Elf Tage im Dezember

Die mysteriöse Episode des elftägigen Verschwindens von Agatha Christie im Dezember 1926, in welchem die Polizei, die Medien und quasi ganz England nach der Krimiautorin suchte, trägt bis heute wesentlich zum Mythos der Queen of Crime bei. Ein Rätsel, das bis heute ungelöst ist und Marie Benedict dazu inspiriert hat, ihre fiktive Version bzw. ihren möglichen Erklärungsversuch in ihrem neuen Roman „Mrs Agatha Christie“ zu schaffen.

„Das Kratzen der Feder auf dem Papier erfüllt den Raum und löst Erinnerungen in Archie aus. Dieses Geräusch ist für ihn untrennbar mit seiner Frau verbunden, es ist das Geräusch ihrer Gedanken.“

(S.38)

Marie Benedict, die sich in ihren Romanen meist mit starken Frauenfiguren der Geschichte beschäftigt – wie in „Frau Einstein“ mit Mileva Marić oder mit Clementine Churchill in „Lady Churchill“, das ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe – hat sich dieses Mal keine Frau im Schatten eines bekannten Mannes ausgesucht, sondern sie widmet sich den berühmten elf Tagen im Dezember 1926, als die immer erfolgreicher werdende Schriftstellerin Agatha Christie plötzlich auf rätselhafte Art und Weise verschwindet.

„Nun, Colonel, jetzt bleibt uns leider nichts anderes mehr übrig. Wir müssen bei unseren weiteren Ermittlungen davon ausgehen, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben.“

(S.78)

Benedict lässt jeweils kapitelweise die Erzählperspektiven und Zeiträume wechseln. Die elf Tage im Dezember 1926 werden aus der Sicht des Ehemanns Archibald Christie erzählt, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Affäre mit einer anderen Frau hat und sich von Agatha trennen möchte und in Rückblenden erzählt Agatha Christie aus der Ich-Perspektive die wichtigsten Stationen und Schlüsselszenen ihrer Lebensgeschichte.

So erlebt man, wie sie 1912 ihren ersten Mann Archibald Christie kennenlernt, man begleitet sie durch die schweren Zeiten des ersten Weltkriegs, während dem sie als Krankenschwester in einem Lazarett arbeitete und schließlich durch ihre Tätigkeit in der Krankenhausapotheke Kenntnisse über Medikamente und die Wirkung von verschiedenen Giften erlangte.

„Nie wäre ich so kühn gewesen, meine kleine Ausbildung mit einem Studium der Pharmazie gleichzusetzen, aber ich wusste auf jeden Fall genug, um gefährlich zu sein.“

(S.95)

Und man wird Zeuge der sagenumwobenen Wette mit ihrer Schwester Madge, die es ihr nicht zutraute, eine richtige Detektivgeschichte schreiben zu können. Eine Wette, welche Agatha Christie gewann und die letzten Endes einen der zweifelsohne berühmtesten literarischen Detektive aller Zeiten – Hercule Poirot – das Licht der Welt erblicken ließ.

Die Rückblenden auf die wichtigsten Schlaglichter ihres Lebens schaffen Verständnis für die zeitlichen Umstände und die Frau Agatha Christie, ihre Stärken, ihre Schwächen und was ihr wichtig war im Leben.
Im Zentrum des Romans stehen jedoch ohne Zweifel die elf Tage im Dezember 1926, die bis heute Rätsel aufgeben und schon damals zu einem großen Skandal und riesigen Medienrummel geführt hatten.

„Doch als er die Tür öffnet und von unzähligen Blitzlichtern geblendet wird, begreift Archie, wie mächtig die Öffentlichkeit ist und dass nichts mehr so sein wird wie früher.“

(S.117)

Benedict hat erkannt, dass diese Episode selbst größtes Potenzial für einen spannenden Krimiplot bietet und bringt ihre Idee einer möglichen Erklärung zu Papier. Ein gekonntes Spiel mit Fakten und Fiktion, in dem man miträtseln kann, welche Rolle Agatha Christie selbst oder ihr Ehemann in dieser Affäre spielten bzw. vielleicht gespielt haben.

Ich habe dieses Buch bereits mit Vorkenntnissen der Biografie von Agatha Christie gelesen und sehr vieles war mir bereits bekannt. Daher ist es für mich schwer zu beurteilen, wie das Buch auf jemanden wirkt, der sich noch nicht näher mit der Lebensgeschichte Christie’s befasst hat.
Der Roman liest sich flüssig und schnell. Eine umfassende Biografie wird die Lektüre dieses Buchs sicherlich nicht ersetzen, soll und möchte sie aber auch nicht. Vielmehr ist es ein spannend geschriebener Roman, der selbst einem Krimi gleicht und auf süffige, unterhaltsame Art und Weise die Leserschaft zu fesseln versteht.

Man spürt den großen Respekt und die Bewunderung der Autorin für die Schriftstellerin und Persönlichkeit Agatha Christie, der sie mit diesem Werk ihre Reverenz erweist.
Benedict schenkt ein paar spannende, unterhaltsame Lesestunden und weckt auf alle Fälle erneut den Geschmack und die Lust, Agatha Christie’s Krimis zu lesen und sich wieder einmal mehr mit dem Leben und vor allem dem Werk der Grande Dame der Kriminalliteratur zu beschäftigen. Bei 66 Kriminalromanen, zahlreichen Kurzgeschichten und Theaterstücken hat man ja genug Auswahl, um Neues zu entdecken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marie Benedict, Mrs Agatha Christie
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00295-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Marie Benedict’s „Mrs Agatha Christie“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch bewegen wir uns in der britischen Upper Class: da gibt es – zumindest in Benedict’s Roman – vorwiegend Tee oder Champagner.

Zum Weiterhören:
Eine der ersten Szenen in Marie Benedict’s Roman ist das Kennenlernen von Agatha und ihrem ersten Mann Archibald Christie 1912 auf einem Ball: die Musikauswahl, zu welcher getanzt wird, hat eine große Variationsbreite von einem traditionellem Walzer aus der ersten Sinfonie von Edward Elgar bis hin zum schwungvollen „Alexander’s Ragtime Band“ von Irving Berlin.

Zum Weiterlesen (I):
Es werden zwei Werke erwähnt, welche Agatha Christie begeisterten und inspirierten: Anna Katharine Green „Der Fall Leavenworth“ (das ich nicht kenne) und Gaston Leroux’ „Das Geheimnis des gelben Zimmers“ (hier war vor kurzem eine Verfilmung auf ARTE zu sehen).

Zum Weiterlesen (II):
Andrew Wilson hat sich ebenfalls fiktional dem elftägigen Verschwinden von Agatha Christie gewidmet – in seinem Roman „Agathas Alibi“ erzählt er seine Version der Geschichte:

Andrew Wilson, Agathas Alibi
Übersetzt von Michael Mundhenk
Pendo
ISBN: 978-3866124226

Zum Weiterlesen (III):
Vor einiger Zeit habe ich hier auf der Kulturbowle die hochinteressante Biografie Agatha Christie’s von Barbara Sichtermann vorgestellt (hier geht es zu meinem Beitrag). Wer also mehr über die große Queen of Crime erfahren möchte und sich näher mit ihrer Lebensgeschichte – auch über jene mysteriösen elf Tage im Dezember 1926 hinaus – befassen möchte, der hat mit diesem Werk eine gute Möglichkeit dazu:

Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2