Ist das Kunst?

Wohl jeder von uns ist schon durch Museen oder Ausstellungen geschlendert und hat sich in Kunstwerke vertieft. Doch nicht immer findet man den richtigen Zugang sofort. Nicht alles empfindet man selbst als künstlerisch wertvoll. Oft spalten Kunstwerke die Geister und so manches Mal stellt sich vielleicht auch die Frage: Ist das Kunst? Oder was ist Kunst überhaupt?

In Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“ erschummelt sich die junge Grafikerin Jef ein dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus. Ein leicht aufgemöbelter Lebenslauf ermöglicht ihr den Aufenthalt im Strand Haus, das in einem luxuriösen Urlaubsort in grandioser Bergkulisse liegt. Dort soll sie gemeinsam mit weiteren Stipendiaten aus anderen Kunstrichtungen Zeit und Muße haben, um Kunst zu schaffen, die am Ende bei einer großen Abschlussveranstaltung präsentiert werden soll. Doch Jef, die sich bisher mit schlichten Werbegrafiken und unterbezahlten Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hat, plagen das schlechte Gewissen und die Selbstzweifel, gar nicht in der Lage zu sein, Kunst von wirklichem Wert zu erschaffen.

„Künstlerin zu sein, wenn es niemand sehen kann, ist doch so unsinnig, wie ein Glas Wein in den See zu schütten.“

(S.186)

Als Lehrerkind, das stets unter der Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und der Besserwisserei der Eltern gelitten hat und aus deren normierter Lebensplanung ausbrechen wollte, sehnt sie sich nach Liebe und Wertschätzung. Lediglich bei der mittlerweile verstorbenen Großmutter musste sie nicht funktionieren, sondern konnte unbeschwerte Momente in liebevoller Atmosphäre verbringen. Ein kreatives Leben als Künstlerin erscheint ihr – als Gegenentwurf zum Leben der Eltern – erstrebenswert.

„Dazu haben wir die Kunst, verstehst du? Zum Überleben, wenn wir nichts mehr haben. Wenn deine Umgebung ganz eng wird, dann wird dein Geist ganz weit.“

(S.147)

Jef befindet sich an einem Scheitelpunkt ihres Lebens, den man heute vermutlich als Quarter-Life-Crisis bezeichnen würde. Sie hadert mit sich und ihrem Leben, fühlt sich hilflos. Ihre bisherigen Beziehungen sind gescheitert, eine ihr besonders wichtige Freundschaft ist zerbrochen und beruflich hat sie nichts erreicht, auf das sie stolz wäre. Kann dieses Stipendium, das ihr eigentlich gar nicht zustehen würde, ihrem Leben eine neue Wendung geben oder wird ihre Gaunerei letztlich doch auffliegen? Wie lange kann sie den anderen glaubhaft vorgaukeln, in diese Kunstwelt zu gehören? Und wie in aller Welt soll sie jetzt kreativ sein und wahre Kunst erschaffen? Und was ist das überhaupt?

„Wir machen Kunst. Wir sehen mehr, als zu sehen ist. Wir sehen das Wesentliche. Wir legen unsere Seele mit dazu.“

(S.86)

Schon bald stellt sich im Haus so etwas wie Schullandheimatmosphäre ein. Die Stipendiaten kommen sich bei gemeinsamen Küchenabenden und Flaschendrehen näher. Da sind unter anderem Sunny, die Tänzerin, die beim Essen schmatzt und Oleksii, der nicht einmal weiß, wie man die Spülmaschine bedient. Doch wer ist diese mysteriöse, verwirrte, alte Frau, die hinter einer Schranktür zu hausen scheint, nachts Kuchen und Kekse bäckt, durch die Gänge geistert und von sich selbst offenbar nur in der dritten Person spricht?
Sie scheint wie Jef nicht dazu zu gehören und zwischen den Welten stecken geblieben zu sein. Jef spürt eine Verbindung und versucht dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Fasziniert hat mich Franziska Hauser’s fließende Sprache – selten habe ich mir so viele Textstellen notiert, die zitierenswert wären und aus welchen ich letztlich nur ein paar auswählen konnte. Diese unkonventionelle, ausdrucksstarke Stilistik und die Freude der Autorin am Formulieren, machte für mich ganz klar den Zauber des Romans aus.

„Schwalben zerschlitzten die Luft mit fernen Schreien weit oben. Dieses abendliche Hochsommergeräusch über der ausrollenden Stadt gab Jef das Gefühl, dass es noch ein anderes Recht gab, auf der Welt zu sein, und das unabhängig war von ihrer Arbeitsleistung und ihrer Kaufkraft. Ein Einverständnis mit dem Leben (…)“

(S.234)

Auch dieser Roman hatte für mich etwas von einem Kunstwerk, das sich für mich schwer greifen und auch nicht sofort begreifen ließ. Ein herbes, sperriges und ungewöhnliches Buch über Außenseiter und gebrochene Herzen, das Rätsel aufgibt und wie Kunst auch eine Vielzahl an Aspekten und Deutungsmöglichkeiten für die Leserschaft eröffnet und bereithält. Literatur, die viel Raum für Interpretation und Projektion gibt. Ein Buch, das schwebt, kratzt, verstört und aus einer Welt erzählt, die so weit entfernt und ganz anders ist als meine persönliche Lebensrealität. Auch das kann Kunst sein.

Denn so wie Jef den Blick von außen braucht, brauchen wir vielleicht auch Literatur und Kunst, um unseren Horizont zu weiten und neue Perspektiven in unserem Leben zu erhalten.

„Warum braucht sie jemanden, der ihr zeigt, wie sie das Leben betrachten soll? Warum reicht ihr eigener Blick nicht?“

(S.155)

Einen weiteren Blick bzw. eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Bookster HRO.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Franziska Hauser, Keine von ihnen
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0112-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Franziska Hauser’s „Keine von ihnen“:

Für den Gaumen (I):
Kindheitserinnerungen verbindet Jef mit den Sommerferien bei der Großmutter und sie

„(…) aßen Brötchen, Kräuterquark, Bouletten und Erdbeeren.“

(S.20)

Oleksii – ihr Mitbewohner – scheint sich nahezu ausschließlich von „Schokocreme, Müsli und Bananen“ (S.126) zu ernähren.

Für den Gaumen (II):
So farbenfroh und bunt zusammengewürfelt wie die Künstlertruppe im Strand Haus ist offenbar auch der „Rainbow Cocktail“ (S.239), der bei einem gemeinsamen Barbesuch getrunken wird.

Zum Weiterlesen:
Während der Lektüre von Franziska Hauser’s Roman kam mir wieder in den Sinn, dass ich Julian Barnes’ Werk „Kunst sehen“ schon lange auf meinem Wunschzettel stehen habe. Gerade bei Kunst und Malerei, finde ich es stets auch spannend, über die Literatur noch einmal einen anderen Zugang zu erhalten und mehr Hintergrund zu erfahren.

Julian Barnes, Kunst sehen
Übersetzt von Gertraude Krueger
Kiwi Taschenbuch
ISBN: 978-3462002805

Italienische Sommerglücksgefühle

Vorfreude auf den Sommer und eine große, nie zu stillende Italiensehnsucht – kaum eine Lektüre kann diese beiden Gefühle wohl so intensiv befeuern wie Axel Hacke’s wunderbares neues Buch „Ein Haus für viele Sommer“. Ein lichtdurchflutetes, freundliches und beseelendes Buch, das einen am liebsten sofort die Koffer packen und nach Italien aufbrechen lassen möchte.

Axel Hacke fährt seit über dreißig Jahren mit seiner Familie meist mehrmals im Jahr auf die Insel Elba in ein Ferienhaus, das er liebevoll den „Torre“ nennt und das sich im Familienbesitz befindet. Statt weite Fernreisen zu unternehmen und die entlegensten Winkel der Welt zu entdecken, zieht es ihn jeden Sommer immer wieder dorthin – an den immer gleichen Ort „in das immer gleiche Dorf und das immer gleiche Haus“ (S.33). Warum?

„Nirgendwo anders habe ich so ein deutliches Gefühl für das Verstreichen der Zeit gehabt wie hier im Dorf oder oben auf dem Ripidello, dem Hügel einige Kilometer außerhalb des Dorfes, wo du auf einer uralten Mauer sitzen kannst und zusiehst, wie ein Wind die Olivenblätter leise bewegt und wie die Zeit zusammen mit dem Wind durch die Bäume streicht und dabei langsam verstreicht.“

(S.8/9)

In zahlreichen Kapiteln, Geschichten und Anekdoten erzählt Hacke, was die Magie für ihre ausmacht: die Landschaft, das Meer, das Essen, das Wetter, die Ruhe … aber vor allem und am allermeisten die Menschen.
Sie sind das Herzstück seiner Episoden: und so dürfen wir seine italienischen Freunde, ob Barbesitzer, Handwerker, Automechaniker, Rettungsschwimmer, Maler, Dichter, Lebenskünstler und Philosophen kennenlernen.
Aber wir treffen auch auf Dante’s Ziegen, die einen unersättlichen Appetit haben, auf wasserdurchlässiges Mauerwerk im Torre, das schwer abzudichten ist, erfahren einiges über die Mysterien bzw. die höhere Wissenschaft der italienischen Müllentsorgung und einen alten Cinquecento, der sich als wahre Diva entpuppt.

Zudem hat wohl noch kaum jemand die Magie der Olivenernte und das Pressen des Öls mit solcher Begeisterung und Faszination beschrieben, wie Axel Hacke das in diesem Buch getan hat. Der Stolz auf das erste Öl aus Oliven – von den eigenen Bäumen und von Hand geerntet – sprüht aus jeder Zeile und leuchtet einem entgegen wie das „grüngelbgoldene“ Lebenselixier aus den sorgfältig abgefüllten Flaschen, die als wertvoller Schatz mit nach Deutschland gebracht werden.

Es ist ein Buch über ein Lebensgefühl und über eine lebenslange Liebe, aber zwischen den Zeilen auch über Werte, Haltung und darüber was wirklich wichtig ist im Leben. Themen, die den Autor auch schon in anderen Werken wie „Wozu wir da sind“ oder gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo in „Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist“ beschäftigt haben.

Axel Hacke ist ein grandioser Geschichtenerzähler, der mit unverwechselbarem Charme, warmherzigem Humor und einer ganz großen Liebe zu den Menschen und zum Leben, Momente und Anekdoten zu Papier bringt, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Er verbindet tiefgründige, philosophische Gedanken mit einem selbstironischen, pointierten und intelligenten Witz, der große Freude macht und zum Schmunzeln, Lächeln und Lachen bringt.

Die Lektüre ist gleichsam eine Liebe auf den ersten Blick. Die ersten Sätze, die ersten Absätze, die ersten Seiten – und schon ist man der Erzählkunst Hacke’s und dem italienischen Zauber verfallen. Man möchte sich sofort ins Auto setzen, genau wie er in dieses Dorf auf dieser Insel fahren und die Menschen kennenlernen. Mit ihnen in der Bar sitzen, einen Espresso oder ein Glas Wein trinken, sich die Sonne auf die Nase scheinen lassen und das Leben genießen.

„Heute ist ein Tag, an dem ich nichts tun will. Gar nichts. Ich stelle mir einen Stuhl vor den Torre, direkt neben den Eingang, wo es heute früh noch schattig ist. Und tue nichts.“

(S.145)

Und frei nach Albert Camus denke ich: Wir können uns Axel Hacke als glücklichen Menschen vorstellen. Mögen ihm daher also noch viele Sommer auf Elba in seinem Refugium beschieden sein und er uns weiterhin mit solch wunderbaren Büchern beglücken.

„Wir sitzen da und haben uns ausgelegt und lassen das Leben anbeißen.“

(S.153)

Wer sich nach Italien träumen möchte, eine Prise Glück im Leben gebrauchen kann und sich selbst etwas Gutes tun möchte, der sollte genau dieses Buch zur Hand nehmen, es lesen, genießen und die Zeit verstreichen lassen. Ein Buch das Licht, Helligkeit und Leichtigkeit schenkt, die italophile Seele zum Singen und Tanzen bringt und das man mehrfach und immer wieder lesen kann. Die wunderbare, hochwertige Aufmachung in strahlend azurblauem Leinen tut ein Übriges und bringt die Augen bibliophiler Menschen zum Leuchten.

Für mich sicherlich eines der absoluten Leseglanzlichter in diesem schicksalsschweren Jahr 2022, das mich wirklich restlos begeistert und glücklich gemacht hat.

Auch Elke Heidenreich hat das Buch von ganzem Herzen empfohlen, wie man in diesem knapp 5-minütigen WDR-Podcast nachhören kann.

Buchinformation:
Axel Hacke, Ein Haus für viele Sommer
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-483-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Axel Hacke’s „Ein Haus für viele Sommer“:

Für den Gaumen:
Was wären die Urlaube in Italien ohne kulinarische Köstlichkeiten? So schlägt ein italienischer Freund des Autors als Abendessen zum Beispiel „Spaghetti alla bottarga“ vor – Pasta mit Meeräschenrogen – ein Gericht, das ich persönlich noch nicht probiert habe. Oder doch lieber einen Branzino (Wolfsbarsch) vom Grill?

Zum Weiterhören (I):
Seit ich blogge und mir bewusst die musikalischen Querbezüge und Inspirationen meiner Lektüren notiere, bemerke ich, wie häufig in Italien-Büchern der Sänger Fabrizio De André auftaucht. Erst vor kurzem bei Gesuino Némus’ Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“ war er mir wieder untergekommen und jetzt also auch bei Axel Hacke: Er erwähnt und zitiert ein berühmtes Stück von ihm namens „Le nuvole“ – die Wolken.

Zum Weiterhören (II):
Wer gerne aus dem Munde des Autors selbst mehr über seine Beziehung zum Sommerhaus auf Elba, zu Italien und darüber hinaus erfahren möchte, was für Axel Hacke ein gelungenes Wochenende ausmacht, dem kann ich die Folge des ZEIT-Podcast „Was machst du am Wochenende“ sehr empfehlen, bei der er zu Gast war – eine kurzweilige, gutgelaunte Stunde gepflegte Unterhaltung, die auch Lust auf dieses Buch macht.

Zum Weiterlesen:
Axel Hacke gibt auch Anregungen auf weiterführende italienische Lektüre, so ist er ein bekennender Fan der Montalbano-Krimis des großen Andrea Camilleri, nimmt Bezug auf Giovannino Guareschi und seine berühmten Geschichten um „Don Camillo und Peppone“ und er weckte meine Neugier auf einen weiteren Roman, der sich mit dem Schicksal eines sardischen Jungen beschäftigt: Gavino Ledda’s Roman „Padre Padrone“.

„Und ich, der ich solche Armut nur aus Büchern kenne, erzähle, dass ich gerade Padre Padrone von Gavino Ledda gelesen habe. Auch die Verfilmung durch die Gebrüder Taviani habe ich gesehen. Die Geschichte eines Jungen, der kaum dass er ein paar Tage in der Schule gewesen ist – vom Vater dort abgeholt wird, weil der ihn als Ziegenhirte braucht, und weil der Alte das, was der Junge in dieser Schule lernt, als nutzloses Zeug verachtet.“

(S.263)

Gavino Ledda, Padre Padrone
Aus dem Italienischen von Heinz Riedt
dtv
ISBN: 978-3-423-13121-6

Preußlers Geschichte hinter den Büchern

Die Werke Otfried Preußler’s begleiten mich bereits seit frühester Kindheit und sind fester Bestandteil meines Leselebens. Daher war für mich sofort klar, dass ich die gerade erschienene Biographie „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ des Literaturprofessors Carsten Gansel unbedingt bald lesen möchte. Eine hochinteressante, brilliant recherchierte und tiefgründige Lektüre, die mir eine völlig neue Perspektive auf die geliebten Bücher meiner Kindheit eröffnet und mir den Menschen Otfried Preußler näher gebracht hat.

Gansel beschreibt die Kindheit und Jugend Preußlers im böhmischen, sudetenländischen Reichenberg (dem heutigen tschechischen Liberec) und auch die Geschichte der Eltern: die des Vaters, der als Lehrer zugleich auch als Sammler ein umfangreiches Archiv an Sagen und Erzählungen des Isergebirges zusammengetragen hatte, das er jedoch durch die Vertreibung 1945 vollständig verlor und auch die der Mutter – ebenfalls Lehrerin, die ihren Sohn schon früh dazu ermutigte, mit der Sprache zu spielen.

„Meine Mutter hat mich auf spielerische Weise begreifen gelehrt, welche herrlichen und überraschenden Möglichkeiten die deutsche Sprache für denjenigen bereithält, der sie zu handhaben versteht – und zwar richtig zu handhaben.“

(S.109, Zitat aus Otfried Preußler: Ich bin gern in die Schule gegangen)

Die Liebe zu Sprache und Literatur, zur Tradition des Geschichtenerzählens und zum Theater haben die Eltern an ihren Sohn weitergegeben – ein Geschenk, das ihm zeit seines Lebens wertvolle Dienste erweisen wird.

Die Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg und die fünfjährige, russische Kriegsgefangenschaft haben Preußler nachhaltig geprägt. Stütze und Halt während der Gefangenschaft gaben ihm die Gedanken an seine Familie und seine Verlobte Annelies, sowie seine Erinnerungen an Sagen, Bücher und Literatur im Allgemeinen, die er aus Jugendzeiten kannte sowie an Theaterstücke und Theateraufführungen, die er früher in seiner Heimatstadt Reichenberg gesehen hatte.

Schnell wurde er im Lager für das Erstellen von Wandzeitungen und später auch für das Verfassen und Einstudieren von Theaterstücken eingesetzt. Das Schreiben war seine Rettung.

„Dass das Schreiben mit ein Weg ist, um mit der existenziellen Situation der Gefangenschaft zurechtzukommen, trifft ganz besonders für Otfried Preußler zu, der Ende August 1945 vom Kriegsgefangenenlager Jelabuga auf einen Transport geht. Was das Ziel der Verbringung ist, das weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht.“

(S.252)

Erst 1949 konnte er nach fünfjähriger Gefangenschaft zwar nicht in seine Heimatstadt Reichenberg, aber zu seiner Familie und seiner Verlobten, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte, zurückkehren. Diese hatte sich mittlerweile im bayerischen Rosenheim angesiedelt.
Um Frau und später auch Kinder versorgen zu können, absolvierte Preußler eine Ausbildung zum Volksschullehrer und begann zu unterrichten. Nebenbei arbeitete er jedoch stets als Schriftsteller und Journalist.

Otfried Preußler schrieb später gegen die Traumata des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft an – zunächst durch heilsame Bücher wie „Der kleine Wassermann“ oder „Die kleine Hexe“, die ihm halfen auszublenden.
Erst bei seinem „Krabat“ begann er mit der tatsächlichen literarischen Auf- und Verarbeitung der Kriegsvergangenheit. Das Schreiben dieses Werkes kostete ihn viel Kraft, beeinträchtigte sogar seine Gesundheit und zog sich wohl auch aufgrund der nervenaufreibenden und psychologisch schwierigen Auseinandersetzung mit der Thematik über viele Jahre hin.

„Der ‚Krabat ist ein so großartiger Stoff, das merke ich mit jeder neuen Seite deutlicher, daß ich ihn auf keinen Fall hinschludern, sondern ihn mit Liebe und Sorgfalt in Ruhe zu Ende bringen möchte.‘ “

(S.469, Zitat Otfried Preußler)

Hatte er bereits 1959 mit dem Krabat-Stoff begonnen, konnte er diesen doch letztlich erst für ein Erscheinen im Jahr 1971 fertigstellen.

Ich habe viel über die Lebensgeschichte des von mir sehr verehrten Autors gelernt, verstehe nun die Antriebskraft, die Motivation und die Hintergründe seiner Werke, die mich schon nahezu mein ganzes Leben begleiten, besser und sehe seine zeitlosen Kinder- und Jugendbuchklassiker noch einmal in völlig neuem Licht.
Otfried Preußler liebte Kinder und wollte ihnen ein positives, lebensbejahendes Weltbild mit moralischen Werten und Tugenden vermitteln – gleichsam ein Fundament für ein glückliches, erfülltes und friedliches Leben schaffen.

Die Biographie enthält neben frühen Gedichten Otfried Preußlers auch zahlreiche bisher unveröffentlichte Texte, die nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Carsten Gansel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Mediendidaktik in Gießen und somit ist klar, dass sein Werk über Otfried Preußler nicht nur der Unterhaltung und Information der Leserschaft dient, sondern auch jeglichen literaturwissenschaftlichen Ansprüchen (mit umfangreichen Querbezügen, Kommentierungen und Quellenangaben etc.) genügt.
Er hatte während seiner Recherchen Zugang zu russischen Geheimdienst- und Militärarchiven, was vermutlich aktuell in der jetzigen Zeit nicht mehr möglich wäre, und konnte so völlig neue Erkenntnisse über die Jahre gewinnen, die Otfried Preußler in russischer Kriegsgefangenschaft und in Lagern wie Jelabuga und Kasan verbrachte.

Gansel beschreibt, dass Preußler nach diesen Erfahrungen Zeit seines Lebens keine Waffe mehr berührt hat – nicht einmal auf dem Rosenheimer Herbstfest, um für seine Töchter die von diesen heiß begehrten Rosen zu schießen.

Ich denke, viele deutsche Leserinnen und Leser meiner Generation haben bereits in frühester Kindheit einen ersten und prägenden Zugang zur Literatur unter anderem durch die Bücher Otfried Preußler’s erhalten: Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Gespenst“ im Kindergarten vorgelesen bekommen zu haben und auch die Theateraufführung im Landshuter Stadttheater von „Räuber Hotzenplotz“ als eines meiner ersten und unvergesslichen Theatererlebnisse trage ich tief in meinem Herzen.
Noch heute habe ich Freude an seinem Werk und so habe ich mit kindlicher Begeisterung auch den Livestream der Aufführung der „kleinen Hexe“ des Landestheater Niederbayern im vergangenen Winter angeschaut und genossen.

Wer also mehr über Otfried Preußlers Leben und die Geschichte hinter den geliebten Geschichten erfahren möchte, dem kann ich Carsten Gansel’s Buch wärmstens empfehlen, das zudem leider aktueller kaum sein könnte und auch als flammender Appell gegen Krieg und Gewalt und für den Frieden verstanden werden kann.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Carsten Gansel, Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre
Galiani Berlin Verlag
ISBN: 978-3-86971-250-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“:

Zum Weiterlesen (I):
Kenne ich tatsächlich den „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ sehr gut, ist mir bisher wohl „Der kleine Wassermann“ am wenigsten begegnet. Vielleicht eine schöne Gelegenheit, wieder ein Mal in Preußler’s Welt abzutauchen – für gute Bücher ist man schließlich nie zu alt.

Otfried Preußler, Der kleine Wassermann
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-18363-5

Zum Weiterlesen (II):
Vor einiger Zeit habe ich „Krabat“ ein zweites Mal gelesen. Eine Lektüre, die sich jedoch immer wieder lohnt. Gerade jetzt – mit dem neuen Wissen aus Gansel’s Buch im Hintergrund – sollte ich das wohl auch nochmal für eine weitere Wiederholung ins Auge fassen, schließlich sind aller guten Dinge ja bekanntlich drei.

Otfried Preußler, Krabat
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-20234-3

Tantenalarm

New York in den späten Zwanziger Jahren – ein zehnjähriger Junge, der Waise wird und in die Obhut einer reichlich exaltierten Tante mit schillernder Persönlichkeit, aber auch einem sehr großen Herzen, gelangt. Die Bühne ist bereitet für die literarische Ausnahmeerscheinung Tante Mame, die ihresgleichen sucht: Patrick Dennis’ Roman „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955 ist eine humorvolle Komödie, die es sich wieder und neu zu entdecken lohnt.

„Er hatte keine Ahnung, was das Wort Persönlichkeit überhaupt bedeutet. Woher auch? Er war ja meiner Tante Mame nie begegnet.“

(S.8)

Der kleine Patrick lernt seine Tante, die nach dem Tod der Eltern seine Vormundschaft übernehmen soll, gleich in ihrer bevorzugten, natürlichen Umgebung kennen – auf einem rauschenden Fest in ihrer New Yorker Wohnung. In der nächsten Zeit hat der Zehnjährige einiges zu lernen und aufzuholen: in einem Vokabelheft notiert er sich all die sonderbaren, neuen Worte, die seine Tante verwendet und die seinen Wortschatz ab sofort erweitern sollen: Daiquiri, nymphomanisch, Ödipuskomplex, Strandhaubitze oder narzisstisch. Es gibt viel zu lernen für den Jungen, wenn er seine neue Bezugsperson besser verstehen möchte und auch die FKK-Schule, die seine Tante für seine persönliche Entwicklung am geeignetsten hält, wird zu einer einschneidenden Erfahrung.

Selbst der Börsencrash des Jahres 1929, bei dem Auntie Mame einen Großteil ihres Vermögens verliert, kann ihr nicht die Laune verderben. Dann verkauft sie eben Rollschuhe in einem Kaufhaus und angelt sich nebenbei zufällig einen reichen Verehrer. Mame versteht es, Parties zu feiern, sich mit interessanten Menschen zu umgeben, ist einem guten Drink nicht abgeneigt und sprüht vor Lebensfreude. Ihren Neffen liebt sie und hält auch während seiner Zeit im Internat, das die Treuhandgesellschaft als Verwalter seines Vermögens letztlich für ihn auswählt, und während seines Studiums mit ihm Kontakt. Wann immer möglich versucht sie, ihn in die bessere Gesellschaft einzuführen. Selbst die Brautschau für Patrick will sie natürlich nicht dem Zufall überlassen.

In zahlreichen Episoden und skurrilen, witzigen Situationen bahnt sich das Naturereignis Tante Mame unaufhaltsam ihren Weg durch die New Yorker High Society, die Künstlerszene oder das Milieu jagdfreudiger Südstaatler.

„Es war ein schrecklich lustiger Abend, und ich glaube, ich hatte zu tief ins Glas geschaut, jedenfalls habe ich Lindsay erzählt, was ich alles so gemacht habe, seitdem ich aus Buffalo weg bin, und er zeigte sich recht amüsiert, und plötzlich sagt er: ‚Warum schreiben Sie nicht ein Buch darüber, Mame?‘“

(S.143)

Das Buchprojekt endet ohne Ergebnis in einer Katastrophe, aber Tante Mame beschert es dennoch eine interessante Affäre mit einem jüngeren Mann und sie hat einige Zeit ihren Spaß. Auch das zarte Pflänzchen einer angestrebten Theaterkarriere wird im Keim erstickt, zumal sie bei ihrem ersten Bühnenauftritt mit unfreiwilliger Komik allen anderen Darstellern die Schau stiehlt und dem Stück dank unpassender Requisiten eine völlig unerwartete Wendung gibt, die nicht im Skript steht.

Doch Tante Mame wäre nicht Tante Mame würde sie sich unterkriegen lassen.
Zielstrebig stürzt sie sich in jedes Abenteuer, das sich bietet, und in nahezu alle Fettnäpfchen, die zu finden sind, scheitert krachend und mit Stil, um sich sofort wieder aufzurappeln, das Krönchen zu richten, die Nase zu pudern und … weiter geht’s! Auf zu neuen Ufern!

Mame lässt sich stets sofort für neue Ideen begeistern, ist sprunghaft und flexibel, doch so schnell sie für einen neuen Plan entbrennt, geht dieser meist auch wieder in Flammen auf.
Doch an einigen Stellen hört selbst für Tante Mame der Spaß auf, und zwar dann, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Hier beweist sie Haltung und bezieht klar Stellung – das sind starke Szenen im Roman, die man zwischen all dem Witz und Humor zunächst in der Deutlichkeit nicht erwartet hätte.

Der Neffe nimmt es mit Humor, liebt seine Tante trotz aller Eskapaden und Peinlichkeiten, bügelt den einen oder anderen Schnitzer für sie aus und erträgt all die öffentlichen Niederlagen, Szenen und unfreiwillig komischen Situationen meist mit stoischer Ruhe.

„Ich war mal wieder im Wunderland mit dir, wie üblich. Und jetzt fahre ich mit dem nächsten Schiff zurück nach New York.“

(S.388)

Ähnlich spektakulär und turbulent wie Auntie Mame’s Lebensgeschichte, liest sich auch die Vita des Autors selbst: Edward Everett Tanner III. (1921 – 1976), der unter dem Pseudonym Patrick Dennis bekannt wurde, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den meist gelesenen Autoren Amerikas, geriet dann jedoch in Vergessenheit und arbeitete gegen Ende seines Lebens als Butler (u.a. für den McDonald’s-CEO Ray Croc) – ohne dass seine Arbeitgeber wussten, wen sie da eigentlich beschäftigten.

Wer kennt Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)? Er war Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist und verfasste auch Reiseliteratur, doch jeder kennt wohl sein berühmtestes Zitat: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Gerade in diesen düsteren Zeiten können wir vermutlich alle etwas Humor, gute Laune und etwas zu Lachen gebrauchen. Daher kommt die Wiederentdeckung von Patrick Dennis’ „Darling!“, die im amerikanischen Original „Auntie Mame. An Irreverant Escapade“ heißt, vielleicht gerade zur rechten Zeit. Eine witzige literarische „Eskapade“ mit Esprit, die mich auf jeden Fall zum Lächeln, Grinsen, Schmunzeln und Lachen gebracht hat.

Dass der Autor reichlich dick aufträgt und für heutige Verhältnisse vielleicht nicht alles vollkommen politisch korrekt ist, sollte man im Hinblick auf das Erscheinungsjahr 1955 mit einer gewissen Großzügigkeit den zeitlichen Umständen zuschreiben.

Wer dem Leben also wieder einmal so richtig ins Gesicht lachen möchte, dem kann ich nur empfehlen, Tante Mame’s Bekanntschaft zu machen.
Ein Buch voller Lebenslust und Leichtigkeit, das beschwingt und beschwipst – und das ohne am nächsten Morgen einen Kater zu verursachen! Cheers!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Patrick Dennis, Darling! Meine verrückte Tante aus New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30023-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Patrick Dennis’ „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“:

Für den Gaumen:
Tante Mame ist durchaus trinkfreudig, zum Beispiel genehmigt sie sich gerne einen „Pink Whiskers“, also einen Cocktail aus Apricot Brandy, Wermut, Orangensaft, Grenadine und Creme de Menthe.
Doch auch die süße Note des Lebens darf natürlich nicht fehlen, zum Beispiel in Form eines Lady-Baltimore-Kuchens – ein mehrschichtiger, weißer Kuchen mit Nuss- und Fruchtfüllung sowie Zuckerguss.

Zum Weiterhören:
Auch musikalisch ist Auntie Mame für ihre Zeit extravagant unterwegs, so hört sie gerne Platten von Paul Hindemith (Symphonische Metamorphosen), aber auch von Bartók, Glasunow oder Meyerbeer.

Zum Weiterschauen und Weiterhören:
Der Neffe hingegen verehrt Fred Astaire, zum Beispiel den Song „They can’t take that away from me“, der bereits 1937 von George und Ira Gershwin geschrieben wurde.

„Unser Gott hieß Fred Astaire. Er war so, wie wir sein wollten: geschliffen, weltmännisch, lässig, mondän, intelligent, erwachsen, geistreich und klug. Wieder und wieder sahen wir uns seine Filme an, spielten seine Platten, bis sie abgenudelt und verkratzt waren, kleideten uns wie er, wenn wir uns trauten.“

(S.226)

Zum Weiterlesen:
Tante Mame liest durchaus gerne, zum Beispiel André Gide’s Roman „Die Falschmünzer“ oder Romane von Edith Wharton. 1921 erhielt die Autorin den Pulitzer Preis für „The Age of Innocence“ – ein Werk, das ich jetzt wohl auch mal auf meine lange „Das sollte ich irgendwann lesen“-Liste wandern lasse.

Edith Wharton, Zeit der Unschuld
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2350-5

Tatort Tessin

Urlaubsreif? Eine kleine Auszeit gefällig? Ihr wart schon oder wolltet unbedingt immer schon mal eine Reise ins Tessin machen? Dann ist Mascha Vassena’s Regional-Krimi „Mord in Montagnola“ genau das Richtige. Mit Moira Rusconi, die als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, stellt sie uns eine interessante, neue Ermittlerpersönlichkeit vor, die für frischen Wind sorgt.

Moira Rusconi ist alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter und hat sich gerade frisch von ihrem Partner getrennt. Vor vielen Jahren ist sie von einem längeren Auslandsaufenthalt in Peru zurückgekehrt und lebt seitdem in Deutschland, wo sie als Übersetzerin von Fachliteratur und Bedienungsanleitungen arbeitet, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Ihr Vater – ein pensionierter Literaturprofessor – lebt alleine und schon lange geschieden von Moira’s Mutter im Tessin, wo Moira auch aufgewachsen ist. Als dieser nach einem Schlaganfall ihre Hilfe benötigt, fährt sie zu ihm, um ihm zu helfen – es wird für sie eine Reise in die Vergangenheit, in ihre Jugend.

„Elfriede? Süßer Name!“
„Süß? Etwas Respekt vor diesen einzigartigen Kreaturen bitte! Die da sind: Herta, Ingeborg, Luise – und Marlen mit einem E.“
Ambrogio deutete nacheinander mit dem Zeigefinger auf jede der Genannten. Herta war die Graugetigerte, Ingeborg die große Schwarze, Luise der rote Blitz und Marlen die blaugraue Kartäuser.
„So hast du deine Lieblingsautorinnen immer um dich. Sind es wirklich alles Kätzinnen?“

(S.28)

Der Vater lebt in einem urigen, gemütlichen Haus zwischen Bücherstapeln mit fünf Katzen, die er nach seinen Lieblingsschriftstellerinnen benannt hat. Moira beschließt, dass sie auch eine Weile vom Tessin aus arbeiten kann, um dem Vater beizustehen, zumal sich auch die Großmutter in Deutschland eine Weile um ihre Tochter kümmern kann.

Als plötzlich in einer Nevèra, einem historischen Tessiner Eiskeller, der zum Konservieren der Lebensmittel verwendet wurde, bevor es Kühlschränke gab, von deutschen Wanderurlaubern eine Leiche gefunden wird, braucht die örtliche Polizei eine Dometscherin und bittet spontan Moira um Unterstützung.
Und schon ist sie mittendrin in einem Mordfall und da ihre große Jugendliebe Luca auch noch der zuständige Gerichtsmediziner des Kantons ist, wird es nicht nur bei den polizeilichen Ermittlungen, sondern auch in ihrem Gefühlsleben aufregend und turbulent.

Im schönen, malerischen Tessiner Ort Montagnola, der langjährigen Wahlheimat Hermann Hesse’s wird schnell klar, dass sich das Opfer weit mehr als nur einen Feind gemacht zu haben scheint. Moira beginnt in ihrer Rolle als Übersetzerin mit unkonventionellen Methoden zunehmend die Polizistin Chiara zu unterstützen und findet mehr und mehr Gefallen an ihrer neuen Aufgabe.

Mascha Vassena ist ein sinnlicher, harmonischer Regiokrimi in idyllischer Urlaubsatmosphäre und ein gelungener Auftakt für ihre Hauptfigur Moira Rusconi geglückt, der wirklich Lesefreude bereitet, gute Laune macht und geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Schön auch, dass in diesem Krimi mal richtig Frauenpower angesagt ist: die ermittelnde Polizistin, die Staatsanwältin, die IT-Expertin – Mascha Vassena hat viele Schlüsselstellen in diesem Roman mit interessanten und starken Frauen besetzt.
Der Gerichtsmediziner und Hobbywinzer im Nebenberuf, der zugleich Moira’s erste große Liebe war, sorgt für die gewisse amouröse Note, die natürlich auch nicht fehlen darf.

Mascha Vassena hat viel Liebe in ihre Charaktere und die positive, wohlige Atmosphäre in diesem Buch gesteckt – schöne, liebevolle Details, die stimmig sind und ein rundum harmonisches Leseerlebnis schaffen. Die sympathischen Figuren, das südliche Flair und der Charme trösten vollkommen über kleinere Unplausibilitäten hinweg – schließlich soll und ist dies kein True Crime-Band, sondern ein stimmungsvoller Regio-Krimi, der zweifelsohne Lust und Laune auf das Tessin macht.

Eine wohltuende Lektüre, bei der einem das Herz aufgeht. Bei mir hat die Autorin definitiv die richtigen Knöpfe gedrückt und meinen Nerv getroffen: als Buchliebhaberin, die hin und wieder gerne einen Regio-Krimi liest, mag ich vor allem die intellektuellen Figuren: den Literaturprofessor, der umgeben von seinen Büchern und Katzen lebt und die Übersetzerin, die weltoffen ist und sich trotzdem auch wieder ihrer Wurzeln besinnt. Wenn dann noch in einer urigen, rustikalen Osteria gute Gespräche bei einem Glas Wein und exquisitem Essen geführt werden, dann ist das eine literarische Welt, in die ich gerne abtauche. Schönster Eskapismus – kurzweilig und unterhaltsam.

Urlaubsgefühle und Fernweh sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert. Ein perfektes, charmantes Buch für einen lauen Abend auf dem Balkon oder der Terrasse mit einem Gläschen Wein – so kann und darf der Sommer kommen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mascha Vassena, Mord in Montagnola
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0102-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch hat dieser Krimi wirklich viel zu bieten:
Denn Moira hat unter anderem einige Jahre in Peru gelebt und wenn sie die Sehnsucht nach Lima überkommt, kocht sie „Lomo saltado“ – ein peruanisches Pfannengericht mit mariniertem Rindfleisch, Zwiebeln, Tomaten und Chilis.
Und danach vielleicht den peruanischen Cocktail „Pisco sour“?

Für den Gaumen (II):
Doch auch die Tessiner Küche Gabriella’s in der besten Osteria Montagnola’s, lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen:

„Gabriellas brasato – stundenlang gekochtes Rindfleisch mit Gemüse und Rotwein – war so zart, dass es auf der Zunge schmolz. Als Beilage gab es Polenta, den traditionellen Brei aus Maisgries, den ein Automat stundenlang in einem großen Kessel im offenen Kamin rührte.“

(S.36)

Oder doch vielleicht ein „hausgemachtes saltimbocca mit frischem Salbei aus dem Garten (…)“ und „eine Flasche vom besten Primitivo aus dem Keller“ (S.61)?

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Der berühmteste Bewohner Montagnola’s – dem dort in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses ein eigenes Museum gewidmet ist – war wohl Hermann Hesse.
Dort entstanden viele seiner bekanntesten Werke, wie zum Beispiel „Narziss und Goldmund“, „Siddharta“ oder „Das Glasperlenspiel“ – zudem malte Hesse selbst wunderbare Gemälde der Tessiner Landschaft und der idyllischen Orte.

Zum Weiterlesen (I):
Eines der Werke Hermann Hesse’s, das ebenfalls in Montagnola entstanden ist und für mich einen außergewöhnlichen Zauber und eine besondere Bedeutung hat, ist die Novelle „Klingsors letzter Sommer“ (1919) über den Maler, der vor seinem Tod noch in einen Schaffensrausch verfällt.

Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer
Insel-Bücherei 1431
ISBN: 978-3-458-19431-6

Zum Weiterlesen (II):
Auch letztes Jahr weilte ich literarisch für eine Weile im schönen Tessin und zwar mit Hannah Arendt in Tegna, in Hildegard E. Kellers wunderbarem Roman „Was wir scheinen“, der letztes Jahr zu meinen Lesehöhepunkten zählte:

Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Zu weit weg vom Meer

Dank Gesuino Némus’ zweitem Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“, der nun auf deutsch erschienen ist, konnte ich wieder in das Dörfchen Telévras zurückkehren, das ich im letzten Jahr in „Die Theologie des Wildschweins“ schon ins Herz geschlossen hatte. Der zweite Fall wartet mit einem Zeitsprung auf, denn wir befinden uns nicht mehr im Sommer 1969, sondern in der Gegenwart.

Und auch die Hauptakteure sind jetzt andere:
In der Bar hat ein Generationenwechsel stattgefunden und so steht jetzt Barista Samuele Baccanti – Tore’s Sohn – hinter dem Tresen und bewirtet seine meist ausschließlich einheimischen Gäste.

Womit wir beim Problem wären: Wie kann es gelingen, dass Telévras mehr Touristen anzieht? Dieses sardische Dörfchen, das einfach „zu weit weg vom Meer“, etwas abgeschieden in den Bergen liegt und doch so dringend auf das Geld der Urlauber angewiesen wäre. Der vielleicht kleinste Heimatverein Italiens soll sich darum kümmern, Ideen zu entwickeln. Doch als dieser plötzlich ohne Vorstand völlig führungslos zu sein scheint, gleichsam ein Machtvakuum im Dorf entsteht und dann auch noch zwei rätselhafte Todesfälle im Ort für Aufsehen sorgen, bekommt Telévras plötzlich mehr mediale Aufmerksamkeit und Publicity als man sich hätte erträumen können.

Die Dorfbewohner und Charaktere sind weiterhin kauzig, kantig und eigenwillig. So stehen dieses Mal unter anderem ein Renn-Jockey im Ruhestand mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, ein Dorfdichter und ein suspendierter Polizist im Zentrum des Geschehens.

„Ach, Lyrik kann lustig sein?“, erkundigte sich Marzio leidenschaftslos.
„Alles kann lustig sein, es kommt nur auf den Standpunkt an.“

(S.115)

Und was um Himmels willen hat das alles mit Elvis, Kurt Cobain oder Prince zu tun? Das wird nicht verraten, lasst Euch überraschen, denn Gesuino Némus, der im richtigen Leben Matteo Loci heißt und auf Sardinien geboren ist – sorgt dieses Mal für einige aberwitzige Wendungen und Wirrungen.

Ich mag die Erzählmelodie von Némus und den Humor, der so trocken ist, wie die sardische Erde nach acht Monaten ohne Regen und so schwarz wie der Espresso aus Samuele’s Kaffeemaschine in der Dorfbar.

„Der Tod ist die Art und Weise, mit der das Leben dir deine Entlassung erklärt. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem diese Worte stammen, aber es muss ein kluger Kopf gewesen sein, (…)“

(S.118)

Der sardische Lokalkolorit kommt natürlich auch nicht zu kurz – so bewegt man sich zwischen Nuraghe – den prähistorischen Turmbauten auf der Insel – Kloster und Dorfbar, speist „Fritto Misto“ und trinkt ein Gläschen rubinroten Cannonau.
Und während der Schirokko bläst, zwielichtige Investoren ihr Unwesen treiben und der Heimatverein sich Gedanken über den Inhalt des nächsten Werbeflyers macht, gibt es für den Dorfdichter viel zu erzählen…

„Er hielt sich gut an dem Geländer fest und ging zu dem kleinen Platz, und kurz vor seinem Haus blieb er verzaubert stehen – die Sonne schien auf das Meer, vor ihm lag das verschneite Tal und am Horizont tiefblaues Wasser. Bei dem Anblick beruhigte er sich. Die Natur half ihm, wie so oft.“

(S.259/260)

Allzu gerne würde man sich selbst vor die Dorfbar in die Sonne setzen, eine schöne Tasse Espresso und ein Cornetto genießen und den schrulligen Bewohnern und ihrem wilden Treiben in Telévras zusehen.

Auch wenn die Lektüre etwas Konzentration erfordert und man sich nicht verwirren lassen darf: Dieser Krimi ist bittersüß, humorvoll, schräg und witzig und auf seine ureigene Art wieder etwas Besonderes. Allen Leserinnen und Leser, die also gerne mal die ausgetretenen Regionalkrimi-Pfade verlassen wollen und sich auf ein etwas spezielleres, sardisches Krimierlebnis einlassen möchten, kann ich nur empfehlen, sich von Némus nach Telévras entführen zu lassen – auch wenn es für Pauschaltouristen vielleicht „zu weit weg vom Meer“ liegt. Für sonnenhungrige, italienaffine Lesetouristen lohnt es sich auf jeden Fall.

Auf Italienisch sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen und daher hoffe ich sehr, dass ich mich auch auf weitere Sardinien-Krimis von Gesuino Némus und Geschichten aus dem Örtchen Telévras in deutscher Übersetzung freuen darf. Denn von Büchern, die sich wie ein kleiner Kurzurlaub anfühlen und entspannte, sonnige Laune verbreiten, kann man bzw. ich nie genug bekommen.

Ein leuchtendes fröhliches Umschlagbild, eine launige Lektüre und eine wahrhaft „Süße Versuchung“, der ich gerne und mit großem Genuss erlegen bin.
Schließlich wusste schon Oscar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Süße Versuchung
Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal
Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-132-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gesuino Némus’ „Süße Versuchung“:

Für den Gaumen:
Auch dieses Mal enthält das Buch nach dem „fil e ferru“ vom letzten Mal wieder eine hochprozentige kulinarische Empfehlung:

„Sie waren zum Du übergegangen, und der Dichter feierte dieses Ereignis, indem er s’axina asutt’e spiritu servierte, in Schnaps eingelegte weiße Weinbeeren.“

(S.117)

Zum Weiterhören (I):
Schon durch den ersten Fall von Gesuino Némus wurde ich auf den italienischen Sänger Fabrizio de André (1940 – 1999) aufmerksam. Dieses Mal wird explizit das posthum erschienene Album (Compilation) aus dem Jahr 2005 erwähnt: „In direzione ostinate e contraria“. Für eine Extraportion Italiengefühl einfach mal reinhören!

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Samuele Baccanti, der Barbesitzer ist großer Opernfan und so sind seine Gäste gezwungen, die Saisoneröffnung der Mailänder Scala mit ihm im Fernsehen zu verfolgen, die in der Bar läuft: Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ und die Arie „Un bel dì vedremo“ wird bald lautstark mitgesungen.
Eine herrliche Szene nach meinem Geschmack – mir würde Samuele da zweifelsohne eine große Freude machen.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Der erste Band der Reihe war letztes Jahr eines meiner Lesehighlights (hier geht’s zu meiner Rezension). Der Fall, der im Sommer 1969 spielt, hat mich begeistert und wer noch mehr Lust auf Sardinien, Sonne und einen etwas ungewöhnlichen Krimi hat, dem kann ich „Die Theologie des Wildschweins“ wärmstens empfehlen:

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

Sülzeunruhen in Hamburg

1919 war ein von Unruhen, Hunger und Armut geprägtes Jahr für Hamburg und seine Bewohner – Hartmut Höhne entführt den Leser mit seinem Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“ in die Hansestadt und lässt die damalige Zeit nach dem ersten Weltkrieg auf spannende Weise wieder lebendig werden.

„Wovon leben? Es mangelte an allem, an Nahrung, an Heizmaterial, an Kleidung und an Schuhen. Auf dem Schwarzmarkt bekam man das meiste. Nur, was hätten die armen Schlucker tauschen sollen?“

(S.22)

Jakob Mortensen ist Kommissar bei der Hamburger Polizei und als er zu einem Leichenfund ins Gängeviertel gerufen wird und sich das Opfer als ermordeter, ehemaliger Polizeispitzel entpuppt wird schnell klar, dass die Ermittlungen schwierig und unangenehm werden. Der Ermordete war ein kaisertreuer, unbequemer und unbeliebter Zeitgenosse, potenzielle Zeugen schweigen sich gründlich aus und da die Gefahr besteht, dass nach wie vor alte Seilschaften in Polizeikreise bestehen könnten, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Ritt auf der Rasierklinge, die Mortensen selbst in höchste Gefahr bringt.

„Man kann sich sein Paradies nicht aussuchen“, kommentierte Jakob trocken.

(S.161)

Zudem herrscht in der Stadt ohnehin Aufruhr und Chaos, die Menschen hungern, versorgen sich auf dem Schwarzmarkt – Razzien sind an der Tagesordnung und so mancher kann sich nur noch mit illegalen Mitteln über Wasser halten.

„Die alte Gesellschaft sitzt tief in uns, und die neue Zeit ist noch nicht bei uns allen angekommen, dafür ist die Not zu groß. Jeder muss selbst sehen, wie er sich und seine Familie irgendwie durchbringt, da kann man mal auf dumme Gedanken kommen.“

(S.172/173)

Auch politisch ist die Lage aufgeheizt und als öffentlich wird, dass die Not der Menschen ausgenutzt und im großen Stil „Gammelfleisch“ zu Sülze verarbeitet und an die Bevölkerung verkauft wurde, bricht der Zorn sich Bahn und es kommt zum Aufstand. Die Sicherheit der Bürger ist nicht mehr gewährleistet, militärische Machtverhältnisse sind im Umbruch und die Situation ist unübersichtlich.

Der historische Hintergrund und das wahre Ereignis der Sülzeunruhen 1919 in Hamburg war mir vor der Lektüre noch kein Begriff. Um so interessanter, wenn die Krimilektüre nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch noch lehrreich ist.

Der Lebensmittelskandal und die dadurch ausgelösten Unruhen forderten damals 80 Todesopfer. Höhne verpackt den realen Hintergrund geschickt und der Leser wird Zeuge, wie sich die Lage in der Stadt immer mehr zuspitzt und schließlich eskaliert.

Mir gefallen die Milieuschilderungen Höhne’s und der Hamburger Lokalkolorit der damaligen Zeit. Man erfährt viel über die Stadt und ihre Geschichte, lernt mit Jakob Mortensen einen neuen, sympathischen und gewieften Kommissar mitsamt seiner Familie kennen und folgt ihm gerne durch die Wirren und den Tumult. Der Polizist muss während der Ermittlungen ordentlich einstecken und auch ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit kommt wieder an die Oberfläche.

Der größte Teil des Hamburger Gängeviertels wurde über die Jahrzehnte inzwischen abgerissen, nur noch vereinzelte Häuser sind wohl erhalten geblieben – mal sehen, ob ich irgendwann bei einem zukünftigen Hamburgbesuch noch etwas des besonderen Charmes dieser Fachwerkhäuser entdecken kann.

Die Atmosphäre, die Enge, die Armut und die Not der Menschen, die dort unter prekären Zuständen nach dem Krieg hausen, hat Höhne stimmungsmäßig sehr gut eingefangen. Er thematisiert die Schicksale und Traumata der Kriegsheimkehrer und auch die chaotischen Verhältnisse während der Sülzeunruhen, die auch neue Ordnungsmächte auf den Plan rufen – kurz zuvor war in Bayern die bayerische Räterepublik blutig niedergeschlagen worden.

Ein flüssig-schnittiger Krimi für Hamburgliebhaber und Fans von historischen Stoffen, der sich herrlich flott und unterhaltsam einfach so weglesen lässt. Es ist kurzweilig, mit Kommissar Mortensen, der dänische Wurzeln hat, ein begeisterter Schwimmer ist und trotz allem Trubel auch noch Zeit hat, sich zu verlieben, durch das aufgewühlte Hamburg zu stromern. Mit ihm hat Höhne eine sympathische Figur erschaffen, die man gerne begleitet. Es bleibt abzuwarten, ob wir noch mehr von Jakob Mortensen zu lesen bekommen – das Potenzial für weitere Fälle in spannenden Zeiten und in der schönen Hansestadt wäre ohne Zweifel vorhanden.
Für eine Fortsetzung könnten die letzten beiden Sätze sprechen:

„Da kam einiges auf die Bewohner dieser Stadt zu. Noch war kein Frieden in Sicht.“

(S.313)

Fazit: Paradiesisch geht es nicht zu im Hamburger Paradieshof und wer gerne Sülze isst, sollte sich vor der Lektüre vorsichtshalber auf einiges gefasst machen, bekommt aber trotz allem auf jeden Fall einen lesenswerten und geschichtlich interessanten Krimi serviert.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Höhne,Mord im Gängeviertel
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0175-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mord im Gängeviertel“:

Für den Gaumen (I):
1919 herrschte großer Hunger, so wurde nicht nur Sülze „gepanscht“, sondern auch sonst war der Speiseplan der Hamburger sehr karg und einseitig:

„Die ganze Stadt roch nach Kohlsuppe. Erst wenn es nicht mehr nach Kohl roch, war der Krieg vorbei, kam Jakob in den Sinn.“

(S.32)

Die Sorgen wurden – falls möglich – gerne mit einem dänischen Aquavit hinuntergespült.

Für den Gaumen (II):
Ein seltenes Festmahl bei einem Restaurantbesuch aus besonderem Anlass, sieht dann für Jakob Mortensen wie folgt aus:

Falscher Hase mit Kartoffeln und Buttergemüse.“

(S.232)

In Bayern spricht man von einem Hackbraten, in Österreich ist der falsche Hase als faschierter Braten bekannt. Bei Günter von „Ein Nudelsieb bloggt“ findet sich ein schönes Rezept für einen faschierten Braten – allerdings zeitgemäß und moderner angehaucht mit Kichererbsen-Tomatensauce.

Zum Weiterlesen:
Als Jakob Mortensen auf einem Markt die Gesamtausgabe von Theodor Storm’s Werken entdeckt, plündert er seine Geldbörse, erwirbt diese für elf Mark und gibt seinen Schatz nicht mehr aus den Händen. Das Gesamtwerk Theodor Storm’s (1817 – 1888) werde ich mir wohl nicht vornehmen, aber in seine Gedichte wollte ich schon länger wieder mal reinlesen.

Es ist ein Flüstern

Es ist ein Flüstern in der Nacht,
Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl’s, es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.

Sind’s Liebesworte, vertrauet dem Wind,
Die unterwegs verwehet sind?
Oder ist’s Unheil aus künftigen Tagen,
Das emsig drängt sich anzusagen?

(Theodor Storm)

Theodor Storm, Gedichte
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-32431-7

Lieblingsschildkröten und Aquariumskino

Der finnische Autor Mooses Mentula hat mit „Der Schildkrötenpanzer“ ein eigenwilliges und ungewöhnliches Buch vorgelegt, das nun von Stefan Moster aus dem Finnischen ins Deutsche übertragen wurde. Ein fantasievoller, wilder Ritt durch Raum und Zeit unter der Reiseleitung von Charles Bukowski und Jack Kerouac.

„Immerhin war es ihm beim Schreiben gelungen, eine Welt zu sehen, die weiträumiger war als zweiundvierzig Quadratmeter!“

(S.30)

Tino, der in einem kleinen Apartment in Helsinki haust, wird bald Vierzig und hat noch nichts geschafft in seinem Leben. Kein Studium beendet, keine Berufsausbildung abgeschlossen, keinen Job lange ausgehalten, keine Beziehung – vielmehr kämpft er seit Jahren mit einer schweren psychischen Erkrankung und Angstzuständen, die seinen kompletten Alltag dominieren. Um sich zu beruhigen, sieht er den Online-Livestream eines Aquariums und beobachtet die Fische. Selbst ein vermeintlich normaler Friseurbesuch wird zum nahezu unüberwindbaren Hindernis und auch die notwendigen Lebensmitteleinkäufe erträgt er nur, wenn er sich vorher mit Medikamenten und Dosenbier ausreichend betäubt.

„Tinos gesamtes Erwachsenenleben war ein einziges Schwimmen zwischen Haien. Jedes Mal, wenn er auch nur ein bißchen die Hoffnung nährte, daß sich die Lage besserte, warf ihn die Panik mit einem Tritt zurück und lieferte ihn wieder den Raubtieren aus.“

(S.35)

Auch die Eltern, die viele hundert Kilometer entfernt leben, haben die Hoffnung, dass er sein Leben doch noch in den Griff bekommen wird, nahezu aufgegeben.

„Tino hingegen hatte Angst vor der Angst selbst, deren Grund man weder akzeptieren noch ersticken konnte, weil es ihn nicht gab.“

(S.58)

Eines Tages landet Tino auf der Flucht vor einem kleinen Mädchen, das ihm zu nahekommt, in einem Antiquitätenladen. Ein alter Schildkrötenpanzer zieht ihn in seinen Bann und als Zugabe zu seinem Kauf erhält er vom Inhaber des Ladens eine Tasche mit Büchern, die sein Leben verändern werden. Er taucht ab in die Welt von Jack London, Jack Kerouac und Charles Bukowski, der plötzlich leibhaftig vor ihm steht und ihm dabei helfen will, sein Leben zu verändern und selbst ein neues Lebenskapitel zu schreiben. Kann das Schreiben seine Rettung sein?

„Er bekam keine Luft und konnte nicht einmal schreien. Er begriff, daß das Leben ein einziges Luftschnappen im Eimer eines Anglers war.“

(S.211)

Und so beginnt eine völlig neue, wilde Geschichte, denn plötzlich begegnet er dem kleinen Mädchen Tuuli und ihrer Mutter Mirjam, die ihm ans Herz wachsen und auf seine Hilfe angewiesen sind und ehe er sich versieht, befindet er sich in einem Wohnmobil auf einer wilden Reise durch Finnland. Den schützenden Panzer hat er abgelegt.

Sind das nur Wahnvorstellungen, die Tino’s Psychosen entspringen, oder seine Fantasie und seine ersten schriftstellerischen Gehversuche, befeuert durch die inspirierenden Werke in seiner Büchertasche? Welchen Anteil haben die starken Medikamente, die er nimmt, und welchen Bukowski, Kerouac und Co? Traum, Realität, Fakten und Fiktionen verschwimmen mehr und mehr und schon bald wird es nicht nur für Tino schwierig, den Überblick zu behalten.

Auch ich musste mich für diesen Roman aus meiner gewohnten literarischen Komfortzone ein wenig herauswagen, ganz vorsichtig den Kopf aus meinem selbstgewählten Schildkrötenpanzer strecken und ich gebe zu, dass ich stellenweise – vor allem bei allzu männlichen und sprachlich etwas vulgären Passagen – manchmal etwas gefremdelt habe.

Hinter dem harten Panzer steckt jedoch ein ernster, weicher Kern: das schwierige Thema der Angststörungen und auch die schöne Idee, dass Literatur und Fantasie helfen und einem Leben eine neue Richtung geben können. Daher lohnt sich die Lektüre – schon allein aufgrund der absolut verblüffenden Wendungen und des wirklich genialen, geradezu göttlichen Finales.

„Meine Absicht bestand darin, im Kopf des Lesers eine Geschichte zu lancieren, die erst zu leben beginnt, nachdem die letzte Seite gelesen ist.“

(S.232)

Und genau ein solches Buch ist Mooses Mentula mit „Der Schildkrötenpanzer“ gelungen – ein rätselhaftes, merkwürdiges Buch, das nach der Lektüre in einem arbeitet und das man nicht so schnell beiseite schieben kann. Viele Fragen, viele verschlungene Wendungen, viele verschiedene Ebenen – ein Buch wie ein Roadmovie und ein wilder Ritt zwischen Wirklichkeit und Illusion. Ein Roman, der verwirrt und die Leserschaft stellenweise etwas plan- und ratlos zurücklässt und doch den Geist anregt, noch einmal darüber nachzudenken. Ein verspieltes, fantasievolles literarisches Experiment für abenteuerlustige Leser, die keine Angst vor ungewöhnlichen, schrägen und skurrilen Büchern haben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mooses Mentula, Der Schildkrötenpanzer
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Weidle Verlag
ISBN: 978-3-949441-03-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mooses Mentula’s „Der Schildkrötenpanzer“ – im übrigen mit einer herrlichen Umschlagsillustration von Greta von Richthofen:

Für den Gaumen:
Die kulinarischen Gelüste sind wahrlich very british, denn sie sind inspiriert von einem britischen Missionar in der Südsee (Jack London lässt grüßen):

„Wie sehr sehnte er sich nach Darjeeling-Tee, nach Toast mit Marmelade und einem Pint Stout.“

(S.24)

Zum Weiterhören:
Ähnlich schräg und unerwartet wie die Handlung ist auch der Soundtrack des Romans: Oder hättet Ihr in einem finnischen Roman mit Ricky Martin’s „Livin la vida loca“ gerechnet? Ich nicht. Da passt für mich Van Halen’s „Right now“ gefühlt doch noch etwas besser.

Für einen Theaterbesuch:
Jean Genet – sein Roman „Querelle“ aus dem Jahr 1947 ist in der Tasche, die Tino aus dem Antiquariat mitnimmt – kenne ich bisher lediglich vom Theaterstück „Die Zofen“, welches vor kurzem im Landestheater Niederbayern auf dem Spielplan stand – ein düsteres, perfides Drama.

Zum Weiterlesen:
In Tinos Büchertasche, die sein Leben verändert, befinden sich vier Werke: Charles Bukowski „Schlechte Verlierer“, Jean Genet „Querelle“, Jack Kerouac „Unterwegs“ und Jack London „Südsee-Geschichten“. Sicherlich hilft die Kenntnis dieser Bücher auch für ein besseres Verständnis von „Der Schildkrötenpanzer“ und man wird die literarischen Anspielungen erkennen und mehr zu schätzen wissen. Ich muss gestehen, dass ich bisher keines der Bücher gelesen habe. Am meisten würde mich wohl Jack Kerouac’s Klassiker „Unterwegs“ reizen – vielleicht sollte ich diese Bildungslücke mal schließen.
Bei den Werken, die ebenfalls noch im Roman erwähnt werden, sieht meine Lesebilanz besser aus (immerhin zwei von drei): Jane Austen „Stolz und Vorurteil“, George Orwell „1984“ und Edgar Allan Poe „Der Rabe“ (nur letzteren kenne ich nicht).

Jack Kerouac, Unterwegs
Übersetzt von Thomas Lindquist
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499222252

Maritime Männerwirtschaft

Sehnsucht nach dem Meer? Roxanne Bouchard’s neuer Kriminalroman und zweiter Fall für Sergeant Morales „Die Korallenbraut“ entführt erneut auf die kanadische Gaspésie-Halbinsel und versprüht eine gehörige, unwiderstehliche Brise maritimes Flair. Ein tiefgründiger Krimischmöker, bei dem vieles unter der Oberfläche brodelt.

„Es gibt Familien, die hassen sich schon so lange gegenseitig, dass man denken könnte, dass sie das zusammenschweißt. Da ist dein Vater auf einen schönen Korb voller Krebse gestoßen.“

(S.158)

Die Fischerei ist ein hartes, bitter umkämpftes Geschäft. Fangquoten, die zunehmende Überfischung des Meeres, die Klimaveränderungen – der Wettbewerb ist gnadenlos und viele kanadische Fischer – oft in x-ter Generation, kämpfen verzweifelt um ihre Existenz und um ihr familiäres Erbe.
Frauen, die sich in dieser ursprünglichen, harten und sehr rauen Männerwelt behaupten wollen, werden grundsätzlich erst einmal misstrauisch beäugt. Das gilt für Angel Roberts, die als einzige Frau in der Region das knochenharte Gewerbe des Hummerfangs betreibt, und deren Kutter nun führungslos, verlassen treibend auf dem Meer gefunden wird – von ihr selbst fehlt zunächst jede Spur.
Das gilt aber auch für die Fischereiaufseherin Simone, die zunächst nur widerwillig die Ermittlungen von Sergeant Morales und die Suche nach dem Opfer unterstützt.

Doch der Reihe nach:
Angel Roberts und ihr Mann sind mittlerweile seit zehn Jahren verheiratet und pflegen eine ungewöhnliche Tradition: An ihrem Hochzeitstag schlüpfen beide wieder in Brautkleid und Hochzeitsanzug und feiern ihr Ehejubiläum bei einem guten Essen im Restaurant. Doch in diesem Jahr fühlt Angel sich nicht wohl und lässt sich vorzeitig nach Hause bringen. Ihr Mann jedoch ist in Feierlaune und zieht alleine noch einmal um die Häuser. Am nächsten Morgen ist ihr Kutter, Angel und ihr Brautkleid verschwunden. Ein Verbrechen? Ein Unfall? Selbstmord?

Joaquín Morales begibt sich auf die Suche nach der Hummerfischerin und beginnt zu ermitteln. Doch auch sein Privatleben ist gerade alles andere als unkompliziert: seine Ehefrau macht keine Anstalten, ihm in die Gaspésie zu folgen, dafür taucht sein Sohn Sébastien bei ihm auf mit einem großen Rucksack voller Sorgen und Beziehungsproblemen im Gepäck. Und zu allem Übel liegt auch noch der gute Freund des Sergeants – der lebenskluge, weise Fischereiveteran Cyrille – im Sterben.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig – die Einwohner reagieren immer noch schweigsam und zurückhaltend auf den frisch zugezogenen Polizisten mit mexikanischen Wurzeln. Und auch die wenigen Frauen in dieser männerdominierten Welt der Fischerei sorgen für Komplikationen – ob es nun die mysteriöse Yogalehrerin Kimo ist, die den verheirateten Sébastien becirct oder aber die toughe, starrköpfige Fischereiaufseherin Simone, die Morales bei der Aufklärung des Falles dazwischenfunkt.
Nach und nach zieht sich das Netz familiärer und feindschaftlicher Beziehungen im kleinen Fischerort immer mehr zu – und es wird klar, dass dieses Geflecht aus Hass und Missgunst deutlich enger gewoben ist als zunächst angenommen.

„Die Gaspésie forderte ihn nicht nur durch ihre Langsamkeit heraus, sondern auch durch die schmerzhafte Erfahrung von Nähe. Hier musste man die Leute genau kennen, ihnen nahe sein, um einen Fall zu lösen.“

(S.53)

Das gilt nicht nur für den Ermittler Joaquín Morales, sondern auch die Autorin Roxanne Bouchard ist ihren Figuren ganz nahe. Die wunderbaren Charaktere – oft ein wenig schrullig, eigensinnig, aber meist auch sehr sympathisch – tragen diesen Krimi. Sie sind das Herzstück des Romans oder um im sprachlichen Bild zu bleiben: die Perle in der Muschel.

Eine weitere große Stärke Bouchard’s ist es, die Naturgewalten, die Kraft des Meeres und das Raue der Natur so unmittelbar und intensiv zu schildern, dass man den Salzgeruch regelrecht in der Nase hat, die Gischtkronen auf den Wellen tanzen sieht und gedanklich stets aufs Wasser und die Weite des Ozeans blickt.
Sprachlich ist das wunderbar zu lesen, daher möchte ich hier auch explizit hervorheben, dass der Übersetzer Frank Weigand wirklich eine sehr schöne, stimmige Sprachmelodie für die poetische Sprache der Autorin gefunden hat.

„Cyrille Bernard hat einmal zu mir gesagt, dass die Vergangenheit aus getrockneten, hart gewordenen Erinnerungen besteht, die jemand auf den Küchentresen gelegt hat. Dass diese Augenblicke, verdünnt im salzigen Wasser des Kummers, manchmal wieder an die Oberfläche des Gedächtnisses steigen und dabei alles um sich herum zerreißen.“

(S.410)

Die Autorin hat erneut nicht nur einen Krimi geschrieben, sondern literarisch neben der Aufklärung des Falles noch zahlreiche, weitere große, menschliche Themen in das Buch gepackt. Sie schreibt über Familien, das Scheitern von Beziehungen, darüber, wie Eltern ihre Kinder prägen, über das Abschiednehmen von geliebten Menschen und über die Suche nach der eigenen Identität. Viele elementare Fragen, die das Meer zwischen den Ermittlungen auch immer wieder an Land spült. Daher ist „Die Korallenbraut“ weit mehr als „nur ein weiterer Kriminalroman mit regionaler Atmosphäre“ – es ist Literatur über das Leben.

„Die Korallenbraut“ ist ein ruhiger, langsamer Kriminalroman mit schönen, poetischen Momenten. Er entwickelt sich behutsam und ist nicht geprägt von atemloser Spannung, sondern vielmehr von interessanten Figuren und der maritimen Atmosphäre, die nahezu jede Zeile atmet.
Wenn man sich Zeit nimmt und darauf einlässt, spürt man die Meeresbrise, hört das Kreischen der Seevögel und die anbrandenden Wellen – einfach einmal die Nase in den Wind halten und tief einatmen! Mehr Meer geht literarisch wohl kaum.

„Draußen vor dem Fenster erstreckte sich der nächtliche Horizont, das Meer verstreute die leuchtenden Scherben des Mondes, die trügerisch auf seiner Oberfläche funkelten.“

(S.460)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Atrium Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Roxanne Bouchard, Die Korallenbraut
Aus dem Québec-Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-118-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch spürt man natürlich auch die Nähe zum Meer: So gibt es zum Beispiel ein „Clubsandwich mit Hummer“ und dazu Weißwein.

„Sie strichen Butter und Mayonnaise auf das Brot, legten Tomatenscheiben darauf, fügten Speck und Hummerfleisch hinzu. Sie klappten die Sandwiches zu und schnitten sie in der Mitte durch.“

(S.120)

Für den Gaumen (II):
Aber auch die mexikanischen Wurzeln von Sergeant Morales hinterlassen kulinarische Spuren, denn es wird ausführlich geschildert, wie seine Großmutter ihre Tortillas zubereitet hat. Bei dieser warmherzigen, liebevollen Schilderung läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Für etwas Bewegung:
An einer der für mich schönsten Szenen des Romans tanzen Morales und sein Sohn Sébastien gemeinsam und überhaupt wird viel getanzt in diesem Buch: vor allem Salsa. Wie wär’s damit, mal wieder das Tanzbein zu schwingen?

Zum Weiterhören:
Und hier ist der Soundtrack dazu.: In „Die Korallenbraut“ ist mehrfach von der Sängerin Celia Cruz (1925 – 2003) die Rede, die als „Queen of Salsa“ gilt. In Kuba geboren und später in die USA ausgewandert, machte die Frau mit einer tiefen Alt-Stimme den Salsa vor allem in den 60er und 70er Jahren populär. (Quelle: Wikipedia)
Einfach mal reinhören, das hebt sofort die Laune. Zum Beispiel: „La Vida Es Un Carnival“.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Im letzten Jahr habe ich den ersten Band der Reihe und Sergeant Morales hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schon „Der dunkle Sog des Meeres“ hatte mich vor allem aufgrund seiner maritimen Atmosphäre und der sympathischen Figuren fasziniert. Man kann „Die Korallenbraut“ auch ohne Vorkenntnisse lesen, aber der erste Band, der mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen ist, lohnt sich ebenfalls:

Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-129-8

Poesie zwischen Tag und Nacht

Für Lyrik muss man sich Zeit nehmen, Muße haben, sich konzentrieren und auf die sprachliche Schönheit einlassen: Christine Langer’s neuer Gedichtband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ hat mir wunderbare Momente der Kontemplation und inneren Einkehr beschert. Gerade am Ende eines langen Tages ist es schön, sich etwas Stille zu gönnen und anzukommen. Denn Langer’s Lyrik hat etwas Meditatives, Beruhigendes und eine wunderbare Ästhetik, die einen erdet und ganz bei sich sein lässt.

Die Uhrzeit am Handgelenk längst abgelegt“

(aus „Tage wie dieser“ – Nr.1, S.8)

Die feinen Gedichte haben oft die Natur im Zentrum und bilden Stimmungen ab: Lichtstimmungen, Tageszeiten, Übergänge zwischen Tag und Nacht. Die Texte sind ungemein atmosphärisch und zaubern sofort Bilder vors geistige Auge. Man sieht die Bäume, hört die Vögel zwitschern, blickt auf das Wasser oder das leuchtend gelbe Rapsfeld und spürt den Wind auf der Haut. Es sind schöne Momente, die Langer mit fein gesetzten, wohlklingenden Worten für die Ewigkeit festhält.

Bäume und Vögel ziehen sich wie ein roter Faden durch Langer’s Lyrik. Aber auch das Spiel mit Hell und Dunkel, Tag und Nacht oder auch dem Gegensatz zwischen Schwere und Leichtigkeit. Auch das „Fenster“, das den Blick freigibt und die Perspektive auf andere Dinge öffnet, taucht immer wieder auf.

Die Gedichte strahlen Ruhe aus und sind geprägt von genauem Beobachten und einem ausgezeichneten Blick für Details. Für mich sind sie getragen von einer positiven Grundstimmung sowie einer tiefen Dankbarkeit und Achtsamkeit für die Natur und die Welt, die uns umgibt.

Langer spielt souverän mit der Sprache und eindrucksvollen Bildern. So entstehen ausdrucksstarke Wortschöpfungen wie „Tapetengebete“, „wimpernschwer“, „Lichtfeder“ oder „Amselmond“, welche die Fantasie bei der Lektüre anregen und den Geist in Bewegung setzen.

In manchen Gedichten greift sie kurze Zitate bzw. einzelne Zeilen berühmter Dichter auf, wie z.B. Rimbaud, Hebbel, Fontane oder Hölderlin, umrahmt diese mit ihren eigenen poetischen Gedanken und schafft so daraus ihre ganz eigenen Kunstwerke.

Es lohnt sich, sich ganz bewusst an dieser sprachlichen Schönheit zu erfreuen und das lyrische Ich, das in einigen Gedichten zu Wort kommt und sich manchmal auch an ein „Du“ wendet, auf dem Weg durch die Natur, die Jahres- und Tageszeiten und die Momente des Lichts, der Dämmerung und der Dunkelheit zu begleiten.

Das Körperhaus trägt mich ins Offene der Nacht“

(aus „Nächtliche Korrespondenz mit dem Schreibtisch“, S.20)

Vor kurzem habe ich in einem Interview mit Elke Heidenreich gehört, dass sie, die ja umgeben von Büchern in jedem Raum ihres Zuhauses lebt, ihre Lyrikbände im Schlafzimmer aufbewahrt. Ein schöner Gedanke wie ich finde. Schließlich haben Gedichte etwas Intimes, denn jeder Mensch liest und versteht sie anders. Kaum eine literarische Gattung lässt so viel Raum für Interpretation, Identifikation und Gefühle. Gedichte können etwas Tröstliches, Beruhigendes und Entschleunigendes haben – Poesie ist persönlich, Poesie ist Herzenssache.

Das Licht noch mehr lieben, wenn es fehlt.“

(aus V. Traumnuancen – Übungen im poetischen Sprechen Nr. 39, S.94)

Vielen fällt es gerade in diesen Zeiten schwer, das Gedankenkarussell abzustellen und zur Ruhe zu kommen, doch diese wunderbaren Gedichte in ihrer sprachlichen Eleganz und Natürlichkeit machen es einem ganz leicht.

Christine Langer’s Gedichte des Bands „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ sind sehr sinnlich, ästhetisch und lenken die Aufmerksamkeit auf Schönes, auf die Natur, auf Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Poetische Achtsamkeit, die helfen kann zu entspannen, runterzukommen, den Alltag eine Weile auszublenden – gleich einer geistigen Yogaeinheit. Balsam für die Seele.

Weil der Tag noch auf den Schultern liegt,
Sinken wir mit der blauen Stunde
In die Dämmerung. (…)“

(aus V. Traumnuancen – Übungen im poetischen Sprechen Nr. 1, S.67)

Der wunderbare Band wird wohl die nächste Zeit weiterhin auf meinem Nachtkästchen liegen, denn wir können in diesen dunklen Zeiten alle etwas wohltuende Schönheit gebrauchen. Warum also nicht den Tag mit etwas Positivem in Form von Poesie und einem feinen Gedicht beschließen, schließlich handelt es sich hier um traumhaft schöne Lyrik!

Gebet

Der Duft der Linde hält die Fensterläden
Über Nacht geöffnet,
Sterne fallen vom Himmel,
Scheiteln deine Träume.

Dein Atem pendelt sich
In den Takt rauschender Blätter,
Ich halte einen
Schatten fest, bevor er zu Stein wird


(Christine Langer aus „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 2) auf der Liste: Ich möchte einen Lyrikband lesen. Die zauberhaften Gedichte von Christine Langer waren für mich höchster sprachlicher und literarischer Genuss. Gedichte zum immer wieder lesen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Mein Dank geht auch an die Autorin Christine Langer dafür, dass ich das „Gebet“ in voller Länge hier präsentieren darf. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christine Langer, Ein Vogelruf trägt Fensterlicht
Kröner
ISBN: 978-3-520-76501-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christine Langer’s „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“:

Für den Gaumen:
Der einzige kulinarische Anklang, den ich in den Gedichten entdecken konnte ist etwas ganz Elementares, Einfaches, Gutes – aber auch Paradiesisches: Äpfel.

Zum Weiterschauen:
Die schöne Gestaltung des Buches mit einem Werk des Maler’s Paul Klee auf demTitel: „Landschaft mit gelben Vögeln“ (1923) – macht dieses kleine, feine Büchlein auch optisch zu einem wunderbaren Geschenk für liebe Menschen. Das fröhliche, farbenfrohe Bild passt nicht nur perfekt zum Titel „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“, sondern auch zu Langer’s positiver Lyrik, sowie ihren häufig gewählten Motiven aus der Natur: wie Vögel, Bäume, Pflanzen – aber auch durch die klaren Hell-Dunkel-Kontraste zum großen Thema „Licht und Schatten“.

Zum Weiterklicken:
Christine Langer ist 1966 in Ulm geboren und wird 2022 auch die künstlerische Leitung des Ulmer Lyriksommers übernehmen. Auf der Homepage der Autorin gibt es mehr über ihre Biografie, ihre Veröffentlichungen und Auszeichnungen nachzulesen.

Zum Weiterlesen:
Christine Langer hat bereits mehrere Lyrikbände veröffentlicht – unter anderem mit den schönen Titeln „Lichtrisse“, „Findelgesichter“ oder „Körperalphabet“ – besonders angetan hat es mir jedoch der Titel „Jazz in den Wolken“ – da beginnt der Geist schon vorher zu tanzen.

Christine Langer, Jazz in den Wolken
Klöpfer & Meyer
ISBN: 978-3863510978