Sommerfrische und Eifersucht

Gustav Mahler und seine Frau Alma bieten immer wieder Stoff für literarische Werke – die Dramatik ihrer Beziehung ist geradezu eine Einladung für Autorinnen und Autoren, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Auch der Südtiroler Autor Lenz Koppelstätter – bisher vor allem als Krimiautor bekannt – hat mit „Almas Sommer“ jetzt einen Roman über die Toblacher Zeit der beiden veröffentlicht.

Ein schmaler Band mit gerade mal 200 Seiten, der vor allem die Psyche und Gedankenwelt der beiden ungleichen Eheleute näher ausleuchtet, die im Sommer 1910 Quartier in Toblach genommen haben, aber doch beide am Leben und der Liebe leiden. Die glücklichen Zeiten ihrer Ehe haben sie da bereits hinter sich.

„Gustav Mahler auf dem höchsten Gipfel rund um Toblach. Das würde ihm Eindrücke verschaffen, seinen Kopf leeren. Er würde die Dolomiten tanzen sehen.“

(S.84/85)

Mahler braucht die Natur, die Bergwelt und die Abgeschiedenheit, um komponieren zu können. Er ist die treibende Kraft, die es in die Dolomiten zieht. Seine Gesundheit ist bereits angeschlagen, er leidet unter starken Schmerzen und zieht sich immer mehr zurück, vor allem auch in sein Komponierhäuschen. Dort versucht er unter Qualen, seine unsterbliche Musik zu erschaffen, an seiner nächsten Sinfonie zu arbeiten.

Alma, die deutlich jüngere Gattin, sehnt sich jedoch nach Wien, nach Leben und etwas Abwechslung in ihrem Ehealltag. Dieses Tal in Südtirol ist ihr zu eng, zu hinterwäldlerisch, zu langweilig. Sie braucht Kunst, Kultur, Gesellschaft, Amusement und gerne auch etwas Anbetung durch interessante Männer.

„Wer sollte sie hier denn anhimmeln? In diesem Tal am Ende der Welt. Niemand, genauso wie in Maiernigg. Die Hölle.“

(S.70)

So wie Walter Gropius, mit dem sie eine heimliche Affäre angefangen hat.
Sie kokettiert mit den Dorfburschen im Gasthaus und gibt ihrem Ehemann immer wieder Anlass zur Eifersucht.

Mahler hingegen ringt mit seinem Schaffen, verzweifelt an seinen gesundheitlichen Gebrechen und spürt, wie ihm seine große Liebe immer mehr entgleitet. Zudem scheint dem einfachen Volk die Walzermusik seines ungeliebten Konkurrenten Strauß zu seinem Groll näher zu stehen, als seine doch so viel innovativeren Orchesterwerke.

„Er hatte in den vergangenen Tagen viel über das Prinzip des Gasthausbesuchs nachgedacht. Er war wohl einer jener Menschen, dachte er, die immer wieder einmal Gesellschaft brauchten, um in dieser allein zu sein.“

(S.146)

Koppelstätter erzählt im Wechsel aus Alma’s und Gustav’s Perspektive und lässt seine Leserinnen und Leser so in die unterschiedlichen Gefühlswelten und Gedanken des Paares eintauchen.
Es wird klar, dass sich die Eheleute immer mehr von einander entfernt haben, auf die Schicksalsschläge wie den Tod ihrer Tochter, unterschiedlich reagiert haben. Gerade diese zunehmende Distanz und der Kontrast zwischen Einstellungen und Erwartungen ans Leben, werden in „Almas Sommer“ besonders deutlich.

Da ich schon einiges über Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie das Buch ohne Vorkenntnisse ankommt. Denn es ersetzt natürlich in keinster Weise eine umfassende Biografie oder historische Einordnung – vielmehr ist es ein Schlaglicht, eine Momentaufnahme einer kurzen Zeit der Sommerfrische, die sich stellenweise fast zur Eiszeit verwandelt.
Es ist das Ende einer Ehe, die hier thematisiert wird und ein Roman über die Eifersucht.

Auch wenn manches etwas klischeebehaftet und scherenschnittartig ausfällt – so wirkt Alma’s Arroganz und ihre abfälligen Bemerkungen für meinen Geschmack manchmal etwas zu eindimensional – lässt sich das Buch dennoch sehr flüssig und zügig lesen und entwickelt einen Sog, der einen mit sich zieht.

Man spaziert mit Mahler durch die schöne Bergwelt, wacht mit ihm in seinem Komponierhäuschen und wünscht ihm den Kuss der Muse und den Schaffensrausch, den er braucht, um seine unvergleichliche Musik entstehen zu lassen.
Man leidet mit bis zu großem Showdown, bei dem er sich dem jungen Liebhaber seiner Frau tatsächlich persönlich stellen muss.

Mir hat der Roman auf jeden Fall Lust darauf gemacht, mich irgendwann selbst in Toblach auf die Spuren von Gustav Mahler zu begeben. Ein kleines – trotz aller Tragik – leichtes Buch, das gut ins Reisegepäck für einen Südtirol-Urlaub passt und nicht nur weiter zum Mythos „Gustav und Alma“ beiträgt, sondern auch der grandiosen Kulisse der Dolomiten ein zusätzliches Denkmal setzt.

„Wann würde er endlich wieder in Toblach sein? Er versuchte, die Tage zu zählen… Er sog an der Pfeife, er küsste Alma. Er würde sie nie für sich alleine haben, sie nie besitzen können. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, das spürte er.“

(S.178/179)

Buchinformation:
Lenz Koppelstätter, Almas Sommer
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00021-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lenz Koppelstätter’s „Almas Sommer“:

Für den Gaumen:
Gustav Mahler war 1910 bereits ein kranker Mann und achtete daher auch sehr auf seine Ernährung:

„Agnes bereitete ihm ein Frühstücksbrot zu. Viel Kunsthonig. Tee. Kaffee. Etwas Gebäck, etwas Geflügel vom Vortag. Obst. Keine Butter. Bloß nicht! Er liebte das selbstgemachte Grahambrot, es schmeckte so intensiv, es gab ihm die Energie, die er für den Tag brauchte.“

(S.59)

Zum Weiterhören:
Natürlich kommt im Roman der Musik und dem kompositorischen Schaffen Gustav Mahler’s eine wichtige Rolle zu: So erfährt man bei der Lektüre einiges über die Werke, die in Toblach (oder zu großen Teilen dort) entstanden sind: „Das Lied von der Erde“, die neunte Sinfonie und die unvollendete zehnte Sinfonie. Eine schöne Gelegenheit bzw. ein guter Anlass, mal wieder ein bisschen Mahler zu hören.

Für den nächsten Südtirol- und Museumsbesuch:
Der Südtiroler Ort Toblach besitzt ein Kulturzentrum, das sogar den Namen des berühmten Komponisten trägt. Auf der Homepage findet man interessante zeitgeschichtliche Hintergründe, Bilder (z.B. des Komponierhäuschens) und Informationen über die Aufenthalte Gustav Mahlers im Ort. Im Juli (09.07. – 22.07. 2022) werden dort die Gustav Mahler Musikwochen stattfinden. Ein Festival mit Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen, das seit 1981 alljährlich stattfindet.
Auch wenn ich es dieses Jahr sicher nicht dorthin schaffen werde, wäre das durchaus mal etwas für die gedankliche Merkliste in Verbindung mit einem schönen Südtirolurlaub.

Zum Weiterlesen (I):
So manchem Leser oder mancher Leserin mag der Name Lenz Koppelstätter vielleicht bekannt vorkommen, denn seine Südtirol-Krimis um Commissario Grauner und Ispettore Saltapepe sind seit Jahren sehr erfolgreich. Aktuell sind bereits sieben Bände der Reihe erschienen und der achte wird im Dezember 2022 folgen. Auftakt der Reihe ist „Der Tote am Gletscher“ und man wird bei der Lektüre schnell merken, dass auch Commissario Grauner ein Fan von Gustav Mahler ist.

Lenz Koppelstätter, Der Tote am Gletscher
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462047288

Zum Weiterlesen (II):

Eines meiner ersten Bücher, das ich im August 2020 auf der Kulturbowle vorgestellt habe, war auch ein kleines, feines Buch über Gustav Mahler und behandelt ebenfalls die späte Lebensphase des Komponisten: „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler, das mich damals sehr berührt und vor allem aufgrund der Sprache begeistert hat.

Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

Beethoven bewegt

Auch das groß geplante Beethoven-Jahr 2020 ist viel kleiner, stiller und unspektakulärer ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Mit der Lektüre von Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ bietet sich jedoch die Gelegenheit, sich auch im Jahr 2021 nochmal mit dem großen Komponisten zu beschäftigen. Eine Leseerfahrung, die sich vor allem für Klassikfans und Musikinteressierte bzw. -verrückte lohnt – als Ersteinstieg ist diese persönliche Sicht Thielemann’s auf Leben und Werk des großen Ludwig van Beethoven wohl eher nicht geeignet.

Christian Thielemann kennt das Werk Beethovens wie kaum ein Zweiter und hat sich sein Musikerleben lang intensiv vor allem mit den Orchesterwerken auseinandergesetzt. In seinem Buch, das in Gesprächen und in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, welcher er im Nachwort explizit für ihre aufschlussreichen Fragen und ihre „sprachliche Rasanz“ dankt, beschreibt er seinen persönlichen Weg zu Beethoven. Er erzählt von frühen Erlebnissen des Scheiterns und großen Glücksmomenten, von Lieblingswerken wie der Missa solemnis oder der Egmont-Ouvertüre, die ihn schon früh faszinierten, bis zur einzigen Oper Beethovens, dem „Fidelio“, mit dem Thielemann bis heute nicht warm werden kann und ihm deshalb weitestgehend aus dem Weg geht.

Er berichtet, welche Interpretationen seiner Vorgänger er schätzt – vor allem Wilhelm Furtwängler scheint für Thielemann bei Beethoven oft den richtigen Ansatz gefunden zu haben, von ihm schwärmt er häufig – und welche weniger. Man erfährt, dass er im Plattenladen eine Live-Aufnahme in der Regel einer Studioaufnahme vorzieht und warum.

Kernstück des Buches ist ein virtueller Zyklus der neun Beethoven-Symphonien, welche er an vier Abenden dirigiert, wie er es auch im richtigen Leben mit Weltklasse-Orchestern wie zum Beispiel den Wiener Philharmonikern bereits getan hat. Er lässt den Leser teilhaben an seiner ganz persönlichen, musikalischen und interpretatorischen Sicht auf diese neun so unterschiedlichen musikalischen Meisterwerke. Für ihn haben die Symphonien Farben – so ist die sechste Symphonie die Pastorale für ihn zum Beispiel „maiengrün“ – und jede hat ihren eigenen Reiz, einen völlig eigenständigen Charakter. Ausführlich beschreibt er musikalische Schlüsselstellen und Besonderheiten, Feinheiten in der klanglichen Ausgestaltung und ordnet diese Werke auch zeitlich ein, berichtet über Entstehungsgeschichte und spannt einen Bogen zu Beethovens Leben.

Neben den leisen Anklängen an Beethovens Biografie, erzählt er aber auch über seine persönliche Entwicklung als Dirigent und wie sich seine Art, sich Beethoven zu nähern, über die Jahre verändert hat.

„Die Missa ist heiß und superkalt zugleich. Aus der Strandsauna springt man raus in die eisige Nordsee.“

(S.249)

Stilistisch liest sich das Buch sehr flüssig und lebendig – trotz des zahlreichen musikalischen Fachvokabulars – finden sich häufig Bilder und Vergleiche, die aus dem Leben gegriffen und erfrischend zu lesen sind. Das ist kein trockenes, bierernstes Sachbuch, sondern vielmehr eine sehr persönliche, unterhaltsame Auseinandersetzung mit diesem „Titanen“, welche auch versucht, Hemmschwellen abzubauen und allzu respektvolle Distanz (zumindest für den Leser und Hörer) zu verringern.

Als Dirigent und Künstler hat Thielemann höchsten Respekt vor dem Lebenswerk des Komponisten und man spürt, dass er stets aufs Neue mit der idealen Interpretation der Beethoven’schen Werke ringt.

Für mich war es spannend zu lesen, mit welchen Fragen sich ein Dirigent bereits im Vorfeld auseinandersetzt: Dirigieren mit oder ohne Partitur? Wenn ja, mit welcher Partitur (alte oder neue Ausgaben)? Wieviel Beachtung schenkt man den teilweise aberwitzigen Metronomangaben des Komponisten? In welchem Saal klingt Beethoven gut und wo nicht? Welche Sitzordnung des Orchesters ist die Beste?
Unter anderem solche Fragen gewährten mir einen interessanten Blick hinter die Kulissen und in den Arbeitsalltag eines Dirigenten, den ich in dieser Form vorher noch nicht gelesen hatte.

Für mich hat die Lektüre große Lust geweckt, mich wieder und noch intensiver mit der Musik Ludwig van Beethoven’s zu befassen. Gerade die Missa solemnis, das Herzensstück Thielemann’s, die ich bisher noch nicht besonders gut kenne, werde ich mir bestimmt in der nächsten Zeit in Ruhe anhören.

Wer den Musikunterricht nicht mochte, lieber keine Noten lesen will und mit Beethoven noch nie etwas anfangen konnte, der wird keine Freude an diesem Buch haben, aber für Musikbegeisterte und Beethoven-Fans ist Thielemann’s Reise sicher zu empfehlen. Ein sehr persönliches, kurzweiliges und facettenreiches Buch über Leben und Werk des großen Komponisten und der individuellen Interpretation durch einen der bekanntesten Dirigenten unserer Zeit.

„Warum begleitet Beethoven uns das ganze Leben, als Musiker wie als Zuhörer? Wegen seiner Wahnsinnskontraste, zwischen denen alles Platz findet. Zarteste Unschuld und wildes Wühlen, frenetischer Jubel und tiefste Trauer.“

(S.251)

Buchinformation:
Christian Thielemann, Meine Reise zu Beethoven
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-75765-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Meine Reise zu Beethoven“:

Zum Weiterschauen:
Noch bis zum 24.01.2021 ist der Film „Louis van Beethoven“ mit Tobias Moretti in der Hauptrolle in der ARD Mediathek verfügbar. Wer sich bisher noch nicht mit dem Leben Ludwig van Beethoven’s befasst hat, bekommt hier zumindest einen ersten Eindruck. Ein gut gemachter Film, der unter anderem auch die Aspekte der schwierigen Kindheit und die Auswirkungen der zunehmenden Taubheit auf Beethovens Leben beleuchtet.

Zum Weiterhören:
Thielemann nennt im Buch neben der Egmont-Ouvertüre vor allem die Missa solemnis als eines seiner Lieblingswerke – hier werde ich mich sicherlich noch weiter einhören. Zudem beschreibt er seine persönliche Sichtweise auf jede der neun Symphonien. Man hat noch mehr von der Lektüre, wenn man parallel immer wieder ein wenig hineingehört, denn auch die vermeintlich unbekannteren und seltener gespielten Symphonien haben ihren Reiz.

Zum Weiterlesen:
Bereits 2012 erschien Christian Thielemann’s „Mein Leben mit Wagner“, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Journalistin Christine Lemke-Matwey entstanden ist, viele Einblicke in den Bayreuther Festspielbetrieb gibt und die große Leidenschaft des Dirigenten für Richard Wagner spürbar werden lässt. Vor allem für eingefleischte Wagnerianer eine lohnende Lektüre.

Christian Thielemann, Mein Leben mit Wagner
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-63446-8

Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5