Tatort Tessin

Urlaubsreif? Eine kleine Auszeit gefällig? Ihr wart schon oder wolltet unbedingt immer schon mal eine Reise ins Tessin machen? Dann ist Mascha Vassena’s Regional-Krimi „Mord in Montagnola“ genau das Richtige. Mit Moira Rusconi, die als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, stellt sie uns eine interessante, neue Ermittlerpersönlichkeit vor, die für frischen Wind sorgt.

Moira Rusconi ist alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter und hat sich gerade frisch von ihrem Partner getrennt. Vor vielen Jahren ist sie von einem längeren Auslandsaufenthalt in Peru zurückgekehrt und lebt seitdem in Deutschland, wo sie als Übersetzerin von Fachliteratur und Bedienungsanleitungen arbeitet, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Ihr Vater – ein pensionierter Literaturprofessor – lebt alleine und schon lange geschieden von Moira’s Mutter im Tessin, wo Moira auch aufgewachsen ist. Als dieser nach einem Schlaganfall ihre Hilfe benötigt, fährt sie zu ihm, um ihm zu helfen – es wird für sie eine Reise in die Vergangenheit, in ihre Jugend.

„Elfriede? Süßer Name!“
„Süß? Etwas Respekt vor diesen einzigartigen Kreaturen bitte! Die da sind: Herta, Ingeborg, Luise – und Marlen mit einem E.“
Ambrogio deutete nacheinander mit dem Zeigefinger auf jede der Genannten. Herta war die Graugetigerte, Ingeborg die große Schwarze, Luise der rote Blitz und Marlen die blaugraue Kartäuser.
„So hast du deine Lieblingsautorinnen immer um dich. Sind es wirklich alles Kätzinnen?“

(S.28)

Der Vater lebt in einem urigen, gemütlichen Haus zwischen Bücherstapeln mit fünf Katzen, die er nach seinen Lieblingsschriftstellerinnen benannt hat. Moira beschließt, dass sie auch eine Weile vom Tessin aus arbeiten kann, um dem Vater beizustehen, zumal sich auch die Großmutter in Deutschland eine Weile um ihre Tochter kümmern kann.

Als plötzlich in einer Nevèra, einem historischen Tessiner Eiskeller, der zum Konservieren der Lebensmittel verwendet wurde, bevor es Kühlschränke gab, von deutschen Wanderurlaubern eine Leiche gefunden wird, braucht die örtliche Polizei eine Dometscherin und bittet spontan Moira um Unterstützung.
Und schon ist sie mittendrin in einem Mordfall und da ihre große Jugendliebe Luca auch noch der zuständige Gerichtsmediziner des Kantons ist, wird es nicht nur bei den polizeilichen Ermittlungen, sondern auch in ihrem Gefühlsleben aufregend und turbulent.

Im schönen, malerischen Tessiner Ort Montagnola, der langjährigen Wahlheimat Hermann Hesse’s wird schnell klar, dass sich das Opfer weit mehr als nur einen Feind gemacht zu haben scheint. Moira beginnt in ihrer Rolle als Übersetzerin mit unkonventionellen Methoden zunehmend die Polizistin Chiara zu unterstützen und findet mehr und mehr Gefallen an ihrer neuen Aufgabe.

Mascha Vassena ist ein sinnlicher, harmonischer Regiokrimi in idyllischer Urlaubsatmosphäre und ein gelungener Auftakt für ihre Hauptfigur Moira Rusconi geglückt, der wirklich Lesefreude bereitet, gute Laune macht und geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Schön auch, dass in diesem Krimi mal richtig Frauenpower angesagt ist: die ermittelnde Polizistin, die Staatsanwältin, die IT-Expertin – Mascha Vassena hat viele Schlüsselstellen in diesem Roman mit interessanten und starken Frauen besetzt.
Der Gerichtsmediziner und Hobbywinzer im Nebenberuf, der zugleich Moira’s erste große Liebe war, sorgt für die gewisse amouröse Note, die natürlich auch nicht fehlen darf.

Mascha Vassena hat viel Liebe in ihre Charaktere und die positive, wohlige Atmosphäre in diesem Buch gesteckt – schöne, liebevolle Details, die stimmig sind und ein rundum harmonisches Leseerlebnis schaffen. Die sympathischen Figuren, das südliche Flair und der Charme trösten vollkommen über kleinere Unplausibilitäten hinweg – schließlich soll und ist dies kein True Crime-Band, sondern ein stimmungsvoller Regio-Krimi, der zweifelsohne Lust und Laune auf das Tessin macht.

Eine wohltuende Lektüre, bei der einem das Herz aufgeht. Bei mir hat die Autorin definitiv die richtigen Knöpfe gedrückt und meinen Nerv getroffen: als Buchliebhaberin, die hin und wieder gerne einen Regio-Krimi liest, mag ich vor allem die intellektuellen Figuren: den Literaturprofessor, der umgeben von seinen Büchern und Katzen lebt und die Übersetzerin, die weltoffen ist und sich trotzdem auch wieder ihrer Wurzeln besinnt. Wenn dann noch in einer urigen, rustikalen Osteria gute Gespräche bei einem Glas Wein und exquisitem Essen geführt werden, dann ist das eine literarische Welt, in die ich gerne abtauche. Schönster Eskapismus – kurzweilig und unterhaltsam.

Urlaubsgefühle und Fernweh sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert. Ein perfektes, charmantes Buch für einen lauen Abend auf dem Balkon oder der Terrasse mit einem Gläschen Wein – so kann und darf der Sommer kommen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mascha Vassena, Mord in Montagnola
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0102-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch hat dieser Krimi wirklich viel zu bieten:
Denn Moira hat unter anderem einige Jahre in Peru gelebt und wenn sie die Sehnsucht nach Lima überkommt, kocht sie „Lomo saltado“ – ein peruanisches Pfannengericht mit mariniertem Rindfleisch, Zwiebeln, Tomaten und Chilis.
Und danach vielleicht den peruanischen Cocktail „Pisco sour“?

Für den Gaumen (II):
Doch auch die Tessiner Küche Gabriella’s in der besten Osteria Montagnola’s, lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen:

„Gabriellas brasato – stundenlang gekochtes Rindfleisch mit Gemüse und Rotwein – war so zart, dass es auf der Zunge schmolz. Als Beilage gab es Polenta, den traditionellen Brei aus Maisgries, den ein Automat stundenlang in einem großen Kessel im offenen Kamin rührte.“

(S.36)

Oder doch vielleicht ein „hausgemachtes saltimbocca mit frischem Salbei aus dem Garten (…)“ und „eine Flasche vom besten Primitivo aus dem Keller“ (S.61)?

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Der berühmteste Bewohner Montagnola’s – dem dort in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses ein eigenes Museum gewidmet ist – war wohl Hermann Hesse.
Dort entstanden viele seiner bekanntesten Werke, wie zum Beispiel „Narziss und Goldmund“, „Siddharta“ oder „Das Glasperlenspiel“ – zudem malte Hesse selbst wunderbare Gemälde der Tessiner Landschaft und der idyllischen Orte.

Zum Weiterlesen (I):
Eines der Werke Hermann Hesse’s, das ebenfalls in Montagnola entstanden ist und für mich einen außergewöhnlichen Zauber und eine besondere Bedeutung hat, ist die Novelle „Klingsors letzter Sommer“ (1919) über den Maler, der vor seinem Tod noch in einen Schaffensrausch verfällt.

Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer
Insel-Bücherei 1431
ISBN: 978-3-458-19431-6

Zum Weiterlesen (II):
Auch letztes Jahr weilte ich literarisch für eine Weile im schönen Tessin und zwar mit Hannah Arendt in Tegna, in Hildegard E. Kellers wunderbarem Roman „Was wir scheinen“, der letztes Jahr zu meinen Lesehöhepunkten zählte:

Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Zu weit weg vom Meer

Dank Gesuino Némus’ zweitem Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“, der nun auf deutsch erschienen ist, konnte ich wieder in das Dörfchen Telévras zurückkehren, das ich im letzten Jahr in „Die Theologie des Wildschweins“ schon ins Herz geschlossen hatte. Der zweite Fall wartet mit einem Zeitsprung auf, denn wir befinden uns nicht mehr im Sommer 1969, sondern in der Gegenwart.

Und auch die Hauptakteure sind jetzt andere:
In der Bar hat ein Generationenwechsel stattgefunden und so steht jetzt Barista Samuele Baccanti – Tore’s Sohn – hinter dem Tresen und bewirtet seine meist ausschließlich einheimischen Gäste.

Womit wir beim Problem wären: Wie kann es gelingen, dass Telévras mehr Touristen anzieht? Dieses sardische Dörfchen, das einfach „zu weit weg vom Meer“, etwas abgeschieden in den Bergen liegt und doch so dringend auf das Geld der Urlauber angewiesen wäre. Der vielleicht kleinste Heimatverein Italiens soll sich darum kümmern, Ideen zu entwickeln. Doch als dieser plötzlich ohne Vorstand völlig führungslos zu sein scheint, gleichsam ein Machtvakuum im Dorf entsteht und dann auch noch zwei rätselhafte Todesfälle im Ort für Aufsehen sorgen, bekommt Telévras plötzlich mehr mediale Aufmerksamkeit und Publicity als man sich hätte erträumen können.

Die Dorfbewohner und Charaktere sind weiterhin kauzig, kantig und eigenwillig. So stehen dieses Mal unter anderem ein Renn-Jockey im Ruhestand mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, ein Dorfdichter und ein suspendierter Polizist im Zentrum des Geschehens.

„Ach, Lyrik kann lustig sein?“, erkundigte sich Marzio leidenschaftslos.
„Alles kann lustig sein, es kommt nur auf den Standpunkt an.“

(S.115)

Und was um Himmels willen hat das alles mit Elvis, Kurt Cobain oder Prince zu tun? Das wird nicht verraten, lasst Euch überraschen, denn Gesuino Némus, der im richtigen Leben Matteo Loci heißt und auf Sardinien geboren ist – sorgt dieses Mal für einige aberwitzige Wendungen und Wirrungen.

Ich mag die Erzählmelodie von Némus und den Humor, der so trocken ist, wie die sardische Erde nach acht Monaten ohne Regen und so schwarz wie der Espresso aus Samuele’s Kaffeemaschine in der Dorfbar.

„Der Tod ist die Art und Weise, mit der das Leben dir deine Entlassung erklärt. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem diese Worte stammen, aber es muss ein kluger Kopf gewesen sein, (…)“

(S.118)

Der sardische Lokalkolorit kommt natürlich auch nicht zu kurz – so bewegt man sich zwischen Nuraghe – den prähistorischen Turmbauten auf der Insel – Kloster und Dorfbar, speist „Fritto Misto“ und trinkt ein Gläschen rubinroten Cannonau.
Und während der Schirokko bläst, zwielichtige Investoren ihr Unwesen treiben und der Heimatverein sich Gedanken über den Inhalt des nächsten Werbeflyers macht, gibt es für den Dorfdichter viel zu erzählen…

„Er hielt sich gut an dem Geländer fest und ging zu dem kleinen Platz, und kurz vor seinem Haus blieb er verzaubert stehen – die Sonne schien auf das Meer, vor ihm lag das verschneite Tal und am Horizont tiefblaues Wasser. Bei dem Anblick beruhigte er sich. Die Natur half ihm, wie so oft.“

(S.259/260)

Allzu gerne würde man sich selbst vor die Dorfbar in die Sonne setzen, eine schöne Tasse Espresso und ein Cornetto genießen und den schrulligen Bewohnern und ihrem wilden Treiben in Telévras zusehen.

Auch wenn die Lektüre etwas Konzentration erfordert und man sich nicht verwirren lassen darf: Dieser Krimi ist bittersüß, humorvoll, schräg und witzig und auf seine ureigene Art wieder etwas Besonderes. Allen Leserinnen und Leser, die also gerne mal die ausgetretenen Regionalkrimi-Pfade verlassen wollen und sich auf ein etwas spezielleres, sardisches Krimierlebnis einlassen möchten, kann ich nur empfehlen, sich von Némus nach Telévras entführen zu lassen – auch wenn es für Pauschaltouristen vielleicht „zu weit weg vom Meer“ liegt. Für sonnenhungrige, italienaffine Lesetouristen lohnt es sich auf jeden Fall.

Auf Italienisch sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen und daher hoffe ich sehr, dass ich mich auch auf weitere Sardinien-Krimis von Gesuino Némus und Geschichten aus dem Örtchen Telévras in deutscher Übersetzung freuen darf. Denn von Büchern, die sich wie ein kleiner Kurzurlaub anfühlen und entspannte, sonnige Laune verbreiten, kann man bzw. ich nie genug bekommen.

Ein leuchtendes fröhliches Umschlagbild, eine launige Lektüre und eine wahrhaft „Süße Versuchung“, der ich gerne und mit großem Genuss erlegen bin.
Schließlich wusste schon Oscar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Süße Versuchung
Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal
Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-132-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gesuino Némus’ „Süße Versuchung“:

Für den Gaumen:
Auch dieses Mal enthält das Buch nach dem „fil e ferru“ vom letzten Mal wieder eine hochprozentige kulinarische Empfehlung:

„Sie waren zum Du übergegangen, und der Dichter feierte dieses Ereignis, indem er s’axina asutt’e spiritu servierte, in Schnaps eingelegte weiße Weinbeeren.“

(S.117)

Zum Weiterhören (I):
Schon durch den ersten Fall von Gesuino Némus wurde ich auf den italienischen Sänger Fabrizio de André (1940 – 1999) aufmerksam. Dieses Mal wird explizit das posthum erschienene Album (Compilation) aus dem Jahr 2005 erwähnt: „In direzione ostinate e contraria“. Für eine Extraportion Italiengefühl einfach mal reinhören!

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Samuele Baccanti, der Barbesitzer ist großer Opernfan und so sind seine Gäste gezwungen, die Saisoneröffnung der Mailänder Scala mit ihm im Fernsehen zu verfolgen, die in der Bar läuft: Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ und die Arie „Un bel dì vedremo“ wird bald lautstark mitgesungen.
Eine herrliche Szene nach meinem Geschmack – mir würde Samuele da zweifelsohne eine große Freude machen.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Der erste Band der Reihe war letztes Jahr eines meiner Lesehighlights (hier geht’s zu meiner Rezension). Der Fall, der im Sommer 1969 spielt, hat mich begeistert und wer noch mehr Lust auf Sardinien, Sonne und einen etwas ungewöhnlichen Krimi hat, dem kann ich „Die Theologie des Wildschweins“ wärmstens empfehlen:

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

Sülzeunruhen in Hamburg

1919 war ein von Unruhen, Hunger und Armut geprägtes Jahr für Hamburg und seine Bewohner – Hartmut Höhne entführt den Leser mit seinem Kriminalroman „Mord im Gängeviertel“ in die Hansestadt und lässt die damalige Zeit nach dem ersten Weltkrieg auf spannende Weise wieder lebendig werden.

„Wovon leben? Es mangelte an allem, an Nahrung, an Heizmaterial, an Kleidung und an Schuhen. Auf dem Schwarzmarkt bekam man das meiste. Nur, was hätten die armen Schlucker tauschen sollen?“

(S.22)

Jakob Mortensen ist Kommissar bei der Hamburger Polizei und als er zu einem Leichenfund ins Gängeviertel gerufen wird und sich das Opfer als ermordeter, ehemaliger Polizeispitzel entpuppt wird schnell klar, dass die Ermittlungen schwierig und unangenehm werden. Der Ermordete war ein kaisertreuer, unbequemer und unbeliebter Zeitgenosse, potenzielle Zeugen schweigen sich gründlich aus und da die Gefahr besteht, dass nach wie vor alte Seilschaften in Polizeikreise bestehen könnten, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Ritt auf der Rasierklinge, die Mortensen selbst in höchste Gefahr bringt.

„Man kann sich sein Paradies nicht aussuchen“, kommentierte Jakob trocken.

(S.161)

Zudem herrscht in der Stadt ohnehin Aufruhr und Chaos, die Menschen hungern, versorgen sich auf dem Schwarzmarkt – Razzien sind an der Tagesordnung und so mancher kann sich nur noch mit illegalen Mitteln über Wasser halten.

„Die alte Gesellschaft sitzt tief in uns, und die neue Zeit ist noch nicht bei uns allen angekommen, dafür ist die Not zu groß. Jeder muss selbst sehen, wie er sich und seine Familie irgendwie durchbringt, da kann man mal auf dumme Gedanken kommen.“

(S.172/173)

Auch politisch ist die Lage aufgeheizt und als öffentlich wird, dass die Not der Menschen ausgenutzt und im großen Stil „Gammelfleisch“ zu Sülze verarbeitet und an die Bevölkerung verkauft wurde, bricht der Zorn sich Bahn und es kommt zum Aufstand. Die Sicherheit der Bürger ist nicht mehr gewährleistet, militärische Machtverhältnisse sind im Umbruch und die Situation ist unübersichtlich.

Der historische Hintergrund und das wahre Ereignis der Sülzeunruhen 1919 in Hamburg war mir vor der Lektüre noch kein Begriff. Um so interessanter, wenn die Krimilektüre nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch noch lehrreich ist.

Der Lebensmittelskandal und die dadurch ausgelösten Unruhen forderten damals 80 Todesopfer. Höhne verpackt den realen Hintergrund geschickt und der Leser wird Zeuge, wie sich die Lage in der Stadt immer mehr zuspitzt und schließlich eskaliert.

Mir gefallen die Milieuschilderungen Höhne’s und der Hamburger Lokalkolorit der damaligen Zeit. Man erfährt viel über die Stadt und ihre Geschichte, lernt mit Jakob Mortensen einen neuen, sympathischen und gewieften Kommissar mitsamt seiner Familie kennen und folgt ihm gerne durch die Wirren und den Tumult. Der Polizist muss während der Ermittlungen ordentlich einstecken und auch ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit kommt wieder an die Oberfläche.

Der größte Teil des Hamburger Gängeviertels wurde über die Jahrzehnte inzwischen abgerissen, nur noch vereinzelte Häuser sind wohl erhalten geblieben – mal sehen, ob ich irgendwann bei einem zukünftigen Hamburgbesuch noch etwas des besonderen Charmes dieser Fachwerkhäuser entdecken kann.

Die Atmosphäre, die Enge, die Armut und die Not der Menschen, die dort unter prekären Zuständen nach dem Krieg hausen, hat Höhne stimmungsmäßig sehr gut eingefangen. Er thematisiert die Schicksale und Traumata der Kriegsheimkehrer und auch die chaotischen Verhältnisse während der Sülzeunruhen, die auch neue Ordnungsmächte auf den Plan rufen – kurz zuvor war in Bayern die bayerische Räterepublik blutig niedergeschlagen worden.

Ein flüssig-schnittiger Krimi für Hamburgliebhaber und Fans von historischen Stoffen, der sich herrlich flott und unterhaltsam einfach so weglesen lässt. Es ist kurzweilig, mit Kommissar Mortensen, der dänische Wurzeln hat, ein begeisterter Schwimmer ist und trotz allem Trubel auch noch Zeit hat, sich zu verlieben, durch das aufgewühlte Hamburg zu stromern. Mit ihm hat Höhne eine sympathische Figur erschaffen, die man gerne begleitet. Es bleibt abzuwarten, ob wir noch mehr von Jakob Mortensen zu lesen bekommen – das Potenzial für weitere Fälle in spannenden Zeiten und in der schönen Hansestadt wäre ohne Zweifel vorhanden.
Für eine Fortsetzung könnten die letzten beiden Sätze sprechen:

„Da kam einiges auf die Bewohner dieser Stadt zu. Noch war kein Frieden in Sicht.“

(S.313)

Fazit: Paradiesisch geht es nicht zu im Hamburger Paradieshof und wer gerne Sülze isst, sollte sich vor der Lektüre vorsichtshalber auf einiges gefasst machen, bekommt aber trotz allem auf jeden Fall einen lesenswerten und geschichtlich interessanten Krimi serviert.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Höhne,Mord im Gängeviertel
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0175-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mord im Gängeviertel“:

Für den Gaumen (I):
1919 herrschte großer Hunger, so wurde nicht nur Sülze „gepanscht“, sondern auch sonst war der Speiseplan der Hamburger sehr karg und einseitig:

„Die ganze Stadt roch nach Kohlsuppe. Erst wenn es nicht mehr nach Kohl roch, war der Krieg vorbei, kam Jakob in den Sinn.“

(S.32)

Die Sorgen wurden – falls möglich – gerne mit einem dänischen Aquavit hinuntergespült.

Für den Gaumen (II):
Ein seltenes Festmahl bei einem Restaurantbesuch aus besonderem Anlass, sieht dann für Jakob Mortensen wie folgt aus:

Falscher Hase mit Kartoffeln und Buttergemüse.“

(S.232)

In Bayern spricht man von einem Hackbraten, in Österreich ist der falsche Hase als faschierter Braten bekannt. Bei Günter von „Ein Nudelsieb bloggt“ findet sich ein schönes Rezept für einen faschierten Braten – allerdings zeitgemäß und moderner angehaucht mit Kichererbsen-Tomatensauce.

Zum Weiterlesen:
Als Jakob Mortensen auf einem Markt die Gesamtausgabe von Theodor Storm’s Werken entdeckt, plündert er seine Geldbörse, erwirbt diese für elf Mark und gibt seinen Schatz nicht mehr aus den Händen. Das Gesamtwerk Theodor Storm’s (1817 – 1888) werde ich mir wohl nicht vornehmen, aber in seine Gedichte wollte ich schon länger wieder mal reinlesen.

Es ist ein Flüstern

Es ist ein Flüstern in der Nacht,
Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl’s, es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.

Sind’s Liebesworte, vertrauet dem Wind,
Die unterwegs verwehet sind?
Oder ist’s Unheil aus künftigen Tagen,
Das emsig drängt sich anzusagen?

(Theodor Storm)

Theodor Storm, Gedichte
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-32431-7

Maritime Männerwirtschaft

Sehnsucht nach dem Meer? Roxanne Bouchard’s neuer Kriminalroman und zweiter Fall für Sergeant Morales „Die Korallenbraut“ entführt erneut auf die kanadische Gaspésie-Halbinsel und versprüht eine gehörige, unwiderstehliche Brise maritimes Flair. Ein tiefgründiger Krimischmöker, bei dem vieles unter der Oberfläche brodelt.

„Es gibt Familien, die hassen sich schon so lange gegenseitig, dass man denken könnte, dass sie das zusammenschweißt. Da ist dein Vater auf einen schönen Korb voller Krebse gestoßen.“

(S.158)

Die Fischerei ist ein hartes, bitter umkämpftes Geschäft. Fangquoten, die zunehmende Überfischung des Meeres, die Klimaveränderungen – der Wettbewerb ist gnadenlos und viele kanadische Fischer – oft in x-ter Generation, kämpfen verzweifelt um ihre Existenz und um ihr familiäres Erbe.
Frauen, die sich in dieser ursprünglichen, harten und sehr rauen Männerwelt behaupten wollen, werden grundsätzlich erst einmal misstrauisch beäugt. Das gilt für Angel Roberts, die als einzige Frau in der Region das knochenharte Gewerbe des Hummerfangs betreibt, und deren Kutter nun führungslos, verlassen treibend auf dem Meer gefunden wird – von ihr selbst fehlt zunächst jede Spur.
Das gilt aber auch für die Fischereiaufseherin Simone, die zunächst nur widerwillig die Ermittlungen von Sergeant Morales und die Suche nach dem Opfer unterstützt.

Doch der Reihe nach:
Angel Roberts und ihr Mann sind mittlerweile seit zehn Jahren verheiratet und pflegen eine ungewöhnliche Tradition: An ihrem Hochzeitstag schlüpfen beide wieder in Brautkleid und Hochzeitsanzug und feiern ihr Ehejubiläum bei einem guten Essen im Restaurant. Doch in diesem Jahr fühlt Angel sich nicht wohl und lässt sich vorzeitig nach Hause bringen. Ihr Mann jedoch ist in Feierlaune und zieht alleine noch einmal um die Häuser. Am nächsten Morgen ist ihr Kutter, Angel und ihr Brautkleid verschwunden. Ein Verbrechen? Ein Unfall? Selbstmord?

Joaquín Morales begibt sich auf die Suche nach der Hummerfischerin und beginnt zu ermitteln. Doch auch sein Privatleben ist gerade alles andere als unkompliziert: seine Ehefrau macht keine Anstalten, ihm in die Gaspésie zu folgen, dafür taucht sein Sohn Sébastien bei ihm auf mit einem großen Rucksack voller Sorgen und Beziehungsproblemen im Gepäck. Und zu allem Übel liegt auch noch der gute Freund des Sergeants – der lebenskluge, weise Fischereiveteran Cyrille – im Sterben.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig – die Einwohner reagieren immer noch schweigsam und zurückhaltend auf den frisch zugezogenen Polizisten mit mexikanischen Wurzeln. Und auch die wenigen Frauen in dieser männerdominierten Welt der Fischerei sorgen für Komplikationen – ob es nun die mysteriöse Yogalehrerin Kimo ist, die den verheirateten Sébastien becirct oder aber die toughe, starrköpfige Fischereiaufseherin Simone, die Morales bei der Aufklärung des Falles dazwischenfunkt.
Nach und nach zieht sich das Netz familiärer und feindschaftlicher Beziehungen im kleinen Fischerort immer mehr zu – und es wird klar, dass dieses Geflecht aus Hass und Missgunst deutlich enger gewoben ist als zunächst angenommen.

„Die Gaspésie forderte ihn nicht nur durch ihre Langsamkeit heraus, sondern auch durch die schmerzhafte Erfahrung von Nähe. Hier musste man die Leute genau kennen, ihnen nahe sein, um einen Fall zu lösen.“

(S.53)

Das gilt nicht nur für den Ermittler Joaquín Morales, sondern auch die Autorin Roxanne Bouchard ist ihren Figuren ganz nahe. Die wunderbaren Charaktere – oft ein wenig schrullig, eigensinnig, aber meist auch sehr sympathisch – tragen diesen Krimi. Sie sind das Herzstück des Romans oder um im sprachlichen Bild zu bleiben: die Perle in der Muschel.

Eine weitere große Stärke Bouchard’s ist es, die Naturgewalten, die Kraft des Meeres und das Raue der Natur so unmittelbar und intensiv zu schildern, dass man den Salzgeruch regelrecht in der Nase hat, die Gischtkronen auf den Wellen tanzen sieht und gedanklich stets aufs Wasser und die Weite des Ozeans blickt.
Sprachlich ist das wunderbar zu lesen, daher möchte ich hier auch explizit hervorheben, dass der Übersetzer Frank Weigand wirklich eine sehr schöne, stimmige Sprachmelodie für die poetische Sprache der Autorin gefunden hat.

„Cyrille Bernard hat einmal zu mir gesagt, dass die Vergangenheit aus getrockneten, hart gewordenen Erinnerungen besteht, die jemand auf den Küchentresen gelegt hat. Dass diese Augenblicke, verdünnt im salzigen Wasser des Kummers, manchmal wieder an die Oberfläche des Gedächtnisses steigen und dabei alles um sich herum zerreißen.“

(S.410)

Die Autorin hat erneut nicht nur einen Krimi geschrieben, sondern literarisch neben der Aufklärung des Falles noch zahlreiche, weitere große, menschliche Themen in das Buch gepackt. Sie schreibt über Familien, das Scheitern von Beziehungen, darüber, wie Eltern ihre Kinder prägen, über das Abschiednehmen von geliebten Menschen und über die Suche nach der eigenen Identität. Viele elementare Fragen, die das Meer zwischen den Ermittlungen auch immer wieder an Land spült. Daher ist „Die Korallenbraut“ weit mehr als „nur ein weiterer Kriminalroman mit regionaler Atmosphäre“ – es ist Literatur über das Leben.

„Die Korallenbraut“ ist ein ruhiger, langsamer Kriminalroman mit schönen, poetischen Momenten. Er entwickelt sich behutsam und ist nicht geprägt von atemloser Spannung, sondern vielmehr von interessanten Figuren und der maritimen Atmosphäre, die nahezu jede Zeile atmet.
Wenn man sich Zeit nimmt und darauf einlässt, spürt man die Meeresbrise, hört das Kreischen der Seevögel und die anbrandenden Wellen – einfach einmal die Nase in den Wind halten und tief einatmen! Mehr Meer geht literarisch wohl kaum.

„Draußen vor dem Fenster erstreckte sich der nächtliche Horizont, das Meer verstreute die leuchtenden Scherben des Mondes, die trügerisch auf seiner Oberfläche funkelten.“

(S.460)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Atrium Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Roxanne Bouchard, Die Korallenbraut
Aus dem Québec-Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-118-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Roxanne Bouchard’s „Die Korallenbraut“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch spürt man natürlich auch die Nähe zum Meer: So gibt es zum Beispiel ein „Clubsandwich mit Hummer“ und dazu Weißwein.

„Sie strichen Butter und Mayonnaise auf das Brot, legten Tomatenscheiben darauf, fügten Speck und Hummerfleisch hinzu. Sie klappten die Sandwiches zu und schnitten sie in der Mitte durch.“

(S.120)

Für den Gaumen (II):
Aber auch die mexikanischen Wurzeln von Sergeant Morales hinterlassen kulinarische Spuren, denn es wird ausführlich geschildert, wie seine Großmutter ihre Tortillas zubereitet hat. Bei dieser warmherzigen, liebevollen Schilderung läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Für etwas Bewegung:
An einer der für mich schönsten Szenen des Romans tanzen Morales und sein Sohn Sébastien gemeinsam und überhaupt wird viel getanzt in diesem Buch: vor allem Salsa. Wie wär’s damit, mal wieder das Tanzbein zu schwingen?

Zum Weiterhören:
Und hier ist der Soundtrack dazu.: In „Die Korallenbraut“ ist mehrfach von der Sängerin Celia Cruz (1925 – 2003) die Rede, die als „Queen of Salsa“ gilt. In Kuba geboren und später in die USA ausgewandert, machte die Frau mit einer tiefen Alt-Stimme den Salsa vor allem in den 60er und 70er Jahren populär. (Quelle: Wikipedia)
Einfach mal reinhören, das hebt sofort die Laune. Zum Beispiel: „La Vida Es Un Carnival“.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Im letzten Jahr habe ich den ersten Band der Reihe und Sergeant Morales hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schon „Der dunkle Sog des Meeres“ hatte mich vor allem aufgrund seiner maritimen Atmosphäre und der sympathischen Figuren fasziniert. Man kann „Die Korallenbraut“ auch ohne Vorkenntnisse lesen, aber der erste Band, der mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen ist, lohnt sich ebenfalls:

Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-129-8

Kaffeeduft in Triest

Man nehme eine ordentliche Prise Kaffeeduft, einen gehäuften Löffel voll k.u.k.-Flair, zwei starke Frauen und einen charismatischen Mann dazwischen, Großmarktstimmung und die Hafenluft der großen weiten Welt, ein paar zwielichtige Gauner und eskalierende Bandenkonflikte und fertig ist die unwiderstehliche Mischung von Günter Neuwirth’s neuestem historischen Kriminalroman „Caffè in Triest“. Der zweite Teil seiner Reihe um Inspector Bruno Zabini entführt die Leserschaft erneut ins Triest des Jahres 1907 – in die Stadt der Winde und dieses Mal auch in die Stadt der glanzvollen Kaffeehäuser und der geschäftigen Markthallen am Hafen, wo der Kaffeehandel floriert.

„Das Leben ist ein Mummenschanz.“

(S.31)

Inspector Bruno Zabini führt ein unkonventionelles Liebesleben – der weltmännische Gentleman genießt gleichzeitig die unverbindlichen Affären mit zwei verheirateten Frauen. Beide sind schön, stark und intelligent – das Geheime und Verbotene der Beziehungen hat für ihn einen besonderen Reiz und dennoch birgt dieses Konstrukt auch eine nicht unerhebliche Komplexität, große Gefahr und das ständige Risiko, aufzufliegen.

„Mit Verlaub gesagt, geschätzter Bruno, aber ich hege seit geraumer Zeit die Befürchtung, dass die Konstruktion deines Liebeslebens in ihren Tragwerken fragil ist. Die derzeitige Erschütterung ist so gesehen nicht verwunderlich.“

(S.161)

Als er dann auch noch in einem Mordfall ermitteln muss und sich abzeichnet, dass ein Bandenkrieg im Triestiner Handelsmilieu auszubrechen droht, hat Zabini plötzlich alle Hände voll zu tun, sein Berufs- und sein Privatleben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Er ermittelt zwischen den pulsierenden Lagerhäusern voll wertvoller Güter, dem Hafen als großem Drehkreuz der damaligen Handelsmetropole an der Adria, den stil- und prunkvollen Kaffeehäusern in bester k.u.k.-Tradition und merkt schnell, dass hier unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen und wenn dann auch noch die Liebe zu einer schönen Frau ins Spiel kommt, wird es brandgefährlich…

„So manche Wiener waren der festen Überzeugung, dass die mitteleuropäische Kaffeehauskultur in der österreichischen Hauptstadt ihren Höhepunkt erreicht hatte, während es so manchen Triestinern völlig klar war, dass die Kaffeehäuser Triests den höchsten kulturellen Rang innehatten.“

(S.211)

Neuwirth nimmt sich Zeit für die Entwicklung seines Plots und den Spannungsbogen seiner Kriminalhandlung und vor allem investiert er in die plastische Charakterzeichnung seiner Figuren – Menschen aus Fleisch und Blut mit Herz und Charme, so dass man ihnen gerne durch die gut 430 Seiten folgt. Die delikate Dreiecksbeziehung zwischen Bruno, Luise und Fedora ist ungewöhnlich und gibt zusätzlich zum obligatorischen Kriminalfall, der sich entspinnt, auch im privaten Bereich eine gewisse Würze.

Mir gefällt, dass Neuwirth hier gerade die Frauen als starke, intelligente Persönlichkeiten darstellt und ihnen somit eine besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenkt, so dass sie keinesfalls nur schmückendes Beiwerk oder Randfiguren sind, sondern auf Augenhöhe mit Zabini agieren.

Zudem schätze ich die Recherche zur Historie und die informativen Schilderungen der zeitlichen Hintergründe des Autors. Man erfährt einiges über die politische Situation und die unterschiedlichen Strömungen der damaligen Zeit, über die Stimmung in der Stadt und in der Region und in diesem Band auch viel über die Seefahrt und die blühenden Handelsgeschäfte – nicht nur mit Kaffee.

So hat man die Seeluft und den Kaffeeduft beim Lesen stets in der Nase und sieht die Schiffe, das geschäftige Treiben der Händler und Marktleute und die Säcke voll wertvollem Kaffee sofort vor dem geistigen Auge.

„Der Konjunktiv ist das Schmieröl der Literatur, im wahren Leben bedeutet er immer verpasste Gelegenheiten.“

(S.194/195)

Nicht verpassen sollte man die Gelegenheit, sich mit einer schönen, duftenden Tasse Kaffee und diesem Buch an ein ruhiges Plätzchen zurückzuziehen, eine atmosphärische literarische Auszeit zu genießen und abzutauchen ins quirlige, lebendige und sinnliche Triest der Donaumonarchie des Jahres 1907.
Ich bin schon nach wenigen Seiten – wie auch beim ersten Band – wieder diesem Zauber der k.u.k-Zeit erlegen und habe mich auf intelligente und charmante Art und Weise sehr gut unterhalten gefühlt.

Für Freunde und Liebhaber gut gemachter historischer Kriminalromane mit sympathischen Hauptfiguren, österreichischem Charme und ohne Hang zu unnötiger Blutrünstigkeit, kann ich „Caffè in Triest“ unbedingt empfehlen.
Und wer statt den allgegenwärtigen, oft immer düsterer und wirrer werdenden, psychologisch obskuren Fernsehkrimis mal Lust auf etwas freundlichere, liebenswürdigere und amüsante Krimiabwechslung hat, dem kann ich nur ans Herz legen: greift stattdessen öfter mal zum Buch – vielleicht ja auch genau zu diesem.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Caffè in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0111-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caffè in Triest“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat Triest viel zu bieten, in diesem Band wird zum Beispiel „auf dem Rost gegarte und mit Salbei gewürzte Goldbrasse“ (S.36) serviert. Aber auch für die süße Fraktion ist gesorgt, denn es gibt „Gubana, Strucchi und Gugelhupf“ (S. 86).

Gubana ist übrigens eine typische Süßspeise aus dem Friaul: „Hefeteig wird mit einer Füllung aus Nüssen, Rosinen, Pinienkernen, Zucker und geriebener Zitronenschale zu einer ungefähr 20 cm breiten Schnecke gedreht und gebacken.“ (Quelle: Wikipedia). Gleiches gilt für die Strucchi: „kleine, süße Teigtaschen, die mit einer Nuss-Pflaumen Mischung gefüllt werden“ (Quelle: Wikipedia).

Zum Weiterhören:
Beim hohen Staatsbesuch im Roman darf musikalisch der Radetzkymarsch nicht fehlen, dieses Stück von Johann Strauss (Vater) aus dem Jahr 1848, das auch alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unverzichtbar ist.

Zum Weiterlesen (I):
Ich habe mir vorgenommen, mich nochmal näher mit der Stadt Triest zu befassen. Ich mochte schon die Commissario Laurenti-Reihe von Veit Heinichen sehr und habe gesehen, dass der Autor auch gemeinsam mit der Köchin Ami Scabar einen Reiseführer mit kulinarischen Aspekten geschrieben hat. Das könnte genau nach meinem Geschmack sein.

Veit Heinichen & Ami Scabar, Triest – Stadt der Winde
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35898-5

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich auf jeden Fall vor diesem Band, der sich allerdings auch sehr gut und ohne Verständnisprobleme unabhängig lesen lässt, den ersten Band von Günter Neuwirth’s Reihe um Bruno Zabini zu lesen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich auf der Kulturbowle den Auftakt der Reihe „Dampfer ab Triest“ vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension). Zu Beginn ermittelt Zabini auf einem Kreuzfahrtdampfer der österreichischen Lloyd: ein spannender, vielschichtiger Roman mit viel k.u.k-Atmosphäre und eine wunderbare Gelegenheit, die sympathische Hauptfigur kennenzulernen.

Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

Krimiperle neu entdeckt

Gute Krimis können große Lesefreude bereiten und wenn man einen richtig guten Kriminalroman einer bislang unbekannten Autorin für sich entdecken kann, dann ist das pures Lesevergnügen. So passiert ist mir dies mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ (Originaltitel: The Franchise Affair) aus dem Jahr 1948, der beweist, welche hohe Güte sich Krimiklassiker über viele Jahrzehnte bewahren können ohne etwas von ihrem Reiz einzubüßen.

Milford ist ein ruhiges Provinzstädtchen auf dem englischen Land. Robert Blair führt dort als Anwalt ein friedliches Leben ohne große Aufregungen, bis eines Tages kurz vor Feierabend sein Telefon läutet. Marion Sharpe, die vor kurzem mit ihrer Mutter ein einsam gelegenes Anwesen in der Nähe bezogen hat, bittet aufgeregt um seine Hilfe. Scotland Yard ist im Haus und beschuldigt sie eines unerhörten Verbrechens. Ein 15-jähriges, ihnen völlig unbekanntes Mädchen behauptet, die beiden Damen hätten sie entführt, in einer Dachkammer ihres Hauses gegen ihren Willen einen Monat lang festgehalten und körperlich misshandelt.
Ein Vorwurf, der leicht zu entkräften wäre, könnte das Mädchen nicht jedes Detail im Inneren des Hauses exakt beschreiben. Wie kann das sein?

Schnell steht Aussage gegen Aussage, die Presse bekommt von der Sache Wind, eine Hexenjagd auf die Sharpes beginnt und Robert Blair, der das Mandat zunächst am liebsten abgelehnt hätte, muss plötzlich in einem mysteriösen und undurchsichtigen Fall selbst ermitteln, um die Unschuld seiner Mandantinnen zu beweisen.

„Das ist das erste Mal, dass Sie bitter klingen.“
„Klang es bitter?“
„Der reine Angostura.“

(S.88)

Ich mag die Figurenzeichnung von Josephine Tey: der schnöselige, leicht überspannte Cousin Nevil mit seinem für die britische Provinz ungewohnten Kleidungsgeschmack, die patente, lebenstüchtige und gottesfürchtige Tante Lin, die voller Überzeugung die Probleme ihres Neffen durch Gebete in der Dorfkirche zu lösen versucht. Auch Mutter und Tochter Sharpe sind in ihrem zurückgezogenen, eigenbrötlerischen Frauenhaushalt sehr plastische Charaktere – ausgestattet mit einer ordentlichen Prise Zynismus im Falle der Mutter und einer attraktiven Ausstrahlung der Tochter, welcher die Männer reihenweise zu erliegen scheinen.

Und natürlich – last but not least – die Hauptfigur Robert Blair dessen gleichförmiges, geruhsames und unspektakuläres Anwaltsleben, das bislang geprägt war von unaufgeregten Schreibtischtätigkeiten und regelmäßigen Testamentsänderungen älterer Damen, plötzlich durch einen Anruf und den Hilferuf einer verzweifelten Frau völlig aus den Fugen gerät. Ein sehr menschlicher und sympathischer Held, den man dabei begleiten kann, wie er über sich hinauswächst, auf einmal völlig neue Seiten an sich selbst entdeckt und das Leben intensiver spürt als jemals zuvor.

Auf gewisse Weise very British – so lernt man zum Beispiel, dass Tweed nicht gleich Tweed ist oder welche Spuren die englische Geschichte in den Baustilen der Häuser hinterlassen hat – hat Josephine Tey einen subtilen, spannenden Krimi geschrieben, der vor allem Krimifans gefallen wird, die einen klugen Romanaufbau und eine überraschende Wendung einer blutrünstigen, effekthascherischen Handlung vorziehen.

Beim Lesen vergisst man nicht nur die Zeit um sich herum, denn der Krimi liest sich herrlich flüssig wirklich wie im Flug, sondern auch, dass der Roman aus dem Jahr 1948 schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat. Ein klassischer, raffinierter Krimi, der auch heute noch begeistern kann. Eine zeitlose Krimiperle und für mich wirklich eine wunderbare Entdeckung, zumal ich die Autorin vorher noch nicht kannte. Mit mir hat sie nun eine weitere begeisterte Leserin mehr und ich freue mich schon auf weitere Krimis aus ihrer Feder.

Ein Krimi ohne Leiche, dafür mit einer großen Portion Charme und Esprit, mit pointiertem Witz und feinem, britischen Humor, der für gepflegte und kurzweilige Unterhaltung sorgt. Da kann man jeden Fernsehkrimi getrost links liegen lassen und lieber zu diesem Buch greifen.

Die in Schottland geborene Josephine Tey (Pseudonym für Elizabeth MacKintosh; 1896 – 1952) verstarb bereits im Alter von nur 55 Jahren. Ihren Fans hat sie acht Kriminalromane hinterlassen. Und obwohl sie – ähnlich wie Agatha Christie – auch fürs Theater schrieb (hier unter dem Namen Gordon Daviot), sind es auch bei ihr die Krimis, für die sie der Nachwelt besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Mit Freude habe ich dem Klappentext entnommen, dass der wohl bekannteste Krimi von Josephine Tey „Alibi für einen König“ (Originaltitel: „The Daughter of Time“) beim Kampa Verlag auch in Vorbereitung ist. Dieser wurde von der englischen „Crime Writer’s Association“ zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt – das ist doch noch ein weiterer guter Grund dafür, diesen bei Erscheinen ebenfalls zu lesen.

Mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 18) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, einer für mich neuen Autorin lesen. Eine wunderbare Neuentdeckung für mich und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Josephine Tey gewesen sein, das ich gelesen habe.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“:

Für den Gaumen:
Mutter und Tochter Sharpe haben eine besondere Vorliebe für guten Sherry.
Der Amontillado – benannt nach der spanischen Region Montilla in Andalusien, den sie ihren Gästen servieren, scheint wahrlich exquisit zu sein.

„Wir sind zwar sparsam, aber wir sparen nicht am Wein“ (S.62)

(S.62)

Dagegen wirkt der Butterkuchen, für den Robert seinem Hausmädchen „bis ans Ende der Welt folgen“ (S.70) würde, geradezu einfach und bodenständig.

Zum Weiterschauen:
Alfred Hitchcock verfilmte bereits 1937 einen Stoff von Josephine Tey. Sein Film „Jung und unschuldig“ („Young and innocent“) basiert auf Tey’s Kriminalroman „A Shilling for Candles“ (auf deutsch als „Klippen des Todes“ erschienen). Gesehen habe ich diesen Hitchcock noch nicht, aber ich werde mal die Augen danach offen halten.

Zum Weiterlesen:
Wer Gefallen an Krimiwiederentdeckungen aus Großbritannien hat, dem kann ich auch Susan Hill’s „Schattenrisse“ empfehlen, den ich letztes Jahr hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Der Auftakt der Serie mit Inspector Serrailler ist ebenso lesenswert und macht einmal mehr klar, wie viele erstklassige Krimiautorinnen die britische Insel zu bieten hat.

Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

Kriminelles zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren haben mich zwei hochkarätige Krimi-Bestseller aus Großbritannien brillant unterhalten und kriminell gut ins neue Jahr starten lassen. Daher möchte ich die beiden Kriminalromane, bei welchen jeder auf seine Art etwas Besonderes hat, in kürzerer Form, dafür aber gleich im Doppelpack vorstellen:
Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ – ein Krimi in Mails und Textnachrichten zum intensiven selbst Miträtseln – und Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, in welchem vier rüstige Rentner in einer luxuriösen Seniorenresidenz als Hobby und Zeitvertreib gemeinsam Kriminalfälle lösen und sogar mit einem Mord konfrontiert werden.
Beide Krimis sind auf ihre Art „very british“, folgen bester, britischer Krimitradition, d.h. sind klassisch angehaucht und eher der unblutigen Kategorie zuzuordnen. Zudem sind beide Romane mit einer ordentlichen Prise Humor ausgestattet.
Und noch etwas haben sie gemeinsam: Bei beiden handelt es sich um Debütromane. Janice Hallett hat zuvor als Journalistin und Zeitschriftenredakteurin gearbeitet, Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator und Produzent.

Da ich bei Krimis grundsätzlich nicht zu viel von der Handlung vorab verraten möchte, halte ich mich hierzu jeweils kurz und beschreibe lieber, was mich an den Büchern gereizt bzw. was mir an den Krimis jeweils besonders gut gefallen hat.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt weiß, dass ich ein riesengroßer Theaterfan bin. Als ich gelesen habe, dass der Krimi von einem Mord im Umfeld einer Laientheatergruppe handelt, die Spenden für ein krebskrankes Mädchen sammeln will, wusste ich, dass ich Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ (englischer Originaltitel: „The Appeal“) unbedingt lesen möchte.

Gleich schossen mir positive Erinnerungen an Miss Marple’s Fall „Vier Frauen und ein Mord“, der im Theatermilieu spielt, durch den Kopf und auch optisch passte das aufwändig gestaltete Taschenbuch mit dem außergewöhnlichen Regentropfen-Cover – ein richtiger Hingucker – ebenfalls hervorragend zu den verregneten Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Es war wie gemacht, um es sich damit auf der Couch mit einer Tasse Tee gemütlich zu machen.

„Femi: Wir müssen uns einfach konzentrieren, richtig eintauchen, damit wir später den Durchblick haben.

Charlotte: Aber hast du das gesehen? Lauter E-Mails und Nachrichten. Warum erzählt Tanner uns nicht mehr dazu? Bin gespannt.“

(aus Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen; S.8)

Zwei Angestellte einer Rechtsanwaltskanzlei erhalten ein umfangreiches Konvolut an Emails und Textnachrichten, die im Zusammenhang mit einem Mordfall stehen. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen den zahlreichen Mitgliedern der Laientheatergruppe „The Fairway Players“. Schnell wird klar, dass sich bei der bunt zusammengewürfelten Gruppe mehr als ein Abgrund auftut. Werden sie beim gewissenhaften Durcharbeiten der Unterlagen dem Mörder zwischen den Zeilen auf die Spur kommen?

Seit Daniel Glattauer’s „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ habe ich keinen Roman in Form von Emails und Textnachrichten mehr gelesen – und einen Krimi meines Erachtens noch nie. Ein besonderes literarisches Experiment, das mir Spaß gemacht hat – ungewohnt, aber interessant. Selten habe ich bei einem Krimi selbst so intensiv versucht, „zwischen den Zeilen“ mitzulesen und mitzurätseln, ganz aufmerksam auf Zwischentöne geachtet, um der Lösung auf die Spur zu kommen, wie bei Janice Hallett’s Krimidebüt. Ein Buch, das die Gefahr birgt, die Nacht durchzulesen, denn man verschlingt Seite um Seite. Hallett hat eine satirische, stellenweise sehr überspitzte und überzeichnete Handlung geschaffen, die mit verblüffenden Wendungen aufwartet.

Noch runder, harmonischer und insgesamt für meinen Geschmack auch etwas warmherziger und liebenswürdiger war Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, der aufgrund des originellen Schauplatzes in einer luxuriösen, englischen Seniorenresidenz und den herrlich verschrobenen Figuren ein richtig feines, funkelndes Krimijuwel darstellt.

Die Tage in Coopers Chase – einem Seniorenheim für gehobene Ansprüche – sind lange und gleichförmig. Da kommt den Bewohnern jede Abwechslung gerade recht: Joyce, Elizabeth, Ron und Ibrahim treffen sich daher jeden Donnerstag, um gemeinsam alte, ungelöste Kriminalfälle zu enträtseln. Schon bald überschlagen sich jedoch die Ereignisse und aus dem launigen Hobby wird eine ernstzunehmende Mordermittlung. Mit ihren ganz eigenen Waffen, Stärken und Erfahrungen machen die vier Rentner der örtlichen Polizei Konkurrenz.

Schließlich bringen Joyce mit ihrer allseits beliebten, herzlichen und mütterlichen Art, Elizabeth als ehemalige Geheimagentin, der pensionierte Psychiater Ibrahim und Ron, der kämpferische und rhetorisch beschlagene ehemalige Gewerkschaftsführer gemeinsam so viele Jahrzehnte Lebenserfahrung, große Leidenschaft, eine gewisse Unverfrorenheit und viel Freizeit mit in die Ermittlungen ein, so dass es für die Kollegen der Polizei schwerlich möglich ist, nur annähernd Schritt zu halten.

„Außerdem macht es ihnen einfach einen Heidenspaß, glaube ich. Ein paar Gläschen Wein und ein Kriminalfall. Sehr gesellig, aber auch blutig. Was gibt es Besseres?“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.30)

Einen Heidenspaß macht auch die Lektüre des „Donnerstagsmordclubs“. Das liest sich kurzweilig, unterhaltsam und süffig, wie ein schöner, gereifter Rotwein.
Traurig und lustig zugleich, amüsant, witzig und doch würdevoll – Osman gelingt die Gratwanderung, die rüstigen Senioren auf der einen Seite als witzige und lebensfrohe Truppe zu schildern und doch auch andererseits nachdenklichere, ruhigere Töne anzuschlagen, die dem letzten Lebensabschnitt ebenso angemessen sind.
Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz. Man liest das Buch mit viel Schmunzeln und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Beide Krimis haben mir unbeschwerte und entspannende Lesestunden beschert und ich konnte die Lektüre an den verregneten Tagen zwischen den Jahren gemütlich genießen. Für Freunde britischer Krimikunst sind die beiden Bücher, die jeweils mit einem besonderen Twist versehen sind (sei es durch die besondere literarische Form bei Hallett oder den außergewöhnlichen Schauplatz bzw. die spezielle Ermittlergruppe bei Osman), eine gute Wahl. Die hohen Verkaufszahlen in Großbritannien sprechen für sich und vielleicht schwappt die Begeisterung ja auch aufs europäische Festland herüber.

„Im Leben lernt man, dass es die guten Tage sind, die man zählen muss – sie in seinen Bau tragen und von ihnen zehren. Also trage ich diesen Tag jetzt in meinen Bau und lege mich schlafen.“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.114)
©Kulturbowle

Eine weitere Besprechung zu „Mord zwischen den Zeilen“ gibt es bei Nana-Der Bücherblog.

Weitere Besprechungen zu „Der Donnerstagsmordclub“ gibt es unter anderem bei buchpost (hier wurde ich auf den Krimi aufmerksam – Danke, Anna!) und bei Literaturwerkstattkreativ-Blog.

Buchinformationen:
Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-00446-9

Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36014-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden britischen Krimi-Bestseller:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist „Der Donnerstagsmordclub“ etwas reicher ausgestattet als „Mord zwischen den Zeilen“. So erfahren wir, dass es zum Beispiel am Montag in der Seniorenresidenz Coopers Chase immer Shepherd’s Pie – ein traditionelles britisches Gericht aus zwei Schichten (unten Hackfleisch, oben pürierte oder fein geriebene Kartoffeln) – gibt. Zudem hat Joyce eine Schwäche für Gin Tonic aus der Dose von Marks&Spencer.
In „Mord zwischen den Zeilen“ erfahren wir nur, dass es auf dem Charity Event für Poppy leckere Süßigkeiten gibt, die reißend Absatz gefunden haben. Sonst bleibt während der Spendensammelaktionen, der Theaterproben und -aufführungen und den zahlreichen Verwicklungen im Krimi kaum Zeit für das leibliche Wohl.

Zum Weiterlesen:
Janice Hallett hat in Großbritannien bereits ihren zweiten Krimi veröffentlicht „The Twyford Code“ – zu einer deutschen Übersetzung ist mir aktuell noch nichts bekannt.
Fans von Richard Osman müssen jedoch nicht mehr lange auf die Fortsetzung des Donnerstagsmordclubs warten. Ende Januar erscheint auch der zweite Band in deutscher Übersetzung: „Der Mann, der zweimal starb“. Die vier rüstigen Senioren ermitteln in ihrem zweiten Fall.

Richard Osman, Der Mann, der zweimal starb
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36013-2

Allerseelen auf Sizilien

Einen für mich neuen, italienischen Autor und einen spannenden Kriminalfall durfte ich mit Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“ kennenlernen. Dieser Krimi des Sizilianers und gebürtigen Palermitaners (*1948) erschien in seiner Heimat bereits 2002, wurde aber erst viele Jahre später von Monika Lustig ins Deutsche übersetzt und als erster Band ihres „Ein-Frau-Verlags“ Edition Converso 2019 auf den Markt gebracht.

So kann man jetzt auch in diesen Genuss – zudem in hochwertiger, edler Ausstattung mit Lesebändchen – kommen, wenn die eigenen Italienischkenntnisse vielleicht nicht für eine entspannte Krimilektüre im Original reichen.

„Spotorno war immer ein Anhänger der Drei-Tage-Regel gewesen: drei Tage Dauer für einen echten Schirokko, drei Tage hoher Wellengang bei Westwind, drei Tage zur Bekämpfung eines heftigen Fiebers, drei Tage höchstens, um einen Mordfall aufzuklären.“

(S.166)

Vittorio Spotorno ist ein erfahrener Commissario und ermittelt schon lange in Palermo. Er kennt diese Stadt, die Strukturen und die Bewohner. Als er plötzlich in mehreren – zunächst unabhängig erscheinenden – Mordfällen ermitteln muss, glaubt er nicht an Zufälle. Gemeinsam mit seinen Kollegen taucht er ein in die Abgründe und dunklen Wahrheiten, welche die Ermittlungen ans Tageslicht befördern und kommt unweigerlich auch schnell mit dem Netz der organisierten Kriminalität in Berührung. Auch wenn die Opfer zunächst nicht auf die Mafia hindeuten, wird bald klar, dass in dieser Stadt kaum Wege an ihr vorbei führen.

Spotorno – Ehemann und Familienvater – ist kein Schreibtischtäter und immer in Bewegung: er ermittelt im Herzen der Stadt – auf der Straße, in den Lokalen und Geschäften, in den Kirchen und auf dem Friedhof. Über die Handlung möchte ich nicht zu viel verraten, aber an Allerseelen kommt es schließlich zum großen Finale und Spotorno steht vor der Lösung der Mordfälle.

Am 2. November ist der Allerseelentag – gerade erst ein paar Tage sind seitdem vergangen, somit war die Lektüre gerade jetzt in dieser Zeit naheliegend. Zudem lässt der Autor den Leser auch an den sizilianischen Traditionen teilhaben:

„(…) auch wenn sie die Tradition des Allerseelenfestes am 2. November in Ehren hielten: Da gab es für die Kinder am Morgen Spielsachen, Zuckerpuppen und frutta die martorana.“

(S.296)

Schön auch, dass erklärt wird, welche Tradition sich hinter diesen bunten Marzipanfrüchten verbirgt: Im Jahr 1308 hängten Nonnen aus dem palermitanischen Kloster La Martorana bei einem Festessen für den Papst diese an Bäume, so dass sie daran täuschend echt wirkten. Gerade solche Geschichten und Details bereichern in meinen Augen und machen diesen Krimi zu etwas Besonderem.

Persönlich mochte ich vor allem aber auch die Figurenzeichnung Piazzese’s sehr und gerade dieser Commissario Vittorio Spotorno ist ein interessanter, starker Charakter, den ich gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe.

„Die Marktverkäufer waren schon dabei, ihre Stände abzubauen und damit Teile einer allzu schamhaften Stadt freizulegen, die ihre Schönheit hinter Automobilen und Ruinen verbarg, in der Hoffnung, dass der Staub der Jahrhunderte – oder das Vergessen – sie am Ende völlig begraben würden. Eine Stadt im Schwebezustand zwischen Agonie und überschäumender Vitalität.“

(S.287)

Solche Zitate sprechen in meinen Augen für sich und zeichnen das Buch aus: Der heimliche Star des Romans ist Palermo – diese Stadt, die in ihrer Schönheit aber auch Zerrissenheit eine wohl einzigartige Atmosphäre besitzt, welche Piazzese literarisch schildert und einfängt. Er zeichnet ein stimmungsvolles Porträt dieser Stadt mit all ihrem Licht und Schatten.

„Ein Zufall? Los Beltramini, wir sind doch volljährig und trocken hinter den Ohren – keiner von uns kann ernsthaft glauben, dass es in einer Stadt wie dieser Zufälle gibt. Das wäre wie an die Befana glauben, die auf einem Besen durch die Lüfte reitet.“

(S.256)

Piazzese hat einen intelligenten und eleganten Krimi geschrieben, der von seiner Atmosphäre und subtiler Spannung lebt. Ein Krimi, der es in sich hat – ohne blutrünstig zu sein – und der facettenreich und fundiert auch die Sicht eines Einheimischen und Sohnes der Stadt auf sein Palermo – Land und Leute – transportiert. Einmal Sizilien und zurück? Für Krimifreunde und eine Lesesessel-Reise ist Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“ sicher eine gute Wahl.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges zu bieten, so dass die Auswahl fast schwerfällt: Für mich bisher unbekannt und daher besonders interessant waren die Ines al forno (oder auch Iris al forno), die dankenswerter Weise mit einer Fußnote näher beschrieben werden:

„Die Ines – sowohl in der Version aus dem Ofen als auch die im Öl ausgebackene – ist eine typisch Palermitanische Süßspeise: Sie hat die Form einer kleinen Kuppel, ist gefüllt mit Ricotta, Schokoladenstückchen und kandiertem Kürbis.“

(S.69)

Zum Weiterklicken:
Aufmerksam auf die Edition Converso und die Verlegerin Monika Lustig wurde ich durch folgenden, interessanten Beitrag auf dem Hotlistblog. Dieser machte mich neugierig auf das mediterrane Programm der Verlegerin und da ich ein Freund von italienischer Literatur und Krimis bin, war dann mein erstes Buch dieses Verlages schnell gefunden.

Zum Weiterhören:
Duke Ellington’s herrlicher Jazzstandard „Sophisticated lady“ ist der Soundtrack für das Kennenlernen von Vittorio Spotorno und seiner Amalia – das nenne ich stilvoll. Und eine schöne Anregung, in das Stück reinzuhören, ist es zudem.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird auch auf den italienischen Klassiker „Il Gattopardo“ oder auf deutsch „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi die Lampedusa Bezug genommen – ein Werk, das immer wieder und schon mehrfach auf meiner geistigen Leseliste gelandet ist, aber das ich bisher noch nie in Angriff genommen habe. Jetzt gibt es also wieder einen weiteren Grund, dieses Werk endlich mal zu lesen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard
Übersetzt von: Burkhart Kroeber
Piper
ISBN: 978-3-492-05984-8

Vermisste Übeltäter

Wie lange ist es her, dass ich zuletzt „Max und Moritz“ gelesen habe? Lange – viele, viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte – und doch sind einzelne Absätze und Verse immer noch sehr präsent. Johannes Wilkes hat nun mit „Max und Moritz – Was wirklich geschah“ einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur ein willkommener Anlass ist, sich wieder einmal mit dem Klassiker von Wilhelm Busch zu beschäftigen, sondern ein völlig neues, satirisches Licht auf die altbekannte Geschichte der beiden Lausbuben wirft.

„Wo nur mochten Max und Moritz stecken? Waren sie hier in Finsterfelde? Hielt man sie irgendwo versteckt, in einem Verlies als Kellerkinder, so wie einst Kaspar Hauser?“

(S.26)

Wenn Tante Dörte, diese fürsorgliche und mütterliche Frau, um Hilfe bittet, dann können Karl-Dieter und Mütze ihr diesen Wunsch nicht verweigern. Sie sorgt sich um Max und Moritz, ihre Lieblingsneffen, denn diese scheinen spurlos verschwunden zu sein und auch der Stiefmutter der beiden – Witwe Bolte – traut sie nicht so recht über den Weg. Und so reisen der Kommissar und sein Partner nach Finsterfelde, ein verschlafenes Örtchen in der Mark Brandenburg, um die Jugendlichen zu suchen.

Schon bald merken sie, dass in diesem Ort so einiges im Argen liegt und so mancher Bewohner etwas zu verbergen hat. Und was sollen diese Zettel mit den abstrusen Bildergeschichten, die irgendjemand stets am Friedhof aushängt, um Max und Moritz aufs Übelste zu verleumden?

Auch die Tierwelt scheint im Aufruhr zu sein: sie treffen auf wildgewordene Maikäfer und einen aufgescheuchten Spitz, der sich die Seele aus dem Leib bellt.
Auch Witwe Bolte scheint ihre dunklen Geheimnisse zu haben und offenbart sich nach und nach als aufreizender Vamp in Nahtstrumpfhose, Stöckelschuhen und Spitzenwäsche – von Trauer über ihr Witwendasein ist da wenig zu spüren.

Doch was ist mit den Zwillingen passiert und wer steckt dahinter? Der Schneider, der Lehrer, der Bäcker, der Müller, der Onkel, der Bauer oder die Witwe? Oder sind die beiden Jungs einfach nur ausgerissen und haben sich versteckt?
Immer wieder werden Mütze und Karl-Dieter mit überraschenden und unangenehmen Wahrheiten konfrontiert.

Wilkes holt die Geschichte um „Max und Moritz“ in die Gegenwart: zwei Jungs in Schlabberjeans, mit Baseballkappen und teuren Designerturnschuhen.
Schnell verschwimmen vermeintliche Fakten und Fiktion: tun die Verse den beiden vielleicht Unrecht und verbirgt sich hinter all den Streichen und Übeltaten eine ganz andere Wahrheit?
Es ist eine witzige Idee, Wilhelm Busch’s Geschichte neu zu schreiben und dem bekannten Personal neues Leben einzuhauchen und andere Facetten und Eigenschaften anzudichten. So entsteht ein phantasievoller, satirischer Klamauk, bei welchem es vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch gereicht hätte, etwas weniger dick aufzutragen.

Der Krimi liest sich trotz so mancher Übertreibung jedoch sehr kurzweilig – als Hommage auf Wilhelm Busch’s wohl bekanntestes Werk, das auch vollständig im Krimi eingearbeitet und abgedruckt ist – und auch als Liebeserklärung des Autors an die Mark Brandenburg: diese außergewöhnliche Landschaft, die schon Theodor Fontane liebte und in seinem Werk verewigte. Wilkes legt eine literarische Krimispielerei vor, die von Literatur inspiriert und durchdrungen ist und eine amüsante Unterhaltung für Zwischendurch und zur Entspannung sein kann.

„Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm
„Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei
Mit der Übeltäterei!“

(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Die Ermittlerkonstellation aus Kommissar und Bühnenbildner, die zudem ein Paar sind, ist ungewöhnlich und vom Autor sehr humorvoll mit einem liebevollen Augenzwinkern umgesetzt.
Dieser neue Fall ist bereits der dritte Fall für Kommissar Mütze und Karl-Dieter, lässt sich jedoch auch ohne die beiden ersten Bände zu kennen, die sich wohl um Fontane (Band 1) und die Erfurter Gloriosa (Band 2) drehen, als alleinstehender Band gut lesen.

Wilhelm Busch hat „Max und Moritz“ im Jahr 1865 zum ersten Mal veröffentlicht. Nach einem zähen Auftakt trat das nicht unumstrittene Werk einen ungeheuren Erfolgszug um die ganze Welt an und wurde in über 300 Sprachen übersetzt.
Und wenn ein Kinderbuch nach über 150 Jahren noch einen Autor dazu inspirieren kann, einen lustigen, verschmitzten und unterhaltsamen Krimi zu schreiben, dann spricht das ebenfalls für sich.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Johannes Wilkes, Max und Moritz – Was wirklich geschah
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0049-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Johannes Wilkes’ „Max und Moritz – Was wirklich geschah“:

Für den Gaumen:
Aus gegebenem Anlass – wer die Geschichte von Max und Moritz kennt, wird wenig verwundert sein – gibt es in der örtlichen Gastwirtschaft häufig Hühnerfrikassee. Zu Beginn ist Karl-Dieter noch erfreut darüber:

„Hühnerfrikassee, warum nicht? Hatte es früher bei Tante Dörte an manchen Sonntagen gegeben. Mit frischen Champignons, Kapern und gebuttertem Reis ein Gedicht.“

(S.18)

Doch irgendwann hat man bzw. Karl-Dieter auch vom besten Gericht genug. Warum also nicht zum Sauerkraut übergehen?

Zum Weiterhören:
Lehrer Lämpel spielt bekanntlich die Kirchenorgel – wohl mehr oder weniger virtuos: Im Krimi greift er daher auf einen wahren Klassiker zurück: „Großer Gott wir loben dich“ – der Text von Ignaz Franz geht laut Wikipedia zurück auf das Jahr 1771 und die Melodie wurde 1776 zum ersten Mal in einem Katholischen Gesangbuch aus Wien abgedruckt.

Zum Weiterlesen:
Man merkt bei der Lektüre, dass Johannes Wilkes ein großer Theodor Fontane-Fan ist, daher wäre es vielleicht mal wieder an der Zeit, einen Klassiker zu lesen. Zu den Werken, die ich von Fontane bisher noch nicht gelesen habe, zählt unter anderem die Kriminalgeschichte „Unterm Birnbaum“ und auch „Grete Minde“ kenne ich noch nicht.

Theodor Fontane, Grete Minde / Unterm Birnbaum: Erzählungen
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596901463

Küss die Hand…

Wien in den Siebziger Jahren und der erste Kriminalroman einer österreichischen Autorin mit einer außergewöhnlichen, neuen Ermittlerfigur, da konnte und wollte ich nicht lange daran vorbei: Constanze Scheib, die ausgebildete Schauspielerin ist und bisher Theaterstücke und Erzählungen verfasst hat, ist mit „Der Würger von Hietzing“ ein spritziges und humoreskes Krimidebüt gelungen.
Als Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ hat sich die Autorin auch einem Netzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen angeschlossen.

Eine unausgelastete – um nicht zu sagen gelangweilte – Ehefrau aus besten Wiener Kreisen mit einem Faible für Fernsehkrimis und teuren Whisky beginnt aus Neugier und Abenteuerlust in einem realen Kriminalfall zu ermitteln.
Schließlich wurde die Tante eines ihrer Dienstmädchen erdrosselt aufgefunden und bei genauerem Hinsehen war dies wohl nicht der erste Mord. Da kann es natürlich nicht angehen, einen Serienmörder frei herumlaufen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrem jungen Hausmädchen Marie, welche sie in ihren kriminalistischen Anwandlungen unterstützt, stürzt sie sich voller Elan und dem naiven Herangehen einer „gnä’ Frau“ unbedarft in die Wiener Verbrecherwelt. Klar, dass es da zu Turbulenzen kommen muss und das aus Miss Marple-Filmen erworbene Wissen nicht ausreicht, um gefährliche Situationen zu vermeiden.

„I wü sie ja net schockiern, oba Verbrecher müss’n net unbedingt aus Favoriten kommen. A jeder kann zum Mörder werden. Wurscht, in welche Schul er gangen is oder wie vü Geld er hat!“

(S.138)

Frau Ehrenstein und Marie bilden ein kongeniales Duo und schnüffeln und lavieren sich gemeinsam durch das teils wilde Wien der Siebziger Jahre – ein aufregender Kontrast zu den gediegenen Zoobesuchen mit Sohn Willi oder den Besuchen im Opernhaus.

Wienliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, denn dieser Krimi bietet eine schöne Zeitreise in die Stadt der Sachertorte und der Musik, man begleitet Frau Ehrenstein an einige der beliebten und bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt: nach Schönbrunn, in den Tierpark, in die Oper und natürlich auch ins eine oder andere Kaffeehaus. Geschickt flicht Scheib auch immer wieder zeitgeschichtliche Ereignisse ein, welche die Handlung in den Siebziger Jahren verorten lassen.

„Frau Ehrenstein ärgerte sich. Und sie ärgerte sich noch mehr über die Tatsache, dass sie sich ärgerte. Sie hatte sich immer so verhalten, wie es von ihr erwartet wurde, hatte nie etwas Unvorhersehbares getan oder war von der Etikette abgewichen.“

(S.57)

Die Beschreibung des Haushalts und des Dienstpersonals im Ehrenstein’schen Haus wirkt da schon mehr als aus der Zeit und der Mode gekommen und unterstreicht das gediegene, konservative und verstaubte Milieu, aus dem sich die Frau des Hauses befreien möchte, so dass ihr jedes kleine Abenteuer gerade recht kommt.

Wer mit dem Wiener Dialekt bislang nicht so vertraut ist, wird durch diesen Krimi einen kleinen, kurzweiligen Einsteigerkurs erhalten, kann sich mit Hilfe dieses Buchs ein wenig einlesen und zukünftig mit so herrlichen Begriffen wie „fadisieren“, „Kaffeetscherl“, „Narrenkastl“ oder „Blitzgneißer“ zumindest Grundkenntnisse des Wienerischen vorweisen.

Ich mochte die Figuren, das Flair, den Zauber Wiens und den Humor dieses Krimis sehr, zumal es aus meiner Sicht um vieles schwerer ist, einen guten komödiantisch-witzigen Krimi zu schreiben als einen blutrünstigen Thriller.
Meinen Geschmack hat die Autorin daher getroffen, wer aber atemlose Spannung, vertrackte tiefenpsychologische Täterprofile, realistische, ernste Kriminalfälle vorzieht und mit einer ordentlichen Portion Humor und Lokalkolorit in Krimis nichts anfangen kann, der wird vermutlich nicht glücklich werden.

Mit Perlenkette, Stöckelschuhen, Maßkostüm und Handschuhen bringt Frau Ehrenstein als Ermittlerin Glanz und Glamour in die zwielichtigen Viertel Wiens und in die aktuelle Krimilandschaft. Dass sich durch das soziale Gefälle zwischen ihr und den Verdächtigen interessante und witzige Situationen ergeben, versteht sich von selbst und gibt dem Ganzen den richtigen Pfiff.

Dazu die nötige Portion Wiener Schmäh und Ironie – da ist Constanze Scheib, die 1979 in Wien geboren wurde, ein sehr amüsanter und kurzweiliger Auftakt gelungen, der unbedingt nach einer Fortsetzung verlangt.
Für mich war „Der Würger von Hietzing“ ein herrliches, verschmitztes und lustiges Krimivergnügen, das mich ein paar Stunden wunderbar unterhalten hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing

Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“:

Für den Gaumen:
Die gnä’ Frau Ehrenstein hat eine Vorliebe für Whisky, gerne schottischer Single Malt, so trinkt sie gemeinsam mit ihrem Hausmädchen schon einmal ein Gläschen der einschlägigen Destillerien (ohne jetzt Namen zu nennen).
Doch im Laufe der Zeit entdeckt sie auch ihre Schwäche für süßes Gebäck, was beim diesbezüglichen Angebot in Wien natürlich kaum verwunderlich ist: So darf es im Kaffeehaus auch mal ein Briochekipferl oder ein Punschkrapfen (S.106) sein.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Theaterbesuch:
Frau Ehrenstein ist als Frau von Welt selbstverständlich auch musikinteressiert und so darf der Leser sie in die Oper begleiten, um dort Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ mit zu erleben – und dies in einer Inszenierung von Otto Schenk.
Und wir stoßen auf einen Wiener Taxifahrer, der tatsächlich Joseph Haydn’s „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ hört – das hat Stil.

Zum Weiterlesen:
Wer Wien und Krimis liebt, dem kann ich auch die Kriminalinspektor Emmerich-Reihe der österreichischen Autorin Alex Beer empfehlen. Hier kann man abtauchen in das Wien der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und bekommt intelligente und spannende Krimiunterhaltung geboten. Ich würde empfehlen, unbedingt mit dem ersten Band der Reihe „Der zweite Reiter“ zu beginnen.

Alex Beer, Der zweite Reiter
Blanvalet
ISBN: 978-3-7341-0599-9