Reif für die Hallig

So mancher träumt sich momentan an Sehnsuchtsorte und wünscht sich wieder einmal, das Meer, die Wellen und eine herrliche Landschaft genießen zu können. Ein solcher, außergewöhnlich schöner Landstrich, der sicher für viele zu diesen Sehnsuchtsorten zählt, ist die Nordsee und das Wattenmeer, die zudem mit den zehn Halligen, die zum UNESCO-Weltnaturerbe zählen, mit einer weltweit einzigartigen Besonderheit aufwarten. Laut Wikipedia sind Halligen „kleine, nicht oder nur wenig geschützte Marschinseln vor den Küsten, die bei Sturmfluten überschwemmt werden können.“

Literarisch hat Theodor Storm (1817-1888) mit seiner Novelle „Eine Halligfahrt“ dieser Landschaft bereits 1871 ein Denkmal gesetzt. Eine melancholische Liebesgeschichte, die den Ausflug zweier junger Liebender auf eine Hallig zum Thema hat.

Heutzutage wird diese Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft oder einem Ort literarisch oft durch ein anderes Genre bedient: den Regionalkrimi, der es dem Urlauber ermöglicht, sich entweder vor dem Urlaub bereits lesend einzustimmen oder auch nach einem solchen ein Lektüre-Souvenir mit nach Hause zu bringen, um nochmal in Urlaubserinnerungen zu schwelgen.

Vor kurzem ist jetzt auch ein „Krimi von den Halligen“ erschienen:
Günter Wendt hat sich jedoch für seinen Hallig-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ bewusst dafür entschieden, einer neuen „fiktiven“ Hallig namens Grienoog das Leben zu schenken, um zu vermeiden, dass jedes Haus und jeder Schauplatz eindeutig der überschaubaren, realen Welt auf den zehn Nordsee-Halligen zugeordnet werden kann. Schließlich ist das reale Leben dort sicher friedlicher als in seinem Krimi. Die Wortschöpfung Grienoog stammt aus dem Friesischen und bedeutet „Grüne Insel“.

Wie man bereits am Titel „Die letzte Fähre ging um fünf“ erahnen kann, handelt es sich im weitesten Sinne um einen Kriminalroman, der an einem abgeschlossenen Ort (in diesem Fall die Hallig) eine überschaubare Anzahl an in Frage kommenden Verdächtigen aufweist, die sich aufgrund der Wettersituation und der fehlenden Fährverbindung auch nicht mehr vom Tatort entfernen können. Ein klassisches Set-up, das dem erfahrenen Krimileser immer wieder einmal begegnet.

„Er liebte Unwetter. Da merkt man doch erst, dass man lebt, sagte er immer, wenn sich jemand über schlechtes Wetter beschwert.“

(S.29)

Auf Grienoog braut sich ein gehöriger Sturm zusammen und der Wetterbericht sagt sogar einen Hurrikan vorher, der die Ruhe auf der Hallig für die Urlauber empfindlich stören wird. Dabei wollte Kommissar Kollerup aus Husum (auch Kolle genannt) einfach nur ein paar ruhige Urlaubstage im Hotel „Deichvogt“ verbringen und sich entspannen. Daraus wird jedoch nichts, als plötzlich während das Unwetter über die Hallig zieht, der örtliche Wattführer während des Abendessens vor dem Fenster des Lokals und somit gleichsam auf dem Präsentierteller vor den Augen sämtlicher Gäste tot zusammenbricht.

Der Sturm hat die Verbindung zur Außenwelt vorübergehend gekappt und so muss Kolle zunächst auf sich allein gestellt und lediglich mit der Hilfe des schrulligen Hallig-Unikums und Malers Onne ermitteln. Schnell stellt sich heraus, dass der Wattführer keines natürlichen Todes gestorben ist und einige Hotelgäste und Bewohner etwas zu verbergen sowie durchaus ein Motiv für die Tat hatten. Denn der Wattführer hatte sich vor seinem gewaltsamen Tod einige Feinde gemacht.

Wendt hat mit „Die letzte Fähre ging um fünf“ einen typischen Regionalkrimi geschrieben und somit jetzt auch die friesischen Halligen bespielt. Der Lokalkolorit, die landschaftlichen Besonderheiten und die vorherrschenden Themen wie Windkraftanlagen, das Wattführergeschäft und der Tourismus, der nicht immer unbedingt im Einklang mit der Natur und dem Umweltschutz steht, stehen klar im Vordergrund.

Stellenweise verwendet Wendt auch ein gehöriges Portion Selbstironie, indem er gängige Klischees bedient:

„Das da hinten ist unsere Attraktion. Die Kapelle ist über 300 Jahre alt. Davor das nächste Highlight: unsere Schafe.“

(S.47)

Sprachlich hätte ich mir persönlich an der einen oder anderen Stelle etwas weniger Fluchen und Schimpfen und dafür statt umgangssprachlicher Flapsigkeit noch etwas mehr nordische Raffinesse gewünscht.

Im Anhang des Buches erläutert Wendt einige Begriffe und Besonderheiten der nordfriesischen Küste und Hallig-Urlauber oder Leser, die „reif für die Hallig“ sind, haben mit diesem Regionalkrimi nun eine Möglichkeit mehr, sich literarisch der Landschaft anzunähern.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag edition krimi (Bedey Thoms), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Wendt, Die letzte Fähre ging um fünf
edition krimi
ISBN: 978-3-946734-89-5

© edition krimi

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die letzte Fähre ging um fünf“:

Für den Gaumen:
Für mich gehört zum Norden vor allem auch der Tee, d.h. zum Beispiel eine schöne Tasse Friesentee mit einem Schuss Sahne und Kluntje.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Allen, die sich wie ich am Meer nicht satt sehen können und gerade Fernweh haben, möchte ich den wunderbaren MEERblick.blog ans Herz legen. Beim Betrachten dieser zauberhaften Fotos geht mir immer das Herz auf und ich höre in Gedanken das Wellenrauschen, spüre den Wind und die Meeresbrise. Helmut lässt uns mit traumhaften Bildern teilhaben an der Schönheit der Natur, dem Leben und den Jahreszeiten auf den Halligen und Nordseeinseln.

Zum Weiterlesen:

„Durch die Fenster, welche in der Front des Hauses gegen Süden lagen, sah man auf die grüne Fläche der Hallig und fern am Strand die Brandung, welche silbern in der Sonne schimmerte.“

(aus Theodor Storm „Eine Halligfahrt“)

Wer sich lieber klassisch dieser schönen Landschaft im Norden nähern möchte, dem sei Theodor Storm’s Novelle „Eine Halligfahrt“ ans Herz gelegt. Theodor Storm, der den meisten wohl eher durch den „Schimmelreiter“ bekannt ist, hat bereits 1871 den Ausflug zweier junger Liebender auf eine Hallig literarisch verewigt.

Ein Text, der auch auf der Website des Projekt Gutenberg zu finden ist.

Theodor Storm, Eine Halligfahrt
Thorbecke Jan Verlag
ISBN: 3799512942

Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

Felchenskandal am Bodensee

Der Food-Journalist und Krimiautor Erich Schütz hat mit „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ beide Leidenschaften in einem kulinarischen Krimi vereint und sensibilisiert seine Leser auf kurzweilige und spannende Art und Weise dafür, sich zukünftig auch einmal Gedanken zu machen, woher der Fisch auf dem Teller eigentlich kommt.

„Jeder Seeanwohner weiß: Ein Drittel der Felchen, die am Bodensee verkauft werden, mögen aus dem Bodensee sein, aber zwei Drittel kommen garantiert sonst woher, nur nicht aus dem See, der vor den Nasen der Gäste unschuldig in der Sonne glitzert.“

(S.8)

Die Fischerfamilie Ellegast gehört zu den traditionellen und alt eingesessenen Fischereibetrieben am Bodensee. Doch nun droht die Ehe von Gerdi und Martin am Thema „Felchen“ zu zerbrechen. Während Gerdi naturverträglich und nachhaltig noch auf traditionelle Weise fischt und trotz rückläufigen Fangmengen Wert auf qualitativ hochwertige Fische legt, ist Ehemann Martin dabei, höchst umstrittene Zuchtgehege im See aufzubauen, in welchen die Fische mit dubiosen Methoden und Medikamenteneinsatz in rauen Mengen „produziert“ und „gemästet“ werden, um den schier unersättlichen Bedarf an „echten Bodenseefelchen“ in der Gastronomie am See abzudecken.

Dass ein solcher Betrieb auch den Umweltschützern in der Region ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst, und schon bald kommt es zu Protestaktionen. Als plötzlich auch mit illegalen Methoden agiert wird und es zu Sabotageakten und Brandanschlägen kommt, brennt die Luft im Urlaubsparadies.
Hat gar Tochter Lena – Biologiestudentin und selbst überzeugte Umweltaktivistin – ihre Finger mit im Spiel gehabt? Und wo verläuft die Grenze zwischen Umweltschutz und Ökoterrorismus?

Erich Schütz hat einen Krimi verfasst, der neben dem Lokalkolorit vor allem auch viele Hintergründe zur Fischzucht und heutigen Methoden erläutert und einfließen lässt. So mancher Leser wird hier Neues erfahren. Er macht klar, dass nicht alles Gold ist, was auf den Tellern glänzt und verpackt diese Aussagen in einen kritischen Regiokrimi, der sich sehr flüssig lesen lässt. Dass er sich als Food-Journalist und Krimiautor schon lange mit kulinarischen Themen und der Küche am Bodensee beschäftigt, merkt man bei der Lektüre und trotz aller Kritik blitzt auch die Liebe zur heimischen Küche und zur Schönheit der Landschaft immer wieder auf, die es zu erhalten gilt.

Interessant ist auch, wie er die Streitthemen und unterschiedlichen Ansichten konzentriert aus der Sicht einer Familie schildert, denn so fließen auch noch Beziehungsprobleme und Generationskonflikte kammerspielartig in die Kriminalhandlung ein. So beleuchtet er auch, wo Schwierigkeiten liegen, wenn die nachfolgende Generation mit der Weiterführung des Familienunternehmens hadert und der Wunsch der Eltern auf die Fortführung der Tradition und die Lebensplanung der Kinder aufeinanderprallen. So hat Schütz auf engen Raum thematisch einigen Zündstoff hineingepackt und einen Kriminalroman geschrieben, der aus vielerlei Aspekten heraus zum Nachdenken anregt.

Mit seinen gerade mal 188 Seiten ist dieses Krimihäppchen schnell verspeist und ist bestens geeignet für das Reisegepäck des nächsten Bodenseeurlaubs – auch wenn man dann wohl im Restaurant nicht unbedingt den Drang verspüren wird, Felchen zu bestellen. Doch die Bodensee-Küche hat ja auch noch jede Menge anderer Köstlichkeiten zu bieten.

Hinter dem Krimi mit einem Titel, der satirisch auch dem Genre Heimatfilm entlehnt sein könnte, verbirgt sich ein kritischer und brisanter Roman, der den Leser auf unterhaltsame Art dazu bringt, sich über Konsum- und Essgewohnheiten Gedanken zu machen. Am Ende der Lektüre ist man froh, wenn man noch einmal zum Beginn zurückblättert und sich an das Vorwort des Autors erinnert:

„Das ist kein Sachbuch, das ist ein Roman! Es gibt im Bodensee noch keine Felchengehege und auch noch keine genmanipulierten Fische – noch nicht…“

Trotz aller Kritik, macht der Roman auf jeden Fall auch große Lust auf den Bodensee und die einmalige Landschaft, die so viel zu bieten hat, so dass man sich wünscht, bald wieder einmal dorthin zu reisen und dann mit geschärftem Sinn, die Natur und die kulinarischen Genüsse dort genießen zu können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Erich Schütz, Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2801-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“:

Für den Gaumen:
Ich muss gestehen, dass mir die Lektüre nicht unbedingt Appetit auf Fisch gemacht hat, sondern ich dann eher frischem Gemüse den Vorzug geben würde. Bald ist Spargelsaison, daher denke ich eher an frischen Spargel mit Kartoffeln und einem schönen Glas Weißwein (z.B. ein Müller-Thurgau) vom Bodensee.

Zum Weiterdenken:
Am 19. März 2021 war für Deutschland bereits der „End of Fish Day 2021“, was bedeutet, dass rein rechnerisch ab diesem Zeitpunkt jeder Fisch, der in Deutschland verzehrt wird, importiert wird. Denn die heimischen Fische aus Nord- und Ostsee, Flüssen und Aquakulturen reichen nicht mehr aus, den Bedarf zu decken. Das ist zwei Wochen früher als 2020 (5. April) und auf Überfischung, Erwärmung der Meere und den Klimawandel zurückzuführen.

Zum Weiterlesen und für einen Museumsbesuch:
Künstlerisch und literarisch verbindet man mit dem Bodensee natürlich Hermann Hesse, der dort auf der Halbinsel Höri in Gaienhofen einige Jahre (1904-1912) gelebt hat. Dort gibt es ein Hesse Museum in einem ehemaligen Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert, das sich dem Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers widmet. Der Roman „Unterm Rad“ aus dem Jahr 1906 fällt in seine Zeit am Bodensee – bei mir war dieser Schullektüre:

Hermann Hesse, Unterm Rad
Suhrkamp BasisBibliothek 34
ISBN: 978-3-518-18834-7

Goldschatz und Pestpogrom

Heute möchte ich das letzte Werk einer großartigen Autorin und Persönlichkeit vorstellen: Mirjam Pressler und ihr letztes Jugendbuch „Dunkles Gold“, das kurz nach ihrem Tod 2019 erschienen ist und das noch einmal verdeutlicht, wie meisterhaft sie es verstand, auch schwierige Themen in eine Sprache zu bringen, die junge Menschen anspricht und berührt. Mirjam Pressler lebte und arbeitete zuletzt in meiner Heimatstadt Landshut, so dass es mir ein besonderes Anliegen und eine Ehre ist, sie hier auf der Kulturbowle vorzustellen.

Teenager Laura lebt in Erfurt mit ihrer Mutter, die beruflich mit dem Erfurter Schatz betraut ist, und so bleibt es nicht aus, dass auch die Tochter sehr viel über die Geschichte dieses kulturellen Erbes weiß. Eben jener Schatz, den der jüdische Kaufmann Kalman von Wiehe vermutlich in den Wirren des Pestpogroms 1349 vor den Verfolgern versteckt und vergraben hatte, und der aus zahlreichen Silbermünzen, -barren und Geschirr, ebenso wie Schmuckstücken, Goldschmiedearbeiten und einem kunstvoll gearbeiteten, filigranen jüdischen Hochzeitsring mit der hebräischen Aufschrift „Masel Tow“ (Viel Glück) besteht.

Im Roman erzählt Mirjam Pressler in wechselnden Kapiteln die Geschichte von Rachel und Joschua, den Kindern eben jenes Kalman von Wiehe, die vor der Judenverfolgung während des Pestpogroms fliehen und die Geschichte von Laura, die in der heutigen Zeit selbst erfahren muss, in welche Fettnäpfchen man treten kann, wenn man sich in einen jüdischen Jungen verliebt, der aufgrund der Diskriminierung, der er ausgesetzt ist, am liebsten gar nicht über seine Religion spricht, um nicht aufzufallen.

So beleuchtet Pressler das Thema Judentum und Judenverfolgung, Diskriminierung und Antisemitismus in der Vergangenheit und im Hier und Heute und erklärt einem jugendlichen Lesepublikum in flüssiger, moderner und zugänglicher Sprache anhand einer fesselnden und berührenden Geschichte die geschichtlichen Hintergründe und Entwicklungen. Zudem erfährt der Leser die spannende und spektakuläre Geschichte des Erfurter Schatzes, der heute in der Alten Synagoge in Erfurt zu bestaunen ist.

Rachel und Joschua wachsen behütet in einem reichen, jüdischen Haushalt in Erfurt auf, doch als die Pest immer näher rückt, tauchen auch die Gerüchte und Mythen wieder auf, dass die Juden als „Brunnenvergifter“ doch Schuld an der Verbreitung der Krankheit tragen würden. Der Neid und Hass der Bevölkerung auf die Juden, die im Gegensatz zu den Christen Geld verleihen dürfen, schlägt um in Gewalt und Vertreibung. Plötzlich müssen die Geschwister Rachel und Joschua geliebte Menschen, ihre Heimat und ihr Elternhaus zurücklassen. Zuvor weiht der Vater Rachel noch in sein Geheimnis ein, wo er die Familienschmuckstücke versteckt und nimmt ihr das Versprechen ab, niemals darüber zu sprechen, denn „reiche Juden leben gefährlich“ (S. 328). Eine abenteuerliche, gefährliche und schmerzhafte Flucht in Richtung Osten beginnt.

„Und ich fragte mich, ob Abschiede und Verzichte untrennbar mit jüdischem Leben verbunden sind, Abschiede von Menschen, die man geliebt hat und nur noch im Herzen bei sich haben kann, und Verzichte auf Häuser und Orte, an denen man gerne geblieben wäre, von denen man aber vertrieben wurde.“

(S.278)

Laura, die in der heutigen Zeit lebt, künstlerisch begabt ist und sehr gut und gerne zeichnet, kämpft mit der Pubertät, ist genervt und fasziniert zugleich von den nicht enden wollenden Geschichten, die ihre Mutter ihr über die Geschichte des Schatzes und das Schicksal der Erfurter Juden erzählt. Als sie sich dann in Alexej verliebt, einen russischen Juden in ihrer Schule, entsteht die Idee, dass sie eine Graphic Novel über die Geschichte der Kaufmannsfamilie von Wiehe und den versteckten Schatz zeichnen und schreiben könnte.

„Ich mag dieses abendliche Nachdenken im Bett, mochte es schon immer, dieses Gefühl, dass Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf schweben, ohne irgendwo hängen zu bleiben, diesen weichen, nebelhaften Bereich zwischen Wachen und Schlafen, in dem manchmal Bilder aufblitzen und wieder verschwinden.“

(S.48)

So verschmelzen die Geschichten und Probleme von Rachel und ihrem Bruder Joschua – das Schicksal der Verfolgung und Vertreibung während des Pestpogroms – mit der Geschichte Alexejs, seiner Großmutter und Laura erfährt nach und nach, was es bedeutet, jüdisch zu sein.

Mirjam Pressler hat ein großartiges, tiefgründiges und lehrreiches Jugendbuch geschrieben, das eine bedeutende Geschichte mit einer wichtigen Aussage erzählt. Selten liest man derart berührende und aufwühlende Jugendliteratur, die mitten ins Herz trifft und zeitgleich fundiert auch schwierige, geschichtliche Inhalte vermittelt.
Eine ganz große Leseempfehlung einer wunderbaren Autorin, die ein großes, wichtiges und zeitloses Werk hinterlassen hat, das man jedem ans Herz legen kann und möchte. Ganz große Literatur von einer starken, bewundernswerten Frau und herausragenden Persönlichkeit – ein Herzensbuch!

Buchinformation:
Mirjam Pressler, Dunkles Gold
Gulliver (von Beltz&Gelberg)
ISBN: 978-3-407-75491-2

© Beltz Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dunkles Gold“:

Für den Gaumen:
Im Roman können die gebackenen Apfelküchlein Trost und Kraft nach den Strapazen der Flucht spenden und Leib und Seele zusammenhalten beziehungsweise wieder aufrichten.

Zum Weiterschauen und für einen Museumsbesuch:
Im Keller der Alten Synagoge zu Erfurt wird der sogenannte Erfurter Schatz ausgestellt und kann dort besichtigt werden. Im Jahre 1349 während des Pestpogroms versteckt, wurde er 1998 wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wer mehr über die außergewöhnlichen Stücke (mit dem jüdischen Hochzeitsring als wohl bedeutendsten Schmuckstück) erfahren möchte, findet auch Bilder und weitere Informationen zum Schatz auf der Website „Jüdisches Leben in Erfurt“.

Zum Weiterlesen:
Mirjam Pressler arbeitete auch als Übersetzerin (aus dem Hebräischen, Niederländischen, Englischen und Afrikaans ins Deutsche) und wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem die Buber-Rosenzweig-Medaille, den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übersetzung von Amos Oz „Judas“, die Corine für ihren Roman „Nathan und seine Kinder“ sowie das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihren „herausragenden Einsatz für die Völkerverständigung insbesondere zwischen Israel und Deutschland und die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht“.
Selbst Tochter einer jüdischen Mutter, spielte das Judentum und der Holocaust in ihren Werken oft eine große Rolle. Ihre Übersetzung des „Tagebuch der Anne Frank“ gilt bis heute als eines ihrer Hauptwerke.

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzt von: Mirjam Pressler
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-51149-5

Tschudi und die Nationalgalerie

Einer meiner Lesehöhepunkte in den ersten beiden Monaten des Jahres 2021 war bisher „Tschudi“ – der Roman der Autorin Mariam Kühsel-Hussaini über Hugo von Tschudi, den Museumsdirektor der Berliner Nationalgalerie in den Jahren 1896 bis 1908, der es als Erster und gegen den Widerstand des Kaisers Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten für das Museum zu erwerben und auszustellen.
Ein großartiges Buch über eine spannende und hochinteressante Persönlichkeit, über Berlin, über die Kaiserzeit, über Kunst und Kultur – und all das in einer wunderschönen Sprache, die mich fasziniert und begeistert hat.

„Es war, als sei ein Augenblick des Universums nach Berlin gefallen, hierher, in die Nationalgalerie, in diesen Saal, zwischen diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt standen.“

(S.118)

Der Roman lässt die Kaiserzeit und das pulsierende Berlin um die Jahrhundertwende vor den Augen des Lesers wieder auferstehen. In den Mittelpunkt ihres Romans stellt die Autorin das Spannungsfeld zwischen dem aufgeschlossenen, visionären, mutigen Museumsdirektor und Kunstmenschen Hugo von Tschudi und dem konservativen, militärischen Traditionalisten Kaiser Wilhelm II.
Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide durch ihre Krankheiten auch auf ähnliche Weise mit ihrem Schicksal hadern. Tschudi war an der Wolfskrankheit erkrankt und trug im fortgeschrittenen Stadium sogar eine Gesichtsmaske, um die Folgen der Krankheit zu kaschieren und der Kaiser litt bereits seit seiner Geburt unter einer Lähmung und Verkürzung des linken Arms.

Als Tschudi auf einer Frankreichreise, die er gemeinsam mit dem Künstler Max Liebermann unternahm, zahlreiche Bilder französischer Impressionisten erwirbt und diese vollkommen neuen, modernen und unkonventionellen Werke in der altehrwürdigen Nationalgalerie ausstellt, prallen die beiden und ihre Vorstellung von Ästhetik unweigerlich aufeinander. Die Ausstellung mit Werken von Manet, Monet und Degas wird zum große Erfolg und Skandal zugleich – sie spaltet die Geister und polarisiert.

Tschudi verkehrt mit den wichtigen und namhaften Persönlichkeiten seiner Zeit: so gibt er Cosima Wagner eine Privatführung durch die Ausstellung, diniert mit Max Liebermann und dessen Frau Martha, trifft sich mit Virchow, Henry van de Velde, Gerhart Hauptmann und Harry Graf Kessler.

Kühsel-Hussaini schreibt atmosphärisch und schwebend, so dass die Stimmung und der Zeitgeist im Berlin der Jahrhundertwende und die zahlreichen künstlerischen Einflüsse und Strömungen sehr gut zur Geltung kommen.
Der Roman lebt nicht so sehr von der Handlung, sondern viel mehr von Stimmungen, Farben, Klängen, Genüssen und dem Flair Berlins, der in jeder Zeile durchscheint. Er wird getragen durch interessante Menschen und Charaktere, die diese Zeit des Um- und Aufbruchs erleben.

Es ist berührend zu lesen, wie die Autorin uns in Tschudi’s Gedankenwelt eintauchen lässt: dieser intelligente, feinfühlige und sensible Mensch, der so sehr an seiner Krankheit und der damit einhergehenden Entstellung seines Gesichts leidet, große Angst vor Leiden und Tod hat und doch einen solch großen, ungezügelten Hunger nach Leben, Lebensfreude und den schönen Dingen des Lebens in sich spürt.

Man spürt bei der Lektüre die Faszination für die Kunst und die damals noch auf unerhörte Weise „andersartigen“ Gemälde der französischen Künstler – die Beschreibungen der Autorin über die Wahrnehmung und das Betrachten von Bildern sind wunderbar zu lesen.

„Man darf ein Gemälde nicht betrachten. Man muss in das Bild hinein. Man muss zwischen den Farben sein, wenn sie auf der Leinwand gemischt werden. Man muss im glatten Pompejanischblau ertrinken, wenn das anrollende Neapelgelb einen wieder heraushebt und ins dick gefleckte Chinesischweiß schmiegt.“

(S.305)

Sprachlich ist der Roman für mich ein wahres Fest und ein großer Genuss gewesen. Kühsel-Hussaini schreibt wunderschön mit neuartigen Bildern und Wortschöpfungen in einer sinnlichen, kristallklaren und intensiven Sprache, die man so nicht oft zu lesen bekommt.

Das Buch bezaubert und sprudelt über von Farben, Kunst, Kultur, Lebensgefühl und Zeitgeist – es reißt viele Themen und Aspekte an, die einen dazu animieren, weiter zu recherchieren und noch tiefer nachzulesen – ein wahrer Quell der Inspiration, vielseitig und somit genau nach meinem Geschmack. Für alle Kultur- und Kunstbegeisterten und Liebhaber schöner Sprache kann ich diesen Roman daher uneingeschränkt empfehlen und wärmstens ans Herz legen.

„Im Schein des Kristalls, in den hübschen winzigen begierigen Bläschen des weißgoldenen Champagners, sprudelt ganz Berlin.“

(S.245)

Weitere Besprechungen des Romans findet man unter anderem bei Aufklappen, Buch-Haltung und Fräulein Julia.

© Büchergilde Gutenberg

Buchinformation:
Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7200-6

oder

Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00137-7

© Rowohlt Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tschudi“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Hause Liebermann für den Gast Hugo von Tschudi Spargel und Riesling – schon jetzt freue ich mich auch darauf, wenn bei uns die Spargelzeit im Frühjahr wieder beginnen wird. Zudem musste ich das Dessert „Berliner Luft“ recherchieren, das mir bisher nicht als Nachspeise, sondern nur als Lied von Paul Lincke bekannt war. Laut Wikipedia: „Berliner Luft ist eine schaumige Dessertcreme aus Eigelb, Eischnee, Zucker und Gelatine, die mit Himbeersaft angerichtet wird.“

Zum Weiterschauen:
Noch heute gehören die Werke der französischen Impressionisten zu den Hauptattraktionen der Alten Nationalgalerie in Berlin. Es lohnt sich, auf der Homepage des Museums ein wenig virtuell zu stöbern, solange ein realer Museumsbesuch leider noch nicht möglich ist. Zum Beispiel Édouard Manet’s „Im Wintergarten“ war eines der Werke, die Hugo von Tschudi auf seiner gemeinsamen Reise mit Max Liebermann in Frankreich für das Museum erworben hatte.

Zum Weiterhören:
Im Roman spielt das berühmte Stück „Gymnopédie No. 1“ von Erik Satie eine Rolle und dieses melancholische, verträumte Klavierstück aus dem Jahr 1888 passt für mich wunderbar zu diesem Buch und dem Zeitgefühl.

Zum Weiterlesen:
Rodin ist einer der Künstler, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielen und hier kann ich das Buch „Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft“ von Rachel Corbett sehr empfehlen, das die Künstlerfreundschaft der beiden biographisch und sehr gut lesbar aufbereitet.

Rachel Corbett, Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft
Übersetzer: Helmut Ettinger
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3554-5

Kunstvolles Verwirrspiel

Ein Kriminalfall im Kunstmilieu und eine Detektei, die auf diese Art von Verbrechen spezialisiert ist – seit dem Fall Gurlitt oder dem Raub im Dresdner Grünen Gewölbe war dieses Genre literarisch überfällig. Mit der Kunstdetektei von Schleewitz und dem ersten Fall „Der Turm der blauen Pferde“ hat Bernhard Jaumann diese Nische des Kunst-Krimis für sich entdeckt und einen unterhaltsamen und spannenden Auftakt mit einem Ermittlerteam geschaffen, welches das Zeug dazu hat zu beliebten Serienhelden zu werden.

Im Zentrum des Romans steht Franz Marc’s weltberühmtes Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ aus dem Jahr 1913, das seit 1945 als verschollen gilt, nachdem es 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und Hermann Göring es vereinnahmte.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf, zu einem tiefblauen Leben, das sich selbst genügte und alle anderen Farben an den Rand drängte.“

(S.12/13)

Berchtesgaden Mai 1945 – zwei Bauernjungen entdecken in einem einsamen Eisenbahntunnel jede Menge Kisten, die sie zunächst für ein Munitionsdepot halten. Als die Neugier sie dazu treibt, eine davon zu öffnen, stoßen sie auf etliche Gemälde und eines davon fasziniert den jungen Ludwig so sehr, dass er es unbedingt besitzen will, obwohl es nicht dem nationalsozialistischen Ideal entspricht. Eine lange, dramatische Geschichte voll dunkler und blutiger Geheimnisse beginnt.

Im Jahr 2017: Rupert von Schleewitz betreibt in München gemeinsam mit seinen Kollegen Klara und Max eine kleine Kunstdetektei. Als plötzlich das verschollene Gemälde Franz Marc’s „Der Turm der blauen Pferde“ bei einem Großindustriellen auftaucht, das dieser unter seltsamen Umständen erwerben konnte, grenzt dies an eine Sensation. Um jegliche Zweifel an der Echtheit des Kunstwerks auszuräumen, beauftragt er die Detektei, die Herkunftsgeschichte des Bildes zu klären.

Doch wie lässt sich die zeitliche Lücke zwischen dem Verschwinden während des zweiten Weltkriegs und dem Jahr 2017 schließen? Eine schwierige Spurensuche beginnt, welche die Detektive quer durch Bayern, nach Berlin, sowie vom einfachen Bergdorf nahe Berchtesgaden, über die Münchner Schickeria auch in die zeitgenössische Kunstszene führt.

Jaumann erschafft spannende Charaktere: Da ist Rupert von Schleewitz, Inhaber der Detektei und Frauenheld, der sich während der Ermittlungen von einer potenziellen Zeugin der Gemäldeübergabe den Kopf verdrehen lässt bis er sie aus den Augen verliert. Unterstützt wird er von Klara Ivanovic, der Kunstexpertin des Teams, aufgewachsen als Tochter eines exaltierten Künstlers, der ihre eigenen künstlerischen Ambitionen stets im Keim erstickte, so dass sie Kunstgeschichte studierte und um den sie sich mittlerweile aufgrund seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung verstärkt kümmern muss. Und da ist Max – stark geforderter Vollblutfamilienvater einer blockflötenden und einer pubertierenden Tochter – der für Detailrecherche jeglicher Art sowie Archivbesuche zuständig ist und der obwohl er ihn manchmal woanders hat, doch auch seinen eigenen Kopf durchsetzt. Ein kunterbunt zusammengewürfeltes Team, das gegensätzlicher nicht sein könnte und sich dennoch auch aufgrund der Vielseitigkeit gut ergänzt. Figuren mit Ecken, Kanten und kleinen Geheimnissen, die mit Sicherheit noch nicht auserzählt sind und so definitiv Stoff für weitere Episoden bieten.

Mir gefällt Jaumanns Tonfall, der sich flüssig und spritzig liest und mich auch mit den stellenweise satirischen Seitenhieben auf die Münchner Schickeria und die teils exzentrische Kunstszene köstlich amüsiert hat. Der Plot ist raffiniert und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, so dass man als Leser mitfiebern und -rätseln kann. Ein Leckerbissen für Hobbyschatzsucher und Krimifans der unblutigen Sorte, die idealerweise ein Faible für Geschichte, Kunst und Malerei haben und sich literarisch gerne mal wieder in die bayerische Hauptstadt und die nahegelegene Bergwelt begeben möchten.

Dieser Kunstkrimi mit seiner gelungenen Mischung aus Spannung, Lokalkolorit und geschichtlich-künstlerischem Hintergrund hat bei mir auf jeden Fall die Lust auf mehr geweckt und so freue ich mich bereits jetzt darauf, dass im Mai 2021 die Fortsetzung „Caravaggios Schatten“ erscheinen wird.

Eine weitere Besprechung des Kriminalromans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Turm der blauen Pferde“:

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Bei der Lektüre ist auf jeden Fall das Münchner Lenbachhaus auf meine Wunschliste der Museen gewandert, die ich nach Normalisierung der Corona-Lage gerne besuchen würde. Die große Sammlung mit Werken der Künstler des Blauen Reiters beherbergt unter anderem auch Franz Marc’s „Blaues Pferd I“, welches dem verschollenen „Der Turm der blauen Pferde“ in der farblichen Gestaltung und in der Motivwahl sehr nahesteht.

Zum Weiterschauen:
2014 brachte George Clooney den Film „Monuments Men“ in die Kinos, in welchem er sowohl Regie führte, das Drehbuch schrieb als auch die Hauptrolle selbst übernahm. Basierend auf einer wahren Begebenheit handelt er von einer handverlesenen Gruppe von Kunstschutzsoldaten, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs versuchten, Raubkunst sicherzustellen und Kunstschätze für die Nachwelt zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Kennengelernt habe ich Bernhard Jaumann bereits vor vielen Jahren durch seinen außergewöhnlichen und mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Krimi „Saltimbocca“. Ein Band aus seiner fünfbändigen Reihe, welche fünf Sinne und Metropolen in den Mittelpunkt stellt. Sein verblüffendes Verwirrspiel in der ewigen Stadt gespickt mit kulinarischen Leckereien der römischen Küche, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen lässt, ließ mir damals das Wasser im Munde zusammenlaufen und das Krimiherz höher schlagen.

Bernhard Jaumann, Saltimbocca
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3041-0

Unheilvolle Vincinette

Im Februar 1962 verursachte Orkan Vincinette eine große Flutkatastrophe an der deutschen Nordseeküste. Vor allem die Stadt Hamburg wurde schwer getroffen und hatte viele Opfer zu beklagen. Robert Brack hat mit „Dammbruch“ nun einen Thriller verfasst, der zeitlich genau während dieser Sturmflut angesiedelt ist. Der Autor, der bereits zahlreiche Krimis verfasst hat und für frühere Bücher unter anderem mit dem Deutschen-Krimi-Preis ausgezeichnet wurde, hat mit „Dammbruch“ ein düsteres Werk geschaffen, das dem Leser menschliche Abgründe und die zerstörerische Kraft der Naturgewalten auf erschreckende Weise vor Augen führt.

Lou Rinke – Einbrecher und Kleinganove – wurde gerade aus der Haft entlassen. Ein letzter großer Coup soll ihm das nötige Kapital bescheren, um sich dann fernab von Hamburg an einem wärmeren Ort zur Ruhe setzen zu können. Lou, der in der Gefängnisbibliothek Balzac vermisst hatte und jetzt auf der Suche nach einem „partner in crime“ ist, trifft auf den jungen Piet, der noch nicht ganz 18 und noch grün hinter den Ohren zu sein scheint. Doch die Zeit drängt und ihm bleibt keine andere Möglichkeit, als sich notgedrungen mit ihm zusammen zu tun. Während sie ihre Tat vorbereiten, braut sich bereits das bedrohliche Sturmtief über Hamburg zusammen.

Auch Betty, die als Flüchtling nach Hamburg gekommen ist, wo sie jetzt einen älteren, griesgrämigen und schwierigen alten Mann gegen Kost und Logis pflegt und betreut, sieht ihre große Stunde gekommen.

„Betty eilte zur Tür, riss sie auf und verschwand in einem Malstrom aus peitschenden Windböen und wild durcheinander prasselnden Regentropfen. So dicht und brodelnd, dass sie sich fühlte, als wäre sie unter einen Wasserfall geraten oder in der Meeresbrandung versunken.“

(S.78)

Doch plötzlich wirbeln der Orkan und die steigenden Wassermassen das Leben der drei gehörig durcheinander. Die Flut spült sie zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und der Kampf ums nackte Überleben, gegen die Polizei und gegen die Naturgewalten beginnt.

„Dreckige Wassermassen schleuderten alles durcheinander, was sie finden konnten, Balken, Bohlen, Platten, Straßenschilder, Laternenmasten, zerfetzte Zaunteile, zerrten ganze Mauerstücke mit sich, rissen tiefe Kuhlen in den Erdboden und zermalmten Gartenhäuschen und Wohnbaracken, egal, ob sie aus Holz oder Stein gebaut waren.“

(S.107)

Der Thriller beschreibt wie einige Polizisten, aber eben vor allem die Kleinkriminellen Lou, Piet und Betty aus dem Arbeiterviertel und Rotlichtmilieu die Flutkatastrophe erleben. Er lebt von stimmigen Milieuschilderungen der damaligen Zeit und der Atmosphäre zu Beginn der 60er Jahre, in welcher viele noch die Kriegsfolgen zu verarbeiten hatten. Schauplatz sind die einfachen Kneipen und Bars mit Musikboxen, Prostituierten, Petticoats und ärmlichen Gestalten, die sich im wahrsten Sinne des Wortes versuchen, über Wasser zu halten.

Brack zeigt die menschlichen Abgründe seiner oft eiskalten Charaktere und macht klar, dass Krisen und Katastrophen leider nicht immer nur die besten Seiten der Menschen ans Tageslicht bringen. Im Roman brechen nicht nur die Nordseedämme, sondern auch so manche Dämme der Mitmenschlichkeit gehen in der Sturmflut zugrunde.

Die 240 Seiten lesen sich packend und man spürt die Wucht und die Gewalt des Sturms, der Wassermassen und der großen Naturkatastrophe, die so viel Unheil, Elend und Zerstörung über Hamburg und die Nordseeküste gebracht hat.

Ein Thriller, der zweifelsohne eindrucksvoll geschrieben ist, mich aber aufgrund der überwiegend unsympathischen Figuren und der geschilderten Brutalität weitestgehend auf Distanz gehalten und fröstelnd zurückgelassen hat. Das ist schon sehr düstere, kalte und schwere Kost, die Brack hier den Lesern serviert – jedoch hat er den Schrecken dieser Flutkatastrophe sicherlich realistisch aufs Papier gebracht.

Da kann man nur hoffen, eine solche Katastrophe nicht selbst erleben zu müssen und dankbar sein, das teils verstörende Buch gleichsam im sicheren Hafen, d.h. trocken und warm eingepackt unter der Decke auf der heimischen Couch gelesen zu haben.

Im November und Dezember 2020 stand „Dammbruch“ auch auf der Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur – hier geht es zur Rezension.

© Ellert & Richter Verlag

Buchinformation:
Robert Brack, Dammbruch
Ellert & Richter Verlag
ISBN: 978-3-8319-0775-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dammbruch“:

Zum Weiterschauen:
Auf der Homepage des NDR findet sich eine detaillierte Chronologie der Ereignisse und weiteres Informationsmaterial zur Sturmflut 1962, sowie einiges Fotomaterial, um sich ein Bild von der schrecklichen Katastrophe machen zu können. Wer besser verstehen möchte, warum die Flut solchen Schaden anrichtete und alleine in Hamburg 315 Todesopfer forderte bzw. mehr über das Krisenmanagement des damaligen Polizeisenators und späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt erfahren möchte, hat hier eine gute Anlaufstelle.

Zum Weiterhören:
Musikalisch kommen in Brack’s Roman die für damals typischen Musikboxen, Jukeboxes oder auch „Tonomaten“ vor, die in den Lokalen und Kneipen häufig zu finden waren. Ein Künstler, der zu dieser Zeit in keiner Jukebox fehlen durfte, war Elvis Presley zum Beispiel mit seinem Klassiker „Are you lonesome tonight“.

Zum Weiterlesen:
Ein Roman, der die Geschichte einer anderen großen Katastrophe beschreibt, die zeitlich bereits weiter zurückliegt, ist Robert Harris’ „Pompeji“. Dieser macht auf intelligente und unheimlich fesselnde Weise den Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 n.Chr. für den Leser erfahrbar. Obwohl meine Lektüre dieses Buchs schon etliche Jahre zurückliegt, ist es mir nachhaltig in Erinnerung geblieben.

Robert Harris, Pompeji
Aus dem Englischen von Christel Wiemken
Heyne
ISBN: 978-3-453-47013-2

Die Tante zum Schluss

Mein Lesejahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu und zum Schluss konnte ich nochmal ein kleines, feines, literarisches Schmankerl genießen. Bei „Tante Martl“ von Ursula März handelt es sich noch um einen letzten Spontankauf im Dezember in meiner örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schließen musste und wie schon bei „Alte Sorten“ hatte ich offenbar auch hier ein glückliches Händchen, denn gemäß dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ zählt dieser schmale Band der ZEIT-Journalistin Ursula März nochmal zu den Büchern, die ich dieses Jahr besonders mochte.

Tante Martl hätte eigentlich ein Martin werden sollen. Als drittes Kind nach zwei Mädchen hätte der Vater dann doch gerne einen Jungen in den Armen gehalten und einen Stammhalter präsentiert und so beginnt Martl’s Leben gleich mit einem Eklat. Denn in Schockstarre lässt es der Vater auf dem Standesamt zu, dass die Geburtsurkunde für einen Jungen ausgestellt wird. Er bringt einfach den Mund nicht auf, um laut einzugestehen, wieder „nur“ ein Mädchen gezeugt zu haben. Erst nach einer Woche und unter lautstarkem Protest und Androhung ernster Konsequenzen durch seine Frau, lässt er den Irrtum amtlich korrigieren.

Martl wird 1925 in der Westpfalz geboren und wird ihr Leben lang im Schatten ihrer zwei älteren Schwestern Bärbl und Rosa stehen. Im Gegensatz zu ihnen wird sie nie heiraten, keine Familie gründen und ihr Leben lang im Elternhaus wohnen bleiben. Sie wird Lehrerin und sie – die ungeliebte Tochter – wird es auch sein, die den Vater am Ende pflegt und selbstlos ihr Leben in den Dienste anderer stellt.

„Martl aber fühlte sich immer weiter an den Rand gedrängt, und unbemerkt, so glaube ich, begann sie schon damals, auf Kosten ihres eigenen Lebens an dem der anderen wie eine Souffleuse teilzunehmen, die sich im Schatten hält und aushilft, wenn die Darsteller im Text hängen bleiben.“

(S.49)

Ursula März ist das Patenkind von „Tante Martl“ und schildert aus der Perspektive der Nichte das Leben dieser resoluten, patenten und doch stets im Hintergrund stehenden Frau. Eine Liebeserklärung an die Patentante, zugleich gerät das Buch aber auch zum Familienportrait und kann ebenfalls als Gesellschaftsportrait der Nachkriegszeit und der Zeit des Wirtschaftswunders gelesen werden.

In vielen Familien gab es damals eine solche „Tante“, die ledig blieb und sich um die Familie kümmerte, einfach mitlief und doch auch manchmal um die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit beneidet wurde. Denn „Tante Martl“ machte den Führerschein, hatte ein eigenes Auto und fuhr alleine in den Urlaub. Als Lehrerin verdiente sie ihr eigenes Geld und war finanziell unabhängig, dennoch löste sie sich nie vom Elternhaus und blieb stets unter dem Dach ihrer Eltern wohnen.

Erst 1950/51 wurde übrigens die Klausel des „Lehrerinnenzölibats“ gesetzlich gelockert und abgeschafft – erst dann durften die „Fräulein Lehrerinnen“ auch heiraten und zugleich ihren Beruf weiter ausüben.

„Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

(S.8)

Was macht aber nun diesen gerade mal 190 Seiten starken Roman zu so etwas Besonderem? Es ist diese absolut unwiderstehliche, mit großem Humor und Schlagfertigkeit gesegnete, starke Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es ist das hervorragende Auge der Autorin, die genau die richtigen Worte trifft, um dieses Charakterportrait für den Leser lebendig werden zu lassen. Da sitzt jedes Wort, jeder Satz und man spürt in jeder Zeile die Liebe und den Respekt für die Tante, die auf der einen Seite so uneigennützig agierte und doch selbstständig ihren eigenen, selbstgewählten Weg ging. Es ist aber auch die gelungene Mischung aus Komik und Tragik, denn die Stellen, die einem die Lachtränen in die Augen treiben, wechseln sich mit traurigen, nachdenklichen Szenen ab.

Ein Roman mitten aus dem Leben und in einer Sprache, die genau den angemessenen Ton trifft: witzig und doch respektvoll. Amüsant auch, dass März ihre Tante stets im pfälzischen Dialekt sprechen lässt – das gibt dem Ganzen noch eine weitere, liebenswürdige Färbung und zusätzliche Authentizität. Ein wunderbares Buch über eine tapfere und unerschrockene Frau, die dem Leben mit viel Humor und einem gesunden Sarkasmus begegnete. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne lachen und weinen und ein amüsantes, warmherziges und einzigartiges Frauen- und Familienportrait lesen.

Eine weitere schöne Besprechung des Romans findet sich auch auf buchpost.

Buchinformation:
Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tante Martl“:

Für den Gaumen:
Vielleicht sollten wir uns jetzt nach den opulenten und üppigen Mahlzeiten der Weihnachtsfeiertage an die Devise von Tante Martl halten:

„Des is, was isch a redlisch Mahlzeit nenn: a Scheib Schwarzbrot und gut Butter drauf. Des is was für anständische Leut. Und die, wo sisch von Naschzeusch ernähre, die sin grad zu faul zum Kaue und halte sisch fir was Besseres.“

(S.24/25)

Zum Weiterhören:
Zum Jahresende gehört die champagner-launige Operette „Die Fledermaus“ zum Standardrepertoire der Theater- und Opernhäuser – ein wahrer Silvesterklassiker – und im Libretto von Carl Haffner findet sich folgendes schöne Zitat, das auch gut auf „Tante Martl“ passt: „Eine solche Tante wie diese Tante – noch keine Nichte Tante nannte!“

Zum Weiterlesen:
Stellenweise fühlte ich mich an einen Roman erinnert, den ich bereits vor vielen Jahren gelesen habe: Irene Dische’s „Großmama packt aus“. Ebenfalls ein satirisch-sarkastischer Familienroman mit verschrobenen Charakteren, der einen ganz eigenen, amüsanten Sound besitzt.

Irene Dische, Großmama packt aus
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser
dtv
ISBN: 978-3-423-13521-4

Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Spiegelnde Wirklichkeiten

Deborah Levy hat mit ihrem neuen Roman „Der Mann, der alles sah“ etwas geschafft, das außergewöhnlich ist: Sie wurde für ihr drittes Werk in Folge für den renommierten Booker Prize nominiert. Ein kunstvolles, vielschichtiges und anspruchsvolles Buch, das für aufmerksame und konzentrierte Leser, die sich darauf einlassen, eine besondere Magie entfaltet.

1988 – London, Abbey Road – es kracht. Ein junger Mann, der sich auf dem berühmtesten Zebrastreifen der Welt in Beatles-Manier von seiner Freundin fotografisch verewigen lassen möchte, wird von einem unachtsamen Autofahrer angefahren. Und als ob dies noch nicht genug wäre, eröffnet ihm die Fotografin Jennifer kurz danach, dass sie nicht auf ihn warten wird, wenn er demnächst nach Ostberlin gehen wird, um dort den Kommunismus – sein wissenschaftliches Fachgebiet an der Universität – weiter zu erforschen. Sie macht mit ihm Schluss.

Der Ich-Erzähler Saul macht sich verwirrt und verunsichert auf in die DDR und wird dort von seinem Gastgeber Walter in Empfang genommen. Dieser zeigt ihm Land und Leute und bringt ihn bei seiner Familie unter, erklärt ihm seine Sicht auf den Sozialismus. Saul Adler, der aus einer jüdischen Familie stammt und bereits früh seine Mutter verloren hat, verliebt sich in ihn.

„ „Was Sie auch tun“, sagte er, „wenn Sie Ihren Bericht über unsere Republik verfassen, schreiben Sie nicht, dass alles grau und bröckelig war, mit Ausnahme der farbenfrohen Unterbrechung durch an Gebäuden angebrachte rote Fahnen.“ “

(S.57)

Walter’s jüngere Schwester Luna, für die es bereits an eine Katastrophe grenzt, dass Saul das heiß ersehnte Gastgeschenk in Form einer Dose Ananas für ihren Geburtstagskuchen vergessen hat, ist eine ängstliche, junge Frau, die sich am liebsten aus dem System davonstehlen würde. Sie hat Sehnsüchte und Träume, die sie in der DDR nicht ausleben kann. Und auch mit ihr beginnt Saul eine Affäre, so dass er sich bald in völligem Gefühlschaos und einer komplizierten Dreiecksbeziehung wiederfindet, die keine Zukunft hat, zumal er wieder nach London zurückkehren muss.

Und wie ist er dann auf einmal wieder auf die Abbey Road und ins Krankenbett gekommen? Und was macht seine Ex-Freundin Jennifer an seinem Bett?

Nichts ist, wie es scheint und mehr als einmal hat man bei der Lektüre das Gefühl eines Déjà-vue. Traum, Wahn und Wirklichkeit zerfließen ineinander und es wird zunehmend schwer, Ordnung in die Gedankenwelt des Erzählers zu bringen. Ist all das nur eine Fieber- oder Komafantasie? Delirium oder doch Realität? Zeit und Raum lösen sich auf, verschwimmen und offenbaren unterschiedliche Schichten in der Wahrnehmung. Ein kunstvolles, literarisches Gewebe, das den Leser fordert, aber auch durch Raffinesse beeindruckt – ein kluges, intelligentes und verblüffendes Buch, das immer wieder mit einer Wendung oder Überraschung aufwartet.

Ich mochte, wie Levy atmosphärisch Sauls Zeit in Ostberlin schildert, die Beschreibung der Datsche und das Bild, das die Autorin vom Leben in der DDR vor den Augen des Lesers zum Leben erweckt. Einer Welt, die kurz vor dem Zusammenbruch steht – 1988, die Wende war nicht mehr weit und auch Saul hat Visionen, dass das Ende bereits nah ist.

Beeindruckt hat mich der sehr frisch und nahezu jugendlich anmutende Sound des Romans, mit dem die 1959 geborene Autorin sich sehr direkt und unmittelbar an ihr Lesepublikum wendet. Somit kommt man sofort in einen wunderbaren Lesefluss und fühlt mit den Figuren, die auf der Suche nach sich selbst und ihrer Identität sind. Zudem versteht Levy es gekonnt, mit sprachlichen Bildern zu arbeiten – immer wieder spielen z.B. Fotografien oder Spiegel eine zentrale Rolle, die den vielschichtigen Charakter und die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung auch sprachlich intensivieren.

Das ist große Literatur über die Macht der Bilder, über das Aufeinandertreffen von Systemen, die Vielfalt und Diversität von zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch über unerfüllte Sehnsüchte und Wünsche. Verwirrend und schön zugleich. Ein Roman wie ein Rausch über die Liebe, die Endphase der DDR, sowie über die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben.

Es bleibt abzuwarten, ob Deborah Levy mit dem nächsten Werk erneut für den Booker Prize nominiert wird und ihn dann auch einmal zugesprochen bekommt. Eine interessante, spannende und außergewöhnliche Autorin ist die in Südafrika geborene Britin, die jetzt in London lebt, auf jeden Fall und ich werde ihr Schaffen sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Deborah Levy, Der Mann, der alles sah
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Kampa
ISBN: 978 3 311 10028 7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann, der alles sah“:

Für den Gaumen:
Dosenananas sind jetzt wahrlich nicht der kulinarische Hochgenuss, den ich unbedingt empfehlen will, aber sie spielen im Roman eine zentrale Rolle und stehen unter anderem symbolisch für das Unerreichbare, Exotische und Begehrte aus dem Westen, das in der DDR nicht oder nur schwer zu bekommen war.

Zum Weiterhören:
Luna ist verrückt nach den Beatles, dem Album „Abbey Road“ und vor allem dem Song „Penny Lane“ – sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die wahre Penny Lane in Liverpool besuchen zu können. Die Sehnsucht nach Freiheit und der Möglichkeit, reisen zu können, all das und noch viel mehr steckt für Luna in diesem Lied.

Zum Weiterlesen:
Einen Roman, den ich vor kurzem bereits ausführlicher hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, der sich ebenfalls eindrucksvoll, aber auf ganz andere Art und Weise mit der Thematik des Zerfalls der DDR auseinandersetzt und mich sehr bewegt hat, ist „Machandel“ von Regina Scheer. Als gebürtige Ost-Berlinerin berichtet sie aus eigener Erfahrung und hat somit einen noch direkteren Zugang und Bezug zum Leben in der ehemaligen DDR als Deborah Levy.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9