Kunstvolle Schattenspiele

Mit „Caravaggios Schatten“ hat Bernhard Jaumann nun seinen zweiten Band der Krimi-Reihe um die Kunstdetektei von Schleewitz vorgelegt und das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auf spannende Art lernt der Leser, was Artnapping bedeutet und begibt sich mit dem Detektiv Rupert von Schleewitz auch auf eine Reise in seine persönliche Vergangenheit.

Nach vielen Jahren ohne jeglichen Kontakt meldet sich bei Rupert von Schleewitz – dem Inhaber einer Detektei für Kunstkriminalität – ein ehemaliger Mitschüler und Zimmergenosse aus Internatszeiten und lädt ihn nach Potsdam ein, um mit ihm gemeinsam die Gemäldegalerie des Schloss Sanssouci zu besuchen. Im Museum wird schnell klar, dass sein Freund es auf ein ganz besonders Gemälde abgesehen hat: „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio.

„Dann drehte er sich um, holte mit der Rechten aus und trieb das Messer in die Leinwand. Genau in das weit aufgerissene Auge des Ungläubigen Thomas.“

(S.13)

Als dieser dann urplötzlich ein Messer zieht, es brutal in die Leinwand stößt und dem Kunstwerk mehrere Stiche und Schnitte zufügt, steht Rupert hilf- und machtlos daneben und gerät zunächst sogar selbst als Mittäter in Verdacht. Doch was trieb seinen Freund zu dieser Wahnsinnstat und warum wollte er ihn offenbar unbedingt dabei haben?

Als dann das Gemälde beim Transport zum Restaurieren auch noch von Unbekannten gestohlen wird, sieht sich von Schleewitz endgültig gezwungen, im Fall zu ermitteln und sich mit seiner Vergangenheit im Internat noch einmal auseinanderzusetzen. Schließlich bittet er auch seine Kollegen aus der Detektei – Max und Klara – um Hilfe.

„Den Finger in die Wunde legen hieß, eine schmerzhafte Wahrheit auszusprechen, jemanden auf unangenehme Weise mit einem Übel zu konfrontieren oder ihn an etwas zu erinnern, was er glücklich vergessen zu haben glaubte.“

(S.32)

Und so ermittelt Klara – die sich auch immer größere Sorgen um ihren parkinsonkranken Vater macht, welcher die polnische Pflegekraft mit seinen merkwürdigen Verhaltensweisen zunehmend nervt – vor allem in künstlerischen Aspekten und versucht den Artnappern auf die Spur zu kommen. Aufgrund ihres Studiums der Kunstgeschichte und der langjährigen Erfahrung im Kunstbereich, ist sie prädestiniert, eine etwaige Echtheit des Gemäldes bei einer Übergabe durch die „Geiselnehmer“ zu prüfen.
Max hingegen – in der Detektei hauptsächlich für Archivrecherchen zuständig – entwickelt gänzlich neue, unkonventionelle Recherchemethoden, als ihm plötzlich Kommissar Zufall in Form des bekannten „Bullen von Tölz“ zu Hilfe eilt.

Jaumann schafft es mit Augenzwinkern und Finesse auch dieses Mal wieder, witzige Szenen mit tiefgründigen Themen in Einklang zu bringen und so einen kurzweiligen, amüsanten und doch niveauvollen Krimi abzuliefern, der intelligent unterhält.

Gemeinsam mit seinen Lesern taucht der Autor ab in die Besonderheiten des Caravaggio-Gemäldes, in Interpretationsmöglichkeiten, geschichtliche Hintergründe und künstlerische Feinheiten, die einen sofort dazu bewegen, sich das Gemälde selbst einmal genauer anzusehen. Die Szene, in welcher der Bekannte Rupert’s auf das Gemälde einsticht, ist derart intensiv und eindringlich beschrieben, dass es einem regelrecht die Haare aufstellt.

Virtuos spielt der erfahrene Krimi-Autor auch mit der Sprache und schafft mit zahlreichen Bildern und Metaphern aus dem Bereich des „Hell und Dunkel“ oder „Nacht und Tag“ ein ebenso kunstvolles Licht- und Schattenspiel wie Caravaggio in seinen Gemälden. Ein sprachlich kluger und raffiniert verfasster Krimi, der mich wirklich begeistert hat.

„Der dramatische Moment wurde immer in grelles Licht gesetzt und effektvoll inszeniert, aber seinen Figuren ließ Caravaggio ihr Geheimnis. Und das Geheimnis brauchte nun mal die Dunkelheit. Die Schatten, in denen Gewissheiten zerflossen.“

(S.54/55)

Gekonnt verknüpft der Autor das Kunstmilieu – die Welt der Museen, der Restauratoren und Kuratoren – mit dem Leben in einem Internat und legt auch hier gleich dem ungläubigen Thomas den Finger in die Wunde.
War im ersten Band Raubkunst das Thema, so erfährt man dieses Mal viel über Museen, Politik und das Verbrechen des „Artnapping“, d.h. die Erpressung von Lösegeld für „entführte“ bzw. gestohlene Gemälde.

Bleibt zu hoffen, dass Jaumann die Kunstdetektei von Schleewitz auch noch in weiteren Fällen ermitteln lassen wird, denn die Verbrechen aus der Kunstwelt sind spannend und die ermittelnden Charaktere sympathisch, so dass man sich auf ein Wiedersehen mit Rupert, Klara und Max definitiv freuen würde.

Ohnehin hat man bei Jaumann’s Krimis am Ende auch immer das Gefühl, etwas Neues erfahren und gelernt zu haben. Eine Qualität, die zweifelsohne nicht jedem Krimi zugeschrieben werden kann und somit für sich spricht. Niveauvolle und kurzweilige Krimiunterhaltung, die ich vor allem kunstsinnigen und kulturell interessierten Freunden weitgehend unblutiger Kriminalromane unbedingt ans Herz legen kann. Ein exquisiter Krimigenuss!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Caravaggios Schatten
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-197-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caravaggios Schatten“:

Für den Gaumen:
Agnieszka, die polnische Haushälterin von Klara’s Vater kocht für ihren Schützling herzhaften Bigos-Eintopf – ein Gericht aus ihrer Heimat. Laut Wikipedia ist Bigos ein „Krauteintopf aus gedünstetem Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten sowie weiteren variierenden Zutaten“.

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio, das im Mittelpunkt dieses Krimi’s steht, hängt in der Bildergalerie von Schloss Sanssouci in Potsdam. Der Caravaggio zählt dort sicherlich zu den bekanntesten Werken, darüber hinaus können aber auch weitere Gemälde von van Dyck oder Rubens bestaunt werden. Solange die Museen pandemiebedingt noch geschlossen sind, kann man sich auch auf der Website des Museums das eindrucksvolle Kunstwerk näher ansehen und sich ein eigenes Bild davon machen.

Zum Weiterlesen bzw. zum vorher lesen:
„Caravaggios Schatten“ kann als in sich abgeschlossener Fall sicherlich auch unabhängig ohne Probleme gelesen werden. Im Januar habe ich jedoch bereits den ersten Band der Reihe „Der Turm der blauen Pferde“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht’s zu meiner Rezension) und es lohnt sich auf jeden Fall, diesen ersten Teil, in welchem man die Kunstdetektei von Schleewitz kennenlernt und in dem es sich um ein verschollenes Gemälde von Franz Marc dreht, vorab zu lesen. Ebenfalls spannend und unterhaltsam.

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

Ort für die Seele

Kaum ein Ort vereint die wechselvollen Kapitel der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre so konzentriert in sich wie ein kleines, feines Holzhaus am Glienicker See in der Nähe Potsdams. Thomas Harding erzählt in „Sommerhaus am See“ die Geschichte dieses Sommerhauses und seiner Bewohner: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte so lautet der Untertitel.

Ein Sachbuch, das sich sehr flüssig und spannend – nahezu wie ein Roman – liest und den Leser immer wieder ungläubig staunen lässt, was dieses Kleinod am Glienicker See und seine Bewohner alles erleben durften und mussten. Eine wechselvolle und eindrucksvolle Geschichte, die den Bogen spannt vom Jahre 1890 über das Baujahr 1927 bis zum Jahre 2015.

Thomas Harding ist der Enkel bzw. der Urenkel des Erbauers und ersten Besitzers des Sommerhauses – gemeinsam mit seiner Großmutter besucht er 1993 nach der Wende das Haus zum ersten Mal. Im Jahre 2013 sieht er das mittlerweile völlig verfallene Haus wieder, rettet es vor dem Abriss und macht es sich zur Lebensaufgabe, dieses als Erinnerungsort zu erhalten, seine Geschichte und die der Bewohner zu erzählen. Das Buch ist das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen und ist zugleich ein wahres Kaleidoskop deutscher Zeitgeschichte.

Zunächst erzählt der Autor die Geschichte des Orts Glienicke und des Ritterguts des Otto von Wollank, der sich dort zwischen 1890 und den 1920er Jahren vor den Toren Berlins ein florierendes Gut aufbaute und großzügigen Grundbesitz erwarb. Nach politisch turbulenten Zeiten und Kriegsjahren entschied dieser sich 1927, Teile seines Grundbesitzes zu verpachten, zumal es für wohlsituierte Berliner Familien immer mehr in Mode kam, sich ein Wochenenddomizil in der Natur am Wasser zu schaffen.

Die jüdische Familie Alexander findet so dort ihren Lieblingsort und errichtet sich ein gemütliches Holzhaus am Glienicker See. Für eine der Töchter und spätere Großmutter Thomas Harding’s Elsie brechen glückliche Tage an und sie wird die zunächst unbeschwerten Aufenthalte mit ihrer Familie im Haus nie vergessen.

Doch als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Einschränkungen und die Gefahr für die jüdische Bevölkerung immer mehr zunimmt, wandert sie schließlich mit ihrer Familie nach Großbritannien aus – sie müssen das Haus und ihren Besitz zurücklassen.

Danach übernimmt der Musikverleger Will Meisel das Feriendomizil und bewohnt es in den Vierziger Jahren und während der Zeit des zweiten Weltkriegs. Später ziehen weitere Familien in das Haus, erleben dort die russische Besatzung und den Mauerbau. Die Mauer wurde quer durch den Garten des Anwesens am Seeufer gebaut.

„1959 hieß es in der Berliner Morgenpost: (…) Wer heute nach Berlin reist, sollte auch nach Groß Glienicke fahren. … Nicht nur wegen des herrlichen Ausblicks und der schönen Badestellen am See. Denn: Glienicke ist mehr als eine hübsche Villenkolonie. Glienicke ist für Berlin-Besucher politischer Anschauungsunterricht im Freien. Hier, am Beispiel einer kleinen Siedlung, wird besonders deutlich, wie unsinnig die Teilung unserer Stadt ist.“

(S.235/236)

Weitere Bewohner des Hauses erleben die DDR-Zeit und die Zeit des Umbruchs. Nach der Wende verfällt das Häuschen zunehmend und steht schließlich leer. Als es schließlich abgerissen werden soll, rettet Thomas Harding mit zahlreichen Helfern und Mitstreitern das geschichtsträchtige Gebäude und heute steht es unter Denkmalschutz.

Ein großartiges, pralles und wunderbar flüssig lesbares Sachbuch, das anhand eines kleines Sommerhäuschens die gesamte deutsche Geschichte der letzte 100 Jahre erfahrbar macht. Illustriert mit zahlreichen Fotografien und anhand der biografischen Skizzen der Bewohner, wird dem Leser klar, welch wechselvolle Geschichte dieser besondere Ort in der Nähe Potsdams aufzuweisen hat.

Eine unglaubliche und intensive Geschichte, die Thomas Harding hier recherchiert und zusammengetragen hat und die sich zu lesen lohnt.
Schön, dass es ihm gelungen ist, dieses Haus als Gedenk- und Erinnerungsort zu erhalten und jetzt zu einem Ort der Bildung und Versöhnung zu entwickeln.

„Als ich an diesem Tag über den See blickte, begriff ich endlich, warum alle Bewohner des Hauses so an ihm hingen. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich brachte, trotz aller Umbrüche war es tatsächlich ein Ort für die Seele.“

(S.360)

Buchinformation:
Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerhaus am See“:

Zum Weiterklicken und Weiterschauen:
Auf der Internetseite des Alexanderhauses kann man anhand zahlreicher Bilder einen schönen Eindruck von diesem Kleinod gewinnen. Zudem bietet die Seite neben einem 44-minutigen Dokumentarfilm zahlreiche Hintergrundinformationen zur Geschichte und der heutigen Nutzung des Hauses. Ein Besuch des Anwesens, das heute Bildungs- und Begegnungsstätte ist und besucht werden kann (lediglich aktuell aufgrund der Pandemie geschlossen ist) steht unbedingt auf meinem Plan.

Zum Weiterhören:
Die Ehefrau des zweiten Besitzers des Sommerhauses Will Meisel war der Filmstar Eliza Illiard, die unter anderem in der Operettenverfilmung von Lehar’s „Paganini“ die Rolle der Anna Elisa spielte. Eine Operette, die aber vor allem durch Richard Tauber bekannt geworden war und unter anderem das bekannte Stück „Gern hab ich die Fraun geküsst“ enthält.

Zum Weiterlesen:
Mein fortführender Lesetip ist heute ein weiteres großartiges Buch, das ebenfalls die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählt. Die Autorin lässt das Haus sogar selbst zu Wort kommen. Es handelt sich um Regina Scheer’s „Gott wohnt im Wedding“, das ich vor einiger Zeit hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Ebenfalls ein wunderbarer Roman, der Zeitzeugen eine Stimme gibt.

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0