Grenzerfahrung

Winter, eine verschneite Berglandschaft und eine Frau mit einem Begleiter im Schlepptau bahnt sich den Weg durch den Schnee – sie möchte zur Grenze. Raus aus Deutschland, raus aus der Angst und der Gefahr, der sie als Jüdin tagtäglich ausgesetzt ist. Grete Weil hat 1944/45 in einem Amsterdamer Versteck ihren ersten Roman „Der Weg zur Grenze“ verfasst, der jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Ein Werk, das stark autobiografisch geprägt ist und in dem die Hauptfigur – die junge Monika Merton – 1936 versucht, aus Deutschland zu fliehen. Ihrem eher zufälligen Begleiter, dem Dichter Andreas von Cornides, erzählt sie ihre Geschichte.
Sie erzählt von ihrer Kindheit, in welcher sie behütet in einem bildungsbürgerlichen und wohlsituierten Elternhaus aufwächst und von ihrem Vater an Literatur, Musik und Oper herangeführt wird. Bereits als junges Mädchen entwickelt sie eine große Zuneigung zu ihrem Vetter Klaus und aus zarten Gefühlen wird schließlich Liebe.

„Du und ich, wir werden uns immer wieder an dieser Flamme verbrennen, wir sind ja viel zu süchtig nach Leben um heil zu bleiben.“

(S.79)

Monika und Klaus heiraten, doch die politische Situation und die Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung verschlechtern sich dramatisch und drastisch und überschatten so das Glück der beiden. Klaus wird verhaftet, ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er schließlich verstirbt.

„Um glücklich verheiratet zu sein, bedarf es einer Reife, die aus der Gebundenheit die tiefste Freiheit zu machen weiß, und einer bewussten Lebensführung, die den Bund für die Mitwelt zum liebenswerten Kunstwerk, für die beiden, die ihn eingegangen sind, aber zur ewigen Quelle des Lebens werden lässt.“

(S.161)

Monika bleibt allein zurück, entschließt sich zur Flucht und macht sich auf den „Weg zur Grenze“.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein Buch über Menschlichkeit, Haltung und Moral, aber auch über die Liebe – wenn auch eine meist unerfüllt-unglückliche – mit interessanten philosophischen Gedankengängen und Ausführungen.
Der Roman lebt stark auch durch viele Szenen, in welchen rege Diskussionen in intellektuellen Kreisen bzw. zwischen den Figuren geführt werden.
Im Buch wird debattiert, gehadert und um Erklärungen gerungen.
So wird zum Beispiel auch über das Pro und Contra der Todesstrafe diskutiert oder man begegnet einem Soldaten, der damit hadert, einen Tötungsbefehl gegeben zu haben.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein wichtiges und eindrückliches Buch, für das man jedoch Kraft braucht, das nichts für zarte, empfindsame Seelen ist und für das man sich Zeit und einen ruhigen Moment nehmen sollte. Es ist schonungslos, direkt und legt die Finger in die riesengroßen Wunden der damaligen Zeit. Ein schmerzhaftes Buch, welches das Grauen unmittelbar thematisiert und beim Namen nennt. Es behandelt Flucht, Suizidversuche, Deportation, Morde und Gewalt ebenso wie die Verhältnisse in den Konzentrationslagern – geschrieben 1944/45 von einer Frau, die zu dieser Zeit in einem kleinen Amsterdamer Versteck sitzt, täglich um ihr Leben fürchtet und bereits ihren Mann verloren hat, der 1941 im KZ Mauthausen ermordet wurde.

„Ihre Nerven, aus dem Erbgut jahrhundertelanger Verfolgung aufs Feinste gestimmt, wussten besser als sie selbst, wie groß der Segen ist, wenn die Ausübung von Humanität Ruhe und Atempause, Sammlung und menschenwürdiges Dasein für eine Zeitlang verbürgt. Ihr Verstand freilich dachte skeptisch darüber, und zehn Millionen im Namen der Zivilisation ermordeter Leichen machten den Glauben unmöglich.“

(S.116/117)

Autofiktional erzählt sie verschlüsselt ihre eigene, tragische Geschichte in einer Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann und möchte.
Zugleich ist es ein intelligentes, philosophisches Buch mit wunderbaren, klugen und klaren Sätzen – und für die Autorin wohl auch ein therapeutisches Buch, in dem sie versuchte, sich Leid, Trauer und Schmerz von der Seele zu schreiben – ein Versuch das Unfassbare zu verarbeiten und Erklärungen für das Unerklärbare zu finden.

„Ich glaube nicht daran, dass es Ideen gibt, die immer und unter allen Umständen richtig sind. Darum möchte ich die Welt so ansehen, mit etwas zusammengekniffenen Augen, damit die Sterne ein wenig verschwimmen, ineinanderfließen zu einer Helligkeit und ich nicht glauben muss, dass meine Sonne die einzige Quelle der Wärme ist. Bei allem Ernst möchte ich ungern auf die Ironie verzichten, die den letzten und schrecklichsten Dingen die Spitze abbricht.“

(S.85)

Es ist ein wichtiges, eindrucksvolles Zeitzeugnis und ein Werk gegen das Vergessen, das jetzt endlich – nach so langer Zeit – den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat.
Ein flammender Appell an Zivilcourage und Menschlichkeit:

„Glaubst du“, fragte sie, stand auf und stellte sich neben ihn, „dass die Opfer schuldlos sind? Wir alle, du und ich und auch Klaus, haben es soweit kommen lassen, ohne ernstlich etwas dagegen zu tun. Wir haben mit in den Schoß gelegten Händen zugesehen, wie die Dämonen über unser Land gekommen sind. Die Sorge um Deutschland hat uns nicht um unsern Schlaf gebracht. Wir haben vorgegeben, Leben und Freiheit zu lieben, und waren zu faul, von unseren weichen Betten aufzustehen.“

(S.336)

Abgerundet wird die Ausgabe durch eine editorische Notiz und ein interessantes Nachwort der Herausgeberin Ingvild Richardsen, das die Entstehungsgeschichte des Werks sowie die autobiografischen Bezüge des Romans zu Grete Weil’s Lebensgeschichte herausarbeitet.
Grete Weil (1906 – 1999) wurde zu Lebzeiten unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis, dem Tukan-Preis der Stadt München und der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Grete Weil, Der Weg zur Grenze
C.H.Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-79106-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“:

Für den Gaumen:
Auf der Flucht bewirtet Monika ihren Begleiter Andreas auf einer Berghütte noch ziemlich fürstlich:

„Es gab Brot und Wurst, harte Eier, Schinken, Sardinen, Orangen, Äpfel und Kuchen, Rosinen, Mandeln und Haselnüsse, Tee und Cognac (…)“

(S.25)

Zum Weiterhören:
Als Weihnachtsgeschenk und als Zeichen seiner Liebe schenkt Klaus Monika Schallplatten von Mozart’s „Requiem“ – Musik, die beiden sehr viel bedeutet:

„(…) die Orgel ertönte, und es war alle Trauer, aber auch alle süße Freude der Welt in dieser Musik.“

(S.198)

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
In friedlichen Zeiten geht Monika auch gerne ins Theater – unter anderem besucht sie eine Aufführung von Shakespeare’s „Romeo und Julia“:

„Er hat zwei Karten für ‚Romeo und Julia‘ erstanden, das in dem Ausstellungstheater gegeben wird, und es dauert nicht lange, bis die beiden Kinder nebeneinander sitzen und zusammen den süßesten, innigsten Liebesworten lauschen, die je gesagt wurden.“

(S.34)

Zum Weiterlesen:
Meine Lektüre von Anne Frank’s Tagebuch liegt viele Jahre zurück – ich habe es während meiner Schulzeit gelesen. Und vieles der Entstehungsgeschichte von Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“ erinnert auch ein wenig an dieses berühmte Buch. Schließlich schrieb Weil den Roman ebenso unter widrigen Umständen in einem Amsterdamer Versteck. Natürlich lässt sich der Tonfall der erwachsenen Frau, die in Romanform ihre Erfahrungen verarbeitete, nicht mit der Tagebuch-Form der jugendlichen Anne Frank vergleichen und doch handelt es sich um zwei Zeitzeugnisse und wichtige Mahnmale gegen das Vergessen:

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzerin: Mirjam Pressler
S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397151-4

Gerhahers Gedanken

Im letzten Sommer durfte ich einen Liederabend mit Christian Gerhaher im Landshuter Rathausprunksaal erleben und hatte auf meiner Kulturbowle darüber berichtet. Jetzt hat der weltberühmte Bariton ein sehr persönliches Buch veröffentlicht: „Lyrisches Tagebuch – Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“.

Darin gewährt er einen intimen Einblick in seine künstlerische Gedankenwelt und seine ganz persönliche Perspektive auf wichtige Werke und Stationen seiner Karriere als Sänger. So beschreibt er die Assoziationen, die er zu bestimmten Liedern aus seinem umfangreichen Repertoire hat ebenso wie detaillierte Überlegungen zur musikalischen und künstlerischen Interpretation der Werke.

„Und dann kann man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wie Artikulation, Dynamik, Intonation, Farbigkeit und Vibrato vielleicht sogar auf weit mehr als sechzig verschiedene Arten der Darstellung kommen, denn im Grunde ist ja jeder darzustellende Ton, jedes abzubildende Wort für einen Sänger und Schauspieler ein einmaliges, ein unvergleichliches klangliches Ereignis.“

(S.19)

Oft nähert er sich vom Text der vertonten Gedichte, die ebenfalls im Buch meist in voller Länge enthalten sind, interpretiert diese sprachlich und setzt sie in den musikalischen Kontext – erzählt von Lieblingsstellen, besonderen gesanglichen Herausforderungen und was ihm die Stücke – oft auch aus privaten Gründen – bedeuten.

„Auf die Frage, was Lieder wohl sein könnten, würde ich spontan antworten: Sie sind eine vokale Form der Kammermusik, und sie repräsentieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik, in der gesungenen Musik.“

(S.134)

Er verknüpft Autobiografisches, beschreibt Schlüsselszenen und -werke seiner Sängerkarriere und lässt die Leserschaft tief in seine persönliche Denkweise als Künstler und Sänger eintauchen. Sein tiefes Verständnis und seine umfassende Erfahrung gerade mit dem Liedrepertoire durchdringen das Werk und machen es zu etwas Besonderem – denn selten teilt ein Sänger so unmittelbar mit seinem Publikum, was im Vorfeld eines Konzerts, beim Zusammenstellen des Programms, den Proben und dem Üben im stillen Kämmerchen passiert.

Gerhaher beschreibt viele Werke, die für ihn von besonderer Bedeutung sind sehr ausführlich: vor allem zahlreiche Lieder und Liederzyklen von Schumann (wie z.B. die „Myrthen“), die ihm besonders am Herzen liegen, aber auch Schubert-Lieder, Modernes von Wolfgang Rihm und sogar einen Ausflug in die Opernwelt mit Mozart’s Don Giovanni, den er näher beleuchtet.

Gerade aber die autobiografischen Bezüge, mit denen er die Werke in seinen persönlichen Kontext setzt, machen für mich jedoch den besonderen Reiz des Buchs aus und hätten für meinen Geschmack gerne noch umfangreicher ausfallen dürfen. Ich finde es charmant, wenn der gebürtige Straubinger über sein Kinoerlebnis mit dem Film „Avatar“, seine Beziehung zu Gummibärchen oder die gemeinsame, langjährige Zusammenarbeit mit seinem Pianisten und Freund Gerold Huber erzählt. Auch die Beschreibungen herausragender Konzerte und Schlüsselerlebnisse in seiner Sängerkarriere sind faszinierend und hochinteressant zu lesen.

„Mein Schwur damals: Wenn überhaupt singen, dann nur gut; der Wille allein könne nicht zählen.“

(S.268)

Die Intimität und Intensität eines Liederabends und die besondere Herausforderungen für den Künstler, der sich ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Kulissen hinter nichts verstecken kann, habe ich bei meinen Besuchen stets auch als Zuschauer als besondere Leistung empfunden.

„Und ich dachte wie immer, wenn ich in Liederabenden Zuhörer bin: Mein Gott, ist das schwierig – wie kann man sich zutrauen, so einen ganzen Abend mit sich selbst zu sein, wie kann man da ruhig stehen, wie kann es sein, dass einem nicht die Knie so wackeln, dass man keinen geraden Ton herausbringt…“

(S.90)

Die Lektüre hat mir jedoch die Augen geöffnet, wie viel Vorbereitung in einem Liederabend steckt: in den Überlegungen zur Zusammenstellung des Programms, in der musikalischen Ausgestaltung – über welche Feinheiten, Interpretationsmöglichkeiten und Nuancen sich Christian Gerhaher und Gerold Huber Gedanken machen, bevor sie sich zu zweit auf die Bühne begeben.
So werde ich zukünftige Liederabende sicherlich noch einmal mit anderen Augen und unter anderen Gesichtspunkten sehen und noch mehr zu schätzen wissen.

Christian Gerhaher hat sich mit seinem Lyrischen Tagebuch sicherlich nicht an eine breite Masse von Leserinnen und Lesern gewendet, vielmehr richtet sich sein tiefgründiges, anspruchsvolles, intelligentes Werk an Fachleute oder ein musikinteressiertes Publikum mit gewisser Vorbildung und dem Interesse für musikalische und künstlerische Hintergründe.

Das Sachbuch enthält zahlreiche Notenbeispiele und fundierte Anmerkungen. Das verwendete Fachvokabular und manche Formulierungen erfordern konzentriertes Lesen. Als passionierte Musikliebhaberin – jedoch Laiin ohne Musikstudium – hat mich die Lektüre gefordert – an manchen Stellen zugegebenermaßen auch überfordert – doch auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe, möchte ich die Lektüre nicht missen. Denn die Ausführungen haben meinen Horizont erweitert, mir klar gemacht, wie Kunst entsteht und haben mir Einblick in eine neue Gedankenwelt gewährt.

Kaum ein Sänger hat sich in den letzten Jahrzehnten mit solcher Hingabe und über einen solch langen Zeitraum hinweg so intensiv dem Liedgesang gewidmet wie Christian Gerhaher – mit dem lyrischen Tagebuch teilt er nun seine ganz persönliche Sicht und seine umfassende Erfahrung mit der geneigten Leserschaft. Ein Geschenk, das dazu einlädt ins Konzert zu gehen, sich Lieder anzuhören, bestimmte Stellen und Passagen nachzuhören und im Buch mitzulesen und nachzuschlagen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christian Gerhaher, Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-78423-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Gerhaher’s „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“:

Für den Gaumen:
Gummibärchen scheinen für Christian Gerhaher eine Versuchung darzustellen. Denn auch in einem Fragebogen des C.H.Beck Verlags beantwortet er die Frage: Was nehmen sie sich immer wieder vor? mit „Keine Gummibärchen mehr“.

Zum Weiterhören:
Auf meine persönliche „Das möchte ich mir mal genauer anhören“-Liste sind vor allem die „Myrthen“ von Robert Schumann gewandert – der Liederzyklus, den der Komponist seiner Braut Clara Wieck widmete und zur Hochzeit schenkte.

Zum Weiterschauen:
Christian Gerhaher beschreibt seinen Kinobesuch der 3D-Version von „Avatar“ als ganz besonderes Ereignis und Erlebnis – die eindrucksvollen Bilder haben offenbar viele Assoziationen ausgelöst.

Zum Besichtigen bzw. für einen Ausflug:
Christian Gerhaher stammt aus Straubing. Er beschreibt im Buch, dass die Gemälde in der Totentanz-Kapelle (Seelenhaus-Kapelle) auf dem Straubinger Friedhof St. Peter eine besondere Bedeutung für ihn haben. Auf der Website der Pfarrei gibt es Fotos, die einen ersten Eindruck vermitteln. Unter anderem auch genau von jenem Gemälde, das Gerhaher beschreibt:

„In meiner Heimatstadt Straubing gibt es auf dem Friedhof St. Peter eine gotische „Totentanz-Kapelle“ – raumgreifend barock ausgemalt, nur mit Totentanz-Themen, eine kunsthistorische Einmaligkeit. (…) Am eindrücklichsten war dabei für mich, wie dem Bauern, der mit der Sense das reife Korn mäht, der Knochenmann, gleichfalls mit der Sense, von hinten das Bein abzuschneiden im Begriff ist.“

(S.113)

Zum Weiterlesen:
Eines der Bücher, die Gerhaher in seinem Lyrischen Tagebuch erwähnt, ist ein Werk Adalbert Stifters: „Die Mappe meines Urgroßvaters“. Ich persönlich kannte und kenne das Werk, das 1841 erschienen ist, bisher nicht.

Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters
Reclam
ISBN: 978-3150079638

Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914