Glitzerndes Berlin

Nicht erst seit Babylon Berlin üben die 20er und 30er Jahre und das pulsierende, schillernde Leben in Berlin eine große Faszination auf Autorinnen und Autoren aber auch auf Leserinnen und Leser aus. Auch mich ziehen Berlin-Romane, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, immer wieder magisch an. Ewald Arenz hat seinen Roman „Das Diamantenmädchen“ bereits 2011 veröffentlicht – lange bevor Volker Kutscher’s Gereon Rath-Romane (2011 gab es lediglich die ersten drei Bände der Reihe) durch die Fernsehserie „Babylon Berlin“ erst so richtig berühmt wurden.

Auch Ewald Arenz hat gerade in den letzten beiden Jahren durch seine (zu Recht) sehr beliebten und erfolgreichen Romane „Alte Sorten“ (hier geht es zu meiner Rezension) und „Der große Sommer“ deutschlandweit sehr an Bekanntheit gewonnen. Doch auch in „Das Diamantenmädchen“ blitzt bereits sein besonderer Stil und die Erzählfreude auf, die mich so begeistert. Ein Schmuckstück, das es sich daher ebenfalls zu entdecken lohnt.

„Berlin war zu einer Stadt geworden, in der die Uhren nicht mehr gemächlich gingen und gewichtig die Stunden schlugen, sondern nervös tickten und unruhig läuteten. Der Verkehr rauschte Tag und Nacht, die Straßenlaternen brannten bis zum Morgen, irgendein Café hatte immer auf. Es war wunderbar, aufregend, spannend – und trotzdem war da etwas von der Gelassenheit der Kaiserzeit verloren gegangen.“

(S.7)

Lilli Kornfeld ist eine aufstrebende und ehrgeizige Journalistin im Berlin der Zwanziger Jahre. Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine tiefe Freundschaft mit Paul van der Laan. Als sie dann für eine ihrer Recherchen im Kriminellenmilieu das Wissen eines Diamantenschleifers benötigt, nimmt sie erneut Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt Paul aus einer Familie von Diamantenhändlern. Schnell flammen alte Gefühle wieder auf, aber auch alte Wunden brechen erneut auf.
Eine flirrende Dreiecksgeschichte entspinnt sich, denn auch der im Mordfall ermittelnde Kommissar Schambacher, findet Gefallen an der reizenden und intelligenten jungen Frau.

Zwischen romanischem Cafè, Bahnhof Zoo und der Bar zum Papagei stellt nicht nur die Polizei ihre Ermittlungen an, sondern auch Lilli versucht, für ihre „Berliner Illustrirte“ eine spektakuläre Geschichte an Land zu ziehen, wenn ihr nur nicht das Gefühlschaos dazwischenfunken würde…

Inhaltlich möchte ich gar nicht zu viel verraten, um die Spannung und die Magie der ersten Lektüre nicht zu zerstören. Man sollte dieses Buch einfach selbst lesen und genießen. Arenz ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Hat man einmal begonnen – kann und will man sich dem Bann der Geschichte nicht mehr entziehen.

Es ist eine strahlende, funkelnde und glitzernde Geschichte über Freundschaft und Liebe, die Traumata des ersten Weltkriegs und über Berlin in den Zwanzigern.
Zudem lernt man viel über Edelsteine, das Schleifen von Diamanten, sowie die Historie einiger besonders bekannter und wertvoller Diamanten, wie z.B. dem Blue Hope.

Aber „Das Diamantenmädchen“ ist auch eine zarte, romantische Liebesgeschichte mit einer melancholischen Note und einiger Wehmut – schließlich haben Krieg und Trennungen unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Und auch eine Prise Krimi hat Arenz noch mit hinein gepackt: so trifft man nicht nur Kommissar Schambacher, der in einem mysteriösen Diamantenmord ermittelt und dessen Wege sich mit Lilli’s kreuzen, sondern auch „Buddha“ Ernst Gennat bekommt seinen Auftritt – den LeserInnen von Volker Kutscher’s Rath-Romanen zweifelsohne ein Begriff.

Man spürt bei der Lektüre die Sorgfalt und die Liebe zu seinen Figuren, die der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Das ist fein beobachtet, mit liebevollen Gesten und Szenen behutsam ausgestaltet und untermauert und liest sich gerade deshalb herzerfrischend und berührend zugleich.

Persönlich finde ich die Aufmachung der gebundenen Ausgabe des Ars Vivendi Verlags ästhetisch sehr gelungen – edel in schwarz-gold mit schwarzem Vorsatzpapier und Lesebändchen – auch optisch ein Augenschmaus. Schön gestaltete Büchern können mich einfach immer wieder begeistern.

Für mich war „Das Diamantenmädchen“ daher ein gefühlvolles, schwelgerisches, literarisches Juwel, das ich sehr gerne gelesen habe. Je mehr ich von Ewald Arenz lese, um so mehr verfalle ich seiner Art zu schreiben, seinen liebenswerten Figuren und seinem feinen Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen.
Bisher allesamt feine, niveauvolle Bücher, die das Herz am rechten Fleck haben und viel Freude machen – ein Glanzstück im Bücherregal!

Buchinformation:
Ewald Arenz, Das Diamantenmädchen
Ars Vivendi
ISBN: 978-3-7472-0043-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ewald Arenz’ „Das Diamantenmädchen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bodenständig zu: bei Sauerbraten und Apfelpfannkuchen als Nachspeise.

Zum Weiterhören:
Bisher nicht live im Theater gesehen habe ich das Musical „Show Boat“, das jedoch als Broadway-Klassiker gilt. Im Buch wird dazu getanzt und Lilli erkennt die Musik sofort:

„Geschirr klapperte leise unter einem schmelzenden Jazzsong. Show Boat, dachte Lilli, und Schambacher, der den Song nicht kannte, dachte, dass er jetzt gerne mit Lilli Kornfeld getanzt hätte. Das Lied klang nach ihr.“

(S.218/219)

Zum Weiterlesen:
Ich habe auf jeden Fall erneut Lust bekommen, mich weiter literarisch mit Berlin zu beschäftigen. So wartet zum Beispiel auch der Klassiker von Christopher Isherwood „Leb wohl Berlin“ schon seit einiger Zeit auf meine Lektüre, der dem Musical „Cabaret“ als Vorlage diente. Dann könnte ich nach den Zwanziger Jahren gleich mit den Dreißigern weitermachen:

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Stachlige Alltagsblüten

Auf Katharina Adler’s zweiten Roman „Iglhaut“ war ich sehr gespannt, denn schon die Vorschauen hatten mich neugierig auf diese besondere Frau mit dem ungewöhnlichen Namen im Zentrum des Romans gemacht. Während der Lektüre hat mich die Schreinerin in der Münchner Hinterhofwerkstatt – gemeinsam mit den Menschen um sie herum – endgültig für sich eingenommen. Eine großartige, literarische Figur mit Ecken, Kanten und verborgenen Seiten, die Schritt für Schritt – wie beim Hobeln und Schleifen eines Stücks Holz – zum Vorschein kommen und nach dem Polieren zu glänzen beginnen.

„Leicht waren die Ferientage nicht für sie gewesen, alleinstehend unter Familien, Mittvierzigerin unter Pensionisten, Schattenfreundin unter Sonnenbränden, eine, die ein Buch las zwischen lauter Telefonen.“

(S.10)

Das ist Iglhaut – eine Frau in den Vierzigern, alleinstehend mit einem Hund, der Kanzlerin heißt und die im Hinterhof eines Münchner Mietshauses eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt. Dort hat sie auch an den Lebensschicksalen ihrer Nachbarschaft – mal mehr, mal weniger freiwillig, aber immer unmittelbar – Anteil. Das Leben hat nicht nur ihren Nachbarn, sondern auch ihr selbst bereits ein paar Narben zugefügt. Als Scheidungskind bewegt sie sich ständig im psychologischen Minenfeld zwischen den getrennten Eltern und auch selbst konnte sie ihre bisherigen Liebesbeziehungen nicht aufrecht erhalten.

„Sie hatte sich noch nicht gesetzt, noch kein Getränk, noch kein Stück von der Käseplatte auf dem Esstisch genommen, da war sie nicht mehr Tochter, sondern Botschafterin in einem autokratischen Land, zur Rechtfertigung einbestellt. Ihre diplomatische Seite war gefordert. Umsichtig gewählte Worte, vielsagendes Schweigen und abwägendes Nicken zur rechten Zeit.“

(S.69)

Und so lernen wir nicht nur Iglhaut, sondern auch ihre Eltern – den überfürsorglichen Vater und eine esoterische Mutter – und ihre Nachbarschaft kennen.

Zwischen Münchner Mietshaus, ägyptischem Luxushotel und der Notfallambulanz entwickelt Katharina Adler Menschen, Lebensschicksale und Episoden, wie mitten aus dem Leben gegriffen. Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Lebens in all seiner Buntheit, mit all seinen Facetten, Formen und Farben: Alltagsblüten.

Da ist die Klosterschwester Amalburga, die als Kundin eine Statue zur überzeugten Atheistin Iglhaut zur Restaurierung bringt und die so gerne einen Caffè Doppio im Café Alighieri um die Ecke trinkt oder der Pfleger Ronnie, der auf die medizinische Wirkung von Marihuana schwört. Oder die Mutter des Griechen um die Ecke, die so gerne auf ein Metallica-Konzert gehen würde und im Mietshaus das häufig lautstark streitende Ehepaar, die Schriftstellerin mit Schreibblockade, die mit ihrem zweiten Roman kämpft.

Da gibt es All Inclusive-Urlaub, Hochzeiten von Ex-Freunden, Rassismus, Flüchtlingsschicksale, Hausgeburten, Zahnarztbesuche, häusliche Gewalt und Geburtstagsfeiern – das Leben mit Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz, Liebe und Leid.

Adler ist eine aufmerksame Beobachterin und trifft mit schlafwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos den richtigen Tonfall. Viele Sätze treffen punktgenau ins Schwarze und sprechen einem geradezu aus der Seele. Sie hält der Gesellschaft und den Menschen den Spiegel vor und oft denkt man: Ja, genau so ist es. Genau so.

Sowohl von der Sprache der Autorin, die in München geboren wurde und jetzt nach Stationen in Leipzig und Berlin auch wieder dort lebt, als auch von den liebevoll gezeichneten Figuren war ich wirklich begeistert. Sarkastisch-zynisch schreibt sich Katharina Adler, deren Debütroman „Ida“ ich bisher noch nicht gelesen habe, was ich vermutlich aber bald ändern sollte, Seite um Seite mehr in mein Leserherz und überzeugt mich durch Stil, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

„War sie, die Iglhaut, authentisch, weil sie nur zweimal in ihrem Leben umgezogen war?“

(S.91)

Iglhaut ist mir von Seite zu Seite mehr ans Herz gewachsen und für mich hätte das Buch gerne noch etwas länger als die 280 Seiten sein dürfen – so manche Figur oder Geschichte hätte sich noch gelohnt, näher beleuchtet und ausführlicher erzählt zu werden.

Ein tiefgründiger und zugleich witziger Roman mit ganz eigenem Charme und einem Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt: so stachlig, unkonventionell und direkt wie seine Hauptfigur – ein Buch so bunt wie das Leben!

„Ach, dachte die Iglhaut, nur ein paar Nächte in Frieden, mehr Wohlwollen und weniger Zahnschmerz und Zorn. Das wäre ein Leben. Und wenn sich dann noch vormalige Erlöser selber zur Wurmkur chauffierten. Mehr Paradies brauchte sie eigentlich nicht.“

(S.113)

Buchinformation:
Katharina Adler, Iglhaut
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00256-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katharina Adler’s „Iglhaut“:

Für den Gaumen (I):
Schon der Klappentext verrät, dass Iglhaut eine Schwäche für Whiskey-Cocktails hat und zwar genaugenommen vor allem für den sogenannten „Old Fashioned“. Die Zutaten hierfür sind Whiskey, Zuckersirup, Bitter, Orangenzeste und natürlich Eis – ob Wasser reingehört oder nicht, da scheiden sich wohl die Geister.

Für den Gaumen (II):
Iglhaut’s Vater lebt seine Fürsorge gerne durch Bekochen und umfangreiche Verpflegungspakete aus:

„Der Vater konnte sich jetzt doch an seiner Tochter freuen. Das erste Stück Lasagne hatte sie fast verzehrt, nahm sich schon das zweite. Ob die Kinder fünf, fünfzehn oder fünfundvierzig waren, ein gesunder Appetit beruhigte die Elternseele. Solange der Nachwuchs aß, war noch nicht alles verloren.“

(S.40/41)

Zum Weiterlesen (I):
Schon bei den Worten „Münchner Schreinerwerkstatt im Hinterhof“ musste ich sofort an Meister Eder und seinen Pumuckl denken und es schossen mir Bilder von Gustl Bayrhammer hinter dem großen Glasfenster in seiner Hinterhofwerkstatt durch den Kopf. Ob die Fernsehserie des bayerischen Rundfunks aus den 80er Jahren, die Schallplatten oder die Bücher selbst: Pumuckl ist Teil meiner Kindheit.
Um so größer war dann die Freude, als ich doch tatsächlich bei der Lektüre von „Iglhaut“ auch noch eine kleine (ob bewusst oder unbewusst, kann ich nicht beurteilen) Hommage an die liebgewonnenen Figuren aus meiner Kindheit entdeckt habe:

„Einsam sitz ich in der Schaukel. Die Welt ist traurig und voll Gaukel. Ganz und gar, mögen andere dick und satt sein, ich will nichts vom Späneschwein.“
Während sie die Sätze aufsagte, sah sie so aufrichtig verwundert aus, da ging der Iglhaut das Herz schon wieder ein bisschen auf. „Kästner?“, tippte sie.
Jasmina schnippte die Späne weg. Sie lese prinzipiell nur Autor*innen, die sich als weiblich bezeichneten. Kaut sei das gewesen.“

(S.141)

Ellis Kaut, Meister Eder und sein Pumuckl
Franckh Kosmos Verlag
ISBN: 978-3440148204

Zum Weiterlesen (II):
Ein weiterer wunderbarer Roman, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, ging mir während der Lektüre auch immer wieder durch den Kopf. Wer Gefallen an „Iglhaut“ findet, könnte sicherlich auch an „Die Eleganz des Igels“ der französischen Autorin Muriel Barbery seine Freude haben, denn auch die Pariser Concierge Renée ist eine außergewöhnliche Figur, die man nicht so schnell vergisst.

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels
Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
dtv
ISBN: 978-3-423-13814-7

Ist das Kunst?

Wohl jeder von uns ist schon durch Museen oder Ausstellungen geschlendert und hat sich in Kunstwerke vertieft. Doch nicht immer findet man den richtigen Zugang sofort. Nicht alles empfindet man selbst als künstlerisch wertvoll. Oft spalten Kunstwerke die Geister und so manches Mal stellt sich vielleicht auch die Frage: Ist das Kunst? Oder was ist Kunst überhaupt?

In Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“ erschummelt sich die junge Grafikerin Jef ein dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus. Ein leicht aufgemöbelter Lebenslauf ermöglicht ihr den Aufenthalt im Strand Haus, das in einem luxuriösen Urlaubsort in grandioser Bergkulisse liegt. Dort soll sie gemeinsam mit weiteren Stipendiaten aus anderen Kunstrichtungen Zeit und Muße haben, um Kunst zu schaffen, die am Ende bei einer großen Abschlussveranstaltung präsentiert werden soll. Doch Jef, die sich bisher mit schlichten Werbegrafiken und unterbezahlten Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hat, plagen das schlechte Gewissen und die Selbstzweifel, gar nicht in der Lage zu sein, Kunst von wirklichem Wert zu erschaffen.

„Künstlerin zu sein, wenn es niemand sehen kann, ist doch so unsinnig, wie ein Glas Wein in den See zu schütten.“

(S.186)

Als Lehrerkind, das stets unter der Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und der Besserwisserei der Eltern gelitten hat und aus deren normierter Lebensplanung ausbrechen wollte, sehnt sie sich nach Liebe und Wertschätzung. Lediglich bei der mittlerweile verstorbenen Großmutter musste sie nicht funktionieren, sondern konnte unbeschwerte Momente in liebevoller Atmosphäre verbringen. Ein kreatives Leben als Künstlerin erscheint ihr – als Gegenentwurf zum Leben der Eltern – erstrebenswert.

„Dazu haben wir die Kunst, verstehst du? Zum Überleben, wenn wir nichts mehr haben. Wenn deine Umgebung ganz eng wird, dann wird dein Geist ganz weit.“

(S.147)

Jef befindet sich an einem Scheitelpunkt ihres Lebens, den man heute vermutlich als Quarter-Life-Crisis bezeichnen würde. Sie hadert mit sich und ihrem Leben, fühlt sich hilflos. Ihre bisherigen Beziehungen sind gescheitert, eine ihr besonders wichtige Freundschaft ist zerbrochen und beruflich hat sie nichts erreicht, auf das sie stolz wäre. Kann dieses Stipendium, das ihr eigentlich gar nicht zustehen würde, ihrem Leben eine neue Wendung geben oder wird ihre Gaunerei letztlich doch auffliegen? Wie lange kann sie den anderen glaubhaft vorgaukeln, in diese Kunstwelt zu gehören? Und wie in aller Welt soll sie jetzt kreativ sein und wahre Kunst erschaffen? Und was ist das überhaupt?

„Wir machen Kunst. Wir sehen mehr, als zu sehen ist. Wir sehen das Wesentliche. Wir legen unsere Seele mit dazu.“

(S.86)

Schon bald stellt sich im Haus so etwas wie Schullandheimatmosphäre ein. Die Stipendiaten kommen sich bei gemeinsamen Küchenabenden und Flaschendrehen näher. Da sind unter anderem Sunny, die Tänzerin, die beim Essen schmatzt und Oleksii, der nicht einmal weiß, wie man die Spülmaschine bedient. Doch wer ist diese mysteriöse, verwirrte, alte Frau, die hinter einer Schranktür zu hausen scheint, nachts Kuchen und Kekse bäckt, durch die Gänge geistert und von sich selbst offenbar nur in der dritten Person spricht?
Sie scheint wie Jef nicht dazu zu gehören und zwischen den Welten stecken geblieben zu sein. Jef spürt eine Verbindung und versucht dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Fasziniert hat mich Franziska Hauser’s fließende Sprache – selten habe ich mir so viele Textstellen notiert, die zitierenswert wären und aus welchen ich letztlich nur ein paar auswählen konnte. Diese unkonventionelle, ausdrucksstarke Stilistik und die Freude der Autorin am Formulieren, machte für mich ganz klar den Zauber des Romans aus.

„Schwalben zerschlitzten die Luft mit fernen Schreien weit oben. Dieses abendliche Hochsommergeräusch über der ausrollenden Stadt gab Jef das Gefühl, dass es noch ein anderes Recht gab, auf der Welt zu sein, und das unabhängig war von ihrer Arbeitsleistung und ihrer Kaufkraft. Ein Einverständnis mit dem Leben (…)“

(S.234)

Auch dieser Roman hatte für mich etwas von einem Kunstwerk, das sich für mich schwer greifen und auch nicht sofort begreifen ließ. Ein herbes, sperriges und ungewöhnliches Buch über Außenseiter und gebrochene Herzen, das Rätsel aufgibt und wie Kunst auch eine Vielzahl an Aspekten und Deutungsmöglichkeiten für die Leserschaft eröffnet und bereithält. Literatur, die viel Raum für Interpretation und Projektion gibt. Ein Buch, das schwebt, kratzt, verstört und aus einer Welt erzählt, die so weit entfernt und ganz anders ist als meine persönliche Lebensrealität. Auch das kann Kunst sein.

Denn so wie Jef den Blick von außen braucht, brauchen wir vielleicht auch Literatur und Kunst, um unseren Horizont zu weiten und neue Perspektiven in unserem Leben zu erhalten.

„Warum braucht sie jemanden, der ihr zeigt, wie sie das Leben betrachten soll? Warum reicht ihr eigener Blick nicht?“

(S.155)

Einen weiteren Blick bzw. eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Bookster HRO.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Franziska Hauser, Keine von ihnen
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0112-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Franziska Hauser’s „Keine von ihnen“:

Für den Gaumen (I):
Kindheitserinnerungen verbindet Jef mit den Sommerferien bei der Großmutter und sie

„(…) aßen Brötchen, Kräuterquark, Bouletten und Erdbeeren.“

(S.20)

Oleksii – ihr Mitbewohner – scheint sich nahezu ausschließlich von „Schokocreme, Müsli und Bananen“ (S.126) zu ernähren.

Für den Gaumen (II):
So farbenfroh und bunt zusammengewürfelt wie die Künstlertruppe im Strand Haus ist offenbar auch der „Rainbow Cocktail“ (S.239), der bei einem gemeinsamen Barbesuch getrunken wird.

Zum Weiterlesen:
Während der Lektüre von Franziska Hauser’s Roman kam mir wieder in den Sinn, dass ich Julian Barnes’ Werk „Kunst sehen“ schon lange auf meinem Wunschzettel stehen habe. Gerade bei Kunst und Malerei, finde ich es stets auch spannend, über die Literatur noch einmal einen anderen Zugang zu erhalten und mehr Hintergrund zu erfahren.

Julian Barnes, Kunst sehen
Übersetzt von Gertraude Krueger
Kiwi Taschenbuch
ISBN: 978-3462002805

Preußlers Geschichte hinter den Büchern

Die Werke Otfried Preußler’s begleiten mich bereits seit frühester Kindheit und sind fester Bestandteil meines Leselebens. Daher war für mich sofort klar, dass ich die gerade erschienene Biographie „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ des Literaturprofessors Carsten Gansel unbedingt bald lesen möchte. Eine hochinteressante, brilliant recherchierte und tiefgründige Lektüre, die mir eine völlig neue Perspektive auf die geliebten Bücher meiner Kindheit eröffnet und mir den Menschen Otfried Preußler näher gebracht hat.

Gansel beschreibt die Kindheit und Jugend Preußlers im böhmischen, sudetenländischen Reichenberg (dem heutigen tschechischen Liberec) und auch die Geschichte der Eltern: die des Vaters, der als Lehrer zugleich auch als Sammler ein umfangreiches Archiv an Sagen und Erzählungen des Isergebirges zusammengetragen hatte, das er jedoch durch die Vertreibung 1945 vollständig verlor und auch die der Mutter – ebenfalls Lehrerin, die ihren Sohn schon früh dazu ermutigte, mit der Sprache zu spielen.

„Meine Mutter hat mich auf spielerische Weise begreifen gelehrt, welche herrlichen und überraschenden Möglichkeiten die deutsche Sprache für denjenigen bereithält, der sie zu handhaben versteht – und zwar richtig zu handhaben.“

(S.109, Zitat aus Otfried Preußler: Ich bin gern in die Schule gegangen)

Die Liebe zu Sprache und Literatur, zur Tradition des Geschichtenerzählens und zum Theater haben die Eltern an ihren Sohn weitergegeben – ein Geschenk, das ihm zeit seines Lebens wertvolle Dienste erweisen wird.

Die Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg und die fünfjährige, russische Kriegsgefangenschaft haben Preußler nachhaltig geprägt. Stütze und Halt während der Gefangenschaft gaben ihm die Gedanken an seine Familie und seine Verlobte Annelies, sowie seine Erinnerungen an Sagen, Bücher und Literatur im Allgemeinen, die er aus Jugendzeiten kannte sowie an Theaterstücke und Theateraufführungen, die er früher in seiner Heimatstadt Reichenberg gesehen hatte.

Schnell wurde er im Lager für das Erstellen von Wandzeitungen und später auch für das Verfassen und Einstudieren von Theaterstücken eingesetzt. Das Schreiben war seine Rettung.

„Dass das Schreiben mit ein Weg ist, um mit der existenziellen Situation der Gefangenschaft zurechtzukommen, trifft ganz besonders für Otfried Preußler zu, der Ende August 1945 vom Kriegsgefangenenlager Jelabuga auf einen Transport geht. Was das Ziel der Verbringung ist, das weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht.“

(S.252)

Erst 1949 konnte er nach fünfjähriger Gefangenschaft zwar nicht in seine Heimatstadt Reichenberg, aber zu seiner Familie und seiner Verlobten, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte, zurückkehren. Diese hatte sich mittlerweile im bayerischen Rosenheim angesiedelt.
Um Frau und später auch Kinder versorgen zu können, absolvierte Preußler eine Ausbildung zum Volksschullehrer und begann zu unterrichten. Nebenbei arbeitete er jedoch stets als Schriftsteller und Journalist.

Otfried Preußler schrieb später gegen die Traumata des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft an – zunächst durch heilsame Bücher wie „Der kleine Wassermann“ oder „Die kleine Hexe“, die ihm halfen auszublenden.
Erst bei seinem „Krabat“ begann er mit der tatsächlichen literarischen Auf- und Verarbeitung der Kriegsvergangenheit. Das Schreiben dieses Werkes kostete ihn viel Kraft, beeinträchtigte sogar seine Gesundheit und zog sich wohl auch aufgrund der nervenaufreibenden und psychologisch schwierigen Auseinandersetzung mit der Thematik über viele Jahre hin.

„Der ‚Krabat ist ein so großartiger Stoff, das merke ich mit jeder neuen Seite deutlicher, daß ich ihn auf keinen Fall hinschludern, sondern ihn mit Liebe und Sorgfalt in Ruhe zu Ende bringen möchte.‘ “

(S.469, Zitat Otfried Preußler)

Hatte er bereits 1959 mit dem Krabat-Stoff begonnen, konnte er diesen doch letztlich erst für ein Erscheinen im Jahr 1971 fertigstellen.

Ich habe viel über die Lebensgeschichte des von mir sehr verehrten Autors gelernt, verstehe nun die Antriebskraft, die Motivation und die Hintergründe seiner Werke, die mich schon nahezu mein ganzes Leben begleiten, besser und sehe seine zeitlosen Kinder- und Jugendbuchklassiker noch einmal in völlig neuem Licht.
Otfried Preußler liebte Kinder und wollte ihnen ein positives, lebensbejahendes Weltbild mit moralischen Werten und Tugenden vermitteln – gleichsam ein Fundament für ein glückliches, erfülltes und friedliches Leben schaffen.

Die Biographie enthält neben frühen Gedichten Otfried Preußlers auch zahlreiche bisher unveröffentlichte Texte, die nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Carsten Gansel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Mediendidaktik in Gießen und somit ist klar, dass sein Werk über Otfried Preußler nicht nur der Unterhaltung und Information der Leserschaft dient, sondern auch jeglichen literaturwissenschaftlichen Ansprüchen (mit umfangreichen Querbezügen, Kommentierungen und Quellenangaben etc.) genügt.
Er hatte während seiner Recherchen Zugang zu russischen Geheimdienst- und Militärarchiven, was vermutlich aktuell in der jetzigen Zeit nicht mehr möglich wäre, und konnte so völlig neue Erkenntnisse über die Jahre gewinnen, die Otfried Preußler in russischer Kriegsgefangenschaft und in Lagern wie Jelabuga und Kasan verbrachte.

Gansel beschreibt, dass Preußler nach diesen Erfahrungen Zeit seines Lebens keine Waffe mehr berührt hat – nicht einmal auf dem Rosenheimer Herbstfest, um für seine Töchter die von diesen heiß begehrten Rosen zu schießen.

Ich denke, viele deutsche Leserinnen und Leser meiner Generation haben bereits in frühester Kindheit einen ersten und prägenden Zugang zur Literatur unter anderem durch die Bücher Otfried Preußler’s erhalten: Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Gespenst“ im Kindergarten vorgelesen bekommen zu haben und auch die Theateraufführung im Landshuter Stadttheater von „Räuber Hotzenplotz“ als eines meiner ersten und unvergesslichen Theatererlebnisse trage ich tief in meinem Herzen.
Noch heute habe ich Freude an seinem Werk und so habe ich mit kindlicher Begeisterung auch den Livestream der Aufführung der „kleinen Hexe“ des Landestheater Niederbayern im vergangenen Winter angeschaut und genossen.

Wer also mehr über Otfried Preußlers Leben und die Geschichte hinter den geliebten Geschichten erfahren möchte, dem kann ich Carsten Gansel’s Buch wärmstens empfehlen, das zudem leider aktueller kaum sein könnte und auch als flammender Appell gegen Krieg und Gewalt und für den Frieden verstanden werden kann.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Carsten Gansel, Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre
Galiani Berlin Verlag
ISBN: 978-3-86971-250-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“:

Zum Weiterlesen (I):
Kenne ich tatsächlich den „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ sehr gut, ist mir bisher wohl „Der kleine Wassermann“ am wenigsten begegnet. Vielleicht eine schöne Gelegenheit, wieder ein Mal in Preußler’s Welt abzutauchen – für gute Bücher ist man schließlich nie zu alt.

Otfried Preußler, Der kleine Wassermann
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-18363-5

Zum Weiterlesen (II):
Vor einiger Zeit habe ich „Krabat“ ein zweites Mal gelesen. Eine Lektüre, die sich jedoch immer wieder lohnt. Gerade jetzt – mit dem neuen Wissen aus Gansel’s Buch im Hintergrund – sollte ich das wohl auch nochmal für eine weitere Wiederholung ins Auge fassen, schließlich sind aller guten Dinge ja bekanntlich drei.

Otfried Preußler, Krabat
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-20234-3

Sülzeunruhen in Hamburg

1919 war ein von Unruhen, Hunger und Armut geprägtes Jahr für Hamburg und seine Bewohner – Hartmut Höhne entführt den Leser mit seinem Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“ in die Hansestadt und lässt die damalige Zeit nach dem ersten Weltkrieg auf spannende Weise wieder lebendig werden.

„Wovon leben? Es mangelte an allem, an Nahrung, an Heizmaterial, an Kleidung und an Schuhen. Auf dem Schwarzmarkt bekam man das meiste. Nur, was hätten die armen Schlucker tauschen sollen?“

(S.22)

Jakob Mortensen ist Kommissar bei der Hamburger Polizei und als er zu einem Leichenfund ins Gängeviertel gerufen wird und sich das Opfer als ermordeter, ehemaliger Polizeispitzel entpuppt wird schnell klar, dass die Ermittlungen schwierig und unangenehm werden. Der Ermordete war ein kaisertreuer, unbequemer und unbeliebter Zeitgenosse, potenzielle Zeugen schweigen sich gründlich aus und da die Gefahr besteht, dass nach wie vor alte Seilschaften in Polizeikreise bestehen könnten, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Ritt auf der Rasierklinge, die Mortensen selbst in höchste Gefahr bringt.

„Man kann sich sein Paradies nicht aussuchen“, kommentierte Jakob trocken.

(S.161)

Zudem herrscht in der Stadt ohnehin Aufruhr und Chaos, die Menschen hungern, versorgen sich auf dem Schwarzmarkt – Razzien sind an der Tagesordnung und so mancher kann sich nur noch mit illegalen Mitteln über Wasser halten.

„Die alte Gesellschaft sitzt tief in uns, und die neue Zeit ist noch nicht bei uns allen angekommen, dafür ist die Not zu groß. Jeder muss selbst sehen, wie er sich und seine Familie irgendwie durchbringt, da kann man mal auf dumme Gedanken kommen.“

(S.172/173)

Auch politisch ist die Lage aufgeheizt und als öffentlich wird, dass die Not der Menschen ausgenutzt und im großen Stil „Gammelfleisch“ zu Sülze verarbeitet und an die Bevölkerung verkauft wurde, bricht der Zorn sich Bahn und es kommt zum Aufstand. Die Sicherheit der Bürger ist nicht mehr gewährleistet, militärische Machtverhältnisse sind im Umbruch und die Situation ist unübersichtlich.

Der historische Hintergrund und das wahre Ereignis der Sülzeunruhen 1919 in Hamburg war mir vor der Lektüre noch kein Begriff. Um so interessanter, wenn die Krimilektüre nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch noch lehrreich ist.

Der Lebensmittelskandal und die dadurch ausgelösten Unruhen forderten damals 80 Todesopfer. Höhne verpackt den realen Hintergrund geschickt und der Leser wird Zeuge, wie sich die Lage in der Stadt immer mehr zuspitzt und schließlich eskaliert.

Mir gefallen die Milieuschilderungen Höhne’s und der Hamburger Lokalkolorit der damaligen Zeit. Man erfährt viel über die Stadt und ihre Geschichte, lernt mit Jakob Mortensen einen neuen, sympathischen und gewieften Kommissar mitsamt seiner Familie kennen und folgt ihm gerne durch die Wirren und den Tumult. Der Polizist muss während der Ermittlungen ordentlich einstecken und auch ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit kommt wieder an die Oberfläche.

Der größte Teil des Hamburger Gängeviertels wurde über die Jahrzehnte inzwischen abgerissen, nur noch vereinzelte Häuser sind wohl erhalten geblieben – mal sehen, ob ich irgendwann bei einem zukünftigen Hamburgbesuch noch etwas des besonderen Charmes dieser Fachwerkhäuser entdecken kann.

Die Atmosphäre, die Enge, die Armut und die Not der Menschen, die dort unter prekären Zuständen nach dem Krieg hausen, hat Höhne stimmungsmäßig sehr gut eingefangen. Er thematisiert die Schicksale und Traumata der Kriegsheimkehrer und auch die chaotischen Verhältnisse während der Sülzeunruhen, die auch neue Ordnungsmächte auf den Plan rufen – kurz zuvor war in Bayern die bayerische Räterepublik blutig niedergeschlagen worden.

Ein flüssig-schnittiger Krimi für Hamburgliebhaber und Fans von historischen Stoffen, der sich herrlich flott und unterhaltsam einfach so weglesen lässt. Es ist kurzweilig, mit Kommissar Mortensen, der dänische Wurzeln hat, ein begeisterter Schwimmer ist und trotz allem Trubel auch noch Zeit hat, sich zu verlieben, durch das aufgewühlte Hamburg zu stromern. Mit ihm hat Höhne eine sympathische Figur erschaffen, die man gerne begleitet. Es bleibt abzuwarten, ob wir noch mehr von Jakob Mortensen zu lesen bekommen – das Potenzial für weitere Fälle in spannenden Zeiten und in der schönen Hansestadt wäre ohne Zweifel vorhanden.
Für eine Fortsetzung könnten die letzten beiden Sätze sprechen:

„Da kam einiges auf die Bewohner dieser Stadt zu. Noch war kein Frieden in Sicht.“

(S.313)

Fazit: Paradiesisch geht es nicht zu im Hamburger Paradieshof und wer gerne Sülze isst, sollte sich vor der Lektüre vorsichtshalber auf einiges gefasst machen, bekommt aber trotz allem auf jeden Fall einen lesenswerten und geschichtlich interessanten Krimi serviert.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Höhne,Mord im Gängeviertel
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0175-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mord im Gängeviertel“:

Für den Gaumen (I):
1919 herrschte großer Hunger, so wurde nicht nur Sülze „gepanscht“, sondern auch sonst war der Speiseplan der Hamburger sehr karg und einseitig:

„Die ganze Stadt roch nach Kohlsuppe. Erst wenn es nicht mehr nach Kohl roch, war der Krieg vorbei, kam Jakob in den Sinn.“

(S.32)

Die Sorgen wurden – falls möglich – gerne mit einem dänischen Aquavit hinuntergespült.

Für den Gaumen (II):
Ein seltenes Festmahl bei einem Restaurantbesuch aus besonderem Anlass, sieht dann für Jakob Mortensen wie folgt aus:

Falscher Hase mit Kartoffeln und Buttergemüse.“

(S.232)

In Bayern spricht man von einem Hackbraten, in Österreich ist der falsche Hase als faschierter Braten bekannt. Bei Günter von „Ein Nudelsieb bloggt“ findet sich ein schönes Rezept für einen faschierten Braten – allerdings zeitgemäß und moderner angehaucht mit Kichererbsen-Tomatensauce.

Zum Weiterlesen:
Als Jakob Mortensen auf einem Markt die Gesamtausgabe von Theodor Storm’s Werken entdeckt, plündert er seine Geldbörse, erwirbt diese für elf Mark und gibt seinen Schatz nicht mehr aus den Händen. Das Gesamtwerk Theodor Storm’s (1817 – 1888) werde ich mir wohl nicht vornehmen, aber in seine Gedichte wollte ich schon länger wieder mal reinlesen.

Es ist ein Flüstern

Es ist ein Flüstern in der Nacht,
Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl’s, es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.

Sind’s Liebesworte, vertrauet dem Wind,
Die unterwegs verwehet sind?
Oder ist’s Unheil aus künftigen Tagen,
Das emsig drängt sich anzusagen?

(Theodor Storm)

Theodor Storm, Gedichte
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-32431-7

Vom Heimkommen und anderen Wundern

Bernadette Schoog hat mit „Marie kommt heim“ ein wunderbares Romandebüt über Mütter und Töchter verfasst, das unter die Haut geht und berührt. Zugleich gelingt ihr das Kunststück, zutiefst menschliche Charaktere und elementare Lebenssituationen zu beschreiben, die viele Leserinnen und Leser bereits selbst erlebt haben und die so jeder und jedem ganz individuell zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebensgeschichte bieten.

Die Autorin, die bisher als Dramaturgin, Fernsehmoderatorin und Autorin von Biografien gearbeitet hat, lässt ihren reichen Erfahrungsschatz und Teile ihrer persönlichen Familiengeschichte bzw. der ihrer Mutter in ihren ersten Roman einfließen. Man spürt bei der Lektüre, dass sie Menschen liebt, in ihrem Beruf genau hinsieht, sich auf die Menschen einlässt und dies drückt sich auch in der Liebe zu den Figuren in „Marie kommt heim“ aus. Der Roman ist reich an Lebenserfahrung und sehr fein komponiert.

Doch bevor ich weiter ins Schwärmen gerate: Worum geht’s im Roman?
Marie ist eine Frau in ihren Vierzigern und hat vor vielen Jahren die beklemmende Enge ihrer Heimatstadt verlassen und ihr Glück fernab des kleinen Wallfahrtsortes gesucht, in dem sie aufgewachsen ist. Auch zu ihrer Mutter hatte sie wenig Kontakt.

„Hier fühlte sie sich gefangen, drangsaliert, kontrolliert und in ihrer Persönlichkeit beschnitten. Fast körperlich spürte sie die Enge dieser kleinen Stadt, in der man vertrocknete, am Aufblühen gehindert wurde.“

(S.69)

Doch als sie plötzlich einen Anruf aus dem Pflegeheim erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, fährt sie zurück in ihren Heimatort, um sich zu verabschieden. Für Marie wird dies zur intensiven und emotionalen Reise in die Vergangenheit, zurück in die Familiengeschichte und zu ihren Wurzeln. Letztlich lernt sie nicht nur viel über sich selbst, sondern lernt auch ihre Mutter, zu der sie stets ein schwieriges Verhältnis hatte, noch einmal von einer völlig neuen Seite kennen.

„Sie verspürte das tiefe Bedürfnis, Frieden zu schließen, mit der Mutter, mit sich selbst, mit diesem Lebensabschnitt. Deshalb war sie doch eigentlich hergekommen.“

(S.83)

Marie war stets ein Papa-Kind, der frühe Tod des geliebten Vaters war traumatisierend. Die strenggläubige, konservative Mutter, die nur bei Besuchen des Bruders bzw. Marie’s Onkel aufzutauen scheint, der als katholischer Priester in Brasilien als Missionar arbeitet, zieht Marie alleine groß.

Die „Muhme Angst“, die Marie als geradezu physische Gestalt erlebt, die immer wieder von ihr Besitz ergreift und die versucht, sich ihres Lebens zu bemächtigen, das Kellnern im kleinen Café des Wallfahrtsorts, um sich das Taschengeld aufzubessern, Jugendsünden und Kindheitserinnerungen, die Auseinandersetzungen mit der Mutter – all dies kommt wieder hoch, als Marie nach Hause fährt, um Abschied zu nehmen. Ein Schlüsselmoment, der das Schloss zur Vergangenheit und der Familiengeschichte öffnet und sie dazu bringt, ihr bisheriges Leben Revue passieren zu lassen.

Gleichsam im letztmöglichen Moment möchte Marie zum ersten Mal wirklich mehr über ihre Mutter erfahren, sie verstehen und das letzte Stück des Weges gemeinsam mit ihr gehen. Eine Kiste mit alten Dokumenten und Briefen der Mutter öffnet ihr die Augen und wirft völlig neues Licht auf ihre Familiengeschichte.

Bernadette Schoog hat ein scharfes Auge und ein feines Händchen für stimmige Details. Ihre Sprache ist überaus sinnlich und sehr ausdrucksstark, so dass die Lektüre zum intensiven Leseerlebnis für alle Sinne wird: man riecht den Weihrauch, man hört die Glocken läuten, lauscht dem Gemurmel der Rosenkranz betenden Pilger, sieht die kitschigen Devotionalien in den vollgestopften Läden und die brennenden Kerzen in der Kapelle – man ist mittendrin in diesem Mikrokosmos Wallfahrtsort. Gleiches gilt für die bedrückende Atmosphäre im Pflegeheim oder auch dem konservativen Haushalt, der Marie’s Kindheit prägte. Die Schilderungen sind so lebensecht, dass man selbst meint, mit Marie beim Besuch der Tante im „ächzende(n) Doppelbett aus dunklem Holz, auf dem sich wie eine riesige Portion Sahne die schweren, weißen Bettdecken wölbten“ (S.56) zu liegen.

Der Roman ist ehrlich, intelligent und selbstkritisch – die Autorin beschönigt nichts, denn auch im richtigen Leben gibt es schwere Situationen zu bestehen. Es ist nicht alles rosarot. Das Leben ist nicht nur Zuckerschlecken und die Muhme Angst versucht immer wieder die Macht zu erlangen und Besitz zu ergreifen.

„Vielleicht hatte sie sich ihre Vergangenheit auch nur ein bisschen schöner gemalt, als sie es in der Realität gewesen war, oder andersherum: Die vermeintlich pädagogisch wertvollen Elemente wurden weitergegeben, der Rest blieb im Nebel.“

(S.122)

Schoog schildert auch schmerzhafte Szenen auf bewegende Art und Weise, jedoch ohne jede Effekthascherei. Vermutlich gehen gerade auch deshalb die Schicksalsschläge in Marie’s Leben beim Lesen besonders unter die Haut: der Tod des Vaters, eine versuchte Vergewaltigung, gescheiterte Beziehungen, die im Sterben liegende Mutter.

Und doch bietet der Roman auch viel Licht und Hoffnung und hat etwas Versöhnliches. Es gibt Heilung für die Wunden und Narben, die das Leben hinterlässt, und nach Abstand und Distanz kann auch eine besondere Nähe entstehen. Die Erkenntnisse der Gegenwart lassen einen auch die Vergangenheit besser verstehen.

„Hätte man an der Fassade gekratzt, den groben Putz mit einem Spatel beiseite gefegt, hätte sich eine mit weichen Pinselstrichen gezeichnete sinnliche, lebensfrohe Frau herausgeschält. Elsje. Aber Elsje durfte es nicht mehr geben, aus ihr war Elisabeth geworden.“

(S.129)

„Marie kommt heim“ ist ein einfühlsames, kluges, zutiefst menschliches und sehr berührendes Buch über das Abschiednehmen, über Mütter und Töchter und auch über die Lücke, die oft zwischen der Wahrnehmung durch die eigenen Kinder und dem tatsächlichen Charakter bzw. der Persönlichkeit der Menschen klafft, die doch mehr sind als „nur“ die Eltern ihrer Kinder.

Ein gefühlvolles, unvergessliches Buch über zwei Frauenleben, über das Heimkommen, das Ankommen und die großen und kleinen Wunder des Lebens auf der Suche nach der eigenen Identität und den familiären Wurzeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernadette Schoog, Marie kommt heim
Kröner
ISBN: 978-3-520-76301-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Bernadette Schoog’s „Marie kommt heim“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch nimmt uns Bernadette Schoog mit auf eine Zeitreise: da wird berichtet von ausgelassenen Gesellschaften bei „Schnittchen“, „Käseigel“ und „Liebfrauenmilch“ (S.14/15), wenn die Mutter Gäste bewirtete. Marie hingegen gönnt sich bei ihrer Heimkehr statt Party-Häppchen eher traditionelle Hausmannskost:

„(…) und entschied sich für einen Klassiker dieser Region, einen Uitsmijter, wie man ihn hier nannte, einen sogenannten Strammen Max, und dazu ein Pils. Ein sehr niederrheinisches Essen.“

(S.203)

Für einen Besuch oder eine Wallfahrt:
Bernadette Schoog, die derzeit in Speyer lebt, ist in Kevelaer geboren, einem berühmten Marienwallfahrtsort am Niederrhein, d.h. die Parallelen zum Wallfahrtsort Josefsburg – dem Schauplatz des Romans – kommen sicherlich nicht von ungefähr und basieren auf autobiografischen Erfahrungen der Autorin.
Mich erinnerten die Schilderungen des Wallfahrtsstädtchens sehr an das oberbayerische Altötting – das klassische Wallfahrtsziel Landshuter Pilger.

Zum Weiterklicken:
Bernadette Schoog hat dem SWR ein kurzes Interview gegeben, in dem sie ein wenig zur Entstehung und der Idee des Romans erzählt. Erst Corona gab ihr den Freiraum und die Zeit, diese bereits langgehegte Idee in die Tat umzusetzen.

Zum Weiterhören:
Musikalisch ist auch eine ordentliche Bandbreite in Marie’s Leben geboten: Von Umberto Tozzi’s „italienischen Schnulzen“, die in Dauerschleife das Pilgercafé beschallen, in welchem sich die junge Marie ihr Taschengeld aufbessert, über Jaques Brel’s „Ne me quitte pas“, das seine verführerische Wirkung entfaltet bis zum Supertramp-Hit „School“.

Zum Weiterlesen:
Auch in Sibylle Schleicher’s einfühlsamen Roman „Die Puppenspielerin“, den ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, geht es um das Abschiednehmen von einer nahen Angehörigen. Allerdings geht hier die geliebte Zwillingsschwester vor der Zeit. Ein ebenso berührendes Buch:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

Bonner Intrigen

Dieses Jahr am 27. April jährt sich das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 zum 50. Mal. Der langjährige politische Korrespondent Hartmut Palmer, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den SPIEGEL und das Magazin Cicero arbeitete, hat mit „Verrat am Rhein“ einen spannenden Roman über die damaligen Geschehnisse geschrieben. Ein interessantes und fesselndes Spiel mit Fakten, Fiktion und einer möglichen Version dieses Kapitels der deutschen Geschichte.

„Es geht nicht um Verjährung“, antwortete Zink, „es geht darum, wie es damals war, was wirklich passiert ist. Um die historische Wahrheit geht’s, wenn du verstehst, was ich meine.“ Aber er spürte, dass Krull natürlich genau den wunden Punkt getroffen hatte: Wen sollte das heute überhaupt noch interessieren, was vor mehr als vierzig Jahren hinter den Bonner Kulissen gelaufen ist?“

(S.83)

Das Bonner Politgeschehen und die Zeit der Siebziger Jahre ist in meiner Wahrnehmung literarisch weniger häufig im Fokus als andere Perioden der deutschen Geschichte. Um so neugieriger war ich auf diesen Roman – der packender ist als so mancher Krimi, auch wenn er nicht als solcher bezeichnet wird.

Kurt Zink – ein langgedienter politischer Journalist und gut vernetzter Kenner der deutschen Politikszene – soll viele Jahre nach der Wende für einen mittlerweile erfolgreichen Unternehmer eine Biografie schreiben, die das Geburtsgeschenk seiner Frau an ihn werden soll. Sie behauptet tatsächlich, ihr Mann hätte als ehemaliger Stasi-Offizier im Dienst des DDR-Spionagechefs Markus Wolf eine entscheidende Rolle am Scheitern des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt 1972 gespielt.

Der Journalist beginnt zu recherchieren und gerät immer mehr in den Strudel der damaligen Ereignisse. Er taucht ein in eine Geschichte voll politischer Intrigen, mit gekauften Stimmen, Spionen und Geheimdiensten und sensationellen Enthüllungen. Seine Recherchen führen ihn weit zurück in die Vergangenheit und er kommt zugleich einer tragischen Familiengeschichte auf die Spur.

Palmer beschreibt die Siebziger Jahre atmosphärisch als eine vorwiegend von Männern geprägte Welt zwischen verrauchten Kneipen in Bonn und der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Er versteht es, interessante Charaktere zu erschaffen, welche in nahezu bester James Bond-Manier ihre Strippen ziehen und die Handlung immer mehr an Fahrt aufnehmen lassen.

Mich hat Palmer’s Roman sofort in seinen Bann gezogen und immer wieder dazu gebracht, nachzulesen, zu recherchieren und mich mit den damaligen geschichtlichen Ereignissen zu beschäftigen. Einmal begonnen entfacht „Verrat am Rhein“ einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Das wahre Leben schreibt oft die aufregendsten Geschichten und man liest – auch dank Palmer’s flüssigem Stil – mit zunehmender, atemloser Spannung. Man will wissen: was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Das Buch ist ein faszinierendes, literarisches Spiel zwischen Fakten und Fiktion.

Man spürt bei der Lektüre, dass Palmer als Journalist sein Handwerkszeug versteht und er gewährt anhand der Romanfigur Kurt Zink auch einen Einblick in die Arbeitsweise eines politischen Journalisten, in die Recherche, das Aufspüren und den Umgang mit Quellen und Nachrichten.

Der Autor selbst war von 1968 bis 2015 als politischer Korrespondent in Bonn und Berlin hautnah am politischen Geschehen und den Politikerinnen und Politikern dran – all seine Erfahrungen stecken jetzt auch in diesem Roman und er erzählt auf fiktive Art und Weise eine für ihn mögliche, denkbare Version dieser Episode der deutschen Geschichte.

Im Nachwort, das die Handlung des Romans noch einmal auf reale und fiktive Elemente, Beweisbares und Unbeweisbares durchleuchtet, zieht Palmer folgendes Fazit:

„So entstand zwar kein Enthüllungsroman. Wohl aber der Roman einer Enthüllung.“

(S.404)

Wer sich für Politik, deutsche Geschichte und die Zeit der Siebziger bzw. für Willy Brandt’s Kanzlerschaft interessiert, bekommt hier einen unterhaltsamen, fesselnden Roman über politische Machtspiele, Geheimdienste und Spionage geboten, der zweifelsohne lesenswert und lehrreich zugleich ist.

Auf der Website des Deutschen Bundestags gibt es eine offizielle Version und ebenso lesenswerte Zusammenfassung des Misstrauensvotums von 1972.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Palmer, Verrat am Rhein
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0205-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hartmut Palmer’s „Verrat am Rhein“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist für reichlich Kontrast gesorgt:
In der Schumannklause – einer Bonner Szenenkneipe, vom Autor auch als „fröhliche Kaschemme“ bezeichnet – geht es bodenständig zu und das Angebot ist übersichtlich:

„Es gab drei Flipper, zwei verschiedene Sorten Suppe, Schmalzbrote und jede Menge Bier, Wein und Sense, ein Gemisch aus Apfelsaft und Korn, das nicht nach Gläsern bestellt, bemessen und konsumiert wurde, sondern zentimeterweise nach der Länge der auf der Theke aufgereihten Gläser.“

(S.132)

Im Ost-Berliner Café Moskau hingegen – einem „exklusiven Treffpunkt für Diplomaten und hochrangige Genossen“ (S.147) geht es um einiges exquisiter zu:

„Der Kellner brachte zuerst ein Tablett mit kleinen kalten Vorspeisen: eingelegter Hering und Sprotten, gefüllte Teigtaschen, Eiersalat mit viel Mayonnaise, verschiedene Sülzen, auch Wurst und belegte Brötchen oder dunkles Brot. Dazu gleich am Anfang Kaviar, abwechselnd Wodka und Wasser aus großen Gläsern. Als Hauptgericht hatte sie sich, (…) für Bœuf Stroganoff entschieden, auf den Punkt gegart, mit grünen Bohnen und Piroggen. Dazu (…) einen samtweichen georgischen Rotwein (…)“

(S.148/149)

Zum Weiterhören:
Der sagenumwobene Stoff um Castor und Pollux – die berühmten Zwillingsbrüder, von welchen lediglich einer unsterblich ist – spielt im Roman eine nicht unwesentliche Rolle. Vertont wurde diese Sage bereits durch Jean-Philippe Rameau in seiner Oper „Castor et Pollux“ aus dem Jahr 1737.

Zum Weiterlesen:

„Sie hatte bisher nur den Text auf der Hülle gelesen und nicht so richtig verstanden, warum Isolde ihrer alten Freundin Annemarie ausgerechnet dieses Hörbuch geschenkt hatte, das von Dresden handelte, von der Zerstörung der Stadt und von den seelischen Verwüstungen, die diese Katastrophe bei den überlebenden Opfern und Tätern ausgelöst hatte.“

(S.56)

Harry Mulisch ist mir bisher vor allem – vor langer Zeit – als Schullektüre begegnet. Damals war es sein Roman „Das Attentat“, der uns im Unterricht beschäftigte. Aber die obige Beschreibung von „Das steinerne Brautbett“ reichte für mich, den Titel sofort auf meine gedankliche Merkliste zu setzen.

Harry Mulisch, Das steinerne Brautbett
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22192-1

Von Helden und Hochstaplern

Ein leuchtendes, fröhliches Umschlagbild – die rot-gelbe Berliner S-Bahn vor strahlend blauem Himmel – und der vielversprechende Titel „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ – schon war es um mich geschehen und meine Neugier geweckt. Wer ist dieser Held? Welche Geschichte verbirgt sich hinter Maxim Leo’s neuestem Roman?

Schnell wird klar, so strahlend wie das Umschlagbild ist der Held Michael Hartung – ein einfacher Berliner Videothekenbesitzer – im wahren Leben nicht und doch wird er zufällig zum leuchtenden Stern am Heldenhimmel der deutschen Geschichte und blendet unfreiwillig Medien, Politik und die deutschen Mitbürger. Aber der Reihe nach…

„Er war im Grunde kein Lügner, eher so eine Art Geschichtenerzähler. Warum lasen die Menschen Bücher? Warum gingen sie ins Kino und ins Theater? Doch nicht, weil sie die Wahrheit wollten. Sie wollten träumen, sich in den Geschichten der anderen wiedererkennen.“

(S.76)

Kurz vor dem 30-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung im Jahr 2019 steht eines Tages ein umtriebiger Journalist in Michael Hartungs kleiner Berliner Videothek. Er hat eine alte Stasi-Akte ausgegraben, die belegt, dass Hartung – damals Stellwerksmeister am Bahnhof Friedrichstraße, eines Nachts durch seine Weichenstellung eine Massenflucht von über 127 Menschen in einem Zug aus der DDR nach Westberlin ermöglicht hat. Die Ereignisse dieser Nacht waren unübersichtlich und Hartung, der zwar zunächst alles abstreitet, ist aufgrund der Hartnäckigkeit des Journalisten nach ein paar Bier und da er chronisch pleite ist für ein ordentliches Honorar bereit, die Geschichte und seinen Anteil daran etwas großzügiger auszulegen. Schnell wird ihm einiges in den Mund gelegt, die Geschichte verselbstständigt sich und schon bald gerät die Situation vollkommen aus dem Ruder.

Interviews, Fernsehauftritte und Werbeverträge: Michael Hartung und seine Heldentat werden zum Sinnbild der deutsch-deutschen Geschichte hochstilisiert. Der Bundespräsident lädt ihn sogar zu einem Abendessen ins Schloss Bellevue ein. Ganz Deutschland reißt sich um ihn, rollt ihm den roten Teppich aus und feiert ihn für seinen selbstlosen Heldenmut.
Als dann jedoch plötzlich eine Frau in sein Leben tritt, die damals in diesem umgeleiteten Zug saß und er sich in sie verliebt, wird es für ihn zunehmend unangenehmer, die Lüge aufrechtzuerhalten.

Leo bespielt mit seinen Figuren ein breites Spektrum: Da ist der einfache Bürger, der plötzlich im Rampenlicht der medialen Aufmerksamkeit steht und als großer Held gefeiert wird. Und natürlich der überehrgeizige Journalist, der mit dieser Geschichte seine große Chance gekommen sieht und es dann mit der Wahrheit nicht mehr so genau nimmt oder aber die Politikerin, die versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Da ist aber auch der Bürgerrechtler, der seit Jahren versucht, Aufklärungsarbeit an Schulen und in Gedenkstätten zu leisten und im Rahmen dieser Bemühungen auch frustrierende Momente erlebt:

„Also, wir haben in der Klasse schon ein bisschen das Thema deutsche Teilung behandelt, aber erwarten Sie bitte nicht zu viel.“

(S.100)

Maxim Leo ist 1970 in Ost-Berlin geboren, lebt auch heute in Berlin und man merkt dem Roman an vielen Stellen unmittelbar an, dass er weiß, wovon er schreibt und dass ihm die Thematik sehr am Herzen liegt.
An manchen Stellen hätte er jedoch für meinen Geschmack auch ein bisschen weniger dick auftragen dürfen – ab und zu kratzt die Überzeichnung etwas und verursacht Unbehagen. Zwar ist die satirische Vereinfachung und das auf die Spitze treiben natürlich als gezieltes Stilmittel ganz gewollt eingesetzt und doch zuckte ich bei der Lektüre immer wieder ein wenig zusammen angesichts der pauschalen Vorurteile und Klischees, die natürlich lediglich wachrütteln und Bewusstsein schaffen sollen.

„Es ist wie in einem Liebesfilm“, sagte Hartung, „es geht vor allem um das Gefühl. Das Gefühl, akzeptiert zu werden. Das Gefühl, dazuzugehören. Vielleicht sollte man damit beginnen, nicht mehr von den Ostdeutschen und den Westdeutschen zu sprechen. Ich meine, was hat ein Hamburger mit einem Oberbayern zu tun? Und ein Mecklenburger mit einem Sachsen? Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beschuldigen und zu belehren.“

(S.118)

In den nicht ganz 300 Seiten steckt aber hinter der vermeintlichen Flapsigkeit des Hochstaplerromans und der romantischen Liebesgeschichte letztlich doch so viel mehr: Maxim Leo’s Roman kann und sollte zum Beispiel auch als Mediensatire gelesen werden. So hat der Fall Relotius zweifelsohne seine Spuren hinterlassen und blitzt immer wieder auf. Es geht um Stasi-Vergangenheit, Gedenktage und geschichtliche Aufarbeitung, um das Verdrängen und Verklären und um kleine Unwahrheiten, die sich schnell zu großen Lügen auswachsen können. Und natürlich bringt Maxim Leo die Leserschaft vor allem auch dazu, sich mit der deutsch-deutschen Geschichte und der Stimmung in unserem Land zu beschäftigen.
All das steckt drin in diesem Buch, das es – wie es sich für einen guten Hochstaplerroman gehört – faustdick hinter den Ohren hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Maxim Leo, Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00084-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Maxim Leo’s „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch spiegelt sich der große Kontrast wider zwischen Michael Hartung’s Vergangenheit und seinem Lebensalltag – so erinnert er sich zurück an „Fassbrause mit Waldmeistergeschmack“ (S.58), während sein neues Heldenleben ihn auch ins Schloss Bellevue inklusive der zugehörigen Haute Cuisine katapultiert: Dort bekommt er unter anderem „Reh-Medaillons aus der Schorfheide an Spitzkohl und Steinpilzragout“ (S.118).

Zum Weiterschauen:
Dass Filme im Leben eines Videothekenbesitzers natürlich eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ist klar. Auch wenn er seiner Kundschaft ein breites Spektrum anbietet, sind seine persönlichen Vorlieben doch sehr bodenständig geblieben. Bei einem gemeinsamen Videoabend könnten Hr. Hartung und ich uns wohl am ehesten auf den Schwarz-Weiß-Klassiker „Die Feuerzangenbowle“ einigen.

Zum Weiterhören:
Manfred Krug ist aktuell aufgrund des Erscheinens von „Manfred Krug. Ich sammle mein Leben zusammen: Tagebücher 1996 – 1997“ in aller Munde. Im Roman kommt der Krug-Song „Wenn’s draußen grün wird, fällt mir nur noch Liebe ein“ vor – reinhören lohnt sich und macht gute Laune.

Fallada’s letzter Roman

Ein Roman über einen Roman: Oliver Teutsch hat mit „Die Akte Klabautermann“ genau einen solchen vorgelegt. Doch sein Werk ist weit mehr als das: Es ist ein Roman über Hans Fallada’s letztes Lebensjahr und seinen späteren Weltbestseller „Jeder stirbt für sich allein“, aber eben auch über die Nachkriegszeit, über Suchterkrankung und Drogenabhängigkeit, über eine Ehe am Abgrund, über Berlin und über ein zerstörtes Land zur Stunde Null, das nicht nur die Trümmer auf den Straßen beseitigen muss, sondern auch wieder ein Kulturleben aufbauen möchte.

Berlin in den Jahren 1945/1946 – der zweite Weltkrieg ist vorbei. Die Stadt liegt in Trümmern, die Menschen haben Tote zu beklagen und oft alles verloren. Der Alltag ist geprägt von Armut und Hunger.
Auch das Ehepaar Ditzen – Rudolf Ditzen, besser bekannt als Hans Fallada, und seine zweite Frau Ulla – lebt in Berlin ärmlich zur Untermiete. Die letzten großen, einträglichen Erfolge liegen bereits einige Zeit zurück. Das Geld ist knapp und wird größtenteils durch die stetige Beschaffung des Morphiums verschlungen, nach welchem beide süchtig sind.

„Becher musterte den großen Romancier mit einer gewissen Verwunderung. Dieses eingefallene Männchen mit dem etwas abgetragenen Anzug hatte so großartige Bücher geschrieben.“

(S.136)

Doch Johannes R. Becher bemüht sich um Fallada und möchte ihn wieder zum Schreiben bewegen. Er organisiert einen gut dotierten Journalistenjob bei der Täglichen Rundschau für ihn und versucht, ihn dafür zu begeistern, den ersten großen antifaschistischen Roman der Nachkriegsära zu schreiben.

Selbst den potenziellen Romanstoff liefert Becher Fallada in Form der „Akte Klabautermann“ bereits frei Haus. Eine wahre Begebenheit über ein einfaches Berliner Ehepaar aus dem Arbeitermilieu, das sich in den Widerstand begibt, in Form von anonymen Postkarten gegen das Hitlerregime Stellung nimmt und letztlich gefasst und hingerichtet wird.
Doch Fallada wird nicht so recht warm mit diesem Stoff. Er fremdelt damit und kann sich zunächst nicht zum Schreiben motivieren.

„Stattdessen schielte er wieder einmal nur nach dem Geld und mußte sich jetzt mit diesem trübseligen Arbeiterehepaar befassen. Zwei ältliche Leute, ohne Anhang, ohne Kinder, ohne Freunde. Sie schrieben zwei Jahre lang nur Postkarten, wurden dann erwischt und hingerichtet. Was soll das für ein Roman sein?“

(S.296)

Der Alltag in der zerbombten Stadt, die schwierige Ehe mit der schwer suchtkranken Ulla, die Trennung von seinen Kindern aus erster Ehe, Zukunftsängste und Geldsorgen, die auch ihn selbst immer tiefer in die Abhängigkeit von Morphium stürzen. All das sind keine förderlichen und fruchtbaren Umstände für die Kreativität eines Schriftstellers. Die Schreibblockade hält an.

„Ditzen war gerne unter Leuten, aber nicht, weil er gesellig war. Ditzen erzählte in Gesellschaft nicht viel, er beobachtete lieber.“

(S.168)

Doch Becher hat sich bereits weit für ihn aus dem Fenster gelehnt, glaubt an ihn und hält an ihm fest – auch gegen zunehmenden Widerstand in Kreisen des Kulturbundes, welcher sich gerade neu formiert.
Es folgen Zusammenbrüche und Klinikaufenthalte – die Lage im Hause Ditzen eskaliert mehr und mehr und der Gesundheitszustand des Autors verschlechtert sich dramatisch. Kurz vor seinem Tod schreibt Fallada dennoch in gerade einmal 24 Tagen wie im Rausch seinen letzten Roman, der zum Weltbestseller werden wird.

„Im Schreibrausch vergisst Fallada die frostigen Temperaturen, seine starren Hände und seine angeschlagene Gesundheit. Die Geschichte wächst, seine Gesundheit schwindet. Er merkt es nicht in seiner rauschenden Euphorie. Er hat immer geschrieben, um zu vergessen.“

(S.304/305)

Eine Geschichte, die viele Literaturbegeisterte und interessierte Leserinnen und Leser sicherlich in den Grundzügen kennen und doch ist es spannend und bewegend sie von Oliver Teutsch in Romanform erzählt zu bekommen.
Denn man taucht selbst ab in die Atmosphäre des Nachkriegsberlin, in welchem der Schwarzmarkt blüht, Lebensmittel knapp sind, so dass jedes freie Fleckchen Erde zum Gemüseanbau genutzt wird und doch auch das kulturelle Leben wieder zu sprießen beginnt. Theater, die wieder öffnen, der Kulturbund, der sich dafür einsetzt, emigrierte Schriftsteller wieder zurück nach Deutschland zu holen – all das findet sich in Teutsch’s Roman und macht ihn lesenswert.

Wie kann ein kultureller Wiederaufbau eines Landes nach der Stunde Null aussehen und gelingen? Auf welche Künstler kann und will man setzen?
Die Auseinandersetzung mit den Kriegsfolgen, Entnazifizierung und die Haltung, welche man im Krieg eingenommen hatte: war man aktiv im Widerstand gewesen? Stummer Mitläufer oder doch aktives Parteimitglied gewesen?
Auch diese Überlegungen klingen im Roman an, so dass „Die Akte Klabautermann“ einen deutlich größeren Bogen spannt, als lediglich Einblicke in Fallada’s Leben und Schaffen zu gewähren, die man aber selbstverständlich auch bekommt.

Einfühlsam und eindringlich zeichnet Teutsch das Portrait eines Schriftstellers in der letzten Lebensphase, der durch die Zeit und die Lebensumstände schwer gezeichnet und letztlich durch die Drogenabhängigkeit todkrank geworden ist. So dass er 1947 im Alter von lediglich 53 Jahren starb.

Und so wird Teutsch’s flüssig lesbarer, kurzweiliger Roman gleichzeitig zu einem Stück deutscher Literatur- und Kulturgeschichte. Mich haben diese letzten Lebensmonate von Hans Fallada und die Hintergründe zur Entstehung von „Jeder stirbt für sich allein“ sehr berührt und auf jeden Fall die Lust geweckt, dieses einzigartige Werk irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen – dann sicher mit einem anderen und geschärften Blick.

Fallada-Fans, Literaturbegeisterte und Geschichtsinteressierte werden anregende und aufschlussreiche Lesestunden mit Oliver Teutsch’s „Die Akte Klabautermann“ verbringen und den Menschen Rudolf Ditzen alias Hans Fallada noch einmal aus einer anderen Perspektive kennenlernen.

„Erich Kästner hat mal über mich gesagt, ich sei ein ewiger Gymnasiast. Ich habe nicht verstanden, was er da meinte, aber wahrscheinlich hatte er recht, irgendetwas in mir ist nie richtig fertig geworden, so daß ich kein richtiger Mann bin, sondern nur ein alt gewordener Mensch.“

(S.270)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Axel Dielmann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Oliver Teutsch, Die Akte Klabautermann
Axel Dielmann Verlag
ISBN: 978-3-86638-343-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Oliver Teutsch’s „Die Akte Klabautermann“:

Für den Gaumen:
Die Nachkriegszeit war auch die Zeit der Armut und des Hungers. Als Untermieter bei der resoluten Berlinerin Frau Pesoke werden die Ditzen’s mit „Fusselsuppe“ bekocht – eine in heißes Wasser geriebene Kartoffel.
Dagegen sind die Bockwürste mit Kartoffelsalat, die es als Weihnachtsessen bei der Feier im Hause Becher gibt, ein wahres Festessen.

Zum Weiterlesen (I) oder Weiterschauen (I):
Gleich zu Beginn des Romans bei eben jener „Fusselsuppe“ sitzen die Ditzen’s mit einer blonden Schauspielerin bei Frau Pesoke am Esstisch. Ohne dass der Name genannt wird, kann man sich ihre Identität erschließen: Es handelt sich um die junge Hildegard Knef, die Ensemblemitglied des Schlosspark Theaters ist und gerade ihren Text für eine Rolle in „Hokuspokus“ von Curt Goetz lernt.
Das beliebte Bühnenstück wurde mehrfach verfilmt, u.a. 1953 mit Curt Goetz selbst und seiner Ehefrau Valérie von Martens in den Hauptrollen, 1966 dann mit Heinz Rühmann und Liselotte Pulver.

Zum Weiterschauen (II):
Im Jahr 1976 spielt genau jene Hildegard Knef nach einer überstandenen Krebserkrankung die Hauptrolle der Anna Quangel in der Verfilmung von „Jeder stirbt für sich allein“.
Nach dem großen Erfolg der 2011 neu erschienenen ungekürzten Originalfassung des Romans, die zum Weltbestseller wurde, übernahm 2016 Emma Thompson die Rolle der Anna Quangel in einer weiteren Verfilmung.

Zum Weiterlesen (II):
Ich habe „Jeder stirbt für sich allein“ 2011 gelesen und war fasziniert. Die gebundene Ausgabe hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal und es zählt zu den Büchern, die ich sicherlich irgendwann noch einmal lesen werde. „Die Akte Klabautermann“ weckt definitiv die Lust, sich noch mal aus einer anderen Perspektive erneut mit Fallada’s letztem Werk zu beschäftigen.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-2811-0

Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7