Für immer Au-pair

Mit Emeli Bergman durfte ich wieder einmal eine neue, junge Stimme der skandinavischen Literatur entdecken: Ihr Debütroman „Die andere Seite des Tages“, der in einer wunderbaren Übersetzung von Ursel Allenstein auf deutsch erschienen ist, erzählt von Anna – einer jungen Frau, die es aus Dänemark weg ins große Paris treibt, wo sie über viele Jahre hinweg in unterschiedlichen Familien als Au-pair lebt und arbeitet. In vielerlei Hinsicht führt sie ein einsames Leben im Schatten, eine Existenz am Rande der Gesellschaft bzw. der Familien, die sie anstellen.

Anna sucht in Paris auch einen Neuanfang und möchte vergessen, denn sie hat ihren Bruder verloren, der an einer Überdosis starb.

„Sosehr es einen in die Verzweiflung treibt, wenn man sich nicht mehr erinnert, so schön ist es auch, wenn sich eine Erinnerung nähert und zurückkehrt.“

(S.142)

So bewirbt sie sich als Au-pair und wechselt über die Jahre – die Zeit vergeht schnell und eine Anstellung reiht sich an die nächste – mehrmals die Familien. Sie hat ein Händchen für den Umgang mit Kindern und meist kommt sie aufgrund ihrer Unkompliziertheit und Genügsamkeit gut zurecht.

„Ich liebte die Mädchen, so wie ich alle Kinder liebte, auf die ich für längere Zeit aufpasste, ich würde mich immer an sie erinnern, aber wenn ich die Familie wechselte, vermisste ich sie nicht.“

(S.128)

Der Roman führt jedoch eindringlich vor Augen, wie einsam Anna ist – obwohl sie doch immer im Haushalt der Gastgeber lebt. Sie gehört nicht dazu, ist nicht Teil der Familien, sondern Angestellte, schlecht bezahltes Personal – die moderne Version der Dienstmagd. Meist haust sie in ungastlichen, beengten Zimmern mit wenig Licht. Ihr Alltag ist fremdbestimmt, durchgetaktet und vorgegeben durch den Zeitplan der Familie – da bleibt wenig Freiraum für Freizeit, andere Kontakte oder eigene Hobbys.

„Das ist der ehemalige Dienstbotentrakt, hatte Jon mir mit ironischer Stimme erklärt: dass ich dort wohnen würde, wo früher das Gesinde wohnte. Als wäre ich das nicht. Weil ich zu alt bin, um ihr Dienstmädchen zu sein? Weil diese Zeiten zu alt sind? Weil Jon Däne ist und Dienstboten heute anders genannt werden müssen. Babysitter, Au-pair oder Putzhilfe.“

(S.29)

So manches Familienmitglied gibt sich nicht einmal die Mühe, sich ihren Namen zu merken und spricht sie gar mit dem der Vorgängerin an – als Au-pair scheint sie sich gleichsam einzureihen in eine Folge beliebig austauschbarer Mädchen. Die wenigsten Arbeitgeber interessieren sich für sie und ihre Bedürfnisse, wissen nichts von ihr – wohingegen sie bei vielen als Seelsorger und Mülleimer funktionieren soll und immer ein offenes Ohr haben muss, wenn sich zum Beispiel eine Mutter bei ihr ausweinen möchte.

Während sie selbst intimste Details aus dem Leben der Familie erfährt und im wahrsten Sinne des Wortes deren Unterwäsche waschen muss, bleibt sie eine Fremde, eine Randfigur, ein lautloser Schatten, der stets im Hintergrund bleibt, obwohl sie doch eigentlich Liebe und Nähe suchen würde.

„Ich fand es nicht lustig, dass er keine Lust hatte, für mich aufzustehen, und wenn man sein Kind wahlweise als unmöglich oder genial bezeichnete, erschien mir das nur wie ein Vorwand, um es nicht kennenlernen zu müssen.“

(S.11)

Bergmans feine Sprache – und auch die hervorragende Übersetzung durch Ursel Allenstein – liest sich wunderbar und ist stilistisch wirklich schön: Ein sehr moderner, klarer und doch poetischer Klang ohne Schnörkel, der vieles in sorgsam gewählten Formulierungen auf den Punkt bringt.

Der Ecco Verlag hat ein Umschlagbild gewählt, das mich während und auch nach der Lektüre noch beschäftigt hat: ein leeres Goldfischglas auf der Kante eines alten, abgewetzten Tisches. Ein schlichtes und doch ausdrucksstarkes Bild und je länger ich darüber grübelte, was es mir sagen möchte oder wie ich es in Verbindung mit Annas Geschichte bringen kann, um so mehr fiel mir dazu ein: Es strahlt etwas Trostloses, Einsames, Wackliges aus – eine Existenz auf der Kante, eine kleine Bewegung und das Ganze könnte ins Kippen geraten. Aber da ist auch die Leere und die Enge, die ein Fisch im Glas vielleicht empfinden würde – ein fremdbestimmtes Leben in einer Umgebung, die man vermutlich nicht selbst gewählt hat. Vielleicht sollte das Au-pair-Dasein von Anna mit dem Leben eines Goldfischs im Glas verglichen werden – das war zumindest meine Assoziation zum Bild – wohlgemerkt nach der Lektüre.

Die Lektüre berührt und stimmt traurig, denn Bergman gewährt der Leserschaft einen sehr tiefen Blick in die Seele ihrer Hauptfigur, die schutzlos und verletzlich ist und immer wieder äußerst unangenehme, entwürdigende und teils gefährliche Situationen aushalten und meistern muss, die man ihr gerne ersparen würde.

Anna gibt und gibt und gibt – ihre Selbstlosigkeit wird unter anderem auch in einer Szene besonders deutlich, in der sie Blut spendet und auch dabei großes Glück empfindet, etwas geben zu können – ohne etwas zurückzubekommen.

„Wie viele Stunden hatte ich schon mit den Mädchen verbracht? Mehr als ihre Mutter, viel mehr als ihr Vater.“

(S.117)

Ein Buch wie ein Au-pair-Aufenthalt: kurz und heftig, der für manche den Blick aufs Leben verändern und eine neue Perspektive geben kann.

Ein Roman, der beschreibt wie einsam und mutterseelenallein man selbst unter Menschen oder in einer Familie sein kann. Distanz, Ignoranz, fehlende Empathie, Ausgrenzung und Klassenunterschiede – Emeli Bergman hat in ihrem Debüt auf nicht einmal ganz 200 Seiten ihren Finger in viele Wunden der heutigen Zeit gelegt und ein ausdrucksstarkes, intensives Portrait einer jungen Frau gezeichnet, die sich ihren eigenen Weg und ihren persönlichen Platz im Leben erst noch suchen und erkämpfen muss.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Ecco Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Emeli Bergman, Die andere Seite des Tages
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0068-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Emeli Bergmans „Die andere Seite des Tages“:

Für den Gaumen:
Anna ist oft nicht nur für die Kinderbetreuung, sondern auch fürs Kochen zuständig. Häufig kocht sie Gerichte, von denen sie selbst gar nichts essen darf oder abbekommt. Um so mehr genießt sie es, während eines Besuchs bei ihrer Mutter ausnahmsweise wieder selbst bekocht zu werden – und zwar mit einem richtigen Wohlfühlessen:

„Er reicht mir die Salatschüssel, die Lasagne schmeckt himmlisch, und es ist himmlisch, etwas zu essen, das für mich zubereitet wurde.“

(S.64)

Zum Weiterlesen (I):
Anna begegnet in den unterschiedlichen Haushalten auch verschiedenen Büchern – so fällt ihr in einer Familie zum Beispiel Emily Brontës Klassiker „Wuthering Heights“ oder auf deutsch „Sturmhöhe“ in die Hände. Diese Lektüre ist bei mir schon ziemlich lange her:

Emily Brontë, Sturmhöhe
Aus dem Englischen von Grete Rambach
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35718-6

Zum Weiterlesen (II):
Schon seit einiger Zeit steht die schöne Manesse-Ausgabe des Klassikers „Walden“ von Henry D. Thoreau in meinem Regal und wartet geduldig darauf, dass ich es endlich, endlich lese. Auch „Walden“ ist so ein Buch, das in einem der Haushalte, in dem Anna arbeitet, ihren Weg kreuzt:

Henry D. Thoreau, Walden oder Vom Leben im Wald
Aus dem Amerikanischen Fritz Güttinger
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2508-0

Auf die herbstliche Alb

Auf eine wunderbare Zeit- und Herbstreise durch die schwäbische Alb nimmt Uta-Maria Heim ihre Leserschaft in ihrem neuesten Roman „Albleuchten – Eine Herbstreise 1790“ mit. Was geschehen kann, wenn ein Tübinger Student mit seinen Kommilitonen Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel von Tübingen über Reutlingen, Urach und Blaubeuren nach Ulm wandert und auf diesem Weg auch noch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Karoline von Günderrode trifft, kann man in diesem stimmungsvollen Buch erfahren. Man bekommt einen großartigen Eindruck von dieser Zeit des Auf- und Umbruchs und kann erahnen, wie sehr sich die Welt damals – ein Jahr nach der französischen Revolution – veränderte.

„Wir wurden in eine stürmische Epoche hineingeboren, in der eine Revolution die andere jagt. Ihr werdet schon sehen. Die großartigste und beachtlichste ist bislang die Bildungsrevolution, durch die auch unser schönes Württemberg wacker hindurchgeht.“

(S.329)

In den Herbstferien 1790 macht sich der Theologiestudent Friedrich August Köhler – im Roman kurz Fritzle – gemeinsam mit Friedrich – alias Fritz – Hölderlin und dem „Alten“ Hegel auf eine Wanderung von Tübingen nach Ulm. Er möchte die Schwäbische Alb erkunden, um anschließend seine Eindrücke und Beobachtungen in einem topographisch-historischen Werk über die Region Württemberg zu verarbeiten. Während er mit offenen Augen ganz genau Land und Leute beobachtet, verstricken sich seine Reisebegleiter immer wieder in philosophische Diskussionen.

„Selbst wenn die Freundschaft endlich erscheint, werden hier unter engsten Vertrauten lärmend Perspektiven ausgehandelt, Zukunftsträume ausgemacht, Felder abgesteckt, Rollen verteilt und Grenzen ausgelotet – ein Gerümpel und Getrappel, das mich ausschließt.“

(S.366)

Köhler fühlt sich bei vielen Gesprächen außen vor, verfolgt aber zielstrebig seine eigene Agenda, so viele Beobachtungen und Informationen wie möglich für sein ehrgeiziges, literarisches Projekt zu sammeln.

Als dann auch noch der frühreife Schelling zu ihnen stößt, der sofort seinen Spitznamen Gscheitle wegbekommt, und sich die Wandergruppe noch durch die junge Karoline von Günderrode erweitert, die wohl von zu Hause ausgerissen ist und mit ihnen nach Ulm möchte, wird es eine turbulente, lebhafte Reise, die allen lange im Gedächtnis bleiben wird.

„Ich muss Religons-, Gebiets- und Landesgrenzen überwinden. Dort sind Bestechung, Bedrohung und Betrug gang und gäbe. Überall treiben sich Lumpen und Spitzbuben herum, Pack und Geziefer jeder Couleur. Zudem sind mässig obskure Gestalten, Poltergeister, Scheintote, Hexen und Gauner unterwegs, nachts spukt es in den Wäldern, in den Gasthöfen gespenstert Gesindel.“

(S.14)

Uta-Maria Heim hat sichtlich Gefallen daran, den Dialekt und die zeitlichen und regionalen Besonderheiten in ihre Sprache einfließen zu lassen. So wählt sie teils antiquierte Formulierungen oder schwäbische Einsprengsel, um den richtigen Klang und Ausdruck für die Unterhaltungen zwischen den Figuren zu treffen. So wird Verschlupferles gespielt, schwäbisch geflucht, aber stellenweise auch aus Originalwerken von Hölderlin und Hegel zitiert.

Besonders gefallen hat mir die Sinnlichkeit des Romans und die atmosphärischen Beschreibungen der Landschaft, der Zeit und der Figuren: Begleitet vom Duft des Pferdemists und Apfelmosts wandert man gedanklich mit Köhler, Hölderlin und Co. über die Streuobstwiesen, sieht beim Pilze sammeln zu, hört das Vogelgezwitscher und schmeckt das frisch gebackene Brot aus den Backhäusern und das abgekochte Zisternenwasser, das in der teils wasserarmen Region besonders wertvoll war. Heim beschreibt die Kleidung, die Lebensführung und den harten Alltag in der Landwirtschaft detailliert und präzise.

Zudem folgt man im gemütlichen Wanderschritt den philosophischen Überlegungen und Gedankengängen der Protagonisten, schnuppert die Luft des deutschen Idealismus und setzt sich auf leichtfüßg-spielerische Art ein wenig mit Hegel, Schelling und Kant auseinander.

Man kann nur erahnen, wie viel Zeit und Mühe die Autorin in die Recherche investiert hat, denn es steckt eine unglaubliche Fülle an kleinen Episoden, regionalen Bräuchen und Besonderheiten und zeitgeschichtlichen Informationen im Werk. Doch gerade deshalb gewinnt das Buch an Authentizität und zeichnet ein schillerndes, opulentes Gemälde der Gesellschaft, der Zeit, der Lebensweise und der Stimmung des Jahres 1790.

Ein leuchtendes, facettenreiches Herbstbuch, das wie gemacht ist für länger werdende Abende, wenn draußen das Licht die bunten Blätter glänzen lässt und man sich gerne gemütlich mit einer Decke und einer Tasse Tee in den Lesesessel kuschelt.

Aber „Albleuchten“ ist – inspiriert durch die Hauptfigur Friedrich August Köhler (1768 – 1844) – auch ein Buch, das gut als Reise- oder Wanderführer ins Gepäck für den nächsten Ausflug in die Schwäbische Alb passt, weil man viel Interessantes über die Region, die Geschichte, die Landschaft und das Leben auf der Alb des 18. Jahrhunderts erfahren kann. Heim hat es ihrem Romanhelden Köhler im Grunde gleich getan und hat mehr als 200 Jahre später ein ebenso vielschichtiges und erhellendes Werk über Land, Leute und Sehenswürdigkeiten verfasst.

„Albleuchten“ war für mich eine ideale Herbstlektüre: Stimmungsvoll, atmosphärisch und herrlich entschleunigend. Ein wohltuendes, kluges Buch für Bildungshungrige und Neugierige, die ähnlich wissensdurstig sind wie die Wandergefährten im Roman und sich am üppigen Füllhorn von Anekdoten, regionalen Informationen und Geschichten, die Heim in den Roman hat einfließen lassen, erfreuen können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uta-Maria Heim, Albleuchten – Eine Herbstreise 1790
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0225-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uta-Maria Heims „Albleuchten“:

Für den Gaumen (I):
Sehr zu meiner Freude beschreibt Uta-Maria Heim auch immer wieder ausführlich die Kost und die Verpflegung während der Wanderung – manchmal karg, aber manchmal auch etwas opulenter, wenn sie zum Beispiel die Gastfreundschaft von Familie und Bekannten erfahren dürfen, bei welchen sie Quartier bekommen:

„Wir essen in der guten Stube. Zur Feier des Tages hat die Mutter den Tisch reich gedeckt. In der Mitte steht eine Schale mit Äpfeln, Birnen und kleinen, sauren Trauben. Zur Vorspeise gibt es Flädlesuppe. Die Flädle sind goldbraun und so dünn, dass man hindurchsehen kann. (…) Danach wird Schwarzer Brei serviert. Obwohl meine Eltern nicht von der Alb (…) stammen, gehört dieses simple Traditionsgericht aus grießig gemahlenem Mehl zu ihren Leibspeisen. (…) Weizen, Dinkel und Hafer rührt man in kochendes Salzwasser ein, gibt Milch dazu, verkocht alles zu einem braunen Mus und übergießt es mit geschmälzten Zwiebeln.“

(S.27)

Für den Gaumen (II):
Auch über die Geschichte der Maultaschen – gerne kombiniert mit einem Glas oder Krug Trollinger – kann man in „Albleuchten“ mehr erfahren.
Auf dem Blog Schätze aus meiner Küche findet man ein Rezept für Schwäbische Maultaschen.

Zum Weiterhören oder Weitersingen:
Eine Kindheitserinnerung wurde geweckt durch das Zitieren des Liedes „In Mueders Stübele“ – ein Lied, das auch ich als Kind gesungen habe (In Mutters Stübele, da geht der hm, hm, hm) – allerdings nicht im Schwarzwälder Dialekt.

Zum Weiterlesen:
Friedrich Hölderlin möchte sich auf der Wanderung Inspiration für seinen Roman suchen und zwar für „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“, der 1797 erschien:

Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland
Reclam
ISBN: 978-3-15-000559-0

Zum Weiterlesen (II) und als kleine poetische Zugabe:
gibt es noch ein Gedicht der weiteren Wandergefährtin Karoline von Günderrode (1780 – 1806):

An Creuzer

Seh‘ ich das Spätroth, o Freund, tiefer erröthen im Westen,
Ernsthaft lächlend, voll Wehmuth lächlend und traurig verglimmen,
O dann muß ich es fragen, warum es so trüb wird und dunkel,
Aber es schweiget und weint perlenden Thau auf mich nieder.

(Karoline von Günderrode)

Königlicher Krimiklassiker

Es war Zufall, dass mir dieser Krimi mit royalem Touch genau in der Zeit in die Hände fiel, während Großbritannien und die Welt um die verstorbene Queen Elizabeth II. trauerten. Josephine Teys Kriminalroman „Alibi für einen König“ (Originaltitel: The Daughter of Time) aus dem Jahr 1951, der von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association einst zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt wurde, beschäftigt sich auf höchst unterhaltsame Weise mit einem anderen Monarchen auf dem englischen Thron: Richard III.

Eine Kriminalermittlung aus dem Krankenbett? Und dann noch in einem Fall, der bereits mehr als 500 Jahre zurückliegt? Kälter kann ein Cold Case ja kaum sein und doch verstand Josephine Tey es, aus dieser ungewöhnlichen Konstellation ein amüsantes Krimivergnügen zu zaubern.

„Aber es vereinfachte die Dinge, wenn man nur ein einfacher Polizist mit einem unbeweglichen Bein und einer Rückgratprellung war, der Nachforschungen über tote und längst zu Staub gewordene Könige anstellte, um nicht vor Langeweile verrückt zu werden.“

(S.42)

Alan Grant, der normalerweise für Scotland Yard in Kriminalfällen ermittelt, liegt aufgrund einer Verletzung, die er sich im Dienst zugezogen hat, im Krankenhaus. Nach tagelangem An-die-Decke-starren, fällt ihm diese zunehmend auf den Kopf. Er braucht dringend eine Beschäftigung – eine geistige versteht sich, denn er ist ans Bett gefesselt. Grant hat eine Gabe, den Menschen an ihren Gesichtern mehr anzusehen als andere dies können. Er hat ein Gespür dafür, ob die Gesichter Verbrechern oder Unschuldigen gehören.

Als ihm eine liebe Freundin und Theaterschauspielerin eine Sammlung kleiner Kopien von historischen Portraits zur Inspiration vorbeibringt, zieht ihn das Porträt Richard’s III. sofort in seinen Bann. War dieser Mann der kaltblütige Mörder, für den ihn alle halten? Seine Neugier ist sofort geweckt. Warum also nicht vom Bett aus ein historisches Rätsel lösen?

„Er wusste auch, dass Richard in der Schlacht von Bosworth gefallen war, während er verzweifelt nach einem Pferd schrie, und dass er der Letzte seiner Linie gewesen war. Der letzte Plantagenet. Jeder Schüler blätterte erleichtert die letzte Seite des Kapitels Richard III. um. Denn nun waren die Rosenkriege endlich vorbei, und man kam zu den Tudors, die zwar langweilig, aber leicht zu verstehen waren.“

(S.36/37)

Viele der Konkurrenten Richards III. um den Thron starben unter mysteriösen Umständen. Zwei junge Prinzen im Tower verschwanden zunächst spurlos und erst viele Jahre später tauchten Kinderskelette auf, die vielleicht von den beiden hätten stammen können. So werden Legenden geboren und zahlreiche Geschichtsschreiber entwickelten ihre eigenen Theorien.

„Gott steh mir bei, dachte Grant, mit mir ist es weit gekommen. Wenn ich mich weiter mit dieser Geschichte befasse, werde ich wirklich noch auf einer Seifenkiste im Hyde Park enden.“

(S.166)

Grant lässt sich Bücher bringen, befragt sein näheres Umfeld – Krankenschwestern, Kollegen, die ihn besuchen kommen, seine Haushälterin – was sehen sie im Gesicht von Richard III.? Einen Mörder oder das Opfer einer Intrige? Was wissen sie über diese Figur und woher stammt dieses Wissen – aus Geschichtsbüchern, mündlicher Überlieferung oder aus der Shakespeare-Lektüre?

„Wie sind Sie mit den Geschichtsbüchern zurechtgekommen?“, hatte ihn Williams gefragt. „Ganz erstklassig. Ich bin ihnen allen auf die Schliche gekommen. Sie stimmen alle nicht.“

(S.237)

Grant wühlt sich durch das Gewirr der Rosenkriege, durch unzuverlässige Quellen und spannt schließlich einen jungen Amerikaner ein, der gerade im British Museum an einem Forschungsprojekt arbeitet und ihn schnell mit Feuereifer unterstützt, um das mysteriöse Rätsel um den Tod der jungen Prinzen im Tower zu lösen.

Die Lektüre ähnelt stellenweise einem Crashkurs in englischer Geschichte, da wimmelt es von Grafen, Herzögen und Lords und man kann vielleicht nicht allen dynastischen Verästelungen folgen. Vielleicht wäre das Lesevergnügen sogar noch größer, wenn man selbst ein etwas profunderes Wissen über die englische Geschichte vorzuweisen hätte, jedoch habe ich auch so – mit gesundem Halbwissen – die Lektüre sehr genossen.

Fragt man sich am Anfang noch, ob diese ungewöhnliche Idee des Ermittlers im Krankenbett mit historischem Fall wirklich funktionieren kann, so liest man dieses literarische Krimiexperiment schon allein aufgrund der humorvoll-spritzigen Dialoge und der sympathischen Ermittlerfiguren mit zunehmendem Spaß und leisem Schmunzeln.

Den Gedanken, auf welche Weise Geschichtsschreibung erfolgt, entsteht und wie sich diese auch auf gewisse Weise verselbständigen kann, fand ich sehr interessant. Denn gerade während wilder Zeiten und unter verwirrenden Umständen, ist die Quellenlage nicht immer eindeutig.

Josephine Tey hat hier einen feinen, süffisanten und sehr amüsanten Krimi geschrieben, der nicht vom atemlosen Tempo, sondern durch die lebhaften und schlagfertigen Charaktere und die raffinierte Konstellation des Kriminalfalls bzw. die ungewöhnliche Ermittlungssituation lebt. Für Leser, die überwiegend zeitgenössische, aktuelle Krimis lesen, vielleicht etwas ungewohnt, aber vielleicht auch gerade deshalb mit einem ganz besonderen Charme: Very british – ironisch, witzig und ein wahrlich königliches Krimivergnügen!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 11) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit London als Schauplatz lesen. Auch wenn sich die Handlung im Grunde überwiegend bis ausschließlich im Krankenzimmer abspielt, so gibt es doch sehr viele Bezüge zum Tower of London, Greenwich und anderen Orten in und um London, so dass ich guten Gewissens diesen Punkt auf meiner Liste abhaken kann.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus/Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Alibi für einen König
Aus dem Englischen von Maria Wolff
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30035-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Teys „Alibi für einen König“:

Für den Gaumen (I):
Mrs Tinker – die rührige Haushälterin von Alan Grant – bäckt gute Kuchen und Kekse, so zum Beispiel gibt es Bachelor Buttons zum Tee. Junggesellenknöpfe? Die kenne ich bisher nicht, aber bei Jacquie und ihrem Blog Bunny Mummy gibt es ein Rezept.

Für den Gaumen (II):
Selbst bei der Krankenhauskost, habe ich etwas Neues entdeckt: Cheese Pudding und gedünsteter Rhabarber. Cheese Pudding? Klingt interessant und auch hier habe ich im Internet ein schönes Rezept gefunden bei Kate und ihrem Blog Nibble and Dine. Klingt für Käsefans sicherlich verlockend – ein Brotpudding mit Cheddarkäse.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Das Porträt Richard III., das alles ins Rollen bringt, hängt in der National Portrait Gallery in London und stammt von einem unbekannten Künstler. Das Gemälde ist nahezu die heimliche Hauptfigur des Romans und ich war gespannt, was ich in dem Gesicht entdecken würde: hier auf der Seite des Museums kann man sich selbst ein Bild machen.

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
Bei Richard III. fällt einem natürlich sofort William Shakespeare ein. Sein Drama stammt wohl aus dem Jahr 1593 und darin hat er Richard III. eindeutig die Rolle des Bösewichts zugewiesen. Live gesehen habe ich das Stück bisher noch nicht.

Zum Weiterlesen:
Anfang des Jahres bin ich auf Josephine Tey (1896 – 1952) aufmerksam geworden und zwar durch den Krimi „Nur der Mond war Zeuge“, den ich auch hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Eine ebenso raffinierte Krimi-Perle – wenn auch mit vollkommen anderer Figurenkonstellation – die mir sehr gut gefallen hat:

Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

Und weil’s so schön passt, gibt es noch ein paar Foto-Impressionen dazu:

„Mr Grant, ich bin Ihnen so dankbar für all den … den …“
„Den Spaß?“
„Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, dann … dann führe ich Sie durch den Tower!“
„Lassen Sie uns lieber eine Bootsfahrt nach Greenwich machen. Wir Inselbewohner haben nämlich eine Leidenschaft für die Seefahrt.“

(S.201)

Theaterträume

Im Herbst nach der Sommerpause wächst die Lust und die Vorfreude auf die neue Theaterspielzeit. Um die Zeit etwas zu verkürzen und sich auf den nächsten Theaterbesuch einzustimmen, ist Lili Grüns Roman „Zum Theater!“, der 1935 als Originalausgabe unter dem Namen „Loni in der Kleinstadt“ erschienen ist, die perfekte Lektüre.

Loni lebt in Wien und träumt von einer großen Theaterkarriere. Während sie in einem Hutgeschäft ihren Lebensunterhalt verdient, abends als Statistin arbeitet und Schauspielunterricht bei einem ihr wohlgesonnenen Professor nimmt, träumt sie von großen Rollen und einem Engagement an einem renommierten Theater.

Doch die Saison hat schon fast begonnen und mit dem Vorsprechen bzw. einer Anstellung hat es nicht geklappt. Sprichwörtlich in letzter Minute und wie es der Zufall will, begegnet sie bei einem Termin bei einem Agenten einem jungen, aufstrebenden Theaterdirektor. Zwischen den beiden stimmt die Chemie und es funkt sofort. Peter Spörr verguckt sich in Loni und verschafft ihr ein Engagement an seinem Theater und nimmt sie mit nach Mährisch-Niedau.

Aber wo um Himmels willen ist Mährisch-Niedau?
Von solchen Fragen lässt sich Loni nicht verunsichern, denn schließlich bekommt sie ihr erstes Engagement. Sie darf richtige Rollen spielen und entkommt ihrem ungeliebten Job als Modistin. Keine unpassenden Hüte mehr an reiche Damen verkaufen, keine Statistenrollen mehr – Loni zieht es hinaus in die Welt … oder eben nach Mährisch-Niedau.

Logiert wird im Hotel und die junge Liebe tröstet über so manches Übel hinweg. Loni lebt ihren Traum. Sie erlebt und überlebt anstrengende Proben, Lampenfieber, Eifersüchteleien und Affären zwischen den Ensemblemitgliedern.
Schnell wird klar, dass in der Theaterwelt hinter dem Vorhang nicht alles Gold ist, was glänzt und Loni wird teils schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Bretter, die die Welt bedeuten, können auch ganz schön hart sein. Und statt der ersehnten großen Rollen in den großen Dramen von Schiller oder Hauptmann, spielt sie bald zunehmend das junge, hübsche Mädel in „blöden Lustspielen“ (S.100) oder was sie selbst als „brauchbaren Kitsch“ (S.100) bezeichnet.

„Aber Sie haben mir nichts davon gesagt, daß es ‚brauchbaren Kitsch‘ geben muß, ‚daß die Leute abends lachen wollen‘ und daß der Herr Gemeindesekretär das Programm machen wird. Sie haben mir nichts davon gesagt, daß ich schöne Beine habe und daß ich im zweiten Akt, wenn ich ohnmächtig werde, von meinem Partner unbedingt so hinausgetragen werden muß, daß man meine Beine sieht…“

(S.103)

Auch mit ersten harschen Kritiken muss sie lernen umzugehen, sich mit schwierigen Kolleginnen und Kollegen arrangieren und sich viel in Textbücher vergraben, um in kurzer Zeit diverse Rollen einzustudieren.
Nicht selten klagt sie ihr Leid in Briefen an ihren geliebten Schauspiellehrer und Mentor in der Heimat und doch beißt sie sich durch, hat Erfolg und bekommt Applaus und Zuneigung des Publikums.
Doch auch die Saison in Mährisch-Niedau geht einmal zu Ende und was wird dann kommen?

„Das Leben ist: immer neue Rollen lernen müssen, die man zuerst nicht lieb hat, und die man doch liebgewinnen muß. Abend für Abend auf der Bühne stehen und immer mit zitternden Nerven kämpfen. Das Leben ist: manchmal ab 25. hungrig sein …“

(S.135)

Mir hat der frische, freche und lebendige Stil der Autorin sehr gefallen. Mit ihrer Art zu Erzählen hat sie mich sofort für sich eingenommen – das liest sich herrlich leichtfüßig und amüsant.
Man spürt, dass Lili Grün, die selbst als Schauspielerin und Kabarettistin gearbeitet hat, wusste, wovon sie schrieb. Die unstillbare Sehnsucht nach der Theaterkarriere, der Traum von großen, dramatischen Rollen und der Aufprall in der Realität, die sich doch oft ganz anders gestaltet: Das hat sie in „Zum Theater!“ wunderbar herausgearbeitet.

Für Theaterfans ist es ein wahres Vergnügen, einmal hinter die Kulissen des Theaterbetriebs eines kleinen Hauses mit begrenzten Möglichkeiten zu blicken.
Verknüpft mit einer Liebesgeschichte und in Kombination mit teils schrulligen, aber überwiegend sehr sympathischen Figuren, macht die Lektüre einfach Spaß und hebt die Laune wie ein schöner, unterhaltsamer Theaterabend.

In einem ausführlichen Nachwort der Herausgeberin Anke Heimberg erfährt man zudem dankenswerterweise auch mehr über die Lebensgeschichte der Autorin und ihre Werke. Die Jüdin Lili Grün, die 1904 in Wien geboren wurde und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet wurde, war selbst nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Schauspielerin. Sie gilt als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit und wurde häufig auch in einem Atemzug mit Irmgard Keun genannt. Ihr bekanntestes Werk ist wohl ihr Debütroman „Herz über Bord“ aus dem Jahr 1933, der mittlerweile ebenfalls bei AvivA als Neuausgabe mit dem Titel „Alles ist Jazz“ erschienen ist.

Buchinformation:
Lili Grün, Zum Theater!
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-932338-47-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lili Grüns „Zum Theater!“:

Für den Gaumen:
Durch die Lektüre habe ich ein wunderbares Wort kennengelernt: nachtmahlen. Herrlich, wenn man beim Lesen auch noch neue Worte entdecken darf.

„Was willst du nachtmahlen? (…) „Eierspeise mit Butterbrot“, sagte sie vergnügt.“

(S.76)

Zu einem Theaterbesuch:
Das Buch macht definitiv Lust auf einen Theaterbesuch und weckt die Fantasie, sich dabei vorzustellen, was hinter den Kulissen wohl alles so vor sich gehen mag. Vielleicht kann es ja auch den einen oder anderen Theatermuffel neugierig machen. Für leidenschaftliche Theaterverrückte wie mich ist es auf jeden Fall ein wunderbares Buch, um die Wartezeit zur ersten Aufführung der neuen Spielzeit zu überbrücken: Im Landestheater Niederbayern steht für mich bald die Boulevardkomödie „Boeing, Boeing“ von Marc Camoletti auf dem Plan – ich freue mich schon darauf.

Zum Weiterlesen (I):
Eine Rolle, die Loni intensiv studiert und nur allzu gerne auf einer großen Bühne vor Publikum spielen würde, ist das Hannele aus Gerhart Hauptmanns Drama „Hanneles Himmelfahrt“, das 1893 im königlichen Schauspielhaus Berlin uraufgeführt wurde. Heute ist das Stück nicht mehr häufig auf den Spielplänen zu finden und auch ich kenne das Stück über ein 14-jähriges Mädchen, das im Sterben liegt und Fieberträume hat, bisher nicht – gemäß der Inhaltsangabe ein schwerer, tragischer Stoff.

Gerhart Hauptmann, Hanneles Himmelfahrt
Henricus
ISBN: 978-3847843696

Zum Weiterlesen (II):
Für mich ist Lili Grüns erster Roman „Herz über Bord“ bzw. „Alles ist Jazz“ jetzt auf alle Fälle auf meine Wunschliste gewandert. Darin sucht die Wiener Schauspielerin Elli ihr Glück in Berlin und feiert schließlich Erfolge im Kabarett.

Lili Grün, Alles ist Jazz
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-949302-12-1

Grenzerfahrung

Winter, eine verschneite Berglandschaft und eine Frau mit einem Begleiter im Schlepptau bahnt sich den Weg durch den Schnee – sie möchte zur Grenze. Raus aus Deutschland, raus aus der Angst und der Gefahr, der sie als Jüdin tagtäglich ausgesetzt ist. Grete Weil hat 1944/45 in einem Amsterdamer Versteck ihren ersten Roman „Der Weg zur Grenze“ verfasst, der jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Ein Werk, das stark autobiografisch geprägt ist und in dem die Hauptfigur – die junge Monika Merton – 1936 versucht, aus Deutschland zu fliehen. Ihrem eher zufälligen Begleiter, dem Dichter Andreas von Cornides, erzählt sie ihre Geschichte.
Sie erzählt von ihrer Kindheit, in welcher sie behütet in einem bildungsbürgerlichen und wohlsituierten Elternhaus aufwächst und von ihrem Vater an Literatur, Musik und Oper herangeführt wird. Bereits als junges Mädchen entwickelt sie eine große Zuneigung zu ihrem Vetter Klaus und aus zarten Gefühlen wird schließlich Liebe.

„Du und ich, wir werden uns immer wieder an dieser Flamme verbrennen, wir sind ja viel zu süchtig nach Leben um heil zu bleiben.“

(S.79)

Monika und Klaus heiraten, doch die politische Situation und die Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung verschlechtern sich dramatisch und drastisch und überschatten so das Glück der beiden. Klaus wird verhaftet, ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er schließlich verstirbt.

„Um glücklich verheiratet zu sein, bedarf es einer Reife, die aus der Gebundenheit die tiefste Freiheit zu machen weiß, und einer bewussten Lebensführung, die den Bund für die Mitwelt zum liebenswerten Kunstwerk, für die beiden, die ihn eingegangen sind, aber zur ewigen Quelle des Lebens werden lässt.“

(S.161)

Monika bleibt allein zurück, entschließt sich zur Flucht und macht sich auf den „Weg zur Grenze“.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein Buch über Menschlichkeit, Haltung und Moral, aber auch über die Liebe – wenn auch eine meist unerfüllt-unglückliche – mit interessanten philosophischen Gedankengängen und Ausführungen.
Der Roman lebt stark auch durch viele Szenen, in welchen rege Diskussionen in intellektuellen Kreisen bzw. zwischen den Figuren geführt werden.
Im Buch wird debattiert, gehadert und um Erklärungen gerungen.
So wird zum Beispiel auch über das Pro und Contra der Todesstrafe diskutiert oder man begegnet einem Soldaten, der damit hadert, einen Tötungsbefehl gegeben zu haben.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein wichtiges und eindrückliches Buch, für das man jedoch Kraft braucht, das nichts für zarte, empfindsame Seelen ist und für das man sich Zeit und einen ruhigen Moment nehmen sollte. Es ist schonungslos, direkt und legt die Finger in die riesengroßen Wunden der damaligen Zeit. Ein schmerzhaftes Buch, welches das Grauen unmittelbar thematisiert und beim Namen nennt. Es behandelt Flucht, Suizidversuche, Deportation, Morde und Gewalt ebenso wie die Verhältnisse in den Konzentrationslagern – geschrieben 1944/45 von einer Frau, die zu dieser Zeit in einem kleinen Amsterdamer Versteck sitzt, täglich um ihr Leben fürchtet und bereits ihren Mann verloren hat, der 1941 im KZ Mauthausen ermordet wurde.

„Ihre Nerven, aus dem Erbgut jahrhundertelanger Verfolgung aufs Feinste gestimmt, wussten besser als sie selbst, wie groß der Segen ist, wenn die Ausübung von Humanität Ruhe und Atempause, Sammlung und menschenwürdiges Dasein für eine Zeitlang verbürgt. Ihr Verstand freilich dachte skeptisch darüber, und zehn Millionen im Namen der Zivilisation ermordeter Leichen machten den Glauben unmöglich.“

(S.116/117)

Autofiktional erzählt sie verschlüsselt ihre eigene, tragische Geschichte in einer Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann und möchte.
Zugleich ist es ein intelligentes, philosophisches Buch mit wunderbaren, klugen und klaren Sätzen – und für die Autorin wohl auch ein therapeutisches Buch, in dem sie versuchte, sich Leid, Trauer und Schmerz von der Seele zu schreiben – ein Versuch das Unfassbare zu verarbeiten und Erklärungen für das Unerklärbare zu finden.

„Ich glaube nicht daran, dass es Ideen gibt, die immer und unter allen Umständen richtig sind. Darum möchte ich die Welt so ansehen, mit etwas zusammengekniffenen Augen, damit die Sterne ein wenig verschwimmen, ineinanderfließen zu einer Helligkeit und ich nicht glauben muss, dass meine Sonne die einzige Quelle der Wärme ist. Bei allem Ernst möchte ich ungern auf die Ironie verzichten, die den letzten und schrecklichsten Dingen die Spitze abbricht.“

(S.85)

Es ist ein wichtiges, eindrucksvolles Zeitzeugnis und ein Werk gegen das Vergessen, das jetzt endlich – nach so langer Zeit – den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat.
Ein flammender Appell an Zivilcourage und Menschlichkeit:

„Glaubst du“, fragte sie, stand auf und stellte sich neben ihn, „dass die Opfer schuldlos sind? Wir alle, du und ich und auch Klaus, haben es soweit kommen lassen, ohne ernstlich etwas dagegen zu tun. Wir haben mit in den Schoß gelegten Händen zugesehen, wie die Dämonen über unser Land gekommen sind. Die Sorge um Deutschland hat uns nicht um unsern Schlaf gebracht. Wir haben vorgegeben, Leben und Freiheit zu lieben, und waren zu faul, von unseren weichen Betten aufzustehen.“

(S.336)

Abgerundet wird die Ausgabe durch eine editorische Notiz und ein interessantes Nachwort der Herausgeberin Ingvild Richardsen, das die Entstehungsgeschichte des Werks sowie die autobiografischen Bezüge des Romans zu Grete Weil’s Lebensgeschichte herausarbeitet.
Grete Weil (1906 – 1999) wurde zu Lebzeiten unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis, dem Tukan-Preis der Stadt München und der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Grete Weil, Der Weg zur Grenze
C.H.Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-79106-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“:

Für den Gaumen:
Auf der Flucht bewirtet Monika ihren Begleiter Andreas auf einer Berghütte noch ziemlich fürstlich:

„Es gab Brot und Wurst, harte Eier, Schinken, Sardinen, Orangen, Äpfel und Kuchen, Rosinen, Mandeln und Haselnüsse, Tee und Cognac (…)“

(S.25)

Zum Weiterhören:
Als Weihnachtsgeschenk und als Zeichen seiner Liebe schenkt Klaus Monika Schallplatten von Mozart’s „Requiem“ – Musik, die beiden sehr viel bedeutet:

„(…) die Orgel ertönte, und es war alle Trauer, aber auch alle süße Freude der Welt in dieser Musik.“

(S.198)

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
In friedlichen Zeiten geht Monika auch gerne ins Theater – unter anderem besucht sie eine Aufführung von Shakespeare’s „Romeo und Julia“:

„Er hat zwei Karten für ‚Romeo und Julia‘ erstanden, das in dem Ausstellungstheater gegeben wird, und es dauert nicht lange, bis die beiden Kinder nebeneinander sitzen und zusammen den süßesten, innigsten Liebesworten lauschen, die je gesagt wurden.“

(S.34)

Zum Weiterlesen:
Meine Lektüre von Anne Frank’s Tagebuch liegt viele Jahre zurück – ich habe es während meiner Schulzeit gelesen. Und vieles der Entstehungsgeschichte von Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“ erinnert auch ein wenig an dieses berühmte Buch. Schließlich schrieb Weil den Roman ebenso unter widrigen Umständen in einem Amsterdamer Versteck. Natürlich lässt sich der Tonfall der erwachsenen Frau, die in Romanform ihre Erfahrungen verarbeitete, nicht mit der Tagebuch-Form der jugendlichen Anne Frank vergleichen und doch handelt es sich um zwei Zeitzeugnisse und wichtige Mahnmale gegen das Vergessen:

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzerin: Mirjam Pressler
S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397151-4

Zwölf Monate im Jahr 1939

Frauen in der Fremde – das Jahr 1939 treibt viele Künstlerinnen ins Exil – Unda Hörner schildert in ihrem neuen Buch „1939 – Exil der Frauen“ stellvertretend die Geschichten einiger dieser Frauen: von Hannah Arendt, über Erika Mann bis hin zu Marlene Dietrich oder der Fotografin Lotte Jacobi.

Was bedeutet es, fremd zu sein, alle Brücken hinter sich abzubrechen und fernab der Heimat einen Neuanfang zu wagen.
Helene Weigel, Else Lasker-Schüler oder auch Luise Mendelsohn machten genau diese Erfahrungen und die Autorin begleitet sie dabei. In Anekdoten und kurzen Szenen wirft sie Schlaglichter auf entscheidende aber auch alltägliche Momente des Jahres 1939.

Zudem erfährt man wie Simone de Beauvoir im Café de Flore ihr Kriegstagebuch führt, Milena Jesenská sich in Prag dem Widerstand anschließt, Frida Kahlo einer wichtigen Ausstellung in Paris entgegenfiebert oder woher die Idee zu Bertolt Brecht’s „Mutter Courage“ stammt.

Ein bunter Bilderbogen, der wimmelbildartig anhand expressiver Augenblicke einen Querschnitt durch die intellektuelle weibliche Künstlerszene und Gedankenwelt des Jahres 1939 auffächert und die Stimmung, die Ängste, Sorgen und Nöte sehr gut transportiert. Ein Lesegenuss für alle, die sich für Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte interessieren und gerade auch aufgrund der Tatsache, dass explizit die doch häufig im Schatten stehenden Frauen im Fokus sind, sehr empfehlenswert.

Die Konstruktion in zwölf Monatskapiteln die Geschichte des Jahres 1939 zu erzählen und die Frauen immer wieder über mehrere Stationen hinweg durch dieses schicksalshafte Jahr zu begleiten, ist in meinen Augen sehr gelungen umgesetzt und lässt das Buch – trotz vieler, schnell wechselnder unterschiedlicher Szenen und Momentaufnahmen – insgesamt sehr rund wirken bzw. schafft einen ruhigen, geordneten Rahmen.

Wie bereits bei den ersten Bänden der Reihe wurde als Umschlagbild eines der ausdrucksstarken Gemälde der Künstlerin Tamara de Lempicka gewählt, das wunderbar zu Zeit und Inhalt passt und so auch die optische Aufmachung sehr wertig und ansprechend gestaltet.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt, kann erahnen, dass ich mich immer wieder gerne literarisch mit der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre beschäftige. So ist es kein Wunder, dass mich auch Unda Hörner’s Buch über die starken Künstlerinnen im Jahr 1939 und ihre Lebens- und Fluchtschicksale fasziniert, informiert und doch auch aufgrund des flüssigen Erzählstils zugleich unterhalten hat.

Einiges weiß man, wenn man sich schon öfter mit dieser Epoche befasst hat und hat man vielleicht auch schon einmal gehört oder gelesen. Und dennoch ist die Lektüre in jeder Hinsicht lohnend und aufschlussreich. Zudem begegne ich nicht nur mir bekannten Büchern und literarischen Querbezügen, sondern sauge gerne auch immer neue, weiterführende Lesetips auf wie ein Schwamm und füge sie meiner geistigen Lesewunschliste hinzu. Und da hat das Werk auch wieder Vieles zu bieten.

Allen, die sich vielleicht ein erstes Mal dem Thema widmen oder noch nicht so vertraut sind mit der weiblichen Kunst- und Kulturszene der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, kann das Buch eine schöne erste Orientierung und weitere Impulse geben.

Wer also gerne mehr über Anna Freud in London, Helene Weigel in den Stockholmer Schären, Else Lasker-Schüler in Israel oder Annemarie Schwarzenbuch in Afghanistan erfahren möchte, der liegt mit Unda Hörner’s neuem Sachbuch goldrichtig. Doch die dunklen Wolken, die Bedrohung, Verfolgung und die Existenzängste sind steter Begleiter. Der Titel des Buches ist nicht umsonst gewählt, denn die meisten Frauen, die im Zentrum des Werkes stehen, eint eines: sie befinden sich auf der Flucht oder bereits im Exil.

„Wer jetzt unterwegs ist, reist mit kleinem Gepäck und ohne Rückfahrkarte. Wer jetzt in ferne Länder kommt, hat keine Auge für Sehenswürdigkeiten, sondern hofft auf gnädige Einwanderungsbehörden. Und wer sich selbst in Sicherheit weiß, lebt in Sorge um die Zurückgelassenen und mit dem Schmerz über bereits erlittene Verluste – manch einer auch in Angst vor dem langen Arm der Gestapo, der über Grenzen reicht.“

(S.69)

Ein Buch voller Abschiede und Neuanfänge, voll Trauer und Angst, aber auch voller Hoffnung, eine Zeit der Schicksalsschläge und Umbrüche – kaum ein Stein blieb auf dem anderen und doch stellten sich viele intellektuelle, begabte und kluge Frauen ihrem Schicksal und den Herausforderungen und boten die Stirn. Vielleicht vermag „1939 – Exil der Frauen“ auch manchen LeserInnen Inspiration zu bieten, die gerade in der heutigen Zeit wieder sehr gefragt sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass Unda Hörner ihre gut recherchierten und facettenreichen Bücher zu Kultur- und Zeitgeschichte fortsetzt und um weitere Bände ergänzt – denn dies wäre in jedem Sinne bereichernd.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach&simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Unda Hörner, 1939 – Exil der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-268-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Unda Hörner’s „1939 – Exil der Frauen“:

Für den Gaumen:
Helene Weigel ist auch im Stockholmer Exil für das leibliche Wohl der Familie und Brecht’schen Entourage zuständig:

„Die Rezepte ihrer Heimatstadt Wien beherrscht sie wie im Schlaf, Wurstsalat, Strudel und Nockerln und natürlich das klassische Wiener Schnitzel.“

(S.97/98)

Zum Weiterhören:
Für die Musikerin Luise Mendelsohn ist Musik auch im Jerusalemer Exil ein wichtiger Anker – so wie bereits früher in Berlin:

„Musik erfüllte unser Haus“, erzählt Luise Mendelsohn, die studierte Musikerin, jedem Besucher der Jerusalemer Mühle. Auch Einstein frequentierte ihren Berliner Salon, per Segelboot kam er über den See, die Violine an Bord. (…) Er bevorzugte Haydn, was mich verblüffte.“ Luise Mendelsohn liebt Bach. Sie holt ihr Cello hervor und beginnt zu spielen, das berühmte Air.“

(S.22)

Zum Weiterlesen (I) oder vorher lesen:
Bislang hatte ich es noch nicht geschafft, die ersten beiden Bände der Reihe zu lesen, aber das möchte ich jetzt unbedingt bald nachholen, denn Unda Hörner hat bereits mit „1919 – Das Jahr der Frauen“ und „1929 – Frauen im Jahr Babylon“ zwei weitere Jahre und die Geschichten starker Frauen näher beleuchtet:

Unda Hörner, 1919 – Das Jahr der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-169-4

Unda Hörner, 1929 – Frauen im Jahr Babylon
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-213-4

Zum Weiterlesen (II):
Wer Bücher liebt, die sich bestimmten Jahren oder Jahrzehnten widmen, kaleidoskopartig ein Stimmungsbild der jeweiligen Epoche zeichnen und den Zeitgeist durch Anekdoten und eingängige Szenen wieder lebendig werden lassen, dem kann ich auch Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ sehr ans Herz legen, das ich Anfang diesen Jahres auf der Kulturbowle vorgestellt habe:

Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397073-9

Dänische Perspektiven

Zwei Romane, die zusammengehören und doch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, hat die dänische Autorin Helle Helle mit ihren Werken „SIE“ (Originaltitel: de, 2018) und „BOB“ (Originaltitel: BOB, 2021) veröffentlicht, die nun auf deutsch in einer Übersetzung von Flora Fink als Doppelroman „SIE und BOB“ bei Dörlemann erschienen sind.

Im ersten Roman lernt man Mutter und Tochter kennen – im Dänemark der 80er Jahre besucht die Tochter das Gymnasium und kümmert sich zugleich um die kranke Mutter.

„Also fährt sie heute nicht zum Krankenhaus, ihre Mutter meint auch, sie solle nicht jeden Tag den langen Weg auf sich nehmen, sie solle lieber an sich denken und sich zum Beispiel ein großes Plunderteilchen kaufen.“

(S.103/104)

Eine Jugend zwischen Schule, Clique, Musik, Freizeitaktivitäten, erster Liebe und dem Meistern des Alltags ohne die Mutter, die eine Lücke reißt, welche von der Tochter gefüllt werden muss.

Und auch Bob – der Freund und spätere Partner der Tochter – taucht bereits im ersten Band auf – als Teil der Clique. Später wird er im zweiten Roman „BOB“ selbst im Zentrum der Erzählung stehen. Denn während seine Freundin bereits zu wissen scheint, was sie will und an konkreten Zukunftsplänen arbeitet, weiß er nur, was er nicht will, lässt sich ohne klare Richtung treiben, stromert durch Kopenhagen und beginnt schließlich als Aushilfe in einem Seemannshotel am Nyhavn zu jobben.
Der Alltag, Geldsorgen, die Enge der kleinen gemeinsamen Wohnung – all das belastet die noch junge Beziehung zunehmend.

Die Romane und die Sprache erinnern an dänisches Design: sehr reduziert, puristisch, minimalistisch und doch sehr natürlich.
Helle Helle arbeitet sehr ausgeprägt mit Sinneswahrnehmungen aller Art: Beobachtungen, Geräusche, Gerüche – die Lektüre wird so gleichsam zum sinnlichen Erlebnis.

„Die Felder rauschten, die altbekannten Lerchen sangen. Es war jedes Wochenende wieder dasselbe. Er wollte dabei sein, und er wollte nicht dabei sein. Fühlte sich höher als high und ganz weit unten. Doch wer wusste, womit andere sich herumschlugen. Einer in der Clique hatte seine Schwester verloren.“

(S.216)

Die Lektüre erfordert Konzentration und man muss schauen, dass der Text nicht einfach so an einem vorbeirauscht. Denn vieles scheint auf den ersten Blick unspektakulär, geradezu alltäglich und doch ist zwischen den Zeilen so manche wichtige Aussage und so manche Perle versteckt.

„Seine Mutter hat Sauerteigbrot gebacken, es liegt unter einem Tuch in der Küche. Sie decken den Tisch mit Tassen und Butter, kochen auch Tee, heben den Wein für später auf. Sie lachen viel und reden über alles Mögliche, auch die Zukunft, bis auf sie schließen alle im Sommer die Schule ab, aber niemand will sofort studieren. Zuerst wollen sie von zu Hause ausziehen, vielleicht gründen sie eine Wohngemeinschaft. Sie sprechen über die Möglichkeit, als Selbstversorger zu leben, die damit verbundene Freiheit, Bob schüttelt den Kopf.“

(S.136)

Es lohnt sich daher, genau hinzuschauen, genau zu lesen, denn die Kunst besteht darin, in all dem Alltäglichen das Schöne und das Besondere zu sehen und es herauszufiltern. Auch das Herz tragen die Figuren nicht auf der Zunge, Gefühle werden nicht laut herausgeschrien, sondern offenbaren sich meist nur in kleinen Gesten und Bemerkungen.

Doch wenn man sich auf den stillen, leisen und melodiösen Tonfall der Autorin einlässt, wird man durch wunderbare Momente belohnt, die immer wieder aufblitzen und tief in die Seelen der Charaktere blicken lassen. Man muss nur wach sein und die Augen offen halten.

„Eine unangetastete Tasse Kakao auf dem Schreibtisch, lange helle Nächte hindurch. Sich zurückwünschen in den März oder vorigen Sommer. Erbsenschoten, Kopfhaut voll von Sand. Es vergingen vier Monate, bis er wieder er selbst war, es war wie seine Mutter sagte: – Es dauert doppelt so lange, über Krankheit und Liebe wegzukommen, wie die Krankheit selbst dauert.“

(S.206)

Helle Helle hat zwei Romane über kleine und große Gefühle geschrieben – über die Liebe zwischen Mutter und Tochter ebenso wie über die erste große Liebe in einer noch jungen Beziehung. Familie, Krankheit, Freundschaft, Liebe, Alltagssorgen – es geht um das Zwischenmenschliche, kurz gesagt um das Leben und Zusammenleben.

Wer temporeiche und vor Handlung strotzende Romane liebt, in denen es Schlag auf Schlag geht und sich die Ereignisse überschlagen, der wird vermutlich mit „SIE und BOB“ nicht warm werden. Wer aber Freude an ausdrucksstarken Charakterzeichnungen und sprachlichen Feinheiten, nuancierten Klangfarben, sorgfältig gewählten Formulierungen und einer puristisch-poetischen Sprache hat, der kann in „SIE und BOB“ sehr viel Schönes entdecken.

Das Glück in den kleinen Dingen finden, wach und mit Sinn für Schönes durchs Leben gehen, es sich gemütlich machen: Hygge, das ist fester Bestandteil des dänischen Lebensgefühls und auch dieser Doppelroman kann zu diesem Gefühl beitragen: also ein paar Kerzen angezündet, die Kuscheldecke und das Buch geschnappt und dann gemütlich ins dänische Kopenhagen der 80er Jahre abtauchen – ein leises, feines und gefühlvolles Buch für einen hyggeligen Leseherbst.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Helle Helle, SIE und BOB
Aus dem Dänischen von Flora Fink
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-110-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helle Helle’s „SIE und BOB“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bei den Jugendlichen meist ziemlich bodenständig zu:
Zum Abendtee bei der Freundin gibt es Brie mit Honig und Knäckebrot.

Zum Weiterhören (I):
Das bevorstehende Konzert von Pia Raug – einer dänischen Singer-Songwriterin – ist großes Gesprächsthema im Freundeskreis. Ich kannte die Sängerin bisher nicht, auf YouTube kann man allerdings in einige Songs reinhören, z.B. in „Hej Lille Drøm“, das zugleich auch der Name ihres ersten Albums aus dem Jahr 1978 ist.

Zum Weiterhören (II):
Musik ist ein großer Emotionsträger auch in diesem Roman. Ebenfalls aus dem Jahr 1978 ist ein weiterer Song, der im Buch vorkommt: Art Garfunkel’s berühmter Nummer-1-Hit „Bright Eyes“:

„Im Bus nach Hause denkt sie: I see, ganz genau, und genau in dem Augenblick schaltet der Fahrer das Radio an, sie spielen Bright Eyes. Das ist fast zu viel. Die Felder leuchten.“

(S.158/159)

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über eine andere dänische Kindheit und Jugend lesen möchte – und zeitlich noch etwas weiter zurückreisen möchte, der ist mit Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie bzw. den ersten beiden Bänden „Kindheit“ und „Jugend“ gut bedient, die autobiografischen Romane, die ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, sind ebenso sehr feine und lesenswerte Literatur aus Dänemark:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

Augustbowle 2022 – Dauersonne und Spätsommermuße

Sommersonne satt, leider viel zu wenig Regen für die dürstende Natur und laue Abende zum draußen sitzen – all das war der August. Zudem noch einmal Muße für ausgedehnte Lektüren und Musikgenuss.

Der August war für mich ein Opernmonat:
So gab es auf 3Sat die diesjährige Neuinszenierung von Giacomo Puccini’s „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne (noch bis zum 13.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar), die auf einem großen weißen Blatt Papier eindrucksvolle Bilder entstehen ließ.

Hochinteressant und sehr gelungen fand ich auch die Barrie Kosky-Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper „Káta Kabanová“ aus der Salzburger Felsenreitschule (noch bis zum 20.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar) – eine für mich neue Oper, die ich vorher noch nie gesehen oder gehört hatte. Sowohl die Inszenierung aber vor allem auch die Sopranistin Corinne Winters in der Titelrolle haben mich wirklich fasziniert.

Zudem habe ich im August meinen zweiten Bloggeburtstag gefeiert – mit einer herrlichen Melonenbowle. Über Eure Glückwünsche, Kommentare und Likes habe ich mich sehr gefreut. Dankeschön!

Lektüretechnisch war der August wieder sehr ergiebig und vielseitig:
Mit Ilinca Florian’s gefühlvollem Roman „Bleib, solang du willst“ durfte ich eine für mich neue Autorin kennenlernen, die eine sehr berührende Geschichte über zwei Schwestern und auch darüber geschrieben hat, was es bedeutet alleinerziehend zu sein.

Noch einmal an die Ostsee und zu einem interessanten Kapitel der Geschichte entführte mich Karin Kalisa’s Roman „Fischers Frau“. Bisher hatte ich noch nichts über die Pommerschen Fischerteppiche gehört, welche die Fischer ursprünglich während eines Fischereiverbots in den späten Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor der Arbeitslosigkeit bewahren sollten und später als Kunsthandwerk fortgeführt wurden. Ein toller Stoff, raffiniert umgesetzt, zudem spannend, aufschlussreich und sehr kurzweilig zu lesen!

Eine große Familiensaga über mehrere Generationen hinweg aus dem österreichischen Mühlviertel erzählt Judith W. Taschler in ihrem Roman „Über Carl reden wir morgen“. Ein richtiger Schmöker, der sich gut liest und ein großes Geschichts- und Familienpanorama auffächert, das vielleicht noch nicht einmal auserzählt ist – für Fans von opulenten Familienromanen eine gute Wahl!

August ist Festspiel- und Krimizeit in Salzburg: Manfred Baumann hat mittlerweile seinen zehnten Band mit Kommissar Merana vorgelegt: „Salzburgrache“ – ein etwas düsterer Jubiläumsfall, der dieses Mal vor allem auf der Festung Hohensalzburg und auf weiteren Burgen in der Umgebung spielt.

Einen weiteren – wenn auch völlig andersartigen – Krimi bekam ich mit Andreas Storm’s Debüt „Das neunte Gemälde“ vor die Lesebrille. Ein temporeicher, vielschichtiger Kunstkrimi nahezu in James Bond-Manier, der den Leser mitnimmt auf einen wilden Ritt zwischen dem besetzten Paris während des zweiten Weltkriegs, dem Bonn der Sechziger Jahre und dem Jahr 2016 auf der Suche nach der wahren Geschichte eines NS-Raubkunst-Gemäldes.

Poetisch, mystisch und rätselhaft – und somit ein unvergessliches und außergewöhnliches Leseerlebnis war für mich Mariette Navarro’s Roman „Über die See. Die Kapitänin eines großen Frachtschiffs gestattet auf offener See ihrer Besatzung von Bord zu gehen, um eine Runde zu schwimmen – ein unerhörter Vorgang, der zur emotionalen Ausnahmesituation wird. Ein Buch fernab des üblichen Mainstreams und daher in meinen Augen besonders interessant.

Und es ging sehr stark weiter mit – wie ich mich schon jetzt beurteilen traue – einem meiner absoluten Leseglanzlichter in diesem Jahr 2022: Annabel Wahba’s Debütroman „Chamäleon“, in welchem die Autorin basierend auf Autobiografischem die Geschichte ihrer ägyptisch-deutschen Familie erzählt. Ein Buch, das mich zutiefst berührt hat, das von der ersten Seite weg bewegt und fasziniert und das man gar nicht mehr weglegen möchte. Die Schwester erzählt am Sterbebett ihres krebskranken Bruders gegen den Tod an – gleich einer modernen Version von Tausendundeine Nacht – und setzt somit ihren Vorfahren, d.h. vor allem den Großeltern und Eltern ein bleibendes Denkmal, schafft eine literarische Erinnerung der Familiengeschichte, die bleiben wird und thematisiert zugleich, was Herkunft, Migration und ein Leben fernab des Geburtslandes bedeutet. Ganz große Leseempfehlung!

Der August war für mich auf jeden Fall ein Monat mit sehr starken Autorinnen, die ich entdecken durfte: So auch die dänische Schriftstellerin Helle Helle mit ihrem Doppelroman „SIE und BOB“, über den ich bald noch näher berichten werde (und zwar hier). Sprachlich hochinteressant und stilistisch außergewöhnlich, erlebt man vermeintlich Alltägliches aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, das zwischen den Zeilen doch große Gefühle transportiert. Raffiniert!

Nach „Liebe in Zeiten des Hasses“ oder „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ hat mich auch Unda Hörner’s neues Sachbuch „1939 – Exil der Frauen“ sehr fasziniert und in den Bann gezogen. Ein fesselndes, vielschichtiges Kaleidoskop – das in zwölf Kapiteln, die jeweils den Monaten des Jahres 1939 gewidmet sind – vor allem die Lebensschicksale weiblicher Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellt. So erfährt man als Leser, wie das dunkle Jahr 1939 die Lebenswege von Frida Kahlo, Else Lasker-Schüler, Simone de Beauvoir oder Helene Weigel – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – nachhaltig veränderte. Auch hierzu folgt in Kürze eine ausführliche Besprechung.

Ende August habe ich mich wieder einmal ein wenig in Bayreuth- und Wagner-Lektüre vertieft. So habe ich nach einigen Jahren die beiden Bücher von Herbert Rosendorfer „Bayreuth für Anfänger“ und „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ erneut gelesen – eine unterhaltsame Art sich dem Festspielbetrieb und den Werken zu nähern (wohlgemerkt von einem Verfasser, der sich selbst nicht als Wagnerianer bezeichnete).
Thea Dorn’s Krimi „Ringkampf“, der schon länger bei mir im Regal stand und der die Ränke und Intrigen hinter den Kulissen während einer Ring-Inszenierung in der Frankfurter Oper in den Mittelpunkt stellt, war schnell gelesen, wird aber bei mir wohl eher nicht lange nachklingen.

Was bringt der September?

Der reguläre Kulturbetrieb läuft nach den Festspielzeiten und sommerlichen Theaterpausen schön langsam wieder an. Ich freue mich vor allem auf eine besondere Lesung, die pandemiebedingt vom Frühjahr in den Herbst verlegt wurde und jetzt wieder in meinem Kalender steht – ich hoffe, ich kann dieses Mal berichten. Daumen halten!

Zudem habe ich auch wieder zwei musikalische Kulturtips fürs Fernsehen:
Am 10. September um 20.15 Uhr gibt es auf 3Sat die diesjährige „Nabucco“-Inszenierung aus dem Steinbruch St. Margarethen zu sehen.

Und am 17. September um 20.15 Uhr freue ich mich auf einen absoluten Pflichttermin in meinem Kulturjahr – ebenfalls auf 3Sat – mit der traditionellen „Last night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall. Dieses Jahr gibt es für mich auch ein Wiedersehen mit der wunderbaren norwegischen Sopranistin Lise Davidsen, die ich schon live erleben durfte und natürlich mit den üblichen Klassikern (inklusive Publikumschoreografie) zum Ende des Konzerts, die nicht fehlen dürfen.

Dazu freue ich mich auf einen prächtigen Altweibersommer oder Frühherbst – mal sehen, was es werden wird – mit schönen Spaziergängen und tollen Büchern, um stimmungsvoll in einen gemütlichen Leseherbst zu starten.

Und so wünsche ich allen einen gelungenen Start in einen bunten, wunderbaren Kultur- und Bücherherbst! Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:

Eine Scheibe gutes Brot mit einem schmackhaften Aufstrich, das ist etwas Wunderbares. Diesen Monat gab es selbst zubereiteten Liptauer Aufstrich (das Rezept findet man hier) auf Sauerteigbrot – würzig, einfach und gut – herrlich zur Brotzeit.

Musikalisches im August:
Meine musikalische Entdeckung diesen Monat war sicherlich „Ethiopia’s Shadow in America“ von der amerikanischen Komponistin Florence Price (1887 – 1953) aus dem Jahr 1932. Schön, dass auf den Klassiksendern im Radio jetzt auch ab und an die Werke weiblicher Komponistinnen ihren Platz bekommen.

„Weisst du, wie das wird?“

(Richard Wagner, Libretto „Götterdämmerung“)