Vermisste Übeltäter

Wie lange ist es her, dass ich zuletzt „Max und Moritz“ gelesen habe? Lange – viele, viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte – und doch sind einzelne Absätze und Verse immer noch sehr präsent. Johannes Wilkes hat nun mit „Max und Moritz – Was wirklich geschah“ einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur ein willkommener Anlass ist, sich wieder einmal mit dem Klassiker von Wilhelm Busch zu beschäftigen, sondern ein völlig neues, satirisches Licht auf die altbekannte Geschichte der beiden Lausbuben wirft.

„Wo nur mochten Max und Moritz stecken? Waren sie hier in Finsterfelde? Hielt man sie irgendwo versteckt, in einem Verlies als Kellerkinder, so wie einst Kaspar Hauser?“

(S.26)

Wenn Tante Dörte, diese fürsorgliche und mütterliche Frau, um Hilfe bittet, dann können Karl-Dieter und Mütze ihr diesen Wunsch nicht verweigern. Sie sorgt sich um Max und Moritz, ihre Lieblingsneffen, denn diese scheinen spurlos verschwunden zu sein und auch der Stiefmutter der beiden – Witwe Bolte – traut sie nicht so recht über den Weg. Und so reisen der Kommissar und sein Partner nach Finsterfelde, ein verschlafenes Örtchen in der Mark Brandenburg, um die Jugendlichen zu suchen.

Schon bald merken sie, dass in diesem Ort so einiges im Argen liegt und so mancher Bewohner etwas zu verbergen hat. Und was sollen diese Zettel mit den abstrusen Bildergeschichten, die irgendjemand stets am Friedhof aushängt, um Max und Moritz aufs Übelste zu verleumden?

Auch die Tierwelt scheint im Aufruhr zu sein: sie treffen auf wildgewordene Maikäfer und einen aufgescheuchten Spitz, der sich die Seele aus dem Leib bellt.
Auch Witwe Bolte scheint ihre dunklen Geheimnisse zu haben und offenbart sich nach und nach als aufreizender Vamp in Nahtstrumpfhose, Stöckelschuhen und Spitzenwäsche – von Trauer über ihr Witwendasein ist da wenig zu spüren.

Doch was ist mit den Zwillingen passiert und wer steckt dahinter? Der Schneider, der Lehrer, der Bäcker, der Müller, der Onkel, der Bauer oder die Witwe? Oder sind die beiden Jungs einfach nur ausgerissen und haben sich versteckt?
Immer wieder werden Mütze und Karl-Dieter mit überraschenden und unangenehmen Wahrheiten konfrontiert.

Wilkes holt die Geschichte um „Max und Moritz“ in die Gegenwart: zwei Jungs in Schlabberjeans, mit Baseballkappen und teuren Designerturnschuhen.
Schnell verschwimmen vermeintliche Fakten und Fiktion: tun die Verse den beiden vielleicht Unrecht und verbirgt sich hinter all den Streichen und Übeltaten eine ganz andere Wahrheit?
Es ist eine witzige Idee, Wilhelm Busch’s Geschichte neu zu schreiben und dem bekannten Personal neues Leben einzuhauchen und andere Facetten und Eigenschaften anzudichten. So entsteht ein phantasievoller, satirischer Klamauk, bei welchem es vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch gereicht hätte, etwas weniger dick aufzutragen.

Der Krimi liest sich trotz so mancher Übertreibung jedoch sehr kurzweilig – als Hommage auf Wilhelm Busch’s wohl bekanntestes Werk, das auch vollständig im Krimi eingearbeitet und abgedruckt ist – und auch als Liebeserklärung des Autors an die Mark Brandenburg: diese außergewöhnliche Landschaft, die schon Theodor Fontane liebte und in seinem Werk verewigte. Wilkes legt eine literarische Krimispielerei vor, die von Literatur inspiriert und durchdrungen ist und eine amüsante Unterhaltung für Zwischendurch und zur Entspannung sein kann.

„Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm
„Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei
Mit der Übeltäterei!“

(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Die Ermittlerkonstellation aus Kommissar und Bühnenbildner, die zudem ein Paar sind, ist ungewöhnlich und vom Autor sehr humorvoll mit einem liebevollen Augenzwinkern umgesetzt.
Dieser neue Fall ist bereits der dritte Fall für Kommissar Mütze und Karl-Dieter, lässt sich jedoch auch ohne die beiden ersten Bände zu kennen, die sich wohl um Fontane (Band 1) und die Erfurter Gloriosa (Band 2) drehen, als alleinstehender Band gut lesen.

Wilhelm Busch hat „Max und Moritz“ im Jahr 1865 zum ersten Mal veröffentlicht. Nach einem zähen Auftakt trat das nicht unumstrittene Werk einen ungeheuren Erfolgszug um die ganze Welt an und wurde in über 300 Sprachen übersetzt.
Und wenn ein Kinderbuch nach über 150 Jahren noch einen Autor dazu inspirieren kann, einen lustigen, verschmitzten und unterhaltsamen Krimi zu schreiben, dann spricht das ebenfalls für sich.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Johannes Wilkes, Max und Moritz – Was wirklich geschah
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0049-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Johannes Wilkes’ „Max und Moritz – Was wirklich geschah“:

Für den Gaumen:
Aus gegebenem Anlass – wer die Geschichte von Max und Moritz kennt, wird wenig verwundert sein – gibt es in der örtlichen Gastwirtschaft häufig Hühnerfrikassee. Zu Beginn ist Karl-Dieter noch erfreut darüber:

„Hühnerfrikassee, warum nicht? Hatte es früher bei Tante Dörte an manchen Sonntagen gegeben. Mit frischen Champignons, Kapern und gebuttertem Reis ein Gedicht.“

(S.18)

Doch irgendwann hat man bzw. Karl-Dieter auch vom besten Gericht genug. Warum also nicht zum Sauerkraut übergehen?

Zum Weiterhören:
Lehrer Lämpel spielt bekanntlich die Kirchenorgel – wohl mehr oder weniger virtuos: Im Krimi greift er daher auf einen wahren Klassiker zurück: „Großer Gott wir loben dich“ – der Text von Ignaz Franz geht laut Wikipedia zurück auf das Jahr 1771 und die Melodie wurde 1776 zum ersten Mal in einem Katholischen Gesangbuch aus Wien abgedruckt.

Zum Weiterlesen:
Man merkt bei der Lektüre, dass Johannes Wilkes ein großer Theodor Fontane-Fan ist, daher wäre es vielleicht mal wieder an der Zeit, einen Klassiker zu lesen. Zu den Werken, die ich von Fontane bisher noch nicht gelesen habe, zählt unter anderem die Kriminalgeschichte „Unterm Birnbaum“ und auch „Grete Minde“ kenne ich noch nicht.

Theodor Fontane, Grete Minde / Unterm Birnbaum: Erzählungen
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596901463

Küss die Hand…

Wien in den Siebziger Jahren und der erste Kriminalroman einer österreichischen Autorin mit einer außergewöhnlichen, neuen Ermittlerfigur, da konnte und wollte ich nicht lange daran vorbei: Constanze Scheib, die ausgebildete Schauspielerin ist und bisher Theaterstücke und Erzählungen verfasst hat, ist mit „Der Würger von Hietzing“ ein spritziges und humoreskes Krimidebüt gelungen.
Als Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ hat sich die Autorin auch einem Netzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen angeschlossen.

Eine unausgelastete – um nicht zu sagen gelangweilte – Ehefrau aus besten Wiener Kreisen mit einem Faible für Fernsehkrimis und teuren Whisky beginnt aus Neugier und Abenteuerlust in einem realen Kriminalfall zu ermitteln.
Schließlich wurde die Tante eines ihrer Dienstmädchen erdrosselt aufgefunden und bei genauerem Hinsehen war dies wohl nicht der erste Mord. Da kann es natürlich nicht angehen, einen Serienmörder frei herumlaufen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrem jungen Hausmädchen Marie, welche sie in ihren kriminalistischen Anwandlungen unterstützt, stürzt sie sich voller Elan und dem naiven Herangehen einer „gnä’ Frau“ unbedarft in die Wiener Verbrecherwelt. Klar, dass es da zu Turbulenzen kommen muss und das aus Miss Marple-Filmen erworbene Wissen nicht ausreicht, um gefährliche Situationen zu vermeiden.

„I wü sie ja net schockiern, oba Verbrecher müss’n net unbedingt aus Favoriten kommen. A jeder kann zum Mörder werden. Wurscht, in welche Schul er gangen is oder wie vü Geld er hat!“

(S.138)

Frau Ehrenstein und Marie bilden ein kongeniales Duo und schnüffeln und lavieren sich gemeinsam durch das teils wilde Wien der Siebziger Jahre – ein aufregender Kontrast zu den gediegenen Zoobesuchen mit Sohn Willi oder den Besuchen im Opernhaus.

Wienliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, denn dieser Krimi bietet eine schöne Zeitreise in die Stadt der Sachertorte und der Musik, man begleitet Frau Ehrenstein an einige der beliebten und bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt: nach Schönbrunn, in den Tierpark, in die Oper und natürlich auch ins eine oder andere Kaffeehaus. Geschickt flicht Scheib auch immer wieder zeitgeschichtliche Ereignisse ein, welche die Handlung in den Siebziger Jahren verorten lassen.

„Frau Ehrenstein ärgerte sich. Und sie ärgerte sich noch mehr über die Tatsache, dass sie sich ärgerte. Sie hatte sich immer so verhalten, wie es von ihr erwartet wurde, hatte nie etwas Unvorhersehbares getan oder war von der Etikette abgewichen.“

(S.57)

Die Beschreibung des Haushalts und des Dienstpersonals im Ehrenstein’schen Haus wirkt da schon mehr als aus der Zeit und der Mode gekommen und unterstreicht das gediegene, konservative und verstaubte Milieu, aus dem sich die Frau des Hauses befreien möchte, so dass ihr jedes kleine Abenteuer gerade recht kommt.

Wer mit dem Wiener Dialekt bislang nicht so vertraut ist, wird durch diesen Krimi einen kleinen, kurzweiligen Einsteigerkurs erhalten, kann sich mit Hilfe dieses Buchs ein wenig einlesen und zukünftig mit so herrlichen Begriffen wie „fadisieren“, „Kaffeetscherl“, „Narrenkastl“ oder „Blitzgneißer“ zumindest Grundkenntnisse des Wienerischen vorweisen.

Ich mochte die Figuren, das Flair, den Zauber Wiens und den Humor dieses Krimis sehr, zumal es aus meiner Sicht um vieles schwerer ist, einen guten komödiantisch-witzigen Krimi zu schreiben als einen blutrünstigen Thriller.
Meinen Geschmack hat die Autorin daher getroffen, wer aber atemlose Spannung, vertrackte tiefenpsychologische Täterprofile, realistische, ernste Kriminalfälle vorzieht und mit einer ordentlichen Portion Humor und Lokalkolorit in Krimis nichts anfangen kann, der wird vermutlich nicht glücklich werden.

Mit Perlenkette, Stöckelschuhen, Maßkostüm und Handschuhen bringt Frau Ehrenstein als Ermittlerin Glanz und Glamour in die zwielichtigen Viertel Wiens und in die aktuelle Krimilandschaft. Dass sich durch das soziale Gefälle zwischen ihr und den Verdächtigen interessante und witzige Situationen ergeben, versteht sich von selbst und gibt dem Ganzen den richtigen Pfiff.

Dazu die nötige Portion Wiener Schmäh und Ironie – da ist Constanze Scheib, die 1979 in Wien geboren wurde, ein sehr amüsanter und kurzweiliger Auftakt gelungen, der unbedingt nach einer Fortsetzung verlangt.
Für mich war „Der Würger von Hietzing“ ein herrliches, verschmitztes und lustiges Krimivergnügen, das mich ein paar Stunden wunderbar unterhalten hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing

Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“:

Für den Gaumen:
Die gnä’ Frau Ehrenstein hat eine Vorliebe für Whisky, gerne schottischer Single Malt, so trinkt sie gemeinsam mit ihrem Hausmädchen schon einmal ein Gläschen der einschlägigen Destillerien (ohne jetzt Namen zu nennen).
Doch im Laufe der Zeit entdeckt sie auch ihre Schwäche für süßes Gebäck, was beim diesbezüglichen Angebot in Wien natürlich kaum verwunderlich ist: So darf es im Kaffeehaus auch mal ein Briochekipferl oder ein Punschkrapfen (S.106) sein.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Theaterbesuch:
Frau Ehrenstein ist als Frau von Welt selbstverständlich auch musikinteressiert und so darf der Leser sie in die Oper begleiten, um dort Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ mit zu erleben – und dies in einer Inszenierung von Otto Schenk.
Und wir stoßen auf einen Wiener Taxifahrer, der tatsächlich Joseph Haydn’s „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ hört – das hat Stil.

Zum Weiterlesen:
Wer Wien und Krimis liebt, dem kann ich auch die Kriminalinspektor Emmerich-Reihe der österreichischen Autorin Alex Beer empfehlen. Hier kann man abtauchen in das Wien der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und bekommt intelligente und spannende Krimiunterhaltung geboten. Ich würde empfehlen, unbedingt mit dem ersten Band der Reihe „Der zweite Reiter“ zu beginnen.

Alex Beer, Der zweite Reiter
Blanvalet
ISBN: 978-3-7341-0599-9

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

British Crime Time

Ein etwas verregneter Sommer mit viel Lesezeit auf der Couch, da kann man schon Lust auf einen klassischen, britischen Kriminalroman und eine gute Tasse Tee bekommen. Susan Hill’s Krimi „Schattenrisse“, welcher den Auftakt zu ihrer mittlerweile elfbändigen Reihe um Inspector Simon Serrailler bildet, eignet sich hierzu hervorragend. Den Tee gekocht, die Decke geschnappt und gemütlich in Leseposition gekuschelt und schon kann es losgehen.

Lafferton ist ein kleines, gemütliches Städtchen mit einer Kathedrale und idyllischen viktorianischen Straßenzügen. Beim Recherchieren stellte sich heraus: ein fiktiver Ort, der so nicht auf der Landkarte zu finden ist, aber die sympathischen und typischen Züge einer britischen Kleinstadt trägt, die sofort vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Polizistin Freya Graffham ist frisch geschieden und neu nach Lafferton gezogen. Ihre gescheiterte Ehe, London und die Met hat sie hinter sich gelassen und erhofft sich nun einen ruhigeren Neustart fernab der Großstadtkriminalität. Schnell findet sie Anschluss im Ort, beginnt in einem Chor mit zu singen und sich sozial zu engagieren. Neben Drogendelikten beschäftigt sie sich vor allem mit einigen Vermisstenfällen, die Rätsel aufgeben und im Laufe der Ermittlungen gewisse Parallelen aufweisen. Selbst als ihr Vorgesetzter Inspector Simon Serrailler, in den sie sich mittlerweile rettungslos verliebt hat, sie für einige Zeit von diesem Fall abzieht, lässt sie das Schicksal der verschwundenen Frauen nicht los.

Simon Serrailler ist ein Feingeist und attraktiver Mann, der sich allerdings nicht immer in die Karten schauen lässt und wohl schon zahlreiche Frauenherzen gebrochen hat. Vielmehr lebt der Alleinstehende seine heimlichen Talente im Verborgenen aus – so zeichnet er, da er an der Kunstakademie abgelehnt wurde, nun für sich und schafft dennoch unter Pseudonym Kunstwerke, die sich sehen lassen können. Die Kunst ist sein Ausgleich zum fordernden Polizeiberuf, den ihm sein Vater bis heute verübelt, der ihn gemäß der Familientradition viel lieber im Arztberuf gesehen hätte.

Diesen hat jedoch seine Drillingsschwester Cat ergriffen, die ebenfalls eine zentrale Rolle im Roman spielt und gerade voller Sorge versucht, einigen Quacksalbern und unseriösen Wunderheilern das Handwerk zu legen.
So verknüpft Hill geschickt unterschiedliche Handlungsstränge und Perspektiven und webt so einen abwechslungsreichen Geschichtenteppich, der trägt und sehr flüssig zu lesen ist.

Freya Graffham ist eine Figur, die großes Identifikationspotenzial bietet und mit der man als Leser mitfiebert und mitleidet. Lediglich eine Szene machte mir klar, dass wohl doch erhebliche Unterschiede zwischen ihr und mir bestehen:

„Sie stellte den Fernseher an, schaltete von einer Gartensendung zu einer über Häuserkauf und einem europäischen Fußballspiel um, stellte den Fernseher wieder aus. Mit der Tageszeitung war sie durch, und sie hatte kein neues Buch zum Lesen. Sie trank ihren Wein aus und zog das Telefon näher zu sich.“

(S.319)

Kein neues Buch zu lesen? Eine für mich vollkommen unvorstellbare Situation – das könnte mir nicht passieren.

Die Personen und Charaktere des Romans bilden einen typischen Querschnitt der Bewohner einer Kleinstadt – Menschen von nebenan: eine von Akne geplagte junge Frau mit mangelndem Selbstbewusstsein, eine verzweifelte Witwe, die nach vierzig Jahren Ehe ihren Mann verloren hat und sogar ein Medium aufsucht, um wieder mit ihm in Kontakt zu treten, patente Nachbarinnen, die mit Rat, Tat, Tee und Scones zur Seite stehen – Susan Hill versteht es, lebensechte und glaubwürdige Personen zu entwickeln. Dass sie als Autorin von Geistergeschichten auch ein paar übersinnliche Elemente einbaut, gehört zu ihrer persönlichen Note.

Very british – und ein richtiger Krimi-Schmöker, der sich Zeit für die Figuren und die Handlung lässt. Nicht atemlose Spannung oder blutige Verbrechen stehen im Mittelpunkt, sondern die Autorin erzählt einfach eine gute Geschichte, die packt, unterhält und doch mit einer unerwarteten Wendung aufwartet. So ist es nachvollziehbar und verständlich, dass sich aus diesem Auftakt aus dem Jahr 2004 (der 2005 bereits unter dem Titel „Der Menschen dunkles Sehnen“ bei Knaur auf deutsch erschienen ist und jetzt durch den Kampa Verlag eine schön gestaltete Neuauflage erfährt) mittlerweile eine erfolgreiche Reihe um Inspector Serrailler entwickelt hat.

Auch während ich diesen Beitrag schreibe, schüttet es gerade wieder in Strömen – dieser Sommer möchte seinem Namen leider immer noch keine rechte Ehre machen. Die nächste Gelegenheit für einen weiteren Tee-Couch-Krimi kommt also bestimmt. Susan Hill kann ich dafür wärmstens empfehlen – bei ca. 550 Seiten kann man da schon einige verregnete Nachmittage und Abende schmökernd verbringen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susan Hill’s „Schattenrisse“:

Für den Gaumen:
Der Krimi beginnt in der Vorweihnachtszeit und so werden unter anderem die nötigen Einkäufe und Zutaten für den klassischen Plumpudding thematisiert. Ein britisches Weihnachtsgericht, das traditionellerweise am ersten Weihnachtsfeiertag nicht auf der Festtafel fehlen sollte – süß und gehaltvoll.

Zum Weiterhören oder -singen:
Frey Graffham, die neue Kollegin von Inspector Serrailler, ist eine begeisterte Chorsängerin. Der Besuch des Konzerts von Händel’s „Messias“ inspiriert sie, sich wieder einem Chor anzuschließen und selbst sängerisch aktiv zu werden.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Vermutlich hätte ich nicht zu Susan Hill’s Krimi gegriffen, wenn ich nicht 2018 im Landestheater Niederbayern das grandiose Theaterstück „Die Frau in Schwarz“ gesehen hätte, das im Londoner Westend zum Dauerbrenner wurde und dort bezüglich der Laufzeit nur von Agatha Christie’s „Mausefalle“ übertroffen wird. Dieses erfolgreiche Gruselstück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill aus dem Jahr 1983.

Zum Weiterlesen:
Beim Stichwort Kathedrale kam mir unweigerlich Ken Follett’s Klassiker „Die Säulen der Erde“ ins Gedächtnis, der mittlerweile schon stolze 32 Jahre auf dem Buckel hat. Und wer hat diesen weit über 1000 Seiten starken, historischen Schmöker und all die Dramen um den Bau der Kathedrale des ebenfalls fiktiven Kingsbridge nicht gelesen bzw. verschlungen?

Ken Follett, Die Säulen der Erde
Aus dem Englischen von Gabriele Conrad, Till Lohmeyer und Christel Rost
Lübbe
ISBN: 978-3-404-17812-4

Im Duett: Lazare und Lacroix

Sommerzeit ist Krimizeit und wer zumindest durch die Lektüre ganz ohne Infektionsrisiko nach Frankreich verreisen möchte, der hat mit den zwei Kriminalromanen, die ich heute vorstellen möchte, eine sehr gute Gelegenheit.

Bei Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ handelt es sich um den zweiten Band seiner Reihe um den in Südfrankreich ermittelnden Kommissar Lazare. Alex Lépic hat mit „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ mittlerweile den vierten Band der Commissaire Lacroix-Reihe vorgelegt.

Beide Krimis spielen in Frankreich, beide wurden von deutschen Autoren verfasst, die jedoch auch seit längerem Teile ihres Lebens in Frankreich verbringen oder verbracht haben und somit wissen, worüber sie schreiben. Und dennoch könnten sie auch kaum unterschiedlicher sein, denn während Hültner einen eher düsteren, sozialkritischen und hochbrisanten, aktuellen Krimi verfasst hat, so ist der neue Lacroix von Alex Lépic (dem Pseudonym, hinter welchem sich Alexander Oetker verbirgt) eine sommerlich-leichte Krimiunterhaltung, die auf sympathische Weise fast aus der Zeit gefallen wirkt.
Und auch die Schauplätze zeigen Frankreich in seiner Diversität: Lazare ermittelt im südfranzösischen Ort Sète, der auch als Venedig Südfrankreichs gilt und Lacroix verschlägt es dieses Mal ausgehend von seiner Heimatstadt Paris ins malerische Giverny in der Normandie.

Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ beginnt mit einem verschwundenen Mädchen. Eine junge Muslimin wird als vermisst gemeldet und während man zunächst von einer Radikalisierung und einem freiwilligen Verschwinden ausgeht, vermutet Lazare schon bald andere Gründe dahinter.
Als sich Lazare dazu entscheidet, dem Bauernhof La Farette in den Bergen einen Besuch abzustatten, den er geerbt hat und auf dem sein zunehmend kauziger Onkel immer noch lebt, überschlagen sich schon bald die Ereignisse.

„Der Schlüssel zu diesem Rätsel sei der Hofname, hatte er erklärt, La Farette deutete auf die Existenz eines mittelalterlichen Signalturms, in der Volkssprache Phare oder Fare genannt. Dieser war Teil eines an der Küste beginnenden Warnsystems mit Leuchtfeuern und Rauchsignalen, mit dem die Ankunft kriegerischer Sarazenen oder anderer feindlicher Truppen binnen kurzer Zeit bis tief ins Landesinnere übermittelt werden konnte.“

(aus Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“; S.164/165)

Denn in der näheren Umgebung scheint es zu einer mysteriösen, radioaktiven Verunreinigung von Böden gekommen zu sein – ein Bauer fühlt sich betrogen und steht vor dem Ruin. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und Spuren führen unter anderem auch in den katalanischen Untergrund.

Hültner hat vieles an Themen in seinen Krimi hineingepackt und ein intensives, düsteres Szenario entworfen, das stellenweise geradezu kammerspielartig anmutet und spannend zu lesen ist, jedoch auch eine gewisse Konzentration erfordert.
Geschichtliche Hintergründe, eindrucksvolle Beschreibungen des Landstrichs und seiner Bewohner bereichern und machen diesen Krimi zu einer intelligenten Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch bildet.
Nicht umsonst wurde Robert Hültner bereits mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis und auch dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Szenenwechsel in die sommerliche, sonnige und lichtdurchflutete Normandie und zu Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“:
Es ist August: Paris liegt nahezu ausgestorben in der Sommerhitze, weil die Bewohner alle in den Urlaub gefahren sind und der Stadt den Rücken gekehrt haben. Für Lacroix würde dies eine ruhige Zeit bedeuten, wäre da nicht die mondäne, gut betuchte Society-Lady Madame de Touquet, die ihn in einer sehr persönlichen Gelegenheit um seine Hilfe bittet.

Sie hegt den unfassbaren Verdacht, dass jemand aus ihrer Familie sie mit geringen, aber regelmäßigen Dosen von Arsen vergiften möchte. Den finalen Showdown bzw. Giftanschlag erwartet sie beim großen, jährlichen Familien-Sommerfest im prachtvollen Sommerhaus in Giverny und lädt daher kurzentschlossen Lacroix mitsamt Gattin dazu ein. Er soll sie schützen und herausfinden, ob ihr Verdacht begründet ist und welches Familienmitglied ihr nach dem Leben trachtet.

Das idyllische Giverny, welches vor allem für das Haus und den Garten Claude Monet’s bekannt ist, in welchem der Seerosenteich ihn zu den weltbekannten Gemälden inspirierte, wird so zum Schauplatz einer Tragödie, denn schon bald gibt es ein Mordopfer und die Anzeichen deuten klar auf eine Arsenvergiftung hin…
Mord und Totschlag kommt offenbar auch in den besten Familien vor.

„Das Hupen der Taxis, das Klingeln der Busse, das Geplauder auf dem Trottoir um ihn herum – das alles gab ihm Kraft und hegte ihn ein wie ein vertrauter Kokon. Ja, Paris war Balsam für seine Seele. Wenn er Ruhe hatte, wenn die Tage lang waren, wenn er lesen und nachdenken konnte, war Giverny ideal, weil ihn dort der Ort belebte, befreite, erfrischte. Doch in Zeiten, in denen er in einem Fall ermittelte, wenn es in seinem Kopf raste, wenn er dringend Antworten finden musste, dann tauchte er lieber in Paris unter und fand dadurch genau die Inspiration, die am Ende den Ausschlag gab.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“; S.137)

Dieser Krimi kann als eine Hommage an die traditionellen Krimis von Agatha Christie und Georges Simenon gelesen werden. Mit dem gewählten Setting (einer Familienfeierlichkeit in einem prunkvollen Sommerhaus), den auftretenden Figuren, die im engeren Familienkreis eine abgeschlossene und übersichtliche Gruppe von Verdächtigen bilden und der Wahl von Arsen als Mordwerkzeug, hat Lépic hier einen herrlich und auf liebenswürdige Art altmodischen Kriminalroman geschrieben, der Fans dieses Genres an gute alte Zeiten erinnert.
Eine leichte, vergnügliche und kurze Krimi-Lektüre für einen lauen Sommerabend auf dem Balkon oder der Terrasse.

Zwei Frankreich-Krimis, welche jedoch jeweils eine völlig andere Art des Kriminalromans verkörpern und so die Vielfalt und die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten dieses Genres aufscheinen lassen. Dass diese auch polarisieren können, nicht die selbe Klientel bedienen und daher unter Umständen nicht beide jedermanns Geschmack treffen werden, versteht sich von selbst. Mich haben beide jedoch blendend unterhalten.

Buchinformationen:
Rober Hültner, Lazare und die Spuren des Todes
btb
ISBN: 978-3-442-75659-9

Alex Lépic, Lacroix und das Sommerhaus in Giverny
Kampa
ISBN: 978 3 311 12540 2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen:
Während Hültner’s Lazare auf bodenständige Küche und sehr regionaltypische Produkte, die auf dem Wochenmarkt gehandelt werden, wie zum Beispiel „auf die in Vergessenheit geratenen Crochu-Bohnen, auf gelbe und schwarze Tomaten, auf Erdbeerspinat und alte Rüben- und Kohlsorten“ (S.45/46) Bezug nimmt, so erfährt man bei Alex Lépic’s Lacroix, dass es sich bei einer „Piscine“ um den Frevel eines geeisten Champagners handelt und speist „Paris-Brest-Törtchen“ (ein Rezept und die Geschichte dazu findet man auf dem Blog Typisch Französisch! von Véronique).

Zum Weiterschauen (I):
Kommissar Lacroix und seine Gattin weilen gerne im Örtchen Giverny, das weltbekannt ist durch das Haus und den Garten von Claude Monet. Das berühmteste daran? Vermutlich der Seerosenteich und die dadurch inspirierten Gemälde des großen Impressionisten. Eins der Seerosen-Gemälde Monets ist auf der Website der Münchner Pinakotheken zu sehen.

Zum Weiterschauen (II):
Alex Lépic’ Lacroix-Krimi und das im Roman verwendete Arsen starteten bei mir sofort ein regelrechtes Kopfkino. In der Spielzeit 2018/2019 spielte mein Heimattheater – das Landestheater Niederbayern – eine großartige Inszenierung der Boulevardkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ – ich sehe daher sofort die beiden tollen Darstellerinnen der mordlustigen, alten Damen Abby und Martha vor meinem inneren Auge. Herrlich! Aber da das Stück leider nicht mehr gespielt wird, kann man natürlich auch auf die Konserve bzw. den Filmklassiker aus den Vierziger Jahren mit Cary Grant zurückgreifen.

Für einen Lesungsbesuch:
Robert Hültner wurde vor allem auch durch seine Inspektor Kajetan-Krimis bekannt. Seit Jahren tourt der bekannte Schauspieler und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl immer mal wieder mit der Lesung „Mörderisches Bayern“ (hier geht es zur Website der Reihe – die aktuellsten Termine sind leider Corona zum Opfer gefallen). Sollte aber die Gelegenheit bestehen, sich das anzusehen und anzuhören – unbedingt zuschlagen: ich durfte es vor vielen Jahren live erleben und es lohnt sich sehr!

Zum Weiterlesen:
Wer das Bayern der Räterepublik dem Frankreich von heute vorzieht und in die Welt von Inspektor Kajetan zunächst einmal lesend abtauchen möchte, der sollte mit dem ersten Band der Reihe „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“ beginnen. Die Krimis spielen im München und Oberbayern der 1920er Jahre, sind intelligent, sehr atmosphärisch und großartig zu lesen.

Robert Hültner, Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski
btb
ISBN: 978-3-442-72144-3

Spannung, Spiele und Salzburg

Am 17. Juli haben die Salzburger Festspiele klassisch und traditionell mit einem „Jedermann“ begonnen. Bis zum 31. August ist die Stadt an der Salzach jetzt wieder Bühne für Oper, Theater, Musik und Kultur. Festspielzeit in Salzburg ist auch in Manfred Baumann’s neuestem Krimi „Salzburgsünde“, dem mittlerweile bereits neunten Band aus der Reihe um Kommissar Merana – in diesem Fall handelt es sich jedoch um die Osterfestspiele.
Salzburg ist immer eine Reise wert und so war dieser Krimi für mich eine willkommene Gelegenheit, das zumindest literarisch von zu Hause aus – ohne touristisches Gewusel und Gedränge in der Getreidegasse – ganz entspannt zu tun.

Auch der neunte Merana hat wieder alles, was zu einem klassischen Regionalkrimi dazugehört:
Eine Leiche – in diesem Fall eine ziemlich alte, denn auf dem Kapuzinerberg wird ein Skelett bzw. ein Totenschädel gefunden, der zu einer Frau gehört, die bereits vor 65 Jahren verschwunden ist. Ob da wohl noch ein Täter ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann?
Einen sympathischen Kommissar mit dunklen Flecken in der Vergangenheit – Martin Merana, der bereits auf tragische Art und früh zur Waise wurde und bei seiner Großmutter aufgewachsen ist, die er daher über alles liebt.
Politische und persönliche Verstrickungen, denn schon bald stellt sich heraus, dass Merana die Tochter des Opfers kannte und daher ein ganz besonderes Interesse daran hat, den Fall zu lösen.
Den traditionellen Besuch im Stammlokal „Da Sandro“, wo man sich stets mit bester italienischer Kost, Pasta und Wein um das leibliche Wohl des Kommissars kümmert.
Und natürlich viel Salzburger Lokalkolorit: So erfährt man dieses Mal etwas über die Osterbräuche, wie das Ratschen und taucht ab in das Geschehen rund um die Osterfestspiele. Gemeinsam mit Merana besucht man eine Aufführung des Parsifal von Richard Wagner.

„Er schrieb oft im Kopf sein völlig eigenes Libretto. Oder, besser ausgedrückt, viele Fußnoten, Anmerkungen, Ermittlerfragen zum Libretto. Er konnte einfach nicht anders. Er war und blieb Kriminalpolizist.“

(S.51)

Zudem wandert man mit ihm zum Fundort der Leiche auf den Kapuzinerberg und genießt die Aussicht…

„Wie immer, wenn er heraufkam, wollte er den verschwenderisch pompösen Ausblick genießen. Er trat an die Mauer, atmete tief durch. Der Anblick war schier unbeschreiblich. Er schaute hinüber zum Mönchsberg. Dort dominierte das Prunkstück der gesamten Szenerie: die Festung. Ihr zu Füßen ruhte die Stadt mit Häusern, Kirchen, spektakulären Dachlandschaften. Dazwischen wand sich der Fluss, das Silberband der Salzach. Ein wahres Schmuckstück bot sich seinen Augen, ein Juwel zwischen den Stadtbergen.“

(S.79)

Der Fall der vor langer Zeit verschwundenen Lehrerin, die bei ihren Schülern sehr beliebt war, bekommt bald schon zusätzliche aktuelle und politische Brisanz.
Dass der Kommissar plötzlich auch in höchsten Industriellenkreisen und in einem potenziellen Umweltskandal ermittelt, missfällt zudem seinem Vorgesetzten und so muss er auf dem glatten Parkett der Salzburger High Society sein diplomatisches Geschick beweisen. So wandelt sich der vermeintliche „cold case“ schnell zu einer heißen Angelegenheit, die Merana schließlich selbst in Gefahr bringt…

Ich mag diesen Merana, flaniere gerne mit ihm durch Gassen, genieße Kunst und Kultur und verstehe seine Vorliebe für den Lieblingsitaliener um die Ecke – dass ich bei jedem Fall wieder ein klein wenig mehr über Salzburg erfahre, das zeichnet diese Krimis für mich aus.
Liebhaber blutrünstiger Spannungsliteratur oder Fans vertrackter Psychothriller, die das Blut in den Adern gefrieren lassen, sollten wohl besser die Finger von Manfred Baumann’s Büchern lassen. Wer aber Salzburg liebt, gerne im Café Tomaselli sitzt und seinen Verlängerten, eine Melange oder einen Einspänner trinkt, hin und wieder mit Genuss eine Mozartkugel isst, gerne Konzerte oder Opern besucht und dann noch ein Faible für klassische Regionalkrimis hat, der wird seine Freude haben und Kommissar Merana ins Herz schließen.

Den ersten Fall von Kommissar Merana „Jedermanntod“ kaufte ich vor einigen Jahren im Buchladen am Salzburger Hauptbahnhof vor der Heimfahrt nach einem herrlichen, entspannten Tag in der Stadt als Andenken und gleichsam als willkommene Verlängerung des schönen Aufenthalts. Seitdem bin ich auch mit weiteren Bänden der Reihe durch die Krimilektüre immer wieder gerne ins schöne Salzburg zurückgekehrt – zumal gerade der Lokalkolorit und die kulturellen Ausflüge in die Musik-, Theater- und Opernwelt für mich den Charme dieser Bücher ausmachen.
Gerade neu erschienen war „Salzburgsünde“ daher für mich eine willkommene, entspannte und unterhaltsame Sommerlektüre.

Die Lust auf die Salzburger Festspiele ist auch geweckt, daher noch ein paar Tips bzw. Termine:
Am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr ist auf ARTE (oder ORF2) Mozart’s „Don Giovanni“ aus dem Großen Festspielhaus zu erleben (Regie: Romeo Castellucci; Musikalische Leitung: Theodor Currentzis).

Samstag, den 21. August 2021 um 22.15 Uhr strahlt 3sat die diesjährige Neuinszenierung von Luigi Nono „Intolleranza 1960“ unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher aus.

Alle, die ORF empfangen können, haben am Freitag, den 27. August 2021 um 20.15 Uhr auf ORF2 die Möglichkeit Anna Netrebko als Puccini’s „Tosca“ zu sehen – Ehemann Yusif Eyvazov gibt den Cavaradossi und Ludovic Tézier singt den Baron Scarpia.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Manfred Baumann, Salzburgsünde
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0075-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Manfred Baumann’s „Salzburgsünde“:

Für den Gaumen:
Im Rahmen seiner Ermittlungen verschlägt es Merana auch an den nahegelegenen Fuschlsee, wo er die Möglichkeit nutzt, um exquisit zu speisen: auf der Tageskarte steht ein Filet vom Seesaibling mit Paprikapolenta.

Zum Weiterhören:
Baumann stellt gerne Opern oder Theaterstücke ins Zentrum seiner Krimis – während der Festspiele scheint ja ganz Salzburg eine Bühne zu sein. So hieß unter anderem der Auftakt der Reihe „Jedermanntod“, ein späterer Band „Zauberflötenrache“. In „Salzburgsünde“ ist das beherrschende Stück Richard Wagner’s Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das Kommissar Merana während der Osterfestspiele besuchen darf (zum Hineinhören bietet sich der „Karfreitagszauber“ an).

Zum Weiterlesen:
Meine allererste Rezension auf der Kulturbowle war dem Salzburg-Roman von Opernstar Rolando Villazón „Amadeus auf dem Fahrrad“ gewidmet – eine wahre Liebeserklärung an Salzburg, die Musik, Mozart, die Oper und die Kunst – ein Buch ganz nach meinem Geschmack und ein würdiger Auftakt für meinen Blog (vor mittlerweile nicht ganz einem Jahr).

Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

Meeresrauschen und dunkle Geheimnisse

Das Meer, der Ozean, die Wellen, die Brandung – man hat sofort ein Bild vor Augen und bei vielen Menschen ruft das Meer große Emotionen hervor. Für mich ist es stets etwas Besonderes, am Meer zu sein, über das Wasser auf den Horizont zu schauen. So hat mich auch der Titel von Roxanne Bouchard’s Roman „Der dunkle Sog des Meeres“ sofort angesprochen und entpuppte sich als intensives, maritimes Leseerlebnis, das auf der Gaspésie-Halbinsel in der kanadischen, französischsprachigen Provinz Québec spielt.

„Cyrille sagte, das Meer sei wie eine gesteppte Patchworkdecke. Mit Sonnenfäden aneinandergenähte Wellensplitter. Es verschlinge die Geschichten der Menschen und verdaue sie langsam in seinem kobaltblauen Bauch, bis nur noch verzerrte Spiegelbilder an die Oberfläche stiegen.“

(S.14)

Catherine ist dreiunddreißig Jahre alt und ausgebrannt. Ihre Adoptiveltern sind verstorben, sie leidet unter Depressionen und einer Leere in ihrem Leben. Ihr Arzt rät ihr zu einem Urlaub, einer Auszeit, einem Tapetenwechsel und sie entscheidet sich dazu, einer ungewöhnlichen Einladung nachzugehen, welche sie vor kurzem erreicht hat und in den kleinen Fischerort namens Caplan in der Gaspésie führt.

Dort angekommen trifft sie die mysteriöse Absenderin des Briefes Marie Garant – ihre leibliche Mutter – jedoch nicht an. Vielmehr trifft sie auf kauzige Fischer, die versuchen, den widrigen Umständen rückgängiger Fangmengen und der rauen Natur zu trotzen. Schon bald wird die Leiche von Marie Garant im Meer gefunden. Doch der Tod der erfahrenen Seglerin gibt Rätsel auf.

Joaquín Morales ist gerade eben erst ins Dorf gezogen und für den Polizisten wird der ungeklärte Todesfall zu seiner ersten Ermittlung in der neuen Position. Er ist vor kurzem fünfzig geworden und kämpft mit dem Älterwerden, seiner Lebenssituation und um seine Ehe. In seinem Leben ist einiges ins Wanken gekommen und nun lassen ihn auch noch die Einheimischen gehörig auflaufen. Für den Zugezogenen ist es es nicht leicht, die Wahrheit von Seemannsgarn und Schauermärchen zu trennen und die verschlossenen Fischer und Einwohner des Dorfes machen ihm das Leben und die Ermittlungen nicht leichter.

„Die Leinen, die uns wirklich festhalten, Catherine, sind nicht aus Nylon gemacht. Die kann man nicht lösen.“

(S.185)

Roxanne Bouchard hat einen spannenden Roman mit interessanten Charakteren verfasst, der den Leser zudem auf jeder Seite die Gischtkronen auf den Wellen sehen und die frische Meeresbrise atmen lässt. Das kauzige Unikum Cyrille wächst mit seinem sarkastisch-herbem Charme nicht nur Catherine, sondern auch dem Leser ans Herz und ist ebenso liebenswürdig und fein gezeichnet, wie der ermittelnde Joaquín Morales, den es als gebürtigen Mexikaner der Liebe wegen zunächst in die kanadische Großstadt verschlagen hat und der nun in der Provinz – von einer gehörigen Mid-Life-Crisis geplagt – noch einmal einen Neuanfang wagen will oder muss.

Die Autorin wechselt zwischen umgangssprachlicher Lockerheit in den Dialogen und unglaublich intensiven Naturbeschreibungen. Selten habe ich so viele ausdrucksstarke, eindringliche Bilder und atmosphärische Beschreibungen des Meeres in so konzentrierter Form gelesen. Die ungezähmte Gewalt des Ozeans und die zerstörerische Kraft wird ebenso deutlich wie die Schönheit und die Faszination, die niemanden mehr loslässt, der ihr einmal verfallen ist.

„Nur wo das Meer tanzt, fühle ich mich zu Hause.“

(S.228)

Das Buch wird auf dem Umschlag als Roman – nicht als Kriminalroman – bezeichnet und auch für mein Empfinden war es kein reiner, klassischer Krimi. Neben den Ermittlungen und der Kriminalhandlung gibt es noch zahlreiche weitere Aspekte, die ebenfalls eine Rolle spielen. Für Spannung ist aber definitiv gesorgt und der Sog, der bereits im Titel steckt, entfaltet sich auch bei der Lektüre.

Sergeant Morales hat sicherlich das Zeug dazu, zum Serienhelden zu werden – in ihrer Heimat hat Bouchard bereits zwei weitere Bände veröffentlicht. Kanada ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse und aufgrund der spektakulären Natur sicherlich Sehnsuchtsort und attraktive Kulisse auch für deutsche Leser, so dass hoffentlich auch die weiteren Bände noch übersetzt werden.

Auf jeden Fall bietet der Roman eine gute Möglichkeit, für einige Stunden die stürmische See zu spüren, die schroffe und schöne Landschaft der kanadischen Küste in Gedanken zu bereisen und sich zumindest literarisch ans Meer entführen zu lassen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Atrium Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-113-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Roxanne Bouchard’s „Der dunkle Sog des Meeres“:

Für den Gaumen:
Auch im Roman wird das Johannisfest am 23. Juni gefeiert, das gerade erst hinter uns liegt. Und zwar mit „Krustentierpasteten und Erdbeertörtchen“ und „Grillfleisch“ (S.144). Wenn allerdings der gebürtige Mexikaner Joaquín Morales eine Frau beeindrucken möchte, kocht er Paella und weil das Meer vor der Haustür liegt, natürlich auch diese mit Meeresfrüchten.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Wunderbare Bilder, welche häufig die Farben des Meeres widerspiegeln und für mich immer ein Fest für die Sinne sind, finden sich auf dem schönen, lesens- und sehenswerten Blog der Künstlerin Manuela Mordhorst. Persönlich gefallen mir gerade die maritim inspirierten Gemälde in Blau- und Türkistönen besonders gut, wie zum Beispiel „Weite Horizonte“. Es lohnt sich, sich selbst einmal ein Bild von diesem Blog zu machen und sich inspirieren zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Bei maritimer Literatur kommt mir sofort der dicke Schmöker „Wir Ertrunkenen“ des Dänen Carsten Jensen in den Sinn. Mit über über 800 Seiten wahrlich kein Leichtgewicht, erzählt er eindrucksvoll, was es in vergangenen Zeiten bedeutete, am und vom Meer zu leben.

Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Penguin
ISBN: 978-3-328-10264-9

In den Fängen des Tintenfischs

Venedig im Mai 2020 – die Stadt befindet sich auf dem behutsamen Weg heraus aus dem ersten, strengen Lockdown. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo haben mit ihrem zweiten Band der Morello-Reihe „Der Tintenfischer“ bereits einen Krimi vorgelegt, der in der Corona-Zeit spielt.

Und so ermittelt die venezianische Polizei unter anderem gegen eine Bande von Corona-Kriminellen, die alte Leute ausraubt, indem sie sich an der Haustür als Mitarbeiter des roten Kreuzes ausgeben, um die Wohnung zu desinfizieren.
Ansonsten ist die Stadt wie ausgestorben – die Gassen und Kanäle sind leer – es herrscht strenge Ausgangssperre. Commissario Morello, der zu seiner eigenen Sicherheit in den Norden versetzte Sizilianer fremdelt immer noch ein wenig mit der Lagunenstadt, doch als plötzlich ein Flüchtling sich medienwirksam filmt, als er in Selbstmordabsicht von einer Brücke springt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, bleibt Morello und seiner Kollegin Anna Klotze nicht viel Zeit zu überlegen. Anna rettet ihn aus dem Kanal und der junge Nigerianer erzählt ihnen nach und nach die Geschichte seiner Flucht.

Er ist auf der Suche nach einer jungen Frau, in die er sich während seiner Flucht verliebt hat und die er aus den Augen verloren hat. Er vermutet sie in der Gewalt von Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen.
Schon bald führen die Ermittlungen Anna und Morello auf eine abenteuerliche Reise nach Sizilien, wo sie das Mädchen aufspüren wollen. Jedoch birgt jeder Besuch in der alten Heimat für den Commissario, der von der Mafia gesucht wird, große Gefahr.

Nach dem ersten Band „Der freie Hund“ ist „Der Tintenfischer“ der zweite Fall des sizilianischen Commissario’s Morello, welcher in Venedig ermittelt. Das Autorenduo Schorlau und Caiolo haben einen routinierten, spannenden Italien-Krimi geschrieben, der hochaktuell auch schon die Corona-Thematik behandelt. Die neue Bedrohung, für die sich gerade in der Stadt Venedig der Vergleich mit der Pest anbietet – in der Stadt in der sich im Karneval immer noch Menschen mit Masken als Pestärzte verkleiden und in der die Seuche unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.
In diesem Krimi beschreiben die Autoren nun die Plagen der neuen Zeit.

Gespenstisch die Atmosphäre des ausgestorbenen Venedig – sofort hat man die Bilder aus dem letzten Jahr im Kopf: ein menschenleerer Markusplatz – bis zur Coronakrise unvorstellbar.

„Der Tintenfischer“ ist spannend und liest sich schnell. Schorlau und Caiolo greifen auf ein bewährtes Krimi-Kochrezept zurück: viel Lokalkolorit, ein kantiger, eigenwilliger Commissario, der gerne und viel kocht, italienische Musik hört und eine Prise Liebesknistern in einem spannenden Kriminalfall. Das alles geschieht auf stimmigem und intellektuell hohem Niveau und lässt sich süffig lesen. Lediglich einige wenige Szenen, in welchem Kollegin Anna fast als Reiseführerin agiert und Morello Venedigs Sehenswürdigkeiten erklärt, fand ich persönlich ein wenig zu konstruiert. Der Szenenwechsel von Venedig nach Sizilien jedoch bereichert und schafft Atmosphäre.

Der Roman greift ernste, brisante Themen auf: die Situation der Flüchtlinge, die Mafia, politische Verwicklungen – das ist für mich die große Stärke dieses Krimis. Die Autoren trauen sich, auch schwierige Inhalte anzupacken und zu vermitteln. Der Tintenfisch mit seinen Tentakeln, die sich überall hineinschlängeln, ist ein gelungenes Bild für die kriminellen und politischen Verstrickungen in Italien und ein gut gewählter Titel.

„Diese Stadt greift nach mir, denkt er. Wie ein Tintenfisch greift sie nach mir mit tausend Armen und zieht mich immer weiter hinein in die Lagune und in ihre Kanäle.“

(S.68)

Um so interessanter fand ich, dass die Autoren auch Venedig mit einem Oktopus vergleichen, der auf vielfältige Art und Weise den Commissario immer mehr verführt und in Beschlag nimmt. Ob er dort doch noch heimisch werden wird? Weitere Fälle werden es hoffentlich noch zeigen.

Seit der Lektüre weiß ich, wie man einen Tintenfisch fängt – eine Fähigkeit, die der Sizilianer Morello von seinem Vater gelernt hat. Zudem bietet das Buch zahlreiche kulinarische, literarische und musikalische Inspirationen, die ich immer gerne aufnehme. Vielleicht – aber das tat dem Lesegenuss keinen Abbruch – fehlte mir persönlich der ultimative, würzige Pfiff zum ganz großen Wurf bzw. zum Abrunden des Geschmacks. Aber wer Pasta und Italien liebt, ist bei diesem Roman auf jeden Fall gut aufgehoben: die Zutaten stimmen, schmecken und machen Spaß und ich werde die Reihe sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der Tintenfischer
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00101-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Tintenfischer“:

Für den Gaumen:
In diesem Krimi wird viel gekocht und geschlemmt – gerne Pasta – und am Ende des Buches finden sich als Zugabe sogar die Lieblingsrezepte des Commissario zum selbst Nachkochen. Eines dieser Rezepte sind die berühmten Pasta alla Norma (mit Auberginen) und wer nicht so lange warten kann bis er den Krimi in Händen hält, findet hierzu auch ein schönes und gut beschriebenes Rezept auf dem vielseitigen Blog Arcimboldi’s World.

Zum Weiterhören:
Aktuell begegnet mir in der Literatur immer öfter der italienische Cantautore (Liederdichter) Fabrizio de André (1940-1999) – war es in einem Sardinien-Krimi vor kurzem der Song „Geordie“, so wird in „Der Tintenfischer“ sein Lied „Preghiera in Gennaio“ erwähnt.

Zum Weiterlesen (I):
Ich finde es immer spannend, wenn Romanfiguren selbst zu Büchern greifen. Schorlau und Caiolo lassen ihren Commissario Morello – der selbst leidenschaftlich gegen die Mafia kämpft – Leonardo Sciascia’s Mafiaroman „Der Tag der Eule“ lesen. Kein Wunder, dass dieser jetzt auch auf meine (immer länger werdende) Leseliste gewandert ist – zumal ich diesen Klassiker der sizilianischen Kriminalliteratur bisher noch nicht kenne:

Leonardo Sciascia, Der Tag der Eule
Aus dem Italienischen von Arianna Giachi
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2619-1

Zum Weiterlesen (II) oder vorher lesen:
Im letzten Frühjahr war der erste Teil der Krimi-Reihe „Der freie Hund“ eines der Bücher, die mich im ersten Lockdown ablenken konnten und gedanklich nach Italien entführten. Wer also erfahren möchte, wie es den sizilianischen Commissario nach Venedig verschlagen hat und wie er sich nach anfänglichem Widerwillen dieser Stadt doch annähert, der sollte vor der Lektüre des Tintenfischers zum ersten Fall der Reihe greifen, in welchem unter anderem der Overtourism und die großen Kreuzfahrtschiffe in der Lagunenstadt thematisiert werden.

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der freie Hund
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00147-1

Aller guten Dinge sind… an der Côte d’Azur

Heute gibt es zur Abwechslung mal mehrere Buchtipps auf einmal, denn aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und ich weilte in der letzten Zeit literarisch gleich drei Mal an der sonnigen Côte d’Azur. Ausgehend vom frisch erschienenen Sachbuch Lutz Hachmeister’s „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, über einen Klassiker der Reiseliteratur von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“ aus dem Jahre 1931 zu einem Klassiker der Kriminalliteratur von Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“. Bereit für die Reise an die himmelblaue Küste? Los geht’s!

„Mitte der 1920er Jahre waren in Juan-les-Pins die Dämme gebrochen. Die gesamte Pariser und US-amerikanische Künstler- und Literatenbohème kam im Gefolge von Picasso, den Murphy’s und Cole Porter nach „Juan“. Zur Verwunderung der eingesessenen Antiboas wurde das seit drei Jahrzehnten vor sich hin dämmernde Projekt „Juan-les-Pins“ zu einem Welterfolg.“

(aus Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, S.45)

Ausgehend von der Geschichte des legendären, mondänen „Hôtel Provençal“ – einem großen, weißen Luxushotel in Juan-les-Pins – erzählt Lutz Hachmeister, wie die Côte d’Azur zu dem künstlerischen und touristischen Zentrum wurde, das es gerade in den Dreißiger Jahren war und wie sich der Tourismus über die Jahrzehnte bis heute an einer der berühmtesten Küsten der Welt weiterentwickelte.

Das weltberühmte Hotel, das 1927 vom reichen Amerikaner Frank J. Gould eröffnet wurde, entwickelte sich schnell zum renommierten und glamourösen Luxushotel in Juan-les-Pins. Hachmeister schildert die bewegte Familiengeschichte des Hotelgründers und widmet sich aber auch ausführlich den Künstlern, Malern, Literaten, Filmemachern, den Stars und Sternchen der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die als Gäste nach Juan und in die Nachbarorte kamen. Man liest über den sonnengebräunten Picasso am Strand, die kurze und heftige Liebesaffäre Charlie Chaplin’s mit der jungen Tänzerin Mitzi Müller und über Marlene Dietrich, die samt Entourage an der Küste logierte.

Doch Hachmeister schildert auch den zunehmenden Ausverkauf der Küste, die Ära der Betonbauten und die negativen Entwicklungen über die Jahrzehnte. So steht das Provençal als Tourismusruine schon seit Jahrzehnten leer und Immobilienentwickler suchen immer wieder nach lukrativen Lösungen für das Objekt.

Eine interessante, vielseitige und flüssig zu lesende Kulturgeschichte, die mir einen interessanten und stimmungsvollen Einblick in die wechselhafte Geschichte dieser sonnenverwöhnten Region im Süden Frankreichs und seiner illustren Gäste gegeben hat.
Eine ausführliche, lesenswerte Besprechung zum Buch erschien vor kurzem in der ZEIT.

In den Dreißiger Jahren weilten auch die Geschwister Erika und Klaus Mann an der Côte d’Azur und verfassten einen persönlichen Reiseführer der anderen Art: „Das Buch von der Riviera“. Dieses Büchlein aus dem Jahre 1931 liest sich auch heute noch sehr spritzig, witzig und lebt von seiner amüsanten Ironie, die nichts an Charme eingebüßt hat. Auch wenn so manches Hotel und Restaurant mittlerweile nicht mehr existiert und die Preise für Mahlzeiten und Hotelzimmer noch in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind, spürt man immer noch die sonnige, unbeschwerte Urlaubsatmosphäre, welche die beiden dort in Künstlerkreisen, in den Bars, Restaurants und am Strand erlebten.

„Was die Läden angeht, in denen wir das Geld ausgeben, das wir nicht mehr haben wollen, so gibt es hübsche Ledersachen zum Beispiel (…)“

(aus Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, S.30)

Ein Buch, das auch heute noch die Chance bietet, sich eine Auszeit vom Alltag und einen literarischen Kurzurlaub mit Sonne und französischem Savoir-Vivre zu gönnen. Raus auf den Liegestuhl, ein schönes Getränk und dieses Buch – voilà, fertig ist der zweistündige Urlaub an der azurblauen Küste!
Eine umfassendere, sehr schöne Besprechung findet man auch bei Birgit Böllinger.

1932 – ein Jahr später als das Buch der Mann’s – erschien der Kriminalroman „Maigret in der Liberty Bar“ von Georges Simenon, in welchem er seinen pfeifenrauchenden Kultkommissar ebenfalls an der Côte d’Azur ermitteln lässt.

Maigret, dem die Hitze zu schaffen macht, der zunächst etwas schläfrig nach der langen Zuganreise und unmotiviert ist, kommt erst dann in die Gänge, als er feststellt, dass der Tote ihm verblüffend ähnlich gesehen hat. In Cannes führen ihn seine Ermittlungen in zwielichtige Kneipen und verruchte Etablissements und er stellt fest, dass es auch im luxuriösesten Urlaubsort Licht und Schatten gibt.

„Überall nur Weiß: riesige weiße Hotels, weiße Geschäfte, weiße Hosen, weiße Kleider, weiße Segel auf dem Meer. Als wäre das Leben ein Märchenspiel im Varieté, mit einem Bühnenbild in Weiß und Blau.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.37)

Diese Krimilektüre rundete meine literarische Stippvisite an der französischen Mittelmeerküste wunderbar ab. Die gerade mal 186 Seiten lasen sich kurzweilig, schnell und zeigten den großen Maigret einmal von einer anderen Seite.

Auch Simenon hatte ein untrügliches Auge für Milieus und Atmosphäre und verstand es, seine Leser in Urlaubsstimmung zu versetzen. Kein Wunder dass auch Maigret dieses Mal lieber Urlaub gemacht hätte, als diesen Fall zu lösen.

„(…) allmählich begriff er die Côte d’Azur: ein einziger, sechzig Kilometer langer Boulevard, der sich von Cannes bis nach Menton erstreckte, von Villen gesäumt, hier und da ein Casino und ein Luxushotel. Das berühmte blaue Meer, das Gebirge und all die Herrlichkeiten, wie die Prospekte sie verhießen: Orangenbäume, Mimosen, Sonne, Palmen, Pinien, Tennis, Golf, Teesalons und amerikanische Bars.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.130/131)

Buchinformationen:

Lutz Hachmeister, Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur
C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10432-3

© C.Bertelsmann

Georges Simenon, Maigret in der Liberty Bar
Deutsch von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung
Kampa
ISBN: 978 3 311 13017 8

© Kampa Verlag


in meinem Fall eine Ausgabe der Büchergilde:

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271962

© Büchergilde Gutenberg

oder:
Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-40715-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerten mich die drei literarischen Reisen an die Côte d’Azur:

Für den Gaumen:
In allen Büchern wird vor allem auch das stilechte Getränk thematisiert: Bei Hachmeister ist es unter anderem ein Vermouth-Cassis, Simenon lässt Maigret an der Côte einen Anis trinken und die Mann’s nahmen gerne einen „after-Dinner-Cognak“.

Zum Weiterschauen:
Bereits im Jahr 2001 war die ARTE-Dokumentation „Hotel Provençal – Aufstieg und Fall der Riviera“ von Lutz Hachmeister für den Grimme-Preis nominiert. Ein Thema, das ihn schon lange begleitet und das er nun auch in seinem Sachbuch verarbeitet hat.

Zum Weiterhören:
Juan-les-Pins ist ebenso berühmt für sein Jazz-Festival und war auch für Musiker stets ein Anziehungspunkt, so erfahren wir, dass Cole Porter („Anything goes“) und Ella Fitzgerald („Cricket Song“) gerne an der Küste weilten.

Zum Weiterlesen:
Gerade Lutz Hachmeister bietet in seinem Buch eine reiche Leseliste im Anhang und verweist immer wieder auf die künstlerischen Querbezüge zu Malerei, Filmen und Literatur. Neben den Mann’s und Georges Simenon stehen unter anderem auch Graham Greene, F. Scott Fitzgerald, Patrick Modiano und Ernest Hemingway auf der Literaturliste. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte und Inspirationen zum Weiterlesen. Auf meine Merkliste gewandert ist ein Werk des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Patrick Modiano, Sonntage im August
Aus dem Französischen von Andrea Spengler
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46620-9

Wildschweinjagd auf Sardinien

Die Theologie des Wildschweins“ – was für ein Titel – mich machte er sofort neugierig und der erste Sardinien-Krimi von Gesuino Némus – einem Pseudonym, hinter welchem sich der gebürtige Sarde Matteo Locci verbirgt – ist ein verschmitzter, kluger und gelungener Auftakt zu einer neuen Serie von Kriminalromanen, die vor allem italophilen Lesern Freude machen wird.
Klar kann man sich die Frage stellen, ob die Welt und der deutsche Buchmarkt eine weitere italienische Krimi-Reihe braucht. Aber nach der Lektüre kann ich diese Frage für mich ganz klar mit einem Ja beantworten – diese schon. Schon das witzige, strahlend blaue Cover macht gute Laune und Don Cossu, Matteo, Maresciallo De Stefani und Gesuino Némus sind ein so liebenswürdiges Gespann, das auf der schönen Insel Sardinien auf Wildschwein- und Mörderjagd geht, so dass man sich schon jetzt auf weitere Fälle freut.

„In Telévras gibt es weder ein Restaurant noch eine Pizzeria. Nur zwei Bars, aber an einer steht „Snack“, die wird von Leuten im fortgeschrittenem Alter nicht mehr betreten, denn eine Bar ist eine ernste Angelegenheit.“

(S.149)

Telévras, ein Dorf auf Sardinien – wir befinden uns im Jahr 1969, es ist ein heißer Sommer und so mancher fiebert der Mondlandung entgegen. Jedoch nicht alle, denn im kleinen Örtchen scheint die Zeit in vielen Aspekten noch stehen geblieben zu sein. Don Cossu, der Priester des Dorfes hält viele Fäden in der Hand und seine Schäfchen zusammen. Er fördert Matteo Trudìnu, einen hochbegabten Jungen aus einer einfachen Familie, der durch außergewöhnliche schulische Leistungen, aber auch durch sein herausragendes Orgelspiel auffällt. Als dessen Vater ermordet aufgefunden wird, rätselt das ganze Dorf, wer eine so schreckliche Tat begangen haben könnte und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder.

„Dieser Priester ist seinerseits ein Wunder, einzigartig, ausgerechnet in diesem verlorenen Nest … Warum sind nicht alle Priester so, fragst du dich und wirst dich das noch oft fragen. Denn ist Glaube nicht genau das – Freude, Humor und Frohsinn?“

(S.193)

Maresciallo De Stefani – ein vor vielen Jahren Zugezogener und stets mit gewissem Misstrauen beäugter Piemonteser – merkt schnell, dass er ohne die Unterstützung von Pfarrer Don Cossu, des örtlichen Carabiniere Piras und des Tierarzts Dottore Pòddhige, der mangels eines Mediziners im Dorf auch die Rolle des Arztes und Pathologen einnimmt, keine Chance haben wird, den Fall zu klären.

Erzählt werden die für Telévras so einschneidenden Ereignisse aus Sicht des besten Freundes von Matteo: Gesuino Némus – dem Jungen ohne Vater, der nicht spricht, aber schreibt, der die Fährten der Wildschweine lesen kann und die Berge rund um das sardische Dorf kennt wie seine Westentasche.

Der Krimi lebt von den herrlich schrägen Figuren, die mit viel Liebe zum Detail gezeichnet sind und einem sofort ans Herz wachsen. Der patente und pragmatische Priester, der gemeinsam mit seinen Freunden auch gerne mal ein Gläschen Cannonau trinkt und das selbst erjagte Wildschwein genießt. Die Pfarrersschwester und -köchin Matilde, die sich heimlich in den auswärtigen Maresciallo aus dem Piemont De Stefani verliebt hat. Der Tierarzt, der die von Bauchschmerzen geplagten Schulschwänzer durch kurzes Androhen der Pferdespritze heilt und Tore Baccanti, dem Inhaber der Bar im Dorf, in welcher die Fäden zusammenlaufen und die das Herzstück das Dorflebens ist. Tolle Figuren, sardischer Lokalkolorit und eine Zeitreise in den Sommer 1969 – ein Krimi, der so herzerwärmend ist wie ein Glas guter Cannonau und so erfrischend wie die Limonade, die Tore den Dorfkindern serviert.

Ich lese zwischendurch gerne Krimis zur Entspannung, diesen habe ich wirklich in kürzester Zeit verschlungen und bin sehr positiv überrascht, wieviel darin steckt: man erfährt viel über Sardinien, Land und Leute, das einfache Leben in einer Dorfgemeinschaft in den späten Sechziger Jahren, Kulinarisches, Mythologisches und auch die Rolle der Kirche in der damaligen Zeit. So entpuppte sich dieser Krimi deutlich tiefgründiger als zunächst erwartet und sehr inspirierend – ich konnte literarische und musikalische Anregungen für mich mitnehmen.

„Wie sehr eine Reise doch davon abhängt, mit welchem Verkehrsmittel man sein Ziel erreicht.“

(S.236)

Für mich wurde der Krimi zum Verkehrsmittel, denn er ließ mich eine humorvolle, herrliche Reise nach Sardinien unternehmen – zwar nur in meiner Fantasie – aber ich habe die kurze Anreise und das intensiv geschilderte sardische Lebensgefühl sehr genossen. Ein liebenswürdig schräger Gute-Laune-Spender, der Freude macht und gepflegt unterhält ohne platt oder eindimensional zu sein – was ja häufig ein Manko bei Regionalkrimis sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass die weiteren vier Bände, die in Italien bereits erschienen sind, auch noch übersetzt und veröffentlicht werden, so dass wir Don Cossu, Matteo und die Bewohner Telévras’ noch in weiteren Fällen erleben und begleiten dürfen. Weitere Reisen nach Sardinien? Ich wäre definitiv dabei.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Theologie des Wildschweins“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges an sardischen Spezialitäten zu bieten: angefangen beim typisch sardischen Rotwein Cannonau (aus der Rebsorte Grenache), den Cocois Prenas (gefüllte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung) bis hin zum starken Verdauungsschnaps dem fil’e ferru (Eisenfaden), der auch als Aquavit Sardiniens bezeichnet und aus Traubentrester gebrannt wird. Eine kurze Kostprobe gefällig?

„Aber beim Brot verschlägt es dir die Sprache. Es ist zu einer barocken Skulptur geformt, voller Schnörkel und Verzierungen, außen knusprig hart, aber innen weich und duftend. Du nimmst einen Bissen und hast alles begriffen. Denn über Brot lernst du ein Volk kennen.“

(S.150)

Zum Weiterhören:
Matteo ist ein begnadeter Orgelspieler und wenn es sich ergibt, spielt er auch einmal „verbotene“, moderne Musik auf der Kirchenorgel, z.B. „Geordie“ von Fabrizio De André, das 1966 herauskam und in den Sechziger Jahren sehr aktuell war.

Zum Weiterlesen:
Heute gebe ich ausnahmsweise einen Lesetip weiter, den ich noch nicht selbst gelesen habe, der aber jetzt aufgrund dieser Krimi-Lektüre auf meine „das möchte ich irgendwann lesen“-Liste gewandert ist: Italo Calvino „Der Baron auf dem Bäumen“. Dieser Roman spielt im Buch eine Rolle und daher ist meine Neugier geweckt – er ist im Jahr 1957 erschienen, zählt zu den wichtigsten und erfolgreichsten Werken des Autors und beschäftigt sich mit Philosophie.

Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen
Übersetzt von: Oswalt von Nostitz
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90441-9