Norwegischer Nobel-Klassiker

Klassiker lesen lohnt sich und im Falle von Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ aus dem Jahr 1920 – dem ersten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie – ganz besonders. Die renommierte Übersetzerin Gabriele Haefs hat das Werk aus dem Norwegischen neu ins Deutsche übertragen – ein wunderbarer Anlass, wieder einmal ein großes Werk der Weltliteratur zur Hand zu nehmen.

14. Jahrhundert – Kristin wächst behütet als Lieblingskind ihres Vaters im norwegischen Gudbrandsdalen auf. Ihre Mutter ist schwermütig und kann die Verluste weiterer Kinder kaum verkraften, so dass sich der Vater verstärkt des Mädchens annimmt. Das Leben ist rau, schroff und arbeitsreich und doch verbringt Kristin eine weitgehend unbeschwerte, naturverbundene und freie Kindheit, bis sich die Schicksalsschläge häufen. Ihre kleine Schwester verletzt sich bei einem Unfall schwer und wird nie mehr vollständig genesen. Auch ihre Jugendliebe – der junge Arne aus der Nachbarschaft – stirbt unter tragischen Umständen.

Schon früh wird sie daher Simon, dem dominanten Sohn einer einflussreichen Familie, versprochen. Doch der Tod Arne’s, für den sie sich selbst die Schuld gibt, lässt sie für eine gewisse Zeit ins Kloster nach Oslo fliehen, um wieder Ruhe und Besinnung zu finden.

Eine völlig andere Welt – sie begegnet dem strengen Glauben der Schwestern im Orden, aber auch bei Besorgungsgängen dem quirligeren, bunten und lauten Stadtleben, das so anders ist als das bodenständige, einfache Leben in der kargen Natur ihrer Heimat. Und sie trifft auf Erlend – einen gutaussehenden, jungen Adeligen, dem ein zweifelhafter Ruf anhaftet, hat er sich doch in seiner Jugend einige Fehltritte geleistet, die ihn immer noch verfolgen. Und trotz alledem verliebt sich Kristin sofort in ihn.

„(…) doch sie hatte auch das Gefühl, dass alle Menschen sie anstarrten, als hätten sie durchschaut, dass sie als Lügnerin hier stand, mit dem goldenen Kranz in ihren offenen Haaren.“

(S.210)

Eine Ehe mit Simon kommt für sie nun nicht mehr in Frage und es kommt zur offenen Konfrontation mit dem Vater, der Erlend nicht als Schwiegersohn akzeptieren möchte. Kristin kämpft für ihre Liebe.

Steht der Kranz im Titel des Romans – der auch an den skandinavischen Mittsommer denken lässt – symbolisch für die Jungfräulichkeit, so stammt auch die Redewendung „unter die Haube kommen“ aus dem Mittelalter, da Frauen ab dem Zeitpunkt ihrer Heirat das Haar nicht mehr offen tragen durften, sondern unter einer Kopfbedeckung verbargen.

„Vielleicht hatte er sich in diesem Jahr gar nicht so sehr verändert, aber in all den Jahren hatte sie ihn als den jungen, kräftigen, schönen Mann gesehen, auf den sie als kleines Kind so stolz gewesen war, weil sie ihn zum Vater hatte.“

(S.240)

Mich berührte vor allem die besondere, innige Beziehung zwischen Vater und Tochter. Undset zeichnet ein ganz besonderes, sehr liebevolles Band zwischen den beiden, das durch Kristin’s Brechen mit Regeln und Traditionen im Laufe des Romans einer starken Zerreißprobe unterzogen wird. Und doch springt selbst der starrköpfige Patriarch aus Liebe zu seiner Tochter in so manchem Punkt über seinen Schatten. Die ausdrucksstark charakterisierte Vaterfigur mutet im Vergleich zum erzkonservativen und herrschsüchtigen Verlobten Simon noch sehr verständnisvoll und weichherzig an und doch bricht ihm die unkonventionelle Entscheidung seiner Tochter nahezu das Herz.

Sigrid Undset hatte ein sehr feines Auge für Stimmungen, zwischenmenschliche Gefühle sowie eindrückliche Naturbeschreibungen und auch die Übersetzerin Gabriele Haefs hat hier einen sehr harmonischen sprachlichen Klang gefunden, der sich wunderbar liest.

In meiner Heimatstadt Landshut hat man aufgrund der „Landshuter Hochzeit 1475“ – einem historischen Fest, das alle vier Jahre (außer in Pandemiezeiten) nachgespielt wird – einen engen Bezug zum Mittelalter – wenn diese auch zeitlich etwas später liegt, als der Roman (14. Jahrhundert). Bei mir ließen die präzisen Beschreibungen der Norwegerin jedoch sofort ein mittelalterliches Kopfkino entstehen, das sich in punkto Kleidung, Schuhwerk oder Waffen bei mir natürlich schnell mit meinen persönlichen Erinnerungen des Landshuter Festes vermischte.

Man sollte keine Berührungsangst oder Scheu vor traditionsreicher, großer Literatur haben. Ganz im Gegenteil: es ist eine Bereicherung, wenn man diese Klassiker – die nicht umsonst zu solchen wurden – in einer derart gelungenen und zeitgemäßen Neuübersetzung für sich entdecken und genießen darf. Da ist nichts Antiquiertes oder Angestaubtes, sondern Undset hat mit Kristin Lavranstochter eine unvergessliche Frauenfigur des norwegischen Mittelalters zum Leben erweckt – eine interessante Frau aus Fleisch und Blut mit Stärken, Schwächen, Eigensinn und einem starken Willen.

Das Nobelpreiskomitee begründete die Vergabe des Preises 1928 an Sigrid Undset wie folgt und zeichnete sie „vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“ (Quelle: Wikipedia) aus. Dem kann ich mich nur anschließen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt und bei Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“:

Für den Gaumen:
Das mittelalterliche Festessen ist zumindest in Teilen für heutige Gaumen gewöhnungsbedürftig:

„Es gab Roggenmehlgrütze, gekochte Bohnen, weißes Brot und als Frischgericht Forellen, salzig und frisch, und fetten Weißfisch.“

(S.349)

Zum Weiterlesen (I):
Der zweite Teil von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Die Frau“ erscheint im Herbst im Kröner Verlag ebenfalls neu übersetzt von Gabriele Haefs. So kann die Klassiker-Lektüre schon sehr bald fortgesetzt werden.

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Zum Weiterlesen (II):
Einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle war Lars Mytting’s „Die Glocke im See“ gewidmet, einem Roman, der ebenfalls im norwegischen Gudbrandsdalen spielt. Auch in Bezug auf das Erzählen einer Familiengeschichte, die Nähe zur schroffen Natur und der Kargheit des einfachen Lebens lassen sich durchaus Parallelen erkennen, auch wenn was die Handlung betrifft 500 Jahre dazwischen liegen, denn Mytting’s Roman spielt im 19. Jahrhundert.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3458364757

Sagenhafte Zauberkräfte

Neuer Monat, neue Indiebookchallenge, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Juni 2021 unter dem Motto „lies ein Buch ohne den Buchstaben A im Titel“ steht.
Da passte für mich Madeline Miller’s Titel „Ich bin Circe“ aus dem Eisele Verlag wunderbar, den ich ohnehin schon lange lesen wollte. Und ich war erstaunt, dass mein Bücherregal durchaus auch noch viele andere Optionen mit „Titel ohne A“ geboten hätte – mehr als ich zunächst angenommen hätte.
Die ersten richtig sommerlichen Lesestunden im Freien konnte ich daher dieses Jahr im Liegestuhl mit „Ich bin Circe“ verbringen, das sich diesbezüglich als hervorragende Wahl entpuppte.

Madeline Miller – 1978 in Boston geboren – verarbeitet in ihrem Roman einen großen Stoff aus der griechischen Sagenwelt zu einem sehr lesenswerten, modernen und heutigen Roman. Als studierte Altphilologin, die in Cambridge Latein und Griechisch unterrichtete, weiß sie, wovon sie schreibt und sie tut dies auf sehr gelungene und kurzweilige Art und Weise.
Sie erzählt die Geschichte der Zauberin Circe, die als unsterbliche Tochter des Sonnengottes Helios mit magischen Kräften ausgestattet ist und doch nicht verhindern kann, in Ungnade zu fallen und alleine auf die Insel Aiaia verbannt zu werden.

„Ich werde mich nicht wie ein Vogel verhalten, der in einem Käfig groß geworden ist, dachte ich. Ein Vogel, der aus lauter Stumpfsinn nicht losfliegt, obwohl die Tür offen steht. Also ging ich in diesen Wald hinein, und mein Leben begann.“

(S.107)

Es wird gut beschrieben, wie sich Circe bereits in der Kindheit im Kreise ihrer Geschwister stets als Außenseiterin fühlte. Ihre Haare, ihre Stimme, die aus dem Rahmen fallen und vor allem ihre Fähigkeiten als Hexe machen sie einsam. Als sie sich dann in einen Sterblichen verliebt, nimmt das Unglück seinen Lauf.
Denn im Reich der Götter und Halbgötter, der Titanen und Olympier menschelt es gewaltig.

„Rache. Wollust. Hochmut. Habgier. Macht. Habe ich noch was vergessen? Ach ja, Eitelkeit und Kränkungen.“ „Klingt nach einem ganz normalen Tag unter Göttern.“

(S.260)

In Miller’s Roman begegnet man so zahlreichen Figuren der griechischen Mythologie und bekommt Antwort auf Fragen wie zum Beispiel: Wie wurde Scylla zu dem gefürchteten Seeungeheuer, das Angst und Schrecken verbreitet? Kann man gegen göttliche Vorsehung wirklich etwas ausrichten? Wer waren Jason und Medea? Was hat es mit dem gefürchteten Minotaurus auf sich?

Man bekommt Einblick in die Odyssee, erfährt die Hintergründe und Entstehungsgeschichte und durchlebt literarisch die Zeit, die Odysseus mit Circe auf ihrer Insel verbrachte. Eine Liebesgeschichte, die nicht währen kann.

„Ich strich mit der Hand über seine geriffelten Narben und spendete Linderung, so gut ich konnte. Ich bot ihm an, die Narben wegzuzaubern. Er schüttelte den Kopf. „Wie wüsste ich dann noch, wer ich bin?“

(S.278)

Circe offenbart im Roman unzählige Facetten und ist so vielseitig wie die Rollen, die auch moderne Frauen ausfüllen: Sie ist Tochter, Liebende, Mutter. Sie erfährt im Roman eine enorme Entwicklung und löst sich von Konventionen und Familienbanden – findet in der Verbannung und Einsamkeit zu sich selbst und entscheidet für sich, was ihr wichtig ist und wofür sie bereit ist zu kämpfen. Interessant fand ich auch das Hadern mit der Unsterblichkeit, die am Ende auch nicht glücklich macht, wenn man die Menschen die man liebt, nach und nach altern sehen und verlieren muss.

Miller hat ein reiches und sprachlich sehr dichtes Buch geschrieben, das unzählige Lesarten und Aspekte bietet, so dass es vermutlich jeder Leser mit einem anderen Schwerpunkt lesen wird und etwas für sich aus der Lektüre ziehen kann.
Ein Roman über Selbstfindung und Mutterliebe, über große Gefühle, die Liebe, Eifersucht, mythische Rituale, das Loslassen und das Reisen mit leichtem Gepäck.

So spannend und zeitlos können mythologische Stoffe sein. Madeline Miller hat Homer’s Odyssee vom Staub befreit und führt so auch Leserinnen und Leser an die Welt der Sagen heran, die bisher vielleicht nicht allzu viel damit anfangen konnten. Ein opulentes, bildreiches Werk mit überbordender Fabulierlust einer Autorin, die es sich lohnt, weiter im Auge zu behalten.
2012 wurde Miller für ihren Debütroman „Das Lied des Achill“ mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Wer für den Sommerurlaub noch einen richtigen Schmöker sucht und Abtauchen möchte in die Welt der griechischen Götter und Helden, der ist hier an der richtigen Adresse. Eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre mit einigen Lerneffekten, Aha-Erlebnissen und das Wiedersehen und Auffrischen von Namen und Figuren, die man in Schulzeiten zwar schon gehört hatte, aber vielleicht doch nicht mehr alle so recht einordnen konnte.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Madeline Miller, Ich bin Circe
Aus dem Amerikanischen Englisch von Frauke Brodd
Eisele
ISBN: 978-3-96161-095-2

Im Juli 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag das nach Sommer schmeckt“ (#sommerbuch) – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Madeline Miller’s „Ich bin Circe“:

Für den Gaumen:
Circe serviert ihrem Sohn Telegonos sein Lieblingsessen: „mit gerösteten Kräutern gefüllter Fisch und Käse“ (S.360). Das könnte ich mir jetzt im Sommer auch als sehr gelungene Mahlzeit vorstellen.

Zum Weiterhören:
Wikipedia listet derzeit 13 Opern auf, die auf dem Circe-Stoff basieren, darunter finden sich so namhafte Komponisten wie Christoph Willibald Gluck oder Alexander von Zemlinsky. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, irgendeine dieser Vertonungen zu hören oder auf der Bühne zu erleben.

Zum Weiterlesen:
Streckenweise erinnerte mich „Ich bin Circe“ sehr an Marlen Haushofer’s Klassiker „Die Wand“ aus dem Jahr 1963. Die Szenen, in welchen Circe verbannt auf der Insel sich komplett alleine durch die Tage bringt, für sich selbst sorgt und sich mit sich selbst beschäftigt, hatten für mich große Ähnlichkeit mit „Die Wand“, der mir sehr nachhaltig in Erinnerung geblieben ist:

Marlen Haushofer, Die Wand
List Taschenbuch
ISBN: 9783548605715

Der Welt abhanden gekommen

Völlig hin und weg – das trifft es wohl ziemlich gut, wenn ich meinen Gemütszustand nach der Lektüre von Judith Fanto’s Debütroman „Viktor“ beschreiben müsste. Ein Roman, der mich sprachlos, begeistert, glücklich, nachdenklich, fasziniert und dankbar zurücklässt – völlig hin und weg eben. Ein wunderbares Buch, das genau meinen Nerv getroffen hat.

„Verblüfft starrte ich das Farbfoto meiner damals noch jungen Großeltern an, die durch Salzburg flanierten, und musste ernüchtert meinen Denkfehler feststellen: Es gab kein Schwarz-Weiß-Zeitalter. Das Leben von Laura, Otto, Tante Gustl und Anton war farbig gewesen, auch wenn ich das nicht sehen konnte. Ihr Leben war real gewesen, und damit war es auch ihr Tod.“

(S.49)

Neunziger Jahre in den Niederlanden – Geertje ist Studentin und sie hat die Verschwiegenheit in ihrer jüdischen Familie, was die Vergangenheit anbelangt, satt. Die Zeit des Holocausts, das Leid, die Schicksale und der Verlust von Familienmitgliedern, all das wird seit Jahrzehnten konsequent totgeschwiegen.

Geertje rebelliert gegen das Verleugnen und beginnt, sich intensiv mit dem Judentum auseinanderzusetzen, versucht ihren Glauben aktiv zu leben, engagiert sich in der jüdischen Gemeinde und ändert ihren Namen in Judith. Das ist ihre Art und Weise, sich ihren jüdischen Wurzeln zu nähern und so versucht sie auch das Schweigen in der Familie zu brechen. Nach und nach erschließen sich ihr die psychologischen Mechanismen und kommunikativen Verhaltensweisen ihrer Familie, die sich über Jahrzehnte entwickelt und eingeschlichen haben.

In Rückblenden ins Wien der Zeit Gustav Mahler’s und den folgenden Jahrzehnten wird die Familiengeschichte der Rosenbaums erzählt. Der Rebell dieser Zeit war Viktor Rosenbaum, der sich als Lebenskünstler kreativ durchs Leben schlägt und mit seinen unkonventionellen Methoden im Familienkreis ebenso oft aneckt wie Geertje bzw. Judith lange Zeit danach.

„Viktor sieht die Dinge ausschließlich so, wie es ihm in den Kram passt, und er interpretiert die Regeln so, dass sie ihm zum Vorteil gereichen. Der Junge glaubt an nichts, er ist ganz im Bann seiner selbst. Und das alles mit einer Panade von Charme.“

(S.115)

Die Geschichte der Rosenbaums ist – wie bei den meisten jüdischen Familien im Wien der damaligen Zeit – geprägt von Flucht, Leid, Verlust, Schmerz und Trauer – aber auch von einem tiefen Zusammenhalt, Liebe und Mitgefühl.

Judith findet auf dem Dachboden Dokumente – gleichsam ein Familienarchiv – und taucht tief in die Vergangenheit und die Lebensgeschichten ihrer Vorfahren ein, um am Ende zu sich selbst finden zu können.

„Ich bin eben wissenshungrig. Wenn ich meine Abstammung genau kenne, kann ich entscheiden, was ich behalten und was ich loslassen will. Erst dann kann ich die werden, die ich sein will.“

(S.242)

Judith Fanto hat mit „Viktor“ ein gefühlvolles, humorvolles und tief bewegendes Buch geschrieben, bei dem Weinen und Lachen sehr nahe beieinander liegen. Die Niederländerin hat ein liebevolles Zeugnis ihrer eigenen Familiengeschichte geschaffen, das einen nicht mehr loslässt.

Ein kluger und nachdenklich stimmender Roman darüber, was es bedeutet, jüdische Wurzeln zu haben und mit einer traurigen, verlustreichen Vergangenheit und schweren Bürde umzugehen – auch für die Generation, welche diese nicht mehr selbst erlebt hat und dennoch die Auswirkungen immer noch spürt.

Es gibt Bücher, die bewegen und manchmal gibt es welche, die treffen einen wie ein Blitz, erobern das Herz im Sturm. Weil einfach alles passt, die Chemie stimmt und man vollkommen abtaucht in die Geschichte, die Zeit, die Figuren, gleichsam beim Lesen „der Welt abhanden kommt“ – um bei Gustav Mahler zu bleiben.

Für mich war „Viktor“ ein solcher Glücksfall: ich mochte die Sprache, den Humor, ich liebe Musik, Kultur, Literatur – Themen, die für die Familie Rosenbaum einen hohen Stellenwert haben. All das in weiten Teilen des Romans angesiedelt in Wien, einer faszinierenden Stadt. Mit vielem spricht Fanto mir geradezu aus der Seele:

„Abgesehen davon, dass prinzipiell auf die Qualität der Lebensmittel geachtet wurde, pflegte unsere Familie einen eher einfachen Lebensstil. Reichtümer anzusammeln galt als unanständig und uninteressant, und das Geld, das man hatte, floss in Musik, Theater, Kunst, Literatur und Wohltätigkeit.“

(S.40)

Judith Fanto hat ein herausragendes Debüt geschrieben – unfassbar schön mit einer großen Leichtigkeit im Schweren. Eine humorvolle und zugleich sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familiengeschichte und dem Schicksal vieler Juden in zweiter oder dritter Generation nach dem Holocaust.

Ein grandioses Buch, das mir neue Perspektiven eröffnet, Denkanstöße gegeben und zugleich einen unvergesslichen Lesegenuss beschert hat – es wird mit Sicherheit zu meinen Lieblingsbüchern dieses Jahres zählen.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Feiner reiner Buchstoff und Sandra Falke.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Urachhaus Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Judith Fanto, Viktor
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5257-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Judith Fanto’s „Viktor“:

Für den Gaumen:
Gemeinsame Mahlzeiten sind wichtige Rituale in Familien – so auch bei den Rosenbaums. Die Wiener Küche hat tiefe Spuren hinterlassen:

„Auf dem Tisch standen zwei Teekannen, Milch und Kandiszucker, Zitrone und Stroh-Rum, zwei Platten mit Nusskugeln, Vanillekipferln, Lebkuchen, Mohnkrapfen und vier Stücken Käsekuchen, außerdem ein Apfelstrudel und ein Gugelhupf mit dunkler Schokoladenglasur.

(S.243/244)

Wer wäre da nicht auch gerne eingeladen?

Zum Weiterhören:
Musik hat in der Familie Rosenbaum einen sehr hohen Stellenwert. Gustav Mahler ist Hausgott und Zeitskala – alle wichtigen Familienereignisse werden mit Mahler’s Lebenslauf verknüpft (Geburtstage treffen mit Uraufführungsterminen bestimmter Sinfonien zusammen etc.). Für den Titel meiner Rezension habe ich eine Zeile aus einem Gedicht von Friedrich Rückert gewählt, welches Gustav Mahler im Rahmen seiner Rückert-Lieder vertont hat: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Eine schöne Aufnahme gibt es von Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“.

Zum Weiterschauen:
Den Umschlag, des vom Urachhaus Verlag schön und sehr wertig gestalteten Buches, ziert die „Dame in Gelb“ – ein sehr bekanntes Gemälde von Max Kurzweil aus dem Jahr 1899. Kurzweil war Gründungsmitglied der Wiener Secession. Das Gemälde kann auf der Website des Wien Museum in voller Schönheit betrachtet werden.

Zum Weiterlesen:
Als eines der ersten Bücher auf meiner Kulturbowle habe ich letzten Sommer „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler besprochen. Wer also Lust darauf bekommen hat, sich auf leise, poetische Weise mit einem nachdenklichen und berührenden Buch ein wenig näher mit Gustav Mahler zu beschäftigen, der hat hiermit eine gute Gelegenheit (darf aber keine Biographie erwarten):

Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

Griechische Strohhüte

Heute geht es mit meiner Europabowle oder Literarischen Europareise weiter und ich reise nach Griechenland – auf ein Landgut in der Nähe von Athen. Margarita Liberaki schrieb ihren Roman „Drei Sommer“ im Jahr 1946 – jetzt liegt 75 Jahre später zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung von Michaela Prinzinger vor. In Griechenland war und ist dieses zeitlose literarische Werk sehr erfolgreich und gilt bereits als Klassiker.

„Es war ein süßer Schlaf, beim Erwachen kehrte ich zurück wie aus einer anderen Welt. Die Wiese strahlte, die reifen Weinbeeren hingen von der Rebe, meine Hand langte nach ihnen, und mein Mund wollte sie kosten. Von allen möglichen Welten, so sagte ich mir, war die Erde gewiss die schönste.“

(S.11)

Margarita Liberaki hat mit „Drei Sommer“ die Geschichte dreier Schwestern erzählt: Maria, Infanta und Katerina. Sie wachsen in einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe Athens auf und der Roman beschreibt wie jede der drei auf sehr unterschiedliche Weise zur Frau heranwächst und ihren Platz im Leben sucht.

Die Ich-Erzählerin Katerina ist die Jüngste der Schwestern – in kurzem Abstand folgt sie auf Maria und Infanta.
Maria ist die Zupackende, Pragmatische, die sich nach der Liebe, der Ehe und vor allem der Mutterschaft sehnt. Sie heiratet früh und bringt schon bald einen Sohn zur Welt. Die Autorin beschreibt intensiv Schwangerschaft und Muttergefühle, sowie eine junge Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als leidenschaftliche Liebesheirat darstellt.

„Die größte Kraft liegt in den Dingen des Alltags verborgen.“

(S.81)

Infanta, die Mittlere der Schwestern, steht unter starkem Einfluss der Tante Tereza, die ebenfalls im Haushalt lebt, aufgrund einer prägenden Missbrauchserfahrung nie geheiratet und sich an keinen Mann gebunden hat. So schärft sie auch der Nichte ein, dass sie ohne Mann besser dran ist. Infanta schwankt zwischen Häuslichkeit – sie verbringt viel Zeit mit Handarbeiten und Stickbildern – und Freiheit, die sie vor allem auf dem Rücken ihres Pferdes findet.

Katerina ist die Freiheitsliebendste der drei und fühlt sich im Geiste mit der Großmutter verbunden, die sie nie kennengelernt hat. Denn die aus Polen stammende Großmutter wird in der Familie verteufelt und verurteilt, da sie den Großvater bereits früh mit den Kindern allein gelassen hat, als sie mit einem Musiker durchbrannte. Katerina scheint als Einzige Respekt für diese Entscheidung zu haben, verspürt einen Drang in die Ferne, um ebenfalls alles zurückzulassen. Sie möchte unabhängig bleiben, frei sein und entwickelt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

„So gern würde ich beschreiben, wie die Welt aufglänzt, wenn das Licht knapp vor Sonnenuntergang auf das Gras der Wiese fällt, ihr intensives Grün und noch andere schöne Dinge, die bedauerlicherweise nicht länger existieren als der Augenblick, da ich sie erblicke.“

(S.318)

Interessant fand ich, dass bereits in den Vornamen der Schwestern ihre Charaktere anklingen: Maria die Mütterliche, Infanta die Kindliche und Unbefleckte und Katerina, bei der ich stets die Widerspenstige bei Shakespeare im Kopf hatte.

„Irgendwann verschwindet die Befangenheit bestimmt wieder, nur der Verrat wird bleiben. Dann denken wir an die Zeit zurück, als wir im Heu lagen und unsere Sehnsüchte so verflochten waren, dass sie keiner von uns allein gehörten.“

(S.192)

Die Autorin, die später auch in Paris lebte und dort Bekanntschaft mit Camus und Sartre machte, behandelt Essentielles und einschneidende Erlebnisse im Leben einer Frau. Es geht um erste Lieben und unterschiedliche Lebenskonzepte, um Freiheit und Selbstbestimmung. Liberaki zeichnet intensive Charakterstudien und beschreibt, wie jede der Schwestern eine völlig andere Erwartungshaltung an das Leben und die Liebe hat.

Die Natur und der ländliche Alltag in einem griechischen Dorf bieten den Rahmen und die flirrende Hitze des Sommers wird für den Leser spürbar. Liberaki singt ein Loblied auf Naturverbundenheit und die Schönheit im Kleinen. „Drei Sommer“ ist ein geerdetes und stilles Buch, das den Blick auf Wesentliches lenkt.

Ein Roman, der mich vor allem durch die ausdrucksstarke Sprache, die bezaubernden Naturschilderungen und die ruhige, fließende Sprachmelodie für sich eingenommen hat. In der Einfachheit liegt die Kraft und Liberaki schreibt sinnlich und ästhetisch über den griechischen Sommer und existenzielle Fragen, die sich Frauen auch heute noch stellen.

Ein Buch wie ein reicher, blühender, naturbelassener Garten – wenn man sich Zeit nimmt und genau hinschaut, gibt es viel Schönes zu entdecken. Ein leises, zartes und doch ungemein intensives Werk über Lebensfreude und die Kunst ein Leben zu leben, dem es sich lohnt zu lauschen und aufmerksam zuzuhören.

Eine weitere schöne Besprechung gibt es beim Leseschatz.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark und Rumänien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Margarita Liberaki, Drei Sommer
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Arche
ISBN: 978-3-7160-2798-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Margarita Liberaki’s „Drei Sommer“:

Für den Gaumen:
Zur Erfrischung bei sommerlichen Temperaturen wird im Roman immer mal wieder Sauerkirschlimonade gereicht. Vielleicht ist dies die passende Idee für das diesjährige Sommergetränk?

Zum Weitergenießen:
Der Roman dessen griechischer Titel sich in einer wörtlichen Übersetzung auf die Strohhüte bezieht, die sich die Schwestern zu Beginn des Sommers kaufen, strahlt eine sommerliche Wärme und Ruhe aus. Warum also nicht den Strohhut aufgesetzt, hinaus in die Sonne und einfach mal den sommerlichen Geräuschen lauschen, die frische Luft genießen oder natürlich ein gutes Buch im Freien lesen.

Zum Weiterlesen:
Aus Griechenland stammten bisher zwei Literaturnobelpreisträger: Giorgos Seferis im Jahr 1963 und Odysseas Elytis im Jahr 1979 – mit beiden bin ich bisher nicht in Berührung gekommen und auch wenn ich den Blick über mein Bücherregal streifen lasse, ist die griechische Literatur im Grunde nicht vertreten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass das Jahr 2001, in dem Griechenland das Gastland der Frankfurter Buchmesse und daher im Fokus der Verlage war, schon 20 Jahre zurück liegt. Somit verbinde ich persönlich Griechenland stets mehr mit der altgriechischen Literatur von Homer – der Ilias und der Odyssee.

Homer, Ilias / Odyssee
Übersetzer: Johann Heinrich Voss, Hans Rupé
Anaconda
ISBN: 978-3-7306-0809-8

Der Ruf des Kiwitts

60 Jahre nach dem Eichmann-Prozess ist Hannah Arendt wieder in aller Munde. Die „ZEIT“ widmete ihr vor kurzem einen eigenen Titel („Die Prophetin der Freiheit“) und Hildegard E. Keller’s Roman „Was wir scheinen“ ist in diesem Bücher-Frühjahr einer der Titel, die mit Spannung erwartet auch große Aufmerksamkeit in Bloggerkreisen erhalten. Und diese hat der Roman aus meiner Sicht auch voll und ganz verdient. Eine lohnenswerte Lektüre für all jene, die sich näher mit Hannah Arendt beschäftigen wollen und dies auf eine literarisch-poetische und künstlerische Weise und nicht mit einer klassischen Biographie tun möchten. Mehr davon hat man sicherlich, wenn man schon gewisse Vorkenntnisse über die Biographie Arendt’s mitbringt und diesen Roman zur Vertiefung und zum Genuss liest, den er zweifelsohne bereithält.

„Noch immer goss es in Strömen, als wollte der Regen ihre Gedanken und Wörter wegspülen, ihre Erinnerungen an Menschen, die noch da, aber nicht mehr am Leben waren, all das Erlittene und Durchlebte, den Strom des Außerordentlichen und Wunderbaren, an dem sie entlanggestrichen war.“

(S.32)

Sommer 1975 – Hannah Arendt reist für einen Urlaub ins Tessin, in den beschaulichen Ort namens Tegna, den sie in den letzten Jahren immer mehr liebgewonnen hat, der sie zur Ruhe kommen lässt und wo sie sich wohlfühlt. Sie weiß nicht, dass es ihr letzter Besuch dort sein wird. Doch in ihren Träumen ruft der Kiwitt bereits sein „Komm mit!“.
Die Kapitel wechseln ab zwischen dem Urlaub 1975 in Tegna und Rückblenden an entscheidende Orte und Jahre in Arendt’s Leben: Jerusalem, New York, Wiesbaden, Zürich, Rom. Man begegnet wichtigen Menschen und Weggefährten der politischen Theoretikerin und Publizistin: Martin Heidegger, Professor und Geliebter, ihrem Mann und großen Liebe Heinrich Blücher, ihr enger Vertrauter und väterlicher Freund Kurt Blumenfeld, Karl Jaspers und Walter Benjamin – aber auch Ingeborg Bachmann oder Mary McCarthy.

Es sind Szenen der Flucht und des Ankommens, des Schreibens, Diskutierens und Haderns. Keller lässt Arendt’s Werk, die Gedankenwelt und Denkprozesse in Gesprächen und Dialogen mit Studenten und Freunden, in Interviewsituationen oder in Briefkorrespondenzen zum Ausdruck kommen.
Und immer wieder lässt sie auch ins Private, Innere blicken, zeigt die sinnliche, weiche und poetische Seite Arendt’s, die Gedichte liebte und selbst Gedichte schrieb, die auch im Roman zitiert werden.

„Ihre eigenen Gedichte kannte sie par cœur, wie ganz viele andere, die sie mochte. Gedichte geben Halt, und Verse haben uns durch die finstersten Momente getragen, als wir uns alle nur noch an Wörtern festhalten konnten.“

(S.134)

Arendt war ihr Leben lang eine fleißige Briefeschreiberin – eine Kunst, die mittlerweile mehr und mehr verloren geht. Für sie waren diese Briefe die Verbindungsfäden zu anderen Menschen, Kommunikations- und Ausdrucksmittel – die Sprache und das Wort waren ihr Handwerkszeug.

„Was wäre das Denken ohne die Briefe an Freunde?“

(S.221)

Dem Buch in einer kurzen Rezension gerecht zu werden, ist schwierig, denn es erzählt auf über 550 Seiten viel über Arendt’s Leben, ihre Flucht nach Amerika, aber auch über ihr Wesen, ihre Veröffentlichungen und über ihre Beziehung zu anderen Menschen. Unmöglich, diese Fülle an Themen und Facetten in einer kurzen Buchbesprechung zufriedenstellend zu behandeln.

Keller’s Roman ist vielschichtig und kann aus vielerlei Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten gelesen werden. Jede Leserin und jeder Leser wird sich von diesem Werk auf eine andere Art angesprochen fühlen. Für mich waren die Kapitel in Tegna, diese lichtdurchfluteten, sommerlich-leichten, warmherzigen und versöhnlichen Abschnitte des Buches die, welche mich ganz besonders berührt haben. Mich faszinierte die private, urlaubende und lebensweise Hannah Arendt, die entspannt in ihren Büchern liest, Briefe an Freunde schreibt und sich offen und wach in Gespräche mit anderen Menschen stürzt. Das Bild der Frau, die sich ihre Neugier bewahrt hat und stets empfänglich ist für bereichernde Begegnungen und Freundschaften – sei es ein Mitreisender im Zug, der behandelnde Kardiologe oder die junge Hotelangestellte, die sie in ihrem Auto mit auf eine Spritztour nimmt.

„Weißt du, im Alter lebt man immer weniger in der Möglichkeitsform, und wenn sich irgendwo das Zipfelchen einer neuen Freundschaft zeigt, ist’s umso schöner.“

(S.324)

„Was wir scheinen“ ist ein reiches und bereicherndes, intelligentes und inspirierendes Buch – ein tiefgehendes Leseerlebnis in einer schönen, melodiösen Sprache, für das man sich Zeit und Muße nehmen sollte, um sich ganz darauf einzulassen und es genießen zu können.

Hildegard E. Keller hat ein zärtliches, inniges Buch über eine große Persönlichkeit verfasst, welches die private Seite Hannah Arendt’s abseits des Rampenlichts beleuchtet und durchscheinen lässt. Ein Innehalten kurz vor dem Tod – der als Totenvogel bekannte Kiebitz bzw. Kiwitt ruft bereits nach ihr – letzte, unbeschwerte Urlaubstage im Tessin und ein Rückblick auf ein erfülltes Leben, Erinnerungen an Wegbegleiter, geliebte Menschen und Freundschaften. Ein wunderbarer, unvergesslicher Roman über die Macht der Poesie, über die Freiheit des Denkens und die Freundschaft.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Birgit Böllinger, Bücheratlas, Schiefgelesen, Bingereader und Bookster HRO.

Buchinformation:
Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Was wir scheinen“:

Für den Gaumen:
Die Lektüre ist reich an kulinarischen Anregungen: angefangen bei Hannah Arendt’s geliebtem Thymianhonig auf dem Frühstücksbrot bietet die Tessiner Küche Polenta mit Steinpilzen, Penne al Gorgonzola oder auch eine traditionelle Kastanientorte. Viele Gerichte, die ich ebenfalls gerne essen würde und die mich in Urlaubsstimmung versetzen.

Zum Weiterschauen:
Ich habe vor kurzem Margarethe von Trotta’s Film „Hannah Arendt“ aus dem Jahr 2012 gesehen und dies hat mir unter anderem bei der Einordnung einiger Personen im Roman durchaus geholfen. Ein sehenswerter Film, den ich zum Einstieg auch Personen empfehlen kann, die sich bisher vielleicht noch nicht näher mit Hannah Arendt beschäftigt haben.

Zum Weiterlesen (I):
In meinem Bücherregal steht Alois Prinz’ „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ – eine gut lesbare Biographie, die ich vor einiger Zeit gelesen habe und die mir einen guten ersten Einblick in die Lebensgeschichte von Hannah Arendt gegeben hat.

Alois Prinz, Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35872-5

Zum Weiterlesen (II):

„Mit Maigret ins Bett, mit den Rotkehlchen gefrühstückt, du siehst, ich bin in bester Gesellschaft.“

(S.508)

Im Roman wird Hannah Arendt als begeisterte Leserin von Georges Simenon’s Maigret-Romanen dargestellt. Von Zeit zu Zeit habe auch ich Freude daran, in das Universum des unsterblichen, pfeiferauchenden französischen Commissaire’s abzutauchen. Maigret’s erster Fall ist „Maigret und Pietr der Lette“ – wer also chronologisch in die 75-bändige Krimireihe einsteigen möchte – kann mit diesem Teil beginnen:

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette
Deutsch von: Susanne Röckel
Kampa
ISBN: 978-3-311-13001-7

Theater im Café

Mit diesem Beitrag möchte ich mich zum ersten Mal an der Indiebookchallenge beteiligen, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Mai 2021 unter dem Motto „lies ein Buch mit einem Gemälde auf dem Umschlag“ steht. Und nachdem Cora Sandel’s „Café Krane“ aus dem Urachhaus Verlag ohnehin schon eine Weile bei mir im Regal schlummerte, war dies jetzt der perfekte Zeitpunkt, um diesen norwegischen Roman aus dem Jahr 1945 endlich zu lesen und hier vorzustellen.

Das Cover ziert ein Werk des Norwegers Edvard Munch – ein ausdrucksstarkes Frauenportrait – und auch Cora Sandel hat in ihrem Roman eine Frau in den Mittelpunkt der Handlung gestellt: die alleinerziehende Mutter und Schneiderin Katinka Stordal. Der Roman spielt in den 20er Jahren in einer nordnorwegischen Stadt – vermutlich in Tromsø.

„Es gibt wohl kaum jemanden, der das Café Krane nicht kennt. Seit dem Umbau wird es von allen besucht, sowohl von den besseren Herrschaften als auch vom einfacheren Publikum. Und das ist ja nur erfreulich, Hauptsache, es sind anständige Leute.“

(S.12/13)

Der Schauplatz des Romans ist das Café Krane – hier sitzt Katinka Stordal am helllichten Tag und trinkt Wein – Portwein, um genau zu sein. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf sie, denn sie hat zahlreiche Nähaufträge für Damenkleider, die eigentlich abzuarbeiten wären. Aber sie kann sich nicht aufraffen zu gehen. Die Inhaberin des Kaffeehauses, das Servicepersonal und die anderen Gäste versuchen, sie an ihre Pflichten zu erinnern und zum Heimgehen zu motivieren – ohne Erfolg.

Und als dann auch noch der zwielichtige Hilfsarbeiter und Außenseiter Svenne auftaucht, sich auf Katinka’s Seite stellt und befeuert von einem steigenden Alkoholpegel immer heftiger mit ihr zu flirten beginnt – ist der Skandal nicht mehr aufzuhalten.
Gemäß dem Motto „In vino veritas“ schüttet sie dem Unbekannten ihr Herz aus, berichtet von ihrer Belastung, was es bedeutet, für ihre Kinder sorgen zu müssen und sich ihren Lebensunterhalt als Schneiderin mit Aufträgen verdienen zu müssen, die sie in ihrer Berufsehre kränken. Kleider für Damen, die nicht wissen, was sie tragen können und was nicht – die Arbeit ist ihr unerträglich geworden. Der Rest der Cafébesucher hört unfreiwillig und beschämt mit – ein in ihren Augen unvorstellbares, vollkommen inakzeptables Verhalten, sich als Frau in aller Öffentlichkeit so gehen zu lassen. Plötzlich tauchen dann auch noch der Ex-Mann und die Kinder im Lokal auf und das Chaos scheint perfekt…

„Ich unterstütze alle, die finden, der Klubraum soll so bleiben, wie er ist! Wisst ihr noch, als wir klein waren, fanden wir es dort drin immer besonders aufregend! Denn bei Kranes war es tatsächlich immer ein bisschen spannend. Unsere Mütter kamen nie zum Kaffeetrinken her, nur den Kuchen haben sie hier geholt. Und wie groß die Napoleonschnitten damals waren!“

(S.67)

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass dieses Werk bereits früh für die Bühne adaptiert wurde, denn aufgrund der großen Bedeutung der Dialoge und der kammerspielartigen Räumlichkeiten, die sich auf den Hauptraum des Café’s und das Nebenzimmer bzw. den sogenannten dunkel getäfelten Klubraum beschränken, ist es geradezu prädestiniert, auf eine Theaterbühne gebracht zu werden.

Man sieht förmlich die Irrungen, Wirrungen, die Schiebetür in Bewegung und wie das Personal und die Wirtin verzweifelt versuchen, die neuen Gäste vom Klubraum fernzuhalten – ein Kommen und Gehen, Auftritte und Abgänge. Der Skandal, der sich immer mehr aufbauscht und das Zuspitzen der Situation: das ist großes Drama und wie geschaffen für die Bretter, die die Welt bedeuten.

Neben allem oberflächlichen Wirtshausgeplauder und gehässigem Kaffeeklatsch birgt der Roman aber auch tiefgründige Themen und entwirft ein Bild der norwegischen Kleinstadt in den Zwanziger Jahren. Sandel behandelt Themen wie Armut, Isolation, Alkoholismus, die physischen und psychischen Belastungen alleinerziehender Mütter und auch das Thema Emanzipation. Vieles davon ist auch heute immer noch aktuell und nachvollziehbar. Vielleicht würde man Katinka’s Verhalten heute als „Burn Out“ bezeichnen, ihr Verharren im Café als Flucht vor dem Alltag und der Überforderung.

Auf 220 Seiten hat die Autorin auch die Kleingeistigkeit und die Engstirnigkeit der Menschen in dieser norwegischen Kleinstadt eingefangen, die sich über Katinka im wahrsten Sinne des Wortes das Maul zerreißen und einen Skandal herbeireden, der gar keiner sein müsste. Der Kosmos Kaffeehaus bietet in konzentrierter Form die Bühne für die Probleme der Zeit und so trifft der ungewöhnliche Untertitel „Interieur mit Figuren“ perfekt den Charakter dieser literarischen Perle.
Schön, dass dieses in Norwegen sehr bekannte Werk seit 2019 durch die Übersetzung jetzt auch deutschen Lesern zugänglich gemacht wurde.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Cora Sandel, Café Krane
Aus dem Norwegischen von Birgitta Kicherer
Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5213-0

Im Juni 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben »A« im Titel“ – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht ist ja auch für Euch etwas dabei.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Cora Sandel’s „Café Krane“:

Für den Gaumen:
Die unumstrittene Kuchenspezialität des Café Krane sind Napoleonschnitten – ein Blätterteigkuchen mit einer Vanillecremefüllung, den ich bisher noch nirgends bekommen habe und somit noch nicht probieren konnte.

Zum Weiterhören:
Auch im Café Krane steht bereits ein Radiogerät – beim Suchen nach dem passenden Sender ertönt auf einmal „Chant Hindou“ von Nikolai Andrejeweitsch Rimski-Korsakow aus der Oper Sadko (1898) als Version für Violine.

Zum Weiterschauen:
Das Gemälde auf dem Umschlag stammt vom weltberühmten, norwegischen Maler Edvard Munch und trägt den Namen Birgit Prestøe, Porträt Studie (1924-25, Öl auf Holz) und es ist im Munchmuseet in Oslo beheimatet – hier ist das Bild auf der Homepage des Museums zu bewundern.

Zum Weiterlesen:
Einen weiteren schönen Vorschlag zur Indiebookchallenge im Mai 21 mit dem Thema #Gemäldecover hat der Kröner Verlag. Auf dem Blog von Birgit Böllinger kann man in einem Interview mit der Autorin Daniela Engist erfahren, warum sie sich beim Umschlag ihres Romans „Lichte Horizonte“ für das Bild „Couple on the Beach“ des kanadischen Malers Alex Colville entschieden hat.
Diesen wunderbaren und sehr lesenswerten Roman habe ich ebenfalls schon auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension.)

Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-75001-3

Dorf im Aufruhr

Schon das Cover des Romans macht einem klar, worum es in Christoph Peters’ „Dorfroman“ gehen wird: da steht ein Kernkraftwerk auf der grünen Wiese – der schnelle Brüter in Kalkar, der nie in Betrieb ging. Doch in diesem Roman steckt noch so viel mehr als nur die Geschichte der Anti-Atomkraft-Proteste am Niederrhein. Es ist auch ein Buch übers Rebellieren und Erwachsenwerden, über das Verhältnis zu den Eltern, über Entwurzelung und die Veränderungen einer Dorfgemeinschaft, sowie der deutschen Gesellschaft in den Siebziger und Achtziger Jahren.

„Natürlich habe ich zu wenig gefragt und zu wenig zugehört. Jahrzehntelang wollte ich meiner Mutter, meinem Vater in erster Linie erklären, wer ich selber war, weil ich sie und ihre Vorstellungen von der Welt ja kannte, wohingegen ich dachte, dass meine eigenen Überlegungen und Entschlüsse für sie mindestens ebenso interessant und überraschend sein müssten wie für mich. Auch jetzt, wo es fast zu spät ist, frage ich nur selten, obwohl ich es mir oft vornehme (…)“

(S.95)

Nach vielen Jahren besucht der Sohn, der seine niederrheinische Heimat vor langer Zeit in Richtung Berlin verlassen hat, seine Eltern im kleinen Dorf Hülkendonck. Er erinnert sich an die Zeit in den Siebziger Jahren, als plötzlich der geplante Bau des schnellen Brüters in unmittelbarer Nachbarschaft nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Eltern und der ganzen Dorfgemeinschaft überschattete und komplett auf den Kopf stellte.

Mit 15 Jahren ist er kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen – er fängt und sammelt Schmetterlinge, ist ein großer Fan von „Lassie“ und den Tiersendungen von Heinz Sielmann und doch wird auch das andere Geschlecht zunehmend interessant. Das Leben im Dorf ist geprägt von Landwirtschaft, dem sonntäglichen Kirchenbesuch und überschaubaren Freizeitmöglichkeiten für die Jugend.

Als plötzlich die Diskussionen um den Kraftwerksbau das ganze Dorf spalten – der Vater sitzt im Kirchenvorstand, befürwortet den Verkauf der Kirchengrundstücke an die Betreibergesellschaft und wird zur Zielscheibe zahlreicher Anfeindungen – lernt der Junge auch die Bewohner des Protestcamps und die andere Seite kennen. Diese völlig andere Welt und Weltanschauung fasziniert ihn. Im Lager trifft er auf die Aktivistin Juliane, die einige Jahre älter ist als er und in die er sich rettungslos verliebt.

„Wenn mein Vater wollte, dass ich ihm bei seinen Heimwerkerprojekten half, versuchte ich immer, mich zu drücken, aber das hier war etwas anderes. Es ging nicht darum eine Bar in Eiche rustikal in unserem Keller einzubauen oder die Wohnzimmer mit Holzdecken zu verdüstern, sondern um die Rettung der Welt: alternative Energien, Selbstversorgung, Barrikaden. Und um eine Frau.“

(S.183)

Christoph Peters hat einen tiefgründigen Roman geschrieben, der mich aufgrund der intensiven Schilderung der damaligen Gesellschaft und der zeitgeschichtlichen Hintergründe der Siebziger Jahre wirklich gefesselt hat. Man spürt den Aufruhr im Dorf und versteht die Animositäten zwischen den Nachbarn, den Atomkraft-Gegnern und Befürwortern, die Rebellion der Jugend gegen die Eltern und den alternativen Lebensentwurf der Bewohner des Protestlagers. Sehr glaubwürdig und einfühlsam beschreibt er auch die innere Zerrissenheit des Heranwachsenden, der sich in vielerlei Beziehung zwischen den Welten fühlt – nicht mehr Kind und doch auch nicht erwachsen – schwankend zwischen der tiefen Liebe zu seinen Eltern und dem Glauben daran, dass diese und die Kirchengemeinde stets das Richtige tun, und der jungen, noch frischen, aufregenden Liebe zu Juliane und deren kritischer Ansicht zur Kernkraft.

Sprachlich passt sich Peters einer gewissen jugendlichen Naivität des jungen Erzählers an, was bis auf sehr wenige Stellen, die mir persönlich für einen 15-Jährigen vielleicht doch etwas zu kindlich wirkten und mich daher kurz stutzen ließen, wirklich sehr gut funktioniert. Der Roman liest sich daher sehr flüssig und stimmig und es gibt viele wunderbar formulierte Stellen, die mich sehr unmittelbar berührt und bewegt haben. Gerade die Gefühlswelt des Jungen und auch der reflektierte Rückblick des mittlerweile erwachsenen Sohnes, der die inzwischen alt gewordenen Eltern nach langer Zeit wieder besucht, ist von Peters mit feinem Auge und sicherem Gespür großartig eingefangen worden. So lässt er in kleinen Szenen große Emotionen entstehen, die unter die Haut gehen.

„Die meisten Erwachsenen glauben, wir Kinder würden in einer Art Phantasieland leben, das mit der wirklichen Welt nichts zu tun hat, obwohl sie doch selbst einmal Kinder gewesen sind und es eigentlich besser wissen müssten.“

(S.249)

Peters hat zahlreiche gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen in seinem „Dorfroman“ eingefangen: die abnehmende Bedeutung der katholischen Kirche und auch des dörflichen Gemeinschaftslebens, den Wegzug der jungen Generation aus den Dörfern in die Städte, die Mobilität und Entwurzelung, die zunehmenden Möglichkeiten der Lebensgestaltung, die auch ein höheres Maß an Entscheidungen erfordern, das lange Nachwirken der Zeit des Nationalsozialismus weit in die Siebziger hinein, die Anti-Atomkraft-Bewegung – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen und es lässt sich vieles auf den gut 400 Seiten entdecken, über das es sich nachzudenken lohnt.

Ein vielschichtiges, emotionales und interessantes Buch, das viele Facetten zu bieten hat und das daher wohl von jedem Leser mit anderen Schwerpunkten und Akzenten gelesen wird und sicherlich unterschiedliche – aber bestimmt nachhaltige – Eindrücke hinterlässt.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich unter anderem bei Birgit Böllinger, Literaturreich und Letteratura.

Buchinformation:
Christoph Peters, Dorfroman
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87596-5

© Luchterhand Verlag (Penguin Randomhouse)

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dorfroman“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch war die Verpflegung im „Dorfroman“ eher pragmatisch-bodenständig, so gibt es unter anderem „Serbische Bohnensuppe aus der Dose mit Bockwürstchen und Toast“. Klingt für mich nicht sehr verlockend – bei Dosensuppe bin ich – ehrlich gestanden – raus.

Zum Weiterschauen:
In Bayern ist die Anti-Atomkraft-Bewegung untrennbar mit dem Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf verbunden. Der Film „Wackersdorf“ aus dem Jahr 2018 gibt einen interessanten, gut gemachten Einblick in die Geschehnisse in der Oberfalz der 80er Jahre, als der Landrat Hans Schuierer zunehmend Zweifel an der Harmlosigkeit der geplanten Anlage bekommt, Nachforschungen anstellt und sich schließlich auf die Seite der WAA-Gegner stellt.

Zum Weiterlesen:
Der Großvater versucht im Roman, seinen Enkel für Goethe’s „Wahlverwandtschaften“ zu begeistern, muss aber schnell feststellen, dass er bei ihm gegen Heinz Sielmann’s „Ins Reich der Drachen und Zaubervögel“ nicht ankommt. Zu letzterem Werk kann ich nichts sagen, aber die „Wahlverwandtschaften“ habe ich vor vielen Jahren gerne gelesen – allerdings war ich da auch schon ein wenig älter als der Junge im Roman.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften
insel Taschenbuch 4522
ISBN: 978-3-458-36222-7

Jazz, Liebe und Quarantäne

Ein Höhepunkt dieses Bücherfrühjahrs war für mich persönlich zweifelsohne der neue Roman „Monschau“ von Steffen Kopetzky. Grund dafür war nicht die Aktualität der Thematik um eine hochinfektiöse Krankheit, sondern vielmehr seine virtuose Art und Weise, den Zeitgeist der frühen Sechziger Jahre lebendig werden zu lassen und die wunderbare, zarte Liebesgeschichte, die er feinsinnig erzählt ohne kitschig zu sein.

„Sie waren da. Etwas anderes auch. War schon in den Lüften. Hatte sich blind einem kleinen Hauch anvertraut, (…)“

(S.9/10)

1962 – es ist die Zeit von Adenauer und Kennedy, des Wirtschaftswunders, kurz nach dem Mauerbau und das Jahr, in dem „Die Physiker“ von Dürrenmatt uraufgeführt werden. Hamburg erlebt durch das Sturmtief Vincinette eine katastrophale Sturmflut und in Monschau – einem kleinen Industrieort in der Eifel – brechen die Pocken aus. Ein Mitarbeiter der Rither-Werke hat den Virus von einer Dienstreise aus Indien eingeschleppt. Als die ersten Menschen erkranken, beginnen die Maßnahmen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen und die Bewohner zu schützen. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt Steffen Kopetzky in seinem Roman über diese Zeit des Ausnahmezustands.

Vera – die junge Firmenerbin der Rither-Werke – ist gerade von einem Studienaufenthalt aus Paris in die Eifel zurückgekehrt und wird Zeugin, wie die Krankheit den Alltag und das Leben im Ort und in der Fabrik auf den Kopf stellt. Der Geschäftsführer möchte den florierenden Betrieb – Deutschlands Ökonomie erlebt gerade den enormen Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre – keinesfalls schließen und handelt heraus, dass sich ein Betriebsarzt um die Betreuung der Mitarbeiter und Bewohner des Ortes kümmern soll, um den Laden am Laufen zu halten. So kommt – gemeinsam mit dem renommierten Arzt und Pockenexperten Stüttgen – der junge, ungebundene griechische Medizinstudent Nikolaos nach Monschau und nimmt den Kampf mit dem gefährlichen Virus auf, der in Deutschland eigentlich schon als besiegt galt. Im zu medizinischen Zwecken umfunktionierten Stahlkocher-Schutzanzug besucht er die Verdachtsfälle und Patienten, impft, verhängt die notwendigen Quarantänemaßnahmen und übernimmt die Aufgabe des Betriebsarztes. Einquartiert wird er im Obergeschoss der geräumigen Villa der Fabrikeigentümer und schon bald vernimmt er im Haus die Musik, die ihn so fasziniert: Jazz.

„Nein, Vera und er, solche wie sie, die Generation, die während der Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit Murmeln gespielt, als Kinder in den Luftschutzbunkern geschlafen hatte – und manche von ihnen hatten die Hölle der Lager aller Art kennengelernt -, sie wollten ein neues Europa. Und sie wollten guten amerikanischen Jazz.“

(S.163)

Schon bald kommen sich Vera und Nikolaos in dieser seltsamen Zeit und Ausnahmesituation näher. Sie verbringen die Abende zusammen, essen, diskutieren und hören Musik. In Zeiten der Verunsicherung durch die bedrohliche Krankheit und der Einsamkeit suchen sie die Nähe des Anderen, sie teilen die Leidenschaft für amerikanischen Jazz und verlieben sich. Und doch sind die beiden auch unterschiedlich: Nikolaos, der starke Grieche, mit den breiten Schultern eines Schwimmers, der in Griechenland in einfachen und ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und sein berufliches Glück nun in Deutschland sucht und die körperlich zerbrechliche Vera – durch eine Polio-Erkrankung in der Kindheit humpelt sie ein wenig – als selbstbewusste Studentin und reiche Firmenerbin, die das wirtschaftliche Erbe und die damit verbundenen Verpflichtungen am liebsten gar nicht antreten möchte.

Die Pocken breiten sich aus, fordern Opfer, der Fasching muss ausfallen, Quarantänemaßnahmen müssen eingehalten werden, die Presse stürzt sich auf das Thema und entfacht einen Medienrummel in dem kleinen Ort. Wirtschaftliche, politische und medizinische Interessen kollidieren – vieles kommt einem sehr bekannt vor.

„Wann würden sie endlich dieses endlose Gebirge verlassen können, in dem ein Tal auf das nächste folgte und eine Schwierigkeit der anderen, ohne dass man jemals den erlösenden Berggipfel erreichte? Wann würde der volle Mond über dem Venn stehen? Wann würde es endlich Frühling werden?“

(S.331)

In einigen Szenen und Absätzen spricht Kopetzky natürlich auch den pandemiemüden Menschen des Heute aus der Seele und trifft Gedanken, die aktuell jeder wohl von Zeit zu Zeit mit sich herumträgt, auf den Punkt.
In Summe habe ich „Monschau“ jedoch nicht als „Pandemieroman“, sondern vielmehr als berührenden und wunderschönen Liebesroman mit viel zeitlichem Hintergrund und Wirtschaftswunder-Flair des Jahres 1962 gelesen. Mich fasziniert, wie stimmig und intensiv Kopetzky den damaligen Zeitgeist für den Leser eingefangen hat und spürbar werden lässt. Das ist genial gemacht, gleichzeitig wirklich unterhaltsam und in einer herrlich flüssigen Sprache geschrieben. Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Schon heute bin ich mir sicher, dass es in diesem Lesejahr zu meinen Lieblingsbüchern zählen wird.
Ganz großes, literarisches Kino – der Roman schreit geradezu nach einer Verfilmung für Kino oder Fernsehen. Ich hoffe nur, dass diese dann auch gut gemacht sein wird – eine Lektüre sollte und wird diese jedoch keinesfalls ersetzen können.

Eine weitere Besprechung des Romans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Monschau“:

Für den Gaumen:
Was war 1962 kulinarisch angesagt? Vera bewirtet ihren Liebsten mit „Lachsnudeln mit Cognac“ und „Armen Rittern“. Ich kann mich nicht erinnern, das in dieser Kombination schon einmal gegessen zu haben, aber 1962 war auch vor meiner Zeit.

Zum Weiterhören:
Eine wichtige Rolle in „Monschau“ spielt der Jazz von Miles Davis und die Platten, welche Vera aus Paris mit in die Eifel gebracht hat. Es ist die Liebe zu dieser Musik, welche die beiden Liebenden verbindet und zueinander führt. Sein bekanntestes Album wird wohl „Kind of Blue“ aus dem Jahr 1959 sein.

Zum Weiterschauen:
Im Januar 1962 flimmerte der Straßenfeger „Das Halstuch“ von Francis Durbridge über die deutschen Fernsehschirme. Ein Sechsteiler, der damals das ganze Land in Atem hielt (unter anderem mit Heinz Drache und Horst Tappert), den ich aber bisher nie gesehen habe. Vielleicht lässt sich diese schwarz-weiße Bildungslücke der deutschen Fernsehgeschichte ja irgendwann einmal noch schließen.

Zum Weiterlesen:
Den Literaturnobelpreis in eben jenem Jahr 1962 erhielt John Steinbeck. Das Werk, welches mir bisher von ihm am häufigsten begegnet ist – in der Schule, als Film (mit John Malkovich) und auch im Theater – war „Von Mäusen und Menschen“, das jedoch bereits 1937 erschienen ist. Die Übersetzerin Mirjam Pressler (vor kurzem habe ich ihr letztes Buch „Dunkles Gold“ vorgestellt) hat im Jahr 2002 eine Neuübersetzung des Werks verfasst, welche auch der aktuellen dtv-Ausgabe zugrunde liegt.

John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
dtv
ISBN: 978-3-423-14211-3

Songschreiber im Glück

Timon Karl Kaleyta, der bisher vorwiegend als Musiker, Songschreiber, Kolumnist und Drehbuchautor arbeitete, hat mit „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ jetzt seinen Debütroman vorgelegt. Er erzählt satirisch-bissig von einem jungen Mann, der sich selbst, seinen Platz und seine Aufgabe im Leben sucht – eine moderne Fassung des „Hans im Glück“ über einen, der sich durchs Leben laviert und versucht, den sozialen Aufstieg über Klassenschranken hinweg zu realisieren.

„Daheim mangelte es mir an nichts, nie litt ich Hunger oder anderes Leid, nie erfuhr ich auch nur irgendein erwähnenswertes Unrecht. Nein, jeder Tag kam im Grunde einer Verbesserung und nochmaligen Verbesserung des Vortages gleich, und hätte ich wählen müssen, kein Schicksal der Welt wäre mir lieber gewesen als mein eigenes.“

(S.12)

Der Ich-Erzähler, der zu Beginn des Romans die Oberstufe eines Gymnasiums einer Ruhrgebietsvorstadt besucht, ist behütet aufgewachsen. Das Leben meint es gut mit ihm, seine Eltern – beide Fabrikarbeiter – sind stolz auf ihren begabten Sohn und die Möglichkeiten, welche ihm offen stehen. Für ihn könnte am besten alles immer so weitergehen, doch im Jahr 1998 erleidet er seine erste kleine Niederlage und seine Weltanschauung wird in den Grundfesten erschüttert: Helmut Kohl verliert die Bundestagswahl und Gerhard Schröder zieht ins Kanzleramt ein. Da half leider auch der Ansteckbutton „Ich bin für Kohl!“ auf seinem Federmäppchen nichts.

Bei der Abiturfeier wünscht sich ein Lehrer, dass er irgendwann von ihm in der Zeitung lesen wird. Doch nach und nach merkt er, dass er noch keinerlei Plan für seine Zukunft hat. Eine Ausbildung machen? Nein, das kommt nicht in Frage. Studieren? Schon eher. Aber was? Unbedarft stolpert er an die Universität und muss ernüchternd feststellen, dass sein Notendurchschnitt für ein Medizinstudium und den gesellschaftlich prestigeträchtigen Beruf des Arztes nicht reicht. Also doch Geisteswissenschaften?

„Nun, da ich verstanden hatte, wie es im Leben lief, vor allem aber, weil ich unter keinen Umständen schon jetzt anfangen wollte, richtig zu arbeiten, war klar, dass mein weiterer Weg mich an die Universität führen würde.“

(S.46)

Die Geduld der Eltern wird über die Jahre auf eine harte Probe gestellt, denn ihr Sohn laviert sich weiterhin weitestgehend ziel- und mittellos durchs Leben und sie hätten sich das Leben ihres Sohnes doch anders vorgestellt – bodenständiger, geradliniger, zielstrebiger.
Und auch wenn ihm das Glück zwar zunächst immer wieder gewogen zu sein scheint, erleidet er doch auch immer wieder finanzielle und private Niederlagen.

Durch Zufall landet er neben seiner Universitätslaufbahn auch als Songschreiber und Sänger einer Band im Musikgeschäft – hochfliegende Träume, rauschhafte Konzerte, überzogene Hoffnungen und große Erwartungen stellen sich ein. Angetrieben von der Motivation, finanziell, wirtschaftlich und gesellschaftlich aufzusteigen und sich nicht in einen festgelegten, vorgegebenen Lebenslauf zu fügen, mogelt er sich weiter durchs Leben. Sein Professor rät ihm dazu, sich lieber eine reiche Frau zu suchen und dann läuft ihm doch tatsächlich eine erfolgreiche Zahnärztin über den Weg. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall…

Der Roman und die Stimmung des Ich-Erzählers schwankt stets zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Siege und Niederlagen wechseln sich ab und Impulse zu Veränderungen kommen tendenziell immer zufällig von außen – was unweigerlich an die Geschichte des naiven, unbedarften „Hans im Glück“ aus dem Märchen erinnert.

Die Beschreibung des Zeitgeists der späten Neunziger und frühen 2000er Jahre ist in meinen Augen die Stärke des Romans und die Charakterisierung einer Generation, die aus sicheren, wohlbehüteten und sorgenfreien Verhältnissen heraus nicht so recht weiß, was sie mit dem Leben anfangen soll, ist ebenfalls gut getroffen.

Das Buch liest sich frech, flüssig und schnell. Der letzte Funke wollte bei mir jedoch leider nicht so richtig überspringen, da es mir persönlich nicht immer gelungen ist, die satirisch-zynischen Überzeichnungen und die zunehmend unsympathisch-egozentrischen Züge der Hauptfigur auch immer wieder als solche einzuordnen und mir diese als stilistisch gewollt bewusst zu machen. Die Hauptfigur und seine „Lebenswirklichkeit“ war somit letztlich für mich schwer nachvollziehbar, bot für mich zu wenig Identifikationspotenzial und so blieb ich als Leser auf Distanz.

Ein Buch über einen Lebenskünstler und Schelm, der es faustdick hinter den Ohren hat, der gegen Klassenunterschiede rebelliert und dem das Glück zunächst zuzufliegen scheint, das ihn in ungeahnte Höhen katapultiert, um ihn dann um so tiefer fallen zu lassen. Ein Märchen unserer Zeit?

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Timon Karl Kaleyta, Die Geschichte eines einfachen Mannes
Piper
ISBN: 978-3-492-07046-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Geschichte eines einfachen Mannes“:

Für den Gaumen:
Die Kulinarik spielt im Roman keine herausragende Rolle, aber an einer Stelle gibt es einen gut gekühlten, österreichischen Grauburgunder – das passt ja auch gut zu den hoffentlich bald nahenden sommerlicheren Temperaturen.

Zum Weiterschauen:
Eine kleine Zeitreise gefällig? Der Roman beginnt im Jahr 1998 – schaut man sich die Oscar-Prämierungen dieses Jahres an, war zweifelsohne „Titanic“ mit 11 Oscars der große Abräumer – persönlich konnte ich aber damals mit den Filmen „Ganz oder gar nicht“ (Beste Filmmusik) und „Besser geht’s nicht“ (Beste Hauptdarstellerin Helen Hunt und bester Hauptdarsteller Jack Nicholson) mehr anfangen.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich stellenweise an Florian Illies’ „Generation Golf“ denken – auch wenn es zeitlich nicht exakt die Generation des Romanhelden trifft – das ich persönlich, als ich es vor vielen Jahren gelesen habe, in der Schilderung des Zeitgeists der 80er und 90er Jahre wirklich sehr treffend fand und mit großem Amüsement gelesen habe.

Florian Illies, Generation Golf
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-15065-6

Schwebende Schwere

Britta Röder hat mit ihrem dritten Roman „Das Gewicht aller Dinge“ ein Buch geschrieben, das berührt, ein Loblied auf Mitmenschlichkeit und Liebe singt und dem Leser während der Lektüre einige Rätsel aufgibt, die es zu entschlüsseln gilt.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag – ein Paar verbringt einen wunderbaren, geradezu perfekten Urlaubstag in Siena und dem toskanischen Umland und kommt auf der nächtlichen Rückfahrt ins Hotel von der Straße ab. Der Aufprall endet für die Fahrerin des Wagens tödlich, während der Beifahrer nahezu unverletzt überlebt. Rolf wird sich lange nicht von diesem tragischen Schicksalsschlag und dem Verlust seiner Frau erholen.

Szenenwechsel – in Frankfurt erwacht eine junge Frau barfuß nur in ein leichtes Kleid gehüllt morgens auf einer Parkbank. Sie weiß nicht, wie sie heißt, woher sie kommt und wie sie auf diese Bank gekommen ist. Hat sie ihr Gedächtnis verloren?

Schon bald bekommt sie Hilfe angeboten, ein Dach über dem Kopf, etwas anzuziehen, zu essen und auch schnell einen Job in einer Putzkolonne vermittelt.

„Ihr Selbstmitleid verwandelte sich in Mitleid für das fremde Mädchen. Plötzlich war da ein Sinn, nach dem sie greifen konnte.“

(S.17)

Denn irgendwas sehen die Mitmenschen, die ihr begegnen in ihr, sie berührt sie tief im Inneren, sie erinnert sie an Familienmitglieder, Freunde, Bekannte. Sie ist eine gute Zuhörerin und selbst verschlossene Charaktere beginnen, sich ihr gegenüber zu öffnen, sie vertrauen ihr und schütten der mysteriösen Unbekannten ihr Herz aus. Doch es bleiben auch immer gewisse Zweifel. Wer ist diese Frau ohne Vergangenheit und ohne Erinnerungen? Und warum ist sie ein solches Sprachentalent? Sie spricht so viele Sprachen fließend, dass es schon fast unheimlich wird.

Dennoch holt sie so manchen aus seinem Schneckenhaus und erfährt von den teils tragischen Lebensgeschichten der Menschen, die ihr begegnen. Da ist Charlotte, die alte Dame, bei der sie als Zugehfrau arbeitet und die jede Woche sehnsüchtig darauf wartet, ihr weiter von ihrer großen, geheimen Liebe während des Zweiten Weltkriegs zu erzählen. Sie befreundet sich mit Anne, einer jungen Frau, die ihr ebenfalls ihr Vertrauen schenkt und sie trifft auf Rolf, den intelligenten, tieftraurigen Mann, der seine große Liebe bei einem schrecklichen Autounfall verloren hat. Nach und nach weckt sie in ihm neuen Lebensmut.

„Jemandem etwas Gutes tun, tat gut. Obwohl ihm diese Erkenntnis nicht neu war, verblüffte sie ihn dennoch. Denn er hatte sie völlig vergessen.“

(S.46)

Der Auftakt des Buches ist schmerzhaft, tragisch und derart intensiv, dass man sofort tief getroffen ist. Mit einem Kloß im Hals liest man weiter und ist gespannt, was da jetzt kommen wird. Britta Röder hat eine verschlungene, sinnliche und äußerst gefühlvolle Geschichte erzählt, welche wahrlich große Themen wie Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, Vertrauen, aber auch Tod, Trauer und Verlust in den Mittelpunkt stellt. Große Gefühle auf engstem Raum, die oft auch Luft für Interpretation lassen – vieles steht zwischen den Zeilen und erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Um dem Buch den Zauber nicht zu nehmen, möchte ich daher inhaltlich auch nicht zu viel preisgeben. Die knapp 200 Seiten lesen sich schnell und haben etwas Schwebendes, manchmal schwer zu Greifendes und Rätselhaftes.

Bis zum wahrlich verblüffenden Ende – das natürlich nicht verraten wird – begleitet der Leser die junge Frau auf ihrem Weg in die Gesellschaft und auf der Suche nach sich selbst und ihrer Vergangenheit – eine Geschichte voller Fragen, auf die man gemeinsam mit ihr Antworten sucht.

Wer auf knallharte Daten, Fakten und Realismus steht und sich nicht gerne auf eine fantasievolle Erzählung einlässt, wird hier nicht glücklich werden, aber andere halten ein kleines Buch in Händen, das vor allem auch davon erzählt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Grössenwahn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Britta Röder, Das Gewicht aller Dinge
Grössenwahn Verlag
ISBN: 978-3-957712-87-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Gewicht aller Dinge“:

Für den Gaumen:
Gleich zu Beginn des Romans speist ein glückliches Paar in einer italienischen Trattoria in der Nähe von Siena. Es gibt Oliven, Käse und frisches Brot (…) verschiedene Pasta-Gerichte, Fleisch und Gebäck, bis ihre Sinne völlig erschöpft sind.“ (S.3) Na, wenn man da nicht sofort Appetit bekommt auf ein italienisches Schlemmerabendessen.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Opernbesuch:
Im Roman spielt ein Opernbesuch eine entscheidende Rolle, welcher der Geschichte eine neue Wendung gibt – auf dem Spielplan steht die wunderbare Oper „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird Joachim Ringelnatz zitiert (das Gedicht „Kniehang“, das mit der Zeile „Ich wollte, ich wär eine Fledermaus“ beginnt) – vielleicht eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal ein paar seiner Gedichte zu Gemüte zu führen.

Joachim Ringelnatz, Sämtliche Gedichte
Herausgegeben von Walter Pape
Diogenes
ISBN: 3257234678