Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1

Irisches Fegefeuer

Máirtín Ó Cadhain verstarb am 18. Oktober 1970 und sein Todestag jährt sich diesen Monat zum 50. Mal. Er zählt neben James Joyce zu den bekanntesten und wichtigsten Schriftstellern Irlands und der Kröner Verlag hat sich dieses Jubiläum zum Anlass genommen, sein letztes Werk „Die Asche des Tages“ zum ersten Mal in einer deutschen Übersetzung herauszugeben.

Ein Beamter irrt durch seine irische Heimatstadt Dublin. Er befindet sich im Ausnahmezustand und steht unter Schock. Seine Frau ist während des Tages verstorben und es gäbe viel zu tun: sich um Sarg, Bestattungsinstitut, Priester, Beerdigung und Leichenschmaus zu kümmern. Doch er bekommt es nicht auf die Reihe und irrt zerstreut, verwirrt und mit der Situation vollkommen überfordert durch die Straßen. Wie gelähmt stromert er umher und erfindet eine Ausrede und einen vermeintlich triftigen Grund nach dem nächsten, warum er noch nicht nach Hause gehen kann, wo seine scharfzüngigen und gehässigen Schwägerinnen wie die Hyänen auf ihn warten, um ihm seine Unfähigkeit und sein Versagen vorzuwerfen.

Er schiebt das Erforderliche vor sich her, seine Gedanken fahren Karussell, kreisen immer wieder darum, warum er sich der Aufgaben, die auf ihn warten, nicht annehmen kann. Jetzt noch nicht. Es geht einfach nicht. Er leidet, grübelt vor sich hin, kommt vom Hundertsten aufs Tausendste, trifft unterschiedlichste Menschen. Jedoch können oder wollen ihm die meisten Leute, die ihm über den Weg laufen, nicht helfen, sondern erteilen ihm nur gute Ratschläge, die er dann doch wieder in den Wind schlägt.

„N. wusste nicht wirklich, was in ihm vorging oder wie große Sorgen er sich tatsächlich machte, es wurde ihm einfach alles zu viel.“

(S.12)

Dann wird ihm – zu allem Übel – auch noch die Brieftasche gestohlen, die das notwendige Geld für die Bestattungskosten enthält, was ihn zusätzlich aus der Bahn wirft. Mittel- und planlos irrt er weiter und an jede neue Begegnung mit anderen Menschen knüpft er die Hoffnung, dass diese ihm sein Problem abnehmen oder sich seine Sorgen in Luft auflösen. Doch sie können ihn nicht aus seiner Lethargie reißen.

Geplagt von Albträumen, schreckt er immer wieder hoch, Träume und Realität verschwimmen, es wird zunehmend surreal. Seine Gedanken kreisen weiter und zerstreuen sich wie Asche im Wind.

Immer weiter verheddert er sich in Ausreden, nimmt Abkürzungen, die zu Umwegen werden, vertrödelt seine Zeit und hofft darauf, dass ihm jemand aus seiner Notlage heraushilft. Ob Gott ihm nicht einen „guten Menschen“ schicken könnte? Einen Engel? Einen Erlöser?

In Irland spielt die Religiosität eine große Rolle und so habe ich dieses Buch auch als Parabel auf die Suche nach dem Glauben und nach Erlösung gelesen.
Es enthält zahlreiche religiöse, christliche Motive und Anspielungen und man meint zu spüren, wie der Autor auch mit der Kirche und dem Glauben hadert.

„Das hier war das Fegefeuer und schlimmer als das Fegefeuer, das stand fest.“

(S.57)

Mit seinen gerade mal knapp 150 Seiten ist „Die Asche des Tages“ ein schmaler Band, aber eine ungemein intensive Lektüre. Es lohnt sich, sich darauf einzulassen, sich Zeit zu nehmen und konzentriert zu lesen, denn leicht verführt einen das Gedankenkarussell des Autors dazu, selbst gedanklich abzuschweifen. Ein philosophisches und tiefgründiges Buch, dem man seine 50 Jahre auf dem Buckel nicht anmerkt. Ein ungewöhnliches Thema und eine immer noch zeitlos, modern wirkende Stilistik, die an Bewusstseinsstrom bzw. „Stream of Consciousness“ erinnert.

Eine schöne, hochwertige Ausstattung in Halbleinen, die man gerne zur Hand nimmt und ein literarisches Schmuckstück, dass der Kröner Verlag jetzt erstmals auch deutschen Lesern zugänglich macht. Die großartige Übertragung ins Deutsche der renommierten – vor allem auch für Übersetzungen aus dem Norwegischen bekannten – Übersetzerin Gabriele Haefs trägt ebenfalls großen Anteil an diesem besonderen Lesegenuss, weil sie den richtigen, durchaus heutigen Ton trifft.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag und bei Fr. Böllinger von „Sätze&Schätze“, die mich auf diesen Roman aufmerksam gemacht und mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Asche des Tages“:

Für den Gaumen:
Jetzt im Herbst eine schöne Tasse schwarzer Tee, obwohl die Hauptfigur des Romans natürlich auch dem Whisky oder Gin frönt und den Tee nur trinkt, um wieder nüchtern zu werden.

Zum Weiterhören:
Die wehmütige Stimmung erinnerte mich an das Lied „Scarborough Fair“, obwohl das natürlich leider nicht perfekt passt, weil es englisch und nicht irisch ist. Im Roman selbst spielt das Kirchenlied „Lead, Kindly Light“ eine Rolle, nach dem ich dann auch im Internet recherchiert habe.

Zum Weiterlesen:
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt genau gelesen habe, aber es muss ein oder zwei Jahre nach dem Erscheinen (1996) also Ende der Neunziger gewesen sein. Der Autor erhielt für diesen Roman den Pulitzerpreis und der Roman war damals in aller Munde. Für mich war es wohl eine der ersten Begegnungen mit irischer Literatur und ich weiß, dass mich die Schilderung der ärmlichen Lebensverhältnisse und die Geschichte des Jungen damals sehr bewegt haben.

Frank McCourt, Die Asche meiner Mutter
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
btb
ISBN: 978-3-442-74100-7