Zeit des Umbruchs

Auf den zweiten Teil der Schwesterglocken-Trilogie von Lars Mytting hatte ich schon sehnsüchtig gewartet. Somit war klar, dass „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ zeitnah nach dem Erscheinen auf meiner Leseliste stehen würde, da mich bereits der erste Band „Die Glocke im See“ begeistert hatte.

„Einer Sage zu trotzen, das war eine Sache. Der Wirklichkeit zu trotzen, schon eine ganz andere.“

(S.206)

Jehans Hekne – der Sohn von Astrid Hekne, welche im ersten Teil der Trilogie im Mittelpunkt steht und die kurz nach der Geburt von Zwillingen verstorben ist – ist allein bei Verwandten aufgewachsen. Es heißt, er habe alleine überlebt und seinen Zwillingsbruder hat er nie kennengelernt. Sein Leben ist geprägt von harter Arbeit, da er für sein Auskommen und seinen Unterhalt in der Landwirtschaft eines verwandten Hofbesitzers Dienst leisten muss. Seine Leidenschaft gilt der Jagd und als er in einer gefährlichen Situation sein eigenes Leben riskiert, um einem verunglückten, ihm unbekannten, britischen Jäger in unwegsamen Gelände zu helfen, belohnt ihn dieser fürstlich für diese Lebensrettung.

Jehans hofft, sich mit Hilfe des teuren Präzisionsgewehrs, das er sich für die Belohnung kaufen kann, den Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Die Jagderfolge und das damit verbundene Einkommen sollen die Grundlage für seine finanzielle Unabhängigkeit bilden.

Mit dem gleichaltrigen Briten verbindet ihn bald eine innige Freundschaft und es zahlt sich aus, dass er von Pfarrer Schweigaard, der sich stets besonders um den Waisensohn der von ihm geliebten Astrid angenommen hat, Unterricht in Englisch und den Naturwissenschaften erhalten hat.

Als er dann im Hochgebirge durch Zufall auch noch eine zupackende und schöne junge Frau kennenlernt, scheint sein Leben eine weitere Perspektive zu bekommen. Erfindergeist und Ideenreichtum machen die beiden bald zu führenden Persönlichkeiten des Dorfes und der Fortschritt in Form eines Wasserkraftwerks, der Elektrizität und moderner Maschinen hält Einzug in Gudbrandsdalen. Doch in der selben Zeit fordern auch Krieg und Krankheit zahlreiche Opfer. Und auch die Glocke im See lässt Pfarrer Schweigaard und Jehans keine Ruhe.

Der Roman ist sehr vielschichtig und verbindet zahlreiche Erzähl- und Handlungsstränge – die Kenntnis des ersten Bandes erleichtert die Lektüre mit Sicherheit enorm. So führt er nicht nur die Geschichte von Pfarrer Schweigaard fort, der unter seiner Einsamkeit leidet und die verstorbene Astrid immer noch vermisst, sondern auch die Geschichte der nach Dresden versetzten Stabkirche, die Legende um den mystischen Hekne-Teppich oder auch die neue Geschichte des jungen Briten Victor, der zum Jagen nach Norwegen kommt. Eine reiche, bereichernde Lektüre, die auf über 500 Seiten – bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. die ausführliche Beschreibung des Gewehrs oder einiger Jagdszenen, die mir persönlich etwas zu ausufernd waren – ohne Längen auskommt und den Leser in seinen Bann zieht. All dies in einer stilistisch schönen Sprache, die der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel wunderbar ins Deutsche übertragen hat.

Mytting arbeitet häufig mit sich wiederholenden Symbolen und Motiven. So wie sich in manchen Familien Zwillingsgeburten überdurchschnittlich häufen, so zieht sich das Zwillingsmotiv auch durch die beiden Schwesterglocken-Romane. Und auch die oft schmerzhafte Trennung der Zwillingspaare (ob Schwestern, Glocken oder Brüder) bildet eine Konstante.

Lars Mytting erweist sich erneut als großartiger Erzähler. Er nimmt sich Zeit für die Figuren und die Geschichte, entwickelt ruhig und unaufgeregt seinen Plot, spinnt seinen Erzählfaden und webt seinen faszinierenden Geschichtenteppich – wie einst die Hekne-Schwestern ihr legendäres Meisterwerk.

Beeindruckt hat mich auch wieder die Gabe des Autors den zeitgeschichtlichen Hintergrund so authentisch einzufangen und harmonisch mit der Geschichte zu verbinden. Die Jahre zwischen 1903 und 1919, in welchen dieser Teil spielt, war eine Zeit des Umbruchs, der technischen Neuerungen, des Aufbruchs, aber auch eine Zeit großen Leids. Zwar brachten die Stromerzeugung durch Wasserkraft, das elektrische Licht und die strombetriebenen Hilfsmittel ungeahnte Möglichkeiten und Wohlstand, aber der erste Weltkrieg und die spanische Grippe brachten im gleichen Zeitraum auch Leid und Tod. All dies wird durch Mytting im Roman geschickt verarbeitet und verflochten und somit für den Leser spür- und erlebbar.

„(…) die Nacht war von jetzt an eine andere, denn die Gewissheit, jederzeit Licht haben zu können, hatte die Dunkelheit zu einer besseren Dunkelheit gemacht.“

(S.369)

Ein tiefgründiger Roman über Glaube, Liebe, Fortschritt, Einzelkämpfer und Einsamkeit, der wichtige Botschaften enthält und aufzeigt, dass materieller Wohlstand allein nicht glücklich macht.
Ein herrliches Buch für lange Winterabende bei Tee und Kerzenschein, das Sehnsucht weckt nach der Schönheit der norwegischen Natur und entführt in eine faszinierende Welt voller Traditionen, Mythen und nordischer Lebensart.

Buchinformation:
Lars Mytting, Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel
ISBN: 978-3-458-17939-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lars Mytting’s „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch stach für mich neben den traditionellen, norwegischen Moltebeeren, vor allem der exotische „Kerala-Eintopf“ – benannt nach einem indischen Bundesstaat – heraus, welchen der Dienstbote Kumara für Victor zubereitet.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Lars Mytting scheint eine besondere Beziehung zu Richard Wagner zu haben. Der erste Roman, den ich von ihm gelesen habe, war „Die Birken wissen’s noch“ – hier findet ein Enkel in einem alten Anzug seines verstorbenen Großvaters eine viele Jahre alte Karte der Bayreuther Festspiele – und entdeckt eine für ihn völlig neue, bis dahin unbekannte Seite dieses Mannes, bei dem er aufgewachsen ist. Im Roman begibt sich der Enkel auf Spurensuche und ergründet seine Familiengeschichte. Diese Wagner-Szene hat mich damals fasziniert und sich tief eingebrannt.
Und auch in diesem Roman spannt Mytting den Bogen von der Stabkirche zu Wagner:

„Richard Wagners Name war in Dresden nicht immer populär gewesen, doch sein gewaltiger Ring des Nibelungen nährte sich aus diesen Mythen, und mancher wollte im Schnitzwerk des Portals die heroischen Figuren aus diesen Opern wiedererkennen.“

(S.290)

Lars Mytting, Die Birken wissen’s noch
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36283-8

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Bei „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ handelt es sich um den zweiten Teil einer Trilogie. Daher würde ich auf jeden Fall empfehlen, den ersten Teil „Die Glocke im See“ vorab zu lesen. Man hat dann auf jeden Fall mehr von der Geschichte und versteht gewisse Zusammenhänge besser. Ganz abgesehen davon, dass der erste Band großartig ist: Meine Rezension war einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle und ist hier zu finden.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36475-7

Schwesterglocken

Lars Myttings „Die Glocke im See“ ist großartige, skandinavische Literatur und schickt den Leser auf eine Reise ins norwegische Gudbrandsdal des Jahres 1880. Im abgelegenen, einsamen und den Naturgewalten ausgesetzten Tal träumt eine junge Frau namens Astrid davon, mehr aus ihrem Leben zu machen. Sie ist wissbegierig, rastlos und lechzt nach Bildung – jede Zeitung, die sie in die Hände bekommt, liest sie hingebungsvoll und sie will mehr als die harte körperliche Arbeit und das entbehrungsreiche und in der Regel vorgezeichnete Schicksal, das sie als Frau im stillen Bergtal erwartet. Kinder, Küche, Kirche und Kälte an der Seite eines für sie gewählten Mannes ist nicht das, was sie sich erträumt.

Und doch meint es gerade der junge, ambitionierte Pastor, der vor kurzem neu ins Dorf gekommen ist, gut mit ihr, versorgt sie mit Lesestoff und schätzt ihre Meinung. Vielmehr ist er, der aus der Stadt in die raue Welt der Bergbauern gelangt ist, dankbar für ihre Hilfe und ihre Ratschläge. Denn sie vermittelt und erklärt ihm immer wieder auf ihre einfache, direkte und offene Art und Weise, wie die Menschen im Tal denken und leben – ihre Bräuche und Eigenheiten – und bewahrt ihn damit vor einigen Fehlern und Missverständnissen im Umgang mit seinen Gemeindemitgliedern.

Norwegen ist ein Land der Sagen und Mythen und so ist der christliche Glaube im 19. Jahrhundert in der Abgeschiedenheit des Tals noch tief durchzogen von Aberglauben und anderen Aspekten der Naturreligionen und überlieferten Bräuchen. Und Astrid macht dem Pastor Kai schnell klar: „Gottesfurcht ist gut und schön, (…) aber Hunger und gesunder Menschenverstand werden immer stärker bleiben.“ (Zitat, S. 56).

So prallen durch die neuen Ideen des jungen, progressiven Pastors deutlich spürbar Tradition und Fortschritt aufeinander. Und als er dann auch noch plant, die alte Stabkirche durch einen Neubau zu ersetzen, bringt er das Dorf und das Schicksal gegen sich auf. Astrid findet sich plötzlich im Zwiespalt der Gefühle und zwischen zwei Männern wieder: dem norwegischen Pastor Kai Schweigaard und dem aufstrebenden Architekturstudenten Gerhard Schönauer aus Dresden, der gekommen ist, um die Stabkirche des Dorfes zu dokumentieren, abzubauen und im fernen Deutschland wieder neu zu errichten. Wofür wird Astrid sich entscheiden? Bleibt sie der Heimat treu und sucht die Nähe des Pfarrers oder bricht sie auf in ein neues Leben in Deutschland und folgt Gerhard nach Dresden?
Und wird es ihr gelingen, die Schwesterglocken der alten Kirche – eine Stiftung ihrer Familie und tief verwurzelt in der Familiengeschichte – im Ort zu halten? Denn eine alte Sage besagt, dass die Glocken das Dorf durch ihr Läuten vor Unglück bewahren können.

Wer sich auf den Roman einlässt, kann sehr viel darin entdecken, denn er ist reich an Ideen und Themen. So kann man in den Aktionen des Pastors durchaus den Aufklärungsgedanken erkennen, denn er kämpft gegen das Dunkel und die Macht des Aberglaubens in seiner Gemeinde an. Dass er dabei nicht immer das richtige Fingerspitzengefühl beweist, zeugt von der Schwierigkeit dieses Unterfangens. Der Konflikt zwischen Tradition und Aufbruch ist für mich ein Hauptthema des Romans. Damit verbunden auch die Rolle der Frau und der innere Konflikt, den Astrid mit sich selbst austrägt: in wie weit kann und darf sie als Frau mehr vom Leben erwarten und selbstbestimmt entscheiden, mit wem und wie sie lebt? Kann sie sich den Zugang zu Bildung und Emanzipation erkämpfen?

Zentral war für mich aber auch der Gedanke, wie man mit kulturellem Erbe umgeht. So blutet einem das Herz, wenn man lesen muss, wie die jahrhundertealte Stabkirche zerlegt, abgebaut, aus ihrer angestammten Umgebung herausgerissen und versetzt wird. Und wenn man heute das Glück hat, selbst in Norwegen eines der wenigen verbliebenen Exemplare besichtigen zu können, spürt man, wie sehr diese architektonischen Meisterstücke in der norwegischen Landschaft und gelebten Tradition verwurzelt sind und welcher Zauber von ihnen ausgeht.

Sprachlich hat mich das Buch und vor allem auch die hervorragende Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel begeistert. Mytting nimmt sich Zeit für seine Geschichte, erzählt behutsam und in Ruhe. Man fühlt als Leser die Stille und Abgeschiedenheit im Tal fernab der städtischen Hektik gleichsam auch in der Sprache und dem erzählerischen Aufbau des Romans. Ein Buch der leisen Töne mit großem Tiefgang, starken Gefühlen und herausragenden Figuren, die lange in Erinnerung bleiben.

Buchinformation:
Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3458364757

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Welche weiteren sinnlichen Genüsse passen zu „Die Glocke im See“:

Für den Gaumen:
Eine kulinarische Besonderheit Norwegens und zudem traditionell auch noch aus Gudbrandsdalen stammend ist der braune Karamellkäse (Gudbrandsdalsost), der aus Molke hergestellt wird. Ein Geschmack, der mich unweigerlich immer an meine erste, wunderschöne Reise nach Norwegen erinnern wird.

Für die Ohren:
Mit Norwegen verbinde ich musikalisch vor allem Edvard Grieg und seine berühmtesten Werke – die „Peer Gynt-Suiten“.

Im Kopf hatte ich beim Lesen aber auch häufig – vor allem bei den Stellen, die in der Kirche spielen – das wunderschöne „Abendlied“ von Josef Gabriel Rheinberger („Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“)
Eines der schönsten und bewegendsten sakralen Chorstücke, das ich kenne.

Für weiteren literarischen Genuss:
Aufgrund der rauen, einsamen Bergwelt und thematisch hat mich das Buch immer wieder an Paolo Cognettis wunderbaren Roman „Acht Berge“ erinnert, den ich sehr empfehlen kann und der mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet wurde. Auch in diesem Roman geht es um den Konflikt zwischen Gehen und Bleiben und die Kraft der Natur:

Paolo Cognetti, Acht Berge
DVA
ISBN: 978-3-421-04778-6