Glitzerndes Berlin

Nicht erst seit Babylon Berlin üben die 20er und 30er Jahre und das pulsierende, schillernde Leben in Berlin eine große Faszination auf Autorinnen und Autoren aber auch auf Leserinnen und Leser aus. Auch mich ziehen Berlin-Romane, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, immer wieder magisch an. Ewald Arenz hat seinen Roman „Das Diamantenmädchen“ bereits 2011 veröffentlicht – lange bevor Volker Kutscher’s Gereon Rath-Romane (2011 gab es lediglich die ersten drei Bände der Reihe) durch die Fernsehserie „Babylon Berlin“ erst so richtig berühmt wurden.

Auch Ewald Arenz hat gerade in den letzten beiden Jahren durch seine (zu Recht) sehr beliebten und erfolgreichen Romane „Alte Sorten“ (hier geht es zu meiner Rezension) und „Der große Sommer“ deutschlandweit sehr an Bekanntheit gewonnen. Doch auch in „Das Diamantenmädchen“ blitzt bereits sein besonderer Stil und die Erzählfreude auf, die mich so begeistert. Ein Schmuckstück, das es sich daher ebenfalls zu entdecken lohnt.

„Berlin war zu einer Stadt geworden, in der die Uhren nicht mehr gemächlich gingen und gewichtig die Stunden schlugen, sondern nervös tickten und unruhig läuteten. Der Verkehr rauschte Tag und Nacht, die Straßenlaternen brannten bis zum Morgen, irgendein Café hatte immer auf. Es war wunderbar, aufregend, spannend – und trotzdem war da etwas von der Gelassenheit der Kaiserzeit verloren gegangen.“

(S.7)

Lilli Kornfeld ist eine aufstrebende und ehrgeizige Journalistin im Berlin der Zwanziger Jahre. Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine tiefe Freundschaft mit Paul van der Laan. Als sie dann für eine ihrer Recherchen im Kriminellenmilieu das Wissen eines Diamantenschleifers benötigt, nimmt sie erneut Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt Paul aus einer Familie von Diamantenhändlern. Schnell flammen alte Gefühle wieder auf, aber auch alte Wunden brechen erneut auf.
Eine flirrende Dreiecksgeschichte entspinnt sich, denn auch der im Mordfall ermittelnde Kommissar Schambacher, findet Gefallen an der reizenden und intelligenten jungen Frau.

Zwischen romanischem Cafè, Bahnhof Zoo und der Bar zum Papagei stellt nicht nur die Polizei ihre Ermittlungen an, sondern auch Lilli versucht, für ihre „Berliner Illustrirte“ eine spektakuläre Geschichte an Land zu ziehen, wenn ihr nur nicht das Gefühlschaos dazwischenfunken würde…

Inhaltlich möchte ich gar nicht zu viel verraten, um die Spannung und die Magie der ersten Lektüre nicht zu zerstören. Man sollte dieses Buch einfach selbst lesen und genießen. Arenz ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Hat man einmal begonnen – kann und will man sich dem Bann der Geschichte nicht mehr entziehen.

Es ist eine strahlende, funkelnde und glitzernde Geschichte über Freundschaft und Liebe, die Traumata des ersten Weltkriegs und über Berlin in den Zwanzigern.
Zudem lernt man viel über Edelsteine, das Schleifen von Diamanten, sowie die Historie einiger besonders bekannter und wertvoller Diamanten, wie z.B. dem Blue Hope.

Aber „Das Diamantenmädchen“ ist auch eine zarte, romantische Liebesgeschichte mit einer melancholischen Note und einiger Wehmut – schließlich haben Krieg und Trennungen unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Und auch eine Prise Krimi hat Arenz noch mit hinein gepackt: so trifft man nicht nur Kommissar Schambacher, der in einem mysteriösen Diamantenmord ermittelt und dessen Wege sich mit Lilli’s kreuzen, sondern auch „Buddha“ Ernst Gennat bekommt seinen Auftritt – den LeserInnen von Volker Kutscher’s Rath-Romanen zweifelsohne ein Begriff.

Man spürt bei der Lektüre die Sorgfalt und die Liebe zu seinen Figuren, die der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Das ist fein beobachtet, mit liebevollen Gesten und Szenen behutsam ausgestaltet und untermauert und liest sich gerade deshalb herzerfrischend und berührend zugleich.

Persönlich finde ich die Aufmachung der gebundenen Ausgabe des Ars Vivendi Verlags ästhetisch sehr gelungen – edel in schwarz-gold mit schwarzem Vorsatzpapier und Lesebändchen – auch optisch ein Augenschmaus. Schön gestaltete Büchern können mich einfach immer wieder begeistern.

Für mich war „Das Diamantenmädchen“ daher ein gefühlvolles, schwelgerisches, literarisches Juwel, das ich sehr gerne gelesen habe. Je mehr ich von Ewald Arenz lese, um so mehr verfalle ich seiner Art zu schreiben, seinen liebenswerten Figuren und seinem feinen Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen.
Bisher allesamt feine, niveauvolle Bücher, die das Herz am rechten Fleck haben und viel Freude machen – ein Glanzstück im Bücherregal!

Buchinformation:
Ewald Arenz, Das Diamantenmädchen
Ars Vivendi
ISBN: 978-3-7472-0043-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ewald Arenz’ „Das Diamantenmädchen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bodenständig zu: bei Sauerbraten und Apfelpfannkuchen als Nachspeise.

Zum Weiterhören:
Bisher nicht live im Theater gesehen habe ich das Musical „Show Boat“, das jedoch als Broadway-Klassiker gilt. Im Buch wird dazu getanzt und Lilli erkennt die Musik sofort:

„Geschirr klapperte leise unter einem schmelzenden Jazzsong. Show Boat, dachte Lilli, und Schambacher, der den Song nicht kannte, dachte, dass er jetzt gerne mit Lilli Kornfeld getanzt hätte. Das Lied klang nach ihr.“

(S.218/219)

Zum Weiterlesen:
Ich habe auf jeden Fall erneut Lust bekommen, mich weiter literarisch mit Berlin zu beschäftigen. So wartet zum Beispiel auch der Klassiker von Christopher Isherwood „Leb wohl Berlin“ schon seit einiger Zeit auf meine Lektüre, der dem Musical „Cabaret“ als Vorlage diente. Dann könnte ich nach den Zwanziger Jahren gleich mit den Dreißigern weitermachen:

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Alte Sorten und neue Perspektiven

Ewald Arenz’ „Alte Sorten“ war für mich ein Zufallsfund und Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung und entpuppte sich als wahrer Glücksgriff. Der Titel, die Umschlaggestaltung, all das hat mich sofort angesprochen und ließ mich nach diesem Roman greifen, der mir aus unerfindlichen Gründen bisher nicht aufgefallen war.

Arenz – geboren 1965 in Nürnberg – arbeitet in seiner Geburtsstadt als Lehrer am Gymnasium. Ohne dass je ein Ortsname fällt oder eine konkrete räumliche Einordnung geschieht, würde ich den Roman ebenfalls in seiner fränkischen Heimat in einem Wein- und Obstanbaugebiet verorten.

Sally, ein junges Mädchen – noch keine 18 Jahre alt – läuft durch die hügelige Landschaft und die Weinberge: Gehetzt, wütend, auf der Flucht. Zufällig begegnet sie einer Frau – altersmäßig könnte sie ihre Mutter sein – die bei der Arbeit im Weinberg mit dem Anhänger ihres Traktors in einem Graben hängengeblieben ist. Sally hilft Liss, sich aus der misslichen Lage zu befreien und bekommt dafür ein Quartier für die Nacht. Beide sprechen nicht viel, sind in sich gekehrt, mit sich selbst beschäftigt und Sally ist froh, einmal nicht mit Fragen bombardiert zu werden.

Liss lässt sie in Ruhe und kann doch auf dem Hof, den sie offenbar alleine bewirtschaftet, hin und wieder Sally’s Hilfe gut gebrauchen. Die junge Frau packt immer häufiger mit an. Die frische Luft, die körperliche Arbeit und das Gebrauchtwerden tun ihr gut. Sie lernt ursprüngliche Lebensmittel, selbstgeerntetes Obst, selbst gebackenes Brot und Liss’ selbst geimkerten Honig kennen und schätzen – die einfachen Dinge des Lebens: Der Geschmack einer saftigen Birne frisch vom Baum, der Hahn, der am morgen das Wecken übernimmt.

Und da ist dieser große Hof und das Anwesen, das Sally mehr und mehr rätseln lässt – warum lebt Liss allein dort? Und wem gehört das Fahrrad, das Liss ihr überlässt, um die Umgebung erkunden zu können? Auch Liss scheint Gespenster der Vergangenheit mit sich herumzutragen, über die sie nicht sprechen will. Sie isoliert sich weitestgehend von der Dorfgemeinschaft, lebt zurückgezogen und werkelt von früh bis spät. Ihr Leben besteht aus harter, körperlicher Arbeit im Obstgarten mit den alten Birnensorten, im Weinberg und im Stall, die sie abends müde und erschöpft in den Schlaf sinken lässt.

Zögerlich und zaghaft kommen sich die beiden näher, beginnen sich zu öffnen. Die Gespräche werden intensiver. Sally, die Narben aufweist, welche auf eine Borderline-Störung hindeuten, und nicht mehr weg will von diesem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen kann und der ihr besser zu helfen scheint als jede Therapie, beginnt sich mehr und mehr wohlzufühlen.

Zwei verschlossene Außenseiter und Einzelgängerinnen ohne Vertrauen zu anderen, die sich gefunden haben ohne sich zu suchen. Doch natürlich hat Sally Eltern, die nach ihr suchen und der vermeintliche Frieden kann nicht ewig währen…

„So kann man nicht leben. Es ist, als wäre ich unsichtbar. Ich denke, ich rede mit Leuten, und dabei gefrieren die Wörter in der Luft und werden von niemandem gehört.“

(S.189)

„Alte Sorten“ ist ein ruhiges, behutsames und sehr zärtliches Buch. Ein Roman, der einen runterholt, zur Ruhe kommen lässt und dem Leser wieder einmal verdeutlicht, was wirklich wichtig ist im Leben. Arenz arbeitet mit vielen Bildern aus der Natur und hat ein sehr bodenständiges und geerdetes Buch ohne großes Brimborium geschrieben. Die Schilderungen der Natur und der Arbeit auf dem Hof, die Beschreibungen des Imkerns, des Schnapsbrennens und der Weinlese – das ist wunderbar zu lesen. Die Lektüre ist Balsam für die Seele und entschleunigt. Es ist schön mitzuverfolgen, wie sich Sally und Liss öffnen und gegenseitig helfen können – ein Loblied auf die Mitmenschlichkeit und auf Freundschaft über Altersgrenzen hinweg.

Die Sprache ist poetisch und sehr sinnlich. Ein Genuss, wie der Autor Geschmäcker, Gerüche und Klänge beschreibt – in einer solchen Intensität bekommt man das selten zu lesen und er hat mich mit diesem Stil sofort für sich eingenommen. Ein unaufgeregtes und leises Buch, das mit einem sehr gefühlvollen Finale aufwartet.

Oft sind es die unaufdringlichen, stillen Bücher, die dann sehr lange nachklingen. „Alte Sorten“ hat mich begeistert und ich freue mich sehr über diesen wunderbaren Überraschungsfund, der mir da in der Buchhandlung ins Auge gestochen und in die Hände gefallen ist. Ein Buch, das wie geschaffen ist für den Herbst und das von innen wärmt, wenn es draußen grau und kalt ist.

Buchinformation:
Ewald Arenz, Alte Sorten
Dumont
ISBN: 978-3-8321-6530-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alte Sorten“:

Für den Gaumen:
Jetzt im Herbst ist genau die richtige Zeit für frische, erntereife Birnen. Und wenn man sich informiert und genauer hinschaut, kann man eventuell beim Bio-Bauern oder Bio-Laden in der Nähe auch mal alte und ausgefallenere Sorten ergattern. Sally ist im Roman fasziniert von der Sortenvielfalt und genießt mit allen Sinnen Raritäten wie die „Petersbirne“, „Andenken an den Kongress“, „Herzogin Elsa“, „Madame Verté“ oder die „Schweizer Wasserbirne“.

Zum Weiterhören:
Bei diesem Buch ganz klar Herbie Hancock’s „Cantaloupe Island“, denn es spielt eine Schlüsselrolle im Roman. Der Titel sagt einem erstmal nichts? Wenn man reinhört, weiß man, dass man es doch kennt. Einer der bekanntesten Jazzstandards mit Funk-Elementen aus dem Jahre 1964 – ein weltberühmter Klassiker.

Zum Weiterlesen:
Bereits beim Titel „Alte Sorten“ musste ich unweigerlich an die Slowfood-Initiative „Arche des Geschmacks“ denken, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, dass traditionelle, alte und regionale Sorten und Lebensmittel nicht in Vergessenheit geraten und weiter kultiviert werden. Wer mehr über die Motivation und die Idee des Gründers von Slowfood erfahren möchte, dem sei folgendes Buch ans Herz gelegt:

Carlo Petrini, Luis Sepúlveda, Eine Idee von Glück
Oekom
ISBN: 978-3-86581-735-8