Novellant trifft Kurtisane

Rom – die ewige Stadt – ein literarischer Schauplatz, der mich immer wieder magisch anzieht und gerade jetzt im Herbst, wenn die Abende länger und dunkler werden, ist für mich oft die richtige Zeit für einen richtig schönen Schmöker. „Mercuria“ von Michael Römling ist ein herrlicher historischer Roman, der einen abtauchen und die Welt um einen herum vergessen lässt.

16. Jahrhundert – Renaissance in Rom – die Stadt pulsiert und bietet stets Stoff für aufregende Geschichten und Neuigkeiten. Michelangelo, dessen malender Vater ihn nach seinem größten Vorbild benannte, laviert sich als kleiner Gazettenschreiber mit meist halbwahren und erfundenen Geschichten durchs Leben.

Als er bei einer seiner abenteuerlichen Recherchen zufällig Mercuria kennenlernt, die als ehemalige Kurtisane in den höchsten Kreisen verkehrte und so zu Reichtum gekommen ist, findet er in einem ihrer Mietshäuser Unterschlupf. In ihren Häusern hat sie bereits ein illustres Völkchen an Schützlingen um sich versammelt – ihre Ersatzfamilie, die sie wie eine Löwenmutter verteidigt und vor Unheil schützt – zumal sie vor vielen Jahren ihre einzige Tochter unter tragischen Umständen verloren hat.

„Das war also die Gesellschaft, in der ich mich nun befand: eine ehemalige Kurtisane, die anstößige Schwänke vortrug, ein Bildhauer, der ketzerische Werke entwarf, ein in offenem Konkubinat lebendes Paar, das Schindluder mit religiösen Praktiken trieb und reuelosen Sündern für Geld bei der Sakramentserschleichung behilflich war, und schließlich ein ehemaliger Jude, der heidnische Autoren studierte und wissenschaftliche Studien über Geschlechtskrankheiten betrieb.“

(S.115)

Der gewaltsame Tod der Tochter hat Mercuria nie losgelassen und so sinnt sie auch nach langen Jahren immer noch auf Rache. Michelangelo, der nicht nur ein umfangreiches Archiv an geheimsten Dokumenten, Nachrichten und Papieren von seinem Onkel geerbt hat, das sich als wahre Goldgrube erweist, sondern der sich auch gerne unkonventioneller und nicht zwingend legaler Methoden der Informationsbeschaffung bedient, kommt ihr daher gerade recht. Vielleicht kann er auf seine Art und mit Hilfe der Geheimdokumente des Onkels endlich Licht ins Dunkel bringen.

Jener Onkel, der ihn stets gerne in seinen Fußstapfen als Novellant, d.h. als Nachrichtenhändler, der mit wertvollen Informationen aus Kreisen der Kurie und der römischen Gesellschaft handelte, gesehen hätte, sich der Wahrheit verpflichtet hatte und der über die erfundenen Geschichten und Gazetten seines Neffen ohnehin nur die Nase gerümpft hätte.

„Vielleicht fängst du mal damit an, es mit der Wahrheit etwas genauer zu nehmen. Das ist nämlich eine Krankheit unserer Zeit. Die Welt dreht sich immer schneller. Jeder versucht, lauter zu sein als die anderen. Immer raus mit den Nachrichten, ob sie stimmen oder nicht. Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, was sie glauben sollen.“

(S.213)

Gemeinsam mit seinem Mitbewohner, dem kräftigen Bildhauer und gewitzten Unikum Gennaro macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Dass die beiden dabei so manches Hindernis zu überwinden und so manche gefährliche Mission zu meistern haben, schweißt sie ebenso zusammen wie die ausgelassenen Feiern mit Mercuria’s Mitbewohnern im gemeinsamen Innenhof.

Verwicklungen, Enthüllungen, unerwartete Wendungen – der Roman hat alles, was ein spannender historischer Schmöker braucht. Dazu der grandiose Schauplatz: Rom, der Vatikan mit dem gerade im Bau befindlichen Petersdom, die Inquisition, die Intrigen und Machtspiele der Kardinäle und Papstkandidaten – daneben der Hortaccio, das Viertel der Kurtisanen.

So erfährt man bei der Lektüre auch einiges über die römische Geschichte, die Zeit der Renaissance oder zum Beispiel auch über den Sacco die Roma im Jahre 1527, als Landsknechte und Söldner den Kirchenstaat und die Stadt plünderten.

Und man lernt, was es mit dem Pasquino auf sich hat: dem Torso einer antiken Statue, der in der Nähe der Piazza Navona steht und an welcher nachts heimlich Spottgedichte und satirische Verse befestigt wurden, die sich gegen die Obrigkeit – die Kirche und die Politik – richteten. Auch im Roman bedient sich jemand dieses Ventils, um seiner Empörung Luft zu machen.

Vom langen Personenverzeichnis, das dem Buch vorangestellt ist, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Beim Lesen findet man sehr schnell in die Geschichte und gerade die plastischen Charaktere und sympathischen Hauptfiguren wachsen einem sofort ans Herz. Man zittert, fiebert und feiert mit Michelangelo, Mercuria und Gennaro und die spannende Handlung lässt einen das Buch nur noch ungern zur Seite legen.

„Manchmal ist es erst ein kleiner Makel, der schöne Dinge richtig schön macht. Eine schwarze Äderung im weißen Marmor. Man kann sie nicht herausschleifen, ohne die Vollkommenheit der Skulptur zunichtezumachen. Stattdessen sollte man sie polieren.“

(S.334)

So durfte ich dank „Mercuria“ einige sehr spannende – man könnte schon fast von einem Historienkrimi sprechen – und sehr kurzweilige Stunden im Rom der Renaissance verbringen, die ich sehr genossen habe. Und mit der Erkenntnis, dass sich manches wohl kaum ändert und die Novellisten der damaligen Zeit vielleicht die Whistleblower oder Nachrichtenagenturen von heute sind und die unseriösen Gazettenschreiber schon damals „Fake News“ verbreitet haben, lässt sich auch der Bogen in die heutige Zeit schlagen.

Michael Römling hat Geschichte studiert, promoviert und acht Jahre in Rom gelebt. Für alle Rom-Fans, Freunde eines opulenten Historienschmökers und Liebhaber einer gut erzählten Geschichte, bei der man auch noch etwas lernen kann, ist „Mercuria“ sicherlich eine gute Wahl. In diesem Sinne: Arrivederci, Roma! Und bis zum nächsten Mal!

Buchinformation:
Michael Römling, Mercuria
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00128-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michael Römling’s „Mercuria“:

Für den Gaumen:
Mercuria hat einen auserlesenen Weingeschmack und kann es sich leisten. So lockert ein Gläschen Grenache – eine rote Rebsorte – die Zunge und sie erzählt bei einem gutem Wein über ihre bewegte Vergangenheit.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Tizian’s Danae hat einen kurzen Gastauftritt in „Mercuria“ – aktuell ist in Wien vom 05.10.21 bis zum 16.01.22 im Kunsthistorischen Museum die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ zu sehen. Auch der Webauftritt dieser Ausstellung ist bereits sehr sehenswert und so kann man sich auch ein gutes Bild verschaffen, wenn man gerade nicht die Möglichkeit hat nach Wien zu reisen.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich bereits Michael Römling’s historischen Roman „Pandolfo“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Schauplatz war hier das Mailand der Renaissance bzw. des 15. Jahrhunderts.

Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-27619-4

Familie Shakespeare

Maggie O’Farrells mit dem Women’s Prize for Fiction 2020 ausgezeichneter Roman „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie Shakespeare: seiner Frau Agnes und seiner Kinder Susanna, Judith und Hamnet. Ein Thema und vor allem eine Persönlichkeit, die mich seit meiner Schulzeit fasziniert, mir unzählige, unvergessliche Theaterbesuche beschert hat und hoffentlich noch wird und daher das Buch sofort an die Spitze meiner Bücherwunschliste katapultiert hat.

Man weiß wenig über William Shakespeare, den größten Dramatiker aller Zeiten und sein Leben, was dazu führt, dass sich zahlreiche Geschichten und Mythen um ihn ranken. Und so erzählt Maggie O’Farrell basierend auf den wenigen bekannten Fakten wohl vor allem eine fiktive Geschichte über ihn und seine kleine Familie in Stratford-upon-Avon und nimmt sich die künstlerische Freiheit, eine liebevolle, anrührende Geschichte über Liebe, Familie, Schmerz und Verlust zu erzählen.

16. Jahrhundert im englischen Stratford-upon-Avon: Der junge William Shakespeare steht unter der Fuchtel seines dominanten Vaters – des ehemaligen Bürgermeisters und angesehenen Handschuhmachers, der jedoch in der Dorfgemeinschaft durch unlautere Geschäfte in Verruf geraten und in Ungnade gefallen ist. Gesellschaftlich ausgegrenzt und vom Dorfleben ausgeschlossen, lässt dieser seine Wut nicht selten auch in Form körperlicher Gewalt an seinem Sohn aus und zwingt ihn, mit dem Erteilen von Lateinstunden die Schulden seines Vaters abzuarbeiten.

Als dieser jedoch der kühnen und unangepassten, adligen, jungen Frau Agnes begegnet, ist es um ihn geschehen. Agnes ist eine außergewöhnliche, starke Persönlichkeit. Sie versteht sich auf Falknerei, kennt die Wirksamkeit von Heilkräutern und scheint eine besondere Gabe zu haben, die Vergangenheit und Zukunft von Menschen erspüren und sehen zu können. Im jungen Shakespeare sieht sie Großes und als sie sich in den Kopf setzt, diesen Mann trotz der Standesgrenzen heiraten zu wollen, weiß sie, dass sie dieses Ziel mit einer Schwangerschaft wohl am ehesten erreichen wird.

„Ein juwelenübersäter, von silbernen Löchern durchbohrter Himmel ruhte auf den Dächern der Stadt. Mit dem Finger angelte er Menschen und Tiere und Familien aus den Sternen und flüsterte ihr Namen und Geschichten ins Ohr.“

(S.335)

Für Shakespeare gibt sie ihre adeligen Privilegien auf und zieht nach der Heirat, die aufgrund des gemeinsamen Kindes unvermeidbar geworden ist, zu ihm und seiner Familie. Töchterchen Susanna erblickt das Licht der Welt – doch Agnes, die immer schon freiheitsliebend und naturverbunden ist, fühlt sich nicht immer wohl im Shakespear’schen Haus und im kleingeistigen Dorf.

Und auch ihrem Ehemann wird es bald zu eng und seine Träume treiben ihn fort von ihr in die große Stadt London, wo er versucht, sein Glück am Theater zu finden. Schwer zu verstehen und zu akzeptieren, was er dort treibt und warum er so wenig Zeit mit Agnes und ihren Kindern verbringen möchte – den mittlerweile wurden die Zwillinge Judith und Hamnet geboren und vor allem die kleine Judith ist als Frühchen von zarter Konstitution und braucht viel Zuwendung.

Die Fernbeziehung kostet ihren Tribut und Agnes muss immer häufiger ohne ihren Gatten auskommen. Der sprachgewaltige Künstler, der Zauberer mit Worten wird in den Diskussionen und Streitgesprächen mit seiner Frau oft wortarm und sprachlos. Und auch als die Pest – der schwarze Tod – ins Land kommt und ihnen das Liebste nimmt – ihren Sohn Hamnet – muss Agnes zunächst alleine mit der Angst, dem Kampf ums Kind und der Trauer zurecht kommen.

Der irisch-britischen Autorin ist ein großartiger, historischer Roman gelungen, der in zutiefst bewegender Weise die Geschichte einer starken und unkonventionellen Frau und den tiefen Schmerz einer Mutter beschreibt, die ihr Kind verliert. Denn die heimliche Hauptfigur des Buchs ist Agnes. Sie ist es, die im Mittelpunkt der Erzählung steht und ihre Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle tragen die Handlung. Eine faszinierende Figur, die hier das Licht der literarischen Welt erblickt hat und den großen Dramatiker William Shakespeare von einer völlig anderen Seite zeigt. Der liebende aber abwesende Familienvater, welcher der Enge der Kleinstadt entflieht und in London alles seinem großen Ziel unterordnet, sein eigenes Theater mit eigener Truppe und eigenen Stücken zu führen. Der Künstler, der seine Trauer über den Verlust des Sohnes in Form eines seiner bekanntesten Stücke verarbeitet: „Hamlet“.

O’Farrell lässt sich viel Zeit für ihre Geschichte, sie übereilt nichts, kostet die Szenen aus. Selten habe ich so viele intensive, berührende und gefühlvolle Momente in dieser Dichte versammelt in einem einzigen Roman gelesen. Auch die Übersetzerin Anne-Kristin Mittag hat hier Großes geleistet, denn sprachlich ist die Lektüre ein Genuss mit wunderschönen Sätzen, die man am liebsten laut vorlesen möchte.

Ein langsames, ruhiges und sehr anrührendes Buch, das sehr zu Herzen geht und ein wunderbarer Schmöker für den Herbst, wenn die Tage kürzer und die Leseabende länger werden.

Buchinformation:
Maggie O’Farrell, Judith und Hamnet
übersetzt von: Anne-Kristin Mittag
Piper
ISBN: 978-3-492-07036-2

© Piper Verlag

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Wozu inspirierte mich „Judith und Hamnet“:

Für den Gaumen:
Shakespeares Frau Agnes ist im Roman nicht nur Heilkundige, sondern versteht sich auch aufs Imkern und daher spielt auch Honig eine Rolle. Deshalb passt für mich zu diesem Roman eine Scheibe gutes Brot mit Butter und Honig – ein einfacher und doch so köstlicher Genuss.

Zum Weiterschauen bzw. für den nächsten Theaterbesuch:
Shakespeares Stücke haben nichts an Aktualität verloren und so freue ich mich jedes Mal, wenn ich eines seiner Werke auf dem Spielplan sehe. Shakespeare erfasste das wahre Wesen der Menschen wie kein Anderer und setzte dieses in eine unübertroffene Sprache und in herausragende Szenen um, die stets ins Herz treffen und sich auf ewig einbrennen. Für Shakespeare-Neulinge sind zunächst wohl die Komödien die bevorzugte Wahl („Der Sommernachtstraum“ oder „Viel Lärm um nichts“), später wird man dann aber sicherlich auch Gefallen an den großen Tragödien finden – also ab ins Theater, wenn die Möglichkeit besteht.

Zum Weiterlesen:
Allen Freunden von Gedichten und der Poesie lege ich Shakespeares Sonette ans Herz – das ist Sprache zum Schwelgen. Es gibt einige sehr schöne zweisprachige Ausgaben, die es ermöglichen, auch das Original neben der deutschen Fassung zu lesen. Eins meiner absoluten Favoriten ist Sonett Nr. 18.

Shakespeare, Die Sonette (Zweisprachige Ausgabe)
Deutsch von Christa Schuenke
dtv
ISBN: 978-3423124911