charaktere sind Menschen aus Fleisch und Blut, haben Stärken und Schwächen – das macht sie so lebensnah und authentisch. Deshalb liest sich die Geschichte ausnehmend glaubhaft, flüssig und spannend, denn es geht um wahrhafte Menschen – niemand ist vollkommen.

Ein wirklich packendes und grandioses Buch, das den Zeitgeist perfekt einfängt und eine Familiengeschichte mit viel Licht und Schatten erzählt – ohne jedoch destruktiv oder hoffnungslos zu sein. Vielmehr erlebt man Aufbruch und Blick nach vorn – ob bei Agathe oder ihrem Bruder Morten. Beide suchen und gehen ihren Weg, auch wenn er stellenweise steinig ist.


Eine weitere Besprechung gibt es auf Zeichen & Zeiten.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz, nach Spanien, Slowenien, Frankreich und Schweden geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag STROUX edition, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Toril Brekke, Ein rostiger Klang von Freiheit
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
STROUX edition
ISBN: 978-3-948065-22-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Toril Brekke’s „Ein rostiger Klang von Freiheit“:

Für den Gaumen:
Während Agathe bei gemeinsamen Café-Besuchen mit Freunden eher bodenständig bei Heißwecken (hier gibt es übrigens ein schönes Rezept auf Jeanny’s Blog Zucker, Zimt und Liebe) und Cola bleibt, gibt es bei der etwas mondäneren Einladung durch den Großvater „Räucherlachs, Rührei und einen Chablis“ (S.216).

Zum Weiterhören:
Agathe’s kleiner Bruder wird mit seinen Freunden zum glühenden Beatles-Verehrer und trägt stolz seine selbstgenähte Seargant Pepper-Jacke. Das Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ ist 1967 erschienen und enthält unter anderem die Songs „Lucy in the Sky with Diamonds“, „With a little help from my friends“ oder aber auch „When I’m Sixty-Four“.

Zum Weiterlesen (I):
Agathe liest gerne und viel. Von ihrer Cousine Madeleine, die in Frankreich lebt, hat sie Françoise Sagan’s Roman „Bonjour tristesse“ (1954) geschenkt bekommen – eine Bildungslücke, die ich vielleicht auch mal schließen sollte.

Françoise Sagan, Bonjour tristesse
Aus dem Französischen von Rainer Moritz
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548290836

Zum Weiterlesen (II):
Der stumme Frühling“ von Rachel Carson aus dem Jahr 1962 gilt für viele als wichtiges Werk und Initialzündung der Umweltbewegung. Auch Agathe kommt im Roman mit dem Werk in Berührung. Leider hat das Sachbuch auch nach 60 Jahren noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt, warum sich eine Lektüre wohl auch heute noch lohnen würde:

Rachel Carson, Der stumme Frühling
Aus dem Amerikanischen von Margaret Auer
C.H.Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-73177-8

Gefühlsstürme und Naturgewalten

Eine lange, interessante Reise durch das Norwegen des 14. Jahrhunderts geht mit dem dritten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie von Sigrid Undset „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ für mich nun zu Ende. Noch einmal habe ich mich durch die flüssige, stimmige und zeitgemäße Übersetzung von Gabriele Haefs in den Bann ziehen und in eine längst vergangene Zeit entführen lassen.

„Erlend hatte das alles nie von ihr verlangt. Er hatte sie nicht geheiratet, um sie in Not und Mühsal zu führen, er hatte sie geheiratet, damit sie in seinen Armen schlafen könnte.“

(S.38)

Der dritte Band meint es nicht gut mit Kristin. Nachdem sich ihr Gatte Erlend von ihr zurückgezogen hat und nun alleine auf einem einsamen Bergbauernhof getrennt von ihr und den zahlreichen Söhnen haust, muss sie alleine auf dem Hof zurechtkommen. Es kriselt gewaltig in der Ehe, die einst aus einer stürmischen Liebesbeziehung entstanden war und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte. Die Trennung und die damit verbundene Schmach in der Öffentlichkeit machen ihr schwer zu schaffen.

„Er, der ewig Ruhelose, schien nun immer ruhig zu sein. Wie ein Bach, der irgendwann auf einen steilen Felshang stößt und sich beugen lässt, in Moor und Grasschwaden schließlich versickert.“

(S.23)

Es gibt das geflügelte Wort: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen. Dies trifft in „Das Kreuz“ auch auf Kristin und ihre Söhne zu. So muss sie zusehen, wie sich Geschichte wiederholt und akzeptieren, dass sie es ihren Kindern nicht ersparen kann, teilweise die selben Fehler zu machen wie sie selbst.
Und auch ihr einstiger Verlobter, lebenslanger Beschützer und Freund Simon Andressohn, der dieses Mal einen großen Part im Roman bekommt, macht ihr Sorgen.

„Und jetzt begriff die Tochter, dass der Sinn ihrer Mutter vollgeschrieben gewesen war mit Erinnerungen an die Tochter, Erinnerungen an Gedanken über das Kind aus der Zeit, als es ungeboren war, und aus den Jahren, von denen Kinder nicht mehr viel wissen, Erinnerungen an Furcht und Hoffnung und Träume, von denen Kinder niemals wissen, dass sie für sie geträumt worden sind, ehe ihre eigene Zeit kommt, um insgeheim zu fürchten und zu hoffen und zu träumen.“

(S.464/465)

Das zentrale Motiv, das für mich bei der Lektüre besonders deutlich zu Tage trat, ist das des Loslassens. Kristin muss zusehen, wie ihre Söhne flügge werden, ihre eigenen Wege gehen, eigene Fehler machen und sie muss lernen, dass sie ihre Kinder nicht vor allem beschützen kann. Die Löwenmutter muss ihre Jungen selbstständig in die Welt ziehen lassen – ein schmerzhafter Prozess, der ihr besonders schwer fällt. Und zweifelsohne ein vollkommen zeitloser Gedanke, den auch heutige Eltern sicherlich gut nachvollziehen können.

„In ihrer Jugend hatte sie sich der Welt hingegeben, und je mehr sie in den Netzen der Welt gezappelt hatte, um so fester hatte sie sich an diese Welt gebunden und dort gefangen gefühlt.“

(S.208)

Auch und gerade im letzten Band muss Kristin sich von vielen geliebten Menschen verabschieden, loslassen und trauern. Am Ende sucht sie Zuflucht im Glauben und im Kloster. Wie schon durch den Titel „Das Kreuz“ (Korset) erahnbar spielen religiöse Motive und Gedanken eine große Rolle in diesem Finale der Trilogie. Das Hadern mit Aberglaube und Glaube, dem Aufeinanderprallen von eher heidnisch geprägten Ritualen und dem katholischen Glauben mit dem spirituellen Zentrum im eindrucksvollen Nidarosdom: Sigrid Undset, die 1924 nach der Veröffentlichung ihrer Trilogie selbst zum katholischen Glauben übertrat, setzte sich in ihrem Leben und ihrem Werk intensiv mit dem Thema Religiosität und Glaube auseinander. Dies wird bei der Lektüre von „Das Kreuz“ nochmals sehr deutlich und bewusst. Auch Kristin durchlebt schwere Zeiten und erfährt viel Leid. Sie verliert liebe Menschen, Weggefährten und sogar Kinder – so trägt sie gerade im letzten Band ihr ganz persönliches Kreuz, dem sie sich durch Zuwendung zum Glauben zu stellen versucht.

Während der Lektüre hat mich ein Gedanke immer wieder mit voller Wucht getroffen und begleitet: Welches Glück wir doch in vielen Aspekten haben, im Hier und Jetzt und in der heutigen Zeit leben zu dürfen. In einer Zeit, in der moderne Errungenschaften das Leben erleichtern, Medikamente Krankheiten heilen und kurieren können, die früher starke Schmerzen, großes Leid und sogar den Tod bedeutet haben. In einer Zeit, in welcher der medizinische Fortschritt die hohe Sterblichkeit bei Kindern und gebärenden Frauen deutlich reduziert hat. In einer Zeit, in der Frauen andere Möglichkeiten haben und andere Lebensentwürfe leben können. Das Mittelalter und das 14. Jahrhundert waren eine archaische Zeit, in der Naturgewalten und Seuchen wie die Pest sowie Hungersnöte Lebensläufe geprägt haben – Sigrid Undset’s Trilogie führt das sehr klar vor Augen.

Und doch gibt es in den Romanen auch zeitlose, immerwährend aktuelle Werte und Motive wie Freundschaft, Liebe, Trennungen, Familienbande und Elternschaft, Krankheit, Tod und Trauer. Die Gefühlswelt, die Undset beschreibt, ist heute keine andere als damals und Blut ist immer noch dicker als Wasser. Die Menschheit ist immer noch und wieder stark zunehmend Naturgewalten und -katastrophen ausgesetzt. Gerade deshalb ist die Lektüre der Geschichte von Kristin Lavranstochter auch heute noch empfehlens- und lohnenswert.

Und so blicke ich nach drei Bänden jetzt dankbar zurück auf eine hoch interessante, literarische Reise durch das mittelalterliche Norwegen, die mir sprachlich und literarisch durch die feine, moderne Übersetzung von Gabriele Haefs großen Genuss und zudem einige wertvolle Denkanstöße beschert hat.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 21) auf der Liste: Ich möchte ein dickes Buch (lt. Definition von Nordbreze > 500 Seiten) lesen. Auch wenn Sigrid Undset als Literaturnobelpreisträgerin sich auch für Punkt 16) auf meiner Liste geeignet hätte (hier habe ich aber noch ein paar andere Pfeile im Köcher bzw. ein paar Bücher auf meinem Stapel), habe ich mich aufgrund der über 560 Seiten doch für diese Kategorie entschieden. Denn das Buch ist schon ein richtiger Schmöker und hat mich eine Weile beschäftigt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Das Kreuz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62301-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“:

Für den Gaumen:
Bei den beschriebenen Festen und Gelagen scheint der Fokus meist mehr auf den Getränken gelegen zu haben, denn da fließt häufig „Bier und Met (…) in Strömen“ (S.460).

Zudem wird beschrieben, dass es auch bei der Versorgung mit Nahrung gute und schlechte Zeiten gab:

„Auch zu Kristins Zeit war es vorgekommen, dass die Leute Hering essen mussten, der sauer geworden war, Fleisch so gelb und zäh war wie Kienspäne, und auch verdorbenes Fleisch. Aber damals hatten alle gewusst, dass die Hausfrau das bei einer anderen Mahlzeit mit besonderen Leckerbissen wettmachen würde, mit Milchgrütze oder frischem Käse und mit gutem Bier, wie es das sonst im Alltag nicht gab.“

(S.473)

Zum Weiterlesen (I) bzw. vorher lesen:
Da es zwar möglich, aber nicht wirklich ideal ist, bei einer Trilogie mit dem letzten Band zu beginnen, empfehle ich interessierten Lesern definitiv mit dem ersten Teil zu starten: „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ – hier erfährt man, wie die stürmische Liebesgeschichte zwischen Kristin und Erlend ihren Anfang nimmt (und hier geht es zu meiner Rezension).

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Im zweiten Band „Kristin Lavranstocher – Die Frau“ erlebt Kristin die ersten Ehejahre, Geburten und Mutterschaft und übernimmt Verantwortung für ihr Leben und ihre Nachkommen (auch diesen Band habe ich auf der Kulturbowle vorgestellt):

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Sagenhaft

Meine Lektüre liegt schon ein wenig zurück, aber ich möchte Euch meine Eindrücke zu diesem wahrlich sagenhaften Buch nicht vorenthalten. Es geht um Stephen Fry’s „Mythos – Was uns die Götter heute sagen“. Wer mal so richtig schallend lachen und zugleich sein Wissen über Götter, Titanen, Nymphen, den Olymp und alles was sonst noch so dazugehört auffrischen möchte, dem kann ich diesen ersten Band der „Mythos“-Trilogie uneingeschränkt ans Herz legen.

Nachdem ich vor kurzem Stephen Fry im Zusammenhang mit dem Musical „Me and my girl“ von Noel Gay begegnet war, wollte ich mir endlich auch selbst meine eigene Meinung über das vielfach gelobte Werk „Mythos“ machen. Und was soll ich sagen? All die Lobeshymnen hat er und das Buch wahrlich verdient. Es ist großartig.

Es wird schnell klar, dass Stephen Fry ein großer Kenner der Mythologie ist, denn man muss die Sagen und Geschichten wirklich sehr gut kennen, um sie so souverän und witzig erzählen zu können.

„Nur ein- oder zweimal ist sterblichen Liebenden in der griechischen Mythologie ein glückliches Ende vergönnt. Es ist vielleicht diese Hoffnung, die uns anspornt, zu glauben, dass unsere Jagd nach dem Glück nicht vergebens ist.“

(S.391)

Die Lektüre ist ungemein lehrreich: So erfährt man unter anderem, warum Krähen schwarz sind, wie der Pfau seine Augen und die Biene ihren Stachel bekam, was Granatapfelkerne mit den Jahreszeiten zu tun haben oder wie die Sahara entstand.

„Zeus wurde, wie die meisten vielbeschäftigten und wichtigen Wesen, ungeduldig angesichts von Pingeligkeit und Selbstmitleid. Diese alberne Kreatur, dieser fliegende Punkt beansprucht einen tödliche Stachel? Ernsthaft? Nun gut, er würde es ihr zeigen.“

(S.95)

Und wer das alles schon weiß und die Geschichten schon kennt?
Der hat sie sicherlich noch nie auf so witzige Art und Weise erzählt bekommen und so noch nie gehört. Denn den Göttern und Titanen ist nichts Menschliches fremd und Fry’s direkte und spritzige Art, dies in zeitgemäße, moderne Worte zu kleiden, sucht seinesgleichen.

„Smyrnas Baby wuchs zu einem Jungen von unvergleichlicher Schönheit heran. Meine Güte, ich habe dies zu oft geschrieben, um noch glaubwürdig zu sein. Aber es ist wahr, dass jeder, der ihn anschaute, für immer hin und weg war, und es ist auch wahr, dass sein Name bis heute als Inbegriff männlicher Schönheit gilt.“

(S.359)

Nach der Lektüre ist man erst einmal gewappnet mit ein wenig lustigem Angeberwissen für den Smalltalk auf der nächsten Party, auch wenn man bei der Detailfülle sicherlich nicht alles behalten kann. Ein bisschen was bleibt sicherlich hängen und man kann ja jederzeit mal wieder Nachschlagen.

Das Schöne ist aber auch, dass man nebenbei viel darüber erfährt, wie sehr sich diese Mythen in Kunst und Kultur, Theater, Oper, bildender Kunst und Malerei etc. bis heute niedergeschlagen haben. Die Stoffe sind in unserem Leben allgegenwärtig. Wenn man auf so lustvolle Weise quasi im Vorbeigehen sein Wissen auffrischen und erweitern kann, ist das einfach wunderbar.

Versehen mit einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis, vielen erläuternden Fußnoten, die Brücken schlagen zu Kunst und Kultur und einem Mittelteil, der zahlreiche farbige Abbildungen von Kunstwerken und Gemälden mit mythologischen Szenen enthält, ist es zudem – neben allem Jux – wirklich auch ein Werk, in dem man mal kurz etwas nachschlagen kann.

„Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Heathcliff und Catherine, Sue Ellen und J.R. – die berühmten tragischen Liebespaare, die wir kennen, zollen alle der großen griechischen Tradition Tribut, die ihnen vorausging.“

(S.377)

Ein prächtiges, opulentes und überbordendes Buch voller Komik und Witz im besten Sinn. Wer britischen Humor mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Fry ist tatsächlich das Kunststück gelungen, all diese Geschichten so kurzweilig und amüsant zu erzählen, dass man gerade so durch die Seiten fliegt. Das hat nichts Angestaubtes und alle, die vielleicht mit so manch schlechten Erinnerungen an lange Lateinstunden zurückdenken, sollten sich wirklich nicht abschrecken lassen.

Es ist wirklich ein Buch für all jene, die bisher Angst vor Sagen, Mythen und vermeintlich „trockenen“ Stoffen hatten: „Mythos“ ist keine Spur langweilig, sondern ein echter Glücksfall und grandiose Unterhaltung vom Feinsten. So charmant und menschlich wurden einem Götter und Titanen selten nahegebracht. Ich freue mich jetzt schon auf die folgenden Bände – herrlich!

Buchinformation:
Stephen Fry, Mythos – Was uns die Götter heute sagen
Aus dem Englischen von Matthias Frings
atb
ISBN: 978-3-7466-3732-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Stephen Fry’s „Mythos – Was uns die Götter heute sagen“:

Für den Gaumen:
Auch zu kulinarischen Genüssen gibt es Mythen in Stephen Fry’s Buch:
So erhält Melissa für ihren Beitrag zum „Kochwettbewerb“ anlässlich der Hochzeit von Aphrodite und Hephaistos den ersten Preis:

„Sie brachte den Göttern eine sehr kleine Amphore dar, die fast bis zum Rand mit einem zähflüssigen, bernsteinfarbenen Sirup gefüllt war. (…) Aber in dem kleinen Gefäß befand sich kein Kiefernharz, sondern etwas ganz anderes. Etwas Neues, cremig, ohne klebrig zu sein, dickflüssig, aber nicht zäh, süß, aber nicht überzuckert und mit eine Geruch der alle Sinne betörte. Melissa’s Name dafür war „Honig“.“

(S.93)

Zum Weiterhören oder für einen Opernbesuch:
Auch in der Opernwelt zahlt es sich aus, ein wenig mythologische Grundbildung zu haben, so erzählt Stephen Fry unter anderem auch die Geschichte von „Philemon und Baucis“ – ein Stoff, den Charles Gounod zu eine Oper vertonte, die 1860 uraufgeführt wurde.

Zum Weiterlesen (I):
Im September 2022 erscheint der zweite Band der Mythos-Trilogie „Helden – Die klassischen Sagen der Antike neu erzählt“ als Taschenbuch und der dritte Band „Troja – Von Göttern und Menschen, Liebe und Hass“ im Oktober 2022 als gebundene Ausgabe. Ich werde auf alle Fälle dran bleiben, zumal es sich wirklich um erstklassige und lehrreiche Unterhaltung handelt:

Stephen Fry, Helden – Die klassischen Sagen der Antike neu erzählt
Aus dem Englischen von Matthias Frings
atb
ISBN: 978-3-7466-3975-8

Zum Weiterlesen (II):
Mythologische Stoffe und Sagen halten gerade auch wieder verstärkt in der aktuellen Literatur Einzug. So hat mich auch Madeline Miller’s „Ich bin Circe“ wirklich begeistert – letzten Sommer habe ich den Roman hier auf der Kulturbowle vorgestellt:

Madeline Miller, Ich bin Circe
Aus dem Amerikanischen Englisch von Frauke Brodd
Eisele
ISBN: 978-3-96161-095-2

Französisches Krimiamusement

Schon vor einiger Zeit – die Rezensionen haben sich ein wenig aufgestaut – habe ich zwei sehr amüsante und unterhaltsame Frankreich-Krimis gelesen. Einen Maigret-Klassiker von Georges Simenon und einen aktuell erschienenen neuen Lacroix-Band, der sich im besten Sinne vom großen Altmeister hat inspirieren lassen: Alex Lépic’ neuester Fall „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“ und Georges Simenon’s „Maigret amüsiert sich“ – im Doppelpack gelesen wirklich ein kurzweiliger und feiner Krimigenuss mit viel französischem Flair. Oh là là!

Die Lacroix-Reihe hat sich bei mir mittlerweile zu einem erfreulichen Lesepflichttermin entwickelt – ich komme an keiner Neuerscheinung mehr vorbei: Auch hier auf der Kulturbowle hatte ich schon „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ und „Lacroix und das Sommerhaus von Giverny“ vorgestellt.
Jetzt geht es also an die Seine in die Nähe von Notre-Dame und in das Milieu der Bouquinistes. Schon mal ein schöner Schauplatz, an dem sich Bücherliebhaber wie ich durchaus wohl und heimisch fühlen.

Lacroix muss in einem Mordfall ermitteln, denn ein Bouquiniste wurde tot aufgefunden und plötzlich merkt der Commissaire, dass für die Buchhändler an der Seine nicht immer die Sonne scheint. Auch dort wird mit harten Bandagen gekämpft und das Geschäft ist weit weniger romantisch als es zunächst erscheinen mag.
Bei seinen Ermittlungen befragt er auch ein Unikum der Szene: Den blinden Buchhändler, der ohne zu Sehen jedem das perfekte Buch empfiehlt.

„Er ist eine lebende Legende. Er erkennt die Kunden und ihre Charaktere an ihrem Gang und sucht ihnen dann aus seinem riesigen Angebot ein Buch aus, das zu ihnen passt. Keiner weiß, wie er das macht – aber sein Gefühl trügt nie. Man sagt, das Buch, das er einem schenke, habe das Zeug dazu, das Leben des Beschenkten zu verändern.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, S.73)

Ärgerlich ist nur, dass sein Stammlokal das Chai de L’Abbaye, in dem er sich sonst gerne auch mit seinem Bruder, der Priester ist, auf ein Schwätzchen und meist befruchtenden Gedankenaustausch trifft, gerade renoviert wird und geschlossen hat. So muss er doch tatsächlich in der Pariser Gastro-Szene auf Entdeckungstour gehen und auf andere Lokalitäten ausweichen.

Bei diesem Krimi bekommt man definitiv ganz viel Paris: Man hört das Akkordeon der Straßenmusikanten im Hintergrund, stöbert in der Auslage der Bouquinistes an der Seine und sieht und riecht die blühenden Bäume – denn es ist Frühling. Ein Buch mit der Leichtigkeit eines Urlaubstags, welches das Leben für einen Moment unbeschwerter macht! Französische Krimischwerelosigkeit, die gut tut.

Ähnlich wohltuend und unterhaltsam ist auch Georges Simenon’s 50. Fall für Commissaire Maigret: „Maigret amüsiert sich“.

„Die Zeitungsmeldung hatte seinem Urlaub einen Sinn gegeben, und er war nicht versucht, in sein Büro zu gehen und die Sache in die Hand zu nehmen. Diesmal war er nur Zuschauer, und die Situation amüsierte ihn.“

(aus Georges Simeon „Maigret amüsiert sich“, S.20/21)

Maigret soll endlich mal ausspannen, seine Reisepläne zerschlagen sich und so verbringt er die freien Tage mit Madame Maigret zu Hause in Paris. Sie genießen die ruhigen Tage, spazieren durch die Stadt wie Touristen, speisen auswärts und besuchen Restaurants, die sie schon lange einmal ausprobieren wollten. Und ganz nebenbei erfährt der Kommissar von einem Mord im Ärztemilieu und beginnt zum Zeitvertreib heimlich und nur anhand der verfügbaren Zeitungsmeldungen und aufgrund von Presseberichten zu ermitteln. Ohne Stress zieht er im Hintergrund seine Strippen und schaut einfach mal, ob seine Kollegen auch ohne ihn klar kommen.

„Maigret besaß auch ein Radio, kam aber nie auf die Idee, es anzustellen.“

(aus Georges Simeon „Maigret amüsiert sich“, S.36)

Mittels Zettelchen und Briefchen nimmt Maigret Einfluss auf die Ermittlungen, mischt sich quasi anonym ein und hat einen Riesenspaß dabei. Schon durch diese ungewöhnliche Situation – Maigret hat Urlaub, sitzt zu Hause und ermittelt quasi durch Zeitunglesen und Ferndiagnose – hat dieser Band für mich einen besonderen Reiz.

Ich bin ohnehin immer wieder aufs Neue freudig überrascht, wie zeitlos und unterhaltsam diese Maigret-Krimis auch heute noch sind. Der Band ist immerhin aus dem Jahr 1957 – lange vor meiner Zeit. Das Jahr, in dem der erste Sputnik ins all geschickt, Rosemarie Nitribitt ermordet und Harald Schmidt geboren wird.

Auch dieser Maigret atmet eine gehörige Prise Urlaubsstimmung: gemütlich Zeitung lesen, Flanieren, gut essen – der Kommissar lässt es sich gut gehen und weiß das Leben zu genießen. Und seine Leser sind ähnlich entspannt und vergnügt wie er selbst. Ein grandioser, gemütlicher Maigret für Genießer und Flaneure!

Bei Simenon-Krimis kann man ja ohnehin nichts falsch machen und auch die Lacroix-Reihe ist mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen.
Zudem finde ich auch die Aufmachung des Kampa-Verlags in beiden Fällen sehr gelungen und die Bücher machen sich optisch wirklich ausnehmend gut im Regal. Schön auch, dass sich das Grün der Kisten der Bouquinistes sogar in der Covergestaltung des neuen Lacroix-Bands widerspiegelt.

So bleibt mir noch ein Fazit zu ziehen: Zwei Krimis ganz nach meinem Geschmack und eine Lektüre mit der erwünschten Leichtigkeit, um sich einfach mal gut unterhalten zu lassen und etwas abzuschalten. Savoir Vivre, Lokalkolorit, gepflegte Kultur und Köpfchen statt blutiger Effekthascherei. Die Kulturbowle hat sich auf alle Fälle mit beiden Büchern prächtig amüsiert. Quel plaisir!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 7) auf der Liste: Ich möchte einen Krimi von Georges Simenon lesen. Auch wenn ein Maigret gefühlt ja irgendwie kein Maigret und sowieso immer viel zu schnell vorbei ist, habe ich den Punkt erst einmal abgehakt. Aber nach dem Maigret ist ja bekanntlich vor dem Maigret – ein bisschen was liegt schon noch auf meinem Stapel.

Buchinformationen:
Alex Lépic, Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame
Kampa
ISBN: 978-3-311-12541-9

Georges Simenon, Maigret amüsiert sich
Aus dem Französischen von Hansjörgen Wille, Barbara Klau und Oliver Ilan Schulz
Kampa
ISBN: 978-3-311-13050-5

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen (I):
Commissaire Lacroix ist ein wirklicher Genießer und er liebt die chou farci in seinem Stammlokal bei Wirtin Yvette. Was das ist? Eine gefüllte Wirsingkohlroulade, z.B. gefüllt mit Hackfleisch und Esskastanien.
Zudem braucht er seinen regelmäßigen café serré, um klar denken zu können.
Was das ist? Eine sehr starke Kaffee-Variante bzw. ein Espresso, der mit der Hälfte des Wassers zubereitet wird – in Italien auch Ristretto genannt.

Für den Gaumen (II):
Und auch im Hause Maigret duftet es nach Essen, und zwar nach Kalbsbraten und Sauerampfer. Oder aber es gibt ein Glas Calvados und gegrillte Andouillette mit Pommes frites. Gehungert wird also auch beim Original sicher nicht.

Zum Weiterhören:
Beim Titel „Maigret amüsiert sich“ musste ich ständig an „Le roi s’amuse“ von Leo Délibes denken – schöne, feierliche Musik. Aber natürlich auch ein Theaterstück von Victor Hugo, das Grundlage für Giuseppe Verdi’s Oper Rigoletto wurde.

Zum Weiterlesen (I):
In einem Krimi, der sich um die Bouquinistes an der Seine dreht, gibt es natürlich unweigerlich auch Bezüge zu Literatur und Büchern. Und da Paris ja bekanntlich auch für Hemingway ein Fest war, bietet sich unter anderem ein Werk des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 1954 an:

Ernest Hemingway, Der Garten Eden
Übersetzung von Werner Schmitz
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499226069

Zum Weiterlesen (II):
Aber auch ein eher unbekanntes Werk wird gar von einem Bouquinistes verschenkt:

Hôtel du Nord ist in Frankreich nicht sehr bekannt, dabei ist es eine Liebeserklärung an den Pariser Norden, ein Werk über den Canal Saint-Martin, über seine raue Vergangenheit und eine Ode an eine längst vergessene Bar, die Geschichte von rauen, einfachen, aber allzu menschlichen Parisern, erzählt von Eugène Dabit. Hier nehmen Sie es, ich schenke es Ihnen.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, S.120)

Eugène Dabit, Hôtel du Nord
Aus dem Französischen von Julia Schoch
Schöffling
ISBN: 978-3-89561-166-7

Glitzerndes Berlin

Nicht erst seit Babylon Berlin üben die 20er und 30er Jahre und das pulsierende, schillernde Leben in Berlin eine große Faszination auf Autorinnen und Autoren aber auch auf Leserinnen und Leser aus. Auch mich ziehen Berlin-Romane, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, immer wieder magisch an. Ewald Arenz hat seinen Roman „Das Diamantenmädchen“ bereits 2011 veröffentlicht – lange bevor Volker Kutscher’s Gereon Rath-Romane (2011 gab es lediglich die ersten drei Bände der Reihe) durch die Fernsehserie „Babylon Berlin“ erst so richtig berühmt wurden.

Auch Ewald Arenz hat gerade in den letzten beiden Jahren durch seine (zu Recht) sehr beliebten und erfolgreichen Romane „Alte Sorten“ (hier geht es zu meiner Rezension) und „Der große Sommer“ deutschlandweit sehr an Bekanntheit gewonnen. Doch auch in „Das Diamantenmädchen“ blitzt bereits sein besonderer Stil und die Erzählfreude auf, die mich so begeistert. Ein Schmuckstück, das es sich daher ebenfalls zu entdecken lohnt.

„Berlin war zu einer Stadt geworden, in der die Uhren nicht mehr gemächlich gingen und gewichtig die Stunden schlugen, sondern nervös tickten und unruhig läuteten. Der Verkehr rauschte Tag und Nacht, die Straßenlaternen brannten bis zum Morgen, irgendein Café hatte immer auf. Es war wunderbar, aufregend, spannend – und trotzdem war da etwas von der Gelassenheit der Kaiserzeit verloren gegangen.“

(S.7)

Lilli Kornfeld ist eine aufstrebende und ehrgeizige Journalistin im Berlin der Zwanziger Jahre. Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine tiefe Freundschaft mit Paul van der Laan. Als sie dann für eine ihrer Recherchen im Kriminellenmilieu das Wissen eines Diamantenschleifers benötigt, nimmt sie erneut Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt Paul aus einer Familie von Diamantenhändlern. Schnell flammen alte Gefühle wieder auf, aber auch alte Wunden brechen erneut auf.
Eine flirrende Dreiecksgeschichte entspinnt sich, denn auch der im Mordfall ermittelnde Kommissar Schambacher, findet Gefallen an der reizenden und intelligenten jungen Frau.

Zwischen romanischem Cafè, Bahnhof Zoo und der Bar zum Papagei stellt nicht nur die Polizei ihre Ermittlungen an, sondern auch Lilli versucht, für ihre „Berliner Illustrirte“ eine spektakuläre Geschichte an Land zu ziehen, wenn ihr nur nicht das Gefühlschaos dazwischenfunken würde…

Inhaltlich möchte ich gar nicht zu viel verraten, um die Spannung und die Magie der ersten Lektüre nicht zu zerstören. Man sollte dieses Buch einfach selbst lesen und genießen. Arenz ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Hat man einmal begonnen – kann und will man sich dem Bann der Geschichte nicht mehr entziehen.

Es ist eine strahlende, funkelnde und glitzernde Geschichte über Freundschaft und Liebe, die Traumata des ersten Weltkriegs und über Berlin in den Zwanzigern.
Zudem lernt man viel über Edelsteine, das Schleifen von Diamanten, sowie die Historie einiger besonders bekannter und wertvoller Diamanten, wie z.B. dem Blue Hope.

Aber „Das Diamantenmädchen“ ist auch eine zarte, romantische Liebesgeschichte mit einer melancholischen Note und einiger Wehmut – schließlich haben Krieg und Trennungen unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Und auch eine Prise Krimi hat Arenz noch mit hinein gepackt: so trifft man nicht nur Kommissar Schambacher, der in einem mysteriösen Diamantenmord ermittelt und dessen Wege sich mit Lilli’s kreuzen, sondern auch „Buddha“ Ernst Gennat bekommt seinen Auftritt – den LeserInnen von Volker Kutscher’s Rath-Romanen zweifelsohne ein Begriff.

Man spürt bei der Lektüre die Sorgfalt und die Liebe zu seinen Figuren, die der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Das ist fein beobachtet, mit liebevollen Gesten und Szenen behutsam ausgestaltet und untermauert und liest sich gerade deshalb herzerfrischend und berührend zugleich.

Persönlich finde ich die Aufmachung der gebundenen Ausgabe des Ars Vivendi Verlags ästhetisch sehr gelungen – edel in schwarz-gold mit schwarzem Vorsatzpapier und Lesebändchen – auch optisch ein Augenschmaus. Schön gestaltete Büchern können mich einfach immer wieder begeistern.

Für mich war „Das Diamantenmädchen“ daher ein gefühlvolles, schwelgerisches, literarisches Juwel, das ich sehr gerne gelesen habe. Je mehr ich von Ewald Arenz lese, um so mehr verfalle ich seiner Art zu schreiben, seinen liebenswerten Figuren und seinem feinen Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen.
Bisher allesamt feine, niveauvolle Bücher, die das Herz am rechten Fleck haben und viel Freude machen – ein Glanzstück im Bücherregal!

Buchinformation:
Ewald Arenz, Das Diamantenmädchen
Ars Vivendi
ISBN: 978-3-7472-0043-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ewald Arenz’ „Das Diamantenmädchen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bodenständig zu: bei Sauerbraten und Apfelpfannkuchen als Nachspeise.

Zum Weiterhören:
Bisher nicht live im Theater gesehen habe ich das Musical „Show Boat“, das jedoch als Broadway-Klassiker gilt. Im Buch wird dazu getanzt und Lilli erkennt die Musik sofort:

„Geschirr klapperte leise unter einem schmelzenden Jazzsong. Show Boat, dachte Lilli, und Schambacher, der den Song nicht kannte, dachte, dass er jetzt gerne mit Lilli Kornfeld getanzt hätte. Das Lied klang nach ihr.“

(S.218/219)

Zum Weiterlesen:
Ich habe auf jeden Fall erneut Lust bekommen, mich weiter literarisch mit Berlin zu beschäftigen. So wartet zum Beispiel auch der Klassiker von Christopher Isherwood „Leb wohl Berlin“ schon seit einiger Zeit auf meine Lektüre, der dem Musical „Cabaret“ als Vorlage diente. Dann könnte ich nach den Zwanziger Jahren gleich mit den Dreißigern weitermachen:

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Herzbowle – Ferien auf Saltkrokan

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und heute gibt es etwas Neues hier auf der Kulturbowle, eine neue Serie, die ich plane und in unregelmäßigen Abständen je nach Lust und Laune fortsetzen möchte: die Herzbowle. Und zwar soll es um die Herzensbücher meiner Lesebiografie gehen: Bücher, die mich geprägt, besonders bewegt und berührt haben und mir besonders am Herzen liegen und mich meist schon länger begleiten. Es gibt wenige Bücher, die man mehrfach oder vielleicht sogar immer wieder im Leben liest und bei welchen auch jede Wiederholung erneut ein Genuss ist. Manche Bücher sind gar wie Medizin und helfen in schwierigen Situationen, wenn man Aufheiterung, Trost oder eine Seelenmassage benötigt.

Diese Reihe ist jetzt ein schöner Anlass, diese Lieblingsbücher wieder einmal zur Hand zu nehmen und erneut zu lesen.
Den würdigen Auftakt für meine Herzbowle soll jetzt – passend zum Mittsommerfest – Astrid Lindgren’s „Ferien auf Saltkrokan“ machen. Ein Kinderbuch, das für mich perfekt den Zauber des Sommers und das Feriengefühl der Kindheit eingefangen hat und das daher auf jeden Fall zu meinen liebsten Kinderbüchern zählt.

Ich bin ein Bullerbü-Mädchen und habe keine Vorstellung mehr, wie viele Male ich mir damals die Bullerbü-Bände aus der Stadtbücherei ausgeliehen hatte. Oft – sehr oft – und immer und immer wieder. Erst im Erwachsenenalter erfüllte ich mir dann den Wunsch, diese Bücher selbst im eigenen Buchregal stehen zu haben.
Gleiches gilt für „Ferien auf Saltkrokan“: Schweden, Schären, Sonne und glitzerndes Meer, ein ochsenblutrotes, kleines windschiefes Häuschen – das Schreinerhaus – und ein Familienvater mit vier Kindern – die älteste Malin ersetzt als 19-Jährige den drei jüngeren Brüdern, die bei der Geburt des Jüngsten verstorbene Mutter – der seiner Familie unbeschwerte Sommerferien in der schwedischen Schärenidylle nahe Stockholm schenken möchte.

Nesthäkchen Pelle ist sieben, seine beiden Brüder Johann und Niklas ein paar Jahre älter im besten Lausbubenalter.
Papa Melcher ist Autor und nicht unbedingt handwerklich begabt, aber die patente, zupackende Malin hat ihre Männer und den Haushalt im Griff. Und so verwandelt sich das etwas in die Jahre gekommene kleine Sommerhäuschen schnell zum heimeligen Ferienparadies.

Schon der Empfang am Fähranleger ist herzlich, denn die kleine Tjorven bildet mit ihrem Bernhardiner Bootsmann ein neugieriges Empfangskomitee.
Schnell freunden sich die Melcherson-Kinder mit den einheimischen Inselkindern Tjorven, Stina, Teddy und Freddy an und verleben unbeschwerte Ferientage in der Natur, auf dem Wasser und umgeben von zahlreichen Tieren.

„Nein, ich bin nicht eingebildet, ich freu mich nur, seht ihr, weil der Herrgott auf den Gedanken kam Saltkrokan so zu machen und nicht anders, und weil er dann auf die Idee kam es wie ein Juwel weit draußen am Rand des Meeres hinzulegen, wo es im Frieden gelassen wurde und ungefähr so bleiben durfte, wie er es sich gedacht hatte, und weil ich hierher kommen durfte.“

(S.15)

Da gibt es Hunde, Kaninchen, Robben, Wespen, Lämmchen, Füchse und Fische. Der kleine, tierliebe Pelle schwebt auf Wolke Sieben.
Und doch macht der Siebenjährige auch existenzielle Erfahrungen mit Leben und Tod – Freud und Leid liegt oft nahe zusammen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und auch seine Angst, die große Schwester an einen potenziellen zukünftigen Bräutigam zu verlieren, erhält immer wieder neue Nahrung. Denn so mancher Verehrer kommt zu Besuch…

„(…) nichts sollte sie daran hindern, gerade hier und gerade jetzt mit dem Glücklichsein anzufangen. Denn jetzt war Sommer. Es müsste immer Juni sein und Abend. Verträumt und still wie dieser. Und ohne einen Laut.“

(S.22/23)

Die Familie, die den Verlust der Mutter überwinden musste, hält zusammen wie Pech und Schwefel und ist geprägt von einem sehr liebevollen Umgang miteinander. Die Kinder genießen Freiheiten und lernen doch auch, dass Freiheit auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.
Doch auch wenn die perfekten Ferientage am liebsten niemals enden sollten, findet auch der längste Sommer irgendwann ein Ende – und was bleibt ist die Vorfreude auf die Rückkehr auf die Insel…

Achtsamkeit, Dankbarkeit für die kleinen Dinge und ein harmonisches Leben von Mensch und Tier im Einklang mit der Natur. All das hat Astrid Lindgren mit der Insel Saltkrokan und Familie Melcherson zwischen zwei Buchdeckel gepackt.
Ein zeitloses (Erscheinungsjahr war übrigens 1964) und zutiefst liebenswertes Buch, das nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt, sondern auch Erwachsene immer noch glücklich machen kann.

„Irgendwo tief in mir
Bin ich ein Kind geblieben
Erst dann wenn ich’s nicht mehr spüren kann
Weiß ich, es ist für mich zu spät …“

(aus Nessajas Song von Peter Maffay/Rolf Zuckowski)

Mich hat die erneute Lektüre auf jeden Fall in beste Urlaubs- und Sommerstimmung versetzt, nichts von ihrem Zauber verloren und in diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes Mittsommerfest, das dieses Jahr am 25. Juni in Schweden gefeiert wird! Trevlig Midsommar!

„Nähme ich Flügel der Morgenröte, machte ich mir eine Wohnung zuäußerst im Meer…“

(S.272)

Buchinformation:
Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan
Aus dem Schwedischen von Thyra Dohrenburg
Oetinger
ISBN: 3-7891-4119-4

Herzbowle

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Astrid Lindgren’s „Ferien auf Saltkrokan“:

Für den Gaumen:
Auf einer Schäreninsel gibt es natürlich Fisch – bevorzugt selbst gefangen und mit Liebe zubereitet – wie zum Beispiel Dorsch mit Senfsauce.
Und danach vielleicht Zimtwecken und ein Glas Brause?

Zum Weiterschauen:
Das Bild auf dem Titel meiner Ausgabe stammt aus der Verfilmung bzw. der Serie, die in den Sechziger Jahren entstanden ist und unter dem Titel „Ferien auf der Kräheninsel“ lief. Ich habe diese nie gesehen, da ich mir stets meine eigenen Bilder im Kopf und den Zauber des Buches bzw. des geschriebenen Worts bewahren wollte.

Zum Weiterlesen:
Sicherlich noch häufiger als „Ferien auf Saltkrokan“ habe ich die wunderbaren Geschichten aus Bullerbü gelesen. Sie hätten und haben sicherlich ebenso einen Platz in meiner Herzbowle bzw. im Kreise meiner Herzensbücher verdient:

Astrid Lindgren, Die Kinder aus Bullerbü
Aus dem Schwedischen von Else von Hollander-Lossow und Karl Kurt Peters
Oetinger
ISBN: 3-7891-2945-3