Malerin und Modell

Bücher und Gemälde, Literatur und Kunst – genau diese inspirierenden Verbindungen zwischen verschiedenen, künstlerischen Disziplinen sind es, die ich mir für die Kulturbowle wünsche. So ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“ über die Malerin Lotte Laserstein und ihr Lieblingsmodell Traute Rose sofort ins Auge sprang.

Basierend auf der wahren Biografie der beiden lässt die Berliner Autorin in ihrem Roman die Frauen kapitelweise abwechselnd zu Wort kommen. Zwei Ich-Erzählerinnen, die jeweils ihre Sicht der Dinge, ihre Geschichte und die außergewöhnliche und besondere Beziehung zur jeweils anderen erzählen.

Zwei Lebensläufe, die sich in den Zwanziger Jahren in einer Berliner Suppenküche kreuzen und auch später über Landesgrenzen und große Entfernungen hinweg nie mehr trennen lassen werden.

„Ich glaube, wir sind wie ein Zopf, geflochten aus drei Strähnen – Lotte, die Kunst und ich. Ineinander verschlungen, untrennbar verwirrt, mit den Jahren immer struppiger, immer unlösbarer.“

(S.52)

Lotte Laserstein ist eine der ersten Frauen, die in Berlin für den Besuch der Kunstakademie zugelassen werden. Als Schülerin von Erich Wolfsfeld kann sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, Malerin zu werden.
Der Roman begleitet sie auf diesem Weg und erzählt von ihrem Kampf um Anerkennung, ihren Selbstzweifeln, ihrem Ringen um den eigenen Stil und ihrer langsamen Art zu malen. Ihre Gemälde brauchen Zeit.

Doch das Buch erzählt in gleichem Maße auch die Geschichte von Traute Rose – der Frau, die auf vielen Gemälden Lotte Lasersteins zu sehen ist – ihr Lieblingsmodell, ihre Inspiration, ihre Muse. Wie ist es Modell zu sein, über Stunden still zu halten, für einen Akt zu posieren, sich selbst permanent auf der Leinwand zu sehen?

Anne Stern beleuchtet dieses besondere Verhältnis der beiden Frauen und gibt ihnen eine Stimme. Sie beschreibt das Kennenlernen der beiden, ihre gemeinsame Zeit in Berlin und die Momente, in welchen große Kunst entsteht.
Traute begleitet Lotte auf ihrem steinigen Weg zu den ersten erfolgreichen Ausstellungen, kennt ihr Hadern zwischen Kunst und Broterwerb. Als es für Lotte als Jüdin in Berlin immer gefährlicher wird und sie auch ihre Schüler nicht mehr unterrichten kann, um Geld zu verdienen, flieht sie vor den Nationalsozialisten 1937 ins schwedische Kalmar.

„Die Wirklichkeit und die Kunst sind keine Gegner, sondern Verbündete, und schon damals trug ich meine einzige Wirklichkeit im Malkasten mit mir herum. Das war auch dann noch so, als mir alles genommen wurde.“

(S.116)

Der Roman liest sich sehr flüssig und man freut sich und leidet mit den beiden Frauen in jeder Szene mit. Manche Stellen hätten für meinen Geschmack jedoch sprachlich etwas weniger blumig ausfallen können und auch die fast durchgängig sehr wehmütig-melancholische Stimmung hätte für mich ab und zu etwas weniger larmoyant sein dürfen.
Stark hingegen fand ich die Schilderung Berlins, des Zeitgeists, die Welt der Künstler und die atmosphärischen Beschreibungen der Zwanziger Jahre – dieser Funke ist definitiv übergesprungen.

„Dieses rastlose Berlin finde ich heute nur in alten Romanen wieder. Und in der Erinnerung an jene Tage, an denen ich mit Traute nach unserer Arbeit im Atelier durch Berlin lief. Vorbei an Litfaßsäulen mit Werbeplakaten für Theater und Varietés, vorbei am Drehorgelspieler, an Ständen mit Körben der ersten Pilzernte, an Zeitungskiosken, von denen uns die Schlagzeilen ansprangen wie übermütige Hunde.“

(S.205)

Lotte Laserstein blieb bis zu ihrem Tod 1993 in Schweden und lebte dort von Portraits und Landschaftsmalerei – sie veränderte ihren Stil. Ihre bekanntesten Werke, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet und als Höhepunkte ihres Schaffens gelten werden, entstanden in der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin.

Anne Stern hat einen Roman über Schmerz und Verlust voller Wehmut und Melancholie geschrieben, aber sie hat auch eine große Frauenfreundschaft, die besondere Beziehung zwischen Malerin und Modell und die Entstehung von Kunst in den Mittelpunkt ihres Werks gesetzt.

Vor meiner Lektüre wusste ich nichts über Lotte Laserstein – jetzt habe ich das Gefühl, eine Künstlerin und ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame Weise kennengelernt zu haben. Ich durfte literarisch der Entstehung ihrer wichtigsten Werke beiwohnen, im Atelier Mäuschen spielen, ihre Freundin und Muse kennenlernen, in ihre Gedankenwelt eintauchen. Es ist immer wieder faszinierend, was Bücher bewirken können.

Eine spannende Künstlerpersönlichkeit mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, über die es sich zu lesen lohnt und die mir sicher im Gedächtnis bleiben wird. Wenn ich irgendwann in einem Museum einem ihrer Gemälde gegenüberstehen werde, wird ihre Lebensgeschichte bestimmt sofort wieder präsent sein.

Buchinformation:
Anne Stern, Meine Freundin Lotte
Kindler
ISBN: 978-3463000268

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anne Stern’s „Meine Freundin Lotte“:

Für den Gaumen:
Neben Erbsensuppe mit Pinkel wartet Anne Stern’s Roman für mich als Kulturbowlen-Gastgeberin kulinarisch doch tatsächlich mit einem sehr passenden Getränk auf:

„Wir zwängten uns an einen der schmalen Tische, bestellten Kaffee und in einem Anfall von Übermut je ein Glas Pfirsichbowle, die auf der Karte angeboten wurde.“

(S.206)

Zum Weiterschauen (I):
Das Gemälde „Abend über Potsdam“ gilt als das bekannteste Gemälde Lotte Lasersteins – es befindet sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie Berlin und auf der Homepage des Museumsportals Berlin kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Auf diesem Bild ist Traute Rose übrigens auch zu sehen – sie ist die Dame, die links am Geländer steht.

Zum Weiterschauen (II):
Im Roman besucht Lotte Laserstein das Kino und sieht dort den mittlerweile legendären Filmklassiker von und mit Charlie Chaplin „Der Vagabund“, der im Jahr 1916 erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Die Kaffeehäuser Berlins sind immer wieder Schauplatz im Roman. Auch das weltberühmte Romanische Café am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche, welches als einer der Künstlertreffpunkte galt, darf da nicht fehlen.
Brigitte Landes hat mit ihrem Buch „Im Romanischen Café“ dieser Institution der Berliner Bohème und ihren illustren Gästen ein literarisches Denkmal gesetzt. So enthält der schön gestalte Band der Insel-Bücherei unter anderem Texte von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und vielen anderen mehr.

Brigitte Landes, Im Romanischen Café. Ein Gästebuch.
Insel Bücherei
ISBN: 978-3-458-19472-9

Familientradition verpflichtet

„Adlon oblige“ – das Familienmotto der legendären Hoteliersfamilie Adlon hat die Familiengeschichte über Generationen hinweg begleitet und geprägt. Felix Adlon, der Ururenkel des Hotelgründers Lorenz Adlon hat jetzt ein Buch über die Geschichte seiner Familie verfasst. Der Name verpflichtet, sagt alles und so lautet der Titel schlicht: „Adlon“.

Ein Erbstück, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind Manschettenknöpfe mit der Aufschrift „Adlon oblige“, welche einst ein Geschenk des Kaisers waren und mittlerweile im Besitz von Felix Adlon sind.

Und so stellt sich der Autor seinem Erbe und steigt hinab in „die Tiefen des Familienbrunnens“, wie er es nennt. Dass er dort selbst auf Überraschendes, Erhellendes und neue Erkenntnisse über geliebte und umstrittene Familienmitglieder und Vorfahren stößt, zeigt, dass sich nicht nur für seine Leser, sondern auch für ihn selbst die intensive Beschäftigung mit seiner Vergangenheit gelohnt hat.

Für den Leser ist es eine bunte, schillernde und spannende Geschichte, die eng mit den historischen und politischen Entwicklungen Deutschlands verknüpft ist. Denn das Buch erzählt vom Aufstieg und Fall des wohl bekanntesten Hotels Deutschlands und seiner Gründerfamilie – von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart.

So erfährt man bei der Lektüre, dass Ururgroßvater Lorenz Adlon, der aus einfachen Verhältnissen stammte, zunächst eine Ausbildung zum Tischler machte, die ihn vor allem den stets hohen Anspruch nach hervorragender Qualität und Ausführung lehrte. Dieser sollte ihn sein Leben lang prägen und er versuchte diesen auch bei seinen ersten gastronomischen Erfahrungen in Mainz bereits konsequent umzusetzen. Über Ausflüge in die Gastronomie bei Großveranstaltungen wie z.B. Turn- und Sportfesten, Weltausstellungen und einer Station in Holland, verschlug es ihn letztlich nach Berlin, wo er das bekannte Restaurant Hiller leitete bis er schließlich das berühmte Hotel Adlon am Brandenburger Tor plante und gründete.

Felix Adlon erzählt aus den Biografien seiner Vorfahren, wirft aber auch immer einen Blick über den Tellerrand, in die jeweilige Zeit und die damals herrschenden Umstände, so erfährt man zum Beispiel auch, was es mit den Freimaurern auf sich hatte und welch großes Interesse auch der Kaiser am Adlon hatte.

Lorenz’ Sohn Louis führte das Hotel weiter – auch in den schwierigen Zeiten des zweiten Weltkriegs – bis zu seinem tragischen Tod.
Das Hotel Adlon brannte Ende des Zweiten Weltkriegs nieder und wurde völlig zerstört. Erst nach der Wiedervereinigung wurde es wieder aufgebaut und ist dennoch bis heute eine Legende: die Gästeliste umfasste stets alles, was Rang und Namen hatte – von gekrönten Häuptern, Staatsmännern und -frauen bis zu den größten Künstlerinnen und Künstlern ihrer Zeit.

Felix Adlon erzählt vom Glanz und Prunk des Hotels, vom Weinkeller oder Anekdoten aus dem berühmten Luftschutzbunker unter dem Hotel ebenso wie über die turbulenten und wechselvollen Lebensläufe seiner Ahnen im weit verästelten Familienstammbaum.

Ein paar Konstanten ziehen sich durch die Adlon’sche Familiengeschichte: Die Frauen spielten stets eine große und starke Rolle – sei es Lorenz’ geliebte Susi oder Louis’ zweite Frau Hedda. Auch seiner Großmutter Susanne Fanny Adlon setzt Enkel Felix mit seinem Buch ein liebevolles Denkmal und beschreibt sie als kunstbegeisterte, selbstbewusste Frau, welche die Kraft und Stärke besaß, ihren geliebten Parsifal „Percy“ Adlon – den Sohn des Opernsängers Paul Rudolf Laubenthal – als uneheliches Kind gegen alle Widerstände allein groß zu ziehen.

Die Liebe zur Musik, zur Oper, zu Kunst und Kultur ist eine weitere dieser Konstanten. Vater Percy Adlon ist ein bekannter Filmregisseur – „Out of Rosenheim“ sein wohl bekanntester Film – und auch Sohn Felix ist ihm in die Filmbranche nachgefolgt und mit einer Opernsängerin verheiratet.

Obwohl die Familie nicht mehr im Besitz des heutigen Hotels Adlon ist, prägt die Institution und ihre Geschichte weiterhin ihr Leben. „Adlon oblige“ eben – ein Erbe, das nicht loslässt.
Die Höhen und Tiefen, tragische Schicksalsschläge und große Erfolge – diese Familiengeschichte ist filmreif, hochspannend und ein faszinierendes Kaleidoskop deutscher Geschichte.

Faszinierend fand ich, wie authentisch, natürlich und unprätentiös Felix Adlon dieses Familienpanorama verfasst hat. Man spürt bei der Lektüre, dass er vor der Lebensleistung seiner Vorfahren selbst höchsten Respekt hat und dass ihn der hohe Anspruch bis heute prägt und begleitet. Er hat ein liebevolles, aufrichtiges Buch geschrieben, in welchem er auch selbst eigene Fehleinschätzungen der Vergangenheit revidiert und sein Bild der Geschichte in einigen Aspekten rückwirkend korrigiert. So manche Recherche öffnete ihm die Augen.

Das Buch liest sich sehr schnell und es macht wirklich Freude, dem Autor dabei zu folgen, wie er aus dem Familiennähkästchen plaudert. Da geht es um Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen und einer großen Leidenschaft für die Dinge die sie tun – sei es die Hotellerie und Gastronomie oder aber Kunst und Kultur.

Ein hochinteressantes und kurzweiliges Buch über eine Familie im Spiegel der Zeit, das packender ist als so mancher Roman – die besten Geschichten schreibt ohnehin das wahre Leben – und daher nicht nur für Hotel-Fans oder Geschichtsinteressierte eine sehr lohnende Lektüre sein kann.

Buchinformation:
Felix Adlon, Adlon
Heyne
ISBN: 978-3-453-21809-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Felix Adlon’s „Adlon“:

Für den Gaumen:
Während im Adlon Haute Cuisine im Stile von August Escoffier serviert wurde kam Percy Adlon – der Vater des Autors – in seiner Kindheit durch seine geliebte Tante Ada oft in den Genuss bodenständiger Küche:

„Von ihren böhmischen Marillenknödeln mit Zucker, Zimt und geriebenem Lebkuchen aß jeder mindestes ein Dutzend, bis alle vor Wonne und Völle stöhnten.“

(S.202)

Zum Weiterschauen (I):
Felix Adlon ist Filmregisseur und somit in die Fußstapfen seines Vaters getreten – gemeinsam drehten die beiden 2010 den Spielfilm „Mahler auf der Couch“ – den ich mir notiert habe und bei Gelegenheit einmal ansehen möchte. Ein filmisches Aufeinandertreffen von Sigmund Freud und Gustav Mahler – das hört sich spannend an.

Zum Weiterschauen (II):
Wer Felix Adlon als Darsteller in einem Film erleben und zugleich mehr über die Familiengeschichte und das Hotel Adlon erfahren möchte, der kann sich Percy Adlon’s Film „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ aus dem Jahr 1996 ansehen. Eva Mattes spielt darin niemand geringeren als den charismatischen Stummfilmstar Pola Negri.

Zum Weiterlesen:
Schon lange auf meiner Leseliste und jetzt wieder weiter nach oben gerückt ist Vicki Baum’s Klassiker aus dem Jahre 1929: „Menschen im Hotel“. Vorbild soll hier zwar nicht das Adlon, sondern das Hotel Excelsior gewesen sein, aber ein Berliner Luxushotel im Mittelpunkt eines Romans gibt stets einen interessanten literarischen Rahmen ab:

Vicki Baum, Menschen im Hotel
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-03798-2

Sacrow – Geschichte erleben

Zauberhaft an der Havel gelegen ist Sacrow und sein Wahrzeichen die Heilandskirche, welche man vom Wasser aus schon von Weitem sehen und bewundern kann. Doch der Ort und die berühmte Kirche nahe Potsdam haben im letzten Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte durchlebt und durchlitten.

Die aktuelle Ausstellung (07.08.2021 – 09.11.2021) im Schloss Sacrow „Sacrow – Das verwundete Paradies“ sowie das begleitende Sachbuch von Kurator Jens Arndt geben ein eindrucksvolles, berührendes Zeugnis der Geschichte des Ortes, des Schlosses und der Kirche und lassen Bewohner und Zeitzeugen persönlich zu Wort kommen.

So spiegelt sich exemplarisch an diesem wunderschönen, von vielen als Paradies bezeichnetem und wahrgenommenem Stück Erde die deutsche Geschichte von der preußischen Monarchie, über beide Weltkriege, der Schrecken des NS-Regimes und der Vertreibung der Juden ebenso wider, wie die Zeit der russischen Besatzung, der Teilung Deutschlands und des Mauerbaus bis hin zur Wiedervereinigung und der darauf folgenden Prozesse der Restitution.

So erfährt der Leser und Ausstellungsbesucher, dass Schloss Sacrow zunächst als Anwesen von König Friedrich Wilhelm IV. 1840 erworben wurde und er dieses auch durch die Gartengestaltung von Peter Joseph Lenné sowie den Bau der Heilandskirche im italienischen Stil mit dem markanten freistehenden Campanile zu seinem Herzensort und zu seiner Traumlandschaft umgestalten ließ.

Die Schönheit des Ortes zog schon bald Sommerfrischler, Ausflügler und auch Künstler an. So wird berichtet von legendären Ausflugslokalen und der großen Beliebtheit des Ortes bei den Berlinern, die sich dort nach und nach auch Sommerhäuser errichten ließen. Auch viele jüdische Bewohner ließen sich in Sacrow nieder und wurden später während der Zeit des Nationalsozialismus aus ihren Häusern vertrieben, welche dann arisiert und anderweitig genutzt wurden.

Später wurde die direkt am Wasser liegende Heilandskirche durch die Mauer und den Todesstreifen vom Ort und den Bewohnern getrennt. Nach dem Weihnachtsgottesdienst 1961 war sie nicht mehr zugänglich, wurde Opfer von Vandalismus und verfiel nach und nach immer mehr, bis durch Bemühungen auch durch westdeutsche Politiker zumindest eine Sicherung der Bausubstanz, z.B. eine Sanierung des maroden Daches, erreicht werden konnte. Erst 28 Jahre später sollte wieder ein Weihnachtsgottesdienst in der Kirche gefeiert werden. Man kann vermutlich nur erahnen, wie emotional dieser Moment für viele gewesen ist.

Arndt erzählt anhand einiger Bewohner und Zeitzeugen exemplarisch Lebensschicksale aus den verschiedenen Epochen und politischen Systemen, welche Spuren in Sacrow hinterließen und es prägten. So bietet dieser einmalige Ort die besondere Möglichkeit, deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte auf engstem Raum und in vielen Facetten zu betrachten und zu reflektieren.

Der Autor und Kurator erzählt vom Alltag der Menschen, der viele Jahre geprägt war von Passierscheinen und Kontrollen am Schlagbaum, von Fluchtversuchen, von der Nutzung des Schlosses als Ausbildungsort für die DDR-Zollhunde und der damit einhergehenden Zerstörung der originalen Gartengestaltung ebenso wie über die Zeit nach der Wende, die Restitution, den Zuzug neuer Bewohner und den damit verbundenen strukturellen Veränderungen in der Dorfgemeinschaft.

Das Sachbuch ist reich bebildert und verschafft dem Leser so auch ein eindrucksvolles, optisches Bild von der Zeitgeschichte und der Entwicklung Sacrows. Die Fotos von der am Wasser isolierten Kirche, die durch Mauer und Todesstreifen vom Ort getrennt und unzugänglich war, lassen wohl kaum jemanden kalt und brennen sich tief ins Gedächtnis.

Lebendiger, eindrucksvoller und authentischer kann man deutsche Geschichte wohl kaum erzählen. Wer sich also im 60. Jahr nach dem Mauerbau mit einem intensiven, bewegenden und sorgfältig dokumentierten und recherchierten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte befassen möchte, hat mit Ausstellung, Buch und Film – weitere Details folgen in den weiterführenden Tips – eine großartige Gelegenheit dazu.

Seit 1992 zählen der Park und die Heilandskirche zum UNESCO Welterbe und sind unbedingt einen Besuch wert, um den besonderen Zauber des Orts – dieses verwundeten Paradieses – und deutsche Geschichte hautnah zu erleben.

Buchinformation:
Jens Arndt, Sacrow – Das verwundete Paradies
L&H Verlag
ISBN: 978-3939629627

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jens Arndt’s „Sacrow – Das verwundete Paradies“:

Zum Weiterklicken und für den Ausstellungsbesuch:
Auf der Homepage der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und auf der Seite des Vereins „Ars Sacrow e.V.“ findet man weitere Informationen zur Ausstellung „Sacrow – Das verwundete Paradies“ – der Ausstellung im Schloss Sacrow anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus, die dort vom 07.08.2021 noch bis zum 09.11.2021 (jeweils Freitag bis Montag) zu sehen ist.

Zum Weiterschauen:
In der ARD Mediathek ist noch bis 03.08.2022 die 45-minütige Dokumentation „Sacrow bei Potsdam – Paradies im Mauerschatten“ aus der Reihe Geheimnisvolle Orte zu sehen, welche ebenfalls die wechselvolle Geschichte des Ortes erzählt.

Zum Weiterlesen (I):
In den Jahren 1953 bis 1961 wurde das Schloss Sacrow durch das Druckerei- und Verlags-Kontor der DDR unter anderem zur Beherbergung von Schriftstellern genutzt. Prominentester Gast in dieser Zeit war wohl die Autorin Brigitte Reimann. Bekannt vor allem durch den Roman „Franziska Linkerhand“, nahm sie 1956 an einem DEFA-Lehrgang für Drehbuchautoren im Schloss teil. Im Romanfragment „Joe und das Mädchen auf der Lotosblume“ ließ sie Erfahrungen aus ihrer Zeit in Sacrow einfließen.

Brigitte Reimann,
Das Mädchen auf der Lotosblume: Zwei unvollendete Romane
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3746621395

Zum Weiterlesen (II):
Eine ähnliche Schilderung der deutsch-deutschen Geschichte anhand eines Ortes unweit von Sacrow erzählt Thomas Harding über ein „Sommerhaus am See“ von Groß Glienicke – dem Alexanderhaus. Ein ebenfalls sehr lesenswertes Buch, das ich bereits auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

Rügen-Lektüre

Wer sich der Insel Rügen literarisch zuwenden möchte, der kommt an Hans Fallada’s Klassiker „Wir hatten mal ein Kind“ kaum vorbei. Der Roman aus dem Jahr 1934 über den eigenwilligen Bauernsohn Johannes Gäntschow – welcher in Hans Fallada’s Zeit in Carwitz (Mecklenburg-Vorpommern) entstand – erzählt die wechselvolle Geschichte einer Bauernfamilie auf Rügen, der Beziehung zwischen Johannes und seiner adeligen Jugendfreundin sowie ersten großen Liebe Christiane.

Die Familie Gäntschow, welche seit Generationen Landwirtschaft auf der Insel Rügen betreibt, hat seit langem den Ruf, eigenwillig und schwierig zu sein. Auch der jüngste Spross Johannes – dessen zahlreiche Geschwister entweder früh sterben oder später im Leben scheitern und ihn so in die Rolle des Hoferben drängen – ist ein Dickkopf und Eigenbrötler.

Johannes lernt bereits als Junge bei den Schulstunden, die er beim Geistlichen des Ortes erhält, die junge Adelige Christiane kennen. Lange Zeit sind sie unzertrennlich, wachsen gemeinsam auf und überbrücken die unübersehbaren Klassen- und Standesunterschiede, die immer wieder deutlich spürbar werden. Sie werden Freunde und beide werden die Jugendliebe nicht vergessen.
Doch ein schicksalshaftes Erlebnis treibt die beiden auseinander, führt zur Trennung und sie verlieren sich für einige Jahre aus den Augen. Schulzeit, Lehr- und Wanderjahre: Hannes wird erwachsen und heiratet Elise – eine Lehrerin, die ihren Beruf für ihn aufgibt. Doch die Ehe wird nicht glücklich.

„Es ist eine seltsame Sache mit den Gerüchten, den Klatschereien, die über uns umlaufen. Sie mögen uns empören, wir können über sie lachen – sie beeinflussen uns doch. Gerüchte sind Rauch und Dunst, ein Qualm, es riecht nach etwas.“

(S.470)

Und plötzlich taucht auch Christiane wieder in seinem Leben auf, doch auch sie ist mittlerweile verheiratet und schon bald entspinnt sich ein kompliziertes und verhängnisvolles Dreiecksverhältnis.

Ich brauchte eine gewisse Zeit, um mich in den 600 Seiten starken Roman, hineinzufinden. Fallada beschreibt eindrucksvoll das schwierige und raue Leben der Bauernfamilie, das geprägt ist von harter Arbeit, den Jahreszeiten, der Witterung, Verlust und häufigen Schicksalsschlägen.

„Man kann im August sich ohne Schwierigkeiten einbilden, daß der Dezember noch unendlich weit ab wäre. Auch im September braucht man nicht an das Weihnachtsfest zu denken. Man hat ja auch nichts vorzubereiten, man hat nur abzuwarten. Im Oktober mit seinem Fall der letzten Blätter, mit seinen Stürmen und den früher und trüber werdenden Abenden, muß man sich mit dem Gedanken an den Winter schon eher vertraut machen. Der November bringt den ersten Schnee, der zwar gleich wieder zergeht, aber nun gut, jetzt ist es bald Weihnachten.“

(S.561/562)

Stilistisch und sprachlich liest sich dieser Roman Fallada’s sehr flüssig und er besticht durch seine feinen Charakterzeichnungen und Milieustudien. Man fröstelt, wenn er den Winter und die eisige Atmosphäre der Dorfbewohner und Arbeiter beschreibt. Doch dieser Johannes Gäntschow war für mich kein sympathischer Charakter. Ich wurde mit dieser Hauptfigur, die sich und seinem Glück ständig selbst im Weg steht, nicht warm. Sein Eigensinn, seine Einstellung und Haltung gegenüber Frauen – es gab einige Aspekte, die mich während der Lektüre auf Distanz hielten.

„Ich fürchte, du überschätzt die Liebe der Menschen für dich, Hannes, sagt Christiane kühl.“

(S.491)

Das Rügen in „Wir hatten mal ein Kind“ ist nicht die Sonneninsel und das Urlaubsparadies von heute. Das ist eine völlig andere Zeit und eine andere Gesellschaft, die hier geschildert wird. Das sind nicht die berühmten, romantischen Kreidefelsen im magischen Licht des Caspar David Friedrich, sondern es sind die zu bestellenden Felder und einfachen Fischerdörfer. Es ist das Leben in und mit der Natur, das Milieu der Bauern- und Gutshöfe, geprägt von Traditionen und hierarchischen Strukturen, das der Autor mit spitzer Feder herausarbeitet. Und das war Fallada’s große Stärke.

„Aber es ist so eine komische Art von Glück, aus lauter Splittern. Vielleicht gibt es keine andern Glücksmöglichkeiten als diese. Immer nur auf der mittleren Linie, mit Einschränkungen und Kompromissen.“

(S.493)

Wenn man sich für Rügen, Land und Leute, Zeitgeschichte und das literarische Werk Hans Fallada’s interessiert, ist die Lektüre definitiv lohnenswert, erforderte jedoch bei mir auch stellenweise etwas Geduld und Durchhaltevermögen, was angesichts der Seitenzahl aber auch nichts Ungewöhnliches ist.

Hans Fallada (1893 – 1947), der vor allem durch seinen großen Erfolg „Kleiner Mann – was nun?“ aus dem Jahre 1932 bekannt wurde, widmete sich in seinen Werken häufig gesellschaftskritischen Themen, während der Zeit des Nationalsozialismus passte er sich jedoch an und wich auf leichtere Unterhaltungsliteratur aus. Er verstarb bereits im Alter von nur 53 Jahren im Februar 1947 in Berlin an den Folgen seiner Morphiumabhängigkeit.

Buchinformation:
Hans Fallada, Wir hatten mal ein Kind
atb
ISBN: 978-3746627885

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hans Fallada’s „Wir hatten mal ein Kind“:

Für den Gaumen:
In der Winterzeit werden im Roman Toddies getrunken – vielleicht ist ein Hot Toddy, d.h. laut Wikipedia ein „dem Grog ähnliches Getränk aus hochprozentigem Alkohol, Zucker und Wasser“ ja auch etwas zum Aufwärmen nach dem nächsten Herbstspaziergang. Mehr über das Getränk und ein Rezept findet man bei der Süddeutschen Zeitung oder auf Sonja’s Blog „Die Foodalchemistin“.

Zum Weiterlesen (I):
Meine erste Begegnung mit Hans Fallada war vor einigen Jahren der Roman „Jeder stirbt für sich allein“, der mich nachhaltig beeindruckt hat und mich persönlich mehr berührt und angesprochen hat als „Wir hatten mal ein Kind“. Seinen letzten Roman aus dem Jahr 1947, der den Widerstand gegen den Nationalsozialismus eines Berliner Ehepaars thematisiert, das Flugblätter in Treppenhäusern auslegt, kann ich sehr empfehlen.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3351033491

Zum Weiterlesen (II):
Eine leichtfüßigere, humorvollere Rügen-Lektüre ist sicherlich Elizabeth von Arnim’s Reisebericht aus dem Jahre 1904 „Elizabeth auf Rügen“, der sich auch in der heutigen Zeit noch sehr amüsant und unterhaltsam lesen lässt.

Elizabeth von Arnim, Elizabeth auf Rügen
Aus dem Englischen von Anna Marie von Welck
List Taschenbuch
ISBN: 978-3548602479

„(…) zum Schwarzen See, und wenn er dort angelangt ist, setze er sich still nieder, nehme den Gedichtband heraus, den er gewiß in seiner Tasche hat, und preise Gott, der jenen lieblichen kleinen Teich droben auf dem Hügel geschaffen hat – der drum herum einen Gürtel von Wald gezogen und die schilfigen Buchten mit Wasserlilien angefüllt und der ihm Augen geschenkt hat, diese Schönheit zu sehen.“

(aus Elizabeth von Arnim „Elizabeth auf Rügen“, S.140)

Nel blu dipinto di blu

Einen blauen, zauberhaften und gut gelaunten Abend durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern bei der neuen Italo-Pop-Revue „Azzurrodue“ von Stefan Tilch mit den „I Dolci Signori“ verbringen. Italienische Musik vom Feinsten sorgte für Urlaubsstimmung und Tanzlaune, so dass die Theaterbesucher für ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen konnten.

Dass die Deutschen eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Urlaubsland Italien haben, war bereits das Erfolgsrezept des ersten Italo-Pop-Musicals „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte und mit dem sich die Band „I Dolci Signori“ seitdem in die Herzen vieler Besucher in ganz Deutschland gespielt hat.

Dieser Kassenschlager und die Geschichte um den italienischen Musiker Rocky, seine große Liebe Frauke aus Gelsenkirchen und all die herrlichen Vorurteile und Klischees in den deutsch-italienischen Beziehungen, schreien also geradezu nach einer Fortsetzung. Und da ist sie: „Azzurrodue“ erzählt, was nach „Azzurro“ geschah: Die Beziehung von Frauke und Rocky ist nicht immer einfach: Frauke hat Heimweh nach Deutschland, ihre grandiosen Geschäftsideen sind in Italien nur mäßig erfolgreich und auch Rocky kann von seiner Musik mehr schlecht als recht leben, so dass die beiden immer noch mit Nonno, Mamma und der ganzen Großfamilie unter einem Dach hausen. Als dann plötzlich ein Kreuzfahrtschiff – die MS Steinkohle (der ganze Abend ist ein einziges großes Augenzwinkern) – im Hafen von Bari ankert und einen Musikwettbewerb mit lukrativem Preisgeld ausschreibt, scheint die Lösung naheliegend zu sein: Rocky, sein bester Freund Gianni und Frauke schmuggeln sich als blinde Passagiere an Bord.

Jetzt ist es an Frauke, den Traumschiff-Kapitän – Johann Anzenberger liefert wirklich eine erstklassige Florian-Silbereisen-Parodie ab – zu becircen, dass die Band am Wettbewerb teilnehmen darf. Doch die Lokalmatadoren – eine Mallorca-Ballermann-Band – scheinen keine Konkurrenz neben sich zu dulden. Und so bleibt Rocky und Gianni erst einmal nichts anderes, als das Deck zu scheuern, Zumba-Stunden als Animateure zu übernehmen und zu schuften.

Viel Wirbel an Bord, Kreuzfahrttouristen wie aus dem Bilderbuch und Beziehungsstress – dass die chaotisch-komische Rahmenhandlung dieses Mal vielleicht nicht unbedingt den größten Tiefgang – um im Seefahrerjargon zu bleiben – aufweist, gerät bei all der fantastischen Musik und den schwungvollen Choreographien von Sunny Prasch ohnehin schnell in den Hintergrund und tut dem furiosen Vergnügen wirklich keinerlei Abbruch.

Und so kommt das Publikum in den Genuss von großartiger italienischer Musik quer durch mehrere Jahrzehnte: von Lucio Dalla und Adriano Celentano über Al Bano und Romina Power, Toto Cotugno, Gianna Nannini, Eros Ramazzotti bis zu Jovanotti und Nek – um nur einige zu nennen. Der Italo-Sound ist vollkommen authentisch, absolut mitreißend und die Stimme von Rocky Verardo als Leadsänger und Hauptdarsteller wunderbar – und teils unglaublich nah an den Originalen. Kein Wunder, dass das Publikum schon bald mitswingt, mitsingt und mittanzt.

Das variable Bühnenbild, das mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist, zaubert ebenso Urlaubsstimmung auf die Bühne, wie die komödiantischen Einlagen und schnellen Kostümwechsel von Johann Anzenberger, der als Mamma, Olli, Traumschiffkapitän, Heino und, und, und … wieder ein regelrechtes Feuerwerk an Parodien, Komik und Witz zünden darf.

Bei allem Klamauk, gelingt aber auch ein nachdenklicher und stiller Moment im Stück, der mit einer getragenen Interpretation des traditionellen „Bella Ciao“ unter die Haut geht und sich bei mir besonders ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Sunny Prasch hat für das Ensemble schwungvolle und fröhliche Choreografien gestaltet, die man gerne mittanzen möchte – zauberhaft auch die von Fred Astaire angehauchte Schirm-Choreografie zu „Volare“.

Die Liste der großartigen Songs aus „Azzurrodue“ wäre zu lang, um alle zu nennen und auch die Auswahl meiner persönlichen Höhepunkte festzulegen ist schwierig, aber ein paar Beispiele seien dennoch genannt: beginnend mit „Piazza grande“ und den Klassikern „L’italiano“ (vielleicht auch bekannt durch die erste Zeile „Lasciatemi cantare…“) und „Bello e impossibile“, mochte ich auch die Interpretation von „Almeno stavolta“ (Nek) und den Ramazzotti-Songs („Le cose della vita“ und „Adesso tu“) sehr gern. Aber auch das neu fürs Stück komponierte Stück von Frontmann Rocky Verardo „Nave della libertà“ ist ein richtiger Ohrwurm.

Der Star des Abends ist also ganz klar die Band und die Musik, die mitreißt und das Publikum von den Sitzen lockt – kein Wunder, dass getanzt und gesungen wird, der Applaus am Schluss nicht enden will und noch mehrere Zugaben gefordert werden.

Fortsetzungen oder zweite Teile nach großen Erfolgen haben es meist nicht leicht, doch „Azzurrodue“ bietet dem Theaterpublikum erneut die wunderbare, unbeschwerte Möglichkeit, sich einen Abend lang nach Italien und in die Welt der Musik entführen zu lassen, dabei zu tanzen, die liebgewonnenen Bekannten aus „Azzurro“ (Rocky, Gianni, Frauke, Mamma, Nonno usw.) wiederzutreffen und die Alltagssorgen einfach einmal zu vergessen. Einfach mal azzurro bzw. blau machen – einen Theaterbesuch lang.

Gesehen am 25. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Azzurrodue“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Azzurrodue“:

Für den Gaumen:
Zwar verschmähen die Familienmitglieder in der Inszenierung die feinen, frisch gekochten Spaghetti der Mamma, aber ein schöner Teller Pasta passt wirklich hervorragend zu diesem italienisch inspirierten Theaterabend.

Zum Weiterhören oder Weiterschauen:
Am Anfang war die Band: Die „I Dolci Signori“ – die seit 2002 live gemeinsam unterwegs sind – sind das Herzstück der Inszenierung und Stefan Tilch hat mit „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte, und „Azzurrodue“ das Repertoire der Italo-Pop-Band jeweils inhaltlich verbunden und in eine Geschichte bzw. Rahmenhandlung eingeflochten. Im Anschluss an die erfolgreichen und umjubelten Aufführungen im Landestheater Niederbayern, tourt die Band mit beiden Revuen auch durch Deutschland (wer möchte, findet die Termine auf der Homepage der Band und kann dort auch in Hörproben ihrer bisher erschienenen CDs reinhören).

Zum Weiterlesen:
Da „Azzurrodue“ ja auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, fällt auch eine kurze Anspielung auf „Novecento“ und „die Legende vom Ozeanpianisten“. Musiker auf einem großen Passagierschiff zu sein – das ist hier die Parallele. Der italienische Klassiker aus dem Jahr 1994 ist von Alessandro Baricco ursprünglich als Monolog und Theaterstück angelegt.

Alessandro Baricco, Novecento
Übersetzt von Karin Krieger
Atlantik Verlag
ISBN: 9783455650846

Vermisste Übeltäter

Wie lange ist es her, dass ich zuletzt „Max und Moritz“ gelesen habe? Lange – viele, viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte – und doch sind einzelne Absätze und Verse immer noch sehr präsent. Johannes Wilkes hat nun mit „Max und Moritz – Was wirklich geschah“ einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur ein willkommener Anlass ist, sich wieder einmal mit dem Klassiker von Wilhelm Busch zu beschäftigen, sondern ein völlig neues, satirisches Licht auf die altbekannte Geschichte der beiden Lausbuben wirft.

„Wo nur mochten Max und Moritz stecken? Waren sie hier in Finsterfelde? Hielt man sie irgendwo versteckt, in einem Verlies als Kellerkinder, so wie einst Kaspar Hauser?“

(S.26)

Wenn Tante Dörte, diese fürsorgliche und mütterliche Frau, um Hilfe bittet, dann können Karl-Dieter und Mütze ihr diesen Wunsch nicht verweigern. Sie sorgt sich um Max und Moritz, ihre Lieblingsneffen, denn diese scheinen spurlos verschwunden zu sein und auch der Stiefmutter der beiden – Witwe Bolte – traut sie nicht so recht über den Weg. Und so reisen der Kommissar und sein Partner nach Finsterfelde, ein verschlafenes Örtchen in der Mark Brandenburg, um die Jugendlichen zu suchen.

Schon bald merken sie, dass in diesem Ort so einiges im Argen liegt und so mancher Bewohner etwas zu verbergen hat. Und was sollen diese Zettel mit den abstrusen Bildergeschichten, die irgendjemand stets am Friedhof aushängt, um Max und Moritz aufs Übelste zu verleumden?

Auch die Tierwelt scheint im Aufruhr zu sein: sie treffen auf wildgewordene Maikäfer und einen aufgescheuchten Spitz, der sich die Seele aus dem Leib bellt.
Auch Witwe Bolte scheint ihre dunklen Geheimnisse zu haben und offenbart sich nach und nach als aufreizender Vamp in Nahtstrumpfhose, Stöckelschuhen und Spitzenwäsche – von Trauer über ihr Witwendasein ist da wenig zu spüren.

Doch was ist mit den Zwillingen passiert und wer steckt dahinter? Der Schneider, der Lehrer, der Bäcker, der Müller, der Onkel, der Bauer oder die Witwe? Oder sind die beiden Jungs einfach nur ausgerissen und haben sich versteckt?
Immer wieder werden Mütze und Karl-Dieter mit überraschenden und unangenehmen Wahrheiten konfrontiert.

Wilkes holt die Geschichte um „Max und Moritz“ in die Gegenwart: zwei Jungs in Schlabberjeans, mit Baseballkappen und teuren Designerturnschuhen.
Schnell verschwimmen vermeintliche Fakten und Fiktion: tun die Verse den beiden vielleicht Unrecht und verbirgt sich hinter all den Streichen und Übeltaten eine ganz andere Wahrheit?
Es ist eine witzige Idee, Wilhelm Busch’s Geschichte neu zu schreiben und dem bekannten Personal neues Leben einzuhauchen und andere Facetten und Eigenschaften anzudichten. So entsteht ein phantasievoller, satirischer Klamauk, bei welchem es vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch gereicht hätte, etwas weniger dick aufzutragen.

Der Krimi liest sich trotz so mancher Übertreibung jedoch sehr kurzweilig – als Hommage auf Wilhelm Busch’s wohl bekanntestes Werk, das auch vollständig im Krimi eingearbeitet und abgedruckt ist – und auch als Liebeserklärung des Autors an die Mark Brandenburg: diese außergewöhnliche Landschaft, die schon Theodor Fontane liebte und in seinem Werk verewigte. Wilkes legt eine literarische Krimispielerei vor, die von Literatur inspiriert und durchdrungen ist und eine amüsante Unterhaltung für Zwischendurch und zur Entspannung sein kann.

„Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm
„Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei
Mit der Übeltäterei!“

(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Die Ermittlerkonstellation aus Kommissar und Bühnenbildner, die zudem ein Paar sind, ist ungewöhnlich und vom Autor sehr humorvoll mit einem liebevollen Augenzwinkern umgesetzt.
Dieser neue Fall ist bereits der dritte Fall für Kommissar Mütze und Karl-Dieter, lässt sich jedoch auch ohne die beiden ersten Bände zu kennen, die sich wohl um Fontane (Band 1) und die Erfurter Gloriosa (Band 2) drehen, als alleinstehender Band gut lesen.

Wilhelm Busch hat „Max und Moritz“ im Jahr 1865 zum ersten Mal veröffentlicht. Nach einem zähen Auftakt trat das nicht unumstrittene Werk einen ungeheuren Erfolgszug um die ganze Welt an und wurde in über 300 Sprachen übersetzt.
Und wenn ein Kinderbuch nach über 150 Jahren noch einen Autor dazu inspirieren kann, einen lustigen, verschmitzten und unterhaltsamen Krimi zu schreiben, dann spricht das ebenfalls für sich.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Johannes Wilkes, Max und Moritz – Was wirklich geschah
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0049-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Johannes Wilkes’ „Max und Moritz – Was wirklich geschah“:

Für den Gaumen:
Aus gegebenem Anlass – wer die Geschichte von Max und Moritz kennt, wird wenig verwundert sein – gibt es in der örtlichen Gastwirtschaft häufig Hühnerfrikassee. Zu Beginn ist Karl-Dieter noch erfreut darüber:

„Hühnerfrikassee, warum nicht? Hatte es früher bei Tante Dörte an manchen Sonntagen gegeben. Mit frischen Champignons, Kapern und gebuttertem Reis ein Gedicht.“

(S.18)

Doch irgendwann hat man bzw. Karl-Dieter auch vom besten Gericht genug. Warum also nicht zum Sauerkraut übergehen?

Zum Weiterhören:
Lehrer Lämpel spielt bekanntlich die Kirchenorgel – wohl mehr oder weniger virtuos: Im Krimi greift er daher auf einen wahren Klassiker zurück: „Großer Gott wir loben dich“ – der Text von Ignaz Franz geht laut Wikipedia zurück auf das Jahr 1771 und die Melodie wurde 1776 zum ersten Mal in einem Katholischen Gesangbuch aus Wien abgedruckt.

Zum Weiterlesen:
Man merkt bei der Lektüre, dass Johannes Wilkes ein großer Theodor Fontane-Fan ist, daher wäre es vielleicht mal wieder an der Zeit, einen Klassiker zu lesen. Zu den Werken, die ich von Fontane bisher noch nicht gelesen habe, zählt unter anderem die Kriminalgeschichte „Unterm Birnbaum“ und auch „Grete Minde“ kenne ich noch nicht.

Theodor Fontane, Grete Minde / Unterm Birnbaum: Erzählungen
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596901463

Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Es ist nie zu spät…

Ein Buch mit einem leuchtend gelben und sonnigen Cover und einem Titel, an dem ich – aus gegebenem Anlass – nicht vorbeikomme: „Barbara stirbt nicht“ – der neue Roman von Alina Bronsky. Erneut ein ungemein gefühlvolles, emotionales Buch der Autorin, die mich schon mit „Baba Dunjas letzte Liebe“ für sich eingenommen hat.
Keine leichte Kost, es geht ums Älterwerden und um Krankheit und doch hat dieses Buch so viele witzige und lustige Momente, dass es einen permanent auf eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle schickt, die von Seite eins bis Seite 256 nicht endet – Zielort und Ausgang ungewiss.

Walter und Barbara sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet. Er brachte das Geld nach Hause und sie war zuständig für die Kinder und den Haushalt: Klassische Rollenverteilung, alte Schule. Die Küche hatte er bislang kaum betreten: Kochen war Frauensache. Doch plötzlich steht Barbara morgens nicht auf, sondern bleibt krank im Bett liegen: kein Kaffeeduft am Morgen, kein Mittagessen auf dem Tisch. Walter macht sich Sorgen und plötzlich muss er das Ruder übernehmen. Schritt für Schritt stellt er sich den neuen Herausforderungen. Und plötzlich bekommt er sogar Hilfe, die er gar nicht erwartet hatte.

„Er sah damals gut aus, blond, stark. Einige waren in ihn verliebt gewesen. Aber keine war so sanft wie Barbara, die nicht Nein sagen konnte, auch wenn es ihr schadete. Er hatte bis heute nicht verstanden, ob sie besonders verliebt oder besonders schwach gewesen war. Gab es da überhaupt einen Unterschied?“

(S.215)

Bronsky hat eine große Gabe, die filigranen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen in ungeheuer treffenden, kleinen, feinen Szenen ganz ausdrucksstark herauszuarbeiten. So tragisch die anfängliche Überforderung Walter’s mit der Situation ist und so vehement er sich gegen die Wahrheit und das Annehmen der neuen Situation sträubt, so komisch ist es, ihn bei der Kochrezeptrecherche auf Facebook zu erleben. Die Schilderung der fünfzigjährigen Ehe und der festgefahrenen Routinen, die sich im Laufe der Jahrzehnte eingeschliffen haben, sind sehr fein beobachtet und beschrieben. Auch der Aspekt, dass es schwierig ist, die Schwäche im Alter zu akzeptieren und die Hilfe der Kinder anzunehmen, ist zutiefst menschlich und von Bronsky sehr treffend dargestellt.

Es ist rührend, Walter und Barbara als Paar zu erleben, das in die Ehe hineingeschlittert ist, sich jedoch auch gegen Kritik von außen behauptet hat und es sich am Ende eingerichtet hat in dieser Beziehung. Sie führen eine Ehe, die trotz oder gerade weil ein paar Probleme konsequent totgeschwiegen werden, funktioniert und auf ihre Art immer noch liebevoll ist.

„Sie sahen sich in die Augen wie sonst selten, wie vielleicht noch nie. Was gab es zu reden, wenn man schon alles gesagt hatte.“

(S.166)

Zugleich ist es auch ein Roman über das „Über sich hinauswachsen“ – darüber, dass es selten zu früh und nie zu spät ist. Aber auch ein Roman über die Ehe und die lebenslange Liebe gegen alle Widerstände – über veraltete Rollenmodelle, Klischees und über das Älterwerden.

Selten habe ich so viel Lustiges im Traurigen gelesen. Bronsky hat auf engsten Raum zwei Menschenleben, eine Ehe und die ganz großen Gefühle in allen Facetten gepackt. Eine lebenslange Beziehung und ein Familienleben mit viel Licht aber auch Schatten, in welches Bronsky geschickt noch weitere große Themen – vor allem auch im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern – versteckt, die ich nicht alle verraten möchte, die jedoch ein so authentisches und glaubwürdiges Porträt einer Familie ergeben, dass man ihr wirklich jede Zeile und jedes Wort abnimmt. Genau so war und ist das Leben!

Ein Abgesang auf eine Generation, deren eingefahrene, starre Rollenverteilung immer mehr der Vergangenheit angehört und zugleich ein sonniges, lustiges Buch, das dem Leser klar macht, dass jeder Neuanfang auch Chancen birgt.
Selten lagen Lachen und Weinen so nahe beieinander wie bei der Lektüre dieses Romans – ein berührendes, grandioses Buch voller Liebe, Herzenswärme und großer Gefühle!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00072-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“:

Für den Gaumen (I):
Herr Schmidt lernt Kochen und entdeckt für sich ungeahnte Fähigkeiten und Möglichkeiten – ein kulinarischer Höhepunkt ist seine selbstgemachte Birnenmarmelade aus Früchten vom eigenen Baum. Eine Leistung, die ihn mit Stolz erfüllt:

„Die Marmelade hatte die perfekte Konsistenz, sie rutschte im richtigen Tempo an den Glaswänden herunter, war nicht zu flüssig, nicht zu fest. Wenn man sie gegen das Licht hielt, schimmerten die Fruchtstücke golden durch.“

(S.234)

Für de Gaumen (II):
Sich bei diesem Buch nur mit einem kulinarischen Tip zu begnügen, würde dem Ganzen nicht gerecht werden: Daher der zweite Streich: Barbara, die russische Wurzeln hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Borschtsch. Nach anfänglichem Widerstand kapituliert Herr Schmidt irgendwann und wagt sich an dieses Abenteuer.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich ständig an den eingängigen und markanten Titel von Joachim Fuchsberger’s Buch denken: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ – das trifft den Inhalt von „Barbara stirbt nicht“ ziemlich gut.
Ich habe Fuchsberger’s Buch über das Älterwerden (noch) nicht gelesen, doch werde ich das zu gegebener Zeit sicher nachholen. Durfte ich ihn als großartigen Schauspieler und feinen Menschen doch sogar selbst noch live auf der Bühne erleben – ein Theater-Erlebnis, das ich nicht vergessen werde.

Joachim Fuchsberger, Altwerden ist nichts für Feiglinge
Goldmann
ISBN: 978-3-442-17419-5

In die Welt hinaus

„Würzburg liest ein Buch“ – diese Aktion steht aktuell ganz im Zeichen von Max Mohr’s (1891 – 1937) Roman „Frau ohne Reue“. Zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen sollen den in Würzburg geborenen Autor, den sein Weg später nach Berlin, an den Tegernsee und die letzten Jahre seines Lebens ins Exil nach Shanghai geführt hat, wo er in seinem ursprünglichen Beruf als Arzt praktizierte, wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen. Für mich war dies auch als Nicht-Würzburgerin ein schöner Anreiz, einen Autor zu entdecken, den ich bisher nicht kannte.

Viele Jahre waren seine Werke – in den Zwanziger Jahren verfasste er vor allem sehr erfolgreiche Theaterstücke und später Romane – in Vergessenheit geraten. „Frau ohne Reue“, das 1933 erschien, thematisiert – wie häufig in seinem Schaffen – das Unbehaustsein, die innere Unruhe, das Umherirren auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich aufgehoben, geschützt, zu Hause und geborgen fühlen kann. Ein Gefühl, das auch Max Mohr’s eigenes Leben stark prägte und bestimmte. Obwohl er seinen jüdischen Glauben kaum lebte, konnte er nicht in Deutschland bleiben und seinen Beruf als Schriftsteller weiter ausüben – er starb 1937 im Exil in Shanghai – seine Bücher wurden im selben Jahr in Deutschland verboten.

Alles beginnt in Berlin, der pulsierenden Stadt mit verqualmten Kneipen, verruchten Bars und einem regen Nachtleben, aber auch mit Lebenskünstlern, die sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser halten. Fenn hat eine tolle Anstellung in Aussicht, doch als er bei seinem potenziellen neuen Arbeitgeber vorstellig wird, verliebt er sich Hals über Kopf in dessen Ehefrau und brennt mit ihr und ihrem Kind durch. Treibende Kraft dahinter ist Lina, die aus ihrem bisherigen Leben und ihrer Ehe ausbrechen möchte und ein alternatives, freieres Lebenskonzept sucht.

„Einer Frau muß man sagen: Laß die Männer für dich handeln, wie sie wollen, und bereue nichts, laß die Männer es bereuen.“

(S.47)

Mit Fenn und ihrer Tochter Jane sucht sie Zuflucht auf einem abgelegenen Hof in den Tiroler Bergen. Sie verstecken sich vor den Detektiven und Spähern, welche der Vater des Kindes beauftragt hat, um die Kleine zu finden und zurück zu holen.
Sie führen ein einfaches, hartes Leben in Abgeschiedenheit ohne Komfort und Luxus.

„Zum erstenmal in ihrem Leben war sie von Grund auf froh, eine Frau zu sein, stolz vor allen Männern. Tun lassen. Die Männer tun lassen, was sie tun wollten, sie reden lassen, was sie reden wollten, es ihnen glücken oder mißglücken lassen, wie’s kam.“

(S.48)

Doch auch dort suchen Lina weitere Schicksalsschläge heim und es gelingt ihr nicht, so richtig heimisch und auf Dauer glücklich zu werden. Erneut krempelt sie ihr Leben um und bleibt die Suchende, Rastlose, die trotz alledem nichts bereut.

„Schrecklich, was die Menschen im letzten Jahrhundert vergessen hatten vor lauter Geschäftigkeit, alles vergessen vor lauter technischer, wirtschaftlicher, politischer Geschäftigkeit!“

(S.77)

In vielen Aspekten ist „Frau ohne Reue“ ein zeitloses Werk – auch heute suchen viele Menschen nach dem richtigen Partner, der richtigen Art zu leben, der richtigen Balance zwischen Leben und Beruf oder treffen Entscheidungen für ein Leben auf dem Land oder in der Stadt. Lina trifft mutige, radikale Entscheidungen und scheut sich auch nicht, diese erneut zu revidieren. Glücklich wird sie leider dennoch nicht.

Das Buch wühlt auf und macht es dem Leser nicht immer einfach. Es ist kritisch und unbequem. Viele Gedankengänge Mohr’s muten nahezu prophetisch an und sind heute – gerade im Licht der aktuellen Ereignisse – aktueller denn je.

„Noch gab es damals die Weltstadt. Die Menschen brauchten den Betrieb. Viele brauchten ihn nötiger als Brot und wären gestorben, wenn durch eine technische Katastrophe oder eine himmlische Fügung ihr Betrieb von der Erde weggewischt worden wäre.“

(S.131)

„Frau ohne Reue“ handelt vom Suchen und vom Verlieren, überzeugt durch intensive, kammerspielartige Szenen und stimmige Dialoge – hier spiegelt sich der Dramatiker Max Mohr auch in seinem Roman.

Ein Autor, der die Aufmerksamkeit und die Wiederentdeckung verdient, auch wenn oder gerade weil er den Lesern 1933 bereits die Düsternis und Ausweglosigkeit der damaligen Zeit vermittelte. Es ist wünschenswert, dass sein Name von Würzburg aus wieder ins Gedächtnis gerufen und in die Welt hinausgetragen wird.

Auf der Website „Würzburg liest“ erhält man einen Überblick der Veranstaltungen, die vorwiegend in der Zeit vom 15. bis zum 25. Juli 2021 stattfinden, aber teilweise auch noch in den August hineinreichen. Zudem erfährt man mehr über Max Mohr und sein Werk.

Weitere Besprechungen von „Frau ohne Reue“ findet man beim Hotlistblog und Birgit Böllinger.

Buchinformation:
Max Mohr, Frau ohne Reue
Weidle
ISBN: 978-3-938803-95-0

© Weidle Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Max Mohr’s „Frau ohne Reue“:

Für den Gaumen:
Im Refugium in den Bergen:

„Es gab Bier, Schnittlauch, Ziegenkäse. Das Brot, das sie seit dem Herbst selber buken, geriet immer besser.“

(S.87)

Brot selbst backen – etwas, das fasziniert, sobald man es einmal selbst versucht hat und vor allem auch schmeckt.
Zu der Vielfalt von Brotrezepten, die man auf den schönen Blogs wie „Meggie’s Kochstudio“, „Fische im Teigmantel“ oder auch bei „Ein Nudelsieb bloggt“ (um nur ein paar zu nennen) findet, habe ich es noch nicht geschafft, aber zu einem selbstgebackenen Sauerteigbrot schon.

Zum Weiterhören:
Max Mohr bedient sich unter anderem Vergleichen aus Wagner’s Opern, so sieht sich Else – die Freundin Fenns „wie Brangäne, die den unheilbaren Liebestrank verwaltete“ (S.34). Wer Tristan und Isolde kennt, kann hier bereits erahnen, ob den Liebenden ein glückliches Ende beschieden sein wird.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich die eindringliche Novelle „Der Zwang“ von Stefan Zweig aus dem Jahr 1920 gelesen. Diese kann man ebenfalls als pazifistischen Aufschrei eines zunehmend Heimatlosen und späteren Exilanten lesen und auch Zweig lässt eine starke Frau in der Erzählung auftreten.

Stefan Zweig, Der Zwang
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271535

Erfrischende Ostseebrise

Eine kleine Flucht aus dem Alltag, eine charmante Zeitreise und ein wenig Ostseeluft schnuppern: all das bietet Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“ aus dem Jahr 1909. Die Büchergilde Gutenberg hat in der Reihe „Büchergilde unterwegs“ nach „Das Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus Mann nun auch das unterhaltsame Werk der Urgroßmutter der beiden in einer optisch schönen Aufmachung neu aufgelegt.

Hedwig Dohm war die Großmutter von Katia Mann, Schriftstellerin und überzeugte Frauenrechtlerin – weitere ergänzende Details und biografische Informationen zur Autorin enthält dankenswerterweise auch das Nachwort von Heike Brandt. Als Dohm die „Sommerlieben“ schrieb war sie beinahe 80 Jahre alt und doch atmet dieses Werk neben Lebenserfahrung und Klugheit auch eine jugendliche Frische und Leichtigkeit, die beim Lesen ansteckend wirkt und den Leser sofort in Urlaubsstimmung versetzt.

Allein für solche Sätze wie den folgenden und diese herrliche Sprache lohnte sich für mich schon die Lektüre – (Achtung! Bitte auf der Zunge zergehen lassen):

„Nun weiß ich aus Erfahrung und Seelenkenntnis, daß, wenn der Mensch seinen Ärger zur Papier bringt, sich sofort auch die komisch-amüsanten Seiten der Ärgernisse präsentieren, wahrscheinlich aus einem Instinkt der menschlichen Natur heraus, der sich selbst aus dem Schierling des Missvergnügens noch ein Tröpfchen Honig herausdestilliert.“

(S.13)

Mit spitzer Feder und scharfzüngig formuliert und berichtet „Trautantchen“ Marie Luise in Form von Briefen an den werten Schwager – den die Schwester schmählicherweise treulos verlassen hat – über ihre Sommerfrische im Badeort Salentin auf Usedom, den sie dort mit den ihr anvertrauten Kindern – Nichte Hanna und Neffe Rudi – verbringt.

Die unverheiratete, „ältere Jungfer“ erzählt offen, direkt und schonungslos von der Ankunft im Quartier, das noch ihrer Nachbesserung und Aufmöbelung bedarf und karikiert gnadenlos und pointiert jeden in ihrem Umfeld: Gastgeber, Urlaubsgäste, Dienstpersonal und auch die Kinder – keiner entkommt ihrem Adlerauge und ihrer spitzen Zunge.

„Welch eine Temperamentsfülle! Ihre jubelnde Hingabe an alles, was Genuß verspricht, könnte ein halbes Dutzend Mysanthropen mit Optimismus versorgen.“

(S.48)

So erlebt man anhand ihrer plastischen und intensiven Beschreibungen auch hautnah mit, wie sie bei einer vergnügten Ruderparte plötzlich in ein Unwetter kommt, wie wenig Talent und Ehrgeiz ihr Dienstmädchen Alma für das Kochen und die Haushaltsführung im Allgemeinen aufbringt oder mit welchen Tricks sie das allzu strenge Kindermädchen Miß Jones abzulenken versucht, so dass der kleine Neffe Rudi ein wenig mehr Freiheiten bekommt. Kleine, stimmungsvolle Urlaubs- und Strandszenen, welche die Badekultur (inklusive der Bademode) der damaligen Zeit – gerade die Kaiserbäder an der Ostsee waren sehr en vogue – vor den Augen des Lesers wieder aufleben lassen.

Aber auch ein Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit und eine bemerkenswerte Studie über eine unverheiratete Frau, die sich trotz aller Selbstständigkeit und Unabhängigkeit doch auch hin und wieder nach einer erfüllenden Beziehung sehnt.
Die Anklänge und kritischen Untertöne der Frauenrechtlerin sind zwischen den Zeilen ebenso zu finden, wie die dunklen Wolken des aufziehenden Antisemitismus, welche sich bereits vor die Sonne schieben.

Doch der unterhaltsame, amüsante und stellenweise herrlich-bissige Tonfall der Autorin macht die „Sommerlieben“ dennoch zu einer in weiten Teilen locker-luftigen und im Grundton unbeschwerten Lektüre. Man spürt den Wind, sieht die Strandkörbe und die gestreiften Badeanzüge kurz nach der Jahrhundertwende, blickt auf die Wellen und genießt. Manches scheint sich in den letzten hundert Jahren nicht oder kaum verändert zu haben. Wer selbst schon einen Ostseeurlaub verbracht hat, weiß was unbefugte Strandkorbbesetzer, schnelle Wetterwechsel oder geschwätzige Miturlauber anrichten können – so findet sich auch der heutige Leser in vielen Szenen, Episoden, Anekdoten und Gedankengängen wieder oder vielleicht sogar ertappt.

Ein kleines, feines Buch, das so erfrischend ist, wie ein Bad in der Ostsee.
Wunderbar geeignet für einen Nachmittag im Strandkorb oder um vom heimischen Liegestuhl aus für eine Weile an diese herrliche Küste zu reisen. Wer also die Möglichkeit dazu hat, sollte es halten wie Tantchen Marie Luise:

„Täglich in der Morgenfrühe gehe ich ans Meer, um in meinem Strandkorb zu lesen, irgendein Buch, das Stille und Sammlung will.“

(S.55)

Doch nicht „irgendein Buch“: Die „Sommerlieben“ wären hierzu definitiv eine erstklassige Wahl.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Büchergilde Gutenberg, die mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite derBüchergilde.

Buchinformation:
Hedwig Dohm, Sommerlieben – Freiluftnovelle
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Julia Finkernagel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7285-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hedwig Dohm’s „Sommerlieben – Freiluftnovelle“:

Für den Gaumen (I):
Die Urlaubskost muss gesund sein und darf nicht so schwer im Magen liegen, deshalb wäre Obst eine hervorragende Wahl, allerdings beklagt Marie Luise, die stolzen Preise für Erdbeeren und ist froh, mit Trockenobst vorgesorgt zu haben:

„Ein Trost in der Not der Öbste ist die Kiste mit den getrockneten Aprikosen, Prünellen und Pflaumen“

(S.23)

Für den Gaumen (II):
Doch auch einem Gläschen Wermut scheint die Tante nicht abgeneigt zu sein:

„Also merke es Dir: Ich bin ein vergnügtes, jüngeres altes Mädchen. Die Vergnügtheit zuweilen gemischt mit etwas Wehmut. Ein Tröpfchen Wermut nicht ausgeschlossen. Das gehört sich für eine ältere Jungfer.“

(S.26)

Zum Weiterschauen:
Ein Zeitgenosse Hedwig Dohm’s, der ab 1909 ebenfalls regelmäßig nach Usedom reiste und das „Dorf Alt-Sallenthin“ (um 1912) auf seine ihm typische Art als Gemälde verewigte, ist der Künstler Lyonel Feininger. Auf der Website des Museum Folkwang kann man sich dieses Gemälde und eine kurze Erläuterung dazu ansehen.

Zum Weiterlesen:
Literarisch fällt mir zur Ostsee sofort auch Eduard von Keyserling’s Roman „Wellen“ aus dem Jahr 1911 – also nur zwei Jahre nach Hedwig Dohm’s „Sommerlieben“ erschienen – ein, den ich vor vielen Jahren gelesen habe:

Eduard von Keyerling, Wellen
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-34682-1