Erfrischende Ostseebrise

Eine kleine Flucht aus dem Alltag, eine charmante Zeitreise und ein wenig Ostseeluft schnuppern: all das bietet Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“ aus dem Jahr 1909. Die Büchergilde Gutenberg hat in der Reihe „Büchergilde unterwegs“ nach „Das Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus Mann nun auch das unterhaltsame Werk der Urgroßmutter der beiden in einer optisch schönen Aufmachung neu aufgelegt.

Hedwig Dohm war die Großmutter von Katia Mann, Schriftstellerin und überzeugte Frauenrechtlerin – weitere ergänzende Details und biografische Informationen zur Autorin enthält dankenswerterweise auch das Nachwort von Heike Brandt. Als Dohm die „Sommerlieben“ schrieb war sie beinahe 80 Jahre alt und doch atmet dieses Werk neben Lebenserfahrung und Klugheit auch eine jugendliche Frische und Leichtigkeit, die beim Lesen ansteckend wirkt und den Leser sofort in Urlaubsstimmung versetzt.

Allein für solche Sätze wie den folgenden und diese herrliche Sprache lohnte sich für mich schon die Lektüre – (Achtung! Bitte auf der Zunge zergehen lassen):

„Nun weiß ich aus Erfahrung und Seelenkenntnis, daß, wenn der Mensch seinen Ärger zur Papier bringt, sich sofort auch die komisch-amüsanten Seiten der Ärgernisse präsentieren, wahrscheinlich aus einem Instinkt der menschlichen Natur heraus, der sich selbst aus dem Schierling des Missvergnügens noch ein Tröpfchen Honig herausdestilliert.“

(S.13)

Mit spitzer Feder und scharfzüngig formuliert und berichtet „Trautantchen“ Marie Luise in Form von Briefen an den werten Schwager – den die Schwester schmählicherweise treulos verlassen hat – über ihre Sommerfrische im Badeort Salentin auf Usedom, den sie dort mit den ihr anvertrauten Kindern – Nichte Hanna und Neffe Rudi – verbringt.

Die unverheiratete, „ältere Jungfer“ erzählt offen, direkt und schonungslos von der Ankunft im Quartier, das noch ihrer Nachbesserung und Aufmöbelung bedarf und karikiert gnadenlos und pointiert jeden in ihrem Umfeld: Gastgeber, Urlaubsgäste, Dienstpersonal und auch die Kinder – keiner entkommt ihrem Adlerauge und ihrer spitzen Zunge.

„Welch eine Temperamentsfülle! Ihre jubelnde Hingabe an alles, was Genuß verspricht, könnte ein halbes Dutzend Mysanthropen mit Optimismus versorgen.“

(S.48)

So erlebt man anhand ihrer plastischen und intensiven Beschreibungen auch hautnah mit, wie sie bei einer vergnügten Ruderparte plötzlich in ein Unwetter kommt, wie wenig Talent und Ehrgeiz ihr Dienstmädchen Alma für das Kochen und die Haushaltsführung im Allgemeinen aufbringt oder mit welchen Tricks sie das allzu strenge Kindermädchen Miß Jones abzulenken versucht, so dass der kleine Neffe Rudi ein wenig mehr Freiheiten bekommt. Kleine, stimmungsvolle Urlaubs- und Strandszenen, welche die Badekultur (inklusive der Bademode) der damaligen Zeit – gerade die Kaiserbäder an der Ostsee waren sehr en vogue – vor den Augen des Lesers wieder aufleben lassen.

Aber auch ein Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit und eine bemerkenswerte Studie über eine unverheiratete Frau, die sich trotz aller Selbstständigkeit und Unabhängigkeit doch auch hin und wieder nach einer erfüllenden Beziehung sehnt.
Die Anklänge und kritischen Untertöne der Frauenrechtlerin sind zwischen den Zeilen ebenso zu finden, wie die dunklen Wolken des aufziehenden Antisemitismus, welche sich bereits vor die Sonne schieben.

Doch der unterhaltsame, amüsante und stellenweise herrlich-bissige Tonfall der Autorin macht die „Sommerlieben“ dennoch zu einer in weiten Teilen locker-luftigen und im Grundton unbeschwerten Lektüre. Man spürt den Wind, sieht die Strandkörbe und die gestreiften Badeanzüge kurz nach der Jahrhundertwende, blickt auf die Wellen und genießt. Manches scheint sich in den letzten hundert Jahren nicht oder kaum verändert zu haben. Wer selbst schon einen Ostseeurlaub verbracht hat, weiß was unbefugte Strandkorbbesetzer, schnelle Wetterwechsel oder geschwätzige Miturlauber anrichten können – so findet sich auch der heutige Leser in vielen Szenen, Episoden, Anekdoten und Gedankengängen wieder oder vielleicht sogar ertappt.

Ein kleines, feines Buch, das so erfrischend ist, wie ein Bad in der Ostsee.
Wunderbar geeignet für einen Nachmittag im Strandkorb oder um vom heimischen Liegestuhl aus für eine Weile an diese herrliche Küste zu reisen. Wer also die Möglichkeit dazu hat, sollte es halten wie Tantchen Marie Luise:

„Täglich in der Morgenfrühe gehe ich ans Meer, um in meinem Strandkorb zu lesen, irgendein Buch, das Stille und Sammlung will.“

(S.55)

Doch nicht „irgendein Buch“: Die „Sommerlieben“ wären hierzu definitiv eine erstklassige Wahl.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Büchergilde Gutenberg, die mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite derBüchergilde.

Buchinformation:
Hedwig Dohm, Sommerlieben – Freiluftnovelle
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Julia Finkernagel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7285-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hedwig Dohm’s „Sommerlieben – Freiluftnovelle“:

Für den Gaumen (I):
Die Urlaubskost muss gesund sein und darf nicht so schwer im Magen liegen, deshalb wäre Obst eine hervorragende Wahl, allerdings beklagt Marie Luise, die stolzen Preise für Erdbeeren und ist froh, mit Trockenobst vorgesorgt zu haben:

„Ein Trost in der Not der Öbste ist die Kiste mit den getrockneten Aprikosen, Prünellen und Pflaumen“

(S.23)

Für den Gaumen (II):
Doch auch einem Gläschen Wermut scheint die Tante nicht abgeneigt zu sein:

„Also merke es Dir: Ich bin ein vergnügtes, jüngeres altes Mädchen. Die Vergnügtheit zuweilen gemischt mit etwas Wehmut. Ein Tröpfchen Wermut nicht ausgeschlossen. Das gehört sich für eine ältere Jungfer.“

(S.26)

Zum Weiterschauen:
Ein Zeitgenosse Hedwig Dohm’s, der ab 1909 ebenfalls regelmäßig nach Usedom reiste und das „Dorf Alt-Sallenthin“ (um 1912) auf seine ihm typische Art als Gemälde verewigte, ist der Künstler Lyonel Feininger. Auf der Website des Museum Folkwang kann man sich dieses Gemälde und eine kurze Erläuterung dazu ansehen.

Zum Weiterlesen:
Literarisch fällt mir zur Ostsee sofort auch Eduard von Keyserling’s Roman „Wellen“ aus dem Jahr 1911 – also nur zwei Jahre nach Hedwig Dohm’s „Sommerlieben“ erschienen – ein, den ich vor vielen Jahren gelesen habe:

Eduard von Keyerling, Wellen
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-34682-1

Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5